Teamwechsel (GBT 1)

GroverBeach EBook 1

KAPITEL 1

 

ER HATTE NICHT einmal versucht mich zu küssen, und das obwohl wir praktisch den halben Sommer im selben Bett geschlafen hatten. Und dann war er weg. Für fünf endloslange Wochen. Bereits am zweiten Tag dachte ich, ich müsste sterben.

Aber heute war meine Qual zu Ende. Endlich kam Anthony Mitchell zurück. Mein bester Freund und zukünftiger Ehemann.

Nicht, dass ich ihn darüber schon informiert hätte; aber das war auch gar nicht nötig. Jeder wusste es und ich konnte es kaum erwarten, meinen Nachnamen Matthews gegen seinen einzutauschen. Tony und ich hingen schon seit dem Kindergarten gemeinsam ab. Wir waren unzertrennlich, außer für die paar Stunden jeden Tag, in denen er beim Fußballtraining war und ich Zeit hatte um, na ja, um zum hundertsten Mal in mein Tagebuch zu schreiben, wie sehr ich ihn liebte.

Liza und Tony, das war wie Bonnie & Clyde. Wie Lois & Clark. Wir waren M&M, ganz ehrlich.

Es läutete an der Tür.

Mein Herz klopfte mir bis zum Hals. Ich versuchte mich aus der Bettdecke zu befreien, die ich um meine Beine gewickelt hatte, während ich auf dem Bett saß und in meinem Tagebuch schrieb. Schließlich plumpste ich vom Bett, gemeinsam mit der Decke.

„Ich komme!“

Auf dem Weg nach unten kämmte ich mit meinen Fingern noch schnell durch mein langes, braunes Haar, um es ein wenig aufzupeppen, bevor ich die Tür öffnete. Ein Sonnenstrahl blendete mich und ich kniff die Augen zusammen, doch dann blickte ich in Tonys Gesicht. Seine blonden Strähnen hingen chaotisch in seine Stirn. Sie reichten beinahe bis zu seinen strahlendblauen Augen. Der Kragen seines weißen Hemds war offen. Ich musste mich schwer beherrschen, um nicht über das bisschen nackte Haut zu streichen, das zu sehen war.

Mit den Händen in den Hosentaschen stand er da und sah mich an. Dann verzogen sich seine Lippen zu seinem typisch verschmitzten Grinsen. „Worauf wartest du, Liz? Ich weiß doch, dass du es nicht erwarten kannst, mich zu umarmen.“

Himmel! Mit einem breiten Lächeln fiel ich ihm um den Hals und gab ihm die Umarmung, die er erwartete. Er zog mich nach draußen. Ich drückte meine Wange an seine, während er mich unter der warmen Sonne im Kreis wirbelte. Oh, er roch so gut, von der Sonne geküsst und einfach nur nach Tony. Von diesem Duft bekam ich nie genug.

„Wie war’s im Camp?“, fragte ich, als er mich absetzte.

Er rümpfte die Nase. „Scheiß-langweilig ohne dich, was sonst?“

Ich lachte. „Ja genau.“

Um ihn wirklich zu verstehen, musste man wissen, dass, abgesehen von Käsecrackern mit Mayo, Tonys einzige Leidenschaft Fußball war.

„Als ob…“ Ich zeigte ihm die Zunge.

Tony schüttelte amüsiert den Kopf. „Wo sind deine Manieren? Wenn du mich küssen willst, dann sag’s doch einfach.“

Seine Nasenspitze stupste gegen meine. Ich schluckte den Drang hinunter, meinen Kopf zu neigen und ihn wirklich zu küssen. Aber er veralberte mich ja nur wieder. Wir hatten uns noch nie geküsst. Regelmäßig schlief ich in seinem Bett ein, wenn wir wieder einmal bis tief in die Nacht auf seiner X-Box spielten, oder er schlief bei mir, wenn seine Eltern gerade beruflich durchs Land reisten. Es störte ihn nicht, wenn ich meinen Kopf an seine Schulter lehnte. Er spielte manchmal sogar mit meinem Haar. Aber ein Kuss? Nie.

Am Ende des Sommers würde ich siebzehn werden. Langsam kam ich mir etwas komisch vor, weil ich noch keinen Jungen geküsst hatte. Aber kein anderer als Tony würde meine Lippen berühren, und wenn er noch ein paar Monate brauchte, um einzusehen, dass er mich auch wollte, dann würde ich eben warten.

„Hey, sollen wir runterfahren zum Strand? Ich habe einen neuen Bikini und hatte noch keine Gelegenheit ihn ihm Wasser zu testen.“ Voll Vorfreude auf unser Wiedersehen, hatte ich den neongrünen Bikini heute Morgen angezogen. Ich zerrte den Kragen meines weißen T-Shirts nach unten, um ihm einen kurzen Blick zu gewähren. Grün war seine Lieblingsfarbe.

Tony knurrte wie ein Jaguar. „Es wäre mir nichts lieber als dich halb nackt zu sehen, Matthews.“

Ich wusste genau, dass dies nur ein weiterer Versuch war, mich zu ärgern. Dennoch bekam ich eine Gänsehaut.

„Leider muss ich passen. Ich treffe gleich ein paar Freunde unten bei Charlies.“

Meine Schultern sackten nach unten. „Wirklich? Du bist doch gerade erst gekommen. Hast du die Jungs nicht genug im Trainingslager gesehen?“

„Hunter möchte die morgige Qualifikation noch einmal besprechen.“

Ich zog einen Schmollmund. Seit Ryan Hunter der neue Kapitän des Grover Beach High School Fußballteams war, hatten sich Tonys Trainingseinheiten verdoppelt. Und mehr Zeit fürs Training bedeutete weniger Zeit für mich.

Ich konnte Hunter nicht leiden.

„Kopf hoch. Warum kommst du nicht einfach mit? Du kennst sowieso fast alle aus dem Team. Den Rest stelle ich dir vor. Ich bin sicher, Hunter hat nichts dagegen.“ Tony gab mir keine Chance zur Widerrede, ja noch nicht einmal einen Moment Zeit, um meine Flip-Flops gegen richtige Schuhe einzutauschen. Er nahm meine Hand und zog mich quer durch unseren Vorgarten.

„Warte! Ich muss erst mein Geld holen.“

„Brauchst du nicht. Eine Limo für dich wird mich nicht ruinieren.“

Ich streifte mein Haar zurück und fixierte es mit einem Gummiband aus meiner Hosentasche. Wir spazierten die Saratoga Avenue runter zu Charlies Café und Restaurant.

Einige Jugendliche saßen an drei Tischen verteilt im Schatten des Holzdaches, das den halben Außenbereich überdeckte. Ich kannte einige von ihnen aus Tonys Team. Sasha Torres, Stephan Jones, Alex Winter. Der Arm von Nick Andrews war in Gips gepackt. Das Trainingslager hatte offenbar Spuren hinterlassen.

Was mich ein wenig überraschte, waren die vielen weiblichen Gesichter. „Was wird denn hier gespielt?“ flüsterte ich Tony noch außer Hörweite der anderen zu. „Seid ihr jetzt auf gemischtes Training umgestiegen?“

„Ja. Cool, findest du nicht? Wir haben ein paar Matches gemeinsam in Santa Monica gespielt. Hunter dachte, es wäre eine gute Idee auch bei uns ein gemischtes Team auf die Beine zu stellen.“

Einige der Mädchen kamen mir bekannt vor. Ich hatte Spanisch mit Susan Miller. Aber eine Handvoll von ihnen hatte ich noch nie zuvor gesehen. Wie dieses eine Mädchen, das plötzlich aufstand, als wir näher kamen. Mit ihren ekelhaft rot geschminkten Lippen küsste sie Tony auf die Wange.

„Du bist spät dran, Anthony. Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr.“

Anthony? Die einzige Person, die ihn jemals so nannte, war seine Großmutter.

„Hi Chloe“, antwortete er mit einer seltsam tiefen Stimme, die ich noch nie gehört hatte. Seine Hände lagen auf ihren Hüften. Er neigte seinen Kopf und ließ sie auch seine zweite Wange küssen.

Verdammt. Was sollte das?

Chloe zwinkerte ihm zu. Anschließend musterte sie mich vom Scheitel bis zu den Zehen. Der Verachtung in ihren Augen nach zu urteilen, war ich auf ihrer Schönheitsskala wohl etwas weiter unten angesiedelt.

Mein Blick schweifte zu Tony. Ernsthaft, er musste beim Anblick ihrer nackten Beine wirklich nicht gleich zu sabbern beginnen.

Sie setzte sich und schlug ein Bein über das andere. Ihr weißes Minikleid war in der Waschmaschine wohl eingelaufen, denn darunter blitzte gerade etwas Rotes hervor.

Tony rief unsere Bestellung zu Charlie hinüber, der hinter der Bar stand. Eine Cola und Red Bull. Das Red Bull war bestimmt nicht für mich. Aber wann hatte er denn angefangen, dieses widerliche Zeug zu trinken? Chloe hatte ebenfalls eine Flasche vor sich stehen. Ich fühlte mich plötzlich sehr seltsam in dieser Runde.

„Gemischte Teams, hm?“, murmelte ich, als wir uns setzten.

„Die Qualifikationen finden morgen statt, Matthews. Ich kann dich auf die Liste setzen, wenn du interessiert bist!“, rief mir Ryan Hunter zu. Ein scherzhafter Schimmer funkelte in seinen dunklen Augen.

Dass er meinen Namen kannte, überraschte mich.

„Liz und Fußball?“ Tony lachte neben mir. „Da könntest du genauso gut versuchen, einen Elefanten dazu zu überreden, Tango zu tanzen. Nicht wahr, Liz?“

Ich warf meinem angeblich besten Freund einen strafenden Blick zu. Er bemerkte es nicht einmal, während der Rest der Gruppe in schallendes Gelächter ausbrach.

„Der Elefant trifft es genau“, sagte Barbie zu der Rothaarigen neben ihr und grinste boshaft zu mir rüber.

Wie bitte? Was? Ich hatte eine perfekte Kleidergröße XS. Meine eins-fünfundsechzig wirkten vielleicht etwas klein gegen ihre amazonenhaften eins-achtzig, aber ich war in keinster Weise fett. Ich klammerte mich an das bisschen Stolz, das ich noch besaß, und beschloss, Tony später dafür zur Rede zu stellen, dass er vorgab, er hätte ihre Beleidigung nicht gehört. In all der Zeit, in der wir Freunde waren, hatte er niemals zugelassen, dass mich jemand beleidigte, ohne hinterher dessen Kiefer zu brechen. Okay, bei Chloe wäre das eine eher drastische Maßnahme, aber er hätte zumindest etwas sagen und mich verteidigen können.

Da er offenbar vergessen hatte, wie das ging, setzte ich ein zuckersüßes Lächeln auf, extra für den Barbie Klon. „Ich habe in der neunten Klasse mal versucht, mein Essen wieder auszukotzen, aber das ist wohl eher dein Ding als meins.“

Das Lachen verstummte. Tony verschluckte sich an seinem Red Bull und begann zu husten. Der Rest der Gruppe gab plötzlich vor, in leise Gespräche vertieft zu sein. Das einzige Geräusch, ein leises Lachen, kam aus Ryan Hunters Richtung.

Chloe runzelte die Stirn. „Hast du mich gerade beleidigt?“

Das Lustige daran war, sie meinte es tatsächlich ernst. Ich rollte mit den Augen und nahm einen Schluck von meiner Cola.

Gott sei Dank bekam Tony kurz darauf eine SMS von seiner Mutter. Mrs. Mitchell hoffte ihren Sohn wenigstens noch kurz zu Gesicht zu bekommen, bevor sie und ihr Mann für zwei Tage nach San Francisco reisen mussten. Tony warf einen Blick auf meine Limo und fragte mich, ob ich noch länger hier bleiben wollte.

In drei Sekunden hatte ich das Glas ausgetrunken und stand von meinem Stuhl auf. „Ich bin fertig.“

Er schüttelte zwar den Kopf, lächelte dann aber und ließ mich vorausgehen.

„Wir sehen uns morgen“, sang Barbie in einem widerwärtigen Ton.

Ich ignorierte die aufsteigende Hitze der Eifersucht in mir. Stattdessen konzentrierte ich mich auf den Boden und zählte die Pflastersteine. Eins, zwei, drei…

„Wie sieht’s aus, Matthews?“, fragte Ryan Hunter, als ich an ihm vorbei ging. „Bist du bei den Qualifikationen dabei, oder nicht?“

Ich hielt an, total erstaunt, dass er es tatsächlich ernst meinte. Mein Blick hing an seinem vergnügten Lächeln. „Ich—“

Tony legte seine Hände auf meine Schultern und schob mich sanft vorwärts. „Zieh‘ sie nicht auf. Liza ist einfach nicht für Fußball gemacht.“

Ich stemmte meine Hacken gegen den Boden. Nicht, weil Tony versuchte mich vor der Verlegenheit einer Antwort zu retten, sondern wegen ihrem gemeinen Lachen hinter mir.

„Weißt du was?“ Ich drehte mich entschlossen zu Tony. „Ich denke, ich wage einen Versuch.“

„Du verarscht mich.“

Das erforderte keine Antwort, trotzdem zog ich meine Brauen hoch.

„Cool. Damit stehst du auf der Liste. Treffpunkt ist morgen um zehn auf dem Fußballfeld.“

Ich blickte zu Hunter. „Ich werde da sein.“

Seine Baseball-Kappe verdunkelte sein Gesicht, als er sein Kinn senkte, doch ich spürte wie sein Blick nach unten schweifte. Dorthin, wo meine abgeschnittenen Jeans endeten, und dann langsam meine nackten Beine entlang.

„Zieh dir ordentliche Schuhe an.“ Er zwinkerte mir grinsend zu. Bevor ich herausfinden konnte, warum ich plötzlich dieses Bauchkribbeln bekam, schob mich Tony bereits aus dem Café.

Wir legten den größten Teil der Strecke schweigend zurück, bis wir fast an meinem Haus angekommen waren und ich ihm geradezu ins Gesicht sprang. „Ich kann nicht glauben, dass du das getan hast!“

„Dass ich was getan habe?“ Tony sah mich an, wie ein Zweijähriger, dem man gerade seinen Schnuller gestohlen hatte.

„Dieses Mädchen hat mich beleidigt und du hast nichts dazu gesagt.“

„Du hattest doch alles im Griff. Und sie hat dich ja nicht wirklich beleidigt.“

„Ah, richtig. Das warst du! Du hast mich als Elefant bezeichnet.“

Tony nahm meine Hand und zog mich weiter. „Du weißt genau, dass es nicht so gemeint war. Ich verstehe nicht, warum du jetzt so eine Szene machst. Du konntest Fußball doch noch nie leiden. Wann hat sich das geändert?“

„Heute. Jetzt liebe ich Fußball.“

„Ja, das kann ich sehen. Du stehst so sehr drauf, dass du unbedingt ein Fußballspieler werden willst.“ Er rollte mit den Augen. „Bitte sag mir, dass das nichts mit Chloe zu tun hat.“

Es hat nur mit dir zu tun, du Idiot! Aber es brauchte schon mehr als einen verrückten Nachmittag, um ihm das zu gestehen. „Die kann meinetwegen in ihrem Schrank voll mit Barbie-Kleidern verschollen bleiben.“

Plötzlich legte Tony seinen Arm um meine Schultern. Er zog mich dicht an sich, als wir weiter gingen. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du bist eifersüchtig.“

„Du und ich. Wir sind beste Freunde, seit wir unsere Windeln losgeworden sind“, grummelte ich, nur leicht getröstet durch seine Umarmung.

„Und ich verspreche dir, wir werden immer noch beste Freunde sein, wenn wir wieder Windeln brauchen.“ Durch sein Lachen wurde ich geschüttelt. „Chloe ist nur ein Mädchen, das gerne Fußball spielt. Aber du bist das einzige Mädchen, das ich kenne, das bei E.T. nicht in Tränen ausbricht.“

Obwohl dies ein offensichtlicher Hauch von Bewunderung war, konnte ich nichts gegen die Kälte tun, die sich um mein Herz legte, so wie er es sagte. Als wäre ich in Wirklichkeit einer von den Jungs und kein nettes Mädchen wie Chloe. Ein ungewollter Seufzer entwich mir, als ich mich aus seiner Umarmung wand.

Tony runzelte die Stirn. „Was ist?“

„Nichts.“

„Bist du böse auf mich?“

„Nein“, knurrte ich.

Er wartete eine Sekunde und musterte mich mit prüfendem Blick. „O-kay…ist das einer dieser Momente, wo du nein sagst, aber eigentlich ja meinst?“

„Nein!“

Er schlug die Hände vors Gesicht, zog sie langsam nach unten und blickte dann hilflos zum Himmel. „Du weißt, dass ich diese Sprache nicht spreche. Sag‘ mir einfach, was dein Problem ist.“

„Es gibt kein Problem!“ Ich rannte den Weg zu meinem Haus hoch und schlug die Tür hinter mir ins Schloss.

 

KAPITEL 2

 

UM NEUN UHR dreißig am nächsten Morgen öffnete ich die Tür und fand Tony davor. Mit hängendem Kopf und den Händen gegen den Türrahmen gestemmt, grinste er verlegen und sah mich durch seine langen Wimpern an.

„Immer noch sauer?“

Ich seufzte. Die lange Rede, die ich am Vorabend für ihn vorbereitet hatte, inklusive Worten wie ignorant, Idiot und Volltrottel, war plötzlich vergessen. „Nenn‘ mich nie wieder Elefant!“, war alles, was ich raus brachte.

„Versprochen.“ Der dumme Junge machte sogar einen Schmollmund und ein Kreuz über seinem Herz.

Ich musste lachen. „Dann ist es okay.“

Tonys metallicgrünes Mountainbike lehnte an unserem niedrigen Holzzaun. Ich holte meines aus dem Geräteschuppen und gemeinsam fuhren wir zum Sportplatz unserer Schule. Knapp fünfzig Jungen und Mädchen, von der zehnten bis zur zwölften Klasse, hatten sich um eines der Tore versammelt. Als wir zu ihnen stießen, teilte gerade jemand Nummern aus. Da Tony ja bereits im Team war, musste er nicht mehr an den Qualifikationen teilnehmen. Aber ich stellte mich in die Reihe, um meine Nummer zu erhalten.

„Siebenundvierzig… Matthews!“, rief Ryan Hunter zu Susan Miller, die die Namen in eine Liste eintrug. Er gab mir den Sticker mit der Nummer, welchen ich auf meine Brust kleben sollte.

Ich hatte Ryan noch nie ohne irgendeine Sportkappe gesehen, außer vielleicht zu besonderen Anlässen, und dann auch nur von weitem. Aber heute spielten Sonnenstrahlen in seinem Haar, das ihm frech in die Augen fiel und ihm ein völlig neues Erscheinungsbild verlieh. Sein unerwartet gutes Aussehen überraschte mich.

Dummerweise erwischte er mich dabei, wie ich ihn anstarrte.

„Viel Glück, Matthews“, wünschte er mir, während ein winziges Lächeln über seine Züge huschte.

Nachdem jeder seine Nummer hatte, erhob er seine Stimme über das Gemurmel der Menge. „Alle mal herhören. Fürs Warm-up läuft erst einmal jeder drei Runden um das Feld.“

Wie bitte? Laufen? „Er macht wohl Witze. Drei Runden?“

„Jetzt sag‘ nicht, du bereust es schon, heute hergekommen zu sein.“

Ich hasste Tonys ich-hab’s-dir-ja-gesagt Grinsen. Er zog mich vom Rasen und joggte neben mir her. Ich schluckte die Antwort, die mir auf der Zunge brannte, hinunter und strengte mich an mit ihm mitzuhalten, doch das war unmöglich, weil einer seiner Schritte so lang war, wie zwei von meinen.

Verdammt, eine Runde kam mir vor wie zehn Meilen. Zum Teufel mit Hunter und seinem Warm-up. Als ich mit meinen drei Runden fertig war, brach ich auf dem Rasen zusammen. Für eine kurze Weile hörte ich nichts als meinen eigenen, keuchenden Atem. Gott sei Dank hatte ich die Möglichkeit, mich ein wenig zu erholen, während sechsundvierzig andere Kandidaten versuchten ein Tor zu schießen, ehe ich an der Reihe war. Die nächsten paar Minuten mimte ich einen toten Frosch.

In der Zwischenzeit brachte mir Tony Wasser in einem Pappbecher. Mein Mund und Hals waren trocken wie die Sahara. Er stand über mir. Sein Schatten bot einen wohltuenden Schutz vor der glühenden Sonne. Ich raffte mich auf und griff nach dem Becher in seiner Hand.

„So wenig?“ Ich hielt den Becher gegen das Licht und schwenkte ihn hin und her, in der Hoffnung, es würde auf wundersame Weise mehr werden. „Ehrlich, Tony, bei dir läuft etwas völlig verkehrt.“

„Ganz und gar nicht.“ Er belächelte mich. „Aber da du ja sowieso kaum noch atmen kannst nach dieser kurzen Strecke, wird dir von mehr Wasser bloß übel. Es wäre sogar besser, wenn du damit nur deinen Mund ausspülst und es dann wieder ausspuckst.“

Zynisch verzog ich die Miene. „Kann ich es dir ins Gesicht spucken?“ Ohne auf seine Retourkutsche zu warten, schluckte ich das bisschen Fliegenspucke, das er mir gönnte, hinunter. Der Tropfen verdampfte augenblicklich in meinem Hals.

„Matthews! Du bist dran!“ Das war Hunter, und als ich mich zu ihm drehte, flog mir der Ball bereits entgegen. Dem Himmel sei Dank für meine Wahnsinnsreflexe. Ich fing ihn, bevor er mich in den Bauch treffen konnte. Tony zog mich auf die Beine. Er gab mir kurze Anweisungen, wie ich den Ball am besten kicken sollte.

Ja genau. Als ob mich das wirklich interessieren würde. Ich setzte den Fußball ins Gras und schoss ihn zu Frederickson, der im Tor stand. Der Ball landete ein paar Meter vor ihm und rollte dann gemütlich den Rest der Strecke bis er sachte Fredericksons linken Schuh berührte.

Euphorisch drehte ich mich zu Tony. „Was sagst du dazu, ich hab‘ doch glatt in die richtige Richtung geschossen!“

„Komm schon, Matthews!“ Ryan joggte zu uns rüber, den Ball unter den Arm geklemmt. „Ich hab‘ schon gesehen, wie du Mitchell härter in den Arsch getreten hast.“

Zerschlagen und ausgelaugt wollte ich kapitulieren, doch als er mir den Ball gab, krümmten sich seine Lippen zu einem neckischen Lächeln, das mich anstachelte, noch einmal Alles zu geben.

Ich nahm die Herausforderung an und platzierte den Ball vor mir im Gras. Doch dann nahm mich Hunter plötzlich zur Seite und schob mich einige Schritte rückwärts. „Dieses Mal nimm einen kurzen Anlauf und steck‘ etwas mehr Kraft in deinen Schuss.“

Mit wachsendem Horror krallte ich mich an Tonys Shirt-Kragen fest und winselte: „Oh nein, lass nicht zu, dass er das mit mir tut. Wir wissen beide, ich werde über das Scheißding stolpern.“

Die Jungs lachten über mich. Tony löste meine verkrampften Finger. „Nein, das wirst du nicht. Ich sag‘ dir was. Wenn du Frederickson genau in die Brust triffst, spendiere ich dir später einen riesigen Schokoladeneisbecher. Abgemacht?“

Eiscreme? Tja, wenn die Motivation stimmte… „Abgemacht.“

Ich startete los und trat hart gegen den Ball. Mein Ziel, der rothaarige Wuschelkopf im Tor. Der Fußball landete sanft in Fredericksons Armen.

„Ausgezeichnet!“, jubelte Ryan. Er lief zurück zu dem niedrigen Tisch, an dem Susan saß und Notizen machte, und rief als nächsten Sebastian Ramirez auf, der sein Glück versuchte.

Unsagbar stolz und mit einem breiten Lächeln im Gesicht drehte ich mich zu Tony. Doch meine Freude verpuffte in dem Moment, als ich Barbie bei ihm stehen sah. Mit den Händen hinter ihrem Rücken verschränkt, wippte sie auf ihren Ballen vor und zurück. Ihr Busen stand so weit heraus, sie hätte damit sein Herz pfählen können. „Kommst du später zu Hunters Party?“, fragte sie ihn mit dieser haarsträubenden Stimme.

Ich schluckte. Ryan Hunters Partys waren legendär. Ich konnte mich zwar nur auf das Getuschel in der Schule verlassen, aber es ging das Gerücht um, sein Vater sei mit Chief Berkley befreundet. Somit konnte Ryan die Musik auf maximale Lautstärke aufdrehen, und zwar die ganze Nacht. Bier floss angeblich in niemals versiegenden Strömen und er hatte sogar seinen eigenen Billardtisch.

Ich sah sein Haus immer nur von Weitem, wenn wir mit unseren Rädern zur Bibliothek fuhren, aber es sah groß genug aus, um eine ganze Billardhalle darin unterzubringen. Eine Einladung zu einer dieser Partys zu bekommen, bedeutete aufzusteigen in die Liga der coolen Kids.

Nicht, dass es mich je interessiert hätte, mit Idioten wie Chloe abzuhängen. Bloß nicht! Aber Tony war schon oft auf einer von Hunters Partys gewesen und er wollte mir nie erzählen, was hinter diesen Türen abging. Das allein stachelte schon meine Neugier an.

Heute Nacht würde er sicher wieder hingehen. Die Tatsache, dass der Barbie-Klon auch dort sein würde, ließ mir das Herz in die Hose rutschen. Obwohl mir eigentlich nach Heulen zumute war, setzte ich ein gleichgültiges Gesicht auf und stapfte zum Wasserspender, um mir einen größeren Schluck zu gönnen, als das bisschen, das Tony mir nach dem Aufwärmlauf gebracht hatte.

Der Nachmittag zog sich hin wie Kaugummi. Es gab weitere Qualifikationstests, die darin bestanden, den Ball hin und her zu passen, mit kurzen Kicks im Zick-Zack über das Feld zu laufen und letztendlich noch zu zählen, wie oft wir den Ball hochkicken konnten, ohne ihn zu verlieren. Ich schaffte unglaubliche zweieinhalb Mal.

Für mich war’s das. Ich war durch mit Fußball. Sollte der Ball doch in der Hölle verrotten und die Spieler an ihrem Durst verrecken. Es kümmerte mich einen Dreck, ob ich es ins Team schaffte oder nicht. In der sengenden Hitze Ball zu spielen war sowieso nur was für Idioten.

Mit dem Handtuch, das Tony mitgebracht hatte, wischte ich mir den Schweiß vom Gesicht, dann stopfte ich es zurück in seinen Rucksack und machte mich auf den Weg.

„Hey, was glaubst du, wo du hingehst?“

„Nach Hause.“

Tony lief mir hinterher. „Das kannst du nicht. Ryan hat die Namen der neuen Spieler noch nicht genannt.“

„Sehe ich so aus, als ob mich das interessiert?“

Er schlang seinen Arm um meine Schultern. Mit meinem eigenen Schwung bugsierte er mich in die entgegengesetzte Richtung. „Willst du gar nicht wissen, ob du es ins Team geschafft hast?“

Ich versuchte mich aus seiner Umarmung zu befreien, scheiterte kläglich und blickte ihn finster an. „Nein, will ich nicht.“

„Wo ist dein Enthusiasmus geblieben?“

„Wo ist dein Urteilsvermögen geblieben?“ Ich blieb stehen. „Du hast gesehen, wie schlecht ich bin.“

„Ach, ich habe schon schlimmere gesehen. Eigentlich bin ich sogar ziemlich stolz auf dich. Du hattest heute zum ersten Mal Hautkontakt mit einem Fußball und hast bereits beim zweiten Versuch beinahe ein Tor geschossen. Dir fehlt nur ein bisschen Übung.“

Es war schwer zu glauben, doch Tonys Blick untermauerte seine Worte. Er meinte es tatsächlich ernst. Etwas verwirrt musterte ich ihn aus dem Augenwinkel. Unglücklicherweise drang Chloe in mein Blickfeld, als sie auf uns zuhopste, wie die Zahnfee. Ihre perfekt manikürten Finger schlangen sich um Tonys Arm. Wie ein aufgescheuchtes Huhn hüpfte sie vor ihm auf und ab.

„Komm, schnell! Hunter gibt gleich die Namen bekannt. Er hat mir schon gesagt, dass ich es ins Team geschafft habe.“

„Das überrascht mich gar nicht.“ Tony ließ zu, dass sie ihn von mir wegzerrte. „Du hast schon im Trainingslager bewiesen, dass du ein Naturtalent in Fußball bist.“

„Nur in Fußball?“ Sie zwinkerte ihm vielsagend zu und tanzte davon.

Ich knirschte mit den Zähnen. Die Sache war die, ich musste einfach in dieses Team. Unbedingt. Ich hatte gar keine andere Wahl. Wie sonst sollte ich diese Schnepfe von Tony fernhalten?

Ryan Hunter hielt eine Liste in seinen Händen, als er vor die erwartungsvolle Menge trat. „Wir brauchen elf neue Spieler. Ich werden jetzt die Namen derer vorlesen, die es ins Team geschafft haben. Wenn euer Name dabei ist, herzlichen Glückwunsch. Wenn nicht, Kopf hoch. Versucht es einfach im nächsten Jahr wieder. Ihr habt heute alle richtig viel Ehrgeiz gezeigt. Ich bin stolz auf euch.“ Er räusperte sich und begann die Namen vorzulesen. „Stevenson. Jones. Summers—“

Da Barbie bei diesem Namen die Hände ihrer Freundin packte und voller Freude herum hüpfte, war ich sicher, dass ich nun auch ihren Nachnamen kannte.

„—Smith. Jackson. Daniels. Hollister. McNeal. Miller. Matthews. Und Warren.“

Mein Kinn sackte bis zum Boden. Ich drehte mich zu Tony. „Sagte er gerade Matthews?“

„Schätze, das hat er.“

Ich wollte ihm sein dämliches Grinsen aus dem Gesicht schlagen. „Also werde ich spielen?“

„Ja“, lachte er. „Und jetzt hol deine Sachen. Ich schulde dir einen Eisbecher.“

Ich hatte es tatsächlich geschafft und er würde mit mir Eis essen gehen. Was für ein fantastischer Tag. Ich eilte zur Bank und schwang meinen Rucksack über eine Schulter. Das definitiv albernste Strahlen stand mir ins Gesicht geschrieben. Es verschwand allerdings schlagartig, als das Wort ‚Schulden‘ in meinem Kopf Gestalt annahm. Was, wenn er Hunter gebeten hatte, mich in die Mannschaft aufzunehmen, obwohl ich ein miserabler Spieler war? Bei dem Gedanken daran, auf Hunters Mitleid angewiesen zu sein, fühlte ich mich schrecklich bloßgestellt.

Ich musste es wissen und Tony würde es ausspucken, auch wenn es bedeutete, dass ich ihm damit drohen müsste, seine komplette Zurück in die Zukunft Sammlung einzustampfen.

Ich machte kehrt und polterte gegen Ryan.

„Gratuliere, Matthews! Du hast dich echt gut angestellt.“

„Ja, was auch immer.“ Stinksauer wegen etwas, wofür ich noch nicht einmal einen Beweis hatte, huschte ich an ihm vorbei. Doch nach einigen hastigen Schritten, stoppte ich, drehte mich auf der Stelle in seine Richtung und fragte: „Sag‘ mal, was schuldet dir Tony dafür, dass du mich in die Mannschaft aufgenommen hast?“

Einen Augenblick lang sah es für mich so aus, als versuchte er, die passenden Worte für eine Antwort zu finden. Der Ausdruck in seinem Gesicht verschwand und plötzlich lachte er. „Das willst du nicht wissen.“

Meine Hände verkrampften sich um die Riemen meines Rucksacks. Verdammt, natürlich wollte ich es wissen.

Er wandte sich zum Gehen, warf mir aber noch einen kurzen Blick über die Schulter zu. „Ich sehe dich dann später bei mir.“

Heilige Scheiße. Hatte er mich gerade zu seiner Party eingeladen?

 

KAPITEL 3

 

DER EISBECHER SAH verführerisch aus, genauso wie Tony, als er Vanilleeis von seinem Löffel leckte. Die ganze Stunde, die wir bei Charlies saßen, konnte ich meinen Blick nicht von seinen Lippen reißen. Zu blöd, dass Tony eine Festung war. Total verriegelt. Er weigerte sich beharrlich preiszugeben, womit er Ryan bestochen hatte, damit ich ins Team durfte. Na ja, er sagte, er schulde ihm nichts, aber das kaufte ich ihm nicht ab.

Um halb acht am selben Abend holte mich Tony in dem Wagen seiner Mutter ab. Ich hatte keine Ahnung, was man zu so einer Party anzog. Da es abends immer noch über dreißig Grad warm war, was ja an sich nicht ungewöhnlich war für Kalifornien im August, entschied ich mich für ein graues Tank-Top und schwarze Hotpants. Tonys anzüglichem Blick zufolge, hatte ich das richtige Outfit gewählt.

Als wir in die Straße, die zu Ryans Villa führte, einbogen und ich die lange Schlange von parkenden Autos sah, bekam ich eine Ahnung davon, wie groß diese Party wirklich sein würde. Tony reagierte gelassen und manövrierte das Auto in eine Lücke am Ende der Straße, doch mir stand vor Staunen der Mund offen.

„Wie viele Gäste erwartet er denn?“

„Keine Ahnung. Gewöhnlich so um die hundert bis hundertfünfzig. Wenn seine Eltern nicht zu Hause sind, können es auch bis zu dreihundert werden.“

Grundgütiger, ich kannte nicht einmal so viele Leute, wenn ich alle meine Freunde, Verwandten und deren Haustiere zusammenzählte. Wir schlenderten die Einfahrt hoch und liefen über Marmorstufen zur gewölbten Eingangstür. Musik dröhnte durch das dicke Holz. Zu läuten war vermutlich Zeitverschwendung. Tony drehte am Knauf und die Tür öffnete sich.

Sean Pauls She doesn’t mind donnerte aus unzähligen Lautsprechern, als wir eintraten. Tanzende Kids rieben ihre Körper in aufreizenden Tanzbewegungen, die ich sonst nur aus Filmen kannte, aneinander. Einige Jungs versuchten trotz der Musik eine Unterhaltung zu führen, während sie Bier aus Flaschen tranken und nach den Hintern der Mädchen grapschten. Einige Pärchen küssten sich im schummrigen Licht.

Ich klammerte mich an Tonys Arm. „Oh mein Gott, lass mich hier bloß nicht allein!“

Er lachte mich aus, oder zumindest dachte ich das, denn bei der lauten Musik konnte ich ihn nicht wirklich hören. Mit seinem Arm presste er meine Hand fester gegen ihn und zog mich in die Menge.

Nicht alle hier waren Schüler. So wie es aussah, hatte Hunter auch jede Menge älterer Freunde, im Alter von etwa sechzehn bis fünfundzwanzig. In der Mitte des Raumes entdeckte ich ein paar Mädchen aus meinem Geschichtsunterricht. Simone Simpkins griff nach meiner Hand, als wir an ihnen vorbeigingen. Ich musste von ihren Lippen lesen, um zu verstehen, dass ich mich zu ihnen gesellen sollte.

„Ich hol’ uns was zu trinken!“, schrie Tony in mein Ohr.

Ich nickte und sah mit einem flauen Gefühl in der Magengrube zu, wie er in der Menge verschwand. Was, wenn er mich in diesem Gewimmel nicht mehr wiederfand? Die Distanz zwischen uns füllte sich rasch mit fremden Leuten. Verdammt, ich hätte ihn nicht gehenlassen sollen.

Schließlich wandte ich mich wieder meinen Freunden zu. Ich versuchte der Unterhaltung zu folgen, aber größtenteils stand ich nur da und nickte, ohne ein Wort zu verstehen. Nach zehn Minuten war Tony immer noch nicht zurück. Simone bot mir eine Flasche Corona an. Völlig ausgetrocknet von der Hitze hier drinnen, war ich dankbar für alles. Hauptsache, es war kühl. Erst benetzte ich nur meine Lippen mit dem Bier. Okay, schmeckte gar nicht so übel. Ich nahm einen richtigen Schluck. Etwas herb, aber sonst ganz gut. Nachdem ich die halbe Flasche leer getrunken hatte, wurde mir ein wenig schummrig.

Plötzlich sah ich Tony auf der anderen Seite des Zimmers. Zumindest dachte ich, er wäre es. Schnell entschlossen winkte ich zum Abschied in die Runde und machte mich auf den Weg durch das Gewühl. Am hinteren Ende lichtete sich die Menge ein wenig. Ich schaffte es, mich durchzuschlängeln, ohne mich am Schweiß der anderen zu reiben. Nur leider war Tony nirgendwo zu sehen.

Ein Durchbruch in der Mauer, mit einem hohen Deckenbogen, verband diesen Raum mit der riesigen dahinter liegenden Küche. Ich steuerte darauf zu und traf auf Ryan, der im Durchgang mit einer Schulter gegen die Wand lehnte. Er hatte die Ärmel seines schwarzen Hemds bis zu den Ellenbogen hochgerollt und die Nähte seiner Jeans waren ausgefranst und abgetreten. Ich konnte die Farbe schwarz an Tony nie ausstehen. Sie verlieh ihm ein seltsam dämonisches Aussehen. Bei Ryan jedoch war das etwas Anderes. Mit dem aufgeknöpften Hemdkragen wirkte er geheimnisvoll. Irgendwie sexy. Dass er teuflisch aussah, war cool.

Sein Blick blieb an mir hängen, während er sein Bier trank und ich näher kam. Es wäre unhöflich, den Gastgeber nicht persönlich zu begrüßen, also blieb ich vor ihm stehen und sagte: „Hallo.“

Hier hinten war die Musik nicht ganz so laut. Ich verstand sogar sein Hi.

„Nettes Haus. So voller… Leute.“ Ja, was für ein origineller Aufhänger. Ich wollte mich selbst dafür ohrfeigen. Etwas Besseres fiel mir aber leider nicht ein. Tja, coole Unterhaltungen zu führen war eben nicht meine Stärke.

„Danke.“ Er stieß sich von der Wand ab und lehnte sich weiter zu mir, damit ich ihn verstehen konnte. „Es wurde auch langsam Zeit, dass Mitchell dich hierher schleppt. Er hat dich lange genug von meinen Partys ferngehalten.“

Wie bitte, was? Ich runzelte die Stirn. Tony war der Grund, warum ich bisher noch nie eine Einladung bekommen hatte? Dieser verdammte Mistkerl. Andererseits nahm er vermutlich an, ich würde mich an solch einem Ort, mit all den trinkenden Leuten und dem Lärm, nicht wirklich wohlfühlen. Und ich Vollidiot hatte seine Vermutung in dem Moment bestätigt, als wir durch die Haustür hereingekommen waren und ich mich wie ein Angsthase an seinen Arm geklammert hatte.

Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und krächzte in Ryans Ohr: „Weißt du wo er ist?“ Gott sei Dank musste ich nicht mehr schreien. Meine Stimmbänder waren bereits angeschlagen genug und mein Hals fühlte sich kratzig und trocken an.

„Nein, keine Ahnung.“ Er nippte an seinem Bier.

Seufzend nahm ich einen Schluck von meinem, aber mittlerweile ekelte ich mich davor. Ich verzog das Gesicht. Plötzlich nahm Ryan meine Hand und zog mich in die Küche. Er stellte sein Bier auf dem Tresen ab, machte eine Sprite auf, nahm mir die Flasche Corona ab und drückte mir stattdessen die Limodose in die Hand.

„Du solltest kein Bier trinken.“ Sein Tonfall klang plötzlich ganz ernst. „Besonders nicht in diesem Haus.“

Er hatte recht. Ich wollte wirklich nicht zu einem der Grapsch-Flittchen werden, so wie die meisten der Mädchen im Nebenzimmer. Ich war dankbar für die Limo. So konnte ich wenigstens den bitteren Nachgeschmack des Biers in meinem Mund hinunterspülen.

„Du hast dich heute echt gut geschlagen“, sagte Ryan.

„Ich war furchtbar und das weißt du. Ich verstehe immer noch nicht, warum du mich in die Mannschaft geholt hast.“

Er trank aus meiner Flasche Corona. „Wer weiß? Vielleicht will ich dich da einfach haben.“

Himmel, bei seinem anzüglichen Tonfall durchzuckte mich ein kribbelnder Schauer.

„Mach’ jeden Tag ein wenig Ausdauertraining, dann bist du bald eine Spitzenspielerin.“

In Sport war ich eine Versagerin. Zu Beginn des Sommers hatte ich versucht, jeden Morgen eine kurze Strecke zu joggen, um in Form zu kommen. Aber das war nichts für mich. Das Weiteste, das ich schaffte, war eine halbe Meile, bevor ich prustend und frustriert zurück stapfte. „Ich glaube, mir fehlt einfach die nötige Motivation, um Sport zu treiben. Ich bin eine echte Niete, wenn’s ums Laufen geht.“

„Was du brauchst, ist ein Privattrainer.“

Darüber konnte ich nur lachen. „Sag bloß, du willst den Job?“

Ryan kräuselte die Lippen und starrte mich einen Moment lang an, so als hätte ich ihm gerade eine Menge Geld für beschissene Arbeit geboten. Dann zuckte er mit einer Schulter. „Sicher. Warum nicht? Wenn du versprichst, ein wenig Begeisterung zu zeigen, bin ich dabei.“

Das klang nach einem interessanten Angebot. Schließlich hatte ich gar keine andere Wahl, als an meiner Ausdauer zu arbeiten, wenn ich ein ganzes Fußballspiel durchhalten wollte. Keinesfalls konnte ich Blondie weiteren Gesprächsstoff liefern, um über mich herzuziehen, indem ich nach der ersten Halbzeit zusammenbrach. Ihre Genugtuung wäre mein Ruin. Außerdem sollte Tony endlich einsehen, dass ich für mehr gut war, als nur Videogames mit ihm zu spielen.

Ja. Training war das neue Motto.

Überraschenderweise durchlief mich bei dem Gedanken mit Hunter zu trainieren ein Schwall von Vorfreude. Er war der Kapitän der Fußballmannschaft. Das machte privates Training mit ihm zu einer Art Privileg. Es würde meinen Status in der Schule von durchschnittlich zu supercool aufpolieren.

„Abgemacht.“

Er nickte langsam. „Wir beginnen Montagmorgen.“

Fantastisch. Somit hatte ich noch einen ganzen Tag Freizeit, bis zu meinem gerade inszenierten Selbstmord. Aber sein begieriger Blick versprach, ich würde meine Entscheidung nicht völlig bereuen.

Hinter mir rief jemand seinen Namen. „Wir spielen eine Runde Pool. Bist du dabei?“

Ryan stieß sich vom Tresen ab. „In einer Minute.“ Dann strich er mit dem Hals der Flasche über meine Wange. „Genieß’ den Abend. Und was immer du tust, halt dich fern von den Erdbeeren.“

Ich stand sprachlos da, als er an mir vorbeiging und mit einem leisen Lachen aus der Küche verschwand. Ich nahm einen Schluck Sprite, um mich abzukühlen.

In diesem Moment kam Susan Miller in die Küche. Sie machte ein freudiges Gesicht, als sie mich sah. „Hey, was sagst du dazu, jetzt sind wir beide im Team. Und ganz ehrlich—“ Sie holte kurz Luft und blickte geheimnisvoll nach allen Seiten, um sicherzugehen, dass außer uns niemand im Raum war. „Ich habe in meinem Leben noch kein schöneres Haus gesehen. Ich wollte schon immer mal auf eine von Hunters Partys gehen, aber er hat mich bisher nie bemerkt. Vermutlich wusste er bis heute noch nicht mal meinen Namen.“

„Ja, meinen auch nicht.“ Zumindest hatte ich das angenommen, bis er mich gestern zum ersten Mal Matthews genannt hatte.

„Was wirst du beim Training anziehen? Deine Sportsachen, oder besorgst du dir ein richtiges Fußballdress?“

Susan war so aufgeregt, ich konnte ihren Enthusiasmus gar nicht verstehen. Welches Mädchen wollte schon freiwillig Fußball spielen? Abgesehen davon, dass vielleicht im Team ein Junge war, in den sie seit Jahren Hals über Kopf verliebt war.

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich weiß noch nicht. Wahrscheinlich bleibe ich vorerst bei dem was ich habe. Shorts und ein T-Shirt. Alles Andere kann ich mir bei meinem mickrigen Taschengeld sowieso nicht leisten.“ Und nie im Leben würde mich jemand dazu überreden können, diese potthässlichen Schuhe mit Stoppeln an den Sohlen zu tragen. „Hör’ mal, hast du Tony irgendwo gesehen?“

„Nicht, seit ihr beide zur Tür hereingekommen seid. Warum?“

„Bisher habe ich ihn nicht viel zu Gesicht bekommen und ich frage mich nur gerade, wo er steckt.“ Ich warf meine leere Dose in den Mülleimer. Mein schlechtes Gewissen plagte mich, trotzdem fragte ich: „Macht es dir etwas aus, wenn ich ihn suchen gehe?“

Susan war cool. „Mach’ du nur. Ich finde euch später.“

Ich kehrte zurück in den Partyraum und wanderte ein wenig umher, in der Hoffnung, Tony endlich zu finden. Aber das Schieben und Schubsen der schwitzenden Kids ging mir bald auf die Nerven. Ich hielt mich näher an der Wand. Als ich einen weiteren Durchgang erreichte, schielte ich kurz in den Nebenraum. Da war kein Blondschopf. Enttäuscht sackten meine Schultern nach unten. Aber dann traten einige der Jungs zur Seite und gaben die Sicht auf einen Billardtisch frei. Jemand beugte sich auf eine anziehende Weise darüber.

Mittlerweile erkannte ich Hunters dunkles Haar überall. Er hielt den Queue flach über dem grünen Filz und zielte auf die weiße Kugel. Es waren noch einige bunte Kugeln im Spiel, doch so wie es aussah, hatte er es auf die schwarze Acht abgesehen.

„Komm schon, Ryan! Gib einem Freund eine Chance. Du kannst die Kugel noch nicht versenken.“

Ich drehte mich zur Seite, um zu sehen, wer Hunter hier so kläglich anflehte. Der Name des großen Jungen war mir entfallen, aber ich wusste, er hatte Algebra mit Tony. Der Ausdruck in seinem Gesicht war zum Schießen. Man konnte glatt meinen, sein Leben hing davon ab, ob Hunter die Kugel einlochte oder nicht.

„Was ist dein Problem, Justin?“ Hunter grinste, als er den Queue perfekt positionierte. „Hast du Angst, deine Mutter könnte herausfinden, dass du um Geld spielst?“

In diesem Moment bemerkte ich den Stapel Geldscheine auf der Tischkante. So wie es aussah, hatten sie eine Summe von gut einhundert Dollar im Pot. Mein Mund blieb offenstehen. Das waren fünfzig von jedem. Ich bekam in einem Monat nicht einmal halb so viel Taschengeld.

„Meine Mutter schert sich einen Dreck. Aber ich brauche wirklich unbedingt dieses Spiderman Comicheft. Es ist ein Original“, jammerte Justin.

Er tat mir beinahe leid. Nun musste ich wissen, wie das Spiel ausging, und so rutschte ich an der Wand entlang, bis ich im Zimmer stand, genau gegenüber von Ryan. Schmale Augen und seine in Falten gelegte Stirn gaben seine Anspannung preis. Der Queue rutsche in seiner Hand etwas nach hinten. Jeden Moment würde er seinen Spielzug ausführen.

Doch dann blickte er hoch zu mir. Seine dunklen Augen fixierten mich. Er rührte sich keinen Millimeter, nur seine Brust hob und senkte sich bei jedem Atemzug. Sämtliche Blicke im Raum waren nun auf mich gerichtet. Mein Herz klopfte ein wenig schneller und ich fühlte, wie meine Wangen unangenehm heiß wurden.

Ich biss mir verlegen auf die Unterlippe. „Was ist?“

Ryan sagte kein Wort. Aber Justin warf seine Faust in einer siegessicheren Geste in die Luft, als er an meine Seite eilte. Er legte mir den Arm um die Schultern und grinste dämlich. „Schätzchen, du hast mir gerade das Leben gerettet.“

„Ah… okay.“ Mein Blick kehrte zu Hunter zurück. „Und wie das?“

Ryan fing an zu grinsen, obwohl er dabei nicht so glücklich wirkte, wie der Junge neben mir. Eher so, als wüsste er, dass gleich ein Unglück passieren würde. Und zwar seines.

„Er kann nicht spielen, wenn ihm jemand zusieht“, sang Justin fröhlich in mein Ohr. „Er wird den Stoß total vermasseln.“

„Aber ihr seht ihm doch alle zu“, stellte ich fest.

Am hinteren Ende des Zimmers lachte jemand. „Ja schon. Aber wir sind keine Mädchen.“

Hunter richtete sich auf. Er rieb die Spitze seines Queues mit blauer Kreide ein. Seine Lippen waren zusammengepresst und er ließ mich nicht aus den Augen. Obwohl ihn die ganze Sache offenbar sehr amüsierte, wollte ich ihm keine Probleme verursachen. Besonders nicht, wenn Geld im Spiel war.

„Es tut mir leid“, krächzte ich verlegen. „Ich werde euch Jungs wohl lieber wieder alleine lassen.“

„Oh nein, das kommt gar nicht in die Tüte, Schätzchen!“ Justins Arm lag immer noch fest auf meinen Schultern. „Du bist meine Versicherung. Mit deiner Hilfe werde ich das Comicheft doch noch bekommen. Du bleibst!“

Ich fand seinen Übermut niedlich, obwohl ich mich offengesagt wie ein Verräter fühlte. Ryan, der bis jetzt immer noch nichts gesagt hatte, fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe. Ein Mundwinkel wanderte langsam nach oben. Er holte tief Luft und beugte sich erneut über den Tisch. Es herrschte Totenstille. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Justin die Finger kreuzte und ein leises Stoßgebet in Richtung Zimmerdecke sandte.

Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass ein einzelner Stoß die Anspannung in einem Raum derart heben könnte. Ryan räusperte sich, sein Blick schweifte zwischen mir und der weißen Kugel vor ihm hin und her. Plötzlich sackte sein Kopf herab und er lehnte die Stirn lachend auf die Tischkante. „Nimm dein Geld, Justin. Ich gebe auf.“

Die Jungs in dem Zimmer johlten, als wäre soeben das Undenkbare passiert. Justin drückte mir einen Kuss auf die Backe. Er schnappte sich das Geld. Ich stand nur da und starrte Hunter, der nun seine Hände auf den Billardtisch stützte und den Kopf hängenließ, fassungslos an. Doch als er aufblickte, war da dieser unverkennbare Funke von Heiterkeit in seinen Augen.

„Es tut mir so leid“, formte ich mit den Lippen. Es hatte sowieso keinen Sinn zu versuchen, die anderen zu übertönen.

„Ich verbanne dich aus diesem Zimmer.“

Wie ich, flüsterte auch er, jedoch mit einem Grinsen, und ich las es von seinen Lippen. Er kam um den Tisch herum, ganz langsam. Ich drückte mich etwas fester gegen die beruhigend kühle Wand hinter mir.

Er blieb vor mir stehen, den Queue in einer Hand, während er sich mit der anderen auf meiner Augenhöhe gegen die Wand stützte. „Du hast mich gerade fünfzig Mäuse gekostet“, sagte er leise.

„Ja, ich weiß.“ Ich versuchte den Blick eines armen Hündchens zu mimen. „Aber Justin braucht wirklich unbedingt dieses Comicheft.“

Ryan lächelte süffisant. „Du verbündest dich also mit dem Feind? Ich hätte es wissen müssen.“ Er legte mir die Hand auf die Schulter und schob mich sanft durch den Torbogen hinaus und zurück in den Partyraum. „Heute Nacht hast du keinen Zutritt mehr zu diesem Zimmer.“

„Oh nein, warum?“ Ich zog einen verspielten Schmollmund, hob mein Kinn und sah in seine funkelnden Augen. „Es macht echt Spaß dir zuzusehen, wenn du…verlierst.“

Er ließ nicht zu, dass sein Lächeln ihn verriet, als er sich zu mir beugte. „Fort mit dir!“

***

Na, neugierig, wie es bei Liza, Tony und Ryan weitergeht? Dann holt euch das Buch schnell bei Amazon!

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