Teamwechsel (GBT 1)

Teamwechsel

Grover Beach Team, 1

Kapitel 1

ER HATTE NICHT einmal versucht mich zu küssen, und das obwohl wir praktisch den halben Sommer im selben Bett geschlafen hatten. Und dann war er weg. Für fünf endloslange Wochen. Bereits am zweiten Tag dachte ich, ich müsste sterben.

Aber heute war meine Qual zu Ende. Endlich kam Anthony Mitchell zurück. Mein bester Freund und zukünftiger Ehemann.

Nicht, dass ich ihn darüber schon informiert hätte; aber das war auch gar nicht nötig. Jeder wusste es und ich konnte es kaum erwarten, meinen Nachnamen Matthews gegen seinen einzutauschen. Tony und ich hingen schon seit dem Kindergarten gemeinsam ab. Wir waren unzertrennlich, außer für die paar Stunden jeden Tag, in denen er beim Fußballtraining war und ich Zeit hatte um, na ja, um zum hundertsten Mal in mein Tagebuch zu schreiben, wie sehr ich ihn liebte.

Liza und Tony, das war wie Bonnie & Clyde. Wie Lois & Clark. Wir waren M&M, ganz ehrlich.

Es läutete an der Tür.

Mein Herz klopfte mir bis zum Hals. Ich versuchte mich aus der Bettdecke zu befreien, die ich um meine Beine gewickelt hatte, während ich auf dem Bett saß und in meinem Tagebuch schrieb. Schließlich plumpste ich vom Bett, gemeinsam mit der Decke.

„Ich komme!“

Auf dem Weg nach unten kämmte ich mit meinen Fingern noch schnell durch mein langes, braunes Haar, um es ein wenig aufzupeppen, bevor ich die Tür öffnete. Ein Sonnenstrahl blendete mich und ich kniff die Augen zusammen, doch dann blickte ich in Tonys Gesicht. Seine blonden Strähnen hingen chaotisch in seine Stirn. Sie reichten beinahe bis zu seinen strahlendblauen Augen. Der Kragen seines weißen Hemds war offen. Ich musste mich schwer beherrschen, um nicht über das bisschen nackte Haut zu streichen, das zu sehen war.

Mit den Händen in den Hosentaschen stand er da und sah mich an. Dann verzogen sich seine Lippen zu seinem typisch verschmitzten Grinsen. „Worauf wartest du, Liz? Ich weiß doch, dass du es nicht erwarten kannst, mich zu umarmen.“

Himmel! Mit einem breiten Lächeln fiel ich ihm um den Hals und gab ihm die Umarmung, die er erwartete. Er zog mich nach draußen. Ich drückte meine Wange an seine, während er mich unter der warmen Sonne im Kreis wirbelte. Oh, er roch so gut, von der Sonne geküsst und einfach nur nach Tony. Von diesem Duft bekam ich nie genug.

„Wie war’s im Camp?“, fragte ich, als er mich absetzte.

Er rümpfte die Nase. „Scheiß-langweilig ohne dich, was sonst?“

Ich lachte. „Ja genau.“

Um ihn wirklich zu verstehen, musste man wissen, dass, abgesehen von Käsecrackern mit Mayo, Tonys einzige Leidenschaft Fußball war.

„Als ob…“ Ich zeigte ihm die Zunge.

Tony schüttelte amüsiert den Kopf. „Wo sind deine Manieren? Wenn du mich küssen willst, dann sag’s doch einfach.“

Seine Nasenspitze stupste gegen meine. Ich schluckte den Drang hinunter, meinen Kopf zu neigen und ihn wirklich zu küssen. Aber er veralberte mich ja nur wieder. Wir hatten uns noch nie geküsst. Regelmäßig schlief ich in seinem Bett ein, wenn wir wieder einmal bis tief in die Nacht auf seiner X-Box spielten, oder er schlief bei mir, wenn seine Eltern gerade beruflich durchs Land reisten. Es störte ihn nicht, wenn ich meinen Kopf an seine Schulter lehnte. Er spielte manchmal sogar mit meinem Haar. Aber ein Kuss? Nie.

Am Ende des Sommers würde ich siebzehn werden. Langsam kam ich mir etwas komisch vor, weil ich noch keinen Jungen geküsst hatte. Aber kein anderer als Tony würde meine Lippen berühren, und wenn er noch ein paar Monate brauchte, um einzusehen, dass er mich auch wollte, dann würde ich eben warten.

„Hey, sollen wir runterfahren zum Strand? Ich habe einen neuen Bikini und hatte noch keine Gelegenheit ihn ihm Wasser zu testen.“ Voll Vorfreude auf unser Wiedersehen, hatte ich den neongrünen Bikini heute Morgen angezogen. Ich zerrte den Kragen meines weißen T-Shirts nach unten, um ihm einen kurzen Blick zu gewähren. Grün war seine Lieblingsfarbe.

Tony knurrte wie ein Jaguar. „Es wäre mir nichts lieber als dich halb nackt zu sehen, Matthews.“

Ich wusste genau, dass dies nur ein weiterer Versuch war, mich zu ärgern. Dennoch bekam ich eine Gänsehaut.

„Leider muss ich passen. Ich treffe gleich ein paar Freunde unten bei Charlies.“

Meine Schultern sackten nach unten. „Wirklich? Du bist doch gerade erst gekommen. Hast du die Jungs nicht genug im Trainingslager gesehen?“

„Hunter möchte die morgige Qualifikation noch einmal besprechen.“

Ich zog einen Schmollmund. Seit Ryan Hunter der neue Kapitän des Grover Beach High School Fußballteams war, hatten sich Tonys Trainingseinheiten verdoppelt. Und mehr Zeit fürs Training bedeutete weniger Zeit für mich.

Ich konnte Hunter nicht leiden.

„Kopf hoch. Warum kommst du nicht einfach mit? Du kennst sowieso fast alle aus dem Team. Den Rest stelle ich dir vor. Ich bin sicher, Hunter hat nichts dagegen.“ Tony gab mir keine Chance zur Widerrede, ja noch nicht einmal einen Moment Zeit, um meine Flip-Flops gegen richtige Schuhe einzutauschen. Er nahm meine Hand und zog mich quer durch unseren Vorgarten.

„Warte! Ich muss erst mein Geld holen.“

„Brauchst du nicht. Eine Limo für dich wird mich nicht ruinieren.“

Ich streifte mein Haar zurück und fixierte es mit einem Gummiband aus meiner Hosentasche. Wir spazierten die Saratoga Avenue runter zu Charlies Café und Restaurant.

Einige Jugendliche saßen an drei Tischen verteilt im Schatten des Holzdaches, das den halben Außenbereich überdeckte. Ich kannte einige von ihnen aus Tonys Team. Sasha Torres, Stephan Jones, Alex Winter. Der Arm von Nick Andrews war in Gips gepackt. Das Trainingslager hatte offenbar Spuren hinterlassen.

Was mich ein wenig überraschte, waren die vielen weiblichen Gesichter. „Was wird denn hier gespielt?“, flüsterte ich Tony noch außer Hörweite der anderen zu. „Seid ihr jetzt auf gemischtes Training umgestiegen?“

„Ja. Cool, findest du nicht? Wir haben ein paar Matches gemeinsam in Santa Monica gespielt. Hunter dachte, es wäre eine gute Idee auch bei uns ein gemischtes Team auf die Beine zu stellen.“

Einige der Mädchen kamen mir bekannt vor. Ich hatte Spanisch mit Susan Miller. Aber eine Handvoll von ihnen hatte ich noch nie zuvor gesehen. Wie dieses eine Mädchen, das plötzlich aufstand, als wir näher kamen. Mit ihren ekelhaft rot geschminkten Lippen küsste sie Tony auf die Wange.

„Du bist spät dran, Anthony. Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr.“

Anthony? Die einzige Person, die ihn jemals so nannte, war seine Großmutter.

„Hi Chloe“, antwortete er mit einer seltsam tiefen Stimme, die ich noch nie gehört hatte. Seine Hände lagen auf ihren Hüften. Er neigte seinen Kopf und ließ sie auch seine zweite Wange küssen.

Verdammt. Was sollte das?

Chloe zwinkerte ihm zu. Anschließend musterte sie mich vom Scheitel bis zu den Zehen. Der Verachtung in ihren Augen nach zu urteilen, war ich auf ihrer Schönheitsskala wohl etwas weiter unten angesiedelt.

Mein Blick schweifte zu Tony. Ernsthaft, er musste beim Anblick ihrer nackten Beine wirklich nicht gleich zu sabbern beginnen.

Sie setzte sich und schlug ein Bein über das andere. Ihr weißes Minikleid war in der Waschmaschine wohl eingelaufen, denn darunter blitzte gerade etwas Rotes hervor.

Tony rief unsere Bestellung zu Charlie hinüber, der hinter der Bar stand. Eine Cola und Red Bull. Das Red Bull war bestimmt nicht für mich. Aber wann hatte er denn angefangen, dieses widerliche Zeug zu trinken? Chloe hatte ebenfalls eine Flasche vor sich stehen. Ich fühlte mich plötzlich sehr seltsam in dieser Runde.

„Gemischte Teams, hm?“, murmelte ich, als wir uns setzten.

„Die Qualifikationen finden morgen statt, Matthews. Ich kann dich auf die Liste setzen, wenn du interessiert bist!“, rief mir Ryan Hunter zu. Ein scherzhafter Schimmer funkelte in seinen dunklen Augen.

Dass er meinen Namen kannte, überraschte mich.

„Liz und Fußball?“ Tony lachte neben mir. „Da könntest du genauso gut versuchen, einen Elefanten dazu zu überreden, Tango zu tanzen. Nicht wahr, Liz?“

Ich warf meinem angeblich besten Freund einen strafenden Blick zu. Er bemerkte es nicht einmal, während der Rest der Gruppe in schallendes Gelächter ausbrach.

„Der Elefant trifft es genau“, sagte Barbie zu der Rothaarigen neben ihr und grinste boshaft zu mir rüber.

Wie bitte? Was? Ich hatte eine perfekte Kleidergröße XS. Meine eins-fünfundsechzig wirkten vielleicht etwas klein gegen ihre amazonenhaften eins-achtzig, aber ich war in keinster Weise fett. Ich klammerte mich an das bisschen Stolz, das ich noch besaß, und beschloss, Tony später dafür zur Rede zu stellen, dass er vorgab, er hätte ihre Beleidigung nicht gehört. In all der Zeit, in der wir Freunde waren, hatte er niemals zugelassen, dass mich jemand beleidigte, ohne hinterher dessen Kiefer zu brechen. Okay, bei Chloe wäre das eine eher drastische Maßnahme, aber er hätte zumindest etwas sagen und mich verteidigen können.

Da er offenbar vergessen hatte, wie das ging, setzte ich ein zuckersüßes Lächeln auf, extra für den Barbie Klon. „Ich habe in der neunten Klasse mal versucht, mein Essen wieder auszukotzen, aber das ist wohl eher dein Ding als meins.“

Das Lachen verstummte. Tony verschluckte sich an seinem Red Bull und begann zu husten. Der Rest der Gruppe gab plötzlich vor, in leise Gespräche vertieft zu sein. Das einzige Geräusch, ein leises Lachen, kam aus Ryan Hunters Richtung.

Chloe runzelte die Stirn. „Hast du mich gerade beleidigt?“

Das Lustige daran war, sie meinte es tatsächlich ernst. Ich rollte mit den Augen und nahm einen Schluck von meiner Cola.

Gott sei Dank bekam Tony kurz darauf eine SMS von seiner Mutter. Mrs. Mitchell hoffte ihren Sohn wenigstens noch kurz zu Gesicht zu bekommen, bevor sie und ihr Mann für zwei Tage nach San Francisco reisen mussten. Tony warf einen Blick auf meine Limo und fragte mich, ob ich noch länger hier bleiben wollte.

In drei Sekunden hatte ich das Glas ausgetrunken und stand von meinem Stuhl auf. „Ich bin fertig.“

Er schüttelte zwar den Kopf, lächelte dann aber und ließ mich vorausgehen.

„Wir sehen uns morgen“, sang Barbie in einem widerwärtigen Ton.

Ich ignorierte die aufsteigende Hitze der Eifersucht in mir. Stattdessen konzentrierte ich mich auf den Boden und zählte die Pflastersteine. Eins, zwei, drei…

„Wie sieht’s aus, Matthews?“, fragte Ryan Hunter, als ich an ihm vorbei ging. „Bist du bei den Qualifikationen dabei, oder nicht?“

Ich hielt an, total erstaunt, dass er es tatsächlich ernst meinte. Mein Blick hing an seinem vergnügten Lächeln. „Ich –“

Tony legte seine Hände auf meine Schultern und schob mich sanft vorwärts. „Zieh sie nicht auf. Liza ist einfach nicht für Fußball gemacht.“

Ich stemmte meine Hacken gegen den Boden. Nicht, weil Tony versuchte, mich vor der Verlegenheit einer Antwort zu retten, sondern wegen ihrem gemeinen Lachen hinter mir.

„Weißt du was?“ Ich drehte mich entschlossen zu Tony. „Ich denke, ich wage einen Versuch.“

„Du verarscht mich.“

Das erforderte keine Antwort, trotzdem zog ich meine Brauen hoch.

„Cool. Damit stehst du auf der Liste. Treffpunkt ist morgen um zehn auf dem Fußballfeld.“

Ich blickte zu Hunter. „Ich werde da sein.“

Seine Baseball-Kappe verdunkelte sein Gesicht, als er sein Kinn senkte, doch ich spürte wie sein Blick nach unten schweifte. Dorthin, wo meine abgeschnittenen Jeans endeten, und dann langsam meine nackten Beine entlang.

„Zieh dir ordentliche Schuhe an.“ Er zwinkerte mir grinsend zu. Bevor ich herausfinden konnte, warum ich plötzlich dieses Bauchkribbeln bekam, schob mich Tony bereits aus dem Café.

Wir legten den größten Teil der Strecke schweigend zurück, bis wir fast an meinem Haus angekommen waren und ich ihm geradezu ins Gesicht sprang. „Ich kann nicht glauben, dass du das getan hast!“

„Dass ich was getan habe?“ Tony sah mich an, wie ein Zweijähriger, dem man gerade seinen Schnuller gestohlen hatte.

„Dieses Mädchen hat mich beleidigt und du hast nichts dazu gesagt.“

„Du hattest doch alles im Griff. Und sie hat dich ja nicht wirklich beleidigt.“

„Ah, richtig. Das warst du! Du hast mich als Elefant bezeichnet.“

Tony nahm meine Hand und zog mich weiter. „Du weißt genau, dass es nicht so gemeint war. Ich verstehe nicht, warum du jetzt so eine Szene machst. Du konntest Fußball doch noch nie leiden. Wann hat sich das geändert?“

„Heute. Jetzt liebe ich Fußball.“

„Ja, das kann ich sehen. Du stehst so sehr drauf, dass du unbedingt ein Fußballspieler werden willst.“ Er rollte mit den Augen. „Bitte sag mir, dass das nichts mit Chloe zu tun hat.“

Es hat nur mit dir zu tun, du Idiot! Aber es brauchte schon mehr als einen verrückten Nachmittag, um ihm das zu gestehen. „Die kann meinetwegen in ihrem Schrank voll mit Barbie-Kleidern verschollen bleiben.“

Plötzlich legte Tony seinen Arm um meine Schultern. Er zog mich dicht an sich, als wir weiter gingen. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du bist eifersüchtig.“

„Du und ich. Wir sind beste Freunde, seit wir unsere Windeln losgeworden sind“, grummelte ich, nur leicht getröstet durch seine Umarmung.

„Und ich verspreche dir, wir werden immer noch beste Freunde sein, wenn wir wieder Windeln brauchen.“ Durch sein Lachen wurde ich geschüttelt. „Chloe ist nur ein Mädchen, das gerne Fußball spielt. Aber du bist das einzige Mädchen, das ich kenne, das bei E.T. nicht in Tränen ausbricht.“

Obwohl dies ein offensichtlicher Hauch von Bewunderung war, konnte ich nichts gegen die Kälte tun, die sich um mein Herz legte, so wie er es sagte. Als wäre ich in Wirklichkeit einer von den Jungs und kein nettes Mädchen wie Chloe. Ein ungewollter Seufzer entwich mir, als ich mich aus seiner Umarmung wand.

Tony runzelte die Stirn. „Was ist?“

„Nichts.“

„Bist du böse auf mich?“

„Nein“, knurrte ich.

Er wartete eine Sekunde und musterte mich mit prüfendem Blick. „O-kay… Ist das einer dieser Momente, wo du nein sagst, aber eigentlich ja meinst?“

„Nein!“

Er schlug die Hände vors Gesicht, zog sie langsam nach unten und blickte dann hilflos zum Himmel. „Du weißt, dass ich diese Sprache nicht spreche. Sag mir einfach, was dein Problem ist.“

„Es gibt kein Problem!“ Ich rannte den Weg zu meinem Haus hoch und schlug die Tür hinter mir ins Schloss.

KAPITEL 2

UM NEUN UHR dreißig am nächsten Morgen öffnete ich die Tür und fand Tony davor. Mit hängendem Kopf und den Händen gegen den Türrahmen gestemmt, grinste er verlegen und sah mich durch seine langen Wimpern an.

„Immer noch sauer?“

Ich seufzte. Die lange Rede, die ich am Vorabend für ihn vorbereitet hatte, inklusive Worten wie ignorant, Idiot und Volltrottel, war plötzlich vergessen. „Nenn mich nie wieder Elefant!“, war alles, was ich raus brachte.

„Versprochen.“ Der dumme Junge machte sogar einen Schmollmund und ein Kreuz über seinem Herz.

Ich musste lachen. „Dann ist es okay.“

Tonys metallicgrünes Mountainbike lehnte an unserem niedrigen Holzzaun. Ich holte meines aus dem Geräteschuppen und gemeinsam fuhren wir zum Sportplatz unserer Schule. Knapp fünfzig Jungen und Mädchen, von der zehnten bis zur zwölften Klasse, hatten sich um eines der Tore versammelt. Als wir zu ihnen stießen, teilte gerade jemand Nummern aus. Da Tony ja bereits im Team war, musste er nicht mehr an den Qualifikationen teilnehmen. Aber ich stellte mich in die Reihe, um meine Nummer zu erhalten.

„Siebenundvierzig… Matthews!“, rief Ryan Hunter zu Susan Miller, die die Namen in eine Liste eintrug. Er gab mir den Sticker mit der Nummer, welchen ich auf meine Brust kleben sollte.

Ich hatte Ryan noch nie ohne irgendeine Sportkappe gesehen, außer vielleicht zu besonderen Anlässen, und dann auch nur von weitem. Aber heute spielten Sonnenstrahlen in seinem Haar, das ihm frech in die Augen fiel und ihm ein völlig neues Erscheinungsbild verlieh. Sein unerwartet gutes Aussehen überraschte mich.

Dummerweise erwischte er mich dabei, wie ich ihn anstarrte.

„Viel Glück, Matthews“, wünschte er mir, während ein winziges Lächeln über seine Züge huschte.

Nachdem jeder seine Nummer hatte, erhob er seine Stimme über das Gemurmel der Menge. „Alle mal herhören. Fürs Warm-up läuft erst einmal jeder drei Runden um das Feld.“

Wie bitte? Laufen? „Er macht wohl Witze. Drei Runden?“

„Jetzt sag nicht, du bereust es schon, heute hergekommen zu sein.“

Ich hasste Tonys ich-hab’s-dir-ja-gesagt Grinsen. Er zog mich vom Rasen und joggte neben mir her. Ich schluckte die Antwort, die mir auf der Zunge brannte, hinunter und strengte mich an mit ihm mitzuhalten, doch das war unmöglich, weil einer seiner Schritte so lang war, wie zwei von meinen.

Verdammt, eine Runde kam mir vor wie zehn Meilen. Zum Teufel mit Hunter und seinem Warm-up. Als ich mit meinen drei Runden fertig war, brach ich auf dem Rasen zusammen. Für eine kurze Weile hörte ich nichts als meinen eigenen, keuchenden Atem. Gott sei Dank hatte ich die Möglichkeit, mich ein wenig zu erholen, während sechsundvierzig andere Kandidaten versuchten ein Tor zu schießen, ehe ich an der Reihe war. Die nächsten paar Minuten mimte ich einen toten Frosch.

In der Zwischenzeit brachte mir Tony Wasser in einem Pappbecher. Mein Mund und Hals waren trocken wie die Sahara. Er stand über mir. Sein Schatten bot einen wohltuenden Schutz vor der glühenden Sonne. Ich raffte mich auf und griff nach dem Becher in seiner Hand.

„So wenig?“ Ich hielt den Becher gegen das Licht und schwenkte ihn hin und her, in der Hoffnung, es würde auf wundersame Weise mehr werden. „Ehrlich, Tony, bei dir läuft etwas völlig verkehrt.“

„Ganz und gar nicht.“ Er belächelte mich. „Aber da du ja sowieso kaum noch atmen kannst nach dieser kurzen Strecke, wird dir von mehr Wasser bloß übel. Es wäre sogar besser, wenn du damit nur deinen Mund ausspülst und es dann wieder ausspuckst.“

Zynisch verzog ich die Miene. „Kann ich es dir ins Gesicht spucken?“ Ohne auf seine Retourkutsche zu warten, schluckte ich das bisschen Fliegenspucke, das er mir gönnte, hinunter. Der Tropfen verdampfte augenblicklich in meinem Hals.

„Matthews! Du bist dran!“ Das war Hunter, und als ich mich zu ihm drehte, flog mir der Ball bereits entgegen. Dem Himmel sei Dank für meine Wahnsinnsreflexe. Ich fing ihn, bevor er mich in den Bauch treffen konnte. Tony zog mich auf die Beine. Er gab mir kurze Anweisungen, wie ich den Ball am besten kicken sollte.

Ja genau. Als ob mich das wirklich interessieren würde. Ich setzte den Fußball ins Gras und schoss ihn zu Frederickson, der im Tor stand. Der Ball landete ein paar Meter vor ihm und rollte dann gemütlich den Rest der Strecke bis er sachte Fredericksons linken Schuh berührte.

Euphorisch drehte ich mich zu Tony. „Was sagst du dazu, ich hab doch glatt in die richtige Richtung geschossen!“

„Komm schon, Matthews!“ Ryan joggte zu uns rüber, den Ball unter den Arm geklemmt. „Ich hab schon gesehen, wie du Mitchell härter in den Arsch getreten hast.“

Zerschlagen und ausgelaugt wollte ich kapitulieren, doch als er mir den Ball gab, krümmten sich seine Lippen zu einem neckischen Lächeln, das mich anstachelte, noch einmal Alles zu geben.

Ich nahm die Herausforderung an und platzierte den Ball vor mir im Gras. Doch dann nahm mich Hunter plötzlich zur Seite und schob mich einige Schritte rückwärts. „Dieses Mal nimm einen kurzen Anlauf und steck etwas mehr Kraft in deinen Schuss.“

Mit wachsendem Horror krallte ich mich an Tonys Shirt-Kragen fest und winselte: „Oh nein, lass nicht zu, dass er das mit mir tut. Wir wissen beide, ich werde über das Scheißding stolpern.“

Die Jungs lachten über mich. Tony löste meine verkrampften Finger. „Nein, das wirst du nicht. Ich sag dir was. Wenn du Frederickson genau in die Brust triffst, spendiere ich dir später einen riesigen Schokoladeneisbecher. Abgemacht?“

Eiscreme? Tja, wenn die Motivation stimmte… „Abgemacht.“

Ich startete los und trat hart gegen den Ball. Mein Ziel, der rothaarige Wuschelkopf im Tor. Der Fußball landete sanft in Fredericksons Armen.

„Ausgezeichnet!“, jubelte Ryan. Er lief zurück zu dem niedrigen Tisch, an dem Susan saß und Notizen machte, und rief als nächsten Sebastian Ramirez auf, der sein Glück versuchte.

Unsagbar stolz und mit einem breiten Lächeln im Gesicht drehte ich mich zu Tony. Doch meine Freude verpuffte in dem Moment, als ich Barbie bei ihm stehen sah. Mit den Händen hinter ihrem Rücken verschränkt, wippte sie auf ihren Ballen vor und zurück. Ihr Busen stand so weit heraus, sie hätte damit sein Herz pfählen können. „Kommst du später zu Hunters Party?“, fragte sie ihn mit dieser haarsträubenden Stimme.

Ich schluckte. Ryan Hunters Partys waren legendär. Ich konnte mich zwar nur auf das Getuschel in der Schule verlassen, aber es ging das Gerücht um, sein Vater sei mit Chief Berkley befreundet. Somit konnte Ryan die Musik auf maximale Lautstärke aufdrehen, und zwar die ganze Nacht. Bier floss angeblich in niemals versiegenden Strömen und er hatte sogar seinen eigenen Billardtisch.

Ich sah sein Haus immer nur von Weitem, wenn wir mit unseren Rädern zur Bibliothek fuhren, aber es sah groß genug aus, um eine ganze Billardhalle darin unterzubringen. Eine Einladung zu einer dieser Partys zu bekommen, bedeutete aufzusteigen in die Liga der coolen Kids.

Nicht, dass es mich je interessiert hätte, mit Idioten wie Chloe abzuhängen. Bloß nicht! Aber Tony war schon oft auf einer von Hunters Partys gewesen und er wollte mir nie erzählen, was hinter diesen Türen abging. Das allein stachelte schon meine Neugier an.

Heute Nacht würde er sicher wieder hingehen. Die Tatsache, dass der Barbie-Klon auch dort sein würde, ließ mir das Herz in die Hose rutschen. Obwohl mir eigentlich nach Heulen zumute war, setzte ich ein gleichgültiges Gesicht auf und stapfte zum Wasserspender, um mir einen größeren Schluck zu gönnen, als das bisschen, das Tony mir nach dem Aufwärmlauf gebracht hatte.

Der Nachmittag zog sich hin wie Kaugummi. Es gab weitere Qualifikationstests, die darin bestanden, den Ball hin und her zu passen, mit kurzen Kicks im Zick-Zack über das Feld zu laufen und letztendlich noch zu zählen, wie oft wir den Ball hochkicken konnten, ohne ihn zu verlieren. Ich schaffte unglaubliche zweieinhalb Mal.

Für mich war’s das. Ich war durch mit Fußball. Sollte der Ball doch in der Hölle verrotten und die Spieler an ihrem Durst verrecken. Es kümmerte mich einen Dreck, ob ich es ins Team schaffte oder nicht. In der sengenden Hitze Ball zu spielen war sowieso nur was für Idioten.

Mit dem Handtuch, das Tony mitgebracht hatte, wischte ich mir den Schweiß vom Gesicht, dann stopfte ich es zurück in seinen Rucksack und machte mich auf den Weg.

„Hey, was glaubst du, wo du hingehst?“

„Nach Hause.“

Tony lief mir hinterher. „Das kannst du nicht. Ryan hat die Namen der neuen Spieler noch nicht genannt.“

„Sehe ich so aus, als ob mich das interessiert?“

Er schlang seinen Arm um meine Schultern. Mit meinem eigenen Schwung bugsierte er mich in die entgegengesetzte Richtung. „Willst du gar nicht wissen, ob du es ins Team geschafft hast?“

Ich versuchte mich aus seiner Umarmung zu befreien, scheiterte kläglich und blickte ihn finster an. „Nein, will ich nicht.“

„Wo ist dein Enthusiasmus geblieben?“

„Wo ist dein Urteilsvermögen geblieben?“ Ich blieb stehen. „Du hast gesehen, wie schlecht ich bin.“

„Ach, ich habe schon schlimmere gesehen. Eigentlich bin ich sogar ziemlich stolz auf dich. Du hattest heute zum ersten Mal Hautkontakt mit einem Fußball und hast bereits beim zweiten Versuch beinahe ein Tor geschossen. Dir fehlt nur ein bisschen Übung.“

Es war schwer zu glauben, doch Tonys Blick untermauerte seine Worte. Er meinte es tatsächlich ernst. Etwas verwirrt musterte ich ihn aus dem Augenwinkel. Unglücklicherweise drang Chloe in mein Blickfeld, als sie auf uns zuhopste wie die Zahnfee. Ihre perfekt manikürten Finger schlangen sich um Tonys Arm. Wie ein aufgescheuchtes Huhn hüpfte sie vor ihm auf und ab.

„Komm, schnell! Hunter gibt gleich die Namen bekannt. Er hat mir schon gesagt, dass ich es ins Team geschafft habe.“

„Das überrascht mich gar nicht.“ Tony ließ zu, dass sie ihn von mir wegzerrte. „Du hast schon im Trainingslager bewiesen, dass du ein Naturtalent in Fußball bist.“

„Nur in Fußball?“ Sie zwinkerte ihm vielsagend zu und tanzte davon.

Ich knirschte mit den Zähnen. Die Sache war die, ich musste einfach in dieses Team. Unbedingt. Ich hatte gar keine andere Wahl. Wie sonst sollte ich diese Schnepfe von Tony fernhalten?

Ryan Hunter hielt eine Liste in seinen Händen, als er vor die erwartungsvolle Menge trat. „Wir brauchen elf neue Spieler. Ich werde jetzt die Namen derer vorlesen, die es ins Team geschafft haben. Wenn euer Name dabei ist, herzlichen Glückwunsch. Wenn nicht, Kopf hoch. Versucht es einfach im nächsten Jahr wieder. Ihr habt heute alle richtig viel Ehrgeiz gezeigt. Ich bin stolz auf euch.“ Er räusperte sich und begann die Namen vorzulesen. „Stevenson. Jones. Summers –“

Da Barbie bei diesem Namen die Hände ihrer Freundin packte und voller Freude herum hüpfte, war ich sicher, dass ich nun auch ihren Nachnamen kannte.

„– Smith. Jackson. Daniels. Hollister. McNeal. Miller. Matthews. Und Warren.“

Mein Kinn sackte bis zum Boden. Ich drehte mich zu Tony. „Sagte er gerade Matthews?“

„Schätze, das hat er.“

Ich wollte ihm sein dämliches Grinsen aus dem Gesicht schlagen. „Also werde ich spielen?“

„Ja“, lachte er. „Und jetzt hol deine Sachen. Ich schulde dir einen Eisbecher.“

Ich hatte es tatsächlich geschafft und er würde mit mir Eis essen gehen. Was für ein fantastischer Tag. Ich eilte zur Bank und schwang meinen Rucksack über eine Schulter. Das definitiv albernste Strahlen stand mir ins Gesicht geschrieben. Es verschwand allerdings schlagartig, als das Wort ‚Schulden‘ in meinem Kopf Gestalt annahm. Was, wenn er Hunter gebeten hatte, mich in die Mannschaft aufzunehmen, obwohl ich ein miserabler Spieler war? Bei dem Gedanken daran, auf Hunters Mitleid angewiesen zu sein, fühlte ich mich schrecklich bloßgestellt.

Ich musste es wissen und Tony würde es ausspucken, auch wenn es bedeutete, dass ich ihm damit drohen müsste, seine komplette Zurück in die Zukunft Sammlung einzustampfen.

Ich machte kehrt und polterte gegen Ryan.

„Gratuliere, Matthews! Du hast dich echt gut angestellt.“

„Ja, was auch immer.“ Stinksauer wegen etwas, wofür ich noch nicht einmal einen Beweis hatte, huschte ich an ihm vorbei. Doch nach einigen hastigen Schritten, stoppte ich, drehte mich auf der Stelle in seine Richtung und fragte: „Sag mal, was schuldet dir Tony dafür, dass du mich in die Mannschaft aufgenommen hast?“

Einen Augenblick lang sah es für mich so aus, als versuchte er, die passenden Worte für eine Antwort zu finden. Der Ausdruck in seinem Gesicht verschwand und plötzlich lachte er. „Das willst du nicht wissen.“

Meine Hände verkrampften sich um die Riemen meines Rucksacks. Verdammt, natürlich wollte ich es wissen.

Er wandte sich zum Gehen, warf mir aber noch einen kurzen Blick über die Schulter zu. „Ich sehe dich dann später bei mir.“

Heilige Scheiße. Hatte er mich gerade zu seiner Party eingeladen?

KAPITEL 3

DER EISBECHER SAH verführerisch aus, genauso wie Tony, als er Vanilleeis von seinem Löffel leckte. Die ganze Stunde, die wir bei Charlies saßen, konnte ich meinen Blick nicht von seinen Lippen reißen. Zu blöd, dass Tony eine Festung war. Total verriegelt. Er weigerte sich beharrlich preiszugeben, womit er Ryan bestochen hatte, damit ich ins Team durfte. Na ja, er sagte, er schulde ihm nichts, aber das kaufte ich ihm nicht ab.

Um halb acht am selben Abend holte mich Tony in dem Wagen seiner Mutter ab. Ich hatte keine Ahnung, was man zu so einer Party anzog. Da es abends immer noch über dreißig Grad warm war, was ja an sich nicht ungewöhnlich war für Kalifornien im August, entschied ich mich für ein graues Tank-Top und schwarze Hotpants. Tonys anzüglichem Blick zufolge, hatte ich das richtige Outfit gewählt.

Als wir in die Straße, die zu Ryans Villa führte, einbogen und ich die lange Schlange von parkenden Autos sah, bekam ich eine Ahnung davon, wie groß diese Party wirklich sein würde. Tony reagierte gelassen und manövrierte das Auto in eine Lücke am Ende der Straße, doch mir stand vor Staunen der Mund offen.

„Wie viele Gäste erwartet er denn?“

„Keine Ahnung. Gewöhnlich so um die hundert bis hundertfünfzig. Wenn seine Eltern nicht zu Hause sind, können es auch bis zu dreihundert werden.“

Grundgütiger, ich kannte nicht einmal so viele Leute, wenn ich alle meine Freunde, Verwandten und deren Haustiere zusammenzählte. Wir schlenderten die Einfahrt hoch und liefen über Marmorstufen zur gewölbten Eingangstür. Musik dröhnte durch das dicke Holz. Zu läuten war vermutlich Zeitverschwendung. Tony drehte am Knauf und die Tür öffnete sich.

Sean Pauls „She Doesn’t Mind“ donnerte aus unzähligen Lautsprechern, als wir eintraten. Tanzende Kids rieben ihre Körper in aufreizenden Tanzbewegungen, die ich sonst nur aus Filmen kannte, aneinander. Einige Jungs versuchten trotz der Musik eine Unterhaltung zu führen, während sie Bier aus Flaschen tranken und nach den Hintern der Mädchen grapschten. Einige Pärchen küssten sich im schummrigen Licht.

Ich klammerte mich an Tonys Arm. „Oh mein Gott, lass mich hier bloß nicht allein!“

Er lachte mich aus, oder zumindest dachte ich das, denn bei der lauten Musik konnte ich ihn nicht wirklich hören. Mit seinem Arm presste er meine Hand fester gegen ihn und zog mich in die Menge.

Nicht alle hier waren Schüler. So wie es aussah, hatte Hunter auch jede Menge älterer Freunde, im Alter von etwa sechzehn bis fünfundzwanzig. In der Mitte des Raumes entdeckte ich ein paar Mädchen aus meinem Geschichtsunterricht. Simone Simpkins griff nach meiner Hand, als wir an ihnen vorbeigingen. Ich musste von ihren Lippen lesen, um zu verstehen, dass ich mich zu ihnen gesellen sollte.

„Ich hol uns was zu trinken!“, schrie Tony in mein Ohr.

Ich nickte und sah mit einem flauen Gefühl in der Magengrube zu, wie er in der Menge verschwand. Was, wenn er mich in diesem Gewimmel nicht mehr wiederfand? Die Distanz zwischen uns füllte sich rasch mit fremden Leuten. Verdammt, ich hätte ihn nicht gehenlassen sollen.

Schließlich wandte ich mich wieder meinen Freunden zu. Ich versuchte der Unterhaltung zu folgen, aber größtenteils stand ich nur da und nickte, ohne ein Wort zu verstehen. Nach zehn Minuten war Tony immer noch nicht zurück. Simone bot mir eine Flasche Corona an. Völlig ausgetrocknet von der Hitze hier drinnen, war ich dankbar für alles. Hauptsache, es war kühl. Erst benetzte ich nur meine Lippen mit dem Bier. Okay, schmeckte gar nicht so übel. Ich nahm einen richtigen Schluck. Etwas herb, aber sonst ganz gut. Nachdem ich die halbe Flasche leer getrunken hatte, wurde mir ein wenig schummrig.

Plötzlich sah ich Tony auf der anderen Seite des Zimmers. Zumindest dachte ich, er wäre es. Schnell entschlossen winkte ich zum Abschied in die Runde und machte mich auf den Weg durch das Gewühl. Am hinteren Ende lichtete sich die Menge ein wenig. Ich schaffte es, mich durchzuschlängeln, ohne mich am Schweiß der anderen zu reiben. Nur leider war Tony nirgendwo zu sehen.

Ein Durchbruch in der Mauer, mit einem hohen Deckenbogen, verband diesen Raum mit der riesigen dahinter liegenden Küche. Ich steuerte darauf zu und traf auf Ryan, der im Durchgang mit einer Schulter gegen die Wand lehnte. Er hatte die Ärmel seines schwarzen Hemds bis zu den Ellenbogen hochgerollt und die Nähte seiner Jeans waren ausgefranst und abgetreten. Ich konnte die Farbe schwarz an Tony nie ausstehen. Sie verlieh ihm ein seltsam dämonisches Aussehen. Bei Ryan jedoch war das etwas Anderes. Mit dem aufgeknöpften Hemdkragen wirkte er geheimnisvoll. Irgendwie sexy. Dass er teuflisch aussah, war cool.

Sein Blick blieb an mir hängen, während er sein Bier trank und ich näher kam. Es wäre unhöflich, den Gastgeber nicht persönlich zu begrüßen, also blieb ich vor ihm stehen und sagte: „Hallo.“

Hier hinten war die Musik nicht ganz so laut. Ich verstand sogar sein Hi.

„Nettes Haus. So voller… Leute.“ Ja, was für ein origineller Aufhänger. Ich wollte mich selbst dafür ohrfeigen. Etwas Besseres fiel mir aber leider nicht ein. Tja, coole Unterhaltungen zu führen war eben nicht meine Stärke.

„Danke.“ Er stieß sich von der Wand ab und lehnte sich weiter zu mir, damit ich ihn verstehen konnte. „Es wurde auch langsam Zeit, dass Mitchell dich hierher schleppt. Er hat dich lange genug von meinen Partys ferngehalten.“

Wie bitte, was? Ich runzelte die Stirn. Tony war der Grund, warum ich bisher noch nie eine Einladung bekommen hatte? Dieser verdammte Mistkerl. Andererseits nahm er vermutlich an, ich würde mich an solch einem Ort, mit all den trinkenden Leuten und dem Lärm, nicht wirklich wohlfühlen. Und ich Vollidiot hatte seine Vermutung in dem Moment bestätigt, als wir durch die Haustür hereingekommen waren und ich mich wie ein Angsthase an seinen Arm geklammert hatte.

Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und krächzte in Ryans Ohr: „Weißt du wo er ist?“ Gott sei Dank musste ich nicht mehr schreien. Meine Stimmbänder waren bereits angeschlagen genug und mein Hals fühlte sich kratzig und trocken an.

„Nein, keine Ahnung.“ Er nippte an seinem Bier.

Seufzend nahm ich einen Schluck von meinem, aber mittlerweile ekelte ich mich davor. Ich verzog das Gesicht. Plötzlich nahm Ryan meine Hand und zog mich in die Küche. Er stellte sein Bier auf dem Tresen ab, machte eine Sprite auf, nahm mir die Flasche Corona ab und drückte mir stattdessen die Limodose in die Hand.

„Du solltest kein Bier trinken.“ Sein Tonfall klang plötzlich ganz ernst. „Besonders nicht in diesem Haus.“

Er hatte recht. Ich wollte wirklich nicht zu einem der Grapsch-Flittchen werden, so wie die meisten der Mädchen im Nebenzimmer. Ich war dankbar für die Limo. So konnte ich wenigstens den bitteren Nachgeschmack des Biers in meinem Mund hinunterspülen.

„Du hast dich heute echt gut geschlagen“, sagte Ryan.

„Ich war furchtbar und das weißt du. Ich verstehe immer noch nicht, warum du mich in die Mannschaft geholt hast.“

Er trank aus meiner Flasche Corona. „Wer weiß? Vielleicht will ich dich da einfach haben.“

Himmel, bei seinem anzüglichen Tonfall durchzuckte mich ein kribbelnder Schauer.

„Mach jeden Tag ein wenig Ausdauertraining, dann bist du bald eine Spitzenspielerin.“

In Sport war ich eine Versagerin. Zu Beginn des Sommers hatte ich versucht, jeden Morgen eine kurze Strecke zu joggen, um in Form zu kommen. Aber das war nichts für mich. Das Weiteste, das ich schaffte, war eine halbe Meile, bevor ich prustend und frustriert zurück stapfte. „Ich glaube, mir fehlt einfach die nötige Motivation, um Sport zu treiben. Ich bin eine echte Niete, wenn’s ums Laufen geht.“

„Was du brauchst, ist ein Privattrainer.“

Darüber konnte ich nur lachen. „Sag bloß, du willst den Job?“

Ryan kräuselte die Lippen und starrte mich einen Moment lang an, so als hätte ich ihm gerade eine Menge Geld für beschissene Arbeit geboten. Dann zuckte er mit einer Schulter. „Sicher. Warum nicht? Wenn du versprichst, ein wenig Begeisterung zu zeigen, bin ich dabei.“

Das klang nach einem interessanten Angebot. Schließlich hatte ich gar keine andere Wahl, als an meiner Ausdauer zu arbeiten, wenn ich ein ganzes Fußballspiel durchhalten wollte. Keinesfalls konnte ich Blondie weiteren Gesprächsstoff liefern, um über mich herzuziehen, indem ich nach der ersten Halbzeit zusammenbrach. Ihre Genugtuung wäre mein Ruin. Außerdem sollte Tony endlich einsehen, dass ich für mehr gut war, als nur Videogames mit ihm zu spielen.

Ja. Training war das neue Motto.

Überraschenderweise durchlief mich bei dem Gedanken mit Hunter zu trainieren ein Schwall von Vorfreude. Er war der Kapitän der Fußballmannschaft. Das machte privates Training mit ihm zu einer Art Privileg. Es würde meinen Status in der Schule von durchschnittlich zu supercool aufpolieren.

„Abgemacht.“

Er nickte langsam. „Wir beginnen Montagmorgen.“

Fantastisch. Somit hatte ich noch einen ganzen Tag Freizeit, bis zu meinem gerade inszenierten Selbstmord. Aber sein begieriger Blick versprach, ich würde meine Entscheidung nicht völlig bereuen.

Hinter mir rief jemand seinen Namen. „Wir spielen eine Runde Pool. Bist du dabei?“

Ryan stieß sich vom Tresen ab. „In einer Minute.“ Dann strich er mit dem Hals der Flasche über meine Wange. „Genieß den Abend. Und was immer du tust, halt dich fern von den Erdbeeren.“

Ich stand sprachlos da, als er an mir vorbeiging und mit einem leisen Lachen aus der Küche verschwand. Ich nahm einen Schluck Sprite, um mich abzukühlen.

In diesem Moment kam Susan Miller in die Küche. Sie machte ein freudiges Gesicht, als sie mich sah. „Hey, was sagst du dazu, jetzt sind wir beide im Team. Und ganz ehrlich –“ Sie holte kurz Luft und blickte geheimnisvoll nach allen Seiten, um sicherzugehen, dass außer uns niemand im Raum war. „Ich habe in meinem Leben noch kein schöneres Haus gesehen. Ich wollte schon immer mal auf eine von Hunters Partys gehen, aber er hat mich bisher nie bemerkt. Vermutlich wusste er bis heute noch nicht mal meinen Namen.“

„Ja, meinen auch nicht.“ Zumindest hatte ich das angenommen, bis er mich gestern zum ersten Mal Matthews genannt hatte.

„Was wirst du beim Training anziehen? Deine Sportsachen, oder besorgst du dir ein richtiges Fußballdress?“

Susan war so aufgeregt, ich konnte ihren Enthusiasmus gar nicht verstehen. Welches Mädchen wollte schon freiwillig Fußball spielen? Abgesehen davon, dass vielleicht im Team ein Junge war, in den sie seit Jahren Hals über Kopf verliebt war.

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich weiß noch nicht. Wahrscheinlich bleibe ich vorerst bei dem was ich habe. Shorts und ein T-Shirt. Alles Andere kann ich mir bei meinem mickrigen Taschengeld sowieso nicht leisten.“ Und nie im Leben würde mich jemand dazu überreden können, diese potthässlichen Schuhe mit Stoppeln an den Sohlen zu tragen. „Hör mal, hast du Tony irgendwo gesehen?“

„Nicht, seit ihr beide zur Tür hereingekommen seid. Warum?“

„Bisher habe ich ihn nicht viel zu Gesicht bekommen und ich frage mich nur gerade, wo er steckt.“ Ich warf meine leere Dose in den Mülleimer. Mein schlechtes Gewissen plagte mich, trotzdem fragte ich: „Macht es dir etwas aus, wenn ich ihn suchen gehe?“

Susan war cool. „Mach du nur. Ich finde euch später.“

Ich kehrte zurück in den Partyraum und wanderte ein wenig umher, in der Hoffnung, Tony endlich zu finden. Aber das Schieben und Schubsen der schwitzenden Kids ging mir bald auf die Nerven. Ich hielt mich näher an der Wand. Als ich einen weiteren Durchgang erreichte, schielte ich kurz in den Nebenraum. Da war kein Blondschopf. Enttäuscht sackten meine Schultern nach unten. Aber dann traten einige der Jungs zur Seite und gaben die Sicht auf einen Billardtisch frei. Jemand beugte sich auf eine anziehende Weise darüber.

Mittlerweile erkannte ich Hunters dunkles Haar überall. Er hielt den Queue flach über dem grünen Filz und zielte auf die weiße Kugel. Es waren noch einige bunte Kugeln im Spiel, doch so wie es aussah, hatte er es auf die schwarze Acht abgesehen.

„Komm schon, Ryan! Gib einem Freund eine Chance. Du kannst die Kugel noch nicht versenken.“

Ich drehte mich zur Seite, um zu sehen, wer Hunter hier so kläglich anflehte. Der Name des großen Jungen war mir entfallen, aber ich wusste, er hatte Algebra mit Tony. Der Ausdruck in seinem Gesicht war zum Schießen. Man konnte glatt meinen, sein Leben hing davon ab, ob Hunter die Kugel einlochte oder nicht.

„Was ist dein Problem, Justin?“ Hunter grinste, als er den Queue perfekt positionierte. „Hast du Angst, deine Mutter könnte herausfinden, dass du um Geld spielst?“

In diesem Moment bemerkte ich den Stapel Geldscheine auf der Tischkante. So wie es aussah, hatten sie eine Summe von gut einhundert Dollar im Pot. Mein Mund blieb offenstehen. Das waren fünfzig von jedem. Ich bekam in einem Monat nicht einmal halb so viel Taschengeld.

„Meine Mutter schert sich einen Dreck. Aber ich brauche wirklich unbedingt dieses Spiderman Comicheft. Es ist ein Original“, jammerte Justin.

Er tat mir beinahe leid. Nun musste ich wissen, wie das Spiel ausging, und so rutschte ich an der Wand entlang, bis ich im Zimmer stand, genau gegenüber von Ryan. Schmale Augen und seine in Falten gelegte Stirn gaben seine Anspannung preis. Der Queue rutsche in seiner Hand etwas nach hinten. Jeden Moment würde er seinen Spielzug ausführen.

Doch dann blickte er hoch zu mir. Seine dunklen Augen fixierten mich. Er rührte sich keinen Millimeter, nur seine Brust hob und senkte sich bei jedem Atemzug. Sämtliche Blicke im Raum waren nun auf mich gerichtet. Mein Herz klopfte ein wenig schneller und ich fühlte, wie meine Wangen unangenehm heiß wurden.

Ich biss mir verlegen auf die Unterlippe. „Was ist?“

Ryan sagte kein Wort. Aber Justin warf seine Faust in einer siegessicheren Geste in die Luft, als er an meine Seite eilte. Er legte mir den Arm um die Schultern und grinste dämlich. „Schätzchen, du hast mir gerade das Leben gerettet.“

„Ah… okay.“ Mein Blick kehrte zu Hunter zurück. „Und wie das?“

Ryan fing an zu grinsen, obwohl er dabei nicht so glücklich wirkte, wie der Junge neben mir. Eher so, als wüsste er, dass gleich ein Unglück passieren würde. Und zwar seines.

„Er kann nicht spielen, wenn ihm jemand zusieht“, sang Justin fröhlich in mein Ohr. „Er wird den Stoß total vermasseln.“

„Aber ihr seht ihm doch alle zu“, stellte ich fest.

Am hinteren Ende des Zimmers lachte jemand. „Ja schon. Aber wir sind keine Mädchen.“

Hunter richtete sich auf. Er rieb die Spitze seines Queues mit blauer Kreide ein. Seine Lippen waren zusammengepresst und er ließ mich nicht aus den Augen. Obwohl ihn die ganze Sache offenbar sehr amüsierte, wollte ich ihm keine Probleme verursachen. Besonders nicht, wenn Geld im Spiel war.

„Es tut mir leid“, krächzte ich verlegen. „Ich werde euch Jungs wohl lieber wieder alleine lassen.“

„Oh nein, das kommt gar nicht in die Tüte, Schätzchen!“ Justins Arm lag immer noch fest auf meinen Schultern. „Du bist meine Versicherung. Mit deiner Hilfe werde ich das Comicheft doch noch bekommen. Du bleibst!“

Ich fand seinen Übermut niedlich, obwohl ich mich offengesagt wie ein Verräter fühlte. Ryan, der bis jetzt immer noch nichts gesagt hatte, fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe. Ein Mundwinkel wanderte langsam nach oben. Er holte tief Luft und beugte sich erneut über den Tisch. Es herrschte Totenstille. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Justin die Finger kreuzte und ein leises Stoßgebet in Richtung Zimmerdecke sandte.

Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass ein einzelner Stoß die Anspannung in einem Raum derart heben könnte. Ryan räusperte sich, sein Blick schweifte zwischen mir und der weißen Kugel vor ihm hin und her. Plötzlich sackte sein Kopf herab und er lehnte die Stirn lachend auf die Tischkante. „Nimm dein Geld, Justin. Ich gebe auf.“

Die Jungs in dem Zimmer johlten, als wäre soeben das Undenkbare passiert. Justin drückte mir einen Kuss auf die Backe. Er schnappte sich das Geld. Ich stand nur da und starrte Hunter, der nun seine Hände auf den Billardtisch stützte und den Kopf hängenließ, fassungslos an. Doch als er aufblickte, war da dieser unverkennbare Funke von Heiterkeit in seinen Augen.

„Es tut mir so leid“, formte ich mit den Lippen. Es hatte sowieso keinen Sinn zu versuchen, die anderen zu übertönen.

„Ich verbanne dich aus diesem Zimmer.“

Wie ich, flüsterte auch er, jedoch mit einem Grinsen, und ich las es von seinen Lippen. Er kam um den Tisch herum, ganz langsam. Ich drückte mich etwas fester gegen die beruhigend kühle Wand hinter mir.

Er blieb vor mir stehen, den Queue in einer Hand, während er sich mit der anderen auf meiner Augenhöhe gegen die Wand stützte. „Du hast mich gerade fünfzig Mäuse gekostet“, sagte er leise.

„Ja, ich weiß.“ Ich versuchte den Blick eines armen Hündchens zu mimen. „Aber Justin braucht wirklich unbedingt dieses Comicheft.“

Ryan lächelte süffisant. „Du verbündest dich also mit dem Feind? Ich hätte es wissen müssen.“ Er legte mir die Hand auf die Schulter und schob mich sanft durch den Torbogen hinaus und zurück in den Partyraum. „Heute Nacht hast du keinen Zutritt mehr zu diesem Zimmer.“

„Oh nein, warum?“ Ich zog einen verspielten Schmollmund, hob mein Kinn und sah in seine funkelnden Augen. „Es macht echt Spaß dir zuzusehen, wenn du… verlierst.“

Er ließ nicht zu, dass sein Lächeln ihn verriet, als er sich zu mir beugte. „Fort mit dir!“

KAPITEL 4

ICH WINKTE UND ließ Hunter und die anderen Jungs allein. Es wurde sowieso Zeit, wieder weiter nach Tony zu suchen. Aber ihn in einem Haus zu finden, das von Menschen nur so wimmelte, stellte sich als unmöglich heraus. Zumindest traf ich bald auf ein paar bekannte Gesichter. Megan Johnson stellte mich ihrem älteren Bruder und ein paar seiner Freunde vor. Einer bot an, mir einen Drink zu holen. Als er Corona vorschlug, sagte ich ihm, dass ich so schnell keinen Alkohol mehr trinken würde.

„Wie wäre es mit Fruchtsaft?“

„Klingt gut.“

Er verschwand kurz und kam mit einem Glas Traubensoda zurück, steckte einen Strohhalm hinein und reichte es mir. Sein dunkelgrauer Hut verlieh ihm diesen unverkennbaren Bruno-Mars-Look. In der nächsten Stunde unterhielten wir uns recht gut. Er füllte mein Glas mehrmals nach. Nachdem ich auch mein drittes Glas leergetrunken hatte, konnte ich zwar noch erkennen, dass sich seine Lippen bewegten, aber ich verstand nicht wirklich, was er sagte. Außerdem hatte ich das seltsame Bedürfnis oft die Stirn zu runzeln und mich gegen die Wand zu lehnen, um nicht umzukippen, weil das Zimmer plötzlich anfing, sich um mich zu drehen.

„Geht’s dir gut?“, fragte der Kerl mit dem Hut. Hatte er mir eigentlich seinen Namen verraten? Und wann kam überhaupt sein Zwillingsbruder dazu? Der Junge verschmolz mit ihm und tauchte dann plötzlich wieder auf. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht.

Ich massierte meine Schläfen. „Ich bin nicht sicher.“ Ich sprach etwas langsamer, nur für den Fall, dass es ihm so ging wie mir und er nichts mehr auf die Reihe bekam.

Und dann kippte die Welt zur Seite und ich fand mich in seinen Armen wieder.

„Oha! Du hast das wohl ernst gemeint mit dem ‚kein Alkohol‘.“

Ich grinste in das Gesicht, das knapp vor meinem hin und her schwankte. Sicher meinte ich es ernst. Was dachte er denn? Dass ich ein Lügner war? Ich schnappte mir seinen Hut und setzte ihn auf meinen Kopf. „Jetzt bin ich mal für eine Weile Bruno.“

„Hey, was ist hier los?“

„Tony!“ Ich freute mich, seine Stimme zu hören, und versuchte, ihn zu lokalisieren. Im nächsten Moment hielt er mich in einer festen Umarmung und zog mich weg von Bruno Mars. Ohne dessen Hut. Ich drehte mich in Tonys Armen und strahlte in sein ach-so-besorgtes Gesicht. „Wo warst du nur die ganze Nacht? Ich habe so lange versucht dich zu finden.“

„Wo hast du gesucht? Auf dem Boden der Bowleschüssel?“

Ich beschloss für mich, ich musste das nicht verstehen, und ließ mich von ihm in die Küche bugsieren.

„Wupp“, lachte ich, als er seine Hände an meine Taille legte und mich auf den Tresen hob. Gewöhnlich war er einen halben Kopf größer als ich, aber wie ich da so saß, waren unsere Augen auf gleicher Höhe, was mir überaus gut gefiel. Er hatte so unglaublich schöne blaue Augen.

Mit seinen Händen auf dem Tresen, links und rechts neben meinen Hüften, stand er zwischen meinen baumelnden Beinen. Diese ungewöhnliche Stellung überraschte mich und machte mich gleichzeitig tierisch an. Ich kippte vornüber und grinste, als ich meine Stirn gegen seine lehnte.

Tony lachte, aber es klang nicht unbekümmert wie sonst. Er richtete mich auf. „Wie viele Drinks hattest du heute Abend?“

„Hey, warum so besorgt?“

Wie viele, Liza?“

Ich mochte seinen kommandierenden Tonfall nicht. Seufzend pustete ich meine Stirnfransen aus dem Gesicht. „Da war diese halbe Flasche Bier und dann noch Sprite. Ein bisschen Soda. Ein oder vier Gläser… glaube ich.“

„Soda?“

„Traubensoda.“

„Scheiße.“ Wieder lachte er. Jetzt klang er nervös. „Deine Mom wird mich umbringen, wenn ich dich in diesem Zustand nach Hause bringe; betrunken wie du bist.“

„Hey, nimm das zurück! Ich bin nicht betrunken.“

Als plötzlich eine bestimmte Tussi in die Küche stolzierte, wie ein Reh auf eine Blumenwiese, wurde mir übel. Sie ignorierte mich und flirtete Tony mit einem breiten Lächeln an. Ich dachte, ich müsste mich gleich übergeben.

„Anthony, du hast versprochen, mit mir zu tanzen.“

„Anthony, du hast versprochen, mit mir zu tanzen“, äffte ich sie wie eine Dreijährige nach.

Das lenkte ihre Aufmerksamkeit auf mich. „Was ist denn mit der los?“

„Sie hat etwas zu viel Bowle intus. Ich bin gleich bei dir.“

Er wollte mit Chloe tanzen? Nein! Das ging nicht. Ich wollte ihm sagen, dass er das nicht tun durfte, doch eine plötzliche Müdigkeit überfiel mich. Mein Kopf wurde schwer, sackte nach vorne und landete auf seiner Schulter. „Ich bin so müde. Können wir jetzt nach Hause fahren?“

„Komm schon, Anthony. Du willst doch jetzt noch nicht wirklich gehen? Es ist erst elf.“ Himmel, wie sehr ich Barbies Stimme hasste. „Bring sie nach oben in eines der Gästezimmer. Sie kann dort schlafen.“

„Und dich nicht weiter stören, ja?“ Ich brachte gerade noch ein Grollen heraus, als ich meinen Kopf in ihre Richtung drehte, doch meine Augen blieben geschlossen. Ihr angewidertes Grunzen störte mich nicht weiter.

Jemand mischte sich in unsere Unterhaltung ein. „Das würde ich an deiner Stelle nicht tun, Mitchell.“

Hunter. Aber wo kam der denn plötzlich her? Und wovon zum Teufel redete er?

„In ihrem Zustand ist sie in keinem der Gästezimmer sicher. Du weißt, wie es auf diesen Partys zugeht, je später es wird. Bring sie in mein Zimmer.“

„Was?“, riefen Tony und ich wie aus einem Mund. Ich saß plötzlich kerzengerade da, meine Augen weit aufgerissen. Der Gedanke, in Ryan Hunters Zimmer zu schlafen, schockierte mich zutiefst. Aber warum Tony so entsetzt war, verstand ich nicht.

Ryan verdrehte die Augen. Mmh. Er sah dabei unglaublich heiß aus.

„Macht euch nicht lächerlich. Sie ist lange wach und aus dem Haus, bevor ich überhaupt nach oben komme.“

Für einige Sekunden herrschte angespannte Stille.

„Verdammt, jetzt mach schon was er sagt, Anthony. Und beeil dich!“, drängte der Barbie Klon.

Tony presste seine Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. Ich fragte mich, was es noch gleich war, das er machen sollte.

„Komm, Liz.“ Er zog mich vom Tresen und begleitete mich zur Tür.

Die fehlende Kontrolle über meine Beine sorgte dafür, dass ich gegen etwas Kaltes, Glänzendes stieß.

„Verzeihen Sie bitte!“, sagte ich zum Kühlschrank.

Ryan, direkt hinter mir, fing mich auf, bevor ich gegen mehr Küchenausstattung laufen konnte. „Sagte ich nicht, du sollst dich von den Erdbeeren fernhalten?“, brummte er mir ins Ohr.

„Erdbeeren? Da war eine in meinem letzten Glas Traubensoda. Mmh, die war lecker.“

„Lecker, schon klar.“ Er lachte, als er mit seinem Arm hinter meine Knie griff und mich hochhob. „Ich bring sie in mein Zimmer, Mitchell. Du kannst sie mitnehmen, wenn du gehst. Oder komm morgen Früh zurück und hol sie.“

„Bist du sicher?“ Da war sie schon wieder; Tonys besorgte Stimme.

„Ich bin sicher. Jetzt hau schon ab und tanz mit Chloe, sonst nervt sie mich als nächstes.“

Mit jeder Stufe, die Ryan mich nach oben trug, wurde die Musik leiser. Ich schlang meine Arme um seinen Hals und legte meinen Kopf auf seine Schulter. „Du willst nicht mit Chloe tanzen?“, murmelte ich.

„Würdest du?“

„Ich würde gar nichts mit ihr tun. Ich kann sie nicht ausstehen.“

„Und ich weiß auch genau warum“, zog er mich auf.

„Wirklich?“ Ich nahm einen tiefen Atemzug und sog den Geruch seines Aftershaves zusammen mit dem seiner warmen Haut ein. „Du riechst gut.“

Aus irgendeinem Grund brachte ihn das zum Lachen. „Zeit fürs Bett, Matthews.“

Er stieß die Tür auf und trug mich über die Schwelle. Als nächstes legte er mich vorsichtig auf ein weiches Bett. Der gleiche Duft seines Aftershaves hing auch an dem Kissen. Ich atmete tief ein.

Er zog mir die Schuhe aus und streifte mir eine Decke über die Beine. „Alles okay?“

„Ich weiß nicht. Kannst du bitte nachsehen, ob da Rotorblätter aus meinem Kopf wachsen?

Mit geschlossenen Augen fühlte ich, wie Ryans Hand über mein Haar strich. „Das wird besser, sobald du einschläfst. Falls du etwas brauchst, der Lichtschalter ist gleich vor deiner Nase und das Badezimmer ist links, die nächste Tür.“ Er wartete einen Moment. „Hast du mich verstanden?“

„Licht, Nase. Klo, links. Hab verstanden.“ Ich gab ihm ein Daumen-hoch, kämpfte gegen die erdrückende Müdigkeit an und sagte kleinlaut: „Hunter?“

„Hm?“

„Das mit dem verlorenen Pool-Spiel tut mir leid.“

Er lachte leise. „Schlaf gut, Prinzessin.“

Etwas streichelte ganz sanft meine Wange. Seine Finger? Ich konnte es nicht eindeutig zuordnen, denn ich war bereits dabei, in einen tiefen Schlaf zu sinken. Aber es fühlte sich wirklich gut an.

Eine Tür knallte zu. Völlig verwirrt richtete ich mich auf und stellte fest, dass ich in einem großen Bett saß, inmitten eines Mond-beleuchteten Zimmers, welches mir total fremd war. Die Silhouette der dunklen Gestalt vor mir kam mir jedoch wage bekannt vor.

„Hunter?“

„Du bist immer noch hier?“, murmelte er. Meine Anwesenheit hinderte ihn nicht daran, sein Hemd aufzuknöpfen, es auszuziehen und es dann gemeinsam mit seinen Schuhen in eine Ecke zu werfen.

Mein Kopf dröhnte. Ich knetete die Stelle zwischen meinen Augen. „Wo genau ist hier? Und warum ziehst du dich aus?“

Der Mond warf einen silbernen Schimmer auf ihn, als er in der Dunkelheit den Blick auf mich richtete. „Das ist mein Zimmer. Und das Teil, auf dem du liegst, ist mein Bett. Da ich normalerweise nicht in meinen Sachen schlafe, dachte ich, ich ziehe sie einfach mal aus.“ Er sprach langsam und etwas undeutlich.

Diese Unterhaltung machte irgendwie keinen Sinn. Ich stöhnte und presste meine Handballen an meine Stirn. Ganz langsam lichtete sich der dicke Nebel in meinem Gehirn und die Erinnerung an letzte Nacht kam zurück. „Ist die Party vorbei?“

„Jemand hat auf den Boden gekotzt. Jep, die Party ist vorbei.“ Seine tiefe Stimme war in der Stille viel zu laut. „Ich schwöre, wenn Claudia nächstes Mal wieder ihre Erdbeerbowle mitbringt, trete ich zum allerersten Mal einem Mädchen in den Arsch. Harmlos, was für ein Blödsinn.“

Ich sah auf meine Armbanduhr. Die Zeiger leuchteten verschwommen im Dunkeln und sobald ich mich nur ein wenig darauf konzentrierte, wurde mir schwindlig. “Wie spät ist es?“

„Drei.“

„Drei Uhr morgens?“, rief ich entsetzt.

„Es ist dunkel draußen. Natürlich ist es drei Uhr morgens.“

Ich schlug die Decke zurück und sprang aus dem Bett. Aber die Schwerkraft war ein mieses Stück und im nächsten Moment fiel ich wie ein nasser Sack zu Boden. Ich tappte im Dunkeln nach meinen Schuhen. Ich hätte schon seit Stunden zu Hause sein müssen. Meine Mutter würde ausflippen.

Ich versuchte aufzustehen. „Wo sind meine Schuhe?“

„Was hast du vor?“

In Panik ausbrechen! Weil ich in einem fremden Haus gefangen war. „Ich gehe nach Hause!“ Scheiße, mein dröhnender Kopf versuchte mir eindeutig zu vermitteln, es etwas langsamer angehen zu lassen. Und schnelles Sprechen war sowieso unmöglich.

„Oh-wow.“ Ryan legte seine Hände auf meine Schultern und drückte mich zurück aufs Bett. „Keine gute Idee. Da wir uns bereits einig sind, dass es mitten in der Nacht ist… und du betrunken bist.“

„Betrunken? Nein!“ Ich trank keinen Alkohol. Und Soda machte mein Hirn sicher nicht so schwammig. Allerdings musste ich zugeben, dass entweder mit mir oder mit dem Zimmer etwas nicht stimmte, denn plötzlich drehte sich wieder alles um mich.

Hunter winkte ab. „Wie auch immer. Das kann ich nicht zulassen.“

„Was?“

„Dass du alleine heimgehst.“

Ich kniff die Augen zusammen. „Du willst mitkommen?“ Seltsam. Sollte Tony nicht eigentlich hier sein, um mich nach Hause zu fahren?

„Es sind eineinhalb Meilen bis zu deinem Haus. Das bedeutet, drei Meilen Fußmarsch für mich. Ich bin ziemlich sicher, dass ich das heute Nacht nicht mehr schaffe.“ Die Matratze sank unter seinem Gewicht ein, als er sich neben mich setzte. „Also wenn du unbedingt nach Hause willst, muss ich dich fahren. Und das würde ich heute Nacht lieber vermeiden.“

Sogar im Sitzen wankte Hunter vor mir hin und her. Doch da das Zimmer ebenfalls schwankte, war ich nicht sicher, ob wirklich er es war oder ob ich irgendwelche sonderbaren Halluzinationen hatte. „Und was mache ich jetzt?“

„Ich würde sagen, leg dich hin. Schlaf. Und morgen finden wir eine Lösung.“

„Was ist mit dir?“

Er sah sich im Zimmer um und kratzte sich dabei im Genick. „Der Boden ist hart. Und ich bin zerschlagen. Das Bett ist groß genug für zwei.“ Sein letzter Satz klang eher nach einer Frage.

Mir wurde übel – und nicht, weil er mich gerade gebeten hatte, sein Bett mit ihm zu teilen. Mir drehte sich der Magen um. Ein saurer Sodageschmack stieg mir die Speiseröhre hoch. Es gab nur eine Möglichkeit, um mich nicht auf den gesamten Boden zu übergeben. Ich musste mich hinlegen.

Ich sackte zur Seite und vergrub mein Gesicht in seinem Kissen. Stöhnend hielt ich ein Auge offen und konzentrierte mich auf die Lampe auf seinem Nachttisch. Wenn doch nur mein Kopf aufhören würde, Karussell zu fahren.

„Definitiv die richtige Entscheidung, Matthews“, murmelte Ryan. Er fasste mein Schweigen wohl als Erlaubnis auf und ließ sich neben mich in das Kissen fallen. Sollte mich das stören? Ich war mir nicht sicher.

Ryan drehte sich zu mir und grinste gefährlich. „Ich verspreche, in den nächsten drei bis sechs Stunden hast du von mir nichts zu befürchten. Danach kann ich allerdings für nichts garantieren.“

KAPITEL 5

AM FOLGENDEN MORGEN weckte mich die Sonne, deren warme Strahlen durch das Fenster hereinfielen. Mir war, als würde ich auf einer Luftmatratze aufs unruhige Meer hinaustreiben. Erst nach einigen Minuten hatte das unangenehme Schaukeln ein Ende und ich konnte klar denken.

Meine Wange war auf ein Kissen gebettet, das nach Piniennadeln und Patschuli roch. Ich atmete tief ein und wollte diesen Duft für immer in meiner Erinnerung behalten. Als ich meine Augen öffnete, konnte ich nur eines sehen. Die sinnlichen Lippen von Ryan Hunter. Meine Hand lag flach auf seiner nackten Brust.

Heiliger Strohsack, was war passiert? Wieso lag ich im selben Bett mit dem Kapitän der Fußballmannschaft? Ich hätte wohl besser nicht auf diese Party gehen sollen.

Mein einziger Gedanke war Lauf! Aber als mir bewusst wurde, welch chaotische Stellung Ryan und ich im Schlaf angenommen hatten, konnte ich mich vor Schreck kaum bewegen.

Zur Seite gedreht, hatte ich mein linkes Bein über seine Hüfte geschlungen. Mein Schenkel lag bequem in seiner Leiste. Er lag auf dem Rücken und gab mir mit seinem angewinkelten linken Bein keine Möglichkeit, meines von ihm wegzuziehen. Ich versuchte, mein Zittern unter Kontrolle zu bekommen. Keine Chance.

Ich lag still. Das Schlimmste, das jetzt passieren konnte, war, dass Ryan aufwachen würde. In meinem Kopf spielte ich sämtliche Fluchtmöglichkeiten durch. Fantastisch! Es gab keine einzige. Ich war gefangen.

Vielleicht, wenn ich ganz still liegenblieb und so tat, als würde ich noch schlafen, bis er aufwachte und aufstand… Ja, dann könnte ich heimlich hinausschleichen und verschwinden, bevor er überhaupt etwas merkte. Ich hätte mich selbst für diese schwachsinnige Idee geohrfeigt, wenn ich den Mumm gehabt hätte, meine Hand von seiner Brust zu nehmen.

Und welch starke Brust das war. Neben dem Fußballtraining stemmte er wohl Gewichte. Als ob meine Augen einen eigenen Willen hatten, streifte mein Blick über seinen athletischen Körper. Ein dünner Streifen feiner Härchen führte von seinem Nabel über seinen flachen Bauch, bis er unter dem Bund seiner Jeans verschwand. Sein abgewinkeltes Bein wirkte unglaublich lang. Ich hatte dem nie Beachtung geschenkt, aber er musste fast einen Kopf größer sein als ich.

Meine Aufmerksamkeit wanderte wieder nach oben, zu dem Teil seines Gesichts, das nicht von seinem Arm bedeckt war. Kräftige Wangenknochen und eine perfekt geformte Nase. Sein Dreitagebart flehte mich an, mit der Handfläche darüber zu streichen. Ich widerstand der Versuchung. Unter seinem linken Ohr entdeckte ich eine alte Narbe, etwa halb so lang wie mein kleiner Finger. Sie würde nie jemandem auffallen, der nicht gerade so nah neben ihm lag, wie ich jetzt.

Plötzlich zuckte sein Mundwinkel. „Ich kann spüren, wie du mich beobachtest. Ich hoffe nur, du bist ein Mädchen und nicht einer der betrunkenen Jungs.“

Mir stockte der Atem. Blitzschnell zog ich meine Hand von seiner Brust. Er ließ seinen Arm locker über seinen Augen liegen. Mit der anderen Hand griff er nach unten und begann langsam über meinen nackten Oberschenkel zu streichen, in Richtung meines Hinterns.

„Definitiv weiblich“, schnurrte er wie ein Kater.

Panisch hielt ich seine Hand fest. „Einen Zentimeter weiter und du bist ein toter Mann, Hunter.“

„Matthews?“ Seine Stimme klang angenehm überrascht. Im Gegensatz zu mir wirkte er total entspannt.

Eine ungewöhnliche Hitze stieg in mir auf, als ich auf seine Hand an meinem Bein starrte. Mit nichts weiter an, als seiner Jeans und der schwarzen Armbanduhr, sah er eher aus, wie einer der Kerle auf den vielen Postern in Caroline Davis’ Zimmer und nicht, wie der Junge, den ich aus der Schule kannte.

Ich kam mir albern vor, weil ich seine Hand nicht losließ, doch ich hatte Angst, er würde sonst den Weg bis zu meinem Hintern fortsetzen.

Ryan nahm seinen Arm vom Gesicht und wandte sich zu mir. „Sag schon, Matthews. Warum liegst du in meinem Bett, wenn ich dich nicht anfassen darf?“

„Ich wusste nicht, dass Erdbeeren in der Limo waren.“

Auf seiner Stirn erschienen Falten und dann presste er die Lippen aufeinander. „Nochmal bitte?“

Himmel, merkte er nicht, dass er immer noch mein Bein festhielt und wie irritierend… und gleichzeitig erregend das für mich war?

„Jemand hat mir den ganzen Abend lang Traubensaft gebracht.“ Meine Stimme bebte leicht. „Ich hatte keine Ahnung, dass du die Bowle meintest, als du mich gewarnt hast –“

„– dich von den Erdbeeren fernzuhalten“, vollendete er den Satz für mich und schloss dabei seine Augen. „Verdammt, und ich hab Claudia noch gesagt, das Zeug nicht zu sehr zu panschen.“

Was? Die Bowle? Ich war mir ziemlich sicher, dass ich gestern Abend zu viel von diesem Grog getrunken hatte.

Ryan blickte mich schuldbewusst an. „Tut mir leid, aber ich kann mich nur noch wage daran erinnern, was passiert ist, nachdem ich dich gestern Nacht hier rauf getragen habe. Bin ich in Schwierigkeiten?“

Da ich meine Kleider noch an hatte, war letzte Nacht wohl nichts passiert. „Soweit ich mich erinnere, warst du selbst ziemlich betrunken. Also war ich einigermaßen sicher vor dir.“

Ein verschmitztes Lächeln spielte auf seinen Lippen. „Ich fürchte, meine gleichgültige Phase ist vorbei.“ Sein Daumen zeichnete plötzlich kleine Kreise auf meiner Haut. „Und wenn du nicht in Schwierigkeiten geraten willst, schlage ich vor, du nimmst dein Bein von meiner Hüfte.“

Meine Augen weiteten sich nach dieser anzüglichen Drohung.

„Was ist? Du weißt, dass du nicht gerade das hässlichste Mädchen der Welt bist.“

Wow, was für ein Kompliment. Idiot. Ich musste von hier verschwinden. Zurück zu – zu – Verdammt, Ryan hatte aber auch ein süßes Lächeln.

Ich verdrängte den Gedanken und ließ seine Hand los, dann drückte ich sein Knie nach unten, damit ich mein Bein befreien konnte. Schneller als der transatlantische Express war ich raus aus seinem Bett. Aber die Nachwirkungen einer alkoholreichen Nacht waren stärker, als ich vermutet hatte. Der Boden sauste auf mich zu oder ich stürzte, ich konnte nicht genau sagen, was von beiden.

Ryans Hände an meinen Ellenbogen hielten mich auf, bevor ich fallen konnte. Er wartete, bis ich zu ihm hoch blickte. „Besser?“

„Nicht wirklich.“ Ich suchte nach meinen Schuhen. Sie lagen am Bettende und ich befreite mich aus Hunters Griff, um sie anzuziehen.

Er ignorierte seine Sportschuhe und sein Hemd, die am Boden in einer Ecke lagen. Barfuß lief er zur Tür hinaus und die Treppe hinunter. Ich folgte ihm und musste die ganze Zeit auf seinen Rücken gaffen. Was war das bloß in letzter Zeit mit mir und nackter Haut, dass der Rest der Welt um mich keine Bedeutung mehr hatte?

„Hey Ry!“, rief jemand aus dem großen, gewölbten Raum, in den die Stufen führten.

„Hi Chris“, sagte Hunter zu dem Jungen, der ausgestreckt auf der Couch lag. Er ging einfach weiter, als wäre es für ihn das Natürlichste der Welt, am Morgen nach einer Party mit einem Mädchen aus seinem Zimmer zu kommen.

Es mochte für ihn vielleicht nichts Ungewöhnliches sein, aber für mich war es das ganz sicher. Ich spürte, wie mein Gesicht diese furchtbare, rote Farbe annahm. Himmel, wäre ich doch lieber aus dem Fenster gesprungen. Wie konnte ich nur in eine solch peinliche Situation geraten? Niemand sollte falsche Schlüsse ziehen. Und da waren noch einige marschunfähige Gäste von letzter Nacht übrig, die uns alle interessiert beobachteten.

Sehnsüchtig blickte ich zur Eingangstür, die eine Flucht ins Freie versprach. Leider hatte Hunter andere Pläne. Er zog mich in die Küche. Als er meine Hand losließ, blieb ich wie angewurzelt in der Mitte des Raumes stehen. Er ging zum Kühlschrank, nahm zwei Flaschen Wasser heraus und warf je eine Tablette hinein, die er zuvor aus einem Küchenschrank geholte hatte. Die Brausetablette sprudelte noch munter vor sich hin, als er mir eine der Flaschen in die Hand drückte und sich gegen den Tresen lehnte.

Ich wagte nicht den kleinsten Schluck.

„Warum so misstrauisch, Matthews? Das hilft gegen die Kopfschmerzen.“

Wegen dieses vermeintlich unschuldig aussehenden Traubensaftes war ich überhaupt erst in diese missliche Lage geraten, weshalb ich ein klein wenig skeptisch war. Allerdings trank er das gleiche Zeug, somit war es wohl sicher genug, es wenigstens zu probieren. Zaghaft schnupperte ich an dem Getränk. Schließlich setzte ich die Flasche an und nahm einen Schluck.

„Du vertraust mir nicht, habe ich recht?“

Er fand das wohl erheiternd.

„Warum sollte ich auch? Ich bin heute Morgen völlig verkatert aufgewacht, nach harmloser Soda. Nicht zu vergessen, ein genauso betrunkener Junge hat die halbe Nacht neben mir geschlafen.“

„Äh, ja, das tut mir leid. Ich trinke normalerweise nicht auf meinen eigenen Partys. Und eins versichere ich dir. Claudia werde ich mir wegen der gepanschten Bowle noch vorknöpfen.“

Ich fing langsam echt an das Wort Bowle zu hassen. Und das Gesöff noch viel mehr.

„Mach dir keine Sorgen“, sagte Hunter. „Solange du heute genügend trinkst, ist alles okay.“

„Ich fühle mich, als wäre eine Baustelle in meinem Schädel.“

„Oh ja, das Gefühl kenne ich. Gib mir nur schnell eine Minute, um zu duschen, dann fahre ich dich nach Hause.“

„Nein!“, entfuhr es mir. Scheiße, panisches Schreien war keine gute Idee. Ich verzog das Gesicht zu einer Grimasse und massierte meine Schläfen, wodurch das Dröhnen in meinem Kopf etwas nachließ.

„Nein danke“, versuchte ich es noch einmal in einem ruhigeren Ton. Ich wollte nur raus aus diesem Haus. „Ich gehe lieber zu Fuß, um frische Luft zu schnappen und ein wenig auszunüchtern, bevor ich meinen Eltern gegenübertrete. Meine Mutter wird ausrasten.“

„Wie du meinst.“ Ryan begleitete mich zur Eingangstür. „Soll ich dir meine Sonnenbrille leihen?“

„Warum sollte ich die haben wollen?“ In dem Moment, als ich die Haustür öffnete, wusste ich warum. Wie Dracula wich ich zurück in den Schatten und prallte gegen Ryans Brust, welche immer noch nackt war… und verdammt gut geformt.

Er fasste um mich herum und bot mir seine Sonnenbrille an, die er gerade von Gott weiß woher genommen hatte. Sein angenehmer Duft hüllte mich ein. Für eine Millisekunde stoppte das Dröhnen in meinem Kopf und ich dachte, ich bekäme aus einem ganz anderen Grund weiche Knie.

„Glaub mir, ich weiß, was du brauchst“, flüsterte er mir ins Ohr. Das provokative Grinsen, das in seiner Stimme mitschwang, war unüberhörbar. Oh Mann, mein Herz fing an zu rasen. Doch im nächsten Moment wurde mir klar, dass er eigentlich nur die Sonnenbrille gemeint hatte.

Ich nahm die Brille, setzte sie auf, wand mich aus seiner lockeren Umarmung und trat ins Freie. Dann stapfte ich die Stufen hinunter.

„Hey, Matthews!“, rief er.

Ich blieb stehen und warf ihm einen Blick über die Schulter zu.

„Wir beginnen morgen mit dem Training. Sieh zu, dass du um fünf Uhr bereit bist. Ich hole dich ab.“ Damit schloss er die Tür.

Fünf Uhr? War er jetzt total übergeschnappt? Völlig perplex blieb mir der Mund offen stehen. Das konnte nur ein schlechter Scherz sein.

KAPITEL 6

KURZ NACH HALB elf schlich ich zur Haustür hinein. Mom stand im Türrahmen zur Küche und hielt sich den Telefonhörer ans Ohr. Erleichterung stand ihr ins Gesicht geschrieben, als sie mich sah.

„Hallo Schatz! Warum hast du dein Handy nicht mitgenommen? Ich wollte gerade Tony anrufen, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist.“

Dem Himmel sei Dank für die vielen Male, die ich in den letzten zehn Jahren bei Tony übernachtet hatte. Für Mom war es nichts Ungewöhnliches, falls ich mal nicht nach Hause kam. Ich verspürte das Bedürfnis, mich zu bekreuzigen. Doch stattdessen setzte ich ein, wie ich hoffte, unbekümmertes Lächeln auf.

„Wie war die Party?“, fragte sie in einem beiläufigen Ton.

„Ganz nett.“

„Wann war sie denn zu Ende?“

„Kurz nach drei?“ Fantastisch. Wenn es mir gelang, noch schuldiger zu klingen, würde sie mich an den Stuhl fesseln und ins Kreuzverhör nehmen. Glücklicherweise verschwanden die Sorgenfalten auf ihrer Stirn Sekunden später. Sie fragte, ob ich Hunger hatte und wollte mir sogar mein Lieblingsfrühstück machen; Eier mit Speck.

Bitte, bloß nicht. Mir wurde übel. Das Glucksen meines Magens rebellierte verräterisch im Raum. Ich konnte nichts anderes tun, als die Nase hochzuziehen und zu würgen.

„Was ist los? Geht’s dir nicht gut?“ Sie stand vor mir und nahm meine Hand, bevor ich zur Treppe hinauf entwischen konnte.

Ich nahm Hunters Sonnenbrille ab und knetete die Stelle zwischen meinen Augen. „Nein, alles okay.“

„Was ist mit deinen Augen, Schätzchen?“

Verdammt. Ich senkte meinen Blick, um dem ihren auszuweichen. Zu spät. Sie schnappte nach Luft. „Die sind ja ganz rot! Liza Isadora Matthews –“

Großartig. Sie benutzte meinen vollen Namen. Das würde übel werden.

„Hast du etwa Alkohol getrunken?“

Im Gegensatz zu ihrem Geschrei wurde meine Stimme piepsig. „Nur ganz wenig, ich schwör’s. Und außerdem hatte ich keine Ahnung, dass Alkohol in der Limo war.“

Von da an zog sie alle Register des elterlichen Orchesters durch. Sie schrie mich an, sie fauchte, sie nannte mich unverantwortlich. Doch das Schlimmste war, sie verpasste mir Hausarrest.

Die einzige Zeit, in der ich die Sonne sehen würde, war beim Fußballtraining, dienstags und donnerstags, und auch nur deshalb, weil ich vor ihr auf den Knien rutschte und bettelte. Schließlich konnte ich nicht schon in der ersten Woche das Training versäumen, wenn es doch so schwer war, ins Team aufgenommen zu werden.

Letzten Endes brachte mir Mom ein Glas Wasser, drückte mich und sagte mir, wie froh sie war, dass ich zumindest nicht verletzt war. Ja genau, sie hatte ja auch keinen blassen Schimmer davon, wie furchtbar mein Kopf dröhnte.

Oben in meinem Zimmer plumpste ich aufs Bett und schmiedete Pläne für eine Woche in Gefangenschaft. Wenigstens würde der Stapel Bücher, den ich mir vorgenommen hatte zu lesen, dadurch endlich schrumpfen.

Am frühen Nachmittag vibrierte mein Handy auf dem Nachttisch. Tonys Name blinkte auf dem Display. Ich hob nicht ab, sondern drückte gleich den roten Knopf, um die Verbindung zu unterbrechen. Es einfach nur Läuten zu lassen, war nicht genug. Er sollte wissen, dass ich keine Lust hatte, mit ihm zu sprechen.

Einige Augenblicke später bekam ich eine SMS. BIST DU BÖSE?

Idiot. Ich würde darauf nicht antworten.

Es dauerte nicht lange, bis die nächste Nachricht hereinkam. DIE FRAGE IST ALSO NICHT OB SONDERN WIE SEHR.

Ich knirschte mit den Zähnen, als ich eine Antwort tippte.

ICH WACHTE HEUTE MORGEN IN EINEM FREMDEN HAUS, IN EINEM FREMDEN BETT AUF UND EIN FREMDER SCHLIEF NEBEN MIR. ALSO WAS DENKST DU WIE SEHR? Dann nahm ich mein Buch und las weitere drei Zeilen, bevor mein Handy erneut piepste.

WAS HAT HUNTER MIT DIR GEMACHT? ICH BRINGE IHN UM!

ER HAT GAR NICHTS GEMACHT. ER WAR EIN ECHTER GENTLEMAN. IM GEGENSATZ ZU DIR, DU IDIOT!

Es folgte keine SMS mehr. Aber kurz darauf läutete mein Telefon erneut. Dieses Mal nahm ich ab. „Was ist?“

„Es tut mir leid.“

„Drauf geschissen. Du hast mich in Hunters Haus vergessen.“

Er seufzte, bevor er antwortete. „Ich habe dich nicht vergessen. Es war mitten in der Nacht. Ich dachte, in deinem Zustand –“

„Betrunken?“

„Genau. Ich hielt es für keine gute Idee, dich nach Hause zu bringen, wo deine Mom sicher ausrasten würde. Du schienst in Hunters Zimmer gut aufgehoben. Er hat versprochen, er würde erst nach oben kommen, wenn du schon lange weg bist.“

„Wann bist du abgehauen?“

„Um eins. Wieso?“

Also konnte er nicht wissen was passiert war. „Jemand hat auf den Fußboden gereiert. Die Party war um drei zu Ende.“

„Shit.“ Er machte eine kurze Pause. „Also… kommst du nachher mit runter zum Strand? Ein paar von uns wollen dort abhängen.“

„Kann nicht. Ich habe Hausarrest. Wird Chloe auch da sein?“

„Äh… ja.“

Großartig. Der Frust trieb mir die Tränen in die Augen.

„Du kennst sie doch erst seit gestern. Ich verstehe nicht, warum du sie so sehr hasst.“

„Du weißt genau, was ich von solchen Zicken halte.“

„Sie ist keine Zicke“, versuchte Tony mich zu beruhigen. „Ihr werdet euch sicher verstehen, sobald ihr euch richtig kennt.“

„Nein danke. Da bleib ich lieber für den Rest des Sommers in meinem Zimmer eingeschlossen.“

„Ah, Liz. Seit wann bist du nur so kompliziert?“

Ich? Kompliziert? „Weißt du was? Ich wünsche dir einen netten Tag am Strand. Wenn du nichts dagegen hast, ich habe noch ein Buch fertig zu lesen.“ Ich wartete nicht ab, ob er sich verabschiedete oder sonst etwas sagte, sondern legte auf und pfefferte mein Handy in den Wäschekorb auf der anderen Seite des Zimmers. Tony konnte mir gestohlen bleiben und den Barbie Klon sollte er sich sonst wohin stecken. Sollten sie doch alle zur Hölle fahren.

Als die ersten Tränen eine brennende Spur auf meinen Wangen hinterließen, war ich derart wütend, ich hätte am liebsten mein komplettes Zimmer auseinandergenommen. Da ich aber in der kommenden Woche mehr Zeit als üblich innerhalb dieser vier Wände verbringen würde und keinesfalls in einer Ruine hausen wollte, musste ich mich erst einmal irgendwie beruhigen. Also schnappte ich mir mein Tagebuch, warf mich aufs Bett und schrieb mir den angestauten Ärger über Tony und Blondie von der Seele. Abends sah ich kurz fern, ging dann aber früh zu Bett.

Es war noch stockdunkel draußen, als jemand mit gedämpfter Stimme meinen Namen rief. Schlagartig war ich hellwach. Da mich nicht viele Leute beim Nachnamen riefen, sprang ich aus meinem Bett. Mein Herz pochte heftig in meiner Brust. Ich huschte zum Fenster. Ryan Hunter stand unten in unserem Vorgarten, gekleidet in Shorts und einem schwarzen T-Shirt.

„Hi“, sagte er leise. „Du siehst nicht aus, als ob du bereit wärst loszulegen.“

Mit den Händen auf dem Sims, lehnte ich mich weit nach draußen und gab mir Mühe, nicht allzu schockiert zu klingen. „Woher wusstest du, dass das mein Fenster ist?“

„Wusste ich nicht. Dachte, ich probier einfach mal alle durch.“

Oh mein Gott. „Wie viele Fenster hast du denn probiert?“

„Deines.“

Erleichtert atmete ich einige Male tief ein und aus. Okay. Oh-kay. Unter meinem Fenster stand der Kapitän des Fußballteams und ich stand hier im Tank-Top und Boxershorts. Na ja, es war ja immerhin erst fünf Uhr morgens.

„Kommst du jetzt, oder was?“

„Ich kann nicht. Ich habe Hausarrest.“

Ein verschmitztes Lächeln zuckte über seine Lippen. „Weil du mit mir geschlafen hast?“

„Nein…? Weil die Traubensoda nicht ganz koscher war“, flüsterte ich zurück, konnte mir aber ein Grinsen kaum verkneifen.

„Wie lange hast du Hausarrest?“

„Die ganze Woche. Aber ich darf zum Training kommen.“

„Zumindest das.“ Er kratzte sich am Kinn und inspizierte meinen Garten, besonders den Geräteschuppen und den Baum vor meinem Fenster. „Wann stehst du für gewöhnlich auf?“

Was war das denn für eine Frage? „Keine Ahnung. Acht, neun, manchmal auch später.“

„Das verschafft uns mindestens drei Stunden, bis dich jemand zum Frühstuck erwartet.“ Sein linker Mundwinkel wanderte nach oben. Er neigte den Kopf. „Komm raus!“

„Was?“

„Zieh dich an und kletter auf das Dach der Hütte. Ich helfe dir dann runter.“

Ein heiseres Lachen entfuhr mir. „Du bist verrückt!“

„Und du bist ein Feigling.“

„Bin ich nicht!“

„Ach nein? Beweise es.“

Das ließ mich verstummen. Tony benutzte den Baum und den Schuppen seit Jahren, um in mein Zimmer zu gelangen. Aber mit einem eigenen Haustürschlüssel hatte ich noch nie das Bedürfnis verspürt, dies auch zu tun.

„Was ist jetzt?“, drängte mich Ryan.

„Na schön. Gib mir eine Minute.“ Er war wahnsinnig. Und ich war noch verrückter, weil ich mich auf diese dumme Idee einließ. Doch was hatte ich schon zu verlieren? Abgesehen von einer weiteren Woche Freiheit für eine waghalsige Flucht aus meinem Zimmer natürlich.

Ich schlüpfte in ein Paar Shorts, streifte mir ein weißes T-Shirt über und zog meine Laufschuhe an. Mein Haar band ich zu einem hohen Pferdeschwanz. Dann ging ich zurück zum Fenster. Hunter lehnte gelassen am Ahornbaum. Er richtete sich auf als er mich sah.

Zuerst noch etwas zittrig, schwang ich ein Bein durch das Fenster und klammerte mich dann am Fensterbrett fest, um mich auf das Dach des Schuppens hinunterzulassen.

„Sehr gut.“ Ryans leise Stimme klang schon etwas näher. „Jetzt häng dich da an den Ast.“

Was? „Ich werde mir das Genick brechen, wenn ich runterfalle.“ Wäre ich bloß in meinem Zimmer geblieben, verflixt noch mal.

„Ich lass dich nicht fallen. Ich verspreche es.“ Er streckte mir seine Arme entgegen, so als ob er mich auffangen wollte.

Ich holte tief Luft, fasste den nächsten Ast und machte einen zaghaften Schritt nach vorn, runter vom Dach. Ein ängstliches Wimmern blieb mir in der Kehle stecken. Meine Füße baumelten vor seinem Gesicht. Ryan trat näher und schob seine Hände an meinen Schenkeln nach oben bis unter meinen Hintern. Hatte er überhaupt die leiseste Ahnung, was das bei mir auslöste…? Mein Mund wurde trocken und meine Hände wurden feucht.

„Ich hab dich. Lass los!“

„Nein“, wimmerte ich und grub meine Fingernägel noch fester in die Rinde des Astes.

Er lachte und mir wurde augenblicklich bewusst, wie sehr mir dieses Geräusch gefiel. Es wirkte irgendwie beruhigend.

„Lass jetzt den Ast los, Matthews!“

„Nngh.“ Ich brachte all meinen Mut auf und lockerte meine Finger. Ryan hielt mich fest. Sobald ich ganz losgelassen hatte, griff ich nach unten und klammerte mich an seine Schultern.

Mit seinen Armen locker um mich geschlungen, ließ er mich sanft an sich hinab gleiten. Als ich endlich festen Boden unter den Füßen spürte, sah ich zu ihm hoch. Er hielt mich etwas länger als nötig gegen sich gepresst. Dann begann er langsam zu grinsen. „Hi.“

KAPITEL 7

DER AUFREGENDE DUFT von Ryan Hunter legte sich um mich, genau wie seine Arme. Tony hatte mich schon unzählige Male umarmt, aber das hier war anders. Ein heißer Schauer durchzuckte mich. Ich trat einen Schritt zurück.

Ryan versuchte gar nicht erst, sein Grinsen zu verbergen. „Können wir?“

„Wohin?“

„Runter zum Strand.“

Machte er Witze? Bis dahin waren es gut eineinhalb Meilen. Ich würde bestimmt schon nach der halben Strecke tot umfallen. Doch ich wollte kein Jammerlappen sein. Ich nickte und gemeinsam liefen wir in einem langsamen Tempo los.

So früh am Morgen war es in den Straßen ungewöhnlich still und menschenleer. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so früh draußen gewesen war. Die tagsüber bunten Fassaden der Häuser in unserer Straße wirkten heute alle fade und grau. Fünf Uhr war eindeutig zu früh um Sport zu treiben.

„Waren deine Eltern sauer, weil du letzte Nacht nicht nach Hause gekommen bist?“, fragte Ryan nach der ersten Viertelmeile mit völlig gelassener Stimme.

Erwartete er allen Ernstes, dass ich lief und redete? Mein Atem kam unkontrolliert, trotzdem gelang es mir keuchend zu antworten: „Nein. Sie dachten, ich hätte bei Tony geschlafen. Das stört sie nicht.“

„Machst du das öfter?“

„Hast du etwa was dagegen?“

Er warf mir einen scharfen Blick zu. Verdammt, was sollte das denn? Störte es ihn etwa tatsächlich?

„Weswegen dann der Hausarrest?“, wollte er wissen, als wir eine Kreuzung überquerten. Wir näherten uns dem Ozean. Das Geräusch der Wellen am Strand durchbrach die Morgenstille.

„Meine Mutter hat meine roten Augen gesehen. Sie schloss daraus, dass ich getrunken hatte. Verdammt!“ Ich schnaubte. Schweiß lief mir den Rücken hinunter. „Ich habe deine Sonnenbrille vergessen.“

„Kein Problem. Du kannst sie mir morgen beim Training zurückgeben.“

Wie machte er das nur? Er lief so weit und seine Atmung hörte sich immer noch an, als würde er gemütlich zu Hause auf der Couch lümmeln. Ich hingegen musste nach Luft schnappen und nickte nur. Der Strand war bereits in Sicht. Nur noch wenige Meter, sagte ich mir selbst. Ich strengte mich noch einmal an, dann stand ich mit beiden Beinen im Sand und brach zusammen.

Wie ein Sack Mehl sank ich zu Boden, rollte mich auf den Rücken und betrachtete den rosa Himmel.

Ryan stand über mir. „Was machst du da?“

„Ich sterbe.“

„Nein, tust du nicht. Jetzt steh auf, wir sind noch nicht fertig.“

„Ich bin fertig.“ Ich klang wie ein altes Weib auf dem Totenbett. „Aber kümmere dich nicht um mich. Lauf ruhig weiter. Ich bin sicher, in ein paar Stunden wird jemand kommen und mich vom Asphalt kratzen… oder aus dem Sand graben… Was auch immer.“ Ich streckte alle Viere von mir.

Sein verführerisches Lachen drang an mein Ohr. Unglaublich, mit welcher Stärke dieses Geräusch in mir den Wunsch weckte, stark genug zu sein, um aufzustehen und mit ihm weiterzulaufen. Und das alles nur, um in seiner Nähe zu sein. Das Glück war heute wohl auf meiner Seite, denn einen Moment später kniete Ryan sich neben mich in den Sand – und öffnete meine Schnürsenkel?

„Hey, was zum Teufel –?“ Ich zog meine Beine weg. „Man stiehlt nicht von sterbenden Leuten.“

Er hielt die Hände hoch. „Schön, dann zieh sie eben selbst aus.“

„Und warum?“ Schockiert und auch ein wenig neugierig stützte ich mich auf meine Ellenbogen. Ich beobachtete ihn, wie er seine Schuhbänder löste. Hoffnung erfüllte mich. „Gehen wir schwimmen, um uns abzukühlen?“

„Nein. Die Strecke hierher war nur das Warm-up. Das eigentliche Training beginnt hier.“

„Das ist nicht dein Ernst.“ Was hatte er nur die ganze Zeit mit diesem Warm-up? Mir war bereits heiß genug, als wir um die Ecke an meinem Haus gebogen waren.

Er zog die Augenbrauen hoch. „Wollen wir wetten?“

Verdammt. Es war sein Ernst. Bereit, wieder in den Sand zu plumpsen und zu heulen, biss ich stattdessen die Zähne zusammen, klammerte mich an den letzten Rest Stolz, den ich noch besaß, und richtete mich auf, um meine Schuhe auszuziehen. Wir versteckten sie gemeinsam nahe den Felsen, wo sie niemand finden würde, und dann ging die Qual erst richtig los. Ich hatte geglaubt, es wäre anstrengend gewesen, zum Strand runter zu joggen, doch gegen das Laufen im Sand war es gar kein Vergleich. Nach zweihundert Metern begannen meine Waden zu brennen wie Feuer.

Ich kämpfte, um mit Ryan Schritt zu halten und strafte ihn mit einem verachtungsvollen Blick. Er grinste nur dumm und ich knirschte mit den Zähnen. „Wissen deine Eltern eigentlich von deiner sadistischen Seite?“

Er zupfte leicht an meinem Pferdeschwanz. „Was soll ich sagen? Du bringst das Beste in mir zum Vorschein.“

„Oh, wie nett. Gerade fühle ich mich ja so besonders.“ Das Laufen fiel mir von Schritt zu Schritt schwerer. Es fühlte sich an, als hätte jemand Blei an meine Beine gebunden. „Wie weit laufen wir noch?“

„Ich bin diese Strecke noch nie gerannt, aber ich denke, es ist noch etwa eine halbe Meile. Kennst du die Bungalows am Misty Beach?“

Ich nickte. Jeder kannte sie. Misty Beach war der Ort für die Reichen und Schönen. „Haben deine Eltern dort ein Haus?“

„Jep.“

Das überraschte mich nicht. Nachdem ich die riesige Villa gesehen hatte, in der er lebte, war anzunehmen, dass die Hunters auch ein Strandhaus besaßen. Schon komisch; in den letzten beiden Tagen wirkte Ryan gar nicht, wie der reiche verzogene Bengel, für den ich ihn immer gehalten hatte. Er war eigentlich ganz erträglich. Sogar irgendwie nett.

Nur nicht gerade eben. Ich war fertig mit der Welt und machte ein finsteres Gesicht. Als ich dachte, ich könnte keine zwei Schritte mehr laufen, nahm er meine Hand und schleifte mich weiter über den Strand. Der Sand gab unter meinen Füßen nach und es kam mir vor, als liefe ich auf Pudding. Jeder freie Quadratzentimeter meiner Haut glänzte vor Schweiß. Mein durchnässtes Top klebte an meiner Brust.

Endlich sahen wir Misty Beach. Ich stolperte an seiner Seite vorwärts und flehte um einen Schluck Wasser. „Lass mich los und ich schwöre, ich trinke den ganzen Ozean leer.“

„Kopf hoch, Matthews. Du hast es gleich geschafft“, sagte des Königs treuester Folterknecht.

Ryan führte mich zum schönsten Bungalow an diesem Strandabschnitt. Das Haus war weiß gestrichen und eine Veranda führte rundherum. Darauf befanden sich einige nette und bequem wirkende Korbmöbel und sogar eine Hollywoodschaukel. Beides lud ein, darin zu relaxen. Ryan fischte ein Schlüsselbund aus einer großen Topfpflanze, die auf dem breiten Geländer stand, und ließ uns ins Haus. Die moderne Tür ohne Griff fiel hinter uns ins Schloss.

Der Bungalow hatte eine Küche und vielleicht zwei oder drei Schlafzimmer im hinteren Bereich. Wir betraten ein gemütliches Wohnzimmer mit einer bequem aussehenden Couch, einem Flachbildfernseher und einem überraschend großen Bücherregal. Jemand schien hier wirklich gerne zu lesen.

Als Ryan in die Küche marschierte, um uns etwas zu trinken zu holen, sackte ich gegen die Wand und rang nach Atem. Er warf mir eine Wasserflasche zu. Es hatte noch nie besser geschmeckt.

Mein Puls blieb noch für einige Zeit jenseits einer messbaren Skala, aber ich war froh, dass ich sprechen konnte, ohne nach Luft zu schnappen, wie ein Fisch auf dem Trockenen. „Nun sag schon, oh großer Folterer, warum mussten wir unbedingt im Sand laufen? Zählt es zu deinen besonderen Vorlieben, Mädchen wie mich leiden zu sehen?“

Er verdrehte die Augen und schenkte mir ein verschmitztes Lächeln, das nicht einmal Tony übertreffen konnte. „Wieso denkst du nur so schlecht von mir?“

„Ich weiß nicht. Vielleicht weil ich meine Lunge unterwegs verloren habe? Oder weil meine Beine in Flammen stehen?“ Ich ging zur Couch und lehnte meinen Hintern gegen die Rückenlehne. Die Arme verschränkte ich vor der Brust.

„Ach, jetzt komm schon. Wir sind über zwei Meilen gelaufen und du stehst immer noch aufrecht. Das ist großartig. Und im Sand zu laufen trainiert deine Muskeln viel besser, als wenn du auf Asphalt läufst. Wir laufen beim Fußball nur auf Rasen. Du musst dich erst gewöhnen an diese zusätzliche…“

„Qual?“, half ich ihm auf die Sprünge, als er eine kurze Pause machte, um nach dem richtigen Wort zu suchen.

„Genau.“ Mit dem Finger schob er meine Stirnfransen zur Seite, nahm meine leere Flasche und versenkte beide Flaschen danach in einem hohen Wurf im Mülleimer neben der Küchentür.

Ich richtete meine Frisur und wischte mir mit dem Unterarm den Schweiß von den Brauen. So schweißnass, wie mein Arm war, half das wenig.

Schritte auf der Veranda lenkten unsere Aufmerksamkeit nach draußen. Aus irgendeinem Grund standen wir plötzlich stocksteif da und lauschten. Der Schock in Ryans Gesicht, als er zuerst zur Tür blickte und anschließend zu mir, bescherte mir eine dicke Gänsehaut. Ohne Vorwarnung sprang er auf mich zu und katapultierte uns beide über die Rückenlehne der Couch. Gemeinsam rollten wir auf den Holzboden. Schlüssel knirschten im Schloss, als ich auf Hunter landete, was ihm die Luft aus den Lungen presste.

Ich starrte entsetzt in sein Gesicht. „Wer ist das?“, zischte ich. In dieser misslichen Lage konnte ich nicht umhin zu bemerken, wie schön seine Augen waren. Wie die Tigeraugen aus der Edelsteinsammlung meiner Mutter.

„Das muss meine Mom sein.“ Mit ein wenig Druck gegen meine Hüfte schob er mich von sich runter und näher zur Couch heran. Dann legte er mir einen Finger auf die Lippen, als befürchtete er, dass ich gleich loskreischen würde. Der hatte sie wohl nicht alle.

Wir lauschten, als Hunters Mom zur Tür hereinkam und etwas Schweres auf dem Boden abstellte. Ein leises Klirren war zu hören. Sie trug vermutlich Getränkekisten in die Küche. Mein Herz raste die ganze Zeit wie das, eines Verbrechers während eines Banküberfalls.

„Sie füllt den Kühlschrank auf“, murmelte Ryan und presste dabei seine Lippen an mein Ohr.

Fantastisch. Wer füllte seinen Kühlschrank um sechs Uhr morgens? Andererseits wollte sie es wahrscheinlich erledigen, bevor sie zur Arbeit fuhr. Als sie zum dritten Mal in der Küche verschwand, zerrte ich Ryans Hand von meinem Mund und flüsterte verärgert: „Warum verstecken wir uns hier?“

„Meine Eltern mögen es nicht, wenn ich wahllos Mädchen hierher mitbringe. Wenn du also nicht unbedingt als meine Freundin vorgestellt werden möchtest, schlage ich vor, wir bleiben hier unten.“

Einverstanden. Trotzdem sah ich ihn wütend an. Wie hatte es nur passieren können, dass ich mich in weniger als vierundzwanzig Stunden zum zweiten Mal in einer derart engumschlungenen Position mit Ryan Hunter befand?

Ein erleichterter Seufzer entfuhr mir, als seine Mutter endlich das Haus verließ und die Tür hinter ihr ins Schloss fiel. Eine Minute verstrich, bevor Ryan sich aufrappelte und mir seine Hand entgegenstreckte.

Ich rührte keinen Finger. „Bist du sicher, dass dein Dad nicht gleich zur Tür herein schneit?“

„Ja, bin ich. Unter der Woche kommt er niemals hierher.“ Er schnappte sich meine Hand. „Hoch mit dir.“

Ich ließ zu, dass er mir aufhalf. „Nächstes Mal wäre ich dir dankbar, wenn du mich kurz vorwarnst, bevor du mich zu Boden reißt.“

„Geht klar.“ Er verschwand in einem der hinteren Räume und kam mit einem Handtuch zurück, mit dem er sich das Gesicht abwischte. Dann warf er es mir zu.

Erwartete er wirklich, dass ich dasselbe Handtuch benutzte, das er gerade mit seinem Schweiß markiert hatte? „Ich wusste gar nicht, dass uns dieses bisschen Sport so viel näher gebracht hat. Auf Schweiß-Level…“

Da er meinen angewiderten Blick ignorierte und einfach nach draußen ging, entschied ich, dass ich wohl meinen Ekel überwinden musste. Ich rubbelte mit dem Handtuch über meine Stirn und Nacken. Dann folgte ich ihm vor die Tür, wo er in der Hollywoodschaukel lungerte.

Ich knüllte das Handtuch zusammen und feuerte es auf sein Gesicht. Er fing es ab.

„Lass uns zurück gehen“, maulte ich.

„Hast du’s eilig, Matthews?“

Keine zehn Pferde würden mich dazu bringen, mich irgendwo auf dieser Veranda niederzulassen, also lehnte ich mich mit einer Schulter gegen den tragenden Pfosten neben den Stufen, die zum Strand hinunterführten. „Nicht wirklich. Aber ich habe auch nicht vor, an einem Ort zu bleiben, an dem ich einen Heiratsvertrag unterzeichnen muss, um willkommen zu sein.“

„Sie kommt bestimmt nicht zurück.“

„Das ist mir scheißegal.“ Wow, das war vielleicht mal ein Knurren. Ich wusste gar nicht, dass ich so angepisst klingen konnte.

„Na schön.“ Ryan seufzte und erhob sich aus der Schaukel. „Ich hole nur noch schnell den Ball, dann können wir los.“

„Den Ball?“

Doch er war bereits im Haus verschwunden. Wenig später kam er mit einem Rucksack, der eine auffällige Wölbung hatte, wieder zurück. Er stopfte das Handtuch und eine volle Wasserflasche hinein und schwang ihn sich über die Schulter. Die Schlüssel versteckte er wieder im Blumentopf auf der Veranda.

Gott sei Dank zwang er mich nicht dazu zurück zu laufen. Gemütlich spazierten wir den Strand entlang. Ich genoss das kühle und erfrischende Nass, das meine nackten Knöchel umspielte. Erst als wir uns außer Sichtweite des Hauses seiner Eltern befanden, fiel nach und nach die Anspannung von mir ab.

„Wozu hast du den Ball mitgenommen?“, fragte ich.

„Du musst noch etwas an deinen Pässen und deiner Fangtechnik arbeiten. Der Strand eignet sich dafür hervorragend.“

Okay, das klang gar nicht so übel. Was er allerdings tatsächlich im Schilde führte, fand ich erst heraus, als wir wieder bei unseren Turnschuhen ankamen.

KAPITEL 8

ICH WISCHTE MIR den Sand von den Fußsohlen und schlüpfte in meine Trainingsschuhe. Ryan entfernte sich etwa zehn Meter. Der Fußball lag auf dem Boden, sein Fuß stand darauf und er rief: „Ich möchte, dass du den Ball stoppst!“

„Ist gut! Und wie soll – Huch!“ Der Ball raste auf mich zu. Mit einem schrillen Schrei fing ich ihn auf.

Ryan sah mich an, als hätte ich heute Morgen vergessen meine Kleider anzuziehen. „Das ist Fußball. Wir spielen hier nicht mit den Händen.“

Woher sollte ich wissen, was er von mir erwartete, wenn er nur versuchte, mich mit dem Ball wegzublasen?

„Schieß zurück!“

Das tat ich und wirbelte dabei eine Menge mehr Sand auf, als er es zuvor getan hatte.

Ryan schoss. Dieselbe Geschwindigkeit. Dasselbe Ziel. Genau auf meine Brust. Ich fing den Ball.

„Ohne Hände, Matthews!“

Okay, das fing echt an, mich zu nerven. Ich pfefferte den Ball zu ihm zurück.

Er kickte. Dieses Mal trat ich einen Schritt zur Seite und sah zu, wie der Ball an mir vorbeizischte.

„Was sollte das denn?“ Er wirkte leicht irritiert, als er zu mir rüber kam.

„Du hast gesagt, keine Hände. Soll ich den Ball mit den Zähnen fangen, oder wie?“

Er lachte laut. „Das würde ich lieber nicht versuchen. Während des Spiels wirst du den Ball öfter stoppen müssen, aber da du die Hände nicht einsetzen darfst, setzt du dabei den ganzen Körper ein. Deine Schultern, den Kopf und hauptsächlich die Brust.“

„Aha. Da gibt’s nur ein klitzekleines Problem.“ Ich umfasste meine Brüste mit beiden Händen. „Ich habe die hier!“

Sein Blick wanderte langsam nach unten. Das Funkeln in seinen Augen war beinahe angsteinflößend. Ich fühlte mich ein wenig, wie Kristen Steward in Snow White. Und er war der… Hunter. Ich wollte mir erst gar nicht ausmalen, welche Bilder ihm gerade durch den Kopf schossen. Ich schnippte mit den Fingern vor seinem Gesicht. „Augen hoch!“

Er gehorchte. Widerwillig. Ein anzügliches Grinsen machte sich auf seinen Lippen breit.

„Genug trainiert für heute.“ Meine Stimme bebte leicht. „Ich muss zurück, bevor meine Mutter bemerkt, dass ich abgehauen bin.“

Er war einverstanden und ich schaffte es ihn zu überreden, nur die halbe Strecke zu laufen und den Rest zu spazieren. Ich wollte vermeiden, völlig außer Atem vor meinem Haus zusammenzubrechen. Aber als wir zu Hause ankamen, stand ich vor einem ganz anderen Problem. Dad war bereits zur Arbeit gefahren, aber durchs Fenster konnte ich Mom in der Küche sehen. Es gab keine Möglichkeit, unbemerkt an ihr vorbei zu schleichen.

Ich versteckte mich hinter einem Baum auf der anderen Straßenseite. „Ich bin so was von geliefert.“

Ryan hob sanft mein Kinn, sodass ich ihm direkt in die Augen sehen musste. „Gibst du immer so schnell auf?“

„Du, wie es scheint, wohl nicht“, grummelte ich. Der Mann hatte so gar kein Mitgefühl für meine missliche Lage. „Was schlägst du vor?“

„Wir schmuggeln dich auf demselben Weg hinein wie heraus.“

„Durch das Fenster?“

„Genau.“ Den Kopf leicht zur Seite geneigt, zog er ermutigend die Augenbrauen hoch.

„Tony klettert schon seit Jahren durch mein Fenster. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie ich da hochkommen soll.“

„Mitchell klettert in dein Zimmer?“

„Ja. Aber ich brauche eine Leiter, um aufs Dach des Schuppens zu gelangen. Und soweit ich weiß, haben wir keine Leiter.“ Niedergeschlagen ließ ich die Schultern hängen.

„Warum?“

„Warum was?“

„Warum klettert er in dein Zimmer?“ Ryan klang wie ein aufgekratzter Wolf, seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.

„Hallo? Können wir bitte bei der Sache bleiben? Ich hab Stubenarrest und muss irgendwie in mein eigenes Haus einbrechen.“

Er betrachtete mich einen Moment lang eindringlich. Seine Kiefermuskeln zeichneten sich ab, als er die Zähne aufeinanderbiss und nickte. „Na gut. Komm mit.“

Mit dem Saum meines T-Shirts in der Hand, zog er mich quer über die Straße. Ich betete, dass meine Mutter nicht gerade aus dem Fenster sah.

Auf der hinteren Seite der Gartenhütte angekommen, fühlte ich mich etwas sicherer. Aber da war immer noch das Problem, nach oben zu gelangen. Ryan untersuchte den Baum genauer. „Ich nehme an, Mitchell klettert hier hoch, um auf das Dach der Hütte zu gelangen?“

„Äh, ja. Du erwartest aber nicht ernsthaft, dass ich auf diesen Baum steige, oder?“

Ich hörte nur sein missmutiges Grunzen. Er sprang hoch und hielt sich an der Kante des Daches fest. So überprüfte er, ob es der Belastung seines Gewichtes standhielt.

„Komm her, Matthews!“, befahl er und stellte sich breitbeinig vor den Geräteschuppen.

„Was hast du vor?“

„Wir schaffen dich da jetzt rauf.“ Ryan verschränkte die Finger vor seinen Leisten. Offenbar wollte er eine Räuberleiter machen.

„Kommt gar nicht infrage.“

„Jetzt stell dich nicht so an. Ich habe doch schon bewiesen, dass ich dich tragen kann, erinnerst du dich? Zweimal sogar.“

Er hatte recht. Aber das half nicht wirklich gegen mein flaues Gefühl im Magen. Wenn überhaupt, verschlimmerte es meine Nervosität nur noch. Doch letztendlich musste ich einsehen, mit meiner Mutter in der Küche hatte ich keine andere Wahl. Ich seufzte resignierend, hielt mich mit beiden Händen an seinen Schultern fest und stieg in seine gefalteten Hände. Er ging dabei leicht in die Hocke, um es mir zu erleichtern.

„Bist du soweit?“, fragte er, als wir beide auf Augenhöhe waren.

Ein Zittern schlich sich in meine Stimme. „Nein.“

„Wir sehen uns morgen.“ Mit einem kräftigen Schub katapultierte er mich nach oben.

Alles geschah so blitzschnell, dass ich keine Gelegenheit mehr hatte, das Vorhaben nochmals zu überdenken, was so gesehen wohl auch das Beste war. Ich hielt mich einfach fest und zog mich über die Kante aufs Dach. Von dort aus war es ein Spaziergang bis zu meinem Zimmerfenster.

Nachdem ich es problemlos durchs Fenster hinein geschafft hatte und den gelobten Boden meiner eigenen vier Wände unter meinen Füßen spürte, drehte ich mich um und blickte zu ihm hinunter. Meine Beine zitterten noch etwas von der ganzen Aufregung. „Ich glaube, wir sollten das lieber nicht nochmal machen.“

„Wieso nicht?“

„Meine Eltern geben mich zur Adoption frei, wenn sie das herausfinden.“ Und das würden sie… früher oder später.

„Sie werden nichts merken.“

„Was, wenn doch?“

„Das wird nicht passieren. Und jetzt rein mit dir und ab unter die Dusche!“

Er hatte einfach kein Verständnis für mein Dilemma. Ich knirschte mit den Zähnen. „Ich werde morgen nicht runterkommen. Wir haben ohnehin Training. Ich denke nicht, dass ich zwei Folterrunden an einem Tag überstehe.“

„Ja. Richtig.“ Ryan lachte. „Also Mittwoch. Fünf Uhr. Und Matthews – zwing mich nicht da rauf zu klettern und dich zu holen.“

Obwohl jeder einzelne Muskel nach Ryans Folter brannte wie die Hölle, spürte ich doch einen Hauch von Vorfreude. Mit einem dämlichen Grinsen im Gesicht, tanzte ich leichtfüßig ins Bad. Nie hätte ich gedacht, dass ich ein derartig masochistischer Mensch war.

Der heiße Wasserstrahl wirkte Wunder auf meine Muskeln. Ich hätte am liebsten den ganzen Tag unter der Dusche verbracht. Ach was soll’s, dachte ich. Da ich sowieso Hausarrest und nichts anderes zu tun hatte, gönnte ich mir ein etwas längeres Wellness-Vergnügen. Als das Wasser schließlich nur noch lauwarm aus der Düse spritzte, stieg ich aus der Dusche, wickelte mich in ein flauschiges Badetuch und tapste barfuß zurück in mein Zimmer.

Als ich die Tür öffnete, kreischte ich laut auf. „Was zum Teufel machst du hier?“

„Ich warte auf deine gnädige Rückkehr aus dem Badezimmer.“ Tony lag auf meinem Bett und grinste.

Ich warf einen unsicheren Blick über meine Schulter. Hoffentlich hatte meine Mutter mein Gekreische nicht gehört.

„Nur keine Panik. Beth weiß bereits, dass ich hier bin.“

„Was? Wieso?“ Ich schloss die Tür und presste das Badetuch noch fester an meine Brust.

„Weil du nicht in deinem Zimmer warst, bin ich nach unten gegangen, um dort nach dir zu suchen. Sie hat mich gezwungen, mit ihr zu frühstücken.“

Ja, ich war wohl eine ganze Weile unter der Dusche. Da es meiner Mutter offensichtlich nichts ausmachte, dass Tony trotz meines Hausarrestes in meinen Zimmer war, entspannte ich mich etwas… und genoss seinen Anblick. Er trug mein Lieblingsoutfit; dunkelblaue Jeans, ein kobaltblaues T-Shirt und darüber ein offenes Hemd. Seine Beine hingen von meinem Bett und wippten auf und ab.

„War Hunter heute hier, um sich bei dir zu entschuldigen?“

Sein beiläufiger Ton holte mich in die Realität zurück. „Wie bitte?“

„Ich habe ihn vor einer Stunde von hier weggehen sehen. Ein bisschen früh für einen Besuch, wenn du mich fragst. Hat er sich dafür entschuldigt, dass er zu dir ins Bett gekrochen ist?“

Erst in diesem Moment fiel mir wieder ein, dass ich ja eigentlich mächtig sauer auf Tony war. „Ich wüsste nicht, was dich das angeht. Außerdem ist es für dich ebenfalls ziemlich früh, um vorbeizuschauen.“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust, doch da rutschte mein Badetuch gefährlich weit nach unten und ich musste es wieder mit beiden Händen festhalten.

„Ach, jetzt komm schon.“ Er stand auf und kam zu mir rüber.

Ich wich zurück, bis ich mit dem Rücken gegen meine Zimmertür stieß.

„Ich mag es nicht, wenn du sauer auf mich bist.“ Er machte diesen furchtbaren, aber unglaublich süßen Schmollmund, so wie er es immer tat, wenn er versuchte, mich um Verzeihung für irgendeine Blödsinnigkeit zu bitten. Als er dann auch noch mit einer meiner nassen Haarsträhnen spielte, wirkte das sehr positiv auf meine Abwehr. Für ihn, nicht für mich.

„Lass es mich wieder gut machen. Ich bleibe heute auch den ganzen Tag bei dir und wir können ein paar Filme ansehen.“

Solidarisch, nur wir beide, so wie immer. Damit bekam er mich fast rum. Aber ich beschloss, hartnäckig zu bleiben. Ich grollte nur und huschte an ihm vorbei zum Kleiderschrank, wo ich ein grünes T-Shirt und ein Paar Jeans herausnahm. Für einen Augenblick betrachtete ich das Top, dann legte ich es zurück. Heute würde ich alles Mögliche tragen, aber bestimmt nicht seine Lieblingsfarbe.

„Ich habe X-Men mitgebracht.“ Tony winkte mit der DVD vor meinem Gesicht.

Oh, dieser Fiesling. Er wusste genau, dass dies mein Lieblingsfilm war. Ich hatte die DVDs zwar selbst, aber seine Edition war der Director’s Cut. Ich presste meine Lippen aufeinander. Trotzdem entschlüpfte mir ein Grinsen.

Sein Gesicht hellte sich auf. „Du ziehst dich an und ich lege inzwischen die DVD ein.“

Er hielt sein Versprechen und blieb den ganzen Tag. Als wir mit dem zweiten Teil der Reihe begannen, hatte ich ihm bereits soweit verziehen, dass ich den halben Meter Abstand zwischen uns überwunden und mich an seine Schulter gekuschelt hatte. Tony legte seinen Arm um mich und gab mir damit wieder dieses vertraute Gefühl, das ich immer bei ihm hatte. Ich war nicht ganz sicher, ob er überhaupt merkte, dass er gerade eine Haarsträhne von mir um seinen Finger wickelte, aber ich genoss es.

Da gab es nur eine Sache, die mich störte. Ich konnte einfach nicht aufhören, das Gefühl, in Tonys Armen zu liegen, mit jenem zu vergleichen, das ich empfunden hatte, als Ryan am Morgen mit mir von der Couch gerollt und ich auf ihm gelandet war. Während ich jetzt total entspannt war, hatte ich mein Herzklopfen in Ryans Umarmung kaum unter Kontrolle gehabt. Wie war das möglich, wenn ich doch einzig und allein etwas für Tony empfand?

Da ich sowieso schon den größten Teil des Filmes verpasst hatte, weil ich ständig darüber nachdenken musste, beschloss ich Ryan Hunter ein für alle Mal aus meinen Gedanken zu verbannen. Schließlich war er wirklich nicht der Junge, von dem man Tagträume haben sollte. Nicht wahr?

Doch sein verschmitztes Lächeln schlich sich schon bald wieder in meine Fantasie.

Tony strich mir durch das Haar. „Was? Stehst du etwa immer noch auf den Kerl?“

Ich riss mich aus seiner Umarmung und gaffte ihn entsetzt an. „So ein Blödsinn! Das tu ich gar nicht. Hier geht’s nur ums Training.“ Der Satz war raus, bevor ich überhaupt richtig nachdenken konnte.

Tony lachte verwundert. „Was?“

Was was?“ Verdammt. Hier lief irgendetwas verkehrt. Ich setzte mich auf meine Hacken und kaute unbehaglich an der Innenseite meiner Wange. „Entschuldige, was hast du gerade gesagt?“

Seine Augen wurden etwas schmaler. „Du hast geseufzt. So als ob du gerade wieder von Hugh träumen würdest.“

Hugh? Jackman! Ja, richtig. Nicht Hunter. Meine Wangen glühten durch meine Verlegenheit.

„Ist mit dir alles okay, Liz?“

„Sicher.“ Und mit der unschuldigsten ich-weiß-gar-nicht-was-du-meinst Stimme, fügte ich noch hinzu: „Wieso?“

„Seit ich aus dem Trainingscamp zurück bin, benimmst du dich irgendwie seltsam.“

„Bullshit.“

Die Art, wie er auf meinem Bett lag, die Arme vor der Brust verschränkt und die Stirn in Falten gelegt, ließ mich erschaudern.

Ich richtete mich auf, verließ das Bett und hielt den DVD-Player an. „Lass uns für heute hier Schluss machen, okay?“ Ich reichte ihm das Cover, doch Tony nahm es nicht an.

Stattdessen setzte er sich im Schneidersitz auf und neigte seinen Kopf. „Wirfst du mich jetzt etwa raus?“ Er sagte es so langsam, dass man seine Bestürzung in jeder einzelnen Silbe hören konnte.

Tat ich das wirklich? In den mehr als dreizehn Jahren unserer Freundschaft, hatte ich ihn nicht ein einziges Mal gebeten zu gehen.

Himmel, er hatte recht. Etwas stimmte nicht mit mir.

„Hör zu, ich bin einfach nur müde vom vielen Fernsehen. Und außerdem habe ich meiner Mom versprochen, heute noch mein Zimmer aufzuräumen.“ Ich warf die DVD vor ihm aufs Bett. „Es ist schon fast vier Uhr. Ich sollte langsam damit anfangen.“

„Ich würde ja anbieten, dir dabei zu helfen, aber ich habe das komische Gefühl, dass du sowieso nein sagst.“ Er stand auf und sah mich an, als wartete er darauf, dass ich ihm widersprach.

Was um alles in der Welt war los mit mir, dass ich sein Angebot ausschlug?

Ich wich seinem Blick aus, nahm seine Jacke von meinem Schreibtisch und reichte sie ihm. „Ich seh dich dann morgen?“ Wegen des skeptischen Untertons in meiner Stimme, fragte ich mich, ob ich vielleicht erwartete, dass er böse auf mich war, nur weil ich ihn nicht bat, mir beim Saubermachen zu helfen.

„Ja. Wir sehen uns beim Training. Allerdings kann ich dich morgen nicht abholen.“ Er verzog kurz das Gesicht und ich wunderte mich, was das zu bedeuten hatte. „Aber hey, morgen spielen wir das erste Match mit den Neulingen. Sieh zu, dass du in meinem Team spielst.“

Und da war es wieder. Das typisch liebenswerte Tony-Grinsen, bei dem ich jedes Mal dahin schmolz, wie Eis in der Sonne.

Nur, dass es nicht verschmitzt und anzüglich war… so wie jenes von Hunter.

Ich grollte vor mich hin, weil mich meine fehlende Aufmerksamkeit für Tony nervte, und schob ihn in Richtung Fenster. Ich sah zu, wie er über den Schuppen und den Baum runter kletterte, und überlegte, wo meine Mutter wohl das Fieberthermometer aufbewahrte. Zu hohes Fieber war die einzige Erklärung für mein sonderbares Verhalten.

KAPITEL 9

AM DIENSTAG, UM zwei Uhr nachmittags, fuhr ich mit meinem Mountainbike zum Fußballplatz. Susan begleitete mich. Wir waren die letzten, die ankamen. Nachdem ich das Schloss an meinem Rad angebracht hatte, ließ ich meinen Blick über den Rasen schweifen, auf der Suche nach Tony. Er stand am anderen Ende, umzingelt von einigen Jungs und Mädchen. Ich lief auf ihn zu, doch als ein paar seiner Freunde zur Seite traten, erspähte ich Chloe und stoppte mitten auf dem Rasen. Ich beschloss, dass ich auf diese zweifellos anregende Unterhaltung liebend gern verzichten konnte.

Es dauerte nicht lange, bis Tony mich entdeckte. Er setzte an, zu mir rüberzukommen, als Chloe ihn am Arm festhielt. Sie sagte etwas zu ihm und gaffte dabei hämisch in meine Richtung. Ich gaffte zurück. Meine Finger kribbelten, doch ich unterdrückte das starke Bedürfnis, ihr den Stinkefinger zu zeigen.

Zumindest musste ich nicht mitanhören, was sie zu Tony sagte. Es interessierte mich auch nicht die Bohne. Aber die Tatsache, dass er ihre Hände von seinem Arm schob und mit den Augen rollte, fand ich höchst befriedigend.

Endlich kam er zu mir rüber. „Hi Liz. Ist das eine neue Sonnenbrille?“

Ja, es war echt ein gutes Gefühl zu wissen, dass er meine gesamte Ausstattung an Kleidern und Accessoires kannte. Das bedeutete, er war aufmerksam. Ich grinste.

„Die gehört mir“, antwortete Hunter plötzlich hinter mir. Er trat um mich herum und zog mir die Sonnenbrille von der Nase. Mein Grinsen verwandelte sich in ein breites Strahlen. Ich konnte gar nichts dagegen tun.

Tony sah etwas überrascht drein.

„Ryan hat sie mir nach der Party gegeben“, erklärte ich schnell. „Ein Kater und Sonnenlicht, das ist echt keine gute Kombination.“

Nun lachten beide Jungs. Ich konnte mich nur schwer entscheiden, welcher Klang mir besser gefiel.

Wir gingen gemeinsam zu den anderen Teammitgliedern. Ryan fragte Tony, ob er Kapitän der gegnerischen Mannschaft sein wollte.

„Sicher. Willst du Spieler wählen?“ Tonys Blick glitt zu mir. Er zwinkerte. Ich war wohl seine erste Wahl.

„Ja. Du kannst anfangen“, antwortete Ryan. Dann legte er den Arm um meine Schultern. „Aber nicht sie.“

Fassungslos blieb ich stehen. Tony sah Ryan mit der gleichen Verwunderung an, wie ich. Ryan ignorierte ihn. Er ließ mich los und ein Lächeln trat auf seine Lippen. „Spielst du mit mir?“

Oh Mann, ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Hunter wusste genau, wie schlecht ich im Umgang mit dem Ball war. Trotzdem wollte er mich in seinem Team.

Tony wartete mit einem komischen Gesichtsausdruck auf meine Entscheidung. Er wirkte auf mich nicht unbedingt enttäuscht, also konnte ich Hunters Einladung auch ebenso gut annehmen. „Okay…?“ Ja, und wenn meine Antwort nicht so sehr nach einer Frage geklungen hätte, würde ich auch nicht wie ein Vollidiot aussehen.

„Cool. Dann lasst uns Ball spielen.“ Tony rannte voraus und wählte den ersten Spieler in seine Mannschaft.

Ich schenkte seiner Spielerwahl keine weitere Aufmerksamkeit, denn Ryan stellte mir in diesem Moment eine grundlegende Frage. „Weißt du, wie man Fußball spielt, Matthews?“

„Schieß den Ball ins Tor?“

„So oder so ähnlich.“ Er rieb sich den Nacken und schmunzelte dabei. „Fürs Erste berühr einfach den Ball nicht mit den Händen und versuch ihn innerhalb dieser weißen Linien zu behalten.“ Er zeigte auf das aufgemalte Rechteck im Gras, welches das Spielfeld eingrenzte.

„Ja, schon klar. Ich bin kein kompletter Schwachkopf, weißt du?“

Oder vielleicht war ich das doch. Bereits in den ersten zehn Minuten verstauchte ich mir das Handgelenk am vorbeirasenden Ball und schoss zweimal weit hinter das gegnerische Tor. Großartig. Zumindest schnauzte mich niemand an, so wie Ryan es gestern beim Training am Strand getan hatte. Jedenfalls nicht, bis ich offenbar den schwerwiegendsten Fehler überhaupt beging, als ich den Ball das nächste Mal in Richtung Tor schoss.

„Abseits!“, schrien einige der Jungs. Manche rollten sogar mit den Augen.

Ich war total verloren.

Ryan kam zu mir gelaufen. „Keine Sorge. Das erkläre ich dir morgen.“ Er schoss den Ball zu jemandem aus Tonys Mannschaft. Bevor er sich wieder voll dem Spiel widmete, blickte er noch kurz zu mir. „Das war ein toller Schuss.“

Er konnte sagen was er wollte, es half nichts gegen meine Verbitterung. Entmutigt stapfte ich ans hintere Ende unseres Spielraums. Für den Rest des Matches hatte ich vor, eine passive Rolle zu übernehmen. Nur hatte Ryan andere Pläne. Aus irgendeinem Grund behielt er mich aktiv im Spiel, kickte Killer-Pässe zu mir und spornte mich an, mein Bestes zu geben.

Und das tat ich. Ganze dreieinhalb Minuten. Dann spürte ich zum ersten Mal am eigenen Leib, wie sich ein Tritt gegen das Schienbein anfühlte. Der Schmerz brachte mich zu Boden. Ich biss mir auf die Lippen, um meine Tränen zurückzuhalten, während Chloe nur dastand und mich schadenfroh angaffte.

„Kommt schon, Leute! Fair Play!“, schrie Ryan und kam zu uns. Er reichte mir die Hand und zog mich hoch. „Alles okay bei dir?“

Ich sagte nichts, sondern nickte nur. Meine weinerliche Stimme hätte mich sonst verraten. Er schickte mich zurück ins Spiel.

Der Schmerz des ersten Zusammenstoßes war noch nicht ganz abgeklungen, als Chloe mich erneut attackierte. Ich verfluchte sie in einer Lautstärke, welche einer Polizeisirene Konkurrenz machen konnte. Aber das prallte nur an ihrem Dickschädel ab. Beim dritten Foul war mir klar, dass hinter ihren unbeabsichtigten Zusammenstößen ein Vorsatz steckte. Von da an hielt ich mich so weit wie möglich vom Ball entfernt, um ihr keine weitere Chance zu geben, mich auf dem Feld hinzurichten.

Nach dem Abpfiff hockte ich mich auf die Trainerbank und Tony grub seine Finger tief in meine Nackenmuskeln. „Wenn ich gewusst hätte, dass du so gut Fußball spielst, hätte ich dich gezwungen, jeden Tag mit mir zu trainieren.“

Ich gab nur ein barsches Grunzen von mir. Seine Nettigkeiten konnten weder meinen verletzten Stolz noch meine verletzten Beine wieder zusammenflicken. „Die Frau hat echt die falsche Sportart gewählt. Sie wäre ein Ass im Kickboxen.“

„Wer? Chloe?“ Zumindest stritt er dieses Mal nicht ab, dass sie mir nach dem Leben trachtete. „Sie hat dich doch nicht schlimm erwischt, oder?“

Wenn Blicke töten könnten, würde Tony bereits am Boden liegen und um Gnade betteln. „Sie war wie ein Autobus. Mit Vollgas.“

Tony kaute auf seiner Lippe. „Manchmal kann sie ein ziemlich aggressiver Spieler sein.“

Ja. Vorsichtig ausgedrückt. Ich seufzte. „Bleibst du noch länger hier? Ich muss jetzt wirklich nach Hause und meine blauen Schienbeine versorgen.“ Außerdem hatte ich ja auch noch Hausarrest.

Sein Blick schweifte über den weiten Rasen vor uns. Vermutlich hielt er Ausschau nach dem Troll mit der üblen Laune. Doch Chloe schien nicht mehr hier zu sein.

„Ich komme mit“, sagte er.

Auf dem Weg zu unseren Fahrrädern, liefen wir Ryan über den Weg. Er schnitt eine mitleidige Grimasse, als er meine blauen Flecke sah. „Pack Eis auf den Knöchel. Ich will, dass du morgen wieder fit bist.“

Der Gedanke an weitere Qualen, und das in nur wenigen Stunden, brachte mich endgültig zum Schweigen.

„Was meinte Hunter?“, hakte Tony nach. „Morgen ist kein Training mit den Mädchen. Nur wir Jungs.“

Na schön, es war wohl an der Zeit, Tony die Wahrheit zu sagen. „Ryan trainiert privat mit mir.“

Tony hätte darauf Vieles erwidern können, wie etwa mich zu fragen, warum oder wo, oder sogar wann ich geistesgestört genug gewesen war, mich darauf einzulassen. Aber er sagte das Dämlichste, das ihm gerade einfiel. „Mit dir?

„Oh, vielen Dank auch!“

„Tut mir leid. Ich wollte nicht wie ein Arsch klingen. Aber… reden wir hier echt über Hunter?“ Er schnaubte und ich hätte ihm dafür in den Hintern treten sollen.

„Wo liegt dein Problem?“

„Kein Problem.“

Er stieg auf sein Rad. Ich brauchte noch etwas, um die Nummernkombination meines Schlosses richtig hinzubekommen.

„Ich dachte nur, du hättest Hausarrest.“

„Habe ich auch.“

„Und wie kommst du dann bitte aus dem Haus zum Training?“

Ich wich seinem Blick aus und trat kräftig in die Pedale, um ein wenig Vorsprung rauszuholen. „So wie du reinkommst.“

Es kostete ihn nicht die geringste Anstrengung, mich einzuholen. „Du schleichst dich raus? Für Ryan Hunter?“

Falls er mit seinem idiotischen Tonfall andeuten wollte, dass ich das noch nie für ihn getan hatte, dann gelang ihm das ausgezeichnet.

„Na und?“

Tony sah mich aus dem Augenwinkel an. Seine Lippen waren aufeinander gepresst, wahrscheinlich um sich ein Grinsen zu verbeißen. „Da bin ich gerade mal für ein paar Wochen weg und du verwandelst dich gleich in ein Kinderüberraschungsei.“

So sah’s aus. Verdammt. Und ich konnte diese Schokoladeneier noch nicht einmal leiden.

„Nachdem du ja nun vertraut bist mit dem exklusiven Weg rein und raus aus deinem Zimmer, hast du Lust, mit zu Charlies zu kommen?“

„Ich mache das nicht tagsüber, Tony! So einfältig ist meine Mutter nun auch wieder nicht. Hunter holt mich um fünf Uhr morgens ab.“ Ich stieß einen Seufzer aus. „Er zwingt mich dazu am Strand zu laufen.“

„Ah, Spaß garantiert.“

„Ich schwöre, der Mann ist Satan in Person.“

Kurze Zeit später erreichten wir mein Haus. Ich stieg vom Rad. Tony stellte einen Fuß auf den Boden und beobachtete mich mit diesen intensivblauen Augen. „Offen gesagt verstehe ich es immer noch nicht. Warum nimmst du all die Qualen auf dich, für eine Sportart, die du dein ganzes Leben lang verabscheut hast?“

„Ich habe Fußball nie verabscheut.“

„Du sagtest, es sei die fünfte, nirgendwo erwähnte Plage, die den Weltuntergang besiegeln würde.“

Hatte ich das wirklich gesagt? Wow, der Mann war gut. Ich schob mein Rad in den Schuppen. Da drang Tonys Stimme zu mir herein. „Ist Hunter der Grund?“

Ich blieb wie angewurzelt stehen und starrte einen langen Moment auf Dads Angeln vor mir. Schließlich stapfte ich mit einem angepissten Gesichtsausdruck ins Freie. Ich lehnte mich gegen den Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wie um alles in der Welt kommst du denn darauf?“

Tony lehnte sich nach vorn, mit den Unterarmen auf der Lenkstange. „Na ja, ihr zwei scheint euch in letzter Zeit ziemlich nahe gekommen zu sein.“

Okay. Ich war beinahe siebzehn, hatte noch nie einen Jungen geküsst und im Moment hatte ich von Tonys Sturheit gründlich die Schnauze voll. „Bist du wirklich so blind? Ich mache das alles nicht für Hunter.“

„Für wen dann?“

Jesus, vergib mir, ich würde meinem besten Freund jeden Moment eine scheuern. „Ich mache es für dich!“ Mein Herz stoppte im nächsten Moment, als mir klar wurde, was ich soeben gesagt hatte.

Tonys Mund stand offen. Er starrte mich an. Krampfhaft umklammerte er seine Lenkstange. Seine Knöchel traten weiß hervor.

Nicht gerade die Reaktion, auf die ich die letzten Jahre gehofft hatte. Sein Blick senkte sich auf den Boden zwischen uns. Oh Mann, ich hätte nie gedacht, dass etwas Tony so sehr aus der Fassung bringen konnte. Besonders nicht ich. Das war echt unheimlich.

Na schön. Die Hoffnung, dass er sich über meine ungeplante Liebeserklärung freuen und mich innig küssen würde, verschwand mit seiner entsetzten Miene, aber sein verblüfftes Schweigen machte mich langsam wirklich nervös. Ich wünschte, ich wäre ein Schneemann und könnte auf der Stelle schmelzen.

Schließlich sagte er: „Komm her, Liza.“

Nein. Sekunden verstrichen. Ich kämpfte gegen die aufsteigende Panik in mir. Als klar war, dass ich nicht zu ihm gehen würde, stieg er von seinem Rad und kam zu mir. Viel zu langsam.

„Sieh mal –“

Ich schüttelte panisch den Kopf. Er sollte aufhören. „Bitte, komm mir jetzt nicht mit dem Scheiß, dass ich für dich wie eine kleine Schwester bin.“

„Werde ich nicht. Weil wir beide wissen, dass du mir viel näher stehst, als eine Schwester.“

Oh mein Gott. Das ging abwärts. Es gab nichts, was die Lawine, die ich losgetreten hatte, jetzt noch aufhalten konnte. Meine Knie fingen plötzlich an zu zittern. Mein Mund wurde trocken. Tony griff nach mir, doch seine Hand stoppte, bevor er meine Wange berührte. Er biss sich auf die Unterlippe und zog seine Hand zurück.

„Ich bin mit Chloe zusammen.“

Was?

Nein. Das konnte nicht sein. Nicht mit ihr. Und auch nicht mit irgendeinem anderen Mädchen. Nein!

Ganz langsam wich ich zurück. Ich ging zum Haus und sagte kein Wort. Innerlich schrie ich vor Schmerzen. Ich kämpfte, um nicht vor Tony in Tränen auszubrechen und schloss leise die Tür hinter mir.

Ich konnte nicht atmen. Mein Magen drehte sich um. Mir wurde übel. Als die ersten Tränen fielen, rannte ich ins Badezimmer und übergab mich in die Toilette.

Nie sollte Tony mich so sehen. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass er das verstand und deshalb nicht hinter mir herkam. Aber nach allem, was passiert war, wollte er mir wohl einfach lieber aus dem Weg gehen.

Es dauerte Stunden, bis ich mich wieder beruhigt hatte und mein Hals beim Atmen nicht mehr wehtat. Ich saß auf dem Bett und blätterte durch die vielen Fotoalben, die ich über die Jahre von Tony und mir gestaltet hatte. Bei jeder Seite, die ich umschlug, wollte ich wieder losheulen. Der Schmerz war einfach zu groß. Er zerriss mich innerlich. Aber ich hatte alle Tränen vergossen und fühlte mich total leer. Hohl. Allein.

Mom rief mich zum Abendessen, doch ich sagte ihr, ich hätte keinen Hunger. Sie versuchte mich mit ihrer liebgemeinten, mütterlichen Art zum Reden zu bringen. Es dauerte eine Weile, bis sie verstand, dass ich einfach nur alleingelassen werden wollte. Am Ende ließ sie mich in Ruhe. Ich sperrte mich wieder in mein Zimmer ein. In mein persönliches Reich des Elends.

Der Soundtrack von Der Herr der Ringe dröhnte aus meinem iPod. Ich lungerte auf meinem Bett und schwelgte in Selbstmitleid. Bei Sonnenuntergang wurde mir aber ein ganz anderes Problem bewusst. Ich würde nicht mehr Fußball spielen. Nie wieder. Und ich musste das Training mit Hunter absagen.

Von Simone Simpkins bekam ich seine Handynummer. Da ich aber nicht in der Verfassung war, mit irgendjemandem zu reden, sendete ich ihm nur eine kurze Nachricht.

KEIN TRAINING MORGEN. UND ICH BIN RAUS AUS DEM TEAM. LIZA

Dann fiel mir ein, dass er vermutlich nur meinen Nachnamen kannte, deshalb fügte ich noch MATTHEWS in Klammern dazu.

Es dauerte nicht lange, da bekam ich eine Antwort.

TUT ES DENN SO WEH?

Was war das denn für eine idiotische Frage? Der Schmerz in meiner Brust brachte mich um. Ich knallte das Handy auf das Nachtkästchen und ließ mich in mein Kissen fallen. Sekunden später ging mir ein Licht auf. Er hatte gar keine Ahnung davon, was passiert war. Vermutlich meinte er etwas ganz Anderes. Natürlich; meine Schienbeine. Ich schlug mir mit der flachen Hand gegen die Stirn und holte tief Luft. Dann schrieb ich zurück.

NEIN. MEIN BEIN IST IN ORDNUNG. ABER ICH BIN FERTIG MIT FUSSBALL. DANKE FÜR DEINE HILFE. MACH’S GUT.

Ich nahm an, er würde es akzeptieren und mich in Ruhe lassen. Das tat er auch… für etwa fünfzehn Minuten. Dann kam eine neue Nachricht.

OKAY. HAB MIT MITCHELL GEREDET. DIE KATZE IST ALSO AUS DEM SACK?

Die Katze ist aus dem Sack? Echt jetzt? Was zum Geier –? Ryan wusste, dass die beiden ein Paar waren und hatte nichts gesagt? Andererseits, welchen Grund hätte er gehabt? Wir waren keine dicken Freunde und er wusste auch nicht, was ich für Tony empfand.

Oder vielleicht wusste er es doch. M&M. Jeder wusste Bescheid. Ich fühlte mich auf einmal so furchtbar bloßgestellt. Die ganze Schule wusste von meiner Schwäche für diesen Jungen, während er einfach mit dieser Schnepfe herum machte.

Ich wollte wieder losheulen, doch es waren keine Tränen mehr übrig. Also drehte ich die Musik auf Maximum und versuchte, mich damit in eine Trance der Gleichgültigkeit zu befördern.

Neben mir vibrierte das Telefon. Eine neue SMS von Hunter.

KANNST DU DICH RAUS SCHLEICHEN, WENN ES DUNKEL WIRD?

VERMUTLICH. ABER WARUM SOLLTE ICH?

ABLENKUNG.

Und dieses Mal kam mit der Nachricht ein zwinkernder Smiley.

Ich war nicht in der Stimmung für Ablenkung. Um ehrlich zu sein, war ich in gar keiner Stimmung. Alles, was ich wollte, war weiter in Selbstmitleid zu ertrinken.

ICH HAB EHRLICH KEINE LUST AUF MEHR FOLTER.

Mein Gott, wenn mich die Welt doch nur für die nächsten paar Stunden in Ruhe lassen könnte. Aber so viel Glück war mir nicht vergönnt.

Sobald es dunkel war, hörte ich draußen eine leise Stimme. „Komm runter, Matthews!“

Ich verschluckte mich an dem Stück Schokolade, dass ich mir gerade in den Mund geschoben hatte. Schnell rieb ich mir die vom Heulen verklebten Augen und schlich zum Fenster. „Was machst du hier? Kannst du nicht lesen? Ich sagte nein.“

„Du sagtest keine Folter. Ich habe nicht vor, dich zu quälen. Jetzt zieh dir was Nettes an, wasch dein Gesicht und komm endlich raus.“

„Ich habe keine Lu–“

Ryan sprang hoch und zog sich über die Dachkante der Hütte. Mit einem gefährlichen Grinsen kam er auf mich zu.

***

Fortsetzung folgt … wenn ihr wollt. 😉

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