Märchensommer

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Märchensommer

 

Kapitel 1

 

ICH STAND VOR einem moralischen Dilemma.

Sollte ich ihn mir krallen … oder lieber nicht?

Das Material des violetten Sweaters, den ich gerade in der Hand hielt, war verführerisch weich. Er roch wunderbar frisch und war nicht mit Löchern übersät. So etwas Schönes hatte ich zuletzt getragen … whoa, da musste ich etwa fünf Jahre alt gewesen sein. Der Reißverschluss ließ sich spielend auf- und wieder zuziehen. Ich rieb den Stoff an meiner Wange. Gar nicht kratzig—im Gegensatz zu dem scheußlich-grauen Secondhandpulli, den ich schon seit zwei Wochen anhatte.

Es gab nur ein klitzekleines Problem mit dem Sweater. Das Preisschild.

Ich ließ meinen Blick über die vielen Leute am Camden Market schweifen. An diesem Freitagnachmittag platzte der Markt aus allen Nähten. Jeder war damit beschäftig, Kleider anzuprobieren, Schmuck zu begutachten oder Spielsachen für ihre Kleinen auszusuchen. Die Besitzerin dieses Standes unterhielt sich gerade mit einer alten Dame und hatte mir den Rücken zugedreht. Wenn ich den Sweater in meiner Tasche verschwinden lassen wollte, war dies der perfekte Zeitpunkt.

Jetzt oder nie.

„Worauf wartest du, Montiniere?“, murmelte mir Debbie ins Ohr. „Wenn du die Jacke willst, dann nimm sie endlich. Aber mach schnell, denn ich hab die Kasse der Lady gerade um fünfzig Pfund erleichtert.“ Sie wackelte mit ihren blonden Augenbrauen.

Debbie Westwood war nicht meine Freundin. Zumindest nicht im herkömmlichen Sinn, wo man wilde Pyjamapartys schmeißt und sich gegenseitig die verrücktesten Geheimnisse anvertraut. Ich hing nur manchmal mit ihr ab. Debbies Auffassung von der Welt, die sie, wie sie oft meinte, mit Leidenschaft am Arsch lecken konnte, machte Eindruck auf mich. Seit dem Moment, als sie vor ein paar Monaten am Earls Court in mich hinein gekracht war, hatte ich sie zu meinem Idol ernannt. Sie war damals auf der Flucht vor einem Kaufhaus-Cop gewesen, der sie dabei erwischt hatte, wie sie ein Paar Krokodillederstiefel mitgehen ließ. Du meine Güte, ich hätte wissen müssen, dass es mir nur Ärger einbringen würde, wenn ich mich mit einer Kriminellen anfreundete.

Anders als ich, lebte Debbie nicht in Londons einzigem öffentlichen Jugendheim, sondern auf der Straße. Was mich anging, so gestattete uns Miss Mulligan, die Heimleiterin, Freigänge nur dienstags und freitags. Und da hatte ich sogar noch Glück, denn Heimkinder unter siebzehn Jahren durften nicht einmal dann alleine raus.

Ein Hoch auf meinen siebzehnten Geburtstag! Ich war total ekstatisch gewesen, als ich endlich nicht mehr an Gruppenexkursionen teilnehmen musste. London machte viel mehr Spaß allein. Keine Lehrer, keine Regeln, kein Garnichts.

Nur ich. Und dieser hübsche lila Sweater.

Ich krallte meine Finger tiefer in den Stoff. Mein Herz tanzte einen Tango, als ich kurz davor war, mir zu nehmen, was ich wollte. Natürlich war es falsch. Doch das änderte nichts. Ich wollte auch endlich wieder einmal etwas Neues tragen, anstatt immer nur diese alten Lumpen.

Das Geräusch, als jemand den Reißverschluss meines Rucksacks öffnete, löste eine Gänsehaut in meinem Nacken aus. „Was machst du denn da?“, fauchte ich und drehte mich zu Debbie um.

Sie grinste mir ruchlos ins Gesicht. „Was denkst du wohl? Ich helfe dir.“ Mit ihrem Körper schirmte sie mich von der Verkäuferin ab und stopfte kurzerhand den Sweater in meinen Rucksack. „Sieh dich an. Mit deinen ekelhaften Fetzen scheuchst du ja sogar die Hunde davon. Du hast Glück, dass ich mich überhaupt mit dir abgebe.“

Ich blickte nach unten zu meinen zerschlissenen Jeans und den abgetretenen Doc Martens. Feuer schoss mir vor Scham in die Wangen. Debbie hatte nicht einmal ein Dach über dem Kopf, und doch war sie immer gekleidet wie die Queen der Oxford Street. Wenn ihre Klamotten schmutzig waren, warf sie diese einfach weg und besorgte sich in einem eleganten Raubzug neue Sachen. So einfach war das.

Als ich Debbie kennengelernt hatte, dauerte es nicht lange, bis sie mich davon überzeugt hatte, dass es in dieser Stadt mehr als genug für alle gab. Sie lebte nach einer einfachen Philosophie: Der übertrieben hohe Preis, den manche Leute für Lederjacken oder hochhackige Schuhe bezahlten, machte unsere kleinen Ladendiebstähle allemal wieder wett.

Und ich wollte diesen Sweater!

Ich behielt die Verkäuferin in gestreiften Leggins und dem verrückten Strohhut im Auge und wartete einen kurzen Moment ab, bevor ich den Rest des Sweaters in meinen Rucksack schob. Irgendwie hatte sie wohl mein Herz pochen gehört, denn genau in diesem Moment drehte sich das Luder um.

Eine unerträglich lange Sekunde starrte sie mich missbilligend an, dann senkte sich ihr Blick und blieb an meinem Rucksack hängen. „Was zum Teufel—!“

Ich blickte ebenfalls nach unten. Ach du Scheiße! Ein Ärmel hing noch raus.

Die Lady zog eine Trillerpfeife, die sie an einer Kette um ihren Hals trug, unter dem Shirt hervor und gleich darauf plusterten sich ihre Wangen auf wie zwei überreife Tomaten an einer Rispe, als sie das ganze Viertel in Alarmbereitschaft versetzte.

„Los! Los! Los!“ Ich stieß Debbie hart in den Rücken, als ich vom Kleiderstand flüchtete.

„Diebe! Haltet sie!“, schallte ihre schrille Stimme hinter uns und ein weiterer ohrenbetäubender Pfiff folgte. Die Leute drehten sich in unsere Richtung. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie zwei uniformierte Männer von einem kleinen Wachstand ins Freie traten und die Menge nach uns absuchten. Mein Körper schüttete eine Überdosis Adrenalin aus. Augenblicklich verkrampften sich all meine Muskeln und ich fühlte mich wie ein überspanntes Gummiband.

Debbie zog an meinem Rucksack, woraufhin ich beinahe stolperte. „Hier entlang!“, rief sie und zerrte mich hinter einen Stand mit vergilbten Büchern und altem Silberbesteck. Vor uns lagen weitere Stände. Die Leute warfen uns grimmige Blicke zu, als wir uns einen Weg durch die Menge bahnten.

„Jona!“ Debbie rang nach Atem. „Wir müssen uns aufteilen. Sie werden uns nicht beide verfolgen. Du hältst dich links und ich laufe weiter geradeaus.“

Ich blickte kurz zur Seite. Eine verdammte Sackgasse. „Du willst, dass ich Köder für die Cops spiele? Spinnst du?! Sie werden mich schnappen.“

„Du bist noch nicht achtzehn. Sie können dir nichts tun.“ Sie packte mich grob am Oberarm und schob mich weiter, während sie nach den Polizisten Ausschau hielt. „Außerdem wird dir die Heimleiterin eh wieder den Arsch retten. Macht sie doch jedes Mal!“

„Sie hat gedroht, mich im Gefängnis verrotten zu lassen, falls ich je wieder etwas stehle!“

„Sei nicht so ein Weichei!“ Debbie rammte mich mit der Schulter und drückte mich dabei zur Seite—in die Gasse ohne Ausweg.

Mir stockte der Atem. Als ich mich zu ihr umdrehte, blieb mir der Mund offen stehen. Ihr verschlagenes Grinsen war das Letzte, was ich von ihr sah, bevor sie in die Menge tauchte.

„Die Gören sind in diese Richtung gelaufen!“, tönte plötzlich eine raue Stimme hinter mir und holte mich aus meiner Fassungslosigkeit zurück.

Ich blickte über meine Schulter. Verdammt! Sie waren mir dicht auf den Fersen. Ihre blauen Polizeikappen hoben sich von der Menge ab und bewegten sich unaufhaltsam auf mich zu. Ich saß in der Falle.

Oh nein, ganz sicher nicht heute.

Debbie war geradeaus weitergelaufen, also schlug ich mich nach rechts durch. Hier musste es doch irgendwo einen Ausweg geben. Das Trommeln meines Herzschlags in meinen Ohren übertönte das Gemurmel der vielen Leute. Mein Blick schweifte über die Menge. Alle bewegten sich so unkontrolliert und ziellos. Wie sollte man da den Überblick bewahren?

Ich hielt kurz an, rang nach Atem und drehte mich dabei im Kreis. Verdammt, welcher Weg führte aus dem Markt? Die Menschenmenge war dicht an allen Enden, doch die blauen Polizeikappen bahnten sich einen steten Weg in meine Richtung. Und das auch noch unglaublich schnell. Wie war das nur möglich in einem Gewimmel, das so dick war wie Miss Weatherbys Vanillepudding?

Schweiß perlte von meiner Stirn. Miss Mulligan würde mich eigenhändig erwürgen, wenn ich schon wieder Ärger mit der Polizei bekam. Ein plumper, übergewichtiger Mann mit grüner Mütze rempelte mich an. Ich verlor das Gleichgewicht und stieß beinahe einen kleinen Jungen um, dessen Gesicht nur aus großen, erschrockenen Augen und einem Schnuller bestand. Gerade fing ich mich noch, doch ich konnte nicht verhindern, stattdessen mit einer wirklich alten Dame zu kollidieren. Sie hatte einen krummen Rücken und ein Tuch um den Kopf, worunter ihr graues Haar hervor blitzte. Ihr schrilles Gekreische tat mir nicht nur in den Ohren weh, sondern verriet mich auch noch an die Bullen. Na großartig.

„Entschuldigen Sie bitte“, murmelte ich.

Die Brille mit Stahlrahmen saß nun schief auf ihrer Nase und sie hatte eine ihrer beiden Krücken fallen lassen. Ich bückte mich, um sie für sie aufzuheben. „Sind sie verletzt? Es war keine Absicht.“ Mit geducktem Kopf rückte ich ihre Brille zurecht. Dabei zitterten meine Hände und ich drängte bereits zur Flucht.

„Geh weg von mir, du ekelhaftes Balg!“ Die alte Frau ließ ihre Krücke erneut fallen und schlug meine Hände zur Seite. „Hat denn heutzutage keine von euch Rotzgören mehr Augen im Kopf?“

Das brachte mich in die Gänge. Ich ließ mich auf Hände und Knie fallen und gab mein Bestes, um den entgegenkommenden Menschenmassen auszuweichen. Ein schwerer Fuß trat mir auf die Finger. Ich biss mir auf die Zunge, um nicht laut aufzuschreien. Vielleicht war auf allen vieren zu kriechen doch keine so gute Idee. Ich rappelte mich wieder auf die Beine.

„Aus dem Weg!“ Dieselbe raue Stimme von vorhin teilte plötzlich die Menge vor mir wie das Rote Meer. Als Nächstes blickte mir ein sehr wütender Cop ins Gesicht. „Riley, ich hab sie!“

Er sprang auf mich zu und griff nach meinem Arm. Ich wirbelte wild herum und wollte gerade losrennen, da knallte ich gegen die stählerne Brust seines Partners. Dieser war kleiner und stämmig, doch sein Griff an meinen Schultern war erbarmungslos.

Eiskalte Panik überfiel mich. „Lass mich los!“ Ich trat ihm gegen das Schienbein.

Der Mann sprang auf einem Bein und winselte wie ein geschlagener Hund. Ich wollte gerade wieder loslaufen, doch plötzlich kreisten uns die Leute ein, als würden wir hier eine verdammte Show für sie veranstalten. Nur dass ihre Blicke nicht erheitert, sondern verurteilend waren. Sie hatten mich umzingelt. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Es gab kein Entkommen.

Oh Mann, ich steckte tief in der Patsche.

Der größere der beiden Cops riss mir meinen zerlumpten Rucksack von den Schultern, bevor er mich zu Boden warf. Er drückte mir sein Knie ins Rückgrat.

Fantastisch. Genau in der Position wollte ich jetzt sein. Ich hatte das Gefühl, er würde mir meine Schultern auskugeln, als er mir die Hände hinter den Rücken wand. Dann schloss sich das kalte Metall der Handschellen um meine Handgelenke.

Oh bitte, nicht schon wieder!

Aber hysterisch zu werden brachte mich jetzt auch nicht weiter. Ich erinnerte mich an Debbies Regel Nummer eins, wenn wir beim Stehlen erwischt wurden: Alles abstreiten!

Ich schluckte meine Panik hinunter und fasste all meinen Mut zusammen. „Lasst mich gefälligst los!“ Der raue Beton der Straße scheuerte schmerzhaft gegen meine Wange. „Ich hab’ nichts getan!“

Mein langes Haar verfing sich in den Fingern des Cops, der mich unsanft vom Boden hochzog. Ich stöhnte. Das würde böse für mich enden. Verdammt, ich brauchte einen Plan B. Und zwar schnell.

„Natürlich hast du nichts getan.“ Der Officer namens Riley lachte harsch, während er in meinem Rucksack rumwühlte wie ein Maulwurf. „Lass mich raten, du bist Kleptomanin und hast ein medizinisches Gutachten für offiziell erlaubtes Stehlen in ganz London?“

Wie bitte? Machte er sich gerade über mich lustig?

Debbie hatte mir auch beigebracht, in Situationen wie diesen bloß keine Angst zu zeigen. Und sie war eine ausgezeichnete Lehrerin gewesen. Ich hob mein Kinn. Diese beiden Vollidioten würden mich nicht einschüchtern. „Nimm mir die Scheiß-Handschellen ab, und ich verschaffe dir ein verdammtes Gutachten für deine Eier, nachdem ich sie dir bis in den Magen gekickt hab’!“

„Pass auf, was du sagst, Missy. Du bist nicht gerade in der richtigen Position, um einem Polizeibeamten zu drohen.“ Riley blickte mich scharf an. „Ist das dein Rucksack?“

„Nö. Den hab ich noch nie gesehen.“

„Ach, das ist ja spaßig. Denn hier ist ein Ausweis aus dem Westminster Waisenhaus und darauf klebt rein zufällig dein Foto.“ Er hielt mir den Ausweis vors Gesicht. Noch ein kleines Stückchen näher und er hätte mir die Plastikkarte direkt ins linke Nasenloch schieben können.

Ich versuchte eine gleichgültige Miene zu machen und zuckte mit einer Schulter. „Na und? Ich habe letzte Woche meine Geldbörse verloren. Sieht so aus, als hätte sie jemand gefunden.“

„Ja, natürlich“, meinte der Officer mit übertriebener Glaubwürdigkeit und rollenden Augen. „Und diese Person hat dir dann den Rucksack aufgedrängt, oder wie? Ach ja, und die Frau von dem Stand da hinten hat dir dann auch wohl den“ —er zog den lila Sweater aus dem Rucksack und hielt ihn mir unter die Nase— „in die Tasche gesteckt, als du ganz unschuldig an ihrem Stand vorbeigeschlendert bist, richtig?“

Ich blickte ihm unerschüttert ins Gesicht und zog eine Augenbraue hoch. „Sowas kommt vor.“

Der lange Cop hinter mir packte mich schroff an der Schulter. „So, das reicht. Du kommst jetzt mit uns.“

Ich lächelte über meine Schulter, als er mich vorwärts stieß. „Wie könnte ich bei dieser netten Aufforderung widerstehen, Officer?“

Obwohl in seinem kantigen Kiefer ein rebellischer Muskel zuckte, verkniff er sich eine Antwort. Seine Finger gruben sich jedoch fester in meine Schulter, während er mich abführte. Gebeutelt schritt ich neben den beiden her und richtete meine Augen dabei starr auf den Boden, um den erniedrigenden Blicken der Menschen um uns herum auszuweichen. Ihre Verachtung verletzte mich viel mehr als die stählernen Handschellen, die sich gerade in meine Handgelenke bissen.

Nach nur wenigen Metern erreichten wir den Polizeiwagen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite schielte Debbie, diese Schlampe, hinter einer schäbigen Hausmauer hervor. Ich konnte ein höhnisches Funkeln in ihren Augen erkennen. Schon klar—besser ich als sie. Brennend vor Wut blieb ich stehen und entriss mich kurzerhand aus den Klauen des Cops, der zu überrascht war, um mich festzuhalten. Ich stapfte ein paar Schritte vorwärts und rief: „Bist du jetzt zufrieden, du blöde Kuh?!“

Aber Debbie war bereits verschwunden, ehe Riley mich am Arm packte und zurück zum Wagen zerrte. „Jetzt ist sie total übergeschnappt“, sagte er zu seinem Partner.

Ich knirschte mit den Zähnen, bis mir der Kiefer weh tat, und blickte die beiden Polizisten dabei finster an. Ohne mir die Handschellen abzunehmen, stieß mich Riley auf die Rückbank des Wagens und schlug die Tür hinter mir zu. Langsam wurde mir der wahre Ernst meiner Lage bewusst. Ich begann am ganzen Körper zu zittern. Wieder einmal hatte ich es total vermasselt. Oh Mann …

Die beiden Polizisten stiegen vorne ein. Ich verbiss mir jede Schwäche und spürte, wie sich meine Gesichtsmuskeln aufs Neue verhärteten, während Riley in den Freitagnachmittagsverkehr einfädelte.

Der Lange blickte durch das Eisengitter zu mir nach hinten und kräuselte dabei seine Lippen auf eine nervende Art. „Ich frag mich immer wieder, was Kinder wie dich dazu treibt, andere zu bestehlen“, meinte er schließlich in einem herablassenden Ton. „Schiebt euch der Staat nicht schon genug Luxus in den Hintern?“

Er war gewiss nicht der Einzige, der uns Heimkinder als minderwertig ansah.

Ich sammelte Spucke in meinem Mund, um ihm zu zeigen, was ich von ihm und dem Staat hielt. Doch das würde mir wahrscheinlich nur noch mehr Ärger einhandeln. Also versuchte ich meine Wut zusammen mit der Spucke hinunterzuschlucken und erklärte ihm dann mit einer zuckersüßen Stimme: „Es geht doch nichts über eine Fahrt in einem Polizeiwagen.“

Er knurrte nur und drehte sich wieder nach vorne. Gut. Ich hatte sowieso keine Lust auf eine Unterhaltung mit einem der beiden Idioten.

Die Handschellen bohrten sich schmerzhaft in meinen Rücken. Ich zappelte ein wenig herum und landete schließlich in einer Position mit dem Rücken gegen die Tür und den Beinen auf der Rückbank, wo meine schmutzigen Stiefel einen Abdruck auf der hellgrauen Polsterung hinterließen. Es war mir egal. Was mich störte, war die Hitze. Die warme Augustsonne heizte das Innere des Wagens auf wie eine Sauna, und mein Pulli hatte sich mit meinem Schweiß vollgesaugt, noch ehe wir es zwei Blocks die Straße runter geschafft hatten. Ich lehnte meinen Kopf zurück an die Glasscheibe und grübelte darüber nach, was mich gleich erwarten würde. Keine nette Vorstellung.

Als wir an einer roten Ampel stehen blieben, ließ ich meinen Blick durch die Heckscheibe über den Verkehr schweifen. In einem roten Doppeldeckerbus stand eine schwarze Frau mit einem Baumwolltuch um den Kopf gewickelt und einem Kleinkind im Arm. Sie pustete dem Jungen zart auf die Stirn, vermutlich um ihn zu kühlen. Ich seufzte schwer. Diese Frau würde ihr Kind bestimmt niemals in einem Heim zurücklassen, wo es auf sich selbst gestellt war. Der kleine Junge würde in einem gemütlichen Zuhause aufwachsen. Mit einer fürsorglichen Mutter, die ihn liebte. Weit weg von all dem Ärger, in dem ich gerade steckte.

Die Fahrt ging weiter, und kurze Zeit später parkte Riley den Wagen vor einem schmalen Backsteingebäude, das mir gut bekannt war. Er stieg aus und öffnete mir die hintere Tür. In diesem Moment beschloss ich, dass mein Hintern auf der Rückbank angewachsen war, und ich bewegte mich keinen Millimeter, sondern blickte ihm nur unschuldig in das aufgedunsene rote Gesicht. So wie es aussah, machte ihm die Hitze wohl noch mehr zu schaffen als mir.

„Was ist los, Artful Dogge? Du brauchst wohl eine Extraeinladung?“

Artful Dogge? Hatte Mr. Donut gerade versucht Dickens zu zitieren? Ich verdrehte die Augen, als ich zur Tür rüber rutschte und mit gefesselten Händen mühsam ins Freie kletterte. „Das Buch liest du wohl besser noch einmal, Schwachkopf“, murmelte ich dabei und stieß mir im selben Moment den Kopf heftig am Türrahmen. Der Schmerz schoss mir vom Scheitel bis in die Zähne und für einen kurzen Moment tanzten Sterne vor meinen Augen. „Verdammter Mist!“ Das kam nur von den blöden Handschellen.

Riley grunzte vor Lachen. „Das geschieht dir ganz recht.“

Herr, bitte lass ihn an seinem Gekicher ersticken, flehte ich mit einem hoffnungsvollen Blick nach oben. Doch da tat sich nichts. Überraschte mich nicht. Meine Gebete blieben erfahrungsgemäß unerhört. Mit gekreuzten Handgelenken im Rücken zog ich mir also die alten Jeans höher, die immer viel zu locker an meinen Hüften hingen, und folgte dem Langen hinüber zur Eingangstür, die er wie ein Gentleman für mich aufhielt. Wenn ich doch nur meine Hände aus den Handschellen winden könnte, dann würde ich dieser Flasche die Tür in sein dämliches Gesicht knallen.

Riley betrat das Gebäude nach mir. Ich ging etwas schneller und hatte ihn bis zur Treppe abgehängt. „Macht euch keine Umstände, Jungs!“, rief ich über meine Schulter. „Ich finde den Weg auch allein.“ Ich joggte die niedrigen Steinstufen hinauf in den ersten Stock. Leider musste ich aber dann doch vor der Tür des Polizeireviers warten, bis mir einer der beiden öffnete. Als sie auch endlich oben ankamen, keuchte Riley wie eine alte Dampflok. „Tz, tz“, machte ich und schüttelte den Kopf.

Der große Bulle ließ seine schwere Hand auf meine Schulter fallen. „Nur keine Eile, Mädchen. Du wirst deine Strafe schon noch früh genug bekommen.“

Daraufhin zog ich meine Schulter weg und knurrte angewidert: „Ich hab Neuigkeiten für euch, Riley und Rileys Partner. Ich bin erst siebzehn, also noch minderjährig. Ihr könnt mir gar nichts tun. Besonders nicht wegen eines so bedeutungslosen Vorfalls wie … mir einen Sweater auszuleihen.“ Ich setzte noch ein lässiges Grinsen oben drauf, was leider gar nicht so leicht über meine Lippen kam, wo mir doch ständig Miss Mulligans Drohung im Ohr lag.

„Ausleihen?“, prustete Riley, doch sein angepisster Gesichtsausdruck versicherte mir, dass ich Recht hatte. Ich drehte mich zur Tür und atmete erleichtert auf.

Riley schloss die Tür auf und marschierte als Erster hinein. Ich holte tief Luft und folgte ihm dann in das Büro, das den gesamten ersten Stock belegte. Die Decke war hoch und gewölbt, und die Sonne, die durch die vielen schmalen Fenster schien, blendete mich für einen kurzen Moment. Der Gestank von Männerschweiß und Polizeihund kroch mir in die Nase.

Eine Handvoll Cops saß in gemütlichen Bürosesseln, wo sie genüsslich ihren Kaffee schlürften und sich über die breiten Schreibtische hinweg miteinander unterhielten. Keiner beachtete mich, also machte ich einen weiten Bogen um den deutschen Schäferhund, der sich quer über den Gang ausgebreitet hatte, und stolzierte schnurstracks an Riley vorbei und weiter zu der Rezeption mit Schreibtisch dahinter am Ende des Raumes.

Die Hüfte lässig an das Pult gelehnt, stützte ich mich so gut es ging auf einen Ellbogen und blickte runter zu dem schwarzhaarigen jungen Mann mit Dreitagebart, der gerade einen Stapel Formulare bearbeitete. Seine hellblauen Augen hoben sich nett von der dunklen Uniform ab.

„Hey, Quinn. Was geht ab?“, fragte ich. „Entschuldige, ich würde dir ja gerne die Hand schütteln, aber im Moment bin ich leider etwas … wie soll ich sagen—?“ Ich drehte mich zur Seite und hob die Schultern, um meine Handschellen zu präsentieren. „Kurz angebunden.“

Quinn fuhr sich mit den Händen über sein sonnengebräuntes Gesicht, was sein verzweifeltes Stöhnen erstickte. „Shit, Jona! Sag mir bitte, dass das Trick-Handschellen sind und du nur den verdammten Schlüssel verloren hast.“ Er schielte zwischen seinen Fingern hindurch zu mir rüber.

Ich versuchte es mit einem entwaffnenden Lächeln. „Möchtest du noch mal raten?“

Er nahm die Hände runter und verschränkte die Finger resignierend auf dem Tisch. „Warum landest du nur immer wieder in solchen Schwierigkeiten? Mädchen in deinem Alter sollten in Parks rumhängen und nicht auf einem Polizeirevier.“

Quinn war ein netter Kerl. Große Augen, chaotisch perfekt gestyltes Haar, gut gebaut. Vermutlich keine zehn Jahre älter als ich. Einmal hatte ich ihn gefragt, wie alt er wirklich sei, doch als Antwort bekam ich nur: Alt genug, um es besser zu wissen, Kleine.

Im Gegensatz zu Debbie Westwood war Quinn ein wirklicher Freund. Mein einziger. Und das, obwohl er als Cop ja eigentlich für die Gegenseite spielte. Aber er hatte mich schon ein paar Mal auf einen Cheeseburger zu McDonald’s eingeladen, als er mich nach seiner Schicht zurück ins Waisenhaus gefahren hatte—meistens nachdem ich wieder einmal bei irgendeinem Blödsinn erwischt worden war. Das Tolle an Quinn war, dass er in mir mehr sah. Etwas Besonderes. Jona, den Teenager und nicht nur, wie alle anderen, die Kriminelle.

Während des knappen Jahres, das wir uns nun kannten, hatte er niemals eine Gelegenheit ausgelassen, um zu versuchen, mir in mein rebellisches Gewissen zu reden. Und heute würde er bestimmt keine Ausnahme machen. Seine Nasenflügel flatterten leicht, als er für sein Alter viel zu tief seufzte. „Was hast du denn dieses Mal wieder angestellt?“

Da kam plötzlich Riley nach vorn, den ich seit dem Betreten des Büros ignoriert hatte. Er schlug mit der Faust auf den Tresen, wobei er den lila Sweater zwischen seinen groben Wurstfingern hielt. „Der kleine Jim Dawkins hier hat wohl einen Streifzug durch Camden Market gemacht. Wir haben die Beute sichergestellt.“

Genervt blickte ich zur Decke. „Jack … es heißt Jack Dawkins. Jemand sollte dir Oliver Twist über die Rübe hauen, damit du es dir endlich merkst.“ Ich hätte mich sogar freiwillig gemeldet, wenn jemand ein Buch in der Nähe gehabt hätte, das dick genug war, um eine Delle in seinem Dickschädel zu hinterlassen. Und wenn ich nicht gerade in Handschellen stecken würde, versteht sich. Ich warf Quinn einen besorgten Blick zu. „Warum gibst du dich mit solchen Schwachköpfen ab?“

Das war offenbar der Tropfen, der Riley, das Fass, zum Überlaufen brachte. Er stürzte auf mich zu und ich konnte das zornige Feuer in seinen Augen erkennen. Doch Quinn packte ihn am Arm und zog ihn zur Seite, bevor Riley mich auch nur anfassen konnte. „Danke, dass ihr sie hergebracht habt“, sagte er mit ruhiger, doch unmissverständlich dominanter Stimme. „Von hier an übernehme ich.“

Riley grunzte, doch er gab schließlich nach und stapfte davon, wobei er so heftig schnaubte, dass sogar Thomas, die kleine Lokomotive, neidisch werden würde. Nachdem er und sein Partner in einem Nebenraum verschwunden waren, wandte sich Quinn wieder mir zu.

Oh, oh! Sein Blick gefiel mir gar nicht. Das würde Ärger geben.

„Dir ist hoffentlich klar, dass Abe dafür deinen Kopf rollen sehen will“, sagte Quinn schließlich, doch er machte eine kurze Pause, als mir ganz offensichtlich die Farbe aus dem Gesicht entwich.

Zum ersten Mal hatte ich das Vergnügen gehabt, einen Gerichtssaal von innen zu sehen und Bekanntschaft mit Richter Abraham C. Smith zu machen, nachdem ich vor elf Monaten einen Gameboy von Stanton Electronics gestohlen hatte. Ich bezeichnete den kahlköpfigen Richter gerne als meinen speziellen Freund, obwohl er für meine Wenigkeit wohl eher den Ausdruck „permanente Plage“ bevorzugte.

Kleine Ladendiebstähle im vergangenen Jahr gaben uns die Gelegenheit, unsere Freundschaft Extraordinaire zu pflegen und weiter auszubauen. Miss Mulligan hatte zwar bisher immer meinen Arsch gerettet, doch bei meinem letzten Zusammentreffen mit Abe Smith hatte dieser geschworen, er würde mich für die nächsten fünfhundert Jahre wegsperren, falls ich auch nur noch ein einziges Mal in seinem Büro aufkreuzen würde. Er hatte dabei ausgesehen, als würde er gleich anfangen Feuer aus den Ohren zu speien. Mit einem Blick so scharf wie Supermans Laserstrahlen warf er mich dann aus seinem Amtszimmer, das gleich hinter dem Gerichtssaal lag und wo bedeutungslose Fälle wie meine abgehandelt wurden. Ich war echt nicht scharf darauf, ihm so schnell wieder unter die Augen zu treten.

Quinn stand auf und legte mir eine Hand auf die Schulter. Ihn schüttelte ich nicht ab, so wie ich es bei dem anderen Bullen vorhin getan hatte. „Komm schon, Kleine. Wir füllen die Formulare aus und dann rufe ich Miss Mulligan an. Ich kann im Moment leider nicht weg, also wird sie wohl herkommen und dich abholen müssen.“

Also kein Cheeseburger heute. Dafür die Gewitterziege. Das Herz rutschte mir in die Hose. Ich konnte mir schon bildlich ausmalen, wie die sommersprossige Bohnenstange ausflippen würde, wenn sie gleich hörte, dass ich auf dem Polizeirevier festsaß. Wieder einmal. Mein achtzehnter Geburtstag war nur noch sieben Wochen entfernt. Sechs Wochen und fünf Tage, um genau zu sein. Sie würde doch ihre Drohung nicht tatsächlich noch wahr machen und mich so kurz vor meiner Freilassung vom Jugendheim aus an die Behörden übergeben. Oder?

 

*

 

Zwei Stunden später folgte ich Miss Mulligan durch die schwere Eingangstür des Instituts. Mein Blick war starr auf den grauen Linoleumboden gerichtet, doch das Flüstern hinter vorgehaltenen Händen und die abfälligen Blicke meiner Heimgenossen entgingen mir keineswegs.

„Geh auf dein Zimmer!“, befahl Miss Mulligan. An ihrem Gesichtsausduck war zu erkennen, wie sehr sie sich anstrengte, ihren momentanen Ärger im Zaum zu halten. „Ich werde jetzt erst mal Richter Smith anrufen. Wir beide unterhalten uns später.“

Richter Smith anrufen? Dem Himmel sei Dank, sie war immer noch auf meiner Seite! Ich kannte ihr Vorgehen von meinen früheren Eskapaden. Erst machte sie einen Anruf bei Gericht und versuchte die Behörden davon zu überzeugen, keine Anklage zu erheben. Das Heim würde für den verursachten Schaden—oder, in diesem konkreten Fall, für den gestohlenen Sweater—aufkommen. Dann würde sie mich zu einer inoffiziellen Anhörung schleifen, bei der ich meine guten Absichten zur Besserung beteuern sollte. Am Ende würde ich vielleicht mit zwei Wochen Zimmerarrest und Fernsehverbot davonkommen.

Akzeptabel.

An diesem Abend kam die Gewitterziege persönlich in mein Zimmer und teilte mir mit, dass das gefürchtete Treffen mit Abe für kommenden Dienstag festgelegt worden sei. Außerdem sagte sie mir, dass sie an dem Tag, an dem ich achtzehn werden und das Institut für immer verlassen würde, vor Freude auf ihrem Schreibtisch Stepp tanzen werde.

Ich hatte keinen Grund, an ihren Worten zu zweifeln.

Die wenigen Tage bis zu meiner Anhörung verbrachte ich in meinem spärlich eingerichteten Zimmer mit schmutzigen Wänden und kaltem Linoleumboden. Auf dem klapprigen, alten Metallbett zusammengekauert, steckte ich meine Nase die meiste Zeit in ein Buch und meine Füße unter die kratzige Wolldecke. Das schale Licht der Lampe, die auf einem Stuhl neben meinem Bett stand, spendete kaum genug Licht, um nachts die Worte zu entziffern. Doch das hinderte mich nicht.

Ich las gerade die Geschichte von Peter Pan, der seiner Freundin Wendy das Fliegen beibrachte und mit ihr über ein schlafendes London schwebte. Vielleicht sollte ich mein Fenster offen lassen und auf jemanden wie ihn hoffen, der mich heute Nacht noch nach Nimmerland entführte. Tja, schön wär’s …

Am Dienstagmorgen schlüpfte ich in meine besten schwarzen Jeans, reparierte das Loch über dem rechten Knie mit einer Sicherheitsnadel und schrubbte meine schäbigen Stiefel. Ein schwarzer Kapuzensweater, dessen Ärmel fünf Zentimeter zu kurz für meine Arme waren, rundete mein Outfit für besondere Anlässe ab.

Als ich die Stufen in die Eingangshalle runterkam, wartete Miss Mulligan bereits auf mich. Das schmale Kleid, das sie trug, sah aus, als hätte sie sich eine knallpinke Signalflagge um den Körper gewickelt. Sie hetzte mich nach draußen und in ein Taxi, das uns zum Gerichtsgebäude fuhr. Wie üblich sollten wir Abe in dem Raum hinter dem großen Saal treffen. Als wir den langen Gang im ersten Stock des Gebäudes nach hinten eilten, stieg mir plötzlich ein altbekannter Duft in die Nase. Kirschblüten. Der Geruch rief eine schmerzhafte Erinnerung aus längst vergessenen Zeiten wach. Ich kannte auf der ganzen Welt nur eine Person, die dieses besondere Parfüm getragen hatte. Aber das konnte doch nicht sein.

Ich hielt an und drehte mich um. Miss Mulligan sah mich verwundert an, aber ich kümmerte mich nicht weiter um sie. Stattdessen atmete ich den süßen Duft tief ein und blickte dabei nach allen Seiten. Aber die eine Person, nach der ich Ausschau hielt, war nirgendwo zu sehen.

War wohl doch nur ein Irrtum. Ich atmete erleichtert aus.

Vor Richter Smiths Amtszimmer war ein Wachmann postiert. Erst nachdem wir ihm meine nette, offizielle Einladung gezeigt hatten, ließ er uns passieren. Er blickte auf meine Hände, die ich tief in meine Hosentaschen gesteckt hatte, und machte dabei ein finsteres Gesicht. Das kratzte mich nicht. Ich ignorierte ihn und folgte der Gewitterziege in Pink.

Abes Zimmer war dreimal so groß wie Miss Mulligans Büro im Jugendheim und mit einem hellbraunen Teppich ausgelegt. Durch breite Fenster an zwei Wänden strömte Licht und ließ den Raum fast freundlich wirken. Seitlich neben der Tür stand eine kleine Gruppe von Leuten an der Wand, doch ich sah sie nur aus dem Augenwinkel und schenkte ihnen keinerlei Beachtung. Neben dem monströsen Schreibtisch des Richters saßen ebenfalls Leute; unter ihnen mein guter Freund Quinn. Er warf mir einen ermutigenden Blick zu, und ich fühlte, wie sich eine angenehme Wolke der Ruhe über mich legte. So lange Quinn da war, würde mir nichts passieren. Er würde es nicht zulassen. Ich zog die Mundwinkel in einem Versuch zu lächeln nach oben und er nickte mir zu. Dann holte ich tief Luft und richtete meinen Blick auf Abe.

Sein argwöhnischer Ausdruck verursachte bei mir eine Gänsehaut, doch selbst als Miss Mulligan langsamer wurde, schritt ich entschlossen auf ihn zu. Zeig niemals Angst oder Schwäche, hörte ich dabei Debbies Warnung in meinen Gedanken.

„Na, wenn das nicht Jona Montiniere ist.“ Abe schob seine kleine, rahmenlose Brille etwas weiter die Nase hoch und musterte mich von oben bis unten.

Kopf hoch, Schultern zurück, sagte ich mir selbst und setzte dabei mein bestes Businesslächeln auf. „Hallo Abe. Was machen die Geschäfte?“

Der Richter knirschte mit den Zähnen. „Durch Sie habe ich immer etwas zu tun, Miss Montiniere“, grummelte er durch seinen stoppeligen Bart. Ich hatte mich immer gefragt, wie es kam, dass Männer ihre gesamte Haarpracht verlieren konnten, aber der Bart immer noch sprießte wie Unkraut im verzauberten Garten. Doch das schien mir nicht gerade der geeignete Zeitpunkt zu sein, um dieses heikle Thema mit Abe zu besprechen. Nicht, wenn er gerade so richtig in Fahrt kam.

Er warf einen kurzen Blick auf die Unterlagen vor ihm. „Das ist heute das dreiundzwanzigste Mal innerhalb einen Jahres, dass Sie vor mir stehen.“

Bei dem Wort dreiundzwanzig ertönte ein leises Pfeifen aus der Stuhlreihe. Ich peilte Quinn an, der eine beeindruckte Augenbraue hochzog.

„Möchten Sie etwas zu Ihrer Verteidigung sagen, Miss Montiniere?“, fuhr Abe fort.

Ich zog einen Schmollmund. Quinn zuckte nur mit den Schultern. Neben ihm saß Riley, der gerade den letzten Bissen von einem Donut mit rosa Zuckerguss in sein breites Maul stopfte. Er brachte mich auf eine Idee.

Mit einem optimistischen Grinsen drehte ich mich zurück zu Abe. „Ich bin Kleptomanin und habe ein medizinisches Gutachten für offiziell erlaubtes Stehlen in ganz London.“ Na, was sagst du dazu?

Für einen Moment sagte Abe gar nichts. Sein Mund bewegte sich zwar, aber es kam kein Ton heraus. Riley bellte indessen wie ein erstickender Hund und schlug sich mit der Faust wild gegen die Brust. Allerdings war es das tiefe, leise Lachen aus dem hinteren Teil des Zimmers, das meine volle Aufmerksamkeit auf sich zog. Erst sah ich nur kurz über meine Schulter nach hinten, doch das strahlende Sonnenlicht blendete mich und so drehte ich mich auf den Hacken um.

Für einen unermesslich langen Moment schien ein greller weißer Nebel alles in seinem Umkreis zu verschlingen. Fassungslos konnte ich nicht einmal blinzeln. Dann trat plötzlich eine große, schlanke Figur aus dem leuchtenden Nebel. Ein langes, weißes Gewand, beinahe so wie eine Kutte, wehte um ihre Beine. Die weiten, flatternden Ärmel verdeckten die Hände fast vollständig. Als Nächstes nahmen abgrundtief blaue Augen ihre Form an, gefolgt von einem warmen Lächeln, das mühelos jeden Gletscher der Arktis hätte schmelzen lassen können.

Es musste sich hier um eine optische Täuschung durch das hereinströmende Sonnenlicht handeln. Eine stressbedingte Halluzination. Ich war wohl doch angespannter, als ich zuerst vermutet hatte. Ich machte die Augen zu, dann blinzelte ich ein paar Mal. Doch die Illusion verschwand nicht.

Ich spürte, wie jedes Paar Augen im Raum auf mich gerichtet war. Meine Haut prickelte unter dem mir zugeteilten Argwohn. Nur die erleuchtete Person vor mir senkte ihren Blick. Die Person trat wenige Schritte zurück in den Schatten der Mauer und sofort verschwand auch der gleißende Nebel. Nun erst erkannte ich die feinen Gesichtszüge eines jungen Mannes. Ein abgetragenes Paar Jeans und eine schwarze Lederjacke waren nun da, wo ich zuvor geglaubt hatte, eine fließende Robe zu sehen.

Ganz offensichtlich mussten sie nun auch noch „wahnhafte Störungen“ zu meinem medizinischen Gutachten hinzufügen.

Seine Wangen waren glatt rasiert—ehrlich gesagt sah er so aus, als wäre ihm noch nie auch nur ein einziges Barthaar gewachsen—und sein Gesicht wies leicht kantige Züge auf. Im Gegensatz dazu standen seine sinnlichen Lippen. Als seine Mundwinkel langsam nach oben zu einem Lächeln wanderten, flatterte mein Herz wild in meinem Brustkorb umher, wie ein Spatz im Käfig. Goldblondes Haar mit noch helleren Strähnen fiel ihm über die Stirn in seine Augen und erinnerte mich an warme Milch mit Honig. Selbst ohne den mystischen Nebel von gerade eben ähnelte dieser junge Mann einer Mischung aus Mensch und Gott.

Heiliger Strohsack, was brachte denn einen Halbgott zu meiner Anhörung? Es war doch nur ein dämlicher Sweater gewesen!

Als er andeutungsweise eine Augenbraue hochzog, wusste ich, ich hatte alle Etikette vergessen und starrte ihn gerade unverschämt an. Mir wurde am ganzen Körper heiß und mein Gesicht spiegelte vermutlich gerade ein Erdbeerfeld wider.

„Was soll dieses Benehmen, Miss Montiniere? Ich erwarte Ihre Aufmerksamkeit!“ Abes Worte drangen von weit, weit her. Doch ich nahm ihn nicht wahr.

Diese saphirblauen Augen hielten mich in ihrem Bann. Niemals wieder wollte ich aus meinem persönlichen, kleinen Gefängnis entfliehen. Der Rest der Welt versank um mich.

Und dann schlängelte sich plötzlich eine knochige Hand um den Arm dieses jungen Gottes.

Kirschblüten? Warum roch es in diesem Raum plötzlich nach Kirschblüten? Der unverwechselbare Duft brachte mich zurück in die Realität. Wie lange war es wohl her, dass ich dieses Parfüm zuletzt gerochen hatte? Vielleicht drei Jahre? Vier? Nein, es mussten wohl schon fünf gewesen sein. Langsam ließ ich meinen Blick über die knochige Hand und den dünnen Arm hinauf gleiten. Panik breitete sich in mir aus. Doch es war zu spät, um wegzulaufen.

Kapitel 2

 

Richter Abes Zimmer begann plötzlich sich mit all den Menschen darin um mich zu drehen. Mir war, als hätte mich jemand in eine viel zu kleine Pappschachtel gesteckt und den Deckel über mir zugeknallt.

Meine Stimme bebte. „Wer hat dieses Miststück reingelassen?“ Ich zitterte am ganzen Körper, als ich Charlene Montiniere geradewegs in die Augen blickte.

„Sie sind hier bei Gericht, Miss Montiniere! Vergessen Sie das nicht!“, warnte mich der Richter scharf. „Ich erwarte, dass Sie sich angemessen benehmen!“

„Den Teufel werd ich tun!“, fauchte ich zurück, ohne meinen Blick von Charlene zu nehmen. „Diese Frau hat mich in ein Waisenheim gesteckt, als ich gerade mal fünf war. Sie hat sich nicht einmal nach mir umgedreht!“ Furcht schnürte mir den Hals zu. Wie wollte die Hexe diesmal mein Leben ruinieren?

Charlene gaffte mich stillschweigend an. Dunkle Ringe lagen tief unter ihren Augen. Sie hatte einen viel zu roten Lippenstift aufgetragen, der sich stark von ihrem leichenblassen Gesicht abhob. Ihr dunkles rotbraunes Haar war einst das perfekte Ebenbild von meinem gewesen, doch heute umrahmte es ihr Gesicht in kraftlosen matt-orangen Strähnen. Kurz gesagt, sie sah aus, als wäre sie durch die Hölle gegangen.

Gut. Ich hoffte, die Schlampe hatte genauso gelitten wie ich. Meinetwegen konnte sie in das Rattenloch zurückkriechen, aus dem sie gestiegen war. Und sie kam am besten gar nicht erst auf den Gedanken, etwas zu mir zu sagen. Dieses Recht hatte sie verloren, als ich fünf Jahre alt war.

Langsam hob sie eine zitternde Hand, so als ob sie mich über die fünf Meter hinweg, die zwischen uns lagen, anfassen wollte.

„Verreck’ in der Hölle, Charlene!“ Mit einem hasserfüllten Blick untermauerte ich meine Worte.

„Jona Montiniere! Ich verbitte mir dieses Benehmen in meinem Amtszimmer!“, brüllte Abe Smith. „Ich verstehe Ihre Vorurteile gegen Ihre Mutter, doch wenn Sie die Gründe für ihr Handeln hören, werden Sie Ihre Meinung vielleicht ändern.“

Niemals.

Eine einzige Minute länger im gleichen Raum mit meiner Mutter wäre eine Ewigkeit zu lang. Ich drehte mich zu dem alten Richter hinter seinem riesigen Tisch und salutierte provokant zum Abschied. „Mach’s gut, Abe. Ich verzieh mich.“

Das Geschrei hinter mir, um mich zur Ordnung zu rufen, war umsonst. Konsequenzen? Die juckten mich nicht. Ich marschierte schnurstracks zur Tür, mit dem einzigen Ziel, so viel Abstand wie möglich zwischen mich und diese Schlampe zu bringen.

Leute riefen meinen Namen; manche nannten mich Miss Montiniere, andere riefen mich beim Vornamen, so als ob wir Freunde wären.

„Sei vernünftig, Kleine! Bleib wo du bist!“, hörte ich Quinn.

Kam nicht in Frage. Sein verzweifeltes Flehen würde mich nicht daran hindern, von hier zu verschwinden. Aber ein Paar stämmige Arme, die sich gerade um meine Taille wanden, konnten es sehr wohl.

Riley hatte mich gepackt und hielt mich fest. Seine Augen blitzten siegessicher, als er mich mit dem Rücken gegen die Wand drückte. „Du gehst nirgendwo hin, Fräulein, außer in den Knast.“

Bleib ruhig! Panik war noch nie eine große Hilfe gewesen und im Moment musste ich mich auf das Wesentliche konzentrieren. Nämlich, wie ich hier rauskommen würde.

Meine Fingernägel gruben sich tief in meine geballten Hände. „Nimm deine verdammten Dreckspfoten von mir!“ Ich biss Riley in die Hand an meiner Schulter. Der kreischte so laut auf, dass mir beinahe das Trommelfell zerplatzte. Von dem Donut-Geschmack, der sich in meinem Mund breit machte, wurde mir übel.

Riley riss seine Hand zurück. „Verdammtes Gör! Dafür wirst du bezahlen!“

Über seine Schulter hinweg sah ich Quinn und Rileys Partner auf mich zustürmen, doch Riley torkelte gegen Quinn, woraufhin dieser zur Seite taumelte. Er griff nach Miss Mulligans Arm, um das Gleichgewicht wiederzuerlangen. Die Gewitterziege schrie wie am Spieß und schlug hysterisch auf meinen einzigen Freund ein.

Mit der ganzen Unruhe, die gerade im Gange war, sah ich meine Chance gekommen. Ich machte mich aus dem Staub. Doch weit kam ich nicht. Ja, noch nicht einmal bis zur Tür, denn schon nach wenigen Schritten ergriff mich Rileys Partner am Handgelenk und wirbelte mich herum. Durch den Schwung, den er mir versetzte, wurde ich gegen einen schmalen, dunklen Schreibtisch in der Ecke des Raumes geschleudert.

Der verrückte Bulle steuerte verbissen auf mich zu. Aus Schreck und Notwehr lehnte ich mich auf der Schreibtischplatte zurück und zog die Knie an. Mit einem harten Tritt gegen seine Brust setzte ich ihn für einen kurzen Moment außer Gefecht. Ein Pfeifen entwich seinen Lungen, als er rückwärts stolperte. Schließlich beugte er sich vornüber und keuchte. Als er wenige Sekunden später wieder bei Kräften war, tobte er auf eine Art und Weise, bei der Debbie Westwood, die ungekrönte Königin des Fluchens, grün vor Neid geworden wäre.

Ich wich ihm aus, doch meine Fluchtmöglichkeit war verstrichen. Die Tür wurde von außen aufgestoßen und zwei Wachen stürmten herein. Ob es nun Rileys Schmerzgeschrei war, Miss Mulligans zickiges Gekreische oder ein geheimer Knopf unter Abes Schreibtisch, der die Wachen alarmiert hatte, konnte ich nicht sagen. Doch sie hatten mich mit den Schultern auf den Boden gedrückt, noch bevor ich den nächsten Atemzug machen konnte.

Die ganze Luft wurde aus meinen Lungen gepresst. Ein schriller Schmerz zuckte durch meinen Körper.

„Nicht!“, riefen zwei Männer gleichzeitig. Einer der beiden war Quinn; seine Stimme war mit Horror erfüllt. In diesem Moment war ich dankbar, dass wenigstens er mich nicht fallen ließ, wie all die anderen es taten.

Zu wem die andere besorgte Stimme gehörte, konnte ich jedoch nicht erkennen.

Einer der beiden Wachen zog ein Paar Handschellen von seinem Gürtel. Er fesselte meine Hände damit vor meinem Körper. Weder mein Kreischen noch mein Strampeln konnten das widerliche Klicken der Handschellen stoppen, als sie ins Schloss ratterten.

„Lasst sie los, ihr Schwachköpfe! Sie ist doch noch ein Kind!“ Quinn bahnte sich mit seinen Ellbogen einen Weg zu mir durch. „Bist du okay, Kleine?“

Der Schmerz in meinem Rücken und meiner Brust hatte nachgelassen. Ich konnte wieder atmen. „Wow, was für ein Kampf!“ Ich hatte nicht das Gefühl, dass etwas gebrochen war, also presste ich die Lippen aufeinander und nickte Quinn halbherzig zu. „Mir geht’s gut.“

Es musste mir gut gehen. Keine Schwäche. Niemals.

Quinn fasste mich an den Oberarmen und zog mich auf die Beine. Ich wackelte noch ein wenig, doch ich fing mich schnell.

„Um Himmels willen, Jona“, zischte er. „Ich flehe dich an, benimm dich!“

Ein tiefes Grollen ging meiner Antwort voraus. „Zu Befehl, Sir.“ Was hatte ich auch für eine andere Wahl … mit den Handschellen an.

Im Augenwinkel bemerkte ich den Begleiter meiner Mutter ganz in meiner Nähe. Der blondhaarige Adonis musterte mich mit finsterem Blick. Versuchte er mich zu durchschauen? Dabei hatte ich ein sehr mulmiges Gefühl.

Quinn zog mich sachte nach vorn zu Abes Schreibtisch. Über meine Schulter hinweg versuchte ich, den Blick des seltsamen Fremden noch für einen Moment länger zu halten. Sein Arm lag in einer schützenden Haltung um die Schultern meiner Mutter. Ein Halbgott Anfang zwanzig und Charlene? Wie um alles in der Welt passte das denn zusammen?

„Jona Montiniere!“

Das Gemurmel im Raum verstummte augenblicklich durch Abes Brüllen. Ich riss den Kopf herum und stählte meine Nerven für das, was mich nun erwartete.

Abe stand hinter seinem Schreibtisch und stützte sich mit beiden Händen auf die Tischplatte, wobei er sich nach vorne beugte und mich über den Rand seiner Brillen hinweg missbilligend ansah. „Diesmal sind Sie zu weit gegangen. Missachtung des Gerichts. Angriff auf eine Polizeiperson—“

„Was?! Die haben mich zuerst angegriffen!“ Meine Stimme donnerte ebenso zornig wie seine durch den Raum. „Jemand sollte Riley wegen Kindesmisshandlung hinter Gitter stecken!“

GENUG!“, röhrte Abe. „Halt deinen Mund und setz dich hin!“

Das formelle Miss Montiniere hatte er sich offenbar geschenkt.

„Mich setzen?“ Mein dramatischer Blick hinter mich machte deutlich, dass da nur der harte Fußboden war und sonst nichts.

Abe rieb sich frustriert die Schläfen. „In Gottes Namen, bringt dem Mädchen einen Stuhl.“

Einer der Wachen schob mir eilig einen Sessel in die Kniekehlen. Ich knickte ein und landete auf dem harten Sitz aus Holz. Quinn stand mit verschränkten Armen neben mir. Er wirkte fast wie ein Türsteher vor einem von Londons Nachtclubs. Ooh, mein ganz persönlicher Pit Bull. Das nahm mir zumindest einen Teil meiner Angst.

Der Richter beruhigte sich mit ein paar tiefen Atemzügen und setzte sich schließlich ebenfalls hin. Seine aufgeplusterte Robe mit den Puffärmeln verlieh ihm eher das Aussehen einer gespenstischen Eule, als das einer Autoritätsperson. Als er seinen Blick kurz auf die Unterlagen vor ihm senkte, nutzte ich die Gelegenheit und stieß Quinn mit meinem Ellbogen in den Oberschenkel.

„Was ist?“, grummelte er.

Ich hob meine Hände mit den einschneidenden Handschellen und grinste niedlich. „Könntest du die abnehmen?“

Quinn warf einen kurzen Blick hinter sich zur Tür, dann sah er mich mit schmalen Augen für einen Moment eindringlich an. „Ganz sicher nicht.“

Wie bitte? Und ich hatte gedacht, er wäre mein Freund. Ich versuchte ihn mit meinem Todesblick zu vernichten, doch er lächelte nur und zerraufte mir das Haar.

Als Richter Abe sich lauthals räusperte, richteten sich alle Blicke im Raum wieder auf ihn. „Miss Montiniere, ich verfolge Ihre Strafakte nun schon seit fast einem Jahr. Wie man mir gesagt hat, werden Sie in wenigen Wochen aus dem Westminster Waisenhaus entlassen.“ Er zog sich die Brille von der Nase und legte sie behutsam auf den Papierstapel vor sich. „Das gibt Anlass für ernsthafte Bedenken. Mit einer kriminellen Vergangenheit wie der Ihren, zweifle ich nicht daran, dass wir Sie über kurz oder lang bei einem ernsthaften Raubzug durch London erwischen werden.“

Kriminelle Vergangenheit? Hallo? „Ich klaue nur von den Reichen, um es den Armen zu geben.“ Und in diesem speziellen Fall war ich eben die Arme. „Sollte eine Person in Ihrer Position ihr Amt nicht ohne jegliche Vorurteile praktizieren?“

Ich hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, als Quinns Finger sich bereits schmerzhaft in meine Schulter gruben.

Der Richter jedoch schenkte meinem Vorwurf keinerlei Beachtung. Er holte nur langsam und tief Luft. „Um das Schlimmste zu vermeiden, sollte ich Sie unter Hausarrest stellen und eine offizielle Anhörung für einen späteren Termin festsetzen; wenn Sie achtzehn und voll strafmündig sind. Nichts würde mich dann noch davon abhalten, Sie in Haft zu bringen.“

Ach du heilige Scheiße.

Er machte eine kurze Pause und zog die Mundwinkel zu einem überlegenen Lächeln hoch. Ich wünschte, der Wachhund an meiner Seite würde mir die Handschellen abnehmen, damit ich dem alten Richter die glasigen Augen auskratzen konnte.

„Doch zu Ihrem Glück“, sagte er, „befindet sich heute Ihre Mutter unter uns. Wir hatten heute Morgen ein inoffizielles Treffen, und ich bin froh—“

Ich sprang von meinem Stuhl auf und schnitt ihm das Wort ab. „Sie waren also der Verräter, der sie zu dieser Anhörung eingeladen hat?“ Eine schrille Sirene ging in meinem Kopf an, die meine Vernunft völlig außer Kraft setzte.

„Setz dich wieder hin, Jona“, knurrte Quinn verbissen. Seine Hand auf meiner Schulter drückte mich nach unten. Ich quengelte, doch schließlich musste ich seiner Kraft nachgeben.

„Und ich bin froh“, fuhr Abe fort, als hätte ich ihn gar nicht erst unterbrochen, „dass sie mir von Ihren Verwandten in Frankreich erzählt hat, die bereit sind, Sie aufzunehmen und Ihnen ein Zuhause zu bieten. Ihr Onkel und Ihre Tante besitzen dort Weinberge, in denen Sie jeden Tag bis zu Ihrer Volljährigkeit freiwillige Arbeit leisten werden.“

Jetzt war er wohl völlig durchgeknallt. „Sie wollen mich aufs Festland verschiffen? Wie einen Sklaven? Das dürfen Sie nicht! Das ist illegal!“

Oh mein Gott. Und was, wenn nicht?

Abe wies meinen Einspruch mit einem einfachen Hochziehen der Augenbrauen ab. „Da Ihre Mutter durch schwerwiegende gesundheitliche Probleme auf die Hilfe anderer angewiesen ist, lebt auch sie derzeit im Haus ihrer Schwester in Frankreich. Wir sehen dies als einmalige Gelegenheit für Sie an, Ihre Familie besser kennenzulernen und die Bande zu stärken.“

„Wie soll man etwas stärken, das noch niemals existiert hat?“, maulte ich. Auf dieser Welt gab es absolut gar nichts, das irgendetwas zwischen mir und meiner Mutter formen oder verstärken konnte. Ganz zu schweigen von einem Familienband. Bloß keinen Kontakt mit der Schlampe und ihrem kleinen Schoßhündchen, vielen Dank. Und wo zum Teufel kam überhaupt diese Tante her, von der Abe die ganze Zeit redete? Ich hatte noch nie von irgendwelchen Verwandten gehört, ob in England, Frankreich oder sonst wo.

Wenn ich noch einmal protesthalber aufsprang, würde Quinn mich nur wieder zurück auf den Stuhl drücken. Also hob ich stattdessen meinen rechten Arm wie ein braves Schulmädchen, um die Aufmerksamkeit des Richters zu erlangen. Blöderweise kam durch die Handschellen auch meine linke Hand mit hoch. „Bitte, ich möchte lieber ins Gefängnis.“

Quinn warf mir einen entsetzten Blick von oben herab zu. Ich nahm nur kurz Notiz von ihm, konzentrierte mich dann aber wieder auf Abes trübe Augen und wartete auf seine Entscheidung.

„Ich gehe davon aus, dass Sie Ihr letztes Schuljahr im vergangenen Frühling positiv abgeschlossen haben?“

Meine Noten in Algebra waren zwar hundsmiserabel, und ich hatte auch keine Ahnung, was diese Frage mit meiner Bestrafung zu tun haben sollte, doch ich nickte.

„Und Sie besuchen derzeit auch keine Sommerkurse in Miss Mulligans Jugendheim?“

„Nein.“

„Dann werden Sie die nächsten sechs Wochen mit Ihrer Familie in Frankreich leben.“ Er schlug den kleinen Holzhammer auf die runde Scheibe auf seinem Tisch und besiegelte damit mein grausames Schicksal. „Und jetzt verlassen Sie mein Amtszimmer und kommen Sie nie mehr wieder.“

Ich war so was von am Arsch.

Als schließlich alle anfingen, Pläne über meinen Kopf hinweg zu schmieden und sich die Stimmen im Raum zu einem schmerzhaften Gemurmel in meinem Kopf entwickelten, hatte Quinn Mitleid und ließ mich draußen warten. Erst musste ich ihm jedoch versprechen, nicht abzuhauen oder Streit mit einem Wachbeamten anzufangen. Dafür hatte er den Stinkefinger verdient, doch ich hielt mich zurück und schenkte ihm nur ein kühles Lächeln.

Am Gang rutschte ich mit dem Rücken die Mauer entlang hinunter, bis ich mit angezogenen Beinen auf dem kalten Fußboden saß, und stützte meine Ellbogen auf die Knie. Die Kette der Handschellen rasselte leise, als wollte sie sich über mich lustig machen. Auf diese Weise gefesselt, würde ich nicht weit kommen, sollte ich mich nach draußen schleichen. Ich konnte mich also ebenso gut meinem Schicksal fügen.

Völlig niedergeschlagen und nicht weniger verwirrt, lehnte ich meinen Kopf zurück und betrachtete die fade Decke. Dieser Ausblick war immer noch interessanter als die nervtötenden Blicke der vorbeistolzierenden Leute. Aus einer alten Angewohnheit—wenn ich für mich selbst war und knietief im Schlamassel steckte—begann ich leise ein Lied zu summen. Ich wusste nicht einmal dessen Namen, doch schon immer hatte mich die Melodie auf eine seltsame Art und Weise beruhigt. Die Chancen standen nicht schlecht, dass ich mir das Lied vor Jahren selbst ausgedacht hatte. Doch in der Zwischenzeit hatte ich es so viele Male gesummt, gepfiffen oder den Rhythmus mit meinen Fingern geklopft, dass ich es wohl nie wieder aus meinem Kopf kriegen würde.

Es kratzte mich nicht, als die Tür zu Abes Zimmer aufging, und ich summte ungeniert weiter. Doch als der blonde Freund meiner Mutter heraustrat und sich mit einer Schulter gegen die Säule in der Mitte des Korridors lehnte, versagte mir die Stimme.

„Hi“, sagte er mit einem mitfühlenden Gesichtsausdruck.

In diesem Moment wünschte ich mir nichts mehr, als dass Quinn, der Verräter, mir vorhin die Handschellen abgenommen hätte. So sah ich doch aus wie der letzte Vollidiot.

Ich presste die Lippen aufeinander und winkte kurz. Alleine der Anblick dieses jungen Mannes verursachte bei mir ein aufgeregtes Bauchkribbeln. Komisch.

„Das war eine ziemlich beeindruckende Vorstellung, die du da gerade abgeliefert hast.“

Mit einem finsteren Blick versuchte ich eine ganz bestimmte Botschaft zu vermitteln: Kümmere dich um deinen eigenen Dreck, Freundchen. Laut sagte ich jedoch lieblich: „Freut mich, dass es dir gefallen hat.“

„Hat es nicht wirklich.“ Er rümpfte die Nase. Wie niedlich. „Dass du dich mit Laurel und Hardy da drinnen angelegt hast, war nicht unbedingt dein bester Einfall. Selbst ein kluges Mädchen wie du kann in so einer Situation leicht draufzahlen.“

Ja, genau. Ich machte kleine Schlitzaugen.

Er nickte in Richtung meiner Handschellen. „Die sehen etwas unbequem aus.“

Und das waren sie verdammt noch mal auch, doch ich tat es mit einem Achselzucken ab. „Die sind der letzte Schrei. Du hast doch den Richter gehört. Ich trag die ziemlich oft.“

Das anzügliche Grinsen auf seinen Lippen hob meinen Blutdruck ein wenig an. „Was hältst du davon, wenn wir sie dir abnehmen?“, fragte er.

Er machte wohl Witze. „Wenn du nicht gerade Zähne wie eine Kettensäge hast, weiß ich nicht, wie du das anstellen willst.“

Er kam auf mich zu und zog dabei einen Schlüsselbund aus der Hosentasche. Als er in die Hocke ging und auf Augenhöhe mit mir sank, schüttelte er die Schlüssel vor meinem Gesicht. Das nette Geklirr von Metall hallte über den Gang.

Mir sackte das Kinn auf die Brust. „Wo hast du die denn her?“

„Von Chief Madison.“

„Du hast sie von Quinn gestohlen?“ Blitzartig zog ich meine Hände aus seiner Reichweite.

„Natürlich nicht!“ Der blonde Halbgott sah mich vorwurfsvoll an. „Ich habe ihn danach gefragt.“

Warum sollte dieser Bursche meinen Officer-Freund bitten, mich freizulassen? Ich konzentrierte mich auf die Sicherheitsnadel in meinem Knie. „Quinn wollte mir die Handschellen nicht abnehmen, als ich ihn darum gebeten hatte.“ Als ich aufblickte, war ich kurz davor, mich in seinen tiefblauen Augen zu verlieren.

„Ich musste hoch und heilig schwören, auf dich aufzupassen. Und jetzt halt still.“ Seine kühlen Finger legten sich um mein Handgelenk, als er die erste Handschelle aufschloss.

Die empfindliche Stelle auf der Innenseite meines Handgelenks kribbelte und ich begann leicht zu zittern.

Er hatte einem Polizisten sein Wort gegeben. Warum machte er sich solche Umstände, nur um mich von diesen Scheißdingern zu befreien? Was kümmerte es ihn? Er wäre wohl besser hinter dieser Tür geblieben und hätte die Hand meiner fürchterlichen Mutter gehalten, anstatt die Fesseln von meinen abzumachen.

Mit einem leisen Klick sprang auch die zweite Handschelle auf. Ich rieb mir die brennenden Stellen auf meiner Haut. Feurig rote Striemen waren zurückgeblieben.

Der junge Mann neigte seinen Kopf und zog eine Augenbraue hoch. „Besser?“

Ich fand gerade meine Stimme nicht, also nickte ich nur.

„Na dann …“ Er stützte sich auf meine Knie, als er sich wieder aufrichtete. Vermutlich erwartete er jetzt ein Dankeschön.

Ich senkte meinen Blick auf den ausgefransten Saum seiner Jeans. Meine Lippen waren versiegelt.

Doch als er umdrehte und den Gang hinunter marschierte, blickte ich hoch. „Und jetzt gehst du bitte wohin?“ Der Satz war draußen, bevor ich wusste, was ich sagte.

„Auf die Toilette.“ Sein provokanter Blick forderte ganz offensichtlich meinen Einspruch heraus.

Sag jetzt ja nichts. Ich kaute auf meiner Unterlippe herum. „Aber du solltest doch auf mich aufpassen.“

Nach ein paar Sekunden, in denen er mich eindringlich ansah, wurde sein Blick noch sanfter. „Du wirst mich nicht in Schwierigkeiten bringen.“

Mir wurde plötzlich ganz warm. Ich ließ ihn einen weiteren Schritt den Gang runterlaufen. Zwei. Drei. Vier. „Warum bist du dir da so sicher?“ Halt endlich deinen verdammten Mund, Jona! „Nach allem, was du über mich weißt, werde ich abhauen, sobald du um diese Ecke dort biegst.“

Sein lässiges Schulterzucken und ein niedliches Lächeln ließen mich schließlich verstummen.

„Ich vertraue dir.“ Einen Moment später war er um die Ecke verschwunden.

Mir stand der Mund weit offen.

Mir vertrauen? So ein Blödmann. Der musste ganz schön einen an der Waffel haben, wenn er dachte, ich sei vertrauenswürdig. Ich raffte mich auf und stakste in Richtung Ausgang. Doch schon nach wenigen Schritten krachte ich gegen eine solide Mauer aus schlechtem Gewissen.

„Verdammt noch mal!“ Ich trat fest gegen die Wand neben mir, wobei meine Schuhsohle einen schwarzen Strich auf der weißen Farbe hinterließ. Ich sollte noch nicht einmal darüber nachdenken hierzubleiben. Also warum um alles in der Welt zögerte ich? Noch dazu wegen einem Fremden.

Noch nie zuvor hatte ein Ausgangsschild so einladend ausgesehen. Und doch hinderten mich unsichtbare Fesseln daran, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Das Atmen fiel mir plötzlich schwer und Wut brannte wie eine grelle Flamme in mir. Ich konnte nicht verstehen, wie ein Fremder so viel Macht über mich haben konnte. Was passierte hier?

Er sollte mir verdammt noch mal den Buckel runterrutschen. Schließlich hatte ich ihn nicht darum gebeten, mich zu befreien.

Aber er hatte es trotzdem getan. Und er vertraute mir.

Ein tiefes Knurren stieg mir aus der Kehle. Ich blickte frustriert an die Decke und fuhr mit gekrallten Fingern durch mein Haar. Dann seufzte ich schwer und kehrte zurück an den Platz, wo er mich zuvor aufgefunden hatte. Allerdings versteckte ich mich hinter der Säule in der Mitte, verschränkte die Arme vor der Brust und wartete auf seine Rückkehr.

Nur wenige Sekunden später hörte ich Schritte näher kommen. Sie stoppten und ein leises Seufzen drang zu mir durch. Ich grinste und genoss diesen kurzen Moment des Triumpfes, bevor ich mit einer Schulter gegen die Säule gepresst um diese herumrutschte und ihm unter die Augen trat.

Seine Mundwinkel wanderten nach oben. „Wie schön. Du bist noch hier.“ Erleichterung stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Ich imitierte sein Grinsen. „Fahr zur Hölle.“ Daraufhin drehte ich mich um und marschierte geradewegs zurück in Abes Büro, fest entschlossen, Quinn als meinen Bodyguard anzuheuern, damit er mir diesen gottverdammten Samariter vom Leib halten würde.

 

*

 

Ich zog den Reißverschluss meines Rucksacks zu, in den ich gerade meine drei T-Shirts, das einzige andere Paar Jeans, das ich besaß, und meine wenigen Bücher gestopft hatte. Die Sonne verkroch sich gerade hinter Londons Dächern. Dies war meine letzte Nacht im Jugendheim—meinem Zuhause seit über zwölf Jahren.

Der alte Abe hätte mich lieber ins Kittchen schicken sollen. Konnte auch nicht viel schlimmer sein als diese Jugendanstalt. Aber mich aus dem Land zu verbannen und dazu zu verurteilen, mit meiner Mutter im selben Haus zu leben, war unsagbar grausam. Diese Ruchlosigkeit hätte ich nicht einmal ihm zugetraut.

„Es ist ja nicht mal für zwei Monate“, hatte Quinn nach der Anhörung gemeint. „Du bist ein taffes Mädchen. Du wirst es überstehen.“

Tatsächlich war Quinn der Einzige, den ich wirklich vermissen würde.

Es klopfte an der Tür. Das musste er sein. Der Richter und Miss Mulligan hielten es für eine gute Idee, dass ich den Abend mit meiner Mutter und ihrem Schoßhündchen verbrachte, bevor ich mich morgen mit ihnen auf die weite Reise machen würde. Charlene hatte bei dem Gedanken übers ganze eingefallene Gesicht gestrahlt, während ihr seltsamer Freund versucht hatte, sein blödes Grinsen mit einem Husten zu vertuschen. Dass Quinn mich zu dem Treffen begleiten würde, war meine Bedingung, unter welcher ich einwilligte.

Ich öffnete die Tür … und riss die Augen fassungslos auf. Quinn in Zivilkleidung. Das war ja mal was ganz Neues.

Ohne seine Uniform wirkte er sogar noch jünger als sonst. Das engsitzende graue T-Shirt und die ausgewaschenen Jeans standen ihm echt gut.

Mein schwarzer Sweater und die zerrissenen Jeans schienen mir plötzlich keine so gute Idee mehr zu sein. Vielleicht hätte ich die Sicherheitsnadel doch lieber stecken lassen sollten.

Quinn bot mir seinen gebeugten Arm an. „Na Kleine, bist du bereit?“

„Bereit, um dem Drachen unter die Augen zu treten und über kleiner Flamme geröstet zu werden? Niemals.“ Ich schlang meinen Arm durch seinen und zog die Tür hinter mir ins Schloss. „Lass uns gehen.“

„Komm schon, so schlimm kann es doch gar nicht sein.“

„Du hast ja keine Ahnung.“

Unten in der Eingangshalle hielt mir Quinn die Tür auf und führte mich dann zu seinem schwarzen BWM, den er auf der anderen Straßenseite geparkt hatte. Wir stiegen ein, und er steuerte den Wagen in den Abendverkehr. Eine ganze Weile sah ich nur aus dem Seitenfenster und blies Trübsal, bis Quinns übertrieben lautes Räuspern mich aus meinen Gedanken holte.

Ich drehte mich zu ihm. „Was ist?“

Er blickte nur kurz zu mir und konzentrierte sich dann wieder auf die Straße. „Um ehrlich zu sein, war ich heute ziemlich überrascht, als deine Mutter plötzlich vor mir stand. Hattest du nicht gesagt, sie sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen?“

„Schön wär’s.“ Ich verschränkte die Arme über der Brust und blickte finster nach vorn, wobei ich mir insgeheim wünschte, Quinn würde dem Wagen vor uns auf die hintere Stoßstange krachen. Das wäre die perfekte Entschuldigung, um den Abend nicht mit meiner Mutter verbringen zu müssen.

Wir passierten die Kreuzung ohne Zwischenfall. Großartig.

Ich brauchte schnell einen Plan, bevor wir bei dem Restaurant ankamen und es für mich keinen Ausweg mehr gab. Ein flaues Gefühl in meinem Magen wurde mit jedem Kilometer, den wir fuhren, schlimmer. Ich räusperte mich, so wie Quinn vorher, und als er zu mir rüber blickte, schenkte ich ihm ein zuckersüßes Lächeln.

Sein Blick schoss zwischen mir und der Straße hin und her. „Woran denkst du gerade, Jona?“

Ich setzte meinen niedlichsten Hundeblick auf. „Wie stehen denn die Chancen, dass du dich verirrst und wir, statt bei dem Restaurant, in der Innenstadt landen und uns einen Film reinziehen?“

Quinn lachte. „Oh nein! Abe würde mir dafür den Kopf abreißen.“

Okay, das war wohl nichts. Plan B. „Sag mal, magst du mich eigentlich?“

Den Kopf leicht zu mir geneigt, steuerte er den Wagen für einen Moment mit nur einer Hand, während er mir die andere auf den Unterarm legte und leicht zudrückte. „Natürlich mag ich dich.“

„Willst du mich heiraten?“

Wie bitte?“ Er riss seine Hand so schnell zurück, dass er damit ordentlich gegen das Lenkrad stieß und der Wagen kurz aus der Spur ausbrach. Oha.

Mit einem entschuldigenden Blick erklärte ich schnell: „Wenn du mich heiraten würdest, könnte mich niemand mehr zu dieser moralisch völlig korrupten Frau schicken, die alle meine Mutter nennen.“ Ich hob mein Kinn hoch. „Ich wäre dann ein selbständiger Erwachsener.“

„Ach so ist das?“ Ein erleichtertes Schmunzeln schlich sich auf seine Lippen. Er lenkte den Wagen um Kings Cross. „Ich fürchte nur, dass Bethany darüber nicht ganz so erfreut wäre.“

Ich runzelte die Stirn, während ich mit meinen Fingerspitzen den glatten Gurt auf- und abstrich. „Wer ist Bethany?“

„Meine Freundin.“

„Ich wusste ja gar nicht, dass du eine hast.“

Quinn strahlte. „Es ist noch ganz frisch.“

Irgendwie war es nett, meinen Freund so glücklich zu sehen. Ich freute mich auch wirklich darüber, dass er eine Frau für sich gefunden hatte. Blöd war nur, dass sie meinen genialen Plan B zunichtemachte.

Ich zog einen Schmollmund und wartete darauf, dass er mir wieder seine Aufmerksamkeit schenkte.

Er zog langsam eine Augenbraue hoch. „Was kommt jetzt?“ Diese an sich harmlose Frage klang verdammt nach einer Warnung. Unglaubliche Sache, seine Intuition, was mich betraf.

„Du und Beth, ihr könntet mich doch adoptieren.“ Süße Unschuld lag in meiner Stimme.

Quinn zögerte einen Moment und legte dann seine Hand auf meine. „Du bist doch schon zu alt, um adoptiert zu werden, Kleine.“

„Ja … und Beth wäre sicher auch nicht glücklich über eine Plage wie mich.“

Seine Finger schlossen sich sanft um meine. „Ich habe in dir nie eine Plage gesehen und das weißt du.“

Ich seufzte schwer. „Ja, ich weiß. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich dich so gut leiden kann. Du bist der Einzige, der sich je etwas aus mir gemacht hat.“

Eine so offene und ehrliche Unterhaltung hatte ich schon seit Jahren mit niemandem mehr geführt. Offenheit war etwas, das ich normalerweise irgendwo in den tiefsten Kerkern meines Herzens verschlossen hielt. Aber bei Quinn, der für mich so etwas wie ein großer Bruder war, passierte es schon mal, dass diese Tür einen Spaltbreit aufging. Wenn auch nur einen sehr kleinen.

„Sieh die Sache doch mal von der positiven Seite. Bald hast du wieder eine ganze Familie, für die du wichtig bist. Und dieser Junge wirkte heute auf mich, als würde er sich auch wirklich um dich sorgen.“

„Ich weiß echt nicht, was daran gut sein soll, mit dem Drachen und ihrem kindlichen Liebhaber zusammenzuwohnen.“

Weil er einen Gang rauf- oder runterschalten musste, ließ Quinn meine Hand los. „Quatsch. Er ist doch nicht ihr Liebhaber.“

„Woher willst du das wissen?“

„Ich hab mich heute Morgen kurz mit ihm unterhalten. Anscheinend ist er so etwas wie ein Pfleger. Ein sehr netter Bursche.“

Wenn Quinn das sagte, gab es für mich keinen Grund, daran zu zweifeln. Doch woher das seltsame Kribbeln in meinem Bauch kam, als er von ihm sprach, war mir ein Rätsel.

„Mach dir keine Sorgen“, fügte Quinn hinzu. „Ich hab ihm nur Gutes über dich erzählt.“

Ja genau, als ob es über mich je etwas Gutes zu sagen gegeben hätte. Da wäre mein Name und … tja, das war’s auch schon wieder. Aber wo wir gerade beim Thema Namen waren …

„Hat er dir auch gesagt, wie er heißt?“

„Ja.“

Ich wartete. Doch es kam nichts. „Und?“

Quinn begann zu grinsen. „Interessiert dich der Junge?“

Ich stieß ihm meinen Ellbogen in die Rippen, woraufhin er laut lachte. „Lass das, Kleine. Ich muss mich auf die Straße konzentrieren.“

„Ich bin nicht an ihm interessiert“, gab ich bissig zurück. „Es interessiert mich nur, mit welchen Leuten ich in den nächsten sechs Wochen zwangsläufig zu tun haben werde. Das ist alles.“

„Ach, stimmt ja. Es muss für dich sicher aufregend sein, nach all den Jahren diese Tante in Frankreich kennenzulernen. Wie war noch gleich ihr Name?“

„Keine Ahnung. Wen juckt das schon?“

„Ha! Erwischt! Ich dachte, du möchtest über alle Leute Bescheid wissen, mit denen du zu tun haben wirst?“ Er schmunzelte und es ging mir tierisch auf die Nerven. Dann sagte er: „Wusstest du, dass der Bursche nur ein paar Jahre älter ist als du? Wer weiß, wenn du nett zu ihm bist, will er dich am Ende vielleicht noch heiraten.“

Für diese Bemerkung hatte er eigentlich eine Ohrfeige verdient. Ich blickte ihn vorwurfsvoll an und knirschte dabei mit den Zähnen. „Hat er dir auch erzählt, dass er mich heute im Gang alleine sitzen ließ, nachdem er mir die Handschellen abgenommen hat?“

Quinn blickte nachdenklich auf die rote Ampel, vor der wir angehalten hatten. „So? Hat er das?“

„Jap. Er ging auf die Toilette. Also, was sagt uns das über deinen neuen Freund?“

„Dass er dir vertraut?“

„Nein …?“ Aber es war schon komisch, dass Quinn die gleichen Worte benutzte wie der blonde Bursche heute Nachmittag. „Es zeigt uns, wie unverantwortlich er handelt. Was denkt er sich dabei, eine Kriminelle unbeaufsichtigt zu lassen?“

„Ja, und was für eine gemeingefährliche Kriminelle du doch bist.“ Quinn rollte dabei verspielt mit den Augen.

Ach, sollte er doch zum Teufel gehen.

Zwei Minuten später rutschte mir das Herz in die Hose, als Quinn den Wagen vor Antonios parkte, dem Restaurant, in dem wir meine Mutter treffen sollten. Ich atmete ein paar Mal tief ein und aus, doch nicht einmal das konnte meine Nerven beruhigen. Quinn sah mich einen Moment lang eindringlich an und machte schließlich den Mund auf, um irgendeinen Schwachsinn von sich zu geben.

Ich streckte ihm meinen Finger ins Gesicht und schnitt ihm damit das Wort ab. „Hör zu, Klugscheißer. Wenn du mir jetzt mit Augen zu und durch! kommst, dann gibt’s was auf die Nase.“

Sein Lachen schallte im Wageninneren. Er strich mir durchs Haar und anschließend über die Wange. „Kopf hoch, Tiger. Du schaffst das schon.“ Dann stieg er aus.

Ich brachte meinen Finger unauffällig in Position, um den Wagen von innen zu verriegeln, sobald er die Tür zuschlagen würde. Verdammt, hätte ich doch nur besser aufgepasst, als Debbie mir vor einiger Zeit erklärt hatte, wie man einen Wagen kurzschließt.

Die Tür immer noch in der Hand, drehte sich Quinn zu mir um. „Was ist? Kommst du?“

„Mach dir nicht ins Hemd, Officer. Ich komm ja.“

Er wartete, bis auch ich ausgestiegen war, bevor er die Tür zuschlug. Der Mann kannte mich viel zu gut. Er drückte einen Knopf auf seinem Schlüssel. Die Blinker leuchteten zweimal auf und der Wagen verriegelte sich automatisch. Ich wartete, bis er um das Auto herumkam und hakte mich anschließend bei ihm ein.

„Hast du deine Pistole dabei?“, flüsterte ich ihm mit geneigtem Kopf zu, sodass mich die vorbeispazierenden Fußgänger nicht hören konnten.

„Wozu brauchst du denn eine Pistole?“

„Man kann nie wissen. Diese Dinger sind manchmal ganz praktisch. Hast du damit schon mal einen Drachen erlegt?“

Jona.“ Sein Knurren wurde von einem spielerischen Schubs seiner Hüfte gegen meine begleitet.

Ich stolperte über die offenen Schnürsenkel meiner Martens und taumelte seitwärts. Quinn packte mich schnell am Arm und ich kicherte.

„Übrigens“, sagte er leise in mein Ohr. „Sein Name ist Julian.“

„Julian?“ Der Name rollte sanft von meiner Zunge.

Ich sah von meinen Schuhspitzen hoch zum Eingang des Restaurants und blickte plötzlich in zwei faszinierend blaue Augen.

Kapitel 3

 

NA GROSSARTIG. ICH musste ja unbedingt Julians Namen laut sagen. Meine Finger verkrampften sich in einem Todesgriff um die Bündchen meiner Kapuzenjacke, während ich mir kräftig auf die Zunge biss. Selbst in der wenig beleuchteten Straße musste mein Gesicht glühen wie eine überreife Erdbeere. Quinn bekam erst mal meinen Todesblick zu spüren, dafür, dass er mich überhaupt erst in diese scheiß-peinliche Situation gebracht hatte.

Julian, der neben meiner Mutter im Licht der Laterne vor der Restauranttür stand, hatte zweifellos gemerkt, dass wir über ihn gesprochen hatten. Und die Tatsache hob sein Ego sicher höher als Londons Dächer. Einen Finger durch die Schlaufe am Kragen gehakt, schwang er seine schwarze Lederjacke über eine Schulter. Das weiße Hemd, das er anhatte, ließ seine dunkelblauen Augen im Kontrast dazu besonders strahlen. Er lächelte mich an. Es war ein verschmitztes Lächeln, bei dem nur ein Mundwinkel nach oben wanderte. Viel zu süß …

Herrgott noch mal, was war denn heute bloß mit mir los? Ich wollte mir am liebsten selber eine runterhauen. Ein Lächeln hatte mich doch noch nie aus der Fassung gebracht. Eigentlich war ich sogar immer ziemlich immun gegen die diversen Formen des männlichen Charmes gewesen. Offenbar war ich heute einfach nicht ich selbst.

Nach ein paar Sekunden, in denen ich mich keinen Millimeter bewegt hatte, stupste mich Quinn sanft in den Rücken und holte mich damit zurück aus den Wolken. Anschließend streckte er Julian die Hand entgegen. „Jules, was geht?“

Jules? Hatte ich da etwas nicht mitbekommen?

Julian schüttelte Quinns Hand. Dabei kam in mir die Erinnerung an seine kühlen, sanften Finger wieder hoch, wie sie sich um mein Handgelenk geschlungen hatten. Plötzlich wollte ein Teil von mir auch unbedingt die Hand ausstrecken, um die von Julian zu schütteln. Ich trat diesem Teil von mir aber fest in den Arsch und schob meine Hände lieber zickig in die Hosentaschen, selbst als Julian sich mir zuwandte und mir seine Hand hinstreckte.

„Hi, Jona. Alles klar?“, fragte er.

„Spar dir die Mühe. Nur weil du mich heute Morgen von den Handschellen befreit hast, sind wir noch lange keine Freunde.“

Da lehnte sich der Idiot plötzlich näher und flüsterte mir mit einem selbstgefälligen Grinsen ins Ohr: „Bist du etwa immer noch sauer, weil du es nicht übers Herz gebracht hast, abzuhauen und mich damit in Schwierigkeiten zu bringen?“

Wie bitte? Ich zog meine Hände aus den Taschen und ballte sie zu Fäusten, hielt sie aber fest an meine Seiten gepresst, um keinen Blödsinn zu machen, und trat stattdessen einen Schritt zurück. „Nur damit du’s weißt, ich bin einzig und allein wegen Quinn nicht abgehauen. Du solltest auf mich aufpassen und er hat dir vertraut. Aber du hast’s vergeigt. Ich würde meinen Freund niemals in Schwierigkeiten bringen, nur weil du so unvorsichtig bist.“

Seine warmen blauen Augen richteten sich auf meine. Whoa, wo war ich gerade stehen geblieben?

„Na, zumindest gibt es einen Menschen, an dem dir etwas liegt“, sagte er mit leiser Stimme.

Hinter mir klatschte jemand in die Hände und ich hörte Quinns Stimme, doch was er sagte, kam nicht bei mir an. Julians eindringlicher Blick hielt mich gerade voll und ganz in seinem Bann. Auf seltsame Art und Weise kannten seine Augen keine Grenze. Ich fühlte mich gerade bis aufs Letzte offenbart, mit all den dunklen Teilen meiner Seele schön vor ihm ausgebreitet.

Das war so was von fies.

Keiner von uns wollte zuerst wegschauen. Dann kam auf einmal ganz langsam ein süßes Grübchen auf seiner linken Wange zum Vorschein. Ein schiefes Lächeln folgte auch noch. „Was denkst du? Sollen wir reingehen?“

Ich beobachtete, wie sich seine Lippen bewegten, und lauschte auch dem Klang seiner Stimme. Allerdings dauerte es einen Moment, bis auch die Message angekommen war. Wir beide standen allein vor dem Pub. Quinn und der Drache waren bereits vorausgegangen. Ich presste meine Lippen aufeinander und zog meinen Blick von Julian ab, dann schritt ich schnell durch die Eingangstür. Ein leises Lachen ertönte hinter mir, als er mir folgte. Verdammt, er wusste genau, dass er mich abgelenkt hatte.

Der Geruch von würzigem Essen und Bier hing schwer in dem Gewölbe. Einen Fuß auf die Eisenstange unter der Theke gestellt, unterhielt sich Quinn gerade mit dem Kellner. Meine Mutter stand zu seiner Linken und lehnte sich mit einem Arm auf die Theke. In diesem Moment sah ich sie zum ersten Mal wirklich an diesem Abend.

Eine Spange hielt ihr kraftloses Haar am Hinterkopf zusammen; das schale Kupferrot verlor sich dabei im Kontrast zu ihrer schwarzen Bluse. Ein matschbrauner Rock, der nicht ganz bis zu ihren Knien reichte, ließ erkennen, wie schmal ihre Hüften geworden waren. In den hochhackigen Schuhen war sie fast so groß wie Quinn. Ihr rechter Fuß schlüpfte gerade mit der Ferse aus dem Pump, was klarmachte, dass sie sich in den Schuhen alles andere als wohlfühlte. Wen zum Teufel versuchte sie also zu beeindrucken?

Mit einem Kopfschütteln stellte ich mich auf Quinns andere Seite, stützte meine Ellbogen auf die Theke und mein Kinn in meine Hände. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie er sich weiter zu mir herüber lehnte. „Wie schön, dass du es auch noch rein geschafft hast“, flüsterte er. „Für einen kurzen Moment hab ich schon befürchtet, du würdest gar nicht mehr kommen.“

„Ach, und den ganzen Spaß hier verpassen? Wie könnte ich?“ Ich verdrehte die Augen, doch der Kellner war der Einzige, der es mitbekam, und seine Mundwinkel zuckten leicht nach oben. Ich drehte mich zu Quinn. „Warum stehen wir überhaupt hier?“

„Wir warten auf einen Tisch.“

Ich blickte mich im Raum um. „Warum nehmen wir nicht den Tisch da drüben. Sieht doch gut aus.“

Quinn folgte meinem ausgestreckten Finger mit seinem Blick. Im nächsten Moment sah er mich an, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank. „Das ist ein Tisch für zwölf. Ich bin sicher, wir bekommen auch etwas Gemütlicheres.“

„Du willst es gemütlich?“ Mein extra lauter Tonfall lenkte Julians Aufmerksamkeit und die meiner Mutter auf uns. „Dann schlag ich vor, wir werden erst mal unseren lästigen Anhang los.“

Der Officer außer Dienst fuhr mir mit der Hand unters Haar und legte mir seine warmen Finger in den Nacken. Dann drückte er zu. „Du bist ja heute herzallerliebst, kleine Hexe.“ Als er das sagte, grinste er mit gefletschten Zähnen.

„Ich geb mein Bestes“, röchelte ich.

„Daran zweifle ich keine Sekunde.“

Kurze Zeit später führte uns der Kellner an einen kleinen quadratischen Tisch in einer Nische im hinteren Teil des Pubs. Quinn und meine Mutter setzten sich einander gegenüber hin. Julian ging um den Tisch und warf mir noch einen verschlagenen Blick über die brennende Kerze hinweg zu, bevor er ebenfalls auf den freien Stuhl mit hoher Rückenlehne sank. Ich musste wohl oder übel ihm gegenüber zwischen Quinn und meiner Mutter Platz nehmen.

Wie nett.

Ich hüstelte unschuldig, rutschte dann mit meinem Stuhl so weit es ging zu Quinn hinüber und ließ mich schwerfällig nieder. Quinn wartete, bis ich es mir einigermaßen bequem gemacht hatte, und lehnte sich dann mit einem merkwürdigen Stirnrunzeln zu mir herüber. „Möchtest du vielleicht auf meinem Schoß sitzen?“

Ha. Ha. Er war ja so witzig.

Das anhaltende Schweigen meiner Mutter kratzte mich nicht, doch die Art, wie sie mich die ganze Zeit anstarrte, ging mir mittlerweile gewaltig auf die Nerven. Die ganze Zeit über hatte ich ihr dämliches Profil in meinem Augenwinkel. Kurz entschlossen stützte ich mein Kinn in meine Hand und drehte mich dezent—na ja, mehr oder weniger—zu Quinn, mit einem rotzfrechen Grinsen im Gesicht. Problem gelöst.

„Also, ihr beide seid richtig gute Freunde, ja?“ Das war wohl Julians Versuch das Eis zu brechen.

Ich hätte viel lieber nach links gegriffen und das dünne Genick meiner Mutter gebrochen.

Quinn nickte, doch ich war schneller mit meiner Antwort. „Er ist mein Liebhaber. Bist du der ihre?“ Dabei nickte ich verächtlich in Charlenes Richtung.

Meine Mutter schnappte nach Luft und schlug sich dabei schockiert die Hand vor den Mund. Sehr erheiternd. Nicht ganz so lustig fand ich allerdings den Tritt, den mir Quinn daraufhin unterm Tisch gegen mein Schienbein verpasste.

Julian war der Einzige, der von meiner Unterstellung völlig unberührt schien. Er verschränkte die Hände auf dem Tisch und lehnte sich dabei langsam nach vorn auf seine Unterarme. Sein argwöhnischer Blick nagelte mich fest. „Du hast gar keine Ahnung, wie nahe wir uns stehen.“

Heiliger Bimbam. Warum nur musste alles, was er sagte, wie das anzügliche Schnurren einer Raubkatze klingen. Ich wollte gerade mit einer schnippischen Antwort kontern, doch aus meinem Mund kam irgendwie grad so gar kein Ton heraus. Zum ersten Mal seit Jahren war ich sprachlos.

Gott sei Dank kam in diesem Augenblick der Kellner und erlöste mich aus meiner Verlegenheit, als er nach unseren Wünschen fragte. Der Drache bestellte Leitungswasser. Passte zu ihr. Damit konnte sie dann das Feuer in ihrer Kehle löschen. Julian nahm ein Glas Orangensaft und Quinn bestellte ein alkoholfreies Bier.

„Und was darf’s für Sie sein, mein Fräulein?“

Ich hob meinen Blick zu dem Mann in schwarzen Hosen und weißem Hemd. „Hmm. Ich denke für den Anfang nehm ich erst mal einen Tequila. Oder vielleicht bringen Sie mir lieber gleich einen doppelten. Der Abend hat gerade erst angefangen. Da heißt es noch lange durchhalten.“

Das Besteck schepperte auf dem Tisch, als Quinn mir noch mal einen Tritt unterm Tisch verpasste. Ich quietschte auf. Unterdessen bestellte der Verräter eine Cola für mich. Der Kellner zog ab und schüttelte dabei den Kopf.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte mich Julian besorgt.

„Ja, alles bestens.“ Ich knirschte mit den Zähnen, wobei ich Quinn seitlich einen finsteren Blick zuwarf. Ich hatte doch tatsächlich gedacht, er sei mein Freund. Wahrscheinlich konnte er es kaum abwarten, bis ich endlich das Land verlassen würde.

Als wir alle etwas zu trinken vor uns stehen hatten, lehnte sich Quinn interessiert weiter vor auf dem Tisch und fragte meine Mutter: „Frankreich also? Wohin genau werden Sie die kleine Prinzessin denn entführen?“ Seine Stimme klang plötzlich sehr sanft, so als schwänge da doch ein wenig Bedauern mit. Er blickte dabei auch kurz zu mir.

Mein Herz taute gerade wieder etwas auf. Er würde mich wohl doch genauso sehr vermissen wie ich ihn.

„Meine Schwester lebt in der Provence. In einer kleinen Ortschaft namens Fontvieille.“

Zwar hatte ich das Wort Provence schon mal irgendwo aufgeschnappt, doch der Rest hörte sich für mich an, als würde ein Betrunkener nach dem Weg fragen. Egal. Charlenes Geschwafel interessierte mich sowieso nicht die Bohne. Zur Ablenkung faltete ich lieber die weiße Stoffserviette vor mir zu einem hübschen kleinen Fächer. Wenn man den in der Mitte zusammendrückte, sah er sogar aus, wie eine niedliche Kragenschleife. Ich knickte den Fächer und hatte plötzlich so etwas Ähnliches wie einen weißen Umhang, der das Licht von oben reflektierte. Einen Umhang … oder eine Kutte, so wie ich sie heute Morgen in Abes Amtszimmer gesehen hatte.

Die plötzliche Erinnerung daran, ließ mich kurz nach Luft schnappen, die ich dann lauthals runterschluckte. Mein Blick wanderte quer über den Tisch rüber zu Julian, der sich in seinem Sessel zurückgelehnt hatte und die Hände lässig über seinem Bauch verschränkte. Er blickte mir geradewegs in die Augen.

Ich zuckte überrascht zurück, doch er blieb entspannt sitzen und bewegte keinen Muskel. Was machte er da? Versuchte er etwa, mich zu durchschauen? Eine lästige Anspannung schlich über mich, von der er anscheinend überhaupt nicht berührt war.

„… mit dem Vertrieb von Wein aus ihren eigenen Weinbergen haben sich die beiden ein nettes Zuhause geschaffen“, hörte ich meine Mutter erzählen. „Meine Schwester kann leider keine Kinder bekommen, obwohl sie sich immer eines gewünscht haben. Drum sind sie auch begeistert, dass ihre Nichte nun für ein paar Wochen bei ihnen leben wird.“

Quinn faltete seine Hände auf dem Tisch. „Miss Montiniere, ich hab mich gefragt—“

„Oh bitte, nennen Sie mich doch Charlene.“ Meine Mutter schenkte ihm ein kleines Lächeln.

„Ja, Quinn, bitte. Du musst sie einfach Charlene nennen. Unbedingt.“ Meine Stimme war süß wie ein Sahnebonbon. „Ist doch ein passender Name für einen gefühllosen Drachen, findest du nicht?“

Ein pochender Schmerz zuckte durch mein rechtes Bein. „Verdammt!“ Wenn Quinn mich weiterhin trat, würde mein Bein morgen früh in sämtlichen Blau- und Grüntönen schimmern. Dieses Mal trat ich zurück. Leider streifte ich aber nur seine Jeans. „Ich kann nicht glauben, was es hier drinnen für lästige Ratten gibt“, brummte ich.

„Und ich kann nicht glauben, dass du tatsächlich all deine Manieren zu Hause gelassen hast“, antwortete Quinn genau wie ich durch ein verbissenes Lächeln.

„Bitte, Quinn, seien Sie meiner Tochter nicht böse. Ich verdiene mit Sicherheit ihren Zorn und ihr Misstrauen.“ Der traurige Blick meiner Mutter schwenkte zu mir. „Ist es nicht so, Jona?“

Mir wurde kotzübel. „Ehrlich gesagt wäre es mir lieber, du würdest mich einfach in Ruhe lassen und nicht mit mir reden, Charlene.“

Ihre mit Lipgloss beschmierten Lippen verschwanden zu einem dünnen Strich, wobei ihre Mundwinkel leicht nach unten sackten. Sie hatte doch nicht allen Ernstes gedacht, ich würde sie tatsächlich Mom nennen, nachdem sie mir die Kindheit so königlich verpfuscht hatte.

Durch das gedämpfte Licht in dem Pub wirkte ihr knochiges Gesicht plötzlich seltsam jung. Für einen kurzen Moment war es so, als säße mir ein Geist aus meiner Vergangenheit gegenüber, der mich mit großen dunkelbraunen Augen ansah. Das war die einzige Farbe, die heute noch genau so intensiv strahlte, wie damals vor dreizehn Jahren. Durch ihren eindringlichen Blick abgelenkt, bemerkte ich beinahe nicht, wie sie mir ihre Hand langsam über den Tisch entgegenstreckte. Erst im allerletzten Moment zog ich meinen Arm weg und legte beide Hände in den Schoß. Unter dem Tischtuch waren sie vor ihren hinterhältigen Angriffen sicher.

Um nicht ganz so blöd auszusehen, griff Charlene statt nach meiner Hand nun nach ihrem Glas Wasser und zog mit dem Finger den Glasrand nach. Dann nahm sie einen kleinen Schluck und stellte das Glas vorsichtig wieder ab. Ihre Hände zitterten dabei.

„Ich will offen zu dir sein, Jona“, sagte sie leise. „Wir werden nicht mehr allzu lange Zeit haben, um zu reden. Ich bin schwer krank. Es ist Krebs. Ohne eine Chance auf Heilung. Julian sa—“ Sie unterbrach sich selbst mit einem Räuspern und zog wieder Kreise auf dem Glasrand. „Die Ärzte geben mir nicht einmal mehr bis Ende des Jahres.“

„Nein, was du nicht sagst. Das sind die ersten guten Neuigkeiten, die ich heute höre!“, rief ich begeistert.

Unter dem Tisch schlangen sich plötzlich zwei Beine um meine Knöchel und hoben meine Füße nach oben. Durch die rasche Bewegung rutschte ich tiefer in meinen Sitz und ich schnappte überrascht nach der Tischkante. Dieses Mal trat Quinn ins Leere.

„Das war vorhersehbar“, sagte Julian, wobei seine Augen so dunkel funkelten wie Saphirsplitter. Sachte setzte er meine Füße wieder auf den Boden und zog seine Beine zurück. Ich fragte mich dabei, worauf er tatsächlich anspielte: auf Quinns Tritt oder auf meine eiskalte Bemerkung.

An unserem Tisch war es unangenehm still geworden. An Quinns Gesichtsausdruck erkannte ich, dass die Krankheit meiner Mutter keine Überraschung für ihn war. Sie mussten sich wohl heute früh bei Gericht miteinander unterhalten haben, nachdem mein Fluchtversuch so spektakulär gescheitert war. Vermutlich hatte sie sein Mitleid ausgenutzt und ihn um den kleinen Finger gewickelt. Und er war voll drauf reingefallen. Dummer Officer.

Ihre Tage waren also gezählt, was soll’s? Umso besser, wenn ihr mich fragt.

„Jona?“ Als sie meinen Namen nannte, lenkte meine Mutter damit meine Aufmerksamkeit von Quinn zurück auf sich. „Ich möchte nicht … gehen, ohne die Möglichkeit genutzt zu haben, die Dinge zwischen dir und mir wieder in Ordnung zu bringen. Lass mich gutmachen, was ich zerstört habe.“

Ein fassungsloses Lachen entfuhr mir. „Du willst, dass ich dir vergebe? Das kannst du vergessen!“

„Alles, worum ich dich bitte, ist, dass du das Angebot annimmst und zu deiner Tante nach Frankreich ziehst. Sie kann dir all das bieten, was ich dir niemals geben konnte. Mit ihrer Hilfe bekommst du einen guten Start in deine Zukunft.“ Ihre Unterlippe bebte. „Und was mich angeht, ich wünschte nur, du könntest mir die Fehler, die ich gemacht habe, verzeihen.“

„Dann tut es mir leid, aber du wirst wohl abtreten, ohne deinen Wunsch erfüllt zu bekommen.“ Ein verächtliches Grollen stieg in meiner Kehle auf. „Ich werde das tun, was mir der Richter auferlegt hat und die restlichen sechs Wochen bis zu meinem Geburtstag auf dem Feld einer Tante, die ich nicht einmal kenne, Zwangsarbeit leisten. Das ist nicht unbedingt lang genug, um eine tolle Zukunft zu planen. Sobald die Strafe erfüllt ist, komme ich zurück nach London und fang mein richtiges Leben hier an. Ohne dich. So wie ich es in den letzten dreizehn Jahren getan habe.“

„Mit der Polizei dicht auf deinen Fersen und Abe Smith, der immer eine Zelle für dich freihalten wird?“

Es war nicht einmal so sehr Quinns Versuch, die Stimmung mit einem Scherz zu heben, der mich in diesem Moment wurmte, sondern vielmehr Julians Schmunzeln, als sich unsere Blicke über der Kerzenflamme trafen.

Ich richtete mich auf und ballte meine Fäuste um das Tischtuch in meinem Schoß. „Ich bin nicht der Schwachkopf, für den ihr mich offenbar alle haltet. Und wenn es bedeutet, dass ich zehn Stunden am Tag in einem Pub wie diesem Teller waschen muss, um mir mein Geld zu verdienen, dann ist das mit Sicherheit nur halb so schlimm wie die Hölle, in die ich morgen früh geschickt werde.“

Brennende Tränen sammelten sich in meinen Augen. Nachdem es ein halbes Leben gebraucht hatte, bis sie sich nach oben gekämpft hatten, konnte ich sie auch nicht so einfach wieder wegblinzeln. Ich sprang von meinem Stuhl auf, wodurch dieser nach hinten kippte und mit lautem Geklapper auf die Steinfliesen knallte. Wenn der Drache und ihr kleiner Freund vorhatten, heute Nacht noch einen auf ihren Sieg über mich zu trinken, dann musste ich bei Gott wirklich nicht dabei sein.

Ich rannte in Richtung Ausgang. Neugierige Blicke folgten mir von überall im Raum und stachen mir in die Brust.

Draußen bekam ich erst mal eine Ohrfeige von der frischen Luft verpasst. Die Tür fiel langsam hinter mir zu.

Lauf!, schrie eine Stimme in meinem Kopf. Aber wohin? Die tapfere Ansprache gerade eben war doch nichts weiter als ein kläglicher Versuch, mich selbst zu belügen. Kaum in der Lage, die Mathehausaufgaben eines Abschlussklässlers zu bewältigen, konnte ich mir nicht vorstellen, dass mir London viel bieten würde. Niemand würde mich für einen ansehnlichen Job einstellen, nur weil ich Jane Austen auswendig zitieren konnte.

Mit dem Bund meines Ärmels wischte ich mir die Tränen von den Augen, bevor sie meine Wangen runterrollen konnten. Die harte Wand hinter mir spendete leider nur wenig Trost. Ich neigte meinen Kopf nach hinten und betrachtete den Sternenhimmel. Es konnte doch unmöglich meine Bestimmung sein, eines Tage in einer von Abes stinkenden Gefängniszellen zu sitzen.

Neben mir ging die Tür auf und eine großgewachsene Person kam heraus. Durch den Tränenschleier in meinen Augen dauerte es einen Moment, bis ich Quinn erkannte.

„Da steckst du also“, sagte er mit ruhiger Stimme und lehnte sich ebenfalls mit dem Rücken neben mich an die Wand. „Ich hatte schon befürchtet, ich würde den Rest der Nacht damit zubringen, die Straßen nach dir abzusuchen.“

Ich blinzelte ein paar Mal, sah ihn dabei kurz an, blickte dann aber wieder hoch in den Nachthimmel. „Es gibt keinen Ort, wo ich hingehen könnte. Keiner will mich haben.“

Quinn nahm meine Hand. „Ich hab da drin gerade eine Frau kennengelernt, die dich unbedingt wiederhaben möchte. Und außerdem hab ich von einer Handvoll weiterer Menschen gehört, die dich nur allzu gern in ihrem Haus aufnehmen würden. Lass doch einmal deinen Stolz beiseite, Kleine, und erkenn die tolle Chance, die sie dir gerade bieten.“

„Warum willst du mich unbedingt in den Rachen des Löwen schubsen? Du hast doch selbst ihr falsches Getue gesehen“, fauchte ich. „Das Einzige, was diese Frau will, ist ein reines Gewissen, bevor sie den Löffel abgibt.“

„Kannst du ihr das wirklich verübeln?“

Angewidert zog ich meine Hand aus seiner. „Herrgott nochmal, Quinn, auf welcher Seite stehst du eigentlich?“

„Auf deiner, Jona. Siehst du das nicht?“ Ohne Vorwarnung zog mich Quinn in eine Umarmung, die mir die Luft abdrückte. „Seit dem Tag, an dem du zum ersten Mal an meinen Schreibtisch stolziert bist und deinen Hintern auf einen Stapel mit Fällen gepflanzt hast, habe ich auf so eine Wendung für dich gehofft. Du warst die frechste Rotzgöre, die mir je untergekommen ist. Aber ich wusste immer, da steckt mehr dahinter.“

Er streifte mir eine Haarsträhne hinters Ohr. „Warum gibst du deiner Mutter nicht einfach eine Chance? Zeig ihr und deiner Familie das nette Mädchen, das irgendwo ganz tief da drinnen sitzt.“ Ein kleines Grinsen schlich sich auf seine Lippen, als er mit dem Zeigefinger sanft auf die Stelle zwischen meinen Schlüsselbeinen tippte.

Egal, wie groß oder klein dieser nette Teil von mir war, ich würde mich doppelt anstrengen, damit meine Mutter niemals wieder damit in Kontakt kam. Ich schniefte. „Willst du wissen, warum ich damals allen erzählt hab, dass meine Mutter bei einem Autounfall gestorben ist?“

Quinns Blick wich keinen Millimeter von meinem. Er nickte.

„Weil ich mich für die Wahrheit geschämt habe. Dafür, dass meine eigene Mutter einen verfluchten Kinderschänder mir vorzog. Einen Scheißkerl, der mich jede Nacht windelweich geprügelt hat.“ Meine Kehle schnürte sich schmerzlich zu, als ich die Worte aus mir herauspresste. „Irgendwann hab ich die verachtenden Blicke der anderen einfach nicht mehr ertragen. Ihr Geflüster hinter vorgehaltenen Händen darüber, was für ein schreckliches Kind ich nur sein musste, dass mich meine eigene Mutter nicht behalten wollte.“ Mit dem Handrücken wischte ich mir über die Nase und wand mich aus Quinns Umarmung. In der Nähe flatterte eine Motte im Licht der Straßenlaterne. Ich sah ihr einen Moment lang zu, wie sie sich auf das Glas der Lampe setzte und dann wieder wild weiterschwirrte. „Also hab ich einfach ihren Tod erfunden.“

Quinn legte mir sanft die Hände auf die Schultern und drehte mich zurück zu sich. Dann drückte er mich gegen seine Brust. „Ich hatte ja keine Ahnung.“

„Natürlich nicht.“ Meine Stimme ging im Stoff seinen Shirts unter. „Dein verachtender Blick wäre von allen am schlimmsten gewesen.“

*****

Na, neugierig, wie’s mit Jona und Julian weitergeht? Dann holt euch schnell das ganze Buch bei Amazon.

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