Herzklopfen in Nimmerland

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Eine zauberhafte Reise, 1

 

Kapitel 1

 

EIN KLEINES KNÄUEL mit strohblonden Haaren quietscht auf meinem Bett. „Angel! Angel, hör auf! Ich mach mir gleich in die Hose!“

Sofort höre ich auf, meine kleine Schwester zu kitzeln, setze mich auf die Bettkante und hebe den Zwerg auf meinen Schoß. „Wehe du machst ins Bett. Ich schwöre, wenn du das tust, reiße ich deinem Stoffhasen die Ohren aus!“ Natürlich würde ich das niemals wirklich tun, aber die Drohung wirkt jedes Mal.

In diesem Moment kommt das exakte Ebenbild der aufgekratzten Fünfjährigen, die gerade auf meinen Knien sitzt, ins Zimmer, nur trägt dieser kleine Quälgeist ein dunkelrosa Feenkostüm mit einem Paar Elfenflügel auf dem Rücken. Der Chiffon ist an ihrem Po arg zerknittert, und ich frage mich, ob sie die letzte halbe Stunde auf dem Fußboden gesessen und mit ihren Puppen Teeparty gespielt hat.

Sie wedelt mit ihrem glitzernden, rosa Zauberstab, an dessen Spitze ein leuchtender Stern befestigt ist, vor meinem Gesicht herum. „Warum kreischt Paulina, als ob das Barbiehaus schon wieder abbrennt?“

Das Barbiehaus ist natürlich nie abgebrannt. Na ja, zumindest nicht vollständig. Es hatte vor einigen Wochen Feuer gefangen, als wir an Heiligabend die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet hatten. Dad hatte schnell den erstbesten Fetzen – Mums Lieblingskaschmirdecke – über das hölzerne Spielzeughaus geworfen, um die Flammen zu ersticken. Das Barbiehaus war gerettet, nur der Westflügel musste renoviert werden. Danach hatten mich meine beiden Schwestern so lange genervt, bis ich endlich nachgab und die Wände des Barbiewohnzimmers pink strich, um die Brandrückstände zu übermalen.

„Sie kreischt, weil der grässliche Captain Hook gerade wieder auf der Jagd nach hübschen Prinzessinnen ist“, knurre ich als Antwort auf Brittney Renaes Frage und setze Paulina auf den Boden. Dann springe ich von ihrem Bett hoch und der Giftzwerg im Feenkostüm saust quiekend aus dem Zimmer ihrer Schwester. In ihren dunkelroten Lackschuhen rennt sie den Gang hinunter um ihr Leben.

Gerade noch bevor sie im Schlafzimmer meiner Eltern verschwinden und mir die Tür ins Gesicht knallen kann, kriege ich sie zu fassen. Einen Arm um ihre zierlichen Hüften geschlungen, hebe ich sie hoch und springe mit ihr auf das Doppelbett meiner Eltern, das heute Nacht wieder einmal kalt bleiben wird, weil die beiden zu irgend so einem Wohltätigkeitsding eingeladen sind – wie fast jeden Samstagabend.

Ich kralle meinen Zeigefinger, um damit den Haken des grausamen Piraten zu imitieren. „Ich bin Hook, Anführer der dreckigsten Bande, die die Welt je gesehen hat“, grolle ich in der tiefsten Stimme, die ich zustande bringe. „Und gleich werde ich dich aufschlitzen, vom Nabel bis zu deiner Nase!“

Brittney Renae vergräbt ihr Gesicht an meiner Schulter und kichert. Das Kleine-Mädchen-Gegacker wird schnell zu einem lauten Lachen und Prusten, als ich sie zwischen den Rippen kitzle, und aus ihrem Mund sprühen Spucketropfen wie aus einem Vulkan.

Auf der ganzen Welt gibt es nichts, was mir mehr Freude bereitet, als das Lachen der Zwillinge. Ihr aufgewecktes Temperament packt mich jedes Mal, egal ob ich gerade dabei bin für meinen Highschool-Abschluss in ein paar Monaten zu büffeln, oder ob ich Miss Lynda mit dem Haushalt helfe.

Mum und Dad sehen es allerdings nicht gerne, wenn ich unserer steinalten Hausdame in der Küche zur Hand gehe. Mädchen aus feinem Hause machen sich die Hände nicht schmutzig – das haben sie mir mein ganzes Leben lang eingebläut. Ich durfte weder mit den anderen Kindern im Matsch spielen, als ich noch klein war, noch durfte ich zerrissene Jeans und Kapuzensweatshirts tragen oder ohne Kopfhörer in meinem Zimmer Rockmusik hören.

Als letzten Sommer das Kindermädchen der Zwillinge in einen anderen Stadtteil gezogen ist und meine Eltern keinen geeigneten Ersatz für sie finden konnten, habe ich meine Chance gewittert und einen Deal mit ihnen ausgehandelt. Mein Vorschlag war, an den Wochenenden auf die Mädchen aufzupassen, wenn sie mir dafür erlaubten, wenigstens im Haus normale Klamotten zu tragen. Diese ekelhaften Hosenanzüge und Blümchenkleider gingen mir echt schon auf den Keks.

Mum gab nach einer stundenlangen Diskussion endlich nach. Dad bestand darauf, trotzdem weiter nach einer neuen Nanny zu suchen. Als die Zwillinge aber mit ihren großen Kulleraugen klimperten, wurde auch er schließlich weich. Keiner in dieser Familie kann Paulina oder Brittney Renae etwas abschlagen, wenn sie auf die Tränendrüse drücken.

Meine Eltern stimmten also zu, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass mich niemand in diesen Sachen zu sehen kriegt. Wenn wir also Gäste zu einem Bankett im Haus empfangen, müssen leider immer noch diese albernen Blusen und bunten Haarschleifen herhalten. Echt, ich hasse es aufzutreten wie die Kammerzofe der Queen.

Und dann war da natürlich noch eine Bedingung. Dads Extraforderung für freie Kleiderwahl in diesem Haus bestand darin, dass ich Jasper Allensik, den Sohn seines Geschäftspartners kennenlerne, der offenbar auf irgendeine verwinkelte Art mit den Royals verwandt ist. Ich hab zwar widerwillig zugestimmt, habe meinen Vater allerdings hinterher darauf festgenagelt, dass wir ausgemacht hatten, ich müsse nur mit dem Jungen ausgehen, wenn ich ihn mindestens zu fünfundsechzig Prozent leiden konnte. Was nicht der Fall war.

Jasper Allensik ist eine Knalltüte. Er ist lang, dünn, trägt seine geölten Haare in einem Seitenscheitel und trinkt zu jeder Mahlzeit Tomatensaft, der ihm dann wieder aus der Nase spritzt, wenn ihn etwas Absolut-gar-nicht-Witziges zum Lachen bringt, wie etwa ein dämlicher Artikel in der Financial Times.

Nach einem langen Schultag in London trinke ich ganz gerne mal eine Erdbeermilch zu meinen Pommes, wenn ich noch Zeit für einen Abstecher zu Burger King habe. Allerdings versprühe ich da die Milch niemals durch meine Nase, ob ich nun lachen muss, oder nicht.

Wir haben natürlich nie Erdbeermilch zu Hause, weil mein Dad die nämlich nicht ausstehen kann. Und Pommes gibt’s bei uns auch nie. Miss Lynda wurde damit beauftragt, uns Hummer, Hühnerfilets und manchmal sogar Kaviar auf Toast zu servieren. Paulina und Brittney-Renae müssen zwar die Fischeier-Vorspeise noch nicht runterwürgen, aber seit meinem zwölften Geburtstag wird mir ständig vorgehalten, ich solle mich endlich an das glibberige Teufelszeug gewöhnen, damit ich meine Eltern nicht noch einmal so blamieren würde wie auf Evelyn Andersons Bankett zu deren Pensionierung. Weil ich damals nicht aufgepasst und das schwarze Zeug in der großen Glasschüssel mit Waldbeerpudding verwechselt hatte, schob ich mir einen Löffel voll Kaviar in den Mund, der dann aber postwendend und unter grausamem Würgen zurück in die Schüssel wanderte.

Tja, manchmal ist es eben gar nicht so leicht, die Erstgeborene in George McFarlands Haus zu sein.

Ich schnappe Brittney Renae und stelle sie auf ihre kleinen Füße. „Jetzt musst du aber ihr Bett machen“, sagt sie zu mir und fuchtelt dabei streng mit ihrem kleinen Zauberstab.

Ich gehorche. Miss Lynda macht das Bett der Zwillinge mindestens fünfhundertmal am Tag, um ja meine Eltern nicht in Rage über deren Unordnung zu bringen. Ich mache mein eigenes Bett jeden Morgen und versuche dann, es in diesem Zustand zu halten, bis es Zeit zum Schlafengehen ist. Leider gelingt mir das an den wenigsten Tagen, und so mache ich mein Bett wohl genauso oft wie Miss Lynda das der Zwillinge.

Doch mit meinen Schwestern im Bett meiner Eltern herumzutoben ist ein absolutes Tabu. Eigentlich dürften wir ja nicht einmal in diesem Zimmer sein, aber meine Eltern sind ja Gott sei Dank heute Nacht nicht zu Hause, und Miss Lynda hat vor einer halben Stunde das Schlachtfeld verlassen. Wer sollte uns also daran hindern, die Villa in einen Spielplatz umzufunktionieren?

Ich ziehe an den Enden der Laken und streife die Decke glatt, bis sie wieder makellos auf dem Bett ausgebreitet liegt. Der kleine Feenknirps hat mich mittlerweile verlassen, wahrscheinlich um in ihrem Zimmer weiter mit ihren Puppen zu spielen. Nachdem ich das Licht abgedreht habe, trete ich raus in den mit dunkelrotem Teppich ausgelegten Flur, und da hüpft mir Paulina entgegen und springt mir direkt in die Arme. Warum grinst sie wohl gerade wie ein Geburtstagsclown? Normalerweise bedeutet das, sie hat entweder eine zündende Idee … oder Miss Lynda hat mal wieder ein Säckchen ihrer selbst gebackenen Kekse in die McFarland Villa geschmuggelt, was rein zufällig heute Nachmittag der Fall war.

„Was gibt’s, Honighase?“, frage ich sie und streife mit den Fingern durch ihr langes, blondes Haar, das dick ist wie Heu.

„Ich hab eine Überraschung für dich.“

Oh, oh! Ihre letzte Überraschung endete mit einer giftgrünen Strähne in meinem Haar. Gott sei Dank ist Fingerfarbe auswaschbar. Ich verstecke mein grüblerisches Gesicht hinter einem aufgesetzten Lächeln. „Toll, dann lass mal hören!“

„Es ist ein Tattoo.“

„Ach du Scheiße!“

Paulina schlägt sich augenblicklich die Hände vor den Mund und kichert. Solche Wörter sind in diesem Haus unter Stubenarrest verboten, aber das ist mir jetzt egal, meine Eltern sind ja nicht hier, um mich auf mein Zimmer zu schicken. Von mittelschwerer Panik gepackt, setze ich meine kleine Schwester ab und knie mich vor ihr auf den Boden. Als ich die Ärmel ihres roten Pandabären-Pullis hochschiebe, kommen da zum Glück keine aufgeklebten Bilder zum Vorschein.

Sie kichert immer noch, doch jetzt aus einem anderen Grund. „Ich doch nicht, Dummerchen.“

Puh! Meine Mutter wäre ausgerastet.

„Es ist dein Name, darum musst du ihn auch draufmachen“, erklärt mir der kleine Naseweis dann und meine Kinnlade klappt nach unten.

„Was?“

Mit ausgestrecktem Arm öffnet sie ihre kleine Faust vor meiner Nase. Darin verbirgt sich ein Papierschnipselchen, auf dem das Wort Angel steht. Außer den Zwillingen nennt mich sonst niemand so, und es ist auch das einzige Wort auf der Welt, das die beiden bis jetzt überhaupt schon schreiben oder lesen können. Auf ihr unnachgiebiges Flehen hin habe ich es ihnen vor Weihnachten beigebracht – über eine ganze Woche lang.

Den Spitznamen Angel – also Engel – habe ich aber nur von ihnen erhalten, weil die beiden Mädchen, als sie zu sprechen begannen, meinen richtigen Namen, nämlich Angelina, einfach nicht so richtig über die Lippen bekamen. Irgendwie finde ich den Namen auch heute noch echt süß, obwohl ich ja ganz und gar nicht aussehe wie ein Engel.

Die blonden Engelslocken meiner Mutter sind mir verwehrt geblieben. Stattdessen habe ich die schnurgeraden rabenschwarzen Haare meines Vaters geerbt, die ich seit Kurzem als kinnlangen Bob trage. Meine Haut ist das ganze Jahr über bleich, als wollte ich einem Schneemann Konkurrenz machen, und meine dunkelbraunen Augen heben sich dadurch natürlich gleich doppelt so stark ab, wie zwei schwelende Kohlen im Schnee. Freches Teufelchen würde da schon eher zu mir passen.

Ich schnappe mir den Schnipsel von meiner Schwester. Es ist eines dieser Klebetattoos, die man immer mit den Disney-Prinzessinnen-Heftchen geliefert bekommt. Die Buchstaben sind lila und in schwungvoller Kursivschrift dargestellt, und aus ihnen regnet es Sterne. Großartig. Und wo soll ich mir das jetzt ihrer Meinung nach bitte hin kleben? Auf die Stirn vielleicht, damit meine Mutter morgen früh beim Frühstück einen hysterischen Anfall bekommt?

Als ob sie meine Gedanken lesen würde, zuckt Paulina mit den Schultern. „Wir können es ja auf die Innenseite von deinem Arm machen. Du trägst sowieso immer diese schwarzen Pullover. Mummy wird es schon nicht sehen.“

Wer kann zu diesem hoffnungsvoll strahlenden Herz-Gesicht schon Nein sagen? Ich seufze resignierend, nehme mir aber fest vor, das dumme Tattoo gleich morgen in aller Herrgottsfrühe abzuwaschen, bevor ich mich an den Frühstückstisch setze. „Na schön. Lass es uns machen.“

Ich scheuche Paulina vor mir her ins Badezimmer. Das Licht geht automatisch an, sobald wir die Tür aufmachen, und wird von den strahlendweißen Fließen im ganzen Raum reflektiert.

Vom Rand der ovalen weißen Wanne aus sehe ich zu, wie der eifrige Zwerg einen Hocker unterm Waschbecken hervorholt, den die Zwillinge normalerweise zum Zähneputzen brauchen, weil sie sonst nicht an den Wasserhahn rankommen. Auf diesen Schemel setzt sich Paulina, und ich warte geduldig, während sie mit einem feuchten Tuch an meinem Unterarm herumhantiert.

Als sie endlich fertig und rundum glücklich und zufrieden ist, stößt auch der Feenknirps zu uns. „Was macht ihr beiden denn hier drinnen?“, fragt sie und stemmt dabei ihre kleinen Fäuste in die Hüften. Ausnahmsweise hat sie ihren Zauberstab mal nicht mitgebracht.

„Ich habe Angels Namen auf ihren Arm tätowiert“, erklärt ihr Paulina mit stolzgeschwellter Brust.

„Wirklich?“ Brittney Renae tänzelt zu uns herüber und klatscht beim Anblick des Ergebnisses begeistert in die Hände. „Oh, das ist ja soo schön. Jetzt darfst du dir nie wieder den Arm waschen und musst das Tattoo für immer drauf lassen.“

„Wieso das?“, frage ich sie und muss dabei lachen. „Als Spickzettel, damit ich meinen eigenen Namen nicht vergesse?“

Paulina macht ein zerknautschtes Gesicht. „Was ist ein Spickzettel?“

„Den brauchst du, wenn du später mal … ach, nicht so wichtig.“ Lieber erst gar nicht auf eine weitere Wieso-und-warum-Fragerunde einlassen. Von denen bekomme ich nur Kopfweh.

Aus dem Wohnzimmer im unteren Stockwerk dringen die ersten Glockenschläge der großen Standuhr zu uns herauf. Es ist acht. „Zeit fürs Bett, Mädels.“

Die Zwillinge beginnen zu grinsen, denn Operation Zubettbringen beginnt immer auf die gleiche Weise, wenn wir alleine sind. Alle versammeln sich auf Paulinas Bett, Brittney Renae holt ein Buch und ich lese es ihnen vor. Wir machen das vor all dem anderen Zeug, wie Zähneputzen und Pyjamaanziehen, weil Brittney Renae ihr Kostüm immer bis zur letzten Minute anlassen möchte.

Ich mache es mir auf dem Kinderbett gemütlich und lehne mich an das Kopfende. Meine Schwestern schmiegen sich links und rechts an mich und Brittney Renae gibt mir das Buch, das sie für heute Abend ausgesucht hat. Dass es wieder einmal Peter Pan ist, überrascht mich nicht. Die Geschichte des fliegenden Jungen ist ihr Lieblingsbuch und ich lese sie den beiden Nacht für Nacht vor. Wie üblich sprechen die Zwillinge jedes einzelne Wort mit mir mit.

Eingepfercht zwischen den beiden wie ein Schwein im Stall, beginne ich bald in Paulinas warmem Zimmer zu schwitzen. Ich ziehe mir schnell mein Sweatshirt aus und werfe es ans Bettende, dann lese ich mit den Mädchen weiter.

Der fürchterlichste aller Piraten brachte die Kinder an Bord seines mächtigen Schiffes, die Jolly Roger“, sagen wir alle drei gemeinsam mit derselben spannungsgeladenen Stimme. „Er fesselte sie an den Segelmast und lachte ihnen voll Hohn ins Gesicht. Die schmutzige Mannschaft bejubelte ihren Captain, denn sie wussten genau, heute war der Tag, an dem Peter Pan den Kampf verlieren würde.“

„Oh nein!“, wimmert Paulina, als ich die Seite umblättere und die Zeit für einen tiefen Atemzug nutze. „Was ist, wenn der grausige Hook Peter dieses Mal wirklich schnappt?“

Unbemerkt verdrehe ich die Augen. Sie weiß ganz genau, wie die Geschichte ausgeht. Und doch … jedes Mal, wenn wir das Buch gemeinsam lesen, verliert sie sich so sehr im Geschehen, dass ihre Ängste um Peter Pan wahrhaftig werden und sie voll Bangen ihre kleinen Hände zu zitternden Fäusten ballt.

Ich lasse den beiden einen Moment, um die Bilder auf dieser Seite zu betrachten, bevor wir gemeinsam das Ende erleben und jeder von uns – ja genau, inklusive mir – erleichtert aufatmet. Ich weiß nicht, warum ich das mache. Möglicherweise, weil die Zwillinge mich einfach mit ihrer Aufregung anstecken, wann immer wir das Märchen von Peter Pan lesen.

Ich schließe das Buch und lege es auf Paulinas Nachttisch. Bestimmt werden wir es morgen wieder lesen. Die beiden wissen genau, was als Nächstes folgt, und ohne zu murren, huschen sie los, um sich die Zähne zu putzen. Während ihre piepsigen Stimmen zu mir dringen, als sie den Endkampf von Hook und Peter im Badezimmer nachspielen, mache ich die beiden Flügeltüren auf, die zu einem halbrunden, viktorianischen Balkon hinausführen. Im Mondschein sehen die langsam herabfallenden Schneeflocken aus wie ein bezaubernder Sternenregen.

Eine kalte Windböe zerrt an meinem T-Shirt. Die Gänsehaut, die mir gerade über den ganzen Körper huscht, erinnert mich daran, dass die Balkontür in meinem Zimmer die letzten zwei Stunden sperrangelweit offenstand. Schnell schließe ich die klirrende Kälte aus dem Zimmer meiner kleinen Schwester aus und eile in mein eigenes.

Hier drin ist es kalt wie in einem Eisfach, und doch kann ich mich nicht dazu überwinden, die Flügeltüren gleich zu schließen. Erst muss ich noch hinaus zu den tanzenden Schneeflocken. Langsam ziehe ich meine Füße durch die dünne Decke aus Schnee auf dem halbrunden Balkon und hinterlasse dabei mit meinen Turnschuhen eine Schlangenspur.

Diese Jahreszeit mag ich am liebsten. Draußen ist alles so ruhig und friedlich. Ich blicke hinunter auf unseren englischen Rasen, der jetzt unter einer dicken Schneeschicht verborgen liegt, und stelle mir vor, dass jeden Moment ein kleines Reh zwischen den Bäumen am Ende unseres Gartens hervorhüpfen könnte. Doch die Dunkelheit bleibt ungestört. Wir leben am Rande Londons. Hier hört man zwar nichts vom Großstadtgetümmel, doch liegt der nächste Wald immer noch zu weit weg, als dass man ein Reh oder einen Hasen vorbeihuschen sehen könnte.

Meine Hände auf die Marmorbrüstung gestützt, neige ich meinen Kopf nach hinten und versuche ein paar Schneeflocken mit dem Mund zu fangen. Die weißen Kristalle schmelzen auf meiner Zunge, während mehr von ihnen auf mein Gesicht fallen und sich in meinen Wimpern verfangen.

„Angel!“

Die Zunge immer noch herausgestreckt, drehe ich meinen Kopf zur Seite. Der Feenknirps steht auf Paulinas Balkon und winkt mir zu. Uns trennen nur wenige Meter und der Baumwipfel einer Esche, die schon lange vor meiner Geburt an dieser Stelle gepflanzt wurde. „Was ist?“, rufe ich zu Brittney Renae hinüber.

„Du hast deinen Pullover vergessen!“ In ihren Händen hält sie mein schwarzes Kapuzensweatshirt.

„Wirf ihn rüber!“ Ich lehne mich weit über die Brüstung und strecke meine Arme aus, um das Bündel aus Stoff zu fangen. Leider ist die Zielgenauigkeit meiner kleinen Schwester genauso mies wie der Musikgeschmack meiner Mutter, und das Sweatshirt landet in der Baumkrone. „Ach herrje!“ Seufzend lehne ich mich noch ein kleines Stückchen weiter über die Brüstung, aber das Shirt erwische ich trotzdem nicht. Der Baum hält es in seinen vielen Ästen und Zweigen gefangen.

Mir fehlen nur noch ein paar Zentimeter. Das wäre doch gelacht. Ich klettere kurzerhand auf die Balustrade und stütze mich an der Hausmauer ab. So kann ich mich noch ein klein wenig weiter hinauslehnen und bekomme schließlich einen Ärmel des Pullovers mit den Fingerspitzen zu fassen. Ich ziehe ihn zu mir herüber und versuche, mein Gleichgewicht mit einem Schritt zur Seite zu stabilisieren. Doch mein rechter Turnschuh rutscht auf der mit Schnee bedeckten Brüstung aus und ich verliere den Halt.

Mir entfährt ein schrilles Kreischen, als ich mit den Armen rudere und um meine Balance kämpfe. Dabei bete ich, dass ich es irgendwie schaffe, auf dem Balkon zu landen. Doch als ich das entsetzte Gesicht meiner immer kleiner werdenden Schwester sehe, weiß ich: Das wird weh tun.

Kapitel 2

 

ICH FALLE. AUS meiner Kehle entfährt ein Schrei, der die Luft um mich herum erzittern lässt. Kalter Wind zieht an mir vorbei. Ich öffne die Augen, die ich aus irgendeinem Grund bisher fest zusammengekniffen hatte. Um mich herum ist nichts. Wirklich gar nichts. Ich blicke in einen endlosen sommerblauen Himmel. In mir kommt Panik auf, denn ich falle immer noch! Wo zum Teufel bin ich?

In meiner Faust halte ich ein Sweatshirt, das zwar wie ein schwarzer Luftballon über meinem Kopf flattert, aber sonst leider nichts dazu beiträgt, dass ich langsamer werde. Und dann fällt es mir wieder ein. Du meine Güte, der Balkon! Ich habe das Gleichgewicht verloren. Eigentlich sollte ich längst auf dem Erdboden aufgeschlagen sein und mir alle Knochen im Leib gebrochen haben. Warum ist das nicht passiert?

Ich blicke in Fallrichtung und entdecke Zuckerwattewolken unter mir. Je näher ich sause, umso größer wird mein Schatten auf der flauschigen weißen Oberfläche. Wenige Sekunden später falle ich mitten hindurch.

Mein verzweifeltes Kreischen verstummt zu einem ängstlichen Wimmern. Als ich endlich wieder aus der Wolkendecke hervorbreche, kann ich unter mir Land sehen. Saftig grüne Hügel, ein Dschungeldickicht, und in der Ferne säumen kleine, bunte Häuser einen idyllischen Hafen. Die Insel, auf die ich zurase, hat die Form eines Halbmonds. Unter mir befindet sich nichts, was meinen Sturz abschwächen könnte.

Das ist doch Wahnsinn! Menschen fallen nicht einfach so vom Himmel. Mit zitternden Armen ziehe ich das Sweatshirt an meine Brust und umklammere es fest. Oh nein, in weniger als einer Minute bin ich Matsch auf dem Erdboden.

Viel zu schnell rase ich auf den Dschungel zu. Das karibisch blaue Meer, das die Insel umgibt, verschwindet aus meiner Sicht. Unter mir sind nur noch Bäume und Büsche. Auf einer kleinen Lichtung steht ein etwas höherer Baum und ich verfehle ihn nur um wenige Meter.

Während ich am Baumwipfel vorbei zische, entdecke ich zwischen den Zweigen ein Gesicht. Die Person, zu der das Gesicht gehört, schießt aus dem Blättergewirr heraus und bleibt am Ende des dicksten Astes stehen. Heiliger Strohsack, da steht tatsächlich ein Junge mit grasgrünem T-Shirt und braunen Lederhosen in der Baumkrone. In all meiner Verzweiflung denke ich noch: Wie kommt der denn da rauf? Sein neugieriger Blick folgt mir, als ich an ihm vorbei falle, dann legt er seine Hände wie einen Trichter um seinen Mund und ruft nach unten: „Vorsicht! Heute regnet es Mädchen!“

Es dauert einen Moment, bis mir klar wird, dass er gar nicht mit mir spricht, sondern mit einer kleinen Gruppe von Jungs unten auf der Erde. Jungs, die ich in ein paar Sekunden unter mir zermalmen werde. Sie alle neigen ihren Kopf nach oben und starren wie gefesselt zu mir hoch. Und dann passiert das Allerseltsamste überhaupt. Wie aus dem Nichts holt jeder Einzelne von ihnen einen schwarzen Regenschirm hervor und sie spannen ihn auf, als ob sie mich damit einfach wie einen Regenschauer abwehren könnten.

SIND DIE VERRÜCKT?

Dem Ende nahe, schreie ich mir die Seele aus dem Leib. Doch kurz bevor ich auf dem Boden aufschlage, fängt mich jemand aus der Luft, als wäre ich ein Baseball, und schießt mit mir wie bei einer Jahrmarktattraktion wieder nach oben. Es ist der Junge im grünen T-Shirt, der mich gerettet hat.

„Ah, Mädchen, du kreischst wie ein gefoltertes Wildschwein. Könntest du damit aufhören?“, stöhnt er mit verzogenem Gesicht und hält mich fest an seine Brust gepresst, während er mit mir über den gottverdammten Dschungel fliegt.

Den Mund sperrangelweit offen, aber jetzt still wie eine Maus, starre ich in sein Gesicht. Einen Moment später schlinge ich panisch meine Arme um seinen Hals.

Ein spitzbübisches Grinsen zieht seine Mundwinkel nach oben. „Hi.“

Ich sage gar nichts, denn ich kann einfach nicht fassen, was hier gerade passiert. Der Knabe scheint etwas jünger als ich zu sein, sieht total normal aus, mit blauen Augen, dickem braunen Haar und allem, und doch segelt er gerade wie ein Drache in der Thermik. Und ich mit ihm.

„Hast du etwa Angst vorm Fliegen?“, fragt er gelassen, als ob wir uns übers Wetter unterhalten würden.

„Ich weiß nicht“, krächze ich. Eigentlich glaube ich ja nicht, dass ich Flugangst habe, allerdings kann ich mich nicht erinnern, jemals auf diese Art durch die Lüfte getragen worden zu sein.

„Tja, falls doch, dann solltest du lieber nicht mehr aus den Wolken springen“, meint der doch glatt.

„Bin ich nicht!“ Eine glitschige Balkonbrüstung hätte eigentlich meinen Tod besiegeln sollen. Andererseits … was, wenn ich bereits tot bin? Und das hier ist die andere Seite? Nur für den Fall kneife ich den Jungen in die Wange und er ruft laut aua. Dem Himmel sei Dank, er hat es gespürt. Das ist also kein Traum und ich bin auch nicht im Himmel aufgewacht. Durch meine zusammengebissenen Zähne seufze ich erleichtert auf.

Der Junge landet schließlich bei seinen Freunden – allesamt Teenager, so wie sie aussehen – und trägt mich immer noch auf seinen Armen. Erst lässt er meine Beine los und wartet, bis ich einen festen Stand im Gras auf dieser kleinen Lichtung im Dschungel habe, dann nimmt er auch seinen zweiten Arm von mir. Er ist ein paar Zentimeter größer als ich und ziemlich schlaksig. Womöglich bekommt er hier nichts Ordentliches zu essen. Allerdings ist er bestimmt noch nicht ausgewachsen. Die meisten Jungs um die sechzehn, die ich kenne, sehen ein wenig unterernährt aus, das ist also wahrscheinlich ganz normal.

„Ich bin Peter. Peter Pan.“ Er streckt mir freudig die Hand entgegen.

Etwas zögerlich greife ich danach. „Und ich bin …“ Mehr kommt nicht raus. Aus irgendeinem Grund fehlt in meiner Erinnerung ein Stück. Eigentlich sollten dort sämtliche Informationen über mich selbst verankert sein, aber stattdessen ist da nur ein tiefes Loch. Was zum Teufel –?

Mit eindringlichem Blick und dem Kinn tief nach unten geneigt mustert er mich. „Hast du etwa deinen Namen vergessen?“

„Sieht so aus“, gebe ich kleinlaut zu und verzieh mein Gesicht zu einer Trockenpflaume. „Und was noch schlimmer ist, ich habe keine Ahnung, warum ich gerade vom Himmel gefallen bin.“

„Du weißt nicht mehr, was du in den Wolken gesucht hast?“

Na den Weihnachtsmann sicher nicht. „Nein. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, dass ich von meinem Balkon gestürzt bin. Zu Hause in London. Und es ist doch Winter – “ Unsicher drehe ich mich um meine eigene Achse. „Eigentlich sollte hier alles mit Schnee bedeckt sein.“

„Wo liegt denn London?“, fragt einer der Jungs leise einen anderen. „Und was ist Schnee?“

„Ich hab keinen blassen Schimmer“, antwortet der zweite Junge hinter vorgehaltener Hand. „Vielleicht hat sie ja den Verstand verloren?“

„Ooh, das ist übel“, flüstert nun der erste zurück, jedoch laut genug, dass auch ich und alle anderen es hören. „Ich wette, Hook hat sie mit einer Kanonenkugel getroffen.“

So ein Blödsinn! Ich streife mir mit den Fingern durchs Haar und blicke an mir hinunter. Alles sieht ganz normal aus. Ich wurde ganz sicher nicht von einer Kanonenkugel getroffen.

„Was ist das?“ Peter greift erneut nach meiner Hand und dreht meinen Arm so, dass die Innenseite meines Handgelenks oben liegt. „Angel“, liest er laut vor. „Vielleicht ist das ja dein Name. Macht auch Sinn, dass jemand ihn dir auf den Arm geschrieben hat, wo du ihn doch offenbar häufiger vergisst.“

Verwirrt betrachte ich die lila Buchstaben auf meiner Haut. Ein Sternenregen ist darunter gezeichnet. Ist das ein echtes Tattoo? Irgendwie kommt es mir schon bekannt vor, aber ich kann mich einfach nicht erinnern, wann ich das hätte machen lassen. Die Buchstaben verschwinden auch nicht, wenn ich mit dem Daumen darüber wische. „Vielleicht hast du sogar Recht“, stimme ich Peter zu.

„Tja dann … freut mich, dich kennenzulernen, Angel!“, sagt er munter und schüttelt abermals meine Hand, so als hätten wir das nicht schon hinter uns. „Willkommen in Nimmerland.“

„Nimmerland …“ Ich teste den Klang des Wortes auf meiner Zunge. Der Name ruft eine Erinnerung wach, oder zumindest kommt es mir vor, als sollte er das tun. Nur leider stoße ich wieder einmal auf das schwarze Loch in meinem Gedächtnis. Na ja, was soll’s? In Geografie war ich immer schon eine Niete. Allerdings nicht so sehr in Physik. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Menschen nicht einfach so durch die Lüfte fliegen sollten. Die viel wichtigere Frage lautet also: Ist Nimmerland echt, oder verliere ich wirklich gerade den Verstand?

Sofort als Peter meine Hand wieder freigibt, greift ein anderer der Jungs nach ihr und schüttelt sie mit wildem Eifer. Einer nach dem anderen stellt sich mir vor. Obwohl sie alle zwischen vierzehn und sechzehn Jahre alt sein dürften, hüpfen sie dabei auf und ab wie aufgeregte Vorschüler.

„Hi, Angel, ich bin Skippy!“, piepst mir einer ins Gesicht. Er hat lustige Segelohren und übergroße Murmelaugen. Auf den ersten Blick sieht er fast aus wie ein Weihnachtself. Die schiefen Zähne hätten allerdings eher in das Maul eines Trolls gepasst.

„Ich bin Sparky!“, sagt der nächste Junge und zieht bereits an meiner linken Hand, da Skippy meine rechte noch nicht losgelassen hat.

„Das ist Toby, und ich bin Stan!“

„Wie geht’s, wie steht’s, Angel? Ich bin Loney.“

„Mein Name ist Skippy!“

Ja, das hatten wir schon.

„Ich bin Toby!“ … „Ich bin Sparky!“ … „Skippy – das bin ich!“

Mir wird langsam schwindlig vom vielen Händeschütteln. Die Jungs ziehen und zerren an mir; sie schwingen mich von einer Seite zur anderen. Lauthals lachend nennen sie mir immer wieder ihre Namen, so als wäre es das erste Mal.

„Verlorene Jungs! Lasst sie ihn Ruhe!“, bellt Peter in das Getümmel und schlagartig habe ich meine Hände wieder für mich allein. Heilfroh werfe ich ihm einen dankbaren Blick zu. Mit einem Nicken tritt er nach vorn und bückt sich, um mein Sweatshirt aufzuheben, das mir bei dem ganzen Händeschütteln auf den Boden gefallen ist. Als er es vor sich in die Höhe hält und die Vorderseite genauer betrachtet, ziehen sich seine Augenbrauen zu einem grübelnden V zusammen. „Bist du etwa ein Freund von Captain Hook?“

„Captain wer?“ Seine Frage muss ganz offenbar etwas mit dem Bild auf meinem Shirt zu tun haben, also greife ich danach, doch Peter zieht es mir unter der Nase weg und schwebt außer Reichweite. Es ist zu seltsam, diesen Jungen fliegen zu sehen wie einen Gasluftballon.

„Captain Hook“, wiederholt er mit einem grimmigen Blick und dreht dabei mein Sweatshirt um, damit alle den Fluch-der-Karibik-Aufdruck sehen können. Dabei handelt es sich um einen Totenschädel mit einem roten Kopftuch und dahinter lodern zwei gekreuzte Fackeln.

Entsetzt schnappen alle Jungs nach Luft und machen einen Satz nach hinten. Skippy sogar zwei. „Bist du sicher, dass du nicht zu seinen Piraten gehörst?“, fragt er mit zischender Stimme.

„Sehe ich etwa aus wie ein Pirat?“, keife ich zurück, halte aber dann schnell meinen Mund und blicke noch einmal an mir hinab. Sehe ich vielleicht wirklich so aus? Ich trage immer noch dieselben Klamotten wie vor ein paar Minuten, als ich noch mit den Zwillingen gespielt habe: blaue Jeans, ein knappes schwarzes T-Shirt und hellgraue Turnschuhe. Die Sachen kommen mir nicht vor wie das richtige Outfit für ein Piratenschiff. Andererseits … wer weiß schon, was in diesem seltsamen Land normal ist? Immerhin schwebt da ein Junge zwei Meter über meinem Kopf.

Peter wirft mir den Kapuzenpulli zu. „Falls du einer seiner Spione bist, kannst du deinem Captain ausrichten, er wird den Schatz nie in die Finger kriegen! Und neuerdings auch noch Mädchen zu schicken, das ist echt so was von unter seiner zweifelhaften Würde.“

„Hey!“ Ich verschränke die Arme vor der Brust. „Ich kenne überhaupt keine Piraten! Meine Familie und ich leben in einer vornehmen Gegend, gleich außerhalb von London. Wir haben ein großes, sauberes Haus, eine Köchin und Hausdame, und an jedem zweiten Samstag geben meine Eltern eine Dinnerparty für Freunde und Geschäftspartner. Da werden ganz bestimmt keine Leute mit Säbeln aufgeschlitzt!“

„Ah! Dann gibst du also zu, dass du mit der Art der Piraten vertraut bist!“, unterstellt mir Peter.

Bei dieser ebenso unglaublichen wie lächerlichen Anschuldigung verdrehe ich die Augen und schlage mir die Hände vors Gesicht, die ich dann mit einem Grollen nach unten ziehe.

Peter schwebt einige Male vor mir auf und ab und kratzt sich dabei am Kinn. „Na schön. Nehmen wir mal an, du bist wirklich kein Pirat … Was sollen wir dann mit dir machen?“

Ein langer Seufzer zieht über meine Lippen in die Ferne. Mit einem neuen Funken Hoffnung schlage ich vorsichtig vor: „Helft mir, zurück nach England zu gelangen.“

Mit gespitzten Lippen denkt Peter ein paar Sekunden nach. „Ja, das könnten wir tun.“ Plötzlich strahlen seine Augen. „Morgen!“

„Nein, das geht nicht! Morgen ist es schon –“ Zu spät. Peter schlägt einen Purzelbaum in der Luft und kommt im Sturzflug auf mich zu. Indem er seine Hände unter meine Achseln schiebt und uns beide in die Luft befördert, schneidet er mir das Wort ab. Innerhalb von Sekunden erreichen wir den Wipfel des allein stehenden Baumes, an dem ich vorhin vorbei gefallen bin. Mir bleibt kaum genug Zeit, um panisch loszukreischen. Peter landet auf einem dicken Ast und wackelt verwegen mit den Augenbrauen. „Lass mich dir unser Zuhause zeigen.“

Zuhause? Ich blicke verwirrt um mich, auf der Suche nach einem kleinen Häuschen oder einer Hütte im Dschungeldickicht, aber außer Grün und noch mehr Grün ist da nichts zu erkennen. Und dann schubst mich der Flegel doch tatsächlich vom Ast.

„Heeeyiii!“ Mein Schrei aus Todesangst bringt die Blätter zum Erzittern. Ich falle – tief – und immer weiter, mitten in den Baum hinein. Für einen kurzen Moment wird alles schwarz.

Mir kommt es vor, als würde ich durch das Innere des dicken Stamms hindurch fallen, was natürlich gar nicht sein kann. Oder?

Was ist das nur für ein verrücktes Land?

Kamikazeartig schieße ich nach unten, allerdings nur noch wenige Meter, dann spüre ich etwas Metallenes an meinem Rücken. Fast wie eine Rutsche, die sich langsam mehr und mehr neigt und meinen Fall ablenkt. Immer im Kreis schraubt sie sich wie eine Spirale nach unten und befördert mich so weiter in das Innere des Baumes, der aus dieser Perspektive sogar noch viel größer und breiter wirkt. Ehrlich, wenn ich mir nicht gerade vor Angst in die Hose machen würde, wäre das vielleicht sogar lustig.

Mit weit aufgerissenen Augen blicke ich mich auf meiner wilden Rutschfahrt im Baumhaus um. Der Stamm ist komplett ausgehöhlt. In die Borke sind kleine, runde Fenster geschnitzt, und an den hölzernen Wänden hängen viele bunte Bilder. Dort, wo starke Äste aus dem Baum wachsen, sind die gemütlichsten Schlafkojen herausgeschlagen, die man sich nur vorstellen kann, und von ihnen führen schmale Strickleitern nach unten.

Das ist absolut fantastisch!

Und absoluter Irrsinn!

Die Rutschpartie endet abrupt und ich werde in ein riesiges Fangnetz katapultiert. Die Arme wie Flügel ausgebreitet und nach Luft ringend, liege ich auf dem gespannten Netz und warte darauf, dass das Nachschwingen endlich aufhört. Du meine Güte! Was für eine Fahrt!

„Aus dem Weg!“

Mir bleibt kaum genug Zeit, mich rechtzeitig zu bewegen, als Peters Warnung von oben zu mir herunter hallt. Denn bereits einen Moment später kommt auch schon Loney, der Junge mit der Fuchsmütze, an der immer noch die Ohren des einstigen Tieres dran sind, die Rutsche herunter gesaust. Peter hat ihn wohl genau wie mich in die Baumspitze geflogen und hinunter geschubst.

In wilder Panik befreie ich mich aus dem Fangnetz und sehe zu, wie ein Junge nach dem anderen darin landet. Peter ist der Letzte, der zu uns stößt. Selbstverständlich klettert er nicht wie alle anderen mühevoll aus dem Netz, sondern schwebt einfach durch die Luft und landet vor mir auf dem Fußboden. Mit einer tiefen Verbeugung schwenkt er seinen Arm elegant zur Seite. „Willkommen im Reich des Pan.“

„Dein Reich ist ein ganzer Baum?“, necke ich ihn.

„Warte nur ab, du hast ja noch nicht alles gesehen.“ Er legt einen Arm um meine Schultern und führt mich herum. „Hier essen wir, wenn wir auf der Jagd mal wieder Glück hatten.“

Die drei Sekunden, die er mir gewährt, um einen Blick in die geräumige Höhle zu werfen, in der ein großer Holztisch mit acht kleinen Baumstümpfen drumherum steht, reichen kaum aus, um die faszinierende Schönheit voll aufzusaugen. Er zieht mich weiter, hinter das Netz, wo eine Art Matratzenlager aufgetürmt ist. Allerlei Seile und Hängematten sind in diesem Bereich gespannt.

In einem unachtsamen Moment des Staunens überrascht mich Peter und gibt mir einen Schubs. Bäuchlings lande ich auf einem Kissenhaufen und rolle mich schnell auf meinen Rücken. „Warum hast du das gemacht?“

Statt einer Antwort wirft er mir ein Schwert entgegen. Ich schlage schützend meine Arme vor dem Gesicht zusammen, und mir entweicht ein stöhnendes „Uff“, als das Schwert auf meinem Bauch landet. Es ist nur ein Spielzeug aus Holz, Gott sei Dank, und kein echtes Schwert aus Eisen.

„Wenn du eine von uns werden willst, musst du erst mal lernen, wie man kämpft“, teilt mir Peter mit einem Funkeln in den Augen mit. Aus seinem Gürtel zieht er seinen eigenen Holzsäbel und greift mich an.

Wie eine Schildkröte, die auf dem Rücken gestrandet ist, versuche ich mit hilflosem Gefuchtel, Peters Schläge abzuwehren, doch jedes Mal, wenn Holz auf Holz trifft, rattert eine fiese Vibration meinen Arm hinauf bis zu meiner Schulter.

Vor seinem nächsten Stoß raffe ich mich schnell hoch auf die Beine und pariere diesen beidhändig. Also das war jetzt echt ausgezeichnet von mir! Natürlich kommt mir bei diesem Gedanken ein Grinsen aus. Doch schon im nächsten Moment schafft es Peter irgendwie, mir das Schwert aus der Hand zu winden, und es fliegt in hohem Bogen durch die Höhle. Er zwingt mich wieder auf den Rücken und hält mir seine Schwertspitze an den Hals. „Game over.“

Toby hat sich meine Waffe geschnappt und kommt zu uns herüber. Mit zwei Fingern hält er sich die Nase zu und verspottet mich, indem er die Zunge rausstreckt und das Geräusch einer furzenden Kuh nachahmt. Spucketropfen regnen auf mich herab. „Das war ja ein lausiger Versuch, ein Verlorener Junge zu werden.“

„Wer sagt denn, dass ich einer werden will?“ Ich rapple mich erneut hoch und stapfe an Peter und dem Jungen vorbei, dessen schwarzes Haar unter seinem Pferdeschwanz geschoren ist.

Innerhalb weniger Sekunden ist Peter wieder an meiner Seite, nimmt meine Hand und zieht mich mit sich, runter vom Matratzenlager. „Sei nicht traurig. Wir werden jeden Tag mit dir trainieren und schon bald passt du perfekt zu uns.“

Trainieren? Zu ihnen passen? Hat er eben nicht zugehört? „Ich werde nicht bei euch bleiben, Peter. Ich hab dir doch schon gesagt, dass ich wieder nach Hause muss.“ Dann mache ich eine kurze Pause und runzle die Stirn. „Und was ist das überhaupt für ein Geschwätz von Verlorenen Jungs?“

„Darüber können wir später noch reden. Jetzt musst du erst noch jemanden kennenlernen.“

Obwohl ich ja auf meiner Höllenfahrt die Fenster in der Baumrinde gesehen habe, ist es in diesem Bereich seltsam düster. Ein sanfter Schein ist alles, was das Innere erleuchtet. Da es hier unten kein einziges Fenster gibt, blicke ich mich nach der Lichtquelle um.

„Kerzen?“, platzt es aus mir heraus, als ich zu Peter herumwirble. „In einem Baum? Seid ihr vollkommen verrückt?“ Laternen stehen überall und bringen unsere Schatten an den Wänden ringsherum zum Tanzen. Für einen seltsamen Augenblick kommt es mir so vor, als würde Peters Schatten neckisch mit den Schultern zucken, obwohl Peter selbst seine Hände in den Hosentaschen versteckt hat und mich reglos anstarrt.

Mir wird hier drinnen immer mulmiger zu Mute.

„Bleib locker, Angel.“ Peter verdreht die Augen. „Wir sind vielleicht nicht erwachsen, aber blöd sind wir auch nicht. Mit Feuer können wir schon umgehen.“ Er zieht mich in einen weiteren Bereich des Baumhauses und klopft an eine niedrige Tür. „Das ist Tameekas Zimmer. Hoffentlich ist sie da.“

Sagte er gerade Zimmer? All das hier ist doch viel zu groß, um überhaupt in einen Baumstamm zu passen, egal wie dick der einmal war. Wie ist das nur möglich? Mit der Handfläche streiche ich über die Mauer, in die die Tür eingesetzt wurde. Sie ist aus Stein. Und Lehm. Langsam dämmert es mir. Wir sind hier gar nicht mehr im Inneren des Baumes. Dieser Ort befindet sich darunter, im Erdboden. Was für eine geniale Idee! Jetzt wird mir auch klar, warum sie die vielen Kerzen brauchen.

Die Tür vor uns geht auf und ein kleines Mädchen streckt uns ihren goldblonden Lockenkopf entgegen. „Was ist?“

Beim Anblick ihrer glitzernd grünen Augen und den spitzen Ohren, die zwischen ihren Haarsträhnen hervorragen, bleibt mir die Luft weg.

„Tami, das ist Angel“, stellt mich Peter vor. „Angel ist heute vom Himmel gefallen.“

Als Tameeka aus der Tür tritt und sich in ihrer vollen Gestalt zeigt, schlage ich mir vor Staunen die Hände vor den Mund. Das ist alles andere als ein normales Kind. Sie trägt ein kurzes Kleid aus Efeublättern und aus ihrem bloßen Rücken ragt ein durchsichtiges Paar Schmetterlingsflügel. Heiliger Bimbam, was hab ich denn geraucht?

Das Elfenmädchen dreht sich vor mir auf den Zehenspitzen und macht auch noch einen niedlichen Knicks. „Wie schön, dich kennenzulernen, Angel.“ Ihre Stimme erinnert mich an Schneeglöckchen. „Hast du dich verirrt?“

„Tja, irgendwie schon“, murmle ich, als ich ihre zarte Hand schüttle. „Woher weißt du das?“ Aber wenn man bedenkt, dass ich gerade in einem Haus unterhalb eines Baumstammes stehe, Peter fliegen kann und Tameeka so etwas wie eine Schmetterlingsfee ist, sollte mich hier wirklich gar nichts mehr wundern.

Tami legt ihren Kopf zur Seite und lächelt, als läge die Antwort klar auf der Hand. „Jeder, den Peter hierher bringt, ging irgendwann verloren.“

Ich drehe mich zu Peter. „Ist das wahr?“ Dann schweift mein Blick über die Bande von Jungs um mich herum. Sie weichen mir aus und senken ihren Blick lieber verlegen zu Boden, in den sie gerade Löcher mit ihren Fußspitzen bohren. Alle außer Sparky. Der aufgeweckte Moppel schält gerade eine Banane, stopft das obere Drittel grinsend in seinen Mund und zuckt mit den Achseln. „Nimmerland ist toll. Keiner von uns möchte jemals wieder weg von hier“, erklärt er mir mit Bananenbrei in den Backen.

Verblüfft mustere ich Peters blaue Augen. „Du hast sie alle hierher gebracht, damit sie bei dir leben?“

„Na und?“, erwidert er in einem defensiven Ton und wirft sich rücklings in eine der Hängematten, in der er dann gemächlich hin- und herschwingt. „Ich habe ihnen ein Zuhause geboten, als sie nicht wussten, wohin sie sollten. Toby und Stan wurden eines Tages an den Strand der Insel gespült, Skippy hing verzweifelt in einem Baum fest, als ich ihn gefunden habe, und Sparky und Loney musste ich erst aus Hooks Klauen retten. Es war ihre eigene Entscheidung hier in Nimmerland zu bleiben.“

Da war schon wieder dieser Name: Hook. Jedes Mal, wenn jemand diesen Namen ausspricht, verziehen die Jungs allesamt das Gesicht zu einer schaudernden Grimasse. „Wer ist dieser Captain Hook, aus dessen Klauen du Loney und Sparky retten musstest?“, will ich von Peter wissen.

„Oh, Hook ist der hässlichste, grausamste und gemeinste Kerl in ganz Nimmerland“, erzählt Stan mit einem düsteren Ausdruck im Gesicht und ballt dabei seine Hände zu festen Fäusten. Alle anderen stimmen ihm mit energischem Nicken zu. „Sein Gesicht ist grässlich entstellt, seine Nase ist länger als der Schnabel eines Raben, und auf seinem rechten Arm trägt er einen Haken.“ Stan zieht den Reißverschluss seiner Bärenfellweste hoch, als ob ihn schon alleine Hooks Name mit kaltem Grauen erfüllen würde. „Er ist der fürchterlichste Pirat, den die See je ausgespuckt hat. Sein einziges Ziel ist es, unseren Schatz zu stehlen, und dabei schreckt er vor nichts zurück. Er würde uns alle mit gefesselten Händen über die Planke spazieren lassen, ohne dabei auch nur mit der Wimper zu zucken.“

„Tatsächlich musste Peter uns sogar schon mehr als nur einmal vor ihm retten“, fügt Skippy mit toternster Miene hinzu. Dann hält er die spitzen Ohren des Elfenmädchens zu und flüstert gespenstisch: „Hook wird es nie leid, neue Pläne auszuhecken, um unsere kleine Elfe zu entführen und unsere Schatzkarte zum Eingang der Höhle zu stehlen.“

Tami wehrt ihn ab, stellt sich trotzig auf die Zehenspitzen und schimpft ihm ins Gesicht: „Du sollst das nicht immer tun! Ich bin kein Baby mehr. Ich weiß genau, hinter was Hook her ist.“

Mit erhobenen Händen versucht Skippy, sie zu beschwichtigen. „Hab nur versucht, sensibel zu sein.“

„Du? Sensibel? Hah!“, lacht Peter, fliegt aus der Hängematte und brät Skippy mit dem Spielzeugschwert eins über. „Die Haie um Hooks Schiff sind sensibler als du!“

Skippy nimmt die unausgesprochene Herausforderung an und saust los, um sich sein eigenes Holzschwert aus der Spielecke zu holen. Die Verlorenen Jungs johlen und feuern ihre beiden Freunde an, als die sich einen unerbittlichen, choreografisch perfekten Kampf liefern, in dem es keinem der beiden gelingt, den Gegner auch nur mit dem Schwert zu streifen.

Fasziniert sehe ich dem Spektakel zu, bis jemand an meiner Hand zieht. Neben mir steht Tami und seufzt. „Das macht er jedes Mal.“

„Was meinst du? Einen Kampf provozieren?“

„Nein. Und sie kämpfen auch nicht wirklich.“ Tami lacht leise. „Es ist nur ein Spiel. Peter mag es nicht, wenn wir zu ernst werden.“

„Ist denn Peter auch ein Verlorener Junge?“, wundere ich mich laut.

„Aber nein!“ Als sie ihren Kopf schüttelt, regnet Goldstaub aus ihren Locken. „Er ist der Einzige, der aus einem bestimmten Grund hierherkam. Er wollte niemals erwachsen werden. Also ist er einfach weggelaufen.“

Das ist ja interessant, denke ich, doch noch viel mehr interessiert mich der Goldstaub. Ich fange ein wenig davon auf und zerreibe ihn zwischen meinen Fingern. Riecht wie Blaubeermuffins. „Was ist das?“

„Hast du etwa noch nie Elfenstaub gesehen?“

Hätte ich das sollen? Ich ziehe nachdenklich die Augenbrauen tiefer und schüttle schließlich den Kopf.

Ganz langsam breitet sich ein Grinsen auf ihrem niedlichen Gesicht aus. „Mit dem richtigen Gedanken kann er dir dabei helfen zu fliegen.“

Fliegen? So wie Peter? Verdammt will ich sein, wenn ich hier nicht mitten in ein zauberhaftes Märchen gefallen bin. „Ich fürchte, da wo ich herkomme, ist so etwas unmöglich.“

„Wo genau kommst du denn her?“

„Aus einer Stadt in Großbritannien. Sie heißt London.“ Voll Hoffnung, Tami würde wissen, wo meine Heimatstadt liegt, wandern meine Augenbrauen nach oben.

„Ah, ich verstehe. London …“ Bei ihrem vielsagenden Blick macht mein Herz einen aufgeregten Satz. Dann kräuselt Tami die Lippen. „Noch nie davon gehört.“

Nach dieser kalten Dusche greife ich mir an die Schläfen und stöhne laut auf. Das darf doch einfach nicht wahr sein! Irgendjemand hier muss doch schon mal etwas von Großbritannien oder London gehört haben. Leben die etwa alle hinterm Mond?

„Wo kommen denn die Verlorenen Jungs her?“, frage ich als Nächstes. „Ich meine, wo haben die denn gelebt, bevor sie an den Strand dieser Insel gespült wurden oder in den Bäumen hingen?“

„Das weiß keiner. Und die Jungs erinnern sich nicht.“ Tameekas Tonfall ist nüchtern. „Ist auch besser so. Ich glaube, wenn sie sich erinnern könnten, würden sie alle bloß wieder dorthin zurückwollen.“

„Wie kannst du das nur sagen? Natürlich sollten sie versuchen, wieder nach Hause zurückzukehren. Bestimmt haben sie alle eine Familie, die sie schon vermisst und nach ihnen sucht.“

Die kleine Elfe zuckt mit den Schultern. „Vielleicht haben sie die. Vielleicht aber auch nicht. Ist jetzt aber auch egal. Als sich die Jungs entschieden haben, hierzubleiben, hat Nimmerland sie voll und ganz in sich aufgenommen. Sie sind jetzt ein Teil davon. Du hast ja gehört, was Sparky vorhin gesagt hat. Keiner von ihnen will jemals wieder von hier weg.“ Das warme Lächeln, das sie mir schenkt, soll mich wohl aufheitern.

Stattdessen machen sich Kopfschmerzen bemerkbar und ich fühle mich total verloren und einsam. Ich möchte kein Teil von Nimmerland werden. Ich muss nach Hause, zu den Zwillingen und zu meinen Eltern. Was soll denn nur ohne mich aus Brittney Renae und Paulina werden? Der Feenknirps hat doch gesehen, wie ich vom Balkon gestürzt bin. Bestimmt sind meine Schwestern hinaus in den Garten gelaufen. Was werden sie machen, wenn sie feststellen, dass ich nicht länger da bin … in ihrer Welt?

Ein Schauer, kalt wie ein Löffel voll Eiscreme, läuft mir den Rücken hinunter. Nimmerland und die ganze Situation hier, das alles übersteigt meinen Verstand. Und dann ist da auch noch die Sache mit Peter. Hat Tami nicht gesagt, dass er beschlossen hat, nicht erwachsen zu werden? „Wie alt ist Peter eigentlich?“, frage ich sie.

Tamis zarte Schmetterlingsflügel beginnen aufgeregt zu flattern. Sie hebt vom Boden ab, fliegt einmal um mich herum und landet kichernd auf meiner anderen Seite. „Was denkst du denn, wie alt er ist?“

Meine Aufmerksamkeit wandert zurück zu den kämpfenden Jungs und ich betrachte Peters Züge genauer. „Vielleicht sechzehn?“

Tameeka schüttelt ihren Lockenkopf und mehr Goldstaub regnet auf den Boden. „Er war fünfzehn, als er sein Zuhause verlassen hat und in den Dschungel gekommen ist. Das ist aber schon eine Ewigkeit her.“

Ich reibe mir über die Augen und komme zu dem einfachen Schluss, dass in Nimmerland gar nichts funktioniert, wie es sollte. Das ist echt ein merkwürdiger Ort. „Und alle Jungs hier sind immer noch genauso alt wie …“

„Wie damals, als sie nach Nimmerland gekommen sind“, beendet Tami meinen Satz.

„Heißt dass, wenn ich bleibe, werde ich für immer siebzehn sein?“

„Mm-hm.“

Himmel noch mal, ich will aber nicht für alle Ewigkeit im Körper eines Teenagers stecken. Ich will erwachsen werden. Und was soll überhaupt der Blödsinn, dass sich die Jungs an nichts mehr aus ihrem früheren Leben erinnern? Was ist, wenn auch ich meine Familie eines Tages vergesse? Besorgt streife ich mir die Haare hinter die Ohren und hole erst mal Luft. „Wirklich, ich kann nicht hierbleiben. Ich muss nach Hause. Jetzt sofort!“

Jemand legt mir den Arm um die Schultern. Als ich erschrocken den Kopf hebe, blicke ich direkt in Peters tiefblaue Augen. „Ich hab doch gesagt, ich werde dir morgen helfen, dein Zuhause zu finden“, verspricht er noch einmal. „Bald wird es dunkel, und da du dich im Dschungel nicht auskennst, ist es viel zu gefährlich für dich, draußen alleine herumzuirren.“

„Peter hat Recht“, pflichtet ihm Toby bei. „Bleib die Nacht über hier, iss mit uns zu Abend und erzähl uns einfach alles über dich, was wichtig ist. Jeder Hinweis kann nützlich sein.“

Das Licht, das von draußen durch die Fenster im oberen Bereich des Baumhauses bricht, wird bereits dämmrig. Möglicherweise ist es wirklich das Beste, heute Nacht bei den Verlorenen Jungs zu bleiben und die Suche nach einem Weg zurück in meine Welt morgen früh zu starten. Immerhin bin ich auf ihre Hilfe angewiesen. Alleine komme ich hier bestimmt nicht weg.

Hoffentlich kommen Mum und Dad bald nach Hause. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn den Zwillingen etwas passiert.

Zögerlich nicke ich und lasse mich schließlich von Peter an den großen Tisch zerren. Loney und Skippy machen ein Feuer in dem kleinen Steinofen und bereiten etwas zu, das aussieht wie ein gehäutetes Kaninchen am Spieß. Anscheinend gibt es heute Abend Hasenbraten. Ich bin gespannt, wie das schmeckt.

 

Kapitel 3

 

DER HASE SCHMECKT ausgezeichnet. Und das Beste am ganzen Essen ist der Überfluss an Erdbeermilch, um alles runterzuspülen. Wo die gerade herkommt, weiß der Teufel, aber wen es um mein Lieblingsgetränk geht, frage ich nicht lange nach.

Ich helfe Tami und Toby dabei, den Tisch abzuräumen, doch als ich die zweite Ladung holen will, schnappt Peter nach meiner Hand und zieht mich zur Seite. „Was meinst du? Soll ich dir Nimmerland zeigen, bevor die Nacht hereinbricht?“

Ein Rundgang durch den Dschungel? Dabei entdecke ich vielleicht einen Weg nach Hause. Großartig! Dann muss ich also gar nicht mehr bis morgen früh warten. „Ich hol nur schnell mein Sweatshirt, dann können wir losmarschieren.“

„Losmarschieren …“, sagt Peter, als wäge er den Vorschlag ab, während ich mir den schwarzen Kapuzenpulli überziehe.

Dann ertönt plötzlich ein ohrenbetäubender Schrei, der durch den ganzen Baum hallt. Die kleine Elfe mit den spitzen Ohren saust in ihr Zimmer, wobei sie eine Spur aus goldenem Elfenstaub in der Luft hinterlässt. Mit einem lauten Donnern knallt ihre Tür zu.

„Was um alles in der Welt –?“ Ich komme gar nicht dazu, den Satz zu beenden, denn jeder der Jungs im Baumhaus deutet mit einem vorwurfsvollen Finger auf den Totenschädel, der meine Brust ziert. Mit ihren ausgestreckten Armen und verbissenen Mienen sehen sie ziemlich lustig aus. Trotzdem verkneife ich mir ein Lachen und verziehe mein Gesicht zu einer schuldbewussten Grimasse.

„Holt Tami da raus und macht ihr klar, dass Angel kein Pirat ist“, befiehlt Peter den Jungs, die unentschlossen herumstehen. „Angel und ich müssen uns beeilen, sonst wird es zu dunkel für die Tour.“

Während die Jungs durch die geschlossene Tür hindurch auf Tami einreden, warte ich darauf, dass mir Peter eine Tür zeigt, die aus diesem unterirdischen Baumhaus hinausführt. Zu meiner totalen Überraschung nimmt er mich einfach wie vorhin in seine Arme und fliegt mit mir hoch. „Was machst du denn da?“, rufe ich erschrocken.

Ein paar Meter über dem Erdboden bremst er ab und sieht mich verwirrt an. „Ich dachte, du wolltest auf Erkundungstour gehen?“

„Will ich auch. Aber warum müssen wir denn schon wieder fliegen?“

„Weil es der einfachste Weg ist. Hast du etwa Angst?“

„Nicht vorm Fliegen. Aber was ist, wenn ich dir zu schwer werde und du mich fallen lässt?“ Aus zweihundert Metern Höhe.

„Ja, jetzt wo du es sagst …“ Peter steigt weiter in die Höhe, der Baumhausöffnung entgegen, doch er fliegt wie ein Betrunkener und schwankt nach allen Seiten. „Whoa, Mädel, ich glaube nicht, dass ich dich noch viel länger tragen kann!“

„Was?“ Wir befinden uns bereits auf halber Höhe des endlos langen Baumstamms.

„Tut mir leid!“ Er kippt von links nach rechts und verliert offenbar das Gleichgewicht. „Du bist einfach zu schwer!“

Plötzlich sind seine Hände weg und ich stürze nach unten. Vergebens rudere ich mit den Armen. Einen Moment später presst mich die Schwerkraft tief in das gespannte Netz in der Mitte der Höhle und ich schieße wie von einem Trampolin ausgespuckt wieder nach oben. Entsetzt ringe ich nach Luft, als Peter mich auffängt und verwegen mit den Augenbrauen wackelt. Schnell und gerade wie ein Pfeil flitzt er mit mir durch die Baumluke. Das Lachen der Verlorenen Jungs verfolgt uns bis nach draußen.

„Sehr witzig“, brumme ich und schlinge diesmal meine Arme zur Sicherheit fest um seinen Nacken.

„Ja, das war es“, gibt Peter heiter zurück. Dann rollt er mit den Augen und grinst. „Zu schwer für mich … Verrücktes Mädchen.“

Die feurig orange Sonne sinkt gerade hinterm Horizont ins Meer, als wir dem Himmel entgegenfliegen. Das Seltsame daran ist nur, dass Peter mir erzählt, wir hätten unseren Rundflug im Norden begonnen, und wenn er Recht hat, geht der Feuerball gerade im Osten der Insel unter.

Aber warum überrascht mich das überhaupt noch?

„Sieh mal nach unten. Da ist die Meerjungfrauenlagune“, erklärt mir Peter.

Ich neige meinen Kopf über meine Schulter, um einen Blick zu erhaschen. Wir befinden uns genau über dem nördlichsten Zipfel der Insel. Das karibisch blaue Wasser funkelt in der Abendsonne. Mädchen in meinem Alter mit langem Haar und mächtigen Fischschwänzen toben verspielt in den Wellen herum. Einige von ihnen rufen uns etwas zu und winken uns zu sich hinunter.

„Kennst du diese Mädchen?“, frage ich Peter, als wir auf die felsige Landzunge zusteuern.

„Ein paar von ihnen. Meerjungfrauen sind relativ scheue Wesen, aber wenn sie dich einmal besser kennen, beginnen sie aufzutauen.“ Er schmunzelt ein wenig, vielleicht über eine Erinnerung, die er mit diesen atemberaubenden Kreaturen verbindet.

Peter landet, setzt mich ab und winkt eines der Mädchen aus dem Wasser herbei. „Hey, Melody! Komm her, ich möchte dir eine neue Freundin vorstellen!“

Sie trennt sich von ihrem Schwarm, gleitet unter Wasser und taucht nur wenige Meter von uns entfernt in den Wellen wieder auf. Mit einem warmen Lächeln streift sie ihre dunkelroten Haare hinter die Ohren. Die langen Strähnen treiben auf dem Wasser um sie herum. „Hallo, Peter. Dich hab ich ja schon lange nicht mehr gesehen. Wir dachten schon, Hook hätte dich am Ende doch noch geschnappt.“

„Niemals!“ Lachend streckt Peter seine Brust vor wie ein stolzer Hahn. „Der Tag, an dem Hook Peter Pan besiegt, ist der Tag, an dem die Sonne im Westen untergeht.“

Ich nehme mal an, für Nimmerland funktioniert dieser Vergleich.

„Und es wäre ein trauriger Tag für uns alle“, fügt Melody dem noch hinzu. Dann wandert ihr neugieriger Blick zu mir.

Peter legt mir eine Hand auf den Rücken, doch seine Aufmerksamkeit bleibt ständig an dem Fischmädchen haften. „Das ist meine Freundin Angel. Sie ist heute aus den Wolken gefallen.“ Er lehnt sich ein kleines Stück weiter vor und flüstert lautstark: „Sie ging verloren.“

„Sind sie das nicht alle?“ Melody kichert und der Klang wärmt meine Seele von innen heraus. Sie macht einen Rückwärtssalto ins Meer und kommt noch näher beim Ufer an die Oberfläche. Sogar so nahe, dass sie meine Hand erreicht.

„Wow“, rutscht es mir statt einer ordentlichen Begrüßung heraus. „Ich schüttle gerade die Hand einer Meerjungfrau.“

Melodys seetanggrüne Augen beginnen gewitzt zu strahlen. Plötzlich zieht sie fester an meiner Hand. „Komm rein und spiel mit uns!“

Erschrocken japse ich auf, als ich den Boden unter den Füßen verliere.

„Oh nein, nichts da, Mel!“, lacht Peter laut. Gott sei Dank hat er seinen Arm um meine Taille geschlungen und bewahrt mich davor, kopfüber in die Wellen zu stürzen. „Ich möchte Angel unseren Schatz zeigen, solange wir noch Ebbe haben. Vielleicht kommen wir ja morgen zurück und spielen mit euch.“

Notiz an mich selbst: Wenn du keinen Badeanzug trägst, halte in Zukunft einen Sicherheitsabstand zu Meerjungfrauen.

Melody macht einen Schmollmund und klimpert mit ihren nassen Wimpern, doch im nächsten Moment beginnt auch sie wieder zu lächeln. Mit ihrem gewaltigen Fischschwanz spritzt sie uns von oben bis unten nass, bevor sie in die Fluten taucht und zu ihren Freunden zurückschwimmt. „Wir sehen uns morgen!“, ruft sie uns über ihre Schulter hinweg zu.

Ja. Morgen, denke ich. Dabei fällt mir auf, dass Peter mich immer noch fest an sich drückt. „Du hast ganz schön seltsame Freunde, Peter Pan.“

„Ach, wenn du dich erst einmal an das Leben hier in Nimmerland gewöhnt hast, wirst du sie alle lieben. Ich verspreche dir, du wirst nie wieder von hier wegwollen.“

Er hat Recht. Diese zauberhafte Insel kommt mir zu schön vor, um wahr zu sein. Elfen, Häuser in Bäumen und jetzt auch noch Meerjungfrauen … Wer würde nicht für immer hier leben wollen? Auf der anderen Seite habe ich zu Hause mein eigenes Zimmer und muss mir keinen Baum mit sechs kindischen Jungs und einer kreischenden Elfe teilen. Außerdem fehlen mir meine kleinen Schwestern, und ich ziehe definitiv die Sicherheit von Londons Doppeldeckerbussen einem Flug in den Armen eines schlaksigen Jungen vor.

„Können wir los?“, bricht Peter durch meine Gedanken.

Ich nicke. „Wohin geht’s als Nächstes?“

„Zur Schatzinsel.“ Erneut steigt er mit mir in die Luft und wir verlassen die felsige Küste. Ein feiner Sprühregen aus Salzwasser benetzt mein Gesicht, als wir über das Meer hinausgleiten. „Wer nicht fliegen kann, erreicht die Insel nur mit einem Boot. Außerdem ist sie nur bei Ebbe zu erkennen.“

„Wieso das?“

„Bei Ebbe ragen die Felsspitzen aus dem Meer. In einem der Felsen befindet sich eine Höhle. Wir haben den Eingang mit einer Falltür versiegelt. Auf diese Weise gelangt kein Wasser in die Höhle, wenn die Flut kommt. Und Hook wird die Schatzinsel niemals entdecken, denn er kann mit seinem Schiff nur rausfahren, wenn der Wasserspiegel hoch genug ist.

„Genial“, pflichte ich ihm bei.

Wir haben fast einen Kilometer hinter uns gelassen, als Peter mit mir auf eine Felsformation zusteuert, die aussieht wie die Kerzen auf einem Geburtstagskuchen. Peter landet sanft auf einem der Felsgipfel, dann sagt er: „Und jetzt der zweite Gesteinsbrocken rechts.“ Als ob wir beide schwerelos wären, macht er mit mir in seinen Armen einen luftigen Satz auf die nächste Felsspitze, die mindestens zwanzig Meter von uns entfernt ist. Und dann noch einen weiteren. Dieser Felsen hier ist etwas größer als die anderen. Er lässt mich runter und beginnt sogleich, schwere Steine aus dem Weg zu räumen. Ohne zu zögern, helfe ich ihm und entdecke unter dem Steinhaufen eine quadratische Falltür aus Holz.

In mir steigt die Spannung fast ins Unermessliche, als Peter schließlich einen kleinen Messingschlüssel aus seiner Hosentasche fischt und die Falltür aufschließt. Er klappt sie nach oben auf. Der Geruch von Salzwasser und Kupfer steigt mir in die Nase.

Mit einem verlegenen Lächeln kommt Peter auf meine Seite der Öffnung. „Okay, um da runter zu gelangen, musst du mich jetzt umarmen. Ich kann leider nur auf diese Weise mit dir durch die enge Falltür fliegen.“

Ich verstehe, was er meint, trotzdem fühlt es sich ein wenig seltsam an, ihm auf Kommando so nahe rücken zu müssen. Wie ein tanzendes Paar umarmen wir uns und Peter fliegt uns nach unten.

Nichts als die schwärzeste Dunkelheit ummantelt uns in diesem Loch. Ich weiß nicht, wie tief wir wirklich sinken, aber nach wenigen Sekunden setzen wir auf einem weichen Untergrund auf. Unter meinen Füßen klimpert etwas.

„Warte hier“, befiehlt mir Peter und lässt mich im nächsten Moment allein. Irgendwo zu meiner Linken höre ich, wie er in der Dunkelheit herumtappt. Kurz darauf erleuchten die warmen Flammen einer Fackel das Innere der Höhle.

Ich hole erstaunt Luft. „Ach du meine Güte!“

Peter kommt zu mir zurückgesegelt. „Gefällt’s dir?“

Total aus dem Häuschen packe ich ihn am Kragen, zerre ihn an mich heran, bis sich unsere Nasenspitzen berühren, und rufe: „Das ist einfach unglaublich!“

Drei Viertel des Höhlenbodens sind mit Bergen von Goldstücken bedeckt. Darin stecken auch Silberbecher, Spiegel, die mit Perlen bestückt sind, und unzählige kostbare Schmuckstücke. Ich stehe auf dem höchsten Berg. Klirrende Münzen schießen in alle Richtungen, als ich mich auf meinen Hintern fallen lasse und den Goldhaufen hinunterrutsche. Mich überkommt das Bedürfnis, in dieses Meer aus Münzen zu tauchen und darin herumzuschwimmen wie Onkel Dagobert, aber Peters Stimme holt mich aus dem Staunen zurück.

„Komm mit. Ich zeig dir auch noch den Rest des Schatzes.“

Ungläubig reiße ich die Augen auf, und es fühlt sich an, als würden meine Augäpfel gleich aus ihren Höhlen springen. „Da ist noch mehr?“

„Ein bisschen, ja.“ Er zieht mich mit sich an den Bergen aus Gold vorbei in den hinteren Teil der Höhle. Hier steht eine große Holztruhe. Peter braucht beide Arme, um den schweren Deckel anzuheben. Er tritt zur Seite und lässt mich einen Blick in das Innere werfen. Tausend und Abertausend Juwelen in den schönsten Farben schillern im Licht der Fackel.

Langsam tauche ich meine Finger hinein und versuche mich dabei daran zu erinnern, wie man atmet. „Wo habt ihr das denn alles gefunden?“

Peter zuckt lässig mit den Schultern. „Das ist Hooks Schatz. Wir haben ihn ihm vor einiger Zeit abgeluchst.“

„Ihr habt einen Piratenschatz gestohlen? Großer Gott! Jetzt wird mir auch klar, warum der Kerl hinter euch her ist.“

„Ah, halb so wild.“ Peter tut die Sache mit einer abwinkenden Handbewegung ab. „Wenn wir nicht wären, hätte sich Hook doch schon längst zu Tode gelangweilt. Er kann sich glücklich schätzen, dass wir uns so um ihn kümmern.“

Ein Schmunzeln kommt über meine Lippen. „Wie überaus selbstlos von dir, Peter Pan.“ Er grinst zurück. Dann entdecke ich hinter ihm eine weitere Kiste. Die ist jedoch um ein Vielfaches kleiner als die Truhe mit den Edelsteinen. „Was ist denn da drin?“

Peter dreht sich in meine Blickrichtung und hebt das kleine Silberkästchen vom nassen Boden auf. „Keiner von uns weiß, was in dieser Kiste versteckt ist. Siehst du das Schloss hier? Hook hat leider immer noch den Schlüssel dazu. Er trägt ihn an einer Kette um seinen Hals.“

Ich streiche mit den Fingern über die vielen Dellen in der Kiste. „Ihr habt versucht sie zu öffnen?“

„Mit einem Stein, mit einer Axt, indem wir sie von einer Bergspitze runtergeworfen haben, alles was du dir nur vorstellen kannst. Wir haben sogar versucht, das Schloss zum Schmelzen zu bringen. Nichts hat funktioniert.“

Die Brandmale sind immer noch erkennbar und bringen mich zum Lachen. „Und warum habt ihr nicht einfach Hooks Schlüssel zusammen mit der Kiste gestohlen?“

„Seit Jahren versuchen wir schon, an den Schlüssel zu gelangen, aber er ist das Einzige, was wir bisher noch nicht in die Finger bekommen haben.“

„Ich verstehe. Vielleicht solltet ihr mit diesem Hook verhandeln? Erkauft euch den Schlüssel für einen Teil des Schatzes.“

„Niemals!“ Als mir Peter ein abenteuerlustiges Grinsen schenkt, wirkt er dabei um einige Jahre jünger. „Eines Tages werde ich ihm auch den Schlüssel noch abnehmen. Du wirst schon sehen.“

Mit geneigtem Kopf versuche ich Peter zu durchschauen. Auf mich macht es den Eindruck, als wollte er den Schlüssel gar nicht wirklich haben. Ihn spornt wohl eher das Abenteuer an sich an. „Ich hoffe, ich bin hier an dem Tag, an dem dir das gelingt“, antworte ich und bemerke erst hinterher, wie gedankenlos das gerade von mir war.

„Oh, das kannst du.“ Peter wirft die Kiste zurück an ihren Platz, nimmt meine Hand und zieht mich hinauf auf den höchsten Berg aus Goldmünzen. „Bleib doch einfach hier. Du kannst bei den Verlorenen Jungs und mir leben. Und Tami. Für immer.“

Für immer kommt für mich nicht in Frage. „Und du zeigst mir dann, wie man auf Bäume klettert, und machst aus mir einen Verlorenen Jungen, so wie die anderen?“, necke ich ihn und werfe ihm dabei eine Handvoll Goldmünzen an den Kopf.

„Warum denn nicht? Du wärst dann das erste Verlorene Mädchen in Nimmerland. Und ich zeige dir, wie man mit dem Schwert kämpft.“ Er wirft ein paar Goldstücke zurück, doch ich ducke mich und weiche ihnen aus. Als ich mich wieder aufrichte, erwischt er mich allerdings mit einer Perlenhalskette mitten im Gesicht. „Stell dir nur mal vor – wir könnten Hooks Schlüssel gemeinsam stehlen.“

Bei dem Gedanken daran, dass Toby heute Nachmittag darüber spekuliert hat, ob mich vielleicht eine von Hooks Kanonenkugeln getroffen haben könnte, ziehe ich sarkastisch die Brauen tiefer. „Klingt verlockend, aber … nein danke. Ich bin ehrlich nicht scharf drauf, diesem abscheulichen Piraten zu begegnen.“

„Ah, du weißt ja gar nicht, was du alles verpasst.“ Peter bückt sich und zieht eine kleine silberne Flöte aus den Münzen hervor. „Nimmerland ist der großartigste Ort von ganz überall!“ Mit der Flöte zwischen den Fingern schwebt er ein Stückchen in die Luft, kreuzt die Beine, als würde er auf einem unsichtbaren fliegenden Teppich sitzen, und beginnt, eine liebliche Melodie zu spielen.

Ich mustere ihn interessiert. „Du bist musikalisch?“

„Ehrlich gesagt kenne ich nur diese eine Melodie. Kannst du Flöte spielen?“

Ich zucke mit den Schultern. Ich kann mich nicht erinnern, es jemals ausprobiert zu haben, aber was kann daran schon so schwer sein? Peter wirft mir das Instrument zu. Sorgsam schließe ich die kleinen Löcher mit meinen Fingern und puste hinein, wobei ich willkürlich einen Finger nach dem anderen hebe. Das hört sich echt scheußlich an.

Peter und ich schneiden beide eine Grimasse und sagen gleichzeitig: „Nah …!“ In mir steckt wohl kein Fünkchen Talent. Ich werfe die Flöte zurück auf den Haufen. „Sollten wir nicht langsam zurückfliegen?“

Er nickt, umfasst meine Taille und saust mit mir nach oben durch die Luke, bevor ich überhaupt Zeit habe, vor Schreck laut aufzuschreien. Gemeinsam verstecken wir die Falltür wieder unter den schweren Steinen und kehren dann zurück auf die Insel. Es ist bereits stockdunkel, als Peter mich auf einem Hügel nahe dem Dschungel absetzt. Er lässt sich ins weiche Gras sinken und streckt alle viere von sich.

Ich mache es mir neben ihm gemütlich und betrachte die vielen Sterne am samtigen Nachthimmel über uns. Das Gras ist immer noch warm von der Nachmittagssonne und duftet fantastisch. „Zu Hause bin ich auch oft im warmen Gras in unserem Garten gelegen. Ich kann mir im Sommer nichts Schöneres vorstellen“, schwärme ich leise vor mich hin.

„Wenn du hierbleibst, kannst du das jeden Tag machen. Wir haben niemals schlechtes Wetter. In Nimmerland ist jeder Tag so schön und warm wie der andere.“

Interessiert rolle ich mich auf den Bauch und blicke in sein Gesicht. „Wirklich jeder?“

„Jeder einzelne! Feenehrenwort!“ Mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand zeichnet er ein Kreuz über sein Herz und lächelt herausfordernd. „Also, was denkst du? Wir haben noch eine freie Schlafkoje in unserem Baum. Sie hat sogar die perfekte Größe für dich.“ Er wackelt auf diese typisch neckische Art mit seinen Augenbrauen, die ich heute schon an ihm kennengelernt habe.

„Du kämpfst mit unfairen Mitteln, Peter Pan. Und du hast Recht. Nimmerland ist wirklich großartig.“

Sein Grinsen wird breiter.

„Aber du hast doch tolle Freunde um dich“, argumentiere ich als Nächstes. „Du magst sie alle sehr, nicht wahr?“ Peter nickt kurz. „Dann verstehst du bestimmt auch, warum ich unbedingt wieder nach Hause muss. In London warten meine kleinen Schwestern auf mich. Sie würden mich schrecklich vermissen, wenn ich nicht mehr zurückkehren würde. Und sie fehlen mir auch.“

Für einen Moment sind wir beide still. Ich warte darauf, dass Peter endlich etwas sagt; dass er verstanden hat, warum ich nicht in Nimmerland bleiben kann. Aber von ihm kommt kein Sterbenswörtchen, also frage ich: „Warum willst du überhaupt, dass ich hierbleibe?“

„Weil du ein Mädchen bist. Und Mädchen können Geschichten erzählen.“

„Geschichten? Ist das der einzige Grund?“ Irgendwie enttäuscht mich diese Antwort ein wenig.

„Na ja … ja.“ Er zuckt mit den Achseln und verschränkt dann die Arme hinter seinem Kopf, als er wieder hinauf in den Sternenhimmel blickt. „Ich denke, es wäre toll, jemanden zu haben, der einem vorm Schlafengehen Geschichten erzählt.“

Natürlich kenne ich einige Märchen, und die Zwillinge verlangen auch jeden Abend von mir, dass ich ihnen eins vorlese. Hm, wenn ich so darüber nachdenke, welche war eigentlich die letzte Geschichte, die ich ihnen vorgelesen habe? Rotkäppchen vielleicht? Der Gedanke fesselt mich, denn je mehr ich versuche, mich daran zu erinnern, welches Märchen es war, umso weiter gleitet die Antwort weg von mir. Es ist genau wie mit meinem Namen. Da ist nur das schwarze Loch in meiner Erinnerung.

Neben mir seufzt Peter leise. „Keiner von uns Jungs kennt irgendwelche tollen Geschichten. Und Tami … nun ja, sie ist nicht wirklich jemand, der sich abends zu dir aufs Bett setzt und dir ein Märchen erzählt.“ Er stößt ein fast grunzendes Schnauben aus. „Sie würde uns nur alle mit Elfenstaub ersticken.“

Irgendwie seltsam, dass ein Junge in seinem Alter immer noch jemanden sucht, der ihm Märchen vorliest. Aber vielleicht liegt die Antwort ja in seiner Kindheit; hat mit seinem Leben in seinem früheren Zuhause zu tun. Meine nächste Frage ist einfach mal eine Vermutung. „Hat dir deine Mutter immer Geschichten erzählt, als du noch klein warst?“

„Ich erinnere mich nicht an die Zeit, bevor ich in den Dschungel gekommen bin“, antwortet er mit kaltem und distanziertem Ton. Er klingt so verletzt und verschlossen, dass mir für einen Moment der Atem stockt.

„Bitte entschuldige“, flüstere ich nach einiger Zeit. „Ich wollte dir nicht zu nahe treten.“

„Das bist du nicht. Es ist einfach so, wie es ist. Du erinnerst dich nicht an deinen Namen und ich erinnere mich nicht daran, wo ich herkomme. Ende der Geschichte.“

Sein plötzlicher Stimmungsumschwung gefällt mir nicht. Hauptsächlich deswegen, weil es mich furchtbar traurig macht, zu hören, wie er kalte Fakten auf diese Weise ausspuckt. Mehr noch habe ich das Gefühl, dass er im Moment nicht ganz ehrlich ist. Vielleicht können ja ein Lächeln und ein kleiner Stups in seine Seite den fröhlichen Pan wieder hervorlocken. „Du hattest Recht vorhin, Peter“, ziehe ich ihn auf und rümpfe dabei die Nase. „Du kannst wirklich keine tollen Geschichten erzählen.“

Schließlich kommt auch ein kleines Lächeln über seine Lippen und er gibt mir einen leichten Schubs gegen die Schulter. Ich schubse zurück, und dann er wieder. Dieses Mal kippe ich dabei zur Seite, aber damit kommt er mir nicht davon. Das Rempeln und Knuffen geht eine Weile so weiter und schaukelt sich hoch, bis wir beide plötzlich ineinander verknotet den Hang hinunterpurzeln. Unser Lachen schallt durch die Nacht.

Als wir endlich unten ankommen, ist mir ganz schwindlig. Die Welt dreht sich immer noch um mich, und es dauert einen Moment, bis ich feststelle, dass Peter auf dem Rücken liegt und ich mit gegrätschten Beinen über seinem Bauch knie, meine Hände dabei auf seine Brust gestützt. Er hält meine Oberarme fest, um mich in meiner Benommenheit aufrecht zu halten.

An seinem rechten Arm entdecke ich dabei eine alte Narbe, die mir bisher nicht aufgefallen ist. Sie läuft von seinem Ellbogen nach oben und verschwindet unter dem Ärmel seines T-Shirts. Allem Anschein nach muss diese Wunde vor langer Zeit sehr wehgetan haben. Da ich aber keinen erneuten Stimmungsumschwung riskieren will, wage ich es nicht, ihn heute Nacht danach zu fragen.

Stattdessen bemühe ich mich um ein Lächeln, das sich nach dem Purzeln und Überschlagen immer noch etwas wackelig anfühlt, und blicke in seine blauen Augen, in denen sich gerade die Sterne widerspiegeln. Mir wird klar, wie sehr er sich wirklich wünscht, dass ich hier in Nimmerland bleibe, und zwar nicht nur, damit ich ihm eine tolle Geschichte erzählen kann. Nein, da ist noch etwas ganz anderes. Er scheint etwas in mir zu sehen, das ihn fasziniert. Und es ist bestimmt nicht mein musikalisches Talent.

Ich habe ihn wohl eine Minute zu lange schweigend angestarrt, denn irgendwann wandern seine Augenbrauen fragend nach oben, und er neigt seinen Kopf zur Seite. „Ist mit dir alles okay?“

„Ähm … ja, klar.“ Und dann wird mein Lächeln plötzlich durch etwas von meinen Lippen gewischt, das sich gerade in weiter Ferne abspielt. „Großer Gott!“ Ich springe hoch und stolpere ein paar Schritte zurück.

Peter ist augenblicklich bei mir. Er nimmt eine schützende Kampfposition vor mir ein und fragt entsetzt über seine Schulter: „Was ist los? Hast du jemanden gesehen?“

„Dort drüben!“ Ich deute in Richtung Süden – oder zumindest denke ich, dass dort Süden ist –, zur Mitte der Insel. Meine Hand zittert stark. „Ein Vulkan! Und er bricht gerade aus!“

Peter richtet sich auf und stößt ein erleichtertes Seufzen aus. „Himmel. Du hast mich fast zu Tode erschreckt. Ich dachte schon, Hook hätte uns gefunden.“

Langsam drehe ich mich zu ihm und spüre dabei, wie das Blut meinen Kopf verlässt. Meine Stimme wird gruselig ruhig. „Da drüben bricht gerade ein verdammter Vulkan aus und das lässt dich völlig kalt?“

„Wäre es dir lieber, ich würde mir in die Hose machen wie ein kleines Mädchen?“ Er lacht mich aus, doch dann nimmt er meine Hand und zieht mich mit sich runter auf den Boden. „Komm, setz dich. Das wird dir gefallen.“

Es soll mir gefallen, wie ein Feuer speiender Vulkan die halbe Insel unter sich auslöscht? Na, das bezweifle ich. Da Peter aber meine Hand nicht loslässt und der Knabe wirklich um einiges stärker ist, als seine schlaksige Figur vermuten lässt, sinke ich am Ende doch neben ihm ins Gras und beobachte das wütende Naturschauspiel.

Dickflüssige Lava schiebt sich langsam über den Rand der Vulkanöffnung. Nur dass die Farbe hier irgendwie nicht so ganz stimmt. Es sieht aus, als hätte jemand in dem Berg tonnenweise Gold geschmolzen, es mit Elfenstaub bestreut und würde das zähe Zeug nun aus der hohen Öffnung schaufeln. Und dann zischt urplötzlich ein Regenbogen mit einem bombastischen Knall wie ein Feuerwerk aus dem Vulkan. In hohem Bogen braust er über die Insel und taucht anschließend ins Meer, wo ihn die Wellen verschlucken.

„Du meine Güte, wie wunderschön …“ murmle ich beinahe atemlos.

Peter lehnt sich zu mir und flüstert: „Du denkst, das war schön? Dann warte ab.“

Für eine Sekunde sehe ich ihn an, sein Gesicht so nahe an meinem, und konzentriere mich dann wieder auf den Vulkan in der Ferne. Der nächste leuchtende Regenbogen schießt bereits aus seinem Inneren. Und noch einer. Und noch einer. Minutenlang spuckt der Berg vor uns die wunderschönsten und farbenprächtigsten Bögen aus, die die Welt je gesehen hat. Sie zischen in alle Richtungen und jeder Einzelne von ihnen landet in der See, wo er das Wasser für einen Moment mit seinem hellen Strahl erleuchtet, bevor er endgültig erlischt.

„Cool, häh?“, fragt Peter. Ich nicke. Dann holt er etwas aus seiner Brusttasche. Als er mir seine Hand entgegenstreckt und die Finger öffnet, liegt darin ein kleiner, herzförmiger Rubin.

Bei seinem Anblick vergesse ich das Regenbogenspektakel völlig und streiche vorsichtig mit dem Finger über die glatte Oberfläche. „Das ist ja wunderhübsch“, flüstere ich.

Peter schenkt mir ein warmherziges Lächeln. „Nimm ihn. Er gehört dir.“

„Mir?“

„Er ist ein Geschenk.“

„Hast du den aus der Schatzkiste in der Höhle genommen?“

„Mm-hm.“ Er nickt langsam. „Willkommen in Nimmerland, Angel.“

Etwas unsicher nehme ich den Stein aus Peters Hand. Er ist schwerer, als er aussieht, und würde sicher großartig an einer Halskette aussehen. „Vielen Dank, Peter.“ Blitzschnell drücke ich ihm einen kleinen Kuss auf die Wange und bewundere das Juwel in meiner Hand für einen weiteren endlosen Moment. Dann stecke ich den Edelstein in meine Hosentasche, damit er nicht verloren geht.

In der Tasche spüre ich noch etwas anderes und erstarre auf der Stelle.

„Stimmt etwas nicht?“, fragt Peter.

„Nein.“ Ich weiß genau, was sich in meiner Tasche befindet, noch bevor ich das fünf mal fünf Zentimeter große Stück Papier herausziehe.

„Fahrkarte“, liest er laut vor, während er über meine Schulter blickt und meinen eigenen kleinen Schatz genauer inspiziert. Er macht ein knittriges Gesicht und liest weiter: „Nach London.“

Eine Welle aus Angst und Heimweh kommt über mich. Das hier ist sicher keine normale Insel in meiner eigenen Welt. Der Ort, wo ich gelandet bin, dürfte eigentlich gar nicht existieren. Was ist, wenn ich nie wieder von hier wegkomme? Wenn ich nie wieder nach Hause finde?

Mein Hals wird eng. Ich stehe auf und bewege mich ein paar Schritte von Peter weg. Das Zugticket halte ich dabei fest in meiner Hand.

„Ist das eine Karte, mit der du nach London findest?“ Peters Stimme kommt von nahe hinter mir. „Kannst du das benutzen, um heimzukehren?“

Ich drehe mich zu ihm um und räuspere mich. „Nein. Ich habe diese Karte gestern verwendet. Es ist ein Zugticket. Ich bin damit in die Stadt gefahren, um für meine beiden Schwestern ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen.“

„Die Verlorenen Jungs können deine Brüder werden, wenn du hierbleibst. Und Tami wird für dich wie eine Schwester sein.“ Mit schmalen Augen sieht er mich an und neigt seinen Kopf ein wenig. In seinem Kiefer zuckt ein Muskel. „Du musst nicht nach London zurückgehen.“

Nach kurzem Zögern greife ich nach seiner Hand, doch er zieht sie weg. Es gefällt mir nicht, wie deprimiert er plötzlich dreinschaut. „Bitte, versteh doch, Peter. Nimmerland ist dein Zuhause, nicht meins. Wie würdest du dich denn fühlen, wenn du mitten in einer fremden Stadt landen würdest und die Verlorenen Jungs nie wiedersehen könntest?“

Ein paar Sekunden vergehen in völliger Stille. Plötzlich richtet sich Peter gerade auf und in seinem Gesicht nimmt der Schmerz überhand. „Na schön, dann geh doch, wohin du willst. Flieg zurück in dein bescheuertes London. Ist mir doch egal!“

„Peter –“

Er schießt zwei Meter in die Luft, verharrt dort und blickt finster auf mich herab. „Viel Glück, Angel!“, spuckt er aus und saust im nächsten Moment durch die schwarze Nacht davon.

„Das ist nicht witzig!“, schreie ich aus vollem Hals hinter ihm her und hoffe, dass er es sich noch einmal anders überlegt. Aber nichts bewegt sich mehr am Sternenhimmel. Meine Hände ballen sich zu Fäusten, während mein ganzer Körper anfängt zu zittern. „Peter Pan! Komm zurück! Bitte!“

Aber er ist wahrscheinlich schon zu weit weg, um mich überhaupt noch zu hören. Ich bin mutterseelenallein in Nimmerland.

Fantastisch.

 

Kapitel 4

 

DIE ARME VOR der Brust verschränkt, knirsche ich mit den Zähnen. Dämlicher, sturer Bock! Ich finde doch niemals alleine durch das Dschungeldickicht zurück zum Baumhaus. Und selbst wenn, bin ich dort wahrscheinlich nicht einmal mehr willkommen. Da Plan A schon mal gründlich in die Hose gegangen ist, sehe ich mich um und wäge meine Möglichkeiten ab. Plan B ist, hier im Freien zu campen. So habe ich mir die Nacht zwar nicht vorgestellt – alleine auf einer völlig fremden und seltsamen Insel herumzuirren –, doch was anderes bleibt mir wohl nicht übrig.

Hinter mir liegt der Dschungel, vor mir erstreckt sich eine Reihe von Bergen. Am besten suche ich mir einen Schlafplatz unter einem Baum, von wo aus ich einen guten Überblick habe, mein Rücken aber trotzdem geschützt ist, vor was auch immer des Nachts in Nimmerland so kreucht und fleucht.

„Ich bin kein Feigling“, sage ich mir immer wieder vor, als ich mich einem Mahagonibaum nähere, den ich mir als Schlafplatz ausgesucht habe. „Die Dunkelheit erschreckt mich nicht.“ Nein, ganz bestimmt nicht. In der Ferne schreit eine Eule. Meine Zähne beginnen zu klappern. Okay, sie tut es doch.

Das Gras raschelt unter meinen Füßen. Mit dem Rücken an den Baumstamm gepresst, sinke ich auf den Boden und beobachte meine Umgebung mit Adleraugen. Nichts bewegt sich. Gott sei Dank. Ich schlinge meine Arme fest um meine Beine. „Sei tapfer, Angel“, murmle ich durch zusammengebissene Zähne. Das ist Nimmerland. Die Insel der Schätze, Feen und Regenbögen. Hier gibt es nichts, wovor ich Angst haben müsste.

Aber es ist auch die Heimat von Hook. Der Name schwirrt in meinen Gedanken herum. Captain der Piraten. Hässlich wie die Nacht, mit einem Silberhaken am Arm. Hat er irgendwie seine Hand verloren und sie mit einem Haken als Waffe ersetzt? Was ist, wenn er mich hier draußen findet und mich mit diesem Haken aufschlitzt, vom Nabel bis zur Nase?

Himmel noch mal, wo kam denn die Idee plötzlich her? Ich versuche, die Vorstellung schnell wieder abzuschütteln, und denke stattdessen an etwas Schönes. Daran, wie sich Elfenstaub zwischen meinen Fingern anfühlt und wie unglaublich es aussah, als sich hunderte Regenbögen über Nimmerland erstreckt haben. Mit diesen netten Bildern im Kopf schaffe ich es, meinen rasenden Puls zu beruhigen. Langsam schließe ich die Augen, aber beim Schrei der Eule irgendwo im Dschungel hinter mir und all den anderen unheimlichen Geräuschen, läuft es mir kalt den Rücken hinunter.

Nervös wie ein Kaninchen sitze ich die Nacht aus und bete, dass die dunklen Wolken, die sich gerade vor den Mond schieben, nicht mit Regen geladen sind. Peter sagte doch, in Nimmerland gäbe es niemals schlechtes Wetter. Ich hoffe nur, er hatte Recht.

Mein Rücken und Hintern fangen an, vom Sitzen wehzutun, und irgendwann kippe ich einfach zur Seite, lege meinen Kopf auf meinen angewinkelten Arm und falle in einen traumlosen Schlaf.

Es fühlt sich an, als wäre ich nur wenige Minuten weg gewesen, doch als ich die Augen wieder öffne, hat die dunkle Nacht bereits einem strahlend blauen Morgenhimmel Platz gemacht. Die warme Sonne scheint mir ins Gesicht. Erst einmal strecke ich mich nach allen Seiten und pumpe wieder Blut in meine Glieder, damit sie sich nicht länger wie totes Geäst an meinem Körper anfühlen. Mein Gähnen dabei ist lauter als das Brüllen eines Berglöwen. Dann stehe ich auf und klopfe mir die Blätter und losen Grashalme von meinen Klamotten.

Mein Magen knurrt. Ich komme vor Hunger fast um, aber was mir noch mehr zu schaffen macht, ist mein knochentrockener Hals. Ich könnte einen ganzen See austrinken … falls ich irgendwo einen finden würde. Gestern ist mir jedenfalls keiner aufgefallen, als Peter mit mir über die halbe Insel geflogen ist. Aber dann erinnere ich mich wieder an die kleine Hafenstadt, die ich gestern aus der Luft gesehen habe. Vielleicht ist es das Beste, ich schlage mich Richtung Süden durch. Dort gibt es sicher Wasser und etwas zu essen. Und wer weiß, möglicherweise finde ich dort ja auch ein Schiff, das mich von dieser Insel wegbringen kann. Jemand im Hafen weiß bestimmt, wo London liegt.

Mit grollendem Magen mache ich mich auf den Weg über die grünen Hügel, hinter denen hoffentlich der Hafen liegt. Einen nach dem anderen besteige ich, immer in der Hoffnung, dieser wäre nun endlich der letzte, doch jedes Mal türmt sich dahinter ein weiterer auf. Schweiß tropft mir bereits von der Stirn und meine Zunge klebt am trockenen Gaumen fest. Es ist mir egal, was ich tun muss, um an einen Tropfen Wasser zu gelangen. Ich bin sogar bereit, den restlichen Tau von den Grashalmen zu lutschen, um diesen quälenden Durst zu stillen. Dann endlich, hinter dem fünften Hügel dringt das leise Plätschern eines Baches zu mir.

Vorfreude treibt meinen Herzschlag nach oben. Meine Beine entwickeln einen ganz eigenen Willen und tragen mich mit hastigen Schritten hinunter ins Tal, wo sich der schmale Fluss entlang schlängelt. Zu schnell. Am Fuße des Hügels stolpere ich und verliere das Gleichgewicht. Wie eine Lawine rolle ich abwärts und lande mit einem Platsch im Wasser.

Es ist herrlich, und ich denke gar nicht daran, an Land zu klettern. Nach ein paar beruhigenden Atemzügen trinke ich aus meinen Händen und tauche dann noch einmal ganz unter Wasser, um den Schmutz und Staub der letzten Nacht loszuwerden. Voll neuer Energie und Hoffnung, wate ich anschließend durch den Fluss und klettere ans andere Ufer.

Jetzt ist es nicht mehr weit. Ich kann schon den Lärm der kleinen Stadt hören, und als ich endlich oben auf dem letzten Hügel ankomme, breiten sich unter mir Hunderte von bunten Dächern wie eine Flickendecke aus. Ein zentnerschwerer Stein fällt mir vom Herzen. Aufgeregt laufe ich auch diesen Hang noch hinunter und auf die verträumte Hafenstadt zu.

Kopfsteinpflaster ersetzt bald das Gras unter meinen Füßen. Das Gefühl, endlich wieder auf hartem Untergrund zu laufen, erinnert mich an mein Zuhause. Wie gut das tut. Ich atme erleichtert durch.

Farbenprächtige Häuser säumen den Straßenrand. Manche von ihnen haben einen venezianischen Balkon und Flügeltüren, andere sind einfacher gebaut, mit Blumentöpfen neben den Türen und unter den Fenstern. Die ersten Leute, die mir begegnen, sind zwei junge Damen in weit ausladenden Glockenkleidern aus weinroter und froschgrüner Seide. Beide tragen einen Sonnenschirm bei sich, aber nur die junge Frau in Rot benutzt ihn, um sich vor der sengenden Sonne zu schützen.

Die beiden wissen bestimmt, wo ich hier ein Passagierschiff finde. Doch als sie mich heraneilen sehen, macht sich Angst auf ihren Gesichtern breit. Rasch heben sie ihre Röcke an, um nicht mit ihren Schnürstiefeln darüber zu stolpern, und huschen in eine Gasse zu meiner Linken.

Was sollte denn das eben? Ich kratze mich am Kopf und sehe mich verwirrt um. Was hab ich denn gemacht? Rieche ich etwa streng? Nein, kann nicht sein, entscheide ich, nachdem ich an meinem Sweatshirt gerochen habe, das mittlerweile in der Sonne getrocknet ist, genau wie der Rest meiner Klamotten. Dann dämmert es mir. Mein Kapuzenpulli muss der Grund für ihre Panik gewesen sein. Oh verdammt! Tami war total aus dem Häuschen, als sie gestern den Totenschädel auf meinem Pulli gesehen hat. Vermutlich dachten die Damen gerade eben auch, dass ich zu den Piraten dieser Insel gehöre.

Um weitere Missverständnisse zu vermeiden, ziehe ich mir das Sweatshirt aus und binde es mir um die Hüften, und zwar so, dass das Bild versteckt ist. Das müsste reichen.

Die Straße, auf der ich mich befinde, führt zu einer größeren direkt am Ufer, und hier wimmelt es nur so vor Menschen. Wahrscheinlich ist das die Hauptstraße dieser niedlichen Stadt. Dahinter erstreckt sich der mächtige Ozean. Hier bin ich richtig. Hastig mische ich mich unter die Leute, trotzdem steche ich in der Menge mit meinen Jeans, den Turnschuhen und meinem hautengen schwarzen T-Shirt immer noch heraus.

Obwohl nicht alle hier so elegant gekleidet sind wie die beiden Ladys vor zwei Minuten, so ist die hier angesagte Mode doch eindeutig aus einer völlig anderen Zeit als meiner. Ich würde sie auf Beginn des vorigen Jahrhunderts datieren, oder sogar noch früher. Anhand der Art, wie die Leute gekleidet sind und ihr Haar tragen, ist es leicht, ihren Stand in der Gesellschaft abzulesen.

Die wohlhabenden Mädchen tragen ihre prachtvollen Locken zu edlen Hochsteckfrisuren aufgetürmt, die meist noch mit einem prunkvollen Hut gekrönt werden. Ihre farbenprächtigen Kleider bedecken so gut wie jeden Quadratzentimeter ihres Körpers, vom Hals bis zu den Zehenspitzen. Das ärmere Volk ist in einfache Lumpen aus Leinen gekleidet und manche von ihnen laufen sogar barfuß auf dem Pflaster. Mir kommt es vor, als wäre ich hier mitten in das Filmset von Downton Abbey gekracht.

Obwohl sie mir alle seltsame Blicke zuwerfen, weicht mir niemand aus. Ich schüttle mein Haar auf und mache ein freundliches Gesicht, während ich auf ein Mädchen in meinem Alter zusteuere, das einen prall gefüllten Obstkorb unterm Arm trägt. Ihre nackten Füße sind schmutzig und in ihrem verfilzten Haar wohnen wahrscheinlich jede Menge Läuse und anderes Ungeziefer, aber sie sieht hilfsbereit aus, als sie einem kleinen Jungen am Straßenrand eine Birne schenkt.

„Entschuldige bitte!“ Ich bleibe vor ihr stehen und bemühe mich um mein allerliebstes Lächeln.

„Aye?“, erwidert sie und mustert mich argwöhnisch. War ja zu erwarten.

„Weißt du, wie ich von dieser Insel wegkomme?“

„Mit ’nem Boot, würd ich sag’n.“ Ihr Blick wandert über meine Klamotten wieder hoch zu meinem Gesicht, und sie schenkt mir nun ebenfalls ein Lächeln, obwohl ihres ja ein wenig skeptisch rüberkommt. „Aber wo willst’n du hin? Da draußen is’ nichts außer viel Wasser.“ Sie hält den Korb mit nur einer Hand und schwenkt den anderen Arm zur Seite, wo die schweren Wellen gegen die Hafenmauer rollen.

Bei dieser Antwort sinkt meine Hoffnung, und Unsicherheit kriecht in meine Stimme. „Ich muss dringend nach London.“

„London? Noch nie von gehört.“ Sie spitzt ihre Lippen. „Meinst du vielleicht das Indianerlager auf der anderen Seite der Insel?“

Ich kneife meine Augen zusammen, wobei mir ein schweres Seufzen entweicht. Ganz sicher meine ich nicht das Indianerlager. „Nein, aber danke trotzdem.“

Das Mädchen nickt, doch bevor sie mich hier alleine stehen lässt, halte ich sie noch am Arm fest. „Würdest du mir dann wenigstens einen Apfel verkaufen?“ Es muss bereits nach Mittag sein und ich bin am Verhungern.

Sie wischt ihre schmutzige Hand an ihrem Leinenkleid ab und holt einen strahlend roten Apfel aus dem Korb. „Das macht eine halbe Dublone.“

Ich habe keine Ahnung, was eine Dublone ist, aber in meinen Taschen habe ich immer etwas Kleingeld. Kurzerhand hole ich zwei Pfund und fünfundsiebzig Pence hervor.

„Was ist das?“, fragt das Obstmädchen verwundert und neigt ihren verlausten Kopf.

„Wir bezahlen damit in London.“

„Deine Münzen haben keinen Wert bei uns.“

Händeringend verlagere ich mein Gewicht von einem Bein auf das andere. „Es tut mir leid, aber ich habe nichts, was ich dir sonst dafür geben könnte.“ Natürlich stimmt das nicht ganz. In meiner Hosentasche steckt immer noch ein fetter Rubin, doch das wäre ein etwas überteuerter Preis für einen Apfel.

Wieder kräuseln sich ihre Lippen. Ihr Blick wandert dabei zu dem Pulli, den ich um meine Hüften geschlungen habe. „Du kannst zwei haben, wenn du mir dafür den da gibst.“

Mmm. „Ich glaube nicht, damit wärst du nicht glücklich“, stöhne ich.

Sie zuckt mit einer Schulter, wobei ihr der Träger des einfachen grauen Kleides runterrutscht, und legt den Apfel zurück in ihren Korb. „Meine Schwester braucht was Neues zum Anziehen. Nimm den Apfel, oder lass es. Deine Entscheidung.“

Vor Hunger tut mir schon der Bauch weh. Ich habe hier also nicht wirklich eine Wahl. „Na gut.“ Zögernd löse ich den Knoten der Ärmel und bete dabei, dass sie nicht gleich ausflippen wird, wenn sie den Totenschädel auf der Vorderseite sieht. Aber im Augenblick will wohl niemand meine Gebete erhören. Sobald ich ihr den Pulli entgegenhalte, bricht sie in ein hysterisches Geschrei aus, bei dem mir fast das Trommelfell zerplatzt. Im nächsten Moment saust sie in die entgegengesetzte Richtung los und nimmt ihren Obstkorb mit sich.

Zu meinem Glück fällt bei dieser abrupten Flucht der rote Apfel heraus und kullert die Straße hinunter. In diesem Augenblick schere ich mich weder um das verwahrloste Mädchen noch um sonst jemanden um mich herum, sondern haste einfach nur dem Apfel hinterher. Wenn ich ihn nicht in den nächsten paar Sekunden erwische, rollt er über die Hafenmauer und fällt ins Meer. Und ich bin im Arsch.

Menschen schimpfen und springen zur Seite, als ich meinem Mittagessen hinterher sause. Ich bücke mich und erwische ihn beinahe. Doch ich bin zu langsam. Jemand kommt mir zuvor.

Ein schwarzer Stiefel stoppt den Apfel unter seiner Zehenspitze und zertrampelt damit jegliche Hoffnung auf eine leckere Mahlzeit. Stöhnend sinke ich vor dem Stiefel auf die Knie. Mein enttäuschtes Gesicht spiegelt sich in der polierten Silberschnalle am Schaft.

Eine Hand schiebt sich in mein Sichtfeld und hebt den Apfel auf. Ich blicke hoch in das Gesicht eines jungen Mannes. Als er sich wieder aufrichtet, stehe auch ich vom Boden auf. Mit nur einem halben Meter Abstand zwischen uns wandert sein beunruhigender Blick über meinen ganzen Körper. Bestimmt wegen meiner ungewöhnlichen Kleidung. Aufgrund seines violetten Gehrocks, der schwarzen Lederhose, die er trägt, und nicht zuletzt wegen seines herablassenden Gehabes nehme ich mal an, er gehört hier zur oberen Schicht der Gesellschaft.

Scharfe blaue Augen blitzen hinter den hellblonden Strähnen hervor, die ihm in die Stirn hängen und so aussehen, als hätte sie der Wind zerzaust. Er hat wohl heute noch keine Zeit gehabt, sich zu rasieren, denn über sein Kinn und seine Oberlippe zieht sich ein leichter Schatten im selben von der Sonne gebleichten Blond. Er zieht seine Brauen zu einem Stirnrunzeln zusammen. Das niedere Fußvolk weicht wohl üblicherweise vor ihm zurück. Tja, ich nicht.

„Das ist mein Apfel“, erkläre ich mit fester Stimme, obwohl sich mir unter seinem finsteren Blick in Wirklichkeit die Nackenhaare sträuben. Ich strecke meine Hand aus, die Handfläche fordernd nach oben.

Der junge Mann leckt sich über die Unterlippe und saugt diese dann zwischen seine Zähne. Er macht ein Gesicht, als würde er gerade seinen Ohren nicht trauen. Dann wandert ein Mundwinkel langsam nach oben, während er meinen Apfel in seine Manteltasche steckt. Für einen weiteren kurzen Moment blickt er mir direkt in die Augen, dann beginnt er, aus vollem Leibe zu lachen, dreht sich auf dem Absatz seiner abgenutzten Stiefel um und lässt mich einfach stehen.

„Verdammter Mistkerl“, maule ich und stapfe ebenfalls davon – nicht hinter ihm her, sondern hinüber zu der Ruine einer Steinmauer, die eine alte Fischerhütte umgibt. Die Fenster und Türen dieser Hütte sind mit mehreren morschen Brettern zugenagelt.

Ein Bein auf der Mauer und das andere lose baumeln lassend, setze ich mich auf die Mauer und lehne mich an einen Betonpfosten hinter mir. Erschöpfung nagt an mir und mein Magen fühlt sich an, als würde er sich vor Hunger gerade selbst aufessen.

Als ich meinen Kopf zurück neige, bleibt mein Haar an der rauen Oberfläche des Pfeilers hinter mir hängen und ich zucke bei dem unangenehmen Ziepen zusammen. Für eine ganze Weile starre ich nur in den klaren blauen Himmel. Falls das Ganze nur ein Traum ist, würde ich alles tun, um endlich daraus zu erwachen. Vielleicht sollte ich die Meerjungfrau von gestern suchen und sie bitten, mich so tief unter Wasser zu ziehen, bis mir die Luft ausgeht und ich ertrinke. Schließlich kann man in einem Traum nicht wirklich sterben und wacht schließlich auf, nicht wahr? Da gibt es nur einen Haken: Wenn das doch kein Traum ist, bin ich verloren.

Still und leise ächze ich vor mich hin und wünsche mir, ich könnte meine kleinen Schwestern in die Arme nehmen. Was ist, wenn ich sie nie wiedersehe? Oder Mum und Dad? Und Miss Lynda? Peter zu verärgern war wohl keine so gute Idee. Am Ende hätte er mir vielleicht doch helfen können, nach Hause zu gelangen. Vielleicht hört er ja irgendwann auf zu schmollen und kommt mich suchen. Er kann schließlich nicht ewig sauer sein, weil ich nicht für den Rest meines Lebens in Nimmerland bleiben will.

Als ich etwas Kaltes in meinen Fingern spüre, blicke ich nach unten und finde den Rubin in meiner Hand. Sanft streichle ich ihn und halte ihn gegen die Sonne. Das warme Licht bricht sich tausendfach in den Facetten und landet in einem Schwarm aus schillernden Punkten auf meinem T-Shirt. Die Lichttupfen tanzen, wenn ich den Edelstein vor und zurück kippe.

Mein Blick schweift hinaus aufs Meer zu den Wellen, die gegen die Betonmauer des Hafens peitschen, und anschließend zurück auf die Straße mit den vielen vornehm gekleideten Leuten, die geschäftig auf diesem Marktplatz aus einer anderen Zeitepoche umher eilen. Einige kaufen Obst und Gemüse oder Ballen aus feinster Seide, andere versaufen den Tag vor zwielichtigen Spelunken.

Lautes, kehliges Gelächter zieht meine Aufmerksamkeit auf ein paar Männer vor einem Pub. Sie sitzen in der Sonne auf Schemeln um ein Fass herum, das ihnen als Pokertisch dient. Ich erstarre vor Schreck. In ihrer Mitte sitzt doch tatsächlich der Apfeldieb.

Er lacht nicht mit den anderen. In der Tat glaube ich nicht einmal, dass er gerade überhaupt gehört hat, worüber sich diese Halunken die Bäuche schieflachen, denn mit den Ellbogen auf das Fass gestützt und die Finger unter seinem Kinn wie zu einem Kirchturm zusammengelegt, scheint er in Gedanken versunken. Und wenn er nicht gerade an der heruntergekommenen Fischerhütte hinter mir interessiert ist, dann liegt sein Augenmerk auf mir.

Ich halte seinen Blick nur für eine Sekunde, dann knirsche ich mit den Zähnen und drehe mich weg. Der Kerl kann sich meinetwegen vor den Fünfuhrzug werfen. Der hat bestimmt mehr Geld als Heu und vergönnt mir nicht mal einen dämlichen Apfel.

Den Rubin immer noch zwischen meinen Fingern hin und her rollend, überlege ich mir einen neuen Plan, wie ich von dieser Insel wegkomme. Flugzeuge gibt es hier offensichtlich noch nicht, aber vielleicht nimmt mich ja eins der Schiffe mit, die weiter unten im Hafen liegen. Obwohl die ja nicht gerade aussehen, als würden sie jeden Moment ablegen. Um ehrlich zu sein, würde ich meine linke Niere verwetten, dass keins der Schiffe in letzter Zeit weiter draußen war, als die dicken Taue an Bug und Heck zulassen. Zwar tummeln sich jede Menge Leute auf den Decks, doch es sieht eher so aus, als wären diese Schiffe zu einfachen Kaufläden umfunktioniert worden und würden schon lange nicht mehr als Transportmittel dienen. So ein Pech.

„In deiner Hand hältst du einen Edelstein, mit dem du dir die halbe Stadt kaufen könntest, und trotzdem jagst du einem Apfel hinterher. Was steckt dahinter?“

Überrascht drehe ich mich zu der sanften Stimme um. Einige Meter von mir entfernt lehnt der junge Mann mit dem violetten Gehrock an einer Straßenlaterne und beobachtet mich mit einem interessierten Lächeln auf den Lippen. Seine Arme hat er vor der Brust verschränkt und ein Bein ist angewinkelt, die Sohle des Stiefels hat er dabei gegen den Laternenpfosten gestemmt.

Mein erster Reflex ist es, das Rubinherz schnell in meine Hosentasche zu stecken, um es vor diesem Dieb zu schützen. Dann fauche ich: „Was geht dich das an?“

„Keine Ahnung.“ Er langt in seine weite Manteltasche und wirft mir ohne Vorwarnung den Apfel herüber. „Ich bin nur neugierig.“

Ich fange den Apfel mit beiden Händen auf und beiße in Panik sofort ein großes Stück davon ab, bevor er ihn zurückverlangen kann. Du liebe Zeit, schmeckt das herrlich. Die Spucke in meinem wässrigen Mund vermischt sich mit dem sauren Saft des Apfels, und ich schlucke das halb zerkaute Stück schnell runter, um gleich noch einmal reinbeißen zu können.

„Du bist ein Besucher.“

„Was hat mich verraten?“, frage ich mit vollem Mund und mache dabei ein zynisches Gesicht.

Der Apfeldieb kommt auf mich zu und setzt sich mit gegrätschten Beinen mir gegenüber auf die Mauer. Er macht sich nicht einmal die Mühe, erst den Staub mit einem fein bestickten Taschentuch abzuwischen, wie es jemand aus dem Adelsstand, dem er ganz offensichtlich angehört, sicher tun würde. Aber wer weiß, vielleicht ist er ja gar kein so vornehmer Schnösel. Anstatt meine Frage zu beantworten, meint er nur: „Wo kommst du her?“

Nachdem er nun den kalten und herablassenden Blick von vorhin abgelegt hat, sieht er gleich viel weniger einschüchternd aus. Und da er an meiner Geschichte interessiert scheint, ist er vielleicht sogar bereit, mir zu helfen. Ich lecke mir den Fruchtsaft von den Lippen und beobachte ihn noch einen Moment, doch als er seine Augenbrauen hochzieht und mich damit auffordert, endlich loszulegen, erzähle ich ihm: „Ich komme von einer anderen Insel.“

„Tatsächlich? Wie heißt diese Insel?“

„Gr … ah …“ Angespannt schnippe ich mit den Fingern und meine Augen rollen dabei Richtung Himmel, aber der Name, der mir auf der Zunge liegt, will einfach nicht raus. Verdammt. Warum fällt er mir plötzlich nicht mehr ein? Gestern habe ich ihn doch auch Peter und Tami genannt. Aber es ist genau wie mit meinem eigenen Namen. Einfach wie weggeblasen.

Bis auf die Knochen blamiert, richte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf den jungen Mann vor mir und räuspere mich. Dann sage ich mit fester Stimme: „Es ist nicht wichtig, wie die Insel heißt. Ich komme aus London, einer großen Stadt dort.“

„Ah. Okay.“ Er zuckt belanglos mit den Schultern. „Der Name sagt mir leider gar nichts.“

„Ja, das dachte ich mir schon. Offenbar hat hier noch niemand etwas von meiner Heimat gehört. Was es mir nicht gerade leicht macht, dorthin zurückzukehren.“

„Du willst zurück?“

„Natürlich!“

„Warum bist du dann überhaupt erst hierhergekommen?“ Sein Gesicht strahlt immer noch diese unschuldige Neugier aus. Er stützt seine Hände vor sich auf die Mauer. „Ziemlich unklug, wenn du mich fragst.“

„Hey, es war nicht meine Absicht, hier zu landen. Das war ein Unfall.“

Er rollt mit seinen Schultern und biegt seinen Oberkörper ein wenig hin und her. „Aha, ich verstehe. Macht natürlich einen riesigen Unterschied.“ Es klingt, als würde mir dieser Schnösel kein einziges Wort glauben. „Und jetzt versuchst du, diesen Fehler rückgängig zu machen.“

„Unfall!“

„Ja, richtig. Diesen Unfall.“

„Ja, das tue ich. Irgendwie. Wenn ich nur wüsste, ob das alles hier wirklich echt ist“, jammere ich und esse den restlichen Apfel auf. Das Kerngehäuse werfe ich in hohem Bogen in die Wellen. „Du weißt schon … ob ich vielleicht all das hier nur träume oder halluziniere.“

Wieder zappelt der Mann in seinem Gehrock herum und dehnt seine Schultern nach hinten, dann öffnet er die Knöpfe und zieht mit einer leidigen Grimasse an seinem Hemd. „Also mir scheint es wirklich genug zu sein. Sonst würde ich mir in diesem verdammten Ding wohl kaum so eingeschnürt vorkommen.“

Langsam bekomme ich das Gefühl, der Gehrock gehört nicht zu seiner üblichen Kleidung. Hat er ihn heute nur hervorgeholt, um jemanden zu beeindrucken? Ganz sicher nicht die Trunkenbolde vor dem Pub auf der anderen Straßenseite. Einer von ihnen ist gerade von seinem Schemel gefallen und schnarcht nun auf dem harten Kopfsteinpflaster.

„Kannst du mir sagen, wie ich von dieser Insel runterkomme?“ Ich habe nicht vor, noch viel mehr Zeit mit unnötigem Geschwätz zu vergeuden. Ich muss zurück zu meinen Schwestern.

Er zuckt mit einer Schulter. „Schiff?“

„Legen die denn irgendwann in naher Zukunft ab?“

Meinem Nicken folgend, blickt er hinter sich und kratzt sich am Nacken. „Das bezweifle ich. Aber es gibt da ein Schiff, das draußen vor der Stadt vor Anker liegt. Es sollte in etwa einer Stunde ablegen. Wenn du dich beeilst, schaffst du es vielleicht noch.“

Wie ein aufgekratzter Welpe springe ich auf die Beine. „In welcher Richtung liegt es?“

Der blonde Mann mit den hübschen blauen Augen beginnt zu lachen. Dieses Lachen hat einen weichen Klang, den ich nicht von ihm erwartet hätte. „Weißt du was? Ich zeig’s dir, und du kannst mir auf dem Weg dorthin alles über dieses seltsame London erzählen.“

Was immer er will. Ich würde ihn sogar huckepack zu diesem Schiff tragen, wenn ich dadurch nur schneller von Nimmerland wegkommen würde. Auf mein ungeduldiges Grinsen hin erhebt er sich endlich von der Mauer, bückt sich aber noch einmal und hebt meinen Kapuzenpulli auf, den ich in meiner Aufregung total vergessen habe.

Ah – nein!“, rufe ich von Panik erfüllt. Aber es ist bereits zu spät. Er schüttelt ihn gerade aus und entdeckt natürlich den Piratenaufdruck auf der Vorderseite. Seine Lippen werden schmal, als er zur Salzsäule erstarrt, und seine Augen funkeln düster.

„Wirklich, das hat gar nichts zu bedeuten!“, versuche ich ihm schnell zu erklären. „Es ist nur ein dummes Bild, nichts weiter. Ich schwöre, ich habe nichts mit irgendwelchen Piraten zu tun!“

Sein Blick wandert über den Pulli zu mir und in seinen Augen blitzt verhaltene Heiterkeit auf, wobei sein linker Mundwinkel verschlagen nach oben wandert. „Das habe ich auch nicht angenommen.“

Vor Erleichterung atme ich auf. Endlich löst er sich aus seiner Erstarrung, tritt an meine Seite und legt mir seine Hand auf den Rücken, um mich in die richtige Richtung zu lenken. Nachdem er mir meinen Pulli ausgehändigt hat, binde ich ihn mir wieder – mit dem Bild nach innen – um die Hüften.

Wir lassen den verträumten Hafen hinter uns und die Straße verengt sich rasch zu einem Wiesenpfad entlang der Küste. Hin und wieder, wenn die Wellen zu meiner Linken mit zu starker Kraft ans steinige Ufer schlagen, erwischt mich ein feiner Gischtsprühregen am Arm. In der Nachmittagshitze ist mir die Abkühlung aber herzlich willkommen.

Nichts als Grasland erstreckt sich rings um uns. Kein weiterer Hafen, keine Schiffe, ja, nicht einmal ein kleines Boot. Ich hoffe nur, wir erreichen dieses besagte Schiff, bevor es in See sticht – und mit ihm, meine einzige Chance, nach Hause zu gelangen.

„Verrätst du mir auch deinen Namen?“, fragt mein Begleiter nach einer Weile mit einem überraschenden Hauch von Vergnügen in seiner Stimme. Die Hände hat er beim Gehen hinter seinem Rücken verschränkt.

„Angel … glaube ich.“

„Du glaubst?“

Ich verziehe das Gesicht. „Es ist kompliziert.“

Im Augenwinkel bemerke ich, wie er seinen Kopf zu mir dreht, also blicke ich ihn an und verliere mich für einen Moment in seinem Lächeln. „Ich bin sicher, ich werd’s verstehen“, meint er.

Während wir so nahe nebeneinander hergehen, steigt mir ein feiner Duft von Seewasser und Leder in die Nase. Deshalb frage ich mich, ob er wohl nahe am Ozean lebt. Eine zarte Mandarin-Note haftet ebenfalls an ihm. Er riecht wirklich nicht übel.

„Ich weiß nicht so recht, wo ich anfangen soll“, gestehe ich und kratze mich am Kopf. „Siehst du, ich lebe in der echten Welt –“

Er unterbricht mich, indem er eine argwöhnische Augenbraue hochzieht.

„Na ja, in einer anderen Welt eben. Dort gibt es große Städte … und Verkehr … und Flugzeuge. Und McDonald’s.“

Seine andere Augenbraue folgt der ersten nach oben.

Ich bin hier wohl auf dem völlig falschen Weg. „Sagen wir einfach, es ist eine Welt, die ganz anders ist als eure. Offensichtlich liegt sie sehr weit weg, da in Nimmerland auch noch nie jemand davon gehört hat. Ich bin bei uns zu Hause also raus auf meinen Balkon gegangen. Es war eiskalt und es hat geschneit. Und da bin ich wohl ausgerutscht und über die Brüstung gestürzt. Nur bin ich dann irgendwie nie auf dem Boden aufgeschlagen, sondern aus irgendeinem Grund plötzlich hier vom Himmel gefallen. In Nimmerland.“

Stillschweigend lauscht er meiner Geschichte. Vielleicht hat er ja schon mal von ähnlichen Vorkommnissen gehört.

„Wie auch immer, als ich hier gestrandet bin, konnte ich mich noch an alles Wichtige aus meinem Leben erinnern. Nur ein paar kleine Details sind mir offenbar abhanden gekommen.“

Jetzt lacht er mich aus. „Du nennst deinen Namen ein kleines Detail?“

„Ich … ähm …“ Verlegen ringe ich meine Hände. Schließlich zeige ich ihm das Tattoo auf meinem Handgelenk. „Ich glaube, das ist mein Name, obwohl ich ja ehrlich gesagt keine Ahnung habe, wo ich das Tattoo herhabe oder ob es überhaupt echt ist.“

„Ist es nicht“, sagt er beiläufig und überrascht mich damit. Wie kann er den Unterschied erkennen, wo er doch nur einen flüchtigen Blick darauf geworfen hat? Weil es mir gerade die Sprache verschlagen hat, fügt er hinzu: „Ich kenne mich ein wenig mit Tätowierungen aus. Sieh her –“ Er greift nach meinem Handgelenk und dreht es noch einmal herum. Seine Hand ist unerwartet schwielig. „Die Oberfläche glänzt in der Sonne. Kein echtes Tattoo würde das machen. Die Tinte befindet sich normalerweise in der Haut, nicht auf der Haut. Jemand hat dir das da bloß drauf gemalt.“

Drauf gemalt? Aber wer würde –? Plötzlich zupft ein kleines Lächeln an meinen Mundwinkeln. Paulina. Sie liebt diese Abziehbildchen. Sieht ihr ähnlich, dass sie mir eines auf den Arm geklebt hat. Vielleicht hat sie es auch erst gemacht, kurz bevor ich vom Balkon gefallen bin, und ich weiß es nur nicht mehr. Was genau haben wir eigentlich den ganzen Abend lang getrieben?

„Wohin bist du verschwunden?“

Verwirrt blinzle ich kurz und blicke in ein Paar neugierige blaue Augen.

„Es kam mir so vor, als hätte ich dich für einen Moment verloren. Ist alles in Ordnung?“, fragt er.

„Ja. Ich hab nur grade versucht, mich zu erinnern, was genau vor meinem Unfall eigentlich passiert ist. Meine Erinnerung ist in letzter Zeit etwas … schwammig.“

Er kräuselt seine Lippen, lässt mein Handgelenk wieder los und verschränkt seine Hände erneut hinter dem Rücken. „Gerüchten zufolge kommt es hin und wieder vor, dass sich ein Fremder nach Nimmerland verirrt. Üblicherweise erinnern sie sich nicht, wo sie herkommen. Sie tauchen eines Tages einfach hier auf und bleiben dann für immer.“

Betrübt blicke ich auf den Boden. „Davon habe ich auch schon gehört.“

„Also willst du wirklich wieder zurück.“ Er klingt gerade so, als würde er mir jetzt erst richtig glauben. Wenn er vorhin an meiner Absicht gezweifelt hat, warum wollte er mich dann zu einem Schiff bringen, das die Insel verlässt? Und wo ist überhaupt dieses Schiff?

Panik überfällt mich und ich bleibe wie angewurzelt stehen. Er hält ebenfalls an und mustert mich mit fragendem Blick. „Was ist?“ Er klingt ernsthaft besorgt.

„Weißt du denn, wem das Schiff gehört, zu dem du mich bringst?“

„Was meinst du?“

„Na ja, es ist nicht rein zufällig das Schiff von diesem Captain Hook, oder?“

Einige Sekunden lang starrt er mich prüfend an und hält seinen Kopf dabei leicht zur Seite geneigt. Seine Augen werden schmal, und er betont jedes Wort einzeln, als er mich fragt: „Wer um alles in der Welt ist Captain Hook?“

Puh, da hab ich ja noch mal Glück gehabt. Wenn er mich wirklich zu Hooks Schiff führen wollte, hätte er sicher schon von ihm gehört. Die Muskeln in meinem Nacken entspannen sich wieder und ich spaziere weiter neben ihm her. „Ich habe ihn selbst noch nie getroffen, aber angeblich ist Hook ein Pirat. Man sagt sogar, er sei der hässlichste, grausamste und gemeinste von allen.“

„Großer Gott, wenn das so ist, hoffe ich bloß, dass ich ihm niemals über den Weg laufen werde.“

Ich lächle. „Ja, das hoffe ich auch.“

„Aber du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen. Ich kenne jeden Einzelnen auf diesem Schiff. Vertrau mir, dort bist du absolut sicher.“

Ich versuche, meine restlichen Nerven auch noch zu beruhigen und Hook aus meinen Gedanken zu streichen. Wahrscheinlich ist er sowieso nur ein Hirngespinst. Es würde mich nicht wundern, wenn Peter und die Jungs ihn nur erfunden hätten, weil ihnen langweilig war oder damit sie Leute wie mich damit erschrecken können. Jetzt kann ich sogar über Loneys Anspielung lachen, dass mich eine Kanonenkugel gestreift haben könnte, als ich vom Himmel gefallen bin. Die Vorstellung ist ja auch echt zu komisch.

Gelassen wende ich mich wieder meinem Begleiter zu. „Wie ist eigentlich dein Name?“

Ein knappes Lächeln zieht seinen linken Mundwinkel nach oben. Wahrscheinlich weil ich erst nach zwei Kilometern gemeinsamer Wegstrecke auf diese einfache Frage komme. Erst jetzt wird mir bewusst, dass wir die ganze Zeit nur über mich gesprochen haben. Er wartet einen weiteren Moment, bevor er antwortet: „Mein Name ist Jamie.“

Mir gefällt, wie dabei sein schiefes Grinsen zu einem vollen Lächeln wird. Wenn er nicht gerade diesen Erstarre-unter-meinem-finsteren-Blick-denn-du-bist-unter-meiner-Würde-Scheiß abzieht, ist er ja wirklich ein gut aussehender junger Mann. Es ist schwer zu sagen, wie alt er wirklich ist, denn durch die sonnengebräunte Haut sieht er auf den ersten Blick aus wie Mitte zwanzig. Aber wenn man genauer hinsieht, hat er immer noch diese knabenhaften Züge, die mich ihn deutlich jünger einschätzen lassen. Einundzwanzig vielleicht. Zweiundzwanzig, wenn’s hoch kommt.

Sein Lächeln verschwindet und wird ersetzt durch pure Neugier. Da erst fällt mir auf, dass ich ihn wohl ein wenig zu lange angestarrt habe. Mir wird unangenehm heiß im Gesicht. Gott sei Dank rettet er mich aus diesem peinlichen Moment, als er verkündet: „Wir sind fast da“, und dabei in die Ferne nickt. Hinter dem nächsten kleinen Hügel steht schon die Mastspitze empor und gibt unser Ziel preis.

Erleichterung durchdringt jede meiner Zellen. Er hat also nicht gelogen. Es gibt hier draußen wirklich ein Schiff. Aber als wir näher kommen, plagt mich schon die nächste Sorge. „Warte.“ Ich packe ihn am Arm und halte ihn zurück. „Ich hab gar keine Dublonen bei mir. Denkst du, sie werden mich auch so an Bord lassen?“

„Ganz bestimmt. Aber falls nicht, hast du ja immer noch einen murmelgroßen Rubin in der Tasche. Mit dem solltest du eigentlich überall hingelangen.“ In seinen Augen blitzt ein Funke von Habgier auf, aber er ist verschwunden, bevor ich mir sicher sein kann, dass er überhaupt da war. Bestimmt habe ich mich geirrt. Wenn er wirklich nur hinter meinem Juwel her wäre, hätte er auf dem Weg hierher mehr als genug Gelegenheiten gehabt, ihn mir zu stehlen.

„Du hast Recht. Er sollte ausreichen, um für die Fahrt nach Hause zu bezahlen“, stimme ich ihm zu. „Obwohl ich ihn nur ungern eintauschen möchte. Er war ein Geschenk von einem Freund.“

„Einem Freund hier in Nimmerland?“

„Ja. Sein Name ist Peter.“

Jamie kämpft plötzlich damit, seinen Gesichtsausdruck unter Kontrolle zu halten. Überraschung trifft es nicht einmal im Ansatz, um zu beschreiben, was sich in seiner Mimik spiegelt. In seinem Unterkiefer springt gerade ein Muskel ziemlich wild hin und her. „Peter … Pan?“

„Ja genau. Du kennst ihn?“

Ein träges Lächeln huscht über seine Lippen. „Man könnte sagen, wir stehen uns nahe wie … Brüder.“

„Ohne Peter wäre ich jetzt Brei auf dem Dschungelboden“, erzähle ich Jamie. „Er hat mich gestern aus der Luft gerettet.“

„Das überrascht mich nicht. Verlorene Kinder finden üblicherweise zuerst zu ihm. Er hat wohl etwas an sich, das diese Brut anzieht.“

Die Tatsache, dass er mich als Kind bezeichnet, kratzt ekelhaft an meinem Ego. Zum Teil wegen dem, was ich gestern über Peter und die Jungs gelernt habe. Für immer ein Kind bleiben … ih! Keine Option für mich. Ich bin beinahe achtzehn, das heißt, ich zähle eigentlich schon zu den Erwachsenen. Dass ich meine kleinen Schwestern so gut wie jedes Wochenende beaufsichtige, sollte doch Beweis genug sein. Aber meinen Ärger verberge ich für den Moment. Und dann ist mir plötzlich sowieso alles egal, denn wir sind oben auf dem letzten Hügel angekommen und vor mir liegt es …

Mein Ticket nach Hause.

Mein Herz beginnt aufgeregt zu pochen, als ich das Schiff sanft in den Wellen vor der Küste auf und ab schaukeln sehe. Durch und durch aus cappuccinobraunem Holz gebaut, ist es viel größer, als ich erwartet hätte. Seine überwältigende Schönheit raubt mir fast den Atem. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie Christoph Columbus mit einem Schiff wie diesem die Welt umsegelt hat. An Deck befinden sich mehrere dicke Masten, doch nur an einem – dem größten, der aus der Mitte ragt – bläht der Wind die mächtigen weißen Leinensegel auf.

Bug und Heck des Schiffes liegen höher als das mittlere Deck. Es sieht so aus, als wären vorne und hinten jeweils die Mannschaftskabinen untergebracht. Reihenweise erlauben kleine quadratische Fenster von innen her einen Rundumblick. Hinter manchen von ihnen gibt es sogar Vorhänge, die zugezogen sind. Oben, auf dem hintersten Deck, befindet sich allem Anschein nach die Brücke. Das einsame Steuerrad mit seinen schweren Griffen sticht mir sogar aus hundert Metern Entfernung ins Auge.

Haufenweise Matrosen huschen übers Deck und beginnen an Tauen zu ziehen, nachdem einer von ihnen sein Fernrohr auf uns gerichtet und seinen Kameraden etwas Unverständliches zugerufen hat. Vielleicht hat er ihnen mitgeteilt, dass sie mit dem Ablegen noch ein paar Minuten warten sollen, da noch zwei Passagiere erwartet werden.

Aufgeregt werden meine Schritte immer schneller und mir fallen vor Staunen fast die Augen raus. Jamie, der mit seinen langen Beinen meiner neuen Geschwindigkeit natürlich leicht folgen kann, schmunzelt neben mir. Als wir endlich unten ankommen und nur wenige Meter von dem Fünfmaster entfernt stehen bleiben, verrenke ich mir beinahe meinen Hals, nur um das Schiff in seiner ganzen Pracht bewundern zu können. Jamie stupst mich sanft mit seinem Ellbogen an. „Nettes Boot, nicht wahr?“

„Umwerfend“, wispere ich.

„Na dann, worauf wartest du noch? Komm mit!“ Eine Hand in meinen Rücken gelegt, bugsiert er mich zur nahegelegenen Gangway, die an Deck führt, und lässt mir den Vortritt. Meine ganze Aufmerksamkeit ruht auf meinen Füßen und den vorsichtigen Schritten, die ich mache, denn die Holzplanke hat leider kein Geländer, und ich will ja nicht zwischen Küste und Schiff ins Meer stürzen. Je weiter ich komme, umso mehr schwingt die verdammte Planke. Jamies Fußtritte hinter mir geben mir ein wenig Sicherheit.

Mit einem kurzen Blick nach oben vergewissere ich mich, dass wir schon mehr als die Hälfte des Weges hinter uns haben. Gleichzeitig entdecke ich an Deck einen äußerst schmutzigen Matrosen. Er trägt ein löchriges Hemd und ein schwarzes Kopftuch. Von seinem locker sitzenden Ledergürtel hängt ein echter Säbel und sein linkes Auge ist hinter einer schwarzen Augenklappe verborgen.

Wie versteinert bleibe ich stehen.

Jamie knallt von hinten in mich rein, doch er hält mich gerade noch fest und vermeidet dadurch, dass ich in die Fluten stürze. „Was ist los?“, haucht er in mein Ohr.

Ich drehe meinen Kopf zwar zu ihm, behalte den bewaffneten Mann dabei aber stets im Auge. „Bist du sicher, das ist das richtige Schiff?“

„Ja, natürlich.“

„Hast du gesehen, was die alle anhaben? Ich glaube, das sind Piraten.“

„Nur keine Sorge“, erwidert Jamie mit einem gelassenen Schmunzeln. Aber ich mache mir Sorgen. Gänsehaut breitet sich über meinem Rücken aus. Ich möchte umdrehen und zurück an Land gehen, doch Jamie versperrt mir den Weg und drängt mich weiter.

Nur noch ein paar Schritte und ich stehe auf dem weiten Deck. Die Männer rund um mich herum tragen alle die gleichen schmutzigen Sachen und beäugen mich gierig. Als einer von ihnen lüstern lächelt, blitzt hinter seinen Lippen ein Goldzahn hervor.

„Jamie?“, krächze ich. Meine Knie werden butterweich. „Ich glaube, wir sind hier auf dem falschen Schiff.“

„Entspann dich, Engelchen.“ Den Kosenamen hat er bestimmt nicht gedankenlos gewählt. Seine Fingerspitze streichelt in einer unangenehmen Liebkosung meinen Nacken hinunter. „Wir sind ganz genau da, wo wir hinwollten.“

Ich sauge entsetzt die Luft durch mein verkrampftes Gebiss ein und wirble zu ihm herum. Jamie befreit sich mit nun offensichtlicher Abneigung aus seinem Gehrock und wirft ihn über Bord. „Ah, schon viel besser!“ Er lockert seine Schultern und stöhnt erleichtert auf.

Nun trägt er nur noch ein einfaches Leinenhemd mit langen Ärmeln, das am Kragen geschnürt ist. Himmel, wieso ist mir vorhin nicht schon aufgefallen, dass das Hemd in keinster Weise zu seinem vornehmen Mantel passt? „Du – du bist einer von ihnen“, sage ich mit heiserer Stimme. „Du bist ein Pirat.“

Hohn blitzt in seinen blauen Augen auf. Bei seinem zynischen Lächeln gefriert mir das Blut in den Adern. „Und der hässlichste, grausamste und gemeinste von allen noch dazu … hat man mir erzählt.“

Der Mann mit dem Goldzahn tritt an Jamie heran und überreicht ihm einen weiten schwarzen Hut mit einer einzelnen, buschigen Feder darauf, dann legt er die Hände um den Mund und schreit aus voller Lunge: „An die Arbeit, ihr räudigen Hunde! Der Käpt’n ist an Deck!“

„Hook“, entweicht mir ein beinahe lautloses Flüstern.

Jamie fährt sich mit einer Hand durchs Haar und setzt den Hut auf. Sein verruchter Blick durchbohrt mich, während sein Lächeln zu einem gefährlichen Versprechen wird. „Willkommen an Bord der Jolly Roger.“

 

 

***

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