Herzklopfen in Nimmerland

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Kapitel 1

 

EIN KLEINES KNÄUEL mit strohblonden Haaren quietscht auf meinem Bett. „Angel! Angel, hör auf! Ich mach mir gleich in die Hose!“

Sofort höre ich auf, meine kleine Schwester zu kitzeln, setze mich auf die Bettkante und hebe den Zwerg auf meinen Schoß. „Wehe du machst ins Bett. Ich schwöre, wenn du das tust, reiße ich deinem Stoffhasen die Ohren aus!“ Natürlich würde ich das niemals wirklich tun, aber die Drohung wirkt jedes Mal.

In diesem Moment kommt das exakte Ebenbild der aufgekratzten Fünfjährigen, die gerade auf meinen Knien sitzt, ins Zimmer, nur trägt dieser kleine Quälgeist ein dunkelrosa Feenkostüm mit einem Paar Elfenflügel auf dem Rücken. Der Chiffon ist an ihrem Po arg zerknittert, und ich frage mich, ob sie die letzte halbe Stunde auf dem Fußboden gesessen und mit ihren Puppen Teeparty gespielt hat.

Sie wedelt mit ihrem glitzernden, rosa Zauberstab, an dessen Spitze ein leuchtender Stern befestigt ist, vor meinem Gesicht herum. „Warum kreischt Paulina, als ob das Barbiehaus schon wieder abbrennt?“

Das Barbiehaus ist natürlich nie abgebrannt. Na ja, zumindest nicht vollständig. Es hatte vor einigen Wochen Feuer gefangen, als wir an Heiligabend die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet hatten. Dad hatte schnell den erstbesten Fetzen – Mums Lieblingskaschmirdecke – über das hölzerne Spielzeughaus geworfen, um die Flammen zu ersticken. Das Barbiehaus war gerettet, nur der Westflügel musste renoviert werden. Danach hatten mich meine beiden Schwestern so lange genervt, bis ich endlich nachgab und die Wände des Barbiewohnzimmers pink strich, um die Brandrückstände zu übermalen.

„Sie kreischt, weil der grässliche Captain Hook gerade wieder auf der Jagd nach hübschen Prinzessinnen ist“, knurre ich als Antwort auf Brittney Renaes Frage und setze Paulina auf den Boden. Dann springe ich von ihrem Bett hoch und der Giftzwerg im Feenkostüm saust quiekend aus dem Zimmer ihrer Schwester. In ihren dunkelroten Lackschuhen rennt sie den Gang hinunter um ihr Leben.

Gerade noch bevor sie im Schlafzimmer meiner Eltern verschwinden und mir die Tür ins Gesicht knallen kann, kriege ich sie zu fassen. Einen Arm um ihre zierlichen Hüften geschlungen, hebe ich sie hoch und springe mit ihr auf das Doppelbett meiner Eltern, das heute Nacht wieder einmal kalt bleiben wird, weil die beiden zu irgend so einem Wohltätigkeitsding eingeladen sind – wie fast jeden Samstagabend.

Ich kralle meinen Zeigefinger, um damit den Haken des grausamen Piraten zu imitieren. „Ich bin Hook, Anführer der dreckigsten Bande, die die Welt je gesehen hat“, grolle ich in der tiefsten Stimme, die ich zustande bringe. „Und gleich werde ich dich aufschlitzen, vom Nabel bis zu deiner Nase!“

Brittney Renae vergräbt ihr Gesicht an meiner Schulter und kichert. Das Kleine-Mädchen-Gegacker wird schnell zu einem lauten Lachen und Prusten, als ich sie zwischen den Rippen kitzle, und aus ihrem Mund sprühen Spucketropfen wie aus einem Vulkan.

Auf der ganzen Welt gibt es nichts, was mir mehr Freude bereitet, als das Lachen der Zwillinge. Ihr aufgewecktes Temperament packt mich jedes Mal, egal ob ich gerade dabei bin für meinen Highschool-Abschluss in ein paar Monaten zu büffeln, oder ob ich Miss Lynda mit dem Haushalt helfe.

Mum und Dad sehen es allerdings nicht gerne, wenn ich unserer steinalten Hausdame in der Küche zur Hand gehe. Mädchen aus feinem Hause machen sich die Hände nicht schmutzig – das haben sie mir mein ganzes Leben lang eingebläut. Ich durfte weder mit den anderen Kindern im Matsch spielen, als ich noch klein war, noch durfte ich zerrissene Jeans und Kapuzensweatshirts tragen oder ohne Kopfhörer in meinem Zimmer Rockmusik hören.

Als letzten Sommer das Kindermädchen der Zwillinge in einen anderen Stadtteil gezogen ist und meine Eltern keinen geeigneten Ersatz für sie finden konnten, habe ich meine Chance gewittert und einen Deal mit ihnen ausgehandelt. Mein Vorschlag war, an den Wochenenden auf die Mädchen aufzupassen, wenn sie mir dafür erlaubten, wenigstens im Haus normale Klamotten zu tragen. Diese ekelhaften Hosenanzüge und Blümchenkleider gingen mir echt schon auf den Keks.

Mum gab nach einer stundenlangen Diskussion endlich nach. Dad bestand darauf, trotzdem weiter nach einer neuen Nanny zu suchen. Als die Zwillinge aber mit ihren großen Kulleraugen klimperten, wurde auch er schließlich weich. Keiner in dieser Familie kann Paulina oder Brittney Renae etwas abschlagen, wenn sie auf die Tränendrüse drücken.

Meine Eltern stimmten also zu, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass mich niemand in diesen Sachen zu sehen kriegt. Wenn wir also Gäste zu einem Bankett im Haus empfangen, müssen leider immer noch diese albernen Blusen und bunten Haarschleifen herhalten. Echt, ich hasse es aufzutreten wie die Kammerzofe der Queen.

Und dann war da natürlich noch eine Bedingung. Dads Extraforderung für freie Kleiderwahl in diesem Haus bestand darin, dass ich Jasper Allensik, den Sohn seines Geschäftspartners kennenlerne, der offenbar auf irgendeine verwinkelte Art mit den Royals verwandt ist. Ich hab zwar widerwillig zugestimmt, habe meinen Vater allerdings hinterher darauf festgenagelt, dass wir ausgemacht hatten, ich müsse nur mit dem Jungen ausgehen, wenn ich ihn mindestens zu fünfundsechzig Prozent leiden konnte. Was nicht der Fall war.

Jasper Allensik ist eine Knalltüte. Er ist lang, dünn, trägt seine geölten Haare in einem Seitenscheitel und trinkt zu jeder Mahlzeit Tomatensaft, der ihm dann wieder aus der Nase spritzt, wenn ihn etwas Absolut-gar-nicht-Witziges zum Lachen bringt, wie etwa ein dämlicher Artikel in der Financial Times.

Nach einem langen Schultag in London trinke ich ganz gerne mal eine Erdbeermilch zu meinen Pommes, wenn ich noch Zeit für einen Abstecher zu Burger King habe. Allerdings versprühe ich da die Milch niemals durch meine Nase, ob ich nun lachen muss, oder nicht.

Wir haben natürlich nie Erdbeermilch zu Hause, weil mein Dad die nämlich nicht ausstehen kann. Und Pommes gibt’s bei uns auch nie. Miss Lynda wurde damit beauftragt, uns Hummer, Hühnerfilets und manchmal sogar Kaviar auf Toast zu servieren. Paulina und Brittney-Renae müssen zwar die Fischeier-Vorspeise noch nicht runterwürgen, aber seit meinem zwölften Geburtstag wird mir ständig vorgehalten, ich solle mich endlich an das glibberige Teufelszeug gewöhnen, damit ich meine Eltern nicht noch einmal so blamieren würde wie auf Evelyn Andersons Bankett zu deren Pensionierung. Weil ich damals nicht aufgepasst und das schwarze Zeug in der großen Glasschüssel mit Waldbeerpudding verwechselt hatte, schob ich mir einen Löffel voll Kaviar in den Mund, der dann aber postwendend und unter grausamem Würgen zurück in die Schüssel wanderte.

Tja, manchmal ist es eben gar nicht so leicht, die Erstgeborene in George McFarlands Haus zu sein.

Ich schnappe Brittney Renae und stelle sie auf ihre kleinen Füße. „Jetzt musst du aber ihr Bett machen“, sagt sie zu mir und fuchtelt dabei streng mit ihrem kleinen Zauberstab.

Ich gehorche. Miss Lynda macht das Bett der Zwillinge mindestens fünfhundertmal am Tag, um ja meine Eltern nicht in Rage über deren Unordnung zu bringen. Ich mache mein eigenes Bett jeden Morgen und versuche dann, es in diesem Zustand zu halten, bis es Zeit zum Schlafengehen ist. Leider gelingt mir das an den wenigsten Tagen, und so mache ich mein Bett wohl genauso oft wie Miss Lynda das der Zwillinge.

Doch mit meinen Schwestern im Bett meiner Eltern herumzutoben ist ein absolutes Tabu. Eigentlich dürften wir ja nicht einmal in diesem Zimmer sein, aber meine Eltern sind ja Gott sei Dank heute Nacht nicht zu Hause, und Miss Lynda hat vor einer halben Stunde das Schlachtfeld verlassen. Wer sollte uns also daran hindern, die Villa in einen Spielplatz umzufunktionieren?

Ich ziehe an den Enden der Laken und streife die Decke glatt, bis sie wieder makellos auf dem Bett ausgebreitet liegt. Der kleine Feenknirps hat mich mittlerweile verlassen, wahrscheinlich um in ihrem Zimmer weiter mit ihren Puppen zu spielen. Nachdem ich das Licht abgedreht habe, trete ich raus in den mit dunkelrotem Teppich ausgelegten Flur, und da hüpft mir Paulina entgegen und springt mir direkt in die Arme. Warum grinst sie wohl gerade wie ein Geburtstagsclown? Normalerweise bedeutet das, sie hat entweder eine zündende Idee … oder Miss Lynda hat mal wieder ein Säckchen ihrer selbst gebackenen Kekse in die McFarland Villa geschmuggelt, was rein zufällig heute Nachmittag der Fall war.

„Was gibt’s, Honighase?“, frage ich sie und streife mit den Fingern durch ihr langes, blondes Haar, das dick ist wie Heu.

„Ich hab eine Überraschung für dich.“

Oh, oh! Ihre letzte Überraschung endete mit einer giftgrünen Strähne in meinem Haar. Gott sei Dank ist Fingerfarbe auswaschbar. Ich verstecke mein grüblerisches Gesicht hinter einem aufgesetzten Lächeln. „Toll, dann lass mal hören!“

„Es ist ein Tattoo.“

„Ach du Scheiße!“

Paulina schlägt sich augenblicklich die Hände vor den Mund und kichert. Solche Wörter sind in diesem Haus unter Stubenarrest verboten, aber das ist mir jetzt egal, meine Eltern sind ja nicht hier, um mich auf mein Zimmer zu schicken. Von mittelschwerer Panik gepackt, setze ich meine kleine Schwester ab und knie mich vor ihr auf den Boden. Als ich die Ärmel ihres roten Pandabären-Pullis hochschiebe, kommen da zum Glück keine aufgeklebten Bilder zum Vorschein.

Sie kichert immer noch, doch jetzt aus einem anderen Grund. „Ich doch nicht, Dummerchen.“

Puh! Meine Mutter wäre ausgerastet.

„Es ist dein Name, darum musst du ihn auch draufmachen“, erklärt mir der kleine Naseweis dann und meine Kinnlade klappt nach unten.

„Was?“

Mit ausgestrecktem Arm öffnet sie ihre kleine Faust vor meiner Nase. Darin verbirgt sich ein Papierschnipselchen, auf dem das Wort Angel steht. Außer den Zwillingen nennt mich sonst niemand so, und es ist auch das einzige Wort auf der Welt, das die beiden bis jetzt überhaupt schon schreiben oder lesen können. Auf ihr unnachgiebiges Flehen hin habe ich es ihnen vor Weihnachten beigebracht – über eine ganze Woche lang.

Den Spitznamen Angel – also Engel – habe ich aber nur von ihnen erhalten, weil die beiden Mädchen, als sie zu sprechen begannen, meinen richtigen Namen, nämlich Angelina, einfach nicht so richtig über die Lippen bekamen. Irgendwie finde ich den Namen auch heute noch echt süß, obwohl ich ja ganz und gar nicht aussehe wie ein Engel.

Die blonden Engelslocken meiner Mutter sind mir verwehrt geblieben. Stattdessen habe ich die schnurgeraden rabenschwarzen Haare meines Vaters geerbt, die ich seit Kurzem als kinnlangen Bob trage. Meine Haut ist das ganze Jahr über bleich, als wollte ich einem Schneemann Konkurrenz machen, und meine dunkelbraunen Augen heben sich dadurch natürlich gleich doppelt so stark ab, wie zwei schwelende Kohlen im Schnee. Freches Teufelchen würde da schon eher zu mir passen.

Ich schnappe mir den Schnipsel von meiner Schwester. Es ist eines dieser Klebetattoos, die man immer mit den Disney-Prinzessinnen-Heftchen geliefert bekommt. Die Buchstaben sind lila und in schwungvoller Kursivschrift dargestellt, und aus ihnen regnet es Sterne. Großartig. Und wo soll ich mir das jetzt ihrer Meinung nach bitte hin kleben? Auf die Stirn vielleicht, damit meine Mutter morgen früh beim Frühstück einen hysterischen Anfall bekommt?

Als ob sie meine Gedanken lesen würde, zuckt Paulina mit den Schultern. „Wir können es ja auf die Innenseite von deinem Arm machen. Du trägst sowieso immer diese schwarzen Pullover. Mummy wird es schon nicht sehen.“

Wer kann zu diesem hoffnungsvoll strahlenden Herz-Gesicht schon Nein sagen? Ich seufze resignierend, nehme mir aber fest vor, das dumme Tattoo gleich morgen in aller Herrgottsfrühe abzuwaschen, bevor ich mich an den Frühstückstisch setze. „Na schön. Lass es uns machen.“

Ich scheuche Paulina vor mir her ins Badezimmer. Das Licht geht automatisch an, sobald wir die Tür aufmachen, und wird von den strahlendweißen Fließen im ganzen Raum reflektiert.

Vom Rand der ovalen weißen Wanne aus sehe ich zu, wie der eifrige Zwerg einen Hocker unterm Waschbecken hervorholt, den die Zwillinge normalerweise zum Zähneputzen brauchen, weil sie sonst nicht an den Wasserhahn rankommen. Auf diesen Schemel setzt sich Paulina, und ich warte geduldig, während sie mit einem feuchten Tuch an meinem Unterarm herumhantiert.

Als sie endlich fertig und rundum glücklich und zufrieden ist, stößt auch der Feenknirps zu uns. „Was macht ihr beiden denn hier drinnen?“, fragt sie und stemmt dabei ihre kleinen Fäuste in die Hüften. Ausnahmsweise hat sie ihren Zauberstab mal nicht mitgebracht.

„Ich habe Angels Namen auf ihren Arm tätowiert“, erklärt ihr Paulina mit stolzgeschwellter Brust.

„Wirklich?“ Brittney Renae tänzelt zu uns herüber und klatscht beim Anblick des Ergebnisses begeistert in die Hände. „Oh, das ist ja soo schön. Jetzt darfst du dir nie wieder den Arm waschen und musst das Tattoo für immer drauf lassen.“

„Wieso das?“, frage ich sie und muss dabei lachen. „Als Spickzettel, damit ich meinen eigenen Namen nicht vergesse?“

Paulina macht ein zerknautschtes Gesicht. „Was ist ein Spickzettel?“

„Den brauchst du, wenn du später mal … ach, nicht so wichtig.“ Lieber erst gar nicht auf eine weitere Wieso-und-warum-Fragerunde einlassen. Von denen bekomme ich nur Kopfweh.

Aus dem Wohnzimmer im unteren Stockwerk dringen die ersten Glockenschläge der großen Standuhr zu uns herauf. Es ist acht. „Zeit fürs Bett, Mädels.“

Die Zwillinge beginnen zu grinsen, denn Operation Zubettbringen beginnt immer auf die gleiche Weise, wenn wir alleine sind. Alle versammeln sich auf Paulinas Bett, Brittney Renae holt ein Buch und ich lese es ihnen vor. Wir machen das vor all dem anderen Zeug, wie Zähneputzen und Pyjamaanziehen, weil Brittney Renae ihr Kostüm immer bis zur letzten Minute anlassen möchte.

Ich mache es mir auf dem Kinderbett gemütlich und lehne mich an das Kopfende. Meine Schwestern schmiegen sich links und rechts an mich und Brittney Renae gibt mir das Buch, das sie für heute Abend ausgesucht hat. Dass es wieder einmal Peter Pan ist, überrascht mich nicht. Die Geschichte des fliegenden Jungen ist ihr Lieblingsbuch und ich lese sie den beiden Nacht für Nacht vor. Wie üblich sprechen die Zwillinge jedes einzelne Wort mit mir mit.

Eingepfercht zwischen den beiden wie ein Schwein im Stall, beginne ich bald in Paulinas warmem Zimmer zu schwitzen. Ich ziehe mir schnell mein Sweatshirt aus und werfe es ans Bettende, dann lese ich mit den Mädchen weiter.

Der fürchterlichste aller Piraten brachte die Kinder an Bord seines mächtigen Schiffes, die Jolly Roger“, sagen wir alle drei gemeinsam mit derselben spannungsgeladenen Stimme. „Er fesselte sie an den Segelmast und lachte ihnen voll Hohn ins Gesicht. Die schmutzige Mannschaft bejubelte ihren Captain, denn sie wussten genau, heute war der Tag, an dem Peter Pan den Kampf verlieren würde.“

„Oh nein!“, wimmert Paulina, als ich die Seite umblättere und die Zeit für einen tiefen Atemzug nutze. „Was ist, wenn der grausige Hook Peter dieses Mal wirklich schnappt?“

Unbemerkt verdrehe ich die Augen. Sie weiß ganz genau, wie die Geschichte ausgeht. Und doch … jedes Mal, wenn wir das Buch gemeinsam lesen, verliert sie sich so sehr im Geschehen, dass ihre Ängste um Peter Pan wahrhaftig werden und sie voll Bangen ihre kleinen Hände zu zitternden Fäusten ballt.

Ich lasse den beiden einen Moment, um die Bilder auf dieser Seite zu betrachten, bevor wir gemeinsam das Ende erleben und jeder von uns – ja genau, inklusive mir – erleichtert aufatmet. Ich weiß nicht, warum ich das mache. Möglicherweise, weil die Zwillinge mich einfach mit ihrer Aufregung anstecken, wann immer wir das Märchen von Peter Pan lesen.

Ich schließe das Buch und lege es auf Paulinas Nachttisch. Bestimmt werden wir es morgen wieder lesen. Die beiden wissen genau, was als Nächstes folgt, und ohne zu murren, huschen sie los, um sich die Zähne zu putzen. Während ihre piepsigen Stimmen zu mir dringen, als sie den Endkampf von Hook und Peter im Badezimmer nachspielen, mache ich die beiden Flügeltüren auf, die zu einem halbrunden, viktorianischen Balkon hinausführen. Im Mondschein sehen die langsam herabfallenden Schneeflocken aus wie ein bezaubernder Sternenregen.

Eine kalte Windböe zerrt an meinem T-Shirt. Die Gänsehaut, die mir gerade über den ganzen Körper huscht, erinnert mich daran, dass die Balkontür in meinem Zimmer die letzten zwei Stunden sperrangelweit offenstand. Schnell schließe ich die klirrende Kälte aus dem Zimmer meiner kleinen Schwester aus und eile in mein eigenes.

Hier drin ist es kalt wie in einem Eisfach, und doch kann ich mich nicht dazu überwinden, die Flügeltüren gleich zu schließen. Erst muss ich noch hinaus zu den tanzenden Schneeflocken. Langsam ziehe ich meine Füße durch die dünne Decke aus Schnee auf dem halbrunden Balkon und hinterlasse dabei mit meinen Turnschuhen eine Schlangenspur.

Diese Jahreszeit mag ich am liebsten. Draußen ist alles so ruhig und friedlich. Ich blicke hinunter auf unseren englischen Rasen, der jetzt unter einer dicken Schneeschicht verborgen liegt, und stelle mir vor, dass jeden Moment ein kleines Reh zwischen den Bäumen am Ende unseres Gartens hervorhüpfen könnte. Doch die Dunkelheit bleibt ungestört. Wir leben am Rande Londons. Hier hört man zwar nichts vom Großstadtgetümmel, doch liegt der nächste Wald immer noch zu weit weg, als dass man ein Reh oder einen Hasen vorbeihuschen sehen könnte.

Meine Hände auf die Marmorbrüstung gestützt, neige ich meinen Kopf nach hinten und versuche ein paar Schneeflocken mit dem Mund zu fangen. Die weißen Kristalle schmelzen auf meiner Zunge, während mehr von ihnen auf mein Gesicht fallen und sich in meinen Wimpern verfangen.

„Angel!“

Die Zunge immer noch herausgestreckt, drehe ich meinen Kopf zur Seite. Der Feenknirps steht auf Paulinas Balkon und winkt mir zu. Uns trennen nur wenige Meter und der Baumwipfel einer Esche, die schon lange vor meiner Geburt an dieser Stelle gepflanzt wurde. „Was ist?“, rufe ich zu Brittney Renae hinüber.

„Du hast deinen Pullover vergessen!“ In ihren Händen hält sie mein schwarzes Kapuzensweatshirt.

„Wirf ihn rüber!“ Ich lehne mich weit über die Brüstung und strecke meine Arme aus, um das Bündel aus Stoff zu fangen. Leider ist die Zielgenauigkeit meiner kleinen Schwester genauso mies wie der Musikgeschmack meiner Mutter, und das Sweatshirt landet in der Baumkrone. „Ach herrje!“ Seufzend lehne ich mich noch ein kleines Stückchen weiter über die Brüstung, aber das Shirt erwische ich trotzdem nicht. Der Baum hält es in seinen vielen Ästen und Zweigen gefangen.

Mir fehlen nur noch ein paar Zentimeter. Das wäre doch gelacht. Ich klettere kurzerhand auf die Balustrade und stütze mich an der Hausmauer ab. So kann ich mich noch ein klein wenig weiter hinauslehnen und bekomme schließlich einen Ärmel des Pullovers mit den Fingerspitzen zu fassen. Ich ziehe ihn zu mir herüber und versuche, mein Gleichgewicht mit einem Schritt zur Seite zu stabilisieren. Doch mein rechter Turnschuh rutscht auf der mit Schnee bedeckten Brüstung aus und ich verliere den Halt.

Mir entfährt ein schrilles Kreischen, als ich mit den Armen rudere und um meine Balance kämpfe. Dabei bete ich, dass ich es irgendwie schaffe, auf dem Balkon zu landen. Doch als ich das entsetzte Gesicht meiner immer kleiner werdenden Schwester sehe, weiß ich: Das wird weh tun.

 

 

Kapitel 2

 

ICH FALLE. AUS meiner Kehle entfährt ein Schrei, der die Luft um mich herum erzittern lässt. Kalter Wind zieht an mir vorbei. Ich öffne die Augen, die ich aus irgendeinem Grund bisher fest zusammengekniffen hatte. Um mich herum ist nichts. Wirklich gar nichts. Ich blicke in einen endlosen sommerblauen Himmel. In mir kommt Panik auf, denn ich falle immer noch! Wo zum Teufel bin ich?

In meiner Faust halte ich ein Sweatshirt, das zwar wie ein schwarzer Luftballon über meinem Kopf flattert, aber sonst leider nichts dazu beiträgt, dass ich langsamer werde. Und dann fällt es mir wieder ein. Du meine Güte, der Balkon! Ich habe das Gleichgewicht verloren. Eigentlich sollte ich längst auf dem Erdboden aufgeschlagen sein und mir alle Knochen im Leib gebrochen haben. Warum ist das nicht passiert?

Ich blicke in Fallrichtung und entdecke Zuckerwattewolken unter mir. Je näher ich sause, umso größer wird mein Schatten auf der flauschigen weißen Oberfläche. Wenige Sekunden später falle ich mitten hindurch.

Mein verzweifeltes Kreischen verstummt zu einem ängstlichen Wimmern. Als ich endlich wieder aus der Wolkendecke hervorbreche, kann ich unter mir Land sehen. Saftig grüne Hügel, ein Dschungeldickicht, und in der Ferne säumen kleine, bunte Häuser einen idyllischen Hafen. Die Insel, auf die ich zurase, hat die Form eines Halbmonds. Unter mir befindet sich nichts, was meinen Sturz abschwächen könnte.

Das ist doch Wahnsinn! Menschen fallen nicht einfach so vom Himmel. Mit zitternden Armen ziehe ich das Sweatshirt an meine Brust und umklammere es fest. Oh nein, in weniger als einer Minute bin ich Matsch auf dem Erdboden.

Viel zu schnell rase ich auf den Dschungel zu. Das karibisch blaue Meer, das die Insel umgibt, verschwindet aus meiner Sicht. Unter mir sind nur noch Bäume und Büsche. Auf einer kleinen Lichtung steht ein etwas höherer Baum und ich verfehle ihn nur um wenige Meter.

Während ich am Baumwipfel vorbei zische, entdecke ich zwischen den Zweigen ein Gesicht. Die Person, zu der das Gesicht gehört, schießt aus dem Blättergewirr heraus und bleibt am Ende des dicksten Astes stehen. Heiliger Strohsack, da steht tatsächlich ein Junge mit grasgrünem T-Shirt und braunen Lederhosen in der Baumkrone. In all meiner Verzweiflung denke ich noch: Wie kommt der denn da rauf? Sein neugieriger Blick folgt mir, als ich an ihm vorbei falle, dann legt er seine Hände wie einen Trichter um seinen Mund und ruft nach unten: „Vorsicht! Heute regnet es Mädchen!“

Es dauert einen Moment, bis mir klar wird, dass er gar nicht mit mir spricht, sondern mit einer kleinen Gruppe von Jungs unten auf der Erde. Jungs, die ich in ein paar Sekunden unter mir zermalmen werde. Sie alle neigen ihren Kopf nach oben und starren wie gefesselt zu mir hoch. Und dann passiert das Allerseltsamste überhaupt. Wie aus dem Nichts holt jeder Einzelne von ihnen einen schwarzen Regenschirm hervor und sie spannen ihn auf, als ob sie mich damit einfach wie einen Regenschauer abwehren könnten.

SIND DIE VERRÜCKT?

Dem Ende nahe, schreie ich mir die Seele aus dem Leib. Doch kurz bevor ich auf dem Boden aufschlage, fängt mich jemand aus der Luft, als wäre ich ein Baseball, und schießt mit mir wie bei einer Jahrmarktattraktion wieder nach oben. Es ist der Junge im grünen T-Shirt, der mich gerettet hat.

„Ah, Mädchen, du kreischst wie ein gefoltertes Wildschwein. Könntest du damit aufhören?“, stöhnt er mit verzogenem Gesicht und hält mich fest an seine Brust gepresst, während er mit mir über den gottverdammten Dschungel fliegt.

Den Mund sperrangelweit offen, aber jetzt still wie eine Maus, starre ich in sein Gesicht. Einen Moment später schlinge ich panisch meine Arme um seinen Hals.

Ein spitzbübisches Grinsen zieht seine Mundwinkel nach oben. „Hi.“

Ich sage gar nichts, denn ich kann einfach nicht fassen, was hier gerade passiert. Der Knabe scheint etwas jünger als ich zu sein, sieht total normal aus, mit blauen Augen, dickem braunen Haar und allem, und doch segelt er gerade wie ein Drache in der Thermik. Und ich mit ihm.

„Hast du etwa Angst vorm Fliegen?“, fragt er gelassen, als ob wir uns übers Wetter unterhalten würden.

„Ich weiß nicht“, krächze ich. Eigentlich glaube ich ja nicht, dass ich Flugangst habe, allerdings kann ich mich nicht erinnern, jemals auf diese Art durch die Lüfte getragen worden zu sein.

„Tja, falls doch, dann solltest du lieber nicht mehr aus den Wolken springen“, meint der doch glatt.

„Bin ich nicht!“ Eine glitschige Balkonbrüstung hätte eigentlich meinen Tod besiegeln sollen. Andererseits … was, wenn ich bereits tot bin? Und das hier ist die andere Seite? Nur für den Fall kneife ich den Jungen in die Wange und er ruft laut aua. Dem Himmel sei Dank, er hat es gespürt. Das ist also kein Traum und ich bin auch nicht im Himmel aufgewacht. Durch meine zusammengebissenen Zähne seufze ich erleichtert auf.

Der Junge landet schließlich bei seinen Freunden – allesamt Teenager, so wie sie aussehen – und trägt mich immer noch auf seinen Armen. Erst lässt er meine Beine los und wartet, bis ich einen festen Stand im Gras auf dieser kleinen Lichtung im Dschungel habe, dann nimmt er auch seinen zweiten Arm von mir. Er ist ein paar Zentimeter größer als ich und ziemlich schlaksig. Womöglich bekommt er hier nichts Ordentliches zu essen. Allerdings ist er bestimmt noch nicht ausgewachsen. Die meisten Jungs um die sechzehn, die ich kenne, sehen ein wenig unterernährt aus, das ist also wahrscheinlich ganz normal.

„Ich bin Peter. Peter Pan.“ Er streckt mir freudig die Hand entgegen.

Etwas zögerlich greife ich danach. „Und ich bin …“ Mehr kommt nicht raus. Aus irgendeinem Grund fehlt in meiner Erinnerung ein Stück. Eigentlich sollten dort sämtliche Informationen über mich selbst verankert sein, aber stattdessen ist da nur ein tiefes Loch. Was zum Teufel –?

Mit eindringlichem Blick und dem Kinn tief nach unten geneigt mustert er mich. „Hast du etwa deinen Namen vergessen?“

„Sieht so aus“, gebe ich kleinlaut zu und verzieh mein Gesicht zu einer Trockenpflaume. „Und was noch schlimmer ist, ich habe keine Ahnung, warum ich gerade vom Himmel gefallen bin.“

„Du weißt nicht mehr, was du in den Wolken gesucht hast?“

Na den Weihnachtsmann sicher nicht. „Nein. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, dass ich von meinem Balkon gestürzt bin. Zu Hause in London. Und es ist doch Winter – “ Unsicher drehe ich mich um meine eigene Achse. „Eigentlich sollte hier alles mit Schnee bedeckt sein.“

„Wo liegt denn London?“, fragt einer der Jungs leise einen anderen. „Und was ist Schnee?“

„Ich hab keinen blassen Schimmer“, antwortet der zweite Junge hinter vorgehaltener Hand. „Vielleicht hat sie ja den Verstand verloren?“

„Ooh, das ist übel“, flüstert nun der erste zurück, jedoch laut genug, dass auch ich und alle anderen es hören. „Ich wette, Hook hat sie mit einer Kanonenkugel getroffen.“

So ein Blödsinn! Ich streife mir mit den Fingern durchs Haar und blicke an mir hinunter. Alles sieht ganz normal aus. Ich wurde ganz sicher nicht von einer Kanonenkugel getroffen.

„Was ist das?“ Peter greift erneut nach meiner Hand und dreht meinen Arm so, dass die Innenseite meines Handgelenks oben liegt. „Angel“, liest er laut vor. „Vielleicht ist das ja dein Name. Macht auch Sinn, dass jemand ihn dir auf den Arm geschrieben hat, wo du ihn doch offenbar häufiger vergisst.“

Verwirrt betrachte ich die lila Buchstaben auf meiner Haut. Ein Sternenregen ist darunter gezeichnet. Ist das ein echtes Tattoo? Irgendwie kommt es mir schon bekannt vor, aber ich kann mich einfach nicht erinnern, wann ich das hätte machen lassen. Die Buchstaben verschwinden auch nicht, wenn ich mit dem Daumen darüber wische. „Vielleicht hast du sogar Recht“, stimme ich Peter zu.

„Tja dann … freut mich, dich kennenzulernen, Angel!“, sagt er munter und schüttelt abermals meine Hand, so als hätten wir das nicht schon hinter uns. „Willkommen in Nimmerland.“

„Nimmerland …“ Ich teste den Klang des Wortes auf meiner Zunge. Der Name ruft eine Erinnerung wach, oder zumindest kommt es mir vor, als sollte er das tun. Nur leider stoße ich wieder einmal auf das schwarze Loch in meinem Gedächtnis. Na ja, was soll’s? In Geografie war ich immer schon eine Niete. Allerdings nicht so sehr in Physik. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Menschen nicht einfach so durch die Lüfte fliegen sollten. Die viel wichtigere Frage lautet also: Ist Nimmerland echt, oder verliere ich wirklich gerade den Verstand?

Sofort als Peter meine Hand wieder freigibt, greift ein anderer der Jungs nach ihr und schüttelt sie mit wildem Eifer. Einer nach dem anderen stellt sich mir vor. Obwohl sie alle zwischen vierzehn und sechzehn Jahre alt sein dürften, hüpfen sie dabei auf und ab wie aufgeregte Vorschüler.

„Hi, Angel, ich bin Skippy!“, piepst mir einer ins Gesicht. Er hat lustige Segelohren und übergroße Murmelaugen. Auf den ersten Blick sieht er fast aus wie ein Weihnachtself. Die schiefen Zähne hätten allerdings eher in das Maul eines Trolls gepasst.

„Ich bin Sparky!“, sagt der nächste Junge und zieht bereits an meiner linken Hand, da Skippy meine rechte noch nicht losgelassen hat.

„Das ist Toby, und ich bin Stan!“

„Wie geht’s, wie steht’s, Angel? Ich bin Loney.“

„Mein Name ist Skippy!“

Ja, das hatten wir schon.

„Ich bin Toby!“ … „Ich bin Sparky!“ … „Skippy – das bin ich!“

Mir wird langsam schwindlig vom vielen Händeschütteln. Die Jungs ziehen und zerren an mir; sie schwingen mich von einer Seite zur anderen. Lauthals lachend nennen sie mir immer wieder ihre Namen, so als wäre es das erste Mal.

„Verlorene Jungs! Lasst sie ihn Ruhe!“, bellt Peter in das Getümmel und schlagartig habe ich meine Hände wieder für mich allein. Heilfroh werfe ich ihm einen dankbaren Blick zu. Mit einem Nicken tritt er nach vorn und bückt sich, um mein Sweatshirt aufzuheben, das mir bei dem ganzen Händeschütteln auf den Boden gefallen ist. Als er es vor sich in die Höhe hält und die Vorderseite genauer betrachtet, ziehen sich seine Augenbrauen zu einem grübelnden V zusammen. „Bist du etwa ein Freund von Captain Hook?“

„Captain wer?“ Seine Frage muss ganz offenbar etwas mit dem Bild auf meinem Shirt zu tun haben, also greife ich danach, doch Peter zieht es mir unter der Nase weg und schwebt außer Reichweite. Es ist zu seltsam, diesen Jungen fliegen zu sehen wie einen Gasluftballon.

„Captain Hook“, wiederholt er mit einem grimmigen Blick und dreht dabei mein Sweatshirt um, damit alle den Fluch-der-Karibik-Aufdruck sehen können. Dabei handelt es sich um einen Totenschädel mit einem roten Kopftuch und dahinter lodern zwei gekreuzte Fackeln.

Entsetzt schnappen alle Jungs nach Luft und machen einen Satz nach hinten. Skippy sogar zwei. „Bist du sicher, dass du nicht zu seinen Piraten gehörst?“, fragt er mit zischender Stimme.

„Sehe ich etwa aus wie ein Pirat?“, keife ich zurück, halte aber dann schnell meinen Mund und blicke noch einmal an mir hinab. Sehe ich vielleicht wirklich so aus? Ich trage immer noch dieselben Klamotten wie vor ein paar Minuten, als ich noch mit den Zwillingen gespielt habe: blaue Jeans, ein knappes schwarzes T-Shirt und hellgraue Turnschuhe. Die Sachen kommen mir nicht vor wie das richtige Outfit für ein Piratenschiff. Andererseits … wer weiß schon, was in diesem seltsamen Land normal ist? Immerhin schwebt da ein Junge zwei Meter über meinem Kopf.

Peter wirft mir den Kapuzenpulli zu. „Falls du einer seiner Spione bist, kannst du deinem Captain ausrichten, er wird den Schatz nie in die Finger kriegen! Und neuerdings auch noch Mädchen zu schicken, das ist echt so was von unter seiner zweifelhaften Würde.“

„Hey!“ Ich verschränke die Arme vor der Brust. „Ich kenne überhaupt keine Piraten! Meine Familie und ich leben in einer vornehmen Gegend, gleich außerhalb von London. Wir haben ein großes, sauberes Haus, eine Köchin und Hausdame, und an jedem zweiten Samstag geben meine Eltern eine Dinnerparty für Freunde und Geschäftspartner. Da werden ganz bestimmt keine Leute mit Säbeln aufgeschlitzt!“

„Ah! Dann gibst du also zu, dass du mit der Art der Piraten vertraut bist!“, unterstellt mir Peter.

Bei dieser ebenso unglaublichen wie lächerlichen Anschuldigung verdrehe ich die Augen und schlage mir die Hände vors Gesicht, die ich dann mit einem Grollen nach unten ziehe.

Peter schwebt einige Male vor mir auf und ab und kratzt sich dabei am Kinn. „Na schön. Nehmen wir mal an, du bist wirklich kein Pirat … Was sollen wir dann mit dir machen?“

Ein langer Seufzer zieht über meine Lippen in die Ferne. Mit einem neuen Funken Hoffnung schlage ich vorsichtig vor: „Helft mir, zurück nach England zu gelangen.“

Mit gespitzten Lippen denkt Peter ein paar Sekunden nach. „Ja, das könnten wir tun.“ Plötzlich strahlen seine Augen. „Morgen!“

„Nein, das geht nicht! Morgen ist es schon –“ Zu spät. Peter schlägt einen Purzelbaum in der Luft und kommt im Sturzflug auf mich zu. Indem er seine Hände unter meine Achseln schiebt und uns beide in die Luft befördert, schneidet er mir das Wort ab. Innerhalb von Sekunden erreichen wir den Wipfel des allein stehenden Baumes, an dem ich vorhin vorbei gefallen bin. Mir bleibt kaum genug Zeit, um panisch loszukreischen. Peter landet auf einem dicken Ast und wackelt verwegen mit den Augenbrauen. „Lass mich dir unser Zuhause zeigen.“

Zuhause? Ich blicke verwirrt um mich, auf der Suche nach einem kleinen Häuschen oder einer Hütte im Dschungeldickicht, aber außer Grün und noch mehr Grün ist da nichts zu erkennen. Und dann schubst mich der Flegel doch tatsächlich vom Ast.

„Heeeyiii!“ Mein Schrei aus Todesangst bringt die Blätter zum Erzittern. Ich falle – tief – und immer weiter, mitten in den Baum hinein. Für einen kurzen Moment wird alles schwarz.

Mir kommt es vor, als würde ich durch das Innere des dicken Stamms hindurch fallen, was natürlich gar nicht sein kann. Oder?

Was ist das nur für ein verrücktes Land?

Kamikazeartig schieße ich nach unten, allerdings nur noch wenige Meter, dann spüre ich etwas Metallenes an meinem Rücken. Fast wie eine Rutsche, die sich langsam mehr und mehr neigt und meinen Fall ablenkt. Immer im Kreis schraubt sie sich wie eine Spirale nach unten und befördert mich so weiter in das Innere des Baumes, der aus dieser Perspektive sogar noch viel größer und breiter wirkt. Ehrlich, wenn ich mir nicht gerade vor Angst in die Hose machen würde, wäre das vielleicht sogar lustig.

Mit weit aufgerissenen Augen blicke ich mich auf meiner wilden Rutschfahrt im Baumhaus um. Der Stamm ist komplett ausgehöhlt. In die Borke sind kleine, runde Fenster geschnitzt, und an den hölzernen Wänden hängen viele bunte Bilder. Dort, wo starke Äste aus dem Baum wachsen, sind die gemütlichsten Schlafkojen herausgeschlagen, die man sich nur vorstellen kann, und von ihnen führen schmale Strickleitern nach unten.

Das ist absolut fantastisch!

Und absoluter Irrsinn!

Die Rutschpartie endet abrupt und ich werde in ein riesiges Fangnetz katapultiert. Die Arme wie Flügel ausgebreitet und nach Luft ringend, liege ich auf dem gespannten Netz und warte darauf, dass das Nachschwingen endlich aufhört. Du meine Güte! Was für eine Fahrt!

„Aus dem Weg!“

Mir bleibt kaum genug Zeit, mich rechtzeitig zu bewegen, als Peters Warnung von oben zu mir herunter hallt. Denn bereits einen Moment später kommt auch schon Loney, der Junge mit der Fuchsmütze, an der immer noch die Ohren des einstigen Tieres dran sind, die Rutsche herunter gesaust. Peter hat ihn wohl genau wie mich in die Baumspitze geflogen und hinunter geschubst.

In wilder Panik befreie ich mich aus dem Fangnetz und sehe zu, wie ein Junge nach dem anderen darin landet. Peter ist der Letzte, der zu uns stößt. Selbstverständlich klettert er nicht wie alle anderen mühevoll aus dem Netz, sondern schwebt einfach durch die Luft und landet vor mir auf dem Fußboden. Mit einer tiefen Verbeugung schwenkt er seinen Arm elegant zur Seite. „Willkommen im Reich des Pan.“

„Dein Reich ist ein ganzer Baum?“, necke ich ihn.

„Warte nur ab, du hast ja noch nicht alles gesehen.“ Er legt einen Arm um meine Schultern und führt mich herum. „Hier essen wir, wenn wir auf der Jagd mal wieder Glück hatten.“

Die drei Sekunden, die er mir gewährt, um einen Blick in die geräumige Höhle zu werfen, in der ein großer Holztisch mit acht kleinen Baumstümpfen drumherum steht, reichen kaum aus, um die faszinierende Schönheit voll aufzusaugen. Er zieht mich weiter, hinter das Netz, wo eine Art Matratzenlager aufgetürmt ist. Allerlei Seile und Hängematten sind in diesem Bereich gespannt.

In einem unachtsamen Moment des Staunens überrascht mich Peter und gibt mir einen Schubs. Bäuchlings lande ich auf einem Kissenhaufen und rolle mich schnell auf meinen Rücken. „Warum hast du das gemacht?“

Statt einer Antwort wirft er mir ein Schwert entgegen. Ich schlage schützend meine Arme vor dem Gesicht zusammen, und mir entweicht ein stöhnendes „Uff“, als das Schwert auf meinem Bauch landet. Es ist nur ein Spielzeug aus Holz, Gott sei Dank, und kein echtes Schwert aus Eisen.

„Wenn du eine von uns werden willst, musst du erst mal lernen, wie man kämpft“, teilt mir Peter mit einem Funkeln in den Augen mit. Aus seinem Gürtel zieht er seinen eigenen Holzsäbel und greift mich an.

Wie eine Schildkröte, die auf dem Rücken gestrandet ist, versuche ich mit hilflosem Gefuchtel, Peters Schläge abzuwehren, doch jedes Mal, wenn Holz auf Holz trifft, rattert eine fiese Vibration meinen Arm hinauf bis zu meiner Schulter.

Vor seinem nächsten Stoß raffe ich mich schnell hoch auf die Beine und pariere diesen beidhändig. Also das war jetzt echt ausgezeichnet von mir! Natürlich kommt mir bei diesem Gedanken ein Grinsen aus. Doch schon im nächsten Moment schafft es Peter irgendwie, mir das Schwert aus der Hand zu winden, und es fliegt in hohem Bogen durch die Höhle. Er zwingt mich wieder auf den Rücken und hält mir seine Schwertspitze an den Hals. „Game over.“

Toby hat sich meine Waffe geschnappt und kommt zu uns herüber. Mit zwei Fingern hält er sich die Nase zu und verspottet mich, indem er die Zunge rausstreckt und das Geräusch einer furzenden Kuh nachahmt. Spucketropfen regnen auf mich herab. „Das war ja ein lausiger Versuch, ein Verlorener Junge zu werden.“

„Wer sagt denn, dass ich einer werden will?“ Ich rapple mich erneut hoch und stapfe an Peter und dem Jungen vorbei, dessen schwarzes Haar unter seinem Pferdeschwanz geschoren ist.

Innerhalb weniger Sekunden ist Peter wieder an meiner Seite, nimmt meine Hand und zieht mich mit sich, runter vom Matratzenlager. „Sei nicht traurig. Wir werden jeden Tag mit dir trainieren und schon bald passt du perfekt zu uns.“

Trainieren? Zu ihnen passen? Hat er eben nicht zugehört? „Ich werde nicht bei euch bleiben, Peter. Ich hab dir doch schon gesagt, dass ich wieder nach Hause muss.“ Dann mache ich eine kurze Pause und runzle die Stirn. „Und was ist das überhaupt für ein Geschwätz von Verlorenen Jungs?“

„Darüber können wir später noch reden. Jetzt musst du erst noch jemanden kennenlernen.“

Obwohl ich ja auf meiner Höllenfahrt die Fenster in der Baumrinde gesehen habe, ist es in diesem Bereich seltsam düster. Ein sanfter Schein ist alles, was das Innere erleuchtet. Da es hier unten kein einziges Fenster gibt, blicke ich mich nach der Lichtquelle um.

„Kerzen?“, platzt es aus mir heraus, als ich zu Peter herumwirble. „In einem Baum? Seid ihr vollkommen verrückt?“ Laternen stehen überall und bringen unsere Schatten an den Wänden ringsherum zum Tanzen. Für einen seltsamen Augenblick kommt es mir so vor, als würde Peters Schatten neckisch mit den Schultern zucken, obwohl Peter selbst seine Hände in den Hosentaschen versteckt hat und mich reglos anstarrt.

Mir wird hier drinnen immer mulmiger zu Mute.

„Bleib locker, Angel.“ Peter verdreht die Augen. „Wir sind vielleicht nicht erwachsen, aber blöd sind wir auch nicht. Mit Feuer können wir schon umgehen.“ Er zieht mich in einen weiteren Bereich des Baumhauses und klopft an eine niedrige Tür. „Das ist Tameekas Zimmer. Hoffentlich ist sie da.“

Sagte er gerade Zimmer? All das hier ist doch viel zu groß, um überhaupt in einen Baumstamm zu passen, egal wie dick der einmal war. Wie ist das nur möglich? Mit der Handfläche streiche ich über die Mauer, in die die Tür eingesetzt wurde. Sie ist aus Stein. Und Lehm. Langsam dämmert es mir. Wir sind hier gar nicht mehr im Inneren des Baumes. Dieser Ort befindet sich darunter, im Erdboden. Was für eine geniale Idee! Jetzt wird mir auch klar, warum sie die vielen Kerzen brauchen.

Die Tür vor uns geht auf und ein kleines Mädchen streckt uns ihren goldblonden Lockenkopf entgegen. „Was ist?“

Beim Anblick ihrer glitzernd grünen Augen und den spitzen Ohren, die zwischen ihren Haarsträhnen hervorragen, bleibt mir die Luft weg.

„Tami, das ist Angel“, stellt mich Peter vor. „Angel ist heute vom Himmel gefallen.“

Als Tameeka aus der Tür tritt und sich in ihrer vollen Gestalt zeigt, schlage ich mir vor Staunen die Hände vor den Mund. Das ist alles andere als ein normales Kind. Sie trägt ein kurzes Kleid aus Efeublättern und aus ihrem bloßen Rücken ragt ein durchsichtiges Paar Schmetterlingsflügel. Heiliger Bimbam, was hab ich denn geraucht?

Das Elfenmädchen dreht sich vor mir auf den Zehenspitzen und macht auch noch einen niedlichen Knicks. „Wie schön, dich kennenzulernen, Angel.“ Ihre Stimme erinnert mich an Schneeglöckchen. „Hast du dich verirrt?“

„Tja, irgendwie schon“, murmle ich, als ich ihre zarte Hand schüttle. „Woher weißt du das?“ Aber wenn man bedenkt, dass ich gerade in einem Haus unterhalb eines Baumstammes stehe, Peter fliegen kann und Tameeka so etwas wie eine Schmetterlingsfee ist, sollte mich hier wirklich gar nichts mehr wundern.

Tami legt ihren Kopf zur Seite und lächelt, als läge die Antwort klar auf der Hand. „Jeder, den Peter hierher bringt, ging irgendwann verloren.“

Ich drehe mich zu Peter. „Ist das wahr?“ Dann schweift mein Blick über die Bande von Jungs um mich herum. Sie weichen mir aus und senken ihren Blick lieber verlegen zu Boden, in den sie gerade Löcher mit ihren Fußspitzen bohren. Alle außer Sparky. Der aufgeweckte Moppel schält gerade eine Banane, stopft das obere Drittel grinsend in seinen Mund und zuckt mit den Achseln. „Nimmerland ist toll. Keiner von uns möchte jemals wieder weg von hier“, erklärt er mir mit Bananenbrei in den Backen.

Verblüfft mustere ich Peters blaue Augen. „Du hast sie alle hierher gebracht, damit sie bei dir leben?“

„Na und?“, erwidert er in einem defensiven Ton und wirft sich rücklings in eine der Hängematten, in der er dann gemächlich hin- und herschwingt. „Ich habe ihnen ein Zuhause geboten, als sie nicht wussten, wohin sie sollten. Toby und Stan wurden eines Tages an den Strand der Insel gespült, Skippy hing verzweifelt in einem Baum fest, als ich ihn gefunden habe, und Sparky und Loney musste ich erst aus Hooks Klauen retten. Es war ihre eigene Entscheidung hier in Nimmerland zu bleiben.“

Da war schon wieder dieser Name: Hook. Jedes Mal, wenn jemand diesen Namen ausspricht, verziehen die Jungs allesamt das Gesicht zu einer schaudernden Grimasse. „Wer ist dieser Captain Hook, aus dessen Klauen du Loney und Sparky retten musstest?“, will ich von Peter wissen.

„Oh, Hook ist der hässlichste, grausamste und gemeinste Kerl in ganz Nimmerland“, erzählt Stan mit einem düsteren Ausdruck im Gesicht und ballt dabei seine Hände zu festen Fäusten. Alle anderen stimmen ihm mit energischem Nicken zu. „Sein Gesicht ist grässlich entstellt, seine Nase ist länger als der Schnabel eines Raben, und auf seinem rechten Arm trägt er einen Haken.“ Stan zieht den Reißverschluss seiner Bärenfellweste hoch, als ob ihn schon alleine Hooks Name mit kaltem Grauen erfüllen würde. „Er ist der fürchterlichste Pirat, den die See je ausgespuckt hat. Sein einziges Ziel ist es, unseren Schatz zu stehlen, und dabei schreckt er vor nichts zurück. Er würde uns alle mit gefesselten Händen über die Planke spazieren lassen, ohne dabei auch nur mit der Wimper zu zucken.“

„Tatsächlich musste Peter uns sogar schon mehr als nur einmal vor ihm retten“, fügt Skippy mit toternster Miene hinzu. Dann hält er die spitzen Ohren des Elfenmädchens zu und flüstert gespenstisch: „Hook wird es nie leid, neue Pläne auszuhecken, um unsere kleine Elfe zu entführen und unsere Schatzkarte zum Eingang der Höhle zu stehlen.“

Tami wehrt ihn ab, stellt sich trotzig auf die Zehenspitzen und schimpft ihm ins Gesicht: „Du sollst das nicht immer tun! Ich bin kein Baby mehr. Ich weiß genau, hinter was Hook her ist.“

Mit erhobenen Händen versucht Skippy, sie zu beschwichtigen. „Hab nur versucht, sensibel zu sein.“

„Du? Sensibel? Hah!“, lacht Peter, fliegt aus der Hängematte und brät Skippy mit dem Spielzeugschwert eins über. „Die Haie um Hooks Schiff sind sensibler als du!“

Skippy nimmt die unausgesprochene Herausforderung an und saust los, um sich sein eigenes Holzschwert aus der Spielecke zu holen. Die Verlorenen Jungs johlen und feuern ihre beiden Freunde an, als die sich einen unerbittlichen, choreografisch perfekten Kampf liefern, in dem es keinem der beiden gelingt, den Gegner auch nur mit dem Schwert zu streifen.

Fasziniert sehe ich dem Spektakel zu, bis jemand an meiner Hand zieht. Neben mir steht Tami und seufzt. „Das macht er jedes Mal.“

„Was meinst du? Einen Kampf provozieren?“

„Nein. Und sie kämpfen auch nicht wirklich.“ Tami lacht leise. „Es ist nur ein Spiel. Peter mag es nicht, wenn wir zu ernst werden.“

„Ist denn Peter auch ein Verlorener Junge?“, wundere ich mich laut.

„Aber nein!“ Als sie ihren Kopf schüttelt, regnet Goldstaub aus ihren Locken. „Er ist der Einzige, der aus einem bestimmten Grund hierherkam. Er wollte niemals erwachsen werden. Also ist er einfach weggelaufen.“

Das ist ja interessant, denke ich, doch noch viel mehr interessiert mich der Goldstaub. Ich fange ein wenig davon auf und zerreibe ihn zwischen meinen Fingern. Riecht wie Blaubeermuffins. „Was ist das?“

„Hast du etwa noch nie Elfenstaub gesehen?“

Hätte ich das sollen? Ich ziehe nachdenklich die Augenbrauen tiefer und schüttle schließlich den Kopf.

Ganz langsam breitet sich ein Grinsen auf ihrem niedlichen Gesicht aus. „Mit dem richtigen Gedanken kann er dir dabei helfen zu fliegen.“

Fliegen? So wie Peter? Verdammt will ich sein, wenn ich hier nicht mitten in ein zauberhaftes Märchen gefallen bin. „Ich fürchte, da wo ich herkomme, ist so etwas unmöglich.“

„Wo genau kommst du denn her?“

„Aus einer Stadt in Großbritannien. Sie heißt London.“ Voll Hoffnung, Tami würde wissen, wo meine Heimatstadt liegt, wandern meine Augenbrauen nach oben.

„Ah, ich verstehe. London …“ Bei ihrem vielsagenden Blick macht mein Herz einen aufgeregten Satz. Dann kräuselt Tami die Lippen. „Noch nie davon gehört.“

Nach dieser kalten Dusche greife ich mir an die Schläfen und stöhne laut auf. Das darf doch einfach nicht wahr sein! Irgendjemand hier muss doch schon mal etwas von Großbritannien oder London gehört haben. Leben die etwa alle hinterm Mond?

„Wo kommen denn die Verlorenen Jungs her?“, frage ich als Nächstes. „Ich meine, wo haben die denn gelebt, bevor sie an den Strand dieser Insel gespült wurden oder in den Bäumen hingen?“

„Das weiß keiner. Und die Jungs erinnern sich nicht.“ Tameekas Tonfall ist nüchtern. „Ist auch besser so. Ich glaube, wenn sie sich erinnern könnten, würden sie alle bloß wieder dorthin zurückwollen.“

„Wie kannst du das nur sagen? Natürlich sollten sie versuchen, wieder nach Hause zurückzukehren. Bestimmt haben sie alle eine Familie, die sie schon vermisst und nach ihnen sucht.“

Die kleine Elfe zuckt mit den Schultern. „Vielleicht haben sie die. Vielleicht aber auch nicht. Ist jetzt aber auch egal. Als sich die Jungs entschieden haben, hierzubleiben, hat Nimmerland sie voll und ganz in sich aufgenommen. Sie sind jetzt ein Teil davon. Du hast ja gehört, was Sparky vorhin gesagt hat. Keiner von ihnen will jemals wieder von hier weg.“ Das warme Lächeln, das sie mir schenkt, soll mich wohl aufheitern.

Stattdessen machen sich Kopfschmerzen bemerkbar und ich fühle mich total verloren und einsam. Ich möchte kein Teil von Nimmerland werden. Ich muss nach Hause, zu den Zwillingen und zu meinen Eltern. Was soll denn nur ohne mich aus Brittney Renae und Paulina werden? Der Feenknirps hat doch gesehen, wie ich vom Balkon gestürzt bin. Bestimmt sind meine Schwestern hinaus in den Garten gelaufen. Was werden sie machen, wenn sie feststellen, dass ich nicht länger da bin … in ihrer Welt?

Ein Schauer, kalt wie ein Löffel voll Eiscreme, läuft mir den Rücken hinunter. Nimmerland und die ganze Situation hier, das alles übersteigt meinen Verstand. Und dann ist da auch noch die Sache mit Peter. Hat Tami nicht gesagt, dass er beschlossen hat, nicht erwachsen zu werden? „Wie alt ist Peter eigentlich?“, frage ich sie.

Tamis zarte Schmetterlingsflügel beginnen aufgeregt zu flattern. Sie hebt vom Boden ab, fliegt einmal um mich herum und landet kichernd auf meiner anderen Seite. „Was denkst du denn, wie alt er ist?“

Meine Aufmerksamkeit wandert zurück zu den kämpfenden Jungs und ich betrachte Peters Züge genauer. „Vielleicht sechzehn?“

Tameeka schüttelt ihren Lockenkopf und mehr Goldstaub regnet auf den Boden. „Er war fünfzehn, als er sein Zuhause verlassen hat und in den Dschungel gekommen ist. Das ist aber schon eine Ewigkeit her.“

Ich reibe mir über die Augen und komme zu dem einfachen Schluss, dass in Nimmerland gar nichts funktioniert, wie es sollte. Das ist echt ein merkwürdiger Ort. „Und alle Jungs hier sind immer noch genauso alt wie …“

„Wie damals, als sie nach Nimmerland gekommen sind“, beendet Tami meinen Satz.

„Heißt dass, wenn ich bleibe, werde ich für immer siebzehn sein?“

„Mm-hm.“

Himmel noch mal, ich will aber nicht für alle Ewigkeit im Körper eines Teenagers stecken. Ich will erwachsen werden. Und was soll überhaupt der Blödsinn, dass sich die Jungs an nichts mehr aus ihrem früheren Leben erinnern? Was ist, wenn auch ich meine Familie eines Tages vergesse? Besorgt streife ich mir die Haare hinter die Ohren und hole erst mal Luft. „Wirklich, ich kann nicht hierbleiben. Ich muss nach Hause. Jetzt sofort!“

Jemand legt mir den Arm um die Schultern. Als ich erschrocken den Kopf hebe, blicke ich direkt in Peters tiefblaue Augen. „Ich hab doch gesagt, ich werde dir morgen helfen, dein Zuhause zu finden“, verspricht er noch einmal. „Bald wird es dunkel, und da du dich im Dschungel nicht auskennst, ist es viel zu gefährlich für dich, draußen alleine herumzuirren.“

„Peter hat Recht“, pflichtet ihm Toby bei. „Bleib die Nacht über hier, iss mit uns zu Abend und erzähl uns einfach alles über dich, was wichtig ist. Jeder Hinweis kann nützlich sein.“

Das Licht, das von draußen durch die Fenster im oberen Bereich des Baumhauses bricht, wird bereits dämmrig. Möglicherweise ist es wirklich das Beste, heute Nacht bei den Verlorenen Jungs zu bleiben und die Suche nach einem Weg zurück in meine Welt morgen früh zu starten. Immerhin bin ich auf ihre Hilfe angewiesen. Alleine komme ich hier bestimmt nicht weg.

Hoffentlich kommen Mum und Dad bald nach Hause. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn den Zwillingen etwas passiert.

Zögerlich nicke ich und lasse mich schließlich von Peter an den großen Tisch zerren. Loney und Skippy machen ein Feuer in dem kleinen Steinofen und bereiten etwas zu, das aussieht wie ein gehäutetes Kaninchen am Spieß. Anscheinend gibt es heute Abend Hasenbraten. Ich bin gespannt, wie das schmeckt.

 

 

Kapitel 3

 

DER HASE SCHMECKT ausgezeichnet. Und das Beste am ganzen Essen ist der Überfluss an Erdbeermilch, um alles runterzuspülen. Wo die gerade herkommt, weiß der Teufel, aber wen es um mein Lieblingsgetränk geht, frage ich nicht lange nach.

Ich helfe Tami und Toby dabei, den Tisch abzuräumen, doch als ich die zweite Ladung holen will, schnappt Peter nach meiner Hand und zieht mich zur Seite. „Was meinst du? Soll ich dir Nimmerland zeigen, bevor die Nacht hereinbricht?“

Ein Rundgang durch den Dschungel? Dabei entdecke ich vielleicht einen Weg nach Hause. Großartig! Dann muss ich also gar nicht mehr bis morgen früh warten. „Ich hol nur schnell mein Sweatshirt, dann können wir losmarschieren.“

„Losmarschieren …“, sagt Peter, als wäge er den Vorschlag ab, während ich mir den schwarzen Kapuzenpulli überziehe.

Dann ertönt plötzlich ein ohrenbetäubender Schrei, der durch den ganzen Baum hallt. Die kleine Elfe mit den spitzen Ohren saust in ihr Zimmer, wobei sie eine Spur aus goldenem Elfenstaub in der Luft hinterlässt. Mit einem lauten Donnern knallt ihre Tür zu.

„Was um alles in der Welt –?“ Ich komme gar nicht dazu, den Satz zu beenden, denn jeder der Jungs im Baumhaus deutet mit einem vorwurfsvollen Finger auf den Totenschädel, der meine Brust ziert. Mit ihren ausgestreckten Armen und verbissenen Mienen sehen sie ziemlich lustig aus. Trotzdem verkneife ich mir ein Lachen und verziehe mein Gesicht zu einer schuldbewussten Grimasse.

„Holt Tami da raus und macht ihr klar, dass Angel kein Pirat ist“, befiehlt Peter den Jungs, die unentschlossen herumstehen. „Angel und ich müssen uns beeilen, sonst wird es zu dunkel für die Tour.“

Während die Jungs durch die geschlossene Tür hindurch auf Tami einreden, warte ich darauf, dass mir Peter eine Tür zeigt, die aus diesem unterirdischen Baumhaus hinausführt. Zu meiner totalen Überraschung nimmt er mich einfach wie vorhin in seine Arme und fliegt mit mir hoch. „Was machst du denn da?“, rufe ich erschrocken.

Ein paar Meter über dem Erdboden bremst er ab und sieht mich verwirrt an. „Ich dachte, du wolltest auf Erkundungstour gehen?“

„Will ich auch. Aber warum müssen wir denn schon wieder fliegen?“

„Weil es der einfachste Weg ist. Hast du etwa Angst?“

„Nicht vorm Fliegen. Aber was ist, wenn ich dir zu schwer werde und du mich fallen lässt?“ Aus zweihundert Metern Höhe.

„Ja, jetzt wo du es sagst …“ Peter steigt weiter in die Höhe, der Baumhausöffnung entgegen, doch er fliegt wie ein Betrunkener und schwankt nach allen Seiten. „Whoa, Mädel, ich glaube nicht, dass ich dich noch viel länger tragen kann!“

„Was?“ Wir befinden uns bereits auf halber Höhe des endlos langen Baumstamms.

„Tut mir leid!“ Er kippt von links nach rechts und verliert offenbar das Gleichgewicht. „Du bist einfach zu schwer!“

Plötzlich sind seine Hände weg und ich stürze nach unten. Vergebens rudere ich mit den Armen. Einen Moment später presst mich die Schwerkraft tief in das gespannte Netz in der Mitte der Höhle und ich schieße wie von einem Trampolin ausgespuckt wieder nach oben. Entsetzt ringe ich nach Luft, als Peter mich auffängt und verwegen mit den Augenbrauen wackelt. Schnell und gerade wie ein Pfeil flitzt er mit mir durch die Baumluke. Das Lachen der Verlorenen Jungs verfolgt uns bis nach draußen.

„Sehr witzig“, brumme ich und schlinge diesmal meine Arme zur Sicherheit fest um seinen Nacken.

„Ja, das war es“, gibt Peter heiter zurück. Dann rollt er mit den Augen und grinst. „Zu schwer für mich … Verrücktes Mädchen.“

Die feurig orange Sonne sinkt gerade hinterm Horizont ins Meer, als wir dem Himmel entgegenfliegen. Das Seltsame daran ist nur, dass Peter mir erzählt, wir hätten unseren Rundflug im Norden begonnen, und wenn er Recht hat, geht der Feuerball gerade im Osten der Insel unter.

Aber warum überrascht mich das überhaupt noch?

„Sieh mal nach unten. Da ist die Meerjungfrauenlagune“, erklärt mir Peter.

Ich neige meinen Kopf über meine Schulter, um einen Blick zu erhaschen. Wir befinden uns genau über dem nördlichsten Zipfel der Insel. Das karibisch blaue Wasser funkelt in der Abendsonne. Mädchen in meinem Alter mit langem Haar und mächtigen Fischschwänzen toben verspielt in den Wellen herum. Einige von ihnen rufen uns etwas zu und winken uns zu sich hinunter.

„Kennst du diese Mädchen?“, frage ich Peter, als wir auf die felsige Landzunge zusteuern.

„Ein paar von ihnen. Meerjungfrauen sind relativ scheue Wesen, aber wenn sie dich einmal besser kennen, beginnen sie aufzutauen.“ Er schmunzelt ein wenig, vielleicht über eine Erinnerung, die er mit diesen atemberaubenden Kreaturen verbindet.

Peter landet, setzt mich ab und winkt eines der Mädchen aus dem Wasser herbei. „Hey, Melody! Komm her, ich möchte dir eine neue Freundin vorstellen!“

Sie trennt sich von ihrem Schwarm, gleitet unter Wasser und taucht nur wenige Meter von uns entfernt in den Wellen wieder auf. Mit einem warmen Lächeln streift sie ihre dunkelroten Haare hinter die Ohren. Die langen Strähnen treiben auf dem Wasser um sie herum. „Hallo, Peter. Dich hab ich ja schon lange nicht mehr gesehen. Wir dachten schon, Hook hätte dich am Ende doch noch geschnappt.“

„Niemals!“ Lachend streckt Peter seine Brust vor wie ein stolzer Hahn. „Der Tag, an dem Hook Peter Pan besiegt, ist der Tag, an dem die Sonne im Westen untergeht.“

Ich nehme mal an, für Nimmerland funktioniert dieser Vergleich.

„Und es wäre ein trauriger Tag für uns alle“, fügt Melody dem noch hinzu. Dann wandert ihr neugieriger Blick zu mir.

Peter legt mir eine Hand auf den Rücken, doch seine Aufmerksamkeit bleibt ständig an dem Fischmädchen haften. „Das ist meine Freundin Angel. Sie ist heute aus den Wolken gefallen.“ Er lehnt sich ein kleines Stück weiter vor und flüstert lautstark: „Sie ging verloren.“

„Sind sie das nicht alle?“ Melody kichert und der Klang wärmt meine Seele von innen heraus. Sie macht einen Rückwärtssalto ins Meer und kommt noch näher beim Ufer an die Oberfläche. Sogar so nahe, dass sie meine Hand erreicht.

„Wow“, rutscht es mir statt einer ordentlichen Begrüßung heraus. „Ich schüttle gerade die Hand einer Meerjungfrau.“

Melodys seetanggrüne Augen beginnen gewitzt zu strahlen. Plötzlich zieht sie fester an meiner Hand. „Komm rein und spiel mit uns!“

Erschrocken japse ich auf, als ich den Boden unter den Füßen verliere.

„Oh nein, nichts da, Mel!“, lacht Peter laut. Gott sei Dank hat er seinen Arm um meine Taille geschlungen und bewahrt mich davor, kopfüber in die Wellen zu stürzen. „Ich möchte Angel unseren Schatz zeigen, solange wir noch Ebbe haben. Vielleicht kommen wir ja morgen zurück und spielen mit euch.“

Notiz an mich selbst: Wenn du keinen Badeanzug trägst, halte in Zukunft einen Sicherheitsabstand zu Meerjungfrauen.

Melody macht einen Schmollmund und klimpert mit ihren nassen Wimpern, doch im nächsten Moment beginnt auch sie wieder zu lächeln. Mit ihrem gewaltigen Fischschwanz spritzt sie uns von oben bis unten nass, bevor sie in die Fluten taucht und zu ihren Freunden zurückschwimmt. „Wir sehen uns morgen!“, ruft sie uns über ihre Schulter hinweg zu.

Ja. Morgen, denke ich. Dabei fällt mir auf, dass Peter mich immer noch fest an sich drückt. „Du hast ganz schön seltsame Freunde, Peter Pan.“

„Ach, wenn du dich erst einmal an das Leben hier in Nimmerland gewöhnt hast, wirst du sie alle lieben. Ich verspreche dir, du wirst nie wieder von hier wegwollen.“

Er hat Recht. Diese zauberhafte Insel kommt mir zu schön vor, um wahr zu sein. Elfen, Häuser in Bäumen und jetzt auch noch Meerjungfrauen … Wer würde nicht für immer hier leben wollen? Auf der anderen Seite habe ich zu Hause mein eigenes Zimmer und muss mir keinen Baum mit sechs kindischen Jungs und einer kreischenden Elfe teilen. Außerdem fehlen mir meine kleinen Schwestern, und ich ziehe definitiv die Sicherheit von Londons Doppeldeckerbussen einem Flug in den Armen eines schlaksigen Jungen vor.

„Können wir los?“, bricht Peter durch meine Gedanken.

Ich nicke. „Wohin geht’s als Nächstes?“

„Zur Schatzinsel.“ Erneut steigt er mit mir in die Luft und wir verlassen die felsige Küste. Ein feiner Sprühregen aus Salzwasser benetzt mein Gesicht, als wir über das Meer hinausgleiten. „Wer nicht fliegen kann, erreicht die Insel nur mit einem Boot. Außerdem ist sie nur bei Ebbe zu erkennen.“

„Wieso das?“

„Bei Ebbe ragen die Felsspitzen aus dem Meer. In einem der Felsen befindet sich eine Höhle. Wir haben den Eingang mit einer Falltür versiegelt. Auf diese Weise gelangt kein Wasser in die Höhle, wenn die Flut kommt. Und Hook wird die Schatzinsel niemals entdecken, denn er kann mit seinem Schiff nur rausfahren, wenn der Wasserspiegel hoch genug ist.

„Genial“, pflichte ich ihm bei.

Wir haben fast einen Kilometer hinter uns gelassen, als Peter mit mir auf eine Felsformation zusteuert, die aussieht wie die Kerzen auf einem Geburtstagskuchen. Peter landet sanft auf einem der Felsgipfel, dann sagt er: „Und jetzt der zweite Gesteinsbrocken rechts.“ Als ob wir beide schwerelos wären, macht er mit mir in seinen Armen einen luftigen Satz auf die nächste Felsspitze, die mindestens zwanzig Meter von uns entfernt ist. Und dann noch einen weiteren. Dieser Felsen hier ist etwas größer als die anderen. Er lässt mich runter und beginnt sogleich, schwere Steine aus dem Weg zu räumen. Ohne zu zögern, helfe ich ihm und entdecke unter dem Steinhaufen eine quadratische Falltür aus Holz.

In mir steigt die Spannung fast ins Unermessliche, als Peter schließlich einen kleinen Messingschlüssel aus seiner Hosentasche fischt und die Falltür aufschließt. Er klappt sie nach oben auf. Der Geruch von Salzwasser und Kupfer steigt mir in die Nase.

Mit einem verlegenen Lächeln kommt Peter auf meine Seite der Öffnung. „Okay, um da runter zu gelangen, musst du mich jetzt umarmen. Ich kann leider nur auf diese Weise mit dir durch die enge Falltür fliegen.“

Ich verstehe, was er meint, trotzdem fühlt es sich ein wenig seltsam an, ihm auf Kommando so nahe rücken zu müssen. Wie ein tanzendes Paar umarmen wir uns und Peter fliegt uns nach unten.

Nichts als die schwärzeste Dunkelheit ummantelt uns in diesem Loch. Ich weiß nicht, wie tief wir wirklich sinken, aber nach wenigen Sekunden setzen wir auf einem weichen Untergrund auf. Unter meinen Füßen klimpert etwas.

„Warte hier“, befiehlt mir Peter und lässt mich im nächsten Moment allein. Irgendwo zu meiner Linken höre ich, wie er in der Dunkelheit herumtappt. Kurz darauf erleuchten die warmen Flammen einer Fackel das Innere der Höhle.

Ich hole erstaunt Luft. „Ach du meine Güte!“

Peter kommt zu mir zurückgesegelt. „Gefällt’s dir?“

Total aus dem Häuschen packe ich ihn am Kragen, zerre ihn an mich heran, bis sich unsere Nasenspitzen berühren, und rufe: „Das ist einfach unglaublich!“

Drei Viertel des Höhlenbodens sind mit Bergen von Goldstücken bedeckt. Darin stecken auch Silberbecher, Spiegel, die mit Perlen bestückt sind, und unzählige kostbare Schmuckstücke. Ich stehe auf dem höchsten Berg. Klirrende Münzen schießen in alle Richtungen, als ich mich auf meinen Hintern fallen lasse und den Goldhaufen hinunterrutsche. Mich überkommt das Bedürfnis, in dieses Meer aus Münzen zu tauchen und darin herumzuschwimmen wie Onkel Dagobert, aber Peters Stimme holt mich aus dem Staunen zurück.

„Komm mit. Ich zeig dir auch noch den Rest des Schatzes.“

Ungläubig reiße ich die Augen auf, und es fühlt sich an, als würden meine Augäpfel gleich aus ihren Höhlen springen. „Da ist noch mehr?“

„Ein bisschen, ja.“ Er zieht mich mit sich an den Bergen aus Gold vorbei in den hinteren Teil der Höhle. Hier steht eine große Holztruhe. Peter braucht beide Arme, um den schweren Deckel anzuheben. Er tritt zur Seite und lässt mich einen Blick in das Innere werfen. Tausend und Abertausend Juwelen in den schönsten Farben schillern im Licht der Fackel.

Langsam tauche ich meine Finger hinein und versuche mich dabei daran zu erinnern, wie man atmet. „Wo habt ihr das denn alles gefunden?“

Peter zuckt lässig mit den Schultern. „Das ist Hooks Schatz. Wir haben ihn ihm vor einiger Zeit abgeluchst.“

„Ihr habt einen Piratenschatz gestohlen? Großer Gott! Jetzt wird mir auch klar, warum der Kerl hinter euch her ist.“

„Ah, halb so wild.“ Peter tut die Sache mit einer abwinkenden Handbewegung ab. „Wenn wir nicht wären, hätte sich Hook doch schon längst zu Tode gelangweilt. Er kann sich glücklich schätzen, dass wir uns so um ihn kümmern.“

Ein Schmunzeln kommt über meine Lippen. „Wie überaus selbstlos von dir, Peter Pan.“ Er grinst zurück. Dann entdecke ich hinter ihm eine weitere Kiste. Die ist jedoch um ein Vielfaches kleiner als die Truhe mit den Edelsteinen. „Was ist denn da drin?“

Peter dreht sich in meine Blickrichtung und hebt das kleine Silberkästchen vom nassen Boden auf. „Keiner von uns weiß, was in dieser Kiste versteckt ist. Siehst du das Schloss hier? Hook hat leider immer noch den Schlüssel dazu. Er trägt ihn an einer Kette um seinen Hals.“

Ich streiche mit den Fingern über die vielen Dellen in der Kiste. „Ihr habt versucht sie zu öffnen?“

„Mit einem Stein, mit einer Axt, indem wir sie von einer Bergspitze runtergeworfen haben, alles was du dir nur vorstellen kannst. Wir haben sogar versucht, das Schloss zum Schmelzen zu bringen. Nichts hat funktioniert.“

Die Brandmale sind immer noch erkennbar und bringen mich zum Lachen. „Und warum habt ihr nicht einfach Hooks Schlüssel zusammen mit der Kiste gestohlen?“

„Seit Jahren versuchen wir schon, an den Schlüssel zu gelangen, aber er ist das Einzige, was wir bisher noch nicht in die Finger bekommen haben.“

„Ich verstehe. Vielleicht solltet ihr mit diesem Hook verhandeln? Erkauft euch den Schlüssel für einen Teil des Schatzes.“

„Niemals!“ Als mir Peter ein abenteuerlustiges Grinsen schenkt, wirkt er dabei um einige Jahre jünger. „Eines Tages werde ich ihm auch den Schlüssel noch abnehmen. Du wirst schon sehen.“

Mit geneigtem Kopf versuche ich Peter zu durchschauen. Auf mich macht es den Eindruck, als wollte er den Schlüssel gar nicht wirklich haben. Ihn spornt wohl eher das Abenteuer an sich an. „Ich hoffe, ich bin hier an dem Tag, an dem dir das gelingt“, antworte ich und bemerke erst hinterher, wie gedankenlos das gerade von mir war.

„Oh, das kannst du.“ Peter wirft die Kiste zurück an ihren Platz, nimmt meine Hand und zieht mich hinauf auf den höchsten Berg aus Goldmünzen. „Bleib doch einfach hier. Du kannst bei den Verlorenen Jungs und mir leben. Und Tami. Für immer.“

Für immer kommt für mich nicht in Frage. „Und du zeigst mir dann, wie man auf Bäume klettert, und machst aus mir einen Verlorenen Jungen, so wie die anderen?“, necke ich ihn und werfe ihm dabei eine Handvoll Goldmünzen an den Kopf.

„Warum denn nicht? Du wärst dann das erste Verlorene Mädchen in Nimmerland. Und ich zeige dir, wie man mit dem Schwert kämpft.“ Er wirft ein paar Goldstücke zurück, doch ich ducke mich und weiche ihnen aus. Als ich mich wieder aufrichte, erwischt er mich allerdings mit einer Perlenhalskette mitten im Gesicht. „Stell dir nur mal vor – wir könnten Hooks Schlüssel gemeinsam stehlen.“

Bei dem Gedanken daran, dass Toby heute Nachmittag darüber spekuliert hat, ob mich vielleicht eine von Hooks Kanonenkugeln getroffen haben könnte, ziehe ich sarkastisch die Brauen tiefer. „Klingt verlockend, aber … nein danke. Ich bin ehrlich nicht scharf drauf, diesem abscheulichen Piraten zu begegnen.“

„Ah, du weißt ja gar nicht, was du alles verpasst.“ Peter bückt sich und zieht eine kleine silberne Flöte aus den Münzen hervor. „Nimmerland ist der großartigste Ort von ganz überall!“ Mit der Flöte zwischen den Fingern schwebt er ein Stückchen in die Luft, kreuzt die Beine, als würde er auf einem unsichtbaren fliegenden Teppich sitzen, und beginnt, eine liebliche Melodie zu spielen.

Ich mustere ihn interessiert. „Du bist musikalisch?“

„Ehrlich gesagt kenne ich nur diese eine Melodie. Kannst du Flöte spielen?“

Ich zucke mit den Schultern. Ich kann mich nicht erinnern, es jemals ausprobiert zu haben, aber was kann daran schon so schwer sein? Peter wirft mir das Instrument zu. Sorgsam schließe ich die kleinen Löcher mit meinen Fingern und puste hinein, wobei ich willkürlich einen Finger nach dem anderen hebe. Das hört sich echt scheußlich an.

Peter und ich schneiden beide eine Grimasse und sagen gleichzeitig: „Nah …!“ In mir steckt wohl kein Fünkchen Talent. Ich werfe die Flöte zurück auf den Haufen. „Sollten wir nicht langsam zurückfliegen?“

Er nickt, umfasst meine Taille und saust mit mir nach oben durch die Luke, bevor ich überhaupt Zeit habe, vor Schreck laut aufzuschreien. Gemeinsam verstecken wir die Falltür wieder unter den schweren Steinen und kehren dann zurück auf die Insel. Es ist bereits stockdunkel, als Peter mich auf einem Hügel nahe dem Dschungel absetzt. Er lässt sich ins weiche Gras sinken und streckt alle viere von sich.

Ich mache es mir neben ihm gemütlich und betrachte die vielen Sterne am samtigen Nachthimmel über uns. Das Gras ist immer noch warm von der Nachmittagssonne und duftet fantastisch. „Zu Hause bin ich auch oft im warmen Gras in unserem Garten gelegen. Ich kann mir im Sommer nichts Schöneres vorstellen“, schwärme ich leise vor mich hin.

„Wenn du hierbleibst, kannst du das jeden Tag machen. Wir haben niemals schlechtes Wetter. In Nimmerland ist jeder Tag so schön und warm wie der andere.“

Interessiert rolle ich mich auf den Bauch und blicke in sein Gesicht. „Wirklich jeder?“

„Jeder einzelne! Feenehrenwort!“ Mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand zeichnet er ein Kreuz über sein Herz und lächelt herausfordernd. „Also, was denkst du? Wir haben noch eine freie Schlafkoje in unserem Baum. Sie hat sogar die perfekte Größe für dich.“ Er wackelt auf diese typisch neckische Art mit seinen Augenbrauen, die ich heute schon an ihm kennengelernt habe.

„Du kämpfst mit unfairen Mitteln, Peter Pan. Und du hast Recht. Nimmerland ist wirklich großartig.“

Sein Grinsen wird breiter.

„Aber du hast doch tolle Freunde um dich“, argumentiere ich als Nächstes. „Du magst sie alle sehr, nicht wahr?“ Peter nickt kurz. „Dann verstehst du bestimmt auch, warum ich unbedingt wieder nach Hause muss. In London warten meine kleinen Schwestern auf mich. Sie würden mich schrecklich vermissen, wenn ich nicht mehr zurückkehren würde. Und sie fehlen mir auch.“

Für einen Moment sind wir beide still. Ich warte darauf, dass Peter endlich etwas sagt; dass er verstanden hat, warum ich nicht in Nimmerland bleiben kann. Aber von ihm kommt kein Sterbenswörtchen, also frage ich: „Warum willst du überhaupt, dass ich hierbleibe?“

„Weil du ein Mädchen bist. Und Mädchen können Geschichten erzählen.“

„Geschichten? Ist das der einzige Grund?“ Irgendwie enttäuscht mich diese Antwort ein wenig.

„Na ja … ja.“ Er zuckt mit den Achseln und verschränkt dann die Arme hinter seinem Kopf, als er wieder hinauf in den Sternenhimmel blickt. „Ich denke, es wäre toll, jemanden zu haben, der einem vorm Schlafengehen Geschichten erzählt.“

Natürlich kenne ich einige Märchen, und die Zwillinge verlangen auch jeden Abend von mir, dass ich ihnen eins vorlese. Hm, wenn ich so darüber nachdenke, welche war eigentlich die letzte Geschichte, die ich ihnen vorgelesen habe? Rotkäppchen vielleicht? Der Gedanke fesselt mich, denn je mehr ich versuche, mich daran zu erinnern, welches Märchen es war, umso weiter gleitet die Antwort weg von mir. Es ist genau wie mit meinem Namen. Da ist nur das schwarze Loch in meiner Erinnerung.

Neben mir seufzt Peter leise. „Keiner von uns Jungs kennt irgendwelche tollen Geschichten. Und Tami … nun ja, sie ist nicht wirklich jemand, der sich abends zu dir aufs Bett setzt und dir ein Märchen erzählt.“ Er stößt ein fast grunzendes Schnauben aus. „Sie würde uns nur alle mit Elfenstaub ersticken.“

Irgendwie seltsam, dass ein Junge in seinem Alter immer noch jemanden sucht, der ihm Märchen vorliest. Aber vielleicht liegt die Antwort ja in seiner Kindheit; hat mit seinem Leben in seinem früheren Zuhause zu tun. Meine nächste Frage ist einfach mal eine Vermutung. „Hat dir deine Mutter immer Geschichten erzählt, als du noch klein warst?“

„Ich erinnere mich nicht an die Zeit, bevor ich in den Dschungel gekommen bin“, antwortet er mit kaltem und distanziertem Ton. Er klingt so verletzt und verschlossen, dass mir für einen Moment der Atem stockt.

„Bitte entschuldige“, flüstere ich nach einiger Zeit. „Ich wollte dir nicht zu nahe treten.“

„Das bist du nicht. Es ist einfach so, wie es ist. Du erinnerst dich nicht an deinen Namen und ich erinnere mich nicht daran, wo ich herkomme. Ende der Geschichte.“

Sein plötzlicher Stimmungsumschwung gefällt mir nicht. Hauptsächlich deswegen, weil es mich furchtbar traurig macht, zu hören, wie er kalte Fakten auf diese Weise ausspuckt. Mehr noch habe ich das Gefühl, dass er im Moment nicht ganz ehrlich ist. Vielleicht können ja ein Lächeln und ein kleiner Stups in seine Seite den fröhlichen Pan wieder hervorlocken. „Du hattest Recht vorhin, Peter“, ziehe ich ihn auf und rümpfe dabei die Nase. „Du kannst wirklich keine tollen Geschichten erzählen.“

Schließlich kommt auch ein kleines Lächeln über seine Lippen und er gibt mir einen leichten Schubs gegen die Schulter. Ich schubse zurück, und dann er wieder. Dieses Mal kippe ich dabei zur Seite, aber damit kommt er mir nicht davon. Das Rempeln und Knuffen geht eine Weile so weiter und schaukelt sich hoch, bis wir beide plötzlich ineinander verknotet den Hang hinunterpurzeln. Unser Lachen schallt durch die Nacht.

Als wir endlich unten ankommen, ist mir ganz schwindlig. Die Welt dreht sich immer noch um mich, und es dauert einen Moment, bis ich feststelle, dass Peter auf dem Rücken liegt und ich mit gegrätschten Beinen über seinem Bauch knie, meine Hände dabei auf seine Brust gestützt. Er hält meine Oberarme fest, um mich in meiner Benommenheit aufrecht zu halten.

An seinem rechten Arm entdecke ich dabei eine alte Narbe, die mir bisher nicht aufgefallen ist. Sie läuft von seinem Ellbogen nach oben und verschwindet unter dem Ärmel seines T-Shirts. Allem Anschein nach muss diese Wunde vor langer Zeit sehr wehgetan haben. Da ich aber keinen erneuten Stimmungsumschwung riskieren will, wage ich es nicht, ihn heute Nacht danach zu fragen.

Stattdessen bemühe ich mich um ein Lächeln, das sich nach dem Purzeln und Überschlagen immer noch etwas wackelig anfühlt, und blicke in seine blauen Augen, in denen sich gerade die Sterne widerspiegeln. Mir wird klar, wie sehr er sich wirklich wünscht, dass ich hier in Nimmerland bleibe, und zwar nicht nur, damit ich ihm eine tolle Geschichte erzählen kann. Nein, da ist noch etwas ganz anderes. Er scheint etwas in mir zu sehen, das ihn fasziniert. Und es ist bestimmt nicht mein musikalisches Talent.

Ich habe ihn wohl eine Minute zu lange schweigend angestarrt, denn irgendwann wandern seine Augenbrauen fragend nach oben, und er neigt seinen Kopf zur Seite. „Ist mit dir alles okay?“

„Ähm … ja, klar.“ Und dann wird mein Lächeln plötzlich durch etwas von meinen Lippen gewischt, das sich gerade in weiter Ferne abspielt. „Großer Gott!“ Ich springe hoch und stolpere ein paar Schritte zurück.

Peter ist augenblicklich bei mir. Er nimmt eine schützende Kampfposition vor mir ein und fragt entsetzt über seine Schulter: „Was ist los? Hast du jemanden gesehen?“

„Dort drüben!“ Ich deute in Richtung Süden – oder zumindest denke ich, dass dort Süden ist –, zur Mitte der Insel. Meine Hand zittert stark. „Ein Vulkan! Und er bricht gerade aus!“

Peter richtet sich auf und stößt ein erleichtertes Seufzen aus. „Himmel. Du hast mich fast zu Tode erschreckt. Ich dachte schon, Hook hätte uns gefunden.“

Langsam drehe ich mich zu ihm und spüre dabei, wie das Blut meinen Kopf verlässt. Meine Stimme wird gruselig ruhig. „Da drüben bricht gerade ein verdammter Vulkan aus und das lässt dich völlig kalt?“

„Wäre es dir lieber, ich würde mir in die Hose machen wie ein kleines Mädchen?“ Er lacht mich aus, doch dann nimmt er meine Hand und zieht mich mit sich runter auf den Boden. „Komm, setz dich. Das wird dir gefallen.“

Es soll mir gefallen, wie ein Feuer speiender Vulkan die halbe Insel unter sich auslöscht? Na, das bezweifle ich. Da Peter aber meine Hand nicht loslässt und der Knabe wirklich um einiges stärker ist, als seine schlaksige Figur vermuten lässt, sinke ich am Ende doch neben ihm ins Gras und beobachte das wütende Naturschauspiel.

Dickflüssige Lava schiebt sich langsam über den Rand der Vulkanöffnung. Nur dass die Farbe hier irgendwie nicht so ganz stimmt. Es sieht aus, als hätte jemand in dem Berg tonnenweise Gold geschmolzen, es mit Elfenstaub bestreut und würde das zähe Zeug nun aus der hohen Öffnung schaufeln. Und dann zischt urplötzlich ein Regenbogen mit einem bombastischen Knall wie ein Feuerwerk aus dem Vulkan. In hohem Bogen braust er über die Insel und taucht anschließend ins Meer, wo ihn die Wellen verschlucken.

„Du meine Güte, wie wunderschön …“ murmle ich beinahe atemlos.

Peter lehnt sich zu mir und flüstert: „Du denkst, das war schön? Dann warte ab.“

Für eine Sekunde sehe ich ihn an, sein Gesicht so nahe an meinem, und konzentriere mich dann wieder auf den Vulkan in der Ferne. Der nächste leuchtende Regenbogen schießt bereits aus seinem Inneren. Und noch einer. Und noch einer. Minutenlang spuckt der Berg vor uns die wunderschönsten und farbenprächtigsten Bögen aus, die die Welt je gesehen hat. Sie zischen in alle Richtungen und jeder Einzelne von ihnen landet in der See, wo er das Wasser für einen Moment mit seinem hellen Strahl erleuchtet, bevor er endgültig erlischt.

„Cool, häh?“, fragt Peter. Ich nicke. Dann holt er etwas aus seiner Brusttasche. Als er mir seine Hand entgegenstreckt und die Finger öffnet, liegt darin ein kleiner, herzförmiger Rubin.

Bei seinem Anblick vergesse ich das Regenbogenspektakel völlig und streiche vorsichtig mit dem Finger über die glatte Oberfläche. „Das ist ja wunderhübsch“, flüstere ich.

Peter schenkt mir ein warmherziges Lächeln. „Nimm ihn. Er gehört dir.“

„Mir?“

„Er ist ein Geschenk.“

„Hast du den aus der Schatzkiste in der Höhle genommen?“

„Mm-hm.“ Er nickt langsam. „Willkommen in Nimmerland, Angel.“

Etwas unsicher nehme ich den Stein aus Peters Hand. Er ist schwerer, als er aussieht, und würde sicher großartig an einer Halskette aussehen. „Vielen Dank, Peter.“ Blitzschnell drücke ich ihm einen kleinen Kuss auf die Wange und bewundere das Juwel in meiner Hand für einen weiteren endlosen Moment. Dann stecke ich den Edelstein in meine Hosentasche, damit er nicht verloren geht.

In der Tasche spüre ich noch etwas anderes und erstarre auf der Stelle.

„Stimmt etwas nicht?“, fragt Peter.

„Nein.“ Ich weiß genau, was sich in meiner Tasche befindet, noch bevor ich das fünf mal fünf Zentimeter große Stück Papier herausziehe.

„Fahrkarte“, liest er laut vor, während er über meine Schulter blickt und meinen eigenen kleinen Schatz genauer inspiziert. Er macht ein knittriges Gesicht und liest weiter: „Nach London.“

Eine Welle aus Angst und Heimweh kommt über mich. Das hier ist sicher keine normale Insel in meiner eigenen Welt. Der Ort, wo ich gelandet bin, dürfte eigentlich gar nicht existieren. Was ist, wenn ich nie wieder von hier wegkomme? Wenn ich nie wieder nach Hause finde?

Mein Hals wird eng. Ich stehe auf und bewege mich ein paar Schritte von Peter weg. Das Zugticket halte ich dabei fest in meiner Hand.

„Ist das eine Karte, mit der du nach London findest?“ Peters Stimme kommt von nahe hinter mir. „Kannst du das benutzen, um heimzukehren?“

Ich drehe mich zu ihm um und räuspere mich. „Nein. Ich habe diese Karte gestern verwendet. Es ist ein Zugticket. Ich bin damit in die Stadt gefahren, um für meine beiden Schwestern ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen.“

„Die Verlorenen Jungs können deine Brüder werden, wenn du hierbleibst. Und Tami wird für dich wie eine Schwester sein.“ Mit schmalen Augen sieht er mich an und neigt seinen Kopf ein wenig. In seinem Kiefer zuckt ein Muskel. „Du musst nicht nach London zurückgehen.“

Nach kurzem Zögern greife ich nach seiner Hand, doch er zieht sie weg. Es gefällt mir nicht, wie deprimiert er plötzlich dreinschaut. „Bitte, versteh doch, Peter. Nimmerland ist dein Zuhause, nicht meins. Wie würdest du dich denn fühlen, wenn du mitten in einer fremden Stadt landen würdest und die Verlorenen Jungs nie wiedersehen könntest?“

Ein paar Sekunden vergehen in völliger Stille. Plötzlich richtet sich Peter gerade auf und in seinem Gesicht nimmt der Schmerz überhand. „Na schön, dann geh doch, wohin du willst. Flieg zurück in dein bescheuertes London. Ist mir doch egal!“

„Peter –“

Er schießt zwei Meter in die Luft, verharrt dort und blickt finster auf mich herab. „Viel Glück, Angel!“, spuckt er aus und saust im nächsten Moment durch die schwarze Nacht davon.

„Das ist nicht witzig!“, schreie ich aus vollem Hals hinter ihm her und hoffe, dass er es sich noch einmal anders überlegt. Aber nichts bewegt sich mehr am Sternenhimmel. Meine Hände ballen sich zu Fäusten, während mein ganzer Körper anfängt zu zittern. „Peter Pan! Komm zurück! Bitte!“

Aber er ist wahrscheinlich schon zu weit weg, um mich überhaupt noch zu hören. Ich bin mutterseelenallein in Nimmerland.

Fantastisch.

 

 

Kapitel 4

 

DIE ARME VOR der Brust verschränkt, knirsche ich mit den Zähnen. Dämlicher, sturer Bock! Ich finde doch niemals alleine durch das Dschungeldickicht zurück zum Baumhaus. Und selbst wenn, bin ich dort wahrscheinlich nicht einmal mehr willkommen. Da Plan A schon mal gründlich in die Hose gegangen ist, sehe ich mich um und wäge meine Möglichkeiten ab. Plan B ist, hier im Freien zu campen. So habe ich mir die Nacht zwar nicht vorgestellt – alleine auf einer völlig fremden und seltsamen Insel herumzuirren –, doch was anderes bleibt mir wohl nicht übrig.

Hinter mir liegt der Dschungel, vor mir erstreckt sich eine Reihe von Bergen. Am besten suche ich mir einen Schlafplatz unter einem Baum, von wo aus ich einen guten Überblick habe, mein Rücken aber trotzdem geschützt ist, vor was auch immer des Nachts in Nimmerland so kreucht und fleucht.

„Ich bin kein Feigling“, sage ich mir immer wieder vor, als ich mich einem Mahagonibaum nähere, den ich mir als Schlafplatz ausgesucht habe. „Die Dunkelheit erschreckt mich nicht.“ Nein, ganz bestimmt nicht. In der Ferne schreit eine Eule. Meine Zähne beginnen zu klappern. Okay, sie tut es doch.

Das Gras raschelt unter meinen Füßen. Mit dem Rücken an den Baumstamm gepresst, sinke ich auf den Boden und beobachte meine Umgebung mit Adleraugen. Nichts bewegt sich. Gott sei Dank. Ich schlinge meine Arme fest um meine Beine. „Sei tapfer, Angel“, murmle ich durch zusammengebissene Zähne. Das ist Nimmerland. Die Insel der Schätze, Feen und Regenbögen. Hier gibt es nichts, wovor ich Angst haben müsste.

Aber es ist auch die Heimat von Hook. Der Name schwirrt in meinen Gedanken herum. Captain der Piraten. Hässlich wie die Nacht, mit einem Silberhaken am Arm. Hat er irgendwie seine Hand verloren und sie mit einem Haken als Waffe ersetzt? Was ist, wenn er mich hier draußen findet und mich mit diesem Haken aufschlitzt, vom Nabel bis zur Nase?

Himmel noch mal, wo kam denn die Idee plötzlich her? Ich versuche, die Vorstellung schnell wieder abzuschütteln, und denke stattdessen an etwas Schönes. Daran, wie sich Elfenstaub zwischen meinen Fingern anfühlt und wie unglaublich es aussah, als sich hunderte Regenbögen über Nimmerland erstreckt haben. Mit diesen netten Bildern im Kopf schaffe ich es, meinen rasenden Puls zu beruhigen. Langsam schließe ich die Augen, aber beim Schrei der Eule irgendwo im Dschungel hinter mir und all den anderen unheimlichen Geräuschen, läuft es mir kalt den Rücken hinunter.

Nervös wie ein Kaninchen sitze ich die Nacht aus und bete, dass die dunklen Wolken, die sich gerade vor den Mond schieben, nicht mit Regen geladen sind. Peter sagte doch, in Nimmerland gäbe es niemals schlechtes Wetter. Ich hoffe nur, er hatte Recht.

Mein Rücken und Hintern fangen an, vom Sitzen wehzutun, und irgendwann kippe ich einfach zur Seite, lege meinen Kopf auf meinen angewinkelten Arm und falle in einen traumlosen Schlaf.

Es fühlt sich an, als wäre ich nur wenige Minuten weg gewesen, doch als ich die Augen wieder öffne, hat die dunkle Nacht bereits einem strahlend blauen Morgenhimmel Platz gemacht. Die warme Sonne scheint mir ins Gesicht. Erst einmal strecke ich mich nach allen Seiten und pumpe wieder Blut in meine Glieder, damit sie sich nicht länger wie totes Geäst an meinem Körper anfühlen. Mein Gähnen dabei ist lauter als das Brüllen eines Berglöwen. Dann stehe ich auf und klopfe mir die Blätter und losen Grashalme von meinen Klamotten.

Mein Magen knurrt. Ich komme vor Hunger fast um, aber was mir noch mehr zu schaffen macht, ist mein knochentrockener Hals. Ich könnte einen ganzen See austrinken … falls ich irgendwo einen finden würde. Gestern ist mir jedenfalls keiner aufgefallen, als Peter mit mir über die halbe Insel geflogen ist. Aber dann erinnere ich mich wieder an die kleine Hafenstadt, die ich gestern aus der Luft gesehen habe. Vielleicht ist es das Beste, ich schlage mich Richtung Süden durch. Dort gibt es sicher Wasser und etwas zu essen. Und wer weiß, möglicherweise finde ich dort ja auch ein Schiff, das mich von dieser Insel wegbringen kann. Jemand im Hafen weiß bestimmt, wo London liegt.

Mit grollendem Magen mache ich mich auf den Weg über die grünen Hügel, hinter denen hoffentlich der Hafen liegt. Einen nach dem anderen besteige ich, immer in der Hoffnung, dieser wäre nun endlich der letzte, doch jedes Mal türmt sich dahinter ein weiterer auf. Schweiß tropft mir bereits von der Stirn und meine Zunge klebt am trockenen Gaumen fest. Es ist mir egal, was ich tun muss, um an einen Tropfen Wasser zu gelangen. Ich bin sogar bereit, den restlichen Tau von den Grashalmen zu lutschen, um diesen quälenden Durst zu stillen. Dann endlich, hinter dem fünften Hügel dringt das leise Plätschern eines Baches zu mir.

Vorfreude treibt meinen Herzschlag nach oben. Meine Beine entwickeln einen ganz eigenen Willen und tragen mich mit hastigen Schritten hinunter ins Tal, wo sich der schmale Fluss entlang schlängelt. Zu schnell. Am Fuße des Hügels stolpere ich und verliere das Gleichgewicht. Wie eine Lawine rolle ich abwärts und lande mit einem Platsch im Wasser.

Es ist herrlich, und ich denke gar nicht daran, an Land zu klettern. Nach ein paar beruhigenden Atemzügen trinke ich aus meinen Händen und tauche dann noch einmal ganz unter Wasser, um den Schmutz und Staub der letzten Nacht loszuwerden. Voll neuer Energie und Hoffnung, wate ich anschließend durch den Fluss und klettere ans andere Ufer.

Jetzt ist es nicht mehr weit. Ich kann schon den Lärm der kleinen Stadt hören, und als ich endlich oben auf dem letzten Hügel ankomme, breiten sich unter mir Hunderte von bunten Dächern wie eine Flickendecke aus. Ein zentnerschwerer Stein fällt mir vom Herzen. Aufgeregt laufe ich auch diesen Hang noch hinunter und auf die verträumte Hafenstadt zu.

Kopfsteinpflaster ersetzt bald das Gras unter meinen Füßen. Das Gefühl, endlich wieder auf hartem Untergrund zu laufen, erinnert mich an mein Zuhause. Wie gut das tut. Ich atme erleichtert durch.

Farbenprächtige Häuser säumen den Straßenrand. Manche von ihnen haben einen venezianischen Balkon und Flügeltüren, andere sind einfacher gebaut, mit Blumentöpfen neben den Türen und unter den Fenstern. Die ersten Leute, die mir begegnen, sind zwei junge Damen in weit ausladenden Glockenkleidern aus weinroter und froschgrüner Seide. Beide tragen einen Sonnenschirm bei sich, aber nur die junge Frau in Rot benutzt ihn, um sich vor der sengenden Sonne zu schützen.

Die beiden wissen bestimmt, wo ich hier ein Passagierschiff finde. Doch als sie mich heraneilen sehen, macht sich Angst auf ihren Gesichtern breit. Rasch heben sie ihre Röcke an, um nicht mit ihren Schnürstiefeln darüber zu stolpern, und huschen in eine Gasse zu meiner Linken.

Was sollte denn das eben? Ich kratze mich am Kopf und sehe mich verwirrt um. Was hab ich denn gemacht? Rieche ich etwa streng? Nein, kann nicht sein, entscheide ich, nachdem ich an meinem Sweatshirt gerochen habe, das mittlerweile in der Sonne getrocknet ist, genau wie der Rest meiner Klamotten. Dann dämmert es mir. Mein Kapuzenpulli muss der Grund für ihre Panik gewesen sein. Oh verdammt! Tami war total aus dem Häuschen, als sie gestern den Totenschädel auf meinem Pulli gesehen hat. Vermutlich dachten die Damen gerade eben auch, dass ich zu den Piraten dieser Insel gehöre.

Um weitere Missverständnisse zu vermeiden, ziehe ich mir das Sweatshirt aus und binde es mir um die Hüften, und zwar so, dass das Bild versteckt ist. Das müsste reichen.

Die Straße, auf der ich mich befinde, führt zu einer größeren direkt am Ufer, und hier wimmelt es nur so vor Menschen. Wahrscheinlich ist das die Hauptstraße dieser niedlichen Stadt. Dahinter erstreckt sich der mächtige Ozean. Hier bin ich richtig. Hastig mische ich mich unter die Leute, trotzdem steche ich in der Menge mit meinen Jeans, den Turnschuhen und meinem hautengen schwarzen T-Shirt immer noch heraus.

Obwohl nicht alle hier so elegant gekleidet sind wie die beiden Ladys vor zwei Minuten, so ist die hier angesagte Mode doch eindeutig aus einer völlig anderen Zeit als meiner. Ich würde sie auf Beginn des vorigen Jahrhunderts datieren, oder sogar noch früher. Anhand der Art, wie die Leute gekleidet sind und ihr Haar tragen, ist es leicht, ihren Stand in der Gesellschaft abzulesen.

Die wohlhabenden Mädchen tragen ihre prachtvollen Locken zu edlen Hochsteckfrisuren aufgetürmt, die meist noch mit einem prunkvollen Hut gekrönt werden. Ihre farbenprächtigen Kleider bedecken so gut wie jeden Quadratzentimeter ihres Körpers, vom Hals bis zu den Zehenspitzen. Das ärmere Volk ist in einfache Lumpen aus Leinen gekleidet und manche von ihnen laufen sogar barfuß auf dem Pflaster. Mir kommt es vor, als wäre ich hier mitten in das Filmset von Downton Abbey gekracht.

Obwohl sie mir alle seltsame Blicke zuwerfen, weicht mir niemand aus. Ich schüttle mein Haar auf und mache ein freundliches Gesicht, während ich auf ein Mädchen in meinem Alter zusteuere, das einen prall gefüllten Obstkorb unterm Arm trägt. Ihre nackten Füße sind schmutzig und in ihrem verfilzten Haar wohnen wahrscheinlich jede Menge Läuse und anderes Ungeziefer, aber sie sieht hilfsbereit aus, als sie einem kleinen Jungen am Straßenrand eine Birne schenkt.

„Entschuldige bitte!“ Ich bleibe vor ihr stehen und bemühe mich um mein allerliebstes Lächeln.

„Aye?“, erwidert sie und mustert mich argwöhnisch. War ja zu erwarten.

„Weißt du, wie ich von dieser Insel wegkomme?“

„Mit ’nem Boot, würd ich sag’n.“ Ihr Blick wandert über meine Klamotten wieder hoch zu meinem Gesicht, und sie schenkt mir nun ebenfalls ein Lächeln, obwohl ihres ja ein wenig skeptisch rüberkommt. „Aber wo willst’n du hin? Da draußen is’ nichts außer viel Wasser.“ Sie hält den Korb mit nur einer Hand und schwenkt den anderen Arm zur Seite, wo die schweren Wellen gegen die Hafenmauer rollen.

Bei dieser Antwort sinkt meine Hoffnung, und Unsicherheit kriecht in meine Stimme. „Ich muss dringend nach London.“

„London? Noch nie von gehört.“ Sie spitzt ihre Lippen. „Meinst du vielleicht das Indianerlager auf der anderen Seite der Insel?“

Ich kneife meine Augen zusammen, wobei mir ein schweres Seufzen entweicht. Ganz sicher meine ich nicht das Indianerlager. „Nein, aber danke trotzdem.“

Das Mädchen nickt, doch bevor sie mich hier alleine stehen lässt, halte ich sie noch am Arm fest. „Würdest du mir dann wenigstens einen Apfel verkaufen?“ Es muss bereits nach Mittag sein und ich bin am Verhungern.

Sie wischt ihre schmutzige Hand an ihrem Leinenkleid ab und holt einen strahlend roten Apfel aus dem Korb. „Das macht eine halbe Dublone.“

Ich habe keine Ahnung, was eine Dublone ist, aber in meinen Taschen habe ich immer etwas Kleingeld. Kurzerhand hole ich zwei Pfund und fünfundsiebzig Pence hervor.

„Was ist das?“, fragt das Obstmädchen verwundert und neigt ihren verlausten Kopf.

„Wir bezahlen damit in London.“

„Deine Münzen haben keinen Wert bei uns.“

Händeringend verlagere ich mein Gewicht von einem Bein auf das andere. „Es tut mir leid, aber ich habe nichts, was ich dir sonst dafür geben könnte.“ Natürlich stimmt das nicht ganz. In meiner Hosentasche steckt immer noch ein fetter Rubin, doch das wäre ein etwas überteuerter Preis für einen Apfel.

Wieder kräuseln sich ihre Lippen. Ihr Blick wandert dabei zu dem Pulli, den ich um meine Hüften geschlungen habe. „Du kannst zwei haben, wenn du mir dafür den da gibst.“

Mmm. „Ich glaube nicht, damit wärst du nicht glücklich“, stöhne ich.

Sie zuckt mit einer Schulter, wobei ihr der Träger des einfachen grauen Kleides runterrutscht, und legt den Apfel zurück in ihren Korb. „Meine Schwester braucht was Neues zum Anziehen. Nimm den Apfel, oder lass es. Deine Entscheidung.“

Vor Hunger tut mir schon der Bauch weh. Ich habe hier also nicht wirklich eine Wahl. „Na gut.“ Zögernd löse ich den Knoten der Ärmel und bete dabei, dass sie nicht gleich ausflippen wird, wenn sie den Totenschädel auf der Vorderseite sieht. Aber im Augenblick will wohl niemand meine Gebete erhören. Sobald ich ihr den Pulli entgegenhalte, bricht sie in ein hysterisches Geschrei aus, bei dem mir fast das Trommelfell zerplatzt. Im nächsten Moment saust sie in die entgegengesetzte Richtung los und nimmt ihren Obstkorb mit sich.

Zu meinem Glück fällt bei dieser abrupten Flucht der rote Apfel heraus und kullert die Straße hinunter. In diesem Augenblick schere ich mich weder um das verwahrloste Mädchen noch um sonst jemanden um mich herum, sondern haste einfach nur dem Apfel hinterher. Wenn ich ihn nicht in den nächsten paar Sekunden erwische, rollt er über die Hafenmauer und fällt ins Meer. Und ich bin im Arsch.

Menschen schimpfen und springen zur Seite, als ich meinem Mittagessen hinterher sause. Ich bücke mich und erwische ihn beinahe. Doch ich bin zu langsam. Jemand kommt mir zuvor.

Ein schwarzer Stiefel stoppt den Apfel unter seiner Zehenspitze und zertrampelt damit jegliche Hoffnung auf eine leckere Mahlzeit. Stöhnend sinke ich vor dem Stiefel auf die Knie. Mein enttäuschtes Gesicht spiegelt sich in der polierten Silberschnalle am Schaft.

Eine Hand schiebt sich in mein Sichtfeld und hebt den Apfel auf. Ich blicke hoch in das Gesicht eines jungen Mannes. Als er sich wieder aufrichtet, stehe auch ich vom Boden auf. Mit nur einem halben Meter Abstand zwischen uns wandert sein beunruhigender Blick über meinen ganzen Körper. Bestimmt wegen meiner ungewöhnlichen Kleidung. Aufgrund seines violetten Gehrocks, der schwarzen Lederhose, die er trägt, und nicht zuletzt wegen seines herablassenden Gehabes nehme ich mal an, er gehört hier zur oberen Schicht der Gesellschaft.

Scharfe blaue Augen blitzen hinter den hellblonden Strähnen hervor, die ihm in die Stirn hängen und so aussehen, als hätte sie der Wind zerzaust. Er hat wohl heute noch keine Zeit gehabt, sich zu rasieren, denn über sein Kinn und seine Oberlippe zieht sich ein leichter Schatten im selben von der Sonne gebleichten Blond. Er zieht seine Brauen zu einem Stirnrunzeln zusammen. Das niedere Fußvolk weicht wohl üblicherweise vor ihm zurück. Tja, ich nicht.

„Das ist mein Apfel“, erkläre ich mit fester Stimme, obwohl sich mir unter seinem finsteren Blick in Wirklichkeit die Nackenhaare sträuben. Ich strecke meine Hand aus, die Handfläche fordernd nach oben.

Der junge Mann leckt sich über die Unterlippe und saugt diese dann zwischen seine Zähne. Er macht ein Gesicht, als würde er gerade seinen Ohren nicht trauen. Dann wandert ein Mundwinkel langsam nach oben, während er meinen Apfel in seine Manteltasche steckt. Für einen weiteren kurzen Moment blickt er mir direkt in die Augen, dann beginnt er, aus vollem Leibe zu lachen, dreht sich auf dem Absatz seiner abgenutzten Stiefel um und lässt mich einfach stehen.

„Verdammter Mistkerl“, maule ich und stapfe ebenfalls davon – nicht hinter ihm her, sondern hinüber zu der Ruine einer Steinmauer, die eine alte Fischerhütte umgibt. Die Fenster und Türen dieser Hütte sind mit mehreren morschen Brettern zugenagelt.

Ein Bein auf der Mauer und das andere lose baumeln lassend, setze ich mich auf die Mauer und lehne mich an einen Betonpfosten hinter mir. Erschöpfung nagt an mir und mein Magen fühlt sich an, als würde er sich vor Hunger gerade selbst aufessen.

Als ich meinen Kopf zurück neige, bleibt mein Haar an der rauen Oberfläche des Pfeilers hinter mir hängen und ich zucke bei dem unangenehmen Ziepen zusammen. Für eine ganze Weile starre ich nur in den klaren blauen Himmel. Falls das Ganze nur ein Traum ist, würde ich alles tun, um endlich daraus zu erwachen. Vielleicht sollte ich die Meerjungfrau von gestern suchen und sie bitten, mich so tief unter Wasser zu ziehen, bis mir die Luft ausgeht und ich ertrinke. Schließlich kann man in einem Traum nicht wirklich sterben und wacht schließlich auf, nicht wahr? Da gibt es nur einen Haken: Wenn das doch kein Traum ist, bin ich verloren.

Still und leise ächze ich vor mich hin und wünsche mir, ich könnte meine kleinen Schwestern in die Arme nehmen. Was ist, wenn ich sie nie wiedersehe? Oder Mum und Dad? Und Miss Lynda? Peter zu verärgern war wohl keine so gute Idee. Am Ende hätte er mir vielleicht doch helfen können, nach Hause zu gelangen. Vielleicht hört er ja irgendwann auf zu schmollen und kommt mich suchen. Er kann schließlich nicht ewig sauer sein, weil ich nicht für den Rest meines Lebens in Nimmerland bleiben will.

Als ich etwas Kaltes in meinen Fingern spüre, blicke ich nach unten und finde den Rubin in meiner Hand. Sanft streichle ich ihn und halte ihn gegen die Sonne. Das warme Licht bricht sich tausendfach in den Facetten und landet in einem Schwarm aus schillernden Punkten auf meinem T-Shirt. Die Lichttupfen tanzen, wenn ich den Edelstein vor und zurück kippe.

Mein Blick schweift hinaus aufs Meer zu den Wellen, die gegen die Betonmauer des Hafens peitschen, und anschließend zurück auf die Straße mit den vielen vornehm gekleideten Leuten, die geschäftig auf diesem Marktplatz aus einer anderen Zeitepoche umher eilen. Einige kaufen Obst und Gemüse oder Ballen aus feinster Seide, andere versaufen den Tag vor zwielichtigen Spelunken.

Lautes, kehliges Gelächter zieht meine Aufmerksamkeit auf ein paar Männer vor einem Pub. Sie sitzen in der Sonne auf Schemeln um ein Fass herum, das ihnen als Pokertisch dient. Ich erstarre vor Schreck. In ihrer Mitte sitzt doch tatsächlich der Apfeldieb.

Er lacht nicht mit den anderen. In der Tat glaube ich nicht einmal, dass er gerade überhaupt gehört hat, worüber sich diese Halunken die Bäuche schieflachen, denn mit den Ellbogen auf das Fass gestützt und die Finger unter seinem Kinn wie zu einem Kirchturm zusammengelegt, scheint er in Gedanken versunken. Und wenn er nicht gerade an der heruntergekommenen Fischerhütte hinter mir interessiert ist, dann liegt sein Augenmerk auf mir.

Ich halte seinen Blick nur für eine Sekunde, dann knirsche ich mit den Zähnen und drehe mich weg. Der Kerl kann sich meinetwegen vor den Fünfuhrzug werfen. Der hat bestimmt mehr Geld als Heu und vergönnt mir nicht mal einen dämlichen Apfel.

Den Rubin immer noch zwischen meinen Fingern hin und her rollend, überlege ich mir einen neuen Plan, wie ich von dieser Insel wegkomme. Flugzeuge gibt es hier offensichtlich noch nicht, aber vielleicht nimmt mich ja eins der Schiffe mit, die weiter unten im Hafen liegen. Obwohl die ja nicht gerade aussehen, als würden sie jeden Moment ablegen. Um ehrlich zu sein, würde ich meine linke Niere verwetten, dass keins der Schiffe in letzter Zeit weiter draußen war, als die dicken Taue an Bug und Heck zulassen. Zwar tummeln sich jede Menge Leute auf den Decks, doch es sieht eher so aus, als wären diese Schiffe zu einfachen Kaufläden umfunktioniert worden und würden schon lange nicht mehr als Transportmittel dienen. So ein Pech.

„In deiner Hand hältst du einen Edelstein, mit dem du dir die halbe Stadt kaufen könntest, und trotzdem jagst du einem Apfel hinterher. Was steckt dahinter?“

Überrascht drehe ich mich zu der sanften Stimme um. Einige Meter von mir entfernt lehnt der junge Mann mit dem violetten Gehrock an einer Straßenlaterne und beobachtet mich mit einem interessierten Lächeln auf den Lippen. Seine Arme hat er vor der Brust verschränkt und ein Bein ist angewinkelt, die Sohle des Stiefels hat er dabei gegen den Laternenpfosten gestemmt.

Mein erster Reflex ist es, das Rubinherz schnell in meine Hosentasche zu stecken, um es vor diesem Dieb zu schützen. Dann fauche ich: „Was geht dich das an?“

„Keine Ahnung.“ Er langt in seine weite Manteltasche und wirft mir ohne Vorwarnung den Apfel herüber. „Ich bin nur neugierig.“

Ich fange den Apfel mit beiden Händen auf und beiße in Panik sofort ein großes Stück davon ab, bevor er ihn zurückverlangen kann. Du liebe Zeit, schmeckt das herrlich. Die Spucke in meinem wässrigen Mund vermischt sich mit dem sauren Saft des Apfels, und ich schlucke das halb zerkaute Stück schnell runter, um gleich noch einmal reinbeißen zu können.

„Du bist ein Besucher.“

„Was hat mich verraten?“, frage ich mit vollem Mund und mache dabei ein zynisches Gesicht.

Der Apfeldieb kommt auf mich zu und setzt sich mit gegrätschten Beinen mir gegenüber auf die Mauer. Er macht sich nicht einmal die Mühe, erst den Staub mit einem fein bestickten Taschentuch abzuwischen, wie es jemand aus dem Adelsstand, dem er ganz offensichtlich angehört, sicher tun würde. Aber wer weiß, vielleicht ist er ja gar kein so vornehmer Schnösel. Anstatt meine Frage zu beantworten, meint er nur: „Wo kommst du her?“

Nachdem er nun den kalten und herablassenden Blick von vorhin abgelegt hat, sieht er gleich viel weniger einschüchternd aus. Und da er an meiner Geschichte interessiert scheint, ist er vielleicht sogar bereit, mir zu helfen. Ich lecke mir den Fruchtsaft von den Lippen und beobachte ihn noch einen Moment, doch als er seine Augenbrauen hochzieht und mich damit auffordert, endlich loszulegen, erzähle ich ihm: „Ich komme von einer anderen Insel.“

„Tatsächlich? Wie heißt diese Insel?“

„Gr … ah …“ Angespannt schnippe ich mit den Fingern und meine Augen rollen dabei Richtung Himmel, aber der Name, der mir auf der Zunge liegt, will einfach nicht raus. Verdammt. Warum fällt er mir plötzlich nicht mehr ein? Gestern habe ich ihn doch auch Peter und Tami genannt. Aber es ist genau wie mit meinem eigenen Namen. Einfach wie weggeblasen.

Bis auf die Knochen blamiert, richte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf den jungen Mann vor mir und räuspere mich. Dann sage ich mit fester Stimme: „Es ist nicht wichtig, wie die Insel heißt. Ich komme aus London, einer großen Stadt dort.“

„Ah. Okay.“ Er zuckt belanglos mit den Schultern. „Der Name sagt mir leider gar nichts.“

„Ja, das dachte ich mir schon. Offenbar hat hier noch niemand etwas von meiner Heimat gehört. Was es mir nicht gerade leicht macht, dorthin zurückzukehren.“

„Du willst zurück?“

„Natürlich!“

„Warum bist du dann überhaupt erst hierhergekommen?“ Sein Gesicht strahlt immer noch diese unschuldige Neugier aus. Er stützt seine Hände vor sich auf die Mauer. „Ziemlich unklug, wenn du mich fragst.“

„Hey, es war nicht meine Absicht, hier zu landen. Das war ein Unfall.“

Er rollt mit seinen Schultern und biegt seinen Oberkörper ein wenig hin und her. „Aha, ich verstehe. Macht natürlich einen riesigen Unterschied.“ Es klingt, als würde mir dieser Schnösel kein einziges Wort glauben. „Und jetzt versuchst du, diesen Fehler rückgängig zu machen.“

„Unfall!“

„Ja, richtig. Diesen Unfall.“

„Ja, das tue ich. Irgendwie. Wenn ich nur wüsste, ob das alles hier wirklich echt ist“, jammere ich und esse den restlichen Apfel auf. Das Kerngehäuse werfe ich in hohem Bogen in die Wellen. „Du weißt schon … ob ich vielleicht all das hier nur träume oder halluziniere.“

Wieder zappelt der Mann in seinem Gehrock herum und dehnt seine Schultern nach hinten, dann öffnet er die Knöpfe und zieht mit einer leidigen Grimasse an seinem Hemd. „Also mir scheint es wirklich genug zu sein. Sonst würde ich mir in diesem verdammten Ding wohl kaum so eingeschnürt vorkommen.“

Langsam bekomme ich das Gefühl, der Gehrock gehört nicht zu seiner üblichen Kleidung. Hat er ihn heute nur hervorgeholt, um jemanden zu beeindrucken? Ganz sicher nicht die Trunkenbolde vor dem Pub auf der anderen Straßenseite. Einer von ihnen ist gerade von seinem Schemel gefallen und schnarcht nun auf dem harten Kopfsteinpflaster.

„Kannst du mir sagen, wie ich von dieser Insel runterkomme?“ Ich habe nicht vor, noch viel mehr Zeit mit unnötigem Geschwätz zu vergeuden. Ich muss zurück zu meinen Schwestern.

Er zuckt mit einer Schulter. „Schiff?“

„Legen die denn irgendwann in naher Zukunft ab?“

Meinem Nicken folgend, blickt er hinter sich und kratzt sich am Nacken. „Das bezweifle ich. Aber es gibt da ein Schiff, das draußen vor der Stadt vor Anker liegt. Es sollte in etwa einer Stunde ablegen. Wenn du dich beeilst, schaffst du es vielleicht noch.“

Wie ein aufgekratzter Welpe springe ich auf die Beine. „In welcher Richtung liegt es?“

Der blonde Mann mit den hübschen blauen Augen beginnt zu lachen. Dieses Lachen hat einen weichen Klang, den ich nicht von ihm erwartet hätte. „Weißt du was? Ich zeig’s dir, und du kannst mir auf dem Weg dorthin alles über dieses seltsame London erzählen.“

Was immer er will. Ich würde ihn sogar huckepack zu diesem Schiff tragen, wenn ich dadurch nur schneller von Nimmerland wegkommen würde. Auf mein ungeduldiges Grinsen hin erhebt er sich endlich von der Mauer, bückt sich aber noch einmal und hebt meinen Kapuzenpulli auf, den ich in meiner Aufregung total vergessen habe.

Ah – nein!“, rufe ich von Panik erfüllt. Aber es ist bereits zu spät. Er schüttelt ihn gerade aus und entdeckt natürlich den Piratenaufdruck auf der Vorderseite. Seine Lippen werden schmal, als er zur Salzsäule erstarrt, und seine Augen funkeln düster.

„Wirklich, das hat gar nichts zu bedeuten!“, versuche ich ihm schnell zu erklären. „Es ist nur ein dummes Bild, nichts weiter. Ich schwöre, ich habe nichts mit irgendwelchen Piraten zu tun!“

Sein Blick wandert über den Pulli zu mir und in seinen Augen blitzt verhaltene Heiterkeit auf, wobei sein linker Mundwinkel verschlagen nach oben wandert. „Das habe ich auch nicht angenommen.“

Vor Erleichterung atme ich auf. Endlich löst er sich aus seiner Erstarrung, tritt an meine Seite und legt mir seine Hand auf den Rücken, um mich in die richtige Richtung zu lenken. Nachdem er mir meinen Pulli ausgehändigt hat, binde ich ihn mir wieder – mit dem Bild nach innen – um die Hüften.

Wir lassen den verträumten Hafen hinter uns und die Straße verengt sich rasch zu einem Wiesenpfad entlang der Küste. Hin und wieder, wenn die Wellen zu meiner Linken mit zu starker Kraft ans steinige Ufer schlagen, erwischt mich ein feiner Gischtsprühregen am Arm. In der Nachmittagshitze ist mir die Abkühlung aber herzlich willkommen.

Nichts als Grasland erstreckt sich rings um uns. Kein weiterer Hafen, keine Schiffe, ja, nicht einmal ein kleines Boot. Ich hoffe nur, wir erreichen dieses besagte Schiff, bevor es in See sticht – und mit ihm, meine einzige Chance, nach Hause zu gelangen.

„Verrätst du mir auch deinen Namen?“, fragt mein Begleiter nach einer Weile mit einem überraschenden Hauch von Vergnügen in seiner Stimme. Die Hände hat er beim Gehen hinter seinem Rücken verschränkt.

„Angel … glaube ich.“

„Du glaubst?“

Ich verziehe das Gesicht. „Es ist kompliziert.“

Im Augenwinkel bemerke ich, wie er seinen Kopf zu mir dreht, also blicke ich ihn an und verliere mich für einen Moment in seinem Lächeln. „Ich bin sicher, ich werd’s verstehen“, meint er.

Während wir so nahe nebeneinander hergehen, steigt mir ein feiner Duft von Seewasser und Leder in die Nase. Deshalb frage ich mich, ob er wohl nahe am Ozean lebt. Eine zarte Mandarin-Note haftet ebenfalls an ihm. Er riecht wirklich nicht übel.

„Ich weiß nicht so recht, wo ich anfangen soll“, gestehe ich und kratze mich am Kopf. „Siehst du, ich lebe in der echten Welt –“

Er unterbricht mich, indem er eine argwöhnische Augenbraue hochzieht.

„Na ja, in einer anderen Welt eben. Dort gibt es große Städte … und Verkehr … und Flugzeuge. Und McDonald’s.“

Seine andere Augenbraue folgt der ersten nach oben.

Ich bin hier wohl auf dem völlig falschen Weg. „Sagen wir einfach, es ist eine Welt, die ganz anders ist als eure. Offensichtlich liegt sie sehr weit weg, da in Nimmerland auch noch nie jemand davon gehört hat. Ich bin bei uns zu Hause also raus auf meinen Balkon gegangen. Es war eiskalt und es hat geschneit. Und da bin ich wohl ausgerutscht und über die Brüstung gestürzt. Nur bin ich dann irgendwie nie auf dem Boden aufgeschlagen, sondern aus irgendeinem Grund plötzlich hier vom Himmel gefallen. In Nimmerland.“

Stillschweigend lauscht er meiner Geschichte. Vielleicht hat er ja schon mal von ähnlichen Vorkommnissen gehört.

„Wie auch immer, als ich hier gestrandet bin, konnte ich mich noch an alles Wichtige aus meinem Leben erinnern. Nur ein paar kleine Details sind mir offenbar abhanden gekommen.“

Jetzt lacht er mich aus. „Du nennst deinen Namen ein kleines Detail?“

„Ich … ähm …“ Verlegen ringe ich meine Hände. Schließlich zeige ich ihm das Tattoo auf meinem Handgelenk. „Ich glaube, das ist mein Name, obwohl ich ja ehrlich gesagt keine Ahnung habe, wo ich das Tattoo herhabe oder ob es überhaupt echt ist.“

„Ist es nicht“, sagt er beiläufig und überrascht mich damit. Wie kann er den Unterschied erkennen, wo er doch nur einen flüchtigen Blick darauf geworfen hat? Weil es mir gerade die Sprache verschlagen hat, fügt er hinzu: „Ich kenne mich ein wenig mit Tätowierungen aus. Sieh her –“ Er greift nach meinem Handgelenk und dreht es noch einmal herum. Seine Hand ist unerwartet schwielig. „Die Oberfläche glänzt in der Sonne. Kein echtes Tattoo würde das machen. Die Tinte befindet sich normalerweise in der Haut, nicht auf der Haut. Jemand hat dir das da bloß drauf gemalt.“

Drauf gemalt? Aber wer würde –? Plötzlich zupft ein kleines Lächeln an meinen Mundwinkeln. Paulina. Sie liebt diese Abziehbildchen. Sieht ihr ähnlich, dass sie mir eines auf den Arm geklebt hat. Vielleicht hat sie es auch erst gemacht, kurz bevor ich vom Balkon gefallen bin, und ich weiß es nur nicht mehr. Was genau haben wir eigentlich den ganzen Abend lang getrieben?

„Wohin bist du verschwunden?“

Verwirrt blinzle ich kurz und blicke in ein Paar neugierige blaue Augen.

„Es kam mir so vor, als hätte ich dich für einen Moment verloren. Ist alles in Ordnung?“, fragt er.

„Ja. Ich hab nur grade versucht, mich zu erinnern, was genau vor meinem Unfall eigentlich passiert ist. Meine Erinnerung ist in letzter Zeit etwas … schwammig.“

Er kräuselt seine Lippen, lässt mein Handgelenk wieder los und verschränkt seine Hände erneut hinter dem Rücken. „Gerüchten zufolge kommt es hin und wieder vor, dass sich ein Fremder nach Nimmerland verirrt. Üblicherweise erinnern sie sich nicht, wo sie herkommen. Sie tauchen eines Tages einfach hier auf und bleiben dann für immer.“

Betrübt blicke ich auf den Boden. „Davon habe ich auch schon gehört.“

„Also willst du wirklich wieder zurück.“ Er klingt gerade so, als würde er mir jetzt erst richtig glauben. Wenn er vorhin an meiner Absicht gezweifelt hat, warum wollte er mich dann zu einem Schiff bringen, das die Insel verlässt? Und wo ist überhaupt dieses Schiff?

Panik überfällt mich und ich bleibe wie angewurzelt stehen. Er hält ebenfalls an und mustert mich mit fragendem Blick. „Was ist?“ Er klingt ernsthaft besorgt.

„Weißt du denn, wem das Schiff gehört, zu dem du mich bringst?“

„Was meinst du?“

„Na ja, es ist nicht rein zufällig das Schiff von diesem Captain Hook, oder?“

Einige Sekunden lang starrt er mich prüfend an und hält seinen Kopf dabei leicht zur Seite geneigt. Seine Augen werden schmal, und er betont jedes Wort einzeln, als er mich fragt: „Wer um alles in der Welt ist Captain Hook?“

Puh, da hab ich ja noch mal Glück gehabt. Wenn er mich wirklich zu Hooks Schiff führen wollte, hätte er sicher schon von ihm gehört. Die Muskeln in meinem Nacken entspannen sich wieder und ich spaziere weiter neben ihm her. „Ich habe ihn selbst noch nie getroffen, aber angeblich ist Hook ein Pirat. Man sagt sogar, er sei der hässlichste, grausamste und gemeinste von allen.“

„Großer Gott, wenn das so ist, hoffe ich bloß, dass ich ihm niemals über den Weg laufen werde.“

Ich lächle. „Ja, das hoffe ich auch.“

„Aber du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen. Ich kenne jeden Einzelnen auf diesem Schiff. Vertrau mir, dort bist du absolut sicher.“

Ich versuche, meine restlichen Nerven auch noch zu beruhigen und Hook aus meinen Gedanken zu streichen. Wahrscheinlich ist er sowieso nur ein Hirngespinst. Es würde mich nicht wundern, wenn Peter und die Jungs ihn nur erfunden hätten, weil ihnen langweilig war oder damit sie Leute wie mich damit erschrecken können. Jetzt kann ich sogar über Loneys Anspielung lachen, dass mich eine Kanonenkugel gestreift haben könnte, als ich vom Himmel gefallen bin. Die Vorstellung ist ja auch echt zu komisch.

Gelassen wende ich mich wieder meinem Begleiter zu. „Wie ist eigentlich dein Name?“

Ein knappes Lächeln zieht seinen linken Mundwinkel nach oben. Wahrscheinlich weil ich erst nach zwei Kilometern gemeinsamer Wegstrecke auf diese einfache Frage komme. Erst jetzt wird mir bewusst, dass wir die ganze Zeit nur über mich gesprochen haben. Er wartet einen weiteren Moment, bevor er antwortet: „Mein Name ist Jamie.“

Mir gefällt, wie dabei sein schiefes Grinsen zu einem vollen Lächeln wird. Wenn er nicht gerade diesen Erstarre-unter-meinem-finsteren-Blick-denn-du-bist-unter-meiner-Würde-Scheiß abzieht, ist er ja wirklich ein gut aussehender junger Mann. Es ist schwer zu sagen, wie alt er wirklich ist, denn durch die sonnengebräunte Haut sieht er auf den ersten Blick aus wie Mitte zwanzig. Aber wenn man genauer hinsieht, hat er immer noch diese knabenhaften Züge, die mich ihn deutlich jünger einschätzen lassen. Einundzwanzig vielleicht. Zweiundzwanzig, wenn’s hoch kommt.

Sein Lächeln verschwindet und wird ersetzt durch pure Neugier. Da erst fällt mir auf, dass ich ihn wohl ein wenig zu lange angestarrt habe. Mir wird unangenehm heiß im Gesicht. Gott sei Dank rettet er mich aus diesem peinlichen Moment, als er verkündet: „Wir sind fast da“, und dabei in die Ferne nickt. Hinter dem nächsten kleinen Hügel steht schon die Mastspitze empor und gibt unser Ziel preis.

Erleichterung durchdringt jede meiner Zellen. Er hat also nicht gelogen. Es gibt hier draußen wirklich ein Schiff. Aber als wir näher kommen, plagt mich schon die nächste Sorge. „Warte.“ Ich packe ihn am Arm und halte ihn zurück. „Ich hab gar keine Dublonen bei mir. Denkst du, sie werden mich auch so an Bord lassen?“

„Ganz bestimmt. Aber falls nicht, hast du ja immer noch einen murmelgroßen Rubin in der Tasche. Mit dem solltest du eigentlich überall hingelangen.“ In seinen Augen blitzt ein Funke von Habgier auf, aber er ist verschwunden, bevor ich mir sicher sein kann, dass er überhaupt da war. Bestimmt habe ich mich geirrt. Wenn er wirklich nur hinter meinem Juwel her wäre, hätte er auf dem Weg hierher mehr als genug Gelegenheiten gehabt, ihn mir zu stehlen.

„Du hast Recht. Er sollte ausreichen, um für die Fahrt nach Hause zu bezahlen“, stimme ich ihm zu. „Obwohl ich ihn nur ungern eintauschen möchte. Er war ein Geschenk von einem Freund.“

„Einem Freund hier in Nimmerland?“

„Ja. Sein Name ist Peter.“

Jamie kämpft plötzlich damit, seinen Gesichtsausdruck unter Kontrolle zu halten. Überraschung trifft es nicht einmal im Ansatz, um zu beschreiben, was sich in seiner Mimik spiegelt. In seinem Unterkiefer springt gerade ein Muskel ziemlich wild hin und her. „Peter … Pan?“

„Ja genau. Du kennst ihn?“

Ein träges Lächeln huscht über seine Lippen. „Man könnte sagen, wir stehen uns nahe wie … Brüder.“

„Ohne Peter wäre ich jetzt Brei auf dem Dschungelboden“, erzähle ich Jamie. „Er hat mich gestern aus der Luft gerettet.“

„Das überrascht mich nicht. Verlorene Kinder finden üblicherweise zuerst zu ihm. Er hat wohl etwas an sich, das diese Brut anzieht.“

Die Tatsache, dass er mich als Kind bezeichnet, kratzt ekelhaft an meinem Ego. Zum Teil wegen dem, was ich gestern über Peter und die Jungs gelernt habe. Für immer ein Kind bleiben … ih! Keine Option für mich. Ich bin beinahe achtzehn, das heißt, ich zähle eigentlich schon zu den Erwachsenen. Dass ich meine kleinen Schwestern so gut wie jedes Wochenende beaufsichtige, sollte doch Beweis genug sein. Aber meinen Ärger verberge ich für den Moment. Und dann ist mir plötzlich sowieso alles egal, denn wir sind oben auf dem letzten Hügel angekommen und vor mir liegt es …

Mein Ticket nach Hause.

Mein Herz beginnt aufgeregt zu pochen, als ich das Schiff sanft in den Wellen vor der Küste auf und ab schaukeln sehe. Durch und durch aus cappuccinobraunem Holz gebaut, ist es viel größer, als ich erwartet hätte. Seine überwältigende Schönheit raubt mir fast den Atem. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie Christoph Columbus mit einem Schiff wie diesem die Welt umsegelt hat. An Deck befinden sich mehrere dicke Masten, doch nur an einem – dem größten, der aus der Mitte ragt – bläht der Wind die mächtigen weißen Leinensegel auf.

Bug und Heck des Schiffes liegen höher als das mittlere Deck. Es sieht so aus, als wären vorne und hinten jeweils die Mannschaftskabinen untergebracht. Reihenweise erlauben kleine quadratische Fenster von innen her einen Rundumblick. Hinter manchen von ihnen gibt es sogar Vorhänge, die zugezogen sind. Oben, auf dem hintersten Deck, befindet sich allem Anschein nach die Brücke. Das einsame Steuerrad mit seinen schweren Griffen sticht mir sogar aus hundert Metern Entfernung ins Auge.

Haufenweise Matrosen huschen übers Deck und beginnen an Tauen zu ziehen, nachdem einer von ihnen sein Fernrohr auf uns gerichtet und seinen Kameraden etwas Unverständliches zugerufen hat. Vielleicht hat er ihnen mitgeteilt, dass sie mit dem Ablegen noch ein paar Minuten warten sollen, da noch zwei Passagiere erwartet werden.

Aufgeregt werden meine Schritte immer schneller und mir fallen vor Staunen fast die Augen raus. Jamie, der mit seinen langen Beinen meiner neuen Geschwindigkeit natürlich leicht folgen kann, schmunzelt neben mir. Als wir endlich unten ankommen und nur wenige Meter von dem Fünfmaster entfernt stehen bleiben, verrenke ich mir beinahe meinen Hals, nur um das Schiff in seiner ganzen Pracht bewundern zu können. Jamie stupst mich sanft mit seinem Ellbogen an. „Nettes Boot, nicht wahr?“

„Umwerfend“, wispere ich.

„Na dann, worauf wartest du noch? Komm mit!“ Eine Hand in meinen Rücken gelegt, bugsiert er mich zur nahegelegenen Gangway, die an Deck führt, und lässt mir den Vortritt. Meine ganze Aufmerksamkeit ruht auf meinen Füßen und den vorsichtigen Schritten, die ich mache, denn die Holzplanke hat leider kein Geländer, und ich will ja nicht zwischen Küste und Schiff ins Meer stürzen. Je weiter ich komme, umso mehr schwingt die verdammte Planke. Jamies Fußtritte hinter mir geben mir ein wenig Sicherheit.

Mit einem kurzen Blick nach oben vergewissere ich mich, dass wir schon mehr als die Hälfte des Weges hinter uns haben. Gleichzeitig entdecke ich an Deck einen äußerst schmutzigen Matrosen. Er trägt ein löchriges Hemd und ein schwarzes Kopftuch. Von seinem locker sitzenden Ledergürtel hängt ein echter Säbel und sein linkes Auge ist hinter einer schwarzen Augenklappe verborgen.

Wie versteinert bleibe ich stehen.

Jamie knallt von hinten in mich rein, doch er hält mich gerade noch fest und vermeidet dadurch, dass ich in die Fluten stürze. „Was ist los?“, haucht er in mein Ohr.

Ich drehe meinen Kopf zwar zu ihm, behalte den bewaffneten Mann dabei aber stets im Auge. „Bist du sicher, das ist das richtige Schiff?“

„Ja, natürlich.“

„Hast du gesehen, was die alle anhaben? Ich glaube, das sind Piraten.“

„Nur keine Sorge“, erwidert Jamie mit einem gelassenen Schmunzeln. Aber ich mache mir Sorgen. Gänsehaut breitet sich über meinem Rücken aus. Ich möchte umdrehen und zurück an Land gehen, doch Jamie versperrt mir den Weg und drängt mich weiter.

Nur noch ein paar Schritte und ich stehe auf dem weiten Deck. Die Männer rund um mich herum tragen alle die gleichen schmutzigen Sachen und beäugen mich gierig. Als einer von ihnen lüstern lächelt, blitzt hinter seinen Lippen ein Goldzahn hervor.

„Jamie?“, krächze ich. Meine Knie werden butterweich. „Ich glaube, wir sind hier auf dem falschen Schiff.“

„Entspann dich, Engelchen.“ Den Kosenamen hat er bestimmt nicht gedankenlos gewählt. Seine Fingerspitze streichelt in einer unangenehmen Liebkosung meinen Nacken hinunter. „Wir sind ganz genau da, wo wir hinwollten.“

Ich sauge entsetzt die Luft durch mein verkrampftes Gebiss ein und wirble zu ihm herum. Jamie befreit sich mit nun offensichtlicher Abneigung aus seinem Gehrock und wirft ihn über Bord. „Ah, schon viel besser!“ Er lockert seine Schultern und stöhnt erleichtert auf.

Nun trägt er nur noch ein einfaches Leinenhemd mit langen Ärmeln, das am Kragen geschnürt ist. Himmel, wieso ist mir vorhin nicht schon aufgefallen, dass das Hemd in keinster Weise zu seinem vornehmen Mantel passt? „Du – du bist einer von ihnen“, sage ich mit heiserer Stimme. „Du bist ein Pirat.“

Hohn blitzt in seinen blauen Augen auf. Bei seinem zynischen Lächeln gefriert mir das Blut in den Adern. „Und der hässlichste, grausamste und gemeinste von allen noch dazu … hat man mir erzählt.“

Der Mann mit dem Goldzahn tritt an Jamie heran und überreicht ihm einen weiten schwarzen Hut mit einer einzelnen, buschigen Feder darauf, dann legt er die Hände um den Mund und schreit aus voller Lunge: „An die Arbeit, ihr räudigen Hunde! Der Käpt’n ist an Deck!“

„Hook“, entweicht mir ein beinahe lautloses Flüstern.

Jamie fährt sich mit einer Hand durchs Haar und setzt den Hut auf. Sein verruchter Blick durchbohrt mich, während sein Lächeln zu einem gefährlichen Versprechen wird. „Willkommen an Bord der Jolly Roger.“

 

 

Kapitel 5

 

ICH VERSUCHE, AN ihm vorbei zu hasten und das Schiff zu verlassen, doch Hook schlingt einfach einen Arm um meine Hüften und hält mich problemlos zurück. Ich stolpere gegen seine steinharte Brust, weg von der Gangway, die zwei seiner Männer gerade einholen.

„Bring sie raus, Smee!“, ruft der Captain über meinen Kopf hinweg einem völlig in Schwarz gekleideten jungen Piraten zu, der auf dem hintersten, obersten Deck des Schiffes erscheint. Seine kupferroten Haare sind zerzaust und von der Meeresluft filzig, und um seinen Hals trägt er ein rotes Tuch. Erst denke ich, Hook meint mich mit dieser Anweisung, und ich frage mich, was das wohl zu bedeuten hat. Doch im nächsten Moment teilt der Pirat mit den roten Haaren Befehle an die Crew aus, sie sollen den Anker lichten und die Segel hissen. Nur wenige Augenblicke später entfernt sich das Schiff langsam von der Küste.

Ich bin auf der Jolly Roger gefangen.

„Lass mich los, du schmieriger Bastard!“ Wild um mich schlagend, schreie ich, als hätte sich eine Schlange statt seines Arms um meine Taille gewunden. Aber nach näherer Überlegung ist Hook wahrscheinlich noch viel schlimmer als eine Schlange.

Sein spöttisches Lachen schallt in meinem Ohr. „Na na, wo haben wir denn diese schlimmen Worte aufgeschnappt, Miss London?“

Mit einem harten Stoß nach hinten trifft mein Ellbogen genau auf sein Zwerchfell und wischt ihm das verdammte Grinsen vom Gesicht. Offensichtlich hat er mich unterschätzt. Sein Arm fällt von mir ab. Während Hook eine Hand gegen seine Rippen presst und sich hustend vornüberbeugt, stolpere ich vorwärts. Das ist meine einzige Chance, zu entkommen. Doch ein Blick über die Reling verrät mir, dass wir bereits zu weit von der Insel entfernt sind, um noch mit einem Sprung an Land zu gelangen.

Einige seiner Männer eilen Hook zu Hilfe und blockieren mir die Sicht auf die Küste. Mir bleibt keine Zeit, zu überlegen. Ich wirble herum, mache einen wilden Satz quer über das Schiffsdeck und klettere auf der anderen Seite auf die Reling. Mit aller Kraft, die ich in meinen Beinen aufbringen kann, springe ich weit hinaus und stürze in die Wellen.

Die kalten Fluten reißen mich in einem wilden Strom nach unten, ihre einzige Absicht scheint zu sein, mich gegen den Schiffrumpf zu schmettern. Sekunden unter Wasser fühlen sich an wie Minuten und mir geht langsam die Luft aus. Ich kämpfe darum, die Kontrolle über meine Arme und Beine zurückzugewinnen und in dieser dunklen Tiefe die Orientierung wiederzuerlangen. Meine Lungen haben mittlerweile die Größe von zwei Tennisbällen. Mit kräftigen Zügen schwimme ich an die Oberfläche, in der sich die Sonne spiegelt, und breche durch die Gischt. Aus Mund und Nase spucke ich Salzwasser, während ich verzweifelt den ersten Atemzug mache, der mir das Leben rettet.

„Sieh nur, was wir da unten haben, Käpt’n!“ Smees hämisches Lachen dringt von Deck. „Eine Meerjungfrau.“

Als ich im Wasser tretend nach oben blicke, steht da eine Meute Männer, die alle ein schmutziges Grinsen auf den Lippen haben. Die Menge teilt sich, und Hook tritt an die Reling. Er lehnt sich darüber und zieht eine Augenbraue hoch. „War das denn wirklich nötig?“

Ja, für ihn wäre es wahrscheinlich einfacher, wenn ich die nette Gefangene spielen würde, damit er sich nicht weiter mit mir herumärgern muss. Pech gehabt, Mistkerl! Um zurück ans Ufer zu gelangen, muss ich erst um das Schiff herumschwimmen, also beginne ich, mit vor Hunger schwachen Armen und Beinen in eine Richtung zu strampeln.

„Was hast du denn jetzt vor? Willst du vor mir wegschwimmen? Zurück nach London?“

Ich antworte gar nicht erst auf Hooks heiteres Rufen, sondern versuche schneller zu schwimmen. Dabei lösen sich die verknoteten Ärmel um meine Hüften und mein Kapuzenpulli gleitet weg von mir. Verzweifelt greife ich danach, doch er sinkt viel zu schnell in die Tiefe. Wenn die Situation nicht so aussichtslos und düster wäre, hätte mich die Ironie, dass die See gerade meinen Fluch-der-Karibik-Pulli verschlingt, wohl sogar zum Lachen gebracht. Mit eisernem Willen schwimme ich weiter.

„Komm schon, Angel. Das schaffst du doch nie. Wenn wir dich nicht erwischen, dann kriegen dich die Haie.“

Ich lasse nicht zu, dass mich sein Gespött in Panik versetzt. Zähneknirschend ignoriere ich sein dummes Gerede.

„Aaaaaaangeeeel!“ Er hält mit meinem Tempo Schritt, während er neben mir her an der Reling entlang spaziert und dabei offenbar auch noch seinen Spaß hat. Es klingt, als würde er mit einem Kleinkind reden, als er sagt: „Du hast siebzehn Männer und ein Schiff gegen dich. Warum bist du nicht einfach ein nettes Mädchen und gibst auf? Sei mein Gast.“

Gast, hah! Dass ich nicht lache. Der ist wohl komplett übergeschnappt. Aber bald scheint auch Hook an die Grenzen seiner Geduld zu stoßen. „Smee!“, bellt er entschlossen. „Hol sie da raus!“

Egal wie schnell ich auch vorwärts kraule, aus dem Fischernetz, das die Männer über mich werfen, gibt es kein Entrinnen. Sie ziehen an den Seilen des Netzes, wodurch ich erneut im Wasser herumgeschüttelt werde, dann holen sie mich an Bord, als wäre ich der Fang des Tages. All mein Strampeln ist umsonst. Wie ein Lachs lande ich zappelnd an Deck.

Zwei Männer, die ihr zottiges Haar zu einem Zopf zusammengebunden haben, schnappen mich an beiden Armen und hieven mich auf die Beine. „Was machen wir jetzt mit der, Käpt’n?“, fragt einer von ihnen. Er trägt einen Ohrring in der Größe eines Armreifens und seine beiden Unterarme sind mit Tätowierungen von Meerjungfrauen verziert. Durch die tiefen Falten in seinem Gesicht und die grauen Strähnen in seinem schwarzen Haar sieht er aus, als wäre er der Älteste an Bord des Schiffes, obwohl ich bezweifle, dass er schon über vierzig ist. Er stinkt wie vergammelter Fisch. Mir wird übel.

„Binde sie an den Mast, Fin.“ Hooks Befehl ist kalt, gefühllos. Die Arme vor der Brust verschränkt, wartet er, bis ich mit dem Rücken am dicksten Segelmast des Schiffes stehe, meine Hände nach hinten gewunden. Das Seil, mit dem mich Fin fesselt, schneidet schmerzhaft in meine Handgelenke, aber ich verbiete mir ein Stöhnen. Während der ganzen Zeit wende ich meine Augen nicht eine Sekunde von Hook. Als Fin endlich fertig ist, schickt ihn der Captain mit einem beifälligen Handwinken weg.

Eine kalte Aura umgibt Hook, als er seine Hände an den Gürtel legt und langsam auf mich zukommt. Der Buchstabe J ist in die Silberschnalle eingraviert, die ihn zusammenhält. Erst bei genauerem Hinsehen fällt mir auf, dass es gar kein Buchstabe, sondern ein Haken ist. Und plötzlich frage ich mich, warum er eigentlich noch beide Hände hat. Die Verlorenen Jungs haben mir doch erzählt, dass er an seinem rechten Arm einen Haken tragen würde. Offensichtlich war das gelogen.

„Warum haltet ihr mich hier gefangen?“, zische ich, als uns nur noch zwei Schritte voneinander trennen.

„Weil du von großem Wert für uns bist. Und weil du etwas hast, das mir gehört.“

„Ach so? Und was bitte soll das sein?“

Der Captain macht einen weiteren Schritt auf mich zu, bis er so nahe ist, dass wir uns beide einen Atemzug teilen. „Mein Herz“, sagt er mit einer seltsam sanften Stimme und streicht mir dabei mit den Fingerspitzen über die Wange.

Was zu Teufel –? Vor Schreck erstarrt, bekomme ich kein einziges Wort mehr raus.

Sein Blick bleibt immer noch warm, auch wenn sich seine Lippen bereits zu einem kaltherzigen Lächeln verzogen haben. Er legt seine Hände an meine Hüften und streicht mit ihnen dann sanft abwärts über meine Oberschenkel. „Ah, da ist es ja.“ Sein Grinsen wird breiter und dieses Mal blitzt in seinem Blick ein lüsterner und düsterer Funke auf. Ohne die geringste Vorwarnung dringt er in meinen intimsten Bereich ein und schiebt seine Hand gewaltvoll in meine nasse Hosentasche. Entsetzt schnappe ich nach Luft. Aber da zieht er sie schon wieder heraus – und mit ihr den Rubin von Peter Pan.

„Gib das sofort zurück!“ Energisch zerre ich an den Seilen, doch außer dass sie sich tiefer in mein Fleisch schneiden, passiert gar nichts. „Das war ein Geschenk, du verfluchter Dieb!“

Hook hält den Stein zwischen Daumen und Zeigefinger in die Sonne und inspiziert ihn mit scharfen Augen, die er als Nächstes auf mich richtet. „Sag mir, Engelchen … Wie kann ich der Dieb sein, wenn du etwas bei dir trägst, das rechtmäßig mir gehört?“

Ich zögere einen Moment mit meiner Antwort und senke meine Stimme. „Ich hab den Stein nicht gestohlen. Peter hat ihn mir gegeben.“

„Ja genau. Peter Pan“, spuckt er durch verbissene Zähne. „Der kleine Mistkäfer, der mir schon seit Jahrzehnten auf die Nerven geht.“

Hat er gerade Jahrzehnte gesagt? Du meine Güte, wie lange ist Peter denn schon ein Teenager? Und auch der Rest der Insel ist seither nicht um einen Tag gealtert? Aber schnell wird mir klar, dass ich in viel tieferen Schwierigkeiten stecke, als nur auf einer zeitlosen Insel festzusitzen. Ich bin auf einem Schiff gefangen und in der Gewalt eines rücksichtslosen Kapitäns und seiner potthässlichen Mannschaft.

Ich brauche einen Plan, und zwar schnell.

„Na schön. Du hast, was du wolltest“, argumentiere ich. „Jetzt nimm mir endlich die Fesseln ab und lass mich gehen.“

Ein haarsträubendes Schmunzeln erobert seine Lippen. „Ach, Angel, Angel … Du verstehst es wirklich nicht, oder? Dieser kleine Rubin hier ist nur ein Kieselstein im Vergleich zum Umfang meines wirklichen Schatzes. Berge über Berge von Gold, Silber und Diamanten gehören dazu.“ Wieder hält er den Rubin hoch, direkt vor meinen Augen, und neigt seinen Kopf ein wenig, wobei er mich über den Stein hinweg genau beobachtet. Dann richtet er sich auf und schließt seine Faust um das Juwel. Er steckt ihn in seine Tasche. Seine Stimme verliert jeden Hauch von Wärme oder Mitgefühl. „Aber ich bin sicher, das weißt du bereits. Du hast den Schatz gesehen, nicht wahr?“

Ich wage nicht einmal, mit der Wimper zu zucken, als ich den Kopf schüttle.

„Wo. Ist. Mein Schatz, Angel?“

„Ich habe keine Ahnung, wovon du überhaupt redest!“, schreie ich ihm ins Gesicht, nicht weit von erneuter Panik entfernt. Peter hat mir vertraut, als er mir die Höhle gezeigt hat. Keinesfalls werde ich ihn an seinen Erzfeind verraten. Auch nicht, nachdem er mich gestern allein im Dschungel zurückgelassen hat. „Peter hat mir den Stein gestern Nacht geschenkt. Wir sind auf einem Hügel gesessen und haben zugesehen, wie der Vulkan einen Regenbogen nach dem anderen ausgespuckt hat. Da hat er den Rubin einfach aus seiner Brusttasche gezogen. Und da waren sicher keine Berge über Berge aus Gold darin versteckt!“

Hook runzelt die Stirn, als ob er gerade abwägen würde, ob ich tatsächlich die Wahrheit sagen könnte. Fluchend dreht er sich letztendlich um und stapft zu Smee, der uns bis jetzt schweigend von der Reling aus beobachtet hat. „Was denkst du, Jack? Lügt sie uns was vor?“, fragt er mit etwas leiserer Stimme.

„Schwer zu sagen.“ Smee wirft mir einen kurzen Blick zu und kratzt sich an der rechten Augenbraue, die von einer alten, verblassten Narbe halbiert wird. Ich frage mich, wie viele Kämpfe er über die Jahre wohl schon im Körper eines Zwanzigjährigen ausgefochten hat.

„Ein waghalsiger Sprung über die Reling?“, setzt er fort. „Sie scheint mir zäh zu sein. Und einen netten Hieb hat sie dir da vorhin verpasst. Ich würde nicht ausschließen, dass sie lügt, nur um die Bälger im Wald zu schützen.“

„Was schlägst du also vor? Folter?“

Schockiert sauge ich die Luft durch meine Zähne ein, aber die beiden schenken mir keinerlei Beachtung. Immerhin zieht Jack Smee seine gespaltene Augenbraue hoch. „Sie ist noch ein Kind.“

Mit verzerrtem Gesicht reibt sich Hook über die Rippen. „Ihr Hieb von vorhin, der dir offenbar so imponiert hat, sagt da etwas anderes.“

„Trotzdem. Sie ist ein Mädchen.“

Die Lippen aufeinandergepresst, wirft mir Hook einen nachdenklichen Blick zu. „Wenn sie uns nicht verrät, wo der Schatz vergraben ist, nützt sie uns gar nichts.“ Dann dreht er sich wild entschlossen zu Smee um. „Wir können sie ebenso gut über die Planke schicken.“

„Was?“ Die letzte halbe Stunde haben wir uns bei guter Fahrt bestimmt unzählige Meilen von der Küste entfernt. Nichts außer Wasser ist weit und breit zu sehen. „Ich weiß ja noch nicht mal, in welcher Richtung die Insel liegt! Ihr könnt unmöglich von mir erwarten, dass ich den ganzen Weg zurückschwimme.“

Hook schließt seine Augen für einen Moment. Sein Mund wölbt sich dabei zu einem unheilvollen Lächeln. „Oh, das erwartet keiner.“ Er kommt näher und seine Stiefelabsätze poltern dabei schaurig auf den Holzdielen des Decks. „Wir lassen dich hier von Bord gehen, und die Haie erledigen dann den Rest. Sollen sie sich doch die Zähne an dir ausbeißen.“

Hinter ihm entdecke ich mehrere dreieckige Flossen, die ums Schiff herum durchs Wasser schneiden. Vor ein paar Minuten waren die noch nicht da. Wir müssen wirklich schon weit draußen auf dem Meer sein. Meine Beine beginnen zu zittern. Ist das vielleicht der richtige Zeitpunkt, um ihm zu sagen, wo der Schatz der Verlorenen Jungs liegt?

Peter würde mir das nie verzeihen. Er würde mich hassen, und damit meine ich wirklich, wirklich hassen, und nicht nur stinkig sein, weil ich nicht für immer in Nimmerland bleiben will. Und wenn ich Hook das Versteck erst einmal verraten habe, wer garantiert mir, dass er mich nicht trotzdem an die Haie verfüttert? Wenn er seinen Schatz erst einmal wiederhat, nütze ich ihm wirklich nichts mehr.

Verdammter Mist. Was mach ich bloß?

Jack Smee löst meine Fesseln, dann schubst er mich ein paar Schritte vom Mast weg und bindet mir die Hände erneut auf dem Rücken zusammen. Als er mich mitten durch die Piratenmeute hindurch führt, freuen die sich schon lauthals darauf, dass ich gleich Haifischfutter sein werde.

Drei der Männer schieben eine Planke über die Reling, die weit über die Wellen hinausführt. Smee zieht mich näher heran, dann dreht er mich herum, so dass ich Auge in Auge mit seinem Captain stehe.

Die Hände hinter seinem Rücken verschränkt, grinst Hook voll Hohn. „Irgendwelche letzten Worte?“

„Fahr zur Hölle, du dreckiger … fieser … gottverdammter …“

Seine Nasenspitze berührt beinahe meine, als er seinen Kopf zu mir neigt und eine verirrte Haarsträhne hinter mein Ohr streift. „Engelchen, das Wort, das du suchst, ist Pirat.“ Und da ist es wieder, das gefährliche Blitzen in seinen Augen. Ohne Gnade schnürt er seine Finger um meinen Arm und schiebt mich auf die Planke.

Einer seiner Männer schnappt sich einen Besen und schubst mich damit vorwärts, bis ich am äußersten Ende stehe. Von der Schiffswand spritzt das Wasser zu mir hoch. Mir schlottern die Knie und mein Herz rast wie eine Maschinengewehrsalve. Erst ein paar Stunden zuvor hatte ich daran gedacht, Melody zu finden und sie zu bitten, mich im Ozean zu ertränken, damit ich endlich aufwache. Jetzt, wo sich unter mir die Haie schon das Maul nach mir lecken, kommt mir der Plan plötzlich gar nicht mehr so großartig vor. Aber letzten Endes könnte es die Lösung für all meine Probleme sein. Ich stecke in einem seltsamen Traumland fest, und hier zu sterben wird mich bestimmt gleich hinausschleudern. Mich aufwecken. Mich zurück nach Hause bringen. Ich schließe meine Augen …

„Wartet!“

Hooks plötzlicher Ruf erschreckt mich so sehr, dass ich beinahe nach vorne ins Wasser gekippt wäre, aber ich kann mich gerade noch fangen und blicke über meine Schulter zu ihm.

„Hol sie zurück, Smee. Ich habe eine Idee.“ Das ist alles, was er sagt, bevor er zum Heck des Schiffes stiefelt und in einer Kabine unter der Brücke verschwindet.

Ein tiefer Seufzer bricht aus mir heraus, als Smee mich zurück an Deck zieht. Dort überlässt er mich der Obhut der lüsternen Mannschaft, die nach verfaultem Fisch riecht, und folgt seinem Captain.

 

 

James Hook

 

OH, PETER PAN! Dieses Mal kriege ich dich!

Hinter mir knallt die Tür ins Schloss. Ich stapfe zu meinem Schreibtisch, der vor einer Reihe von großen Fenstern steht, hinter denen sich nichts als das weite Meer erstreckt. In diesem Arbeitszimmer hecken Smee und ich meist Angriffsstrategien aus, doch heute hole ich stattdessen das Rubinherz aus meiner Tasche, werfe es zusammen mit meinem Hut auf den Tisch und schreite im Zimmer auf und ab.

Du wagst es, einfach einen Teil meines Schatzes zu verschenken? Ich werde dir eine Lektion erteilen, die du niemals vergisst, du widerlicher, kleiner Dreckskäfer.

Voll Anspannung und ebenso viel Vorfreude öffne ich die Knöpfe an meinen Handgelenken und zieh das Hemd über meinen Kopf, um es dann auf den Stuhl zwischen dem großen Tisch aus Eichenholz und der Fensterreihe zu werfen. Vor dem großen, schmalen Spiegel in der Ecke bleibe ich stehen und reibe mir über die Rippen. Ein Bluterguss bildet sich auf der rechten Seite. Verdammt aber auch, die Kleine hat ganz schön viel Kraft. Und einen unzerbrechlichen Willen obendrein. Immer noch weiß ich nicht, wo mein Schatz ist. Nicht einmal im Anblick des sicheren Todes hat sie aufgegeben. Stattdessen hat dieses kleine Biest meinen exzellenten Plan zunichte gemacht. Keiner der dreckigen Hunde da draußen hat auch nur annähernd so viel Courage. Außer Smee vielleicht, aber er ist auch der Einzige.

Meine Finger schließen sich um den kleinen goldenen Schlüssel, der an einer Kette um meinen Hals hängt. Dabei gebe ich mir selbst ein Versprechen. Dieses Mal werde ich meinen Schatz finden – und mit ihm die kleine Silbertruhe. Und dann bereite ich diesem Für-immer-Kind-bleiben-Schwachsinn ein für alle Mal ein Ende.

Jemand klopft an meine Tür.

„Komm rein, Jack!“, rufe ich hinaus. Es kann nur mein erster Maat sein, denn außer ihm ist niemandem aus der Crew Zutritt zu meinen Räumen gewährt.

Smee tritt ein und macht die Tür hinter sich zu, doch nicht schnell genug. Über seine Schulter hinweg sehe ich Angel inmitten der hungrigen Wolfsmeute an Deck. Die Männer necken sie, doch keiner legt auch nur einen Finger an das Mädchen. Und das werden sie auch nie, wenn sie wissen, was gut für sie ist.

„James?“ Jack holt mich aus meinen Gedanken, während ich auf die nun geschlossene Tür starre. „Du siehst besorgt aus. Ist mit dir alles in Ordnung?“

„Ich finde es höchst irritierend, ein Mädchen auf meinem Schiff zu haben“, gebe ich zu und knirsche mit den Backenzähnen. „Wir sind Freibeuter, Herrgott noch mal. Ein Kätzchen wie sie sollte nicht in einen Käfig voll gieriger Hunde geworfen werden.“

„Warum hast du sie dann überhaupt an Bord gebracht?“

„Was hätte ich denn machen sollen? Sie hatte meinen Rubin. Mir blieb keine andere Wahl. Und als sie auch noch sagte, dass sie ihn von Pan bekommen hat, war ich bereit, meine rechte Hand darauf zu verwetten, dass er kommen und sie vor den Haien retten würde.“

Smee lehnt sich an die Tür hinter ihm und verschränkt die Arme. „Ja, damit hatte ich auch gerechnet. Was denkst du, warum ist er nicht gekommen?“

Bedauerlicherweise fällt mir dazu nichts ein. Ich zucke mit den Schultern und streife mir dann das schwarze Hemd über, das ich heute Morgen gegen das feinere weiße getauscht habe, um damit in die Stadt zu gehen. „Sie war allein, als ich sie am Hafen aufgegabelt habe. Vielleicht denkt Peter, sie hätte Nimmerland bereits wieder verlassen.“ Ich erzähle ihm von London und was mir Angel sonst noch alles auf dem Weg zu meinem Schiff anvertraut hat. „Der Rubin könnte ein Abschiedsgeschenk für sie gewesen sein.“

Smee nickt. „Mir war klar, dass du sie niemals den Haien zum Fraß vorwerfen würdest, aber was ist das für eine Idee, von der du vorhin gesprochen hast? Hast du einen neuen Plan?“

„Vielleicht kann sie uns nicht zum Schatz führen.“ Ein selbstgefälliges Grinsen huscht über meine Lippen. „Aber bestimmt kennt sie den Weg zu Peter Pans Versteck.“

„Du willst, dass sie uns durch den Dschungel führt? Ausgezeichnet! Wenn Pan sie in sein Versteck gebracht hat, dann weiß sie mit Sicherheit, wo all die Fallen platziert sind, und kann uns drum herum führen.“

Ich wusste, Jack würde von meinem Einfall begeistert sein. „Sag den Männern, wir kehren um. Bei Einbruch der Nacht sollen uns vier von ihnen an Land begleiten. Der Rest der Crew bleibt beim Schiff.“

Smee macht sich sofort an die Arbeit. In der Zwischenzeit verstecke ich meinen Rubin in einer Schreibtischlade. Dann setze ich meinen Hut auf und ziehe die Krempe tief in mein Gesicht.

Deine letzte Stunde hat geschlagen, Peter Pan.

 

 

Kapitel 6

 

DIE NACHT BRICHT über uns herein. Wir sind jetzt mindestens schon über eineinhalb Stunden diesen Weg entlanggelaufen, der von der Küste wegführt, und immer noch will mir keiner sagen, wohin wir eigentlich gehen. Smee und Hook bilden meine beiden Flanken, vier weitere Männer aus der Crew folgen uns. Den größten Teil unserer Wanderung über haben sie hinter uns schmutzige Witze gemacht oder anstößige Lieder gesungen. Aber seit wir vor fünf Minuten in den Dschungel eingedrungen sind, ist ihr fröhliches Geschwätz sehr viel leiser geworden. Im Moment sind sie so still, dass ich über meine Schulter blicke, um sicherzugehen, dass sie überhaupt noch da sind. Im schalen Mondlicht, das durch das Dickicht bricht, zeichnen sich ihre Umrisse geisterhaft ab. Bei diesem Anblick wird mir ganz schön unheimlich zumute.

Hook hat seit unserem Aufbruch vom Schiff kein einziges Wort gesprochen. Er wirkt schon die ganze Zeit ziemlich in Gedanken versunken. Smee, der offenbar zu feige ist, um das Grübeln seines Captains zu unterbrechen, ist auch nicht sehr gesprächig. Oder vielleicht wollen sie auch einfach ihren Plan nicht vor mir breittreten.

Während Hook zu Anfang noch ein Tempo vorgelegt hat, bei dem ich nur schwer hinterhergekommen bin, hat sich nun auch in seinen Körper eine Anspannung geschlichen, die nicht zu übersehen ist. Seit wir den Dschungel betreten haben, sind seine Schritte sehr viel kleiner und langsamer geworden. Er setzt nun jeden Fuß mit Bedacht auf den Boden, gerade so, als würde er mit einer drohenden Gefahr rechnen.

„Zünde eine Fackel an“, befiehlt er Smee in leisem Ton, woraufhin dieser einen langen Holzpflock aus dem Sack nimmt, den er über seiner Schulter trägt, und ein Streichholz an seiner Stiefelsohle entzündet. Kurz darauf hüllt uns die brennende Fackel in einen warmen Lichtschein.

„Welche Richtung?“, fragt Smee.

„Hm.“ Hook zuckt mit den Schultern. „Warum fragen wir nicht unser Engelchen?“ Sein Blick wandert zu mir. „Wenn Sie nun so freundlich wären und uns den Weg zeigen würden, Miss London.“

Meine Kinnlade klappt nach unten und meine Augen gehen bestimmt gerade weiter auf als die eines Pandabären. „Ihr wollt, dass ich euch durch den Dschungel führe?“

„Durch den Dschungel und zu Peter Pans Versteck, genau. Du weißt als Einzige von uns, wo all die Fallen versteckt sind.“

Ich kneife meine Augen zu und hätte mir gerne auch frustriert mit den Fingern darüber gewischt, doch die Fesseln um meine hinter dem Rücken verschnürten Handgelenke hindern mich daran. „Welche Fallen?“, schnappe ich durch zusammengebissene Zähne.

„Die, die Peter Pan und die Verlorenen Jungs für uns gelegt haben, natürlich“, antwortet Jack Smee mit der Parodie eines Lächelns im Gesicht.

Erschrocken denke ich an letzte Nacht zurück. Wenn hier wirklich Fallen aufgestellt wurden, dann hatte ich gestern wohl mehr Glück als Verstand, dass ich nicht alleine versucht habe, mich durch das Dickicht zu schlagen. „Ich weiß nichts von irgendwelchen Fallen, und ich hab auch keine Ahnung, wie man zu Peters Versteck gelangt. Wir sind leider nicht durch den Dschungel gewandert. Der Kerl kann fliegen, verdammt noch mal!“ Ein beißender Schmerz zischt meine Arme hoch, als ich gegen die einschneidenden Fesseln um meine Handgelenke ankämpfe. Es hat keinen Sinn, sie sind viel zu eng, um daraus zu entkommen. Kopfschmerzen machen sich bemerkbar. Ich fühle mich angeschlagen und wackelig auf den Beinen. Hinter mir ist ein dicker Baum, an den ich mich für einen Moment anlehne. „Sucht euch den Weg doch selbst.“

„Du hast vorhin eine beeindruckende Vorstellung auf der Planke abgeliefert“, sagt Hook. „Aber diesmal lassen wir dich nicht so leicht davonkommen. Falls du wirklich nicht weißt, wo die Fallen sind, dann beginnst du am besten ganz schnell zu beten. Denn du wirst uns durch den Dschungel führen und auch zu Pans Versteck.“

Ich wünsche mir nichts mehr, als einfach nur die Augen zuzumachen und mich für ein paar Minuten ausruhen zu können. Wann hört dieser Alptraum denn endlich auf? Meine Beine fühlen sich an, als wären sie aus Gelee und ich kann kaum noch die Augen offen halten. Was würde ich alles dafür geben, wenn Peter mich hier finden, mich wieder in seine Arme nehmen und mit mir zurück zu seinem Baumhaus fliegen würde. Die gemütlichen Schlafkojen der Jungs sind alles, woran ich im Moment denken kann.

Dann kommt mir eine Idee. Hier draußen ist alles mucksmäuschenstill, da sollte ein Hilferuf doch eigentlich meilenweit zu hören sein. Ich hole tief Luft und schreie dann aus Leibeskräften: „Peeeeeteeeeer!“ Meine Stimme bricht wie ein Donnerschlag durch die Stille. „Peter Pa –“

Hook packt mich am Arm und wirbelt mich unsanft herum. Mein Rücken ist flach an seine Brust gedrückt und er hält mir mit seiner Hand den Mund zu. „Wenn du die Nacht überleben willst, dann lass den Blödsinn“, grollt er in mein Ohr.

Erst als ich aufhöre, wild um mich zu treten, was mir im Übrigen überhaupt nichts bringt, lässt er mich los und dreht mich zu sich. „Gut. Und jetzt zeig uns den Weg um die Fallen herum. Ach, und Angel … ich verspreche dir, wenn du versuchst, uns reinzulegen, wirst du das bitter bereuen.“

„Wie soll ich euch denn reinlegen? Ich kenne weder den richtigen Weg noch weiß ich, wo die Fallen versteckt sind!“ Tränen brennen hinter meinen Augen, aber ich blinzle schnell und halte sie damit zurück. „Ich bin doch die Erste, die in eine hineinfallen wird. Und du willst mir ja nicht einmal die Fesseln abnehmen.“

„Lieber trittst du in eine Falle als wir“, gibt Hook kalt zurück. Aber dann dreht er mich herum und überrascht mich, als er mir die Fesseln mit einem Messer durchschneidet, das er aus seinem Stiefel gezogen hat. „Und jetzt geh voraus und zeig uns den Weg.“

Ich reibe mir die roten Stellen an meinen schmerzenden Handgelenken und blicke ihm einen Moment lang entsetzt in seine distanzierten Augen. Ihm muss klar sein, dass ich die Wahrheit sage … und trotzdem verlangt er von mir, dass ich vorausgehe. „Du bist wirklich ein unbarmherziger Mann, Jamie“, flüstere ich mit engem Hals.

Alle fünf Männer seiner Crew, die mit uns gekommen sind, ziehen einen entsetzten Atemzug durch ihre Zähne ein.

Als ich vorhin dachte, Hooks Gesichtsausdruck sei unterkühlt und distanziert, dann ist das nichts im Vergleich dazu, wie er mich in diesem Moment ansieht. Er ist so von Zorn erfüllt, dass mir ein Angstschauer den Rücken hinunterläuft. Er macht zwei große Schritte auf mich zu und versperrt mir dadurch die Sicht auf Smee und die anderen. Sein harter, eiskalter Blick fährt mir durch Mark und Gebein. Mir gefriert beinahe die Luft in den Lungen.

„Wenn du mich noch einmal so vor meiner Crew nennst, dann passiert dasselbe“ – er hält das Seil hoch und schneidet es vor meinen weiten Augen mit seinem Messer durch – „mit deinem Hals.“

Ich schlucke schwer.

Mit geneigtem Kopf fragt er in einem gefährlich sanften Tonfall: „Hab ich mich klar ausgedrückt?“

„Ja, Captain“, kommt die kratzige Antwort aus meinem Hals.

„Gut. Und jetzt geh.“

Mein ganzer Körper bebt mit Stärke sieben auf der Richterskala. Ich drehe mich langsam weg von ihm und mache einen vorsichtigen Schritt nach dem anderen tiefer in den Dschungel hinein. Zum allerersten Mal in meinem Leben habe ich wirklich Angst. Vor dem, was vor mir liegt, und noch viel mehr vor dem Mann hinter mir. Ich will nicht mehr in Nimmerland sein. Ich will nach Hause. Ich will Brittney Renae umarmen und Paulina kitzeln, bis mich ihr liebliches Lachen mit Freude erfüllt.

Das Echo ihrer Stimmen hallt in meinen Gedanken wider, jedoch von sehr weit her. Ich höre, wie sie meinen Namen rufen. Sie wollen, dass ich zu ihnen komme. Und ich möchte es auch. So sehr … Ich möchte einfach nur meine Augen schließen und zu Hause sein.

Entweder ist es reines Glück oder es gibt in diesem Dschungel in Wirklichkeit gar keine Fallen, jedenfalls gelingt es mir, gut zwei Meilen durch das Dickicht zu wandern, ohne auf etwas zu treten, zu fallen oder in etwas gefangen zu werden. An einer kleinen Lichtung blicke ich kurz nach oben und sende den Wunsch an die Sterne, sie mögen meinen Alptraum bitte beenden.

Und dann höre ich plötzlich ein leises Rascheln vor mir.

Als das Licht der Fackel hinter mir erlischt, schrecke ich herum und starre in völlige Dunkelheit. Alle Piraten sind verschwunden. Ich bin alleine. Bestimmt haben sie sich in den Büschen versteckt. Aber warum?

„Angel?“

Erstaunt drehe ich mich zu der Stimme um, von der ich gar nicht mehr zu hoffen gewagt habe, sie je wieder zu hören. Besonders nicht heute Nacht. „Peter!“

Aus sicherer Entfernung blickt er sich um und kommt schließlich aus dem Schutz des Dickichts auf mich zu. „Hast du etwa deine Meinung geändert?“ Seine Freude schlägt sich in seiner Stimme nieder. „Oh, ich habe so gehofft, dass du zu –“

„Guten Abend, Peter“, schneidet ihm jemand hinter mir das Wort ab. Ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, wer es ist. Sollte ich tatsächlich irgendwie heil aus diesem grauenvollen Abenteuer herauskommen, wird mich diese Stimme für den Rest meines Lebens verfolgen.

Peter bleibt wie angewurzelt stehen und starrt auf den Mann, der nun hinter meiner rechten Schulter steht. „Hook.“ Als sein Blick zu mir zurückkehrt, erkenne ich darin seine bittere Enttäuschung unter einer dicken Schicht aus Wut. „Du hast ihn zu uns geführt?“, fragt er in einem verletzten Tonfall. Doch im nächsten Moment schreit er aus voller Kehle und aus seiner Stimme spritzt pures Gift. „Du hast dich mit unserem Erzfeind verbündet und ihn gottverdammt noch mal zu uns geführt?“

„Es tut mir leid. Ich wollte nicht –“ Aber wie soll ich es ihm erklären? Und in diesem Moment bemerke ich meinen Fehler. Peter ist so überrascht, mich gemeinsam mit Hook zu sehen, dass er gar nicht mitkriegt, was hier eigentlich gespielt wird. „Peter! Pass auf!“, rufe ich verzweifelt, aber es ist bereits zu spät. Smee und zwei andere Piraten attackieren Peter aus dem Hinterhalt und zwingen ihn zu Boden.

Peter wehrt sich aus Leibeskräften, doch gegen drei erwachsene Männer hat er keine Chance. Nicht einmal seine Fähigkeit zu fliegen kann ihn jetzt noch retten. Hook tritt nach vorn und geht vor Peter in die Hocke. „Ich sagte dir doch, eines Tages kriege ich dich, kleiner Bruder.“

Vor Überraschung steht mir der Mund offen. Das war also gar kein Scherz, den Hook heute Nachmittag gemacht hat. Die beiden sind wirklich Brüder.

„Und jetzt schlage ich vor, du bringst mich zu meinem Schatz, oder deine Freunde finden dich morgen früh ohne Kopf wieder.“

„Lasst mich los, ihr elenden Küstenschiffer!“, brüllt Peter wutschnaubend und kämpft weiter gegen die Männer, die ihn zu Boden drücken und seine Arme auf den Rücken winden. Hook ignoriert er dabei völlig.

Ich starte vorwärts, um ihm zu Hilfe zu eilen, doch grobe Hände halten mich an den Schultern zurück. Hilflos muss ich zusehen, wie Hook seine Finger in Peters Wangen gräbt und seinen Kopf dabei so anhebt, dass die beiden sich in die Augen sehen können. „Gib auf, und ich werde Gnade walten lassen. Sag mir einfach, wo mein Gold und die kleine Schatzkiste sind“, grollt er mit unbändigem Zorn in der Stimme.

Als Peter lacht, höre ich den Schmerz darin. „Wann hast du jemals Gnade walten lassen? Das hast du damals nicht getan, und du wirst es auch heute nicht tun.“ Smee drückt sein Knie fester in Peters Rücken. Peter hustet schmerzverzerrt. „Du willst die Kiste? Fahr zur Hölle. Vielleicht findest du sie ja dort, Arschloch.“ Dann erstaunt mich Peter, als er trotz seiner Gefangenschaft stolz den Kopf hebt und den Schrei eines Adlers imitiert.

Nur Sekunden später schwingt etwas von links auf die Lichtung und kracht direkt in Hook, wobei dieser ein paar Meter zur Seite geschleudert wird. Weitere Vogelrufe folgen, aber diesmal nicht von Peter. Die Verlorenen Jungs schwingen einer nach dem anderen an Lianen geklammert über die Lichtung und landen auf ihren Füßen, bereit zum Kampf.

Drei von ihnen greifen die Piraten über Peter an, der Rest geht auf Hook los. Gott sei Dank haben sie echte Schwerter und Steinschleudern mitgebracht und nicht die Spielzeugwaffen aus ihrem Baumhaus. So haben sie vielleicht eine Chance.

Sobald Peter wieder auf seinen Beinen steht, wird das Gefecht erst richtig ernst. Er ruft den anderen zu, dass Hook ihm gehöre, und die beiden beginnen einen erbitterten Kampf. Beide stecken Hiebe und Tritte ein, beide verletzen sich gegenseitig mit ihren scharfen Klingen. Mir rutscht das Herz bis zu den Knien, als Hook eine rasche Drehung macht und dabei seinen Degen gestreckt hält. Peter fliegt im letzten Moment nach hinten und verhindert so, dass Hook ihm den Kopf abtrennt.

Mehrere bange Minuten vergehen, ehe ich bemerke, dass ich ganz alleine am Rand der Lichtung stehe. Alle sind in diesen schrecklichen Kampf verwickelt. Der übel riechende Pirat, der mich vorhin festgehalten hat, wird gerade von Stan in die Mangel genommen. Das ist meine Chance, zu fliehen. Vielleicht schaffe ich es aus dem Dschungel raus und kann Hilfe holen … von wo auch immer.

Ich nehme ein paar tiefe Atemzüge und bitte Peter und seine Freunde schweigend um Verzeihung dafür, dass ich dieses Unheil über sie gebracht habe. Dann renne ich um mein Leben. Das Kampfgeschrei hinter mir wird immer leiser, als ich über Wurzeln und umgefallene Baumstämme klettere und mich unter herabhängendem Geäst durchschlage. Es ist stockfinstere Nacht. Ich fühle meinen Weg eher, als dass ich sehe, wohin ich eigentlich laufe, aber ich weiß, ich muss so weit weg von Hook und seinen Männer wie möglich, und mir bleibt nur wenig Zeit. Panisch sprinte ich durch das Gehölz.

Und dann gibt plötzlich der Boden unter meinen Füßen nach.

Ein entsetzter Schrei entweicht aus meiner Kehle. Hysterisch rudere ich mit den Armen und greife nach allem, was ich finden kann. Aber da ist nichts. Ich rutsche einen erdigen Abhang hinunter. Herausragende Wurzeln reißen mir die Haut an Rücken und Armen auf. Letztendlich erwische ich eine von ihnen und halte mich krampfhaft daran fest.

Den Kopf nach oben geneigt, kann ich nicht viel erkennen, außer dass es mindestens zwei Meter bis zum Rand der Schlucht sind. Was sich unter mir befindet, will ich gar nicht wissen.

„Hilfe!“, rufe ich so laut, wie ich kann. Warum ich das mache, weiß ich selber nicht. Peter hasst mich, und die Piraten schert es einen Dreck, ob ich am Leben oder tot bin. Aber es ist alles, was mir bleibt, also rufe ich noch einmal: „Bitte! Helft mir!“

Ein Ende der Wurzel löst sich aus dem trockenen Erdhang, und mit einem weiteren entsetzten Schrei rutsche ich noch einmal einen Meter in die Tiefe. Unter meinem eisernen Griff um die Wurzel breitet sich ein stechender Schmerz in meinen Händen aus. Ich weiß nicht, wie lange ich mich noch festhalten kann.

 

 

James Hook

 

„WAS WAR DAS?”, höre ich Smee neben mir rufen. Ich habe keinen blassen Schimmer, was er meint, und außerdem bin ich zu beschäftigt damit, Peters Schwerthiebe zu parieren, als dass mich im Moment noch etwas anderes interessieren würde. Aber einen Moment später höre ich es auch. Den verzweifelten Schrei eines Mädchens.

Ich versuche, nicht aufgespießt zu werden, als ich rasch einen Blick um mich werfe. Unsere Gefangene ist verschwunden. „Wo ist Angel?“, brülle ich zu meinen Männern hinüber, die selber mit den Verlorenen Jungs alle Hände voll zu tun haben. Walflossen Walter hätte sich um das Mädchen kümmern sollen, aber er kämpft gerade zusammen mit Smee gegen drei von Pans Freunden.

„Warte!“, belle ich Peter an, der es auf meine Kehle abgesehen hat, und das mit einem Schwert, das in Wirklichkeit nur ein etwas größeres Taschenmesser ist.

„Warum? Brauchst du eine Pause, Hook? Hast du dir vor Schreck in die Hose gepisst?“

Ich weiche seinem nächsten Hieb aus, ziehe mit meinem Degen hart durch und schneide tief in seinen Oberarm. „Nein. Aber so wie es sich anhört, ist deine kleine Freundin in Schwierigkeiten.“

Peter zögert, und nicht etwa wegen des Schnitts in seinem Arm. Einen Moment lang wirkt er unsicher. Abgesehen von den Angriffsschreien der Männer und Jungen um uns herum ist der Dschungel still. Offensichtlich entschließt er sich, meine Warnung zu ignorieren. Er kommt wie ein Wirbelsturm auf mich zu, fliegt dabei das letzte Stück und stößt mich rücklings zu Boden. Da ertönt Angels leiser Ruf nach Hilfe erneut.

Was auch immer passiert ist, sie klingt panisch. Wir sind gleich viele Männer auf beiden Seiten, und so ungern ich es auch zugebe, es könnte sein, dass wir heute Nacht nicht die Gewinner des Kampfes sein werden. Wenn ich Angel auch noch verliere, kehren wir mit leeren Händen auf die Jolly Roger zurück. Und das kann ich nicht zulassen.

Da Peter immer noch nicht hinhört, was tiefer im Dschungel vor sich geht, sondern mich lieber in die Mangel nimmt, versetze ich ihm einen Kinnhaken, der ihn von mir runter katapultiert. Dank seiner lästigen Fähigkeit zu fliegen, landet er fünf Meter weiter weg auf seinen Beinen.

Rasch rappele ich mich auf, den Degen immer noch fest in meiner Faust, und laufe los in die Richtung, aus der Angels Schrei zuletzt gekommen ist.

„Was, jetzt rennst du auch noch weg, du Feigling?“, verspottet mich Peter. Ich weiß, dass er mir durch das Unterholz folgt. Hoffentlich hält er sich an irgendeinen Ehrenkodex und spießt mich nicht von hinten auf. Ich würde es tun. Wahrscheinlich.

„Angel!“, rufe ich, anstatt auf Peters Hohn zu reagieren. Als keine Antwort von ihr kommt, versuche ich es noch einmal, lauter.

„Ich bin hier! Bitte helft mir!“

Sie klingt zwar hysterisch, aber immerhin ist sie noch am Leben. Ein paar Meter kämpfe ich mich weiter durch das dicke Geäst auf dem Boden, dann bleibe ich wie erstarrt vor einem Abgrund stehen, der sich vor mir auftut. Das Loch im Erdboden ist mindestens drei Meter breit und darin ist es so dunkel, dass man mit bloßem Auge nichts erkennen kann.

Smee und die anderen holen mich ein. Sie haben wohl auch aufgehört zu kämpfen, als Peter und ich es taten. „Feuer“, befehle ich Jack, der sofort zurück sprintet und eine Fackel herbeiholt. Als er sie entzündet und in das Loch vor uns hält, entdecke ich Angel an einer dünnen Wurzel hängend, die aus der Erde ragt. Ihre Beine baumeln in der Luft. Da ist nichts, was sie benutzen könnte, um zu uns heraufzuklettern. Auch nichts, worauf sie mit ihren Füßen Halt finden würde. Und vier Meter unter ihr ragen spitze Holzpflöcke aus dem Boden. Wenn sie loslässt, wird sie in dieser Menschenfalle aufgespießt.

Schäumend vor Wut gehe ich auf Peter los. „Verdammt noch mal, du musstest diese Falle ja unbedingt so bauen, dass es daraus kein Entkommen gibt, nicht wahr?“

„Anders kann man Ungeziefer wie euch ja nicht aus dem Dschungel fernhalten“, verteidigt er sich beißend.

„Gute Arbeit!“, schnappe ich sarkastisch. „Jetzt flieg da runter und hol sie raus!“

Peter verschränkt die Arme vor der Brust und macht einen Schritt zurück. Trotzig starrt er mir ins Gesicht. „Warum sollte ich?“

Was zur Hölle ist nur los mit dem Bengel? Ich dachte, ich wäre hier der gewissenlose Seeräuber. „Weil sie deine Freundin ist!“ Als dieses Argument offenbar sein Ziel verfehlt, greife ich mir den erstbesten Jungen in einer Bärenfellweste und presse ihm meine Klinge an den Hals. „Und weil ich ihm hier die Kehle durchschneide, wenn du es nicht tust.“

Mit verkrampften Kiefermuskeln tauscht Peter scharfe Blicke mit seinen Freunden aus. Sie ziehen sich allesamt in den Dschungel hinter ihnen zurück. Meine Männer stürmen ihnen sofort hinterher, doch ich rufe sie zurück und mache ihnen mit einem Kopfschütteln klar, dass sie die Kinder gehen lassen sollen. Der Rest von ihnen kümmert mich nicht, solange Kleiner Bär hier meiner Forderung den nötigen Nachdruck verleiht.

„Lass ihn los und ich rette sie“, verhandelt Peter in toternstem Ton.

Natürlich ist er gekränkt, weil er denkt, sie hätte ihn verraten, trotzdem verstehe ich nicht, wieso er sie nicht schon längst aus dem Loch gerettet hat. So kenne ich meinen kleinen Bruder überhaupt nicht. Für einen kurzen Augenblick schwebt die Antwort direkt vor meiner Nase, doch der Gedanke verpufft, ehe ich dahinterkomme, was los ist. Es gibt im Moment sowieso Wichtigeres. Langsam senke ich mein Schwert und lasse die Weste des Jungen los.

Peter nickt in das dunkle Dschungeldickicht und Kleiner Bär macht sich aus dem Staub. Peter folgt ihm.

„Warte!“, rufe ich ihm hinterher. „Was ist mit dem Mädchen?“

Mit einem verächtlichen Blick zu mir zurück sagt Peter in demselben eiskalten Ton wie zuvor: „Sie ist deine Freundin, nicht meine.“ Dann fliegt er davon. Der Junge in der Bärenweste bleibt ein paar Meter weiter noch einmal stehen und blickt unentschlossen zur tödlichen Falle zurück, als ob er überlegen würde, selbst hinunterzusteigen und die Kleine rauszuholen. Aber als der Schrei eines Adlers über unseren Köpfen ertönt, dreht er sich schnell wieder um und verschwindet im Gehölz.

Das angsterfüllte Wimmern zu meinen Füßen reißt mich aus meiner Verblüffung. Ich trete an den Rand des Erdlochs und blicke hinab in Angels glänzende Augen. So lange wie es dauert, einen tiefen Atemzug zu nehmen, starren wir uns gegenseitig an.

„Bitte. Lass mich hier nicht allein“, flüstert sie.

Das werde ich nicht.

Wütend beiße ich die Zähne aufeinander, gehe in die Hocke und teste den Boden unter meinen Füßen.

„Käpt’n“, warnt Fin Flannigan. „Was um alles in der Welt macht Ihr denn?“

„Ich rette das Mädchen.“

Smee sinkt ebenfalls in die Hocke. Er klingt besorgt, als er leise zu mir sagt: „Da unten ist nichts, woran du dich festhalten kannst, James. Wenn du abrutschst, ist das dein sicherer Tod.“

Ich nehme seine Bedenken sehr ernst, zumal es um meine eigene Haut geht, worüber wir hier reden, und nicke. „Genau aus dem Grund muss sie einer von uns da rausholen.“

Smee gibt einen resignierten Seufzer von sich, schlägt mir auf die Schulter und sagt mir, ich solle warten. Dann steht er auf und zieht ein Messer aus seinem Stiefel. Von einem der vielen Bäume um uns herum schneidet er eine Liane ab, deren eines Ende er mir in die Hand drückt. „Wir ziehen dich hoch, wenn du soweit bist.“ Wie auf ein stilles Kommando hin treten alle Männer näher und legen Hand an den Seilersatz.

Dankbar für die Chance, vielleicht doch noch heil wieder raufzukommen, wickle ich mein Ende der Liane fest um meine Hand und seile mich den Erdhang hinab, bis zu der Stelle, wo Angel sich immer noch mit aller Kraft, die sie aufbringen kann, an dem Stückchen vorstehender Wurzel festhält. Auf Augenhöhe erkenne ich, wie sehr ihr ganzer Körper bebt und wie verkrampft ihre Atemzüge sind. Ihre Hände sind vom Festhalten schon ganz weiß.

Ich lege einen Arm um sie und ziehe sie an mich heran. „Ich hab dich. Du kannst jetzt loslassen.“

Ihr Zähneklappern ist alles, was ich als Antwort bekomme, als sie ihren Kopf schüttelt. Das Mädchen ist starr vor Angst, und ich bin schuld daran, dass sie überhaupt erst in dieser Situation feststeckt. Auf seltsame Weise löst diese Erkenntnis einen dumpfen Schmerz in meiner Brust aus. Beinahe sage ich ihr, dass es mir leidtut, aber im letzten Moment wird mir klar, dass das ein Fehler wäre. „Du musst jetzt loslassen, Angel. Ich hol dich hier raus, aber du musst mir vertrauen.“

Wem zum Henker mache ich hier etwas vor? An ihrer Stelle würde ich mir auch nicht vertrauen. Aber in ihrer misslichen Lage hat sie wohl keine andere Wahl. Und trotzdem überrascht es mich, als sie plötzlich doch einen Arm um meinen Hals legt und ihr Gesicht an meine Schulter presst.

„Siehst du? War doch gar nicht so schwer.“ Ich drücke sie noch fester an mich, um ihr ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Dabei wirft es mich beinahe aus der Bahn, wie zart und weich ihr Körper ist. Es fühlt sich gut an, sie so zu halten. Langsam lösen sich die Finger ihrer anderen Hand von der Wurzel, und sie schlingt auch diesen Arm um mich. „Gut so. Ich lass dich nicht fallen … versprochen.“ Ja, ja, ich weiß. Als ob das Wort eines Piraten auch nur einen Pfifferling wert wäre. Aber in diesem Fall meine ich es tatsächlich ernst. „Zieht uns hoch!“, rufe ich zu Smee hinauf.

Die Männer ziehen zu ihrem rhythmischen Zählen und befördern uns Stück für Stück weiter nach oben. Angel zittert so stark in meinem Arm, dass ich fürchte, sie könnte mir entgleiten, doch mit festem Griff bringe ich sie aus der Falle heraus. Smee hilft ihr über den Grat und stützt sie, bis auch ich wieder festen Boden unter den Füßen habe und übernehmen kann.

Sobald ich jedoch meine Hände auf ihre Schultern lege, wehrt sie sich energisch. Wild um sich schlagend, wirft sie mir irgendein unverständliches Zeug an den Kopf. Wahrscheinlich verdammt sie mich gerade bis in alle Ewigkeit, aber aus ihrem Mund kommt nicht einmal ein richtiger Ton.

Angel war ein taffes Mädchen, als ich sie heute Nachmittag kennengelernt habe. Heute Nacht ist sie meinetwegen zerbrochen.

Sie schluckt schwer und versucht noch einmal, etwas zu sagen, doch ohne Erfolg.

„Lass mich dir helfen“, unterbreche ich ihr Gestammel. Ihr schwarzes eng sitzendes Shirt ist an einigen Stellen aufgeschlitzt, und es ist mehr nackte Haut zu sehen, als Stoff übrig ist.

„Nein!“ Wild schüttelt sie ihren Kopf. Tränen laufen ihre verschmutzten Wangen hinunter.

Bis zum heutigen Tag musste ich mich in meinem ganzen Leben noch nicht einmal mit Tränen befassen. Irgendwie erschrecken sie mich. „Du stehst unter Schock und kannst kaum noch auf deinen eigenen Beinen stehen. Lass. Mich. Dir. Helfen.“

Ich stütze sie unter dem Ellbogen, was sie mir mit einem vernichtenden Blick und einem schwachen Schlag gegen die Schulter dankt. „Lass mich!“ Das dumme Ding windet sich aus meinem Griff und macht ein paar holprige Schritte, dann kippt sie leblos zur Seite.

Ich mache einen Satz nach vorn und fange sie gerade noch auf. Der Zimtgeruch ihres Haars steigt mir in die Nase. Sie wiegt weniger als ein Sack Heu – hatte wohl den ganzen Tag nichts als diesen dummen Apfel zu essen. Zu dem Zeitpunkt, als ich sie mit uns in den Dschungel geschleppt habe, war sie bestimmt schon halb am Verhungern. Gut gemacht, James. Allerdings habe ich auch nie behauptet, ich wäre großartig darin, auf Dinge aufzupassen. Ich hätte sie nie an Bord der Jolly Roger bringen dürfen. Das ist auch der Grund, warum es auf Piratenschiffen nur Männer gibt. Mädchen bringen nichts als Ärger. Sie sind so … zerbrechlich.

Mit Angel auf den Armen wirble ich herum zu dem kleinen Teil meiner Mannschaft, der mit mir in den Dschungel gekommen ist. Allesamt sehen sie mich an, als hätte ich die Krätze. „Was ist?“, grolle ich.

Smees Augen werden schmal. „Was wirst du jetzt mit ihr machen?“

Gute Frage. Ich zucke mit den Schultern, denn ich habe verflucht noch mal nicht die leiseste Ahnung.

 

 

Kapitel 7

 

MEIN KOPF TUT weh und mein Magen hat sich vor Hunger zu einem rebellischen Knoten gewunden. Irgendetwas bewegt sich und mir wird davon leicht übel. Sind wir wieder auf dem Schiff? Ich höre leise Stimmen um mich herum, aber ich bin zu müde und zu schwach, um auch nur ein Auge aufzumachen. Starke Arme umklammern mich etwas fester als zuvor. Mir wird klar, dass wir gar nicht auf dem Schiff sind, sondern dass ich von jemandem getragen werde. Hoffentlich ist es Peter, der mich weit, weit weg bringt von Hook und seinen Männern.

Ich rolle meinen Kopf zur Seite und lehne dabei meine Wange an eine warme Brust. Ein bekannter Geruch steigt mir in die Nase.

Mandarinen und Meerwasser.

Nein, nein, nein, nicht er! Er ist der Feind. Ich will nicht hier sein. Ich denke schnell an den fröhlichen Ort, an dem ich gerade noch in meinen Träumen war, zu Hause in London, und warte darauf, dass mich der Schlaf noch einmal dorthin zurückbringt.

Eine Unterhaltung im Flüsterton weckt mich einige Zeit später erneut, aber immer noch bin ich zu erschöpft, um ganz zu mir zu kommen.

„Du willst sie in dein Quartier bringen?“

„Irgendwo muss sie ja schließlich schlafen, und wir können sie wohl kaum in den Kielraum legen, oder? Aber wenn es dir lieber ist, dann können wir sie natürlich auch in deine Kabine bringen.“

Nein! Dein Quartier ist in Ordnung.“

Man legt mich auf etwas Weiches. Ich blinzle ein paarmal, kann aber nur das Flackern einer Kerze erkennen. Gestalten bewegen sich wie Schatten im Raum. Jemand zieht mir die Schuhe aus und streift mir eine Decke über. Das Zittern weicht aus meinen Knochen. Ich kuschle mich in das weiche Kissen und greife im Traum, der immer noch sanft an mir zieht, nach meinen Schwestern. Paulina lacht und wirft sich mir um den Hals. Sie küsst mich auf die Wange und sagt mir, ich solle nach Hause kommen. Ich schließe meine Augen und folge ihrem Ruf.

 

*

 

Etwas streichelt meine linke Wange. Es fühlt sich wunderbar weich und warm an. Nach einem wohligen Seufzer öffne ich meine Augen und drehe meinen Kopf, um zu sehen, was mich da berührt hat. Die freundliche Morgensonne strahlt durch die drei großen Fenster und taucht das halbe Zimmer in warmen Lichtschein. Lange weiße Vorhänge an den Fenstern sind verträumt zur Seite gebunden. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, ich bin gerade in einem Palast aufgewacht.

Natürlich weiß ich, wo ich wirklich bin – gefangen in einer Kabine auf dem Schiff des grausamsten Piraten aller Zeiten.

Als ich mich in diesem See aus feinen weißen Laken aufsetze, protestiert jeder einzelne Muskel in meinem Leib und erinnert mich an den schlimmsten Tag in meinem Leben. Vor Schmerzen stöhnend, reibe ich mir die Schläfen. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, dass ich versucht habe, vor Hook zu fliehen, nachdem er mich aus dem Erdloch gezogen hat. Warum er mich gerettet hat, bleibt mir ein Rätsel.

Meine Vermutung: Er braucht mich noch für einen weiteren schrecklichen Plan. Aber welchen Wert kann ich noch für ihn haben? Nach letzter Nacht ist uns wohl allen klar, dass sich Peter einen Dreck darum schert, was aus mir wird. Und wer kann es ihm schon verübeln? Er hält mich bestimmt für den übelsten Verräter aller Zeiten, und das, obwohl es nicht einmal meine Schuld oder Absicht war, die Piraten zu ihm zu führen.

Mit Hook irgendwo da draußen frage ich mich, ob es überhaupt klug ist, aufzustehen. Ich ziehe die Decke in meinen Schoß und lasse meinen Blick durch das traumhaft schöne Zimmer streifen. Das Bett, auf dem ich sitze, die Regale an der Wand und der große antike Schrank sind allesamt aus demselben schokoladenbraunen Holz gezimmert – sogar der kleine Schreibtisch, der dem Bett gegenüber an der Wand steht.

Es befinden sich drei Türen in diesem Zimmer, an drei verschiedenen Wänden. Eine ist gleich neben dem Schreibtisch, eine in der Wand, die den Fenstern gegenüber liegt, wo auch der große Schrank steht, und die dritte Tür führt in einen Raum hinter mir. Letztendlich überkommt mich doch die Neugier und ich steige aus dem Bett. Allerdings komme ich nicht weit mit meiner Erkundungstour, denn auf dem Schreibtisch steht ein Tablett mit einem herrlich duftenden Frühstück, das mich anzieht wie Geschenke unter einem Weihnachtsbaum.

Auf dem Tablett befindet sich eine Kanne mit warmer Milch, aufgeschnittener Schweinebraten und Käsescheiben, weiche Brötchen und eine Schüssel mit Obst. Vorsichtig sinke ich in den Stuhl vor dem Schreibtisch, sehe mich noch einmal kurz um und haue dann rein wie ein halb verhungerter Wolf. Binnen Minuten habe ich das gesamte Frühstück verputzt, bis hin zum letzten roten Apfel, der in der Schüssel war. Wer weiß schon, wann ich hier das nächste Mal etwas zu essen bekomme?

Gänzlich satt erhebe ich mich aus dem Stuhl und schleiche zur Tür gegenüber der Fensterreihe. Bereits seit ich wach wurde, dringen durch sie die Rufe der Männer und die Geräusche eines fröhlichen Treibens draußen an Deck zu mir herein. Erst als ich mich der Tür nähere, entdecke ich den Zettel, den jemand ans Holz genagelt hat. In schwungvoller Handschrift steht darauf nur eine Zeile.

 

Schau nach links, bevor du rausgehst.

 

Was für eine seltsame Nachricht ist denn das? Ich drehe mich nach links und stehe plötzlich mir selbst vor einem Spiegel gegenüber, der so groß ist wie ich. Du meine Güte! Wie seh ich denn aus? Aus Reflex schlage ich mir sofort die Arme um den Körper, denn mein T-Shirt ist total zerrissen und mein BH sowie viel zu viel nackte Haut sind zu sehen. Das muss wohl letzte Nacht passiert sein, als ich die raue Wand der Bodenfalle hinuntergerutscht bin. So kann ich unmöglich nach draußen gehen und der Crew, oder noch schlimmer, dem Captain gegenübertreten.

Bei näherem Hinsehen stechen mir aber plötzlich kräftige Farben hinter mir ins Auge. Ich wirble herum. An der Seite des antiken Schranks hängen drei Kleider, eines schöner als das andere.

Eines ist aus blutrotem Samt geschneidert, mit einer engen Korsage und einem weit ausladenden Rock. Die Ärmel sind lang und enden in einem breiten Trichter. Das zweite ist rosa, ärmellos, und genau wie das andere, ist es so lang, dass ich ohne hochhackige Schuhe sicherlich über den Saum stolpern würde. Ich nehme das dritte Kleid vom Haken, drehe mich zurück zum Spiegel und halte es mir vor den Körper. Der zartblaue Stoff fließt durch meine Hände. Die Länge ist perfekt, es reicht mir gerade mal bis zu den Schienbeinen. Außerdem sind die kurzen, engen Ärmel praktisch, genau wie der Schnitt des restlichen Kleides. Ähnlich wie ein Babydoll, ist es unter der Brust mit einer niedlichen Schleife gerafft, von wo aus der weite Rock einfach nach unten fällt. Es ist einfach atemberaubend schön. Und das Beste an dem Kleid ist: Wo auch immer in Nimmerland ich damit aufkreuze, ich werde keinerlei Aufmerksamkeit mehr auf mich ziehen.

Ich lege das Kleid aufs Bett und ziehe den zerrissenen Fetzen aus, der einmal mein T-Shirt war. Da sticht mir an der Tür neben dem Bett eine weitere Notiz ins Auge. Darauf steht:

 

Badezimmer

 

Vorsichtig öffne ich die Tür und schiele hinein. Am anderen Ende des Raumes befindet sich eine Toilette und – wow! Da gibt’s gar kein Dach. Zwei Eimer gefüllt mit Wasser hängen über einer quadratischen Holzfläche. Von beiden hängt eine Schnur herunter. Interessante Dusche. Ich frage mich, ob es wohl jemanden stört, wenn ich sie benutze. Ohne viel darüber nachzudenken, entledige ich mich rasch meiner restlichen schmutzigen Klamotten und werfe sie auf den Boden. Dann husche ich ins Badezimmer und stelle mich unter den ersten Eimer.

Als ich an der Schnur ziehe, entfährt mir erst einmal ein erbarmungsloses Fluchen durch klappernde Zähne. Das Wasser, das gerade über mich schwappt, ist eiskalt. Was hatte ich auch anderes erwartet – es ist schließlich Meerwasser. In einem kleinen Körbchen an der Wand liegt ein Stück Seife. Als ich mich damit einreibe und sich Schaum auf meiner Haut bildet, steigt mir ein sanfter Duft von Mandarinen in die Nase. Oh nein, wenn ich hier fertig bin, werde ich riechen wie der Captain dieses Schiffes. Tja, was soll’s? Daran ist jetzt auch nichts mehr zu ändern.

Ich ziehe am zweiten Seil und wieder erzittere ich unter der Eiseskälte des Wassers. Der Seifenschaum rinnt von mir ab und sammelt sich in einem kleinen Rinnsal im Boden. Diese schmale Rinne führt durch die Wand nach draußen und mein Badewasser plätschert in den Ozean.

Leider gibt es hier nirgends ein Handtuch, also versuche ich mir das Kleid über meinen noch nassen Körper zu streifen, was gar nicht so leicht ist. Meine zerrissenen Klamotten kann sowieso keiner mehr anziehen, also stopfe ich sie in den Mülleimer unterm Schreibtisch. Aber zuerst hole ich noch mein Zugticket aus der Hosentasche.

Das kleine Stück Papier hat gestern unter dem Sprung ins Meer leider sehr gelitten. Die gedruckte Schrift darauf ist stark verwischt und die Ecken sind zerknittert, aber das Wort London ist immer noch klar und deutlich darauf zu erkennen.

Während ich mit dem Finger die Buchstaben nachfahre, seufze ich tief. Mum und Dad sind bestimmt krank vor Sorge. Wahrscheinlich haben sie nach meinem Verschwinden gleich die Polizei gerufen. Ich wünschte, ich könnte ihnen irgendwie mitteilen, wo sie nach mir suchen sollen. Ich wünschte, ich könnte sie wissen lassen, dass ich immer noch am Leben bin.

Guter Gott, ich wünschte ich könnte mich noch an ihre Gesichter erinnern!

Zutiefst bestürzt sinke ich auf das Bett hinter mir. Wie kann sich jemand denn plötzlich nicht mehr an seine Eltern erinnern? Das ist doch gar nicht möglich! Ich habe sie an jedem Tag meines Lebens gesehen. Beinahe achtzehn Jahre lang sind wir im gleichen Haus ein- und ausgegangen. Wie konnte ich sie da vergessen?

Aber je stärker ich versuche, mich an ihre Gesichter zu erinnern, umso mehr wird mir klar, dass dies nicht alles ist, was aus meinem Gedächtnis verschwunden ist. Ich erinnere mich auch nicht mehr an ihre Stimmen, ihre Namen oder auch nur an einen einzigen Moment, den ich mit ihnen verbracht habe. Ich weiß zwar, dass sie da waren, und trotzdem ist es so, als hätten sie nie existiert. Wenn ich versuche, das zu verstehen, zieht sich mein Gehirn zu einem zerknitterten Knäuel zusammen. Das ist einfach zu verwirrend.

Aber das ist längst noch nicht alles. Was mir an der ganzen Sache am meisten Angst macht, ist, dass ich nicht einmal traurig bin über ihren Verlust. Und das sollte ich doch sein, nicht wahr? Ich sollte weinen und am Boden zerstört sein, weil ich sie vermisse und nicht bei ihnen sein kann. Aber das bin ich nicht. Mum und Dad sind nur noch zwei leere Worte in meinem Kopf.

Eiskalte Panik packt mich. Wie lange dauert es wohl noch, bis ich alles aus meinem früheren Leben vergessen habe? Wie viel länger kann ich mir die kostbare Erinnerung an Paulina und Brittney Renae noch bewahren? Wie lange noch, bis ich schließlich nicht einmal mehr weiß, wo ich herkomme, wie unser Haus aussieht und wer ich wirklich bin?

Das darf nicht passieren!

Ich werde alles daran setzen, Nimmerland auf schnellstem Wege zu verlassen. Wenn es einen Weg nach Hause gibt, dann finde ich ihn auch. Ich drücke die Fahrkarte fest an meine Brust und verspreche mir selbst, niemals aufzugeben. Ich werde um jedes Fünkchen Erinnerung kämpfen und ich werde zu meinen Schwestern zurückkehren.

Erfüllt von neuer Hoffnung und Entschlusskraft, erhebe ich mich vom Bett und schiebe das Ticket in eine Seitentasche, die ich vorhin beim Anziehen an dem Kleid entdeckt habe. Es ist an der Zeit, herauszufinden, wo wir eigentlich sind – ob sich das Schiff immer noch in Küstennähe aufhält und ein weiterer Fluchtversuch in Frage kommt oder ob wir schon wieder weit draußen bei den Haien segeln.

Meine Turnschuhe passen überhaupt nicht zu dem Kleid und auch nicht in diese Epoche, also lasse ich sie im Moment erst einmal weg. Das Holz ist warm genug unter meinen Füßen, Barfußlaufen sollte also kein Problem sein. Ich halte bereits den Türknauf in der Hand, doch ehe ich dazu komme, ihn herumzudrehen, entdecke ich eine dritte Nachricht an der letzten Tür. Diese ist mit einem Dolch an das Holz geschlagen.

 

Kein Zutritt!

 

Nicht der leiseste Ton dringt durch diese Tür zu mir. Was für ein Raum mag bloß dahinter sein? Eine Schatzkammer? Das Waffenarsenal des Schiffes? Das Quartier eines der Piraten? Vorsichtig tippe ich mit dem Finger an das Holz und warte auf eine Antwort. Nichts zu hören. Auch nicht, als ich etwas lauter klopfe. Wenn sich dahinter wirklich Schwerter oder sogar Schusswaffen befänden, würde mir das bei der Flucht von diesem Schiff wahnsinnig weiterhelfen. Nichts ist so überzeugend wie eine Pistole in der Hand.

Aufgeregt drehe ich den Knauf und öffne die Tür einen klitzekleinen Spalt. Nach dem ersten Blick in den dahinter liegenden Raum sinkt mein pochendes Herz zurück an seinen Platz. Leider ist das hier kein Waffenlager, sondern nur ein langweiliges Arbeitszimmer. Ungebeten trete ich ein und sehe mich um. Der Geruch von Rum hängt schwer in der Luft. Vor der Fensterreihe steht ein schwerer Eichentisch, eine Karte von Nimmerland hängt an der Wand, und gegenüber von den Fenstern befindet sich eine weitere Tür, die vermutlich ebenfalls raus an Deck führt. Gerade will ich auf meinen Fersen kehrtmachen, als eben diese Tür aufgeht und mir ein paar scharfe blitzblaue Augen entgegen funkeln.

Ich muss Hook wohl genauso erschreckt haben wie er mich, denn für einen kurzen Augenblick erstarrt er in der Tür. Dann streift er mit einer Hand durch sein windzerzaustes Haar und stiefelt durchs Zimmer.

Mein erster Impuls ist es, laut schreiend zu flüchten – vielleicht durch eines der Fenster – aber blinde Panik nagelt mich an Ort und Stelle fest. Hook stapft an mir vorbei und wirft einen Blick hinter die Tür, durch die ich gerade gekommen bin, als ob er nach etwas Bestimmten suchen würde. Klar … nach der Notiz und dem Dolch. Vermutlich prüft er gerade, ob das Messer vielleicht auf den Boden gefallen und die Nachricht verloren gegangen ist.

Aber beide sind natürlich noch da, wo er sie hinterlassen hat. Nervös kaue ich auf meiner Unterlippe, bis Hook wieder mit verschränkten Armen vor mir steht. Die Ärmel seines weißen Hemds sind bis zu den Ellbogen nach oben gerollt und ich kann darunter das angespannte Zucken seiner Muskeln erkennen. Sein Kragen ist weit offen. Zum ersten Mal sehe ich den kleinen goldenen Schlüssel, von dem Peter gesprochen hat. Hook trägt ihn an einer Silberkette um den Hals.

„Ich nehme doch stark an, dass du lesen kannst?“, fährt er mich an. Ich schlucke und nicke ängstlich. „Dann sag mir bitte, welchen Teil genau du nicht verstanden hast.“

Er versucht mich damit einzuschüchtern. Und es gelingt ihm auch hervorragend. Mein Herz klopft einen hysterischen Buschtrommelrhythmus hinter meinen Rippen. Letzte Nacht habe ich erfahren, wozu dieser Mann fähig ist. Was ist die Strafe für Ungehorsam auf der Jolly Roger? Ganz bestimmt etwas Schmerzhaftes.

„Wirst du mich jetzt vor der gesamten Besatzung auspeitschen?“, frage ich mit piepsiger Stimme.

„Was? Nein!“ Er zieht seine Augenbrauen noch tiefer als gerade eben. „Wie kommst du denn darauf?“

Angst schnürt mir den Hals zu, doch er wartet auf eine Antwort, und die bekommt er auch. „Weil du ein herzloser Mensch bist … mit einer bitterbösen Seele im Leib.“ Und ihm das ins Gesicht zu sagen hat vermutlich gerade die Zahl meiner Peitschenhiebe verdoppelt.

 

 

James Hook

 

DIE ANGST IN Angels Augen schneidet mir die Luft ab. Ich war der Meinung, ich hätte meinen Fehler gestern Nacht wieder gutgemacht, indem ich sie aus der Falle geholt, sie zurück zum Schiff getragen und ihr meine Kabine für die Nacht überlassen habe, als sie zu erschöpft war, um auch nur noch zu blinzeln. Offensichtlich war das nicht genug.

„Ich werde dich nicht bestrafen“, erkläre ich ihr mit Nachdruck in der Stimme, damit sie mir endlich glaubt.

Angel senkt den Blick auf ihre nackten Füße. „Na gut, dann … danke.“

Danke? Was soll denn jetzt der Mist? Ich bin zwar ein Pirat, aber Gott weiß, ich habe noch nie ein Mädchen gefoltert. „Hör zu, ich weiß, ich war gestern ein wenig schroff zu dir. Wird nicht wieder vorkommen. Du musst also keine Angst haben.“

Ihre Augen finden meine. Verwunderung schimmert in ihrem Blick, aber auch ein Hauch von Hoffnung. Sie ringt mit den Händen vor ihrem Bauch. „Bin ich immer noch deine Gefangene?“

Theoretisch ist sie das, aber ich möchte auch, dass sie sich an Bord wohl fühlt. „Du bist mein Gast.“

„Darf ich das Schiff verlassen?“

„Ähm … nein.“

„Dann bin ich also noch deine Gefangene.“ Die Trostlosigkeit in ihren Augen verdrängt die vorhin gewonnene Hoffnung und verwandelt sich dann schnell in giftigen Ärger, als sie an mir vorbei stapft, zurück in mein Schlafgemach, und die Tür hinter sich zumacht. Ein leises Klicken verspricht, dass sie auch den Schlüssel im Schloss umgedreht hat.

Ich glaub, ich spinne. Da sperrt die mich doch tatsächlich aus meinem eigenen Quartier aus. Selbstverständlich könnte ich einfach raus an Deck gehen und die andere Tür benutzen, aber ich bin sicher, die hat sie auch gerade verschlossen.

Das hätte sie lieber letzte Nacht tun sollen. Dann wäre ich nicht die halbe Nacht versucht gewesen, in der Tür zu stehen und sie im Schlaf zu betrachten. Und ich hätte auch niemals herausgefunden, dass sie tatsächlich weiß, wo mein Schatz versteckt ist.

Nachdem Smee und ich Angel in mein Bett gebracht haben und mein erster Maat gegangen war, habe ich versucht, mich selbst in meinem Arbeitszimmer um den Verstand zu trinken. Und das nur, damit ich dem Drang widerstehen konnte, zurück durch die Tür zu schleichen und noch einmal an ihrem Haar zu riechen, das so verführerisch nach Zimt duftet und mir auf dem gesamten Heimweg aus dem Dschungel den Kopf verdreht hat. Ich hatte gerade die zweite Flasche Rum aufgemacht, als ihre sanfte Stimme durch die Tür drang. Sie hat im Schlaf gesprochen. Über ihr Leben, ihr Zuhause, die Menschen dort, und darüber, wie gerne sie noch einmal das Lachen von jemandem hören will. Alles Dinge, die für mich überhaupt keinen Sinn ergeben haben. Ich glaube, sie hat sogar ihren richtigen Namen erwähnt, aber ich bin mir nicht sicher und außerdem interessiert mich der auch herzlich wenig. Als sie aber auf einmal anfing, sich bei Peter Pan dafür zu entschuldigen, dass sie ihn verraten hat, und ihm versicherte, dass sie dem schrecklichen Captain Hook keinesfalls erzählt hat, wo der hübsche Schatz versteckt ist, hatte sie meine vollste Aufmerksamkeit.

Leider hat sie den genauen Standort auch im Schlaf nicht verraten, aber nun besteht kein Zweifel mehr daran, dass sie ihn trotz ihres beharrlichen Schweigens kennt. Nun bin ich gezwungen, sie an Bord zu behalten und die Information aus ihr herauszulocken. Und wenn sie wirklich so stur bleibt wie bisher und ich Nacht für Nacht an ihrer Tür lauschen muss … tja, es gibt schlimmere Arten, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen.

Aber was sie über mich gesagt hat – über meine hässliche Seele –, hallt immer noch in meinen Gedanken nach wie das Echo einer Glocke. Mir wird langsam klar, dass ich da draußen im Dschungel ihren Willen gebrochen habe. Ihr reizvolles Temperament. Vielleicht sollten wir es irgendwie zurückholen. Sie wirkt gar nicht mehr wie das freche, junge Ding, das ich im Hafen kennengelernt habe. Und auf eigenartige Weise stört mich das … gewaltig. Wenn ich mit Angels Hilfe – freiwillig oder nicht – meinen Schatz wiederfinde, kann ich ihr im Gegenzug auch dabei helfen, nach Hause in dieses seltsame London zu finden.

„Smee!“, rufe ich auf dem Weg hinaus aus meinem Arbeitszimmer. Er steht hinter dem Steuer und hält die Jolly Roger parallel zur Küste, so wie ich es ihm vorhin aufgetragen habe. „Wirf den Anker aus und komm runter!“

Zehn Minuten später erscheint Jack Smee neben mir an der Reling. „Was gibt’s, Käpt’n?“

„Du musst mir noch einmal etwas besorgen.“

Ein hämisches Grinsen spannt seine Mundwinkel auseinander. „Mehr Kleider für die Kleine?“

„Nein. Das Kleid, das sie trägt, steht ihr gut genug.“ Viel zu gut. Aufgrund des weit ausgeschnittenen Oberteils konnte ich vorhin kaum woanders hinsehen als auf ihren zarten Hals und ihre bloßen Schultern. „Nimm das Beiboot und rudere mit zwei Männern an Land. Geht zum Hafen und treibt mir dort alle nautischen Karten auf, die es gibt. Wenn ihr die habt, geht in den Wald und sucht die Feen.“

„Remona und Bre’Shun?“ Ein leichter Widerwille schleicht sich in seine Stimme ein. Mir ist klar, dass er nicht gerne mit den beiden Feenschwestern spricht. Keiner tut das. Es gibt Gerüchte, dass sie junge Männer für ihre unheimlichen Tränke und Zaubersprüche benutzen. Und dann sind sie zum Teil auch sehr … anstrengend.

„Wenn jemand etwas über dieses London weiß, dann die beiden.“

„Versuchen wir jetzt etwa, dem Mädchen zu helfen?“ Verstimmt richtet er sich vor mir auf, verschränkt die Arme, neigt seinen Kopf und presst die Lippen aufeinander. Das ginge alles noch, aber für die provokant hochgezogene Augenbraue hätte er eigentlich eine aufs Maul verdient. „Was wird aus unserem ursprünglichen Plan? Ich dachte, wir wollten warten, bis sie mit der Information rausrückt, die wir brauchen.“

„Es kann nicht schaden, in der Zwischenzeit mal einen Blick auf die Karten zu werfen, oder?“ Ich brauche seine eingeschnappte Haltung nicht zu spiegeln. Mit einem harten Blick stelle ich klar, dass es äußerst unklug ist, seinen Captain zu hinterfragen, ob wir nun Freunde sind oder nicht.

Natürlich beeindruckt mein scharfer Tonfall Jack keineswegs. Das war noch nie der Fall. Es ist in dieser Sache auch nicht unbedingt hilfreich, dass wir uns schon seit unserem sechsten Lebensjahr kennen. Andererseits macht ihn genau das zu meinem loyalsten Mannschaftsmitglied.

„Wie du meinst.“ Er schlägt mir kameradschaftlich auf die Schulter. „Sonst noch was?“

„Ja. Bring mir einen neuen Hut“, brumme ich. „Ich habe meinen gestern Nacht im Kampf verloren und ohne ihn fühle ich mich irgendwie nackt.“

Smee lacht mir unverfroren ins Gesicht. „Ich werde dir einen mit einer noch größeren Feder besorgen.“

Ich sehe zu, wie er gemeinsam mit Fin Flannigan und Kartoffel Ralph das Beiboot zu Wasser lässt. Es trifft sich gut, dass der Koch mit ihm fährt. Wenn er im Hafen ein paar Pfund Fleisch und Früchte aufgabeln kann, bekommen wir vielleicht endlich mal etwas anderes zu essen als immer nur Kartoffeln. Das Frühstück, das er heute Morgen für Angel zubereitet hat, war beeindruckend. Ich hatte keine Ahnung, dass wir auch nur die Hälfte von diesem Zeug an Bord hatten.

 

 

Kapitel 8

 

ICH WEISS NICHT, ob Hook die Schlüssel versehentlich in den Türen stecken ließ oder ob er sie aus einem bestimmten Grund nicht abgezogen hat, aber es ist zur Abwechslung mal ganz nett, einen kleinen, sicheren Ort auf diesem Schiff allein für mich zu haben. Da dies offenbar das Schlafzimmer des Captains ist, frage ich mich, wo er wohl letzte Nacht geschlafen hat.

Das Zusammentreffen mit ihm in seinem Arbeitszimmer vor einer halben Stunde hat mich ganz schön aufgewühlt. Seit ich den ersten Fuß auf sein Schiff gesetzt habe, hat er versucht, mir Angst zu machen. Mit unbestreitbarem Erfolg. Aber gestern da draußen im Dschungel, kurz bevor alles schwarz wurde, da erschien er mir so völlig anders. So als wäre hinter dieser rauen und unfreundlichen Schale tatsächlich ein echter Mensch versteckt. Er hat mich nicht in dieser schrecklichen Falle verenden lassen, er hat mir Kleider zur Verfügung gestellt, weil meine zerrissen waren, und gerade eben hat er versprochen, dass ich keine Angst mehr vor ihm haben müsse. Was hat das nur alles zu bedeuten? Dass er mich nicht noch einmal hinaus auf die Planke zwingen wird?

Mit dem Rücken an das Kopfende des Bettes gekauert und die Beine unter dem Rock des hübschen Kleides versteckt, fahre ich mir mit den Händen übers Gesicht und seufze in meine Handflächen. Jetzt bin ich erst seit zwei Tagen in diesem seltsamen Land und habe bereits so vieles aus meinem Leben vergessen.

Bammel kommt mit lautem Herzklopfen über mich. Ich will nicht noch mehr aus meiner Vergangenheit vergessen. Vielleicht sollte ich die Dinge aufschreiben, an die ich mich noch erinnern kann, so wie in ein Tagebuch. Aber was ist, wenn ich am Ende nicht einmal mehr weiß, was ich da eigentlich aufgeschrieben habe? Oder dass ich es war, die die Geschichte verfasst hat? Hier in Nimmerland scheint mir plötzlich alles möglich, und bei dem Gedanken ziehen sich meine Organe krampfhaft zusammen.

Woran kann ich mich denn überhaupt noch erinnern? Leise murmle ich: „Mein Name ist Angel.“ Na ja, höchstwahrscheinlich. „Ich bin siebzehn Jahre alt. Ich lebe in einer wunderschönen Villa gleich außerhalb von London. Ich liebe Zimtsterne und Erdbeermilch und mein Lieblingsfilm ist Fluch der Karibik.“ Abrupt bleibt mir die Luft weg und ich starre auf meine Zehen, die unter dem Rock hervorragen. Ist das nicht verrückt? In Zukunft werde ich mir diesen Film wohl nie wieder ansehen können, ohne dabei zu einem wimmernden Angsthasen zu werden.

Na schön, woran kann ich mich noch erinnern? „Meine Schwestern sind rotblonde Zwillinge und sie lieben es, mein Leben auf den Kopf zu stellen, wenn meine Eltern“ – diejenigen, an deren Gesichter ich mich nicht mehr erinnern kann – „gerade nicht zu Hause sind.“ So weit, so gut. Mir ist nichts Wichtiges abhandengekommen, seit ich heute Morgen aufgewacht bin. Wenn ich mir diese Dinge nur den ganzen Tag über immer wieder vorsage, merke ich sie mir bestimmt.

Und das ist genau der Moment, in dem mich ein Geistesblitz erschlägt. Von morgens bis abends erinnere ich mich an alles – die ganze Zeit über. Was da ist, wenn ich aufwache, ist auch noch da, wenn ich zu Bett gehe. Es muss also die Zeit dazwischen sein, in der ich wieder einen Teil meiner Erinnerung verliere.

Ein arktisch kalter Schauer läuft mir den Rücken hinunter.

Schlaf ist die Antwort. Ich darf keinesfalls einschlafen, sonst breitet sich das schwarze Loch in meinem Kopf noch weiter aus. Und das bedeutet, ich habe noch etwa sechzehn bis zwanzig Stunden Zeit, um von dieser verwunschenen Insel runterzukommen. Oder sonst …

Oh mein Gott! Jetzt nur nicht panisch werden!

Ich springe vom Bett und laufe aufgeregt im Zimmer auf und ab. Was für Möglichkeiten habe ich? Nimmerland ist eine kleine Insel. Die einzige Chance, von hier wegzukommen, ist zu schwimmen oder mit einem Schiff zu fahren. Die vielen Haie draußen im Meer schließen Nummer eins schon mal aus. Aber die Passagierschiffe im Hafen sind nutzlos. Sie sind heruntergekommen und segeln so schnell wohl nirgends mehr hin. Es würde Wochen, wenn nicht Monate dauern, sie wieder seetüchtig zu machen.

Offensichtlich ist die Jolly Roger das einzige Schiff, das momentan bereit ist, in See zu stechen. Ich brauche also schnellstens einen Plan, wie ich sie in die richtige Richtung lenken kann.

Oder … jemand anderes tut es für mich.

Ein verwegenes Grinsen schleicht sich auf meine Lippen, als ich mich zur Tür hinter mir umdrehe und die Kein-Zutritt-Notiz noch einmal ins Auge fasse. Herrgott, sie ist mit einem Dolch befestigt! Wieso ist mir das nicht früher aufgefallen? Die rettende Antwort lag die ganze Zeit vor meiner Nase, und ich hab sie einfach übersehen. Scheint, als würde ich am Ende vielleicht gar keine Pistole brauchen.

Gerade als ich den Dolch mühselig aus dem Holz ziehe, höre ich, wie nebenan die Tür aufgeht. Hooks Stiefelhacken poltern auf dem Boden. Er ist also zurück und obendrein alleine. Eine bessere Gelegenheit, um ihn von meiner Absicht zu überzeugen, wird sich wohl nicht bieten. Ich verschwende keine weitere Sekunde mit Überlegen, sondern verstecke den Dolch in der tiefen Seitentasche des Kleides. Leider ist das Messer zu lang und der Griff ragt heraus. Ich lasse meine Hand ebenfalls in die Tasche gleiten und verdecke den sichtbaren Teil des Dolches locker mit meinem Handgelenk. So sollte es funktionieren.

Mit der linken Hand klopfe ich vorsichtig. „Darf ich reinkommen?“

„Engelchen, du hast die Tür abgeschlossen“, dringt Hooks dumpfes Gemurmel zu mir.

Ach ja, richtig. Ich drehe den Schlüssel herum und nehme seine Antwort als eine Einladung an. Er steht mit dem Rücken zu mir vor einem der drei Fenster. Als ich die Tür hinter mir zuziehe, blickt er nur über seine Schulter zu mir. „Was kann ich für dich tun?“

Oh, jemand ist gereizt.

Bei seinem scharfen Ton mache ich beinahe einen Rückzieher. Aber das kommt nicht in Frage. Die Vorstellung von Paulina, die vielleicht gerade ihren Stoffhasen umarmt, verleiht mir den nötigen Mut, meinen Rücken gerade aufzurichten und meinen Plan durchzuführen. Ich nehme einen tiefen Atemzug und sage: „Nun ja, für den Anfang könntest du mich von diesem Schiff runter lassen.“ In leicht sarkastischem Ton füge ich noch hinzu: „Captain.“

Hook richtet seine Aufmerksamkeit wieder nach draußen aufs Meer und schmunzelt. „Vom Schiff runter …“ Dann dreht er sich ganz zu mir um, kommt um den Tisch herum und lehnt sich an dessen Kante, die Knöchel entspannt überkreuzt und die Arme verschränkt. Mit leicht geneigtem Kopf lächelt er kaum wahrnehmbar, doch es reicht, um den Anschein zu erwecken, er hätte seine fürchterlichen Piratenmanieren für einen Moment in einer Schublade versteckt. Über die zwei Meter Abstand zwischen uns hinweg beobachtet er mich mit neugierigen Augen. „Verrate mir doch bitte, Miss London, wohin würdest du gehen, wenn ich dich wirklich freilassen würde?“

Ich zucke lässig mit den Schultern und hebe mein Kinn hoch. „Zurück zum Hafen. Dort finde ich schon jemanden, der mir sagen kann, wie man aus Nimmerland wegkommt.“

„Darüber haben wir doch bereits gesprochen. Dieses Schiff ist das einzige, das derzeit die Insel verlässt. Im Hafen kann dir kein Mensch helfen. Den meisten von ihnen ist nicht einmal klar, dass es außerhalb von Nimmerland auch noch andere Orte gibt.“

„Aber du glaubst daran?“

Er löst seine Arme und umfasst mit beiden Händen die Tischkante. Seine Finger trommeln dabei von unten gegen das Holz. „Ich habe schon andere wie dich kommen sehen, aber noch nie erlebt, dass je einer die Insel wieder verlassen hätte.“

Meine Finger schließen sich fester um den Griff des Dolches. Aus ihm ziehe ich ein wenig mehr Mut für diese Unterhaltung. „Trotzdem glaubst du, dass es möglich ist?“

Ein sanftes Lachen schüttelt seine Brust. Es ist derselbe warme Klang, den ich gestern von ihm gehört habe, bevor er mich auf sein Schiff entführt hat. „Weißt du was?“, sagt er. „Du verrätst mir, wo mein Schatz ist, und ich verrate dir, was ich denke.“

Mein Schweigen auf der Planke gestern hat ihn offenbar nicht wirklich überzeugt. „Warum glaubst du, dass ich weiß, wo er ist?“

„Ach, nur so ein Gefühl“, neckt er mich.

„Ein Gefühl?“ Ich wäge das Wort für mich ab und kontere schließlich mit seinen eigenen Worten: „Weißt du was? Ich hab da auch so ein Gefühl.“

„Tatsächlich? Und, willst du mir etwas darüber erzählen?“ Hook schaut immer noch drein, als hätten wir hier den nettesten Plausch unter Freunden, während in mir bereits alles kocht und brodelt. Mein ganzer Körper ist steif, als wären meine Muskeln gespannte Drahtseile. Zugegeben, der freundliche Captain ist viel leichter zu ertragen als sein Alter Ego. Aber diesmal täuscht er mich nicht.

„Klar.“ Ich imitiere sein spitzbübisches Grinsen. „Ich habe das Gefühl, dass du deinen Männern gleich befehlen wirst, die Segel zu setzen und nach London zu suchen.“

Als offenkundige Herausforderung zieht Hook beide Augenbrauen nach oben. „Und was macht dich da so sicher?“

„Mein kleiner Freund hier!“ Ich mache einen Satz nach vorn und ziehe dabei den Dolch aus meiner Tasche. Mit gestrecktem Arm halte ich ihm die Spitze der Klinge an den Hals. Hah! Sprachlos vor Überraschung sieht Hook mich mit weiten Augen an und hebt dabei das Kinn, um dem Druck des Messers nachzugeben. „Na? Überzeugt?“, frage ich schnippisch.

Belustigung vertreibt die Überraschung aus seinem Gesicht und er beginnt zu schmunzeln. „Nicht so ganz.“ Dann legt er seine Hand um meine auf den Dolch und führt ihn weg von seiner Kehle. Einfach so.

Vor Schreck steht mir der Mund offen.

Er richtet sich auf und tritt auf mich zu. Ich kann nicht einmal zurückweichen, weil er immer noch meine Hand festhält. Zweifellos würden meine Finger zittern, wenn er sie nicht so kräftig drücken würde.

„Lass mich eine Sache klarstellen, Angel“, sagt er mit tieferer und viel ernsterer Stimme als zuvor und neigt dabei seinen Kopf nach unten, sodass wir uns aus fünf Zentimetern Entfernung in die Augen sehen. „Richte niemals eine Klinge auf einen Piraten, wenn du dir nicht einhundertprozentig sicher bist, dass du auch zustechen wirst.“ Er streift mir eine verirrte Haarsträhne aus den Augen und hinter mein Ohr. Seine Hand bleibt daraufhin sanft auf meinem Nacken liegen. „Wenn du auch nur ein Fünkchen der Unbarmherzigkeit in dir hättest, die du gerade versuchst vorzutäuschen, dann hättest du längst den Standort des Schatzes benutzt, um dich freizukaufen.“

Obwohl sein Atem nach Rum riecht, ist sein Blick nüchtern. Hat er mir etwa gerade einen Handel angeboten?

Zärtlich streichelt er die empfindliche Stelle unter meinem Ohr mit seinem Daumen und ganz plötzlich kann ich mich kaum noch konzentrieren. Seine blauen Augen wirken so viel wärmer als bei unserer letzten Begegnung. Obwohl sich unsere Brauen nicht berühren, kann ich das sanfte Kitzeln seines Haars auf meiner Stirn spüren. Was hat er bloß vor?

„Ich vertraue dir nicht“, flüstere ich und versuche durch mehrmaliges Blinzeln aus seinem nicht zu brechenden Bann freizukommen.

„Ich weiß“, flüstert er zurück.

„Und was bedeutet das jetzt für uns?“

Langsam leckt Hook sich mit der Zunge über die Unterlippe und verzieht seinen Mund dann zu einem schiefen Grinsen. „Dass wir wohl für immer auf diesem Schiff bleiben werden. Zusammen. Bis in alle Ewigkeit.“

Heiliger Strohsack, will der mich verarschen? Es ist nicht zu übersehen, wie sehr er dieses Spiel nach seinen eigenen Regeln genießt. Aber ich habe gerade keine Lust zu spielen. Mir bleibt keine Zeit dafür.

Ich mache einen Schritt zurück und erkläre mit energischer Stimme: „Du kannst mich nicht ewig als Gefangene halten.“

Amüsiert neigt Hook wieder seinen Kopf. „Ist das wieder so ein Gefühl von dir?“

Am liebsten möchte ich schreien: „Du kannst mich mal!“, doch stattdessen knirsche ich nur mit den Zähnen und funkle ihn wild an. Dann drehe ich mich um. Ich brauche so schnell wie möglich einen Plan B. Aus diesem Grund kehre ich wohl am besten erst mal in mein – sein – Schlafzimmer zurück. Aber Hook zieht mich an der Hand zurück, die er immer noch festhält.

Vorsichtig löst er meine Finger vom Griff des Dolches, während er mit seiner anderen Hand mein Handgelenk festhält. Dabei säuselt er charmant: „Wenn es dir nichts ausmacht, behalte ich den lieber.“ Er steckt das Messer in seinen Gürtel und kehrt zurück an seinen vorherigen Platz beim Schreibtisch, wobei er wie vorhin seine Arme vor der Brust verschränkt.

Ich habe gerade versucht, seine Kehle aufzuschlitzen, und er lässt mich einfach mit einem Grinsen ziehen? Was um alles in der Welt geht nur in diesem Mann vor? Mit schmalen Augen mustere ich ihn von der Seite, aber es ist unmöglich, aus ihm schlau zu werden. Ich gebe auf und stapfe mit hocherhobenem Haupt aus dem Zimmer. Aber bevor ich die Tür schließen kann, höre ich ihn meinen Namen rufen.

„Was ist?“, fauche ich über meine Schulter.

„Es tut gut zu sehen, dass ich es nicht gänzlich gebrochen habe.“

Verwundert mache ich nun doch noch einmal kehrt und blicke um den Türstock herum zum ihm. „Was meinst du?“, frage ich gezwungen langsam.

Zum ersten Mal, seit ich auf diesem Schiff bin, bekomme ich ein richtiges Lächeln von ihm. „Dein Temperament.“

Ich öffne den Mund, weil ich etwas darauf antworten möchte, doch dann schließe ich ihn wieder, einfach so. Was kümmert ihn mein Temperament? Ich schüttle meine Benommenheit ab und mache die Tür zu, aber leise und nicht wie vorhin geplant mit einem lauten Knall.

Die Begegnung mit Hook gerade eben war sogar noch verstörender als die von heute Morgen. Seine Stimmungsschwankungen irritieren mich. Besonders, wenn sie damit enden, dass er meinen Nacken streichelt. In meinem Bauch geht es deswegen immer noch drunter und drüber. Ich schließe meine Augen und berühre die Stelle an meinem Hals, auf der vor zwei Minuten noch seine Finger gelegen haben. James Hook ist wirklich ein undurchschaubarer Mann.

Leider ist er nicht bereit, mir zu helfen, und mir läuft gerade die Zeit weg. Daher sollte ich schleunigst aufhören, über seine meerblauen Augen nachzudenken, und mich auf das Wesentliche konzentrieren, nämlich wie ich heute noch von Nimmerland wegkomme, bevor ich wieder einen Erinnerungsbrocken im Schlaf verliere.

Das Geschrei an Deck bringt mich schließlich auf eine Idee. Vielleicht gelingt es mir ja, die Besatzung zur Meuterei zu überreden. Aber was kann ich den Piraten schon anbieten, um sie von diesem Abenteuer zu überzeugen? Gar nichts.

Nun ja, das stimmt so nicht ganz. Zwar kann ich ihnen hier nichts anbieten, aber wenn ich es schaffe, die Männer dazu zu überreden, weit hinaus aufs Meer zu segeln und neue Städte zu entdecken, die sie dann plündern können, wird die Sache vielleicht ein klein wenig interessanter für sie.

Mit aufgeregtem Herzflattern husche ich zur Tür hinaus und drehe mich erst einmal in der warmen Vormittagssonne um mich selbst. Dabei schweift mein Blick über das gesamte Schiff mit seinen vielen Decks. Wo fange ich nur an? Vier Männer stehen unter dem niedrigsten der Segelmasten. Drei von ihnen halten eine Flasche Rum in der Hand und biegen sich vor Lachen. Betrunken und zu viele auf einmal – von denen halte ich mich lieber fern.

Rechts von mir entdecke ich den Piraten mit dem Goldzahn, der gestern auch den Captain an Bord begrüßt hat. Mit freiem Oberkörper sitzt er auf einem Fass und putzt einen seiner Stiefel. Erst spuckt er auf die Schuhspitze und rubbelt dann heftig mit einem schmutzigen Lumpen darüber, bis das Leder wieder glänzt. Krass. Aber er scheint mir der perfekte Kandidat zum Anzetteln einer Revolution zu sein. Bestimmt hat er hier auf dem Schiff etwas zu sagen, mal abgesehen von Smee, der seinem Captain gegenüber viel zu loyal ist, um bei einer Meuterei mitzumachen.

So unauffällig wie ein Schmetterling mache ich ein paar beschwingte Schritte zu ihm rüber, wippe ein paarmal auf meinen Fußballen auf und ab und lasse mich dann auf einen Haufen aus Fischernetzen und weißem Leinen neben ihn fallen. „Hallo … Bootsmann.“ Ich versuche so fröhlich und unschuldig wie möglich zu klingen, aber meine Stimme zittert dennoch.

Der Mann wirft mir einen gierigen Blick zu, erwidert aber nichts auf meine nette Begrüßung.

„Was machen Sie denn da?“

„Siehst du doch – ich putze meine Stiefel“, erklärt er mir mit tiefer Brummstimme und spuckt noch einmal auf den Schuh. Seine Spucke ist braun vom Tabak, und ich muss mich gerade mal kurz wegdrehen und tief durchatmen, damit ich mich nicht gleich auf seinen Stiefel übergebe.

Erst als sich mein rebellierender Magen wieder einigermaßen beruhigt hat, frage ich weiter: „Ist das alles, was Ihr den ganzen Tag hier macht?“

„Für den Moment ist es genug.“ Anscheinend ist er mit diesem Stiefel fertig und zufrieden, denn er zieht ihn wieder an und nimmt dann den zweiten in die Mangel. Ich sehe ihm wie gebannt dabei zu. Das ist ja so was von grausig. „Wie kommt’s, dass du dich so für meine Stiefel interessierst, Mädelchen?“

„Hm? Och, ich hab mich nur gewundert, warum Sie so viel Zeit damit verbringen, sie zu putzen, anstatt – ich weiß auch nicht – Piratensachen zu machen.“

„Piratensachen?“, wiederholt er in amüsiertem Ton.

„Na ja, Sie wissen schon, Leute überfallen, Schiffe plündern, solche Sachen eben. Gehört das etwa nicht zum Alltag hier an Bord?“ Großartige Taktik, Angel, feuere ich mich selbst an.

„Das würden wir ja tun. Nur ist die Jolly Roger das einzige Schiff draußen auf See.“ Mit schmalen Augen inspiziert er einen Spritzer Möwenkacke auf seinem Stiefel und holt dann einen echt ekelerregenden Schleimbatzen tief aus seiner Kehle hervor. Bei dem Geräusch läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken und mich schüttelt’s. Er spuckt das braune Zeug auf den Vogelmist und wischt ihn mit dem grauen Lumpen weg. „Hier in der Gegend gibt’s nicht viel zu plündern.“

„Das muss aber ein ziemlich langweiliges Leben für Sie und die Männer hier an Bord sein. Ich frage mich, warum euch der Captain nicht weiter raus segeln lässt, wo ihr bestimmt mehr Spaß haben könntet.“

Ein sanftes Lachen dringt von oben zu uns herab. Ich blicke hoch und sehe, wie der Captain lässig an der Reling der Brücke lehnt und ganz unverhohlen unserer Unterhaltung lauscht. Ihm muss doch klar sein, worauf ich hier abziele, und trotzdem lacht er nur? Tja, dann schätze ich mal, dass ich nichts zu befürchten habe.

Um ihm zu beweisen, dass mich seine Anwesenheit nicht im Geringsten aus der Ruhe bringt, erlaube ich mir ein zynisches Lächeln mit geschlossenen Lippen und widme mich dann wieder voll und ganz dem Mann mit freiem Oberkörper. „Ihr solltet ihm eure Bedürfnisse als Piraten klarmachen. Welcher Captain zwingt schon seine Männer dazu, Jahr um Jahr vor der Küste einer unscheinbaren Insel herum zu dümpeln?“

„Einer, der hinter einem Schatz her ist.“ Als dieser Stiefel so sauber ist wie der andere, schlüpft er wieder hinein, steht auf und schüttelt den alten Fetzen aus, den er zum Putzen verwendet hat. Erst jetzt erkenne ich, dass es eigentlich ein Hemd ist. Sein Hemd. Und er zieht es auch noch an! Mann, wie widerlich ist das denn?

„Du klingst beinahe so, als wärst du mit der Entscheidung unseres Käpt’ns nicht einverstanden“, murmelt der Pirat und kratzt sich am Kinn. „Hast du etwa vor, dich selbst für die Stelle zu bewerben, Mädelchen?“

Schulterzuckend stehe ich auf. „Ich will damit nur sagen, dass Piraten draußen auf dem Ozean sein und zumindest irgendwas tun sollten. Auf jeden Fall etwas anderes, als den ganzen Tag nur die Decks zu schrubben oder ihre Stiefel zu putzen.“

„Einen hübschen Käpt’n würdest du abgeben, Mädelchen. So zierlich und in feinen Kleidern.“ Ein Lachen gurgelt in seinem Hals, als er mir die Hände auf die Hüften legt. Whoa, so hab ich diese Unterhaltung nicht geplant. Als er mir dann mit den schmutzigen Fingern über die Wange streicht, bin ich sicher, dass er eine schmierige Spur auf meiner Haut hinterlässt. Ich weiche zurück, doch er zieht mich mit einem Arm um meine Taille fester an sich. „Alle Männer an Bord würden dir zu Füßen liegen, Herzchen.“

Plötzlich wird er starr vor Schreck, und es dauert nur eine weitere Sekunde, bis mir klar wird, wieso. Die schlanke Klinge eines Degens streichelt seine Kehle. „Nimm deine Finger von der Kleinen, Brant Skyler“, befiehlt ihm Hook in fingiert freundlichem Ton. „Und zwar ein bisschen plötzlich.“

Mr. Skyler wird kreidebleich und zieht augenblicklich seine Hände zurück. „Ich habe nur ein bisschen Spaß mit dem Mädel gemacht, Käpt’n.“

„Der Spaß ist vorbei. Lass sie in Ruhe.“

In Windeseile verzieht sich der Pirat zu seinen Rum trinkenden Freunden. Hook wirft ihnen einen warnenden Blick über seine Schulter zu, dann erklärt er so laut, dass sich jeder auf dem Schiff zu ihm umdreht: „Keiner fasst das Mädchen an. Der Nächste, der auch nur einen Finger an sie legt, kann eine Runde mit den Haien schwimmen. Hab ich mich klar genug ausgedrückt?“

Ein allgemeines Raunen von Ayes geht durch die Meute.

Mit festem Griff um meinen Oberarm zieht mich Hook zu der schmalen Treppe, die nach oben zur Brücke führt. Seltsam. Diese Stufen ist er nicht heruntergekommen. Das hätte ich gesehen, denn ich hatte sie die ganze Zeit über im Blick. Ist er etwa gerade über die Brüstung gesprungen, um mir zu Hilfe zu eilen?

Verdutzt blicke ich in sein Gesicht. In seinen Augen funkeln Ärger, Überraschung und ebenso viel Vergnügen. „Warum verführst du meine Männer, Angel?“, fragt er mich.

„Das habe ich nicht.“

„Ja richtig. Wenn ich mich nicht völlig irre, hast du gerade versucht, eine Meuterei zu starten, was wirklich nicht sehr nett von dir ist.“

Einen Moment lang stelle ich mich auf die Zehenspitzen, um mit ihm wenigstens halbwegs auf Augenhöhe zu sein, und zische: „Der Schuss ging ja wohl gründlich nach hinten los. Bist du jetzt glücklich?“

Er zieht mich so nah an sich heran, dass unsere Nasenspitzen aneinanderstoßen, und ich schnappe erschrocken nach Luft. „Sehe ich etwa glücklich aus?“, grollt er.

Nein, das tut er gewiss nicht. Aber er sieht auch nicht so verärgert aus, wie er vielleicht sein sollte. Auf beinahe zärtliche Weise legt er mir die kalte Klinge seines Degens an die Neigung zwischen Hals und Schulter. Ich weiß nicht, was genau er damit bezweckt, aber seltsamerweise jagt es mir nicht die zu erwartende Angst ein.

„Schlitzt du mir jetzt die Kehle auf?“, necke ich ihn.

„Nein“, antwortet er und lächelt dabei sogar ein wenig. „Aber wenn du je wieder einen meiner Männer belästigst, sehe ich mich gezwungen, dich in diesem Quartier dort einzusperren.“ Mit einem kurzen Nicken hinüber zu seinem Schlafzimmer macht er seinen Standpunkt unmissverständlich klar.

Ich fühle mich mutig genug, um sein Lächeln zu erwidern. „Klingt fair.“

„Es freut mich, dass wir uns diesbezüglich so gut verstehen.“ Er lässt meinen Arm los und steckt seinen Degen zurück in die Scheide.

Im selben Moment krächzt ein Mann von einem korbartigen Gebilde oben auf dem höchsten Mast zu uns herunter: „Lasst die Leiter hinab! Die Jolle ist zurück!“

Ich hab keine Ahnung, was eine Jolle ist, aber bald bekomme ich mit, dass Smee und zwei andere Piraten in einem Ruderboot von ihrem Ausflug in den Hafen zurückgekehrt sind. Sie binden das Beiboot ans Schiff und erklimmen die Strickleiter an Bord. Smee trägt dabei ein Bündel aus langen Papierrollen unterm Arm. Der Captain muss schon darauf gewartet haben, denn seine Augen strahlen vor Begeisterung, als er sie sieht.

„Ich hab die Karten, die du wolltest, James“, sagt Smee und tätschelt sanft das zusammengerollte Papier.

„Hier rein“, befiehlt Hook und beide Männer verschwinden in seinem Arbeitszimmer.

Karten? Was für Karten? Könnte mir das vielleicht von Nutzen sein? Auf Zehenspitzen schleiche ich näher an Hooks Quartier heran und lausche durch die verschlossene Tür.

„Das sind alle nautischen Karten rund um Nimmerland, die es gibt“, sagt Smee. „Aber Bre’Shun lässt dir ausrichten, du wirst darauf nicht finden, was du suchst. Stattdessen hat sie mir das hier gegeben.“

Ich höre Hooks Lachen. „Was wollte sie denn im Austausch dafür? Deinen Erstgeborenen?“

„Biberfleisch“, antwortet Smee in gereiztem Tonfall. „Zu jeder verfluchten Sonnenwende für die nächsten fünf Jahre.“

Die beiden sprechen in Rätseln. Doch als Nächstes höre ich, wie Papier auseinandergerollt wird, und Hooks Stimme dringt erneut zu mir nach draußen. „Eine Sternenkarte? Glaubt die Fee etwa, dass wir London am Himmel finden?“

Spinn ich, oder hat er wirklich gerade London gesagt? Mehr braucht es nicht, um meinen klaren Verstand außer Gefecht zu setzen, und ich platze durch die Tür.

Hook, der mit dem Rücken zu mir steht, die Hände auf den schweren Schreibtisch vor sich gestützt, lässt den Kopf hängen und seufzt. „Mir ist klar, dass dich ein Dolch und eine Notiz an einer Tür nicht fernhalten können. Aber auch noch ohne anzuklopfen, Angel?“

Wieso weiß er, dass ich es bin?

Wie zur Steinfigur erstarrt, stehe ich mitten im Zimmer und kämpfe gegen meine Überraschung an. Dann verschränke ich die Arme vor der Brust und kontere: „Ihr habt gerade über London gesprochen. Ich will hören, worum es geht.“ Während ich darauf warte, dass er sich zu mir umdreht, bete ich, dass seine Stimmung immer noch im grünen Bereich ist.

Er richtet sich auf und rollt die Karte vor sich ein. „Wir werfen nachher noch mal einen Blick darauf“, erklärt er Jack Smee, der lautlos nickt und zur Tür marschiert. Als er an mir vorbeigeht, zieht er bewundernd die Augenbrauen hoch und pfeift leise durch seine Zähne hindurch. Es ist nicht zu übersehen, dass er im Moment alles dafür geben würde, um weiter im Zimmer bleiben zu dürfen und mit ansehen zu können, was sich hier gleich abspielen wird.

Erst als das Klicken der Tür verkündet, dass nur noch wir beide im Raum sind, dreht sich Hook langsam zu mir um. Sein Blick ist schwärzer als der dunkelste Sturm.

Ich schlucke.

 

***

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