Stealing Three Kisses (VM 1)

 

Stealing Three Kisses

Vernasch Mich, 1

Kapitel 1

Jace

 

„Du hast meinen One-Nighter geklaut, du Penner! Mit Sicherheit bist du der Letzte, den ich als Tristan auf die Bühne lasse.“

„Ach, jetzt komm schon!“ Ich täusche ein gequältes Gesicht vor, kann mir ein Grinsen aber trotzdem nicht verkneifen, als ich vom Kühlschrank in der angrenzenden Küche zurückkomme und Lawrence eine Dose Dr. Pepper zuwerfe, ehe ich mich wieder auf den Sitzsack ihm gegenüber fallen lasse. „Das war ein Versehen. Ich hatte doch keine Ahnung, dass du gerade versucht hast, die Kleine klarzumachen.“

Zugegeben, das entspricht nicht ganz der Wahrheit. Natürlich habe ich, wie jeder andere im Raum auch, gemerkt, wie er auf meiner Geburtstagsparty vor zwei Wochen Caroline in ihrem roten Kleid angebaggert hat. Sie hätte sich aber wohl lieber vor einen fahrenden Bus gestürzt, als ihn an sich kleben zu haben. Da war es doch meine absolute Pflicht, die arme Jungfrau in Nöten zu retten, oder?

Tja, und vielleicht war es auch ein kleines Geburtstagsgeschenk an mich selbst.

Er legt die Beine auf dem niedrigen Couchtisch zwischen uns übereinander und öffnet seine Dose, wirft mir dabei aber einen vernichtenden Blick durch die roten Haarsträhnen zu, die seine Augen verschleiern. „Und jetzt bietest du mir auch noch dieses Kindergesöff an? Ernsthaft? Kriegen deine Freunde plötzlich kein Bier mehr oder was?“

Vincent und Cedric haben je ein Budweiser bekommen. „Ich würde dir sogar eine ganze Brauerei anbieten, im Austausch für die Rolle als Tristan.“ Mein Grinsen ist so breit wie der Broadway, als ich ihm und den Jungs mit meiner Flasche zuproste. Vinnie und Rick trinken lachend mit mir. Lawrence hingegen … Ich schwöre, der Ire spinnt sich gerade meinen Tod in seinem genialen Drehbuchschreiber-Hirn zusammen.

„Och, warum machst du denn jetzt so ein finsteres Gesicht, Renzi?“, ziehe ich ihn mit einer Singsangstimme auf, weil ich genau weiß, wie sehr er den Spitznamen verabscheut. Er hasst es nur noch mehr, wenn wir seinen Nachnamen abkürzen, der im Übrigen Dickson lautet.

„Nenn mich noch einmal so und die einzige Rolle, die du im Stück kriegst, ist ein Baum.“

Äh… So wie er gerade grimmig die Augenbrauen zusammenzieht, sollte ich seine Warnung wohl lieber ernst nehmen. Es ist schon schlimm genug, nicht die Hauptrolle in Tristan und Isolde zu bekommen, wenn einer meiner besten Freunde im Theaterkomitee sitzt und für das Casting verantwortlich ist. Aber nicht die kleinste Chance haben, mitzuspielen, wo diesmal eine sehr wichtige Person im Publikum sitzen wird, ist dann doch ein Schlag unter die Gürtellinie.

Es geht das Gerücht um, dass sich ein Talentscout die Aufführung ansehen wird, und jeder an der San Francisco Art Academy weiß, wie solche Besuche die Türen zu den wirklich coolen Jobs in der Filmindustrie öffnen. Anders als Lawrence, der bereits in die Abschlussklasse geht, haben Vinnie, Rick und ich zwar erst vorige Woche unser zweites Studienjahr an der Akademie gestartet, aber man kann nie früh genug damit anfangen, an einer ernsthaften Schauspielkarriere zu arbeiten.

An warmen Septembertagen wie heute wird es in meinem Apartment, hier oben im vierten Stock, immer ziemlich heiß. Daher schiebe ich mir die Ärmel meines schwarzen Kapuzenpullis bis zu den Ellbogen hoch und nehme noch einen Schluck von meinem Bier. „Wirfst du es mir wirklich vor, dass die Mädels auf mich fliegen?“

Lawrence zieht ein Gesicht. „Sie liegen dir nur deshalb alle zu Füßen, weil du Bastard immer genau die richtigen Worte findest, um sie einzuwickeln.“

„Was soll ich sagen?“ Ich zucke mit den Schultern, denn er hat absolut Recht. Mit dem zarten Geschlecht zu reden, fiel mir immer schon leicht. Lawrence leider nicht so sehr. Seit ich vor knapp einem Jahr auf dem Campus in ihn hineingestolpert bin, habe ich beobachtet, wie er sich krampfhaft abmüht, Mädchen zu Dates einzuladen. Wenn er erst einmal in einer Beziehung steckt, ist er da – Gott sei Dank! – etwas entspannter. Seit letztem Winter hatte er auch eine Freundin, aber die Kleine hat ihn vor zwei Monaten für einen Älteren sitzen lassen. Erschien mir allerdings nur fair, denn sie selbst war ja auch sieben Jahre älter als Lawrence.

„Aber du machst doch nächsten Frühling deinen Master als Drehbuchautor“, entgegne ich mit mehr Ernst in der Stimme. „Du bist ein genialer Schriftsteller. Von uns allen sollten Worte eigentlich deine Stärke sein.“

„Das möchte man meinen.“ Er zieht ein grimmiges und ziemlich enttäuschtes Gesicht. „Nur leider gehen die Worte immer auf dem Weg von hier“, er tippt sich mit der Dose erst an die rechte Schläfe und hält sie dann gegen seinen Mund, wobei er weiter in die kleine Öffnung spricht, „nach da verloren, wenn ich einem hübschen Mädchen in die Augen sehe.“

„Na, vielleicht schreibst du ihnen in Zukunft lieber erst mal eine WhatsApp, ehe du mit ihnen redest?“, scherzt Vinnie und rempelt ihn schmunzelnd mit dem Ellbogen an.

Lawrence wirft ihm einen vernichtenden Seitenblick zu. „Geh zurück nach Kanada und erzähl doch den Leuten dort deine blöden Witze“, brummt er, woraufhin Vinnie sich dramatisch ans Herz fasst und abermals in schallendes Gelächter ausbricht.

„Oder scheiß komplett auf Worte und lass lieber Taten sprechen“, füge ich grinsend hinzu.

„Als ob du jemals ein Mädchen rumkriegen würdest, wenn du sie nicht mit deinem schnulzigen Gelaber einwickeln könntest“, kommt ihm nun Rick zu Hilfe und streckt dabei die Hand mit seiner Bierflasche aus, den Zeigefinger auf mich gerichtet. Dann lehnt er sich nach vorn und stützt die Unterarme auf die Knie. „Du wärst in der Welt der Frauen doch total verloren, Alter.“

„Ha! Das denkst auch nur du!“ Herausgefordert spiegle ich seine Haltung und schiele kurz zu Lawrence, der ganz genau weiß, dass das hier nichts weiter als dummes Donnerstagnachmittags-Geplänkel unter Freunden ist, weil uns nichts Besseres einfällt. „Ich wette, ich könnte schneller ein Mädchen abschleppen, ohne meine Klappe aufzumachen, als Law es mit tausend Worten kann.“

„Ja, das mag schon stimmen“, pflichtet mir Lawrence bei und hat dabei ein hämisches Glitzern in den Augen. „Ist das Schicksal da nicht eine fiese Bitch, wenn es zulässt, dass Versager wie ich gleichzeitig auch die Arschlöcher im Theaterkomitee sind und darüber entscheiden, wer auf die Bühne darf und wer nicht? Und du, mein Freund, wirst ganz bestimmt keiner der Glücklichen sein.“

„Hey, warte! Jetzt komm schon!“ Mein Protest hallt in der Flasche wider, die ich gerade an meinen Mund setze. „Vinnie, sag ihm, dass ich seine beste Besetzung bin!“

„Na, vielleicht bin ich eine viel bessere Wahl als du? Ich könnte ja selbst für die Rolle vorsprechen“, fällt mir unser kanadischer Freund schamlos in den Rücken und missachtet dabei komplett mein Dilemma. Na, wenn ihn das nicht zum Freund des Monats macht!

Ich setze eine sarkastische Miene auf. „Du wirst Regisseur. Was könntest du schon auf der Bühne tun?“

„Das Publikum mit meiner grandiosen Darbietung verzaubern?“

„Ja, tut mir leid, Bro, aber das ist mein Job.“ Ich hieve mich aus dem Sitzsack und mache das große Fenster in meinem Wohnzimmer auf, dann lehne ich mich weit hinaus und suche die Straße nach einem ganz bestimmten roten Auto ab. Killian ist schon lange überfällig. Er sollte Bier mitbringen. Meine Flasche ist beinahe leer und mir ist gerade nicht nach einem Dr. Pepper oder, schlimmer noch, nach einem Glas Milch, denn das ist alles, was mein Kühlschrank im Moment zu bieten hat. Ich drehe mich zu meinen Freunden um, stütze mich am Fensterbrett hinter mir ab, Knöchel über Kreuz und meinen hoffnungsvollen Blick auf Law gerichtet. „Du weißt genau, wie sehr ich die Rolle haben will. Also … wie kann ich das mit dem gestohlenen One-Nighter wieder gutmachen? Soll ich dir eine andere aufreißen?“

Lässig lehnt sich Lawrence zurück und legt die Hände hinter den Nacken. Seine Zungenspitze zieht dabei eine Linie über seine Unterlippe. Der Scherz ging wohl eine Spur zu weit. „Da du dir ja so sicher bist, was deine Verführungskünste betrifft“, meint er herablassend, „wie wäre es da mit einer kleinen Wette?“

„Eine Wette?“ Vor einer interessanten Herausforderung habe ich noch niemals gekniffen. Ich verschränke abwartend die Arme vor meiner Brust. „Schieß los.“

„Okay, hier ist der Deal: Wenn du ein Mädchen dazu kriegst, dass sie dir bis zum Casting im Oktober verfällt, bekommst du die Rolle.“

Während er seine Augenbrauen provokant hochzieht, kippen meine skeptisch nach unten. „Das klingt nicht allzu schwer.“ Eher viel zu einfach. Jeder in diesem Raum weiß, dass ich das mit links schaffe, und noch dazu lange vor dem Casting. Aber ich kenne Law. Er hat wohl noch ein Ass im Ärmel. Mit flacher Stimme fordere ich ihn auf: „Und die Bedingungen?“

„Du darfst nicht mit ihr reden.“ Eine Atempause für mehr Drama. „Kein einziges Wort.“

„Was?“, platze ich raus und Vinnie und Rick schütteln sich vor Lachen.

„Von jetzt an bis zum Tag des Castings wirst du absolut nichts zu ihr sagen. Weder persönlich, noch durch Dritte, und auch keine Briefe oder andere Nachrichten in geschriebener Form. Das Einzige, was du zur Kommunikation mit ihr verwenden kannst“, und jetzt grinst er hämisch, „ist dein Körper.“

Verfluchte Scheiße noch mal, diese Wette stellt sich gerade als unmöglich heraus! Ich fahre mir mit der Zunge über die Zähne, als ich abwäge, wie sehr ich diese Rolle wirklich haben will und ob sie all diesen Bullshit wert ist. Das Ergebnis ist leider eindeutig. „Kann ich zumindest nicken und den Kopf schütteln, wenn sie mich was fragt?“

„Nur, wenn es in ihrer Frage nicht um die Wette geht. Und wo wir schon dabei sind, wenn sie herausfindet, dass es sich bei dem Ganzen überhaupt um eine Wette handelt, ist der Deal geplatzt und du hast verloren.“

Mensch, ich hasse seinen klugscheißerischen Blick, wenn er denkt, er hat mich an den Eiern. Aber wenn das die einzige Möglichkeit ist, um an die Rolle des Tristan zu kommen, dann bin ich bereit. „Na gut. Was passiert, wenn ich scheitere?“

Bei dem düsteren Flackern in seinen Augen bereue ich meine Frage bereits jetzt.

„Wenn du versagst, Kumpel, wirst du Isolde spielen.“

„Nicht dein Ernst!“, grunze ich. „Das ruiniert meinen –“

„Nur ein kurzer Auftritt“, unterbricht mich Lawrence. Wieder grinst er dabei verschlagen. „In der Schlafzimmerszene. Und du wirst sie in sexy Damen-Reizwäsche spielen.“

Im Raum wird es schlagartig still wie auf einem Friedhof, bis auf Vinnies überraschtes Zischen durch seine Zähne.

„Das ist eine harte Strafe dafür, dass ich dir Caroline weggeschnappt habe“, sage ich leise.

Lawrence blinzelt zweimal mit absolut ernster Miene. „Alter! Sie hatte meilenlange, absolut perfekte Beine!“

Ein Schmunzeln entschlüpft mir bei dem Gedanken daran, wie sich eben diese perfekten Beine um meine Hüften geschlungen haben, als wir später allein in meiner Wohnung waren. „Ich weiß.“

Wie eine Lanze durchbohrt mich sein starrer Blick. „Entweder Isolde in Reizwäsche oder gar nichts.“

Mit gesenktem Kopf beiße ich mir auf die Innenseite meiner Wange. Im Nachhinein betrachtet ist dieses Geburtstagstechtelmechtel mit Caroline wohl doch ein großer Fehler gewesen. „Okay …“ Ich hebe das Kinn und wage noch eine letzte Frage. „Kann ich das Mädchen dann wenigstens selbst aussuchen?“

„Vergiss es!“ Unverblümt lacht er mich aus. „Und es wird auch sicher kein Mädchen sein, mit dem du schon mal gesprochen hast. Jemand komplett Fremdes.“ Seine Mundwinkel schieben sich zu einem bösen Grinsen auseinander. „Meine Wette, meine Wahl.“

Ja, Scheiße. Ich habe schon befürchtet, dass er irgend so etwas sagen würde.

„Hey …“, zieht Rick unsere Aufmerksamkeit auf sich und kräuselt die Lippen, wobei er sich eine blonde Strähne aus der Stirn pustet und Lawrence mit einem prüfenden Blick festnagelt. „Du hast gesagt, es ist ein Dealbreaker, wenn die Kleine merkt, was gespielt wird. Aber ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass sie früher oder später sowieso rausfinden wird, dass es sich um eine Wette handelt? Ich meine, welches Mädel würde sich nicht wundern, wenn da plötzlich ein Kerl ständig versucht, sie anzubaggern, und nur mit ihr nicht spricht, mit allen anderen aber schon?“

„Gutes Argument.“ Mit dem rechten kleinen Finger kratzt sich Law am Bart in der Senke unterhalb seiner Lippe. „Dann sagen wir eben, sie darf die Bedingungen der Wette nicht herausfinden, oder was auf dem Spiel steht.“ Er dreht sich wieder zu mir. „Und da ich es dir ja schon extra leicht mache, sind hier die neuen Regeln: Drei Küsse. Alle müssen vor unseren Augen passieren, damit wir auch sicher sein können, dass du nicht schummelst. Und alle drei …“, wie ein verdammter Oberschullehrer hebt er den Zeigefinger, „… müssen von ihr begonnen werden.“

„Oh, bitte!“ Das ist doch vollkommen hirnrissig. „Du weißt genau, dass Mädchen niemals zuerst küssen!“ Meine Nägel drücken sich in den Marmor hinter mir, als ich mich mit beiden Händen am Fensterbrett festklammere. „Ein Kuss, der von ihr ausgeht.“

Grüblerisch legt er seinen Kopf etwas schief. „Zwei. Den dritten kannst du meinetwegen selbst starten. Und wenn sie dir danach eine knallt, bist du raus.“

Fiese Regeln, aber nicht unmöglich. „Einverstanden. Allerdings streichen wir den Teil, wo sie sich in mich verlieben muss.“

Er nimmt sich einen Moment, um das zu überdenken, als endlich die Sprechanlage an der Wand neben der Tür läutet. Ich gehe rüber und drücke den blauen Knopf, dann frage ich in meiner allerbesten Darth Vader-Imitation: „Wie lautet das Passwort?“

Killians WTF-Lachen dringt durch den Lautsprecher. „Ich hab das Bier, Schwachkopf. Jetzt mach schon auf.“

Okay, das lass ich mal gelten. Ich öffne ihm die Eingangstür, dann lehne ich die Wohnungstür an, damit er rein kann, und geselle mich wieder zu meinen Freunden auf der weißen Ledercouch. „Sind wir jetzt also fertig mit den Verhandlungen? Drei Küsse, keine Ohrfeige, nicht reden, nicht verlieben und alles vor dem 8. Oktober.“ Was mir etwas weniger als zwei Wochen Zeit gibt.

„Klingt wie der Rahmen für eine sehr interessante Wette“, meint Vinnie und hebt sein Bier, um den Vertrag zu besiegeln. Lawrence nickt und wir stoßen alle mit unseren Getränken über dem Couchtisch an, wobei er zum Anstoßen sein Dr. Pepper nimmt.

„Also, welches Mädchen schwebt dir für meine Aufgabe vor?“, frage ich.

„Es darf auf keinen Fall eine sein, die du bereits kennst“, erklärt Law. „Ich muss mir da was überlegen.“

Mist. Irgendwie ist das wie ein Tritt in die Eier, nur dass ich immer noch auf den Schmerz warte. „Na schön. Stell aber vorher sicher, dass sie Single ist. Ich werde ganz sicher nicht zum Beziehungskiller nur für eine Rolle in dem Stück.“

In dieser Sekunde geht die Tür auf und Killian kommt mit einem amüsierten Grinsen auf den Lippen herein. „Habt ihr schon die Kleine gesehen, die gerade drei Türen weiter einzieht?“ Er streift sich mit den Fingern durch die Haare, die genauso dunkel sind wie meine, nur dass seine ein paar Zentimeter kürzer und flach an seinen Kopf gedrückt sind. „Die ist ja vielleicht irre drauf.“

Jemand zieht in 403 ein? Das Apartment stand den ganzen Sommer über leer. Andererseits sollte es mich gar nicht so sehr überraschen. Immerhin hat das neue Semester gerade erst angefangen und die Akademie besitzt in diesem Block einige Wohnungen, die nur an die Studenten vermietet werden. 403 ist eine davon. Sie geht also auch zur Filmschule. Vielleicht ja ein Neuling?

„Wieso irre?“, stellt Rick die Frage, die uns sicher allen auf der Zunge liegt. Ich nehme Killian das Sixpack Bud-Light ab und mustere ihn dabei mit einem verschrobenen Blick wegen des Light Biers.

„Das normale Zeug war aus“, bringt er zu seiner Verteidigung hervor und zuckt mit den Schultern, dann lässt er sich auf meinen Sitzsack fallen, während ich das Bier in den Kühlschrank stelle. „Und irre weil …“, höre ich ihn Cedrics Frage beantworten, „na ja, stellt euch einfach vor, Hello Kitty trifft auf Abby Sciuto aus Navy CIS. Das wäre dann genau sie.“

Killians Beschreibung wirft ein paar bizarre Bilder in meinen Gedanken auf. Ich schüttle den Kopf, als ich wieder zu den Jungs ins Wohnzimmer stoße. Klingt nach dem Typ Mädchen, das nachts heimlich auf Friedhöfe schleicht – und dann dort ein kleines Picknick mit Milch und Keksen abhält.

Bevor ich diesen Gedanken überhaupt zu Ende spinnen kann, klatscht Lawrence in die Hände, springt auf und deutet begeistert zur Tür. „Das ist dein Mädel!“

„Oh nein, keine Chance!“ Ich hebe beide Hände, um seinen Enthusiasmus im Zaum zu halten. „Keinesfalls laufe ich blindlings in diese Wette!“ Sie könnte der totale Freak sein. Dann passe ich lieber und verzichte komplett auf die Rolle des Tristan. „Lass mich erst einen Blick auf sie werfen. Wenn sie halbwegs akzeptabel aussieht, sind wir im Geschäft. Wenn sie gruselig ist, kann meinetwegen Vinnie statt mir auf die Bühne.“

Der sadistische Ire hätte mich wohl nur zu gerne ohne einen blassen Schimmer in dieses Abenteuer geschickt, aber am Ende gibt mir sein zögerliches Nicken doch freie Bahn, um die Kleine erst einmal abzuchecken. Ich atme tief durch und spaziere raus in den Flur.

Apartment 403 ist nur ein paar Türen weiter den Flur runter und auf der anderen Seite des mit Teppich ausgelegten Ganges. Es ist nach Süden ausgerichtet, während ich in meinem einen Ausblick auf die Grant Avenue habe. Türmeweise Kartons umzingeln etwas Pinkes, das auf dem Boden hockt und nach Gott weiß was in einer der Kisten kramt.

Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, das dort vorne auf dem Fußboden ist gar kein Mädchen sondern ein Einhorn, denn alles, was ich sehen kann, ist ein himbeerfarbener Pferdeschwanz – nein, zwei – die schillernd über ihre Schultern hängen. Ich wage mich ein paar Schritte näher ran, gespannt, was sich sonst noch hinter dem Berg an Umzugskartons verbirgt.

„Hah!“, durchbricht ihr freudiger Ausruf die Stille im Gang, als sie plötzlich aufspringt, und ich stolpere rückwärts.

„Whoa!“ Reflexartig reiße ich beide Hände hoch, um abzuwehren, was auch immer mich attackieren will.

Zwischen Daumen und Zeigefinger hält sie einen einzelnen silbernen Schlüssel hoch – wahrscheinlich der Grund dafür, warum sie überhaupt noch hier draußen vor ihrer Wohnung steht – und es dauert ein paar Sekunden, bis sie mich wahrnimmt. „Oh. Hi.“ Ihre Hand mit dem Schlüssel sinkt herab, aber ihre Mundwinkel wandern nach oben.

Ich starre sie einfach nur an, tatsächlich sprachlos und das nicht nur wegen der Wette.

Killians Beschreibung hat den Nagel auf den Kopf getroffen – abgesehen von dem Pippi-Langstrumpf-Aspekt, den er wohl vergessen hat zu erwähnen! Obwohl ihrem schwarzen Kleid noch gute zehn Zentimeter fehlen, damit man es als brav bezeichnen könnte, zeigt sie nur etwa zwei Fingerbreit nackte Haut, ehe ihre zweifellos sehr salonfähigen Beine in pink-schwarz-gestreiften Overknees verschwinden.

„Ähmm…“ Sie deutet mit dem Finger in meine Richtung, dreht sich dann zum Lift am anderen Ende des Ganges um, als würde sie nach jemandem Ausschau halten, und anschließend wieder zurück zu mir. „Wohnst du … da?“ Ihre regengrauen Augen funkeln zum Apartment hinter mir.

Breche ich bereits die Regeln, wenn ich jetzt mit Ja antworte? Ich kaue auf der Innenseite meiner Wange und entscheide mich dann für ein risikofreies Nicken.

„Oh cool! Dann musst du wohl Jace sein.“

Muss ich das? Ich ziehe beide Augenbrauen hoch.

„Das hat mir dein Freund vor zwei Minuten verraten.“ Sie lächelt. Es sieht bezaubernd aus, bis auf den kleinen Strassstein, der in einem Lippenbändchen-Piercing gegen ihre oberen Schneidezähne liegt. Das ist echt gruselig. Macht so ein bisschen den Eindruck, als hätte sie zu Mittag eine kleine Fee verspeist.

„Mein Name ist Brinna McNeal.“ Sie steigt über ein paar Kisten und kommt auf mich zu, wobei sie ihre Hand ausstreckt. „Meine Freundin und ich ziehen gerade hier ein. Also …“ Sie dreht sich halb im Kreis und blickt zu Tür 403, als wollte sie sichergehen, dass diese inzwischen nicht Beine bekommen hat und weggerannt ist. Dann zeigt sie mit dem Finger darauf. „Hier.“

Erst als ich ihre Hand ergreife, bekomme ich auch ihre volle Aufmerksamkeit zurück. Ihre Pferdeschwänze flattern bei dem überraschten Zucken ihres Kopfes über ihre Schulter. Sie ist zierlich. Oder vielleicht auch nicht, aber gegen meine eins-sechsundachtzig, ist sie tatsächlich ein Zwerg. Ich müsste sie schon in Highheels stecken, nur damit ihre Nasenspitze bis an meine Lippen reicht, was die Sache wiederum schwer macht, wenn sie mich zuerst küssen soll. Und dabei scheint sie nicht einmal der größte Fan dieser Schuhe zu sein, denn ein schwarzes Paar Pumps mit Schnallen schmollt verlassen drüben bei den Kartons, während sie hier komplett ohne vor mir steht.

„Gehst du denn auch auf die Filmschule? Ja sicher tust du das“, gibt sich Brinna McLangstrumpf selbst auch gleich die Antwort darauf und runzelt grübelnd die Stirn. „Immerhin hast du ja ein Apartment hier. Ich habe gehört, alle Wohnungen im vierten Stock gehören der Akademie. Bist du auch ein Erstklässler?“

Ich halte immer noch ihre Hand. Schweigend. Sie ist winzig und zart, mit Nägeln so pink wie ihr Haar.

„Nein, warte, du wohnst hier schon länger, oder? Zweites Studienjahr? Drittes? Oder gehst du etwa schon in die Abschlussklasse?“

Keine Ahnung wieso, aber ihr Geplapper bringt mich irgendwie zum Schmunzeln, während ich ihr noch einmal in die stürmisch grauen Augen blicke. Sie funkeln mit derselben Euphorie, die ich vor einem Jahr verspürte, als ich von Denver hierher gezogen bin. Obwohl sie sich doch sehr merkwürdig anzieht, scheint sie kein Großstadtmädchen zu sein. Möglicherweise von etwas außerhalb. Novato vielleicht.

„Hey, Cupcake?“, tönt Ricks Stimme aus meiner Wohnung und schneidet direkt zwischen uns. Die Tür steht immer noch offen. Natürlich konnten die Jungs da jedes einzelne Wort verstehen, das bisher aus Brinna herausgesprudelt kam.

Einen Moment lang starrt sie mir mit gekräuselten Lippen ins Gesicht. Offenbar versucht sie herauszufinden, ob die körperlose Stimme mit ihr redet oder mit mir. Ich neige meinen Kopf ein wenig. Das sollte ihr auf die Sprünge helfen.

„Ähmm … ja?“, ruft sie schließlich zurück und nimmt einen Punkt hinter mir ins Visier.

„Bist du Single?“

Oh Gott, bitte! Freunde können echt so peinlich sein. Ich verdrehe die Augen, aber neugierig auf ihre Antwort bin ich trotzdem ein wenig.

Sie blinzelt mir ein-, zwei-, drei-, vier-, fünfmal entgegen. Dann hebt sie ihr Kinn und ruft noch einmal: „Ja. Und du?“

„Nicht so ganz. Aber Jace dafür!“

Jap, darauf habe ich gewartet.

Langsam wandert ihr neugieriger Blick wieder zu mir. „Aha.“

Aus meinem Apartment hört man nur noch schallendes Gelächter, aber ich frage mich plötzlich, wie es wohl wäre, eine kleine, quirlige Elfe wie sie zu verführen? Ohne ein einziges Wort dabei zu verlieren …

Die Lippen aufeinander gepresst, lächle ich sie breit an und lasse ihre zierliche Hand los. Dann drehe ich mich um, gehe zurück in meine Wohnung und schmeiße die Tür hinter mir zu. Die Schwachsinnigen auf meiner Couch blicken hoch und sehen mich erwartungsvoll wie ein paar Kinder am Weihnachtsmorgen an. Diese Wette wird zweifellos ihre ganz persönliche Seifenoper.

Ich verschränke die Arme vor der Brust und grinse verschmitzt. „Einverstanden.“

 

Kapitel 2

Brinna

 

Anscheinend nicht sehr gesprächig, der Bursche. Hilflos brumme ich und starre auf die Tür, die er mir vor der Nase zugeknallt hat. Meine Zehen krallen sich in den Boden. Eine davon ist verstaucht. Die kleine rechts außen. Ich besitze dieses enorme Talent, gelegentlich in die Einrichtung zu laufen. Da in den vergangenen beiden Tagen so viel davon im Weg stand, als meine Freundin Chloe und ich alles blitzschnell in unserem Apartment drei Blocks weiter zusammenpacken mussten, war es für mich nur natürlich, dass ich dabei ein paar Möbel mit den Zehen begrüßt habe.

Es ist gerade mal zwei Wochen her, dass wir nach San Francisco gezogen sind, und irgendwie lebe ich seither nach Murphys Gesetz. Ich habe meine Bücher für Dramaturgie in meinem Zimmer vergessen und musste gleich nach dem ersten Schultag den ganzen Weg nach Grover Beach und wieder zurück fahren. Ein platter Reifen auf der Landstraße war der Dank meines blauen Camaros für die stundenlange Tortur.

Am gleichen Tag eine Woche darauf musste ich schon wieder nach Hause fahren, da das Sekretariat meine Geburtsurkunde für einen Studentenausweis benötigte. Ich komme wieder zurück, will mich nur kurz auf der Couch ausruhen und – PENG – tropft mir als nächstes Wasser von der Decke direkt ins Gesicht. Rohrbruch im Apartment über uns. In einer Woche eingezogen, in der nächsten wieder aus. Und jetzt haben wir es offenbar auch noch mit merkwürdigen Nachbarn zu tun.

Du lieber Himmel, man muss ja fast denken, ich habe einen Spiegel zerbrochen während ich über eine dunkelschwarze Katze gestolpert bin, die meinen Weg unter einer Leiter hindurch gekreuzt hat. Ich kratze mich am Kopf. Da waren keine schwarzen Katzen, soweit ich mich erinnere. Also, was ist es dann? Hasst mich San Francisco?

Aber selbst wenn, würde mich das nicht wieder von hier vertreiben. Die letzten paar Nächte hatte ich zwar ein wenig Heimweh, doch ich bin fest entschlossen, dieser Stadt die Chance zu geben, die sie verdient. Darum verspreche ich mir selbst jeden Morgen gleich nach dem Aufwachen, dass dies bestimmt ein ganz fabelhafter Tag wird. Und um ganz ehrlich zu sein, ich muss nur an die Filmhochschule denken und schon dreht mein Herz ein paar Pirouetten wie eine kleine Ballerina in meiner Brust.

Es war sehr interessant, nach all dem Schlamassel zu erfahren, dass die Uni Apartments günstig an ihre Studenten vermietet, also war das gebrochene Wasserrohr vielleicht ja sogar ein Wink des Schicksals. Zumindest kommt es mir so vor, denn auch wenn Chloes Eltern einen Großteil der Miete für unsere gemeinsame Wohnung bezahlen, sind ohne Job sogar mickrige zwanzig Prozent davon immer noch eine Menge Geld.

Ich hebe meine Schuhe auf, aber ziehe sie nicht an, da ich meiner schmerzenden Zehe noch ein paar Stunden Schonzeit gewähren will, und öffne die Tür. Es ist ein kleines, gemütliches Apartment, genau richtig für Chloe und mich. Jede von uns hat ihr eigenes Schlafzimmer und die übrigen Räume teilen wir uns. Ich bücke mich und schiebe die Kartons, die mit unseren Klamotten, Toilettensachen und anderem Zeug gefüllt sind, über die Schwelle in unser neues Zuhause. Chloe ist noch mit ein paar Möbelpackern unterwegs, die uns gleich die Couch bringen, die wir gekauft haben, als wir in diese Stadt gezogen sind, und den Fernseher, den meine Eltern zusammen mit der gesamten Küchenware gesponsert haben. Abgesehen von diesen Dingen hat der Vormieter sämtliche Einrichtung hier gelassen und alles was wir noch tun müssen, um uns häuslich einzurichten, ist, die weißen Laken von den Möbeln zu nehmen. Ich greife mir das Ende des Stoffs zu meiner Rechten und ziehe mit Schwung.

Whoa! Hustend schlage ich wild mit den Armen um mich, als eine Staubwolke vor mir hochsteigt wie Asche aus einem Vulkan. Das nächste Laken ziehe ich lieber mit etwas mehr Vorsicht und viel weniger Enthusiasmus runter. Ich klopfe mein schwarzes Kleid ab und kratze mich an der juckenden Nase. Alle Fenster sind noch verschlossen. Die Luft hier drin ist abgestanden und nun auch noch staubig. Sobald ich zwei davon geöffnet habe, weht mir eine wunderbar frische, wenn auch leicht schwüle Brise ins Gesicht.

Drei Kisten warten immer noch draußen im Gang. Zum Glück ist die Größte nicht zugleich auch die Schwerste, doch als ich sie reintrage, bricht der Boden durch und fünfhundertzweiundziebzig Paar Schuhe poltern auf den Fußboden. Na, ganz große Klasse.

Ich selbst habe nur fünf Paar mit nach San Francisco gebracht. Schwarze Alice-im-Wunderland-Pumps, die großartig mit meinen gestreiften Lieblingsstrümpfen kombinierbar sind, kniehohe Raulederstiefel zum Ausgehen, kirschrote Doc Martens, pinke Nikes mit Glitter für den Tanzunterricht, und dann noch weiß-rosa Turnschuhe – ebenfalls mit Glitter – für jeden anderen Anlass. Normalerweise hätte ich diese auch heute für den Umzug angezogen, zusammen mit praktischen Jeans, aber ich konnte gestern Abend nur eine Garnitur Kleider für die Schule heute rauslegen und an Donnerstagen ist Jeremy Ward in meinem Kurs für Bewegung vor der Kamera. Ich musste gut aussehen.

Seit dem ersten Tag an der Akademie mit unserem ersten Augenkontakt habe ich subtil versucht, ihm zu vermitteln, dass ich einem Date nicht abgeneigt bin. Es ist bezaubernd, wie seine blauen Augen im Kontrast zu seinen chaotischen braunen Haaren stehen. Außerdem hat er die süßeste Stupsnase der Welt. Wir sind auch zusammen in Ausdruck und nach allem, was ich von seinem Stundenplan erspähen konnte, ebenfalls in Tanz. Zu schade, dass wir bisher noch keinen Tanzunterricht an der Uni hatten. Die Professorin kommt etwas verspätet von einer Europareise zurück.

Mit einem wunderschönen Tagtraum darüber, wie ich Jeremys süßes Näschen mit meiner anstupse, sinke ich in die Hocke und sammle Chloes Schuhe auf. Sie kommen zurück in den Karton, den ich anschließend über den Fußboden in ihr Zimmer schleife. Keine Ahnung, wo sie die alle hinstecken will.

Wieder draußen im Flur, um die nächste Kiste zu holen, landet mein Blick an der Tür ein paar Meter den Gang runter, wo vorhin der Typ mit den dunklen Haaren und dem schwarzen Sweatshirt aufgetaucht und wieder verschwunden ist. Die Messingzahlen 409 kleben oben auf dem Holz. „Jaaaace…“, murmle ich. Ein niedlicher Name. Ich habe vorher noch nie jemanden getroffen, der so heißt. Hmm. Ich kräusle die Lippen. Welcher Nachname gehört wohl dazu?

Wie ein neugieriges Kätzchen schleiche ich auf den Zehenspitzen rüber, weil ich genau weiß, dass ich heute Nacht nicht schlafen kann, wenn ich es nicht herausfinde. Unter der Klingel ist ein rechteckiges Schild befestigt, genauso wie vor jedem anderen Apartment in diesem Gebäude. Auf diesem steht Jason Rhode in markanter Jungenhandschrift. Nett. Da gibt’s außerdem einen Türspion. Einen sehr verlockenden Türspion. Zum ersten Mal in meinem Leben frage ich mich, ob diese Dinger eigentlich auch in die andere Richtung funktionieren. Eins einundsechzig ist die optimale Größe. Nur nicht für Türspione. Ich bin gezwungen, mich auf die Zehenspitzen zu stellen, um einen Blick durch das winzige Glas in Jason Rhodes Apartment zu erhaschen.

Okay, die gute Nachricht ist, dass diese Gucklöcher tatsächlich in zwei Richtungen funktionieren. Die schlechte, dass alles dahinter aussieht wie unter Wasser. Es ist schwer zu sagen, ob das da eine Person in der Mitte des Raumes ist oder nur ein Hutständer. Aber es bewegt sich, also tippe ich mal auf einen der Jungs.

Als nur einen Augenblick später alles noch viel mehr verschwimmt und Stimmen hinter der Tür lauter werden, mache ich einen panischen Sprung nach hinten an die Wand.

Genau, Brinna! Und was jetzt? Schaltest du auf Phantom-Modus und wirst unsichtbar? Mann!

Das kleine Klicken des Türknaufs aktiviert endlich meine Instinkte und ich flitze den Korridor runter. Ich springe über den Karton, der im Weg steht, bleibe mit meiner linken großen Zehe daran hängen und mache eine Bruchlandung direkt in meine Wohnung. Uff.

Schmerz und Luftmangel ausgeblendet, rapple ich mich in Lichtgeschwindigkeit wieder hoch, richte mein Kleid und stolziere nach draußen in den Gang, als hätte ich mir nicht gerade alle Rippen gebrochen. Dazu noch ein gehobenes Kinn und ein zuversichtliches Lächeln und die Illusion ist perfekt. Einer meiner Pferdeschwänze hängt quer über meinen Kopf in mein Gesicht und kitzelt mich an der Nase, doch mit einem flinken Wisch ist auch der verschwunden. Dann mache ich noch mal einen Satz in die Luft, als der Windzug zwischen Jaces Apartment und meinem die Tür laut scheppernd hinter mir zuschlägt.

Fünf Jungs schreiten im Gänsemarsch an mir vorbei, während ich mich um den letzten Karton auf dem Boden bücke.

„Hi Brinna“, sagt der erste. Killian. Wir haben kurz geplaudert, als er vorhin hochkam.

„Hi Brinna“, kommt in einem fremden Akzent von dem jungen Mann hinter ihm mit dickem, karottenfarbenen Haar.

„Hey Brinna“, trällert der Dritte, ein großer Blondschopf, und ich erkenne an seiner Stimme, dass er mich vorhin gefragt hat, ob ich Single bin.

„Na hoffentlich hast du den Schlüssel irgendwo in diesem Kleid versteckt“, kichert der Vierte, ein junger Liam-Hemsworth-Verschnitt, und wirft einen Blick auf die verschlossene Tür hinter mir. „Sonst hast du jetzt wohl ein Problem.“

Und der Fünfte in dieser gutaussehenden Gänseschar sagt … rein gar nichts.

Jace fängt lediglich meinen Blick mit einem Paar Haselnussaugen ein, die dunkel und verwegen im Licht der Decke funkeln. Ich kann nicht wegsehen, weil er es auch nicht tut, selbst wenn das bedeutet, dass seine Augen bis zum Anschlag seitwärts rollen, ohne dass er dabei seinen Kopf zu mir dreht. Als sich auch noch sein linker Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln hebt, löst das bei mir einen Schauer der drollig unbehaglichen Art aus.

Jap, merkwürdige Nachbarn. Toootal.

Zwei Wimpernschläge später sind alle fünf um die Ecke verschwunden und ihr Gequassel wird immer leiser, während sie die Treppen hinunterlaufen.

Endlich hole ich tief Luft, wobei mir ein fast unhörbares Ächzen entweicht und ich das Gesicht verziehe, denn der Sturz in meine Wohnung war doch ziemlich schmerzhaft. Ich drehe mich um, damit ich auch endlich das letzte Zeug hineintragen kann, nur rumse ich geradewegs gegen die Tür und der Karton rutscht mir aus den Händen. Er landet auf einer meiner noch nicht schmerzenden Zehen. Dem Himmel sei Dank handelt es sich hier nur um die Kiste mit meinem Kopfkissen und Stoff-Dumbo drin, somit ist nichts gebrochen, weder innen noch außen.

Nur leider liegt der Schlüssel, den Liam Hemsworth vorhin erwähnt hat, drinnen auf einer noch abgedeckten Kommode und lacht sich vor Schadenfreude über mich bestimmt gerade den Bart ab. Winselnd schlage ich mit der Stirn gegen die verriegelte Tür von 403.

 

*

 

Um fünf vor Mitternacht steigen wir aus dem Fahrstuhl und Chloe lässt uns in unsere neue Wohnung. Lonny und Matt, die zwei Möbelpacker, haben darauf bestanden, uns nach der letzten Lieferung noch auf einen Drink in eine Bar einzuladen, was eigentlich ganz nett war, nur, dass wir nichts getrunken haben. Zumindest nichts Alkoholisches, denn Chloe ist während unseres Abschlussjahres auf der Highschool in klitzekleine Schwierigkeiten geraten, weil sie ihren Wagen um einen Baum gewickelt hat … betrunken. Jetzt ist sie auf Bewährung, darf das Land nicht verlassen, muss spontane Alkoholtests abgeben und hat vorübergehend ihre Fahrerlaubnis verloren. Für mich ist es ein Segen, dass sie in den Staaten festsitzt, denn sonst würde sie gerade ein Auslandsjahr in England absolvieren und ich wäre total einsam und verloren ganz allein hier in San Francisco. Aus Solidarität trinke ich auch nicht, um ihr Leid etwas zu schmälern, aber es macht mir bei weitem nicht so viel aus wie ihr, denn mein Lieblingsgetränk ist sowieso Erdbeermilch.

Chloe muss außerdem einmal im Monat zu einem Therapeuten. Um genau zu sein morgen, deswegen sind wir auch schon so früh von der Bar abgehauen. Gleich nach der Schule muss sie zum Zug und packen muss sie davor auch noch. Und um ehrlich zu sein, bin ich sowieso erschlagen nach dem zweiten Umzug in nur zwei Wochen. Im Moment freue ich mich einfach darauf, in mein neues Bett zu fallen, in meinem neuen Zimmer, in unserer neuen Wohnung in San Francisco, welcher der am weitesten von zu Hause entfernte Ort ist, an dem ich je war.

Ich muss sofort weggetreten sein, denn gefühlt nur wenige Sekunden später scheucht mich das Nebelhorn eines Dampfers fluchtartig aus dem gemütlichen Bett. Mit dem nächsten Herzschlag stehe ich Habt-Acht mitten in diesem fremden Zimmer. Schwer atmend und mit meinem Kissen bewaffnet ziehe ich mir schnell das Nacht-Shirt schützend über mein Höschen, während ich verzweifelt versuche, die Störquelle auszumachen. Es dauert einen Augenblick, bis ich weiß, wo ich bin und auf dem Nachttisch mein heulendes Handy entdecke, dessen Display heller strahlt als eine Atomexplosion.

„Briiiinnn!“, ertönt eine dumpfe Stimme durch die Wand von Chloes Schlafzimmer nebenan. „Dreh das ab!“

Das tue ich … eine halbe Minute später. Tatsächlich ist nämlich sie der Grund, warum ich den Wecker überhaupt erst so nervenerschütternd laut gestellt habe, und so halte ich das Handy vorher noch ein paar Sekunden lang direkt an die Wand, damit sie dem schönen Getöse lauschen kann. Erst dann schalte ich es mit einem Kichern aus.

Meine beste Freundin ist eine talentierte Schauspielerin, eine Wahnsinnsfußballspielerin und süchtig nach weißer Schokolade, aber sie ist definitiv kein Morgenmensch. Letzteres habe ich erst in den vergangenen Tagen herausgefunden, in denen wir auf engstem Raum zusammengelebt haben. Jeden Morgen an ihre Tür zu rumpeln und sie vor sieben eine Million Mal aufzuwecken, kann einem ganz schnell auf die Nerven gehen. Da funktioniert das hier schon viel besser. Und wer könnte es mir übel nehmen, dass ich es vielleicht auch ein kleines bisschen genieße, sie zu foltern?

Mir selbst macht das frühe Aufstehen nichts aus, so lange ich morgens meinen Joghurt mit Erdbeeren zum Frühstück bekomme – was heute leider nicht der Fall ist.

Der Kühlschrank hat nur gähnende Leere aufzuweisen. Verdammt. Aus Protest grummelt mein Magen, als würde er sich gerade selbst aufessen. „Steh auf, Schlafmütze. Wir haben kein Frühstück!“, rufe ich und versuche dabei mit den Fingern die Knoten aus meinen Haaren zu kämmen. „Wir müssen unterwegs noch im Coffee-Shop einkehren.“

Noch ein wenig orientierungslos in der neuen Wohnung schlurfe ich ins Badezimmer und nehme eine Dusche. Ein rosa Wasserfall schießt aus meinen Haaren, da die Farbe noch ganz frisch ist. Die meiste Zeit in der Highschool waren diese langen, schnurgeraden Zotten erdbeerrot gefärbt. Mit dem Beginn dieses neuen Lebens jedoch, habe ich zu meiner Lieblingsfarbe gewechselt. Pink.

Heilige Madam Mim, hätte ich auch nur den Hauch einer Ahnung gehabt, wie geil das aussieht, hätte ich das schon vor Jahren gemacht.

Der einzige Nachteil ist das Strichmuster aus Pink, das nun die meisten unserer weißen Handtücher ziert. Ich föhne mir die Haare trocken und klettere anschließend in den gigantischen Kleiderschrank in meinem Zimmer, den meine Klamotten nicht einmal halb ausfüllen. Ein ausfächernder, lila Rock und ein engsitzendes graues T-Shirt mit Bambi drauf sind meine Beute an diesem Morgen. Wenn es nicht pink ist, dann muss es Disney sein.

Als ich aus dem Zimmer komme, sehe ich gerade noch den Grinch im Bad verschwinden. Fünfzehn Minuten später erscheint eine bezaubernde Belle, ihr dunkles Haar geglättet und wunderschön glänzend. Auf ihre dunklen Jeans abgestimmt, trägt sie einen langen Kaschmir-Pulli, unterteilt mit einem dünnen Gürtel. Nur ihr Lächeln strahlt noch mehr als das Sonnengelb des Stoffs.

Tja, das ist Chloe. Immer hübsch, immer perfekt gestylt. Tatsächlich hat sie mir damals mit zwölf auch beigebracht, wie man Makeup richtig aufträgt, obwohl rosa Lipgloss und manchmal ein bisschen lila Lidschatten schon das Meiste sind, was ich heute noch verwende. Ich habe aufgehört, Mascara und Eyeliner aufzutragen, als ich anfing auszugehen. Diese Dinge verschmieren nämlich ganz fürchterlich, wenn man im Kino weinen muss. Und im Kino weine ich ehrlich gesagt sehr oft, egal ob die Filme ein Happy End haben oder nicht. Allerdings liebe ich dafür Nagellack. Der verschmiert nicht, wenn man heult. Natürlich muss der auch pink sein. Am besten mit Schmetterlings-Tattoos auf den Ringfingern, so wie heute.

Gemeinsam verlassen wir das Apartment. Jedoch muss ich gleich, nachdem wir unten aus dem Lift gestiegen sind, noch mal hoch, da ich schon wieder meinen Schlüssel vergessen habe und Chloe nach der Schule nicht hier sein wird. Ich leihe mir ihren, um oben reinzukommen, und mache mich dann auf eine verzweifelte Suche durch alle Schubladen und Schränke, nur um mich Minuten später daran zu erinnern, dass ich meinen eigenen Schlüssel ja bereits gestern Abend in meine Schultasche gesteckt habe – damit ich ihn heute Morgen nicht vergesse! Hah, ich bin ja so schlau.

Weil der Aufzug gerade irgendwo zwischen dem ersten und zweiten Stock unterwegs ist, nehme ich die Treppe und fische inzwischen meinen Schmetterlings-Haarclip aus dem Rucksack. Am Fuße des fünfstöckigen Gebäudes ziehe ich die Tür auf, dann nehme ich die Spange kurz zwischen meine Zähne, damit ich meine Haare mit beiden Händen nach oben schlingen kann, und trete hinaus in die strahlende Sonne.

San Francisco am Morgen ist nicht mit Grover Beach zu vergleichen. Es ist laut, hektisch, und es stinkt. Es muss bereits eine Million Grad haben und die Temperatur verdoppelt sich nur noch mit den hohen Gebäuden rings um uns herum. Merkwürdig gekleidete Leute laufen vorbei. Eine davon sieht aus wie Anna aus Die Eiskönigin. Oh mein Gott, ich liebe sie! Gerade biegt eine Limousine um die Ecke und auf der anderen Straßenseite verkündet jemand lauthals, dass das Ende naht. Jap, wieder ein Tag, der die Chance bekommt, der beste überhaupt zu werden.

Auf der Suche nach Chloe, drehe ich mich auf der Stelle und finde sie neben dem Eingang bei einem Kerl mit einer Zigarette im Mundwinkel. Entdeckt von seinen blauen Augen, lächelt er mich an. Und ich weiß auch ganz genau, wieso. Er ist ein Freund unseres Nachbarn. Genaugenommen ist er derjenige, der gleich mal gecheckt hat, ob ich in festen Händen bin. Rauch kommt aus seinem Mund, als er „Hi“ sagt.

„Hey“, ist alles, was ich gerade durch meine verbissenen Zähne rausbekomme, ohne die Haarspange fallen zu lassen, während ich mir immer noch die Frisur richte. Sobald sich das wirre Haarknäuel am Hinterkopf straff genug anfühlt, nehme ich den Clip aus meinem Mund und mache alles fest. Das erlaubt mir dann auch, sein Lächeln zu erwidern. „Wohnst du auch hier?“

„Nein. Einer der Jungs und ich teilen uns ein Mietshaus zwei Blocks weiter. Ich warte nur auf Jace.“ Er drückt sich von der Mauer weg und hebt den Kopf, als ob er erwarten würde, dass unser Nachbar irgendwo dort oben im Fenster hängt und uns zusieht. Ich überstrecke auch meinen Nacken, aber da oben ist niemand. Nachdem er die Kippe an seiner Schuhsohle ausgedrückt hat, wirft er sie in den Mülleimer am Straßenrand und bläst dabei noch die letzte Rauchsäule in die Luft. Dann wischt er sich die Hand an der Brust ab und streckt sie mir entgegen. „Ich bin übrigens Rick Anderson.“

Ich fasse sie kräftig, werde aber sogleich ein wenig von Chloes wildem Gefuchtel hinter seinem Rücken abgelenkt. Zum Glück bekommt Rick nicht mit, wie sie ihren Finger leckt und so tut, als würde sie ihn anfassen, nur um dann dieses heiße Zischgeräusch zu machen – na ja, nur tonlos eben. Sie deutet auf das Schlangentattoo, das sich unter dem Ärmel seines weißen T-Shirts herausschlängelt und um seinen Bizeps windet. Dabei überdreht sie die Augen, als würde sie gleich einem Ohnmachtsanfall erliegen, und schlägt sich schmachtend die Hände aufs Herz.

Du bist echt krank, Herzchen, will ich ihr an den verkorksten Schauspielerkopf werfen, aber ich schlucke meinen Kommentar runter und richte meine Aufmerksamkeit weiter auf Rick. „Klingt ja nett. Geht ihr alle auf die Akademie?“

Zweifellos weiß er, dass ich die Boygroup von gestern damit meine. „Mm-hm. Wir haben gerade das zweite Jahr angefangen. Außer Lawrence.“ Mit leicht geneigtem Kopf zieht er die Brauen etwas zusammen, als dränge er mich dazu, mich zu erinnern. „Großer Kerl, rote Haare?“

„Der mit dem Akzent?“

„Irisch, ja. Er ist bereits in der Abschlussklasse.“

Jetzt kommt auch Chloe um ihn herum und stellt sich neben mich. „Ist das nicht aufregend?“ Sie sieht zwischen ihm und mir hin und her. „Während du oben warst, habe ich Rick gerade erzählst, dass wir noch ganz neu an der Schule sind.“

„Und? Wie gefällt’s euch bisher?“, will er von uns beiden wissen, aber schon bald hängt sein interessierter Blick wieder an mir allein, während er seine Hände in die Jeanstaschen schiebt. Sieht aus, als würde ich heute Morgen etwas mehr Aufmerksamkeit bekommen, als ich brauche.

„Es ist noch zu früh, um etwas zu sagen“, flunkere ich und mache dabei einen auf cool, obwohl ich es tatsächlich schon gar nicht mehr erwarten kann, endlich wieder in die Schule zu kommen. Denn alles an der Filmschule ist einfach nur fantastisch. „Aber es scheint ganz nett zu sein.“

Für einen kurzen Moment starrt er mich unverblümt an. Dann bricht ein Lächeln aus ihm heraus und er nickt ganz langsam. „Geeeenau. Gib’s zu – du liebst es!“

Okay, er hat mich voll durchschaut. Meine Wangen schmerzen von meinem breiten Grinsen, als ich nun doch wild mit dem Kopf nicke, die Träger meines Rucksacks fest umschlinge und auf den Fußballen auf und ab wippe. „Ist die Filmschule nicht auch der beste Ort, an dem du in deinem Leben je gewesen bist?“

„Nicht der Beste, aber sie ist schon gigantisch cool, da hast du Recht.“

„Hey, wenn du willst, können wir zusammen auf deinen Freund warten und dann gemeinsam zur Akademie laufen“, schlägt Chloe mit einem flirtenden Wimpernaufschlag vor, was er weder übersieht noch ignoriert.

Lächelnd zuckt er mit den Schultern. „Klar, warum nicht? Jace wird begeistert sein.“ Und die Endnote seines Schmunzelns gebührt wieder mir.

Was genau kapier ich denn heute nicht?

Aus dem Augenwinkel heraus mustere ich ihn eindringlich. „Ah … ja. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, warum er das sein sollte, aber es tut mir leid, wir können leider nicht warten. Ich brauche meinen Joghurt.“ Mit einem entschuldigenden Blick schnappe ich mir eine Handvoll von Chloes Pulli und ziehe sie trotz störrischem Protest weiter. Rick rufe ich noch über meine Schulter zu: „Wir sehen uns ja bestimmt noch.“

„Darauf kannst du wetten!“ Er lacht und ich habe keinen Dunst wieso.

„Warum hast du das gemacht?“, faucht Chloe mich an, sobald wir außer Hörweite sind und sie Gott sei Dank endlich etwas an Geschwindigkeit aufnimmt.

„Ich will mein Frühstück und der Typ ist vergeben. Du brauchst also gar nicht erst zu versuchen, ihn zu verführen.“

„Woher willst du das wissen?“

Ihr vorwurfsvoller Blick und die bissige Stimme sind mir schnuppe. Ich schaue nach links und rechts, bevor wir die Straße überqueren und erkläre tonlos: „Weil er das gesagt hat.“ Das blaue Leuchtschild über dem Coffee-Shop am Ende des Blocks wirkt wie ein Signalfeuer auf mich und beschleunigt meinen Gang. „Er war einer der Jungs gestern. Ich hab dir gesagt, die sind alle merkwürdig.“

Chloe nagelt mir einen seitlichen Blick an die Schläfe. „Ich finde er war eher süß als merkwürdig.“

„Ja, was auch immer.“ Im Moment habe ich weiß Gott andere Probleme, als mit ihr über mögliche – oder in Ricks Fall unmögliche – zukünftige Liebschaften zu diskutieren. Dafür ist es noch zu früh am Morgen und mein Magen noch zu leer.

Nahe am Verhungern ziehe ich sie in das hellerleuchtete Café mit den großen Fenstern und runden Metalltischen überall quer im Raum verteilt. Bis auf ein paar wenige Gäste ganz hinten ist niemand da, der heute ein Frühstück genießen will. Beim Klang der Glocke über der Tür heben sich kurz ein paar Köpfe, beachten uns dann aber nicht weiter. Wir steuern direkt auf den Typen mit zerzausten braunen Haaren und roter Schürze zu, der gerade die Theke abwischt. Er sieht älter aus als wir, aber nicht um viel. „Einen Joghurt mit Erdbeeren, bitte“, bestelle ich und fische inzwischen mit gesenktem Kinn ein paar Münzen aus meinem Portemonnaie.

„To go?“ Seine Stimme klingt kratzig und gedehnt, so als ob er noch von seinem Kissen träumt.

Der Unterricht beginnt in zwanzig Minuten. Wir haben’s eilig. Ich hebe den Kopf und antworte ihm mit einem freundlichen Naserümpfen: „Nein, eher zum Laufen und Stolpern, denn das kann ich besonders gut.“

Er findet das nicht witzig und glotzt mich einfach weiter an.

Mein Lächeln versickert, als ich fünf Zentimeter schrumpfe. „Ähm, ja. Zum Mitnehmen, bitte.“

Im Austausch für zwei Dollar zwanzig händigt er mir einen Becher mit Deckel und weißem Plastiklöffel dazu aus. Ich werfe ihm noch fünfzig Cents extra und einen Erdbeerkaugummi auf die gläserne Theke. Vielleicht erhellt das ja seinen steifen San Francisco Humor.

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