Was sich neckt, das liebt sich… meistens (VM 2)

 

Was sich neckt, das liebt sich … meistens

Vernasch Mich, 2

Prolog

 

4 Jahre zuvor…

 

Mitternacht. Am See. Bring deinen Badeanzug mit. Oder auch nicht.

Mit dem kleinen Briefchen fest in der Hand, als wäre es meine Rettungsleine, klettere ich aus dem Fenster, das wir nachts immer offen lassen. Kalifornien ist im Sommer an sich schon heiß genug, aber dann auch noch in einem Zimmer mit sechs anderen Mädchen zu schlafen und alle Fenster dicht zu machen… tja, da würde man morgen wahrscheinlich überall in den Nachrichten von einem tödlichen Massenhitzeschlag hören.

Die Tür gibt jedes Mal beim Öffnen ein ekelhaftes Quietschen von sich, fast wie aus einem Gruselfilm. Das ist der einzige Grund, warum ich überhaupt diesen waghalsigen Ausstieg durch das schmale Fenster über meinem Stockbett auf mich nehme. Denn, ganz ehrlich, von einem der vier Aufpasser, die dieses Sommercamp leiten, gesehen zu werden, ist bei Weitem nicht mein größtes Problem.

Viel eher erschreckt mich der Gedanke, dass meine neue Freundin Lesley Caruthers – Queen Bee der Grover Beach Highschool – hören könnte, wie ich mich kurz vor Mitternacht davonstehle. Durch Lesley wurde mein Leben in den letzten paar Wochen sehr viel aufregender. Riskanter. Lustiger. Und abenteuerlicher. Ich meine, sieh mich einer an! Gerade bin ich dabei, mich mitten in der Nacht hinaus in die Dunkelheit zu stehlen, um einen Jungen unten am Froschteich zu treffen. Und nicht nur irgendeinen Jungen. Während des gesamten ersten Jahres auf der Junior High hatte ich ihm heimlich nachgestellt. Leider hatten wir keinen einzigen Kurs zusammen, also konnte ich ihn immer nur während der Pausen in den Gängen oder draußen am Campusgelände beobachten. Außerdem kannte ich einige seiner Freunde, was mir hin und wieder die Gelegenheit verschaffte, ganz dicht neben ihm zu stehen. Bedauerlicherweise war ich immer viel zu feige dazu, ihn anzusprechen.

Aber diese Zeit ist nun vorbei.

Das einzige Problem, das sich mir jetzt noch aufdrängt, ist, dass ich ihn mit niemandem teilen will, und Lesley ist so ziemlich die neugierigste Person auf der Welt. Selbst wenn ich ihr gesagt hätte, dass ich diesen Jungen heute Nacht alleine treffen will, wäre sie mir wahrscheinlich mit einem mittelkleinen Sicherheitsabstand gefolgt, um ihn abzuchecken.

Oh nein, das kann ich nicht zulassen! Das ist mein ganz persönlicher Moment. Beste Freunde hin oder her, ich brauche heute wirklich keine Spione im Gebüsch.

Als ich mich vom Fenstersims herablasse, bleibt mein pinkfarbenes Top an einem hervorstehenden Nagel hängen. Der Stoff zerreißt und der Nagel ritzt meine Haut an der Taille wund. Lautlos fluche ich in die Nacht, während sich meine Fingernägel in das morsche Fensterbrett graben und den jahrzehntealten, roten Lack abkratzen. Endlich spüre ich das kühle Gras zwischen meinen Zehen. Ich lasse los und inspiziere erst einmal den Schaden an meiner Seite. Halb so wild. Kein Blut, nur ein Kratzer unter dem kleinen Riss in meinem Top. Aber wen kümmert das schon? In zehn Minuten habe ich ein Date mit dem Jungen meiner Träume.

Ich rücke mein Oberteil und auch die Pyjamashorts zurecht. Ein schmaler Trampelpfad führt von den drei Hütten in Tipi-Formation um den Picknicktisch in den Wald hinein. Geduckt schleiche ich an einer Buschzeile entlang davon. Die Unterkünfte der Jungs befinden sich auf der anderen Seite des Sees, wo auch der große Speisesaal ist. Genau dort hat mir heute nach dem Abendessen jemand diesen kleinen Zettel in die Hand gedrückt.

Er stand dabei ganz dicht hinter mir und ich wusste sofort, dass er es war. Ich weiß, wie sich seine Hand in meiner anfühlt und wie sein Duschgel riecht. Dieser anziehende Duft hat sich durch unseren ersten Kuss für immer in mein Gedächtnis gebrannt. Niemals wieder werde ich den vergessen.

Der vor Aufregung stark hämmernde Herzschlag in meinen Ohren übertönt das Lied der Grillen in der schwülen Nacht. Zum See ist es nicht mehr weit – vielleicht noch eine halbe Meile. Aber dort angekommen muss ich erst noch zum Westufer laufen, wo ein Steg aus alten dunklen Brettern aufs Wasser hinausführt. Genau an der Stelle wird er auf mich warten, denn das ist auch der Platz, an dem wir uns geküsst haben.

Als unser Treffpunkt in Sichtweite kommt, werde ich langsamer. Mit dem Mond so voll und leuchtend oben am Himmel brauche ich keine Taschenlampe, um meinen Weg zu finden. Die Wasseroberfläche des Sees liegt so ruhig neben mir wie die Laken eines frisch gemachten Bettes. Das Lied der Grillen ist schon lange nicht mehr zu hören, nur noch ein paar Frösche, die irgendwo in der Ferne quaken.

Trotz der lauen Nacht sind die Holzlatten des Stegs immer noch angenehm warm, als ich drauftrete und langsam zur quadratischen Plattform am Ende gehe. Der riesige Mond spiegelt sich im Wasser vor mir. Alles ist perfekt.

Und dann löst seine Stimme vom Ufer hinter mir einen Schauer aus, der mir vom Nacken bis runter zu den Zehenspitzen prickelt. „Ich bin froh, dass du gekommen bist.“

Das Holz knarrt unter seinen Schuhen, als er sich nähert. Ich kann meinen raschen Atem kaum noch kontrollieren. Langsam drehe ich mich um. Seiner Kleidung nach zu urteilen, ist er nicht – wie ich – schon im Bett gewesen, bevor er sich davongeschlichen hat. Seine Beine wirken noch länger als sonst in diesen ausgewaschenen Jeans, die an seinen Hüften hängen, als würden sie sich mit unsichtbaren Krallen festhaken, um nicht runterzurutschen.

Seine Arme wirken schlank und sehnig, sein Oberkörper eher schmächtig unter dem weißen T-Shirt. Da er mich aber vor einigen Tagen mühelos aus dem Wasser und auf diesen Steg hier gezogen hat, weiß ich, dass er sehr viel stärker ist, als es den Anschein macht.

Vorsichtig kommt er näher. Bei jedem Schritt schwingen die Bretter sanft unter uns. Das zarte Beben kriecht mir langsam die Beine hoch und erhitzt meinen Körper noch mehr, als es die warme Abendluft ohnehin schon tut.

Mit meinen sechzehn Jahren bin ich bereits größer als die meisten Mädchen der Klassenstufe über mir und kann ihm somit geradewegs in die Augen blicken, als er vor mir stehen bleibt. Sein Haar ist unter einer Baseballmütze versteckt, die auch sein Gesicht in Schatten taucht. Schade. Ich liebe es, wenn er sich achtlos durch die zerzausten Haare streicht. Ob er die Mütze wohl noch abnimmt, bevor er mich küsst?

Er streckt die Hand nach mir aus und hakt seinen Zeigefinger um meinen. Dieser eine Quadratzentimeter Hautkontakt reicht aus, damit ich die Baseballkappe im nächsten Moment völlig vergesse und vor Aufregung leicht erzittere.

„Hast du Badesachen drunter?“, fragt er und zieht mich näher zu sich.

Nervös kaue ich auf meiner Unterlippe. Dann schüttle ich den Kopf und grinse.

Ein kleines Lächeln wärmt seinen Blick. „Ich auch nicht.“

 

 

 

Vor neunzehn Monaten…

 

„Sehe ich etwa aus wie ein Vollidiot?“

„Keineswegs.“

„Warum zum Teufel behandeln Sie mich dann so?“ Ich werfe dem Mann, der einen potthässlichen, gelb-grau-gestreiften Pullover trägt und mir gegenüber in einem Lehnsessel sitzt, einen verächtlichen Blick zu. Seit meine Mutter mich vor zwanzig Minuten in dieses Zimmer geschoben hat, machte er sich Notizen zu jedem verdammten Wort, das aus meinem Mund kam.

Er legt seine Unterlagen auf den Schoß, zieht sich die Brille von der langen, spitzen Nase und massiert mit Daumen und Zeigefinger die Stelle zwischen seinen schlammbraunen Augen. Als er sie wieder aufsetzt, schlüpft sein perfektioniertes Businesslächeln zurück auf seine schmalen Lippen. Es wirkt herablassend, so als ob er in Gedanken vor sich hinsingt: weil deine Eltern mit diesen Sitzungen gerade meinen nächsten Urlaub auf Hawaii finanzieren.

Zähneknirschend ziehe ich meine Füße auf die Couch. Dabei schert es mich einen Dreck, dass die Absätze meiner Stiefel wahrscheinlich Kratzspuren auf dem dunklen Leder hinterlassen. Ich schlinge meine Arme um die Beine und lege meine Stirn auf die Knie. Von dem ganzen Quatsch hier will ich echt nichts hören. Ich will ja nicht einmal hier sein! Alle meine Freundinnen amüsieren sich gerade mit irgendwelchen süßen Jungs. Nur ich habe ein Date mit dem Psychiater.

„Warum fangen wir nicht einfach noch mal ganz von vorn an?“, schlägt er mit der Geduld eines Kindergärtners vor, während es mir bei seiner Art zu reden mittlerweile sauer hochkommt. „Beginnen wir damit, dass du mir erzählst, warum du deiner Meinung nach eigentlich hier bist.“

„Ich bin hier, weil die mir sonst niemals meinen Führerschein zurückgeben. Und das Auslandsjahr in Europa nach der Highschool lassen sie mich auch nicht machen“, brumme ich in den Spalt zwischen meiner Brust und meinen Beinen hinein. „Aber das heißt nicht, dass wir uns nett unterhalten müssen. Warum sitzen wir nicht einfach eine Weile hier und halten beide den Mund, bis die Stunde um ist. Ich bin sicher, Sie bekommen Ihren Honorarscheck so oder so.“

Der Kerl räuspert sich und tippt dabei mit dem Kugelschreiber auf seinen Notizblock. Will er mir etwa absichtlich auf die Nerven gehen? Da er offenbar auf meine ungeteilte Aufmerksamkeit in diesem unfreundlichen, klinisch weißen Raum wartet, sehe ich schließlich irgendwann auf und ziehe eine Augenbraue hoch.

„Du hast also deinen Führerschein verloren?“, fragt er. In seiner Stimme liegt so viel heuchlerische Unschuld, dass er damit Miley Cyrus leicht in die Heilige Jungfrau Maria verwandeln könnte. „Wie ist das denn passiert? Bist du zu schnell gefahren? Oder hast du womöglich ein Stoppschild übersehen?“

Oh, bitte! „Sie wissen genau, was passiert ist.“ Ich lege meine Stirn wieder auf die Knie, um seiner professionellen Freundlichkeit zu entkommen, und grabe meine Finger zur Beruhigung in den Stoff meiner Stretchjeans. „Und nein, ich habe kein Stoppschild überfahren.“

„Hast du vielleicht bei einem illegalen Straßenrennen mitgemacht?“

Aah! Am absoluten Ende meiner Geduld hämmere ich mit den Fäusten auf die Ledercouch und richte mich auf. „Ich habe meinen Wagen zu Schrott gefahren, okay? Ich war betrunken, habe die Kontrolle verloren und bin gegen einen Baum gekracht!“ Der blöde Baum wollte einfach nicht ausweichen, als mein VW-Polo nach einer 90-Grad-Kurve angefangen hatte zu schwänzeln. „Und bevor wir dieses bescheuerte Fragespiel noch ewig weitertreiben, wo Sie doch ohnehin schon alle Antworten kennen – Ja!“ Ich verziehe das Gesicht zu einer zynischen Fratze. „Hinterher bin ich ins Wasser gegangen!“

Sein Stift rast so schnell über den Schreibblock auf seinem Schoß, dass das Ergebnis kaum aus mehr als welligen Linien bestehen kann. „Ich verstehe“, murmelt er dabei, ausnahmsweise den heuchlerischen Blick nicht auf mich gerichtet. Er muss sich wohl zu sehr auf das konzentrieren, was er gerade aufschreibt. „Möchtest du darüber reden, warum du dich im Meer ertränken wolltest?“

„Ich wollte nicht ertrinken. Ich wollte nur weg von meiner Cousine Sam und ihrem neuen Freund. Die beiden waren am Strand, also gehörte mir das Wasser.“ Betrunken hat das echt Sinn ergeben. Zwei Wochen später und nüchtern… nicht mehr so sehr.

Er hebt sein Kinn und stoppt abrupt mit dem Gekritzel. „Na schön. Dann erzähl mir doch wenigstens, warum du vor den beiden fliehen wolltest.“

Nervös beginne ich auf meiner Unterlippe herumzukauen. Das ist der Teil der Geschichte, den ich wirklich gerne für mich behalten möchte. Es ist jetzt genau fünf Wochen her, seit Samantha in unser Haus gezogen ist. Vier Wochen, seit sie mir meine Familie und meine Freunde gestohlen hat. Drei Wochen, seit sie sich in den Jungen verliebt hat, auf den ich schon seit Monaten stehe. Und vor zwei Wochen habe ich mich bei ihr für den Versuch entschuldigt, sie außer Landes zu fliegen. Bitte… gönnt mir ’ne Pause!

Die Beine immer noch aufgestellt, überkreuze ich die Knöchel, ziehe mir die Bündchen meines Kaschmirsweaters über die Hände und umschließe sie mit meiner Faust. Mein kinnlanges Haar geht mir gerade mächtig auf den Geist, weil es mir ständig nach vorn in die Augen fällt. Der Teufel muss mich geritten haben, als ich mir die langen Haare abschneiden und rabenschwarz färben ließ, um meine Cousine zu imitieren. Nur zwei Tage später habe ich meinen Wagen um den Baum gewickelt.

Mit ein paar tiefen Atemzügen hebt und senkt sich meine Brust. „Können wir nicht einfach bis zu dem Punkt vorspulen, an dem ich beteuere, wie schrecklich leid mir alles tut, und ich verspreche, es nie wieder zu machen? Unterschreiben Sie doch einfach dieses dämliche Formular und bestätigen Sie, dass ich kein Alkoholproblem habe, damit die mir endlich meinen Führerschein wiedergeben.“

Der Psychodoktor lacht verschroben auf. „Ich wünschte, es wäre so einfach, Chloe.“

„Wieso? Wo liegt denn das Problem?“

„Das Problem ist, dass du wohl kaum um die wöchentlichen Sitzungen bei mir für die nächsten anderthalb Jahre herumkommen wirst, wenn du je wieder hinter das Steuer eines Wagens willst. Genauso wenig, wie um die vierhundert Stunden gemeinnützige Arbeit und ein sauberes Protokoll von alkoholfreien Bluttests während dieser Zeit.“

„Schön. Streichen sie mich von der Liste“, maule ich. „Dann nehme ich in England eben den Bus.“

„Ich fürchte, auch das kannst du nicht. Du bist auf Bewährung. Dein Auslandsjahr muss warten. Tut mir leid.“

Waaas?!“ Meine Stimme überschlägt sich gleich zweimal bei dem Wort. „Aber wir haben schon alles geplant!“ Les, Ker, Brin und ich haben bereits unsere Bewerbungen an die Guildhall School of Music & Drama in London abgeschickt. Ewan McGregor hat dort seine Ausbildung gemacht. Und Orlando Bloom und Daniel Craig ebenfalls. Während Brinna immer noch auf ihre Annahme wartet, haben die Väter von uns anderen bereits mit einer mittelgroßen Finanzspritze sichergestellt, dass wir auf jeden Fall einen Platz dort bekommen. Uns steht die beste Zeit unseres Lebens bevor. Ein ganzes Jahr lang nur Partys, Jungs und keine Erwachsenen, die uns den ganzen Spaß vermiesen. Wie kann dieser Psychoheini es nur wagen, mir all das zu ruinieren?

Schäumend vor Wut springe ich von der Couch auf und stürme zur Tür. „Das werde ich meinem Vater erzählen!“

„Dein Vater hat bereits alles für dich getan, was in seiner Macht steht.“ Die ruhige Warnung des Psychiaters kriecht mir in diesem Moment wie eine kalte Schlange unter die Haut und bremst mich, die Hand bereits auf der Türklinke.

„Was wollen Sie damit sagen?“, stoße ich durch zusammengebissene Zähne hervor und drehe mich zu ihm um. „Er ist Anwalt. Einer der besten in Kalifornien. Er kann mich da sicher rausholen.“

„Chloe… du hast dein Auto demoliert. Du wurdest wegen Trunkenheit am Steuer und Alkoholkonsum Minderjähriger angeklagt. Zudem hast du Fahrerflucht begangen und nach Aussage deiner Freunde wolltest du dir sehr wohl in den Fluten das Leben nehmen, weil der Junge, in den du verliebt warst, deine Liebe nicht erwidert hat.“ Er seufzt tief, was wie eine Mischung aus Sympathie und Frustration klingt. „Wenn dein Vater nicht gewesen wäre, wärst du auf jeden Fall in Untersuchungshaft gekommen und würdest jetzt wahrscheinlich schon in einer geschlossenen Anstalt sitzen, wo man sicherstellt, dass du keine scharfen Gegenstände zu fassen bekommst. Man hätte dir sogar die Schnürsenkel aus den Schuhen gezogen, damit du dich damit nicht strangulieren kannst.“

„Was?“, krächze ich heiser, als mich eine Welle des Schreckens überrollt. Von meiner zittrigen Hand auf der Klinke beginnt die Tür im Schloss zu wackeln.

Der Doktor steht auf und kommt zu mir herüber. Sanft legt er mir seine Hand ins Kreuz und führt mich zurück zur Couch. Dann holt er mir ein Glas Wasser von der einfachen Küchenzeile hinter seinem massiven Schreibtisch, stellt es vor mich auf den Couchtisch und sinkt anschließend mit einem klinischen Lächeln zurück in seinen Sessel auf der gegenüberliegenden Seite.

Ich nehme einen Schluck. Meine zitternden Hände verursachen dabei einen kleinen Tsunami im Glas.

„Verstehst du jetzt, dass diese Sitzungen mit mir und die gemeinnützige Arbeit die beste Lösung für dich sind?“

Ich stelle das Wasser wieder auf den Tisch und atme ein paarmal tief durch, bevor ich zu ihm aufsehe. Zaghaft nicke ich.

„Gut.“ Wieder nimmt er seine Notizen zur Hand und legt sie auf seinen Schoß. „Wollen wir jetzt vielleicht über den Freund deiner Cousine sprechen? Ich glaube, sein Name war Tony. Hier steht, dass er vor einiger Zeit dein fester Freund war. Stimmt das?“

Ich versuche, den Kloß in meinem Hals hinunterzuschlucken. Tony und ich waren nur für ein paar Tage im letzten Sommer wirklich fest zusammen. Heute kommt es mir geradezu lächerlich vor, ihm nach zu heulen. Trotzdem nicke ich noch einmal.

 

 

Kapitel 1

 

 

Heute

 

Ich bin total aus der Puste. Jeden dritten Freitag im Monat den Zug heim nach Grover Beach zu nehmen ist schon mühselig genug. Aber noch schlimmer ist es, mit sämtlichem Gepäck vom Bahnhof zu Dr. Devonport zu laufen, weil meine Eltern mich heute nicht abholen können.

Na ja, was soll’s? Ist sowieso das letzte Mal, dass ich in diese spartanisch eingerichtete Praxis mit den kahlen, weißen Wänden, der dunklen Ledercouch und den hohen Fenstern mit Blick auf die Chilton Street spazieren werde. Bestimmt sitzt der lange, schmächtige Doktor wie jedes Mal bereits in seinem gemütlichen Sessel hinter dem Couchtisch, von wo aus er mich immer wieder aufs Neue mit demselben aufgesetzten Lächeln begrüßt.

Meine Bewährung wegen Alkoholkonsum Minderjähriger und dem dämlichen Unfall ist in vier Wochen zu Ende. Jetzt muss ich nur noch eine letzte Sitzung mit dem Psychodoc überstehen, um zu beweisen, dass ich definitiv nicht selbstmordgefährdet bin – und auch niemals war – dann bin ich ihn endlich los. Für immer.

Europa wartet schon auf mich!

„Guten Tag, Dr. Devonport“, begrüße ich den Mann, als ich nach kurzem Anklopfen durch die Tür in seine Praxis schlüpfe.

„Chloe.“ Zugegeben, sein Lächeln wurde über die vergangenen Monate sehr viel freundlicher, trotzdem kann ich ihn nicht ausstehen. Zu wissen, dass er es in der Hand hat, ob ich im kommenden Jahr mit dem Auto durch London fahren werde oder jedes Mal den Bus nehmen muss, wenn ich shoppen gehen will, verursacht mir Bauchweh. Er streckt die Hand aus, als er sich von seinem Stuhl erhebt. „Bitte nimm Platz.“

Ich setze mich wie gewohnt in die Mitte der langen Ledercouch, doch anstatt meine Knie schützend an mich zu ziehen, so wie ich es bei den ersten Treffen mit dem Seelenklempner gemacht habe, sitze ich nun aufrecht, ein Bein über das andere geschlagen, die Hände im Schoß gefaltet.

„Wie läuft’s auf der Akademie?“, fragt er mich.

„Gut. Diese Woche waren die Abschlussprüfungen“, antworte ich knapp, da ich nicht in der Stimmung bin, eine private Unterhaltung mit ihm anzufangen, wenn wir die Sache hier auch beschleunigen können. „Wo muss ich unterschreiben?“

Verwundert rückt er die Brille auf seiner Nase zurecht. „Unterschreiben? Was denn?“

„Na meine Entlassung aus Ihrer Beobachtung.“ Ich bemühe mich um ein freundliches Gesicht, während ich mir mit den Fingern durchs Haar streife, das seit meinem ersten Besuch hier ein ganzes Stück gewachsen ist. Das tiefe Schwarz ist mittlerweile auch ausgewaschen, doch anstatt meine Haare wieder blond zu färben, so wie ich es die meiste Zeit auf der Highschool getan habe, trage ich sie seit meinem Eintritt in die Schauspielschule in San Francisco letzten Herbst in ihrem natürlichen Dunkelbraun.

„Das ist unsere letzte gemeinsame Sitzung. Ich habe in den vergangenen neunzehn Monaten keinen einzigen Termin verpasst, habe in all der Zeit nicht einen Tropfen Tequila oder sonst was getrunken und bin jetzt eine glückliche, stabile Zwanzigjährige.“ Hoffentlich versteht er den Wink. Mein Abschlussjahr auf der Highschool ist ein Abschnitt meines Lebens, den ich lieber vergessen möchte. Alles für einen Jungen aufs Spiel zu setzen, in den ich kurzzeitig verknallt war, der jedoch glücklich mit meiner Cousine zusammen ist, war wohl das Dämlichste, was ich bisher gemacht habe – und da war echt schon eine Menge Blödsinn dabei.

Je eher ich heute hier raus spazieren kann, desto schneller kann ich dieses Kapitel abschließen, meine Koffer packen und nach Europa zu meinen Freunden fliegen. Das Flugticket ist bereits bezahlt und Les und Ker haben eine luxuriöse Vierzimmerwohnung in Mayfair, die wir uns für ein Jahr teilen werden. Glücklicherweise haben sich die beiden entschlossen, ihre Schauspielausbildung in England fortzusetzen, somit muss ich mein Auslandsjahr nun doch nicht alleine absolvieren. Sie kommen lediglich über die Ferien nach Hause. Ich werde diesen Sommer also genau zwei Dinge tun: In der ersten Hälfte werde ich Poolpartys in unserem Garten feiern und alkoholfreie Cocktails mit Brinna, Lesley und Kerstin schlürfen. Und in der zweiten Hälfte werde ich Partys und richtige Cocktails in Europa genießen. Es bleibt nur diese eine Sache, die ich vor der Reise noch von meiner Liste streichen muss.

„Ich nehme an, ich brauche eine offizielle Bestätigung von Ihnen für die Behörden, damit ich nächsten Monat meinen Führerschein abholen kann?“, frage ich.

„Ah, immer so erpicht darauf, meine Praxis so schnell wie möglich zu verlassen.“ Dr. Devonport schmunzelt. „Aber gut, du hast deinen Teil der Vereinbarung gehalten und es gibt auch keinen Grund mehr, heute noch einmal alte Geschichten aufzurollen, nicht wahr?“

Verdammt richtig!

„Hast du alle Bestätigungen mit, die wir brauchen? Die Ergebnisse deiner Bluttests?“

Eifrig hole ich die gefalteten Unterlagen aus meiner Handtasche und reiche sie dem Doktor über den Couchtisch. „Alles da.“

„Wunderbar.“ Er blättert sie durch, wobei er zufrieden nickt. „Und jetzt noch die Bestätigung über die Absolvierung deiner Sozialstunden.“

„Ähmm, tja, was das angeht… Ich bin noch nicht dazu gekommen, alle Stunden abzuarbeiten.“ Den Kopf gesenkt kratze ich mich an der Augenbraue. „Mit der neuen Schule und dem engen Stundenplan war einfach nicht genug Zeit.“

Er blickt verdutzt hoch. „Wie viele Stunden hast du denn bisher absolviert?“

Die Lippen gespitzt ziehe ich den Mund auf eine Seite und beiße mir dann auf der anderen Seite in die Wange. „Äh… dreiundfünfzig?“

Der Doc starrt mich an wie ein Bus auf Frontalkurs. „Dreiundfünfzig Stunden? In anderthalb Jahren?“

„Na ja, Freizeit ist knapp auf der Schauspielakademie.“ Ich zucke mit den Schultern, als eine unangenehme Hitze in mir aufsteigt. „Aber das ist doch sicher kein Problem, oder? Ich meine, ich kann die Stunden ja immer noch nachholen, wenn ich von meinem Auslandsjahr zurückkomme. Oder vielleicht kann ich ja sogar ein paar davon drüben in England abarbeiten.“

„Ich befürchte, das wird nicht möglich sein, Chloe.“ Den Mund fest verschlossen kratzt er sich am glatt rasierten Kinn. Dann sucht er meinen Blick. „Die Sozialstunden müssen in jedem Fall vor Beendigung deiner Bewährungszeit geleistet werden. Und das ist ja schon –“ Er greift sich einen Hefter und durchsucht die Seiten.

„Ende Juli“, helfe ich ihm auf die Sprünge, meine Stimme flach vom Schock.

„Ganz genau.“ Er schließt die Mappe. „Wenn du die Stunden bis dahin nicht abgearbeitet hast – und zwar alle – musst du noch einmal vor Gericht. Diesmal wird die Strafe allerdings höher sein.“

„Wie bitte?“ Entsetzt springe ich auf und laufe aufgeregt vor den Fenstern hin und her. „Selbst wenn ich von jetzt an jedes Wochenende in der Suppenküche stehe, dauert es mindestens hundert Jahre, bis die Strafe abgearbeitet ist!“

„Daran hättest du wohl in den letzten anderthalb Jahren mal denken sollen.“

Ja, reiben Sie doch auch noch Salz in die Wunde! Das kann er sowieso am besten. Ich presse die Zähne aufeinander.

„Vielleicht gibt es eine Lösung“, murmelt er. Ich halte an und drehe mich zu ihm. Während er sich mit dem Stift gegen die Lippen trommelt, wandert sein Blick nachdenklich zur Seite. „Du könntest die Stunden in einem Block absolvieren.“

„Ja, wie denn?“

„Meine Nichte und ihre Freundin wollen im Juli in ein Sommerferienlager fahren. Es dauert üblicherweise fünf Wochen. Doch im Moment fehlen ihnen noch zwei Betreuer, um die Sache in diesem Jahr zu realisieren. Von den vier, die sie schon hatten, sind zwei kurzfristig abgesprungen und die Campleitung hat noch keinen Ersatz für sie gefunden.“

„Sie schlagen mir vor, Aufpasser in einem Ferienlager zu spielen?“ Meine Kinnlade klappt ein wenig nach unten. „Um ein paar Zehnjährige im Badesee zu beaufsichtigen?“

„Sie sind alle zwischen zwölf und fünfzehn. Und ja, genau das schlage ich vor. In Anbetracht deiner misslichen Lage wäre das doch die ideale Gelegenheit.“ Er winkt mich zu sich und bittet mich, wieder Platz zu nehmen, aber ich schüttle den Kopf. „Das Camp beginnt Mitte Juli. Damit bleibt dir noch genug Zeit, all deine Stunden unterzukriegen, bevor der Monat um ist.“

„Und wenn ich die Stunden durch hab, kann ich dann gehen?“

„Natürlich nicht. Damit das Ferienlager überhaupt zustande kommt, musst du dich für die gesamte Zeit verpflichten.“

„Aber das geht nicht! Gleich in der ersten Augustwoche fliege ich nach Europa.“ Und ich werde die Reise ganz bestimmt kein zweites Mal absagen.

Er neigt den Kopf. „Du kannst entweder diesen Job annehmen, oder du suchst dir eine andere Möglichkeit, um deine Sozialstunden noch rechtzeitig abzuleisten.“

Ich reibe mir übers Gesicht und wäge meine Optionen ab, die im Moment ja wohl eher mickrig sind. Mit freiwilliger Hilfe in der Suppenküche würde es ewig dauern, bis ich alle Stunden beieinanderhätte. Wenn ich aber zustimme, den Aufpasser im Ferienlager zu machen, könnten all meine Probleme mit einem Wisch vom Tisch sein. Und wer sagt überhaupt, dass ich die ganzen fünf Wochen dortbleiben muss? Ich könnte ja ganz plötzlich krank werden, so gegen Ende Juli. Was soll mir denn noch groß passieren, wenn meine Bewährung erst einmal vorbei ist? Was hinterher aus dem Lager wird, ist wohl kaum mein Problem.

„Nehmen wir mal an, ich wäre einverstanden…“ Ich stemme meine Hände in die Hüften und nagle den Doc mit einem scharfen Blick fest. „Was ist mit dem anderen Aufpasser? Sie haben gesagt, es fehlen zwei.“

„Ich weiß zufällig, dass die Campleitung bereits an einem anderen Studenten dran ist. Wenn er zusagt, kannst du ebenfalls einspringen und dein Problem ist gelöst.“

„Und was, wenn er nicht will?“

„Dann gibt es in diesem Sommer kein Ferienlager.“

Ich drehe mich zum Fenster und blicke hinaus in die Sonne, die nun mein Gesicht wärmt. Wenn dieser andere Junge ablehnen würde, könnte ich Brinna fragen, ob sie das Ding mit mir zusammen durchzieht. Sie hat es letztes Jahr nicht auf die Schauspielschule in London geschafft und im Nachhinein war ich wirklich froh darüber. Ganz ohne meine beste Freundin in San Francisco zu leben, hätte mir fürchterlich gestunken. Mit ihr an meiner Seite ist die Vorstellung, ein paar hyperaktive Kids in diesem Sommer zu betreuen, plötzlich gar nicht mehr so übel. Mit Les und Ker kann ich es hinterher in London immer noch krachen lassen.

„Und?“, drängt mich der Doktor.

Ich hole tief Luft, schlinge meine Arme um mich und drehe mich zu ihm. „Also gut. Ich mach’s.“

 

*

 

Ich steige aus dem blauen Camaro und strecke nach der langen Fahrt hier rauf zum Frog Pond Mountain erst mal meinen Rücken durch, während ich in die Mittagssonne hochblinzle. Kaum raus aus dem klimatisierten Auto, bilden sich auch schon kleine Schweißtropfen auf meiner Haut und kullern mir den Nacken hinunter in den Kragen meiner schwarzen Bluse. Es ist einer dieser Tage, an denen man das Knistern der sengenden Hitze schon beinahe hören kann. Ich wische mir den Schweiß weg und sehe mich hier draußen erst einmal um. Der mit Kies ausgelegte Parkplatz ist mit Eltern überfüllt, die sich gerade von ihren Kindern verabschieden. Einige von ihnen haben sogar Tränen in den Augen. Oh, wie rührend… Mir kommt gleich das Mittagessen wieder hoch. Jetzt mal ehrlich, wenn hier einer Grund zum Heulen hat, dann ja wohl ich. Unter all den Leuten bin ich die Einzige, die heute nicht freiwillig hergekommen ist.

Brinna steigt ebenfalls aus ihrem Auto und öffnet den Kofferraum. Wir müssen meinen Koffer gemeinsam heraus hieven, denn er ist so groß, dass man glatt meinen könnte, ich hätte eine Leiche darin versteckt… oder auch zwei. „Hast du alles, was du brauchst?“, fragt sie mich und schmeißt den Deckel wieder zu.

„Denke schon.“ Frische Klamotten für mindestens zwei Wochen plus Nagellackset und alles Nötige an Make-up sind im Koffer. Mein Handy trage ich bei mir in der Handtasche. „Ich bin voll ausgerüstet, um meine Zeit in der Hölle abzusitzen.“ Bis Ende Juli. Dann verschwinde ich.

In einer völlig übertriebenen Geste wirft Brinna ihre Arme um meinen Hals. „Du wirst mir fehlen!“ Ja ja, die Schauspielschule steigt ihr wohl langsam zu Kopf. Andererseits meinte sie damit aber wohl mehr als nur meine Zeit hier im Ferienlager. Wenn diese Tortur vorüber ist, bleibt mir nur noch ein kurzes Wochenende mit meiner besten Freundin, bevor ich außer Landes fliege, um ein Jahr mit meinen anderen beiden BFFs zu verbringen. Brin hat jetzt einen festen Freund in San Francisco und hat sich deshalb geweigert, ihre Bewerbung für Guildhall ein zweites Mal einzureichen. Jace ist ein netter Junge. Sie hat vermutlich die richtige Entscheidung getroffen, bei ihm zu bleiben.

Ich drücke sie an mich und bedanke mich bei ihr fürs Herbringen. Zu schade, dass wir dieses bescheuerte Camp-Ding nicht gemeinsam durchziehen können. Der andere Kerl in der Auswahl für den Aufpasserposten hat letzten Endes doch noch zugesagt. Doc Devonport hat mich noch am selben Abend nach unserem letzten Termin angerufen und die Bombe platzen lassen, dass die erste Hälfte meines Sommers total im Eimer sein und ich nicht nur mit meinen Freundinnen und Cocktails am Pool bei uns zu Hause rumhängen würde. Stattdessen darf ich mich für die nächsten beiden Wochen mit ein paar pubertierenden Teenagern herumschlagen. Das Leben kann so grausam sein…

„Wenn du irgendetwas brauchst, ruf mich an“, sagt Brinna, als sie mich endlich loslässt. „Und am 31. Juli warte ich wieder genau hier.“ Dann neigt sie den Kopf und beginnt zu kichern. „Außer du brauchst schon früher einen Komplizen beim Ausbruch aus dem Camp. Dann kannst du natürlich auf mich zählen.“

Ich muss lachen. „Ja, diese Option sollten wir auf jeden Fall im Hinterkopf behalten.“

Im nächsten Moment macht sie ein trauriges Gesicht. „Ich finde es wirklich schade, dass wir deine letzten Wochen zu Hause nicht gemeinsam verbringen können.“

„Ich auch.“ Mehr, als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Plötzlich fängt die ganze Abschiedsstimmung hier auf dem Parkplatz an, auf mich abzufärben, und mein Hals wird ganz eng. Ich presse die Lippen aufeinander und drücke Brinna noch ein letztes Mal. Dann sehe ich zu, wie sie in ihren Wagen steigt.

Ich schnappe mir meinen Koffer und warte noch darauf, dass sie losfährt, aber nachdem sie den Motor gestartet hat, lässt sie das Fahrerfenster runter. „Jetzt hätte ich es beinahe vergessen!“ Während sie sich zur Seite lehnt, um etwas aus dem Handschuhfach zu holen, schlurfe ich näher. Als Nächstes streckt sie mir ein Smartphone entgegen.

Verwirrt ziehe ich meine Augenbrauen zu einem V zusammen. „Wofür ist das denn? Ich habe doch mein eigenes.“

„Es ist ein altes Handy meiner kleinen Schwester. Nenn es eine Vorsichtsmaßnahme. Du kennst doch die Regeln im Ferienlager. Keine Handys, keine Tablets, keine Laptops, rein gar nichts, das dir die Chance gibt“ – sie macht ein verschwörerisches Gesicht – „mit der Welt außerhalb dieser Mauern in Kontakt zu treten.“

„Diese Regeln gelten doch nur für die Campkids und nicht für die Aufseher“, kontere ich.

„Bist du sicher?“ Brinna fordert mich mit einer hochgezogenen Augenbraue heraus. „Wenn ich recht habe, wirst du dein Handy abgeben müssen und dann bist du im Eimer.“

„Gutes Argument.“ Ich nehme das Smartphone ihrer Schwester und lasse es in meine Handtasche fallen, dann winke ich noch zum Abschied, bis der Camaro nicht mehr zu sehen ist.

Nach einem letzten tiefen Atemzug, der nach Piniennadeln riecht und durch den man die jugendliche Aufregung förmlich spüren kann, mache ich schließlich auf der Stelle kehrt und ziehe meinen schweren Koffer quer über den Parkplatz hinter mir her. Kieselsteine schießen dabei in alle Richtungen. Ein gebogenes Holzschild auf zwei langen, runden Pfosten hoch über dem Boden kennzeichnet den Grenzpunkt ohne Wiederkehr. Die Farbe ist über die Jahre schon ziemlich verblasst, doch der Schriftzug auf dem Schild hat sich nicht verändert, seit ich vor vier Jahren zum letzten Mal drunter gestanden habe.

Willkommen in Camp Khlover!

Meine Brust bläht sich mit einem schweren Seufzen auf, bevor ich darunter durch- und weiterstapfe. Wenn ich mich recht erinnere, liegt bis zum Hauptbüro auf der Mädchenseite des Camps ein Fußmarsch von etwa einer Viertelmeile durch den Wald vor mir. Die Hütten der Jungs sowie der Speisesaal sollten auf der anderen Seite des Sees sein.

Ein paar Jugendliche stürmen an mir vorbei und quietschen vor Lachen. Ihre Koffer scheinen nicht einmal halb so viel zu wiegen wie meiner. Was haben die denn mitgebracht? Einen Bikini und sonst nichts? Vielleicht habe ich es mit dem Fön und dem Glätteisen ja ein wenig übertrieben, allerdings möchte ich die nächsten Wochen auch nicht mit krausen Haaren herumlaufen.

Der Weg mit den vielen Ästen und Zweigen, die quer über dem Trampelpfad liegen, entpuppt sich als ziemlich mühselig. Ich hätte heute Morgen wohl doch lieber Turnschuhe anziehen sollen, anstatt die weißen Stretchjeans mit den schwarzen, hochhackigen Lederstiefeln zu kombinieren. Gott sei Dank ist in meinem Koffer eine ganze Auswahl an Schuhen, sodass für jeden Tag die richtigen dabei sind. Wenn es mir nicht zu blöd wäre, würde ich gleich an Ort und Stelle meinen Koffer aufmachen und ein anderes Paar anziehen. Wenigstens bieten die Bäume am Weg entlang genug Schatten, damit ich nicht zu allem Übel auch noch schweißgebadet im Camp erscheine.

Fünf Minuten später überkommt mich auf einmal ein Gefühl der Heimkehr, als ich am Ende des Weges anhalte und den Blick über das Lager schweifen lasse. Genau wie in meiner Erinnerung stehen die drei geräumigen Blockhütten vor mir. In jeder können bis zu acht Mädchen schlafen und die Terrassen sind alle in die Mitte zum großen Picknicktisch hin ausgerichtet. Die Birke neben der Hütte mit dem Tiger über der Tür ist seit damals ein schönes Stück gewachsen, aber sonst hat sich nichts verändert. Als wäre nicht ein einziger Tag vergangen…

Die Tür zur Eulenhütte steht weit offen und auf den Stufen davor sitzen die drei Mädchen, die vorhin so vergnügt an mir vorbeigestürmt sind. Sie machen den Eindruck, als wären sie schon ewig hier. Bei ihrem Anblick steigen in mir noch mehr Erinnerungen auf. Erinnerungen an Ballspiele, an neue Bekanntschaften und an dieses flauschig-kribbelige Gefühl, das ich einen ganzen Sommer lang in meinem Bauch hatte.

Meine Mundwinkel wandern zu einem Lächeln nach oben. Ich schüttle es ab und marschiere weiter, schnurstracks auf das Büro der Campleitung zu, das etwa fünfzig Meter seitlich vom Lager steht. Es ist keine Blockhütte, sondern ein niedriges gelb gestrichenes Gebäude mit ziegelroten Dachschindeln. Einige Leute lungern in der Tür, hauptsächlich Eltern, die warten, bis sie an der Reihe sind, um ihre Kids registrieren zu lassen.

Den Koffer lasse ich erst mal hier draußen stehen, denn so, wie es aussieht, ist in der Verwaltung im Moment kaum Platz genug, um frei atmen zu können. Ich zwänge mich durch die Tür und halte nach der Person Ausschau, die hier das Sagen hat. Hinter dem Schreibtisch sitzt eine Frau mit rötlichen Haaren über eine Liste gebeugt und sucht ganz offensichtlich einen bestimmten Namen darauf, wobei sie die Spitze ihres Stifts von oben nach unten mitführt.

„Entschuldigen Sie bitte“, sage ich und lehne mich etwas nach vorn, bis sie ihren Kopf hebt und wir Blickkontakt haben. „Mein Name ist Chloe. Ich soll mich hier irgendwo auf dem Gelände mit den anderen Gruppenleitern treffen.“

Mit einem einladenden Lächeln streift sie sich die Stirnfransen aus dem Gesicht. „Ah, sehr gut! Die anderen warten schon auf dich. Geh doch bitte einfach ums Gebäude herum. Auf der Hinterseite findest du –“

„Das Krankenzimmer. Ich weiß“, beende ich für sie und erinnere mich daran, wie ich mir damals den Ellbogen aufgeschlagen habe und jemand sich in besagtem Zimmer um mich gekümmert hat. Mit Jod. Das war übel…

Sie nickt. „Du warst also schon einmal hier?“

„Nicht als Gruppenleiter, aber ich war selbst mal Lagerkind. Das ist allerdings schon ewig her.“

„Das ist doch wunderbar. Du wirst sehen, dass hier immer noch alles beim Alten ist.“ Als Nächstes zieht sie ein paar Zettel aus einer pinken Mappe und übergibt sie mir. „Füll die hier bitte aus und gib sie noch heute wieder ab. Aber fürs Erste lauf einfach nach hinten und mach dich mit deinen Kollegen bekannt. Mein Assistent wird in ein paar Minuten zu euch kommen und euch alles Wichtige erklären.“

„Okay.“ Ich falte die Zettel und stopfe sie in meine Handtasche, dann kämpfe ich mich durch die Elternmassen zurück zum Ausgang. Kurz bevor ich an der Tür bin, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken, so als ob mich gerade jemand beobachten würde.

Schlagartig drehe ich mich um, doch da sind nur fremde Gesichter, also reibe ich mir das Frösteln von den Armen, das an einem so heißen Julitag total fehl am Platz ist. Anschließend eile ich aus dem Büro und um das Gebäude herum. Das Krankenzimmer hat einen eigenen Eingang und zwei Fenster mit Blick auf den Weg runter zum See. Draußen an der Mauer lehnt ein großer, junger Mann mit kurzen, braunen Haaren und einem rot karierten Hemd, welches er um die schlanken Hüften gebunden hat. Ein Bein angewinkelt und den Fuß gegen die Wand gestemmt genießt er eine Zigarette in der Sonne. Er stößt den letzten Schwall Rauch aus den Lungen und wirft den Stummel auf den Boden, um ihn anschließend mit der Fußspitze auszutreten.

„Ist das dein Ernst?“, frage ich mit vorwurfsvoll gerunzelter Stirn. Schon klar, ich bin selbst nicht gerade ein Vorbild für die Kids und das versuche ich auch gar nicht zu sein, aber Rauchen in einem Ferienlager inmitten einer Horde Teenager? Nicht einmal ich würde das tun – wenn ich denn rauchen würde.

Er verzieht den Mund zu einem schuldbewussten Lächeln, wobei die Pickel auf seinen Wangen näher aneinanderrücken. „Tut mir leid“, meint er und bemüht sich rasch mit seinem Fuß etwas Erde über den Zigarettenstummel zu schieben. „Das war meine Letzte, ich schwör’s.“

Um seiner Haut willen bete ich für ihn, dass es stimmt. „Versuchst du aufzuhören?“

„Zum sechsten Mal in diesem Jahr.“

Jetzt tut mir der Kerl, der wahrscheinlich in meinem Alter ist, sogar richtig leid. „Viel Glück dabei!“

„Danke.“ Er streckt mir die Hand entgegen. „Ich bin übrigens Greyson.“

„Chloe.“

Seine langen Finger umschließen meine mit leichtem Zittern. Entweder ist es der bevorstehende Entzug, der ihn beunruhigt, oder das ist sein erstes Mal in einem Sommercamp. Natürlich ist es auch mein erstes Mal als Gruppenleiter hier, aber ich könnte nicht behaupten, dass mich das in irgendeiner Form nervös macht. Allerdings habe ich auch nicht vor, in den nächsten zwei Wochen viel mehr zu tun, als mich am Ufer des Froschteiches zu sonnen. Sollen sich doch die anderen drei Wachhunde um die Kids kümmern.

Greyson folgt mir in das sonnige, saubere Krankenzimmer, in dem außer einer dunkelgrünen Untersuchungsliege mit weißem Papier drauf auch noch ein Schreibtisch und ein paar Medizinschränke stehen. Ein Mädchen sitzt auf dem lehnenlosen Rollhocker und dreht sich darauf hin und her. Ihr schulterlanges, schwarzes Haar ist zu zwei Zöpfen geflochten, deren Enden abstehen. Dieses dottergelbe Top, das sie zu ihren abgeschnittenen Jeans trägt, ist zweifellos ein Magnet für Käfer, Bienen und weiß der Teufel was noch alles. Zu ihr halte ich wohl lieber etwas Abstand.

Ihr Freudestrahlen, als sie mich entdeckt, ist geradezu beängstigend. Sie springt vom Hocker und stürmt auf mich zu. Dabei schüttelt sie meine Hand, ohne dass ich sie ihr überhaupt hingestreckt hatte. „Hi! Du musst Chloe sein“, zwitschert sie.

Und du bist dann wohl Schneewittchens aufgekratzte, kleine Schwester. Die Bemerkung verbeiße ich mir allerdings und nicke nur.

„Wir haben schon auf dich gewartet. Ich bin Julie Reed. Und Greyson kennst du ja bereits, oder?“

Wieder nicke ich.

„Ich bin ja so froh, dass du so jung und nett aussiehst“, plappert sie unaufhaltsam weiter, woraufhin ich nur fragend meine Augenbrauen hochziehen kann. Schnell verbessert sie sich: „Oh, damit meine ich natürlich freundlich. Letztes Mal, als ich im Ferienlager war, hatten wir so eine Gruppenleiterin, die war etwa hundertfünf Jahre alt.“ Dramatisch rollt sie mit den Augen. „Es wäre bestimmt nicht lustig, das Camp mit einer alten, gruseligen Schrulle wie ihr zu führen. Aber du siehst aus, als wüsstest du, wie man sich vergnügt. Wir werden uns sicher super verstehen und eine Menge Spaß mit den Kids haben, wenn wir den Sommer für sie gestalten, Spiele mit ihnen spielen und Essenschlachten machen. Meinst du nicht auch?“

Jaaa… nö. Eigentlich kann ich mir nichts Schlimmeres vorstellen, als mit fünfzig anderen Tauziehen zu spielen. Und Pizza in meinen Haaren? Wohl kaum.

Ich befreie meine Hand aus ihrer und setze mich erst mal auf die Untersuchungsliege an der Wand. „Und? Wo steckt Nummer vier? Man hat mir gesagt, es gäbe kein Camp mit nur drei Aufpassern.“

„Er hat vorhin schon mal kurz reingeschaut, aber dann wollte er noch ein paar Dinge aus dem Büro der Campleitung holen. Anscheinend ist er die rechte Hand der Direktorin.“

„Der Assistent der Rothaarigen?“

„Ja, genau. Und, oh Mann…“ Julie sieht mit einem verträumten Blick zur Decke und pflanzt sich zu mir. Dabei prüft sie rasch, ob Greyson auch außer Hörweite ist. Er hat sich inzwischen hinter den Schreibtisch gesetzt und begonnen, mit einer kleinen Taschenlampe zu spielen – wahrscheinlich als Zigarettenersatz. Das heißt, Julie und ich sind unter uns und sie flüstert mir aufgeregt zu: „Er ist echt eine Sahneschnitte.“

„Nummer Vier? Wirklich?“, flüstere ich zurück und spüre zum ersten Mal, seit ich dazu verdonnert wurde hierherzufahren, ein wenig Begeisterung in mir aufkommen.

Ihre kurzen Zöpfe zappeln in der Luft, als sie enthusiastisch nickt.

Gut zu wissen, denn ehrlich gesagt ist Pickelgesicht Greyson nicht unbedingt Dating-Material. Aber einen tollen Hengst vor Augen zu haben, könnte mir die nächsten Wochen schon etwas versüßen.

„Sieh nur!“ Julie senkt ihr Kinn, die Augen starr auf die Tür gerichtet, und packt mich am Arm, um ihre Begeisterung mit mir zu teilen. Ganz offensichtlich kämpft sie damit, ein freudiges Grinsen im Zaum zu halten. „Er kommt.“

Augenblicklich rutscht auch mein flirtendes Lächeln an seinen Platz, doch ich warte noch mit dem Umdrehen, bis ich seine Schritte im Zimmer höre. Als es dann soweit ist, streife ich mir locker das Haar über die Schulter und blicke zu ihm.

Ein Hauch von Coolness umgibt den jungen Mann, der gerade hereinschlendert. Seine ausgewaschenen Jeans, die locker auf seinen Hüften sitzen, verbergen ein Paar endlos lange Beine. Der netten Vorderseite nach zu urteilen, würde ich glatt annehmen, er hat auch einen sexy Knackarsch. Sein enges weißes T-Shirt spannt über den flachen Bauchmuskeln. Darunter könnte sich ein Six-Pack verbergen. Oder vielleicht sogar ein Eight-Pack, wer weiß? Ich wäre mit beidem zufrieden. Und die muskulöse Brust, die sich unter dem Shirt abzeichnet, weckt in mir den Wunsch, einmal sanft mit den Händen darüber zu streicheln.

Oh ja, diesen Körper würde ich definitiv gerne mal in Badeshorts unten am See abchecken.

Mein Blick wandert höher über seine starken Schultern bis hinauf zu seinem Gesicht und – Fuck! Mit einem entsetzten Schrei springe ich von der Liege. „Justin!“

Ein paar Schritte vor mir bleibt er stehen. Seine Karamellaugen funkeln, als er verschmitzt zu grinsen beginnt. Schockiert stolpere ich noch zwei Schritte rückwärts, bis ich gegen das Fensterbrett stoße, was ihn offenbar sehr amüsiert. „Chloe Summers…“ Er zieht meinen Namen affektiert in die Länge und verschränkt die Arme vor der Brust, die mich eben noch beinahe zum Sabbern gebracht hat. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns vor unserem ersten Klassentreffen in zehn Jahren noch mal wiedersehen.“

Julie rutscht ebenfalls von der Patientenliege und stemmt die Hände in die Hüften, wobei ihr neugieriger Blick zwischen uns hin- und herwandert. „Wow. Ihr beide kennt euch?“

„Wir hatten in der Highschool mal Geschichte zusammen“, erkläre ich, plötzlich leicht außer Atem.

„Und Mathe, Naturwissenschaft und Englisch“, fügt Justin in seelenruhigem Ton hinzu.

Zunächst schwingt Julies Kopf zwischen uns von rechts nach links und wieder zurück, doch am Ende bewegen sich nur noch ihre Augen hin und her. „Also seid ihr Freunde?“

Justins kalter Blick bleibt an mir haften. Seine Mundwinkel zucken zwar nach oben, doch das Lächeln erreicht seine Augen nicht. „Tja…“ Er schnaubt arrogant. „So weit würde ich jetzt nicht unbedingt gehen.“

Nein, Justin Andrews und ich waren in der Highschool nicht befreundet. Vielmehr haben wir, wann immer es ging, den größtmöglichen Bogen umeinander gemacht.

Es kommt mir so vor, als würde mich gerade eine ganze Horde Geister aus meiner Vergangenheit heimsuchen. Mit einem energischen Räuspern versuche ich, den lästigen Frosch in meinem Hals loszuwerden, der sich da vor zwei Sekunden eingenistet hat. Dann krächze ich das Erste, was mir in den Sinn kommt. „Du bist also Nummer Vier?“

Er legt seinen Kopf leicht schief, sodass ihm die Spitzen seiner aschblonden Haare in die Augen fallen. „Nummer Vier?“

„Der vierte Gruppenleiter.“

„Oh.“ Beiläufig streift er sich die zu langen Haarsträhnen mit den Fingern aus dem Gesicht. „Jap.“

„Und du bist außerdem noch der Assistent der Campleitung?“

„Mm-hm.“ Als ob er genau wüsste, dass ich bei dem Gedanken eine Gänsehaut bekomme, leckt er sich über die Unterlippe und verbeißt sich dann ein hämisches Grinsen. „Mrs. Turner fährt heute noch zurück und wird nur hin und wieder mal vorbeikommen, um nachzusehen, ob auch alles in Ordnung ist. In der Zwischenzeit wirst du dich wohl an mich wenden müssen, falls du irgendwas brauchst.“

In diesem Raum sind noch zwei andere Personen, warum also ist sein Blick die ganze Zeit über ausschließlich auf mich gerichtet? Ich schlucke. Wenn er hier die Führung übernehmen soll, dann hatte er womöglich auch Einblick in meine Akte. Er kennt bestimmt den wahren Grund, warum ich diesen saublöden Campscheiß überhaupt mitmache. Verdammt! Abgesehen von Brin, Ker und Les wusste niemand meiner früheren Klassenkameraden über meine Pflichttermine beim Psychiater und die Auflagen Bescheid. Und ihnen habe ich es auch nur erzählt, weil sie auf eine Erklärung bestanden, als ich meine Pläne für London und Guildhall über den Haufen geworfen habe. Justin war der Letzte, der von dem ganzen Schlamassel erfahren sollte. Wie viel weiß er also bereits?

„Und du bist einer von uns!“, wirft Greyson plötzlich voller Enthusiasmus ein und kommt hinter dem Schreibtisch hervor. Er setzt sich auf die Kante und lässt die Beine baumeln. „Das ist spitze! Das heißt, wir können praktisch den ganzen Sommer lang tun und lassen, was wir wollen. Kein Zapfenstreich für die Kids, keine Pflichten – keine Regeln oder sonst was.“

„Ja, vielleicht“, sagt Justin und schmunzelt, als er ihm einen flüchtigen Blick zuwirft. Dann wandern seine Augen wieder zurück zu mir und sein Gesichtsausdruck flaut ab zu einem verschlagenen Grinsen. „Oder auch nicht.“

 

 

Kapitel 2

 

Chloe

 

Als ich meine Beine auf der Patientenliege zum Schneidersitz kreuze, ertönt ein leises Ratsch. Mein Absatz hat gerade ein Loch ins Papier gerissen. Ich streiche es glatt und werfe dann gelangweilt meine Haare über die Schulter. Dieses Meeting zieht sich wie Kaugummi. Zudem geht mir Julie, die auf dem Doktorhocker ständig im Zimmer auf- und abrollt, langsam auf die Nerven. Ich drehe meinen Kopf in die andere Richtung, stütze meinen Ellbogen auf mein Knie und halte mir die Hand wie eine Scheuklappe seitlich ans Gesicht, damit ich sie nicht ständig im Augenwinkel habe. Nur starre ich nun stattdessen Justin auf dem breiten Fensterbrett an und ich bin mir nicht sicher, ob das die Situation wirklich verbessert hat.

So wie er seitlich dasitzt und an der Mauer lehnt, hat er ein Bein auf den Sims gestellt, das andere baumelt locker herunter. Von der Liste auf seinem Klemmbrett, das gegen seinen Oberschenkel lehnt, liest er den nächsten Punkt der Tagesordnung vor. „Campspiele.“ Er blickt hoch und wartet darauf, dass wir erneut eine Diskussion darüber starten, so wie schon über die anderen sieben Punkte davor, damit er sich Notizen machen kann.

„Oh, oh, oh!“ Meldet sich Julie und rollt auf ihrem Docmobil nach vorn. Wie eine Vorzeigeschülerin in der Grundschule hebt sie dabei sogar die Hand. „Ich habe bereits eine Liste von allen Campspielen gemacht, die ich damals am liebsten hatte. Hier ist sie.“ Sie fährt zum Schreibtisch, wo ihre Handtasche steht, und zieht daraus ein gefaltetes Blatt Papier. Dann liest sie uns vor: „Schnitzeljagd, Schatzsuche, Flaggenkrieg…“

Ich klinke mich mental aus, denn die Liste ist schier endlos. Außerdem gibt es sowieso nur ein einziges Spiel, das mir wirklich Spaß machen würde, und das ist Fußball. Obwohl ich seit der Highschool kein ernstes Match mehr gespielt habe und mir etwas Übung fehlt, bin ich zweifellos besser als die meisten der Jugendlichen, die heute im Camp Khlover angekommen sind. Auf jeden Fall besser als Justin. Er war nicht in unserem gemischten Fußballteam auf der Grover Beach High. Wenn ich mich recht erinnere, waren selbstmörderische BMX-Stunts und Comicbücher eher sein Ding. Bei dem Gedanken daran, wie ihn manche Kids früher Spider-Boy nannten, muss ich ungewollt kichern. Na ja, okay, es haben ihn nicht viele so genannt, nur Lesley und ich, aber das war witzig. Zumindest ein bisschen…

„Möchtest du einen Vorschlag machen?“, fragt Justin, den neugierigen Blick auf mich gerichtet.

„Äh… wozu?“

„Spiele? Für die Kids?“ Mit erhobenen Augenbrauen sieht er mich an, als wäre ich geistig umnachtet. „Du hast gerade gelacht, also frage ich mich, ob du vielleicht einen besseren Einfall hast, den du uns mitteilen willst.“

„Tja, nein. Mit Julies Ideen sind wir sowieso bis Weihnachten ausgebucht.“ Ich bemühe mich sehr, es nach einem Scherz klingen zu lassen, aber sie wird trotzdem rot im Gesicht.

„Ich bin wohl etwas übereifrig, wie?“, entschuldigt sie sich.

Justin schenkt ihr ein warmherziges Lächeln. Eines, das er mir verweigert, seit er durch die Tür gekommen ist. „Nein, gar nicht. Ich finde deinen Einsatz großartig“, ermutigt er sie auch noch. „Genau das brauchen wir hier.“ Der blitzschnelle Seitenblick zu mir fühlt sich wie ein Hieb in den Magen an.

„Wir könnten außerdem eine Stunde am Tag oder auch zwei für wiederkehrende Aktivitäten freihalten“, mischt sich nun auch Greyson von seinem Platz hinterm Schreibtisch aus ein. „Volleyball, zum Beispiel, oder Fußball für die, die wollen.“

Justin richtet begeistert seinen Stift auf ihn. „Ausgezeichnete Idee.“ Dann macht er sich rasch ein paar Notizen. „Julie, würdest du gerne die Volleyballgruppe übernehmen?“

Sie nickt freudig. „Klar.“

„Sehr schön. Dann werde ich eine Basketballgruppe leiten. Als Nächstes hätten wir noch Fußball…“ Er kaut auf dem Ende seines Stifts und lässt den Blick zwischen Greyson und mir hin- und herschweifen. Mit einem energischen Räuspern versuche ich ihm klarzumachen, dass doch eigentlich nur ich dafür infrage komme. Er weiß, wie sehr ich Fußball liebe, und würde es sicher nicht wagen – „Grey, kannst du die Kids beim Spiel beaufsichtigen?“

Was zum Teufel – „Justin!“, grolle ich und warte, bis er mir gnädigerweise seine Aufmerksamkeit schenkt. „Was ist mit mir?“

„Keine Panik. Für dich finden wir auch noch was. Wie wär’s denn mit einem Tanzclub?“, schlägt er mit einer Scheißfreundlichkeit vor, bei der mir das Kotzen kommt. „Vielleicht ein bisschen Hip-Hop oder Jazzdance. Die Mädchen werden sicher voll drauf abfahren.“

Dieser verdammte Mistkerl. Zähneknirschend maule ich: „Ich tanze nicht.“

„Dann lerne es. Vielleicht wirst du dadurch ein wenig lockerer.“

Entrüstet klappt meine Kinnlade nach unten. „Wie bitte?“

Er schmunzelt nur und kritzelt irgendetwas auf seine Liste. Schreibt er mich etwa wirklich gerade für diesen dämlichen Tanzworkshop auf?

„Hey! Ich habe nicht Ja gesagt!“, protestiere ich.

„Mm-hm.“ Sein amüsierter Blick bleibt am Klemmbrett kleben und er hört nicht auf zu schreiben. Als er endlich wieder den Kopf hebt, würdigt er mich keines weiteren Blickes. „Nächster Punkt: Zapfenstreich.“

„Der Zapfenstreich war immer das Schlimmste am Ferienlager“, jammert Greyson. „Ich bin dafür, dass wir den Punkt komplett von der Liste streichen.“

Julie unterstützt seine Idee. Sie umfasst die Kante des Stuhls zwischen ihren Oberschenkeln und lehnt sich mit dem gesamten Gewicht nach vorn. „Ich bin ganz Greysons Meinung. Solange die Kids im Lager bleiben, sollten sie so lange draußen bleiben dürfen, wie sie wollen.“

„Hmm. Ich weiß nicht so recht.“ Justin tippt sich mit dem Stift gegen die Lippen, dann lässt er auch sein zweites Bein vom Sims hängen und setzt sich aufrecht hin. „Wir haben es hier mit Teenagern zu tun. Kinder brauchen Regeln. Und was noch dazu kommt… wenn wir den Zapfenstreich aufheben, nehmen wir ihnen gleichzeitig die Chance, sich nachts aus den Hütten zu schleichen. Ist es nicht gerade das, was ein Ferienlager erst so richtig interessant macht? Sie werden die besten Erinnerungen ihres Lebens sammeln, weil sie wissen, dass sie dabei etwas riskieren.“

Während Julie und Greyson zögerlich zustimmen, wirft mir Justin einen feurigen Blick zu, der mir für einen Moment den Atem raubt. „Wie stehst du dazu, Chloe?“, fragt er mich mit tiefer, eindringlicher Stimme.

„Wenn wir sie länger draußen lassen, heißt das, wir müssen sie auch länger beaufsichtigen“, grummle ich immer noch angefressen wegen der Fußballsache. „Ich bin für frühestmögliche Schlafenszeiten.“

„Gut. Dann schlage ich vor: um halb elf in den Hütten und Licht aus um Mitternacht. Irgendwelche Einwände?“ Er wartet ein paar Sekunden. „Keine? Okay, dann wäre das geklärt. Letzter Punkt: Handys.“

Dieses Mal bin ich die Erste, die sich zu Wort meldet. „Ich bitte euch… Lasst ihnen doch die Dinger. Ein paar Anrufe nach Hause werden schon niemanden umbringen.“

„Das sehe ich genauso“, pflichtet mir Justin ohne Zögern bei. „Julie? Grey?“

„Ah… Ich finde, wir sollten sie trotz allem einsammeln“, argumentiert Julie und verzieht dabei ihr Püppchengesicht. „Ihr wisst doch bestimmt noch, wie furchtbar wir in dem Alter waren. Eine Stunde war gar nichts, wenn wir erst einmal angefangen haben, mit unseren Handys zu spielen oder auf Facebook rumzuhängen.“

„Sie hat recht.“ Greyson steckt sich das herumliegende Stethoskop in die Ohren und untersucht seinen eigenen Herzschlag. „Welchen Sinn macht es, sie in die Natur zu locken, wenn sie sich dann doch nur ständig mit ihren Smartphones beschäftigen?“

Justin kratzt sich am Nasenflügel. „Da ist was dran.“

„Die Kids sollten aber auf jeden Fall zu Hause Bescheid geben, dass sie ab sofort nicht mehr erreichbar sind, damit sich auch keine Eltern Sorgen machen. Wer Heimweh hat und mal zu Hause anrufen möchte, kann ja zu uns kommen und wir geben ihnen das Handy dann alle paar Tage mal für eine halbe Stunde oder so“, fügt Julie noch hinzu. „Der Fairness halber sollten wir auch auf unsere eigenen Smartphones verzichten. Was wären wir sonst wohl für Vorbilder?“

„Okay. Dann machen wir das so. Die gleichen Regeln für alle.“ Und wieder fordert mich Justin mit einem provokanten Blick heraus. „Denkst du, du kommst damit klar, Summers?“

Ich grinse zurück und schicke ein stilles Danke nach Hause zu meiner genialen Freundin. „Kein Problem.“ Ich werde einfach Brinnas Handy abgeben, so bleibt mir meins für den Kontakt zur Außenwelt. Das einzige Problem ist nun, dass ich meinen Freundinnen nicht zu jeder beliebigen Tageszeit schreiben kann und auch nicht, wenn jemand in der Nähe ist. Aber alles in allem ist das nur ein kleiner Nachteil.

Justin akzeptiert meine Antwort zwar mit einer leichten Verwunderung, doch er nickt. Als Nächstes legt er das Klemmbrett weg, umfasst die Fenstersimskante mit den Händen an beiden Seiten neben seinen Hüften und überkreuzt die Knöchel. „Und zum Schluss sagt mir jetzt noch jeder, welche Gruppe er oder sie gerne leiten möchte. In diesem Jahr sind es nur einunddreißig Kinder. Kaum genug, um die Hütten zu füllen. Das Gute daran ist, dass die Teamleiter somit eine Blockhütte ganz für sich allein bekommen.“

Julie hebt wieder die Hand. Als wir uns alle zu ihr drehen, sagt sie: „Ich möchte gerne die Eulengruppe übernehmen. Als Teenager war ich selbst in der Gruppe. Nennt mich nostalgisch, aber es würde mir wirklich viel bedeuten.“

„Cool. Dann bekommst du die Eulen.“ Justin neigt seinen Kopf zu mir. „Chloe? Was möchtest du lieber sein? Tiger oder Eichhörnchen?“

Ich verdrehe die Augen zur Decke. Sehe ich etwa aus wie ein verfluchter Nager? „Tiger“, schnaube ich.

„Natürlich.“ Er schmunzelt und lässt anschließend Greyson die Wahl zwischen Füchsen, Waschbären und Wölfen.

„Ähm… Waschbären.“

„Gut, dann nehme ich die Wölfe.“ Er rutscht vom Fenstersims und klatscht einmal kurz in die Hände, was auch für uns andere das Stichwort ist, um aufzustehen. „Ihr könnt euch jetzt mit euren Gruppen bekannt machen und ihnen beim Einzug helfen. Wir sehen uns dann später beim Abendessen. Ich mache euch bis dahin eine Kopie der Liste und nehme sie mit.“

Nummer Zwei und Drei huschen aus dem Krankenzimmer, sichtlich begeistert sich endlich um ihre Schützlinge kümmern zu können. Justin folgt ihnen, doch ich bleibe bei der Krankenliege stehen und lehne mich dagegen. Bevor er zur Tür rausspazieren kann, höre ich mich leise seinen Namen sagen. Überrascht dreht er sich um.

Für einige intensive Sekunden sehen wir uns nur in die Augen. Der Moment ist geladen mit Erinnerungen an die Highschool, an das ständige Ausweichen, an Vorwürfe und Geheimnisse. „Was ist los, Tiger?“, fragt er mich und seine unerwartet sanfte Stimme wärmt dabei mein Herz auf ganz eigenartige Weise.

Von dem plötzlichen Sinneswandel total aus der Bahn geworfen, suche ich nach den richtigen Worten. Mist, ich sehe vermutlich aus wie ein gestrandeter Fisch, so wie mein Mund gerade auf- und zuklappt, ohne dass dabei ein Ton herauskommt. Er lehnt sich gegen den Türrahmen und lacht leise, während er offensichtlich darauf wartet, dass ich meine Stimme wiederfinde.

Das gelingt mir allerdings erst, als ich meinen Blick von ihm abwende und stattdessen auf meine Füße starre. „Wieso haben sie dich zum Assistenten gemacht?“

„Ich nehme stark an, wegen meines Studienfachs.“ Er kommt näher und lehnt sich neben mich an die Kante der grünen Liege, wobei er seine Arme verschränkt und die Beine überkreuzt. „Cybil Turner ist eine alte Freundin meiner Mutter. Außerdem wusste sie, dass ich nach einem Praktikum für die Sommerferien gesucht habe.“

Nun hebe ich doch wieder den Kopf, weil er mich weiß Gott neugierig gemacht hat. „Was studierst du denn?“

„Ich habe mit Sozialarbeit angefangen, werde mich aber ab nächstem Semester auf ein Lehramt spezialisieren.“

Ist schon seltsam, wie wir beide plötzlich eine ganz normale Unterhaltung führen können, nur weil wir allein sind – und über zwölf Monate, nachdem wir uns beim Schulabschluss zum letzten Mal gesehen haben. Grübelnd schüttle ich den Kopf und gebe zu: „Ich hätte nie gedacht, dass du einmal Lehrer werden würdest. Oder überhaupt mit Kindern arbeiten möchtest.“

In einem knappen Lächeln presst er die Lippen aufeinander und legt den Kopf etwas schräg. „Das kommt daher, weil du mich nicht wirklich kennst.“

Stimmt.

„Was ist mit dir?“, fragt er anschließend. „Wie passt dieses Ferienlager in deinen Plan als angehende Schauspielerin?“

„Woher weißt du von –“

„Der Schauspielakademie? Steht alles in deiner Akte“, erklärt er mir. „Aber bilde dir nichts darauf ein, ich habe auch die Bewerbungen und Lebensläufe der beiden anderen gelesen.“ Als er lacht, klingt es sehr reserviert. „Also, warum das Sommercamp? Ist bestimmt nicht um der alten Zeiten willen, oder?“

In seinen Augen suche ich nach einem Hinweis, dass er die Wahrheit bereits kennt und sich nur dumm stellt, doch Justin bewahrt ein Pokerface. Habe ich mir vielleicht völlig grundlos Sorgen gemacht? Könnte ja sein, dass in meiner Akte gar nichts über meine nötigen Sozialstunden steht. „Ich… ähm… musste einen Praktikumsplatz finden, in dem ich mit Menschen zu tun habe.“

„Ach, tatsächlich?“ Er blinzelt unschuldig. „Und es hat auch gar nichts mit deinen Bewährungsauflagen zu tun?“

„Du –“, knurre ich in der Absicht, ihm zu sagen, was für ein Arsch er doch ist, weil er mich hat auflaufen lassen. Doch dann stoße ich einen Seufzer aus und lockere meinen verkrampften Kiefer. „Doch, hat es.“ Was macht es für einen Sinn zu lügen, wenn er die Fakten doch sowieso schon kennt?

Ich hätte damit gerechnet, dass er mich auslachen würde, doch Justin überrascht mich mit seinem einfühlsamen Tonfall. „Über dreihundert Stunden, hm?“

Ich kann ihm unmöglich länger ins Gesicht sehen, also starre ich erneut auf meine Füße. „Jap.“

„Ich frage mich, wie du in diesen Schlamassel geraten bist.“

Stellt er sich jetzt nur wieder blöd? Wahrscheinlich. Trotzdem gebe ich ihm eine Antwort. „Kannst du dich noch daran erinnern, als ich im letzten Schuljahr meinen Wagen zu Schrott gefahren habe?“

„Mm-hm.“

„Ich war damals sturzbetrunken“, murmle ich. „Alkohol am Steuer, und dann war ich auch noch minderjährig. Zwanzig Monate auf Bewährung und einen Haufen Sozialarbeit.“

Er ist so still, dass ich mich mit einem prüfenden Blick vergewissere, ob er mit den Gedanken immer noch bei mir ist. „Du hast nicht gewusst, dass ich betrunken war, oder?“

Ganz langsam schüttelt er den Kopf. Seine Augen sind dabei vor Bestürzung weit aufgerissen. Das wiederum schockiert mich ein wenig, denn einer der Jungs, die nach dem Unfall gemeinsam mit meiner Cousine und ihrem Freund nach mir gesucht haben, war zufällig der Kapitän meines Fußballteams und Justins bester Freund. Ist schon komisch, dass Ryan ihm nie die Wahrheit erzählt hat. Andererseits war damals das halbe Fußballteam auf der Suche nach mir, und nachdem die Befragungen auf dem Polizeirevier endlich vorbei waren, hatten sie alle geschworen, kein Sterbenswörtchen zu verraten.

Obwohl in der Zeit danach niemals irgendwelche Gerüchte aufgetaucht waren, habe ich ihnen dennoch nicht wirklich vertraut. Sieht so aus, als hätten sie wider Erwarten ihr Versprechen gehalten.

„Wissen Lesley und Kerstin über deine Strafe Bescheid?“, will Justin nun wissen.

„Ja.“

„Wow, ich bin beeindruckt. Ich hätte ihnen glatt zugetraut, diese Neuigkeiten bei der erstbesten Gelegenheit unter die Leute zu bringen.“

Ein bitteres Lachen entweicht mir. „Nein, das hätten sie nie getan. Sie sind meine Freundinnen.“ Darüber hinaus weiß ich Dinge über die beiden, für die sie eine weit längere Bewährungsstrafe bekommen hätten als ich für Alkoholkonsum Minderjähriger. „Wie auch immer. Ende Juli ist die Sache endgültig ausgestanden und ich wäre dir dankbar, wenn du diese Informationen vertraulich behandeln könntest.“ Ich nagle ihn mit einem kalten Blick fest. „Gehört das nicht ohnehin zu deinen Pflichten als Assistent?“

„Schon klar.“ Er beißt sich auf die Unterlippe und lächelt dabei. Amüsiert? Verschlagen? Scheiße noch mal, ich werde aus unserem Gespräch einfach nicht schlau.

Ich atme tief durch und beobachte ihn misstrauisch. „Das ist echt seltsam.“

„Was meinst du?“

„Na uns beide. Wie wir uns gerade wie ganz normale Leute miteinander unterhalten. Ich kann mich nicht erinnern, wann wir das zum letzten Mal getan haben.“

Er zögert ein paar Sekunden und meint schließlich leise: „Ich schon.“ Sein warmer Blick ruht für einen langen Moment auf mir und umhüllt mich dadurch mit einer Wolke aus Erinnerungen. Ich frage mich, wo wir beide heute stünden, wenn damals einiges anders gelaufen wäre. Wenn andere Entscheidungen getroffen worden wären.

Dann, ganz plötzlich, werden seine Augen schmal wie die von einem Luchs. Ein kalter Schauer läuft mir dabei über den Rücken. Er gibt mir einen Klaps auf den Oberschenkel und drückt dabei leicht zu, bevor er sich letzten Endes aufrichtet, zur Tür geht und dabei murmelt, „Bewährung…“ Sein Lachen ist das Letzte, was ich höre.

Ach, fahr doch zur Hölle, du Schwachkopf! Ich warte, bis er verschwunden ist, dann stoße ich mich von der Untersuchungsliege ab und stapfe hinaus in die Sommerhitze. Wie ein Signal, das mir die Richtung weisen soll, driftet der Lärm der aufgeregten Kinder durch die Bäume und um das Gebäude herum zu mir. Mein Koffer steht immer noch vor Mrs. Turners Büro. Ich ziehe ihn hinter mir her, während ich mir den Weg durch das Gedränge wie bei einem Hindernislauf bahne.

Von Weitem leuchtet schon Julies gelbes T-Shirt im Kontrast zur dunklen Holztür der Eulenhütte hinter ihr. Wild fuchtelt sie mit den Händen in der Luft herum und versucht die Mädchen am Fuß der Treppe mit ihrer piepsigen Stimme zur Ordnung zu rufen, aber der chaotische Haufen nimmt nicht einmal Notiz von ihr. Wenn das ihr Plan ist, wie sie die Kids unter Kontrolle halten will, dann steht ihr wohl ein harter Sommer bevor.

Zum Glück ist das nicht mein Problem. Ich marschiere geradewegs auf die Eichhörnchenhütte zu, die ich mir mit der Eulenanführerin teilen werde, und bleibe vor den Stufen zur Veranda stehen. Auf den vielen Ferienreisen, die ich mit meiner Familie unternommen habe, gab es in den teuren Hotels bisher immer einen Pagen, der unser Gepäck in die Suite gebracht hat. Leider sehe ich hier niemanden, der mir für ein bisschen Trinkgeld meinen Koffer da hochschleppen könnte.

Dazu verdammt es selber zu tun, drehe ich mich mürrisch um, packe den Griff fest mit beiden Händen und hieve den Koffer mühevoll eine Stufe nach der anderen hinauf. Nach dreimaligem Poltern mache ich erschöpft eine Pause. Vielleicht war es ja ein Fehler, den gesamten Schminkkoffer mit einzupacken. Doch was ist ein Mädchen ohne ihr Make-up? Als ich den Koffer die nächste Stufe hochziehe, rutscht mir der Griff aus der Hand und ich spüre einen scharfen Schmerz in der Spitze meines linken Zeigefingers. Nagel eingerissen – na toll. Und dabei war ich erst letzte Woche bei der Maniküre.

Eine ganze Salve von wüsten Flüchen kommt über meine Lippen, aber das Schleppen wird deshalb auch nicht einfacher. Als ich endlich die fünfte und letzte Stufe erklommen habe und mit Sack und Pack auf der überdachten Veranda stehe, tropft mir der Schweiß von den Augenbrauen und ich wische ihn mit dem Handrücken weg.

Die Tür steht offen. Drei unberührte Stockbetten plus zwei Einzelbetten, ein kleiner Schreibtisch am Fenster und zwei große Kleiderschränke sind alles, womit diese Blockhütte ausgestattet ist. Die gesamte Einrichtung ist aus demselben cappuccino-braunen Holz angefertigt und macht beinahe den Eindruck, als wäre dies ein echter Eichhörnchenbau. Die Bodendielen knarren bei jedem meiner Schritte. Als ich das letzte Mal in diesem Camp war, habe ich fünf Wochen lang in der Tigerhütte gewohnt. Obwohl die Ausstattung damals schon exakt die gleiche war, kommt es mir in meiner Erinnerung viel gemütlicher vor.

Ein sportlicher, schwarzer Trolley steht an einem der Bettenden. Das hat vermutlich die fröhliche Nummer Zwei für sich ausgewählt. Gut, dann nehme ich das andere Einzelbett.

Erschlagen vom Schleppen und der Hitze sinke ich auf den einfachen Holzstuhl beim Schreibtisch. Keines der Betten ist bezogen. Die Matratzen sehen alle alt und zerschlissen aus, aber zumindest riechen sie frisch. Jemand hat wohl vor Beginn des Ferienlagers noch einmal alles ordentlich durchgeputzt. In der E-Mail, die die Campleitung vor einigen Tagen geschickt hat, stand, dass jeder seine eigenen Bettlaken und -bezüge mitbringen soll. Auf keinen Fall lege ich mich hier irgendwohin, bevor nicht alles bezogen ist. Doch das Auspacken kann ruhig noch bis nach dem Abendessen warten.

Justin hat uns ganz schön lange im Krankenzimmer aufgehalten und mittlerweile knurrt mir schon der Magen. Ich fische die Spriteflasche aus meiner Handtasche, doch die Limo ist inzwischen warm wie Nudelsuppe und ekelhaft süß. Angewidert schraube ich die Flasche wieder zu und werfe sie in den Mülleimer neben der Tür, dann krame ich noch einmal in meiner Tasche. Irgendwo da drin muss eine Nagelfeile sein. Gott sei Dank habe ich immer eine für Notfälle wie diesen dabei.

Während ich versuche, mit dem Fundstück die Katastrophe einzudämmen, schlendere ich wieder raus auf die Veranda. Vor der Hütte gegenüber kämpft Julie immer noch um Aufmerksamkeit. Im Moment versucht sie, die Mädchen in zwei Gruppen zu teilen. Oh Mann, wer hat denn bloß dieser lahmen Ausgabe einer Autoritätsperson den Job als Gruppenleiter übertragen? Mit einem vergnügten Schmunzeln feile ich weiter an meinem Nagel, bis er wieder so gut wie neu ist, wenn auch unerfreulich kurz im Moment. Ich verstaue die Feile in meiner Tasche und schicke Brinna rasch eine Nachricht, solange ich noch alleine bin. Darin erzähle ich ihr die üble Neuigkeit, dass ich mich die nächsten zwei Wochen mit Justin herumschlagen muss. Ihre sekundenschnelle WTF-Antwort gibt mir das Gefühl, dass mich zumindest eine Person auf der Welt versteht. Leider kann ich ihr nicht den ganzen Tag lang schreiben und den restlichen Nachmittag allein in der Hütte zu hocken ist mir auch zu blöd. In meiner begrenzten Auswahl an Möglichkeiten erscheint sogar Julies Gesellschaft ein klein wenig einladend – so seltsam das auch klingt.

Wie zu erwarten, kämpft sie immer noch die Schlacht ihres Lebens mit den Kids, als ich wieder nach draußen gehe. Kopfschüttelnd verdrehe ich die Augen und zwänge mich durch die unbändige Herde auf dem Platz vor den Stufen. Sobald ich es bis nach oben zu Julie geschafft habe, baue ich mich neben ihr auf, stecke meine Finger in den Mund und pfeife einmal so laut, dass die Vögel im Baum neben uns fluchtartig aus der Krone flattern. Augenblicklich starren mich ein Dutzend erschrockene Gesichter an.

„Danke für eure Aufmerksamkeit! Mein Name ist Chloe Summers und ich werde die Leitung der Tiger übernehmen“, informiere ich die Girls mit einem zuckersüßen Lächeln. Dann nicke ich kurz zu Nummer Zwei. „Diese Eule hier heißt Julie. Wer in ihre Gruppe will, schnappt sich jetzt seine Sachen und begibt sich ins Eulennest. Der Rest kommt mit mir.“

Ich stapfe die Stufen hinunter und zwischen den Mädchen hindurch. Ihre großen Augen sind alle auf mich gerichtet, aber sonst bewegen sie sich keinen Millimeter. Da drehe ich mich noch einmal um und knurre in einem Ton, der keine Widerrede duldet: „Sofort!“

In einem blitzartigen Tumult greifen sich alle ihre Koffer und Taschen, und während etwa die Hälfte die Treppen zu Julie hinauf flüchtet, folgt mir die restliche Meute in die Tigerhütte.

Na bitte. Geht doch.

 

 

Kapitel 3

 

Justin

 

Ich hämmere mit der Stirn gegen die Badezimmertür. Chloe Summers… Von all den Mädchen aus der Highschool muss ausgerechnet sie eine der Gruppenleiterinnen sein.

„Justin? Ist alles in Ordnung?“, dringt Greysons Stimme durch den Spalt unter der Tür zu mir herein.

Nach einem tiefen Atemzug drehe ich den Türknauf und gehe zurück in das Zimmer, das er und ich uns für die Zeit hier im Camp teilen werden. „Klar. Alles bestens.“

„Oh. Okay.“ Mit einem leicht konfusen Ausdruck im Gesicht zeigt er mit dem Daumen über seine Schulter in Richtung des Bades. „Hat sich nur eben so angehört, als wärst du da drin gegen die Tür gerannt oder so.“

Jap, das war ich, als ich versucht habe, mir ein Mädchen aus dem Kopf zu schlagen, das da drin so absolut überhaupt nichts verloren hat.

„Ich bin gestolpert“, rede ich mich knapp heraus und mache anschließend damit weiter, meine Sachen aus dem Koffer in die Regale auf der rechten Seite des einzigen Schranks hier in der Hütte zu räumen. Zugegeben, der Kleiderschrank ist zwar ziemlich groß, aber wie acht Jungs hier ihre Sachen verstauen sollen, ist mir ein Rätsel.

Zum Glück bewohnen Greyson und ich die Blockhütte allein. So, wie es aussieht, hat er nicht viel Zeug mitgebracht. Ich auch nicht. Ein paar Klamotten, Sachen fürs Badezimmer, feste Schuhe für Waldwanderungen und dann noch ein zweites Paar Turnschuhe. Nachdem ich das meiste Zeug im Schrank verstaut habe, sind nur noch die Bettlaken in meinem Koffer. Ich setze mich aufs Bett und gebe mir alle Mühe, das Kissen in einen blau karierten Bezug zu stopfen. Greyson hat seine Decke und das Kissen bereits bezogen. Mann, bei ihm hat das so einfach ausgesehen.

„Und? Was hältst du von den Mädchen?“

„Hm?“ Ich unterbreche den Kampf mit meinem Kissen für einen Moment und sehe zu meinem Zimmergenossen rüber, der entspannt auf seinem Bett rumlungert.

„Chloe und Julie“, sagt er und macht sich über die dritte, rote Gummischlange her, seit wir vom Abendessen zurück sind. Er zieht die Dinger aus seinem Rucksack wie aus einem bescheuerten Zauberhut. „Wie war dein erster Eindruck?“

„Julie scheint ganz nett.“ Ich schiebe den letzten Knopf an meinem Kissenbezug durch das Loch und beginne dann eine zweite Schlacht, aber dieses Mal mit der Decke. „Ich finde es klasse, wie sie sich mit vollem Eifer ins Campabenteuer stürzt. Sie gibt bestimmt eine gute Gruppenleiterin ab.“

„Mm-hm. Und sie ist auch echt niedlich“, plappert Greyson vor sich hin.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ihm aufgefallen ist, wie er gerade leise geseufzt hat, daher werfe ich ihm einen stichelnden Blick zu.

„Sie ist witzig.“ Er beißt ein Ende des roten Gummizeugs ab und spricht weiter, während er darauf herumkaut. „Als sie uns beim Essen diese Witze erzählt hat, hätte ich mir vor Lachen fast in die Hose gepinkelt.“

Bei dem Gedanken daran, wie ich mich wegen dem Mädchen mit den schwarzen Zöpfen beinahe selbst an meinem Abendessen verschluckt hätte, muss auch ich schmunzeln.

„Und Chloe“, fährt Grey fort, „ist echt ein heißer Feger. Hast du eine Ahnung, ob sie vergeben ist?“

Oh-oh! „Mädchen wie Chloe sind niemals in festen Händen“, warne ich mit tiefgezogenen Augenbrauen. „Von ihr solltest du dich lieber fernhalten.“

„Echt? Wieso? Ich dachte, ihr beide wärt Freunde. Irgendwie…“

„Lange Geschichte.“ Ich rolle mit den Augen und gewinne endlich den Kampf gegen die Bettdecke. „Um es kurz zu machen, sie war eine verzogene Göre auf der Highschool, die sich um nichts und niemanden außer um sich selbst gekümmert hat.“

„Und du glaubst nicht, dass sie sich in der Zwischenzeit verändert haben könnte?“

Ich lasse meinen Blick andeutungsweise auf seine rote Gummischlange gleiten. „Darauf würde ich meine Süßigkeiten lieber nicht verwetten.“ Andererseits, wer weiß? Es wäre möglich, dass Chloe Summers sich trotz allem geändert hat. Sie könnte jetzt einen festen Freund haben und ruhiger geworden sein. Oder… sie ist immer noch dasselbe Miststück, das mit sämtlichen Jungs aus dem Fußballteam geschlafen hat. Dann mit dem Basketballteam. Und zu guter Letzt auch noch mit der Hälfte der Jungs aus der Abschlussklasse. Soweit ich weiß, hat sie jeden Einzelnen von ihnen hinterher abserviert, ohne sich auch nur einmal nach ihnen umzudrehen.

„Ich weiß ja nicht…“ Greyson stopft sich den Rest der Gummischlange in den Mund und mampft schmatzend weiter. „Beim Abendessen hat sie auf mich ganz nett gewirkt.“

„Weil sie beim Essen auch die ganze Zeit über still war“, kontere ich. „Wenn sie den Mund nicht aufmacht, kann auch nichts Schlimmes dabei rauskommen.“ So einfach ist das. Und wenn sie in Greys Nähe nicht versucht hat, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, dann kann das eigentlich nur bedeuten, dass er nicht ihr Typ ist. Wahrscheinlich ist er ihr nicht sportlich genug.

Und mich würde sie niemals – nicht in einer Million Jahren – anmachen. Das ist schlichtweg eine Tatsache.

„Womöglich verurteilst du sie aber auch zu hart. Immerhin ist es bereits über ein Jahr her, seit du sie zuletzt gesehen hast.“

Langsam geht er mir auf die Nerven damit, dass er Chloe ständig verteidigt. Energisch schüttle ich das Kissen auf und brumme: „Worauf willst du hinaus?“

„In einem Jahr kann viel passieren. Vielleicht ist sie jetzt ja netter als früher und überrascht dich noch?“

Ich zucke gleichgültig mit den Schultern. „Tja, mir bleiben fünf Wochen, um das herauszufinden, nicht wahr?“

Greyson steht vom Bett auf und gräbt in seinem Rucksack herum, bis er schließlich eine gelbe Packung M&M’s herauszieht. Er reißt sie auf und schüttet sich ein paar in den Mund, ehe er mir ebenfalls ein paar anbietet.

„Ist nicht dein Ernst!“, pruste ich lachend, greife aber in die Packung und schnappe mir eine Handvoll. „Bist du zuckerabhängig, oder was geht hier ab?“

„Rauchentwöhnung.“

„Ah. Wie lange bist du denn schon auf Entzug?“

Er wirft einen raschen Blick auf die Armbanduhr. „Sieben Stunden und zweiunddreißig Minuten.“

„Wow, das muss ganz schön hart sein.“ Kopfschüttelnd werfe ich mir die M&M’s in den Mund, das grüne zuerst.

„Es ist die Hölle, Mann. Ich brauche unbedingt ein wenig Ablenkung“, jammert er. Dann erhellt sich sein Gesicht plötzlich mit einem begeisterten Grinsen. „Was hältst du davon, wenn wir die Mädchen anrufen und sie zu uns auf einen Drink einladen?“

Fragend ziehe ich eine Augenbraue nach oben. „Und womit sollen wir sie anrufen? Mit dem Smartbusch vielleicht?“

„Ach ja, richtig.“ Er kratzt sich verlegen am Kopf. „Vielleicht hätten wir die Handys doch nicht einsammeln und wegsperren sollen.“

„Für Reue ist es jetzt zu spät, mein Freund.“ Ich ziehe mir eine schwarze Kapuzenjacke über das weiße T-Shirt und öffne die Tür. „Los, komm! Wir gehen rüber und fragen sie selbst.“

Grey stapft raus auf die Veranda, bleibt aber dann abrupt stehen und dreht sich zu mir um. „Was machen wir inzwischen mit den Jungs? Können wir sie so lange allein lassen?“

Ich glaube nicht, dass eins der Kinder schon am ersten Abend im Camp irgendwelchen Blödsinn anstellen wird. Die sind doch alle noch damit beschäftigt, sich erst mal in den Hütten einzuleben. Allerdings will ich auch kein Risiko eingehen, also springe ich über das Geländer der Veranda und steuere auf die Wolfshütte zu.

Als ich die Tür aufstoße, schlägt mir sofort ein fürchterlicher Gestank ins Gesicht. „Whoa!“ Die Nase gerümpft stolpere ich rückwärts wieder aus dem Zimmer und fächere mir frische Luft zu. Was ist das nur, dass Jungs ständig furzen, wenn gerade keine Mädels in der Nähe sind? Ich schlage mir eine Kragenseite meines Hoodies über die Nase und kämpfe mich durch die Meute der Jungs, die gerade johlend und aufgedreht ihre Sachen in den Regalen und Laden verstauen, und mache das Fenster auf der anderen Seite des Zimmers auf. Weit hinausgelehnt sauge ich die frische Luft in meine Lungen und wende mich dann meiner Gruppe zu.

Da offenbar keiner von ihnen meine Anwesenheit bemerkt hat, klatsche ich zweimal in die Hände und schreie: „Jungs!“ Der Raum wird schlagartig still, sodass ich meine Ansprache machen kann. „Vor dem Essen habe ich euch über eure Pflichten hier im Camp aufgeklärt. Nun haben Greyson und ich uns einen kleinen Wettstreit für euch ausgedacht, der den Gewinnern gestattet, dem Verliererteam zwei Tage ihres Küchendienstes aufzubrummen.“

Das beschert mir eine Runde Applaus und das freudige Grölen der Kids.

Vorhin beim Auspacken habe ich eine ganze Sammlung von Brettspielen und Puzzles im obersten Regal unseres Schranks entdeckt. Jede Hütte hat ihre eigenen Spiele, also stapfe ich über den Haufen herumliegender Klamotten zum Schrank und hole zwei Puzzles heraus, die je aus eintausend Teilen bestehen. Eine der Schachteln überreiche ich dem Jungen oben auf dem Stockbett zu meiner Linken, der vorhin, als ich hereingekommen bin, gerade die restliche Bande mit seinen Scherzen unterhalten hat. Wenn ich mich nicht irre, ist sein Name Brian. Sein chaotisches Haar ist stachelig vom Haargel und der Kragen seiner Jeansjacke ist lässig aufgestellt. Dieser Bursche scheint mir die nötigen Voraussetzungen für einen Anführer mitzubringen. Er setzt sie besser für etwas Nützliches ein, anstatt nur faul herumzuhängen.

„Das Team, das sein Puzzle zuerst fertig hat“, sage ich direkt zu ihm, „gewinnt.“

Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, rutscht Brian vom Bett und schüttet das Puzzle in der Mitte des Raumes auf den Boden. „Na los! Schwingt schon eure Ärsche runter“, befiehlt er seinen Freunden und bestätigt damit meinen Verdacht. Sämtliche Jungs lassen augenblicklich alles stehen und liegen und versammeln sich um ihn herum auf den Bodendielen.

Greyson bringt die zweite Schachtel in den Waschbärbau und legt ihnen ebenfalls die Regeln klar. Als er zurückkommt, klopft er mir auf die Schulter. „Geniale Idee.“

„Kinder wollen beschäftigt werden. Gib ihnen was zu tun und keiner wird sich in Schwierigkeiten bringen.“ Ich ziehe den Reißversschluss meine Kapuzenjacke nach oben und stecke die Hände in die Taschen, während ich in Richtung See starte. „Und jetzt besuchen wir die Mädels.“

 

 

Kapitel 4

 

Chloe

 

„Herr im Himmel, das hält ja kein Mensch aus! Jedes Kerzenlicht ist besser als diese Lampe da!“, meckere ich und mahle gereizt mit den Backenzähnen. Die blöde Glühbirne flackert schon, seit wir das Licht eingeschaltet haben, nachdem wir vom Speisesaal zurückgekommen sind. Zu dumm nur, dass wir keine Kerzen in der Hütte haben. Draußen ist es schon dunkel, und so ganz ohne Licht wäre das Auspacken doch relativ schwierig.

„Vielleicht haben die Kabel ja einen Wackelkontakt?“, meint Julie und kippt den Schalter zum gefühlt hundertsten Mal in der letzten halben Stunde. Als sie ihn wieder nach oben drückt, befinden wir uns für etwa zwei Minuten in der flackerfreien Zone, doch dann geht das nervige Blinken von vorne los.

Sie verstaut ihre Sachen im Schrank neben der Tür, daher beschlagnahme ich den auf der anderen Seite des Zimmers. In dem Moment, als ich meinen Koffer auf den Boden lege und aufmache, springen T-Shirts, Kleider und Röcke nach allen Seiten heraus. Eine zusätzliche Tasche wäre wohl ganz nützlich gewesen, aber zwei Gepäckstücke zu tragen, kam nicht infrage, wenn ich doch stattdessen auch alles in einen Koffer quetschen konnte. Endlich kann ich meine Klamotten wechseln und schlüpfe rasch in abgeschnittene Jeans und ein lila Trägertop. Die Hütte gleicht um diese Tageszeit immer noch einer finnischen Sauna.

„Wow! So viel Kram?“ Julie macht ganz große, runde Augen. Als sie dabei kichert, klingt sie wie ein Entenküken. „Sieht aus, als würdest du für fünf Monate einziehen und nicht nur für fünf Wochen.“

„Ich habe lediglich das Nötigste eingepackt.“

Sie kniet sich neben mich auf den harten Fußboden, hebt meine Riemchensandalen mit der einen Hand hoch, meine dunkelblauen Pumps mit der anderen und grinst mich breit an. „Genau.“

Die Blauen sind meine Lieblinge. Die konnte ich doch nicht zu Hause lassen. Ich schnappe mir beide Paare und verstaue sie – meine restlichen Schuhe inbegriffen – unten im Schrank.

In Wahrheit habe ich nicht einmal annähernd genug Schuhe mit, um ordentlich gekleidet durch die nächsten zwei Wochen zu kommen. Doch bei den wenigen Sachen, die Julie mitgebracht hat, würde sie mein Dilemma sowieso nicht verstehen. Wie man einen ganzen Sommer mit nur vier oder fünf T-Shirts, einer Handvoll Shorts und zwei Paar Turnschuhen überstehen soll, ist mir unbegreiflich, besonders, da die nächste Reinigung ja nicht eben mal um die Ecke ist. Nummer Zwei, Drei und Vier mag es vielleicht nichts ausmachen, ihre Klamotten wie in der Steinzeit im Fluss auszuschwemmen und in der Sonne zu trocknen, aber ich bevorzuge es, jeden Tag frische Sachen anzuziehen – die auch weichgespült wurden.

Beide Arme vollbepackt trage ich alles, was ich für meine Schönheit brauche, ins Badezimmer und verstaue die Sachen dort in einem schmalen Regal. Zahnbürste, Körperlotion, Parfüms und Haarbürsten platziere ich griffbereit auf der Ablage über dem Waschbecken. Shampoo und Conditioner kommen gemeinsam mit meiner nach Orchideen duftenden Seife in die Duschkabine.

„Und, wie sieht’s aus?“, dringt Julies Stimme durch die offene Badezimmertür zu mir herein. „Erhebst du Anspruch auf Justin?“

„Oh Gott, nein!“ Wie kommt sie denn darauf? Ich schließe die Duschkabinentür und verstaue die restlichen Sachen wie Fön, Glätteisen und Lockenstab im Schrank unter dem Waschbecken. „Was soll ich denn mit dem?“

Sie erscheint in der Tür, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Ihr breites Lächeln ist genauso nervig, wie das Flackern der Glühbirne. „Ich weiß nicht. Dachte nur, da ihr beiden euch ja schon von früher kennt und Freunde seid…“

Aus meiner hockenden Position vor dem Waschbecken blicke ich sie scharf an. „Wir sind keine Freunde. Eigentlich kennen wir uns so gut wie überhaupt nicht.“ Ich schließe die Schranktür und kämpfe mit dem Kabel des Föns, damit es endlich drinnen bleibt. Dann richte ich mich auf. „Und nein, ich erhebe ganz sicher keinen Anspruch auf irgendjemanden hier. Keiner der beiden Jungs ist mein Typ. Und die restliche Bevölkerung in diesem Lager ist etwa ein halbes Leben zu jung für mich.“

„Du bist witzig.“ Obwohl das überhaupt nicht als Scherz gemeint war, lacht die Eule trotzdem und fliegt aus dem Bad. „Ehrlich gesagt mag ich beide Jungs ganz gern. Justin weiß offenbar, was er tut, und ich persönlich finde das ja total heiß. Außerdem sieht er wirklich gut aus. Und Greyson hat das süßeste Lachen überhaupt, findest du nicht? Ich steh drauf, wenn er kichert.“

Ich folge ihr zurück ins Zimmer. „Hast du deshalb beim Abendessen die ganze Zeit Witze erzählt?“

Ihr verlegener Blick streift mich nur kurz. „Die Wahrheit ist, ich war heute ein bisschen aufgeregt. Lachen hilft mir dabei, lockerer zu werden.“

Das ist nicht zu übersehen. Im Gegensatz zu dem nervösen Wrack, das sie heute Nachmittag noch war, als sie um die Aufmerksamkeit der Kids gekämpft hat, ist sie seit dem Abendessen die Ruhe in Person. Ein total relaxter Vogel.

Ich hole meine lila Satinbettwäsche aus dem Koffer und beginne damit, mein Bett zu überziehen. Julie hat ihres schon fertig und es sieht aus wie eine flauschige Zuckerwattewolke mit Hunderten von klitzekleinen Blümchen übersät. Wem hat sie denn diese kitschige Bettwäsche gestohlen? Heidi von der Alm?

Ich verliere lieber keinen Kommentar über ihren Geschmack und frage stattdessen: „Kann ich mir ein Regal in deinem Schrank leihen?“ Ratlos halte ich dabei meinen Schminkkoffer hoch. „Meiner ist bereits voll und im Badezimmer ist auch kein Platz mehr dafür.“

„Klar, mach nur. Du kannst außerdem auch die Schubladen im Schreibtisch haben. Du brauchst den Platz offenbar dringender als ich.“ Sie nimmt mir den Schminkkoffer ab, stellt sich auf die Zehenspitzen und verstaut ihn im obersten Regal ihres Schranks.

Klasse! Die Schieber sind genau richtig für mein Maniküre-Set und die vielen Nagellackfläschchen. Gott sei Dank sind das die letzten Sachen, die mein Koffer hergibt. Gerade als ich die Dinge im Schreibtisch verstauen will, klopft es an der Tür.

Ich werfe Nummer Zwei einen skeptischen Blick zu. Wir haben die Mädchen vor weniger als einer Stunde in die Hütten geschickt, damit auch sie auspacken und sich einleben können. Die können doch unmöglich schon wieder etwas von uns wollen. Julie zuckt nur mit den Schultern und öffnet die Tür.

„Guten Abend“, höre ich Nummer Drei und Vier zu ihr sagen, noch bevor ich sie sehen kann. Julie tritt zur Seite und lässt sie herein. „Hi“, begrüßen mich beide.

Justin steckt seine Hände in die Hosentaschen und tritt näher, als er sich im Zimmer umsieht. Dann grinst er mir ins Gesicht. Es ist kein warmherziges Lächeln, sondern eher hämisch, und ich habe keine Ahnung, was es zu bedeuten hat.

„Was gibt’s?“, schnappe ich und drücke dabei den Beutel mit den Nagellackfläschchen fester an meine Brust. Fünfzehntausend Quadratmeter Wald mit ihm zu teilen, ist etwas, das ich gerade noch ertragen kann. Ihn aber in meinem Schlafzimmer zu haben, geht eindeutig zu weit.

Er ignoriert meinen schnippischen Tonfall völlig und antwortet mit lässigem Achselzucken: „Wir wollen im Speisesaal noch was trinken und haben uns gedacht, ihr wollt vielleicht mitkommen.“

„Oh, das klingt toll. Klar kommen wir mit“, ruft Julie begeistert, ohne daran zu denken, vorher vielleicht auch noch meine Meinung einzuholen.

Um Justin herum werfe ich ihr einen rasiermesserscharfen Blick zu. „Du kannst ja gehen, wenn du willst. Ich bleibe lieber hier und packe fertig aus.“ Ein oder zwei Stunden allein in der Hütte kommen mir sowieso ganz gelegen. Brinna sitzt bestimmt schon auf heißen Kohlen, um zu hören, wie der restliche erste Tag im Camp gelaufen ist.

„Ach, bitte! Du musst auch mitkommen“, fleht Julie, doch sie ist es nicht, die gerade meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Justin macht zwei gefährlich langsame Schritte auf mich zu.

Seinen Kopf leicht gesenkt und den Blick scharf auf mich gerichtet, sagt er in einer leisen Stimme, die zweifellos nur für mich allein bestimmt ist: „Ich weiß, dass du lieber nicht hier wärst. Aber du kannst die Sache nun mal nicht ändern und wir auch nicht. Also beiß bitte einmal in deinem Leben die Zähne zusammen und versau uns anderen nicht den Spaß, okay?“

Waaas?

Was denkt der Mistkerl eigentlich, wer er ist? Flammende Hitze steigt mir ins Gesicht und stoppt nicht einmal, als sie bereits meinen Haaransatz erreicht. Meine ganze Kopfhaut prickelt vor Wut. Energisch werfe ich meine Haare über die Schulter nach hinten. „Lass mich einfach in Ruhe, dann werde ich dir auch nichts versauen.“ Ich mache auf dem Absatz kehrt und räume endlich den Beutel mit den Fläschchen weg.

In dem Moment aber, als ich die Lade im Schreibtisch aufziehe, blickt mich daraus ein schleimig grüner Frosch an und quakt mir ins Gesicht.

Ein ohrenbetäubender Schrei entfährt mir und der Beutel mit den Nagellackfläschchen rutscht mir aus der Hand. Ich mache einen entsetzten Satz zurück – direkt in Justins Arme – und verstecke mein Gesicht an seiner Schulter. „Ohmeingott! Ohmeingott! Ohmeingott!“

Er drückt mich wortlos an sich. Irgendwo hinter mir kriegen sich Julie und Greyson vor Lachen gar nicht mehr ein, doch Justin bleibt still. Als ich vorsichtig den Kopf hebe, sieht er mir überrascht in die Augen. Ich habe ihn wohl eben genauso sehr erschreckt, wie der Frosch mich. Ganze fünf Sekunden lang macht er keinen einzigen Atemzug, dann zuckt sein Kehlkopf, während er schwer schluckt.

Meine Hände flach auf seine Brust gedrückt bekomme ich nun doch die Muskeln zu spüren, die mir heute Nachmittag bereits von Weitem den Mund wässrig gemacht haben. Sie sind hart wie Granit und auch seine kräftigen Oberarme spannen sich an, als er mich immer noch festhält.

Das heisere Wimmern stirbt allmählich in meinem Hals, bis nichts weiter als rasche, warme Atemstöße herauskommen. Seine karamellfarbenen Augen halten dabei meine immer noch mit feurigem Blick gefangen.

Er ist gewachsen, denn ich muss nun meinen Kopf etwas nach oben neigen, um ihm ins Gesicht zu sehen. Und ich wette, wenn ich meine Arme um ihn schlinge, würde ich bestimmt einen durchtrainierten Körper anstatt den eines schmächtigen Jungen spüren.

Ein Kribbeln in meinem Bauch macht mir bewusst, wie nahe wir uns im Moment tatsächlich sind. Das und die Tatsache, dass seine Arme so fest um mich geschlungen sind, dass ich kaum noch Luft holen kann.

Mit dem Daumen streichelt mir Justin sanft über den Rücken. Ganz langsam. Ich glaube nicht, dass er das unbewusst macht. Dann schiebt sich sein linker Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln nach oben und er lässt mich los. „Angst vor Fröschen, Tiger?“, zieht er mich auf und geht rüber zum Tisch. Er nimmt das ekelhafte Reptil aus der Lade und entlässt es durchs offene Fenster in die Freiheit.

Ich brauche einen Moment, um wieder zu Atem zu kommen. Mein Blick hängt immer noch an Justin, als wäre er mit Superkleber an ihm festgeklebt. Doch als er vom Fenster zurücktritt, mache ich rasch einen Schritt zur Seite und drücke mich mit dem Rücken an die Wand, um ihm nicht noch einmal in die Quere zu kommen. Das Gefühl, so zärtlich von ihm gehalten zu werden, hat einen tiefen Schock und bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Ich möchte das nur ungern wiederholen.

Julie, die inzwischen endlich aufgehört hat, sich über meine Panikreaktion halb totzulachen, saust zum Tisch, hebt den Beutel auf und legt ihn in die offene Lade. Mit einem Freudestrahlen in den Augen wirbelt sie zu mir herum und erklärt mit einer Begeisterung, die ich absolut nicht teilen kann: „Na bitte, jetzt bist du fertig mit Auspacken. Das heißt doch, dass du uns ohne schlechtes Gewissen begleiten kannst.“

Uff. „Sieh mal, es ist schon beinahe zehn Uhr“, argumentiere ich mit einem zerknitterten Gesicht. „Jemand muss auf die Mädchen aufpassen, damit sie nicht auf irgendwelche Schnapsideen kommen.“ Jap, ausgezeichnete Ausrede, um hierzubleiben. „Ihr solltet wirklich allein gehen.“

„Ach, das ist kein Problem. Wir wissen, wie wir das regeln“, mischt sich Greyson in unser Gespräch ein und zeigt dabei viel mehr Enthusiasmus, als um diese Tageszeit angebracht ist. „Komm mit!“, sagt er zu Julie, schnappt sie an der Hand und zieht sie mit hinaus ins Freie. Das Letzte, was wir von den beiden hören, bevor die Tür hinter ihnen zuschlägt, ist, wie er ihr etwas über einen Wettkampf und zwei Puzzles erklärt.

Einen Moment lang bleibe ich wie angewurzelt an der Wand stehen und spüre, wie Justins Präsenz den Raum von Sekunde zu Sekunde mehr ausfüllt. Er betrachtet die beiden Betten mit Neugier und dreht sich dann zu mir, wobei er zu dem violett bezogenen nickt. „Deins?“

„Ja.“ Mist, meine Stimme ist immer noch zittrig von vorhin.

Ohne um Erlaubnis zu fragen, lässt er sich auf die Matratze sinken. Er kippt nach hinten, sodass er auf die Ellbogen gestützt quer über dem Bett liegt, die Schultern und den Kopf an die Wand gelehnt. Ein Fuß steht noch auf dem Boden, den anderen hat er angewinkelt und auf die Kante des hölzernen Bettrahmens gestellt.

Mit schmalen Augen beobachte ich ihn. Zudem kriecht bittersüßer Sarkasmus in meine Stimme. „Oh bitte, mach’s dir nur bequem.“

Justin reibt mit einem verhaltenen Grinsen über die glatte Oberfläche der Satinbettwäsche. „Gemütlich.“

Ich knirsche mit den Zähnen, weil ich ihn nämlich nicht ansehen und dabei fühlen will, was auch immer gerade in mir vorgeht. Lieber lenke ich mich damit ab, meinen Koffer zu schließen und ihn neben dem Schrank zu verstauen. Oh, und vielleicht müssen ja auch meine Klamotten noch einmal neu gefaltet werden.

„Euer Licht ist kaputt“, stellt er nach einer Weile fest.

Während ich damit beschäftigt bin, jedes einzelne T-Shirt in meinem Schrank neu zusammenzulegen, bemühe ich mich darum, nicht in seine Richtung zu schielen, sondern zucke nur mit den Schultern. „Das geht schon so, seit wir es heute Abend angeknipst haben.“ Mein Ton ist zwar gleichgültig, aber in Wahrheit werde ich wohl gleich etwas Dummes tun, wie mit Steinen nach der Glühbirne zu werfen, wenn dieses blöde Flackern nicht bald aufhört.

Etwas schleift über den Fußboden und ich drehe mich automatisch nach dem Geräusch um. Justin hat den Stuhl vom Schreibtisch in die Mitte des Zimmers gezogen und steigt gerade auf die Sitzfläche. Er zieht sich das Bündchen seines Hoodies über die rechte Hand und greift dann nach oben, wo er die Birne eine Viertelumdrehung nach rechts schraubt. Das Flackern hört auf.

Als er zufrieden auf mich herabsieht, starre ich ihn und die Lampe nur mit offenem Mund an. „Gern geschehen“, sagt er sichtlich amüsiert, steigt vom Stuhl und stellt ihn zurück an den Tisch. „Kann ich dir sonst noch bei etwas behilflich sein, damit du uns nachher begleiten kannst?“

Mir gefällt sein neckischer Tonfall nicht. „Nein. Und danke für die Einladung, aber ich komme trotzdem nicht mit.“

Justin stößt einen Seufzer aus, als er sich auf den Stuhl fallen lässt. „Manche Dinge ändern sich wohl nie, oder?“, murmelt er.

Wie bitte? Ich verschränke die Arme vor der Brust. „Was soll das denn jetzt heißen?“

„Meine Güte, Chloe.“ Er verdreht die Augen zur Decke, bevor er mich wieder ins Visier nimmt. „Warum musst du dir denn immer selbst im Weg stehen? Was ist so schlimm daran, ein paar Stunden mit uns anderen zu verbringen, damit wir uns alle ein bisschen besser kennenlernen können? Immerhin stecken wir hier gemeinsam für die nächsten fünf Wochen fest. Findest du nicht, wir sollten zumindest versuchen, miteinander auszukommen?“ Die Augenbrauen angehoben wackelt er mit dem Kopf wie eine Schildkröte und fügt hinzu: „Friedlich?“

„Ich komme mit allen gut aus. Ich will nur nicht jede freie Minute mit euch verbringen. Das ist alles. Ihr habt sicher auch ohne mich euren Spaß.“

Er steht auf und kommt langsam auf mich zu. „Du willst es einfach nicht verstehen, oder?“ Als ich rücklings an die Wand flüchte, platziert er seine Hände links und rechts neben meinem Gesicht auf dem Holz. „Hier geht es nicht nur um dich allein. Julie würde wirklich gerne mitkommen, aber sie will nicht ohne dich gehen. Wenn du es also nicht für dich tun kannst, dann tu es wenigstens für sie.“

Ich ziehe den Bauch ein und wage es fast nicht, zu atmen, während ich versuche, den größtmöglichen Abstand zwischen uns zu bringen. Verdammt noch mal, hat er etwa noch nie etwas von Wohlfühldistanz gehört, und dass er die gefälligst einhalten soll?

„Sie macht es sicher nicht von mir abhängig, ob sie mit euch mitkommt oder nicht“, fauche ich – oder vielleicht hauche ich es auch nur… ziemlich heiser.

„Du kannst Leute offenbar sehr schlecht einschätzen.“

„Na und? Mir doch egal.“ Die Hände auf seine Brust gelegt schiebe ich ihn von mir weg und schnappe schockiert nach Luft, als er sich keinen Millimeter bewegt. „Lass mich in Ruhe!“

„Du weiß, dass ich hier das Sagen habe“, warnt er mich mit einer Stimme, die nichts Gutes verheißt. „Ich kann dich dazu zwingen, dass du mitkommst.“

Das ist doch nur eine fette Lüge. „Nein, kannst du nicht.“

Er presst die Lippen aufeinander und ist kurz davor spöttisch zu grinsen. „Du hast recht, das kann ich nicht. Aber am Ende deiner Bewährungsfrist muss ich einen Bericht über dich abgeben. Und die wirklich wichtige Frage lautet nun: Was werde ich da wohl reinschreiben?“ Provokant verzieht er den Mund auf eine Seite und tut so, als ob er gerade scharf nachdenken müsste. „Hast du deinen Job ernst genommen und warst eine Vorzeigegruppenleiterin? Oder bist du kläglich durchgefallen?“

Meine Augen gehen auf wie der Vollmond überm Froschteich. „Das wagst du nicht!“

Er beugt seine Arme, sodass seine Nasenspitze noch näher kommt und seine Brust schließlich gegen meine drückt. „Bist du dir da ganz sicher?“

Das Einzige, worüber ich mir im Moment im Klaren bin, ist, das mir heiß ist. Viel zu heiß. Die Temperatur hier drin muss in den letzten zwanzig Sekunden um mehr als zehn Grad angestiegen sein. Und dann frage ich mich plötzlich, was für ein bescheuertes Spiel er gerade mit mir treibt. In den vergangenen vier Jahren haben wir keine drei Worte miteinander gewechselt und auf einmal glaubt er, er kann mich so leicht aus der Fassung bringen?

Obwohl, meinem galoppierenden Herzschlag nach zu urteilen, schafft er es tatsächlich. Wie blöd ist das denn?

Gerade in diesem Moment kommen Nummer Zwei und Drei zur Tür hereingestürmt. „Es ist alles unter Kontrolle. Wir können aufbrechen“, verkündet Julie freudig. Doch dann bleibt sie wie versteinert stehen, als Justin sich gerade gemächlich von der Wand und mir wegstößt. Ihre Wangen füllen sich mit einem verlegenen Rosa. Oh Shit, sind meine etwa auch rot? Ihren entsetzten Gesichtern nach zu urteilen, glauben Julie und Greyson jetzt garantiert, sie hätten etwas viel Intimeres unterbrochen, als es tatsächlich war.

Ich räuspere mich so gelassen es geht und rücke mein lila Top zurecht. „Ernsthaft, Julie, ich will wirklich nicht mitgehen“, jammere ich, sobald ich mir sicher bin, dass meine Stimmbänder wieder einwandfrei funktionieren.

Sie starrt mich nur an wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Dabei fällt alle Freude buchstäblich aus ihrem Gesicht. Obwohl sie es rasch mit einem erzwungenen Lächeln überspielt, ist die Enttäuschung mehr als offensichtlich. „Okay.“ Ihre Stimme ist viel leiser als zuvor, sanfter und von jeglicher Aufregung verlassen. So dreht sie sich zu den Jungs um und sagt ihnen: „Tja dann… vielleicht ein anderes Mal. Genießt den Abend zu zweit.“

„Was soll das denn jetzt?“ Mein Kinn klappt nach unten. „Ich meinte doch nicht, dass du auch hierbleiben sollst. Los, geh schon mit! Habt Spaß!“

Ohne viel Elan hebt sie ihre Schultern an. „Ich lass dich doch nicht an unserem ersten Abend hier im Camp allein.“

Die Hände hinter dem Rücken verschränkt schleicht Justin hinter Julie zur Tür und wirft mir dabei einen auffordernden Blick zu. Alles was er macht, ist seine Augenbrauen hochzuziehen. Er weiß, dass er in diesem Moment nichts weiter sagen muss.

„In Gottes Namen, dann gehen wir eben alle!“ Mit einem angewiderten Grummeln stapfe ich zum Schrank, wobei mir der zufriedene Ausdruck in Justins Gesicht echt am Arsch vorbeigeht, schlüpfe in meine Sandalen und verschwinde nach draußen.

Zwei, Drei und Vier folgen mir, wobei einer von ihnen das nun flackerfreie Licht ausmacht und die Tür schließt. Als ich kurz mal zu Julie schiele, ist ihr freudiges Strahlen bereits zurück an seinem Platz. Zumindest wird eine von uns beiden heute Nacht ihren Spaß haben.

Während wir alle gemeinsam zur anderen Seite des Sees wandern, erklärt sie mir die ach so grandiose Idee, die Justin und Greyson hatten, um die Kids zu beschäftigen und von jeglichem Blödsinn fernzuhalten. Zwar nicke ich von Zeit zu Zeit, um sie glücklich zu machen, aber in Wahrheit höre ich ihrem Geschwafel nicht einmal mit einem halben Ohr zu. Ich bin vielmehr damit beschäftigt, mir ein Frösteln von den Oberarmen zu reiben. Ein leichter Wind ist aufgezogen. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nicht nur mit einem Trägertop bekleidet losmarschiert, sondern hätte mir auch noch ein Sweatshirt um die Schultern gehängt.

Das gelbe, quadratische Gebäude ist stockdunkel, als wir ankommen, doch Justin kennt sich hier anscheinend aus, denn er kippt nur ein paar Schalter neben der Tür und schon wird es am anderen Ende des Raumes und in der Küche dahinter hell. „Der Kühlschrank ist voll mit Limos. Ihr könnt euch so viel nehmen, wie ihr wollt.“

So viel wir wollen? Wie lange haben die denn vor hierzubleiben? Ich bin zwar mitgekommen – weil mich dieser Fiesling dort erpresst hat –, aber ich werde sicher nicht die ganze Nacht in diesem Saal verbringen. Ein Getränk. Und je schneller es leer ist, umso besser.

Ich hole mir eine Sprite aus der Küche und setze mich mit den anderen an den Tisch, den wir auch beim Abendessen für uns hatten. Ist schon irgendwie komisch, nachts hier zu sein. Alles ist so still. Wir müssen gar nicht mehr schreien, damit man uns über den üblichen Lärm der Kids hören kann. Ehrlich gesagt ist es mit den wenigen Lichtern, die nur über unserem Tisch angemacht sind, sogar ganz gemütlich hier.

Während ich still an meiner Sprite nippe und mich entspannt in dem roten Plastikstuhl zurücklehne, erzählt uns Julie in einer endlosen Geschichte, wie Gruppenleiter zu sein für sie so ist, als würde sie die beste Zeit ihrer Kindheit wiederaufleben lassen. Irgendwie gleichen ihre Camperinnerungen ja sehr stark meinen eigenen, trotzdem wäre ich nie im Leben freiwillig hierhergekommen. Die Story über Justins Hintergründe habe ich ja schon am Nachmittag gehört und Greysons Motive, eine Horde Teenager zu beaufsichtigen, haben offenbar mit seinem kleinen Bruder zu tun. „Er wollte unbedingt ins Ferienlager, aber es ist sein erstes Mal allein weg von zu Hause und er hatte ziemlich Schiss davor“, erzählt uns Nummer Drei. Mit einem älteren Familienmitglied im Camp, das immer ein Auge auf den kleinen Collin Monroe haben kann, war das Problem also gelöst.

„Wenn ich einen kleinen Bruder hätte, der sich in die Hose macht, könnte er sich auf den Kopf stellen und Gold spucken – ich würde seinetwegen keinesfalls den halben Sommer aufgeben und in ein Ferienlager fahren“, schnaube ich verächtlich und nehme noch einen Schluck aus der Flasche.

„Ach, so übel ist es nicht. Als ich mich erst einmal an die Idee gewöhnt hatte, habe ich mich richtig auf die Zeit hier gefreut“, versichert mir Greyson. „Aber weshalb bist du denn eigentlich hier? Du siehst nicht gerade glücklich darüber aus, wenn ich ehrlich bin.“

Als ich die Sprite runterschlucke, hallt es durch den halben Saal. Ich beiße mir auf die Lippe, weil ich nämlich absolut nicht weiß, was ich sagen soll. Ich habe ja auch nicht damit gerechnet, dass mich jemals einer nach meinen Gründen fragen würde.

„Ja, Tiger“, spottet Justin mit einem Funkeln in den Augen, als er sich zurücklehnt und die Hände über seinem Bauch verschränkt. „Warum bist du hier?“

Oh ja, er genießt das…

Fall doch einfach tot um, Drecksack, möchte ich ihn angiften, doch ich halte mich zurück und mahle stattdessen mit den Backenzähnen. Keiner an diesem Tisch wird mich dazu bringen, ihnen von meinen Bewährungsauflagen zu erzählen. Und Justin schon gar nicht.

„Weil, Spider-Boy“, sage ich mit brennender Verachtung in der Stimme und Feuer in meinem Blick, „ich am Ende dafür belohnt werde.“

„Du wirst dafür bezahlt?“, fragt Greyson verblüfft.

„Nein.“ Durch ein leichtes Husten verliere ich das Gift in meiner Stimme, das ja eigentlich nur für Justin bestimmt war. „Nach dem Camp darf ich nach Europa. Es gibt dort eine großartige Schauspielakademie in England, in die ich bereits eingeschrieben bin. Außerdem leben momentan auch zwei meiner besten Freundinnen dort und warten schon darauf, dass ich bei ihnen einziehe.“

„Abgefahren!“, zischt Julie.

„Für zwei Wochen Camp bekomme ich also ein ganzes Jahr geschenkt.“

„Fünf“, sagt Justin.

„Wie bitte?“

Er blinzelt ein paarmal. „Für fünf Wochen Camp.“

„Ja, genau. Das habe ich natürlich gemeint“, verbessere ich mich rasch und senke den Kopf. Doch die Zweifel in Justins Augen entgehen mir dabei nicht. Verfluchter Mist. Ich muss wirklich vorsichtiger sein, mit dem, was ich sage. Noch so ein Ausrutscher darf mir vor ihm nicht passieren.

„Bist du nach der Highschool auch schon hier irgendwo auf eine Schauspielschule gegangen?“, will Julie wissen.

„Ja. Ich habe das ganze letzte Jahr in San Francisco gelebt“, erzähle ich ihr stolz.

„Oh, wie aufregend! Ich war noch nie außerhalb von San Luis Obispo, mein ganzes Leben nicht – na ja, außer im Sommerferienlager.“ Sie lacht. „Hast du auch schon irgendwelche Stars getroffen? Werdet ihr in der Schule von richtigen Schauspielern unterrichtet? Wie lange dauert die Ausbildung denn?“

Da Julie sofort Feuer und Flamme ist und alles ganz genau wissen will, erzähle ich ihr mehr über das Institut, an dem ich mit Brinna studiert habe. Bald schon ist mein Hals ganz trocken von den vielen Antworten, die ich ihr und Greyson gebe. Die beiden sind sprachlos, als sie hören, dass Harrison Ford vor Kurzem als Gastmentor in einem meiner Kurse aufgetaucht ist. Leider kann ich ihnen das Selfie von uns beiden auf meinem Handy nicht zeigen, denn offiziell habe ich ja kein Handy mehr. Es sollte im Moment mit all den anderen Smartphones in einem Schrank im Hauptbüro vor sich hin trauern, weil es nicht benutzt wird. Muss ja keiner wissen, dass meins in meiner Handtasche drüben in unserer Hütte auf mich wartet.

Während Julie und Greyson eine aufgeregte Diskussion darüber führen, welchem Star sie am liebsten mal begegnen möchten, nutze ich die Gelegenheit und hole mir noch etwas zu trinken aus dem Kühlschrank um die Ecke. Gerade, als ich mir ein Mineralwasser greife, spüre ich, wie jemand hinter mich tritt.

„Ich bin beeindruckt. Du bist nicht einmal rot geworden, als du ihnen ins Gesicht gelogen hast.“ Justins Schnurren kitzelt mich am Ohr. Ich erstarre augenblicklich zur Salzsäule und verkrampfe die Hand um die Flasche zur Faust. „Andererseits“, spricht er mit sanfter Stimme weiter, „bist du ja auch früher nie rot geworden, wenn du Lügen erzählt hast.“

Ich wirble herum und stelle schockiert fest, dass ich zwischen dem Kühlschrank und Justin, der die Tür mit einer Hand festhält und die andere an das Edelstahlgehäuse gelegt hat, gefangen bin. „Es war keine Lüge“, teile ich ihm schnippisch mit. „Es war lediglich eine Version der Wahrheit.“

„Ah ja, richtig.“ Sein Blick wird trotz des Feuers in seinen Augen finster, als er mich anstarrt. „Du warst ja immer schon ein Naturtalent im Verdrehen von Wahrheiten, damit sie dir gut in den Kram passen.“

Die Kälte aus dem offenen Kühlschrank hinter mir kriecht langsam meine Beine hinauf, während die Hitze von Justins Körper von vorne in mich eindringt. Der Kampf zwischen Feuer und Eis in mir zwingt mich beinahe in die Knie. Ich muss hier weg.

Bei dem Versuch zu entkommen, drücke ich gegen seinen ausgestreckten Arm, doch er hält die Kühlschranktür so fest, dass ich ihn keinen Zentimeter bewegen kann. „Willst du mich etwa für immer hier festhalten?“, knurre ich und teste dabei, ob es möglich ist, ihn mit meinem Blick zu töten.

Einen unendlich erscheinenden Moment lang bleibt er einfach wie angefroren stehen und überlegt. Dann sagt er schließlich viel zärtlicher als zuvor: „Nein“, und schmunzelt dabei. „Nur für fünf Wochen.“

Ha. Ha. Er ist ja so witzig. Ich drücke noch einmal gegen seinen Arm, diesmal viel fester, und am Ende gelingt es mir, ihn aus dem Weg zu schieben. Genervt beiße ich mir auf die Zunge und stapfe zurück an den Tisch. Justin folgt mir nur ein paar Sekunden später. Er setzt sich mit einer Fanta Lemon auf seinen Platz. Lange Zeit betrachte ich die gelb-orange Dose und versinke dabei in den Tiefen einer lang vergessenen Erinnerung.

Ich sitze im Gras und wische mir gerade das klebrige Zeug aus dem Gesicht. „Das hast du mit Absicht gemacht!“

Seine Augen sind gefährlich dunkel und auf mich gerichtet. „Mm-hm.“ Dann beginnt er, verschmitzt zu grinsen, und wischt sich mit dem Handrücken über die nassen Lippen, bevor er einen weiteren Schluck von seiner Fanta Lemon nimmt.

Ich schüttle die Bilder ab. Justin hatte vorhin schon recht – manche Dinge ändern sich offenbar nie.

Nach der intensiven Begegnung mit ihm allein in der Küche ist es beruhigend, wieder in der Gesellschaft der anderen zu sein. Und obwohl ich gedacht hatte, nur ein Getränk mit ihnen durchhalten zu können, überrascht es mich selbst, dass ich nach Mitternacht immer noch mit der ganzen Bande am Tisch sitze und zuhöre, wie uns Julie gerade ein Spiel erörtert, zu dem sie die Kinder morgen animieren möchte.

„Als ich damals im Ferienlager war, haben wir es Flaggenkrieg genannt“, erklärt sie. „Es gibt da also zwei Fahnen, eine für die Jungs und eine für die Mädchen. Beide Gruppen müssen sie mit allem was ihnen heilig ist beschützten. Die Gruppe, die es schafft, der anderen die Flagge zu stehlen und sie bis zum Ende des Camps zu behalten, gewinnt.“

Obwohl ich ja eigentlich nur spärlich begeisterungsfähig für irgendwelche Lagerspiele bin, finde ich diese Idee doch ganz spannend. Vielleicht ist das nur der Sportsgeist, der sich gerade in mir zu Wort meldet, aber als Julie meint, dass wir zwei Fahnen in unterschiedlichen Farben basteln müssen, bin ich die Erste, die vorschlägt, dass wir dafür doch einfach zwei Geschirrtücher aus der Küche stibitzen könnten.

„Gute Idee“, pflichtet Justin mir bei und bittet Greyson, schnell nach draußen zu laufen und uns zwei passende Äste zu holen, die wir als Stangen verwenden können. In der Zwischenzeit geht er in die Küche und kommt wenig später mit zwei Tüchern zurück. Eines ist blau-weiß kariert, das andere weiß-gelb. „Blau für die Jungs?“, schlägt er vor und hält dabei beide hoch.

Wir binden jedes an einen Stock und – voilà – schon haben wir zwei perfekte Flaggen für die Kids.

Julie schwingt unsere fröhlich durch die Luft, als wir zurück zu unserer Hütte spazieren. Weil es schon so spät ist und die Jungs sich wohl gerne als Gentlemen sehen, begleiten sie uns durch den Wald. Der leichte Wind von vorhin hat zugenommen. Ein Blick nach oben in den sternenleeren Himmel versichert uns, dass es gleich zu regnen beginnt. Wir sollten uns lieber beeilen.

„Ist dir kalt?“, fragt mich Greyson, als ich mir zum zehnten Mal die Oberarme rubble, um mich aufzuwärmen. „Justin kann dir sicher seine Jacke leihen, bis wir bei eurer Hütte sind.“

„Nicht nötig“, versichere ich ihm freundlich und werfe gleichzeitig Justin einen warnenden Blick zu, damit er ja nicht auf dumme Gedanken kommt. Aber seinem finsteren Gesicht nach zu urteilen, hatte er sowieso nicht daran gedacht, mir seine Kapuzenjacke anzubieten.

Beim nächsten kalten Windstoß fange ich jedoch an, Julie und Justin um ihre Jacken zu beneiden. Greyson hingegen scheint es in seinem T-Shirt ganz gut zu gehen.

Das Kinn tief und den Blick auf den Waldweg vor mir gerichtet höre ich, wie die Jungs miteinander flüstern und bekomme ein ganz mieses Gefühl dabei.

„Was denn?“, faucht Justin Greyson mit unterdrückter Stimme an, aber leider nicht leise genug, als dass Julie und ich es überhören könnten.

„Ihr ist kalt“, zischt Greyson zurück.

Darauf folgen ein paar unverständliche Worte und schließlich schnaubt Justin: „Ist ja gut, Grey, ich habe verstanden.“

Plötzlich taucht er in meinem Augenwinkel auf, als er ganz dicht neben mir geht. Ich weigere mich, zu ihm hochzusehen, doch eine Sekunde später hängt er mir seinen vorgewärmten Hoodie um die Schultern. Seine Jacke zu tragen, ist das Letzte, was ich heute Nacht will, also versuche ich erbittert sie abzuschütteln. Justin schnappt mich daraufhin an den Schultern und hält das blöde Teil an Ort und Stelle. „Wenn du meine Jacke auf den Boden wirfst“, warnt er mich mit einem gefährlichen Flüstern in mein Ohr, „werfe ich dich über meine Schulter, trage dich zum Froschteich und schmeiße dich ins Wasser.“

Schockiert richtet sich mein Blick auf ihn. Indem er die Augenbrauen herausfordernd hochzieht, versichert er mir, wie ernst er es meint. Innerlich kochend vor Wut halte ich den Mund und sehe zu, dass ich so schnell wie möglich wieder mehr Abstand zwischen uns beide bringe. Er ist so ein Vollidiot. Und Greyson hätte für die missliche Lage, in die er mich gerade gebracht hat, auch eine Kopfnuss verdient.

Aber das lästige Zittern, das der Wind ausgelöst hat, hört sehr schnell auf, als die Wärme aus Justins getragener Jacke durch meine Haut dringt, und plötzlich kann ich keinem der beiden mehr böse sein. Ich schnappe mir die Enden und wickle den Hoodie noch fester um mich. Dabei steigt mir ein sanfter Duft in die Nase. Durch ihn erwacht eine alte Erinnerung daran, wie mich Justin hinter der Tigerhütte an die Wand gedrückt hielt, zum Leben. Ich will aber jetzt nicht daran denken. Schon gar nicht, wo er nur ein paar Schritte hinter mir geht. Mit einem Kopfschütteln und schwerem Schlucken jage ich diesen besonderen Rückblick zum Teufel.

Erleichterung überfällt mich, als die drei Hütten des Mädchenlagers endlich in Sicht kommen, denn vor ein paar Sekunden ist mir bereits der erste Regentropfen auf die Nase gefallen. In Windeseile husche ich die Stufen zu unserer Veranda hoch, wo ich vor dem Wetter geschützt bin. Julie ist gleich hinter mir. Sie bedankt sich bei den Jungs dafür, dass sie uns zu unserer Unterkunft gebracht haben, und ich murmle ein leises: „Gute Nacht.“ Dann mache ich mich auf den Weg hinein.

„Chloe!“ Die Hand bereits auf dem Türknauf, erstarre ich bei Justins scharfer Stimme an Ort und Stelle. Missmutig drehe ich mich noch einmal zu ihm um. Er steht auf der untersten Stufe vor unserer Hütte und streckt die Hand nach mir aus. „Meine Jacke bitte.“

Oh, ja richtig. Ich ziehe sie von meinen Schultern und werfe sie ihm zu. Seine Lippen formen ein knappes Lächeln, als er die Worte: „Danke sehr“ durch zusammengebissene Zähne presst. Anschließend dreht er sich um und geht davon, wobei seine Haare durch den immer stärker fallenden Regen sehr schnell vor Nässe triefen.

„Träumt was Nettes!“, ruft uns Greyson noch von Weitem zu und eilt Justin hinterher.

Nachdem Julie und ich hineingegangen sind und sie die Tür verriegelt hat, nervt sie mich mit ihrem belustigten Blick. „Und, erhebst du immer noch keinen Anspruch auf Justin?“

„Nein“, brumme ich mit einem düsteren Stirnrunzeln, greife mir meine Pyjama Shorts und stapfe ins Bad.

 

 

Kapitel 5

 

Justin

 

Greyson und ich joggen durch den Wald. Der Boden saugt den Regen blitzschnell auf und verwandelt sich in eine einzige, große Schlammpfütze. Wir sind beide nass bis auf die Knochen, als wir endlich auf unserer Seite des Camps ankommen. Unsere matschigen Schuhe ziehen wir auf der Veranda aus, bevor wir durch die Tür stolpern und ich erst einmal mache, dass ich aus den tropfnassen Sachen komme.

„Junge, Junge, was für ein Platzregen“, meint Grey, während ich mir die Haare mit einem Handtuch trocken rubble und ein frisches Shirt anziehe.

„Ja, damit hat wohl keiner von uns gerechnet.“ Barfuß laufe ich ins Bad und putze mir die Zähne.

„Hey, sag, habe ich mir das nur eingebildet, oder hast du heute Nacht deine eigene Warnung in den Wind geschossen?“, fragt mich Greyson vom anderen Zimmer aus.

Ich starre mein Spiegelbild über dem Waschbecken an und antworte um die Zahnbürste in meinem Mund herum: „Was meinst du?“

„Chloe.“ Als er pausiert, werfe ich einen Blick über meine Schulter zur Tür hinaus. Er steht mitten im Raum und hat seine fragenden Augen auf mich gerichtet. „Erst warnst du mich, ich sollte mich nicht mit ihr einlassen, und dann wirst du selbst ziemlich schnell intim mit ihr in der Hütte der Mädels.“

Ich rolle mit den Augen, beuge mich vor und spucke die Zahnpasta ins Waschbecken, bevor ich mir den Mund ausspüle. „Ich war nicht intim mit ihr.“

Greyson kommt ins Bad, um sich ebenfalls die Zähne zu putzen, also mache ich Platz und setze mich raus auf mein Bett. Das Handtuch immer fest im Griff, lehne ich mich vor, stütze meine Ellbogen auf die Knie und drehe mich zu ihm. „Wir hatten gerade eine Diskussion am Laufen, als du und Julie reingeplatzt seid.“

„Eine Diskussion, ja klar.“ Er steht auf der Schwelle und ist gerade damit beschäftigt, Zahncreme auf seine gelbe Bürste zu drücken, doch der frotzelnde Unterton in seiner Stimme ist nicht zu überhören.

„Ja. Eine ziemlich intensive eben.“ Jetzt fange ich aber selber an zu grinsen, denn ich weiß genau, wie sich das anhört. Grey lacht mich aus und verschwindet im Badezimmer. Doch die Wahrheit ist, es müsste schon eine ganze Menge passieren, ehe ich einen Finger an Chloe Summers lege. Nach allem, was ich heute so von ihr mitbekommen habe, ist sie immer noch dieselbe eingebildete Gans, die sie schon in der Highschool war. Alles, was für sie zählt, ist sie selbst – und erst nach einem langen Abstand kommen die anderen.

Natürlich war es ziemlich fies von mir, sie zu erpressen. Das hätte ich nicht tun sollen. Aber ich muss am Ende des Monats wirklich einen Bericht über sie abgeben, und wenn da etwas Gutes über sie drinstehen soll, dann sollte sie sich lieber von ihrer besten Seite präsentieren und etwas mehr Einsatz zeigen. Mal sehen, was ich in diesem Sommer so alles aus ihr herausholen kann.

Ich werfe das Handtuch auf die Stuhllehne. Es ist schon fast zwei Uhr früh und uns steht ein harter Tag bevor. Die Kinder müssen für die einzelnen Gruppenspiele eingeteilt werden und dann sollen wir sie ja auch noch den ganzen Tag beschäftigen. Der Wecker an meiner Armbanduhr ist auf halb sieben gestellt. Das sollte reichen. Ich schlüpfe unter die Bettdecke und warte darauf, dass Greyson das Licht ausmacht, als er aus dem Bad kommt.

Fünf Minuten später höre ich immer noch, wie sich mein Zimmergenosse im Bett herumwälzt. „Ist alles in Ordnung?“, frage ich.

„Ja.“ So hört es sich aber nicht an. Zum sechzehnten Mal oder so boxt er sein Kissen zurecht und schmeißt sich wieder mit dem Kopf drauf. Dann brummt er: „Weißt du was?“

„Was?“

„Ich würde jetzt echt gerne eine rauchen.“

Ich schüttle mich vor Lachen, lehne mich über die Kante und hole eine Zuckerstange aus dem Nachttisch zwischen unseren Stockbetten. Die werfe ich ihm in der Dunkelheit an den Kopf. „Gute Nacht, Grey.“ Dann schließe ich die Augen und bin in Nullkommanichts weg.

Ein lautes Klopfen an unserer Tür reißt mich aber schon gefühlte zehn Minuten später wieder aus dem Schlaf. Hochgeschreckt knalle ich mit dem Schädel gegen den Lattenrost über mir. Aua. Die Tür wird aufgestoßen und eine Gestalt stürmt herein. Meine Augen brauchen einen Moment, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Greyson stöhnt verschlafen in sein Kissen. Ihm schmeckt der nächtliche Überraschungsbesuch genauso wenig wie mir.

„Wir haben es! Das Puzzle, es ist fertig!“, ruft eine aufgeregte Stimme mitten im Raum. Craig Sullivan. Er ist im Wolfsteam. Im nächsten Moment geht das Licht an. Im grellen Schein fühlen sich meine Augäpfel an, als würden sie zu Rosinen verschrumpeln.

Ich reibe mir mit beiden Händen übers Gesicht und massiere mir die Nasenwurzel, ehe ich versuche, auf meine Uhr zu sehen. „Verdammt, Craig… Es ist vier Uhr morgens.“

„Ja, ich weiß. Aber wir haben das Puzzle fertig. Wir sind die Sieger!“

Während Greyson sich einfach zusammenrollt und die Decke schützend über seinen Kopf zieht, versuche ich mich unter Schmerzen in den Augen auf den Dreizehnjährigen in unserem Zimmer zu konzentrieren. „Scheiß drauf! Und wenn du die Jungfrau Maria geschwängert hättest“, grolle ich. „Geh zurück in deine Hütte und schlaf!“

„Aber –“

Sofort!

Mürrisch dreht er sich um und verschwindet endlich. Die Tür macht er zu, aber das Licht hat er angelassen. Herrgott! Wie ein Schlafwandler unter Drogen schwinge ich meine Beine aus dem Bett und reibe mir die pochende Stelle an meiner Stirn, mit der ich vorhin gegen die Holzlatte gekracht bin. Wenn ich schon mal auf bin, kann ich auch gleich noch pinkeln gehen, also schlurfe ich ins Bad und versuche mich vor lauter Schwindel nicht zu übergeben.

Als ich zurück ins Bett krieche – das Licht endlich aus – kommt auch Grey aus seiner Deckenhöhle wieder hervor. „Echt jetzt? Die Jungfrau Maria geschwängert?“, kichert er.

Ich verziehe das Gesicht und vergrabe es im Kissen. War wohl nicht gerade meine beste Ansage bisher.

Als wir das nächste Mal geweckt werden, ist es Gott sei Dank keins der Kinder, sondern der Alarm an meiner Armbanduhr, der neben meinem Ohr lospiepst. Immer noch todmüde ist das allerdings auch nicht viel angenehmer.

Nachdem sich Grey und ich mit den Augenlidern auf Halbmast fürs Frühstück fertig gemacht haben, wecken wir erst noch die Jungs. Ich hätte ja nie gedacht, dass sie wirklich die ganze Nacht an dem Puzzle arbeiten würden, doch das Wolf-Motiv liegt tatsächlich komplett fertig auf dem Fußboden. Das Waschbärenteam hat angeblich nach Mitternacht aufgegeben und somit liegt die rechte obere Ecke noch in etwa hundertfünfzig Teilen verstreut herum. Sieht aus, als hätten die Wölfe gleich ihr erstes freies Wochenende vom Küchendienst. Hat zwar nicht wirklich etwas mit mir zu tun, trotzdem bin ich stolz auf die Jungs.

Grey ist ein verdammtes Wrack beim Frühstück. Er isst für drei, sein linkes Bein wackelt nervös unterm Tisch auf und ab, und jedes Mal, wenn ich zu ihm hinübersehe, spielt er mit einem Strohhalm, den er hin und wieder quer über seine Lippen streift.

„Was um Himmels willen ist denn heute mit dir los?“, fragt Julie nach einer geschlagenen halben Stunde, in der sie ihn beobachtet hat.

„Entzug“, sagen Chloe und ich gleichzeitig und sehen uns dann beide überrascht an. „Vom Rauchen“, füge ich noch beiläufig für Julie hinzu, doch in Wahrheit frage ich mich gerade, für wen dieses kleine Lächeln in Chloes Gesicht bestimmt ist. Das kann unmöglich für mich sein. Ich senke den Blick wieder und esse weiter meine Pancakes.

In der Zwischenzeit erläutert Julie meinem Zimmergenossen eine Möglichkeit, wie man seine Entzugsfolter lindern könnte. Angeblich ist Yoga die passende Kur hierfür.

Grey klingt beinahe entrüstet, als er antwortet: „Yoga ist was für Mädchen!“

„Gar nicht wahr“, widerspricht sie ihm. „Yoga kann jeder machen. Und es würde dir sicherlich auch guttun.“

Ich weiß rein gar nichts über dieses komische Yin-Yang-Zeug, oder was auch immer das sein mag. Aber wenn es Grey dabei hilft, nachts etwas ruhiger zu werden, sodass ich besser schlafen kann, dann bin ich auf jeden Fall dafür, dass er es versucht.

Nach und nach werden alle mit ihrem Frühstück fertig und der Lärmpegel im Speisesaal steigt an. An dieser Stelle stehen Julie und ich auf und übergeben den Kids zeremoniell die beiden Flaggen, die wir gestern für sie gebaut haben.

Julie erklärt ihnen die Regeln und warnt sie danach noch mit ernster Miene: „Beschützt sie wie eure Augäpfel! Das Team, das es schafft, die Gegnerflagge zu stehlen und bis zum Ende des Camps für sich zu behalten, ist Sieger. Das Verliererteam muss dann am letzten Wochenende alles machen, was ihnen das Gewinnerteam aufträgt. Wenn ihr also keine Diener sein wollt, passt lieber auf eure Fahnen auf.“

Diese Regeln sind mir neu. Ich werfe rasch einen fragenden Blick zur Seite, welchen sie nur mit einem vergnügten Schulterzucken abtut. „Dachte, es sollte vielleicht auch was dabei auf dem Spiel stehen“, flüstert sie mir zu.

Die Idee gefällt mir. Und den Kids offenbar auch. Aufgeregtes Gemurmel bricht aus, als bereits damit begonnen wird, Pläne darüber zu schmieden, wo sie ihre Flagge am besten verstecken. Bevor sie aber alle durch die doppelte Schwingtür in den sonnigen Morgen abhauen können, rufe ich ihnen hinterher: „Der Tanzclub startet in dreißig Minuten im Mädchencamp! Fußball unten am See!“

Chloes mürrisches Gebrummel, als sie an mir vorbeistapft, entgeht mir natürlich nicht. Tanzlehrer zu spielen ist so ziemlich das Letzte, was sie will. Dachte sie, ich würde meine Meinung über Nacht ändern? Oh, da kennt sie mich aber schlecht… Gestern hätte ich sie ohne Weiteres auch für die Fußballaufsicht eintragen können, doch die Wahrheit ist, dass ich einfach keine Lust dazu hatte. Wie jeder andere auch, muss sie endlich lernen, dass man nicht immer alles bekommt, was man sich wünscht. Und es wird mir eine ausgesprochene Freude sein, ihr diese spezielle Lektion nach all den Jahren persönlich erteilen zu dürfen.

Eine alte Rechnung mit ihr begleichen? Tja, da wir beide für die nächsten fünf Wochen mehr oder weniger hier festsitzen, wäre es doch eine Verschwendung, die Gelegenheit nicht zu nutzen, oder?

Mit einem Schmunzeln auf den Lippen gehe ich raus in die Sonne und sehe Chloe nach, als sie genervt den Waldweg entlangstiefelt.

Zwanzig Minuten später helfe ich Greyson unten am See ein ordentliches Fußballmatch mit elf Jungs auf die Beine zu stellen. Er scheint alles im Griff zu haben, also lasse ich ihn mit den Kids alleine. Bevor ich aber zu unserer Hütte zurückkehre, mache ich noch einen kleinen Abstecher rüber ins Mädchenlager, um zu sehen, wie sich Chloe so mit dem Tanzclub schlägt.

Musik dringt schon von Weitem durchs Gebüsch. Auf dem Tisch in der Mitte des Lagers liegt ein iPod und daneben sitzt Chloe, die Füße auf die Bank vor ihr gestellt. Sieben oder acht Mädchen stehen in einer Gruppe eng beieinander in ihrem Blickfeld. Sie verlagern unbeholfen das Gewicht von einem Bein auf das andere und schwingen dabei die Arme auf komische Weise hin und her.

Mit einem tiefen Seufzer schüttle ich den Kopf, als ich auf Chloe zusteuere, und setze mich neben sie auf den Tisch. „Ist das deine Vorstellung davon, Mädchen zum Tanzen zu animieren?“

„Freestyle“, wirft sie mir zynisch an den Kopf.

„Also willst du die ganzen fünf Wochen nur hier rumsitzen und nichts tun?“

„Ich tue nicht nichts. Ich beaufsichtige – siehst du das nicht?“

Das ist mein Stichwort. „Dir ist schon klar, dass ich dich beaufsichtigen soll, oder? Was schlägst du also vor, soll ich sagen, wenn man mich fragt, ob du dich aktiv ins Campleben eingebracht hast?“

Chloe würdigt mich keines weiteren Blickes, sondern lehnt sich nur auf ihre Ellbogen zurück und beobachtet weiter die Tänzerinnen. „Sag ihnen, ich war zu den Mahlzeiten anwesend“, meint sie in einem unterkühlten Tonfall.

Bis jetzt ist das tatsächlich das Einzige, was ich in meinem Bericht über sie schreiben kann. Und vielleicht sollte ich es auch einfach so machen. Was schert es mich, ob sie ihre Sozialstunden bis zum Ende des Monats runterreißt oder nicht? Wenn sie keine Opfer bringen will, muss sie selbst mit den Konsequenzen klarkommen. Mich geht das Ganze einen feuchten Dreck an. Ich soll sie schließlich nur beobachten.

Andererseits, was für einen Lehrer würde ich später mal abgeben, wenn ich bereits bei der ersten Hürde aufgebe? Chloe ist vielleicht ein schwieriger Fall, aber es gibt immer eine Möglichkeit, um zu gewissen Leuten durchzudringen. Was sie angeht, so muss ich nur den richtigen Weg finden. Darüber hinaus bringt es mir nichts, wenn ich sie einfach links liegen lasse. Schließlich haben wir noch eine Rechnung offen.

Mit Chloe habe ich ganz spezielle Pläne.

Leicht genervt von ihrer Anteilslosigkeit stoße ich die Luft durch die Nase aus und stachle sie dann an: „Komm schon! Ich weiß, dass du das besser kannst. Zeig ihnen doch einfach ein paar Schritte oder coole Bewegungen. Die sollen hier Spaß haben und nicht Homer Simpson in einer Bar imitieren.“

„Du kannst niemandem etwas beibringen, was du selber nicht kannst.“

Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie mich gerade mit ihrem giftigen Blick töten möchte, doch ich zucke unbehelligt mit der Schulter. „Fang doch einfach mit ein bisschen Dehnen an. Außerdem hast du bestimmt schon genug Musikvideos von Pitbull gesehen, sodass du ihnen zumindest eine Handvoll Moves zeigen kannst.“

Wenn ich so darüber nachdenke, wäre es ganz spannend, ihr beim Tanzen zuzusehen, besonders in diesen schwarzen Hotpants und dem straff-sitzenden Top, das sie gerade anhat. Wenn dieser perfekte Körper nicht fürs Tanzen bestimmt ist, dann weiß ich auch nicht.

„Starrst du gerade auf meine Beine?“

Von Chloes scharfer Stimme aus den Gedanken gerissen hebe ich erschrocken den Blick. „Hm? Was?“

„Du hast meine Beine angegafft“, grollt sie noch einmal.

Mein Herz klopft einen kleinen Takt schneller. „Nein, habe ich nicht.“

Plötzlich fängt sie an zu lachen. „Oh doch, hast du wohl.“

„Hab ich gar nicht“, murmle ich und reibe mir den Nacken, wobei ich diesmal darauf achte, meinen eigensinnigen Blick auf die zappelnden Mädchen vor uns gerichtet zu halten.

Als Chloe nur wenige Sekunden später dieses Unheil verheißende „Hmm“ summt, zieht sie meine Aufmerksamkeit unweigerlich auf sich zurück. Ihre Lippen biegen sich zu einem grüblerischen Grinsen. „Du meinst also, ich sollte mit den Mädchen ein paar Dehnungsübungen machen?“ Das hämische Funkeln in ihren Augen ergibt für mich keinen Sinn. Und das herausfordernde Lächeln kann auch nichts Gutes bedeuten. „Na schön, dann wollen wir uns doch mal ein bisschen dehnen.“

Sie steht auf und steigt von der Bank runter. Als sie sich vor den Mädchen aufstellt, erstrahlen deren Gesichter augenblicklich mit neuer Hoffnung. Ich bleibe erst mal sitzen und bin gespannt, was als Nächstes kommt.

„Kleine Planänderung“, teilt sie der Tanzgruppe mit. „Genug Freestyle. Jetzt wird gedehnt. Damit unsere Muskeln schön locker“ – sie neigt ihren Kopf ein wenig in meine Richtung und wirft mir über ihre linke Schulter hinweg einen anzüglichen Blick zu – „und geschmeidig werden.“

Die Augenbrauen misstrauisch tiefgezogen blinzle ich nur. Was hat sie vor?

Chloe widmet sich wieder den Mädels, den Rücken zu mir gedreht, und grätscht die Beine zu einem weiten A. Die Knie gestreckt beugt sie ihren Oberkörper vor und nach unten… immer weiter. Auf einmal sind die schwarzen Hotpants, die sich über ihren sexy Hintern spannen, alles, worauf ich mich noch konzentrieren kann. Als Folge dieser heißen Aussicht trocknet mir der Hals aus, wie ein Fluss in der Savanne. Ich schlucke einmal schwer, aber das hilft auch nicht. Chloes schlanke, sonnengebräunte Beine strecken sich endlos nach unten ehe sie in ihren schwarzen Nikes enden, auf die sie gerade ihre Hände gestützt hat.

Geschmeidig, oh ja, das ist sie. Was würde ich jetzt dafür geben, um einmal mit den Fingern von ihren Knöcheln aufwärts über ihre perfekte Haut streifen zu können und sie dann frech in ihren knackigen Po zu kneifen. Um ehrlich zu sein, habe ich jahrelang davon geträumt. Nur nicht in letzter Zeit.

So wie sie vornübergebeugt ist, rutscht ihr das schwarze Top hoch und entblößt ihren hübschen Bauch. Das Top ist eng genug, sodass es nicht noch höher rutscht und ihre Brust präsentiert. Vielleicht sollte ich dem Himmel dafür danken, denn wenn es anders wäre, könnte mich das im Moment in ernsthafte Schwierigkeiten bringen. Oder stecke ich bereits schon mittendrin? Ohne Zweifel fühle ich mich gerade etwas unwohl und lehne mich nach vorn, die Ellbogen auf meine Knie gestützt. Heiliger Strohsack, was für eine Aussicht! Es gibt Jungs, die würden eine Menge Geld für diesen Anblick bezahlen.

Erst nach einer ganzen Weile fällt mir auf, dass ich mich geistig gerade total ausgeklinkt habe. Das ist bitter. Als ich mich mit Mühe wieder fange, entdecke ich Chloes Kopf zwischen ihren gegrätschten Beinen. Ihre langen Haare bilden eine dunkle Pfütze auf dem Boden zwischen ihren Füßen. Mit einem süffisanten Lächeln beobachtet sie mich, und als sie meine volle Aufmerksamkeit hat, streckt sie mir kurz die Zunge raus.

Erwischt!

Ich lasse den Kopf hängen und lache laut los. Wie in Gottes Namen konnte das denn gerade passieren?

„Okay!“ Chloe klatscht in die Hände, und obwohl sie mit den Mädchen spricht, hebe ich ebenfalls aufmerksam den Blick. „Als Nächstes verschränkt ihr eure Finger hinterm Rücken und hebt die Arme so weit an, wie ihr könnt. Dabei lasst ihr die Ellbogen schön gestreckt.“ Sie dreht sich um, damit die Kids sehen, was sie meint. Das Problem ist nur, dass sie mir dabei ihren Vorbau schamlos unter die Nase hält. Je mehr sie die Schultern dehnt, desto weiter recken sich mir die beiden Prachtexemplare entgegen und ihr Bauch wird ganz flach. Ihr Top wandert erneut nach oben, aber diesmal nicht ganz so krass. Nur so weit, dass ein dünner Streifen Haut zwischen dem Saum und ihren Shorts hervorblitzt.

Es reicht aus, um mir die Spucke in den Mund zu treiben.

Ich beiße mir innen in die Wangen und verkneife mir so ein Grinsen, denn erst jetzt ist mir klar, warum sie meinen Rat mit dem Dehnen überhaupt befolgt hat. Der Effekt, den die Sache auf mich haben würde, war ihr wohl bewusst. Diese kleine Hexe!

„Geht’s dir gut, Justin?“, fragt sie mich mit so viel zuckersüßer Unschuld in der Stimme, dass es schon beinahe lächerlich ist. Oder vielleicht ist ja auch meine Reaktion auf ihre Provokation lachhaft.

„Jap, alles in Ordnung“, versichere ich ihr, doch meine raue Stimme könnte mich in diesem Spiel verraten.

Ihre Augen blitzen dunkel und unbezähmbar unter ihrem Haar hervor, das nun wild um ihr Gesicht hängt, nachdem sie es beim Hochkommen temperamentvoll nach hinten geworfen hat. „Na dann ist es ja gut“, meint sie. „Denn als Nächstes werden wir unsere Hüften kreisen lassen. Willst du uns dabei nicht Gesellschaft leisten?“

Ich beiße mir fester in die Wange. „Nein, ich glaube, das ist keine so gute Idee. Zumindest nicht heute.“ Es ist wohl an der Zeit für mich, das Weite zu suchen, bevor die Situation in meinen Shorts außer Kontrolle gerät. Ich stehe auf, springe von der Bank herunter, und sobald ich stehe, schiebe ich meine Hände tief in die Hosentaschen, wodurch ich versuche, meine beginnende Erektion zu kaschieren.

Für eine Millisekunde driftet Chloes Blick nach unten zu meinen Leisten. Sie kann unmöglich erkennen, was sich gerade hinter dem Reißverschluss abspielt, doch würde ich mein Bike nicht darauf verwetten wollen, dass sie nicht trotzdem ganz genau weiß, was los ist. Bevor ich gehe, zwinkert sie mir noch zu und entlockt mir auf diese Weise ein Schmunzeln.

Ein kurzer Sprung in den See ist im Moment wohl das Beste, was ich tun kann.

 

 

Kapitel 6

 

Chloe

 

Tanzclub, hah! Der kann mich mal. Justin sollte sich lieber schnell was Besseres einfallen lassen, wenn er will, dass ich mich am Campleben beteilige. Ist ja nicht meine Schuld, dass er das Pickelgesicht Greyson für Fußball eingeteilt hat.

Als der Idiot endlich verschwunden ist, machen wir noch weitere fünf Minuten Stretching. Danach setze ich mich zurück auf den Tisch und lasse die Mädels erneut Freestyle tanzen. Wer bin ich denn? Ihr Kindermädchen?

Mit der Sonnenbrille, die ich mitgebracht habe, auf der Nase lehne ich mich zurück auf die Ellbogen und neige den Kopf nach hinten, sodass mir die Sonne aus einem makellosen Himmel ins Gesicht scheint. Kein Anzeichen mehr von den finsteren Wolken der letzten Nacht. In der Zwischenzeit ist auch alles wieder trocken. Die Hitze ist meiner Meinung nach zwar etwas übertrieben und ich fange auch rasch an zu schwitzen, aber zumindest kann ich mich hier bräunen lassen. Es ist also nicht alles umsonst.

Ein leises Räuspern zerrt meine Gedanken zurück auf den Boden. Ich mustere das Mädchen mit dem orangen T-Shirt vor mir mit einer Kälte in den Augen, die nicht einmal ihre langen, blonden Engelslocken vertreiben können. Sie hält meinem Blick stand, doch abgesehen von einem leichten Zittern, bewegen sich ihre Lippen kein bisschen.

„Was gibt’s, Blondie?“, frage ich.

Sie hüstelt noch einmal. Ihre Hände ringt sie dabei nervös vor dem Bauch. Wenn sie jetzt auch gleich noch anfängt, mit der Fußspitze ein Loch in den Boden zu scharren, dann glaub ich’s aber. Die hat doch nicht etwa Angst vor mir?

„Nun?“, hake ich nach und ziehe dabei die Augenbrauen unter der Sonnenbrille hoch.

„Ich habe mich gefragt, ob du vielleicht… na ja…“

Oh Mann, das wird langsam echt lästig. Ich richte mich auf und nehme die Sonnenbrille ab. „Ob ich was?“

Nach dem dritten Anlauf und Räuspern, dass ihr hoffentlich die nötige Courage bringt, damit sie endlich ausspuckt, was ihr auf dem Herzen liegt, tritt sie von einem Bein auf das andere und bringt ein kleines schüchternes Lächeln zustande. „Es sieht nicht so aus, als würde es dir großen Spaß machen, uns das Tanzen beizubringen. Also habe ich mir gedacht, vielleicht möchtest du ja ein bisschen Hilfe dabei?“

„Hilfe?“ Mein Blick wechselt von kalt zu zynisch.

„Ja. Ich meinte nur, ich könnte –“

„Du denkst, du kannst mir helfen?“ Das ist doch lächerlich! Was könnte ein Kind schon tun, um mir die Arbeit hier zu erleichtern? Anderseits… vielleicht hat sie ja tatsächlich einen guten Vorschlag. Justin hatte vorhin recht. Ich möchte wirklich nicht jeden Morgen hier sitzen und diesem unkoordinierten Haufen beim Arschwackeln zusehen müssen. Neugierig steige ich von der Bank runter und verschränke die Arme vor der Brust. „Wie lautet dein Plan?“

Ihr kleines Lächeln verschwindet, während sie zwei Schritte vor mir zurückweicht. „Ich – Wir haben in der Schule diese Tänze gelernt. Es heißt Zumba. Wenn ich deinen iPod benutzen darf, finde ich vielleicht die richtigen Lieder in der iCloud, und dann könnte ich den anderen die Schritte zeigen.“

Einen Arm immer noch um mich selbst geschlungen stütze ich den Ellbogen des anderen darauf und tippe mir nachdenklich auf die Lippen. Wenn die Kleine den Vortänzer machen will, ist das wahrscheinlich die beste Chance, die ich kriegen kann. Warum also in Gottes Namen sollte ich sie daran hindern? Nach kurzem Überlegen schwinge ich meinen Arm zur Seite in Richtung des iPods, den mir Julie geliehen hat, und sage zu Blondie: „Er gehört dir.“

Zaghaft geht sie zum Tisch und lässt mich dabei nicht aus den Augen, bis sie den iPod in der Hand hält und nach dem Song sucht, den sie braucht. Es dauert nicht lang, bis sie ihn gefunden hat. Im nächsten Moment erfüllt ein lateinamerikanischer Rhythmus die Morgenluft und sie tritt vor die Gruppe. Plötzlich sind alle ganz aufgeregt.

Ich mache es mir wieder gemütlich und beobachte dann doch etwas neugierig meine neue Assistentin, während sie den anderen ein paar Schritte vortanzt. Sie ist sogar richtig gut. Zumindest scheinen die Kids begeistert zu sein und machen fröhlich mit.

Ausgezeichnet! Job erledigt. Ich lege meinen Kopf zurück und lasse mir wieder die Sonne ins Gesicht scheinen.

Nachdem die Tanzstunde vorbei ist, drehe ich die Musik leiser und scheuche die Mädchen fort. Sie sind frei und können mit dem Rest des Tages anstellen, was sie wollen – und ich auch. Als sie alle flüchten, stelle ich mich noch einmal auf die Bank und rufe der Kleinen mit dem orangen T-Shirt hinterher: „Hey Blondie!“ Erschrocken bleibt sie stehen und dreht sich zu mir um. „Morgen. Gleicher Ort, gleiche Zeit“, teile ich ihr mit.

Das Mädchen starrt mich an, als hätte sie eben ein Pferd in den Hintern gebissen, doch diesmal findet sie schnell ihr Lächeln wieder und nickt. „Ich heiße übrigens Addison.“

Ja, wie auch immer.

Als sie ihren Freundinnen hinterhereilt, mache ich mich auf den Weg zurück in meine Hütte und lackiere mir dort angekommen die Nägel. Heute in Pink, denn das passt perfekt zu meinem ebenfalls pinkfarbenen Bikini, den ich gleich anziehen werde. Und dann ab, runter zum Badesee.

 

*

 

Zugegeben, das Ferienlager ist nicht zur Gänze beschissen. Ich liege ausgestreckt auf meinem weiten, gestreiften Badetuch im Gras und in meinem Bauchnabel trocknen gerade die letzten Wassertropfen nach einer angenehmen Abkühlung im See. Mal abgesehen vom Tanzclub, den ich aufgebrummt bekommen habe, und den drei Mahlzeiten, die ich täglich am selben Tisch wie Justin verdrücken muss, ist das hier nicht viel anders, als was ich auch sonst den halben Sommer lang gemacht hätte. Natürlich ohne die vielen Partys, die ich jede Nacht mit Brinna, Kerstin und Lesley zu Hause gefeiert hätte. Mit Zwei, Drei und Vier abends im Speisesaal abzuhängen und Limo zu trinken, ist leider nur ein kläglicher Ersatz für Cocktails und Poolpartys.

Ich rolle mich auf den Bauch, verschränke die Arme unter meinem Kinn und schließe die Augen hinter der Sonnenbrille. Frühstück um sieben Uhr morgens ist schon heftig. Ich gähne in meinen gebeugten Ellbogen hinein. In den Sommerferien sollte wirklich niemand so früh aufstehen müssen. Es ist schließlich die Zeit im Jahr, in der man endlich mal ausschlafen kann und anschließend bis in den Nachmittag hinein brunchen sollte. Vielleicht hilft ja ein Nickerchen – falls ich bei dem Geschrei, das Julie und ihre Volleyballspieler ganz in der Nähe veranstalten, überhaupt ein Auge zukriege.

Wie sich herausstellt, ist das unmöglich, also drehe ich den Kopf auf die andere Seite und lasse meine Gedanken nach London wandern, wo ich schon bald mit meinen Freundinnen all den Spaß haben werde, der mir im Moment nicht vergönnt ist.

Plötzlich tröpfelt mir etwas Kaltes auf die nackte Haut zwischen meinen Schulterblättern. Vor Schreck zieht sich jeder Muskel in meinem Körper zusammen. Kreischend rolle ich mich auf den Rücken. Als ich zu demjenigen nach oben blicke, der gerade seinen Schatten über mich wirft, sehe ich nur Bauchmuskeln. Und zwar harte.

Wassertropfen kullern in den Tälern zwischen diesen Muskeln herunter, bis sie vom Bund der neongrünen, knielangen Badeshorts aufgesaugt werden. Klatschnass klebt das Material an Justins Oberschenkeln und tropft auf seine Füße.

Aus einer Höhe von etwa einem Meter fünfundachtzig grinst er frech auf mich herab. „Hey Tiger, willst du mit uns Volleyball spielen? Julie braucht noch ein paar Leute.“

Hat er keine Augen im Kopf? Ich versuche mich hier zu entspannen. „Kein Interesse, aber danke, dass du gefragt hast.“ Ich jage ihn mit einer abfälligen Handbewegung davon. „Und jetzt geh mir aus der Sonne.“

Kopfschüttelnd verdreht er die Augen und sieht nun gar nicht mehr so fröhlich aus. „Warum nur habe ich gewusst, dass du so etwas sagen wirst?“

„Keine Ahnung. Vielleicht weil du einer Wahrsagerin die Kristallkugel geklaut hast?“, schlage ich eben so zynisch vor.

Er zögert mit einer Retourkutsche und glotzt mich nur mundtot an. Dann neigt er den Kopf und springt ganz plötzlich zweimal auf der Stelle. Mehr kalte Wassertropfen regnen auf mich herab und landen auf meinem nackten Bauch. Wieder zucke ich quiekend zusammen und schlage nach seinem Bein, doch meine Fingerspitzen streifen nur noch seine Wade, als er bereits lachend zum Volleyballfeld hinüberjoggt. Idiot!

Ich drehe mich zurück auf den Bauch, doch ich komme kaum dazu, den Kopf wieder auf meine Arme zu betten, da ruft Julie meinen Namen. Was zum Teufel ist denn heute bloß los mit denen? Ich will doch nur ein kleines Nickerchen machen. Ist das wirklich zu viel verlangt?

„Was ist?“, grolle ich laut genug, dass sie mich hören kann, wo auch immer sie gerade steht, doch den Kopf hebe ich dabei nicht mehr.

„Wir brauchen noch einen Spieler. Willst du nicht mitmachen?“

Verfluchte Kacke, ich habe doch gerade Nein gesagt! Sind die alle schwer von Begriff? Bevor ich jedoch eine Antwort brummen kann, erklärt Justin der Eulenanführerin: „Du brauchst sie gar nicht erst zu fragen, sie kommt sowieso nicht. Summers hat Angst, sich beim Spielen zu blamieren. Sie kann’s nämlich nicht.“

Jetzt fahre ich gereizt hoch. „Was hast du gerade gesagt?“

Justin steht neben Julie auf dem sandigen Feld und presst die Lippen zusammen. Dabei zuckt er beiläufig mit einer Schulter.

„Nur damit das klar ist: Ich kann sehr wohl Volleyball spielen. Ausgezeichnet sogar!“ Ich habe nur gerade keinen Bock.

„Nein, kannst du nicht“, antwortet er mit einer gehörigen Portion Belustigung in der Stimme. „Ich habe dich in der Schule ein paarmal spielen sehen. Du warst vielleicht ganz gut beim Fußball, aber wenn da kein Drei-mal-sieben-Meter-Tor am Ende des Feldes stand, in das sogar du einen Ball reinkriegst, warst du in Sport eine Niete.“

Gekicher bricht hinter ihm aus.

„Nimm das zurück!“ Und wann zum Geier hat er mich jemals Volleyball spielen sehen? An der Grover Beach High hatten die Jungs und Mädchen immer getrennt Sport.

„Das werde ich.“ Er zieht eine Braue hoch. „Wenn du mich vom Gegenteil überzeugen kannst.“

Oh, dieser Saftsack bekommt sein Match! Ich drücke mich vom Boden hoch und stapfe zähneknirschend rüber zu Julie und ihrer Gruppe. Sie steht mit drei Kids auf einer Seite des Netzes und Justin mit zwei Mädchen auf der anderen. Ich hätte zwar lieber gegen ihn gespielt, aber am Ende macht es wenig Unterschied, ob wir beide im gleichen Team sind oder nicht. Er wird so oder so rausfinden, wie gut ich spielen kann, und dann wird er sich bei mir entschuldigen.

Ich schenke ihm noch rasch ein kleines Grinsen und beziehe dann Stellung auf der linken, hinteren Spielfeldhälfte. Julies Team hat Aufschlag. Als sie sich zur Angabe bereit macht, lehnt sich Justin, der vor mir steht, nach vorn, stützt sich mit den Händen auf den Knien ab und reckt mir seinen Allerwertesten entgegen. Sogar in neongrünen Badeshorts sieht der echt knackig aus.

Etwas streift mich an der Schulter und alle drehen sich zu mir. „Das war dein Ball“, schmunzelt Justin. „Siehst du? Ich wusste, dass du nicht spielen kannst.“

„Das könnte ich schon, wenn du mir nicht deinen Arsch ins Gesicht strecken würdest“, maule ich zurück.

„Warum? Lenkt dich mein hübscher Hintern zu sehr ab?“

Ja. „Nein. Am Ende krieg ich vom Hinschauen noch Augenkrebs.“

„Dann schau doch nicht hin.“

„Mach ich auch nicht. Aber er klebt ja fast an meiner Nase.“

„Na schön.“ Amüsiert hebt er die Hände in einer entschärfenden Geste und stellt sich so nah es nur geht ans Netz, mit dem Rücken zum gegnerischen Team und Blick zu mir. „Ich will ja nicht, dass du hinterher eine Ausrede hast, wenn wir das Spiel deinetwegen verlieren.“

Als sich Julie auf die nächste Angabe vorbereitet, warte ich darauf, dass er sich wieder ordentlich positioniert, aber er bleibt einfach so da vorne stehen.

„Wie jetzt? Willst du etwa rückwärts spielen?“, schnappe ich immer noch genervt.

„Was auch immer nötig ist, damit du mir nicht auf den Hintern stierst.“ Er wackelt anzüglich mit den Augenbrauen und ich imitiere dabei das Geräusch beim Kotzen. Doch der Schwachkopf bleibt wirklich an Ort und Stelle stehen und grinst mich die ganze Zeit blöd an, während ich versuche, mich darauf zu konzentrieren, was im Spielfeld hinter ihm vorgeht. Ist ehrlich gesagt auch nicht viel besser, als seinen Po im Blickfeld zu haben. Herrgott, wie mir dieser Typ doch auf die Nerven geht…

Allerdings bin ich diesmal vorbereitet, als der Ball auf mich zurast, und ich springe hoch, um ihn anzunehmen. Justin prellt ihn ein zweites Mal hoch und ein Mädchen mit karottenroten Locken, das heute Morgen auch im Tanzclub war, pfeffert ihn anschließend übers Netz zurück. Dort landet der Ball im Sand. Der Punktestand ist ausgeglichen.

Im Uhrzeigersinn bewegen wir uns alle eine Position im Feld weiter. Zumindest muss ich jetzt Spider-Boys blödes Grinsen nicht mehr ertragen, sondern kann mich ganz dem Spiel widmen. Und schon laufe ich zur Bestform auf. Ich nehme jeden Ball an, der auf mich zukommt, und baggere ihn für mein Team hoch. Justin spielt zwar selbst ganz gut, aber für unser Team bin ich dennoch eine Bereicherung und das wird er am Ende auch zugeben – dafür sorge ich.

Nach ein paar weiteren Ballwechseln ist er an der Reihe aufzuschlagen. Zeit, ihm die fiese Ablenkung von vorhin heimzuzahlen. Und Feuer bekämpft man bekanntlich am besten mit Feuer. Als er sich für die Angabe aufstellt, lehne ich mich provokant nach vorn, so wie er vorhin, stütze mich mit den Händen auf den Oberschenkeln ab und präsentiere ihm meinen Hintern in seiner vollen Pracht in dem knappen, pinken Bikinihöschen.

Justin hustet hinter mir – zweimal – aber den Ball hat er immer noch nicht aufgeschlagen, also lächle ich ihm honigsüß über meine Schulter zu. „Stimmt was nicht?“

In seinem Kiefer zuckt ein Muskel, als er mich verbissen anstarrt. Doch dann schüttelt er den Kopf und nimmt noch einmal seine Aufschlagstellung ein. Ich richte den Blick wieder auf unsere Gegner und konzentriere mich aufs Spiel. Das Geräusch, als Justin mit dem Handballen auf den Volleyball schlägt, verrät mir, wann es losgeht. Nur knallt mir eine Millisekunde später etwas so hart gegen die linke Pobacke, dass ich erschrocken aufkreische und einen Satz nach vorn mache. Der Ball prallt von meinem Hintern ab und landet im Sand.

„Verdammt noch mal!“ Ich wirble herum. Justin steht immer noch an derselben Stelle wie vorhin, nur hat er jetzt seinen Mund zu einem spöttischen Grinsen verzogen. Und der Bastard zwinkert mir auch noch schamlos zu.

Während alle anderen vor Lachen am Boden liegen, reibe ich mir wütend den Hintern. „Spielen wir jetzt weiter, oder was?“

Nur mit Mühe kriegen sich die anderen wieder ein und stellen sich erneut in einer Viererformation auf. Als Justin zum zweiten Mal aufschlägt, fliegt der Ball über meinen Kopf hinweg übers Netz und prallt im generischen Feld auf den Boden. Punkt für uns. Nach diesem ersten Ass bekommt er noch weitere dreimal die Gelegenheit zum Aufschlag und wir liefern uns mit Julies Team ein hartes Match.

Wenig später stehe ich im Feld rechts hinten und bereite mich für den Aufschlag vor. Nur aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Justin sich neben mir wieder auf die Knie stützt und seinen Kopf zu mir dreht. Irgendwie macht mich das nervös. Ich zögere und werfe einen schnellen Blick zu ihm. Sein Lächeln ist warm und aufrichtig, als er mir zunickt. „Ich habe mich nicht geirrt. Du warst immer schon eine verdammt gute Spielerin.“

Moment mal! Sagte er gerade immer schon? Wo ist denn plötzlich das Großmaul abgeblieben, das mir unterstellt hat, ich wäre eine lahme Ente beim Sport? War wohl alles nur Bullshit, um mich zum Spielen zu überreden.

Obwohl das ja wirklich hinterhältig von ihm war, kann ich nicht abstreiten, dass ich doch irgendwie ganz froh darüber bin, dass es funktioniert hat, denn ehrlich gesagt macht es Riesenspaß, Julies Team in Grund und Boden zu stampfen. Zudem hat mich Justins Kompliment mitten ins Herz getroffen. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht schmettere ich den Ball übers Netz.

Wir punkten noch einmal und verlieren dann drei Ballwechsel hintereinander. Das Mädchen mit den Karottenlocken in unserem Team spielt ziemlich gut. Es ist das andere Mädchen mit dem Pixie-Haarschnitt und nur einem blauen T-Shirt über ihrem Badeanzug, das so viele unserer Punkte verschenkt. Vermutlich steht sie heute zum ersten Mal auf einem Volleyballfeld. Weil ich nur ungern verliere – egal wobei – bringe ich dreifachen Einsatz und hechte nach jedem Ball.

Als sich ein großer Junge mit schwarzen Badeshorts gegenüber zum Aufschlag aufstellt, bin ich bestens auf seine harte Angabe vorbereitet. Der Ball schießt übers Netz. Ich laufe zur Feldmitte und springe in die Luft, wobei ich meine Arme so weit wie möglich über meinen Kopf strecke. „Ich hab ihn!“

Dummerweise schreit Justin genau dasselbe, und als er ebenfalls nach dem Ball springt, ist es, als würde mich ein Asteroid rammen und aus meiner Umlaufbahn katapultieren. Der weiche Sand federt zwar meinen Aufprall ab, aber die Luft zischt dennoch aus meinen Lungen.

Noch ehe ich dazu komme, mich wieder aufzurappeln, greift Justin nach meiner Hand. „Hoch mit dir!“ Er zieht mich so schnell auf die Beine, als hätte sich der Asteroid von gerade eben in ein schwarzes Loch verwandelt und würde mich nun hineinsaugen. Dabei knalle ich gegen seine Brust.

Er fängt mich auf und wischt mir rasch ein bisschen Sand von der Schulter. Die Berührung ist beiläufig – er sieht mich dabei nicht einmal an, sondern joggt gleich wieder zurück an seinen Platz im Spielfeld. Ich allerdings bleibe wie angewurzelt stehen und frage mich, was um alles in der Welt denn in mich gefahren ist, denn ohne Zweifel gibt es einen klitzekleinen Teil in mir, der seine sanfte Berührung auf meiner Haut gerade sehr genossen hat.

Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, warum ich zutiefst erleichtert bin, als das Match endlich vorbei ist und ich wieder abhauen kann. Justin ist wirklich eine seltsame Versuchung. Das war er schon immer. Und ich will heute echt nicht noch einmal in ihn hineinkrachen und dadurch am Ende noch eine Tür in meine Vergangenheit aufstoßen, die doch so schwer zu schließen war.

Durchgeschwitzt vom Spiel springen wir alle in den See, um uns abzukühlen, doch ich bin die Erste, die wieder draußen ist. Ich rubble mich trocken und wickle mir dann für den Rückweg ins Lager das Badetuch um den Körper.

Als ich gerade auf die Eichhörnchenhütte zusteuere, mähen mich beinahe zwei aufgeregte Mädchen um. Mir bleibt kaum genug Zeit, um zur Seite zu springen.

„Wir haben sie!“, rufen die Kids. Sofort strömen sämtliche Mädchen im Umkreis auf sie zu und umzingeln sie mit aufgeregtem Geplapper.

Was zur Hölle –? Ich klemme mir das Badetuch fester unter die Arme und stakse rüber zu den Mädels. „Ihr habt was?“, will ich von ihnen wissen.

Wegen meines schneidenden Tonfalls teilt sich die Gruppe augenblicklich und ich bekomme einen freien Blick auf die zwei Unruhestifter. Eine der beiden strahlt mich wie ein Honigkuchenpferd an. Ich mustere sie mit scharfem Blick, doch als ich erkenne, was sie tatsächlich in der Hand hält, verzieht sich auch mein Gesicht mit eitler Begeisterung. „Ihr habt die Flagge der Jungs geklaut?“ Ich werd nicht mehr! Und die Diebe sind noch dazu aus dem Tigerteam. Campspiele sind zwar immer noch nicht mein Ding, aber Teufel auch, im Moment bin ich wirklich stolz auf meine Mädels. „Gut gemacht, Tiger!“

„Wo sollen wir sie verstecken?“, fragt Blondie, die Zumbavortänzerin, und plötzlich schreien wieder alle durcheinander. In diesem Tumult versteht man ja sein eigenes Wort nicht mehr. Geht mich aber auch nichts an, also mache ich mich vom Acker. Einen Moment später verstummt der Wirbel allerdings und die Flaggendiebin ruft meinen Namen.

Ich drehe mich noch einmal um.

„Hast du vielleicht eine Idee, wo wir die hier am besten verstecken sollen?“

„Hm.“ Ich überlege kurz, dann zucke ich mit den Schultern. „Wenn ihr wirklich sichergehen wollt, dass die Jungs sie nicht finden, vergrabt sie irgendwo im Wald.“

Ihren leuchtenden Gesichtern nach zu urteilen, sind sie mit meinem Vorschlag wohl einverstanden. Ohne zu zögern, saust die ganze Bande ins Dickicht hinter den Hütten.

Schmunzelnd steige ich die Treppen zu unserer Veranda hoch und schüttle dabei den Kopf. Ach ja, dreizehn müsste man noch mal sein… Oder auch nicht.

Mit einem Schubs meiner Hüfte schlage ich die Tür zu und werfe das Badetuch über die Stuhllehne. Wenn mein Haar lufttrocknet, wird es immer irgendwie kraus. Gott, wie ich das hasse. Zum Glück liegt mein Glätteisen im Schrank. Ich stecke das Kabel in die Steckdose und warte ein paar Minuten, bis es heiß genug ist, damit ich die langen Strähnen durchziehen kann. Es dauert zwar ein wenig, aber um halb sieben bin ich fertig angezogen und perfekt gestylt fürs Abendessen.

Julie ist immer noch nicht zurück. Vielleicht ist sie ja gleich vom See rüber zum Speisesaal gegangen. Da mir bereits der Magen knurrt und ich vom Spiel heute nach wie vor ziemlich ausgebrannt bin, beschließe ich, nicht länger auf meine Mitbewohnerin zu warten und spaziere los. Einige Kinder überholen mich auf dem Weg rüber ins Jungenlager. Es sind die Flaggendiebinnen. Offenbar haben sie bereits den perfekten Platz gefunden, um sie zu vergraben.

Das Gegacker im Speisesaal ist nervtötend. Ich kann es kaum erwarten, meine Mahlzeiten endlich wieder in einem Raum einzunehmen, in dem der Lärmpegel nicht ständig über neunzig Dezibel liegt. Der reservierte Tisch für die Gruppenleiter in der Nähe der Küche ist noch leer, bis auf Justin, der sich in dieser Sekunde hinsetzt.

Ich sinke ihm gegenüber auf den Stuhl und blicke mich rasch im Saal um. „Wo sind denn Zwei und Drei abgeblieben?“

Nachdem er einen Schluck von seiner Fanta Lemon genommen hat, setzt er die Dose ab und wischt sich mit dem Handrücken über die Lippen. Irritiert sieht er mich mit schmalen Augen an. „Du weißt, dass die beiden auch einen richtigen Namen haben, oder?“

Nachdem er mich heute so hinterlistig zum Spielen überredet hat, kann ich es mir nicht verkneifen, ihm dafür eins zurückzugeben. „Hast du ein Problem damit, wie ich sie nenne – Vier?“

„Vier?“ Er runzelt die Stirn und dabei entweicht ihm ein Seufzen. „Du machst es den Leuten wirklich nicht leicht, dich zu mögen.“

Was? Er macht mir ein Kompliment beim Spiel und geht dann gleich davon aus, dass uns das zu besten Freunden macht? Falsch gedacht, mein Lieber. „Mich mögen genug Leute. Es gibt keinen Grund dich, Julie oder Greyson mit auf die Liste zu setzen. Ich bin hier, um meine Stunden abzuleisten und nicht um Freundschaften fürs Leben zu schließen.“

In diesem Moment kommt ein Junge vorbei, der einen Servierwagen vor sich herschiebt. Er ist einer der vier Kids, die heute Küchendienst haben, und setzt Justin und mir je ein komplettes Menü aus einer Suppe, einem Nudelgericht und einem Stück Kuchen als Nachspeise vor. Justin wartet, bis der Junge weitergegangen ist, nimmt dann die Gabel in die Hand und beginnt, die Spaghetti auf seinem Teller aufzuwickeln. Er wirft mir noch einen kurzen Blick zu, dann konzentriert er sich wieder auf sein Essen und murmelt: „Wenn Lesley und Kerstin deine einzigen Freunde sind, dann steht dir wohl ein trauriges Leben bevor, Tiger. Sie waren von Anfang an eine schlechte Wahl.“

Ich verzichte ebenfalls auf die Suppe und beginne gleich mit dem Hauptgang. Dabei brumme ich: „Und du denkst, du wärst eine bessere gewesen?“

Als keine Antwort von Justin kommt, blicke ich automatisch hoch. Noch nie ist mir aufgefallen, wie dunkel seine Augen tatsächlich werden, wenn er jemanden so eindringlich ansieht wie mich gerade. Er schweigt mich weitere zwei Sekunden an, in denen ich völlig vergesse, meine Nudeln zu kauen. Dann sagt er schließlich mit leiser Stimme: „Ja. Das denke ich.“

Als er sich wieder wegdreht, rutschen mir die Nudeln mit einem lauten Schluckgeräusch den Hals hinunter. Und ohne Vorwarnung schiebt sich eine alte Erinnerung in den Vordergrund.

„Warum hast du ihnen erzählt, ich hätte dich bedrängt?“

„Weil es die Wahrheit ist.“

„Ist es nicht! Du bist gekommen, weil du es wolltest. Du bist eine verdammte Lügnerin!“

„Hey! Haben wir was verpasst?“ Julies aufgekratzte Stimme so dicht an meinem Ohr reißt mich aus meinen Gedanken. Sie pflanzt sich auf den Stuhl neben mir und winkt den Jungen mit dem Servierwagen noch mal zu uns rüber. Anschließend wandert ihr prüfender Blick zwischen Justin und mir über dem Tisch hin und her. „Okay, warum macht ihr beiden Gesichter, als wäre heute unser letzter Tag hier?“

Hah! Darüber kann ich nur lachen. Wenn morgen schon der letzte Tag im Juli und ich wieder frei wäre, würd ich heute glatt eine Party feiern, denn dann wäre ich die glücklichste Person auf der Welt. Aber das sage ich ihr natürlich nicht, sondern murmle stattdessen: „Sind die Spaghetti. Die hinterlassen heute irgendwie einen komischen Nachgeschmack.“

Justins Augen sind zwar immer noch auf seinen Teller fixiert, aber ich kann erkennen, wie sich gerade seine Mundwinkel zu einem kleinen Lächeln krümmen. Ich wickle eine weitere Gabel Spaghetti auf und versuche dabei nicht darüber nachzudenken, warum dieses Lächeln beinahe traurig wirkt – und warum mir das so viel ausmacht.

Als Julie und Greyson ihr Essen bekommen, hauen sie rein, als hätten sie tagelang nichts mehr zwischen den Zähnen gehabt. „Wo wart ihr denn überhaupt so lang?“, frage ich schnippisch. Wenn die beiden schon früher hier gewesen wären, hätte diese dumme Unterhaltung zwischen Justin und mir niemals stattgefunden. Alles ihre Schuld.

„Ähm… Wir mussten noch ein paar Campdinge erledigen“, antwortet Greyson hastig und weicht dabei ganz offensichtlich meinem Blick aus. Was allerdings zur Folge hat, dass Justin nun verwundert zu ihm rüber sieht.

„Campdinge?“ wiederholt er neugierig.

„Ja“, meint Julie knapp, schlürft die Suppe von ihrem Löffel und gestikuliert inzwischen wild mit der freien Hand. „Du weißt schon… Bälle wegräumen eben. Und –“

„Die Kids“, kommt ihr Greyson zu Hilfe. „Wir mussten zwei von ihnen darüber aufklären, wie gefährlich es ist, von einem Baum aus ins Wasser zu springen.“

„Ja, richtig. Die Kids“, sagt Julie und schlürft wieder einen Löffel voll Suppe.

Was haben die beiden für ein Geheimnis? Denn das Gestotter von wegen Bällen und den Kindern ist ja wohl absoluter Blödsinn. Ich lehne mich auf meine Ellbogen gestützt nach vorn und setzte gerade an, die beiden weiter auszufragen, da hüstelt jemand neben mir und zieht meine Aufmerksamkeit zur Seite.

Links neben mir stehen wie angewurzelt Pixie-Haarschnitt und Karottenlocke vom Spiel heute Nachmittag. Angespannt ringen beide die Hände. Hinter ihnen steht das ganze Eulengeschwader.

„Jaaa?“, versuche ich sie zum Sprechen zu bewegen.

„Wir haben gehört, dass du auf eine Schauspielakademie gehst“, bringt die Rothaarige schließlich mit piepsiger Mausstimme hervor. Von hinten fügt noch eine andere Eule hinzu: „In San Francisco.“

Ah, da hat wohl jemand seinen Mund nicht halten können. Ich drehe mich zu Julie um und mustere sie scharf, was sie nur mit einem verlegenen Schulterzucken abtut. Meinen Fokus wieder auf die Mädchen gerichtet, ziehe ich eine Augenbraue hoch. „Und weiter?“

Die blauen Augen von Pixie-Frisur füllen sich mit Hoffnung. „Und wir haben uns gefragt, ob du vielleicht einen Schauspielworkshop für uns veranstalten könntest.“

Mir klappt die Kinnlade nach unten. Noch ein Workshop? Zusätzlich zum Tanzclub? Auf gar keinen Fall! Wer bin ich denn? Fucking Mutter Theresa? Ich schüttle den Kopf. „Nah-ah.“

Ihr erwartungsvolles Lächeln löst sich in Luft auf. „Warum denn nicht?“

„Weil es nicht Teil des Ferienprogramms ist. Deshalb.“

„Kannst du nicht eine Ausnahme machen?“, fragt jemand aus der hinteren Reihe und der Rest macht flehende Dackelaugen.

Zu dumm, dass ich Dackel nicht ausstehen kann. „Tut mir leid, aber das wird nicht möglich sein. Und jetzt verschwindet und esst eure Nudeln. Ich sehe euch morgen beim Tanzen.“ Gott sei Dank schwirren sie ohne weitere Aufforderung ab und lassen mich in Frieden. Ich beende still aber rasch meine Mahlzeit und trage anschließend mein Geschirr rüber zum Container.

„Warum willst du den Mädels keinen Schauspielunterricht geben?“

Beim Klang von Justins Stimme so nah hinter mir, mache ich vor Schreck fast einen Satz in die Luft und kann gerade noch mein Tablett festhalten, ehe es mir aus den Händen rutscht. Mir ist gar nicht aufgefallen, dass er mir gefolgt ist. Ich schiebe alles in ein leeres Fach und halte dabei den Blick gesenkt. „Weil du mir schon die Tanzstunden aufgehalst hast. Das ist genug Arbeit für einen Sommer.“

Ich trete zur Seite, damit auch er sein Zeug in den Container schieben kann. Auf dem Weg zur Tür holt er mich aber erneut ein und geht leise neben mir her – bis wir draußen sind, wo sich unsere Wege eigentlich trennen sollten. Ohne einen Hinweis, wie er auf das Thema kommt, sagt er plötzlich: „Die Tiger haben unsere Flagge gestohlen.“

Als ich mich zu ihm drehe, lässt sich ein kleines, stolzes Lächeln leider nicht unterdrücken. „Ich weiß.“

Er zieht beide Brauen hoch, doch für mich ist diese Unterhaltung hiermit beendet und ich mache mich auf den Weg ins Mädchenlager.

Als Julie an diesem Abend in ihr Bett gekuschelt ein Buch liest, schleiche ich mich aus der Hütte und habe mein Handy in der Tasche meiner ausgefransten Jeans-Hotpants versteckt. Ich hatte heute noch keine Gelegenheit Brinna eine Nachricht zu schreiben, da ich entweder dazu gezwungen war, mit Zwei, Drei und Vier abzuhängen, oder irgendwelche Kids ständig um mich herumgeschwänzelt sind. Und die sollen mein Handy ja nicht sehen.

Es ist schon nach zehn, im Lager ist es ruhig – abgesehen vom Lachen, das aus den beiden Hütten der Mädchen dringt – und draußen ist es immer noch warm genug für einen kleinen Spaziergang. Während ich durch den Wald streife, unterhalte ich mich eine halbe Stunde im Flüsterton mit Brinna und erzähle ihr alles, was sich heute so getan hat. Auch über meine Plagerei mit Justin und diesen Bericht, den er am Ende des Sommers über mich erstellen muss. Ihre Stimme und das aufrichtige Mitleid darin zu hören, hebt meine trübe Laune nach dem Abendessen und dem seltsamen Gespräch mit Justin wieder ein wenig. Am liebsten möchte ich die ganze Nacht mit ihr plaudern, aber sie hat schon eine Verabredung mit Kerstin. Ich weiß zwar nicht weshalb, aber im Moment möchte ich lieber nicht mit Ker oder Les sprechen. Außerdem sollen sie nicht wissen, dass Justin ebenfalls hier im Camp ist. Brinna muss mir hoch und heilig schwören, nichts zu verraten, bevor wir auflegen.

Ich stopfe das Handy wieder in die hautengen Jeans und schlendere zurück zur Blockhütte. Einen Fuß bereits auf der untersten Stufe, höre ich etwas in den Büschen rascheln. Schleicht sich da etwa ein Mädchen ohne Erlaubnis weg? Unter meinen Schuhen knirschen die Kieselsteine, als ich rüber marschiere. „Wer ist da?“

Ich bekomme fast einen Herzinfarkt und kreische entsetzt auf, als jemand aus dem Busch hervorspringt. Es ist keins der Mädchen – viel zu groß. Im Mondlicht sind außerdem die kurzen Haare und ein kariertes Hemd zu erkennen.

Greyson.

„Buh!“, sagt er spöttisch und kommt auf mich zu. An einem Band um seinen Kopf ist eine Feder befestigt und ein Teil seines Gesichts ist mit schwarzer Farbe beschmiert.

Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Vielleicht ist es nur seine seltsame Verkleidung, die mich zurückweichen lässt, oder aber der tückische Blick in seinen Augen. Auf jeden Fall erscheint es mir als keine gute Idee, ihm zu nahe zu kommen. Fluchtbereit spannt sich jeder Muskel in meinem Körper an, und als er einen weiteren Schritt nach vorn macht, kehre ich um und sprinte los.

Nur leider komme ich genau zwei Schritte, dann ist Schluss, denn ich pralle gegen eine Brust aus Stahl. Als ich aufsehe, entdecke ich eine ähnliche Feder wie die von Greyson an Justins Hinterkopf befestigt. Seine Augen funkeln durchtrieben im Mondschein und ein verschlagenes Lächeln macht sich auf seinen Lippen breit. Blitzschnell schlingt er einen Arm um mich, womit er meine beiden Arme fest umklammert und mich am Entkommen hindert. Die andere Hand presst er mir über den Mund.

„Guten Abend, Chloe“, schnurrt er mit Verderben in der Stimme.

 

 

Kapitel 7

 

Chloe

 

„Gentlemen, das Seil“, fordert Justin gelassen. Das Rascheln in den Büschen hinter mir verrät, dass er und Greyson nicht alleine gekommen sind. Wahrscheinlich haben sie das gesamte Wolfs- und Waschbärengeschwader mitgebracht. Zwei Jungs mit Blättern in den Haaren und Büschel aus Zweigen um die Oberarme gebunden kommen zu uns herüber. Justin lockert seinen Griff nur so weit, dass die beiden meine Arme hinter meinen Rücken winden und sie dort fesseln können. Da er seine Hand immer noch fest auf meine Lippen presst, kann ich nichts weiter tun, als entsetzt in sein Gesicht zu starren.

Unter seinen Augen sind zwei fette schwarze Striche auf seine Wangenknochen gemalt. Sie bewegen sich ebenfalls, als er lächelt. „Ich werde dich jetzt loslassen. Wenn du auch nur den kleinsten Mucks machst, kleb ich dir den Mund mit Klebeband zu.“ Er schweigt einen kurzen Moment, wahrscheinlich, weil er darauf wartet, dass ich mir jetzt vor Angst in die Hose mache, dann fragt er: „Verstanden?“

Ich blinzle und nicke dann.

„Gut.“ Seine Hand rutscht langsam von meinen Lippen. Sobald ich den Mund wieder öffnen kann, hole ich tief Luft, um den lautesten Schrei meines Lebens auszustoßen. Doch Justin hebt rasch einen Finger und hält mich davon ab. „Mm-mmh“, warnt er mich und zieht dabei etwas aus der weiten Hosentasche an der Seite seines Oberschenkels. Eine verfluchte Rolle Klebeband. „Das war mein Ernst. Leg dich nicht mit diesem Wolf an. Ein Laut von dir und du bekommst eine Menge Ärger, Fräulein.“

Mein Kreischen erstirbt, noch bevor es überhaupt begonnen hat.

„Was bist du doch für ein braves Mädchen!“, neckt er mich und zeigt sogar Zähne in einem fiesen Grinsen.

„Harry, verbinde ihr die Augen“, befiehlt Greyson anschließend einem der Jungs. „So kommt sie nicht weit, falls sie ausbricht.“

Fesseln und eine Augenbinde? Was zum Teufel haben die mit mir vor? „Lass mich los!“, zische ich leise. Hoffentlich verstößt das nicht bereits gegen Justins Keinen-Mucks-Regel, denn ein Streifen Klebeband auf meinem Mund ist das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann. „Ich habe keinen Bock auf euer bescheuertes Spiel.“

Dann wird alles stockdunkel, als Harry mir mit dem Tuch die Augen verbindet.

„Das ist kein Spiel.“ Ich schrecke ein wenig zurück, weil Justin so nahe ist und mir ins Ohr flüstert. „Wir nehmen dich mit, weil die Mädchen etwas haben, das uns gehört.“

Und was soll das bitte schön sein? Ach nein, warte. „Die Flagge?“, flüster-kreische ich völlig platt. „Ihr kidnappt mich, wegen einem gestohlenen Fetzen an einem Stock?“

„Ganz genau.“ Sein Atem streicht mir sanft über die Wange, doch dann kühlt meine Haut rasch ab, als er sich weiter weg lehnt. „Und jetzt schlage ich vor, du bist endlich still. Ich würde dich nur ungern hiermit zum Schweigen bringen.“ Bei dem gruseligen Geräusch von Klebeband, das demonstrativ vor meiner Nase von der Rolle gerissen wird, zucke ich in meiner verdunkelten Welt zusammen und halte die Klappe. „Eindeutig eine gute Entscheidung“, stimmt Justin zu und befiehlt dann mit leiser Stimme: „Collin, komm her. Du wirst sie durch den Wald führen. Pass auf, dass sie nicht hinfällt.“

Eine Hand nimmt mich am Arm, der Griff viel sanfter als Justins zuvor. Beinahe schon schüchtern. Collin hat wohl ein mulmiges Gefühl dabei, einen Gruppenleiter anzufassen. Er dreht mich herum und marschiert mit mir los. Der holprige Weg zwingt mich zu winzigen Schritten. Bei meinem Glück küsse ich heute noch einen Baum oder breche mir einen Knöchel, noch ehe wir unten am Froschteich sind. Wenn das passiert, sollte Justin lieber schnell in Deckung gehen, denn dann hetze ich ihm meinen Anwalt-Dad auf den Hals.

Von allen Seiten tönen Schritte, doch ich werde lediglich von Greyson und Collin eskortiert. Die beiden führen eine Flüsterunterhaltung darüber, wo sie mich am besten festbinden, wenn wir erst einmal im Jungenlager sind. Sie sind sich noch nicht einig geworden, als mich Justins donnerndes Gebrüll etwas weiter hinter uns vor Schreck zusammenfahren lässt.

„Hey, Tiger!“, schreit er und dem Klang nach hat er dabei die Hände wie einen Trichter um den Mund gelegt. „Wir haben eure Alphakatze! Wenn ihr sie wiederhaben wollt, kommt vor Mitternacht auf die andere Seite des Sees! Und bringt unsere Flagge mit!“

Zweige brechen und Blätter rascheln unter seinen Schuhen, als er schnell zu uns aufschließt. „Also gut, Jungs. Lasst uns die Mieze in den Käfig bringen, bevor sie uns folgen“, meint er fröhlich, als er rechts an mir vorbeiläuft.

„Du hast ihn gehört“, sagt Greyson zu mir und legt mir seine Hand ins Kreuz, damit ich etwas schneller vorankomme. Doch wie soll das mit so vielen Steinen auf dem Weg denn gehen? Bei jedem zweiten Schritt stolpere ich, wobei Collins Hand jedes Mal reflexartig zupackt.

„Noch schneller und ich breche mir die Beine“, fauche ich und drehe dabei meinen Kopf in Greysons Richtung. „Ich kann überhaupt nichts sehen!“

Im nächsten Augenblick halten wir an, und als mir der Atem von jemandem ins Gesicht schlägt, wird mir auch schlagartig klar, weshalb. Das Geräusch von abrollendem Klebeband verursacht mir eine Gänsehaut. Zwei Sekunden später wird mir ein Streifen auf den Mund geklebt. Justin glättet ihn mit den Daumen und hält dann mein Gesicht sanft mit beiden Händen fest. „Ich habe dich gewarnt, Rotkäppchen. Leg dich nicht mit dem Wolf an.“

Die Augen verbunden, gefesselt und jetzt auch noch geknebelt. Komplett von der Rolle kann ich nichts weiter tun, als in einem hektischen Rhythmus durch meine Nase ein- und auszuatmen. Ich bin in meinem persönlichen Albtraum gefangen und Justin übernimmt gerade eine führende Rolle darin. Das wird er noch bereuen. Die Mädchen kommen jeden Moment und retten mich. Im Nu bin ich hier wieder raus. Und dann wird er dafür bezahlen.

Als Justin verschwunden ist, zieht Greyson mich vorwärts und ich stolpere zwischen ihm und seinem Bruder den Weg entlang. „Vielleicht sollte sie lieber jemand tragen?“, schlägt Collin nach ein paar weiteren Schritten vor, in denen mein Leben in permanenter Gefahr schwebt.

Ich will nicht getragen werden. Ich will noch nicht einmal von diesen Rüpeln angefasst werden. Aber dass sich zumindest eine Person hier Sorgen um meine Gesundheit macht, steigert meine Sympathie für Collin ungemein. Vielleicht verschone ich nachher sogar sein Leben, wenn ich wie Stephen Kings Carrie über den Rest der Bande hereinbreche, sobald ich die Fesseln los bin. Und irgendwann müssen sie mich ja wieder freilassen.

„Das ist wahrscheinlich das Beste“, stimmt Greyson zu und lässt mich los. Collin nimmt seine Hand ebenfalls weg.

Was? Die haben doch jetzt nicht allen Ernstes vor –? Jemand hebt mich hoch und trägt mich auf den Armen. Ein kleines Terrorwinseln entweicht mir. Ich will das nicht! Mit beiden Händen auf dem Rücken gefesselt kann ich mich nicht einmal an Greyson festhalten und bin ihm hilflos ausgeliefert. Verflucht sei er! Verflucht sei auch diese ganze Horde Verrückter und Justin obendrein, weil er den Unfug angezettelt hat!

Blind getragen zu werden ist ein sehr seltsames Gefühl. Davon werde ich beinahe seekrank. Greyson, der ungehobelte Klotz, soll mich gefälligst runterlassen. Wenn dieses blöde Klebeband nicht wäre, würde ich ihm jetzt so laut ins Ohr kreischen, dass ihm dabei sein Trommelfell platzen würde. Aber in dieser doofen Situation kann ich lediglich meinen Kopf an seine Schulter lehnen und beten, dass wir unser Ziel bald erreichen.

Greyson verkrampft sich ein klein wenig, als ich meine Wange an ihn drücke. Himmel noch eins – der glaubt doch wohl nicht allen Ernstes, dass ich mich hier aus purer Leidenschaft an ihn schmiege? Was für ein Vollidiot! Andererseits ist seine Schulter jedoch ziemlich gemütlich. Hätte ich gar nicht gedacht. Und unter dem Eau-de-Busch, das er heute trägt, riecht seine Haut männlich und exotisch. Beinahe appetitlich. Das kommt wahrscheinlich von einem kleinen Spritzer Aftershave. Justin hat gestern Abend dasselbe getragen. Ich kann mich noch gut an den Duft erinnern, der mir in die Nase gestiegen ist, als er mir den Hoodie um die Schultern gehängt hat. Teilen sich die beiden etwa das Rasierzeug?

Oder –

Ach du grüne Neune!

Wenn Greyson mich durch den Wald schleppen würde, wäre das schon übel genug. Aber da gibt es eine Sache, die noch viel schlimmer wäre. Nämlich wenn Justin derjenige sein sollte, der mich hier auf Händen trägt.

Ich muss es wissen, aber mit dem blöden Klebeband überm Mund kann ich leider schlecht fragen. Also hebe ich den Kopf und mache den Test, in dem ich mit der Nasenspitze über die Wange meines Trägers streife. Erschrocken zieht er bei meiner Berührung die Luft ein und dreht sein Gesicht weg, aber das macht jetzt auch keinen Unterschied mehr. Ich habe herausgefunden, was ich wissen wollte.

Statt der pickeligen Haut, die zu Greyson gehört, ist diese Wange mit einem leichten Dreitagebart überzogen. Vorhin dachte ich ja, nach dem Kidnapping-Manöver könnte mich nichts auf der Welt noch zorniger machen, doch da habe ich mich offenbar geirrt.

Geradezu schäumend vor Wut reibe ich mein Gesicht gegen seine Schulter, bis das Tuch zumindest auf einer Seite so weit nach oben rutscht, dass ich ein Auge freibekomme. Wie ein wilder Bulle schnaube ich durch die Nase, aber das scheint Justin gar nicht zu stören. Er geht einfach weiter und lässt nur seitlich seinen Blick zu mir schweifen. Seine Lippen sind zwar verschlossen, doch ein kleines Zucken der Mundwinkel wirft in mir die Frage auf, ob er meinen Schock wohl amüsant findet.

Wenige Minuten später erreichen wir das Jungencamp, wo Justin mich endlich absetzt. Das Tuch fällt von meinen Augen, als ich den Kopf wild schüttle. Leider funktioniert das mit dem Klebeband nicht so einfach.

Die Kids führen mich die Stufen hinauf zur Hütte, über deren Tür ein heulender Wolf abgebildet ist. Auf der Veranda dreht Justin mich zu sich herum und reißt mir schließlich in einem Ruck den Klebestreifen vom Mund.

„Herrgott! Das hat wehgetan!“ Ich reibe mir die brennenden Lippen an der Schulter und fauche ihm dann ins Gesicht: „Warum musstest du mich denn unbedingt knebeln, wenn du den Mädchen ohnehin gesagt hast, wo wir hingehen?“

„Weil aus deinem süßen Mund sowieso nichts Unterhaltsames gekommen wäre“, spottet er und dreht mich herum, um mir die Fesseln abzunehmen. Ich zeige ihm dabei den Mittelfinger hinter meinem Rücken und er fängt an zu lachen. „Na sieh einer an! Das ist doch mal unterhaltsam.“

Sobald das Seil ab ist, versuche ich, meine Arme zu befreien, doch mein Entführer hält meine Handgelenke in einem gnadenlosen Griff fest. Er drängt mich an den Pfosten neben der Treppe, schlingt meine Arme hinterrücks um das Teil herum und fesselt meine Hände erneut.

„Echt jetzt?“, schnappe ich.

Er kommt nach vorn und dabei so nahe, dass sich unsere Nasenspitzen beinahe berühren. „Echt jetzt.“

„Wozu der ganze Aufwand?“

„Damit wir das zurückbekommen, was rechtmäßig uns gehört.“

„Und wie soll’s jetzt weitergehen?“

Die Arme verschränkt und ein Grinsen auf den Lippen lehnt er sich an den gegenüberliegenden Pfosten und stellt ein Bein dagegen. „Jetzt… warten wir.“

 

 

Kapitel 8

 

Justin

 

Als wir die Schritte des Mädchengeschwaders näherkommen hören, kommen alle Jungs einschließlich Grey zu mir auf die Veranda und beziehen neben mir am Geländer Position. „Na endlich“, brummt Chloe ohne jegliche Freude in der Stimme. Irgendwie überrascht es mich sogar ein wenig, dass die Mädchen tatsächlich kommen, um sie freizukaufen, bei der fiesen Laune, die sie ständig an den Tag legt. Auf ihren Kommentar hin verdrehe ich nur die Augen und trete dann vor die Stufen.

„Guten Abend, Ladies“, begrüße ich das Mädchenteam laut und mit einem leichten Kopfnicken, als sie sich in einer Reihe links und rechts neben Julie aufstellen. „Habt ihr uns was mitgebracht?“

Eine von ihnen – wenn ich nicht völlig falsch liege, ist ihr Name Mellie – hält den Ast hoch, an dem unser blau-weiß kariertes Geschirrtuch befestigt ist.

„Sehr schön. Wir sind euch ewig dankbar.“

Ich schicke Gerry Farrell runter, um unsere Flagge in Empfang zu nehmen, aber das Mädchen versteckt sie hinter ihrem Rücken und meint stattdessen: „Nicht so schnell! Wir haben eine Bedingung.“

Oh, sie wollen verhandeln? Das könnte interessant werden. „Was verlangt ihr?“

„Von euch gar nichts.“ Mellies Stimme ist laut und deutlich und ihre Augen funkeln vor Entschlossenheit. Dann schweift ihr Blick zu Chloe. „Wir sind gekommen, um dich zu retten, und haben auch die Flagge mitgebracht. Aber die rücken wir erst raus, wenn du versprichst, dass du uns Schauspielunterricht geben wirst.“

„Ihr spinnt wohl!“

„Chloe!“, rüge ich sie scharf.

Mellie schüttelt sich die karottenroten Stirnfransen aus dem Gesicht und fügt noch mit ernster Miene hinzu: „Der Unterricht beginnt morgen.“

Ah, das wird lustig. Ich bemühe mich wirklich sehr mein Vergnügen im Zaum zu halten, als ich mich zu Chloe umdrehe. „Nun? Was sagst du?“

Angepisst starrt sie mir fest in die Augen. Ich kann sogar ihre Zähne knirschen hören. Dann formt sie nur zwei Worte mit den Lippen. „Leck. Mich!“

„Mm-mmh.“ Mit einem Schmunzeln im Gesicht schüttle ich den Kopf. „Ich glaube nicht, dass das die Antwort ist, auf die deine Schützlinge warten.“

„Komm schon, Chloe!“, ruft Julie mit einem Anflug von Flehen in ihrer Stimme. „Es ist ja nur für eine Stunde jeden Tag. Die Mädchen wünschen es sich so sehr.“

Chloes Blick schwenkt von mir zu Julie und wieder zurück. „Du wirst mich doch nicht die ganze Nacht hier angebunden lassen, wenn sie euch die Flagge nicht geben, oder?“

„Oh…“ Ich lege ihr die Hand freundschaftlich auf die Schulter. „Darauf kannst du wetten.“

„Ich hasse dich“, faucht sie darauf hin.

„Ist nichts Neues.“

„Fahr zur Hölle!“

Um nicht gleich laut loszulachen, beiße ich mir auf die Innenseite meiner Wange. „Deine Antwort, Tiger?“

Aus ihrer Kehle ertönt ein Knurren, ehe sie sich Julie und dem Mädchengeschwader zuwendet. „Na schön, ich mach’s. Eine Stunde pro Tag, keine Workshops am Wochenende. Und jetzt gebt ihnen endlich diese gottverdammte Flagge!“

Das ganze Wangenbeißen hilft alles nichts. Nach dieser Ansprache prusten außer mir auch die anderen Jungs vor Lachen. Nur die Kleine mit den Karottenlocken bewahrt ein ernstes Gesicht, obgleich auch ein verhaltenes Grinsen an ihren Mundwinkeln zupft, als sie uns die Flagge überreicht.

Ich halte mein Versprechen und löse Chloes Fesseln. Mit einem Schwall von Reue starre ich dabei auf ihre Unterarme. Durch ihr energisches Zerren haben sich zwei dicke rote Striemen auf ihren Handgelenken abgezeichnet. Sanft gleitet mein Daumen über die geröteten Stellen. Ihr heute Nacht weh zu tun, war bestimmt nicht meine Absicht, doch meine Fürsorge kommt offenbar zu spät. Beleidigt und bitterböse zieht sie ihre Hände weg und stapft davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Julie begrüßt sie mit einer raschen Umarmung, die Chloe anscheinend genauso zuwider ist, wie mein Streicheln über ihre leichten Blessuren. Zumindest reißt sie sich nicht von Julie los, sondern folgt gemeinsam mit ihr den Mädchen, die nun in der Dunkelheit fröhlich jubeln, obwohl sie gerade unsere Flagge wieder verloren haben.

Tja, Triumph liegt wohl im Auge des Betrachters.

 

*

 

Es ist zwei Tage her, seit Chloe den Deal mit dem Schauspielunterricht abgeschlossen hat, und ich habe mich seither jeden Morgen ins Mädchenlager geschlichen, um ihren Fortschritt zu beobachten. Gibt nicht viel zu berichten. Bis jetzt hat sie die Mädels vereinzelt Passagen aus einem Buch vorlesen lassen, um ihre Stimmen zu trainieren und das Murmeln zu korrigieren. Im Moment üben sie ein paar Zungenbrecher. Der Whiskeymixer mixt Whiskey. Whiskey mixt der Whiskeymixer. Mir entkommt ein leises Lachen, als ich es selbst im Flüsterton versuche und mir dabei fast einen Knoten in die Zunge mache.

Viel unterhaltsamer als Chloe dabei zuzusehen, wie sie mit den Kids vor sich hinplappert, ist es aber, sie weiter bei den Tanzstunden zu beobachten. Hätte ich es heute Morgen nicht mit eigenen Augen gesehen, würde ich es niemals für möglich halten, doch nach etwa einer halben Stunde, in der sie die Tänzerinnen nur wieder von ihrem üblichen Thron aus beaufsichtigt hat, ist sie ganz unauffällig heruntergestiegen und hat sich tatsächlich zu ihnen in die erste Reihe gesellt. Ich war sprachlos! Natürlich werde ich ihr keinesfalls erzählen, dass ich gesehen habe, wie sie – oh mein Gott – zum ersten Mal seit sie hier ist, ein bisschen Spaß hatte. Aber es wird sich auf jeden Fall positiv auf meinen Bericht über sie auswirken, den ich am Monatsende abgeben muss.

„Okay, das war genug Zungenakrobatik für heute!“, ruft Chloe und ich blicke aus meinem Versteck hinter den Bäumen hoch, um zusammen mit all den anderen Mädchen der Gruppe zu sehen, was als Nächstes auf ihrem Plan steht. „Wenn ihr wirklich überzeugend vor einer Kamera und Hunderten von Leuten, die auf dem Set herumschwirren, schauspielern wollt, müsst ihr erst mal alle Scheu ablegen. Klingt nicht schwer, ist es aber – besonders für Anfänger wie euch, glaubt mir. Als kleine Einstiegsübung werde ich nun jedem von euch eine Emotion ins Ohr flüstern, die ihr anschließend wortlos den anderen vorspielen sollt. Es gilt nur Körpersprache und Mimik.“ Sie stemmt die Hände in die Hüften. „Verstanden?“

Die Mädchen nicken alle, einige von ihnen beherzt und mit vollem Einsatz, die anderen offenbar mit einem leicht mulmigen Gefühl dabei.

Die Erste in der Gruppe bekommt eine ziemlich einfache Aufgabe. Sie muss Traurigkeit darstellen. Die Truppe braucht ungefähr drei Sekunden, bis sie die Emotion richtig erraten haben. Die zweite Emotion ist schon etwas schwieriger. Während ich der Meinung war, Mellie versucht Wut rüberzubringen, war es in Wahrheit Frustration. In Runde drei breche ich in schallendes Gelächter aus, als ein Mädchen mit schwarzen Haaren einen imaginären Jungen knutscht. Dabei kreist ihre Zunge mit offenem Mund in der Luft und sie macht wilde Kussgeräusche.

Dummerweise habe ich mich damit an Chloe verraten, die sich sogleich zu mir umdreht und mir einen vernichtenden Blick zuwirft. „Ich wusste gar nicht, dass du einen Platz in der ersten Reihe gebucht hast“, schnappt sie.

Mit erhobenen Händen versuche ich, mein Lachen unter Kontrolle zu bekommen. „Tut mir leid, ich wollte euch nicht unterbrechen. Ich war nur neugierig, das ist alles.“

„Du kannst woanders neugierig sein. Unten am See spielen sie gerade Fußball. Geh und schau dort zu!“, kommandiert sie, doch ihr Tonfall ist nicht halb so schneidend wie ihr Blick. Macht nichts, die Message ist angekommen. Ich mache auf der Stelle kehrt und verschwinde in die Richtung, aus der ich gekommen bin. Hinter mir ertönt kurz darauf Chloes Lachen und ihre Erklärung an das Mädchen, das mittlerweile die Luftküsse beendet hat. „Obwohl das ja ziemlich unterhaltsam war, Rachel, schlage ich vor, dass du nicht ganz so viel Körpereinsatz bringst, wenn du Verliebtheit darstellst. Versuch’s noch einmal und benutze dazu nur einen Blick. Beiß dir vielleicht auch schüchtern auf die Lippe…“

Was auch immer Chloes Meinung nach sonst noch Verliebtheit darstellen könnte, geht hinter mir verloren, denn Julie kreuzt gerade meinen Weg. An sich keine große Sache, wenn sie mich dabei nicht fast umgenietet hätte.

„Hey, Jules, wohin so eilig?“, frage ich, als ich mich nach ihr umdrehe.

„Ähm, Spiel!“, erwidert sie mit nur einem Blick über ihre Schulter. Zeit zum Stehenbleiben hat sie offenbar keine. Eine Sekunde später ist sie durch das Gebüsch neben dem Weg verschwunden. Ich kratze mich verwundert am Kopf.

Zurück in der Fuchshütte wechsle ich rasch meine Badeshorts und schlüpfe in Jeans und ein T-Shirt. Es ist schon beinahe Mittag und das Essen wird in weniger als dreißig Minuten auf dem Tisch stehen.

 

 

Kapitel 9

 

Chloe

 

Zwei Kids rasen über den Platz und unterbrechen Susannas Performance eines hysterischen Zusammenbruchs, als sie erfährt, dass ihr Ehemann während eines Polizeieinsatzes ums Leben gekommen ist. Sie liefert eine ziemlich beeindruckende Show ab und ich bin nahe daran, die Störenfriede zurückzupfeifen und zurechtzuweisen. Doch dann blicke ich mit schmalen Augen in den Himmel, wo die Sonne schon direkt über uns steht. „Hat jemand eine Uhr? Wie spät ist es?“

„Zehn nach zwölf“, antwortet die zierliche Elfe Rachel mit dem schwarzen Bob.

Heiliger Strohsack! Wir haben schon vierzig Minuten überzogen. „Der Kurs ist zu Ende. Ab mit euch! Essenzeit.“ Ich flitze in unsere Hütte und kämme mir schnell das Haar. Wenn ich heute noch eine warme Mahlzeit anstatt kaltem und aufgeweichtem Wasauchimmer haben will, dann bleibt mir keine Zeit mehr mein schwarzes Top und die Hotpants gegen etwas Anständiges zu tauschen. In Windeseile bin ich wieder draußen und folge einer Gruppe meiner Schülerinnen runter zum See und dann weiter den schmalen Weg entlang rüber ins Jungenlager.

„Hey, Chloe! Kann ich dich mal was fragen?“

Ein klein wenig erschrocken drehe ich mich zu Kristina, die plötzlich neben mir geht. In ihr schlummert wahrlich ein Schauspieltalent – wenn sie nur nicht so schüchtern vor Publikum wäre. Aber nach den letzten beiden Tagen Unterricht mit den Kids bin ich zuversichtlich, dass wir das auch noch irgendwie hinkriegen.

„Was gibt’s?“, frage ich und gehe weiter.

„Wenn da, na ja, ein Junge wäre… den du vielleicht ganz cool finden würdest“, beginnt sie herumzustottern, „und nett… uuund… irgendwie gut aussehend –“

Leise kichere ich in mich hinein und verdrehe dabei die Augen zum Himmel, denn ich kann mir ganz gut vorstellen, wohin das gleich führen wird. „Wer ist denn dein heimlicher Schwarm?“

„Ah –“ Überrascht reißt sie die Augen auf.

Ja, Herzchen, ich bin vielleicht keine vierzehn mehr, aber von gestern bin ich deswegen noch lange nicht.

„Nur so, äh… irgendjemand… aus dem Jungenlager.“

Jetzt platzt ein Lachen aus mir heraus. „Na schön, dann behalte seinen Namen eben für dich. Aber was war denn deine eigentliche Frage?“ Und hoffentlich beeilt sie sich damit, denn wir sind schon fast beim Speisesaal angekommen und mir knurrt der Magen. Sie hat noch gute fünfzehn Meter, ehe sich unsere Wege am Eingang trennen werden und ich mein Mittagessen in Ruhe genieße.

„Okay, also… Ich habe mich gefragt, ob du mir vielleicht einen Tipp geben kannst, wie ich am besten eine Unterhaltung mit ihm anfange.“ Sie verzieht dabei das Gesicht und ich werde kurz langsamer, schockiert darüber, dass sie tatsächlich diese Art von elterlichem Rat bei mir sucht.

„Du willst meine Hilfe, um einen Kerl anzuquatschen?“

Sie wird gruselig rot im Gesicht. Sieht nicht hübsch aus. Mit gesenktem Blick nickt sie.

„Oh Mann, das Naheliegendste wäre wohl, einfach mal Hi zu sagen.“ Leider kann ich gerade nichts für den Sarkasmus in meiner Stimme, obwohl ich gleich darauf irgendwie ein flaues Gefühl im Magen bekomme, als sie enttäuscht die Schultern hängen lässt.

„Das habe ich schon“, teilt sie mir leise mit.

„Okay. Und was hat er darauf gesagt?“

„Er sagte: Hey, Kristina.“

Um ihr kleines, schmerzendes Herz etwas zu erleichtern, versuche ich ein wenig enthusiastischer zu klingen, auch wenn ich mich gerade nicht wirklich so fühle. „Er kennt bereits deinen Namen. Das ist doch schon mal was!“

„Er kennt fast alle Mädchen beim Vornamen. Aber mehr hat er noch nie zu mir gesagt. Und ich weiß nicht, wie ich eine längere Unterhaltung mit ihm anzetteln soll.“

Hm. Das ist in der Tat verzwickt. Und obendrein haben wir gerade den Speisesaal erreicht, also sollte ich mich nicht weiter um die Probleme dieses Teenagers scheren. Aber als ihre hoffnungsvollen Kulleraugen unter ihren dunkelroten Stirnfransen hervorblitzen, atme ich tief ein und bleibe stehen. Ihr zugewandt verschränke ich die Arme vor der Brust. „Also gut, ich würde an deiner Stelle Folgendes tun: Finde heraus, was er gerne macht und worin er gut ist, und dann frag ihn doch mal ganz nett, ob er es dir vielleicht auch beibringen könnte. Jungs stehen drauf, wenn man sie bewundert.“ Die Lippen gekräuselt ziehe ich die Augenbrauen tiefer. „Was tut er denn am liebsten?“

„Er spielt jeden Tag Basketball. Und darin ist er auch ziemlich gut.“

„Na siehst du?“ Begeistert werfe ich die Hände in die Luft. „Da hast du doch deine perfekte Anmachgelegenheit.“

Kristina denkt einen Moment über meine Worte nach, dann krümmen sich ihre Lippen zu einem Grinsen und sie nickt.

Problem gelöst. Alles ist gut. Ich bin am Verhungern und muss endlich was essen.

Justin sitzt als Einziger bereits am Gruppenleitertisch – wie fast immer, wenn ich in den letzten drei Tagen den Saal betreten habe. Machen Zwei und Drei es jetzt etwa zur Gewohnheit, dass sie viel zu spät zum Essen kommen? Im Moment kümmert es mich allerdings ziemlich wenig, wo die beiden schon wieder stecken. Ich schlage mich durch den überfüllten Saal und setzte mich an meinen angestammten Platz gegenüber von Justin.

„Hey, Tiger“, begrüßt er mich.

„Hey, Vier.“

Anstatt wie erwartet zu seufzen, starrt er mich einfach nur verwundert an. „Du kommst spät.“

„Ja, die Bälger haben mich beim Unterricht aufgehalten und ich hatte keine Uhr um“, murmle ich und nehme Mindy Sowieso das Tablett mit meinem Essen ab, als sie mit dem Servierwagen vorbeirollt. Heute steht Schweinebraten auf der Karte. Lecker. Wie üblich verzichte ich auf die Suppe und schneide ein Stück Fleisch ab, das ich mir dann genüsslich in den Mund schiebe. Endlich etwas zu beißen!

Justins Blick haftet immer noch an mir und langsam schiebt sich sein linker Mundwinkel hoch.

„Was gibt’s da zu grinsen?“, brumme ich irritiert, während ich den nächsten Bissen von meinem Braten abschneide.

Er blinzelt zweimal, ohne sich von mir abzuwenden. Die Ellenbogen links und rechts neben seinem Teller aufgestützt, faltet er die Hände und stellt zwei Finger vor seinen Lippen auf.

Komm schon, das nervt! „Waaas?“

Obwohl er sein Essen immer noch nicht angerührt hat und mit Sicherheit hungrig ist, zögert er eine weitere Sekunde mit seiner Antwort. „Warum gibst du es nicht einfach zu?“

„Warum gebe ich was nicht zu?“

„Dass dir das Arbeiten mit den Mädchen doch eigentlich Spaß macht.“

„Tut es nicht.“

„Doch, tut es.“

Am anderen Ende des Raumes reißt Greyson die Tür auf und stürmt mit der Eule im Schlepptau herein. Sie eilen durch die Tischreihen zu uns. Verbissen konzentriere ich mich wieder auf Justin. „Tut. Es. Nicht.“ Und selbst wenn der Workshop nicht ganz so übel ist, wie ich befürchtet hatte, würde ich das ihm gegenüber in einer Million Jahren nicht zugeben. Es geht ihn nämlich rein gar nichts an.

„Oh, Summers, und wie es dir Spaß macht.“ Letztendlich senkt sich sein Blick auf das Essen vor ihm, doch sein amüsiertes Schmunzeln geht mir immer noch auf die Nerven.

„Ich hatte ja keine andere Wahl! Es war ein fieser Trick“, schnappe ich. „Einer, bei dem du eine führende Rolle gespielt hast.“ Als sich Julie und Greyson endlich auf die Stühle neben uns fallen lassen, mustere ich sie mit einem Killerblick. „Und wo zum Teufel steckt ihr zwei eigentlich die ganze Zeit?“

Die beiden sehen mich an, als wäre ich mit einer Kettensäge auf sie losgegangen. Julie ahmt mit ihrem still auf- und zuklappenden Mund einen Fisch nach und Greyson, der nicht weniger um eine Antwort verlegen zu sein scheint, zieht den Kopf ein und beginnt, seine Suppe zu löffeln.

Augen rollend esse ich fertig. Das Gute an der Sache ist, dass meine Laune, seit ich mich an den Tisch gesetzt habe, mit jedem Bissen besser wird. Die erste Woche liegt hinter uns und der Deal war: keine Workshops an den Wochenenden. Nach dem Essen bin ich frei und kann die nächsten zweieinhalb Tage völlig ungestört am Seeufer liegen, wobei ich mich um nichts kümmern muss, außer darum, dass ich in der Sonne nicht verbrutzle.

Nachdem Greyson seinen Schweinebraten verschlungen und damit angefangen hat, sich aufs Dessert zu stürzen, leckt er sich nun die Creme von den Lippen und fragt Justin: „Hast du was mit dem Equipment erreichen können?“

Ich höre nur mit einem Ohr zu, als ich die Löffelspitze in die Dessertcreme tauche und probiere. Zitrone. Wääh. Nicht mein Ding. Ich schiebe die Schüssel von mir weg und lege den Löffel zur Seite.

„Jap“, antwortet Justin auf die Frage und genießt dabei ganz offensichtlich seine eigene Nachspeise. War auch nicht anders zu erwarten. Er stand schon immer auf den Geschmack von Zitronen. „Ich habe Jeff im Shop angerufen und er hat versprochen, die Ausrüstung gleich morgen früh zu liefern.“

Jetzt haben sie mich neugierig gemacht. „Worum geht’s?“

Beide Jungs sehen mich mit fragenden Augen an. „Paintball?“, meint Greyson.

„Paintball?“ Dieses doofe Spiel, bei dem jeder jeden mit kleinen Farbkugeln abknallt? „Ihr wollt die Kids hier im Lager spielen lassen?“

Justin neigt verdutzt den Kopf. „Hast du beim Frühstück denn nicht zugehört?“

Ich schenke ihm dafür ein kleines Lächeln und ziehe ihn auf: „Nimm es nicht persönlich, aber mich interessiert generell nicht, was du zu sagen hast.“ Außerdem war ich heute Morgen viel zu beschäftigt damit, mir neue Aufgaben für die Schauspielgruppe auszudenken. Ich hätte einen verfluchten Scheiß mitgekriegt, selbst wenn er mir ins Ohr gebrüllt hätte.

Er erwidert mein Lächeln mit einem selbstgefälligen Grinsen. Nein, meine Stichelei hat er ganz bestimmt nicht persönlich genommen. „Tja, vielleicht hörst du ja ausnahmsweise jetzt zu, damit du morgen nicht vor Schreck die Farbe in deinen süßen Bäckchen verlierst, wenn dich die Kids mit ihren Gewehren quer durchs Camp jagen.“

„Mich jagen?“ Hah! „Wohl kaum.“

Justin krümmt eine Augenbraue.

Mit einem Räuspern setze ich mich etwas aufrechter hin, nur für den Fall, dass soeben ein Teil der Information nicht ganz klar bei ihm angekommen ist. „Ich werde ganz sicher nicht bei eurem bescheuerten Ballerspiel mitmachen.“

„Jeder spielt mit. Auch du. Also schlage ich vor, dass du um neun bereit bist.“ Wichtigtuerisch leckt er sich über die Lippen. „Außer du willst, dass ich dich morgen früh mit einem Schuss auf den Hintern aus dem Bett hole.“

Ich verschränke die Arme unter der Brust, wohl wissend, wie das die beiden Mädels nach oben schiebt, und zeige Zähne bei einem bittersüßen Lächeln. „In deinen Träumen, Andrews.“

 

*

 

Lärm in der Hütte reißt mich aus meinem friedlichen Schlaf. Mit nur einem Auge halb geöffnet beobachte ich, wie Julie im Zimmer herumflitzt, sich anzieht und dann im Bad verschwindet. Meine Lider sind immer noch wie zugeklebt, also wische ich mir mit einer Hand übers Gesicht und taste dann blindlings auf meinem Nachtkästchen nach meiner Uhr. Zehn nach sechs. Die hat sie doch nicht mehr alle!

Stöhnend ziehe ich mir die Decke über den Kopf und rolle mich auf die Seite, um noch eine Mütze voll Schlaf einzusacken. Gerade, als ich wieder wegdämmere, kommt die Eule aus dem Badezimmer zurück und will allen Ernstes eine Unterhaltung mit mir anfangen. Unter der Bettdecke ist ihre Stimme zum Glück nur ein unverständliches Gemurmel. Außerdem ist es mir auch scheißegal, was sie will. Es ist Wochenende, Herrgott noch mal! Sie kann mir am Montag sagen, was sie will.

Schwupp! Und plötzlich ist meine Decke weg. Fassungslos schieße ich in eine sitzende Position und kreische: „Was soll das?“

Julie steht mit den Händen in die Hüften gestemmt vor mir, meine Decke unter einem Arm. „Komm schon, Chloe, steh auf. In zwanzig Minuten gibt’s Frühstück. Ich weiß, dass du viel länger brauchen wirst, um dich dafür fertig zu machen.“

„Ich lasse das Frühstück heute ausfallen. Jetzt gib mir meine Decke wieder und dann lass mich in Ruhe.“ Durch zusammengebissene Zähne füge ich noch hinzu: „Bitte.“

„Aber heute spielen wir doch Paintball.“

Irrtum. „Ihr spielt heute Paintball. Ich ziehe mir in zwei Stunden meinen Bikini an und mache dann ein gemütliches Picknick am See.“

Ihre Mundwinkel fallen traurig nach unten. „Du kommst wirklich nicht mit?“

„Nö.“

„Oh.“ Dieses Gesicht an einer Fünfjährigen hätte bedeutet, dass sie gleich anfängt zu heulen. Doch Julie schluckt ihre Enttäuschung wie ein großes Mädchen runter und wirft mir die Decke zurück aufs Bett. „Na ja, dann hab einen schönen Tag. Wir sehen uns später.“ Sie bemüht sich krampfhaft, die Mundwinkel wieder nach oben zu ziehen, aber nach einem fröhlichen Lächeln ist ihr im Moment ganz offensichtlich nicht zumute.

Als sie endlich zur Tür raus ist, kringle ich mich noch einmal unter der Decke zusammen. Aber nach diesem abrupten Weckdienst brauche ich gar nicht erst darauf zu hoffen, noch mal einzuschlafen. Leise fluche ich vor mich hin, als ich schließlich eine Stunde später aus dem Bett krieche und nach dem Duschen meinen schwarzen Triangel-Bikini anziehe. Die Haare binde ich noch schnell zu einem Pferdeschwanz nach oben, damit auch mein Nacken nachher schön mitbräunen kann.

Draußen auf der Veranda gleitet mein Blick friedlich übers Lager. Keine Mädchen, die irgendwo herumtoben. Alles ist still auf dieser Seite des Froschteichs. Das Frühstück sollte mittlerweile vorbei sein, also bereiten sie sich wahrscheinlich gerade auf diese Kindergarten-Ballerei vor. Soll mir nur recht sein. Ein bisschen Ruhe tut zur Abwechslung mal ganz gut.

Barfuß laufe ich die Stufen hinunter und sinke auf die Bank, die Ellbogen hinter mir auf den Tisch gestützt und den Rücken gegen die Kante gelehnt. Die warme Sonne, die mir ins Gesicht und auf den Bauch scheint, ist ein angenehmer Ersatz für die Bettdecke, die mir Julie vorhin weggezogen hat. Das könnte in der Tat ein sehr netter Tag werden.

Es kann unmöglich schon später als neun Uhr sein, doch die Temperatur klettert gnadenlos weiter nach oben und die Luft wird allmählich dick und feucht. Zeit für einen Sprung in den See. In meinem Nacken sticht ein Nerv, als ich mich aufrichte. Das kommt bestimmt vom Herumlümmeln mit nach hinten hängendem Kopf, sollte aber gleich wieder vorbei sein. Für einen kurzen Moment tanzen nur schwarze Punkte vor meinen Augen. Und hinterher tanzt Justin dort weiter.

„Großer Gott!“ Ich blinzle ein paarmal rasch, bis sich meine Sicht wieder hundertprozentig geklärt hat. „Was willst du denn hier?“

Als er die Arme vor der Brust verschränkt, zucken seine Muskeln verspielt unter dem schwarzen Poloshirt, das er heute anhat. „Dich abholen, was sonst?“ Seine Tarnhose, die in allen Farben des Waldes gefleckt ist, sieht neben meinem Bikini zwar fehl am Platz aber an ihm dennoch irgendwie heiß aus.

„Tut mir leid, Soldat Nummer Vier“, säusle ich und lehne mich wieder zurück in meine vorherige Position. „Den Weg hättest du dir sparen können. Ich habe dir gestern schon gesagt, dass ich nicht mit euch Call of Duty im Wald spielen will.“

„Tja, weißt du –“, beginnt er zu antworten und schnappt plötzlich meine Hand. Er zieht mich so schnell von der Bank hoch, dass ich nur erschrocken nach Luft schnappen kann. „Heute geht es ausnahmsweise mal nicht darum, was du willst, Tiger.“ Im nächsten Moment geht er in die Knie, wirft mich über die Schulter und dann trägt mich der Penner die Stufen zu unserer Hütte hinauf. „Es geht um deine Pflichten als Teamführerin.“

„Bist du verrückt? Lass mich sofort runter!“ Rebellierend trommle ich mit den Fäusten auf seinen Rücken und gebe ihm jeden geschmacklosen Namen, der mir gerade in den Sinn kommt. Doch er hält mich nur noch fester an den Beinen und denkt gar nicht daran, mich abzusetzen. Die Bartstoppeln auf seiner Wange reiben gegen meinen nackten Oberschenkel, als ich wild auf seiner Schulter herumzapple.

Justin stößt mit dem Fuß die Tür auf und schmeißt mich zwei Sekunden später aufs Bett. Sprachlos starre ich in seine Augen, als er ein Knie neben meiner Hüfte auf die Matratze stützt, die Hände auf beiden Seiten meines Gesichts ins Kissen presst und sich so weit zu mir herunterbeugt, dass ich seinen Atem auf meinen Lippen spüren kann. „Zieh dir was an!“, befiehlt er.

„Wer glaubst du, dass du bist, um mich herumzukommandieren?“, schnaube ich wütend.

„Im Moment bin ich dein Vorgesetzter. Und wenn du dich weiterhin weigerst, hier ordentlich mitzumachen, bin ich als Nächstes derjenige, der meinem Vorgesetzten schreibt und dafür sorgt, dass du aus dem Camp fliegst. Heute noch.“

Ich schlucke schwer. Obwohl meine Wangen brennen wie Feuer, weiß ich, dass mir gerade sämtliche Farbe aus dem Gesicht gewichen ist.

„Du hast fünf Minuten. Ich warte draußen.“ Justin drückt sich von meinem Bett hoch und marschiert raus auf die Veranda. Atemlos starre ich auf die zufallende Tür.

Das meint der doch unmöglich ernst! Er kann mich nicht rauswerfen lassen, nur weil ich nicht an seinen Kindergartenspielchen teilnehmen will. Und was soll das überhaupt, dass er mir ständig so nahe kommt? Würde er mit Julie dasselbe machen, wenn sie sich so verhalten würde, oder hat mir unsere Vergangenheit bei ihm einen Sonderstatus beschert?

Mein Herz pocht immer noch wie ein trampelnder Elefant. Meine Freiheit wegen eines dummen Spiels zu riskieren, wäre Bullshit. In acht Tagen könnte dieses ganze Fiasko für mich zu Ende sein. Um Punkt Mitternacht des Einunddreißigsten verschwinde ich von hier, doch bis dahin muss ich meinen Peiniger wohl oder übel noch bei Laune halten. Also ja, so sehr es mir auch widerstrebt, dieses Mal gewinnt Justin.

Obwohl jede Faser meines Körpers protestiert, schwinge ich mich aus dem Bett und ziehe mir ein paar abgeschnittene Jeans und ein enges Top an, das einen schmalen Streifen Haut am Bauch freilässt. Turnschuhe sind für heute wohl die beste Wahl.

„Ich bin fertig“, maule ich, als ich die Tür aufreiße und zu Justin rausgehe. Allerdings bleibe ich nicht neben ihm am Geländer stehen, sondern stapfe schmollend die Stufen runter. „Wohin gehen wir?“

Er zögert drei Sekunden, doch dann antwortet er: „Jungenlager. Wir müssen dir noch ein paar Protektoren besorgen.“

Wir legen den Weg schweigend zurück und ich bemühe mich darum, immer ein paar Schritte vor ihm zu laufen. Draußen vor dem Speisesaal hat sich bereits die ganze aufgeregte Meute versammelt. Einige von ihnen tragen ähnliche Sachen wie Justin, andere haben etwas farbenfrohere Klamotten an. Aber eine Sache fällt sofort auf, als wir uns ihnen nähern: außer mir trägt heute keiner Shorts.

Haben die alle einen Knall? Zweifellos bekommen wir heute wieder über fünfunddreißig Grad. Die werden sich in diesen Sachen totschwitzen.

„Chloe, komm her!“

Auf Justins Ruf hin drehe ich mich um. Er schlüpft gerade in eine Jacke, die im selben Waldton gemustert ist wie seine Tarnhose, nur etwas dunkler. Er wirft mir ein ähnliches Teil zu und schnallt sich dann einen schwarzen Brustpanzer aus Hartplastik um. Plötzlich sieht er nicht mehr aus wie ein Soldat, sondern eher wie das Mitglied eines SWAT-Teams. Um ehrlich zu sein, sehen die meisten hier so aus.

„Worauf wartest du?“, drängt er mich mit einem Nicken zur Jacke, die ich immer noch fest in der Hand halte.

„Ähm… vielleicht auf den Winter?“, schlage ich vor. Sarkasmus beiseite – keinesfalls werde ich mitten im Hochsommer in Kalifornien eine schwere Tarnjacke tragen.

Während er den letzten Gurt unter seinem Arm zuschnürt, der den vorderen mit dem Rückenpanzer verbindet, verdreht er die Augen und schüttelt mit einem langen Seufzen den Kopf. Dann kommt er zu mir. Ohne Vorwarnung leckt er sich über die ausgestreckten Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand, packt mich am Handgelenk und schnalzt mir mit den Fingern auf den nackten Unterarm. Fest.

„Aua! Sag mal, geht’s noch?“ Entrüstet ziehe ich meine Hand weg und reibe mir über die brennende Stelle.

„Ungefähr so weh tut es, wenn dich ein Paintball trifft.“

Was? Und er will allen Ernstes, dass ich bei so einem brutalen Spiel mitmache? Meine Kinnlade schlägt vor blankem Horror auf den Boden.

Justins Augenbrauen hingegen wandern nach oben. „Willst du immer noch auf die Jacke und die Protektoren verzichten?“

Meine Kiefer mahlen vehement aufeinander. Bockig stopfe ich die Hände durch die Ärmel und ziehe den Reißverschluss der Jacke bis zum Kinn hoch. Als Nächstes hilft er mir, den Brustpanzer anzulegen. Der wiegt weit weniger, als ich vermutet hätte, und mit den schmalen Gurten, die den vorderen mit dem hinteren Protektor verbinden, bleibt man immer noch erstaunlich beweglich. Dennoch macht es das Tragen der Ausrüstung bei dieser sengenden Hitze nicht im Geringsten angenehmer.

„Sind alle bereit?“, fragt Justin laut und drückt mir im Vorbeigehen noch eine Maske an die Brust. Es ist kein richtiger Helm, sondern nur ein kompletter Gesichtsschutz mit getöntem Visier, Plastik vor dem unteren Gesichtsbereich und Riemen, die sich hinten am Kopf fester stellen lassen. Wenn ich das Teil aufsetze, sehe ich aus wie fucking Darth Vader.

Während alle anderen Kids mit fröhlicher Aufregung den Beginn des Spiels herbeisehnen, breitet sich in meinem Bauch rasch eine drückende Übelkeit aus.

„Greyson und ich teilen jetzt die Waffen, Munition und einen Kompass an alle aus. Wenn ihr ausgerüstet seid, wartet bitte, bis auch die anderen fertig sind. Wir ziehen dann alle gemeinsam los in den Wald. Weitere Instruktionen bekommt ihr, wenn wir den Ausgangspunkt erreicht haben. Der liegt etwa zwei Meilen nördlich von hier.

Als ich mir dann wie alle anderen ein Gewehr über die Schulter hänge, kommt es mir vor, als würden wir gleich zu einer Mission in den Irak aufbrechen. Angstschweiß bildet sich auf meiner Stirn.

Langsam setzt sich die jubelnde Meute in Bewegung und folgt den beiden Anführern Justin und Greyson. Julie bildet mit mir das Schlusslicht.

„Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr es mich freut, dass du es dir anders überlegt hast“, meint sie unterwegs und schwingt dabei beherzt ihre Maske zwischen uns vor und zurück. „Wie schön, dass Justin dich doch noch überreden konnte.“

Das würde sie wohl kaum sagen, wenn sie wüsste, dass mich dieser fiese Drecksack in Wahrheit erpresst hat. Und ich werde es ihr bestimmt nicht verraten. Stattdessen lenke ich die Unterhaltung lieber in eine andere Richtung. „Hast du schon mal Paintball gespielt?“

„Nein, noch nie. Aber ich hoffe sehr, dass es nicht allzu weh tut, wenn man getroffen wird.“

Bei dem Gedanken an Justins Schlag vorhin reibe ich mir unwillkürlich den Arm unter dem steifen Jackenärmel. Es schaudert mich, wenn ich mir vorstelle, welche Schmerzen uns in den nächsten Stunden da draußen im Wald erwarten. Vielleicht sollte ich mich gleich am Anfang selbst erschießen. Wenn ich game-over bin, kann ich wenigstens zurück ins Camp gehen und den Rest des Tages noch ein bisschen Sonne tanken. Das ist wahrscheinlich sogar meine beste Option. Niemand erwartet wohl ernsthaft, dass ich aus diesem Spiel als Sieger hervorgehe. Wozu also die ganze Strapaze?

Nach einem längeren Fußmarsch kommen wir auf eine Lichtung im Wald, wo sich die Gruppe um Justin versammelt. Julie und ich rücken etwas weiter auf, damit wir hören können, was er sagt.

„Das ist der Ausgangspunkt. Von hier werdet ihr gleich alle ausschwärmen und euch zurück zum Lager durchkämpfen. Aber erst teilen wir euch noch in drei Teams auf. Blau, Rot und Lila.“ Aus dem Rucksack, den Greyson mitgebracht hat, fischt er einen Stapel gefaltete Halstücher in diesen drei Farben und wirft sie ziellos in die Menge.

Ich fange ein blaues Tuch. Julie bekommt ein rotes.

„Bindet sie euch um die Oberarme, damit jeder sehen kann, zu welchem Team ihr gehört.“ Als Nächstes hält er seinen eigenen Kompass hoch. „Jeder von euch hat auch so einen bekommen. Das Camp liegt von hieraus gesehen im Süden. Euer Ziel ist es, ohne einen Treffer zurück ins Lager zu kommen. Das Team mit den meisten Überlebenden hat gewonnen. Ihr könnt euch entweder alleine durchschlagen, oder in Gruppen wandern, aber ich rate euch, haltet die Augen immer offen.“ Er holt kurz Luft und bindet sich dabei ein rotes Tuch um den linken Oberarm, dann sieht er auf zu Greyson, der offensichtlich dem lila Team angehört. „Was meinst du? Reichen drei Minuten aus?“

„Geben wir ihnen lieber fünf.“

Justin nickt und wendet sich erneut den Kids zu. „Ihr habt fünf Minuten Zeit, um euch in Gruppen zusammen zu finden – oder auch nicht – und euch anschließend Deckung zu suchen. Keine Schüsse, bevor die fünf Minuten um sind! Danach könnt ihr jagen, wen immer ihr wollt.“ Sein heißblütiger Blick ist plötzlich auf mich gerichtet und verursacht mir eine Gänsehaut auf den nackten Beinen. „Viel Glück.“

Sofort bricht um uns herum ein heilloses Durcheinander aus. Einige Kids versuchen ihre Teamkollegen zu finden, andere stehlen sich bereits davon und suchen Schutz im wilden Dickicht. Julie lässt mich zurück, um mit Justin abzuklatschen, und folgt ihm anschließend vom Weg runter. Greyson verschwindet mit seinem Bruder und noch ein paar anderen Jungs in die entgegengesetzte Richtung.

Seit dem Start des Spiels sind erst wenige Sekunden vergangen und schon stehe ich mutterseelenallein mitten auf der Lichtung. Grundgütiger! Ich schlucke, einer Panikattacke nahe.

„Chloe!“, zischt eine Stimme hinter mir. Ich wirble herum und entdecke Addisons Engelslocken zwischen den Blättern eines Busches hervorblitzen. Elfen-Rachel und Kristina sind bei ihr. Sie fuchteln aufgeregt mit den Händen. „Schnell, komm her!“

Ich krieche unter das Gestrüpp zu den Mädels. Gott sei Dank war das keine Falle und sie alle tragen wirklich blaue Bänder an den Armen. Puh! Schwein gehabt.

Wir setzen unsere Masken auf, wodurch das Atmen erheblich beeinträchtigt wird, trotz der Schlitze im Plastik, das Mund und Nase bedeckt. Gemeinsam schlagen wir uns nach Süden durch, meiden dabei den offenen Weg und auch sonst sämtliche Stellen, von wo wir Stimmen und Rascheln in den Büschen hören.

Die fünf Minuten, die wir hatten, um uns Schutz zu suchen, sind viel zu schnell vorüber und bald schon hört man von überallher das gnadenlose Rattern der Paintballgewehre, sowie hysterische Mädchenschreie. Es ist nur ein blödes Spiel, also warum kommt es mir vor, als befänden wir uns mitten im Krieg? Mein Adrenalinspiegel steigt mit jedem „Da drüben sind sie!“ und „Los, schnappt sie euch!“, das um uns herum zu hören ist.

Für die nächste halbe Stunde gelingt es den drei Mädels und mir ungesehen durchs Dickicht zu kriechen. Aber bei diesem Schneckentempo kommen wir vor nächster Woche wohl kaum zurück ins Lager. Und um alles noch schlimmer zu machen, müssen wir auch noch den Pfad überqueren, der uns gerade den Weg abschneidet.

Wie verängstigte kleine Kaninchen liegen wir flach auf dem Bauch und beobachten den Weg vor uns. Niemand in Sicht, weder rechts noch links. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass wir hier draußen allein sind.

„Am besten schleichen wir uns einzeln rüber“, schlägt Addison vor.

„Guter Plan.“ Ich wische mir den Schweiß vom Nacken. „Wer geht zuerst?“

Alle drei blicken zu mir.

„Na wunderbar“, grunze ich grimmig. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als für alle hier die Lage auszukundschaften. Aber die Elfe wirkt wirklich panisch – noch mehr als ich – und Addison und Kristina würden mit ihren blonden und roten Haaren wohl zu sehr aus dem Waldgrün hervorstechen. Wenn man es so betrachtet, bin ich wohl unsere beste Chance. Also gut. Ich hole tief Luft, nicke den anderen zu und schieße dann aus unserem Versteck.

Überraschenderweise schaffe ich es sogar quer über den Weg, ohne abgeknallt zu werden. Ist wohl gerade keiner in der Nähe. Was für ein Glück. Ich hocke mich neben den Baum auf der anderen Seite und winke den Rest meiner Truppe zu mir herüber. Das Letzte, was ich sehe, ist, wie sich Kristina gerade bereit macht, um als Nächste den Pfad zu überqueren, als ein unheilvolles Klacken von rechts ertönt und im nächsten Moment ein giftgrüner Farbball einen halben Meter über meinem Kopf am Baumstamm zerplatzt.

Zu Tode erschrocken kreische ich wie am Spieß, mache einen Satz nach hinten, rapple mich auf die Beine und verlasse das sinkende Schiff. Die Mädchen müssen selbst zusehen, wie sie vor unserem Angreifer fliehen. Die Chancen, dass wir uns hier draußen wiederfinden, bevor wir alle erschossen werden, stehen sowieso gleich null, also rase ich wie von der Tarantel gestochen durch den gefährlichen Dschungel, der bis heute Morgen noch ein friedlicher Ort war, davon. Ich weiß nicht einmal, in welche Richtung ich überhaupt laufe – näher zum Camp oder weiter weg. Aber im Moment kümmert es mich nicht die Bohne, solange ich nur meinem Verfolger entkomme.

In diesem Teil des Waldes sind die Bäume ziemlich dünn. Kein Platz, um mich dahinter zu verstecken. Zehn Meter weiter links von mir säumt eine Reihe aus Büschen die Lichtung und dahinter ragen mächtige Eichenbäume in die Höhe. Wenn ich es dorthin schaffe, bieten sie mir vielleicht mehr Schutz.

Keuchend bleibe ich stehen und ducke mich hinter einer Fichte, die kaum so groß ist wie ich. Weil mir das Herz buchstäblich bis zum Hals schlägt, fällt es mir schwer, irgendetwas anderes um mich herum zu hören. Habe ich meinen Angreifer abgeschüttelt, oder ist er mir immer noch auf den Fersen? Es ist nicht mehr weit bis zu den Büschen, daher mobilisiere ich noch einmal alle Kraft, die noch in meinen Beinen steckt, und sprinte vorwärts. Ich springe über Äste und Wurzeln, bleibe dabei aber immer geduckt.

Klack, klack, klack! Das Furcht einflößende Geräusch eines Gewehrs ertönt weiter hinten und es folgt eine Salve von Farbbällen, die an mir vorbei und über mich hinweg zischen. Den Kopf eingezogen werfe ich meine Arme als Schutz darüber. Mit einem verwegenen Sprung und einer Hechtrolle schlittere ich unter den erstbesten Busch, dann krabble ich auf allen vieren weiter. Zweige streifen mich am Kopf und schlagen mir ins Gesicht, aber unter dieser hässlichen Maske spüre ich Gott sei Dank rein gar nichts.

Die Waffe, die immer noch über meinen Rücken geschnallt ist, bleibt an einem Ast hängen und hält mich fest. Ein leises Wimmern entringt sich meiner Kehle, als erneut Panik in mir aufsteigt. Ich blicke nach hinten und versuche mich zu befreien. Komm schon, du blödes Ding. Lass los! Endlich gibt der Zweig nach und mein Gewehr ist wieder frei, sodass ich weiterkriechen kann.

Nach ein paar Metern, die ich mich mühevoll über den Boden geschlängelt habe, geht mir die Luft aus und ich muss anhalten. Gegen den Stamm eines Baumes gekauert, ziehe ich mir die Maske vom Kopf und atme tief durch. Oh Mann, tut das gut!

Gleichzeitig brechen etwas weiter weg ein paar lose Zweige, als jemand drauftritt. „Ich weiß, dass du hier irgendwo steckst, Chloe.“ Justins Stimme kribbelt über meine Haut wie Ameisen auf dem Kriegspfad.

Zitternd vor Angst halte ich den Atem an und lausche, aber lange schaffe ich das nicht. Meine Lungen brennen. Ich brauche Sauerstoff und schnappe nach Luft. Die Maske rutscht mir durch die Finger und rollt zur Seite. Vorsichtig strecke ich die Hand nach ihr aus, aber als ich ein weiteres Rascheln höre, erstarre ich, den Arm zehn Zentimeter über dem Boden.

Er kommt näher.

Blitzschnell schnappe ich mir den Gesichtsschutz und drücke ihn an mich. Meine Knie schlottern schamlos von der Anstrengung vorhin, als ich durch den Wald gehetzt bin, und mein Herz pocht, als versuche es, meinen Verfolger direkt zu mir zu locken. Himmel noch mal, der ganze Spaß in London ist dieses bescheuerte Katz-und-Maus-Spiel nicht wert.

„Eins, zwei, drei, vier Eckstein…“

Bei Justins dämonischem Gesang durchfährt mich ein weiterer Angstschauer. Wenn ich noch länger hier sitzen bleibe, wird er mich in den nächsten paar Sekunden garantiert finden und erschießen. Wenn ich aufspringe und wegsprinte, wird er mich entdecken und erschießen. Und wenn ich stattdessen allen Mut zusammennehme und ihn zuerst attackiere, wird er mich kommen sehen und… erschießen.

Was für ein bunter Strauß an netten Möglichkeiten, sich erledigen zu lassen.

Letztendlich scheint Option zwei aber die beste zu sein. Ich rutsche um den Baumstamm herum und krieche durchs Dickicht davon. Etwas weiter vorn ragt ein massiver Felsen aus dem Boden, beinahe so groß wie ich. Hinter den schleiche ich mich und presse mich mit dem Rücken furchtsam dagegen. Nachdem ich die Maske ins Gras gelegt habe, nehme ich meine Waffe ab. Bei dieser Affenhitze kullern mir unter der ganzen Schutzausrüstung Schweißperlen den Rücken hinab. Das Gewehr bange an meine Brust gepresst sitze ich reglos da und lausche.

„Wo bist du, Summers? Komm raus, komm raus…“

Verfluchte Scheiße, er klingt wie Hannibal Lecter auf der Jagd nach seinem nächsten Opfer, um ihm dann genüsslich die Haut abzuziehen. Zum jetzigen Zeitpunkt bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob mein Herz diesen nervenaufreibenden Tag übersteht. Vielleicht ist Kapitulation in diesem Fall ja doch die bessere Entscheidung.

Ich kneife feige die Augen zusammen. Dann hebe ich das Kinn und rufe in die Richtung, aus der seine Stimme zuletzt gekommen ist: „Bitte, Justin! Ich will nicht mehr spielen!“

Totenstille. Nicht einmal das kleinste Rascheln in den Büschen. Habe ich mich geirrt? Vielleicht ist er ja in die falsche Richtung weitergelaufen und hat mich gar nicht mehr gehört. Ich atme ein paarmal tief durch und lege mein Gewehr neben die Darth Vader Maske auf den Boden, dann streife ich mir die losen Strähnen, die auf der Flucht aus meinem Pferdeschwanz gerutscht sind, aus meinem Gesicht.

„Keine Bewegung.“

Mit beiden Händen an der Stirn erstarre ich vor Entsetzen. Adrenalin strömt in Wellen durch meinen ganzen Körper. Nicht einmal mutig genug, um meinen Kopf zu drehen, lasse ich nur meinen Blick auf der Suche nach Justin zur Seite schweifen. Aber die paar Meter freies Feld vor mir sind leer.

Sekunden später verrät ihn ein Rascheln. Er erscheint aus dem Dickicht links vor mir, was völlig unmöglich ist, denn vor einer Minute war er noch auf der ganz anderen Seite, weit hinter diesem Felsbrocken. Wie zum Teufel ist er so schnell hierhergekommen? Und noch dazu so leise!

Er hält seine Waffe an sein Gesicht und zielt mit Blick durch das Zielfernrohr direkt auf meine Brust, den Finger am Abzug. „Hände hoch, Summers!“

Ich halte meine Hände noch höher und fixiere mit blankem Horror sein maskiertes Gesicht. „Bitte! Ich bin unbewaffnet!“

Hinter seinem verdunkelten Visier sind seine Augen zwar unmöglich zu erkennen, aber als er das Gewehr ein wenig absenkt, nehme ich an, dass er gerade die Stelle nach meinem eigenen absucht. Der Lauf richtet sich wieder auf meine Brust. „Hab ich dich getroffen?“

Ich schüttle den Kopf. „Ich glaube nicht.“

„Steh auf!“

„Was?“

„Du sollst aufstehen!“

Da meine Beine immer noch zittrig sind, stütze ich mich an der Felswand ab, um mich aufzurappeln. Wie toll, jetzt bin ich die perfekte Zielscheibe für ihn.

Vorsichtig kommt Justin näher. „Dreh dich um!“ Dieses Mal wartet er gar nicht darauf, dass ich seinem Kommando Folge leiste, sondern packt mich am Arm und dreht mich zweimal in jede Richtung, wobei er endlich das verdammte Gewehr runter nimmt. „Nicht ein Treffer. Ich bin beeindruckt. Hätte nicht gedacht, dass du auch nur zehn Minuten durchhältst.“

„Ich auch nicht“, wimmere ich.

Lachend zieht er sich die Maske vom Gesicht und schlingt die Waffe über seine rechte Schulter. „Tja, was mach ich jetzt mit dir, Tiger?“

Ich ziehe eine leidige Grimasse. „Keine Ahnung. Mich erschießen?“

„Ja, das wäre eine Möglichkeit.“ Er inspiziert die Kratzer an meinen bloßen Beinen, die mir zahllose Büsche auf der Hetzjagd durch den Wald zugefügt haben. „Es erscheint mir aber etwas unfair, da du keine richtige Herausforderung bist.“

„Na vielen Dank auch!“ Meine Stimme bricht beinahe an meinem sarkastischen Tonfall. „Heißt das, ich kann jetzt gehen und muss dieses bekloppte Spiel nicht länger mitmachen?“

Er sieht mich einen Moment lang schweigend an, dann kräuselt er die Lippen. „Nein. Ich habe eine bessere Idee.“

„Ach wirklich?“ Den Kopf geneigt stemme ich die Fäuste in die Hüften. „Na dann lass mal hören!“

Er verzieht den Mund zu einem schiefen Grinsen, bei dem sogar seine Augen zu funkeln beginnen. „Ich nehme dich als Gefangene mit.“

Ich blinzle ein paarmal ungläubig. „Das ist nicht dein Ernst.“

„Oh, da kannst du drauf wetten. Jetzt schnapp dir deine Sachen, wir brechen auf.“

Glaubt er wirklich, er kann mich herumscheuchen wie eine hirnlose Marionette? Sein überdimensionales Ego braucht wohl einen kleinen Dämpfer. „Weißt du was? Ich bin fertig.“

„Fertig?“

„Ja, fertig. Fertig mit dir. Fertig mit diesem Versteckspiel. Fertig mit deinen Regeln und vor allem bin ich fertig mit deinen verdammten Drohungen. Mir ist scheißegal, was du der Lady von der Campleitung erzählst, oder meinem Therapeuten und den Behörden, falls sie zu dir kommen und deine Beurteilung über mich hören wollen.“ Mit jedem weiteren Wort, das über meine Lippen kommt, wird meine Stimme höher und höher, bis sie letztendlich an einem gottlosen Fluchen bricht. Ich schlucke etwas Spucke, um meine Kehle zu schmieren, und steche dabei meinen Finger auf seine geschützte Brust. „Du hast mich genötigt zu tanzen, irgendwie hast du es fertiggebracht, dass ich den Kids Schauspielunterricht geben muss, und du hast mich dazu gezwungen, heute hier rauszukommen und bei diesem verdammten Ballerspiel mitzumachen. Aber das war dein letzter Streich auf meine Kosten, das schwöre ich. Fahr zur Hölle! Ich bin raus.“

Hitzköpfig mache ich auf dem Absatz kehrt und stürme einfach davon. Die Richtung ist mir dabei egal, solange es nur weit, weit weg von Justin ist.

„Chloe…“ Seine Stimme, beinahe bedauernd, folgt mir durchs Dickicht, aber ich denke nicht im Traum daran, stehen zu bleiben und weiter mit ihm zu reden. Was auch immer er zu sagen hat, kann er dem Busch erzählen. Ich verschwende mit absoluter Sicherheit keine weitere Sekunde hier mit ihm.

Dort hinter dem Gebüsch sollte die Lichtung sein, über die ich hierhergelangt bin. Oder liegt die in der anderen Richtung? Ach, wer soll sich in diesem blöden Dschungel denn auch noch orientieren können? Brummend fluche ich vor mich hin, als ich mich durch das Unterholz kämpfe. Und dann ist plötzlich der Boden unter meinen Füßen weg.

 

 

Kapitel 10

 

Justin

 

Chloe kreischt – dann ist sie verschwunden. Überrollt von haarsträubender Panik hetze ich ihr hinterher, doch als ich durch das Gebüsch sprinte und dabei alles, was mir in den Weg kommt, dem Erdboden angleiche, verliere ich plötzlich den Halt unter den Füßen – oder besser gesagt endet der Weg hier.

Ich rutsche einen schlammigen Abhang hinunter. Kieselsteine, Wurzeln und Schieferplatten liegen auf dem Weg, über die ich mit den Beinen voran einfach hinweg rutsche. Am Ende dieser Zehn-Meter-Achterbahnfahrt kniet Chloe auf dem Boden nahe am Bachufer. Sie reibt sich die Schläfen und sieht mich nicht kommen.

„Vorsicht!“

Hier gibt es nichts, woran ich mich festhalten könnte, um meinen Schwung abzubremsen. Sie hebt ihren Kopf und reißt die Augen so weit auf wie Untertassen, als ihr klar wird, dass ich in weniger als zwei Sekunden mit vollem Karacho in sie hineinpoltern werde. Obwohl sie noch verzweifelt versucht auf die Füße zu kommen, bleibt einfach nicht genug Zeit. Am Ende der Rutschpartie schlittere ich zwischen ihre Beine und niete sie um. Laut stöhnend landet sie auf mir. Ihre Hände suchen erschrocken Halt an meinen Schultern. Und dann liegen wir beide nur noch still da.

Chloes hektischer Atem bläst mir ins Gesicht. Ich kann nicht behaupten, dass mein eigener langsamer ist, doch in ihre dunkelbraunen Augen zu blicken, hat eine seltsam beruhigende Wirkung auf mich. „Alles klar bei dir?“, japse ich.

Sie nickt. Keine Ahnung, was bei mir gerade schiefläuft, als ich meine Hand nach oben strecke und ihr zärtlich über ihre Wange streiche. Ihre Haut ist warm. Geschmeidig. Das Gesicht rot von der Hetzjagd durch den Wald.

Obwohl sie zutiefst verwirrt dreinblickt, zuckt sie bei meiner Berührung nicht weg. Ihre Beine über meine Hüften gespreizt und ihr Oberkörper flach auf meinem… davon habe ich während der gesamten Highschoolzeit geträumt. Sie aber ausgerechnet jetzt in genau dieser Position zu haben, wirkt fast schon wie ein schlechter Scherz.

Ihr Atem hat sich verlangsamt. Und meiner ebenso. Einen Moment lang ist das sanfte Rauschen des Baches hinter ihr das einzige Geräusch, das uns umgibt. Meine Lippen sind nur wenige Zentimeter von ihren entfernt und schon beinahe reflexartig lecke ich mir mit der Zungenspitze darüber. Chloe schluckt. Aber sie ist immer noch hier und bewegt sich keinen Millimeter.

Bei ihrem sinnlichen Blick frage ich mich, ob sie damit einverstanden wäre, wenn ich sie jetzt küssen würde? Ob sie vielleicht sogar – nur ein klitzekleines bisschen – darauf wartet? Ich lasse den Markierer und die Maske fallen, die ich auf der Fahrt den Abhang runter verbissen festgehalten habe, und lege auch die zweite Hand auf ihre Wange. Langsam ziehe ich sie auf diese Weise etwas weiter zu mir herunter. Ihre Augen sind immer noch groß, voll Verwunderung. Und noch irgendetwas anderes. Ich bin mir ganz sicher, dass ich sie jetzt küssen darf.

Aber ich will nicht.

„Tut mir leid. Alte Gewohnheit.“ Ich lasse ihre Wangen los und fasse sie stattdessen an den Hüften, damit ich sie von mir runterheben kann. Ein kleines Ächzen entweicht ihr, als ich sie auf ihren Knien im Gras neben mir absetze.

Während Chloe sich schließlich aufrafft, bleibe ich noch eine Minute auf dem Rücken liegen und versuche erneut zu Atem zu kommen. Wow. Was für ein wilder Ritt…

„Hast du eine Ahnung, wie wir da wieder raufkommen sollen?“, fragt sie mich nach einer Weile und kämmt sich dabei mit den Fingern den trocknenden Schlamm aus ihrem Pferdeschwanz.

Meine Bauchmuskeln ziehen sich zusammen, als ich mich aufsetze. „Nicht nötig. Das ist derselbe Bach, der auch am Froschteich vorbeiläuft. Wir folgen ihm einfach zurück ins Lager.“ Ist sowieso der einfachste Weg raus aus dem Wald.

Als ich mir den Dreck von der Hose klopfe, fällt mir ein dunkelroter Fleck neben meiner Leiste auf. Sieht aus wie Blut, doch beim Drüberrubbeln spüre ich keinen Schmerz. Vielleicht ist es ja gar nicht mein eigenes? Diskret schwenke ich den Blick auf Chloes Beine, denn vor zwei Minuten hatte sie die noch an meine Hüften gepresst. Ein dünner, roter Striemen läuft an ihrem inneren Oberschenkel herunter. „Ähm, Chloe?“ Als sie sich zu mir umdreht, verziehe ich betreten das Gesicht. „Hat deine Periode eingesetzt?“

Sofort verändert sich ihre Gesichtsfarbe vom Hals bis zum Haaransatz. „Was? Nein!“ Ihr Blick zoomt auf den Fleck auf meiner Hose und wandert anschließend an ihr selbst hinunter. Sie dreht ihr Bein so nach außen, dass sie es untersuchen und erkennen kann, wo das Blut herkommt. Dabei zieht sie ihre bereits extrem kurzen Jeansshorts noch etwas weiter hinauf. Doch sie hat recht. Ihre Tage sind es nicht – Gott sei Dank!

Der tatsächliche Grund ist eine kleine Verletzung innen an ihrem Bein. Sie muss wohl während der Rutschpartie an einer vorstehenden Wurzel oder etwas Ähnlichem hängen geblieben sein.

„Lass mich mal sehen.“ Ich stehe auf und gehe dann vor ihr in die Hocke. Heiliger Bimbam! Auf Augenhöhe mit ihrer Intimzone – das war keine sehr gute Idee. Was ich hier alles mit ihr anstellen könnte…

Um meine plötzlich so ruchlosen Gedanken wieder unter Kontrolle zu bringen, schlucke ich ein paarmal und räuspere mich dann laut. Meine Hände auf ihre Hüften gelegt lässt mich Chloe die Wunde untersuchen. „Steckt da etwa was drin?“, quietscht sie panisch.

„Nnnnnnein…“ Noch nicht. Aber wenn ich noch länger hier kauere, wird sie gleich ein ganz anderes Problem bekommen. Ich schüttle den Kopf, um der Versuchung zu widerstehen, löse dann das Halstuch von meinem Oberarm und wickle es um ihr Bein. Mit einem festen Knoten sollte das Ding zumindest so lange halten, bis wir wieder im Lager sind.

Chloe lässt mich machen und fragt dabei mit bereits viel ruhigerer Stimme: „Wo ist denn überhaupt Julie? Ich dachte, ihr beide seid gemeinsam losgezogen.“

„Sie wurde abgeknallt.“

„Also ist sie zurück ins Camp gegangen?“

„Mm-hm.“

„Du hättest sie hierbehalten sollen.“ Sie lacht. „So hättest du sie dir als Schutz über die Schulter hängen können.“

„Ich könnte das ebenso gut mit dir tun“, necke ich sie. Dann lasse ich mich auf die Knie fallen, die Hände auf die Oberschenkel gelegt, und blicke zu ihr nach oben. Chloe kaut auf ihrer Lippe, als sie mir gedankenversunken in die Augen sieht. Zweifellos kann sie darin die deplatzierte Sehnsucht erkennen, gegen die ich im Moment ankämpfe. Und ich weiß bei Gott nicht, wie ich sie vor ihr verbergen soll. Oder wie ich sie abstellen kann. Diese Gefühle sind absolut unqualifiziert. Ich sollte mir lieber eine Ablenkung suchen, und zwar schnell.

Den Blick abgewandt stehe ich auf und sammle meine Ausrüstung zusammen. Die Waffe hänge ich mir über die Schulter, die Maske kommt an meinen Gürtel. „Komm. Wir sollten dich jetzt lieber zurückbringen, damit du dich um diesen Schnitt kümmern kannst, bevor er sich entzündet.“

Es ist ein langer Fußmarsch ins Lager, auf dem wir so gut wie kein Wort miteinander wechseln. Chloes ständige Seitenblicke in meine Richtung sind zwar nicht zu übersehen, aber im Moment ist mir einfach nicht danach, mit ihr zu reden. Ganz besonders nicht über früher. Und der Vorfall vorhin am Steilhang hat so einiges von damals wieder aufgewühlt.

„Ich habe Hunger“, murmelt sie nach einer Weile.

Ich verdrehe die Augen. „Tja, da hättest du heute Morgen wohl lieber frühstücken sollen.“ Als sie nicht darauf antwortet, bekomme ich ein schlechtes Gewissen und füge etwas freundlicher hinzu: „Es ist nicht mehr weit. Wir müssen nur noch eine geeignete Stelle finden, um den Bach zu überqueren.“ Im nächsten Augenblick hören wir ein Rascheln und Stimmen etwas weiter vor uns. Beide erstarren wir an Ort und Stelle.

Mit einem Finger auf den Lippen drehe ich mich zu Chloe. Dann schnappe ich sie am Jackenärmel und ziehe sie mit mir hinter einen dicken Baum, wo wir beide auf den Boden sinken. Den Rücken gegen den Stamm gepresst, greife ich nach meinem Gewehr und lehne mich dann vorsichtig drum herum, um einen Blick durch das lange Gras auf den Feind zu werfen.

„Denkst du, wir haben alle erwischt?“, fragt Collin seinen großen Bruder auf der anderen Seite des Baches.

Greyson lässt den Blick über die Umgebung schweifen, aber in unsere Richtung späht er dabei nicht. „Glaub schon. Lex und Brian waren bestimmt die letzten hier draußen. Lass uns ins Lager zurückgehen.“

„Wer ist das?“, flüstert mir Chloe ins Ohr, als ich mich wieder hinter dem Stamm verstecke und versuche, den Schritten der anderen auf dem Waldboden zu lauschen.

„Grey und sein Bruder“, sage ich leise. „Die sind auch gerade auf dem Weg zurück ins Camp.“ Ich drehe mich zu ihr und blicke ihr scharf in die Augen. „Du bleibst hier!“

Ihr Gesicht wird vor Überraschung ganz bleich. „Was hast du vor?“

Mir bleibt keine Zeit für Erklärungen. „Mach einfach, was ich dir sage!“ Den Markierer fest in der Hand lasse ich mich auf den Bauch sinken und krieche im Schutz des Dickichts vorwärts. Erst als ich freie Bahn und die beiden lila Soldaten gut im Visier habe, drücke ich ab. In weniger als zwei Sekunden ist alles vorbei. Drei Schuss – der erste geht daneben, aber die beiden nächsten sind perfekte Treffer.

„Oh nein!“, jammert Collin, während Greyson wild herumwirbelt und versucht, mich im Gebüsch auszumachen. Keine Chance.

Ich ducke mich schnell, damit ich uns hier drüben nicht verrate. Grey und sein Bruder müssen nicht mitbekommen, wer sie gerade aus dem Spiel katapultiert hat. Nachdem sie sich mit vor Enttäuschung hängenden Schultern wieder auf den Weg gemacht haben, kehre ich mit einem Siegesgrinsen zu meiner Gefangenen zurück. „Sieht aus, als wären jetzt nur noch du und ich hier draußen.“

Der große und der kleine Monroe bekommen von uns noch ein paar Minuten Vorsprung, dann machen auch wir uns wieder auf den Weg. Vor uns liegt etwa noch eine halbe Meile. Wo der Bach am schmalsten scheint, halten wir an. „Da willst du rüber?“, fragt Chloe mit einem skeptischen Zungenschnalzen.

„Jap. Eine bessere Stelle werden wir wohl nicht finden.“ Ich beuge mich vor und rolle meine Hosenbeine hoch bis zu den Knien. Wegen der spitzen Steine im Wasser lassen wir unsere Schuhe am besten an. Als ich mich wieder aufrichte, steht Chloe immer noch wie angewurzelt da. Allerdings muss sie ja auch nichts hochrollen, um ihre Kleidung trocken zu halten. „Bist du soweit?“, frage ich und strecke auffordernd meinen Arm nach ihr aus. So wie ich die Prinzessin kenne, wird sie hundertmal ausrutschen, ehe wir auf der anderen Seite ankommen.

Chloe starrt für einen wirklich langen Moment auf meine Hand. Letztendlich und mit mehr Zurückhaltung als nötig wäre, legt sie ihre aber dann doch hinein. So weich. Und zierlich. Immer noch die Hände eines Engels. Ich drücke beinahe zärtlich zu, nur einmal ganz kurz, um der alten Zeiten willen.

Nach einem vergewissernden Nicken, das sie mit einem eben solchen beantwortet, schreiten wir das Ufer hinunter. Doch zwei Schritte vorm Wasser zieht mich Chloe unerwartet zurück.

„Was ist los?“

Besorgnis kriecht in ihren Blick. „Erinnerst du dich noch an Shawn Perkins?“

„Shawn Perkins…“ Oh Mann, und ob ich mich an den Kerl erinnere. „Er ist damals im Sommer in den Bach gefallen.“

„Und als er wieder rauskam, hatten sich überall an seinem Körper diese schleimigen Blutegel festgesaugt.“ Chloe erschaudert. „Es hat Stunden gedauert, bis sie alle von ihm runterbekommen haben.“

Ich schlucke. Vielleicht ist es doch keine so gute Idee, durchs Wasser zu waten. Aber was sollen wir sonst tun?

Als ob sie meine Gedanken lesen könnte, fragt Chloe: „Ist hier nicht irgendwo eine Brücke?“

„Nur, wenn sie in den letzten fünf Jahren eine gebaut haben.“ Was ich bezweifle. Und rüberspringen können wir auch nicht, denn selbst an der schmalsten Stelle ist dieser Bach immer noch mindestens vier Meter breit.

Gemeinsam stehen wir schweigend da und starren auf die Schatten im Wasser. Was mich an der Sache am meisten überrascht, ist, dass wir uns immer noch an den Händen halten.

„Ich sag’s ja nur ungern, aber uns bleibt keine andere Wahl“, murmle ich nach einer Weile. „Wir müssen da durch, ob wir wollen oder nicht.“ Ein Blick in ihr Gesicht und ihr Horror davor, ins Wasser zu steigen, überkommt mich ebenfalls. Unter schwersten Bemühungen, jegliche Gedanken an glitschige, schwarze Blutsauger zu verdrängen, rolle ich meine Hosenbeine wieder runter. Anschließend stopfe ich sie in meine Socken und binde die Schnürsenkel meiner Wanderschuhe richtig fest um meine Knöchel.

„Was wird das?“, krächzt Chloe besorgt.

„Ich will den Viechern keine Gelegenheit geben, irgendwie unter meine Kleidung zu kriechen.“

„Aha. Und was mache ich?“ Sie verlagert ihr Gewicht von einem Bein auf das andere und fasst sich ängstlich an die abgeschnittenen Enden ihrer Shorts.

Als ich mit meiner Hose fertig bin, richte ich mich auf und seufze tief. „Du kommst auf meinen Rücken.“

Ihre Augenbrauen schnellen nach oben. „Du willst mich huckepack nehmen?“

Mit zusammengepressten Lippen nicke ich. „Mm-hm.“

„Aber – Äh – Es ist nur…“

„Hast du etwa einen besseren Plan, Summers?“, unterbreche ich ihr nichtsnutziges Stammeln. „Denn wenn ja, würde ich den jetzt echt gerne hören.“

Ihr betretenes Schweigen ist Antwort genug, dennoch schüttelt sie den Kopf.

„Also gut.“ Ich nehme mein Gewehr ab. „Kannst du das bitte für mich halten, während ich dich trage?“ Als sie danach greift, fällt mir auf, dass ein Teil ihrer Ausrüstung fehlt, und ich runzle die Stirn. „Wo ist denn dein Markierer?“

„Mein was?“

„Deine Waffe, Chloe.“

Ihr Kinn klappt nach unten, dann leckt sie sich über die Unterlippe und kaut schließlich drauf herum, während sie das Gesicht verzieht. „Keine Ahnung.“

„Gott, nein! Du hast sie verloren?“

„Ich – ich glaube, ich hab sie liegen lassen.“

Bei diesem Desaster schlage ich mir die Hände an den Kopf und stoße ein gestresstes Grunzen aus. „Wo denn, um Himmels willen?“

Sie dreht sich in die Richtung, aus der wir gerade gekommen sind. Hoffentlich hat sie es nur hinten beim Baum vergessen, von wo aus ich vorhin Greyson und Collin erledigt habe. Ihr Schweigen macht mich dann aber doch etwas nervös. „Wo genau hast du dein Gewehr liegen lassen?“, grolle ich.

Ihre Antwort ist ein hauchdünnes Flüstern. „Beim Steilhang.“

„Das ist ein Scherz, oder?“, hake ich entgeistert nach. Dann wird meine Stimme jedoch sehr schnell lauter. „Der Hang liegt über eine Meile zurück durch den Wald!“

„Ich weiß. Es tut mir ja auch leid.“ Ihr Wimmern klingt kläglich.

„Wie konntest du denn etwas so Großes wie einen Markierer übersehen? Und deine Maske? Hast du die etwa auch vergessen?“

Sie nickt befangen und ich stoße einen weiteren frustrierten Seufzer aus, der es dann wohl doch ein klein wenig zu weit treibt, denn ganz plötzlich fangen ihre Wangen an, vor Wut feuerrot zu glühen, und sie schreit mich an. „Jetzt gib bloß nicht mir die ganze Schuld! Du warst derjenige, der mich gezwungen hat überhaupt mitzukommen. Und du bist es auch gewesen, der mich durch den halben Wald gehetzt hat wie ein verfluchtes Kaninchen, falls du dich noch daran erinnerst!“ Ihr Blick wird messerscharf, was ihrer Kampfkleidung ein völlig neues Erscheinungsbild verleiht. Und als sie dann auch noch mit ausgestrecktem Arm in die Richtung des Hanges zeigt, rechne ich fast damit, dass gleich ein Funkenstrahl aus ihrem Finger schießt. „Ich wäre da hinten wegen dir beinahe zusammengebrochen! Tut mir leid, dass ich diese dämlichen Sachen für einen Moment abgelegt habe, um wieder zu Atem zu kommen, Mister Super-duper-ich-mach-hier-die-Regeln!“

Wir liefern uns ein knallhartes Blickduell und, Scheiße noch mal, ich fange zuerst zu lächeln an. „Mister Super…duper?“, plappere ich ihr neckisch nach, wobei ich die Arme vor der Brust verschränke und die Brauen amüsiert hochziehe.

Chloe hält noch weitere zwei Sekunden verbissen an ihrer bösen Miene fest, doch dann schleicht sich ebenfalls ein Grinsen auf ihr Gesicht und sie boxt mir gegen die Schulter. Bellend vor Lachen stolpere ich rückwärts. Nach einem tiefen Atemzug rümpft sie die Nase und meint gequält: „Müssen wir wirklich den ganzen Weg wieder zurück?“

„Nein. Ich schicke morgen ein paar Jungs hier raus, die sollen das Zeug holen.“

Die Erleichterung, die sich bei ihr breit macht, ist offensichtlich. „Gut. Denn ich bin wirklich am Verhungern und möchte jetzt endlich zurück ins Camp.“

„Dann komm her, Tiger.“ Es ist an der Zeit, die Prinzessin nach Hause ins Schloss zu bringen.

Während sie sich mein Gewehr über die Schulter hängt, drehe ich mich um, damit sie auf meinen Rücken klettern kann. Um es ihr etwas leichter zu machen, gehe ich ein wenig in die Knie, dann fasse ich sie an den Oberschenkeln und hieve sie mit einem kleinen Ruck weiter nach oben. Chloe schlingt ihre ellenlangen Beine fest um meine Taille. Die Knöchel verhakt sie vor meiner Leistengegend ineinander. Herr Jesus! Bitte lass es uns auf die andere Seite schaffen, ehe ich schwach werde und den wahnsinnigen Gedanken nachgebe, die mich im Moment ganz schön ins Schwitzen bringen.

Sobald Chloe bereit ist, ihre Arme fest um meinen Hals gewickelt, steige ich langsam ins knietiefe Wasser. Die Strömung ist minimal, somit komme ich leicht dagegen an. Was mir allerdings ein paar Probleme bereitet, ist der glitschige Untergrund zusammen mit dem zusätzlichen Gewicht auf meinem Rücken. Hier die Balance zu halten ist eine ziemliche Herausforderung. Wir haben es fast bis zur Mitte des Baches geschafft, als ich mit der Fußspitze gegen einen Stein stoße, der steil nach oben ragt. Ich stolpere unbeholfen vorwärts und kämpfe um mein Gleichgewicht, während mich Chloe im Würgegriff hält und hysterisch kreischt: „Oh mein Gott! Du wirst uns beide umbringen!“ Abgesehen davon, dass es nicht gerade hilfreich ist, schmerzt ihr Quietschen auch höllisch in meinen Ohren.

„Sei still da hinten! Niemand wird sterben“, grolle ich verbissen und versuche wieder festen Halt unter den Füßen zu finden. „Aber wenn du mir noch mal so laut ins Ohr schreist, werfe ich dich zu den Blutsaugern, das verspreche ich.“ Meine Schuhe sind bereits voll Wasser und meine Hose wird ebenfalls schwerer und schwerer. Bei der sengenden Hitze würde mir die Abkühlung an sich nichts ausmachen, wenn ich nur nicht ständig das Bild von tausend ekelhaften Blutegeln, die sich an Shawn Perkins Haut festgefressen haben, vor Augen hätte. Ich will das echt nicht am eigenen Leib erleben.

Behutsam taste ich mich weiter über den holprigen Grund. Bis zur anderen Seite ist es nicht mehr weit. Nur noch ein paar Schritte. Ich schlucke und kämpfe mich vorwärts. Chloe ist starr vor Angst auf meinem Rücken und durch ihre Arme um meinen Hals bekomme ich kaum Luft, aber immerhin ist sie still. Nur ein kleines Wimmern bricht aus ihr heraus, während sie ihre Stirn auf meine Schulter drückt und ihr Gesicht vergräbt, aber das ist schon okay.

Das gegenüberliegende Ufer ist schon beinahe in Reichweite, als ich in eine Grube trete und zu taumeln beginne. Chloe gerät auf meinem Rücken in Panik. Sie schnürt mir die Kehle zu und tritt mir mit ihren Fersen heftig in den Schritt. Ach du Scheiße! Ächzend vor Schmerz sehe ich plötzlich überall nur noch schwarze Punkte. Zum Glück liegt die tiefste Stelle bereits hinter uns, somit tauche ich nicht unter, als ich vorwärts stolpere und auf den Knien lande, meine Hände bereits am trockenen Flussufer. Schneller als ein Blitz ist Chloe von meinem Rücken runter und klettert an Land. Ich schleppe mich hinterher und breche am Ufer im Gras zusammen, wobei ich mich mit aller Kraft am Riemen reiße und mir ein klägliches Gejammer verbeiße.

Sachte berührt sie mich an der Schulter. Dabei lehnt sie sich zu mir nach unten. „Geht’s dir gut?“

„Jap. Bestens –“, stöhne ich heiser, meine Finger in die feuchte Erde gekrallt. „Gib mir nur zwei Minuten –“

Zischend saugt sie die Luft zwischen ihren Zähnen ein. „Es tut mir so leid…“

Bestimmt nicht halb so sehr wie mir. Während ich von oben bis unten klatschnass bin, hat sie nicht mal einen Spritzer abbekommen.

Als der Schmerz endlich nachlässt, setze ich mich auf und untersuche meinen Körper nach Blutegeln. Die Vorsichtsmaßnahmen haben sich ausgezahlt – nichts Schleimiges klebt an meinen Klamotten oder ist darunter gekrochen. Nachdem ich meine Schuhe wieder ordentlich zugebunden habe, erscheint Chloes Arm in meinem Blickfeld. Ich werfe einen prüfenden Blick zu ihr nach oben. Ihr Gesicht ist immer noch vor schlechtem Gewissen verzerrt, doch dabei fleht ihr Blick nicht nur um Entschuldigung, sondern enthält auch ein Quäntchen Dankbarkeit. Wahrscheinlich, weil ich sie vor Blutegelangriffen beschützt habe. Als ich schließlich nach ihrer Hand greife, zieht sie mich auf die Beine und überreicht mir das Gewehr. Ich schniefe, schnalle es mir um und marschiere ohne ein Wort los. Ist auch nicht nötig, denn diesmal folgt mir Chloe ohne Extraeinladung.

Ein paar Schritte weiter, werfe ich einen Blick nach hinten und teile ihr mit: „Du schuldest mir was. Fürs Huckepacktragen.“

Sofort schiebt sie die Nase hoch. „Bitte nicht noch ein Workshop!“

Sie ist bereits mit zweien vollauf beschäftigt, das sollte für den Sommer reichen. Nein, ich habe etwas anderes im Sinn. „Wie wäre es mit einer einfachen Antwort?“

Skepsis macht sich in ihrem Gesicht breit, als sie zu mir aufschließt. „Auf welche Frage denn?“

Tja, da gäbe es eine Million. Ich schiebe meine Hände in die Hosentaschen, ziehe sie aber gleich wieder raus, denn der nasse Stoff fühlt sich ekelhaft an. Was ich nur zu gerne wissen möchte, ist, warum sie gelogen hat. Damals. Aber so weit sind wir noch nicht. Vielleicht bekomme ich ja die Auflösung dessen irgendwann in diesem Sommer. Heute allerdings fangen wir besser mit etwas Einfachem an. „Warum bist du so ungern hier?“

Sie spitzt grüblerisch die Lippen. Dabei frage ich mich, ob sie mich wohl gleich abwimmeln wird, anstatt tatsächlich zu antworten. Schließlich stößt sie aber ein tiefes Seufzen aus und gesteht: „Weil in den letzten beiden Jahren einfach nichts so gelaufen ist, wie ich es mir vorgestellt hatte.“ Sie neigt ihren Kopf, damit sie mir todernst in die Augen sehen kann. „Rein gar nichts.“

„Und dein Plan war nach London auf diese Schauspielschule zu gehen?“

„Ja. Gleich nach dem Highschoolabschluss. Nur war da leider dieses kleine Missgeschick mit dem Auto –“

Ich muss schmunzeln, denn nur sie allein würde einen Unfall unter Alkoholeinfluss ein kleines Missgeschick nennen.

„– und danach die Bewährungsstrafe und die Sozialstunden, sodass ich nicht fliegen konnte. Also habe ich meine Pläne über den Haufen geworfen und neue gemacht. Dieses Jahr zu Sommerbeginn sollte es endlich losgehen.“

„Aber du konntest nicht weg, weil du deine gemeinnützigen Stunden noch nicht abgeleistet hast.“

„Richtig.“

„Und jetzt steckst du beinahe den ganzen Sommer hier mit uns fest.“

„Genau.“

„Muss ganz schön frustrierend sein.“

Mit schmalen Augen sieht sie mich missbilligend an.

Ich kann nicht anders, als zu lachen. „Okay, ich glaube, ich hab’s jetzt verstanden.“

Als wir einen kleinen Hang erreichen, steige ich zuerst hinauf und ziehe sie dann mit einer Hand zu mir hoch. Der See liegt nun direkt vor uns. In weniger als zehn Minuten sollten wir im Jungenlager ankommen. Der Marsch ging viel schneller vorbei, als ich gedacht hätte, und ich will die Zeit, die uns noch bleibt, nicht sinnlos vergeuden. Also wende ich mich noch einmal zu ihr. „Kann ich dich noch was fragen?“

„Oh bitte, nur zu…“, antwortet sie mit beißendem Sarkasmus in der Stimme, den ich jetzt einfach mal überhöre.

„Hast du jemals daran gedacht, vielleicht das Beste aus der Situation zu machen?“

„Oh Gott, ich hab’s versucht!“, jammert sie laut und wirft dabei ihre Hände resignierend in die Luft. „Aber rate mal! Das ist gar nicht so einfach, wenn du mir dauernd irgendwelche blöden Pflichten aufdrängst. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du versuchst mich hier mit Absicht in den Wahnsinn zu treiben.“

Mach ich nicht. Na ja, nicht komplett in den Wahnsinn. Nur ein bisschen. Um der guten alten Zeiten willen. Das behalte ich aber für mich und hake stattdessen vorsichtig nach: „Ist das Tanzen mit den Mädels denn wirklich so schrecklich?“ Als ich sie die letzten zwei Tage beobachtet habe, machte sie den Eindruck, als ob es ihr zumindest ein kleines bisschen Freude bereiten würde.

Chloe grunzt, oder seufzt, oder beides… was weiß ich. Jedenfalls ist es ein komisches Geräusch und ich drehe mich daraufhin mit fragendem Blick zu ihr. „Ich habe eine Vortänzerin gefunden“, teilt sie mir mit. „Blondie. Sie ist gut und die Kids machen, was sie sagt.“

Ich weiß, von wem sie spricht, dennoch beanstande ich: „Blondie hat bestimmt auch einen Namen.“

Ihr scharfer Blick brennt Löcher in mein Gesicht. Einen langen Moment später gibt sie aber dann doch leise zu: „Addison.“

Grundgütiger – und ich habe schon fast damit gerechnet, dass sie mich wieder Vier nennt, nur weil ich mir erlaubt habe, ihr vorzuschlagen, dass sie die Leute doch bei ihrem richtigen Namen nennt. Wie schön, dass ich mich geirrt habe. „Und der Schauspiel-Workshop? Was ist damit?“

Ihr Blick schweift dabei zurück auf den schmalen Weg vor uns. „Das war eine ganz fiese Masche dieser Gören.“

„Ich weiß, dass du das denkst, aber es beantwortet meine Frage nicht. Du hast Spaß dabei, nicht wahr?“

Chloe verdreht die Augen, zupft sich den schmutzigen Pferdeschwanz zurecht und murmelt: „Vielleicht… Ein ganz klein wenig.“ Dann sieht sie mit einem schiefen Grinsen zu mir. „Aber Paintball ist absoluter Schwachsinn, egal wie du es drehst und wendest.“

Nach der heutigen Strapaze kann ich gut verstehen, woher ihre Abneigung kommt, daher widerspreche ich ihr nicht. Zumindest nicht laut. Ich für meinen Teil fand den Nachmittag ganz unterhaltsam.

„Was meinst du?“, fragt sie eine Minute später. „Welches Team hat wohl das Spiel gewonnen?“

„Ganz ehrlich, ich glaube nicht, dass es irgendwer unversehrt zurück ins Lager geschafft hat.“ Nicht, nachdem ich Greyson und seinen kleinen Bruder vorhin belauscht habe. Und die beiden habe ich selbst abgeknallt.

Chloe zuckt mit einer Schulter und verzieht den Mund zu einem kleinen, niedlichen Lächeln. „Wir haben es geschafft.“

Meine Welt hört für einen unfassbar kurzen Augenblick auf sich zu drehen. Sie hat recht. Ich habe die Tigerkatze nicht erschossen. Stattdessen habe ich den halben Tag damit zugebracht, mit ihr durch den Wald zu marschieren, und ihr dabei die Gelegenheit gegeben mich einzuwickeln. Fuck! Ich kann nicht glauben, dass ich heute – nach all den Jahren – meine felsenfesten Prinzipien einfach so über Bord geworfen habe. Und noch dazu im Bruchteil einer Sekunde! Nur, weil sie für einen Moment auf mir drauf gelegen hat und wir uns beinahe geküsst hätten.

Andererseits war die Wanderung aber auch gar nicht so übel. Chloe kann ganz witzig sein – auf ihre eigene hilflose Art. Sie ist zäh und verletzlich zugleich, was sie fast schon wieder süß macht. Und mit den Kids gibt sie sich zumindest Mühe.

Oh Mann, was bin ich doch erbärmlich! Ich versuche gerade mir etwas schönzureden, wo doch eigentlich nur Egoismus zu finden ist. Schon seit jeher. Was ist nur in mich gefahren, anzunehmen, dass sie sich geändert hätte? Nur weil sie mir nicht ins Gesicht gespuckt hat, als ich ihre Wange gestreichelt habe? Ja, wirklich clever, Andrews.

Wir biegen um die letzte Kurve. Aus dem Camp dringt schon das sorglose und übermütige Geschnatter der Jugendlichen. Einige von ihnen liegen ausgestreckt im Gras, andere faulenzen auf den Bänken beim großen Picknicktisch und verdrücken ein paar Sandwiches, die das Küchenpersonal offensichtlich bereitgestellt hat. Die meisten von ihnen tragen immer noch die Protektoren und alle sind sie mit Farbklecksen übersät. Sie jubeln, als sie uns kommen sehen, doch mir ist gerade gar nicht nach Feiern zumute.

Chloe steuert auf den Tisch mit Julie und den Mädchen zu. Sie bemerkt gar nicht, dass ich stehen bleibe. Ich setze meine Maske auf, lege das Gewehr an und rufe: „Summers!“

Als sie sich zu mir umdreht, fällt ihr das fröhliche Lächeln schlagartig aus dem Gesicht.

Mit schwerer Stimme teile ich ihr mit: „Beim Paintball gibt es keine Gefangenen“, und feuere einen Schuss mitten auf ihre Brust.

Sie stolpert einen kleinen Schritt rückwärts, bleibt dann wie angewurzelt stehen und späht bestürzt an sich hinab auf den grünen Farbbatzen auf ihrem Schutzpanzer. Als ihr Blick wieder nach oben zu meinem schweift, ist sie kreidebleich vor Entsetzen. Sie schluckt einmal schwer. Ihre Augen verengen sich dabei auf traurig-verwirrte Weise. Dieser Moment scheint für immer zwischen uns einzufrieren.

„Warum hast du das gemacht?“, flüstert sie und ich kann sie nur deshalb hören, weil sämtliche Unterhaltungen hinter ihr verstummt sind. Zahllose Augenpaare sind auf mich gerichtet.

Ganz plötzlich springt Addison Cooper vom Tisch auf, schnappt sich ihr Gewehr und brüllt: „Er hat unsere Alphakatze erschossen! Tod dem räudigen Wolf!“ Unüberschaubares Chaos bricht aus, als sich im nächsten Augenblick die ganze Mädchenhorde auf die Waffen stürzt. Dann kriege ich nur noch mit, wie Tausende Farbbälle durch die Luft zischen und überall auf meinem Körper explodieren.

Dem Untergang geweiht sinke ich auf den Boden, schlage mir die Hände über den Kopf und pruste vor Lachen, bis mir der Bauch wehtut. „Waffenstillstand!“, rufe ich verzweifelt, während ich schon auf dem Rücken liege und hilflos die Hände in die Höhe strecke. „Bitte! Ich ergebe mich!“

Das Feuer wird eingestellt, bis mich nur noch drei oder vier vereinzelte Kugeln an den Schienbeinen und der Schulter treffen. Dann ist es still. Ich weiß nicht, was gerade vor sich geht, denn auch meine Maske ist mittlerweile mit Farbe zugekleistert. Zögerlich nehme ich sie ab und blicke nach oben, als ein Schatten über mich fällt. Ich erkenne Chloes Silhouette, aber erst als sie sich zu mir herunterbeugt, bemerke ich auch ihr höhnisches Lächeln.

Sie hebt meinen Markierer auf und presst mir die Öffnung des Laufs direkt auf die Brust. „Du hättest dich lieber nicht mit einem Tiger anlegen sollen“, spottet sie, wobei ihre Miene viel zu freundlich bleibt. Dann drückt sie ab.

Autsch.

 

*

 

Ich sinke auf meinen Platz am Teamleitertisch. Meine Kollegen waren schon vor mir da und hauen nach dem anstrengenden Tag, den wir alle hatten, gerade so richtig rein. Chloe blickt von ihrem Essen hoch und hat dabei ein kleines Lächeln für mich parat. „Was hat dich denn so lange aufgehalten, Vier? Hast du die Farbe nicht aus den Haaren bekommen?“

Vielleicht sind es ja ihre freundlichen Augen oder ihr fröhlicher Ton, unter dessen Einfluss ich im Moment stehe, aber ausnahmsweise macht es mir überhaupt nichts aus, dass sie mich wieder einmal Vier genannt hat. Oder vielleicht gewöhne ich mich auch einfach langsam an den Namen, wer weiß…? Was die Farbe angeht, ja, so musste ich meine Haare fünfmal waschen, um die knallbunten Strähnen wieder loszuwerden. „Das vorhin fandest du wohl witzig, wie?“

Grey schlägt mir kameradschaftlich auf die Schulter. „Tut mir leid, Alter, aber das fanden wir alle.“

Aus einer Schüssel in der Mitte des Tisches schaufle ich ein paar Hähnchen-Nuggets auf meinen Teller. „Ich verstehe ja, warum mich die Mädchen unter Beschuss genommen haben. Aber du auch? Das war fies, Mann.“ Schmunzelnd dippe ich ein Nugget in Barbecue-Soße und beiße die obere Hälfte ab.

„Rache“, teilt er mir um den zerkauten Bissen Pommes in seinem Mund herum mit. „Ich weiß genau, dass du es warst, der Collin und mich unten am Bach abgeknallt hat. Außerdem schießt man Mädchen nicht aus dem Hinterhalt ab. Das ist nicht nett.“

Ich sehe hoch zu Chloe und verfange mich sofort in ihrem eindringlichen Blick. Mit einem schiefen Grinsen erwidere ich leise: „Wieso? Ich hab doch gewartet, bis sie sich zu mir umgedreht hat.“

Ihre Antwort darauf sind zwei Grübchen in den Wangen, was bedeutet, sie verkneift sich gerade ein Lächeln. Aber sie senkt rasch den Blick und isst weiter.

„Wie geht’s übrigens deinem Bein?“, frage ich zwei Nuggets später.

Sie rümpft die Nase. „Der Schnitt ging tiefer, als ich dachte. Unter der Dusche hat es immer noch geblutet.“

„Du solltest ein Pflaster drauf machen.“

„Wieso? Ist dein Halstuch plötzlich nicht mehr gut genug?“, scherzt sie.

Nachdem was ich beim Reinkommen gesehen habe, trägt sie heute Abend einen kurzen schwarzen Rock. Da ihre Beine unterm Tisch versteckt sind, kann ich zwar nichts sehen, dennoch frage ich mich in dieser Sekunde, ob sie mein Tuch tatsächlich noch um den Oberschenkel trägt.

„Im Krankenzimmer findest du bestimmt etwas“, teile ich ihr mit und will gerade noch hinzufügen, dass sie die Wunde auch desinfizieren sollte, aber im selben Moment stößt jemand aus ihrem Team zu uns und unterbricht unser Gespräch. Kristina Ahrens. Das Mädchen fummelt nervös an ihren dunkelroten Locken, als sie neben Chloe und mir stehen bleibt, und ihr Blick schweift zaghaft von einem Gesicht zum nächsten an unserem Tisch.

„Hey“, begrüßt Chloe die Kleine als Erste. Vor Überraschung, dass ihre Stimme dabei sogar einladend klingt, fällt mir beinahe die Gabel aus der Hand.

„Hi“, antwortet die Camperin und dreht sich dann zu mir. „Hallo, Justin.“

„Hi, Kristina.“ Da sie offensichtlich mich sprechen will, wische ich mir den Mund mit einer Serviette ab und frage: „Was gibt’s?“

Sie räuspert sich erst mal leise. „Mir ist aufgefallen, wie gut du Basketball spielen kannst. Ich würde auch gern ins Team kommen, aber ich fürchte, ich bin nicht gut genug dafür. Also habe ich mich gefragt, ob du es mir… vielleicht… möglicherweise… beibringen kannst?“

Chloe verschluckt sich, hustet und spuckt mir im Anschluss dann auch noch gekautes Hühnchen auf die Brust. Was zum Henker –? Was ist denn bloß in sie gefahren? Ich mustere sie verstört, doch sie hält sich nur schnell eine Hand vor den Mund, hustet noch einmal und meint dann: „Sorry.“

„Klar geht das“, wende ich mich wieder an Kristina und wische mir dabei das Essen vom Hemd. „Wir können gerne morgen Nachmittag ein wenig gemeinsam üben, wenn du willst.“

„Großartig!“ Ihre Stimme ist plötzlich etwas schrill und ihr Gesicht flammt vor offensichtlicher Freude auf. „Ich sehe dich dann.“

Nachdem sie wieder zu ihren Freunden abgeflogen ist, nagle ich Chloe mit einem scharfen Blick fest. „Ist alles okay?“

Sie nimmt die Hand runter und beginnt aus heiterem Himmel zu lachen wie eine Wahnsinnige. „Jap. Alles klar.“ Sie kann sich kaum noch aufrecht im Stuhl halten. „Es ist nur… Ach, nicht so wichtig.“ Ihre Augen fangen von ihrem Lachanfall bereits an zu tränen. „Genieß du nur morgen das Training!“

Sie braucht ganze zwei Minuten, um sich wieder halbwegs in den Griff zu kriegen. Aber gerade, als ich sie fragen will, was um alles in der Welt denn mit ihr los ist, prustet sie erneut los. „Es tut mir so leid“, bringt sie zwischen zwei Salven hervor. „Ich kann nur nicht –“ Ohne fertig zu reden, steht sie plötzlich auf, schnappt sich das Stück Kuchen von ihrem Tablett, trägt den Rest zum Container und verlässt den Saal, wobei ihr Gelächter von den Wänden hallt.

Verdattert drehe ich mich zu Julie und Greyson, doch die beiden zucken nur ebenso ratlos mit den Schultern.

Später an diesem Abend denke ich immer noch über Chloe nach, während ich auf der Hollywoodschaukel vor unserer Hütte sitze. Aber nicht nur an ihren seltsamen Auftritt beim Abendessen, sondern über den ganzen Tag mit ihr. Die Füße fest auf dem Verandaboden, schwinge ich sachte vor und zurück. In der Decke über mir sind ungefähr zehntausend Astlöcher. Ich zähle sie mit dem Kopf nach hinten auf die Rückenlehne der Schaukel gelegt.

Denn Zählen ist besser als Grübeln.

Aber es ist nicht sehr effektiv. Meine Gedanken kehren schon bald zurück an den Steilhang beim Bach. Was wäre wohl gewesen, wenn ich sie ganz zu mir nach unten gezogen und sie geküsst hätte? Hätte sie immer noch geschmeckt wie damals? Hätte sie meinen Namen geflüstert und dabei ihre Finger in meine Brust gegraben?

Hätte sie später alles abgestritten?

Ich möchte diesen Gedanken nicht weiterspinnen, doch es ist hart, nicht daran zu denken, wo es doch zum besten Teil meines Lebens gehörte. Selbst, wenn später eine kleine Lüge alles ruiniert hat.

Warum zum Teufel will mir der Tiger einfach nicht aus dem Kopf gehen? Nach all der Zeit…?

„Hey, Kumpel, du warst den ganzen Abend über so still“, meint Grey, als er raus auf die Veranda kommt und sich mit verschränkten Armen gegen das Geländer lehnt. „Ist alles in Ordnung?“

Ich schließe meine Augen, seufze und schüttle langsam den Kopf. Nichts ist in Ordnung. Trotz allem herzukommen, selbst nachdem ich erfahren hatte, dass Chloe Summers auch hier sein würde, war wohl das Dümmste, was ich machen konnte.

 

 

Kapitel 11

 

Chloe

 

„Hast du das gesehen?“, kreische ich und ziehe dabei an meinen Haaren, während ich auf dem Bett stehe. „Hast du gesehen, wie sie ihn alle abgeschossen haben?“

„Girlpower!“ Julie wirft kampflustig ihre Faust in die Luft und macht ein eindrucksvolles Kriegerinnengesicht, das ihr wohl keiner zugetraut hätte. Am allerwenigsten ich. Doch der Ausdruck verschwindet rasch und macht Platz für ein breites Lächeln. „Allerdings verstehe ich nicht, warum dich das so überrascht. Die Mädchen vergöttern dich. Natürlich würden sie dich rächen.“

Sie vergöttern mich? Meine dicken Haarsträhnen gleiten aus meinen Fingern und ich starre Julie ungläubig an. „Meinst du wirklich, sie sehen zu mir auf?“

„Natürlich tun sie das. Du hättest sie mal sehen sollen, als sie deine Befreiung geplant haben.“ Sie schlurft zum Fenster und schiebt es nach oben. „Die Kids respektieren dich und wollen gleichzeitig so sein wie du.“ Als sie sich wieder zu mir umdreht, verschränkt sie die Arme vor der Brust, neigt den Kopf mit zusammengepressten Lippen und mustert mich mit einem kecken Blick. „Natürlich eifern sie nicht deiner grummeligen Seite nach. Mehr der coolen… du weißt schon.“

Meine coole Seite. Hat Justin die heute auch in mir gesehen? Vorhin beim Steilhang? Wie eine Lawine rollt die Erinnerung an seine sanften Hände, die er mir auf die Wangen gelegt hat, über mich herein. Ich schließe die Augen etwas länger als bei einem einfachen Blinzeln. Als wir beide dort auf der Wiese gelegen haben, hätte ich schwören können, er würde mich gleich küssen. Noch einmal… nach all der Zeit. Das Seltsame an der Sache ist, dass ich ihn wohl nicht einmal daran gehindert hätte. Zumindest nicht in diesem besonderen Augenblick.

Doch er hat einen Rückzieher gemacht. Ist wahrscheinlich auch besser so. Was auch immer er vor all den Jahren in mir gesehen hat, existiert nicht mehr. Nun kann er sich vermutlich nur noch an die Zicke erinnern, die ihn am Ende eines magischen Sommers in Schwierigkeiten gebracht hat. Ob ich einige Dinge ändern würde, die zwischen uns passiert sind, wenn ich könnte? Ich nehme einen tiefen Atemzug und schließe mein Kissen fest in die Arme. Vermutlich schon. Ob es sich dabei jedoch um die Zeit vor oder nach uns handelt, weiß ich nicht.

Ich sollte schnellstmöglich zusehen, dass ich mich aus diesem emotionalen Strudel der Erinnerungen wieder herausziehe und fest in der Gegenwart verankere. Zu wissen, dass die Teenies zu mir aufsehen, hilft ein wenig dabei. Mit einem Blick zu Julie, die gerade aus ihrem Kleid in Pyjamashorts und ein gelbes Tanktop geschlüpft ist, frage ich: „Findest du mich denn auch cool?“

Frech verzieht sie die Lippen auf eine Seite, als würde sie scharf nachdenken. „Näh. Du hast Hühnchen auf Justin gespuckt. Du bist seltsam.“

Empört kichernd schleudere ich mein Kissen nach ihr. „Und du schnarchst!“

Sie weicht meiner Attacke aus und läuft zu ihrem Bett. Mir bleibt kaum genug Zeit aufzuspringen und mein weiches Geschoss zu holen, ehe sie schon ihr eigenes nach mir wirft. Wir balgen uns in einer epischen Kissenschlacht und gackern dabei wie die dreizehnjährigen Hühner nebenan. Unser Benehmen ist komplett lächerlich! Aber so viel Spaß hatte ich schon ewig nicht mehr. Als ich mich nach meiner Munition bücke, heimse ich einen Treffer auf mein Hinterteil ein, wirble dann herum und werfe das Kopfpolster nach Julie. Weil sie sich duckt, klatscht es gegen die Tür. Eine Sekunde später ertönt wie zur Antwort ein Klopfen und erschrocken verharren wir beide reglos mitten im Zimmer.

Mit skeptischen Schlitzaugen sehe ich zu Julie, aber die zuckt nur genauso ahnungslos wie ich mit den Schultern und schüttelt den Kopf. Meine Schläfen pochen immer noch vom wilden Herumalbern, als ich zur Tür sause und sie aufreiße. Bei Justins Anblick auf der Schwelle, der Reißverschluss seines schwarzen Hoodies nur halb über dem Band-T-Shirt zugezogen, klappt mir die Kinnlade runter. Er steckt die Hände in die Hosentaschen. Dabei funkeln seine Karamellaugen zwischen ein paar dunkelblonden Haarsträhnen hindurch.

„Wow! Du bist hier!“, rutscht es mir in meiner Überraschung heraus. Nachdem er im Anschluss an das Paintballspiel zum Ziel der Tigermeute wurde und ich obendrein noch eine total peinliche Show beim Abendessen abgezogen habe, ist er definitiv der letzte Mensch, den ich heute Nacht hier erwartet hätte.

Kurzzeitig durch mein nicht ganz so einladendes Geplapper aus der Fassung gebracht, erholt er sich schnell wieder und presst die Lippen in einem schiefen Grinsen zusammen. „Sieht ganz so aus. Finde dich damit ab!“

„Hi Justin“, ertönt eine piepsige Stimme hinter mir. Als Nächstes kriege ich nur noch mit, wie mich eine neugierige Eule aus dem Weg schiebt und ihren Kopf zur Tür rausstreckt. Dabei blickt sie nach allen Richtungen.

„Ich bin allein hier“, teilt ihr Justin schmunzelnd mit, als uns beiden klar wird, nach wem sie Ausschau hält.

„Oh.“ Sie richtet sich auf, stützt sich gegen den Türrahmen und lehnt ihre Wange an ihre Hand. „Dann bist du wohl nicht wegen eines Schlummertrunks gekommen?“

Er schüttelt den Kopf. „Mm-mmh. Heute nicht.“

Nicht, um was trinken zu gehen? „Weshalb bist du dann hier?“, frage ich erstaunt.

„Um dich mit ins Krankenzimmer zu nehmen und deinen Schnitt am Bein zu versorgen.“ Sein Blick gleitet nach unten und bleibt für einen Moment an meinem entblößten Bauchnabel hängen, dann wandert er tiefer zu meinem schwarzen Minirock, worunter sein Halstuch wieder um meinen Oberschenkel gewickelt ist. Als die Wunde nach dem Duschen immer noch nicht aufgehört hatte zu bluten, blieb mir keine andere Wahl, als sie erneut zu verbinden.

Ich fummle am Saum meines engen, schwarzen Tops herum und straffe es mir über die Rippen. „Wieso?

In einer schuldbewussten Grimasse zieht er die Augenbrauen zusammen. „Weil ich irgendwie das Gefühl habe, dass ich dafür verantwortlich bin.“

Und ob er das ist! Aber dass er rübergekommen ist und es wiedergutmachen will, ist schon irgendwie süß von ihm.

Lässig bietet er mir seinen Arm an. „Können wir?“

Ich bin mir gerade gar nicht so sicher, ob ich mich wirklich bei ihm einhaken oder ihn lieber gegen die Schulter knuffen soll, weil er es überhaupt in Erwägung zieht. Unschlüssig suche ich nach einer Ausrede. „Ich brauch noch meine Schuhe und einen Sweater.“

„Wozu? Ist doch nur um die Ecke, Tiger.“ Den Arm immer noch unbewegt vor mir fordert er mich mit einem langsamen Blinzeln und einem leichten Kopfnicken auf, nach draußen zu kommen. Zögerlich lege ich meine Hand von unten in die Beuge seines Ellbogens.

Dass Justin unglaublich gut duftet, ist das Erste, was mir an ihm auffällt. Genau wie am ersten Abend hier im Camp. Dazu genötigt, ihm nun die Stufen hinunter zu folgen, werfe ich einen verunsicherten Blick zurück zu Julie, die in der Tür stehen geblieben ist. Ihr doofes Grinsen wird von ihren beiden hochgehaltenen Daumen eingerahmt. Verrückte Eule.

Als meine Mitbewohnerin schließlich die Tür zumacht und uns vom Lichtschein der Hütte trennt, sind wir beide in nichts weiter als kühle Nachtschatten und das entspannte Zirpen der Grillen gehüllt. Das ist das zweite Mal, dass wir heute alleine sind, und alles, woran ich denken kann, ist, wie reizend sich sein Bizeps unter meinen Fingern anfühlt, als wir in Richtung des Erste-Hilfe-Gebäudes spazieren. Heiliger Strohsack, ich sitze ganz offensichtlich schon viel zu lange mit Justin an diesem Ort fest…

Wir umrunden das Gebäude mit dem Büro der Leitung vorne und dem Krankenzimmer hinten drin. Justin greift hoch zur oberen Leiste des Türrahmens, der wie ein schmaler Sims aus der Mauer ragt.

„Ich hatte ja keine Ahnung, dass es für den Schlüssel ein Geheimversteck gibt“, flüstere ich – einfach nur, weil es mir irgendwie angebracht erscheint, um diese Uhrzeit und allein mit ihm hier draußen so leise wie möglich zu sein.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich es bei unserem ersten Meeting erwähnt habe.“ Er rügt mich mit einem zynischen Gesichtsausdruck. „Aber ich weiß schon – zuhören ist nicht dein Ding.“

Ich strecke ihm die Zunge raus und dränge mich an ihm vorbei, sobald er die Tür aufgesperrt hat. Er knipst hinter mir das Licht an, dann fällt die Tür laut ins Schloss. Die Zeit des Flüsterns ist offenbar vorbei. „Na schön, wo sind denn die Pflaster?“, frage ich und schwinge barfuß auf dem Linoleumboden herum.

„Mach’s dir einfach bequem.“ Justin nickt rüber zur Liege an der Wand. „Ich schaue inzwischen mal, was ich finden kann. Hier sollten genügend Sachen sein, die wir brauchen können.“

„Genügend Sachen? Was in Gottes Namen hast du vor?“

„Deine Wunde muss gesäubert werden.“

„Justin…“, stöhne ich genervt. „Ich habe jahrelang Fußball mit einer Horde rauer Jungs gespielt. Dieser kleine Kratzer wird mich schon nicht umbringen.“

„Ach ja?“, säuselt er mit vergnügter Stimme. „Ich wusste gar nicht, dass du so ein zähes Kätzchen bist.“

Ich beobachte ihn, wie er rüber zu dem großen Schrank auf der anderen Seite des Zimmers geht und dort mit dem Rücken zu mir in einer breiten, flachen Lade herumkramt. Während er einige Dinge rausnimmt und auf den Tresen legt, fragt er plötzlich mit ganz neuer und geradezu beunruhigender Begeisterung: „Besteht die Chance, dass der Schnitt vielleicht eine allergische Reaktion bei dir ausgelöst hat?“

Die Frage erscheint mir ganz und gar abwegig. Ist doch nur eine kleine Wunde. Außerdem geht es mir bestens, daher antworte ich mit Nein und setze mich auf die Liege. „Warum fragst du?“

Als er sich zu mir umdreht, jagt mir das unheimliche Grinsen in seinem Gesicht Angst ein. Das grelle Deckenlicht bricht sich im Glas einer schlanken Spritze in seiner rechten Hand. In der anderen hält er eine kleine Flasche mit klarer Flüssigkeit. „Weil sie hier ein Antiseptikum haben und ich immer schon mal jemandem eine Spritze verpassen wollte.“

„Hey! Such dir gefälligst eine andere Laborratte, Doktor Jekyll!“ Die Fersen verhakt lasse ich meine Beine baumeln und lege die Hände in den Schoß. „Ein einfaches Pflaster reicht völlig, danke.“

Schmunzelnd legt er das Doktorspielzeug zurück in die Schublade. Manchmal fällt es mir echt schwer zu unterscheiden, ob er etwas ernst meint oder mich nur aufziehen will. Hoffentlich war das gerade eben nur ein Scherz.

Mit einem leichten Schubs seiner Hüfte stößt er den Schieber zu und stapelt die wenigen Utensilien, die nun auf dem Tresen liegen, auf seinen Arm. Auf dem Weg quer durch den Raum lässt er sich auf Julies Docmobil fallen und nutzt den Schwung, um direkt zu mir herüber zu rollen.

Erschrocken sauge ich die Luft ein und lehne mich weit zurück.

Justin legt die paar Gegenstände sorgsam in Reih und Glied neben mir auf die Liege, dann greift er nach meinem verletzten Bein. Ich schlucke, als seine warme Hand ganz sanft meine Wade umfasst und er meinen Fuß auf seinen Oberschenkel stellt.

Als hätte er allein hier das Sagen, schiebt er den Saum meines Rockes etwas nach oben, um mehr von meiner nackten Haut zu entblößen. Währenddessen fixieren seine sehnsüchtig wirkenden Augen die ganze Zeit über meine. Durch diesen flammenden Blick jagt ein prickelnder Schauer nach dem anderen über meinen Rücken.

Es muss an meinem Schock über seine Unverfrorenheit liegen, dass ich gerade nicht wütend protestiere oder ihm den Kopf abreiße. Justin wähnt sich offenbar in Sicherheit und senkt schließlich den Blick auf meinen Oberschenkel. Ein erstauntes Schmunzeln kommt ihm dabei über die Lippen. „Du hast es ja tatsächlich noch dran.“

„Natürlich“, murmle ich und starre dabei ebenfalls auf das rote Halstuch. „Ich konnte ja wohl schwer eine von Julies Pfadfinderinnen-Socken darumbinden, um die Blutung zu stoppen.“

Mit geschickten Fingern lockert er den Knoten und löst das Tuch von meinem Bein. Darunter ist das Blut bereits getrocknet, die Wunde klafft auch nicht mehr, aber schön sieht das Ganze dennoch nicht aus. Wenn Brinna das jetzt sehen könnte, würde sie mir so lange in den Ohren liegen, bis ich endlich ins Krankenhaus fahren und die Verletzung versorgen lassen würde.

Da Justin sowieso schon ganz wild auf Doktorspiele ist, sollte ich das Wort „nähen“ lieber nicht einmal zu laut denken.

Der Hocker ist etwas niedriger als die Liege und mit meinem Bein so schamlos vor seiner Nase platziert, hat er ausgezeichnete Sicht auf die Wunde, während er sie mit einem in Desinfektionsmittel getauchten Wattestäbchen reinigt.

Bei der ersten brennenden Berührung mit dem Mittel sauge ich mit einem Zischen Luft durch meine zusammengebissenen Zähne ein. Ich ziehe mein Bein weg, doch er schiebt seine linke Hand unter mein Knie und hält es fest. Dann rollt er das Wattestäbchen mit großer Sorgfalt noch einige Male auf dem Schnitt hin und her. „Ohhh, hat das wehgetan, Fußballerin?“, macht er sich über meine Ansage von vorhin lustig. Gleichzeitig wirft er einen verstohlenen Blick zu mir hoch.

Es ist zwar nicht mehr so schlimm wie am Anfang, dennoch ist die Behandlung alles andere als angenehm. Vor Schmerz verziehe ich das Gesicht. „Na ja –“ Jaaa!

Im nächsten Moment werden seine frechen Gesichtszüge weicher und sein Blick füllt sich mit Mitleid. Vielleicht weil er sich gerade daran erinnert, wessen Schuld es eigentlich ist, dass ich überhaupt in dieser Lage bin. Er legt das Wattestäbchen zur Seite und hält meinen Oberschenkel mit beiden Händen fest. Seine Augen verwandeln sich in dunkle Karamellbonbons, als er sich langsam nach vorne lehnt und dabei die ganze Zeit über Blickkontakt mit mir hält. Was in drei Teufelsnamen –? Ich schlucke laut. Mein Bein beginnt dabei leicht in seinen Händen zu zittern. Durch die Intensität des Moments gefangen sitze ich wie angewurzelt da und sehe ihm dabei zu, wie er sanft auf meine Wunde pustet. Der angenehme Schauer, der mich dabei durchströmt, ist völlig unangebracht. Das kribbelige Gefühl zentriert sich in meinem Bauch. Der Schmerz ist in diesem Augenblick komplett vergessen.

„Besser?“, flüstert er, wobei seine Lippen nur wenige Zentimeter von meiner Haut entfernt sind.

Mein Hals ist staubtrocken. Ich glaube nicht, dass ich auch nur ein einsilbiges Wort wie in diesem Fall Ja herausbekomme. Also beobachte ich ihn durch schmale Augen und nicke dabei langsam.

Justin lächelt ein ganz klein wenig. „Gut.“ Er richtet sich auf, greift nach einem großen, wasserabweisenden Pflaster, das er vorhin mitgebracht hat, zieht die Schutzfolie ab und klebt es über meinen Schnitt. Mit beiden Daumen streift er es von der Mitte nach außen hin glatt. Seine Hände liegen dabei auf Stellen, wo sie bei Gott nichts verloren haben. Dennoch fühlen sie sich gleichzeitig so unglaublich richtig dort an.

Ich sitze immer noch steif wie ein Besen auf der Liege, die Hände hinter mir abgestützt. So kämpfe ich darum, meinen Atem wieder einzubremsen, der in den letzten zehn Sekunden völlig außer Kontrolle geraten ist.

„Alles klar bei dir?“, fragt er leise. Als ob er nicht ganz genau wüsste, was er gerade mit mir anstellt. Und wieso überhaupt lässt er mich eigentlich nicht los? Seine Daumen streifen immer noch sanft über die empfindliche Stelle auf der Innenseite meines Oberschenkels. Nur hat das so gar nichts mehr mit dem Pflaster zu tun, sondern er streichelt zärtlich über meine nackte Haut.

Ich räuspere mich energischer, als ich eigentlich wollte, und krähe ein heiseres „Ja.“

Justin leckt sich langsam über die Unterlippe. Das Funkeln in seinen Augen soll wohl eine Herausforderung darstellen, ihn daran zu hindern, mich weiter an dieser intimen Stelle zu berühren. Doch ich kann nicht. Meine Kiefer scheinen plötzlich miteinander verdrahtet zu sein. Mein Herz pocht auch wie verrückt.

Vermutlich hat er genau diese Reaktion von mir gewollt, denn ein Mundwinkel schiebt sich langsam zu einem schiefen Lächeln nach oben. Im nächsten Moment hebt er meinen Fuß von seinem Bein, tätschelt mir lässig das Knie und erhebt sich vom Docmobil. „Na dann…“

Na dann… was? Es kommt mir vor, als hätte er mich in eiskaltes Wasser geworfen. Die prickelnden Schauer von vor zwei Sekunden sind schlagartig verschwunden. Beinahe keuchend verfolge ich, wie er alles wieder zurück in die Schublade räumt und das Halstuch zusammen mit dem Wattestäbchen in den Mülleimer wirft. Nicht eines einzigen Blickes würdigt er mich dabei.

Nun hat er mich heute schon zum zweiten Mal so auflaufen lassen. Seine fiesen Spielchen machen mich langsam wahnsinnig! Als wollte er mich daran erinnern, was wir damals verloren haben. In jenem Sommer…

Andererseits ist es aber auch zu leicht, seinem Charme zu verfallen, wenn er Dinge tut, wie sich so liebevoll um meine Verletzung zu kümmern. Nach über vier Jahren ist er immer noch eine genauso große Versuchung wie am Tag unserer ersten Begegnung.

Nur das Ignorieren meiner Gefühle ist mit der Zeit leichter geworden.

Ich war mir sicher, ich hätte alles unter Kontrolle. Und während der Highschool hatte ich das verdammt noch mal auch. Also werd jetzt bloß nicht schwach, Chloe! Ich werde mich definitiv nicht noch einmal in Justin Andrews verlieben!

Mit den Fingern wische ich mir die Stirnfransen aus dem Gesicht, rutsche von der Untersuchungsliege und beeile mich damit, nach draußen zu kommen, wo ich erst einmal tief durchatme, um meine Nerven zu beruhigen. Nur Sekunden später ist er hinter mir und schließt die Tür. Den Schlüssel versteckt er wieder oben auf dem Sims des Türstocks.

„Das Pflaster sollte gut achtundvierzig Stunden halten“, teilt er mir mit. „Wenn du Hilfe beim Wechseln brauchst, sag –“ Er bricht ab und wir beide drehen uns zu einem Geräusch ganz in der Nähe um.

Eins der Mädchen hat sich aus der Blockhütte geschlichen und eilt gerade den Pfad runter zum See. Anscheinend hat sie uns nicht bemerkt. Sie ist mit ihren Gedanken wohl schon ganz woanders. Ich mache einen Satz vorwärts und hole tief Luft, um ihr hinterherzuschreien, da legt Justin mir seine Hand über den Mund und wirbelt mich im selben Augenblick herum. Gegen einen Baum abseits des Weges gepresst starre ich in seine scharf blickenden Augen, die im Moment nur wenige Zentimeter von meinen entfernt sind.

„Schhh“, flüstert er. „Lass sie gehen.“

Genervt greife ich nach seinem Arm und schlage seine Finger weg. „Bist du verrückt? Es ist schon nach elf. Die Bälger sollen nachts in den Hütten bleiben.“

„Reg dich ab, Tiger, und gönn ihnen ein wenig Spaß.“ Mit leiser, eindringlicher Stimme versucht er mich zu überzeugen. Ich stemme mich gegen seine Brust, aber er bewegt sich nicht. Stattdessen drückt sein ganzer Körper nur noch fester gegen meinen. Seine Hand schmiegt sich dabei zärtlich um meine Wange. „Hast du denn schon vergessen, was wir beide damals gemacht haben?“, haucht er in mein Ohr. „Nach Einbruch der Dunkelheit…“

Oh, das musste er jetzt ja unbedingt erwähnen, oder? Die Erinnerung an eine laue Nacht unten beim Froschteich drängt sich in den Vordergrund und entlockt mir ein Seufzen. Ein leichtes Zittern erfasst meinen gesamten Körper von meinem Nacken bis runter zu meinen Zehenspitzen, als er seine andere Hand auf meine Taille legt und dabei den schmalen Streifen Haut berührt, der zwischen meinem Top und dem Rock hervorblitzt. „Das ist nicht dasselbe“, erwidere ich.

„Ach nein? Wo liegt der Unterschied?“ Mit seiner Nasenspitze liebkost er die Stelle hinter meinem Ohr und ich kann mich kaum noch auf eine Antwort konzentrieren.

„Wir waren älter.“ Plötzlich klinge ich, als hätte jemand meinen Hals mit Schleifpapier bearbeitet. „Und außerdem sind das nun mal die Regeln.“

Er zögert einen Moment, lehnt sich dabei zurück und sieht mir fest in die Augen. „Manche Regeln sind da, um gebrochen zu werden.“

„Justin… Was machen wir hier?“, stöhne ich. Es geht im Moment doch gar nicht um uns, sondern um die Elfe, die sich davongestohlen hat, um höchstwahrscheinlich einen Jungen zu treffen. Dennoch wird mir gerade nur allzu deutlich bewusst, dass sie schon lange verschwunden ist und wir beide ganz alleine hier im Schutz der Bäume stehen. Und dass ich mich absolut nicht dazu durchringen kann, einfach wegzugehen.

„Ich habe keine Ahnung“, antwortet er leise. „Es ist nur – jedes Mal, wenn ich dich berühre…“ Seine Stimme verliert sich in der Dunkelheit, während sich sein Blick auf meine Lippen senkt.

Seine Hand gleitet von meiner Wange zu meiner Halsbeuge hinunter und sein Daumen streicht zärtlich über mein Schlüsselbein. „Erzähl mir nicht, du hättest nicht auch jeden einzelnen Tag daran gedacht, seit wir hier sind.“

Mein Atem ist flach, meine Stimme zittert. „Ich habe nicht daran –“

„Wirklich nicht?“, unterbricht er mich harsch, die Augen zu Schlitzen geformt, und drückt mir dabei die Hand etwas fester auf den Brustkorb. „Warum schlägt dann dein Herz gerade so schnell, Chloe?“

Wenn ich meinen Puls nur irgendwie besänftigen könnte, würde ich es sofort tun. Aber die Wahrheit ist, solange er mich so zärtlich festhält, besteht keine Aussicht darauf, dass ich mich beruhigen könnte. Und meine Gedanken der vergangenen Woche? Nun ja, die waren wahrscheinlich heiß genug, um die Polkappen zum Schmelzen zu bringen.

Justin lehnt seine Stirn an meine. Ich kann dabei seinen Atem im Gesicht spüren. Langsam schließe ich die Augen und neige meinen Kopf – nur so weit, dass ich meine Wange an seine schmiegen kann. Die Kraft schwindet aus meinen Armen und ich höre damit auf, ihn von mir zu drücken. Nur meine Finger graben sich noch in sein T-Shirt unter dem Hoodie. „Du und ich… Das ist eine ganz miese Idee“, seufze ich.

„Stimmt.“ Seine Lippen streifen über meinen Mund. Meine Unterlippe gerät dabei zwischen seine, als er flüstert: „Und aus diesem Grund werde ich dich auch nicht küssen…“ Seine Zungenspitze streicht über meine Lippe, langsam und zart, und ich schlucke schwer. „… bis du darum bettelst.“ Mit diesen letzten Worten richtet er sich auf.

Durch meine rasanten Atemzüge bebt meine Brust. Meine Augenlider flattern hoch und ich starre in sein entschlossenes Gesicht. Als er einen Schritt nach hinten macht und mich aus dem Käfig entlässt, in dem ich die letzten drei Minuten gefangen war, rutschen meine Hände von seiner Brust und sinken nach unten.

Justin lässt mir kaum einen Moment Zeit, um zu begreifen, was hier gerade vor sich geht, sondern sagt mit sanftester Stimme: „Träum was Hübsches, Tiger“, und verschwindet.

Wie angewurzelt bleibe ich stehen, greife hinter mich und suche Halt am Baum, als ich ihm hinterhersehe. Mein Herz sticht genau wie vor einigen Jahren, als wir uns in einer ganz ähnlichen Situation befunden haben. Nur, dass damals seine Worte nicht „Träum was Hübsches“ waren, sondern „Ich hoffe, eines Tages kriegst du dafür, was du verdienst.“

Vielleicht ist dieser Tag nun endlich gekommen.

In den letzten zwanzig Monaten hatte ich mit so einem Haufen Problemen zu kämpfen, da war es schwer zu glauben, dass es tatsächlich noch schlimmer werden könnte. Und doch stehe ich hier und kann nicht verhindern, dass gerade eine einsame Träne über meine Wangen rollt.

Ich weiß, welchen Mist ich gebaut habe. Was ich verloren habe. Und ich weiß auch, dass ich das mit Justin nie wiedergutmachen kann. Aber heute Nacht frage ich mich zum allerersten Mal, ob es vielleicht ein Fehler gewesen ist, Lesley Caruthers ihm vorzuziehen.

~ ❤ ~

Fortsetzung folgt … wenn ihr wollt. 😉

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