Was sich neckt, das liebt sich… meistens (VM 2)

 

Was sich neckt, das liebt sich … meistens

Vernasch Mich, 2

Prolog

4 Jahre zuvor…

 

Mitternacht. Am See. Bring deinen Badeanzug mit. Oder auch nicht.

Mit dem kleinen Briefchen fest in der Hand, als wäre es meine Rettungsleine, klettere ich aus dem Fenster, das wir nachts immer offen lassen. Kalifornien ist im Sommer an sich schon heiß genug, aber dann auch noch in einem Zimmer mit sechs anderen Mädchen zu schlafen und alle Fenster dicht zu machen… tja, da würde man morgen wahrscheinlich überall in den Nachrichten von einem tödlichen Massenhitzeschlag hören.

Die Tür gibt jedes Mal beim Öffnen ein ekelhaftes Quietschen von sich, fast wie aus einem Gruselfilm. Das ist der einzige Grund, warum ich überhaupt diesen waghalsigen Ausstieg durch das schmale Fenster über meinem Stockbett auf mich nehme. Denn, ganz ehrlich, von einem der vier Aufpasser, die dieses Sommercamp leiten, gesehen zu werden, ist bei Weitem nicht mein größtes Problem.

Viel eher erschreckt mich der Gedanke, dass meine neue Freundin Lesley Caruthers – Queen Bee der Grover Beach Highschool – hören könnte, wie ich mich kurz vor Mitternacht davonstehle. Durch Lesley wurde mein Leben in den letzten paar Wochen sehr viel aufregender. Riskanter. Lustiger. Und abenteuerlicher. Ich meine, sieh mich einer an! Gerade bin ich dabei, mich mitten in der Nacht hinaus in die Dunkelheit zu stehlen, um einen Jungen unten am Froschteich zu treffen. Und nicht nur irgendeinen Jungen. Während des gesamten ersten Jahres auf der Junior High hatte ich ihm heimlich nachgestellt. Leider hatten wir keinen einzigen Kurs zusammen, also konnte ich ihn immer nur während der Pausen in den Gängen oder draußen am Campusgelände beobachten. Außerdem kannte ich einige seiner Freunde, was mir hin und wieder die Gelegenheit verschaffte, ganz dicht neben ihm zu stehen. Bedauerlicherweise war ich immer viel zu feige dazu, ihn anzusprechen.

Aber diese Zeit ist nun vorbei.

Das einzige Problem, das sich mir jetzt noch aufdrängt, ist, dass ich ihn mit niemandem teilen will, und Lesley ist so ziemlich die neugierigste Person auf der Welt. Selbst wenn ich ihr gesagt hätte, dass ich diesen Jungen heute Nacht alleine treffen will, wäre sie mir wahrscheinlich mit einem mittelkleinen Sicherheitsabstand gefolgt, um ihn abzuchecken.

Oh nein, das kann ich nicht zulassen! Das ist mein ganz persönlicher Moment. Beste Freunde hin oder her, ich brauche heute wirklich keine Spione im Gebüsch.

Als ich mich vom Fenstersims herablasse, bleibt mein pinkfarbenes Top an einem hervorstehenden Nagel hängen. Der Stoff zerreißt und der Nagel ritzt meine Haut an der Taille wund. Lautlos fluche ich in die Nacht, während sich meine Fingernägel in das morsche Fensterbrett graben und den jahrzehntealten, roten Lack abkratzen. Endlich spüre ich das kühle Gras zwischen meinen Zehen. Ich lasse los und inspiziere erst einmal den Schaden an meiner Seite. Halb so wild. Kein Blut, nur ein Kratzer unter dem kleinen Riss in meinem Top. Aber wen kümmert das schon? In zehn Minuten habe ich ein Date mit dem Jungen meiner Träume.

Ich rücke mein Oberteil und auch die Pyjamashorts zurecht. Ein schmaler Trampelpfad führt von den drei Hütten in Tipi-Formation um den Picknicktisch in den Wald hinein. Geduckt schleiche ich an einer Buschzeile entlang davon. Die Unterkünfte der Jungs befinden sich auf der anderen Seite des Sees, wo auch der große Speisesaal ist. Genau dort hat mir heute nach dem Abendessen jemand diesen kleinen Zettel in die Hand gedrückt.

Er stand dabei ganz dicht hinter mir und ich wusste sofort, dass er es war. Ich weiß, wie sich seine Hand in meiner anfühlt und wie sein Duschgel riecht. Dieser anziehende Duft hat sich durch unseren ersten Kuss für immer in mein Gedächtnis gebrannt. Niemals wieder werde ich den vergessen.

Der vor Aufregung stark hämmernde Herzschlag in meinen Ohren übertönt das Lied der Grillen in der schwülen Nacht. Zum See ist es nicht mehr weit – vielleicht noch eine halbe Meile. Aber dort angekommen muss ich erst noch zum Westufer laufen, wo ein Steg aus alten dunklen Brettern aufs Wasser hinausführt. Genau an der Stelle wird er auf mich warten, denn das ist auch der Platz, an dem wir uns geküsst haben.

Als unser Treffpunkt in Sichtweite kommt, werde ich langsamer. Mit dem Mond so voll und leuchtend oben am Himmel brauche ich keine Taschenlampe, um meinen Weg zu finden. Die Wasseroberfläche des Sees liegt so ruhig neben mir wie die Laken eines frisch gemachten Bettes. Das Lied der Grillen ist schon lange nicht mehr zu hören, nur noch ein paar Frösche, die irgendwo in der Ferne quaken.

Trotz der lauen Nacht sind die Holzlatten des Stegs immer noch angenehm warm, als ich drauftrete und langsam zur quadratischen Plattform am Ende gehe. Der riesige Mond spiegelt sich im Wasser vor mir. Alles ist perfekt.

Und dann löst seine Stimme vom Ufer hinter mir einen Schauer aus, der mir vom Nacken bis runter zu den Zehenspitzen prickelt. „Ich bin froh, dass du gekommen bist.“

Das Holz knarrt unter seinen Schuhen, als er sich nähert. Ich kann meinen raschen Atem kaum noch kontrollieren. Langsam drehe ich mich um. Seiner Kleidung nach zu urteilen, ist er nicht – wie ich – schon im Bett gewesen, bevor er sich davongeschlichen hat. Seine Beine wirken noch länger als sonst in diesen ausgewaschenen Jeans, die an seinen Hüften hängen, als würden sie sich mit unsichtbaren Krallen festhaken, um nicht runterzurutschen.

Seine Arme wirken schlank und sehnig, sein Oberkörper eher schmächtig unter dem weißen T-Shirt. Da er mich aber vor einigen Tagen mühelos aus dem Wasser und auf diesen Steg hier gezogen hat, weiß ich, dass er sehr viel stärker ist, als es den Anschein macht.

Vorsichtig kommt er näher. Bei jedem Schritt schwingen die Bretter sanft unter uns. Das zarte Beben kriecht mir langsam die Beine hoch und erhitzt meinen Körper noch mehr, als es die warme Abendluft ohnehin schon tut.

Mit meinen sechzehn Jahren bin ich bereits größer als die meisten Mädchen der Klassenstufe über mir und kann ihm somit geradewegs in die Augen blicken, als er vor mir stehen bleibt. Sein Haar ist unter einer Baseballmütze versteckt, die auch sein Gesicht in Schatten taucht. Schade. Ich liebe es, wenn er sich achtlos durch die zerzausten Haare streicht. Ob er die Mütze wohl noch abnimmt, bevor er mich küsst?

Er streckt die Hand nach mir aus und hakt seinen Zeigefinger um meinen. Dieser eine Quadratzentimeter Hautkontakt reicht aus, damit ich die Baseballkappe im nächsten Moment völlig vergesse und vor Aufregung leicht erzittere.

„Hast du Badesachen drunter?“, fragt er und zieht mich näher zu sich.

Nervös kaue ich auf meiner Unterlippe. Dann schüttle ich den Kopf und grinse.

Ein kleines Lächeln wärmt seinen Blick. „Ich auch nicht.“

 

Vor neunzehn Monaten…

 

„Sehe ich etwa aus wie ein Vollidiot?“

„Keineswegs.“

„Warum zum Teufel behandeln Sie mich dann so?“ Ich werfe dem Mann, der einen potthässlichen, gelb-grau-gestreiften Pullover trägt und mir gegenüber in einem Lehnsessel sitzt, einen verächtlichen Blick zu. Seit meine Mutter mich vor zwanzig Minuten in dieses Zimmer geschoben hat, machte er sich Notizen zu jedem verdammten Wort, das aus meinem Mund kam.

Er legt seine Unterlagen auf den Schoß, zieht sich die Brille von der langen, spitzen Nase und massiert mit Daumen und Zeigefinger die Stelle zwischen seinen schlammbraunen Augen. Als er sie wieder aufsetzt, schlüpft sein perfektioniertes Businesslächeln zurück auf seine schmalen Lippen. Es wirkt herablassend, so als ob er in Gedanken vor sich hinsingt: weil deine Eltern mit diesen Sitzungen gerade meinen nächsten Urlaub auf Hawaii finanzieren.

Zähneknirschend ziehe ich meine Füße auf die Couch. Dabei schert es mich einen Dreck, dass die Absätze meiner Stiefel wahrscheinlich Kratzspuren auf dem dunklen Leder hinterlassen. Ich schlinge meine Arme um die Beine und lege meine Stirn auf die Knie. Von dem ganzen Quatsch hier will ich echt nichts hören. Ich will ja nicht einmal hier sein! Alle meine Freundinnen amüsieren sich gerade mit irgendwelchen süßen Jungs. Nur ich habe ein Date mit dem Psychiater.

„Warum fangen wir nicht einfach noch mal ganz von vorn an?“, schlägt er mit der Geduld eines Kindergärtners vor, während es mir bei seiner Art zu reden mittlerweile sauer hochkommt. „Beginnen wir damit, dass du mir erzählst, warum du deiner Meinung nach eigentlich hier bist.“

„Ich bin hier, weil die mir sonst niemals meinen Führerschein zurückgeben. Und das Auslandsjahr in Europa nach der Highschool lassen sie mich auch nicht machen“, brumme ich in den Spalt zwischen meiner Brust und meinen Beinen hinein. „Aber das heißt nicht, dass wir uns nett unterhalten müssen. Warum sitzen wir nicht einfach eine Weile hier und halten beide den Mund, bis die Stunde um ist. Ich bin sicher, Sie bekommen Ihren Honorarscheck so oder so.“

Der Kerl räuspert sich und tippt dabei mit dem Kugelschreiber auf seinen Notizblock. Will er mir etwa absichtlich auf die Nerven gehen? Da er offenbar auf meine ungeteilte Aufmerksamkeit in diesem unfreundlichen, klinisch weißen Raum wartet, sehe ich schließlich irgendwann auf und ziehe eine Augenbraue hoch.

„Du hast also deinen Führerschein verloren?“, fragt er. In seiner Stimme liegt so viel heuchlerische Unschuld, dass er damit Miley Cyrus leicht in die Heilige Jungfrau Maria verwandeln könnte. „Wie ist das denn passiert? Bist du zu schnell gefahren? Oder hast du womöglich ein Stoppschild übersehen?“

Oh, bitte! „Sie wissen genau, was passiert ist.“ Ich lege meine Stirn wieder auf die Knie, um seiner professionellen Freundlichkeit zu entkommen, und grabe meine Finger zur Beruhigung in den Stoff meiner Stretchjeans. „Und nein, ich habe kein Stoppschild überfahren.“

„Hast du vielleicht bei einem illegalen Straßenrennen mitgemacht?“

Aah! Am absoluten Ende meiner Geduld hämmere ich mit den Fäusten auf die Ledercouch und richte mich auf. „Ich habe meinen Wagen zu Schrott gefahren, okay? Ich war betrunken, habe die Kontrolle verloren und bin gegen einen Baum gekracht!“ Der blöde Baum wollte einfach nicht ausweichen, als mein VW-Polo nach einer 90-Grad-Kurve angefangen hatte zu schwänzeln. „Und bevor wir dieses bescheuerte Fragespiel noch ewig weitertreiben, wo Sie doch ohnehin schon alle Antworten kennen – Ja!“ Ich verziehe das Gesicht zu einer zynischen Fratze. „Hinterher bin ich ins Wasser gegangen!“

Sein Stift rast so schnell über den Schreibblock auf seinem Schoß, dass das Ergebnis kaum aus mehr als welligen Linien bestehen kann. „Ich verstehe“, murmelt er dabei, ausnahmsweise den heuchlerischen Blick nicht auf mich gerichtet. Er muss sich wohl zu sehr auf das konzentrieren, was er gerade aufschreibt. „Möchtest du darüber reden, warum du dich im Meer ertränken wolltest?“

„Ich wollte nicht ertrinken. Ich wollte nur weg von meiner Cousine Sam und ihrem neuen Freund. Die beiden waren am Strand, also gehörte mir das Wasser.“ Betrunken hat das echt Sinn ergeben. Zwei Wochen später und nüchtern… nicht mehr so sehr.

Er hebt sein Kinn und stoppt abrupt mit dem Gekritzel. „Na schön. Dann erzähl mir doch wenigstens, warum du vor den beiden fliehen wolltest.“

Nervös beginne ich auf meiner Unterlippe herumzukauen. Das ist der Teil der Geschichte, den ich wirklich gerne für mich behalten möchte. Es ist jetzt genau fünf Wochen her, seit Samantha in unser Haus gezogen ist. Vier Wochen, seit sie mir meine Familie und meine Freunde gestohlen hat. Drei Wochen, seit sie sich in den Jungen verliebt hat, auf den ich schon seit Monaten stehe. Und vor zwei Wochen habe ich mich bei ihr für den Versuch entschuldigt, sie außer Landes zu fliegen. Bitte… gönnt mir ’ne Pause!

Die Beine immer noch aufgestellt, überkreuze ich die Knöchel, ziehe mir die Bündchen meines Kaschmirsweaters über die Hände und umschließe sie mit meiner Faust. Mein kinnlanges Haar geht mir gerade mächtig auf den Geist, weil es mir ständig nach vorn in die Augen fällt. Der Teufel muss mich geritten haben, als ich mir die langen Haare abschneiden und rabenschwarz färben ließ, um meine Cousine zu imitieren. Nur zwei Tage später habe ich meinen Wagen um den Baum gewickelt.

Mit ein paar tiefen Atemzügen hebt und senkt sich meine Brust. „Können wir nicht einfach bis zu dem Punkt vorspulen, an dem ich beteuere, wie schrecklich leid mir alles tut, und ich verspreche, es nie wieder zu machen? Unterschreiben Sie doch einfach dieses dämliche Formular und bestätigen Sie, dass ich kein Alkoholproblem habe, damit die mir endlich meinen Führerschein wiedergeben.“

Der Psychodoktor lacht verschroben auf. „Ich wünschte, es wäre so einfach, Chloe.“

„Wieso? Wo liegt denn das Problem?“

„Das Problem ist, dass du wohl kaum um die wöchentlichen Sitzungen bei mir für die nächsten anderthalb Jahre herumkommen wirst, wenn du je wieder hinter das Steuer eines Wagens willst. Genauso wenig, wie um die vierhundert Stunden gemeinnützige Arbeit und ein sauberes Protokoll von alkoholfreien Bluttests während dieser Zeit.“

„Schön. Streichen sie mich von der Liste“, maule ich. „Dann nehme ich in England eben den Bus.“

„Ich fürchte, auch das kannst du nicht. Du bist auf Bewährung. Dein Auslandsjahr muss warten. Tut mir leid.“

Waaas?!“ Meine Stimme überschlägt sich gleich zweimal bei dem Wort. „Aber wir haben schon alles geplant!“ Les, Ker, Brin und ich haben bereits unsere Bewerbungen an die Guildhall School of Music & Drama in London abgeschickt. Ewan McGregor hat dort seine Ausbildung gemacht. Und Orlando Bloom und Daniel Craig ebenfalls. Während Brinna immer noch auf ihre Annahme wartet, haben die Väter von uns anderen bereits mit einer mittelgroßen Finanzspritze sichergestellt, dass wir auf jeden Fall einen Platz dort bekommen. Uns steht die beste Zeit unseres Lebens bevor. Ein ganzes Jahr lang nur Partys, Jungs und keine Erwachsenen, die uns den ganzen Spaß vermiesen. Wie kann dieser Psychoheini es nur wagen, mir all das zu ruinieren?

Schäumend vor Wut springe ich von der Couch auf und stürme zur Tür. „Das werde ich meinem Vater erzählen!“

„Dein Vater hat bereits alles für dich getan, was in seiner Macht steht.“ Die ruhige Warnung des Psychiaters kriecht mir in diesem Moment wie eine kalte Schlange unter die Haut und bremst mich, die Hand bereits auf der Türklinke.

„Was wollen Sie damit sagen?“, stoße ich durch zusammengebissene Zähne hervor und drehe mich zu ihm um. „Er ist Anwalt. Einer der besten in Kalifornien. Er kann mich da sicher rausholen.“

„Chloe… du hast dein Auto demoliert. Du wurdest wegen Trunkenheit am Steuer und Alkoholkonsum Minderjähriger angeklagt. Zudem hast du Fahrerflucht begangen und nach Aussage deiner Freunde wolltest du dir sehr wohl in den Fluten das Leben nehmen, weil der Junge, in den du verliebt warst, deine Liebe nicht erwidert hat.“ Er seufzt tief, was wie eine Mischung aus Sympathie und Frustration klingt. „Wenn dein Vater nicht gewesen wäre, wärst du auf jeden Fall in Untersuchungshaft gekommen und würdest jetzt wahrscheinlich schon in einer geschlossenen Anstalt sitzen, wo man sicherstellt, dass du keine scharfen Gegenstände zu fassen bekommst. Man hätte dir sogar die Schnürsenkel aus den Schuhen gezogen, damit du dich damit nicht strangulieren kannst.“

„Was?“, krächze ich heiser, als mich eine Welle des Schreckens überrollt. Von meiner zittrigen Hand auf der Klinke beginnt die Tür im Schloss zu wackeln.

Der Doktor steht auf und kommt zu mir herüber. Sanft legt er mir seine Hand ins Kreuz und führt mich zurück zur Couch. Dann holt er mir ein Glas Wasser von der einfachen Küchenzeile hinter seinem massiven Schreibtisch, stellt es vor mich auf den Couchtisch und sinkt anschließend mit einem klinischen Lächeln zurück in seinen Sessel auf der gegenüberliegenden Seite.

Ich nehme einen Schluck. Meine zitternden Hände verursachen dabei einen kleinen Tsunami im Glas.

„Verstehst du jetzt, dass diese Sitzungen mit mir und die gemeinnützige Arbeit die beste Lösung für dich sind?“

Ich stelle das Wasser wieder auf den Tisch und atme ein paarmal tief durch, bevor ich zu ihm aufsehe. Zaghaft nicke ich.

„Gut.“ Wieder nimmt er seine Notizen zur Hand und legt sie auf seinen Schoß. „Wollen wir jetzt vielleicht über den Freund deiner Cousine sprechen? Ich glaube, sein Name war Tony. Hier steht, dass er vor einiger Zeit dein fester Freund war. Stimmt das?“

Ich versuche, den Kloß in meinem Hals hinunterzuschlucken. Tony und ich waren nur für ein paar Tage im letzten Sommer wirklich fest zusammen. Heute kommt es mir geradezu lächerlich vor, ihm nach zu heulen. Trotzdem nicke ich noch einmal.

 

Kapitel 1

Heute

 

Ich bin total aus der Puste. Jeden dritten Freitag im Monat den Zug heim nach Grover Beach zu nehmen ist schon mühselig genug. Aber noch schlimmer ist es, mit sämtlichem Gepäck vom Bahnhof zu Dr. Devonport zu laufen, weil meine Eltern mich heute nicht abholen können.

Na ja, was soll’s? Ist sowieso das letzte Mal, dass ich in diese spartanisch eingerichtete Praxis mit den kahlen, weißen Wänden, der dunklen Ledercouch und den hohen Fenstern mit Blick auf die Chilton Street spazieren werde. Bestimmt sitzt der lange, schmächtige Doktor wie jedes Mal bereits in seinem gemütlichen Sessel hinter dem Couchtisch, von wo aus er mich immer wieder aufs Neue mit demselben aufgesetzten Lächeln begrüßt.

Meine Bewährung wegen Alkoholkonsum Minderjähriger und dem dämlichen Unfall ist in vier Wochen zu Ende. Jetzt muss ich nur noch eine letzte Sitzung mit dem Psychodoc überstehen, um zu beweisen, dass ich definitiv nicht selbstmordgefährdet bin – und auch niemals war – dann bin ich ihn endlich los. Für immer.

Europa wartet schon auf mich!

„Guten Tag, Dr. Devonport“, begrüße ich den Mann, als ich nach kurzem Anklopfen durch die Tür in seine Praxis schlüpfe.

„Chloe.“ Zugegeben, sein Lächeln wurde über die vergangenen Monate sehr viel freundlicher, trotzdem kann ich ihn nicht ausstehen. Zu wissen, dass er es in der Hand hat, ob ich im kommenden Jahr mit dem Auto durch London fahren werde oder jedes Mal den Bus nehmen muss, wenn ich shoppen gehen will, verursacht mir Bauchweh. Er streckt die Hand aus, als er sich von seinem Stuhl erhebt. „Bitte nimm Platz.“

Ich setze mich wie gewohnt in die Mitte der langen Ledercouch, doch anstatt meine Knie schützend an mich zu ziehen, so wie ich es bei den ersten Treffen mit dem Seelenklempner gemacht habe, sitze ich nun aufrecht, ein Bein über das andere geschlagen, die Hände im Schoß gefaltet.

„Wie läuft’s auf der Akademie?“, fragt er mich.

„Gut. Diese Woche waren die Abschlussprüfungen“, antworte ich knapp, da ich nicht in der Stimmung bin, eine private Unterhaltung mit ihm anzufangen, wenn wir die Sache hier auch beschleunigen können. „Wo muss ich unterschreiben?“

Verwundert rückt er die Brille auf seiner Nase zurecht. „Unterschreiben? Was denn?“

„Na meine Entlassung aus Ihrer Beobachtung.“ Ich bemühe mich um ein freundliches Gesicht, während ich mir mit den Fingern durchs Haar streife, das seit meinem ersten Besuch hier ein ganzes Stück gewachsen ist. Das tiefe Schwarz ist mittlerweile auch ausgewaschen, doch anstatt meine Haare wieder blond zu färben, so wie ich es die meiste Zeit auf der Highschool getan habe, trage ich sie seit meinem Eintritt in die Schauspielschule in San Francisco letzten Herbst in ihrem natürlichen Dunkelbraun.

„Das ist unsere letzte gemeinsame Sitzung. Ich habe in den vergangenen neunzehn Monaten keinen einzigen Termin verpasst, habe in all der Zeit nicht einen Tropfen Tequila oder sonst was getrunken und bin jetzt eine glückliche, stabile Zwanzigjährige.“ Hoffentlich versteht er den Wink. Mein Abschlussjahr auf der Highschool ist ein Abschnitt meines Lebens, den ich lieber vergessen möchte. Alles für einen Jungen aufs Spiel zu setzen, in den ich kurzzeitig verknallt war, der jedoch glücklich mit meiner Cousine zusammen ist, war wohl das Dämlichste, was ich bisher gemacht habe – und da war echt schon eine Menge Blödsinn dabei.

Je eher ich heute hier raus spazieren kann, desto schneller kann ich dieses Kapitel abschließen, meine Koffer packen und nach Europa zu meinen Freunden fliegen. Das Flugticket ist bereits bezahlt und Les und Ker haben eine luxuriöse Vierzimmerwohnung in Mayfair, die wir uns für ein Jahr teilen werden. Glücklicherweise haben sich die beiden entschlossen, ihre Schauspielausbildung in England fortzusetzen, somit muss ich mein Auslandsjahr nun doch nicht alleine absolvieren. Sie kommen lediglich über die Ferien nach Hause. Ich werde diesen Sommer also genau zwei Dinge tun: In der ersten Hälfte werde ich Poolpartys in unserem Garten feiern und alkoholfreie Cocktails mit Brinna, Lesley und Kerstin schlürfen. Und in der zweiten Hälfte werde ich Partys und richtige Cocktails in Europa genießen. Es bleibt nur diese eine Sache, die ich vor der Reise noch von meiner Liste streichen muss.

„Ich nehme an, ich brauche eine offizielle Bestätigung von Ihnen für die Behörden, damit ich nächsten Monat meinen Führerschein abholen kann?“, frage ich.

„Ah, immer so erpicht darauf, meine Praxis so schnell wie möglich zu verlassen.“ Dr. Devonport schmunzelt. „Aber gut, du hast deinen Teil der Vereinbarung gehalten und es gibt auch keinen Grund mehr, heute noch einmal alte Geschichten aufzurollen, nicht wahr?“

Verdammt richtig!

„Hast du alle Bestätigungen mit, die wir brauchen? Die Ergebnisse deiner Bluttests?“

Eifrig hole ich die gefalteten Unterlagen aus meiner Handtasche und reiche sie dem Doktor über den Couchtisch. „Alles da.“

„Wunderbar.“ Er blättert sie durch, wobei er zufrieden nickt. „Und jetzt noch die Bestätigung über die Absolvierung deiner Sozialstunden.“

„Ähmm, tja, was das angeht… Ich bin noch nicht dazu gekommen, alle Stunden abzuarbeiten.“ Den Kopf gesenkt kratze ich mich an der Augenbraue. „Mit der neuen Schule und dem engen Stundenplan war einfach nicht genug Zeit.“

Er blickt verdutzt hoch. „Wie viele Stunden hast du denn bisher absolviert?“

Die Lippen gespitzt ziehe ich den Mund auf eine Seite und beiße mir dann auf der anderen Seite in die Wange. „Äh… dreiundfünfzig?“

Der Doc starrt mich an wie ein Bus auf Frontalkurs. „Dreiundfünfzig Stunden? In anderthalb Jahren?“

„Na ja, Freizeit ist knapp auf der Schauspielakademie.“ Ich zucke mit den Schultern, als eine unangenehme Hitze in mir aufsteigt. „Aber das ist doch sicher kein Problem, oder? Ich meine, ich kann die Stunden ja immer noch nachholen, wenn ich von meinem Auslandsjahr zurückkomme. Oder vielleicht kann ich ja sogar ein paar davon drüben in England abarbeiten.“

„Ich befürchte, das wird nicht möglich sein, Chloe.“ Den Mund fest verschlossen kratzt er sich am glatt rasierten Kinn. Dann sucht er meinen Blick. „Die Sozialstunden müssen in jedem Fall vor Beendigung deiner Bewährungszeit geleistet werden. Und das ist ja schon –“ Er greift sich einen Hefter und durchsucht die Seiten.

„Ende Juli“, helfe ich ihm auf die Sprünge, meine Stimme flach vom Schock.

„Ganz genau.“ Er schließt die Mappe. „Wenn du die Stunden bis dahin nicht abgearbeitet hast – und zwar alle – musst du noch einmal vor Gericht. Diesmal wird die Strafe allerdings höher sein.“

„Wie bitte?“ Entsetzt springe ich auf und laufe aufgeregt vor den Fenstern hin und her. „Selbst wenn ich von jetzt an jedes Wochenende in der Suppenküche stehe, dauert es mindestens hundert Jahre, bis die Strafe abgearbeitet ist!“

„Daran hättest du wohl in den letzten anderthalb Jahren mal denken sollen.“

Ja, reiben Sie doch auch noch Salz in die Wunde! Das kann er sowieso am besten. Ich presse die Zähne aufeinander.

„Vielleicht gibt es eine Lösung“, murmelt er. Ich halte an und drehe mich zu ihm. Während er sich mit dem Stift gegen die Lippen trommelt, wandert sein Blick nachdenklich zur Seite. „Du könntest die Stunden in einem Block absolvieren.“

„Ja, wie denn?“

„Meine Nichte und ihre Freundin wollen im Juli in ein Sommerferienlager fahren. Es dauert üblicherweise fünf Wochen. Doch im Moment fehlen ihnen noch zwei Betreuer, um die Sache in diesem Jahr zu realisieren. Von den vier, die sie schon hatten, sind zwei kurzfristig abgesprungen und die Campleitung hat noch keinen Ersatz für sie gefunden.“

„Sie schlagen mir vor, Aufpasser in einem Ferienlager zu spielen?“ Meine Kinnlade klappt ein wenig nach unten. „Um ein paar Zehnjährige im Badesee zu beaufsichtigen?“

„Sie sind alle zwischen zwölf und fünfzehn. Und ja, genau das schlage ich vor. In Anbetracht deiner misslichen Lage wäre das doch die ideale Gelegenheit.“ Er winkt mich zu sich und bittet mich, wieder Platz zu nehmen, aber ich schüttle den Kopf. „Das Camp beginnt Mitte Juli. Damit bleibt dir noch genug Zeit, all deine Stunden unterzukriegen, bevor der Monat um ist.“

„Und wenn ich die Stunden durch hab, kann ich dann gehen?“

„Natürlich nicht. Damit das Ferienlager überhaupt zustande kommt, musst du dich für die gesamte Zeit verpflichten.“

„Aber das geht nicht! Gleich in der ersten Augustwoche fliege ich nach Europa.“ Und ich werde die Reise ganz bestimmt kein zweites Mal absagen.

Er neigt den Kopf. „Du kannst entweder diesen Job annehmen, oder du suchst dir eine andere Möglichkeit, um deine Sozialstunden noch rechtzeitig abzuleisten.“

Ich reibe mir übers Gesicht und wäge meine Optionen ab, die im Moment ja wohl eher mickrig sind. Mit freiwilliger Hilfe in der Suppenküche würde es ewig dauern, bis ich alle Stunden beieinanderhätte. Wenn ich aber zustimme, den Aufpasser im Ferienlager zu machen, könnten all meine Probleme mit einem Wisch vom Tisch sein. Und wer sagt überhaupt, dass ich die ganzen fünf Wochen dortbleiben muss? Ich könnte ja ganz plötzlich krank werden, so gegen Ende Juli. Was soll mir denn noch groß passieren, wenn meine Bewährung erst einmal vorbei ist? Was hinterher aus dem Lager wird, ist wohl kaum mein Problem.

„Nehmen wir mal an, ich wäre einverstanden…“ Ich stemme meine Hände in die Hüften und nagle den Doc mit einem scharfen Blick fest. „Was ist mit dem anderen Aufpasser? Sie haben gesagt, es fehlen zwei.“

„Ich weiß zufällig, dass die Campleitung bereits an einem anderen Studenten dran ist. Wenn er zusagt, kannst du ebenfalls einspringen und dein Problem ist gelöst.“

„Und was, wenn er nicht will?“

„Dann gibt es in diesem Sommer kein Ferienlager.“

Ich drehe mich zum Fenster und blicke hinaus in die Sonne, die nun mein Gesicht wärmt. Wenn dieser andere Junge ablehnen würde, könnte ich Brinna fragen, ob sie das Ding mit mir zusammen durchzieht. Sie hat es letztes Jahr nicht auf die Schauspielschule in London geschafft und im Nachhinein war ich wirklich froh darüber. Ganz ohne meine beste Freundin in San Francisco zu leben, hätte mir fürchterlich gestunken. Mit ihr an meiner Seite ist die Vorstellung, ein paar hyperaktive Kids in diesem Sommer zu betreuen, plötzlich gar nicht mehr so übel. Mit Les und Ker kann ich es hinterher in London immer noch krachen lassen.

„Und?“, drängt mich der Doktor.

Ich hole tief Luft, schlinge meine Arme um mich und drehe mich zu ihm. „Also gut. Ich mach’s.“

 

*

 

Ich steige aus dem blauen Camaro und strecke nach der langen Fahrt hier rauf zum Frog Pond Mountain erst mal meinen Rücken durch, während ich in die Mittagssonne hochblinzle. Kaum raus aus dem klimatisierten Auto, bilden sich auch schon kleine Schweißtropfen auf meiner Haut und kullern mir den Nacken hinunter in den Kragen meiner schwarzen Bluse. Es ist einer dieser Tage, an denen man das Knistern der sengenden Hitze schon beinahe hören kann. Ich wische mir den Schweiß weg und sehe mich hier draußen erst einmal um. Der mit Kies ausgelegte Parkplatz ist mit Eltern überfüllt, die sich gerade von ihren Kindern verabschieden. Einige von ihnen haben sogar Tränen in den Augen. Oh, wie rührend… Mir kommt gleich das Mittagessen wieder hoch. Jetzt mal ehrlich, wenn hier einer Grund zum Heulen hat, dann ja wohl ich. Unter all den Leuten bin ich die Einzige, die heute nicht freiwillig hergekommen ist.

Brinna steigt ebenfalls aus ihrem Auto und öffnet den Kofferraum. Wir müssen meinen Koffer gemeinsam heraus hieven, denn er ist so groß, dass man glatt meinen könnte, ich hätte eine Leiche darin versteckt… oder auch zwei. „Hast du alles, was du brauchst?“, fragt sie mich und schmeißt den Deckel wieder zu.

„Denke schon.“ Frische Klamotten für mindestens zwei Wochen plus Nagellackset und alles Nötige an Make-up sind im Koffer. Mein Handy trage ich bei mir in der Handtasche. „Ich bin voll ausgerüstet, um meine Zeit in der Hölle abzusitzen.“ Bis Ende Juli. Dann verschwinde ich.

In einer völlig übertriebenen Geste wirft Brinna ihre Arme um meinen Hals. „Du wirst mir fehlen!“ Ja ja, die Schauspielschule steigt ihr wohl langsam zu Kopf. Andererseits meinte sie damit aber wohl mehr als nur meine Zeit hier im Ferienlager. Wenn diese Tortur vorüber ist, bleibt mir nur noch ein kurzes Wochenende mit meiner besten Freundin, bevor ich außer Landes fliege, um ein Jahr mit meinen anderen beiden BFFs zu verbringen. Brin hat jetzt einen festen Freund in San Francisco und hat sich deshalb geweigert, ihre Bewerbung für Guildhall ein zweites Mal einzureichen. Jace ist ein netter Junge. Sie hat vermutlich die richtige Entscheidung getroffen, bei ihm zu bleiben.

Ich drücke sie an mich und bedanke mich bei ihr fürs Herbringen. Zu schade, dass wir dieses bescheuerte Camp-Ding nicht gemeinsam durchziehen können. Der andere Kerl in der Auswahl für den Aufpasserposten hat letzten Endes doch noch zugesagt. Doc Devonport hat mich noch am selben Abend nach unserem letzten Termin angerufen und die Bombe platzen lassen, dass die erste Hälfte meines Sommers total im Eimer sein und ich nicht nur mit meinen Freundinnen und Cocktails am Pool bei uns zu Hause rumhängen würde. Stattdessen darf ich mich für die nächsten beiden Wochen mit ein paar pubertierenden Teenagern herumschlagen. Das Leben kann so grausam sein…

„Wenn du irgendetwas brauchst, ruf mich an“, sagt Brinna, als sie mich endlich loslässt. „Und am 31. Juli warte ich wieder genau hier.“ Dann neigt sie den Kopf und beginnt zu kichern. „Außer du brauchst schon früher einen Komplizen beim Ausbruch aus dem Camp. Dann kannst du natürlich auf mich zählen.“

Ich muss lachen. „Ja, diese Option sollten wir auf jeden Fall im Hinterkopf behalten.“

Im nächsten Moment macht sie ein trauriges Gesicht. „Ich finde es wirklich schade, dass wir deine letzten Wochen zu Hause nicht gemeinsam verbringen können.“

„Ich auch.“ Mehr, als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Plötzlich fängt die ganze Abschiedsstimmung hier auf dem Parkplatz an, auf mich abzufärben, und mein Hals wird ganz eng. Ich presse die Lippen aufeinander und drücke Brinna noch ein letztes Mal. Dann sehe ich zu, wie sie in ihren Wagen steigt.

Ich schnappe mir meinen Koffer und warte noch darauf, dass sie losfährt, aber nachdem sie den Motor gestartet hat, lässt sie das Fahrerfenster runter. „Jetzt hätte ich es beinahe vergessen!“ Während sie sich zur Seite lehnt, um etwas aus dem Handschuhfach zu holen, schlurfe ich näher. Als Nächstes streckt sie mir ein Smartphone entgegen.

Verwirrt ziehe ich meine Augenbrauen zu einem V zusammen. „Wofür ist das denn? Ich habe doch mein eigenes.“

„Es ist ein altes Handy meiner kleinen Schwester. Nenn es eine Vorsichtsmaßnahme. Du kennst doch die Regeln im Ferienlager. Keine Handys, keine Tablets, keine Laptops, rein gar nichts, das dir die Chance gibt“ – sie macht ein verschwörerisches Gesicht – „mit der Welt außerhalb dieser Mauern in Kontakt zu treten.“

„Diese Regeln gelten doch nur für die Campkids und nicht für die Aufseher“, kontere ich.

„Bist du sicher?“ Brinna fordert mich mit einer hochgezogenen Augenbraue heraus. „Wenn ich recht habe, wirst du dein Handy abgeben müssen und dann bist du im Eimer.“

„Gutes Argument.“ Ich nehme das Smartphone ihrer Schwester und lasse es in meine Handtasche fallen, dann winke ich noch zum Abschied, bis der Camaro nicht mehr zu sehen ist.

Nach einem letzten tiefen Atemzug, der nach Piniennadeln riecht und durch den man die jugendliche Aufregung förmlich spüren kann, mache ich schließlich auf der Stelle kehrt und ziehe meinen schweren Koffer quer über den Parkplatz hinter mir her. Kieselsteine schießen dabei in alle Richtungen. Ein gebogenes Holzschild auf zwei langen, runden Pfosten hoch über dem Boden kennzeichnet den Grenzpunkt ohne Wiederkehr. Die Farbe ist über die Jahre schon ziemlich verblasst, doch der Schriftzug auf dem Schild hat sich nicht verändert, seit ich vor vier Jahren zum letzten Mal drunter gestanden habe.

Willkommen in Camp Khlover!

Meine Brust bläht sich mit einem schweren Seufzen auf, bevor ich darunter durch- und weiterstapfe. Wenn ich mich recht erinnere, liegt bis zum Hauptbüro auf der Mädchenseite des Camps ein Fußmarsch von etwa einer Viertelmeile durch den Wald vor mir. Die Hütten der Jungs sowie der Speisesaal sollten auf der anderen Seite des Sees sein.

Ein paar Jugendliche stürmen an mir vorbei und quietschen vor Lachen. Ihre Koffer scheinen nicht einmal halb so viel zu wiegen wie meiner. Was haben die denn mitgebracht? Einen Bikini und sonst nichts? Vielleicht habe ich es mit dem Fön und dem Glätteisen ja ein wenig übertrieben, allerdings möchte ich die nächsten Wochen auch nicht mit krausen Haaren herumlaufen.

Der Weg mit den vielen Ästen und Zweigen, die quer über dem Trampelpfad liegen, entpuppt sich als ziemlich mühselig. Ich hätte heute Morgen wohl doch lieber Turnschuhe anziehen sollen, anstatt die weißen Stretchjeans mit den schwarzen, hochhackigen Lederstiefeln zu kombinieren. Gott sei Dank ist in meinem Koffer eine ganze Auswahl an Schuhen, sodass für jeden Tag die richtigen dabei sind. Wenn es mir nicht zu blöd wäre, würde ich gleich an Ort und Stelle meinen Koffer aufmachen und ein anderes Paar anziehen. Wenigstens bieten die Bäume am Weg entlang genug Schatten, damit ich nicht zu allem Übel auch noch schweißgebadet im Camp erscheine.

Fünf Minuten später überkommt mich auf einmal ein Gefühl der Heimkehr, als ich am Ende des Weges anhalte und den Blick über das Lager schweifen lasse. Genau wie in meiner Erinnerung stehen die drei geräumigen Blockhütten vor mir. In jeder können bis zu acht Mädchen schlafen und die Terrassen sind alle in die Mitte zum großen Picknicktisch hin ausgerichtet. Die Birke neben der Hütte mit dem Tiger über der Tür ist seit damals ein schönes Stück gewachsen, aber sonst hat sich nichts verändert. Als wäre nicht ein einziger Tag vergangen…

Die Tür zur Eulenhütte steht weit offen und auf den Stufen davor sitzen die drei Mädchen, die vorhin so vergnügt an mir vorbeigestürmt sind. Sie machen den Eindruck, als wären sie schon ewig hier. Bei ihrem Anblick steigen in mir noch mehr Erinnerungen auf. Erinnerungen an Ballspiele, an neue Bekanntschaften und an dieses flauschig-kribbelige Gefühl, das ich einen ganzen Sommer lang in meinem Bauch hatte.

Meine Mundwinkel wandern zu einem Lächeln nach oben. Ich schüttle es ab und marschiere weiter, schnurstracks auf das Büro der Campleitung zu, das etwa fünfzig Meter seitlich vom Lager steht. Es ist keine Blockhütte, sondern ein niedriges gelb gestrichenes Gebäude mit ziegelroten Dachschindeln. Einige Leute lungern in der Tür, hauptsächlich Eltern, die warten, bis sie an der Reihe sind, um ihre Kids registrieren zu lassen.

Den Koffer lasse ich erst mal hier draußen stehen, denn so, wie es aussieht, ist in der Verwaltung im Moment kaum Platz genug, um frei atmen zu können. Ich zwänge mich durch die Tür und halte nach der Person Ausschau, die hier das Sagen hat. Hinter dem Schreibtisch sitzt eine Frau mit rötlichen Haaren über eine Liste gebeugt und sucht ganz offensichtlich einen bestimmten Namen darauf, wobei sie die Spitze ihres Stifts von oben nach unten mitführt.

„Entschuldigen Sie bitte“, sage ich und lehne mich etwas nach vorn, bis sie ihren Kopf hebt und wir Blickkontakt haben. „Mein Name ist Chloe. Ich soll mich hier irgendwo auf dem Gelände mit den anderen Gruppenleitern treffen.“

Mit einem einladenden Lächeln streift sie sich die Stirnfransen aus dem Gesicht. „Ah, sehr gut! Die anderen warten schon auf dich. Geh doch bitte einfach ums Gebäude herum. Auf der Hinterseite findest du –“

„Das Krankenzimmer. Ich weiß“, beende ich für sie und erinnere mich daran, wie ich mir damals den Ellbogen aufgeschlagen habe und jemand sich in besagtem Zimmer um mich gekümmert hat. Mit Jod. Das war übel…

Sie nickt. „Du warst also schon einmal hier?“

„Nicht als Gruppenleiter, aber ich war selbst mal Lagerkind. Das ist allerdings schon ewig her.“

„Das ist doch wunderbar. Du wirst sehen, dass hier immer noch alles beim Alten ist.“ Als Nächstes zieht sie ein paar Zettel aus einer pinken Mappe und übergibt sie mir. „Füll die hier bitte aus und gib sie noch heute wieder ab. Aber fürs Erste lauf einfach nach hinten und mach dich mit deinen Kollegen bekannt. Mein Assistent wird in ein paar Minuten zu euch kommen und euch alles Wichtige erklären.“

„Okay.“ Ich falte die Zettel und stopfe sie in meine Handtasche, dann kämpfe ich mich durch die Elternmassen zurück zum Ausgang. Kurz bevor ich an der Tür bin, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken, so als ob mich gerade jemand beobachten würde.

Schlagartig drehe ich mich um, doch da sind nur fremde Gesichter, also reibe ich mir das Frösteln von den Armen, das an einem so heißen Julitag total fehl am Platz ist. Anschließend eile ich aus dem Büro und um das Gebäude herum. Das Krankenzimmer hat einen eigenen Eingang und zwei Fenster mit Blick auf den Weg runter zum See. Draußen an der Mauer lehnt ein großer, junger Mann mit kurzen, braunen Haaren und einem rot karierten Hemd, welches er um die schlanken Hüften gebunden hat. Ein Bein angewinkelt und den Fuß gegen die Wand gestemmt genießt er eine Zigarette in der Sonne. Er stößt den letzten Schwall Rauch aus den Lungen und wirft den Stummel auf den Boden, um ihn anschließend mit der Fußspitze auszutreten.

„Ist das dein Ernst?“, frage ich mit vorwurfsvoll gerunzelter Stirn. Schon klar, ich bin selbst nicht gerade ein Vorbild für die Kids und das versuche ich auch gar nicht zu sein, aber Rauchen in einem Ferienlager inmitten einer Horde Teenager? Nicht einmal ich würde das tun – wenn ich denn rauchen würde.

Er verzieht den Mund zu einem schuldbewussten Lächeln, wobei die Pickel auf seinen Wangen näher aneinanderrücken. „Tut mir leid“, meint er und bemüht sich rasch mit seinem Fuß etwas Erde über den Zigarettenstummel zu schieben. „Das war meine Letzte, ich schwör’s.“

Um seiner Haut willen bete ich für ihn, dass es stimmt. „Versuchst du aufzuhören?“

„Zum sechsten Mal in diesem Jahr.“

Jetzt tut mir der Kerl, der wahrscheinlich in meinem Alter ist, sogar richtig leid. „Viel Glück dabei!“

„Danke.“ Er streckt mir die Hand entgegen. „Ich bin übrigens Greyson.“

„Chloe.“

Seine langen Finger umschließen meine mit leichtem Zittern. Entweder ist es der bevorstehende Entzug, der ihn beunruhigt, oder das ist sein erstes Mal in einem Sommercamp. Natürlich ist es auch mein erstes Mal als Gruppenleiter hier, aber ich könnte nicht behaupten, dass mich das in irgendeiner Form nervös macht. Allerdings habe ich auch nicht vor, in den nächsten zwei Wochen viel mehr zu tun, als mich am Ufer des Froschteiches zu sonnen. Sollen sich doch die anderen drei Wachhunde um die Kids kümmern.

Greyson folgt mir in das sonnige, saubere Krankenzimmer, in dem außer einer dunkelgrünen Untersuchungsliege mit weißem Papier drauf auch noch ein Schreibtisch und ein paar Medizinschränke stehen. Ein Mädchen sitzt auf dem lehnenlosen Rollhocker und dreht sich darauf hin und her. Ihr schulterlanges, schwarzes Haar ist zu zwei Zöpfen geflochten, deren Enden abstehen. Dieses dottergelbe Top, das sie zu ihren abgeschnittenen Jeans trägt, ist zweifellos ein Magnet für Käfer, Bienen und weiß der Teufel was noch alles. Zu ihr halte ich wohl lieber etwas Abstand.

Ihr Freudestrahlen, als sie mich entdeckt, ist geradezu beängstigend. Sie springt vom Hocker und stürmt auf mich zu. Dabei schüttelt sie meine Hand, ohne dass ich sie ihr überhaupt hingestreckt hatte. „Hi! Du musst Chloe sein“, zwitschert sie.

Und du bist dann wohl Schneewittchens aufgekratzte, kleine Schwester. Die Bemerkung verbeiße ich mir allerdings und nicke nur.

„Wir haben schon auf dich gewartet. Ich bin Julie Reed. Und Greyson kennst du ja bereits, oder?“

Wieder nicke ich.

„Ich bin ja so froh, dass du so jung und nett aussiehst“, plappert sie unaufhaltsam weiter, woraufhin ich nur fragend meine Augenbrauen hochziehen kann. Schnell verbessert sie sich: „Oh, damit meine ich natürlich freundlich. Letztes Mal, als ich im Ferienlager war, hatten wir so eine Gruppenleiterin, die war etwa hundertfünf Jahre alt.“ Dramatisch rollt sie mit den Augen. „Es wäre bestimmt nicht lustig, das Camp mit einer alten, gruseligen Schrulle wie ihr zu führen. Aber du siehst aus, als wüsstest du, wie man sich vergnügt. Wir werden uns sicher super verstehen und eine Menge Spaß mit den Kids haben, wenn wir den Sommer für sie gestalten, Spiele mit ihnen spielen und Essenschlachten machen. Meinst du nicht auch?“

Jaaa… nö. Eigentlich kann ich mir nichts Schlimmeres vorstellen, als mit fünfzig anderen Tauziehen zu spielen. Und Pizza in meinen Haaren? Wohl kaum.

Ich befreie meine Hand aus ihrer und setze mich erst mal auf die Untersuchungsliege an der Wand. „Und? Wo steckt Nummer vier? Man hat mir gesagt, es gäbe kein Camp mit nur drei Aufpassern.“

„Er hat vorhin schon mal kurz reingeschaut, aber dann wollte er noch ein paar Dinge aus dem Büro der Campleitung holen. Anscheinend ist er die rechte Hand der Direktorin.“

„Der Assistent der Rothaarigen?“

„Ja, genau. Und, oh Mann…“ Julie sieht mit einem verträumten Blick zur Decke und pflanzt sich zu mir. Dabei prüft sie rasch, ob Greyson auch außer Hörweite ist. Er hat sich inzwischen hinter den Schreibtisch gesetzt und begonnen, mit einer kleinen Taschenlampe zu spielen – wahrscheinlich als Zigarettenersatz. Das heißt, Julie und ich sind unter uns und sie flüstert mir aufgeregt zu: „Er ist echt eine Sahneschnitte.“

„Nummer Vier? Wirklich?“, flüstere ich zurück und spüre zum ersten Mal, seit ich dazu verdonnert wurde hierherzufahren, ein wenig Begeisterung in mir aufkommen.

Ihre kurzen Zöpfe zappeln in der Luft, als sie enthusiastisch nickt.

Gut zu wissen, denn ehrlich gesagt ist Pickelgesicht Greyson nicht unbedingt Dating-Material. Aber einen tollen Hengst vor Augen zu haben, könnte mir die nächsten Wochen schon etwas versüßen.

„Sieh nur!“ Julie senkt ihr Kinn, die Augen starr auf die Tür gerichtet, und packt mich am Arm, um ihre Begeisterung mit mir zu teilen. Ganz offensichtlich kämpft sie damit, ein freudiges Grinsen im Zaum zu halten. „Er kommt.“

Augenblicklich rutscht auch mein flirtendes Lächeln an seinen Platz, doch ich warte noch mit dem Umdrehen, bis ich seine Schritte im Zimmer höre. Als es dann soweit ist, streife ich mir locker das Haar über die Schulter und blicke zu ihm.

Ein Hauch von Coolness umgibt den jungen Mann, der gerade hereinschlendert. Seine ausgewaschenen Jeans, die locker auf seinen Hüften sitzen, verbergen ein Paar endlos lange Beine. Der netten Vorderseite nach zu urteilen, würde ich glatt annehmen, er hat auch einen sexy Knackarsch. Sein enges weißes T-Shirt spannt über den flachen Bauchmuskeln. Darunter könnte sich ein Six-Pack verbergen. Oder vielleicht sogar ein Eight-Pack, wer weiß? Ich wäre mit beidem zufrieden. Und die muskulöse Brust, die sich unter dem Shirt abzeichnet, weckt in mir den Wunsch, einmal sanft mit den Händen darüber zu streicheln.

Oh ja, diesen Körper würde ich definitiv gerne mal in Badeshorts unten am See abchecken.

Mein Blick wandert höher über seine starken Schultern bis hinauf zu seinem Gesicht und – Fuck! Mit einem entsetzten Schrei springe ich von der Liege. „Justin!“

Ein paar Schritte vor mir bleibt er stehen. Seine Karamellaugen funkeln, als er verschmitzt zu grinsen beginnt. Schockiert stolpere ich noch zwei Schritte rückwärts, bis ich gegen das Fensterbrett stoße, was ihn offenbar sehr amüsiert. „Chloe Summers…“ Er zieht meinen Namen affektiert in die Länge und verschränkt die Arme vor der Brust, die mich eben noch beinahe zum Sabbern gebracht hat. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns vor unserem ersten Klassentreffen in zehn Jahren noch mal wiedersehen.“

Julie rutscht ebenfalls von der Patientenliege und stemmt die Hände in die Hüften, wobei ihr neugieriger Blick zwischen uns hin- und herwandert. „Wow. Ihr beide kennt euch?“

„Wir hatten in der Highschool mal Geschichte zusammen“, erkläre ich, plötzlich leicht außer Atem.

„Und Mathe, Naturwissenschaft und Englisch“, fügt Justin in seelenruhigem Ton hinzu.

Zunächst schwingt Julies Kopf zwischen uns von rechts nach links und wieder zurück, doch am Ende bewegen sich nur noch ihre Augen hin und her. „Also seid ihr Freunde?“

Justins kalter Blick bleibt an mir haften. Seine Mundwinkel zucken zwar nach oben, doch das Lächeln erreicht seine Augen nicht. „Tja…“ Er schnaubt arrogant. „So weit würde ich jetzt nicht unbedingt gehen.“

Nein, Justin Andrews und ich waren in der Highschool nicht befreundet. Vielmehr haben wir, wann immer es ging, den größtmöglichen Bogen umeinander gemacht.

Es kommt mir so vor, als würde mich gerade eine ganze Horde Geister aus meiner Vergangenheit heimsuchen. Mit einem energischen Räuspern versuche ich, den lästigen Frosch in meinem Hals loszuwerden, der sich da vor zwei Sekunden eingenistet hat. Dann krächze ich das Erste, was mir in den Sinn kommt. „Du bist also Nummer Vier?“

Er legt seinen Kopf leicht schief, sodass ihm die Spitzen seiner aschblonden Haare in die Augen fallen. „Nummer Vier?“

„Der vierte Gruppenleiter.“

„Oh.“ Beiläufig streift er sich die zu langen Haarsträhnen mit den Fingern aus dem Gesicht. „Jap.“

„Und du bist außerdem noch der Assistent der Campleitung?“

„Mm-hm.“ Als ob er genau wüsste, dass ich bei dem Gedanken eine Gänsehaut bekomme, leckt er sich über die Unterlippe und verbeißt sich dann ein hämisches Grinsen. „Mrs. Turner fährt heute noch zurück und wird nur hin und wieder mal vorbeikommen, um nachzusehen, ob auch alles in Ordnung ist. In der Zwischenzeit wirst du dich wohl an mich wenden müssen, falls du irgendwas brauchst.“

In diesem Raum sind noch zwei andere Personen, warum also ist sein Blick die ganze Zeit über ausschließlich auf mich gerichtet? Ich schlucke. Wenn er hier die Führung übernehmen soll, dann hatte er womöglich auch Einblick in meine Akte. Er kennt bestimmt den wahren Grund, warum ich diesen saublöden Campscheiß überhaupt mitmache. Verdammt! Abgesehen von Brin, Ker und Les wusste niemand meiner früheren Klassenkameraden über meine Pflichttermine beim Psychiater und die Auflagen Bescheid. Und ihnen habe ich es auch nur erzählt, weil sie auf eine Erklärung bestanden, als ich meine Pläne für London und Guildhall über den Haufen geworfen habe. Justin war der Letzte, der von dem ganzen Schlamassel erfahren sollte. Wie viel weiß er also bereits?

„Und du bist einer von uns!“, wirft Greyson plötzlich voller Enthusiasmus ein und kommt hinter dem Schreibtisch hervor. Er setzt sich auf die Kante und lässt die Beine baumeln. „Das ist spitze! Das heißt, wir können praktisch den ganzen Sommer lang tun und lassen, was wir wollen. Kein Zapfenstreich für die Kids, keine Pflichten – keine Regeln oder sonst was.“

„Ja, vielleicht“, sagt Justin und schmunzelt, als er ihm einen flüchtigen Blick zuwirft. Dann wandern seine Augen wieder zurück zu mir und sein Gesichtsausdruck flaut ab zu einem verschlagenen Grinsen. „Oder auch nicht.“

Kapitel 2

Chloe

 

Als ich meine Beine auf der Patientenliege zum Schneidersitz kreuze, ertönt ein leises Ratsch. Mein Absatz hat gerade ein Loch ins Papier gerissen. Ich streiche es glatt und werfe dann gelangweilt meine Haare über die Schulter. Dieses Meeting zieht sich wie Kaugummi. Zudem geht mir Julie, die auf dem Doktorhocker ständig im Zimmer auf- und abrollt, langsam auf die Nerven. Ich drehe meinen Kopf in die andere Richtung, stütze meinen Ellbogen auf mein Knie und halte mir die Hand wie eine Scheuklappe seitlich ans Gesicht, damit ich sie nicht ständig im Augenwinkel habe. Nur starre ich nun stattdessen Justin auf dem breiten Fensterbrett an und ich bin mir nicht sicher, ob das die Situation wirklich verbessert hat.

So wie er seitlich dasitzt und an der Mauer lehnt, hat er ein Bein auf den Sims gestellt, das andere baumelt locker herunter. Von der Liste auf seinem Klemmbrett, das gegen seinen Oberschenkel lehnt, liest er den nächsten Punkt der Tagesordnung vor. „Campspiele.“ Er blickt hoch und wartet darauf, dass wir erneut eine Diskussion darüber starten, so wie schon über die anderen sieben Punkte davor, damit er sich Notizen machen kann.

„Oh, oh, oh!“ Meldet sich Julie und rollt auf ihrem Docmobil nach vorn. Wie eine Vorzeigeschülerin in der Grundschule hebt sie dabei sogar die Hand. „Ich habe bereits eine Liste von allen Campspielen gemacht, die ich damals am liebsten hatte. Hier ist sie.“ Sie fährt zum Schreibtisch, wo ihre Handtasche steht, und zieht daraus ein gefaltetes Blatt Papier. Dann liest sie uns vor: „Schnitzeljagd, Schatzsuche, Flaggenkrieg…“

Ich klinke mich mental aus, denn die Liste ist schier endlos. Außerdem gibt es sowieso nur ein einziges Spiel, das mir wirklich Spaß machen würde, und das ist Fußball. Obwohl ich seit der Highschool kein ernstes Match mehr gespielt habe und mir etwas Übung fehlt, bin ich zweifellos besser als die meisten der Jugendlichen, die heute im Camp Khlover angekommen sind. Auf jeden Fall besser als Justin. Er war nicht in unserem gemischten Fußballteam auf der Grover Beach High. Wenn ich mich recht erinnere, waren selbstmörderische BMX-Stunts und Comicbücher eher sein Ding. Bei dem Gedanken daran, wie ihn manche Kids früher Spider-Boy nannten, muss ich ungewollt kichern. Na ja, okay, es haben ihn nicht viele so genannt, nur Lesley und ich, aber das war witzig. Zumindest ein bisschen…

„Möchtest du einen Vorschlag machen?“, fragt Justin, den neugierigen Blick auf mich gerichtet.

„Äh… wozu?“

„Spiele? Für die Kids?“ Mit erhobenen Augenbrauen sieht er mich an, als wäre ich geistig umnachtet. „Du hast gerade gelacht, also frage ich mich, ob du vielleicht einen besseren Einfall hast, den du uns mitteilen willst.“

„Tja, nein. Mit Julies Ideen sind wir sowieso bis Weihnachten ausgebucht.“ Ich bemühe mich sehr, es nach einem Scherz klingen zu lassen, aber sie wird trotzdem rot im Gesicht.

„Ich bin wohl etwas übereifrig, wie?“, entschuldigt sie sich.

Justin schenkt ihr ein warmherziges Lächeln. Eines, das er mir verweigert, seit er durch die Tür gekommen ist. „Nein, gar nicht. Ich finde deinen Einsatz großartig“, ermutigt er sie auch noch. „Genau das brauchen wir hier.“ Der blitzschnelle Seitenblick zu mir fühlt sich wie ein Hieb in den Magen an.

„Wir könnten außerdem eine Stunde am Tag oder auch zwei für wiederkehrende Aktivitäten freihalten“, mischt sich nun auch Greyson von seinem Platz hinterm Schreibtisch aus ein. „Volleyball, zum Beispiel, oder Fußball für die, die wollen.“

Justin richtet begeistert seinen Stift auf ihn. „Ausgezeichnete Idee.“ Dann macht er sich rasch ein paar Notizen. „Julie, würdest du gerne die Volleyballgruppe übernehmen?“

Sie nickt freudig. „Klar.“

„Sehr schön. Dann werde ich eine Basketballgruppe leiten. Als Nächstes hätten wir noch Fußball…“ Er kaut auf dem Ende seines Stifts und lässt den Blick zwischen Greyson und mir hin- und herschweifen. Mit einem energischen Räuspern versuche ich ihm klarzumachen, dass doch eigentlich nur ich dafür infrage komme. Er weiß, wie sehr ich Fußball liebe, und würde es sicher nicht wagen – „Grey, kannst du die Kids beim Spiel beaufsichtigen?“

Was zum Teufel – „Justin!“, grolle ich und warte, bis er mir gnädigerweise seine Aufmerksamkeit schenkt. „Was ist mit mir?“

„Keine Panik. Für dich finden wir auch noch was. Wie wär’s denn mit einem Tanzclub?“, schlägt er mit einer Scheißfreundlichkeit vor, bei der mir das Kotzen kommt. „Vielleicht ein bisschen Hip-Hop oder Jazzdance. Die Mädchen werden sicher voll drauf abfahren.“

Dieser verdammte Mistkerl. Zähneknirschend maule ich: „Ich tanze nicht.“

„Dann lerne es. Vielleicht wirst du dadurch ein wenig lockerer.“

Entrüstet klappt meine Kinnlade nach unten. „Wie bitte?“

Er schmunzelt nur und kritzelt irgendetwas auf seine Liste. Schreibt er mich etwa wirklich gerade für diesen dämlichen Tanzworkshop auf?

„Hey! Ich habe nicht Ja gesagt!“, protestiere ich.

„Mm-hm.“ Sein amüsierter Blick bleibt am Klemmbrett kleben und er hört nicht auf zu schreiben. Als er endlich wieder den Kopf hebt, würdigt er mich keines weiteren Blickes. „Nächster Punkt: Zapfenstreich.“

„Der Zapfenstreich war immer das Schlimmste am Ferienlager“, jammert Greyson. „Ich bin dafür, dass wir den Punkt komplett von der Liste streichen.“

Julie unterstützt seine Idee. Sie umfasst die Kante des Stuhls zwischen ihren Oberschenkeln und lehnt sich mit dem gesamten Gewicht nach vorn. „Ich bin ganz Greysons Meinung. Solange die Kids im Lager bleiben, sollten sie so lange draußen bleiben dürfen, wie sie wollen.“

„Hmm. Ich weiß nicht so recht.“ Justin tippt sich mit dem Stift gegen die Lippen, dann lässt er auch sein zweites Bein vom Sims hängen und setzt sich aufrecht hin. „Wir haben es hier mit Teenagern zu tun. Kinder brauchen Regeln. Und was noch dazu kommt… wenn wir den Zapfenstreich aufheben, nehmen wir ihnen gleichzeitig die Chance, sich nachts aus den Hütten zu schleichen. Ist es nicht gerade das, was ein Ferienlager erst so richtig interessant macht? Sie werden die besten Erinnerungen ihres Lebens sammeln, weil sie wissen, dass sie dabei etwas riskieren.“

Während Julie und Greyson zögerlich zustimmen, wirft mir Justin einen feurigen Blick zu, der mir für einen Moment den Atem raubt. „Wie stehst du dazu, Chloe?“, fragt er mich mit tiefer, eindringlicher Stimme.

„Wenn wir sie länger draußen lassen, heißt das, wir müssen sie auch länger beaufsichtigen“, grummle ich immer noch angefressen wegen der Fußballsache. „Ich bin für frühestmögliche Schlafenszeiten.“

„Gut. Dann schlage ich vor: um halb elf in den Hütten und Licht aus um Mitternacht. Irgendwelche Einwände?“ Er wartet ein paar Sekunden. „Keine? Okay, dann wäre das geklärt. Letzter Punkt: Handys.“

Dieses Mal bin ich die Erste, die sich zu Wort meldet. „Ich bitte euch… Lasst ihnen doch die Dinger. Ein paar Anrufe nach Hause werden schon niemanden umbringen.“

„Das sehe ich genauso“, pflichtet mir Justin ohne Zögern bei. „Julie? Grey?“

„Ah… Ich finde, wir sollten sie trotz allem einsammeln“, argumentiert Julie und verzieht dabei ihr Püppchengesicht. „Ihr wisst doch bestimmt noch, wie furchtbar wir in dem Alter waren. Eine Stunde war gar nichts, wenn wir erst einmal angefangen haben, mit unseren Handys zu spielen oder auf Facebook rumzuhängen.“

„Sie hat recht.“ Greyson steckt sich das herumliegende Stethoskop in die Ohren und untersucht seinen eigenen Herzschlag. „Welchen Sinn macht es, sie in die Natur zu locken, wenn sie sich dann doch nur ständig mit ihren Smartphones beschäftigen?“

Justin kratzt sich am Nasenflügel. „Da ist was dran.“

„Die Kids sollten aber auf jeden Fall zu Hause Bescheid geben, dass sie ab sofort nicht mehr erreichbar sind, damit sich auch keine Eltern Sorgen machen. Wer Heimweh hat und mal zu Hause anrufen möchte, kann ja zu uns kommen und wir geben ihnen das Handy dann alle paar Tage mal für eine halbe Stunde oder so“, fügt Julie noch hinzu. „Der Fairness halber sollten wir auch auf unsere eigenen Smartphones verzichten. Was wären wir sonst wohl für Vorbilder?“

„Okay. Dann machen wir das so. Die gleichen Regeln für alle.“ Und wieder fordert mich Justin mit einem provokanten Blick heraus. „Denkst du, du kommst damit klar, Summers?“

Ich grinse zurück und schicke ein stilles Danke nach Hause zu meiner genialen Freundin. „Kein Problem.“ Ich werde einfach Brinnas Handy abgeben, so bleibt mir meins für den Kontakt zur Außenwelt. Das einzige Problem ist nun, dass ich meinen Freundinnen nicht zu jeder beliebigen Tageszeit schreiben kann und auch nicht, wenn jemand in der Nähe ist. Aber alles in allem ist das nur ein kleiner Nachteil.

Justin akzeptiert meine Antwort zwar mit einer leichten Verwunderung, doch er nickt. Als Nächstes legt er das Klemmbrett weg, umfasst die Fenstersimskante mit den Händen an beiden Seiten neben seinen Hüften und überkreuzt die Knöchel. „Und zum Schluss sagt mir jetzt noch jeder, welche Gruppe er oder sie gerne leiten möchte. In diesem Jahr sind es nur einunddreißig Kinder. Kaum genug, um die Hütten zu füllen. Das Gute daran ist, dass die Teamleiter somit eine Blockhütte ganz für sich allein bekommen.“

Julie hebt wieder die Hand. Als wir uns alle zu ihr drehen, sagt sie: „Ich möchte gerne die Eulengruppe übernehmen. Als Teenager war ich selbst in der Gruppe. Nennt mich nostalgisch, aber es würde mir wirklich viel bedeuten.“

„Cool. Dann bekommst du die Eulen.“ Justin neigt seinen Kopf zu mir. „Chloe? Was möchtest du lieber sein? Tiger oder Eichhörnchen?“

Ich verdrehe die Augen zur Decke. Sehe ich etwa aus wie ein verfluchter Nager? „Tiger“, schnaube ich.

„Natürlich.“ Er schmunzelt und lässt anschließend Greyson die Wahl zwischen Füchsen, Waschbären und Wölfen.

„Ähm… Waschbären.“

„Gut, dann nehme ich die Wölfe.“ Er rutscht vom Fenstersims und klatscht einmal kurz in die Hände, was auch für uns andere das Stichwort ist, um aufzustehen. „Ihr könnt euch jetzt mit euren Gruppen bekannt machen und ihnen beim Einzug helfen. Wir sehen uns dann später beim Abendessen. Ich mache euch bis dahin eine Kopie der Liste und nehme sie mit.“

Nummer Zwei und Drei huschen aus dem Krankenzimmer, sichtlich begeistert sich endlich um ihre Schützlinge kümmern zu können. Justin folgt ihnen, doch ich bleibe bei der Krankenliege stehen und lehne mich dagegen. Bevor er zur Tür rausspazieren kann, höre ich mich leise seinen Namen sagen. Überrascht dreht er sich um.

Für einige intensive Sekunden sehen wir uns nur in die Augen. Der Moment ist geladen mit Erinnerungen an die Highschool, an das ständige Ausweichen, an Vorwürfe und Geheimnisse. „Was ist los, Tiger?“, fragt er mich und seine unerwartet sanfte Stimme wärmt dabei mein Herz auf ganz eigenartige Weise.

Von dem plötzlichen Sinneswandel total aus der Bahn geworfen, suche ich nach den richtigen Worten. Mist, ich sehe vermutlich aus wie ein gestrandeter Fisch, so wie mein Mund gerade auf- und zuklappt, ohne dass dabei ein Ton herauskommt. Er lehnt sich gegen den Türrahmen und lacht leise, während er offensichtlich darauf wartet, dass ich meine Stimme wiederfinde.

Das gelingt mir allerdings erst, als ich meinen Blick von ihm abwende und stattdessen auf meine Füße starre. „Wieso haben sie dich zum Assistenten gemacht?“

„Ich nehme stark an, wegen meines Studienfachs.“ Er kommt näher und lehnt sich neben mich an die Kante der grünen Liege, wobei er seine Arme verschränkt und die Beine überkreuzt. „Cybil Turner ist eine alte Freundin meiner Mutter. Außerdem wusste sie, dass ich nach einem Praktikum für die Sommerferien gesucht habe.“

Nun hebe ich doch wieder den Kopf, weil er mich weiß Gott neugierig gemacht hat. „Was studierst du denn?“

„Ich habe mit Sozialarbeit angefangen, werde mich aber ab nächstem Semester auf ein Lehramt spezialisieren.“

Ist schon seltsam, wie wir beide plötzlich eine ganz normale Unterhaltung führen können, nur weil wir allein sind – und über zwölf Monate, nachdem wir uns beim Schulabschluss zum letzten Mal gesehen haben. Grübelnd schüttle ich den Kopf und gebe zu: „Ich hätte nie gedacht, dass du einmal Lehrer werden würdest. Oder überhaupt mit Kindern arbeiten möchtest.“

In einem knappen Lächeln presst er die Lippen aufeinander und legt den Kopf etwas schräg. „Das kommt daher, weil du mich nicht wirklich kennst.“

Stimmt.

„Was ist mit dir?“, fragt er anschließend. „Wie passt dieses Ferienlager in deinen Plan als angehende Schauspielerin?“

„Woher weißt du von –“

„Der Schauspielakademie? Steht alles in deiner Akte“, erklärt er mir. „Aber bilde dir nichts darauf ein, ich habe auch die Bewerbungen und Lebensläufe der beiden anderen gelesen.“ Als er lacht, klingt es sehr reserviert. „Also, warum das Sommercamp? Ist bestimmt nicht um der alten Zeiten willen, oder?“

In seinen Augen suche ich nach einem Hinweis, dass er die Wahrheit bereits kennt und sich nur dumm stellt, doch Justin bewahrt ein Pokerface. Habe ich mir vielleicht völlig grundlos Sorgen gemacht? Könnte ja sein, dass in meiner Akte gar nichts über meine nötigen Sozialstunden steht. „Ich… ähm… musste einen Praktikumsplatz finden, in dem ich mit Menschen zu tun habe.“

„Ach, tatsächlich?“ Er blinzelt unschuldig. „Und es hat auch gar nichts mit deinen Bewährungsauflagen zu tun?“

„Du –“, knurre ich in der Absicht, ihm zu sagen, was für ein Arsch er doch ist, weil er mich hat auflaufen lassen. Doch dann stoße ich einen Seufzer aus und lockere meinen verkrampften Kiefer. „Doch, hat es.“ Was macht es für einen Sinn zu lügen, wenn er die Fakten doch sowieso schon kennt?

Ich hätte damit gerechnet, dass er mich auslachen würde, doch Justin überrascht mich mit seinem einfühlsamen Tonfall. „Über dreihundert Stunden, hm?“

Ich kann ihm unmöglich länger ins Gesicht sehen, also starre ich erneut auf meine Füße. „Jap.“

„Ich frage mich, wie du in diesen Schlamassel geraten bist.“

Stellt er sich jetzt nur wieder blöd? Wahrscheinlich. Trotzdem gebe ich ihm eine Antwort. „Kannst du dich noch daran erinnern, als ich im letzten Schuljahr meinen Wagen zu Schrott gefahren habe?“

„Mm-hm.“

„Ich war damals sturzbetrunken“, murmle ich. „Alkohol am Steuer, und dann war ich auch noch minderjährig. Zwanzig Monate auf Bewährung und einen Haufen Sozialarbeit.“

Er ist so still, dass ich mich mit einem prüfenden Blick vergewissere, ob er mit den Gedanken immer noch bei mir ist. „Du hast nicht gewusst, dass ich betrunken war, oder?“

Ganz langsam schüttelt er den Kopf. Seine Augen sind dabei vor Bestürzung weit aufgerissen. Das wiederum schockiert mich ein wenig, denn einer der Jungs, die nach dem Unfall gemeinsam mit meiner Cousine und ihrem Freund nach mir gesucht haben, war zufällig der Kapitän meines Fußballteams und Justins bester Freund. Ist schon komisch, dass Ryan ihm nie die Wahrheit erzählt hat. Andererseits war damals das halbe Fußballteam auf der Suche nach mir, und nachdem die Befragungen auf dem Polizeirevier endlich vorbei waren, hatten sie alle geschworen, kein Sterbenswörtchen zu verraten.

Obwohl in der Zeit danach niemals irgendwelche Gerüchte aufgetaucht waren, habe ich ihnen dennoch nicht wirklich vertraut. Sieht so aus, als hätten sie wider Erwarten ihr Versprechen gehalten.

„Wissen Lesley und Kerstin über deine Strafe Bescheid?“, will Justin nun wissen.

„Ja.“

„Wow, ich bin beeindruckt. Ich hätte ihnen glatt zugetraut, diese Neuigkeiten bei der erstbesten Gelegenheit unter die Leute zu bringen.“

Ein bitteres Lachen entweicht mir. „Nein, das hätten sie nie getan. Sie sind meine Freundinnen.“ Darüber hinaus weiß ich Dinge über die beiden, für die sie eine weit längere Bewährungsstrafe bekommen hätten als ich für Alkoholkonsum Minderjähriger. „Wie auch immer. Ende Juli ist die Sache endgültig ausgestanden und ich wäre dir dankbar, wenn du diese Informationen vertraulich behandeln könntest.“ Ich nagle ihn mit einem kalten Blick fest. „Gehört das nicht ohnehin zu deinen Pflichten als Assistent?“

„Schon klar.“ Er beißt sich auf die Unterlippe und lächelt dabei. Amüsiert? Verschlagen? Scheiße noch mal, ich werde aus unserem Gespräch einfach nicht schlau.

Ich atme tief durch und beobachte ihn misstrauisch. „Das ist echt seltsam.“

„Was meinst du?“

„Na uns beide. Wie wir uns gerade wie ganz normale Leute miteinander unterhalten. Ich kann mich nicht erinnern, wann wir das zum letzten Mal getan haben.“

Er zögert ein paar Sekunden und meint schließlich leise: „Ich schon.“ Sein warmer Blick ruht für einen langen Moment auf mir und umhüllt mich dadurch mit einer Wolke aus Erinnerungen. Ich frage mich, wo wir beide heute stünden, wenn damals einiges anders gelaufen wäre. Wenn andere Entscheidungen getroffen worden wären.

Dann, ganz plötzlich, werden seine Augen schmal wie die von einem Luchs. Ein kalter Schauer läuft mir dabei über den Rücken. Er gibt mir einen Klaps auf den Oberschenkel und drückt dabei leicht zu, bevor er sich letzten Endes aufrichtet, zur Tür geht und dabei murmelt, „Bewährung…“ Sein Lachen ist das Letzte, was ich höre.

Ach, fahr doch zur Hölle, du Schwachkopf! Ich warte, bis er verschwunden ist, dann stoße ich mich von der Untersuchungsliege ab und stapfe hinaus in die Sommerhitze. Wie ein Signal, das mir die Richtung weisen soll, driftet der Lärm der aufgeregten Kinder durch die Bäume und um das Gebäude herum zu mir. Mein Koffer steht immer noch vor Mrs. Turners Büro. Ich ziehe ihn hinter mir her, während ich mir den Weg durch das Gedränge wie bei einem Hindernislauf bahne.

Von Weitem leuchtet schon Julies gelbes T-Shirt im Kontrast zur dunklen Holztür der Eulenhütte hinter ihr. Wild fuchtelt sie mit den Händen in der Luft herum und versucht die Mädchen am Fuß der Treppe mit ihrer piepsigen Stimme zur Ordnung zu rufen, aber der chaotische Haufen nimmt nicht einmal Notiz von ihr. Wenn das ihr Plan ist, wie sie die Kids unter Kontrolle halten will, dann steht ihr wohl ein harter Sommer bevor.

Zum Glück ist das nicht mein Problem. Ich marschiere geradewegs auf die Eichhörnchenhütte zu, die ich mir mit der Eulenanführerin teilen werde, und bleibe vor den Stufen zur Veranda stehen. Auf den vielen Ferienreisen, die ich mit meiner Familie unternommen habe, gab es in den teuren Hotels bisher immer einen Pagen, der unser Gepäck in die Suite gebracht hat. Leider sehe ich hier niemanden, der mir für ein bisschen Trinkgeld meinen Koffer da hochschleppen könnte.

Dazu verdammt es selber zu tun, drehe ich mich mürrisch um, packe den Griff fest mit beiden Händen und hieve den Koffer mühevoll eine Stufe nach der anderen hinauf. Nach dreimaligem Poltern mache ich erschöpft eine Pause. Vielleicht war es ja ein Fehler, den gesamten Schminkkoffer mit einzupacken. Doch was ist ein Mädchen ohne ihr Make-up? Als ich den Koffer die nächste Stufe hochziehe, rutscht mir der Griff aus der Hand und ich spüre einen scharfen Schmerz in der Spitze meines linken Zeigefingers. Nagel eingerissen – na toll. Und dabei war ich erst letzte Woche bei der Maniküre.

Eine ganze Salve von wüsten Flüchen kommt über meine Lippen, aber das Schleppen wird deshalb auch nicht einfacher. Als ich endlich die fünfte und letzte Stufe erklommen habe und mit Sack und Pack auf der überdachten Veranda stehe, tropft mir der Schweiß von den Augenbrauen und ich wische ihn mit dem Handrücken weg.

Die Tür steht offen. Drei unberührte Stockbetten plus zwei Einzelbetten, ein kleiner Schreibtisch am Fenster und zwei große Kleiderschränke sind alles, womit diese Blockhütte ausgestattet ist. Die gesamte Einrichtung ist aus demselben cappuccino-braunen Holz angefertigt und macht beinahe den Eindruck, als wäre dies ein echter Eichhörnchenbau. Die Bodendielen knarren bei jedem meiner Schritte. Als ich das letzte Mal in diesem Camp war, habe ich fünf Wochen lang in der Tigerhütte gewohnt. Obwohl die Ausstattung damals schon exakt die gleiche war, kommt es mir in meiner Erinnerung viel gemütlicher vor.

Ein sportlicher, schwarzer Trolley steht an einem der Bettenden. Das hat vermutlich die fröhliche Nummer Zwei für sich ausgewählt. Gut, dann nehme ich das andere Einzelbett.

Erschlagen vom Schleppen und der Hitze sinke ich auf den einfachen Holzstuhl beim Schreibtisch. Keines der Betten ist bezogen. Die Matratzen sehen alle alt und zerschlissen aus, aber zumindest riechen sie frisch. Jemand hat wohl vor Beginn des Ferienlagers noch einmal alles ordentlich durchgeputzt. In der E-Mail, die die Campleitung vor einigen Tagen geschickt hat, stand, dass jeder seine eigenen Bettlaken und -bezüge mitbringen soll. Auf keinen Fall lege ich mich hier irgendwohin, bevor nicht alles bezogen ist. Doch das Auspacken kann ruhig noch bis nach dem Abendessen warten.

Justin hat uns ganz schön lange im Krankenzimmer aufgehalten und mittlerweile knurrt mir schon der Magen. Ich fische die Spriteflasche aus meiner Handtasche, doch die Limo ist inzwischen warm wie Nudelsuppe und ekelhaft süß. Angewidert schraube ich die Flasche wieder zu und werfe sie in den Mülleimer neben der Tür, dann krame ich noch einmal in meiner Tasche. Irgendwo da drin muss eine Nagelfeile sein. Gott sei Dank habe ich immer eine für Notfälle wie diesen dabei.

Während ich versuche, mit dem Fundstück die Katastrophe einzudämmen, schlendere ich wieder raus auf die Veranda. Vor der Hütte gegenüber kämpft Julie immer noch um Aufmerksamkeit. Im Moment versucht sie, die Mädchen in zwei Gruppen zu teilen. Oh Mann, wer hat denn bloß dieser lahmen Ausgabe einer Autoritätsperson den Job als Gruppenleiter übertragen? Mit einem vergnügten Schmunzeln feile ich weiter an meinem Nagel, bis er wieder so gut wie neu ist, wenn auch unerfreulich kurz im Moment. Ich verstaue die Feile in meiner Tasche und schicke Brinna rasch eine Nachricht, solange ich noch alleine bin. Darin erzähle ich ihr die üble Neuigkeit, dass ich mich die nächsten zwei Wochen mit Justin herumschlagen muss. Ihre sekundenschnelle WTF-Antwort gibt mir das Gefühl, dass mich zumindest eine Person auf der Welt versteht. Leider kann ich ihr nicht den ganzen Tag lang schreiben und den restlichen Nachmittag allein in der Hütte zu hocken ist mir auch zu blöd. In meiner begrenzten Auswahl an Möglichkeiten erscheint sogar Julies Gesellschaft ein klein wenig einladend – so seltsam das auch klingt.

Wie zu erwarten, kämpft sie immer noch die Schlacht ihres Lebens mit den Kids, als ich wieder nach draußen gehe. Kopfschüttelnd verdrehe ich die Augen und zwänge mich durch die unbändige Herde auf dem Platz vor den Stufen. Sobald ich es bis nach oben zu Julie geschafft habe, baue ich mich neben ihr auf, stecke meine Finger in den Mund und pfeife einmal so laut, dass die Vögel im Baum neben uns fluchtartig aus der Krone flattern. Augenblicklich starren mich ein Dutzend erschrockene Gesichter an.

„Danke für eure Aufmerksamkeit! Mein Name ist Chloe Summers und ich werde die Leitung der Tiger übernehmen“, informiere ich die Girls mit einem zuckersüßen Lächeln. Dann nicke ich kurz zu Nummer Zwei. „Diese Eule hier heißt Julie. Wer in ihre Gruppe will, schnappt sich jetzt seine Sachen und begibt sich ins Eulennest. Der Rest kommt mit mir.“

Ich stapfe die Stufen hinunter und zwischen den Mädchen hindurch. Ihre großen Augen sind alle auf mich gerichtet, aber sonst bewegen sie sich keinen Millimeter. Da drehe ich mich noch einmal um und knurre in einem Ton, der keine Widerrede duldet: „Sofort!“

In einem blitzartigen Tumult greifen sich alle ihre Koffer und Taschen, und während etwa die Hälfte die Treppen zu Julie hinauf flüchtet, folgt mir die restliche Meute in die Tigerhütte.

Na bitte. Geht doch.

Kapitel 3

Justin

 

Ich hämmere mit der Stirn gegen die Badezimmertür. Chloe Summers… Von all den Mädchen aus der Highschool muss ausgerechnet sie eine der Gruppenleiterinnen sein.

„Justin? Ist alles in Ordnung?“, dringt Greysons Stimme durch den Spalt unter der Tür zu mir herein.

Nach einem tiefen Atemzug drehe ich den Türknauf und gehe zurück in das Zimmer, das er und ich uns für die Zeit hier im Camp teilen werden. „Klar. Alles bestens.“

„Oh. Okay.“ Mit einem leicht konfusen Ausdruck im Gesicht zeigt er mit dem Daumen über seine Schulter in Richtung des Bades. „Hat sich nur eben so angehört, als wärst du da drin gegen die Tür gerannt oder so.“

Jap, das war ich, als ich versucht habe, mir ein Mädchen aus dem Kopf zu schlagen, das da drin so absolut überhaupt nichts verloren hat.

„Ich bin gestolpert“, rede ich mich knapp heraus und mache anschließend damit weiter, meine Sachen aus dem Koffer in die Regale auf der rechten Seite des einzigen Schranks hier in der Hütte zu räumen. Zugegeben, der Kleiderschrank ist zwar ziemlich groß, aber wie acht Jungs hier ihre Sachen verstauen sollen, ist mir ein Rätsel.

Zum Glück bewohnen Greyson und ich die Blockhütte allein. So, wie es aussieht, hat er nicht viel Zeug mitgebracht. Ich auch nicht. Ein paar Klamotten, Sachen fürs Badezimmer, feste Schuhe für Waldwanderungen und dann noch ein zweites Paar Turnschuhe. Nachdem ich das meiste Zeug im Schrank verstaut habe, sind nur noch die Bettlaken in meinem Koffer. Ich setze mich aufs Bett und gebe mir alle Mühe, das Kissen in einen blau karierten Bezug zu stopfen. Greyson hat seine Decke und das Kissen bereits bezogen. Mann, bei ihm hat das so einfach ausgesehen.

„Und? Was hältst du von den Mädchen?“

„Hm?“ Ich unterbreche den Kampf mit meinem Kissen für einen Moment und sehe zu meinem Zimmergenossen rüber, der entspannt auf seinem Bett rumlungert.

„Chloe und Julie“, sagt er und macht sich über die dritte, rote Gummischlange her, seit wir vom Abendessen zurück sind. Er zieht die Dinger aus seinem Rucksack wie aus einem bescheuerten Zauberhut. „Wie war dein erster Eindruck?“

„Julie scheint ganz nett.“ Ich schiebe den letzten Knopf an meinem Kissenbezug durch das Loch und beginne dann eine zweite Schlacht, aber dieses Mal mit der Decke. „Ich finde es klasse, wie sie sich mit vollem Eifer ins Campabenteuer stürzt. Sie gibt bestimmt eine gute Gruppenleiterin ab.“

„Mm-hm. Und sie ist auch echt niedlich“, plappert Greyson vor sich hin.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ihm aufgefallen ist, wie er gerade leise geseufzt hat, daher werfe ich ihm einen stichelnden Blick zu.

„Sie ist witzig.“ Er beißt ein Ende des roten Gummizeugs ab und spricht weiter, während er darauf herumkaut. „Als sie uns beim Essen diese Witze erzählt hat, hätte ich mir vor Lachen fast in die Hose gepinkelt.“

Bei dem Gedanken daran, wie ich mich wegen dem Mädchen mit den schwarzen Zöpfen beinahe selbst an meinem Abendessen verschluckt hätte, muss auch ich schmunzeln.

„Und Chloe“, fährt Grey fort, „ist echt ein heißer Feger. Hast du eine Ahnung, ob sie vergeben ist?“

Oh-oh! „Mädchen wie Chloe sind niemals in festen Händen“, warne ich mit tiefgezogenen Augenbrauen. „Von ihr solltest du dich lieber fernhalten.“

„Echt? Wieso? Ich dachte, ihr beide wärt Freunde. Irgendwie…“

„Lange Geschichte.“ Ich rolle mit den Augen und gewinne endlich den Kampf gegen die Bettdecke. „Um es kurz zu machen, sie war eine verzogene Göre auf der Highschool, die sich um nichts und niemanden außer um sich selbst gekümmert hat.“

„Und du glaubst nicht, dass sie sich in der Zwischenzeit verändert haben könnte?“

Ich lasse meinen Blick andeutungsweise auf seine rote Gummischlange gleiten. „Darauf würde ich meine Süßigkeiten lieber nicht verwetten.“ Andererseits, wer weiß? Es wäre möglich, dass Chloe Summers sich trotz allem geändert hat. Sie könnte jetzt einen festen Freund haben und ruhiger geworden sein. Oder… sie ist immer noch dasselbe Miststück, das mit sämtlichen Jungs aus dem Fußballteam geschlafen hat. Dann mit dem Basketballteam. Und zu guter Letzt auch noch mit der Hälfte der Jungs aus der Abschlussklasse. Soweit ich weiß, hat sie jeden Einzelnen von ihnen hinterher abserviert, ohne sich auch nur einmal nach ihnen umzudrehen.

„Ich weiß ja nicht…“ Greyson stopft sich den Rest der Gummischlange in den Mund und mampft schmatzend weiter. „Beim Abendessen hat sie auf mich ganz nett gewirkt.“

„Weil sie beim Essen auch die ganze Zeit über still war“, kontere ich. „Wenn sie den Mund nicht aufmacht, kann auch nichts Schlimmes dabei rauskommen.“ So einfach ist das. Und wenn sie in Greys Nähe nicht versucht hat, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, dann kann das eigentlich nur bedeuten, dass er nicht ihr Typ ist. Wahrscheinlich ist er ihr nicht sportlich genug.

Und mich würde sie niemals – nicht in einer Million Jahren – anmachen. Das ist schlichtweg eine Tatsache.

„Womöglich verurteilst du sie aber auch zu hart. Immerhin ist es bereits über ein Jahr her, seit du sie zuletzt gesehen hast.“

Langsam geht er mir auf die Nerven damit, dass er Chloe ständig verteidigt. Energisch schüttle ich das Kissen auf und brumme: „Worauf willst du hinaus?“

„In einem Jahr kann viel passieren. Vielleicht ist sie jetzt ja netter als früher und überrascht dich noch?“

Ich zucke gleichgültig mit den Schultern. „Tja, mir bleiben fünf Wochen, um das herauszufinden, nicht wahr?“

Greyson steht vom Bett auf und gräbt in seinem Rucksack herum, bis er schließlich eine gelbe Packung M&M’s herauszieht. Er reißt sie auf und schüttet sich ein paar in den Mund, ehe er mir ebenfalls ein paar anbietet.

„Ist nicht dein Ernst!“, pruste ich lachend, greife aber in die Packung und schnappe mir eine Handvoll. „Bist du zuckerabhängig, oder was geht hier ab?“

„Rauchentwöhnung.“

„Ah. Wie lange bist du denn schon auf Entzug?“

Er wirft einen raschen Blick auf die Armbanduhr. „Sieben Stunden und zweiunddreißig Minuten.“

„Wow, das muss ganz schön hart sein.“ Kopfschüttelnd werfe ich mir die M&M’s in den Mund, das grüne zuerst.

„Es ist die Hölle, Mann. Ich brauche unbedingt ein wenig Ablenkung“, jammert er. Dann erhellt sich sein Gesicht plötzlich mit einem begeisterten Grinsen. „Was hältst du davon, wenn wir die Mädchen anrufen und sie zu uns auf einen Drink einladen?“

Fragend ziehe ich eine Augenbraue nach oben. „Und womit sollen wir sie anrufen? Mit dem Smartbusch vielleicht?“

„Ach ja, richtig.“ Er kratzt sich verlegen am Kopf. „Vielleicht hätten wir die Handys doch nicht einsammeln und wegsperren sollen.“

„Für Reue ist es jetzt zu spät, mein Freund.“ Ich ziehe mir eine schwarze Kapuzenjacke über das weiße T-Shirt und öffne die Tür. „Los, komm! Wir gehen rüber und fragen sie selbst.“

Grey stapft raus auf die Veranda, bleibt aber dann abrupt stehen und dreht sich zu mir um. „Was machen wir inzwischen mit den Jungs? Können wir sie so lange allein lassen?“

Ich glaube nicht, dass eins der Kinder schon am ersten Abend im Camp irgendwelchen Blödsinn anstellen wird. Die sind doch alle noch damit beschäftigt, sich erst mal in den Hütten einzuleben. Allerdings will ich auch kein Risiko eingehen, also springe ich über das Geländer der Veranda und steuere auf die Wolfshütte zu.

Als ich die Tür aufstoße, schlägt mir sofort ein fürchterlicher Gestank ins Gesicht. „Whoa!“ Die Nase gerümpft stolpere ich rückwärts wieder aus dem Zimmer und fächere mir frische Luft zu. Was ist das nur, dass Jungs ständig furzen, wenn gerade keine Mädels in der Nähe sind? Ich schlage mir eine Kragenseite meines Hoodies über die Nase und kämpfe mich durch die Meute der Jungs, die gerade johlend und aufgedreht ihre Sachen in den Regalen und Laden verstauen, und mache das Fenster auf der anderen Seite des Zimmers auf. Weit hinausgelehnt sauge ich die frische Luft in meine Lungen und wende mich dann meiner Gruppe zu.

Da offenbar keiner von ihnen meine Anwesenheit bemerkt hat, klatsche ich zweimal in die Hände und schreie: „Jungs!“ Der Raum wird schlagartig still, sodass ich meine Ansprache machen kann. „Vor dem Essen habe ich euch über eure Pflichten hier im Camp aufgeklärt. Nun haben Greyson und ich uns einen kleinen Wettstreit für euch ausgedacht, der den Gewinnern gestattet, dem Verliererteam zwei Tage ihres Küchendienstes aufzubrummen.“

Das beschert mir eine Runde Applaus und das freudige Grölen der Kids.

Vorhin beim Auspacken habe ich eine ganze Sammlung von Brettspielen und Puzzles im obersten Regal unseres Schranks entdeckt. Jede Hütte hat ihre eigenen Spiele, also stapfe ich über den Haufen herumliegender Klamotten zum Schrank und hole zwei Puzzles heraus, die je aus eintausend Teilen bestehen. Eine der Schachteln überreiche ich dem Jungen oben auf dem Stockbett zu meiner Linken, der vorhin, als ich hereingekommen bin, gerade die restliche Bande mit seinen Scherzen unterhalten hat. Wenn ich mich nicht irre, ist sein Name Brian. Sein chaotisches Haar ist stachelig vom Haargel und der Kragen seiner Jeansjacke ist lässig aufgestellt. Dieser Bursche scheint mir die nötigen Voraussetzungen für einen Anführer mitzubringen. Er setzt sie besser für etwas Nützliches ein, anstatt nur faul herumzuhängen.

„Das Team, das sein Puzzle zuerst fertig hat“, sage ich direkt zu ihm, „gewinnt.“

Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, rutscht Brian vom Bett und schüttet das Puzzle in der Mitte des Raumes auf den Boden. „Na los! Schwingt schon eure Ärsche runter“, befiehlt er seinen Freunden und bestätigt damit meinen Verdacht. Sämtliche Jungs lassen augenblicklich alles stehen und liegen und versammeln sich um ihn herum auf den Bodendielen.

Greyson bringt die zweite Schachtel in den Waschbärbau und legt ihnen ebenfalls die Regeln klar. Als er zurückkommt, klopft er mir auf die Schulter. „Geniale Idee.“

„Kinder wollen beschäftigt werden. Gib ihnen was zu tun und keiner wird sich in Schwierigkeiten bringen.“ Ich ziehe den Reißversschluss meine Kapuzenjacke nach oben und stecke die Hände in die Taschen, während ich in Richtung See starte. „Und jetzt besuchen wir die Mädels.“

***

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Viel Spaß im Sommercamp!