Ryan Hunter (GBT 2, dt)

GroverBeach EBook 2

Kapitel 1

 

ICH WAR SCHON mit mehr als genug Mädchen in der Highschool zusammen gewesen, das war mit Sicherheit kein Geheimnis. Doch verliebt war ich noch nie. Na ja, zumindest nicht in eines der Mädchen, mit denen ich bisher ausgegangen war.

Und dennoch gab es da … sie. Gerade stieg sie aus Mitchells Auto, warf ihr langes braunes Haar über die Schulter zurück und streifte sich das rosa T-Shirt glatt, das hauteng an ihr klebte und all die wirklich guten Stellen betonte. Die grelle Morgensonne blendete sie, sodass sie ihre Augen zusammenkniff und ihre Mundwinkel etwas nach oben wanderten, was ihrem süßen Lächeln ziemlich nahe kam. Und wie jedes Mal, wenn mein Blick an Liza Matthews hängenblieb, stand die Welt für einen Augenblick still.

Liza sah nicht zu mir rüber. Das tat sie nie. Und warum sollte sie auch? Ihr Universum rotierte einzig und allein um meinen Mannschaftskameraden, Tony Mitchell. Schon seit ich ihn kannte, kam er immer im Doppelpack. Manche Schüler bezeichneten die beiden einfach nur als M&M. Ich hasste diesen Ausdruck. Hasste, wie Liza sich gerade auf die Zehenspitzen stellte und ihre Arme um Mitchells Hals schlang. Hasste, wie …

Verfluchter Mist! Wollte sie ihn etwa küssen? Jeder Muskel in meinem Körper verkrampfte sich, als hätte ich an einen 220-Volt-Zaun gefasst. Herr Gott, Hunter, reiß dich zusammen! Ich würde mir hier vor meinen Fußballfreunden keine solche Blöße geben und zwang mich locker zu werden. Was mir nicht gelang, sodass ich steif wie ein Bügelbrett da stand und meinen Blick nicht von den beiden losreißen konnte.

Bisher hatten sie sich noch nie geküsst. Liza war total in Tony verknallt und ich war bereit, meine Need for Speed-Kollektion darauf zu verwetten, dass Tony sie auf seine ganz eigene, seltsame Weise ebenfalls liebte. Doch er hatte sie nie geküsst. Und das war auch besser so, denn hätte er es getan, hätte mich wohl niemand daran hindern können, seine Nase neu auszurichten.

„Entspann dich, Kumpel. Es ist ja nur ein Kuss auf die Wange.“

Ich drehte mich zu Justin um, der sich gerade angeschlichen und mir auf die Schulter geklopft hatte, und ließ diesen nur allzu vertrauten Seufzer los, der mir jedes Mal im Hals stecken blieb, wenn Liza Mitchell zu nahe kam.

„Um Mitchells willen hoffe ich das. Gerade heute würde ich nur ungern einen guten Freund um die Ecke bringen müssen.“ Ich grinste und gab Justin den Ghettohandschlag, den wir draufhatten, seit wir die Grundschule verlassen hatten und zu den coolen Kids geworden waren, die durch die Korridore der Grover Beach High streiften … niemals etwas Gutes im Sinn.

Justin Andrews spielte nicht für die Bay Sharks, das Highschool Fußballteam, dessen Kapitän rein zufällig ich war. Er spielte lieber mit seinem Leben. Seine Leidenschaft galt seinem BMX-Rad. Was er damit im Stande war anzustellen, war geradezu unglaublich … und nur etwas für Leute mit dem ernstzunehmenden Wunsch zu sterben. Stunts, wie mit seinem Rad von einer Brücke zu springen oder fahrend über einen Lattenzaun zu balancieren, standen für ihn auf der Tagesordnung und brachten ihm nicht selten diverse geprellte Knochen oder ein abgefahrenes blaues Auge ein.

Heute war Justin gekommen, um sich von seinem kleinen Bruder, der nur ein Jahr jünger als wir und Mittelstürmer in meiner Mannschaft war, zu verabschieden. Justin nickte in Lizas Richtung. „Willst du nicht endlich rübergehen und dem Mädchen Auf Wiedersehen sagen?“

„Wozu sollte das gut sein? Wir haben es ja bisher noch nicht einmal zu einem einfachen Hallo geschafft.“

„Jetzt hör mal, wenn sie nach zehn Jahren immer noch kein Paar sind, dann werden sie vermutlich nie eines werden. Es wird langsam Zeit, sie über die anderen Fische im Wasser – die versuchen, einen Bissen von ihr abzubekommen – in Kenntnis zu setzen.“ Justin kratzte sich grübelnd am Kinn. „Wenn du es nicht tust, mach ich’s vielleicht. Schließlich seid ihr, du und Mitchell, ja nun für fünf Wochen in diesem Trainingslager und aus der Schusslinie.“

Ich schlang meinen Arm kameradschaftlich um seinen Hals, hatte meinen Freund im Schwitzkasten und drückte ein klein wenig fester zu als nötig. Noch etwas länger und mein Kumpel würde blau anlaufen. „Versuchs, Andrews! Aber du weißt, dass nicht einmal das FBI hinterher deine Leiche finden würde.“

Ich lachte, als Justin mir den Ellenbogen in die Rippen stieß, und ließ ihn los. Wir alberten ein wenig herum und kümmerten uns nicht um die missbilligenden Blicke, die uns einige der Schüler und deren Eltern zuwarfen, bis eine vertraute Stimme meinen Namen rief.

Meine Schwester kam zu uns und verschlang mich in einer Umarmung, aus der es unmöglich war zu entkommen. „Ich muss jetzt los. Phil wartet schon. Pass auf dich auf, kleiner Bruder.“

„Mach ich.“ Ich wehrte mich heftig, als sie mich auf die Wange küsste. Zuhause, wo es keiner sah, war das okay. Aber doch nicht hier, vor all meinen Freunden. „Lass das gefälligst, Rach. Ich dachte Phil wartet auf dich. Küss ihn. Und kümmere dich um Mom und Dad, solange ich weg bin.“

„Ich bin sicher, sie sind alt genug, um auf sich selbst aufzupassen. Aber ich werde hin und wieder mal zum Abendessen rein schneien, wenn sie sich einsam fühlen und ihr geliebtes Baby vermissen.“ Lachend kniff sie mich in die Wange. Dann bahnte sie sich einen Weg durch die Menge zurück zum Parkplatz des Bahnhofes.

Einige der Kids stiegen bereits in den Zug und winkten ihren Eltern aus den offenen Fenstern. Ich bückte mich, schnappte mir meine Sporttasche und schlenderte anschließend zum Wagon, als mein Blick auf das Letzte fiel, das ich an diesem Morgen sehen wollte. Liza und Mitchell in einer Umarmung, in welcher sie ihren perfekten Körper fest an seinen presste. Er lehnte sich die paar Zentimeter, die er größer war als sie, zu ihr herab und flüsterte ihr etwas ins Ohr, woraufhin sie verführerisch errötete.

„Du meine Güte, du bist wirklich bemitleidenswert.“ Erst als Justin mich weiter vorwärts schob, bemerkte ich, dass ich stehen geblieben war.

Zähneknirschend richtete ich meinem Blick starr auf den sicheren Boden und marschierte zielstrebig an Mitchell und dem Mädchen, von dem ich schon seit der fünften Klasse träumte, vorbei.

„Hey, Hunter!“, rief Tony hinter mir.

Ich sollte so tun als hätte ich nichts gehört und einfach weitergehen. Ich würde Tony ja sowieso in ein paar Minuten im Zug sehen. Aber der schwächere Teil in mir siegte. Ich drehte mich um und blickte gerade in dem Moment hoch, als Tony mein Mädchen losließ.

„Hi, Mitchell“, antwortete ich, als mein Blick außer Kontrolle geriet und sich verselbständigte … in Richtung Liza. Ich verschlang jeden Quadratzentimeter ihrer sonnengebräunten Haut, den ihre verboten-kurzen Shorts preisgaben. „Und Mitchells Groupie“, fügte ich mit einem gespielt lässigen Grinsen hinzu.

Liza sagte weder Guten Morgen noch Wie geht’s oder auch nur Verpiss dich, Hunter, und sprich nie wieder mit mir – obwohl Letzteres doch ziemlich offensichtlich in ihren grünen Augen geschrieben stand, die jedes Mal, wenn sie mich sah, diese dämonische Tiefe annahmen. Ich wusste, dass sie nicht zu meinen größten Fans gehörte. Nicht, weil sie mich nicht leiden konnte, sondern weil sie mich persönlich dafür verantwortlich machte, dass ich ihr wertvolle Zeit mit Tony stahl. Mitchell hatte so etwas in der Art angedeutet, als sie mich beinahe angeknurrte hatte, weil ich es gewagt hatte, die Trainingseinheiten zu verdoppeln, um unser Team auf Vordermann zu bringen. Tja, das war eben so.

„Wir sehen uns nachher“, sagte ich zu Mitchell und ging weiter.

„Halte mir einen Platz frei!“

Ohne mich umzudrehen, winkte ich über meine Schulter. „Geht klar.“

Wenn Justin und ich nicht gerade irgendwelchen Blödsinn trieben, hing ich immer mit den Jungs aus meinem Team ab. Wir standen uns echt nahe und damit meine ich näher als Familie-nahe. Trotzdem wusste keiner der Jungs von meiner Schwärmerei für dieses Mädchen, das nur Augen für meinen besten Spieler hatte. Tja, manchmal musste man eben mit dem Mist klarkommen, den einem das Leben vor die Füße knallte.

Ich stieg in den Wagon, drehte mich um und gab Justin zum Abschied einen Faust-an-Faust-Stoß.

„Genieß die Sonne in Santa Monica“, sagte er. „Die Hasen dort sollen ja unglaublich heiß sein.“

„Ich werd’s herausfinden und lass es dich dann wissen.“ Vielleicht. Falls ich Liza lange genug aus meinen Gedanken verbannen konnte, um mich mit einem anderen Mädchen zu verabreden – etwas, das ich schon seit einiger Zeit nicht mehr getan hatte. Wenn dieser Wahnsinn noch länger andauern würde, war mein Ruf als Casanova ernsthaft in Gefahr. Und ich hatte diese seltsame Vermutung, dass es für mich noch sehr viel schlimmer werden würde.

Justin hielt mir seinen ausgestreckten Zeigefinger ins Gesicht. „Und pass ja gut auf Nick auf. Wenn er bei eurer Rückkehr auch nur eine Schramme hat, mache ich dich persönlich dafür verantwortlich.“

Im Gegenzug hob ich meinen Arm und hielt ihm meinen Mittelfinger vor die Nase. „Ja genau …“

Wir wussten beide, dass sein kleiner Bruder ein wenig, tja wie soll ich sagen, zu Unfällen neigte. Was auch immer in den nächsten fünf Wochen passieren würde, Nick würde so oder so mit Gips nach Hause kommen. Die Frage war nur, welcher Knochen gebrochen sein würde. Einige der Jungs im Team hatten eine Wette am Laufen. Ich war mit zwanzig Dollar eingestiegen und tippte auf irgendeinen Finger der linken Hand, aber davon erfuhr Justin besser nichts.

Ich fand Frederickson und Alex Winter in einem Zugabteil für vier Personen ziemlich in der Mitte des Zuges. Wir warteten bis Tony zu uns stieß, schlossen die verspiegelte Schiebetür und machten es uns für die bevorstehende dreistündige Zugfahrt gemütlich. Wir hatten Chips, wir hatten Malzbier, und wir waren nur unter uns Männern. In diesem Moment beschloss ich für mich, dass die nächsten fünf Wochen eine verdammt gute Zeit für uns alle werden würden. Doch dann schweifte mein Blick zum Fenster hinaus und ich sah Liza mit einem traurigen Ausdruck in den Augen am Bahnsteig stehen, die Arme fest um ihre Taille geschlungen.

Ja, und wenn dieser rührselige Blick mir und nicht einem meiner besten Freunde gegolten hätte, dann hätte ich an diesem Morgen Grover Beach wohl mit einem noch viel besseren Gefühl im Bauch verlassen.

Die ersten drei Tage im Trainingslager waren die Hölle. Wir spielten nach einem verdammt harten Stundenplan, und wenn wir abends den Platz verließen, brannten unsere Beine wie Feuer. Zu diesem Zeitpunkt interessierte uns nur noch, wo wir etwas zu essen bekamen und anschließend kippten wir erschlagen in unsere Betten. Doch schon bald gewöhnten wir uns an den Drill. Am vierten Tag beschlossen Mitchell, Winter, Frederickson und ich schließlich, die Camp-Regeln zu unseren Gunsten ein wenig liberaler auszulegen und schlichen uns nach Einbruch der Dunkelheit aus dem Lager.

In Santa Monica gab es einige echt coole Bars zum Abhängen. Es gab zwar keinen Alkohol im The Teen Spirit, aber das machte uns nichts aus. Die Musik war ganz in Ordnung und fürs Auge gab’s da auch etwas. Es dauerte gerade mal vier Minuten, bis eine Gruppe Mädchen unseren Tisch umzingelte. Zwei von ihnen trugen etwas Schwarzes, dessen Länge den Aufnahmetest eines richtigen Kleides wohl kaum bestanden hätte, und der Rest war in hautenge Jeans gepresst und trug Tops, die freie Sicht auf ihre Bauchnabel gaben.

„Hey, Jungs“, sagte eine von ihnen und klimperte mit ihren Wimpern in meine Richtung. Ich schätzte sie auf knappe siebzehn, also ein Jahr jünger als ich es war. „Normalerweise kennen wir alle hübschen Gesichter in diesem Club. Ihr seid wohl zum ersten Mal hier?“

Okay, sie war wohl eine von der mutigen Sorte, und das nicht nur, weil sie es wagte, in Schuhen hierher zu kommen, deren Absätze länger waren als mein Mittelfinger und welche ihr sichtlich Probleme bereiteten, wackelfrei zu gehen. Ich fragte mich, ob sie den Spruch von gerade eben auch losgelassen hätte, wenn sie alleine vor uns stünde, ohne ihr Löwinnen-Rudel, das ihr den Rücken stärkte.

„Wir sind hier um ein wenig Fußball zu spielen, gleich vor der Stadt in einem Trainingslager“, antwortete ich. „In den nächsten paar Wochen werdet ihr also genug Zeit haben, euch an uns zu gewöhnen.“

Ein breites, einladendes Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie streifte sich ihr langes brünettes Haar hinters Ohr, wodurch ihre Ohrringe, so groß wie Hula-Reifen, zum Vorschein kamen. „Was dagegen, wenn wir uns zu euch setzen?“

„Macht nur.“ Ich zog einen Stuhl vom leeren Nachbartisch heran, sodass sie neben mir Platz nehmen konnte. Keine Ahnung, warum ich das tat. Vielleicht, weil Frederickson ein so fürchterlich hoffnungsvolles Gesicht machte, oder auch nur, weil es eine alte Angewohnheit von mir war. Aus welchem Grund auch immer, ich bereute meine Entscheidung in dem Moment, als auch die anderen Mädchen sich Stühle griffen, sich zwischen uns Jungs quetschten, und das Hula-Mädel so nahe zu mir heran rutschte, dass sich unsere Oberschenkel unter dem Tisch berührten.

Als echte Gentlemen – zumindest heute Abend – spendierten wir den Ladies eine Runde Limo und unterhielten uns über eher oberflächliche Themen mit ihnen, doch außer Frederickson war in unserer Jungengruppe niemand so wirklich angetan von dem Fang, den wir gemacht hatten. Das Mädchen neben mir, dessen Name übrigens Sandy war, wie ich herausgefunden hatte, bestellte ein Mineralwasser mit Zitrone und lehnte sich dann etwas zu weit zu mir rüber um sich zu bedanken.

Als ich in ihr Gesicht sah, wurde mir zum ersten Mal so richtig klar, wie sehr viel mehr mir doch Mädchen gefielen, deren Haut pH-neutral war. Natürlich und nicht vom Kinn bis zum Haaransatz mit Farbe zugekleistert. Ich lehnte mich automatisch ein wenig zurück. Schlussendlich vergrößerte ich den Abstand zwischen uns um einen soliden, halben Meter. Es war nicht nur der Zement in ihrem Gesicht, der mich abschreckte. Offenbar hatte sie vor dem Ausgehen auch noch in der Parfumflasche ihrer Mutter gebadet, was ekelhaft in meiner Nase kratzte.

Ich hatte schon eine Million Mal neben Liza gestanden. Ihr blumiges Shampoo und Duschgel hatten es noch nie geschafft, dass sich meine Zehen in den Schuhen einkrallten.

Mitchell hatte offenbar seine eigenen Probleme, eine kleine Rothaarige abzublocken, die mit einem anzüglichen Lächeln ihr verdrahtetes Gebiss präsentierte. Eigentlich war sie ja ganz süß. Ich fragte mich, ob Mitchell sie nur deshalb abwehrte, weil in seinen Gedanken das gleiche Mädchen herumspukte wie in meinen. Wir hielten eine knappe Stunde mit unseren Verehrerinnen durch, doch letztendlich warf mir Tony einen vielsagenden Blick zu, der nur eines heißen konnte: Lass uns abhauen! Und zwar so schnell wie möglich.

Mit einer eher lahmen Entschuldigung verabschiedeten wir uns von den Mädchen. Es war zwar nicht wirklich gelogen, dass wir nicht zu lange wegbleiben konnten, weil wir sonst aus dem Lager geworfen würden, doch die Konsequenzen kratzten uns nicht wirklich.

„Werdet ihr am Wochenende wieder hier sein?“, fragte Sandy, wickelte dabei eine Haarsträhne um ihren Finger und warf mir einen erwartungsvollen Blick zu. Um Himmels willen, wer hatte dem Mädchen beigebracht, wie man flirtet? Es schien, als hätte sie sich mit ihren Freundinnen die fürchterlichsten Liebesfilme angesehen und dabei auch noch Notizen gemacht.

Okay, vielleicht war es nicht ganz so übel und vor einigen Monaten wäre ich vermutlich sogar noch auf ihr Getue angesprungen, aber heute Abend war ich nicht in der Stimmung.

„Wir werden sehen“, antwortete ich. „Doch sollten wir wieder hierher kommen, dann bestimmt nicht allein, sondern mit unseren Freundinnen. Diese Runde wird so also nicht mehr zustande kommen.“

Das ließ sie zurückweichen und ich fühlte mich nicht im Geringsten schuldig für diese Notlüge. Ich tippte Frederickson auf die Schulter und unterbrach ihn beim Knutschen mit einem Mädchen, dessen Haar noch röter war als seins. „Wir machen die Fliege, Mann. Kommst du mit?“

Er biss sich auf die Unterlippe. Offenbar fiel ihm die Entscheidung alles andere als leicht. Doch schließlich entknoteten er und das Mädchen, das er Kelly nannte, sich, und er marschierte mit uns zur Tür hinaus.

„Oh Mann. Noch nie war ich so erleichtert, von einer Horde Mädchen wegzukommen“, meinte Mitchell, als wir alle über den Maschendrahtzaun auf das Gelände des Lagers zurück kletterten.

„Warum?“, murmelte Frederickson. „Die Mädels waren gut drauf. Was ist dein Problem? Jetzt sag nicht, du hättest nicht auch daran gedacht, die Kleine mit der Zahnspange flachzulegen.“

Dafür verpassten Tony und ich ihm gleichzeitig eine auf den Hinterkopf.

„Ich kann es nicht leiden, wenn jemand das Wort Nein nicht akzeptiert“, erklärte ich, während ich für die anderen die Tür zur Jugendherberge offen hielt. Sandys Hand auf meinem Knie hatte das Wort garantiert noch nie gehört.

Wir kletterten in die Stockbetten und machten das Licht aus.

 

 

Als wir am nächsten Morgen auf den Platz marschierten, ahnten wir sofort, dass heute ein besonderer Trainingstag stattfinden würde. Eine Gruppe junger Fußballspielerinnen saß auf dem Rasen und wartete offensichtlich auf uns. Dieses Jahr war der erste Sommer, in dem auch Mädchen im Camp zugelassen waren, und anfangs dachte ich noch, das sei eine nette Idee. Aber als uns der Coach aufforderte, uns in gemischte Teams aufzuteilen, überfiel mich ein Hauch von Skepsis.

Noch nie zuvor hatten wir mit Mädchen gemeinsam gespielt. Die waren zimperlich und zerbrechlich und sollten definitiv nicht mit einer Horde Rowdys wie uns aufs Feld laufen.

„Hi, Hunter“, grüßten mich zwei Mädchen aus meinem Chemieunterreicht.

„Hey, McNeal, Summers“, gab ich zurück, ohne bei den beiden Blondinen stehen zu bleiben.

Was ich so in den letzten Tagen mitbekommen hatte, war Chloe Summers eine ganz gute Spielerin. Brinna McNeals Aufgabe als ihre beste Freundin bestand dann wohl darin, an ihren Fersen zu kleben wie Kaugummi, egal worum es ging.

Um diverse Knochenbrüche zu vermeiden – bei den Mädchen natürlich – gingen es die Jungs und ich ausnahmsweise etwas ruhiger an. Das war vielleicht töricht von uns. Noch vor Ende der ersten Halbzeit hatte Chloe mich bereits dreimal gefoult, und ich spreche hier nicht von sanften Mädchenfouls. Zweimal war sie mit Volldampf in mich hinein gekracht und beim letzten Mal hakte sie ihr rechtes Bein um meinen Knöchel, sodass ich erst zwei Meter durch die Luft flog und dann mit einem Bauchklatscher auf dem Rasen landete.

Es dauerte einen Moment, bis ich wieder Luft in meine Lungen pumpen und aufstehen konnte. Dann stapfte ich angepisst zu ihr rüber. Da Chloe mit ihren einsfünfundsiebzig annähernd so groß war wie ich, fiel es mir leicht meine Stirn gegen ihre zu pressen und in ihr Gesicht zu knurren. „Oh, du bist so eine Lady, Summers!“

„Hab ich etwa deine Gefühle verletzt, Hunter? Das tut mir leid“, erwiderte sie mit einem bittersüßen Grinsen, das speziell dazu zu dienen schien, großen Ärger zu verheißen. „Können wir jetzt weiterspielen oder brauchst du noch eine Minute, um dich zu erholen?“

Ich kannte Chloe schon mein ganzes Leben lang, denn sie wohnte nur ein paar Straßen weiter, und sie hatte mich nie auch nur im Geringsten interessiert. Aber an diesem Tag hinterließ ihr aggressiver Stil einen tiefen Eindruck bei mir. Nach weiteren zwei Wochen, in denen wir hin und wieder ein gemischtes Team aufstellten, entschied ich, dass es an der Zeit war, eine Idee mit den Jungs zu besprechen.

The Teen Spirit war genau der richtige Ort dafür.

Wir waren nicht mehr dort gewesen, seit jener Nacht, in welcher wir uns aus dem Lager geschlichen hatten. Ich fragte mich, ob wir heute Abend wieder auf Sandy und ihr Löwinnen-Pack stoßen würden. Ein seltsames Schuldgefühl wegen der dämlichen Lüge mit den Freundinnen überkam mich, als wir den Club betraten. Und es verstärkte sich, als wir die Mädchen nahe am Eingang bei der Bar stehen sahen. Allerdings war auch Chloe in der Nähe, was gut in meine Pläne für das Gespräch mit den Jungs passte.

Zu Fredericksons großer Enttäuschung suchten wir uns einen Tisch viel weiter hinten – am völlig anderen Ende. Der Club war zum Bersten voll an diesem Samstagabend, wodurch wir die Mädchen ziemlich schnell aus den Augen verloren.

„Ich hab nachgedacht“, begann ich, nur um sogleich von Alex unterbrochen zu werden.

„Nachgedacht, so, so! Nennt man das heutzutage so?“

„Halt’ die Klappe, Winter!“ Ich versetzte ihm einen leichten Stoß gegen die Schulter und begann dann noch einmal von vorne. „Also, was haltet ihr davon, zuhause ein gemischtes Fußballteam auf die Beine zu stellen?“

Alle sieben, die heute mitgekommen waren, lehnten sich vor und stützten ihre Ellenbogen auf den Tisch. „Wie bitte?“

„Nicht für immer. Aber ihr habt ja selbst gesehen, dass das gemeinsame Training nicht ganz so übel war, wie wir erwartet hatten. Ich dachte daran, die Einheiten aufzuteilen. Zweimal die Woche mit den Mädels und die anderen beiden Male ohne sie.“

„Falls sie überhaupt Interesse haben“, gab Tony zu bedenken.

„Als wir reinkamen, hab ich Chloe und ihre Freundinnen vorne im Club gesehen. Wenn ihr alle einverstanden seid, hole ich sie zu uns und wir können die Einzelheiten mit ihnen besprechen.“

Erst herrschte nur kollektives Schweigen, doch nach und nach begannen die Jungs einer nach dem anderen zu grinsen.

„Klingt doch cool“, sagte Frederickson. „Ich bin dabei.“

Ich wusste schon vorher, dass er am einfachsten zu überzeugen sein würde, denn unter all den Jungs hatte er den meisten Spaß am Spiel mit den Mädchen gehabt.

Mitchell verzog skeptisch das Gesicht. „Ich weiß nicht. Immerhin werden wir sowieso nie ein großes gemischtes Match spielen können. Also warum die Trainingszeit opfern?“

„Wir werden vielleicht keine bedeutungsvollen Matches mit ihnen spielen, aber ich weiß, dass Hamilton High ein gemischtes Team hat, und wenn ich mich nicht völlig irre, haben auch die Riverfalls Rabid Wolves Mädchen in ihrer Mannschaft. Das sind zwei Teams, die wir hin und wieder zu einem Freundschaftsspiel einladen könnten.“ Ich legte ihm eine Hand auf die Schulter und lachte. „Wenn es dir irgendwie hilft, kannst du ja auch deine Freundin in die Mannschaft holen.“

„Wen? Liz?“ Er zog beide Augenbrauen hoch. „Sie würde eher einen Leprakranken als einen Fußball anfassen. Und sie ist nicht meine Freundin.“

„Ja, sicher“, veralberte ich ihn. Aber die Wahrheit aus dem Mund meines Freundes zu hören tat unglaublich gut. „Also, was ist jetzt? Fragen wir die Mädchen oder nicht?“

Die Jungs stimmten einhellig zu. Ich stand auf und wühlte mich durch die Menge in den vorderen Teil des Clubs, wo ich Chloe, Brinna und drei weitere ihrer Freundinnen zuletzt gesehen hatte. Verdammt, gleich neben ihnen standen Sandy und ihre Löwinnen.

Sandy sah mich näherkommen, und die Tatsache, dass ich allein kam, ohne Freundin, schien sie glücklich zu machen. Ein Lächeln rutschte auf ihre Lippen. „Hi.“

„Hey, Sandy.“

„Keine Freundin heute?“ Es klang wie eine Mischung aus einem Vorwurf für die Lüge, die ich ihr aufgetischt hatte, und Begeisterung darüber, dass ich wohl immer noch Single war.

Ich wollte ihr keine falschen Hoffnungen machen. Und was noch wichtiger war, ich hatte keine Lust darauf, den Rest des Abends damit zu verbringen, sie abzuwimmeln. Also schnappte ich mir das erste im Umkreis bekannte Mädchen und zog sie an meine Seite.

„Tut mir leid, dass ich dich enttäuschen muss“, erklärte ich einer verblüfften Sandy. „Aber eigentlich bin ich nur rüber gekommen, um mein Mädchen zu holen.“ Ich warf einen kurzen Blick zur Seite, um herauszufinden, wer denn gerade mein Mädchen war, und fand mich Nasenspitze an Nasenspitze mit Chloe Summers.

Sie zog arrogant eine Augenbraue hoch, war aber cool genug, um diesen Moment nicht mit einer für mich peinlichen Szene zu beenden.

„Kommst du mit mir zurück an den Tisch, Baby?“, fragte ich mit einem angespannten Grinsen.

Chloe ließ mich eine panische Sekunde auf ihre Antwort warten, doch dann begann sie zu lächeln. „Natürlich, Schätzchen. Lass mich nur schnell noch den anderen sagen, dass wir den Platz wechseln. Und dass du gerade zugestimmt hast, eine Runde für alle springen zu lassen.“

Ich knirschte hinter verschlossenen Lippen mit den Zähnen, aber die Rettungsaktion war es wohl wert. Mit einem Arm um Cloeys Taille, führte ich sie nach hinten an unseren Tisch. Dabei konnte ich Sandys enttäuschten Blick in meinem Nacken spüren.

Chloe spielte ihren Part ein wenig zu perfekt. Sie übertrieb es eindeutig, als sie ihren Arm um meine Hüfte schlang und ihre Hand in meine hintere Hosentasche schob.

„Finger weg, Summers“, knurrte ich warnend, behielt sie aber fest gegen mich gepresst.

„Wieso? Du hast einen echt sexy Arsch, Hunter.“ Lachend kniff sie mich in den Hintern, bevor sie schließlich ihre Hand aus meiner Tasche zog und auf neutrales Terrain oberhalb meiner Hüfte legte.

Die Jungs hatten bereits Stühle für die Mädchen aufgetrieben und ich war nur allzu erleichtert, als ich Chloe loslassen und mich auf meinen Stuhl fallen lassen konnte.

„Wow, bilde ich mir das nur ein oder habt ihr uns bereits erwartet?“, fragte Chloe, als sie sich neben mich setzte. „Was ist los?“

„Es gibt da etwas, das wir gerne mit euch besprechen würden“, antwortete ich.

„Tatsächlich? Und ich dachte, du wolltest nur ein Mädchen benutzen, um ein anderes loszuwerden. Wie dumm von mir.“

Ich verzog das Gesicht über ihren Sarkasmus und kratze mich im Genick. „Ah ja … danke für die Rettung.“ Ich bestellte Soda für uns alle und wir erzählten den Mädchen von unseren Plänen.

Sie waren alle sehr interessiert, besonders, da es in Grover Beach ja keine Mädchenmannschaft gab. Die einzige Möglichkeit für sie Fußball zu spielen war im Sportunterricht und auch nur dann, wenn ihre Lehrerin einen besonders guten Tag hatte.

„Ein paar Freundinnen von mir würden sicher auch gerne in einem Team spielen“, sagte Brinna. „Das heißt, falls es dir nichts ausmacht, dass sie in diesem Jahr noch nicht in der Abschlussklasse sind.“

„Das ist kein Problem“, erwiderte ich. „Tatsächlich sind aus unserem Team nur Sasha, Tyler und ich in der Abschlussklasse.“

„Cool. Ich kann meinen Freundinnen eine Nachricht schicken. Wenn wir zurückkommen, können wir uns alle treffen und die Einzelheiten besprechen. An wie viele Mädchen hast du denn gedacht?“

„Ich denke es macht Sinn, das Team in zwei Hälften zu teilen. Elf neue Spieler wären also gut. Wenn mehrere Mädchen dabei sein wollen, machen wir einfach einen Qualifikationstest.“

Wir diskutierten noch für einige Stunden an diesem Abend, bevor wir dann alle gemeinsam aufbrachen. Auf dem Weg nach draußen mussten wir wieder an Sandy und ihrem Rudel vorbei.

Alex warf einen Blick über seine Schulter und grinste uns zu. „Jeder schnappt sich ein Mädchen.“

Automatisch griff ich nach Cloeys Arm, um sie wieder an meine Seite zu holen, doch sie grinste mich nur schelmisch an. „Nimm Brinna.“ Dann hakte sie sich bei Mitchells Arm ein und schenkte ihm ein anzügliches Lächeln. „Für den Nachhauseweg bin ich lieber Anthonys Freundin.“

Mitchell strich sich durchs Haar und verzog den Mund zu einem arroganten Grinsen. „Sorry, Hunter.“

Es musste ihm nicht leidtun. Brinna war genauso gut wie jede andere und ich ließ sie los, sobald wir durch die Tür ins Freie getreten waren. Chloe allerdings blieb für den Rest des Weges an Tonys Arm hängen. Später bekam ich ein Update von Frederickson über das Flirten, das offenbar den ganzen Abend lang zwischen Chloe und Tony abgegangen war, und das ich völlig übersehen hatte.

Summers und Mitchell? Warum nur musste ich bei diesem Gedanken anfangen zu grinsen?

Zurück im Lager warf ich noch einen Vierteldollar in den Getränkeautomat, nur um zu sehen, wie die beiden sich heute Nacht voneinander verabschieden würden. Wenn da was lief, musste ich es wissen. So wie ich Chloe kannte, würde sie sich nicht mit weniger als einem Gutenachtkuss zufriedengeben. Und falls Tony sie wirklich küsste, könnte das meine große Chance bei Liza sein. Wenn Mitchell vergeben war, musste sie früher oder später erkennen, dass es außer ihm auch noch andere Jungs auf dieser Welt gab. Jungs, die an ihr interessiert waren. Solche wie mich.

Ich nahm einen Schluck von meiner Cola und beobachtete aus dem Augenwinkel, was zwischen Chloe und Tony gerade passierte. Doch da geschah nichts. Absolut gar nichts. Weder küsste er sie, noch verabredeten sie sich für morgen oder sonst wann diese Woche. Alles, was sie sagten, war: „Gute Nacht.“ Und Chloe fügte noch hinzu: „Ich wünsch dir süße Träume, Anthony.“

Was zur Hölle war denn das?

Als Chloe gegangen war, wartete Tony darauf, dass ich zu ihm kam und gemeinsam stiegen wir die Treppe zu unserem Zimmer hoch. Ich sagte nichts zu dem Thema Chloe Summers. Und Tony ebenso wenig.

 

 

Kapitel 2

 

MAN KÖNNTE SAGEN, Chloe Summers war mein weibliches Gegenstück. Wir stürzten uns von einem ablenkenden Abenteuer in das nächste und genossen dabei die unkomplizierten Beziehungen, die meist nicht länger als zwei bis drei Wochen andauerten, frei von allen ernsthaften Bindungen. Mir war der Begriff Playboy oder Schürzenjäger, den die meisten Mädchen in der Schule mit meinem Namen in Verbindung brachten, wohl bekannt. Während ich diese bindungsfreien Freundschaften nur aus einem Grund verfolgte, und zwar wegen der Ablenkung, weil das Mädchen, das ich immer schon haben wollte, völlig ahnungslos in den Schulkorridoren vor meiner Nase herumlief, fragte ich mich, was Chloe davon abhielt, eine feste Bindung mit einem netten Jungen einzugehen.

Bis wir am letzten Tag unser Zimmer im Camp räumten, hatte Chloe sich durch das halbe Lager geschlafen und sich dadurch einen nicht so charmanten Namen eingehandelt. Wir waren nur wenige, die nicht auf ihr Flirten angesprungen waren, und Tony gehörte mit Sicherheit nicht dazu. Es wäre gelogen zu sagen, dass ich nicht darauf gehofft hätte, dass er und Chloe ein kleines Abenteuer eingehen würden, obwohl er mein Freund war und Besseres verdient hatte. Doch außer Liza war Chloe das erste Mädchen seit … na ja, seit Ewigkeiten, an dem er Interesse zeigte, und wann immer ich die beiden zusammen sah, stieg dieses albern flatternde Gefühl von Hoffnung in mir auf. Niemals würde ich mit dem Mädchen eines Freundes anbändeln. Doch wenn Tony mit einer anderen zusammen wäre, ginge sein Anspruch auf Liza Matthews damit schlagartig verloren.

Auf der Heimreise teilten wir vier uns wieder ein Zugabteil; Frederickson, Winter, Mitchell und ich. Vom vielen Spielen in der Sonne waren wir alle braungebrannt, und da wir wussten, wie sehr Mädchen auf so etwas abfahren, prahlten wir wie scharfe Hähne, wer uns zuhause nicht alles zu Füßen liegen würde. Doch die Wahrheit war, nur Frederickson war wirklich euphorisch, denn ich … tja, ich hatte vor langer Zeit damit aufgehört, Mädchen an jeder Ecke anzubaggern. Tony schickte eine SMS nach der anderen an Liza und auch Alex Winter hatte einige Tage zuvor durchsickern lassen, warum er sich in den vergangenen Wochen so ungewöhnlich ruhig und unauffällig in Gegenwart des anderen Geschlechts verhalten hatte. Der Bursche war bis über beide Ohren verliebt. Sie musste wohl ein ganz besonderes Mädchen sein, wenn es ihr gelang, Winter den Kopf so derartig zu verdrehen, denn er hatte vor, sie endlich zu einem Date zu überreden, obwohl sie ihm vor den Sommerferien bereits zweimal einen Korb gegeben hatte.

Ihr Name war Simone und ich konnte mich vage daran erinnern, sie schon mal auf einer der vielen Partys bei mir zuhause gesehen zu haben. Partys, auf denen ich jedes Mal hoffte, Liza durch die Tür kommen zu sehen. Doch so wie es aussah, hatte Tony meine Einladungen bisher nie an sie weiter gegeben. Er meinte damals nur, Liza wäre ein zu nettes Mädchen, als dass er sie in ein Höllenloch wie mein Haus an einem Samstagabend mitnehmen würde.

Ich war sicher, er hatte nur Angst, dass sich jemand anderes auf diesen Partys an Liza heranmachen würde … und es ihr letzten Endes auch noch gefallen könnte.

Tony schrieb gerade die nächste SMS. Vermutlich erzählte er Liza, dass wir in zwei Stunden zuhause ankommen würden und bestimmt saß sie nagelkauend auf ihrem Bett, weil sie es kaum noch erwarten konnte, ihn endlich wieder zu sehen.

„Habt ihr beide gerade was übers Telefon am Laufen oder wie?“, zog ich Mitchell auf und stieß gegen seinen Fuß.

Tony sah hoch und hatte dabei diesen totalen Unschuldsblick drauf. „Was?“

In der letzten halben Stunde hast du Liza über zwanzig Nachrichten geschickt“, warf Alex ein und grinste spöttisch. „Was gibt’s denn so Dringendes, dass es nicht warten kann, bis wir zuhause sind?“

„Gar nichts.“ Tony räusperte sich und steckte das Handy in seine Hosentasche. „Ich hab ihr nur erzählt, was in den letzten paar Tagen so passiert ist. Da Hunter sich heute noch mit den anderen wegen dieser Sache mit dem gemischten Team treffen will, wird Liza eine fürchterliche Laune haben, wenn sie hört, dass ich gleich wieder weg muss.“

„Mach mal ’ne Pause, Mann, und nimm sie später doch einfach mit“, schlug ich ihm vor. „Ich verstehe nicht, warum du dich plötzlich so kindisch verhältst und deine ganzen SMS heute Nachmittag verschwendest.“ Doch in Wahrheit war ich einfach nur eifersüchtig. Ich wünschte, ich könnte auf der Heimfahrt mit Liza hin und her schreiben so wie Tony. Dann wäre sie meinetwegen so fürchterlich aufgeregt, und wenn ich nach Hause kommen würde, könnte ich sie zur Begrüßung fest an mich drücken, wie es Tony später ohne Frage tun würde.

„Liza wird nicht mitkommen. Sie hasst Fußball. Und wenn ich deinen Namen erwähne, zieht sie üblicherweise eine fürchterliche Grimasse.“ Tony grinste dämlich in meine Richtung. „Nichts für ungut, Hunter.“

„Schon klar“, murmelte ich und sah zum Fenster hinaus.

Liza war vermutlich das einzige Mädchen im Staate Kalifornien, das meinem Charme nicht erlag. Verdammte Scheiße. Andererseits hatte sie meine charmante Seite bisher ja auch noch nicht wirklich kennen gelernt. Da die Freundinnen von Freunden wie gesagt tabu waren, hielt ich mich in ihrer Nähe immer zurück. Doch das konnte nun alles anders werden, seitdem Chloe ins Spiel gekommen war. Ein kribbelndes Gefühl von Freude und Erwartung machte sich in meiner Brust breit. Es fühlte sich mädchenhaft und dämlich an und ich kämpfte darum, dieses Kribbeln unter Kontrolle zu bekommen.

Ich warf Tony einen Blick aus dem Augenwinkel zu. „Was ist mit Summers?“

„Was soll mit ihr sein?“

„Ihr beide wart im Lager oft zusammen.“

Seine Lippen verschmälerten sich zu einem dünnen Strich. „Ja und?“

Herr Gott, er hatte in der ganzen Zeit nicht einmal über Chloe gesprochen. Im Gegenteil, sobald jemand ihren Namen erwähnt hatte, wechselte er geschickt das Thema. „Und … läuft da was zwischen euch beiden?“

„Warum willst du das wissen?“

„Warum weichst du meiner Frage aus?“

Alex stieß mit seiner Schulter gegen Tonys. „Weil der Bursche bis über beide Ohren verknallt ist … und offenbar nicht in Matthews.“

Tony stieß ihn zurück. „Lass den Quatsch. Ich bin in überhaupt niemanden verknallt.“

Alex grinste ihm ins Gesicht. „Warum bist du dann plötzlich so überempfindlich?“

„Und so zickig“, fügte ich hinzu.

„Das bin ich nicht. Aber ihr seid Schwachköpfe.“

Okay, da konnte wohl keiner von uns widersprechen, doch Mitchells Liebesleben interessierte mich plötzlich mehr denn je. Und dann traf es mich plötzlich wie ein Blitz. „Es ist wegen ihr!“

Tony runzelte die Stirn. „Was ist wegen wem?“

„Chloe ist der Grund, nicht ich. Ihretwegen willst du Matthews nicht zu unserem Treffen heute Nachmittag mitnehmen. Du willst nicht, dass sich die beiden sehen.“ Oh Mann, ich war richtig stolz auf meine detektivischen Fähigkeiten. Ein richtiges Genie.

Plötzlich geschah etwas völlig Unerwartetes, dass nicht nur mich, sondern auch Frederickson und Winter total überraschte. Anthony Mitchell lief rot an wie ein Mädchen.

„Ach du heilige Scheiße!“ Ich schlug mir gegen die Stirn. „Also läuft da tatsächlich was zwischen dir und Summers. Und du hast Schiss davor, es Liza zu erzählen.“

Tony fuhr sich nervös durchs Haar und jammerte: „Sie wird es nicht verstehen.“ Und dass gerade in diesem Augenblick eine neue SMS auf seinem Handy einging, machte die Sache auch nicht einfacher.

Mir war klar, ich war ein kompletter Arsch für das, was ich vorhatte, doch dieses Mal konnte ich einfach nicht widerstehen. Sobald er das Handy aus seiner Hosentasche gezogen hatte, riss ich es ihm aus der Hand und öffnete die Nachricht. Tony sprang auf mich, doch ich hielt das Telefon aus seiner Reichweite und es gelang mir, mich freizukämpfen.

„Wir können machen, was du willst“, las ich laut vor und verstellte dabei meine Stimme. „Möchtest du schwimmen gehen? Das haben wir den ganzen Sommer lang nicht getan. Aber du warst ja auch den ganzen Sommer lang weg, du Schuft.“

„Du Schuft!“, verspotteten die beiden anderen Tony mit der mädchenhaftesten Stimme, die sie zu Stande brachten. Wir lachten uns halb kaputt.

„Gib das Handy zurück. Hunter, du bist echt so was von unreif!“

„Unreif!“, äfften wir ihn alle gemeinsam nach und steckten dabei unsere Köpfe zusammen, wie die drei Stooges. Wir hielten unsere Bäuche, die vom vielen Lachen bereits schmerzten.

Zu schwach, um Tonys Attacken weiter standzuhalten, überließ ich ihm schließlich sein Telefon. Was er Liza dann schrieb, wusste nur Gott allein. Aber wahrscheinlich, dass er mit dem Rest des Grover Beach Kindergartens in einem Zugabteil gefangen war.

Als der Zug in unsere Station einfuhr, schnappten wir unsere Taschen und drängten uns in die warme Freitagnachmittagsonne hinaus. Ich streckte meinen Rücken und Nacken, die nach der langen Fahrt ein wenig steif geworden waren. Als Nächstes ließ ich meinen Blick über den Platz wandern und hoffte, eine süße Brünette mit Granny-Smith-Augen zu entdecken.

Liza war nicht gekommen. Nicht einmal um ihren besten Freund zu empfangen. Es war für mich schon eine enorme Herausforderung gewesen, sie den halben Sommer nicht zu sehen und dabei nicht komplett wahnsinnig zu werden. Aber sie jetzt nicht zu sehen, grenzte an Folter.

In ein paar Wochen fing ja das neue Schuljahr wieder an und ich würde mich einfach zusammenreißen und die Zeit bis dahin wie ein Mann ertragen müssen.

Ich verabschiedete mich von meinen Freunden und machte mich auf die Suche nach meinem Dad, der mich heute abholen sollte. Doch nur einen Moment später lief mir Justin über den Weg. Er hatte seinen kleinen, ramponierten Bruder im Schlepptau. Na ja, wenigstens war nicht alles an Nick Andrews gebrochen, sondern nur sein rechtes Handgelenk, was mir wiederum kein Geld aus der Wette eingebracht hatte, aber dafür ein schlechtes Gewissen. Der Unfall war nur drei Tage zuvor passiert, und wir hatten uns alle schon gefragt, ob er es dieses Mal ganz ohne Schrammen nach Hause schaffen würde. Aber Nick enttäuschte uns nie. Pech für den Burschen.

Justin kam zu mir rüber und hatte diesen grimmigen Gesichtsausdruck. Bevor er noch etwas sagen konnte, warf ich abwehrend ein: „Hey, Mann, ich war nicht einmal in seiner Nähe, als der Unfall passierte. Er ist in der Dusche ausgerutscht. Wie hätte ich das bitte verhindern sollen?“

Er dachte einen Moment lang darüber nach. Dann grinste er und wir zogen unseren üblichen Ghetto-Handschlag durch.

„Was geht ab?“, fragte Justin, als er und Nick mich zum Parkplatz begleiteten. Er lehnte sich etwas näher, damit nur ich hören konnte, was er als Nächstes sagte. „Hast du ein nettes Mädel kennengelernt und dir Matthews endlich aus dem Kopf geschlagen?“

Ich grinste. „Hast du dein heiliges BMX mit einem Laster überfahren?“

„Nah“, riefen wir beide gleichzeitig und lachten laut. Dann gab ich seinem kleinen Bruder einen Klaps auf die Schulter – ganz sachte, um nicht noch mehr Schaden anzurichten – und sagte: „Ich seh dich in einer Stunde bei Charlie.“

Mein Dad wartete bei unserem Ford Chrysler. Ich umarmte ihn flüchtig, verstaute mein Gepäck im Kofferraum und stieg dann auf der Beifahrerseite ein. Obwohl das diesjährige Sommercamp cooler war, als alle zuvor, war es auch schön, endlich wieder heimzukommen.

Meine Mutter musste schon wie eine Füchsin hinter der Tür auf mich gewartet haben, denn kaum, dass ich durch die Tür getreten war, packte sie mich und fesselte mich mit einer fetten Umarmung, die mir die Luft abschnürte.

„Mom“, krächzte ich, hielt sie aber trotzdem fest und lachte dabei. „Mom, lass mich los. Ich bekomme keine Luft mehr.“

„Tja, Junior, sie hat dich eben ganz schön vermisst“, meinte mein Vater, als er sich zwischen dem Türrahmen, mir und Mom hindurchzwängte.

„Fünf Wochen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr!“, sagte sie lächelnd und strich mir über die Wange. Dann drückte sie mir einen dicken Kuss auf die andere. „Dieses Haus ist einfach viel zu leer ohne euch Kinder.“

Seit meine Schwester mit zwanzig abgehauen war – okay, sie war nicht wirklich abgehauen, sondern nur nach San Luis gezogen – wurde ich zur einzigen Zielscheibe der Liebe und Fürsorge meiner Mom. Während Rachel das College geschmissen und den Besitzer eines Clubs geheiratet hatte, war ich das brave Kind, das immer noch zuhause lebte und vorhatte, irgendwann mal in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Er hatte eine Tierarztpraxis im Westflügel unserer Villa und manchmal durfte ich mich sogar mit ihm um die pelzigen Patienten kümmern. Ich fand die Arbeit mit Tieren wirklich cool.

Nachdem mich meine Mutter endlich aus dem Todesgriff entlassen hatte, warf ich die Wäsche von fünf Wochen in die Waschkammer und eilte nach oben unter die Dusche, um den Gestank der langen Zugfahrt loszuwerden. Mit einem Handtuch locker um die Hüften geschlungen, rasierte ich mich, trug etwas Aftershave auf und rubbelte mein dunkles Haar trocken.

Für das Treffen in Charlies Café musste ich mich nicht wirklich in Schale werfen. Weite Jeans und ein weißes Muskelshirt reichten völlig. In der Ecke neben meinem Bett lehnte mein mit Graffiti gemustertes Skateboard. Ich betrachtete es, während ich meine Sneakers zuschnürte, und beschloss, mein Auto für heute noch in der Garage stehen zu lassen und stattdessen mit dem Board in die Stadt zu fahren.

Mom machte ein enttäuschtes Gesicht, als ich mit dem Skateboard unterm Arm die weite, gewundene Treppe in die Empfangshalle hinunter kam. „Willst du etwa schon wieder weg? Du bist doch gerade erst angekommen und hattest noch nicht einmal Zeit, mir vom Trainingslager zu erzählen.“

„Ja, tut mir leid, aber ich treffe die Jungs unten bei Charlie in …“ Ich blickte kurz auf meine Armbanduhr. „Fünfzehn Minuten.“

„Wirst du wenigstens zum Abendessen wieder zurück sein? Ich wollte eine Meeresfrüchte-Platte zubereiten.“

Meine Mundwinkel schoben sich ganz von allein nach oben. Sie wusste, wie sehr ich Fisch und Schrimps in allen möglichen Variationen liebte, und machte dieses Abendessen immer nur zu besonderen Anlässen. Wie zum Beispiel heute, wo ihr geliebter Sohn nach fünf langen Wochen endlich aus dem Ferienlager zurückgekehrt war.

Darauf gab es nur eine mögliche Antwort. „Ich liebe dich auch, Mom.“ Ich drückte ihr einen Kuss auch die Wange. „Ich bleib nicht lange weg. Nur ein bis zwei Stunden, versprochen. Und danach erzähle ich dir auch alles übers Trainingslager.“

Der Kuss war mein Ticket nach draußen. Mom konnte mir nie etwas abschlagen, wenn ich der süße, kleine Junge war, der sich nicht schämte, seiner Mama zu sagen, dass er sie lieb hatte.

Vor der Tür ließ ich mein Skateboard auf dem Asphalt ab und fuhr los zu Charlie. Ich war noch nicht mal richtig bei dem Café angekommen, da konnte ich schon einige bekannte Gesichter um eine lange Tischreihe im Garten sitzen sehen. An diesem Nachmittag hatten sich viele Gäste hier eingefunden und schlürften Kaffee im Schatten des Baumes, der in der Mitte des Gastgartens stand, oder löffelten einen fruchtigen Eisbecher.

Ich ließ mein Skateboard beim Eingang stehen, wo schon einige andere Boards und ein paar Fahrräder lehnten, und setzte mich zu meinen Freunden an ein Ende des Tisches. Brinna hatte Recht gehabt. Es waren verdammt viele Mädchen daran interessiert, in unser Team aufgenommen zu werden. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Als Charlie, der Inhaber des gleichnamigen Cafés, an unseren Tisch kam, um meine Bestellung aufzunehmen, bat ich ihn auch gleich um einen Stift und ein Stück Papier. Er brachte mir beides und eine Zitronenlimonade nur wenige Minuten später.

Tony war noch nicht da, was meine Hoffnung, dass er Liza letzten Endes doch noch dazu überreden konnte, mitzukommen, bestärkte. Ich nahm einen Schluck von meiner Limo und blickte zu Chloe, die in einem weißen Kleid hier erschienen war, das aussah, als hätte es ihr jemand auf die Haut gemalt. Wenn ich es mir recht überlegte, war es wohl doch keine so gute Idee, die beiden Mädchen gerade heute einander vorzustellen.

Ich setzte mein Glas ab und schlug mit einem kleinen Löffel dagegen um jedermanns Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. „Okay, es ist echt cool, dass so viele von euch heute hier sind. Allerdings können wir nicht alle aufnehmen und müssen einen Weg finden, um elf Mädchen auszuwählen. Normalerweise machen wir Jungs in so einem Fall immer einen Qualifikationstest. Wir könnten morgen etwas in der Art auf dem Fußballplatz veranstalten. Hat jemand von euch morgen keine Zeit?“

Ich sah ein paar schüttelnde Köpfe und hörte das Gemurmel, dass morgen in Ordnung ging.

„Großartig. Ich schreibe euch alle auf eine Liste, und wenn euch noch jemand einfällt, der vielleicht auch mit den Bay Sharks spielen möchte, dann sagt ihr bitte Bescheid, dass sie morgen um zehn auf dem Rasen sein soll.“

Die meisten der anwesenden Mädchen kannte ich, denn sie waren entweder in meiner Klasse oder ich war früher schon mal mit einer von ihnen ausgegangen. Als ich alle Namen aufgeschrieben hatte und hochblickte, pochte mein Herz unangenehm hart gegen meine Rippen.

Oh Junge, wie sehr hatte ich ihren Anblick vermisst. Wie immer wanderte meine Aufmerksamkeit zuerst zu ihren strahlenden Augen. Lizas seidiges, langes Haar war zu einem Pferdeschwanz hochgebunden, nur ein paar vereinzelte Strähnen fielen heraus und umspielten ihr herzförmiges Gesicht.

Das rosa T-Shirt, das sie heute trug, gehörte zu meinen Lieblingsoutfits an ihr. Zwei neongrüne Bänder waren in ihrem Nacken gebunden – vermutlich ein Bikini. Schließlich wollte sie ja heute mit Mitchell runter ans Meer. Als mein Blick nach unten, zu ihren bezaubernden Beinen wanderte, konnte ich plötzlich an nichts anderes mehr denken, als selbst mit ihr in den Wellen zu toben.

Ich zog mir die Baseballmütze etwas tiefer ins Gesicht und zwang mich dazu, den Blick von meinem ganz persönlichen Sonnenschein loszureißen. Als ich schluckte, bemerkte ich, dass mein Hals knochentrocken war, und ich räusperte mich … mehrmals.

Zu meiner völligen Überraschung stand Chloe plötzlich vom Tisch auf und ging auf Mitchell zu. „Du bist spät dran, Anthony. Ich dachte schon, du kommst überhaupt nicht mehr.“

Es war geradezu lächerlich, dass Chloe ihn als Einzige immer Anthony nannte, aber ihm schien es zu gefallen, also dachte ich, was soll’s. Als sie jedoch ihre Hände auf seine Brust legte und ihn auf die linke Wange küsste, war plötzlich niemandem mehr zu lachen zumute. Mir stockte der Atem. Alex und Frederickson sahen genau so schockiert drein, wie Liza und ich es offenbar waren. Die Stimmung ging noch weiter den Bach runter, als Tony seine Hände auf Cloeys Hüften legte und sie auch noch seine andere Wange küssen ließ.

In dieser Minute wünschte ich mir, ich hätte den Mut gehabt, aufzustehen und Liza in eine schützende Umarmung zu schließen – nicht zu meinem eigenen Vergnügen, sondern weil sie gerade aussah, als wäre sie von einem Bus überrollt worden und ein wenig Trost gebrauchen könnte.

„Gemischte Teams, hm?“, murmelte Liza, als sie sich neben Mitchell auf einen Stuhl fallen ließ, was auch gleichzeitig bedeutete, dass sie gegenüber von Chloe saß.

Ich hatte das Bedürfnis, sie etwas aufzumuntern und meinte neckend: „Die Qualifikationen finden morgen statt, Matthews. Ich kann dich auf die Liste setzen, wenn du interessiert bist!“

Liza wirkte nicht gerade glücklich wegen meines Scherzes, was ja eigentlich kein wirklicher Scherz war, sondern vielmehr der Versuch, sie in mein Team zu bekommen, wo ich zweimal die Woche mit ihr spielen könnte. Körperkontakt beim Fußball war ja nichts Ungewöhnliches und ich hatte schon eine gute Vorstellung davon, wie ich dies zu meinem persönlichen Vorteil ausnutzen könnte.

Wenig begeistert, dafür aber umso überraschter sah sie mich an, so als hätte ich heute zum ersten Mal ihre Sprache gesprochen. Das konnte allerdings auch daher kommen, dass dies wohl der längste Satz war, den ich bisher in einem Atemzug zu ihr gesagt hatte. Ich hatte es immer als einfacher empfunden, ihr zu widerstehen, wenn ich nicht mit ihr sprach.

„Liz und Fußball?“ Tony lachte neben ihr. „Da könntest du genauso gut versuchen, einen Elefanten dazu zu überreden, Tango zu tanzen. Nicht wahr, Liz?“

Ach du Scheiße. Konnte mein Kumpel wirklich so taktlos sein? Ich hatte Tony noch nie in einem derart verletzenden Ton mit Liza reden gehört. Als sie sich zu ihm wandte, war da eine ganze Menge Leid in ihrem Blick, doch außer mir schien es niemand zu bemerken.

Und dann geschah das Undenkbare. Chloe öffnete den Mund und ich wusste sofort, es würde nichts Nettes rauskommen.

„Der Elefant trifft es genau.“

Und da war es auch schon. Kurz, beißend und einfach nur Chloe-like. Sie musste sich ziemlich bedroht fühlen von Liza, ansonsten hätte sie sich wohl nicht zu solchen Gemeinheiten verleiten lassen, um damit ihr Territorium um Tony abzustecken. Irgendwo, ganz tief drinnen, war ich sogar beeindruckt. Es hatte tatsächlich den Anschein, als würde Chloe ernsthaft etwas für diesen Burschen empfinden.

Und dieser Bursche war gerade mit Pauken und Trompeten durch den Freundschaftstest gerasselt. Er verteidigte Liza mit keinem Wort gegen Cloeys Beleidigung, und das – ob er nun mit Chloe zusammen war oder nicht – war unter jedem Niveau. Ich war gespannt, wie Liza darauf reagieren würde.

„Ich habe in der neunten Klasse mal versucht, mein Essen wieder auszukotzen, aber das ist wohl eher dein Ding als meins“, war ihre Antwort für Summers. Und eine verdammt gute noch dazu. Dieses Mädchen war gar nicht so schüchtern und still, wie sie jeden glauben ließ.

Ich musste lachen, doch offenbar war ich der Einzige, der es wagte. Der Rest war verblüffend still und versuchte sich aus der Schusslinie zu ziehen.

Chloe runzelte die Stirn. „Hast du mich gerade beleidigt?“

Ja, Summers, das hat sie! Ich konnte gut verstehen, dass Chloe leicht schockiert war. Genauso wenig wie ich war sie es gewohnt, von jemandem blöd angemacht zu werden. Ich war mir sicher, dass sie das gerade eben tiefer getroffen hatte, als sie jemals zugeben würde.

Liza schien mehr als erleichtert zu sein, als Tony kurze Zeit später eine SMS erhielt und sie fragte, ob sie noch hier bleiben oder lieber mit zu ihm nach Hause kommen wollte. Noch nie zuvor hatte ich gesehen, dass jemand ein fast volles Glas Cola so schnell runter schüttete wie Liza gerade, während sie von ihrem Stuhl aufstand.

„Ich bin fertig“, verkündete sie und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

Tony schüttelte erst den Kopf, dann blickte er unbehaglich in meine Richtung und zuckte mit den Schultern.

Als die beiden um den Tisch kamen, rief Chloe hinter Mitchell her: „Wir sehen uns morgen, Anthony.“

Den Blick krampfhaft auf den Boden gerichtet, knirschte Liza mit den Zähnen. In diesem Moment wollte ich lieber nicht in ihrer Haut stecken. Obwohl, wenn man es genau nahm, war es in den vergangenen Jahren schon schwer genug gewesen, in meiner eigenen Haut zu stecken, wenn es um sie ging. Vielleicht war das Blatt ja gerade dabei sich zu wenden, auch wenn es mich traurig machte, Liza so zerknirscht zu sehen.

Als sie an mir vorbei stapfte, wurde mir klar, dass dies womöglich meine einzige Chance war. Wenn ich nicht zumindest mit etwas härteren Mitteln daran arbeiten würde, sie zu den Qualifikationen zu locken, würde ich mich heute Abend mit Sicherheit dafür hassen. Vielleicht konnte ich ihr zeigen, dass Fußball nicht so übel war, wie sie dachte, und wenn sie erst in meinem Team war … tja, ziemlich genaue Vorstellungen davon, was ich dann mit ihr machen würde, spielten sich gerade in meinem Kopf ab.

Ich verlor beinahe die Kontrolle über mich und hätte fast nach ihrer Hand gegriffen, um sie aufzuhalten. Sie durfte jetzt nicht einfach abhauen. Aber ich konnte mich gerade noch rechtzeitig beherrschen und ließ meine Finger über meinem Bauch verschränkt, anstatt nach ihr zu greifen, als ich herausfordernd fragte: „Wie sieht’s aus, Matthews? Bist du bei den Qualifikationen dabei, oder nicht?“

Perplex blieb sie vor mir stehen. „Ich …“

„Zieh’ sie nicht auf. Liza ist einfach nicht für Fußball gemacht“, unterbrach sie Tony. Mit seinen Händen auf ihren Schultern versuchte er sie vorwärts zu schieben. Weg von mir.

Oh, wie ich ihm dafür in den Arsch treten wollte.

Ich hatte keine Ahnung, was Liza wirklich umstimmte. Ob es nun der Wunsch war, mehr Zeit mit ihrem geliebten Tony zu verbringen, oder Cloeys zickiges Gekicher hinter ihrem Rücken. Jedenfalls drehte sich Liza in diesem Moment zu Tony um und sagte: „Weißt du was? Ich denke, ich wage einen Versuch.“

Ich musste mit aller Gewalt gegen meine aufsteigende Freude und das dämliche Grinsen ankämpfen.

Tony starrte sie nur verblüfft an. „Du verarschst mich.“

Oh nein, hoffentlich nicht. So konnte sie nicht mit meinen Gefühlen spielen. Doch der Ausdruck in ihrem Gesicht rief: Was willst du darauf wetten? Nicht einmal Tony konnte übersehen, dass sie im Stande war, ihm den Kopf abzureißen, falls er jetzt auch nur noch ein einziges, dämliches Wort sagte.

„Cool. Damit stehst du auf der Liste.“ Nun konnte ich mein Lächeln nicht mehr zurückhalten. Auch vor allem deshalb nicht, weil ich gerade freie Sicht auf ihren fantastischen Körper hatte, und diese zum ersten Mal richtig ausnutzen konnte, ohne mich wie ein Spanner zu fühlen. Der schmale Streifen Haut, der zwischen dem Saum ihres T-Shirts und dem Bund ihrer Shorts hervorblitzte, war wie eine illegale Verführung. „Treffpunkt ist morgen um zehn auf dem Fußballfeld“, murmelte ich.

„Ich werde da sein.“

Darin lag das Siegel eines Versprechens. Und ich würde sie darauf festnageln.

Meine Aufmerksamkeit wanderte nach unten zu ihren langen, bildhübschen Beinen. Ich wollte nichts lieber, als mit den Fingerspitzen langsam an der Innenseite ihrer Schenkel entlang streichen – Herr im Himmel, töte mich auf der Stelle. Ich nahm jeden Quadratmillimeter ihrer entblößten Haut war, als ich meinen Blick weiter nach unten schweifen ließ, über ihre Schenkel, den blauen Fleck über ihrem rechten Knie, der die Form von Alaska hatte, bis zu ihren Füßen, die in hellblauen Flip-Flops steckten.

Mein Mund trocknete aus und ich wusste, es war an der Zeit, den Blick wieder nach oben zu richten, in ihr hübsches Gesicht. Wir sahen uns für ein paar Sekunden lang in die Augen, was mir ein komisches Gefühl und eine Gänsehaut im Nacken bescherte. So wie sie mich ansah, hatte sie bemerkt, dass ich sie gerade geistig vernascht hatte – und ich könnte schwören, es hatte ihr gefallen.

„Zieh dir ordentliche Schuhe an“, sagte ich und zwinkerte ihr dabei zu, etwas das ich bei ihr bisher noch niemals getan hatte.

Ihre Lippen öffneten sich ein wenig, gerade genug, um mir den Verstand zu rauben. Ich wollte sie an mich drücken und küssen, bis sie nicht mehr klar denken konnte. Aber ich bekam nie zu hören, was sie in diesem Moment zu mir sagen wollte, denn Mitchell schob sie vorwärts und aus dem Garten des Cafés.

Ich atmete tief durch und drehte mich wieder zum Rest der Gruppe. Alex starrte mich an und es nervte mich innerhalb einer Millisekunde.

„Was?“, formte ich lautlos mit den Lippen.

Alex grinste hämisch und schüttelte den Kopf. Die gleiche Reaktion bekam ich von Frederickson neben ihm. Ich zeigte ihnen den Stinkefinger, allerdings verdeckte ich die Geste damit, mir die Baseballkappe tiefer in die Stirn zu ziehen, sodass die anderen es nicht mitbekamen. Ein Grinsen schlich nun auch auf meine Lippen und ich konnte nichts dagegen tun.

 

 

Kapitel 3

 

DAS ABENDESSEN MIT Mom war ziemlich anstrengend. Sie fragte mir Löcher in den Bauch und ich konnte die Meeresfrüchte-Platte zwischen all dem Gerede nur schwer genießen. Wenn ich wieder einmal so lange weg sein sollte, würde ich es zu meiner obersten Priorität machen, meine Mutter öfter mal anzurufen.

Nach dem Essen erhielt ich eine Nachricht von Mitchell, der mich in zwanzig Minuten vor dem Haus treffen wollte. Ich hatte sowieso nichts vor an diesem Abend, da kam Tony gerade recht. Als ich ihm nur wenig später die Tür öffnete und ihn hereinbat, machte er aber nur ein langes Gesicht. „Was dagegen, wenn wir lieber ein paar Schritte laufen?“

Er wollte einen Spaziergang machen? Der Junge, der mindestens dreimal die Woche in meinem Zimmer abhing und Videospiele mit mir spielte, wobei er Tonnen von Käsekräckern inhalierte, die meine Mutter extra für ihn in Monsterpackungen einkaufte, genau dieser Junge schlug gerade meine Einladung aus und nickte in Richtung Spielplatz am Ende der Straße. Etwas war faul.

Ich nickte und schob die Hände in die Hosentaschen, als ich mit ihm losging. „Was ist los, Mitchell?“

Es dauerte einen Moment, bis er mit der Sprache herausrückte. „Ich bin total im Arsch.“

Ich zog eine Augenbraue hoch als Tony kurz zu mir rüber blickte, doch dann fixierte er wieder den Gehsteig und seufzte. „Ich brauche deine Hilfe mit Liza.“

Au Backe. Sprich mit jemand anderem über sie, aber nicht mit mir! Einem Freund Ratschläge zu geben, wie er bei dem Mädchen landen konnte, das ich wollte, stand wohl etwas weiter unten auf meiner Wunschliste. Und doch riss ich mich zusammen, biss mir auf die Unterlippe und fragte: „Wie kann ich dir helfen?“

„Ich möchte sie im Team haben.“

Ich blieb beinahe stehen vor Überraschung. Okay, in dieser Sache waren wir uns schon mal einig. „Sie sagte, sie nimmt an den Qualifikationen teil. Das ist doch schon mal ein Anfang.“

„Ja, sie wird dabei sein. Aber du hast noch nicht miterlebt, wie sie mit einem Fußball umgeht.“

Ah, daher wehte also der Wind. Tony hatte Angst, sie würde es nicht in die Mannschaft schaffen. Also darum musste er sich nun wirklich keine Sorgen machen. Ich hatte verdammt noch mal schon viel zu lange auf diese Chance gewartet, als dass ich mein Glück nun von ihrem – anscheinend nicht vorhandenen – Talent abhängig machen würde. Was auch immer morgen passieren würde, ich würde dafür sorgen, dass Liza am Ende des Tages ein vollwertiges Mitglied der Grover Beach Bay Sharks war.

Doch irgendetwas an der Sache machte mich stutzig. „Warum willst du sie denn unbedingt im Team haben?“

Wir kamen zum Spielplatz, an dem Rachel und ich jeden Tag gespielt hatten, als wir noch klein waren. Ich setzte mich auf die mittlerweile viel zu kleine Schaukel und Mitchell fand einen Platz auf der blechernen Rutsche. Er stützte seine Ellenbogen auf die Knie und sah mich mit geneigtem Kopf eindringlich an. „Du hattest Recht mit dem, was du heute Nachmittag gesagt hast. Ich treffe mich mit Chloe Summers.“

Verzeih mir, wenn ich grad mal eben aufstehe und einen dämlichen Siegestanz vollführe. Ich räusperte mich, versuchte meine Miene einigermaßen gleichgültig wirken zu lassen und sagte: „Das ist doch cool.“

„Das Problem ist, ich hab keine Ahnung, wie ich das Liz erklären soll. Heute Nachmittag war sie schon zickig, wegen ein paar Dingen, die ich getan habe … oder anscheinend nicht getan habe. Ich will ihr nicht wehtun. Aber ich weiß, für sie bricht eine Welt zusammen, wenn ich ihr erzähle, dass ich mich mit einer anderen treffe.“

„Jap, du wirst das Mädel zerbrechen. Soviel ist sicher.“ Aber mach dir keinen Kopf. Ich werde da sein und sie trösten. „Jetzt erklär mir aber mal, wie es dir helfen soll, wenn Liza in unserem Team spielt.“

„Liza hasst Chloe. Und das nach nur zwanzig Minuten mit ihr. Ich möchte, dass sich die beiden etwas besser kennen lernen. Vielleicht werden sie ja sogar Freundinnen.“ Tony lehnte sich auf der Rutschfläche zurück, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und betrachtete die Sterne. „Ich will Liza nicht verlieren, nur weil ich jetzt eine Freundin habe.“

Mir fiel in dem Moment nichts Besseres ein als: „Beschissene Situation.“ Und zwar nicht nur für ihn, sondern für alle. Merkte denn niemand, dass ich der Falsche war, um jemandem Beziehungstipps mit Liza zu geben? Es wäre so einfach gewesen, Mitchell etwas einzureden, das am Ende einen Keil zwischen die beiden trieb. Aber ich mochte ihn und wieder einmal stellte ich meine eigenen Wünsche hinten an und sagte ihm, was er von einem guten Freund hören musste.

„Bist du sicher, dass du das Richtige tust? Überleg mal. Liza Matthews steht total auf dich. So etwas würde sich jeder von uns wünschen. Sie ist nett, sieht gut aus, ist cool drauf und sie versteht Spaß. Zumindest ist das alles, was ich von dir seit Jahren über dieses Mädchen zu hören bekomme.“ Ich stieß mich mit den Beinen ab und schwang ein paar Mal vor und zurück. Dabei wünschte ich mir aus tiefster Seele, ich müsste nicht sagen, was ich gleich sagen würde. „Was zum Teufel hält dich davon ab, mit ihr zusammen zu sein?“

Tony richtete sich wieder auf und saß im Schneidersitz. „Ich weiß es nicht.“ Er klang total ernst. „Du weißt, wie gern ich sie hab. Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, das mit ihr zu tun, was ich mit Chloe tun möchte. Verstehst du?“

Ganz und gar nicht.

„Es ist ja nicht so, dass ich Liza nicht hübsch finde. Bestimmt nicht. Sie ist wahrscheinlich das hübscheste Mädchen in der Stadt.“

Komm auf den Punkt. Ich war total verwirrt. Für mich klang das alles so, als empfände er für sie genau das Gleiche wie ich.

„Vielleicht kenne ich sie einfach schon zu lange“, fuhr Tony fort. „Sie war immer meine beste Freundin und ich mache nichts lieber, als einfach nur mit ihr rumzuhängen. Aber mit Chloe …“

Verdammt. Da war dieses hingebungsvolle Seufzen, das schon viele Männer vor ihm in Schwierigkeiten gebracht hatte.

„Chloe ist ganz anders als Liz. Sie ist wild und sagt mir genau, was sie will. Es macht ihr auch nichts aus, dass sie ein paar Monate älter ist als ich und eine Klasse höher.“

Die Ketten der Schaukel rasselten, als ich aufstand und zum Eichenbaum ging, der in der Mitte des Spielplatzes stand. Ich lehnte mich dagegen und verschränkte die Arme. „Hast du schon mal daran gedacht, dass sie das Gleiche auch zu all den anderen Jungs gesagt hat, mit denen sie zusammen war? Und mit zusammen meine ich maximal zwei Wochen, wenn wir von einer langen Zeit ausgehen.“

„Sie sagte, dass es mit mir anders ist als bei all den anderen. Dass sie so etwas bisher noch bei keinem empfunden hatte.“

Ha! Darüber konnte ich nur lachen. Doch ich tat es nicht, denn es war mittlerweile stockdunkel und auf dem stillen Spielplatz hätte man noch meinen können, ich wäre ein wahnsinniger Serienkiller. Außerdem lachte ich Freunde prinzipiell nicht aus, egal welche Scheiße sie gerade ausheckten.

Tony drehte sich zu mir. „Ich denke, ich möchte es gerne offiziell machen. Ich meine, das mit Chloe und mir.“

Das konnte nicht sein Ernst sein. Ich schlug die Hände vors Gesicht und zog sie langsam nach unten. Plötzlich hatte ich das Bedürfnis meinen Freund unter eine kalte Dusche zu stellen, die ihm die Augen öffnete. „Hör zu, Mitchell. Ich will hier echt nicht den großen Bruder raushängen lassen …“ Besonders deshalb nicht, weil es mir immer fürchterlich auf die Nerven ging, wenn Rachel diesen Scheiß bei mir abzog. „Aber du solltest diese Entscheidung echt noch einmal überdenken. Gründlich. Du und Chloe … das hat keine Zukunft. Sie ist einfach nicht der Typ für feste Bindungen. Sie ist …“

„Wie du?“

„Ja, vielen Dank auch“, murmelte ich. „Aber das ist vielleicht sogar die Wahrheit. Dieses Mädchen hat eine lebhafte Vergangenheit. Eine Akte, wenn du so willst. Und darin kommst du auf Seite fünfzig oder vielleicht noch weiter hinten vor. Jetzt ist sie vielleicht noch an dir interessiert, aber ich verspreche dir, sie lässt dich fallen, noch bevor du deine Hose wieder hochgezogen hast.“

„Das wird nicht passieren. Sie mag mich wirklich.“

Verdammt noch mal, warum hörte er mir nicht zu? Das wurde echt frustrierend. Ich richtete mich auf und mein Ton wurde kühler. „Wie bald hast du vor, mit ihr in die Kiste zu steigen?“

Tony presste seine Lippen aufeinander und zuckte mit einer Schulter.

„Na schön. Dann unterhalten wir uns danach noch einmal. Aber sei dir darüber im Klaren, dass Liza nicht mehr da sein und auf dich warten wird, sobald du mit einer anderen herumgemacht hast.“

„Dass Liza und ich jemals ein Paar werden, ist ausgeschlossen. Sie soll ja gar nicht auf mich warten. Ich will sie nur nicht als guten Kumpel verlieren.“

„So wie die Dinge stehen, wird aber genau das passieren.“

„Ich brauche nur etwas mehr Zeit, um ihr die Sache zu erklären. Deshalb bitte ich dich und die Jungs auch, die Klappe zu halten, was mich und Chloe angeht. Nur so lange, bis ich Gelegenheit hatte, mit Liz ins Reine zu kommen.“

Mir kam dabei ein Grinsen aus. „Sag hinterher ja nicht, ich hätte dich nicht gewarnt, mein Freund.“

Und ganz plötzlich wurde mir klar, dass ich mir selbst gerade mit jedem weiteren Wort die winzige Chance mit Liza zerstörte. Ich hatte nicht vor, noch einmal in den Schatten zu treten, wenn Tony so offensichtlich den falschen Kurs mit Chloe einschlagen wollte. Da gab es nur noch eine Sache zu klären.

„Du willst Chloe Summers? Hol sie dir. Ich werde meinen Mund halten. Du willst Matthews im Team. Ist gebongt. Aber nur unter einer Bedingung.“

„Und die wäre?“

Die Baumrinde scheuerte gegen meinen Rücken, als ich mich fester gegen den Stamm lehnte. „Als Mitglied unseres Teams wird sie auch als solches behandelt und ist offiziell nicht länger dein heiliges Eigentum.“ Ich wartete kurz, bis dieser erste Teil an Information auch wirklich bei ihm angekommen war. „Wenn sie Fußball spielt, kommt sie auch zu meinen Partys. Du wirst sie nicht davon abhalten. Und was auch immer dort passiert, das heißt, wenn einige der Jungs Liza anbaggern, dann wirst du dich gefälligst zusammenreißen.“

Ein paar Sekunden verstrichen, doch Tony blieb still.

„Ich will keine Rivalitätskämpfe in meinem Team“, fügte ich hinzu. „Haben wir uns verstanden?“

Ohne ein Wort zu sagen, stand Tony auf und ging langsam zum schmalen Eingang des Spielplatzes. Er drehte sich nicht zu mir um, als er vor der niedrigen Gittertür stehen blieb. „Verstanden.“

 

 

Die halbe Nacht lag ich wach und dachte darüber nach, ob ich nicht vielleicht doch hätte versuchen sollen, meinen Freund zur Vernunft zu bringen. Er würde auf dem Arsch landen, das war klar, doch der Schwachkopf wollte es einfach nicht wahr haben. Wenn es bei der ganzen Sache nur um Chloe und Tony gegangen wäre, hätte ich keinen weiteren Gedanken an die beiden verschwendet, sondern Tony seine eigenen Erfahrungen machen lassen, die ihn hinterher zu einem klügeren Mann machen würden.

Aber ich wusste genau, wie die Sache ausgehen würde. Am Ende wäre es Liza, die verletzt würde. Dafür, dass Tony die Chance mit Liza, die ich immer haben wollte und die er schon sein ganzes Leben lang bekam, einfach so zum Fenster hinaus warf, hätte ich ihm am liebsten in den Hintern getreten.

Aber wer war ich schon, dass ich die Welt verändern wollte? Und nach so vielen Jahren, in denen ich meine Gefühle für Liza immer verborgen gehalten hatte, war es nun endlich an der Zeit, einmal nur an mich zu denken. Na ja, an mich und sie. Morgen Nacht würde sie in meinem Haus mit uns feiern, als Mitglied unserer Mannschaft. Aftermatch-Partys gehörten einfach dazu, und ich würde verdammt noch mal eine Riesen-Fete schmeißen, um die neuen Mitglieder im Team willkommen zu heißen.

Ich schrieb eine kurze SMS mit einer Einladung für morgen und sendete diese an eine Gruppe von gut sechzig Leuten. Die würden schon dafür sorgen, dass auch alle anderen von der Party erfuhren. Meine Mom war auch unter den sechzig gespeichert, nur für den Fall, dass ich morgen vergessen würde, es ihr zu sagen. Um einen gefüllten Kühlschrank musste ich mich normalerweise nicht sorgen. Genügend Getränke und jede Menge Snacks waren immer im Haus, und einige der Gäste würden sowieso wieder Bier und Bowle mitbringen. Die Fete stellte sich praktisch von selbst auf die Beine.

Aber das Beste an der Sache war, dass morgen endlich mein Traummädel auf meiner Party erscheinen würde. Irgendwann nach Mitternacht schlief ich mit einem Lächeln auf den Lippen ein.

Am nächsten Morgen durchlief ich meine übliche Routine. Duschen, rasieren, anziehen – alles mit lauter Musik, die aus den Boxen an meiner Zimmerdecke dröhnte. Im Moment schmetterten P!nk und Nate Ruess gerade ein Duett. Just give me a reason. Ich mochte den Song, denn er war gleichzeitig Lizas Klingelton und erinnerte mich an sie.

Ich zog meine weißen Shorts an, setzte mich auf die Bettkante und band meine Schnürsenkel. Meine Fußballschuhe stopfte ich in den Rucksack für später auf dem Feld. Aus dem Kleiderschrank fischte ich ein frisches Trikot und schlüpfte hinein. Normalerweise trug ich immer meine Indians-Baseballmütze und wollte gerade nach ihr greifen, als ich mich nach einem kurzen Blick in den großen Spiegel an der Tür doch dagegen entschied. Mein Haar war vom Duschen immer noch nass und stand in alle Richtungen. Ich wusste, dass dieser Out-of-Bed-Look bei den Mädchen ziemlich gut ankam. Vielleicht sollte ich ihn heute mal bei Liza testen.

Ich lief zurück ins Badezimmer und presste ein klein wenig Haar-Gel in meine Handfläche – gerademal genug um die Frisur zu fixieren und das Ganze nicht klebrig aussehen zu lassen.

Mit den Autoschlüsseln in der Hand lief ich die Treppe hinunter. Aus dem Esszimmer drangen Stimmen. „Mom!“ rief ich auf dem Weg zur Tür über meine Schulter, denn ich war spät dran und wollte nicht noch mehr Zeit verlieren. „Hast du meine Nachricht erhalten?“

„Ja, Schatz!“, kam ihre Antwort aus dem Esszimmer. „Dein Vater und ich sind heute Abend zu Mary Fishers Geburtstagsfeier eingeladen. Wir werden also nicht zuhause sein!“

„Ja!“, flüsterte ich, hob die Arme und ballte meine Hände zu Siegerfäusten. Partys waren um so Vieles besser, wenn ich das Haus für mich alleine hatte. „Ich muss jetzt los zum Training. Bis später, Mom!“

In unserer riesigen Doppelgarage wirkte mein Audi A3 wie ein Zwerg neben dem Chrysler meines Vaters. Ich konnte es kaum erwarten, endlich wieder hinter dem Steuer dieses silbergrauen Flitzers zu sitzen. Das Auto war ein Geschenk meiner Eltern zu meinem achtzehnten Geburtstag kurz vor Beginn des Trainingslagers gewesen. Mit meinen eigenen Ersparnissen ließ ich den brandneuen Wagen dann noch etwas tunen, verpasste ihm zwanzigzoll Reifen auf Aluminium-Tiefbettfelgen und ließ ihn so tief legen, dass er den Staub vom Asphalt lecken konnte. 240 PS sorgten dafür, dass dieses Baby von null auf 100 in nur vier Sekunden beschleunigte.

Ich stieg in den Wagen, lehnte mich zurück und atmete den Duft von neuem Leder ein, während ich sanft über das Lenkrad strich. „Hast du mich vermisst, Kätzchen?“

Die Antwort darauf erhielt ich, als ich den Startknopf drückte und einmal kurz aufs Gaspedal tippte. Der kleine Flitzer heulte in einem Ton, der seine großen Brüder vor Neid erblassen ließe. Ich liebte dieses Geräusch.

Ich drückte den kleinen Knopf auf der Fernbedienung an meinem Schlüsselbund und das automatische Garagentor begann langsam nach oben zu rollen. Das hereinströmende Sonnenlicht blendete mich, also griff ich nach meiner Sonnenbrille in der Mittelkonsole, öffnete sie mit einem Schütteln und setzte sie auf.

Mit der Musik auf gehörschädigender Lautstärke ließ ich den Audi aus der Garage rollen und dann die Einfahrt runter zur Straße. Schließlich hetzte ich das Baby zur Schule, die gleich neben dem Fußballplatz war, nur etwa zwei Meilen von mir zuhause entfernt. Der Parkplatz war ungewöhnlich voll für einen Samstagmorgen, was nur bedeuten konnte, dass mehr Schüler als erwartet zu den Qualifikationen gekommen waren.

Ich schnappte meinen Rucksack vom Boden der Beifahrerseite, stieg aus und schwang ihn mir über die Schultern. Dann sperrte ich den Wagen ab und machte mich auf den Weg hinüber zum Trainingsplatz.

Torres, Frederickson, Sebastian Randall und Alex waren bereits voll im Einsatz. Ich hatte sie gebeten, mir heute bei der Auswahl der Mädels zu helfen, ein wenig mit ihnen Ball zu spielen und ihr Können zu bewerten. Frederickson war unser Torwart. Er musste also nur das tun, was er immer tat. Der Rest der Menge auf dem Rasen war ausschließlich weiblich.

Da Tony noch nicht hier war, machte ich mir erst gar nicht die Mühe, nach Liza Ausschau zu halten, denn so, wie ich sie kannte, würde sie keinesfalls alleine hier aufkreuzen. Ich ging zielstrebig hinüber zur Trainerbank, wo bereits eine Million Handtaschen und Rücksäcke herumlagen … und ein Mädchen saß. Während alle anderen bereits Aufwärm- und ein paar Dehnübungen machten, oder sich auf dem Spielfeld unterhielten, las sie ein Buch.

Sie ging in keinen meiner Kurse, ausgegangen war ich auch noch nie mit ihr, aber ich war mir absolut sicher, dass sie mir gestern bei Charlie ihren Namen verraten hatte. Verdammt, wie war er noch gleich?

Ich ließ meinen Rucksack neben ihr fallen und sagte: „Hi.“

Sie hob den Kopf und nahm dabei ihre Metallrahmenbrille ab. „Hey.“

„Spannende Geschichte?“

„Und wie!“ Dann wurde sie plötzlich rot wie ein Stopp-Schild und verzog das Gesicht. Vermutlich, weil sie gerade meine kleine Anspielung verstanden hatte. Es war schon seltsam, zum Fußballtraining zu kommen, um dann lieber zu lesen. „Ich hab nur noch ein halbes Kapitel und ich konnte es einfach nicht weglegen.“

Süß, die Kleine. Sie brachte mich zum Lachen. „Lies dein Buch fertig. Ich brauch ohnehin noch ein paar Minuten um alles vorzubereiten.“

Sie wirkte total erleichtert, setzte ihre Brille auf und steckte die Nase wieder in ihr Buch. Ich schüttelte den Kopf, musste aber schmunzeln. Ich fischte die Namenliste aus meinem Rucksack und ging mit dem Finger auf dem Papier die Liste von oben bis unten durch, auf der Suche nach dem Namen, welchen ich unter den von Elisabeth MacKenzie geschrieben hatte. Ich war mir nämlich ziemlich sicher, dass Elisabeth gestern im Café neben diesem Mädchen gesessen hatte. Jap, da stand er. Miller. So war ihr Name.

Ich setzte mich neben sie und wechselte meine Schuhe. Ein dumpfer Knall neben meinem Ohr verriet mir, dass sie ihr Buch nun fertig gelesen hatte.

„Wie willst du das Ganze heute handhaben?“, fragte sie mich.

Ich machte einen Doppelknoten in die Schnürsenkel und blickte dann hoch zu ihr. „Was meinst du?“

„Na ja, da sind ungefähr fünfzig Mädchen, die in dein Team wollen. Wie hast du vor, zwischen uns allen zu entscheiden?“

Ich band mir den zweiten Schuh. „Keine Ahnung. Ich werde euch wohl erst mal ein paar Tore schießen lassen und all so was. Dann seh ich euch noch ein bisschen beim Spielen zu.“

„Wird nicht leicht sein, bei so vielen Mädchen“, erwiderte sie und verstaute ihr Buch in einem der Tausend Rucksäcke. „Hast du einen Plan?“

Nein, hatte ich nicht. Denn eigentlich dachte ich, dass ich zwischen fünfzehn auswählen musste, vielleicht zwischen zwanzig. Ganz sicher hatte ich nicht damit gerechnet, die halbe Highschool hier vorzufinden. Ich runzelte die Stirn und kaute auf meiner Unterlippe.

„Das heißt dann wohl nein, richtig?“

„Nein. Richtig.“

Über meine Antwort lachte sie und schlug vor: „Vielleicht solltest du für gewisse Aufgaben Punkte vergeben. Und am Ende wählst du die, mit der höchsten Punktezahl.“

„Das ist eine hervorragende Idee.“ Ich stand auf und schenkte ihr eines der Lächeln, die ich normalerweise für Willst-du-mit-mir-ausgehen-Momente aufhob. Aber das war okay, denn diese Momente waren sowieso rar geworden.

Leider war das einzige Blatt Papier, das ich mitgenommen hatte, die Namensliste und die war bereits vollgeschrieben. Darauf war kein bisschen Platz mehr frei, um auch nur irgendwelche Notizen zu machen. „Du hast wohl nicht rein zufällig …“

„Einen Notizblock?“, beendete sie den Satz für mich und ahmte dabei meinen Tonfall nach, den ich zuvor bei ihr angewendet hatte, als ich sie wegen des Buches aufgezogen hatte. Aber ihr Grinsen verriet, dass sie auch einen Block mithatte. Sie reichte ihn mir gemeinsam mit einem rosa Kugelschreiber.

„Perfekt.“ Ich legte den Notizblock auf dem kleinen Tisch vor der Tribüne ab und zog eine zweite Bank näher heran, sodass ich mich beim Schreiben hinsetzen konnte. Das Mädel kam rüber und half mir mit der Bank.

Ich bedankte mich bei ihr und sie nickte, dann spazierte sie raus auf den Platz. Es geschah nicht sehr oft, dass jemand so schnell in meine ‚Cool-Zone‘ gelangte, aber die Kleine war süß. Klug und hilfsbereit.

„Hey, Susan!“, rief ich ihr nach.

Als sie stehen blieb und sich umdrehte, war da dieser überraschte Blick in ihrem Gesicht. „Ja … Ryan?“

Ah, es war also die Sache mit dem Namen, besser gesagt dem Vornamen. Ich musste schmunzeln. Ihren würde ich mit Sicherheit nicht mehr vergessen. „Hättest du Lust, mir bei den Aufzeichnungen zu helfen? Ich denke nur, es macht wahrscheinlich mehr Sinn, wenn ich bei den anderen auf dem Feld bin, als hier zu sitzen und Notizen zu machen.“

Susan stapfte zu mir zurück, machte ein ärgerliches Gesicht und verschränkte die Arme vor ihrer flachen Brust. „Du willst, dass ich Sekretärin für dich spiele?“

„Ah-pff …“ Ich hatte sicher nicht vor, sie zu beleidigen. Und um ganz ehrlich zu sein, hatte ich keine Ahnung, was ich darauf antworten sollte.

Glücklicherweise verzog sie ihr süßes Gesicht im nächsten Moment zu einem Lächeln und gab mir einen Mädchenklaps auf die Schulter. „War nur ein Scherz, Hunter. Natürlich werde ich dir helfen.“

Ich lachte und rollte dabei mit den Augen. Jap, ich mochte sie definitiv. Wir besprachen, dass sie einen Raster auf das Blatt Papier zeichnen und am Ende einfach die erreichte Punktezahl je Übung pro Mädchen addieren würde.

Ihr Notizblock entpuppte sich außerdem als kleine Wundertüte, denn als Nächstes riss sie zwei Seiten von ganz hinten heraus, auf denen quadratische Sticker klebten, und reichte sie mir. „Du schreibst jetzt eine Nummer auf jeden dieser Sticker und sagst den Mädels, dass sie sich das auf den Hintern oder sonst wohin kleben sollen. Es ist für mich leichter mit Nummern zu arbeiten.“

Sie drückte mir einen Bleistift in die Hand und scheuchte mich wie eine echte Sekretärin davon.

Die Mädels auf dem Platz stellten sich in Reih und Glied auf und eine nach der anderen holte sich einen Sticker bei mir ab, wobei ich die Namen zu den Nummern zu Susan hinüber rief. Chloe war eine der Ersten und ihre Freundin Brinna kam natürlich gleich hinter ihr an die Reihe. Innerhalb von drei Minuten hatte ich bereits über dreißig Sticker verteilt, doch die Schlange vor mir hatte sich höchstens halbiert. Es war unglaublich, wie viele Mädchen an unserer Schule tatsächlich Fußball spielen wollten, und plötzlich fragte ich mich, ob das vielleicht in irgendeiner Weise etwas mit uns Jungs zu tun hatte. Womöglich war es gar nicht der Sport, der sie anzog …

„Fünfundvierzig, Higgins! Sechsundvierzig, Stevenson! Siebenundvierzig …“ Ich hob den Kopf, um zu sehen, wer als Nächstes kam, und blickte in das Gesicht des Mädchens, das bereits neunundneunzig Prozent meiner Gedanken dominierte. „Matthews.“

***

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