Verknallt hoch zwei (GBT 4)

GroverBeach E-Book 4

 

Kapitel 1

 

VERZWEIFELT LIESS ICH meine Stirn auf Ryan Hunters Schulter sinken. „Erschieß mich!“

„Na, na, warum denn gleich so melodramatisch, Bücherwurm?“ Hunter schlang einen Arm um mich und zog mich mit sich durch das Tor zum Fußballplatz hinter der Schule. „Es ist ja nur für ein paar Wochen. Schnapp dir einen Liebesroman, sabber ein bisschen über Edward Twilight, und du wirst sehen, dass die Zeit im Nu vorbei ist.“

„Cullen.“

„Was?“

„Sein Name ist Edward Cullen, nicht Edward Twilight.“ Ich verdrehte die Augen. „Und außerdem hab ich das Buch schon vor Jahren gelesen.“

„Aha. Na ja, wie auch immer.“ Er klopfte mir aufmunternd auf den Rücken. „Ich bin sicher, du findest eine andere Schnulze, die dich bei Laune hält, bis du wieder mit uns Fußball spielen kannst.“

Mit schmalen Augen musterte ich ihn scharf. „Willst du wirklich wissen, wie viele Bücher ich lesen muss, um in den nächsten zehn Wochen nicht komplett durchzudrehen?“

Ryan verzog das Gesicht. „Äh, nein.“

„Mindestens fünfhundertsieben oder mehr! Agh! Ich hasse Doktor Trooper. Wie konnte er mir das nur antun?“

Ryan schmunzelte. Es war dieses für ihn typische, relaxte Lachen. „Komm schon, Miller. Das ist nicht das Ende der Welt.“

„Das sagst du nur, weil du nicht dort drüben sitzen musst!“ Ich zeigte mit dem Daumen auf die Ersatzbank hinter uns. Doch als ich seinen hilflosen Blick und das Achselzucken sah, schraubte ich meinen Aggressionspegel wieder etwas weiter herunter. Es war ja nicht seine Schuld, dass ich im Moment außer Gefecht gesetzt war und wegen einer Knieverletzung nicht spielen konnte. Schuld war nur diese dumme Ziege aus dem Team der Riverfalls Rabid Wolves. Während unseres letzten Spiels hatte sie mir so hart gegen mein Bein getreten, dass ich dachte, meine Kniescheibe fliegt aus der Atmosphäre. Junge, hat das wehgetan. Am liebsten hätte ich geheult wie ein Baby. Doch vor dem ganzen Publikum konnte ich mir diese Blöße natürlich nicht geben.

Ryan ließ mich los, beugte sich runter und zog sich die weißen Socken über die Schienbeinschoner. Während er sich die Schnürsenkel seiner Stollenschuhe fester band, blinzelte er gegen die Novembersonne zu mir hoch. „Bleibst du und siehst uns beim Training zu? Liza kommt später auch noch vorbei.“

Ein Grinsen breitete sich über mein Gesicht aus. „Das war mein Plan.“ Seine Freundin, Liza Matthews, war auch eine meiner besten Freundinnen. Wir hatten vor einer halben Stunde miteinander telefoniert und ausgemacht, uns hier zu treffen.

Ryan nickte und sauste los aufs Feld zu den anderen Spielern der Grover Beach Bay Sharks. Ich winkte Tony, Alex und Nick, den Jungs aus meinem Team, dann machte ich kehrt und stapfte rüber zur Ersatzbank an der Seitenlinie des Feldes. Selbstverständlich hatte ich mir auch heute wieder ein Buch mitgenommen – und es war nicht Twilight – doch ich wollte meinen Freunden auch beim Training zusehen.

Die kommenden zehn Wochen würden die reinste Folter werden. Seit vergangenem Sommer war Fußball ein Teil meines Lebens geworden. Nicht, dass ich in irgendeiner Weise gut darin war, aber der Teamsport machte jede Menge Spaß. Außerdem war es nett, körperlich in Form zu kommen und mittlerweile fünf Kilometer laufen zu können, ohne dabei an Luftmangel zu kollabieren – und alles nur wegen Ryans exzessiven Trainings. Doch die Fitness war nicht das Einzige, was sich in letzter Zeit positiv an meinem Körper verändert hatte. Ich streifte mir das eng anliegende blaue T-Shirt glatt und blickte nach unten. Dabei grinste ich in mich hinein, denn letztendlich hatte ich doch noch all die hübschen Kurven bekommen, für die ich die letzten beiden Jahre so innig gebetet hatte. Kein Mädchen sollte ihren Führerschein vor einem ordentlichen Busen bekommen. So was war schlichtweg gemein.

Erst als ich schon fast bei der Ersatzbank angekommen war, blickte ich wieder hoch und – was zum Geier? Vor Schreck blieb mir die Spucke weg.

Ausgebreitet wie in einem Liegestuhl lag ein Junge auf der Bank, die Arme hinterm Kopf verschränkt, und blickte in den Himmel. Oder vielleicht hielt er auch gerade ein Schläfchen, wer konnte das schon wissen? Seine Baseballkappe hatte er tief ins Gesicht gezogen und in den Ohren hatte er Kopfhörer, die über ein Kabel an einen iPod angeschlossen waren, der auf seinem Bauch lag. Sogar aus fünf Metern Entfernung konnte ich die Musik von Volbeat hören. Hm, was Bands anging, hatte er definitiv einen guten Geschmack. In Sachen Kleidung leider weniger. Mit diesem bananengelben T-Shirt, den braunen Shorts und den noch viel schlimmeren braunen Sneakers sah er verdächtig wie der kleine Glatzkopf aus der Charlie Brown und Snoopy Show aus.

Ich hatte keinen blassen Schimmer, wer dieser Kerl war, oder warum er sich auf meinem Platz breitgemacht hatte. Doch da ich immer noch zum Team gehörte und er ganz offenbar nicht, war es nur fair, dass er die Bank für mich räumte. Auf der Tribüne weiter hinten gab es genug freie Plätze, wo er sein Nachmittagsschläfchen fortsetzen konnte.

Ich ging auf ihn zu, gab ihm mit dem Handrücken einen Klaps gegen sein aufgestelltes Knie und wartete, bis er seine Ohrstöpsel herausgezogen hatte; oder zumindest einen davon. „Hey, Charlie Brown, das ist mein Platz“, sagte ich mit einem Unterton, der keinen Raum für Diskussionen ließ. Zumindest hoffte ich das. An meinem Befehlston musste ich wohl noch etwas arbeiten, doch fürs Erste hatte es gereicht, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen.

Der Junge drehte den Kopf zur Seite, nahm die Kappe ab und strich sich mit einer Hand entspannt durchs Haar, das die Farbe von Sonnenlicht im Spiegel hatte. Zweimal blinzelte er kurz mit seinen kornblumenblauen Augen, dann kroch ein Lächeln auf seine Lippen. „Tschuldigung. Ich hatte ja keine Ahnung, dass auf dieser Bank dein Name steht.“

Ha! Grober Fehler! „Tja, wenn du genauer hinsehen würdest, dann könntest du ihn in einer der Holzlatten eingeritzt finden.“ Simone Simpkins und ich hatten uns hier letzten Sommer verewigt. Lange hatten wir versucht, auch Liza dazu zu überreden, aber sie hatte nur die Augen verdreht und uns ausgelacht. Von uns allen ist sie wohl die Vernünftigste.

Ein neugieriger Blick ersetzte das Lächeln des Fremden. „Ach, ist das so?“, fragte er vergnügt.

Ich ließ meinen Rucksack auf den Boden fallen, wobei der Eastpak halb auf meinem grauen Stiefel landete, und verschränkte die Arme vor der Brust. Endlich hatte Charlie Brown den Anstand, sich aufzusetzen. Je länger ich in sein Gesicht blickte, umso bekannter kam es mir vor. Womöglich hatte ich ihn schon einmal auf einer von Hunters Partys getroffen, doch bei Gott, mir fiel einfach kein Name zu diesem Gesicht ein.

Wie auch immer; er wollte und wollte einfach nicht das Feld für mich räumen, was mir mittlerweile begann, auf die Nerven zu gehen. Er zog den zweiten Ohrstöpsel raus und rutschte ans Ende der Bank. Nur mit einem leichten Nicken lud er mich ein, mich neben ihn zu setzen.

Grummelnd folgte ich seiner Aufforderung.

Neun Tage nach dem Unfall brauchte ich zwar keine Krücken mehr und ich konnte auch schon wieder problemlos Treppen steigen und Auto fahren, nur das Hinsetzen auf so niedrigen Dingen wie dieser Bank bereitete mir immer noch ein paar Probleme. Ich versuchte, mein Bein so gestreckt wie möglich zu halten, als ich langsam auf die Sitzfläche sank.

Die Peanuts-Imitation hatte inzwischen seine Kappe wieder aufgesetzt und das Kabel des iPods um seinen Hals gehängt. Im Moment betrachtete er mich gerade mit unverblümtem Interesse – das konnte ich aus dem Augenwinkel sehen.

„Du bist Susan Miller, nicht wahr?“, fragte er vorsichtig und gerade laut genug, um die Musik zu übertönen, die immer noch aus den Kopfhörern drang.

Mein Blick blieb an dem roten Hai hängen, der von dem Transparent auf der anderen Seite des Spielfeldes zu uns herübergrinste, und ich verschluckte mich beinahe. Entgeistert drehte ich mich zur Seite. „Welches Vögelchen hat dir denn das gezwitschert?“

„Kein Vögelchen. Dein Knie hat dich verraten.“ Verlegen rieb er sich den Nacken und sah gerade ebenso bedauernd drein wie ich damals, als mir meine Mutter gesagt hatte, dass ich meine Ameisenfarm gegrillt hatte. Ich war erst sechs Jahre alt gewesen und hatte gedacht, die kleinen Krabbler würden sich über ein Sonnenbad an einem ziemlich heißen Augustnachmittag bestimmt freuen.

„Und wenn ich nicht komplett falsch liege“, fuhr Charlie Brown fort und schaffte es dabei sogar, trotz einer mitleidvollen Grimasse süß auszusehen, „bin ich dein Ersatz.“

„Du bist was?“ Ich sprang so elegant auf, wie ich konnte – nur leider war das eben gar nicht elegant – und stemmte meine Fäuste auf die Hüften. „Hunter!“, schrie ich aus Leibeskräften quer übers Feld, drehte mich dann zu Charlie Brown um und schnaubte entrüstet wie ein Stier in der Arena. „Hör zu, Freundchen! Nur weil ich gerade untauglich bin, heißt das nicht, dass du so einfach daherkommen und mir meinen Platz stehlen kannst. Hunter!“

Nun stand der Junge ebenfalls auf und versuchte, mich mit besänftigenden Handbewegungen wieder runterzuholen, doch ich gab ihm keine Gelegenheit, auch nur den Mund aufzumachen. Stattdessen zeterte ich weiter: „In ein paar Wochen bin ich wieder wie neu und kann auch wieder Fußball spielen. Es gibt also keinen Grund dafür, mich irgendwie zu ersetzen. HUNTER! Beweg deinen verdammten Arsch hier rüber! Sofort!“

Charlie Brown biss sich auf die Unterlippe. „Ryan hat schon gesagt, dass dir diese Nachricht wohl schwer im Magen liegen wird. Es wundert mich, dass er es dir noch nicht selbst gesagt hat.“

Oh, er hatte nicht die kleinste Silbe davon erwähnt. Was zum Teufel sollte das? Ich fiel doch nur für ein paar Wochen aus und nicht für immer. Es bestand also absolut kein Grund, gleich loszurennen und mich durch den nächstbesten Spieler auszutauschen. „Was geht hier vor?“, fauchte ich Ryan an, als er endlich neben mir stand.

Erst einmal sog er die Luft durch seine Zähne ein. „Äh, hab ich vergessen, dir zu sagen, dass ich für deine Auszeit einen Ersatzspieler gefunden habe?“

„Na, ganz offensichtlich hast du das!“ Bei meinem Killerblick wich Ryan einen Schritt zurück. Wow, ich hatte ja keine Ahnung, dass ich den so gut draufhatte. Ein selbstgefälliges Lächeln zupfte an meinen Mundwinkeln, doch ich unterdrückte es.

„Entspann dich, Susie“, meinte der Junge mit dem gelben Shirt in einem ruhigen Ton und legte mir dabei eine Hand auf den Arm. Auf verschwörerische Weise nickte er Ryan zu, der anschließend die Fliege machte. Der hielt sich wohl für ganz schlau. Aber da hatte er mich noch nicht kennengelernt.

„Niemand nennt mich Susie“, brummte ich und zog meinen Arm weg.

„Okay, dann beiß mir bitte nicht den Kopf ab, und es kommt nie wieder vor.“ Er zwinkerte mir zu und zu meinem Erstaunen verschlug es mir dabei die Sprache.

Mit leicht geneigtem Kopf blickte ich die fünfzehn Zentimeter, die er größer war als ich, zu ihm hoch. Sein Lächeln streckte sich von einem Ohr zum anderen. Er sah gerade unheimlich süß aus, und nur deswegen gestand ich ihm zehn Sekunden zu, um loszuwerden, was auch immer er sagen wollte.

„Ich will dich ja gar nicht aus dem Team verdrängen. Vor ein paar Jahren habe ich selbst Fußball gespielt, und als Ryan mich letzte Woche gefragt hat, ob ich für dich einspringen könnte, hab ich zugesagt, um ihm einen Gefallen zu tun.“ Vorsichtig fasste er an meine Schultern, steuerte mich zurück zur Ersatzbank und half mir dabei, mich wieder hinzusetzen. Dann ging er vor mir in die Hocke und sah mir in die Augen. „Ich verspreche, an dem Tag, an dem du wieder fit bist, werde ich verschwinden, und du kannst wieder übernehmen. Na, wie hört sich das an?“

Er roch nach Zitronengras und Coladrops. Wahnsinn.

Ich holte noch einmal tief Luft und ließ meinen Frust dann gen Horizont segeln. Mit dem Zeigefinger schob ich meine Brille etwas weiter nach oben. Normalerweise trug ich sie nie, wenn ich zum Sportplatz kam, doch heute hatte ich ja vorgehabt zu lesen, und da blieb mir keine andere Wahl. „Schätze, das ist okay.“

„Großartig.“ Als er wieder aufstand, klatschte er einmal in die Hände und legte dann seinen iPod neben mich auf die Bank. „Passt du für mich darauf auf?“ Die Musik lief immer noch.

Ich nickte und Charlie Brown startete los aufs Feld. Doch bereits nach ein paar Schritten drehte er sich noch einmal zu mir um, wobei er rückwärts weiterjoggte. „Übrigens, mein Name ist Ethan.“ Er zuckte mit den Schultern und grinste. „Nur für den Fall, dass es dich interessiert.“ Ethan setzte seine Baseballkappe mit dem Schirm nach hinten auf, drehte sich wieder um und lief raus zu den anderen Spielern des Teams.

Meinen Blick starr auf seinen Rücken gerichtet, saß ich einige Sekunden stocksteif da. Meine Hände, normalerweise kalt wie Eisbeutel, waren plötzlich mit Schweiß überzogen. Wann zum Teufel hatte ich denn begonnen zu schwitzen? Ich wischte meine Handflächen an der weißen Jeans ab, die ich trug, und knirschte mit den Zähnen. Ersatzspieler, ha! Dazu würde mir Ryan später noch einige Fragen beantworten müssen.

Energischer als beabsichtigt zog ich den Reißverschluss meines Rucksacks auf und holte mein Buch heraus. Es war Das flammende Kreuz aus der Outlander-Saga. In den vergangenen zwei Wochen war ich regelrecht süchtig nach dieser Reihe geworden. Doch leider war dies schon Buch fünf von bisher insgesamt acht und, daher würde mich diese Serie kaum noch länger als die nächsten paar Tage beschäftigen. Tja, das war leider das Problem, wenn man Bücher verschlang wie andere Leute Popcorn – es ging einem furchtbar schnell der gute Lesestoff aus.

Drüben auf dem Spielfeld stellte Hunter Ethan gerade als den neuen Ersatzspieler vor. Die meisten meiner Mannschaftskameraden schienen ihn bereits zu kennen, was mich nicht wirklich überraschte. Wer Ryan kannte, kannte auch seine Freunde. Tja, außer mir ganz offensichtlich.

Ich schenkte ihnen weiter keine Aufmerksamkeit mehr und steckte lieber meine Nase in das Buch. Aber bei der Musik, die immer noch aus Ethans iPod kam, konnte ich mich einfach nicht aufs Lesen konzentrieren. Vielleicht hatte er sie ja genau aus diesem Grund nicht abgestellt. Er wollte mir wohl weiter auf die Nerven gehen. Für einen Moment dachte ich daran, die Musik auszuschalten oder zumindest leiser zu drehen, doch als ich nach dem iPod griff, entwickelte meine Hand so etwas wie ein Eigenleben und steckte mir prompt einen Stöpsel ins Ohr.

Na schön, ich war neugierig. Zuvor lief ein Song einer meiner Lieblingsbands, und ich wollte wissen, ob vielleicht noch weitere ihrer Lieder auf der Playlist waren.

Gerade sang mir Steven Tyler von Aerosmith ins Ohr und der Song war gar nicht mal schlecht. Ich übersprang ein paar Lieder und durchstöberte dann die Wiedergabeliste auf dem iPod. Bedauerlicherweise war von Volbeat nur dieses eine Lied vorhanden. Trotzdem steckte ich mir auch noch den zweiten Kopfhörer ins Ohr und hörte weiter Ethans Musik. Er hatte ein wenig Metal und ein wenig Rock; alles in allem traf das genau meinen Geschmack.

Mit gedrosselter Lautstärke begann ich, endlich zu lesen. Die nächsten zwanzig Seiten verflogen zu dem Sound der Kings of Leon. Nur ein- oder zweimal blickte ich hoch, um zu sehen, wie sich Charlie Brown denn so auf dem Fußballfeld machte, und – ach du heilige Scheiße – er war gut!

Ethan köpfte gerade einen Ball souverän an Nick Frederickson vorbei ins Tor. Dabei hatte Nick in diesem Jahr einen Junioraward als bester Nachwuchstorhüter in Nordkalifornien erhalten. Ethan machte auch eine stattliche Figur beim Laufen, ganz anders als Kyle Foster, der immer über den Rasen donnerte wie eine Dampflok auf Steroiden, und auch nicht wie Alex Winter, der heute sogar so langsam war, dass er sich die Schuhe beim Laufen hätte binden können. Tatsächlich war Ethan eine ernstzunehmende Konkurrenz für Ryan. Er benahm sich, als würde ihm der Platz gehören, allerdings auf sehr natürliche, sehr vertraute Art und Weise, ohne dabei überheblich zu wirken.

Sasha Torres und Ethan klatschten nach diesem majestätischen Tor ab, und das war auch der Moment, in dem Ethan zu mir rübersah. Das musste ja so kommen. Voll beim Staunen erwischt, stieg mir sofort die Röte ins Gesicht. Mit einem verschmitzten Grinsen ließ mich Ethan wissen, dass ihm mein Interesse nicht entgangen war.

Am liebsten wollte ich mich hinter meinem Buch verstecken und fluchen, und ja, vielleicht war das genau das, was ich gerade machte, aber erst nachdem er sich wieder weggedreht hatte und weiterspielte. Ich hatte seine Kopfhörer in den Ohren, ich hatte ihn angestarrt wie ein Künstler sein Modell und außerdem leuchtete mein Kopf vermutlich wie eine Fünfzigwattbirne. In dieser Sekunde wünschte ich mir eine Zeitmaschine herbei, mit der ich genau eine halbe Stunde zurückreisen könnte. Dann wäre ich nämlich nach dem Gespräch mit Hunter nie zu dieser Bank spaziert.

Jemand packte mich an der Schulter. Ich fuhr vor Schreck fast aus der Haut, wirbelte wild herum, und mir entwich auch noch ein heiserer Schrei. Den iPod schleuderte es dabei von der Bank auf den Boden. Na super – und das war nicht einmal meiner. Wie peinlich.

Zum Glück saß nur Liza neben mir, und ich bückte mich rasch, um Ethans iPod aufzuheben und den Staub abzuwischen. Dabei vergewisserte ich mich kurz, ob er auch nichts gesehen hatte. Er stand mit dem Rücken zu mir. Mit einem erleichterten Seufzen zog ich mir die Kopfhörer aus den Ohren und ließ sie in meinen Schoß fallen.

„Hey“, sagte Liza. „Was ist denn mit dir los? Wir sind wohl heute etwas schreckhaft, wie?“

Nachdem ich nun auch endlich die Musik abgeschaltet hatte, wandte ich mich Liza zu und kam direkt auf den Punkt. „Hast du gewusst, dass dein Freund mich ersetzt hat?“

Fünf volle Sekunden starrte mich Liza nur verdutzt an und runzelte dabei die Stirn. Dann strich sie sich mit den Fingern durch ihr langes braunes Haar und kräuselte die Lippen. „Und jetzt das Ganze bitte noch mal auf Deutsch, und zwar so, dass ich dir folgen kann.“

Also hatte sie keine Ahnung von Hunters Plan. Gut, denn hätte sie es gewusst und nichts gesagt, hätte sie damit einen wirklich fiesen Vertrauensbruch begangen. Ich lehnte meine Stirn an ihre Schulter und begann zu jammern. „Er hat Charlie Brown statt mir ins Team geholt.“

Lachend packte mich Liza bei den Schultern und richtete mich wieder auf. „Er hat was?“

„Gelbes Shirt“, raunte ich und nickte in Richtung der Spieler.

Unter all den hellblauen Trikots war Ethan leicht zu erkennen, und Liza sagte nur: „Oh.“

„Ja genau. Oh. Ryan hat ihm gesagt, er kann meinen Platz einnehmen, denn offenbar …“ – ich zog meine Augenbrauen zusammen, um den Zynismus in meiner Stimme zu unterstreichen – „… bin ich nicht mehr gut genug fürs Team.“

„Jetzt komm schon, das ist nicht wahr, und das weißt du auch. Ryan würde so etwas niemals tun. Er liebt dich genau wie den Rest der Mannschaft. Ich bin sicher, er und die anderen können es kaum erwarten, bis dein Knie wieder völlig intakt ist und du wieder mit ihnen trainieren kannst. Und warum sollte bis dahin nicht jemand für dich einspringen?“ Als sie noch einmal in Richtung Spielfeld blinzelte, schlich sich ein Lächeln auf ihr Gesicht. „Außerdem ist er ziemlich süß, wenn du mich fragst.“

Das tat ich nicht. Und es war mir auch egal. Er hatte meinen Platz in der Mannschaft nicht verdient.

„Wer ist süß?“ Simones Stimme überraschte uns von hinten und wir drehten uns um. Sie und Allie Silverman hatten sich unbemerkt angeschlichen und suchten gerade akribisch den Fußballplatz nach erwähnter Augenweide ab. Beide Mädchen hatten Haare so lang, dass die Spitzen bis ans untere Ende ihres Rückens reichten, nur war Simone eine natürliche Skandinavien-Blondine, während Allies Haar so schwarz war wie das Federkleid eines Raben. Genau wie Liza waren die beiden im Cheerleaderteam – dem Team, das uns Fußballspieler anfeuerte. Nur würden sie zukünftig Ethan anfeuern, und nicht mehr mich.

„Der Junge, der angezogen ist wie eine faulige Banane“, lästerte ich, um Simones Frage zu beantworten. „Allerdings ist süß wohl ein Ausdruck, über den sich streiten lässt. Ich kann den Kerl nicht leiden. Er spielt jetzt auf meiner Position in Ryans Team.“

Allie schnappte entsetzt nach Luft. „Für immer?“

„Vorübergehend“, klärte Liza sie auf und krempelte sich die Ärmel ihrer rosa Bluse nach oben. „Nur so lange, bis Susan wieder spielen kann.“

„Ach so, na dann ist ja alles gut.“ Simone streifte sich ihre hübschen Locken über die Schulter und kicherte. „Der ist ja echt eine Sahneschnitte. Wie ist sein Name?“

Simone war mit Alex Winter, einem Jungen aus meinem Team zusammen, und die beiden konnten ihre Finger kaum zehn Minuten am Stück voneinander lassen. Dass sie da noch die Zeit hatte, anderen Kerlen hinterherzusehen, überraschte mich. Allerdings wussten wir alle, es hatte nichts zu bedeuten und entlockte uns deshalb nur ein amüsiertes Schmunzeln. Sie würde Alex niemals – für nichts und niemanden auf der ganzen weiten Welt – abservieren.

„Ethan“, sagte ich.

„Hast du schon mit ihm gesprochen?“, wollte nun Allie wissen.

„Nur ganz kurz. Vor dem Training. Wieso?“

„Weil er dich gerade von oben bis unten abcheckt.“

„Wie bitte?“ Oh Mann, in diesem Moment machte ich wohl das Dümmste, das man in meiner Situation tun konnte. Ich drehte mich um und überzeugte mich selbst davon. Es war ein dämlicher Reflex, und ich bereute es in der Sekunde, als sich unsere Blicke auf halber Strecke trafen. Mein Mund stand vor Überraschung ein klein wenig offen. Charlie Brown rang sich ein Lächeln ab, bevor er sich wieder mit Feuereifer ins Spiel einbrachte.

Vor Scham aufstöhnend, schlug ich mir beide Hände vors Gesicht. „Ich hasse euch! Jetzt denkt er bestimmt, ich würde ihn abchecken.“

„Und, hast du?“, stichelte Liza neckisch.

„Nein!“ Zugegeben, ich hatte es vielleicht vor ein paar Minuten gemacht, bevor sie alle gekommen waren, aber gerade eben war es ein totales Missverständnis gewesen. Ein dummer Zufall – von meinen Freundinnen inszeniert. Ich sollte ein Loch von hier bis nach China graben und mich darin verkriechen.

Als ich meine Hände wieder von meinem Gesicht nahm, sah ich einen Lichtblick am Horizont. Samantha Summers, die Fünfte in unserem Bunde und das Mädchen, das Kirschlollis inhalierte wie andere Leute Luft, spazierte gerade auf uns zu. Seit sie vor drei Wochen nach Grover Beach gezogen war, hatte sie sich schnell einen Premiumstatus als beste der besten Freundinnen bei mir erworben. Sie war klein und lustig und ich liebte sie wie eine Schwester. Sie würde mir im Kampf gegen diese verrückten Hühner den Rücken stärken.

Sam setzte sich im Schneidersitz vor uns ins Gras und verzog skeptisch das Gesicht. „Du siehst ja vielleicht genervt aus, Susan. Was hab ich verpasst?“

„Ethan“, verrieten ihr die anderen drei.

„Wer ist Ethan?“

„Ich sag’s dir, wenn du versprichst, dich nicht gleich umzudrehen und nach ihm Ausschau zu halten“, warf ich schnell ein, bevor ihr noch eine der anderen von meinem Ersatz erzählen konnte.

Sam runzelte die Stirn noch ein wenig mehr und sah plötzlich aus, als würde sie gleich vor Neugier platzen. „Gut, versprochen.“ Nachdem ich ihr dann dieselbe Geschichte wie den anderen zuvor erzählt hatte, begann sie zu grinsen. „Oh Mann, es tut mir leid, Susan, aber jetzt muss ich mich einfach umdrehen. Es geht nicht anders. Ich muss diesen Jungen sehen, und zwar jetzt gleich!“ Sie zappelte ungeduldig auf dem Boden herum, doch ich schwöre, bei ihrem ersten Versuch, sich umzudrehen, hätte ich das kleine Biest an seinen fransigen schwarzen Haaren zurückgezogen.

„Nein! Das geht nicht!“, fauchte ich und hielt dabei meinen Blick vom Feld abgewandt. „Er hat vorhin schon mitgekriegt, dass wir ihn beobachten.“

„Susan, du bist verrückt“, lachte Liza und fügte noch hinzu: „Aber es besteht kein Grund mehr, sich umzudrehen, Sam. Du hast Glück – er kommt gerade hierher.“

Wie bitte? Mir stockte der Atem … dann schluckte ich erst mal … und schließlich sah ich im Augenwinkel, wie der Ball auf uns zurollte und neben Sams Bein im Gras liegen blieb. Sie schnappte ihn sich und wartete bis Charlie Brown es zu ihr geschafft hatte, dann überreichte sie ihm grinsend den Ball.

„Hi, Ethan!“, sangen alle Mädchen gleichzeitig. Alle bis auf eine. Nämlich mich.

Total entsetzt starrte ich in Ethans spitzbübisch funkelnde Augen. Als er dann auch noch begann zu schmunzeln, wollte ich ihm ins Gesicht schreien: Dann hab ich ihnen halt deinen Namen gesagt, na und? Nur wollten meine Lippen die Worte einfach nicht formen und Stimme hatte ich im Moment sowieso gerade keine.

Ethan begrüßte die anderen mit: „Hey, Mädels.“ Dann landete sein Blick in meinem Schoß, wo dummerweise noch immer sein iPod lag. „Du stehst auf meine Musik?“ Er lachte leise und gab mir keine Chance, ihm eine bissige Antwort reinzudrücken, denn er war bereits wieder auf dem Weg zurück aufs Spielfeld.

„Na vielen Dank auch euch allen!“, zischte ich durch meine Zähne hindurch. Und die wollten meine Freundinnen sein? Aber am Ende musste ich selbst darüber lachen, denn abgesehen von der Blamage, die ich gerade durchleben musste, hatte die Situation auch etwas Komisches. Würde es hier nicht um mich gehen, hätte ich wohl genauso schamlos mit den Hühnern mit gegackert.

Die Beine im Gras ausgestreckt, lehnte sich Sam zurück und stützte sich auf ihre Ellbogen. Zwar war sie mit ihren unter-eins-sechzig die Kleinste von uns allen, doch aufgrund der Armyhose, die sie fast immer anhatte, und dazu noch der schwarzen Doc Martens sah sie mit Sicherheit auch am gefährlichsten aus. Natürlich trog der Schein hier gewaltig. Samantha war die treuherzigste Person, die ich kannte. Im Moment stieß sie einen langen Seufzer aus. „Nimm’s nicht so schwer, Susan. Er spielt für eine Weile auf deiner Position im Team und er ist süß. Das ist doch kein Drama.“

Damit hatte sie bestimmt recht. Denn mit Dramen kannte Sam sich aus. Erst vor einer Woche hätte ihre Cousine Chloe es durch hinterlistige Anschuldigungen beinahe zustande gebracht, Sam des Landes zu verbannen. Sams Vater war ein General in der US-Armee und für weitere vier Monate in Kairo stationiert. Um ihr den Wechsel auf eine neue Schule zu erleichtern, hatten ihre Eltern Sam Anfang November nach Grover Beach geschickt, damit sie über den Winter bei Chloe und ihrer Familie wohnen und sich schon mal in der Highschool einleben konnte. Dieser Plan wäre dank Chloe beinahe gescheitert und sie hätte fast wieder nach Ägypten zurückfliegen müssen.

Tja, im Rückblick hatten wir doch einen sehr ereignisreichen Herbst gehabt.

Gerade machte das Team ein Time-out und Sams Freund Tony kam zu ihr gelaufen. Er beugte sich über sie und luchste ihr einen raschen Kuss ab. Das machte er regelmäßig während des Trainings und meistens kam er nicht allein. Hunter konnte normalerweise auch nicht widerstehen, Liza hin und wieder ein Küsschen zu stehlen, doch im Moment blieb er unserer kleinen Mädelsrunde fern.

Liza zog einen Schmollmund, als ihr Freund keine Anstalten machte, Tony zu folgen, und fragte: „Wieso kommt Ryan nicht?“

„Er hat die Hosen voll“, scherzte Tony. „Nach der Sache mit Ethan hat er Angst, dass Miller ihm den Kopf abbeißt.“

„Ha, ha“, gab ich zynisch zurück. Doch er hatte vermutlich gar nicht so unrecht. Ich grinste mit zusammengepressten Lippen rüber zu Ryan. Der rieb sich verlegen den Nacken und lachte. Er wusste wohl ganz genau, dass Tony ihn gerade verraten hatte.

Da nur noch ein paar Minuten zu spielen waren, sauste Tony wieder zurück auf den Platz und schoss wenige Sekunden später das 3:2 gegen Ryans Team. Den beiden dabei zuzusehen, wie sie sich einen unerbittlichen Kampf lieferten, war immer eine helle Freude. Schwer zu sagen, wer der bessere Spieler von ihnen war.

Da dies Ryans Abschlussjahr an der Grover Beach High war, fragte ich mich, ob er am Ende wohl Tony als neuen Mannschaftskapitän nominieren würde. Doch dafür war noch Zeit genug, und im Moment wollte sowieso keiner daran denken, dass die Hälfte des Teams nächstes Jahr aufs College gehen würde.

Um Viertel vor vier war das Training schließlich vorüber. Sofort stieben meine Freundinnen auseinander wie ein paar aufgescheuchte Hühner und eilten zu ihren Jungs. Da ich mit meinen siebzehn Jahren immer noch so single war, wie man es nur sein konnte, hatte ich niemanden, zu dem ich rennen konnte. Also blieb ich sitzen und packte mein Buch zurück in den Rucksack.

In diesem Moment bemerkte ich Ethan, der auf mich zukam, und mein Mund wurde schlagartig trocken. Warum? Weil er gerade die Vorderseite seines Shirts hochgezogen hatte und sich damit den Schweiß vom Gesicht wischte. Dabei durfte ich einen exklusiven Blick auf sein Sixpack werfen. Der echte Charlie Brown sah unter seinem gelben Shirt sicher nicht einmal annähernd so heiß aus wie Ethan.

Damit ich kein drittes Mal beim Gaffen und Sabbern erwischt werden würde, drehte ich mich schnell weg und stand auf. Mit dem Rucksack auf den Schultern wollte ich gerade losmarschieren, da rief mir Ethan zu: „Hey, Susan, warte doch mal einen Moment!“

Überrascht blieb ich stehen. Er trottete zu mir herüber und blieb so knapp vor mir stehen, dass ich eine Duftwelle seines Schweißes abbekam. Zum Glück hatte er genug Deo aufgetragen, also war der Geruch gar nicht mal so übel. Vielleicht war es auch nur sein Duschgel, das mir in die Nase stieg, wer weiß. Auf jeden Fall roch er sehr männlich und … gut.

Vom Training noch leicht außer Atem setzte er sich auf die Ersatzbank und blickte zu mir hoch. Er hatte seine Baseballkappe neben sich auf die Bank gelegt und streifte sich mit beiden Händen durch die verschwitzt-chaotischen Haare. Seine Wangen waren rot wie die eines kleinen Jungen nach dem Spielen. Um ehrlich zu sein, sah er in diesem Augenblick einfach nur zum Knuddeln süß aus.

„Was gibt’s?“, fragte ich und versuchte dabei nicht daran zu denken, wie er mich vorhin beim Anschmachten ertappt hatte. Hoffentlich war das nicht der Grund, warum er mit mir reden wollte. Seinen iPod hatte ich ja auch wieder unversehrt an seinen Platz zurückgelegt.

Als Ethan nach meiner Hand griff und mich mit Rücksicht auf mein Knie vorsichtig neben sich auf die Bank zog, leistete ich ausnahmsweise mal keinen Widerstand. „Wir müssen uns über meine Aufnahme ins Team unterhalten.“

„Du hast meinen Platz gestohlen“, antwortete ich ein wenig beleidigt. „Was gibt’s da noch zu reden?“

Er verzog schuldbewusst das Gesicht und ließ erst jetzt meine Hand los. „Hunter hat gesagt, ich kann nur mit deiner Erlaubnis ins Team.“

„Oh.“ Mein Blick schweifte aufs Fußballfeld, wo Ryan mit Liza stand und offenbar unsere Unterhaltung aus der Ferne beobachtete. Als ich auffordernd meine Augenbrauen hob, machte er Anstalten, in unsere Richtung zu joggen, doch Liza hielt ihn am Arm zurück. Ich konnte nicht hören, was sie ihm gerade gesagt hatte, doch Hunter begann zu lächeln und verließ den Platz mit ihr in entgegengesetzter Richtung. Liza warf mir einen raschen Blick über ihre Schulter zu und gab mir auch noch ein sehr auffälliges Daumen-hoch-Zeichen. Mann, war das peinlich. Hielt sie sich jetzt etwa für Grover Beachs neue Kupplerin?

Es grenzte an ein Wunder, dass Ethan nicht mitbekommen hatte, was sich gerade in zwanzig Metern Entfernung abgespielt hatte. Seine Aufmerksamkeit war immer noch auf mich gerichtet. „Also, was denkst du?“, fragte er mich mit sanfter, aber hoffnungsvoller Stimme. „Bin ich gut genug für die Bay Sharks?“

Mit gesenktem Blick räusperte ich mich, um etwas gegen meinen trockenen Hals zu unternehmen. „Woher soll ich das wissen?“, murmelte ich. „Ist ja nicht so, als hätte ich dich beim Spielen beobachtet.“

Ethan starrte mich ein paar Sekunden lang an, bis ich mich schließlich wieder zu ihm drehte. Gerade schob sich sein linker Mundwinkel langsam zu einem verschmitzten Lächeln nach oben. „Lügnerin.“

Erwischt. Oh Mann, wurde mir vor Scham gerade heiß! Und wieder wünschte ich mir eine Zeitmaschine herbei, um die Ereignisse des heutigen Nachmittags noch einmal zu verändern. Da das aber leider nicht möglich war, konnte ich nur noch eins tun – nämlich aus voller Kehle lachen. Ich wusste nicht wieso, es platzte einfach so aus mir heraus. Und noch dazu klang ich dabei halb hysterisch, beinahe so wie eine Hyäne. Oh ja, das war sexy Susan Miller in voller Pracht.

Aber ob sexy oder nicht, die Anspannung der letzten Stunde fiel endlich von mir ab. Ich konnte Charlie Brown geradewegs in die Augen sehen und wurde dabei nicht einmal mehr rot. „Na schön, du hast recht. Ich hab dich wohl ein bisschen beobachtet. Schließlich musste ich doch sehen, was Hunter angeschleppt hat. Und“ – wo wir schon dabei waren – „die Sache vorhin mit den Mädels war echt dämlich, ich weiß, aber ich werde mich dafür nicht entschuldigen.“

Ethan hatte mich fasziniert beobachtet, als ich meinen Lachanfall hatte. Nun lachte er selbst leise. „Musst du auch nicht. Ich fand’s süß, dass du ihnen sofort meinen Namen erzählen wolltest.“

Daraufhin verdrehte ich nur meine Augen. „Ja. Genau. Als ob das das Einzige war, woran ich denken konnte, nachdem du dich vorgestellt hast.“ Ja. Genau. Als ob es nicht genau so gewesen wäre. Ich zuckte mit den Schultern und hatte plötzlich das Gefühl, als ob zwischen uns eine seltsame Vertrautheit aufkommen würde. Aus diesem Grund war ich wohl auch so offen zu ihm, als ich sagte: „Was deine Frage angeht, ich denke, du bist ein ganz guter Spieler. Deine langen Pässe sind ausgezeichnet und du hast bereits im ersten Training zwei Bälle in Fredericksons Tor versenkt. Schätze, die Mannschaft könnte jemanden wie dich gut gebrauchen. Und ja … ich steh auf deine Musik.“ Nun streckte ich ihm die Zunge raus.

Heiliger Bimbam, ich sollte wirklich aufhören, mich um Kopf und Kragen zu reden, was, um ehrlich zu sein, doch etwas öfter vorkam, als mir lieb war. Besonders wenn ich anfing, mich in der Nähe von jemandem wohlzufühlen. Und so wie es aussah, war Ethan genau so jemand, denn ich konnte gerade mal wieder meine Klappe nicht halten. „Du hast eine Menge guter Songs auf deiner Playlist. Und dass ich reinhören musste, war sowieso nur deine Schuld. Du hättest die Musik ja auch einfach ausschalten können.“

Leicht überrascht – entweder wegen meines verbalen Ergusses oder meines Musikgeschmacks – sah er mich von der Seite aus an. „Dir gefällt Aerosmith?“

„Na ja, die jetzt nicht gerade so sehr, aber dafür könnte man behaupten, ich inhaliere Kings of Leon. Leider ist viel zu wenig von Volbeat auf deinem iPod. Das ist meine zweitliebste Band auf der Welt.“

Ethan rutschte zurück und platzierte einen Fuß auf der anderen Seite der Bank, sodass er mir mit gegrätschten Beinen gegenübersaß. In seine Augen trat ein aufgeregtes Funkeln, das ich nur zu gut von mir selbst kannte, wenn ich über Bücher oder Musik redete. „Ja, die sind echt genial!“, stimmte er mir zu. „Ich hab die Band erst vor ein paar Tagen entdeckt, aber ich werde mir, so schnell es geht, alle CDs von ihnen besorgen, die auf dem Markt sind. Halt mich meinetwegen für bescheuert, aber wenn ich wirklich auf Musik stehe, dann will ich mir die Songs nicht einfach nur als MP3 downloaden. Ich bin ein –“

„Sammler? Das bin ich auch! Total!“

„Ja, so was in der Art. Leider hat der Musikladen in der Stadt keine große Auswahl. Ich werde mir das Meiste wohl bestellen müssen.“

„Ich hab all ihre CDs und DVDs. Ihr bestes Album ist definitiv Live from beyond Hell. Wenn du willst, kann ich es dir leihen.“ Als Ethan nickte, machte ich mir eine gedankliche Notiz, die CD heute Abend noch rauszusuchen und sie morgen mit in die Schule zu nehmen. „Willst du was Cooles hören? Auf ihrem letzten Konzert in Monterey hab ich die Jungs Backstage getroffen und sie haben mir meine Kapuzenjacke signiert.“

„Ist nicht wahr! Wie cool ist das denn?“

„Seeeehr cool.“ Ich holte meinen Rucksack, den ich bis dahin immer noch auf dem Rücken getragen hatte, nach vorn und fischte mein Handy heraus. Fieberhaft durchsuchte ich die vielen Hundert Fotos darauf. Als ich endlich gefunden hatte, wonach ich suchte, hielt ich Ethan das Handy unter die Nase und grinste wie ein gekrümmtes Wiener Würstchen.

Auf dem Bild war ich zusammen mit dem Sänger von Volbeat zu sehen. Er hatte seinen Arm locker um meine Schultern gelegt und wir beide zwinkerten uns gegenseitig zu, anstatt in die Kamera zu lächeln.

„Mann, Wahnsinn! Das ist ja oberhammergeil!“

„Ja, total. Und er hat so furchtbar gestunken, völlig verschwitzt nach dem Megakonzert …“ Ich musste wieder lachen. „Und trotzdem hab ich es an diesem Abend einfach nicht über mich gebracht, hinterher duschen zu gehen.“

Ethan sah mich mit ernsten Augen an. „Das kann ich absolut verstehen. Ich hätte Michael Poulsens DNS bestimmt auch nicht abgewaschen, wenn sie an mir geklebt hätte.“

Konnte es sein, dass Charlie Brown und ich tatsächlich die gleiche Sprache sprachen? Ich kannte ihn jetzt wie lange? Fünf Minuten? Dennoch hatte ich das Gefühl, dass vor mir mein Seelenverwandter saß. Endlos schwärmten wir von unseren Lieblingsbands, die ein natürliches Talent auf die Bühne brachten, und lästerten im Gegenzug über andere Musiker, die sich für die nötige Aufmerksamkeit offenbar vor der Kamera nackt ausziehen mussten.

Bei dem Gedanken daran, wie sehr Ethan und ich im Einklang waren, fehlten mir die Worte. Okay, nein, das stimmte so nicht ganz. Es gab auf der Welt nur sehr wenige Dinge, bei denen es mir wirklich die Sprache verschlug, doch das hier war gerade mehr als überwältigend. Keiner meiner Freunde teilte meine Leidenschaft für Musik so sehr wie Ethan. Er war definitiv ein Junge, den man sich krallen und nie wieder loslassen sollte.

Als irgendwann mein Handy anfing zu läuten, waren wir gerade so in unser Gespräch vertieft, dass ich erst beim fünften oder sechsten Klingeln ranging und abwesend sagte: „Ja?“

„Susan? Wo bist du?“

Oha. Die aufgebrachte Stimme meiner Mutter lenkte meine Aufmerksamkeit dann doch ganz schnell von Ethans kornblumenblauen Augen ab. „Am Fußballplatz“, gab ich zaghaft zurück. „Wieso?“

„Es ist schon nach sieben. Deine Großtante Muriel ist hier. Wir warten schon seit über einer halben Stunde mit dem Abendessen auf dich.“

Ich nahm das Handy kurz vom Ohr, um auf das Display zu schauen. Tatsächlich, fünf nach sieben. Verfluchter Mist. Durch die Unterhaltung mit Ethan hatte ich doch total den Geburtstag meines Großvaters vergessen. Seine leicht senile und definitiv schwerhörige Schwester Muriel war extra aus Pasadena gekommen, um mit uns zu feiern. Eigentlich hätte ich heute Nachmittag meiner Mutter in der Küche helfen sollen. Wohin war nur die Zeit verflogen? Wir konnten doch nicht allen Ernstes drei Stunden verquatscht haben. Ich hatte das Gefühl, als würde mir gerade sämtliche Farbe aus dem Gesicht weichen. „Tut mir leid, Mom. Ich hab wohl die Zeit vergessen“, sagte ich und versprach ihr, in ein paar Minuten zu Hause zu sein.

Nachdem ich aufgelegt hatte, fragte Ethan enttäuscht: „Musst du schon gehen?“

„Ja, leider. Familienfeier.“ Mit einem langen Gesicht und einem Seufzen stand ich auf und schwang meinen Rucksack über die Schulter. „Ich kann nicht glauben, dass ich das echt vergessen habe.“

Ethan kam ebenfalls hoch. „Ja, ist schon verrückt. Ich hätte schwören können, dass wir nicht länger als zwanzig Minuten hier gesessen haben.“ Gemeinsam spazierten wir zum Ausgang des Sportplatzes. Als wir auf dem Parkplatz ankamen, blieb er bei einem blauen Ford Mustang stehen. Sein Blick schweifte für einen Moment zwischen mir und dem Auto hin und her. „Soll ich dich mitnehmen?“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich wohne nicht weit weg von hier. Es sind nur ein paar Minuten zu Fuß.“

Ethan sagte zwar nur: „Okay“, doch es hörte sich eher an wie: Ach wie schade. Und genau dasselbe dachte ich mir auch gerade. Ich wollte noch nicht heimgehen. Ich hatte mich schon lange nicht mehr so gut unterhalten wie heute. Um ehrlich zu sein, waren mein Mund und Hals vom vielen Reden derart ausgetrocknet, dass ich die ganze Strecke vom Fußballfeld bis zum Parkplatz permanent schlucken musste, um nicht zu krächzen wie ein Rabe.

Für einen Augenblick sahen wir uns an, als wollte sich keiner von uns beiden als Erster verabschieden. Als ich mich dann doch entschlossen hatte, ihm Auf Wiedersehen zu sagen, kam er mir zuvor. „Ähm, das war echt nett vorhin … mit dir. Vielleicht sollten wir das wieder mal machen. Was meinst du? Morgen nach der Schule? Wir könnten doch irgendwohin gehen und was trinken.“

Ich strich mir mit den Fingern durch mein Haar und spielte dann mit einer Strähne, die mir über die Schulter nach vorn hing. „Wie? Etwa wie ein –“

„Date?“ Er zuckte mit den Schultern. „Ja, schätze schon. Um drei in Charlie’s Café?“

Ein verdächtiges Kribbeln breitete sich in meiner Magengegend aus. So eines, wie ich es sonst nur kannte, wenn ich mir Filme ansah, in denen Zac Efron mitspielte. „Okay.“

„Okay“, wiederholte er und schenkte mir noch ein Megawattlächeln, bevor er seine Wagentür aufmachte.

Anstatt nun doch endlich Auf Wiedersehen zu sagen, winkte ich einfach kurz und machte mich auf den Weg. Dabei strahlte ich wie ein Glühwürmchen im Dunkeln. Ich hatte kaum mehr als drei Schritte gemacht, da pfiff mich Ethan noch einmal zurück. „Hey, warte!“, rief er und ich drehte mich zu ihm um. „Was soll ich denn jetzt Hunter sagen? Lässt du mich spielen, oder nicht?“

Mit einem Lachen zwirbelte ich noch einmal die Haarsträhne von vorhin um meinen Finger. „Na ja, zu einem Date mit dir hab ich doch auch Ja gesagt, oder?“

Das war meine ganze Antwort. Anschließend eilte ich nach Hause und hoffte, noch ein Stück von der Geburtstagstorte abzubekommen, bevor Tante Muriel alles alleine aufaß.

 

 

 

Kapitel 2

 

 

MONTAGNACHT WAR WIEDER mal eine Kampfnacht in meinem Haus. Es begann gleich nach dem Abendessen, nachdem Großvater die unzähligen Kerzen auf seinem Kuchen ausgeblasen hatte und Dad ihm nach dem Anschneiden ebenfalls ein Stück auf einem Teller reichte.

„Richard, du weißt doch, dass mein Vater nichts Süßes essen soll!“, grollte meine Mutter und knirschte dabei mit den Zähnen. „In Gottes Namen, denk doch einmal an seinen Zucker!“

„Komm schon, Sally“, antwortete mein Vater daraufhin mit eher gelassener Stimme. „Es ist sein Geburtstag. Gönn ihm doch mal eine Pause.“

Nach diesem Diskussionseinstieg war mir klar, dass ich heute Nacht wieder einmal mit meinem Kopf unter dem Kissen schlafen würde. Großvater warf mir einen mitleidigen Blick über den Tisch zu. Er wusste genauso gut wie ich, was jetzt kommen würde. Ich schob meinen Stuhl zurück und huschte aus dem Esszimmer rüber in die Küche, wo ich mir die Milch aus dem Kühlschrank griff. Keine Ahnung, warum ich das tat, denn ich mochte kalte Milch nicht einmal. Doch immer, wenn Mom und Dad in einen Streit gerieten, verspürte ich plötzlich das dringende Bedürfnis, aus dem Zimmer zu flüchten.

Ich nahm ein paar große Schlucke direkt aus dem Milchkarton und ging dann rüber zur Spüle, um den kuhigen Geschmack auf meiner Zunge mit einem Glas Wasser runterzuspülen.

„… zusätzlich Insulin spritzen, um seine Zuckerwerte wieder zu normalisieren! Hast du daran schon mal gedacht? Warum kannst du nicht nur ein einziges Mal mit …“

Das Gezeter meiner Mutter, das aus dem Nebenzimmer drang, wurde durch die ruhige, tiefe Stimme meines Großvaters ausgeblendet. „Hast du für mich auch ein Glas?“

Mit einem Lächeln, das viel weniger erzwungen war, als ich zuerst geglaubt hatte, drehte ich mich zu ihm um. Er saß bereits an unserem kleinen, quadratischen Metalltisch in der Mitte der Küche und hatte die Hände wie ein braver Sonntagsschüler auf dem Tisch verschränkt. Vor ihm stand ein riesiges Stück Torte. Ich füllte ihm ein Glas mit Wasser und dann noch eines für Großtante Muriel, die sich gerade mit einem ziemlich verdutzten Gesichtsausdruck zu uns gesellte.

„Sind die etwa immer so?“, fragte sie und deutete mit dem Finger über ihre Schulter Richtung Esszimmer.

Ich stieß einen langen Seufzer aus. „Leider viel zu oft.“

Muriel setzte sich auf einen Klappstuhl neben Großvater. Ihr Haar war zwar noch lange nicht so weiß wie seins, doch was den Rest anging, so konnten die beiden nicht verleugnen, dass sie Geschwister waren. Sie hatten die gleiche große Nase, die gleichen schmalen Lippen und eine gesunde rosige Farbe auf den Wangen. Und so wie es aussah, hatte ich meine grünen Augen wohl von der Familie meiner Mutter geerbt.

Mit drei Gabeln bewaffnet, setzte ich mich zu ihnen an den Tisch und wir aßen schweigend das Stück Kuchen zur Hintergrundbeschallung des bereits zweiten Streits meiner Eltern in dieser Woche – und dabei hatte die heute erst begonnen.

 

*

 

Mom und Dad hatten zumindest so viel Anstand, ihr Gezanke für einen Moment zu unterbrechen, als Großvater und Muriel sich fürs Essen bedankten und sich dann verabschiedeten. Mein Großvater wohnte gleich nebenan. Wenn nachts die Streitereien meiner Eltern eskalierten und so laut wurden, dass man dabei kein Auge zu machen konnte, kam es öfter mal vor, dass ich mit Kissen und Wecker ausgestattet zu ihm rüber schlich und an seine Tür klopfte. Großvater ließ mich immer auf seiner Couch schlafen.

Heute jedoch war Großtante Muriel sein Gast, und da wollte ich nicht unangemeldet auftauchen. Also biss ich die Zähne zusammen und ertrug einen Streit, der seinen Höhepunkt zwanzig Minuten nach Mitternacht erreichte, als unten irgendwo eine Tür zuknallte und meine Mutter daraufhin schrie: „Hast du sie noch alle? Du weckst noch Susan auf!“

Danke, Mom. Hatte ja auch nur vier Stunden gedauert, bis sich einer von ihnen daran erinnerte, dass sie auch noch eine Tochter hatten. Ich drückte mir das Kissen fester über die Ohren und versuchte mit Schafezählen meinem alltäglichen – und beinahe auch schon allnächtlichen – Wahnsinn zu entfliehen. Leider funktionierte es nicht, und bald schon verwandelten sich die Schafe vor meinem inneren Auge in Fußbälle, die Ethan über einen Zaun kickte. Für ein paar Minuten sah ich ihm mit geschlossenen Augen dabei zu und konzentrierte mich auf das flauschig kribbelige Gefühl, das sich gerade in meinem Bauch breitmachte. Die Vorfreude auf morgen tat seltsame Dinge mit mir. Zum einen flatterte mein Herz wie eine Motte in meiner Brust, und außerdem wurde mir von den Zehenspitzen bis zum Scheitel gerade superwarm.

Mein erstes richtiges Date! Oh Junge, oh Junge! Als Erstes würde ich morgen früh auf jeden Fall Nagellack auftragen. Simone machte das andauernd, und sie war eines der hübschesten Mädchen, die ich kannte. Ich wollte für Ethan auch hübsch aussehen. Der Gedanke daran, wie er mich heute angelächelt und mich eine Lügnerin genannt hatte, öffnete die Schleusen für einen Adrenalinschwall, der mich heute sicher nicht mehr einschlafen lassen würde. Dabei vergaß ich sogar das Gezeter meiner Eltern und kroch unter meinem Kissen hervor. Die Hände hinter dem Kopf verschränkt, lag ich auf meinem Rücken und grinste im Dunkeln an die Decke. Drei Uhr nachmittags konnte gar nicht schnell genug kommen.

Wenig später musste ich aber dann doch eingeschlafen sein, denn als der Wecker neben meinem Ohr lostönte, riss es mich hoch wie Dracula aus seinem Sarg, wenn er frisches Blut wittert. Hellwach in Sekundenschnelle rauschte ich ins Bad, nahm eine Dusche, trug ein bisschen tropisch duftende Bodylotion auf und kämmte mein etwas länger als schulterlanges Haar, das ich dann mit einem rosa Gummiband zu einem hohen Pferdeschwanz band. Anschließend kramte ich in der Kommode unter dem Waschbecken nach dem noch originalverpackten Set mit zehn bunt leuchtenden Nagellackfläschchen. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich dieses Set bei einem Gewinnspiel ergattert, das eine meiner Lieblingsautorinnen veranstaltet hatte. In der Box befand sich so ziemlich jede Farbe des Regenbogens, von Gelb bis Dunkelviolett. Ich entschied mich für den zartrosa Nagellack – der passte perfekt zu dem rosa T-Shirt, das ich für heute ausgesucht hatte. Ich wollte schließlich gut aussehen.

Nur war das Endergebnis leider alles andere als schön und meine Nägel sahen kein bisschen so hübsch aus wie Simones. Vielleicht kam das daher, dass ihre Fingernägel megalang waren und immer perfekt manikürt, während meine wohl kaum noch kürzer sein konnten, da ich im Französischunterricht immer darauf herumkaute, wenn ich mal wieder nur Bahnhof verstand.

Keinesfalls würde ich das Haus so verlassen. Ich sah ja aus, als hätte ich meine Fingerspitzen in Wasserfarbe getaucht. Das Problem war nur: In der Geschenkbox war leider kein Nagellackentferner gewesen. Ich war total aufgeschmissen! Panisch betrachtete ich meine gespreizten Finger. Ich stöhnte laut. Was für ein Unglück! So würde ich nicht zur Schule gehen, und wenn ich dafür in die Garage laufen und etwas von Dads Terpentin abstauben musste.

Doch halt mal – Mom! Sie war meine Rettung. Da sie sich regelmäßig ihre Nägel lackierte, hatte sie bestimmt auch etwas, um das Zeug wieder loszuwerden. Schnell griff ich mir meinen Rucksack und auch die CD, die ich gestern noch für Ethan rausgesucht hatte, und eilte nach unten. Meine Lebensretterin saß am Küchentisch über einer Tasse mit dampfendem Kaffee. Bei ihrem Anblick blieb ich in der Tür stehen. Sie war in ihren flauschigen grünen Morgenmantel eingehüllt und ihr wunderschönes dunkelrotes Haar, um das ich sie immer beneidete, hatte sie zu einem wenig attraktiven Knoten am Hinterkopf zusammengebunden. Als sie mich bemerkte und zu mir hochblickte, entdeckte ich dunkle Ringe unter ihren grünen Augen. Offenbar war die Kampfnacht mit dem Türenknallen noch lange nicht vorbeigewesen.

Mom lächelte. Es war ein Lächeln, das um Verzeihung bat, und eines, das so hübsch und warmherzig war, dass man ihr auch niemals lange böse sein konnte – weder ich noch mein Dad, der sich gerade an mir vorbei in die Küche schummelte. Dabei drückte er mir einen Kuss auf die Stirn. Den gleichen Kuss bekam auch meine Mutter, bevor er zur Eingangstür huschte und meinte: „Ich bin spät dran. Bis heute Abend.“

„Mach’s gut, Dad!“, rief ich ihm hinterher und setzte mich dann zu meiner Mutter an den Tisch. „Du siehst müde aus.“

„Mir geht’s gut.“ Sie griff über den Tisch nach meiner Hand und drückte sie sanft. „Es tut mir leid, was gestern passiert ist. Wir wollten dir und Großvater den Abend nicht verderben.“

„Schon okay.“ Das war eine Lüge, doch sie sah ohnehin schon gequält genug aus, da wollte ich nicht noch eins draufsetzen. „Wir haben unsere kleine Feier in die Küche verlegt, während du und Dad euren Ringkampf im Esszimmer ausgetragen habt. Und rate mal!“ Ich zog sie mit einem Lächeln auf. „Großvater hat das Stück Kuchen überlebt.“

Mom lachte und die Anspannung löste sich aus ihrem Gesicht. Doch ihre Schuldgefühle konnte man weiterhin in ihrem Blick ablesen. „War wohl ein dummer Grund für einen Streit, oder?“

„So ist das doch immer, Mom.“

Sie seufzte tief. „Ja, ich weiß. Dein Dad und ich werden uns in Zukunft mehr Mühe geben, versprochen.“

Ich nickte und zeigte ihr die Ermutigung, die sie brauchte. Doch in Wahrheit hatte sie mir dieses Versprechen schon viel zu oft gegeben, sodass ich irgendwann aufgehört hatte, daran zu glauben.

Als sie meine Hand über den Tisch zog und mir einen sanften Kuss auf meine Fingerknöchel gab, bemerkte sie schließlich, was heute Morgen im Badezimmer schiefgegangen war, und runzelte die Stirn.

„Ja, weißt du“, stöhnte ich, „das war ein Unfall. Kannst du mir helfen, das wieder in Ordnung zu bringen?“

Mom holte ihren kosmetischen Erste-Hilfe-Kasten, der viel mehr eine riesige, gewebte Tasche war, prall gefüllt mit Hunderten von Nagellackfläschchen und Gott sei Dank auch einem Entferner. Sie stellte die Tasche auf den Tisch, setzte sich wieder auf ihren Platz und begann meine Fingernägel mit einem getränkten Wattebausch abzurubbeln.

„Ich hab noch nie gesehen, dass du freiwillig deine Nägel lackiert hast“, sagte sie, während sie meinen Ringfinger bearbeitete. „Was ist denn der Anlass?“

Mit einem breiten Grinsen im Gesicht wartete ich, bis meine Mutter zu mir hochblickte, um dem Moment die nötige Dramatik zu verleihen. „Ich habe ein Date.“

„Ja, ist denn das die Möglichkeit?“ Ihre Augen wurden groß wie zwei Scheinwerfer und strahlten mindestens genauso hell. „Wer ist der Glückliche? Kenne ich ihn? Ist es Nick?“

„Frederickson?“ Ich rümpfte die Nase. „Großer Gott, nein!“ Er war nur ein guter Freund. Obwohl es da mal diesen einen Moment gegeben hatte, als ich gedacht hatte, ich wäre in ihn verknallt. Wir hatten gerade ein Spiel gegen Hamilton High gewonnen und Nick hatte mich voll Euphorie in die Arme genommen und wild im Kreis herumgewirbelt. In meinem Bauch war plötzlich dieses schummrige Schmetterlingsgefühl aufgetaucht, doch es hatte sich schnell herausgestellt, dass ich vor dem Spiel lieber nicht noch mit Sam zu Burger King hätte gehen sollen. Fast Food und dann von einem großen Jungen beinahe in einer fetten Umarmung zerquetscht zu werden, das passte irgendwie nicht so gut zusammen. Als Nick mich wieder abgesetzt hatte, war das flaue Gefühl ganz rasch verflogen und alles war gut gewesen.

„Sein Name ist Ethan“, erzählte ich meiner Mutter. „Wir treffen uns heute nach der Schule. Solange ich wegen meines Knies außer Gefecht gesetzt bin, übernimmt er meinen Platz im Fußballteam. Wir haben gestern nach dem Training den ganzen Nachmittag miteinander gequatscht und dann hat er mich heute zu einem Date eingeladen.“

Mom hörte auf, den Nagel meines kleinen Fingers abzurubbeln. Ihr Strahlen verblasste hinter einem enttäuschten Stirnrunzeln. „Sagtest du, heute nach der Schule?“

„Ja, um drei. Warum?“

„Schätzchen, heute müssen wir doch meinen Wagen aus der Reparaturwerkstatt abholen. Hast du das etwa vergessen?“

Verdammt noch mal, ja, ich hatte es vergessen! Moms Wagen stand schon seit über zwei Wochen in der Werkstatt, und ich sollte sie heute mit Dads Auto raus nach Nipomo fahren, um ihn abzuholen. Ohne Zweifel war Ethan für das neuerdings auftretende schwarze Loch in meinem Gehirn verantwortlich. Solche Dinge vergaß ich normalerweise nie, genauso wenig wie den Geburtstag meines Großvaters.

„Können wir das Auto nicht morgen abholen? Biiiiitte“, quengelte ich. „Das ist mein erstes Date. Ich muss da einfach hingehen.“

„Es tut mir so leid, Susan, aber ich brauche den Wagen heute noch.“

„Was ist mit Großvater? Kann er dich nicht fahren?“

„Er bringt Tante Muriel heute zurück nach Pasadena. Sie hat dort einen wichtigen Termin.“

„Naaaaa-hein!“ Mit einem dumpfen Aufschlag knallte meine Stirn auf den Küchentisch.

„Wir sind spätestens um vier zurück. Frag Ethan doch, ob ihr euch dann treffen könnt.“

„Na schön“, murmelte ich und das Metall des Tisches lief dabei durch meinen warmen Atem an. Was hatte ich auch für eine andere Wahl?

Nachdem meine Mutter das Missgeschick mit meinen Fingernägeln ausgebügelt hatte, stibitzte ich mir einen Donut mit Zuckerglasur aus dem Karton auf der Anrichte und aß ihn auf dem Weg zur Schule. Für mein übliches Frühstück mit Toast, Eiern, Speck und Orangensaft war keine Zeit mehr.

Nach dem letzten Bissen leckte ich meine Finger sauber und spazierte durch die Eingangstür der Grover Beach High. In der ersten Stunde hatte ich Naturwissenschaften. Der Klassenraum befand sich am hinteren Ende des Gebäudes und ich bahnte mir einen Weg durch den mit Schülern überfüllten Korridor zu meinem Spind ganz in der Nähe des Raums. Ich holte mein Biologiebuch heraus, schlug die Metalltür wieder zu und verdrehte die Kombination des Schlosses. In diesem Moment bemerkte ich aus dem Augenwinkel eine bekannte Gestalt.

Ganz plötzlich fing mein Herz an, Breakdance zu tanzen. Es war schon komisch, wie sich das anfühlte – ganz genau so, wie ich es schon tausendmal in Büchern gelesen hatte, und doch ganz anders. Viel, viel, viel intensiver. Für ein paar Sekunden stand ich einfach nur da und kostete dieses neue Gefühl bis zum Letzten aus. Dann holte ich zweimal tief Luft und ging auf Ethan zu.

Eine kleine Gruppe von Schülern stand um ihn herum, drei Jungs und zwei Mädchen, um genau zu sein. Ich kannte keinen von ihnen, doch sie sahen alle aus wie Abschlussklässler, die die Stufe über mir besuchten. Ethan bemerkte mich erst gar nicht. Er unterhielt sich gerade mit einem Mädchen, das aussah wie ein thailändisches Supermodel – endlos lange Beine, die Figur eines Zahnstochers und dazu noch wunderhübsches, schwarz glänzendes Haar, das ihr bis zu den Pobacken reichte.

Was mir an Ethan als Erstes auffiel, waren seine Klamotten. Das weiße Hemd und die ausgewaschenen Bluejeans standen ihm um einiges besser als das Charlie-Brown-Outfit, das er gestern getragen hatte, und mit den leicht aufgestellten Haaren sah er doppelt so gut aus. Was mir als Zweites an ihm auffiel, war, dass er ganz offenbar mit dem Thai-Model flirtete.

Bei dem Anblick, wie er eine Hand an den Spind hinter ihr drückte und sie somit in seinem Blickfeld gefangen hielt, verspürte ich einen kleinen, eifersüchtigen Stich in meiner Brust. Doch vielleicht war alles auch ganz anders, als es aussah. Ich wollte wirklich nicht zu viel hineininterpretieren.

„Hey“, sagte ich, als ich direkt neben ihm stand und es ihm immer noch nicht aufgefallen war. Leichte Nervosität stieg in mir auf. Zur Beruhigung umklammerte ich die CD, die ich ihm mitgebracht hatte, etwas fester, wobei ich aufpassen musste, dass ich nicht jeden Moment das Cover zerdrückte.

Als Ethan endlich seinen Kopf zu mir drehte und sein flirtendes Lächeln ins Schwanken geriet, sah er drein, als wäre er sich nicht ganz sicher, ob ich gerade mit ihm oder mit jemand anderem aus der Gruppe gesprochen hatte. Mir entging außerdem nicht, dass weder ein Hi noch ein Hallo oder sonst was über seine Lippen kam. Mein Hals wurde trocken.

Ich hielt Ethan das Album von Volbeat entgegen und sagte: „Ich hab dir die versprochene CD mitgebracht.“ Der zuversichtliche Klang meiner Stimme änderte sich dabei innerhalb von zwei Herzschlägen zu zaghaft und schüchtern.

Da er nun nicht mehr abstreiten konnte, dass ich ihn meinte, drehte er sich ganz zu mir, steckte eine Hand in die Hosentasche und umklammerte mit der anderen den Träger seines Rucksacks, den er lässig über eine Schulter gehängt hatte. Er sagte immer noch nichts zu mir und die verdammte CD nahm er auch nicht. Stattdessen ließ er seinen musternden Blick einmal meinen ganzen Körper runter und wieder rauf gleiten. Was war denn heute nur mit ihm los? Und zu allem Übel gafften mich auch seine Freunde an, als wäre ich gerade aus einer fliegenden Untertasse gestiegen.

Das nervöse Herzflattern, das ich bei Ethans Schweigen bekam, war höchst unangenehm. Wo war denn nur der unterhaltsame Junge von gestern Nachmittag geblieben? Hatte er mich wirklich schon in so kurzer Zeit wieder vergessen, oder spielte er hier nur den Obermacker vor seinen Freunden? War ich für sie etwa nicht cool genug?

Nun ja, es gab nur einen Weg, das herauszufinden. Mit gestrecktem Rücken räusperte ich mich. „Hör zu, ich schaff es heute um drei leider nicht zu Charlie’s. Können wir unser Date vielleicht auf ein bisschen später verlegen? Wäre fünf Uhr okay?“

Erst machte Ethan entsetzlich große Augen, dann verschränkte er seine Arme arrogant vor der Brust und fing an zu lachen. „Sonnenschein, wie kommst du nur darauf, dass du und ich heute ein Date haben?“

Mir gefror der Atem in der Lunge. Als dann auch noch seine Freunde belustigt schmunzelten, wollte ich einfach nur verdunsten, wie ein Wassertropfen in der Sonne. Ethan war tatsächlich nur ein Arsch, das mich mit Charme dazu gebracht hatte, mein Okay für seine Aufnahme ins Fußballteam zu geben. Nichts weiter. Meine Hand sackte mit der CD nach unten. Ich schluckte und kämpfte gegen den Schock in mir an, der langsam die Oberhand gewann.

Doch ich weigerte mich, ihm in dieser Sache das letzte Wort zu lassen. Er konnte sein verdammtes Spielchen mit jemand anderem treiben, aber bestimmt nicht mit mir. „Wow, offenbar hab ich da gestern was missverstanden. Tut mir leid, mein Fehler“, schnaubte ich und machte auf meinen Hacken kehrt. Als ich davon stakste, zeigte ich ihm zum Abschied über meine rechte Schulter hinweg den Stinkefinger.

Hinter mir hörte ich noch die Stimme eines der Mädchen – wahrscheinlich die des Thai-Models. „Was sollte denn das gerade?“ Das Geräusch eines Klapses drang an mein Ohr, als sie ihm auf die Schulter, die Brust oder sonst wohin schlug. Allerdings lachte sie dabei und klang alles andere als ernsthaft beleidigt. „Gehst du etwa mit diesem Mädchen aus?“

„Autsch, jetzt brichst du mir aber das Herz, Lauren!“, winselte Ethan, ebenfalls amüsiert. „Ich kenne sie überhaupt nicht. Und außerdem bist du die Einzige, mit der ich heute ein Date habe.“

Mehr hörte ich nicht mehr von ihrem Gespräch, da die Schüler zwischen uns ihre Stimmen sehr schnell übertönten.

Mann, wenn ich nur daran dachte, dass ich mir sogar meine Nägel für diesen Idioten lackiert hatte … Aah! So ein Lackaffe!

Aber weh tat es trotzdem.

Ich ging auf geradem Weg zu meiner Naturwissenschaftsklasse, ließ mich auf meinen Stuhl nahe beim Fenster fallen, verschränkte mürrisch die Arme und senkte mein Kinn. Es dauerte gerade mal zehn Sekunden, bis Sam und Nick wie zwei Bienen quer durch den Raum zu mir herüber schwirrten. Sam sank auf den Stuhl neben mir und Nick parkte seinen Hintern auf der Tischkante. „Hey, Susan, was machst du denn für ein Dachsgesicht?“, fragte er. „Stimmt was nicht?“

„Ethan – der neue Spieler im Team?“, zischte ich.

„Was ist mit ihm?“

„Er ist ein kompletter Vollidiot.“

Meine beiden Freunde tauschten vorsichtige Blicke aus, dann meinte Nick: „Bist du sicher? Nach dem, was ich heute Morgen so gehört habe, hattet ihr beiden gestern doch noch eine ganz nette Zeit miteinander. Ich weiß von Hunter, dass ihm Ethan gesagt hat, du wärst mit ihm als Ersatz im Team einverstanden.“

„Stimmt das etwa nicht?“, fragte Sam besorgt. „Hat Ethan gelogen?“

„Nein, hat er nicht. Ich hab schon so etwas in der Richtung zu ihm gesagt. Aber wenn du Hunter das nächste Mal siehst“, sagte ich und sah Nick dabei ernst ins Gesicht, „kannst du ihm ausrichten: Wenn er auch nur ein bisschen Wert auf meine Gefühle legt, dann lässt er Ethan niemals meine Position einnehmen.“

„Ooh …“ Nick zog die Luft durch seine Zähne ein und stand mit erhobenen Händen auf, als wäre ihm diese Diskussion gerade zu heiß geworden. „Ich lass euch Mädels lieber allein, damit ihr das in Ruhe besprechen könnt.“

In dem Augenblick, als Sam und ich unter uns waren, hob sie ihre Augenbrauen auf eine Weise, die mich aufforderte, sämtliche Details auf den Tisch zu legen, und zwar dalli, wenn’s geht. Das hätte ich auch gemacht, wenn die Schulglocke mich nicht unterbrochen hätte. Sam, die in Naturwissenschaft immer bei Nick saß, machte den Stuhl neben mir frei für Trudy Anderson. Doch sobald unsere Lehrerin zur Tür hereingekommen war und den Unterricht begann, bekam ich eine SMS von Sam, in der sie ungeduldig nach der ganzen Story fragte.

Unter dem Tisch tippte ich rasch eine Nachricht mit den wichtigsten Einzelheiten zu meiner jüngsten Begegnung mit Ethan. Sams Reaktion darauf war ein trauriges Smiley-Gesicht. In ihrer darauffolgenden Nachricht schlug sie vor, dass unsere Mädchenrunde heute das gemeinsame Mittagessen mit den Jungs in der Cafeteria ausfallen lassen sollte und wir uns stattdessen zum Lunch im Garten treffen könnten, wo wir ungestört beratschlagen konnten, was ich als Nächstes tun sollte. Das war genau in meinem Interesse. Die Lippen immer noch verbissen aufeinandergepresst, sah ich kurz rüber zu ihr und nickte entschlossen. Dann schickte ich ihr noch schnell eine letzte SMS, in der ich sie bat, nicht mit Nick über die Sache zu reden. Die Jungs mussten ja nicht alles wissen, obwohl sie es wahrscheinlich früh genug von Ethan selbst erfahren würden. Er konnte es bestimmt kaum erwarten, die lustige Geschichte herumzuerzählen, wie er heute Morgen Bücherwurm Susan Miller gedemütigt hatte.

Da ich gemeinsam mit Sam, Simone und Liza die meisten meiner Unterrichtsstunden hatte, verging der Vormittag wie üblich ziemlich schnell. Sie alle waren genauso schockiert wie ich, als sie hörten, was passiert war. Als es endlich Mittag wurde, setzten wir uns auf dem Schulhof raus in die Sonne. Samantha hatte noch schnell ein paar Sandwiches aus der Cafeteria geholt, über die wir uns wie Wölfe hermachten. Und währenddessen konnte ich meinem Ärger endlich in angemessener Lautstärke freien Lauf lassen, anstatt hinter vorgehaltener Hand zu tuscheln.

„Er ist so ein Mistkerl! Ihr hättet ihn hören sollen, oh mein Gott! ‚Wie kommst du nur darauf, dass du und ich heute ein Date haben?’„, äffte ich ihn mit hohler Stimme nach. „Er hat mich sogar Sonnenschein genannt. Dieser … Arsch!“ Ich ließ meine Stirn auf die über meinen Knien verschränkten Arme sinken und stöhnte. „Er wollte nur eins, nämlich dass ich ihm meine Erlaubnis zum Spielen gebe.“

„Kopf hoch, Susan“, sagte Simone und legte mir dabei eine Hand auf die Schulter. „Das kriegen wir schon wieder hin. Wir zahlen es ihm heim und sorgen dafür, dass du dich wieder besser fühlst.“

Ich blickte hoch. „Ach ja? Und wie soll das gehen?“

„Ganz einfach. Erst wird Liza Ryan so lange bearbeiten, bis er Ethan wieder aus dem Team wirft. Und dann gehen wir shoppen.“

„Shoppen?“ Liza lachte. „Ist das deine Lösung für alles?“

„Das ist meine Lösung für Probleme mit Jungs. Susan kommt dadurch auf andere Gedanken und bekommt gleich wieder …“, sie lehnte sich nach vorn und machte ein verschwörerisches Gesicht, „… bessere Laune.“

Und es war wirklich die beste Lösung, die ihr nur einfallen konnte. Neue Bücher zu kaufen war für meine Seele wie eine Repair-Kur für kaputtes Haar. Leider gab es da ein kleines Problem. „Ich kann nicht. Ich muss meine Mutter nach der Schule nach Nipomo fahren, damit wir ihren Wagen aus der Werkstatt abholen können.“

„Na schön, dann treffen wir uns eben hinterher“, meinte Simone. „Es kann doch nicht den ganzen Tag dauern, diese dreißig Meilen oder so zu fahren.“

„Natürlich nicht. Wir sollten spätestens um vier wieder zurück sein. Ich ruf euch dann an.“ Tja, und schon war das gewohnte Lächeln wieder auf meine Lippen zurückgekehrt.

 

 

 

Kapitel 3

 

 

DIE GUTE NACHRICHT war, dass Mom und ich es in Rekordzeit raus nach Nipomo und zurück geschafft hatten und ich um zwanzig vor vier an diesem Nachmittag bereit war, mit Simone und den anderen shoppen zu gehen.

Die schlechte Nachricht war, dass mein Dad anrief, gerade als ich wieder aus dem Haus gehen wollte, und uns mitteilte, dass er heute Abend erst sehr spät nach Hause kommen werde. Das würde Ärger geben. Mom war Krankenschwester im French Hospital Medical Center in San Luis Obispo, und heute Nacht hatte sie Dienst. Also war es Dads Aufgabe, für ihn und mich Abendessen zu kochen und sicherzustellen, dass Großvater alle seine Pillen nahm und auch die Insulinspritze nicht vergaß.

Mit siebzehn war ich wirklich alt genug, um mein Essen allein zu kochen, und Großvater war alles andere als ein dementer Greis, der sich nicht um sich selbst kümmern konnte. Er kam ganz gut allein klar. Doch seit ein Schlaganfall meiner Großmutter vor zwei Jahren das Leben gekostet hatte, war meine Mutter übervorsichtig geworden. Niemand sprach es laut aus, aber ich war mir sicher, dass sie meinen Dad für Großmutters Tod verantwortlich machte.

An jenem Tag hatte er sie auf Knien angefleht, ihn zu einem todlangweiligen und sich ewig hinziehenden Wohltätigkeitsbankett, das sein Boss organisiert hatte, zu begleiten. Mom war der Meinung, wenn sie an diesem Abend zu Hause geblieben wäre, hätte sie ihre Mutter retten können.

Ehrlich gesagt konnte ich mir nicht vorstellen, wie sie den Schlaganfall hätte verhindern wollen. Großmutter hatte gerade an ihrer Nähmaschine gesessen, als es passiert war. Sie war einfach vornüber gekippt und gestorben. Das Ganze hatte laut Aussage ihres Arztes nur wenige Sekunden gedauert. Sie hatte vermutlich keine Schmerzen gehabt und auch keine Chance auf Rettung. Außerdem hätte Mom davon absolut nichts mitbekommen, da wir doch nicht einmal im selben Haus lebten. Dennoch, das war die Zeit gewesen, als die Streitereien zwischen meinen Eltern begonnen hatten. Und sie hatten nie wieder aufgehört.

Aus welchem Grund auch immer, meine Eltern fetzten sich, sobald sie im selben Zimmer waren. Doch zumindest hatte ich diesmal, dank der Spätschicht meiner Mutter, eine ruhige Nacht vor mir. In den vergangenen Monaten hatte ich diese seltenen Momente der Stille in unserem Haus zu schätzen gelernt. Ohne jeglichen Lärm lesen zu können, war das Schönste, das ich mir vorstellen konnte. Und genau das hatte ich vor, sobald ich nach der Shoppingtour mit den Mädchen nach Hause kommen würde.

Um zehn vor vier traf ich mich mit ihnen allen vor Charlie’s Café. Wir waren uns einig, dass wir den Nachmittag ganz ruhig mit einem Haselnuss-Caffè-Latte-deluxe angehen wollten, den Charlie brandneu auf die Karte gesetzt hatte.

Im Gänsemarsch betraten wir das Café, wobei ich das Schlusslicht bildete. Und gerade als die Tür langsam hinter mir zufiel, hörte ich den ersten verräterischen Luftschnapper von Simone. Ein weiterer folgte sogleich von Sam und noch einer von Liza. Sam war zwar klein genug, dass ich locker über ihren Kopf hinwegsehen konnte, doch Simone musste erst einen Schritt zur Seite machen, damit ich erkennen konnte, was die drei so erschreckt hatte. Was … oder wer.

Ethan saß an der Bar.

Mein Herz pochte wie eine Basstrommel, und nicht etwa vor freudiger Aufregung, sondern schlichtweg aus Wut. Er drehte sich zu uns um – entweder hatte er auf jemanden gewartet und uns reinkommen gehört oder es hatten die drei erschrockenen Luftschnapper vor meinem eigenen seine Aufmerksamkeit auf uns gezogen. Was auch immer es gewesen war, als sein Blick mich traf, erschien ein Lächeln auf seinem Gesicht.

Ich knirschte mit den Zähnen und folgte meinen Freundinnen. Komischerweise schien er darauf zu warten, dass ich bei ihm stehen blieb. Als ich in dieser Hinsicht keinerlei Anstalten machte, versickerte sein Lächeln und wurde zu einem betretenen Stirnrunzeln. „Hey, Susan“, sagte er mit unsicherer Stimme, als ich bereits an ihm vorbei war.

Na sieh mal einer an, wer sich da plötzlich an meinen Namen erinnerte.

Simone blieb stehen und blickte prüfend über ihre Schulter zu mir zurück, aber ich schüttelte nur andeutungsweise den Kopf, was sie sofort verstand. Sie und die anderen gingen nach hinten zu dem rechteckigen Tisch, der so niedrig war wie ein Couchtisch, und verteilten sich auf die dunklen Rattansessel rundherum. Unterdessen drehte ich mich um und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was?“, schnauzte ich Ethan an.

Für einen Moment hatte er doch tatsächlich seine Sprache verloren. Dann zog er die Augenbrauen noch tiefer ins Gesicht und stand vom Barhocker auf. „Ähm, ich war der Meinung, wir hätten um drei eine Verabredung gehabt.“

„Wie bitte?!“

Bei meinem harschen Tonfall hob Charlies Aushilfskellner, der gerade die Theke wischte und mit dem sich Ethan vorher unterhalten hatte, als wir reingekommen waren, erschrocken den Kopf. Er war ein ziemlich hübscher Junge, mit dunklem Haar und noch viel dunkleren Augenbrauen. Sein Name war Ted und ich kannte ihn aus dem Englischunterricht.

Ich schenkte Ted jedoch keine Beachtung, sondern konzentrierte mich auf Ethan, als er murmelte: „Seit einer Stunde sitze ich hier schon und hab auf dich gewartet. Dann kommst du endlich mit deinen Freundinnen und sagst noch nicht einmal Hallo?“

„Whoa, Freundchen, du hast ja vielleicht Nerven! Darüber hättest du besser nachdenken sollen, bevor du diesen Scheiß mit mir abgezogen hast.“ Ich machte eine kurze Atempause und setzte ein bittersüßes Lächeln auf. „Schönen Tag noch, Ethan.“ Dann drehte ich mich um und stapfte zu meinen Freundinnen hinüber.

Mann, Rache hatte doch etwas sehr Befriedigendes an sich.

Als ich mich in den letzten freien Sessel am Tisch sinken ließ und mir die Menükarte vom Tisch schnappte, nur um etwas in den Händen zu halten, sah ich gerade noch, wie Ethan zur Tür hinaus verschwand und diese langsam hinter ihm zuglitt.

„Was hat er gesagt?“, flüsterte Sam und schob die Menükarte nach unten, damit sie mir ins Gesicht sehen konnte.

„Dass er auf mich gewartet hat.“

„Tatsächlich? Das ist ja komisch.“

Ich rümpfte die Nase. „Ja schon, oder?“

Ted kam zu uns rüber, um unsere Bestellungen aufzunehmen. Blitzschnell wurde es still an unserem Tisch, bis er wieder verschwunden war. Dann fragte Liza: „Was wirst du jetzt tun?“

„Gar nichts. Wieso auch? Er ist ein Vollpfosten, offenbar mit einer multiplen Persönlichkeit. Auf diesen Mist hab ich echt keinen Bock.“

Gedankenvoll stieß sie einen langen Atemzug durch die Nase aus. „Also ich versteh’s nicht. Ich bin mir sicher, dass ich Ryan schon öfter mit ihm abhängen gesehen hab. Und auch wenn wir uns noch nie offiziell vorgestellt wurden, hatte ich immer den Eindruck, er wäre ein echt netter und lustiger Kerl. Ich frag mich, was sein Problem ist.“

„Scheiß auf sein Problem. Ich lasse nicht zu, dass er uns jetzt auch noch den Nachmittag verdirbt“, warf ich ein. Als Ted in diesem Augenblick zurückkam und vier Haselnuss-Caffè-Latte-deluxe brachte, nahm ich meine Tasse hoch und brachte einen Toast aus. „Auf ein kurzes Kapitel in meinem Leben! Ein sehr kurzes.“ Dann tauchte ich meine Lippe in den warmen Milchschaum, nahm einen Schluck und wunderte mich, warum Ted immer noch an unserem Tisch stand.

Erst als ich zu ihm hochsah, sagte er: „Dein Caffè Latte geht auf Ethan. Er hat dafür bezahlt, bevor er gegangen ist. Und er lässt dir ausrichten, dass ihm der Scheiß leidtut, den er anscheinend abgezogen hat.“

Ich verschluckte mich an dem Milchkaffee und setzte schnell die Tasse ab, ehe ich mir den Rest über die Hose schütten konnte. Sam klopfte mir auf den Rücken, bis ich wieder Luft bekam. Mit dem Handrücken wischte ich mir den Schaum von der Lippe. „Du verarschst mich!“

„Nein.“ Mit einem süffisanten Grinsen, durch das er einige Jahre älter wirkte, kehrte Ted zurück hinter die Bar.

Was zum Teufel sollte ich denn davon halten? War Ethan echt so verrückt und konnte sich nicht mehr daran erinnern, was er heute Morgen zu mir gesagt hatte? „Völlig geistesgestört“, dachte ich laut und schüttelte den Kopf. „Kann sich einer von euch erklären, was das soll?“

Alle drei machten ratlose Gesichter. Sie waren mir eine große Hilfe. Ich ächzte. „Ist das nicht unfassbar? Da lerne ich endlich mal einen Jungen kennen, der es tatsächlich mit all den fiktionalen Charakteren aus meinen Büchern aufnehmen könnte, und dann ist der Kerl ein Spinner.“

In dem bequemen Sessel zurückgelehnt, verschränkte Sam ihre Finger auf dem Bauch und kaute nachdenklich auf ihrer Lippe herum. „Was ist, wenn alles bloß ein Missverständnis war? Vielleicht muss er irgendwelche Pillen schlucken, ihr wisst schon, gegen Gedächtnisschwund oder so, und er hat sie heute einfach vergessen?“

Ein heiseres Lachen drang aus meinem Hals. „Du hast wohl gestern den Sci-Fi-Kanal mit Tony geguckt, wie?“

„Gar nicht wahr! Solche Dinge gibt es wirklich.“

„In welchem Universum denn bitte?“

„Na schön, dann glaubst du mir eben nicht.“ Sie streckte mir ihre Zunge raus und kicherte. „Aber schon allein für den Caffè Latte hat er eine zweite Chance verdient, wenn du mich fragst.“

„Du machst wohl Witze?“ Aus der Schüssel, die in der Tischmitte stand, fischte ich mir ein Zuckerpäckchen und riss es an einer Ecke auf. Während ich den Zucker in meinen Milchkaffee schüttete und umrührte, bis er im dicken Milchschaum versank, stellte ich klar: „Er hat mich heute Morgen total blamiert. Wie kann er dafür eine zweite Chance verdienen?“

Sam zog neunmalklug ihre Augenbrauen hoch. „Tony hat sich wie ein kompletter Arsch benommen, als wir uns zum ersten Mal gesehen haben. Heute sind wir ein glückliches Paar, nur mal so nebenbei erwähnt.“

Na schön, vielleicht hatte sie in diesem Punkt sogar recht. Und die Seite, die ich gestern an Ethan kennengelernt hatte, war spaßig und interessant genug, dass ich – bis vor Kurzem – auch liebend gern mehr Zeit mit ihm verbracht hätte. Wenn er und ich nicht auf derselben Welle surften, dann wusste ich echt nicht, wer sonst. Vielleicht gab es ja wirklich eine vernünftige Erklärung für sein Verhalten heute in der Schule. Doch mit Anti-Amnesiepillen hatte das ganz bestimmt nichts zu tun. Eher hätte ich noch geglaubt, dass Ethan letzte Nacht von Aliens entführt worden war. Die Wahrheit herauszufinden hatte unbestritten seinen Reiz. Aber war es die Mühe auch wert?

Ich hegte meine Zweifel, trotzdem wollte ich die Meinung der anderen dazu hören. In der elften Klasse traf man solche schwerwiegenden Entscheidungen prinzipiell nicht allein. „Also gut, stimmen wir ab. Was soll ich eurer Meinung nach tun?“

Simone sagte: „Vergiss ihn.“

Liza sagte: „Vergiss ihn.“

Sam sagte: „Sprich mit ihm.“

„Das sind zwei gegen eine.“ Ich zuckte zufrieden mit den Schultern. „Tut mir leid, Sam. Du wurdest überstimmt.“ Und damit war das Thema vom Tisch. Ich würde nie wieder auch nur ein Wort mit Ethan wechseln. Nachdem nun diese Entscheidung gefällt war, konnte ich endlich auch meinen Haselnuss-Caffè-Latte-deluxe genießen, und ich musste noch nicht einmal dafür bezahlen.

Der Einkaufsbummel hinterher war mega. Ich kaufte mir mindestens ein Dutzend neuer Bücher, ein Paar hautenge Jeans, einen Bilderrahmen – zwar hatte ich keine Ahnung, welches Foto ich da hineinstecken sollte, aber ich konnte wegen der hübschen Muscheln darauf einfach nicht widerstehen – und dann noch ein paar Accessoires für meine Haare. Zufrieden und erschöpft sackte ich gegen die Tür in meinem Zimmer, als ich heimkam, und erfreute mich an der angenehmen Stille im Haus.

Meine Ausbeute an neuen Büchern fand einen Platz auf dem riesigen Bücherregal, das Dad vor ein paar Jahren für mich gebaut hatte und das die komplette Wand gegenüber vom Fenster einnahm. Die Tüte mit dem restlichen Zeug stellte ich erst mal auf meinem Schreibtisch ab. Ich hatte keine Zeit, die Sachen wegzuräumen. Ruhige Nächte im Miller-Haus waren für mich ebenso wertvoll wie Heiligabend, und ich hatte nicht vor, auch nur eine Minute davon zu verschwenden.

Mit dem fünften Band der Outlander-Reihe bewaffnet, machte ich es mir auf meinem Bett gemütlich und steckte meine Zehen unter die Häkeldecke, die Großmutter für mich zu meinem achten Geburtstag gemacht hatte. Bambi war auf der Decke abgebildet. Sie war mein allergrößter Schatz.

Bevor ich anfing zu lesen, lehnte ich mich so weit aus dem Bett, wie es ging, ohne dabei herauszufallen. Mein Arm war gerade lang genug, dass ich die oberste Schublade meines Schreibtisches erreichen konnte, wo ich eine Packung Likörpralinen aufhob. Ich stellte die Schachtel neben mich aufs Bett und schob mir eine gefüllte Schokopraline nach der anderen in den Mund. Sie hielten meinen Hunger im Zaum, denn ich hatte nicht vor, wertvolle Lesezeit für ein einsames Dinner mit mir allein zu opfern.

Gegen neun kam Dad nach Hause und klopfte an meine Tür. Glücklicherweise blieb er auf der Schwelle stehen und sagte nur hi, denn wenn er hereingekommen wäre, um mir einen Gutenachtkuss zu geben, hätte mich mein Liköratem wohl in Schwierigkeiten gebracht.

Ich winkte ihm vom Bett aus zu und beendete mein Buch, nachdem er wieder gegangen war. Als ich schließlich das Licht ausknipste und in mein Kissen sank, hoffte ich, diese Nacht von den schottischen Highlands zu träumen.

Wovon ich allerdings wirklich träumte, war Ethan. Ich schwamm in einem riesigen Bottich Kaffee, während er am Rand saß und mir zurief: „Du kannst im Moment ja nicht mal Fußball spielen! Wie kommst du nur darauf, dass du und ich heute ein Date haben?“

Da mich mein Strampeln vermutlich nie bis an den Rand der Wanne gebracht hätte, gab ich irgendwann auf und trank einfach die fünftausend Liter Caffè Latte aus. Dann ging ich auf Ethan zu und spuckte ihm die Brühe ins Gesicht. „Das ist dafür, dass du mir meinen Platz im Team gestohlen hast!“, schrie ich.

Gott sei Dank wachte ich in diesem Moment auf. Zu sagen, ich hatte mit Ethan doch noch nicht ganz abgeschlossen, war wohl die Untertreibung des Jahrhunderts. Der Kerl hatte sich in meinen Kopf eingebrannt wie ein Branding in der Haut. Wie konnte ich ihn da nur wieder rauskriegen?

Als ich am Küchentisch saß und die Rühreier mit Speck aß, die mir meine Mutter zum Frühstück gemacht hatte, nachdem sie von ihrem Nachtdienst heimgekommen war, überlegte ich, ob ich vorerst vielleicht nicht mehr zum Fußballtraining gehen sollte. Nur so lange nicht, bis mein Knie wieder einwandfrei funktionierte und Ethan das Feld für mich räumen musste. Aus den Augen, aus dem Sinn, so hieß es doch, nicht wahr? Ich prostete mir selbst zu diesem Entschluss zu und spülte die Eier mit einem großen Schluck Orangensaft hinunter, dann machte ich mich auf den Weg zur Schule.

Nur etwa zehn Minuten vor Unterrichtsbeginn betrat ich das Schulgebäude und eilte den Gang hinunter zum Naturwissenschaftsraum. Obwohl ich mir sicher gewesen war, dass Sam mich heute als Erste über Ethan und mein Befinden in Bezug auf ihn ausquetschen würde, rannte ich völlig überraschend Liza über den Weg.

Sie war gerade in ein Gespräch mit einer Lehrerin verwickelt, die ich nicht kannte, doch Lizas eindringlicher Blick galt mir. „Susan, warte kurz!“, flüsterte sie. „Ich muss dir unbedingt was erzählen.“

Wie geheimnisvoll. Ich blieb also in ein paar Metern Entfernung an der Ecke stehen und wartete darauf, dass die beiden ihre Unterhaltung beendeten. Da hörte ich hinter mir eine bekannte Stimme. Augenblicklich rauften sich die Härchen in meinem Nacken um einen Stehplatz.

Ich sah über meine Schulter. Vor dem Jungenklo standen Hunter und Ethan, beide in eine fröhliche Diskussion vertieft. Wie ein verdammter Volltrottel hielt ich schnell meine Hand hoch, um mein Gesicht zu verdecken. Klar – ich verdrehte meine Augen – als ob Hunter mich nicht trotzdem erkannt hätte, wenn er in meine Richtung geblickt hätte. Und Ethan wahrscheinlich ebenso. Blitzschnell huschte ich um die Ecke, damit sie mich nicht entdeckten, doch ihre Stimmen drangen immer noch über den Gang zu mir herüber. Und wenn ich pünktlich zum Unterrichtsbeginn in meiner Klasse sein wollte, musste ich früher oder später an den beiden vorbei.

Soviel zum Thema Fußballtraining vermeiden, um Ethan nicht über den Weg zu laufen. Prima Plan. Ihn hier zu sehen ruinierte mir den ganzen Tag. Wie sollte ich den Kerl denn so jemals aus meinem Kopf bekommen? Zusätzlich brachte der spendierte Haselnuss-Latte von gestern mein Innerstes noch immer ganz schön durcheinander. Vielleicht sollten wir die Dinge wirklich klarstellen, gleich hier und jetzt und ein für alle Mal. Andernfalls könnte ich mich heute bestimmt nicht auf die Schule konzentrieren.

So nervös, wie ich gerade war, konnte ich ihm jedoch nicht gegenübertreten. Gah! Was für ein Schlamassel und das schon vor der ersten Stunde. Ich schlug mit dem Kopf hinter mir gegen die Wand und zog frustriert an meinem Haar.

Liza, die seitlich vor mir stand, hatte mein Dilemma wohl bemerkt. Sie warf mir einen verwirrten Blick zu, woraufhin ich mit einem Nicken in Ethans Richtung konterte. Da biss sie sich auf die Lippen. Offenbar wollte sie mir zu diesem Thema etwas sagen, doch die stämmige, kleine Lehrerin war mit ihrer Geschichte noch immer nicht fertig. Mann, was würde ich darum geben, wenn ich Liza einfach zur Seite zerren und sie wegen meiner Ethan-Misere konsultieren könnte.

Da dies jedoch nicht zur Auswahl stand und ich langsam in meine Klasse musste, sammelte ich eine Wagenladung Mut zusammen, streckte meinen Rücken durch, zog meine Schultern zurück und trat um die Ecke. Natürlich standen die beiden Jungs immer noch am selben Platz.

In meinem Magen fuhren die Eier vom Frühstück Achterbahn. Plötzlich hatte ich das Gefühl, ich müsste mich übergeben. Wow, so nervös war ich ja noch nie gewesen. Wo kam das bloß her? Mit aller Kraft zwang ich mich dazu, das flaue Kribbeln zu ignorieren, und schöpfte Zuversicht aus dem Glauben, dass Ethan mich nicht wieder so geringschätzig abweisen würde, wenn Hunter dabei war.

Ethan sah mich als Erster. Obwohl er die Unterhaltung mit Hunter weiterführte, klebten seine Augen an mir, als ich energisch näher stapfte. Erst als ich direkt vor ihm stehen blieb, verstummte er mitten im Satz.

„Du hast zehn Sekunden für eine Erklärung“, schnappte ich.

Erschrocken drehte sich nun auch Ryan zu mir um, doch ich nahm keine Notiz von ihm.

„Eine Erklärung wofür?“ Wieder war in Ethans Stimme dieser amüsierte Unterton. Genau wie gestern. Dann neigte er seinen Kopf leicht schief und zog die Augenbrauen zusammen. „Hey, sag mal, verfolgst du mich etwa, Sonnenschein?“

Das traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Der hatte doch nicht mehr alle Tassen im Schrank. „Grundgütiger, was läuft denn bei dir verkehrt?“

„Entschuldige mal, du bist doch diejenige, die mich dauernd anquatscht.“

Hunter schmunzelte neben mir. „Susan …“ Ich hätte ihn gar nicht erst beachtet, wenn er nicht seinen Arm um meine Schultern gelegt hätte. „Susan!“, sagte er noch einmal und wartete, bis ich meinen Kopf in seine Richtung drehte.

Ryan hatte meinen vollsten Respekt als Mannschaftskapitän und auch als Freund mochte ich ihn wirklich gern. Doch gerade jetzt wollte ich nichts lieber tun, als ihm sein verschlagenes Grinsen aus dem Gesicht zu wischen. „Was ist?“, fauchte ich.

Er griff auch mit der anderen Hand nach meiner Schulter und drehte mich zurück zu Ethan. Dann sagte er: „Darf ich dir Chris vorstellen?“

„Chris wer?“

„Donovan“, sagte Ethan.

„Ah ja, genau. Und du bist dann Ethans Alter Ego oder was?“

Der Junge, der aussah wie Ethan, begann zu lächeln. „Sein Bruder.“

„Bruder …“ Das konnte nicht sein.

Ryan lehnte sich näher zu mir herüber und flüsterte mir ins Ohr: „Zwillinge.“

„Zwillinge.“ Mir wurde schlecht. Ich wandte mich Hunter zu und schlug mit der Stirn gegen seine Brust. „Zwillinge. Neeein.“ Wenn ich mich doch nur in Luft auflösen könnte.

Und dann krümmte sich die Kopie des Jungen, den ich Montagnachmittag auf dem Sportplatz getroffen hatte, vor Lachen. „Du hast also Ethan kennengelernt? Jetzt wird mir einiges klar.“

Es war mir scheißegal, ob für ihn nun alles einen Sinn ergab. Er war ein aufgeblasener Hohlkopf, der mich gestern vor all seinen Freunden bloßgestellt hatte, und ich wollte nichts wie weg von ihm. Und dann musste ich so schnell wie möglich Ethan finden und das Missverständnis aufklären. Schließlich hatte ich auch immer noch das Lifealbum von Volbeat in meinem Rucksack, dass er nun doch noch bekommen würde.

„Bis später“, maulte ich in Hunters Richtung. Zu Chris sagte ich gar nichts, sondern drehte mich einfach um und stakste davon. In Gedanken schlug ich meinen Schädel dabei kontinuierlich gegen eine Ziegelmauer. Schon nach ein paar Schritten dämmerte es mir jedoch, dass ich Ethan vielleicht gar nicht finden würde. Schließlich hatte ich keine Ahnung, welche Unterrichtsfächer er hatte. Oder schlimmer noch, was wenn ich Chris noch einmal mit Ethan verwechseln würde?

Um eine weitere derartige Misere zu verhindern, blieb ich abrupt stehen und machte kehrt. Hunter lachte sich gerade schief, doch Chris hatte mich immer noch im Visier. Ich hatte wohl ziemlich Eindruck auf ihn gemacht – und bestimmt keinen guten.

Als ich erneut vor ihm stand – und Junge, oh Junge, die beiden Brüder glichen sich wirklich bis aufs Haar – holte ich aus meinem Rucksack einen Stift und griff mir dann Chris’ Arm. Drumherum zu reden hatte bei diesem arroganten Schnösel wahrscheinlich wenig Sinn, also schob ich einfach seinen Hemdärmel hoch und drehte seinen Unterarm so, dass die Innenseite nach oben zeigte. Dann schrieb ich meine Handynummer darauf.

Es war schon irgendwie komisch, dass er so überhaupt nicht protestierte, während ich mit einem Kuli auf seine Haut kritzelte. Andererseits hatte ihn mein Verhalten wohl einfach überrumpelt. Gut. Ich unterdrückte ein hämisches Grinsen und kommandierte: „Sag Ethan, er soll mich anrufen.“ Ich war schon wieder zum Gehen bereit, da fiel mir die CD ein und ich fischte sie noch schnell aus meinem Schulrucksack, dann drückte ich sie ihm gegen die Brust. „Gib ihm das und sag ihm Danke für den Haselnuss-Latte.“

Erst jetzt blickte ich hoch in sein Gesicht. Seine Augen waren genauso kornblumenblau wie Ethans. Hübsch und fesselnd. Er blinzelte zweimal und ließ dann ein verschmitztes Lächeln von der Leine, das meinen Puls nach oben schnellen ließ. „Bitte“, sagte er gedehnt.

„Bitte“, wiederholte ich ebenso in die Länge gezogen und präsentierte dabei mein süßestes falsches Grinsen. Dann drehte ich mich auf dem Absatz um und ließ die beiden Jungs hinter mir stehen.

Ein paar Schritte weiter stieß ich mit Liza zusammen und mein Rucksack rutschte mir dabei von der Schulter. Als ich mich bückte, um ihn aufzuheben, flüsterte Liza: „Komme ich zu spät?“

„Zu spät wofür?“

„Um dir zu sagen, dass das nicht Ethan ist und dass ich herausgefunden habe, was los war.“

Ich richtete mich auf und stieß einen tiefen Seufzer aus. „Jap. Zu spät.“

Liza verzog gepeinigt das Gesicht. „Oje.“

Die Glocke läutete und schreckte uns aus unserer Unterhaltung auf. Wir würden beide zu spät zum Unterricht kommen. Schnell verabredeten wir uns für die nächste Pause, dann eilte sie los zu Hunter, um ihm noch rasch einen Kuss auf die Wange zu drücken. Als ich ihr über meine Schulter nachschaute, bemerkte ich, dass Chris’ eindringlicher Blick immer noch auf mir haftete.

***

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