Katastrophe mit Kirschgeschmack (GBT 3, dt)

 

GroverBeach E-Book 3

Kapitel 1

 

 

„SIEBZEHN ZU SEIN macht keinen Spaß, wenn du nicht feierst, und du kannst nicht feiern, wenn du ständig in deinem Zimmer hockst!“

Ich lachte zwar über die Mühen meiner Cousine, mich aus meinem verhältnismäßig kleinen Zimmer im ersten Stock zu bewegen, als sie mich dann jedoch am Handgelenk packte, in den Flur hinaus und anschließend quer durch die ganze Villa schleifte, verging mir das Grinsen ziemlich schnell. Chloes knallpinke Fingernägel bohrten sich in meine Haut. Die Tatsache, dass die Farbe ihrer Nägel auf ihre Unterwäsche abgestimmt war – und zwar immer –, löste bei mir einen Würgereiz aus.

Ich hätte wirklich gerne auf dieses Wissen verzichtet, doch Chloe meinte wohl, sie müsse mir das unbedingt erzählen, als wir nach dem Essen mit ihren Eltern beide gemeinsam die Treppe in den ersten Stock hinaufgestiegen waren. Aber ich wollte mich nicht beklagen. Immerhin hatte ich großes Glück, dass ich die nächsten vier Monate bei meiner Tante und meinem Onkel in Grover Beach wohnen durfte.

Die Tochter eines Generals zu sein, war leider nicht immer einfach. Zumindest hatten meine Eltern mich dieses Mal nicht dazu gezwungen, mitten unterm Schuljahr umzuziehen. Wir hatten erst Anfang November, das hieß, mir blieb noch genug Zeit, um mich in die Highschool dieser verschlafenen Kleinstadt an der Westküste einzugliedern und Freunde zu finden, bevor ich wieder zum totalen Außenseiter werden würde. Das war immer meine größte Sorge, sobald bei uns zu Hause das Wort Umzug in Unterhaltungen fiel.

Chloe zerrte mich zur Vordertür raus. Schnell schnappte ich mir noch meine schwarze Kapuzenjacke vom Haken, bevor sie mir den Arm in der Tür einquetschen konnte. Als ich die Jacke über mein langärmliges Shirt anzog, warf mir meine Cousine einen genervten Blick ihre spitze Nase hinunter zu. „Warum ist dir nur immer so kalt, Sam? Du bist hier in Kalifornien. Hier tragen die Leute keine Jacken. Nicht mal im Winter.“

Für jemanden, der sein ganzes Leben in Grover Beach verbracht hatte, mochte das ja zutreffen. Ich allerdings war die letzten acht Monate in Kairo zur Schule gegangen. Wenn man einmal an die Affenhitze in Ägypten gewöhnt war, kam einem alles andere wie ein Spaziergang in einem Kühlschrank vor.

„Wo gehen wir überhaupt hin?“, fragte ich.

Chloe schob mich in ihr weißes Auto, das vor der Villa geparkt war, und antwortete erst, als sie selbst hinter dem Steuer saß und sich angeschnallt hatte. „In die Stadt. Ich werde dir später noch ein paar mehr meiner Freunde vorstellen.“

Mehr Freunde von Chloe? Ich verdrehte die Augen, doch so, dass sie es nicht sehen konnte. Das bedeutete, einen Abend lang mit Teenagern zu verbringen, die der Auffassung waren, die ganze Welt drehe sich nur um die perfekte Frisur und makellos manikürte Nägel. Na wenn sich das nicht nach einem fantastischen Samstagabend anhörte …

Ich lehnte mich zurück, schlang meine Arme um meine angezogenen Beine und machte die Augen zu. Ein harter Klaps von Chloe zwei Sekunden später ließ mich wieder hochschrecken. „Was?“, rief ich.

„Nimm gefälligst deine dreckigen Stiefel vom Sitz! Das ist Leder.“

Zwar grummelte ich dabei, doch ich tat ihr den Gefallen und stellte meine Beine wieder zurück auf den Boden. Immerhin war es ihr Wagen und nicht der Landrover meiner Eltern, in dem sich niemand um ein bisschen Sand auf den Sitzen scherte, der von den Sohlen meiner Stiefel rieselte. In Kairo war wirklich überall Sand.

Chloe fuhr uns zu einem Café im Stadtzentrum, vor dem eine Reihe von Autos geparkt war. In leuchtend blauer Kursivschrift blitzte der Name Charlie’s über der Tür. „Ist es das?“, fragte ich, als ich nach Chloe ausstieg. „Sieht nett aus.“

Das Café hatte einen gemütlichen, überschaubaren Terrassenbereich, doch heute Abend saß niemand an den runden Tischen hier draußen. Aus dem Inneren drang Musik aus den 1960-ern oder 70-ern.

„Das ist nur der erste Stopp“, erklärte mir Chloe. „Wir treffen hier Brin, Ker und Les.“ Dann drehte sie sich um und nagelte mich mit einem warnenden Blick fest. „Hör zu, hier sind die Regeln für heute Nacht.“

„Regeln?“ Das konnte sie unmöglich ernst meinen.

„Du sprichst nur mit Leuten, mit denen ich auch rede, und falls ich heute etwas trinken sollte, wirst du es nicht meinen Eltern erzählen. Verstanden?“

Wow, wenn ich geahnt hätte, dass ich hier den vollen Armee-Drill abbekommen würde, hätte ich mir eine Uniform von meinem Dad geliehen und sie heute Abend nur zum Spaß getragen. Ich verdrehte die Augen und spazierte an meiner Cousine vorbei durch die Tür.

Das Café war innen sogar noch hübscher als von außen. Terrakotta-Steinfliesen verliehen dem Ganzen die nötige Wärme, die es brauchte, um die Höhe des Raumes auszugleichen. Eine geschlängelte Bar wand sich von einem Ende zum anderen an der Mauer entlang, und attraktive Tischchen und Sessel aus Rattan waren im gesamten Café verteilt. Sie verliehen dem Ort ein karibisches Ambiente. Ich musste es wissen – vor Ägypten war mein Vater für zwei Jahre auf Kuba stationiert gewesen. Ich verliebte mich augenblicklich in dieses niedliche Café.

„Was stehst du denn hier wie angewurzelt rum?“ Chloe stieß mich in den Rücken. „Glotz nicht so. Unser Tisch ist da drüben am Fenster.“

Kein Glotzen. Ich machte mir eine gedankliche Notiz und unterdrückte den Drang, vor dem Drill Sergeant, der mir wie ein wilder Stier ins Genick schnaubte, zu salutieren. Zu diesem Zeitpunkt bereute ich ernsthaft, dass ich nach dem Essen die Tür zu meinem Zimmer nicht abgeschlossen hatte.

Auf dem Weg zu dem kleinen, runden Tisch vor der Glasfront blickte ich über meine Schulter und warf meiner Cousine einen verstörten Blick zu. „Echt jetzt, Chloe, es ist ja nicht gerade so, dass die Paparazzi hinter jeder Säule hier drin lauern und nur darauf warten, einen Fehltritt von dir im People Magazine drucken zu können.“

Sie hatte gerade ihren Mund aufgemacht, um zu kontern, doch eine tiefere Stimme kam ihr aus einer anderen Richtung zuvor. „Pass auf!“

Erschrocken drehte ich mich nach vorn und konnte gerade noch stehenbleiben, bevor ich in einen Kellner mit einem voll beladenen Tablett gekracht wäre. Er hielt eine schützende Hand vor die leeren Gläser.

„Das tut mir leid. Ich hab dich nicht gesehen“, stammelte ich und wich einen Schritt zurück. Als ich hoch in sein Gesicht blickte, versank ich in Augen, die so blau waren wie der Himmel über Ägypten. Auch der Rest von ihm zog mich unmittelbar an. Ich war immer schon gefährdet gewesen, einem unschuldig-jugendlichen Aussehen zu verfallen, besonders, wenn diese Jungs mit chaotisch blondem Haar und einem athletischen Körper wie diesem ausgestattet waren. Das einzige Problem bei der Sache war, dass der Typ mich gerade anstarrte, als hätte ich seine dummen Gläser bereits zerbrochen. Sein argwöhnischer Blick wanderte über meine Schulter und wurde noch finsterer.

Chloe schob sich nach vorn und sagte: „Hallo, Anthony.“ Ich war mir nicht ganz sicher, ob sie dabei verführerisch oder arrogant klingen wollte. „Bring mir einen Martini an den Tisch.“ Sie studierte mich einen Moment und tippte sich dabei mit dem Finger auf die Lippen. „Und ein Clubsoda für meine Cousine.“ Flüsternd fügte sie in meine Richtung hinzu: „Du fährst heute Nacht.“

Ich verspürte den Wunsch zu lachen, doch das hätte sie wahrscheinlich gleich wieder als Anlass genommen, mich erneut über die Regeln aufzuklären, also riss ich mich zusammen. „Ich denke nicht, dass du hier drinnen Alkohol serviert bekommst“, gab ich leise zurück und drehte mich dann wieder zu Anthony, dem Kellner. Ob Chloe uns wohl vorstellen würde?

Tja, nun, sie tat es nicht. Stattdessen drängte sie sich an ihm vorbei, stakste nach hinten zu dem Tisch mit ihren Freundinnen und ließ sich langsam in den Sessel gleiten, wobei sie ihr schwarzes Minikleid zurechtzupfte.

Großartig. Wie ein totaler Vollidiot stand ich nun vor dem Jungen, der seinen Kopf neigte und mich fragend anblickte. Da er offenbar ein Freund von Chloe war, wartete er vielleicht darauf, dass ich mich selbst vorstellte. Ich schenkte ihm erst mal ein freundliches Lächeln. „Hi. Ich bin Samantha Summers.“

Der junge Kellner verdrehte die Augen zur Zimmerdecke. „Geh mir einfach aus dem Weg.“

Oh …

Meine Schultern sackten ab, als ich schnell einen Schritt zur Seite machte und er an mir vorbeischritt. Normalerweise brachte mich nichts so schnell aus der Ruhe, doch in diesem Moment leuchtete mein Gesicht vermutlich so rot wie ein Stoppschild.

„Noch eine Summers“, brummte er leise. „Das hat uns gerade noch gefehlt.“

Dahin war meine Hoffnung auf einen netten ersten Abend in meiner neuen Heimatstadt. Zähneknirschend eilte ich nach hinten zu Chloe und ihren Freunden, wobei ich meinen Blick starr auf den Boden vor mir gerichtet hielt und versuchte, der Neugierde der anderen auszuweichen. Ich sank in den Sessel neben meiner Cousine und senkte mein Kinn.

„Was war das denn gerade?“ Chloes kreischende Stimme klang in den Ohren etwa so angenehm wie Desinfektionsmittel in den Augen.

„Was meinst du?“, fauchte ich zurück.

„Hab ich dir nicht noch vor zwei Minuten erklärt, dass du nicht mit jedem hier reden sollst?“

„Wie bitte?“ Offenbar war sie nun völlig übergeschnappt. Und ich hatte echt keine Lust auf diesen Blödsinn, ganz besonders nicht nach der peinlichen Abfuhr, die ich mir gerade eingehandelt hatte. „Du hast doch zuerst mit ihm gesprochen. Was ist denn nur los mit dir?“

„Ich hatte keine andere Wahl – er ist der Kellner. Aber wir sind nicht mit ihm oder seinesgleichen befreundet.“

„Oh mein Gott, Chloe! Hörst du dir eigentlich jemals selbst zu, wenn du redest?“ Ich war absolut bereit, das Lokal zu verlassen und die zwei Meilen zu Fuß zurück nach Hause zu laufen. Alles war mir recht, solange ich nur der Dummheit meiner Cousine entkommen würde. Die Hände um die Armlehne geklammert, stand ich gerade auf, als Anthony an unseren Tisch kam. Aus irgendeinem Grund zögerte ich und ließ mich zurück in den Sessel fallen. Vielleicht war es sein bedrohlicher Blick, der mich davon abhielt, einfach zu verschwinden.

Er stellte je eine kleine Flasche Red Bull vor Chloe und ihre Freundinnen. Zum Schluss schob er ein Glas mit prickelndem Wasser und einer Zitronenscheibe über den Tisch in meine Richtung.

„Was soll das denn sein?“, lästerte Chloe und reichte Anthony die Flasche zurück. „Ich hab einen Martini bestellt und nicht Red Bull.“

Anthony lehnte sich vor und stützte sich dabei mit beiden Händen auf dem Tisch ab. „Keine von euch ist über einundzwanzig. Also bekommst du das Übliche. Nimm es oder lass es, aber geh mir nicht auf die Nerven, Summers.“

Als sein unfreundlicher Blick zu mir schweifte, schoss mir erneut die Röte ins Gesicht. Verdammt, wie machte er das nur? Ich schluckte. Mein Hals fühlte sich viel zu trocken an. Schüchtern verzog ich die Miene. „Ich bin die mit dem Clubsoda, weißt du noch? Dafür brauche ich doch nicht wirklich einen Ausweis, oder?“

In diesem Moment erschien etwas in seinem Gesicht, das ihn gleich viel weniger einschüchternd wirken ließ. Ein Paar Grübchen. Wollte er etwa lächeln, konnte das sein? Nun, er tat es nicht wirklich, doch sein Ausdruck entspannte sich auf jeden Fall.

Ehe ich wusste, wie mir geschah, langte Chloe quer über den Tisch und stieß dabei mit mehr Tollpatschigkeit, als man bei ihr vermuten würde, mein Glas um.

„Was zur Hölle –“ Gleichzeitig, als Anthony zurückwich, fuhr ich aus meinem Sessel hoch, denn das Wasser tropfte über die Tischkannte auf meine Oberschenkel.

„Pass doch auf, Tellerwäscher!“, schimpfte Chloe. „Sieh nur, was du angerichtet hast!“

Anthony sandte ihr einen vernichtenden Blick zu, der auffällig nach einem Seil verlangte, um sie damit zu strangulieren. „Spinnst du? Das warst doch du selbst.“

Sie zog eine perfekt geformte Augenbraue hoch, lehnte sich zurück und verschränkte die Arme unterhalb ihrer Brust. „Ich hab gar nichts gemacht. Vielleicht solltest du nächstes Mal versuchen, deine Augen von mir loszureißen und dich stattdessen lieber auf die einfachen Aufgaben, die du hier drinnen hast, konzentrieren.“

Oh wow, hier traf Freddy Krüger auf Stephen Kings Es. Ganz offensichtlich floss zwischen den beiden einiges an Feindseligkeit, und es hatte wenig damit zu tun, dass Chloe sich selbst als die Queen dieser Stadt sah und Anthony nur eine niedere Küchenhilfe für sie war. Warum hatte ich plötzlich das Gefühl, dass ich mitten in eine persönliche Fehde reingeplatzt war?

„Gibt’s ein Problem, Tony?“

Ich drehte mich zu der Stimme hinter der Bar um, wo ein weißhaariger Mann die Theke wischte. Er war nicht, wie Anthony, mit einem weißen Hemd und schwarzer Hose bekleidet, sondern trug ein blaues T-Shirt mit einer schwarzen ärmellosen Weste darüber.

Kein Problem, Charlie“, antwortete Tony durch zusammengebissene Zähne. Dann zog er ein Geschirrtuch von seinem Gürtel und machte unseren Tisch sauber. Als er damit fertig war, schlang er das feuchte Tuch über seine Schulter und blickte mich wieder einmal so düster wie zu Beginn unserer Begegnung an. „Soll ich dir etwas anderes bringen, das du und deine Freundinnen dann wieder ausschütten könnt?“

Eigentlich wollte ich ihm an den Kopf werfen, dass er mich gefälligst nicht in seinen Streit mit Chloe reinziehen sollte, doch mir blieben die Worte im Hals stecken. Dies waren nicht meine Freunde, und Chloe – nun ja, sie war Familie und ich war im Moment mehr auf sie angewiesen, als mir lieb war. Mit der Aussicht auf vier Monate zusammen unter einem Dach mit ihr waren meine Optionen nun mal begrenzt.

Ich schüttelte den Kopf und Tony zog ab, ohne eine weitere Bemerkung zu verlieren.

Jemand zupfte an meinem Ärmel und ich plumpste zurück in meinen Sessel. Auf sehr unangenehme Art starrte mich meine Cousine an und streifte sich dabei ein paar überblonde Stirnfransen aus den Augen. „Du hast noch viel zu lernen, wenn du weiter mit uns abhängen willst, kleine Cousine.“

Sie war nur ein halbes Jahr älter als ich, aber für sie war ich immer schon die kleine Cousine gewesen. Das kam größtenteils von meinen unglücklichen Eins-Achtundfünfzig. Meine Größe störte mich nicht wirklich. Was mir allerdings gehörig auf die Nerven ging, war das zickenhafte Verhalten, das Chloe neuerdings an den Tag legte. So kannte ich sie überhaupt nicht.

Eins der Mädchen – Breena oder Brinna, ich konnte mir ihren Namen nicht richtig merken – kicherte und öffnete ihre Handtasche unterm Tisch. Nacheinander griffen alle hinein, außer mir. Als ich sah, was Brin mitgebracht hatte, stand mir der Mund vor Schreck weit offen. „Du hast Schnapsfläschchen da drin versteckt? Bist du verrückt?“

„Schhh“, machte Chloe und schüttete einen Wodka-Shot in ihr Red Bull, wobei sich die anderen nach vorn lehnten und sie so vor Blicken abschirmten. „Das ist doch nur ein kleiner Schluck … um in Stimmung zu kommen. Wir gehen später noch auf eine Party.“

Mir platzte fast der Kragen und sie grinste mich dämlich an. Ich hatte endgültig die Schnauze voll von heute Abend. Auch wenn sich meine Optionen für die nächsten vier Monate dadurch gerade in Luft auflösten, diesen Mist wollte ich mir von Chloe nicht länger bieten lassen. „Es ist mir scheißegal, was du heute noch treibst, aber wir gehen ganz sicher nirgendwo hin. Ich bin raus. Gib mir die Autoschlüssel. Ich bin sicher, Christine –“

„Kerstin“, verbesserte mich die rotblonde Schönheit neben Chloe mit einem genervten Schnauben.

„Na schön, dann eben Kerstin … oder sonst jemand kann dich sicher später nach Hause fahren.“

„Ganz sicher nicht!“ Chloe lachte und klang dabei echt angepisst. „Du wirst meinen Wagen auf keinen Fall fahren, wenn ich nicht dabei bin.“

„Du hast mich hierher geschleppt und mir Soda über die Hose gekippt. Ich hab hier nicht gerade viel Spaß. Und bestimmt werde ich nicht bis zu dir nach Hause laufen. Also rück schon die verdammten Schlüssel raus.“ Ich machte eine kurze Atempause und lehnte mich weiter zu ihr hinüber, wobei ich warnend fauchte: „Oder ist es dir lieber, dass ich eine Nachricht auf dem Küchentisch hinterlasse, die deine Mom morgen Früh lesen kann? Ich bin sicher, sie wird begeistert sein, wenn sie erfährt, dass du heimlich deine Drinks mit Alkohol versetzt.“

„Das wagst du nicht, du kleiner Mistkäfer!“

„Bist du dir da so sicher?“ Ich hielt meine Hand auf und ließ ihr schließlich den giftigen Blick zuteilwerden, den ich seit meiner Ankunft am Flughafen unterdrückt hatte, als sie mir zur Begrüßung mit der Hand durch mein kurzes, fransiges Haar gefahren war und mich einen wandelnden Busch genannt hatte.

Schnaubend vor Wut fischte sie die Schlüssel aus ihrer Tasche und ließ sie in meine Hand fallen. Als sie dann auch noch die Zähne aufeinanderbiss, fragte ich mich, ob ich später wohl noch dafür bezahlen würde.

Mann, dieser Abend war echt zum Kotzen.

Mit hocherhobenem Kopf und straffen Schultern steuerte ich anschließend geradewegs auf den Kellner zu, der gerade am Tisch eines jungen Paares stand und sich mit den beiden unterhielt. Aus meiner Hosentasche zog ich zwei Dollar und warf sie ihm aufs Tablett. „Den Rest kannst du behalten.“

Seine Miene wurde zu Eis. Offenbar brauchte ich gar nicht erst noch mehr zu sagen. Ich machte auf dem Absatz kehrt und verschwand durch die Glastür nach draußen. Erst als ich wieder an der frischen Luft war, wagte ich es tief durchzuatmen.

Mit beiden Händen fuhr ich mir durch die Haare und war leicht genervt, als diese auf Kinnlänge endeten. Es war mir wie eine gute Idee vorgekommen, mein langes Haar abzuschneiden, bevor in Grover Beach mein neues Leben begann. Aber im Moment fand ich es nur doof, so wie alles andere hier auch.

Was für ein grandioser Neustart …

Ein oder zwei Minuten lang saß ich einfach nur auf der Motorhaube von Chloes Wagen und starrte auf meine immer noch nassen Oberschenkel. Die rostigen Farben meiner Armyhose hatten sich zu dunkleren Rot- und Brauntönen verfärbt. Was hatte meine Cousine nur geritten, so etwas zu tun?

Vielleicht sollte mal jemand mit Tante Pamela über ihre Tochter sprechen. Trinken in öffentlichen Lokalen, das Auftreten einer arroganten Kuh … das war nicht die Chloe, die ich seit meiner frühesten Kindheit kannte. Andererseits war ich aber auch keine Petze. Ich würde niemals ein Familienmitglied verraten – wie dämlich sich dieses im Moment auch verhalten mochte. Aber das brauchte Chloe ja nicht zu wissen.

Meine Gedanken schweiften zu dem blonden Kellner zurück. Außer seinem Vornamen wusste ich so gut wie nichts von ihm. Doch so wie er „noch eine Summers“ gebrummt hatte, war ich neugierig geworden, was die beiden in der Vergangenheit verbunden hatte, dass sie einander heute nicht mehr ausstehen konnten. Hatte sie ihn schon immer so gepiesackt, weil er sich unter ihrem selbst ernannten Adelsstand befand?

Was auch immer bei den beiden ablief, ich hatte nicht vor, zwischen die Fronten zu geraten. Es war ihr Kampf und der ging mich nichts an. Im Moment hatte ich genug mit dem zu tun, was vor mir lag. In zwei Tagen fing für mich die Schule in Grover Beach an. Ohne Chloes Unterstützung würde es bestimmt genauso ätzend werden wie all die anderen Male, als ich in meinem Leben allein in einer neuen Umgebung zurechtzukommen musste.

Ich konnte es kaum erwarten …

In das Haus zurückzukehren, in dem ich ein Zimmer im selben Stock bewohnte wie meine zickige Cousine, erschien mir gerade wenig aufbauend. Die Schlüssel klimperten in meiner Hand, als ich stattdessen einen Spaziergang die Straße runter machte. Ein kleiner Schaufensterbummel sollte mich auf andere Gedanken bringen. Leider waren die Läden entlang des Bürgersteigs alle dunkel, und vor einigen Fenstern waren auch schwere Rollgitter herabgelassen worden. Ich bemühte mich, durch die Schlitze zu schielen, doch erkennen konnte ich dahinter gar nichts.

Großartig. Es war gerade so, als ob mich die ganze Stadt am liebsten ausschließen wollte. Ein schwerer Seufzer entfuhr mir. Den Blick auf den sternenbesetzten Himmel gerichtet, spazierte ich weiter, bog um ein paar Ecken und verlor schließlich die Orientierung. Tja … das konnte ich mit Abstand am besten. Ich und mein ausgezeichneter Orientierungssinn. Es dauerte über eine Stunde, in der ich ausgiebig vor mich hin fluchte, bis ich Chloes Wagen endlich wiederfand.

Ich kam aus der entgegengesetzten Richtung, in die ich eigentlich losmarschiert war. Ein kurzer Druck auf den Knopf am Schlüssel und die Wagentüren entriegelten sich, wobei die Scheinwerfer kurz aufleuchteten. Bevor ich einsteigen konnte, zogen jedoch Stimmen vor dem Café meinen Blick auf sich. Eine kleine Gruppe von Teenagern stand vor der Tür. Der Kellner war unter ihnen und auch das Pärchen, mit dem er sich unterhalten hatte, bevor ich das Lokal verlassen hatte.

Ich sog meine Unterlippe zwischen die Zähne und überlegte, ob es eine kluge Entscheidung wäre, Tony noch einmal anzusprechen. Da er mich offenbar unbedingt mit Chloe und ihrer Gefolgschaft über einen Kamm scheren wollte, obwohl er ebenso wenig von mir wusste wie ich von ihm, war dies vielleicht die einmalige Gelegenheit, um die Dinge ins rechte Licht zu rücken.

Okay, vielleicht half der Gedanke an Chloes wutentbranntes Gesicht, wenn sie erfuhr, dass ich mich mit Leuten außerhalb ihres Zirkels abgab, ein klein wenig, mich zu überreden.

Entschlossen überquerte ich die Straße. „Tony?“

Er drehte sich zu mir um … und sein Lächeln verschwand augenblicklich. Mit geneigtem Kopf und schmalen Augen musterte er mich von oben bis unten, als ich – mittlerweile viel langsamer – näher kam. Ich kannte diesen Blick. Er hieß: Geh mir einfach aus dem Weg. Ein flaues Gefühl kroch mir in den Magen. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen. Doch es war zu spät, um jetzt noch umzukehren. Alle sahen mich an.

Zögerlich machte ich den nächsten Schritt. „Ich –“ Mit plötzlich schwitzenden Händen umklammerte ich die Bündchen an den Ärmeln meiner Kapuzenjacke. „Ich wollte nur sagen, dass es mir leidtut. Du weißt schon, was vorhin am Tisch passiert ist. Mit dem Glas und –“

„Für dich“, unterbrach er mein Gestotter mit Gift in seiner Stimme, „heißt es Anthony.“

Er drehte sich zu seinen Freunden um, und sie alle ließen mich in der dunklen Nacht alleine vor dem Café zurück.

 

 

Kapitel 2

 

 

„WILLKOMMEN IN GROVER Beach, Sam“, murmelte ich und schleppte mich in gedrückter Stimmung zu Chloes Wagen. Frustriert schlug ich meine Stirn gegen das Lenkrad. Hätte sie mich doch bloß nie aus dem Haus geschleift.

Leider waren auf dem Weg hierher meine Gedanken ganz woanders gewesen, nur nicht auf der Straße. So hatte ich mir auch nicht gemerkt, in welcher Richtung das Haus meines Onkels lag. Eine Weile fuhr ich nur so durch die Gegend, doch bald war klar, ich hatte mich – wie schon vorhin bei meinem Spaziergang – total verfranzt. Gott sei Dank war Chloes Auto mit einem Navi ausgestattet, also gab ich die Adresse ein und ließ mich von der emotionslosen, weiblichen Stimme nach Hause leiten.

Ich parkte vor dem Tor der Doppelgarage, schloss dann die Vordertür mit Chloes Schlüssel auf und versteckte diesen unterm Fußabstreifer. Auf dem Weg in mein Zimmer schickte ich ihr noch eine SMS, damit sie später wusste, wo er zu finden war.

Mein Zimmer im ersten Stock hatte nur ein Fenster, doch das war groß genug, um die halbe Wand zu ersetzen. Darunter lag der riesengroße Garten, doch im Moment konnte ich nichts außer meinem eigenen frustrierten Gesicht in der Scheibe erkennen.

Nachdem ich meine Stiefel zur Seite gekickt hatte, ließ ich mich aufs Bett fallen, das in einer der Ecken des Raumes stand. Dieses Zimmer war zweimal so groß wie mein altes in unserem kleinen Haus in Kairo, und obwohl es vollständig eingerichtet war mit Möbeln aus Kirschholz, wirkte es doch irgendwie leer, so ganz ohne persönlichen Krimskrams. Ich hatte nicht viele meiner Sachen mitgebracht. Nur einen Koffer voll mit einer Kollektion meiner Lieblingsklamotten, die hauptsächlich aus Kapuzensweatern und Armyhosen bestand, und dann natürlich noch mein Mal- und Zeichenequipment.

Mein Handy lag auf dem Nachtkästchen. Ich schnappte es mir und überlegte, wen ich um diese Zeit noch anrufen könnte, um mir die Sorgen eines miserablen ersten Tags von der Seele zu reden. Ägypten war uns zehn Stunden voraus. Ich könnte die Nummer meiner Mutter wählen und würde sie wahrscheinlich gerade beim Frühstück erwischen. Aber was wollte ich ihr sagen? Dass Chloe zu einer unausstehlichen Zicke mutiert war und dass mich dieser Junge in dem Café bis auf die Knochen blamiert hatte?

Nein, das konnte ich nicht. Meine Mutter würde sich viel zu viele Sorgen machen, und das wollte ich meinen Eltern nicht antun. Es war schon schwer genug für sie gewesen, mich gehen zu lassen. Wenn ich meine Mutter anrief, dann musste ich auch fröhlich klingen. Und das würde mir im Moment ganz sicher nicht gelingen. Das Handy glitt mir aus der Hand. Stattdessen beschloss ich, ein wenig zu zeichnen. Es würde mich bestimmt beruhigen. Das tat es immer.

Auf dem großen Schreibtisch vor dem Fenster lagen immer noch Bleistifte, Papier und Kohlestifte wild durcheinander. Bevor mich Chloe heute Abend gezwungen hatte mit ihr und ihren Freunden auszugehen, hatte ich begonnen, Luzifer zu zeichnen. Er war ein Wildpferd, das gerne in der Nähe unseres Hauses am Rand von Kairo herumgestreift war. Niemand hatte es je geschafft, ihn anzufassen. Doch aus irgendeinem Grund hatte er mich viel näher an sich herangelassen als alle anderen. Mein Vater hatte einmal im Scherz gemeint, das käme daher, dass sich der Hengst mir verbunden fühle. Weil wir beide ungezähmt und stur wie ein Esel seien. Aber vielleicht mochte er auch nur mein Haar, das so kohlrabenschwarz war wie sein Fell.

Was auch immer der Grund war, ich hatte seine Anwesenheit immer genossen und ihn in den paar Monaten so an die zweihundert Mal gezeichnet. Doch heute Nacht wollten mir seine Gesichtszüge, das Spiel seiner Muskeln unter dem Fell und die Schatten einfach nicht richtig gelingen. Etwas aus der Erinnerung zu zeichnen war mir schon immer schwergefallen. Mir fehlte das lebendige Modell vor Augen.

Um zwei Uhr morgens, als Chloe auch endlich nach Hause kam und ihre Zimmertür ein wenig zu laut schloss, gab ich schließlich auf und ging zu Bett. Ich war mir sicher, von Luzifer und der wilden Gras- und Wüstenlandschaft Ägyptens zu träumen, sobald ich die Augen schließen würde. Doch überraschenderweise war dem nicht so. Was ich sah, war ein jungenhaftes Gesicht mit blauen Augen, die genervt in meine Richtung blickten. Stöhnend rollte ich mich zur Seite und zog mir die Decke über den Kopf. Dieser Vollidiot war sicher das Letzte, woran ich vor dem Einschlafen denken wollte.

 

*

 

Sonntag war cool. Ich sah Chloe so gut wie den ganzen Tag nicht. Anscheinend blieb sie nach einer Partynacht gerne länger im Bett, um auszuschlafen … bis in die Nachmittagsstunden. Es schien niemanden zu stören, am allerwenigsten mich.

Am Abend packte ich dann meine Schulsachen und ging alles noch dreimal durch, damit ich morgen auch ja nichts vergessen würde. Doch bereits Montagfrüh wurde mir klar, dass ich eine essenzielle Kleinigkeit total außer Acht gelassen hatte. Eine Mitfahrgelegenheit zur Schule. Chloe hatte das Haus bereits verlassen … ohne mich und ohne mir vorher noch zu erklären, wie ich zur Grover Beach High gelangen würde.

Verlassen und orientierungslos stand ich vor der Haustür und blickte auf die leere Straße. Mit einem schweren Seufzer schwang ich mir den Rucksack über die Schultern. Es bestand zwar immer noch die Möglichkeit, meine Tante Pamela zu bitten, mich zur Schule zu fahren, doch das würde bedeuten, dass ich ihr Gründe nennen müsste, warum Chloe mich hatte stehen lassen. Und das wollte ich an diesem Morgen unbedingt vermeiden.

Stattdessen fragte ich die erste Person, die mir auf dem Weg die Straße hinunter entgegenkam, nach dem Weg. Die offenbar schwerhörige, alte Dame kreischte zurück: „Was willst du?“

„Grover Beach Highschool!“, rief ich laut. „Welche Richtung?“ Abwechselnd zeigte ich nach links und rechts und machte dabei ein hoffnungsvolles Gesicht.

Nun lächelte die alte Dame. „Ah. Das sind zwei Meilen in diese Richtung“, schrie sie so laut, dass ich mich fragte, ob sie mich für genau so taub hielt, wie sie es selbst war. Mit ihrem Gehstock zeigte sie nach links.

Wenn ich noch vor dem Läuten in der Schule sein wollte, musste ich laufen. Zweimal fuhr ein dottergelber Schulbus an mir vorbei, als ich den Bürgersteig entlang joggte. Zumindest wusste ich nun, wann ich morgen einen erwischen konnte.

In Schweiß gebadet und völlig außer Atem erreichte ich nach zwanzig Minuten endlich den Campus. Zumindest blieb mir immer noch genug Zeit, um ins Direktorat zu huschen und meinen Stundenplan abzuholen.

Mrs. Shuster, die Sekretärin, erwartete mich bereits hinter der Glastür. Letzte Woche hatte ich mit ihr am Telefon gesprochen, wobei wir gemeinsam meine Stundenanzahl und Fächer ausgearbeitet hatten. Abgesehen von den vier Pflichtfächern der elften Jahrgangsstufe, Englisch, Mathe, Naturwissenschaften und Amerikanische Geschichte, hatte ich noch Journalismus, Sport und natürlich Kunst gewählt.

Mrs. Shuster hatte mich dabei informiert, dass sie an dieser Schule für talentierte Zeichner einen Spezialkurs anboten. Sie nannte das Fach Animation und Visuelle Effekte. In Kairo hatte ich schon einen ähnlichen Kurs belegt und konnte es nun kaum erwarten, meine Fähigkeiten hier weiter auszubauen. Begnadet mit ruhigen Händen und einem Auge fürs Detail war es mein Traum, eines Tages für Disney Pixar zeichnen zu dürfen. Entweder das oder ich würde Profitänzerin werden. Ich liebte das Tanzen beinahe genauso sehr wie das Zeichnen.

Nachdem ich im Sekretariat meine Unterschrift unter einige Formulare gesetzt hatte, überreichte mir Mrs. Shuster meinen Stundenplan und einen Grundriss des Gebäudes. Mit den vielen Gängen, die darauf eingezeichnet waren, grenzte es schon an ein Wunder, wenn ich jemals wieder nach draußen finden würde.

Mit dem Finger auf dem Plan verfolgte ich den Weg zu meiner ersten Unterrichtseinheit, Naturwissenschaften, und blickte dabei immer wieder hoch, um mich zu vergewissern, dass ich noch auf dem richtigen Weg war. Da vorne noch um die letzte Ecke biegen und … ta da! Ich hob den Blick und starrte geradewegs auf eine Tür mit einem Strichmännchen darauf. Der Klang einer Toilettenspülung und mehrerer fließender Wasserhähne drang zu mir heraus. Hinter dieser Tür würde wohl eher nicht Naturwissenschaft unterrichtet werden.

Wieder einmal total verirrt. Wunderbar. Ich blickte noch einmal auf den Grundriss. Wo zum Geier war ich nur falsch abgebogen?

Plötzlich schwang die Tür vor mir auf und ich blickte entsetzt in das Gesicht des Kellners von Samstagabend. Ehe mir klar wurde warum, sprang mir das Herz hoch bis zum Hals.

Tony bremste gerade noch rechtzeitig, bevor er mich über den Haufen rennen konnte. Arrogant blickte er auf mich herab, so als ob ihn meine Größe an mir am allermeisten störte.

Komm schon, so schlimm ist es nun wirklich nicht! Wenn schon nicht groß, dann war ich doch zumindest süß. Bei einer Umarmung hätte er vermutlich sein Kinn entspannt auf meinen Kopf legen können.

Moment mal. Hatte ich gerade tatsächlich an eine Umarmung gedacht? Auf gar keinen Fall! Ganz sicher nicht mit diesem Schwachkopf!

„Du gehst hier zur Schule?“, fragte er mich dann, und nach dem Klang seiner Stimme zu urteilen, konnte ihm an diesem Tag gar nichts Schlimmeres mehr passieren.

„Ähm … ja?“ Verdammt noch mal, dieses Stottern neuerdings fing an, mir gewaltig auf die Nerven zu gehen. Das war doch nicht wirklich ich. Na ja, eben nicht mein normales Ich. Nach einem lauten Räuspern streckte ich meinen Rücken durch, was mir die letzten drei Zentimeter an Größe einbrachte, die ich benötigte, um mein Selbstvertrauen wiederzuerlangen. „Ist mein erster Tag heute.“

Nun bemerkte Tony auch den Lageplan, den ich immer noch fest in beiden Händen hielt. Etwas schien ihn zu belustigen, denn als Nächstes hob er eine freche Augenbraue. „Findet deine erste Unterrichtsstunde auf der Herrentoilette statt?“

Er ließ mir keine Zeit für eine schlagfertige Antwort, sondern schob mich mit seinem Arm sachte aus dem Weg und ging an mir vorbei.

Ich streckte ihm die Zunge raus, doch das sah er schon gar nicht mehr. Dann lehnte ich mich mit dem Rücken an die Wand und schlug mit dem Kopf dagegen, was ich unmittelbar bereute, als mir der Schmerz durch den Schädel schoss. Okay, alles noch mal zurück auf Anfang. Ich lokalisierte erst mal die Herrentoilette auf dem Plan und kämpfte mich dann von da weiter bis zum Klassenzimmer für Naturwissenschaft. Dieses Mal kam ich endlich ans Ziel und ließ mich erleichtert auf einen Stuhl ganz hinten im Raum fallen.

Mit dem Glockenläuten strömten auch die restlichen Schüler in die Klasse. Ein ziemlich großer Kerl in einem schwarzen Sweater blieb vor mir stehen und sah mich bedrohlich an. Er hatte die Kapuze auf und tief ins Blickfeld gezogen. Ein paar kupferne Haarsträhnen blitzten darunter hervor. Außerdem liefen dünne Kabel von seinen Ohren den Hals hinab und verschwanden unter dem Kragen des Sweaters. Ich konnte die laute Musik seines iPods bis hier herüber hören.

„Du sitzt auf meinem Platz“, grollte er schließlich.

„Ja, dir auch einen guten Morgen“, maulte ich, doch er hörte es wohl kaum. Ich rutschte auf den Stuhl links neben seinem und schob dabei meine Bücher über den Tisch. Die Sache hatte auch etwas Gutes. Da er mich nicht zur Hölle geschickt hatte, musste ich zwar neben einem unfreundlichen Riesen sitzen, doch zumindest hatte ich fürs Erste einen Platz.

Hinter den letzten paar Schülern kam auch die Lehrerin zur Tür herein. Ihr Haar war zu einem funkelnden Weiß gebleicht und auf ihrer Stupsnase saß eine ausgeflippte grüne Brille. Ihr Blick schweifte über die Klasse, bis er schließlich an mir hängen blieb. Lächelnd winkte sie mich nach vorne.

Ich hatte sehr wohl damit gerechnet, mich gleich zu Anfang der Stunde vor der gesamten Klasse vorstellen zu müssen. Dennoch lief mir ein kalter Schauer über den Rücken, als ich nach vorne zur Tafel schlurfte. Zumindest musste ich das Ganze heute nur sieben Mal durchziehen, dann war der Horror vorbei.

Miss Hallshaw, so hieß die poppige Lehrerin, meinte, ich solle allen erzählen, wo ich herkäme und was ich gerne machte.

Ich schob die Hände tief in die Hosentaschen und wippte auf den Fußballen vor und zurück. „Mein Name ist Samantha Summers, aber bitte, nennt mich Sam. Mein Vater ist General bei der U.S. Army. Er hat sich freiwillig für Einsätze außer Landes gemeldet, daher mussten wir oft umziehen. Das hier ist bereits meine neunte Schule.“ Ich zuckte mit den Schultern. „In neun verschiedenen Ländern.“

Einige Schüler machten interessierte Gesichter. Jemand aus der letzten Reihe pfiff sogar zwischen seinen Zähnen hindurch, und ein Mädchen, dessen Augen hinter einer Brille gerade vor Begeisterung weit aufgingen, meinte: „Wie abgefahren!“

Wenn sie die ganze Wahrheit kennen würde, die hauptsächlich das nicht vorhandene Sozialleben der Tochter eben dieses Generals betraf, hätte sie das wohl gerade nicht gesagt.

„Es ist wirklich nicht so toll, wie es sich anhört. Versuch mal neun Stadtpläne im Kopf zu behalten, neun Lagepläne von neuen Schulen, und vier Sprachen zu lernen, nur damit du in einem Restaurant die richtige Art von Spaghetti bestellen kannst“, wandte ich ein. „Und gerade wenn du einen super Laden in dieser neuen Stadt gefunden hast, in dem du coole Klamotten kaufen kannst, sagen dir deine Eltern, hey, tut uns leid, aber wir müssen wieder umziehen.“

Das Mädchen mit der Brille zog die Nase hoch. „Autsch. Das klingt echt beschissen.“

„Du sprichst vier Sprachen?“, warf Miss Hallshaw erstaunt ein, und ich drehte mich zu ihr um.

„Ja, Ma’am. Englisch, Portugiesisch, Finnisch und ein bisschen Arabisch.“ Tatsächlich war mein Arabisch limitiert auf die übliche Form der Begrüßung und eine Phrase, um nach dem Preis zu fragen. Doch es hatte gereicht, um mich durch acht Monate in Kairo zu bringen. Ich hatte Glück, die meisten Leute in Ägypten sprachen ziemlich gut Englisch. Sogar die Schule, auf der ich gewesen bin, war eine Privatschule für amerikanische Kinder.

„Kannst du etwas auf Finnisch sagen?“, bat mich ein anderes Mädchen, das seine Haare zu zwei seitlichen Pferdeschwänzen gebunden hatte. Sie kam mir irgendwie bekannt vor. Möglicherweise war sie Samstagabend ebenfalls in dem Café gewesen.

„Rakastan piirtämistä ja tanssimista“, antwortete ich, ohne viel nachzudenken.

Einige der Kids lachten wegen des fremdartigen Klangs der Sprache, aber alle waren total beeindruckt.

„Was bedeutet das?“, wollte das Mädchen mit der Brille wissen und streifte sich dabei das wellige braune Haar hinter die Ohren.

„Sie tanzt und singt gerne.“ Überraschenderweise kam diese Antwort von ganz hinten. Um genau zu sein, von dem Jungen, der mich vorhin von seinem Platz vertrieben hatte. Die schwarze Kapuze lag nun locker auf seinen Schultern, und der iPod war weg. Mit zusammengepressten Lippen grinste er nach vorne.

Und ich starrte ihn mit offenem Mund an.

Nachdem mich Miss Hallshaw aus dem Vorstellungshorror entlassen hatte, kehrte ich zurück auf meinen Platz, wobei mir die Augen des großen rothaarigen Jungen folgten, bis ich wieder neben ihm saß. Nicht länger als Gangster getarnt, sah er richtig nett aus. Er streckte mir seine Hand entgegen. „Hey. Ich bin Niklas Frederickson, aber du kannst ruhig Nick zu mir sagen.“

„Hi, Nick.“ Eigentlich wollte ich ja noch etwas total Geistreiches sagen, aber irgendwie kam ich aus dem Gaffen nicht raus. Schließlich stammelte ich: „Kommst du aus Finnland?“

„Schweden. Aber ich hab einige Zeit in Finnland gelebt, bevor wir nach Kalifornien gezogen sind.“

„Das ist cool.“ Und das meinte ich ernst. „Wie lange lebst du schon in den Staaten?“

„Sechs Jahre. Also … du tanzt gerne, ja? Welche Richtung ist denn die deine?“

„Ach, ich mach von allem etwas. Ballett, Hip-Hop, Funk, Streetdance.“ Ich grinste, denn ich wusste genau, was er gerade über mich denken musste. Dass ich in keiner Disziplin genug Ehrgeiz hatte, um durchzuhalten. Doch so war es nicht. „Ich bin einfach leicht für etwas zu begeistern.“

Nachdenklich zogen sich seine Augenbrauen zu einer geraden Linie zusammen. „Klingt doch toll. Du solltest mal mit Alyssa Silverman sprechen. Sie ist eine Freundin von mir und Captain der Cheerleader. Zufällig sucht sie gerade noch ein paar neue Mitglieder.“

„Wow.“ Ich, ein Cheerleader. Darüber musste ich lachen. „Ich sagte zwar, ich bin begeisterungsfähig, aber ich denke nicht, dass ich dafür der richtige Typ bin.“ Hauptsächlich, weil ich klein war, und obendrein fehlte mir für dieses Image auch die richtige Barbie-Frisur: lang, blond – eben perfekt. Nun stellte sich mir die Frage, ob Chloe wohl bei den Cheerleadern war.

Miss Hallshaw hüstelte, um unsere Aufmerksamkeit auf den Unterricht zu lenken, was Nick und mich für die nächsten fünfzehn Minuten verstummen ließ. Als wir später partnerweise einen toten Fisch sezieren sollten, steckte er mir einen kleinen Zettel mit einer Telefonnummer zu. „Das ist Allies Nummer. Wenn du dir das Team doch mal ansehen willst, ruf sie einfach an.“

„Okay … Danke.“ Ich schob den Zettel in meine Hosentasche. „Es überrascht mich ein wenig, dass es hier überhaupt ein Cheerleaderteam gibt. Hat Grover Beach denn eine Football-Mannschaft?“

„Haben wir nicht. Aber wir spielen Fußball an dieser Schule.“

Ich hatte mal die Hälfte eines Fußballspiels in Finnland gesehen. Das war echt nicht mein Lieblingssport. „Spielst du auch?“, wollte ich wissen.

„Jap. Ich bin ein Grover Beach Bay Shark.“ Er grinste mich breit an und enthüllte dabei einen halb abgebrochenen Zahn in der oberen Reihe. Ich versuchte, nicht darauf zu starren, doch das war schwer, denn er hörte nicht auf zu grinsen.

„Okay. Also, welche Position hast du auf dem Feld? Bist du Quarterback? Oder vielleicht Pitcher?“ Mehr Fachbezeichnungen aus dem Sport fielen mir leider gerade nicht ein.

Nick neigte seinen Kopf, als versuchte er herauszufinden, welche Sprache ich gerade gesprochen hatte. „Quarterbacks gibt’s nur beim Football. Und ganz sicher haben wir keinen Pitcher auf dem Feld. Ich stehe im Tor.“

„Oh.“ Dann hatte er wohl irgendwann mal einen Ball mit seinem Gesicht gestoppt; daher der abgesplitterte Zahn. Ich fragte lieber nicht danach und schob ihm stattdessen den Fisch auf dem Tablett hinüber. Sollte ruhig er ihn sezieren. „Ich mag keine toten Tiere anfassen. Dabei bekomme ich eine Gänsehaut.“ Sogar jetzt stellten sich die kleinen Härchen auf meinen Unterarmen auf.

Nick hatte mit dem toten Fisch keine Probleme. Er schnitt ihn auf, als wäre er eine warmes Brötchen.

Nach Naturwissenschaft kämpfte ich mich durch die überfüllten Korridore bis zu Amerikanische Geschichte und im Anschluss weiter bis zur Englischklasse. Hier fand ich einen Platz neben dem Mädchen mit der Brille und dem welligen braunen Haar, das ich bereits aus der ersten Unterrichtsstunde kannte. Ihr Name war Susan Miller und sie war eine echt lustige Person. Wir mussten im Unterricht ein Gedicht über eine Frucht unserer Wahl verfassen. Susan nannte ihres Ode an meine Banane. Während sie das Gedicht vortrug, lehnte ich mich entspannt zurück und nahm einen Schluck von meiner Cola. Bei dem unerwarteten Ende ihres Textes brüllte die ganze Klasse vor Lachen und ich sprühte Cola durch meine Nase. Ja, ich konnte unglaublich attraktiv sein, wenn ich wollte.

Susan hatte hinterher auch noch Mathematik mit mir zusammen. Da sie meiner Vorstellungsrunde insgesamt schon dreimal beigewohnt hatte, wusste sie bereits eine Menge über mich und plauderte all die Details aus, als sie mich vor der fünften Stunde zwei ihrer Freundinnen vorstellte: Simone Simpkins, die in ihren hautengen Sachen und mit den perfekten blonden Locken wie ein norwegisches Supermodel aussah, und Liza Matthews.

Beide Mädchen schienen sehr nett zu sein, obwohl Liza erst gar nicht so recht mit mir reden wollte. Ich hatte ständig das unangenehme Gefühl, dass sie mich aus den Augenwinkeln heraus beobachtete. Die Tatsache, dass Tony in Charlie’s Café bei ihr und ihrem Freund am Tisch gestanden hatte, kurz bevor ich abgehauen war, verursachte mir doppelt Bauchweh.

„Du bist Chloe Summers’ Cousine, nicht wahr?“, fragte sie irgendwann ganz überraschend und band sich dabei die langen braunen Haare zu einem Pferdeschwanz. Ich vermutete, das diente der Ablenkung, denn sie wollte mir immer noch nicht in die Augen sehen.

„Ähm, ja. Ist das ein Problem?“ Nach dem Zwischenfall mit dem Kellner war ich etwas unsicher.

„Echt jetzt? Du bist verwandt mit Chloesetta Summers?“, platzte es aus Susan heraus. Sie schob ihre Metallrahmenbrille weiter die Nase hoch, als müsste sie mich noch einmal genauer unter die Lupe nehmen. „Das hätte ich nie vermutet. Du bist so … normal.“

Auf diese Bemerkung hin kugelten sich die beiden anderen vor Lachen. Ich mich auch. Größtenteils deshalb, weil sie meine Cousine Chloesetta nannte und ich keine Ahnung hatte warum. „Ja, sie ist gerade ein wenig … exzentrisch. Ich wohne vorübergehend bei ihr und ihrer Familie, bis meine Eltern in die Staaten zurückkommen. Ich bin völlig verwundert, wie zickig sie geworden ist.“

„Sie ist der totale Barbie-Klon“, warf Simone ein und deutete dann mit dem Daumen zur Seite auf Liza. „Ihre Worte, nicht meine. Aber Chloe hat an dieser Schule schon so etwas wie einen Ruf. Und keinen guten, wenn du verstehst.“

Oh, ich verstand nur allzu gut. Fünf Minuten mit Chloe an einem Tisch waren genug gewesen, um am Ende eine ziemlich gute Vorstellung von ihrem grandiosen neuen Charakters zu haben.

Nach Journalismus zogen mich die drei Mädchen hinter sich in die Cafeteria. Es war nett, zur Abwechslung mal bereits am ersten Tag Freunde zu haben, mit denen ich die Mittagspause verbringen konnte. Normalerweise brauchte ich dafür immer mindestens eine Woche. Doch heute schien sowieso irgendwie alles anders zu sein. Ich fühlte mich in dieser kleinen Gruppe echt wohl. Und in der Cafeteria sah ich auch Nick wieder. Er saß mit ein paar anderen athletischen Jungs an einem langen Tisch vor dem Fenster. Sein kupferrotes Haar stach aus der Menge heraus. Ich winkte ihm im Vorbeigehen, und er lächelte zurück.

„Du kennst Frederickson?“, fragte Liza neugierig, als wir uns in die Schlange vor der Essensausgabe einreihten.

Ich grinste über meine Schulter. „Ja. Finnisch hat das Eis gebrochen.“ Als ich an der Reihe war, lud ich ein Stück Pizza, eine Flasche Mineralwasser und einen Lolli mit Kirschgeschmack auf mein Tablett.

Simone schnappte sich eine halbe Pizza und Susan und Liza wählten je einen Hamburger mit Pommes. Voll beladen schritten sie dann zielstrebig durch den großen Speisesaal. Ich folgte ihnen und fragte mich dabei, wo wir wohl sitzen würden. Meine Kinnlade klappte nach unten, als wir am Tisch mit den sportlichen und auffällig gutaussehenden Jungs stehen blieben. Das hier war ohne Zweifel die Oberliga der coolen Leute an dieser Schule.

„Hey, Finnen-Mädel“, begrüßte mich Nick als Erster und schob dabei den Stuhl neben sich mit dem Fuß nach hinten. „Wie ist dein erster Tag gelaufen?“

Ganz offensichtlich wollte er, dass ich mich neben ihn setzte, also stellte ich mein Tablett auf den Tisch und sank auf den rosa Vinylstuhl. „Viel besser als erwartet“, gab ich zu, bevor ich eine Ecke des Pizzastücks abbiss.

Nicks Blick sprang auffällig von seinem voll beladenen Tablett zu meinem Kirschlolli. „Ist das alles?“

„Sie ist klein. Sie braucht nicht so viel Futter wie du, Frederickson“, sagte jemand hinter mir. Der Hauch von Eiseskälte in der Stimme ließ mich zusammenzucken. Mir blieb der Bissen im Hals stecken. Ich brauchte mich nicht umzudrehen, um zu wissen, wer gerade hinter mir stand.

Tony kam um den Tisch herum und nahm zwischen Liza und Simone Platz, dann lehnte er sich weiter zu Liza hinüber, während sein kalter Blick die ganze Zeit über an mir haftete. „Und warum sitzt sie bei uns?“ Einen kurzen Moment später verzog er schmerzlich das Gesicht. „Aua!“

Liza grinste ihn an. „Das war für dein Feingefühl.“

Tony zeigte bei einem falschen Lächeln Zähne. In diesem Augenblick kam auch der große, schwarzhaarige Junge, der mit Liza bei Charlie’s gewesen war, an unseren Tisch. Er zog verspielt an ihrem Pferdeschwanz, lehnte sich zu ihr herab und drückte ihr einen Kuss auf den Nacken. „Warum trittst du meinen besten Spieler, Matthews?“

Spieler? Gehörten etwa alle hier zur Fußballmannschaft, so wie Nick?

Liza schloss kurz die Augen und ein freudiges Lächeln umspielte ihre Mundwinkel bei der Liebkosung ihres Freundes. Heiliger Bimbam, welches Mädchen würde dabei nicht wegschmelzen wie Eis in der Sonne? Der Junge war eine verdammte Sahneschnitte.

„Tony hat den Tritt verdient“, antwortete ihm Liza, als er sein Bein über die Rückenlehne des Stuhls auf ihrer anderen Seite schwang und sich setzte.

„Hey, was hast du für ein Problem, Mitchell?“ Nick kicherte um den Bissen in seinem Mund herum und stopfte dann noch mehr Pommes hinterher.

Währenddessen traf mich Tonys strafender Blick quer über den Tisch hinweg. Wahrscheinlich würde er heute lieber in der anderen Ecke der Cafeteria sitzen als hier mit mir. Was hatte er nur gegen mich? Schließlich hatte ich doch nicht das Wort Lepra auf meine Stirn tätowiert.

Appetitlos legte ich das Stück Pizza zurück auf den Teller und wischte meine Finger an der Serviette ab. Dann lehnte ich mich zurück und sagte zu Nick: „Das Problem ist, dass ich Chloes Cousine bin.“ Was auch immer das für Tony bedeutete.

Plötzlich sahen alle wie gebannt zu mir herüber. Sogar Nick machte große Augen. „Tatsächlich?“

Ich nickte.

„Du siehst gar nicht aus wie sie.“

Nun musste ich lachen. Gott sei Dank hatte ich nicht gerade wieder von meinem Mineralwasser getrunken. Vor allen hier Wasser durch die Nase zu sprühen war das Letzte, was ich wollte. „Tja, wir stammen ja auch nicht vom gleichen Spermium ab, weißt du?“, erklärte ich Nick kurzerhand, schubste ihn gegen die Schulter und verdrehte dabei neckisch die Augen.

„Aber Sam musste bei Chloe und ihrer Familie einziehen“, fügte Simone hinzu. Dabei fütterte sie den blonden Jungen mit dem stylischen Halb-Iro neben ihr mit ein paar Weintrauben. „Vier Monate lang im selben Haus!“

„Ooh, das ist übel.“ Lizas Freund blickte zwar nicht hoch von seinem Burger, aus dem er gerade zwei Salatgurkenscheiben fischte, doch er verzog mitleidig sein Gesicht. „Alex, schieb mal das Ketchup rüber.“

Simones Freund schoss die Flasche der Länge nach über den Tisch bis an unser Ende, doch ein anderer Junge schnappte sie sich zuerst und schüttete drei Viertel des Inhalts über seine Spaghetti.

„Iiih, Sasha! Lass doch noch einen Tropfen übrig.“ Liza erkämpfte sich die Flasche aus seinen Händen und reichte sie ihrem Freund, der den letzten Rest über seinen Burger kippte. Im nächsten Moment sprang ich vor Schreck fast in die Luft, als Nick quer durch die Cafeteria rief: „Hey, Al, schwing mal kurz deinen hübschen Hintern hier rüber!“ Ich verfolgte seinen Blick durch den Speisesaal bis zu einem schlanken, großen Mädchen, dessen Haar so schwarz war wie meins. Nur dass ihres bis zum Bund ihrer Schlaghose reichte.

Sie stellte ihr Tablett auf einem Tisch ab, an dem ausnahmslos Mädchen saßen, und kam zu uns herüber. „Hey, Leute. Was gibt’s?“

„Bist du immer noch auf der Suche nach Mitgliedern für dein Team?“, fragte Nick.

Huch. Cheerleader. Meine Zähne rieben gegeneinander. Ich wünschte, er würde das Thema nicht gerade jetzt vor allen anderen aufbringen. Ein Blick in meine Richtung und Allie würde entscheiden, dass Cheerleading und ich nicht kompatibel waren. Da war ich mir sicher.

„Ja. Wir konnten zwar Liza endlich überreden, bei uns mitzumachen, aber wir brauchen mindestens noch zwei weitere Mädels.“

Es war urkomisch, wie sich plötzlich beide Jungs links und rechts von Liza zu ihr drehten und sie mit offen stehendem Mund anstarrten. Der große mit den schwarzen Haaren fing schließlich an verschmitzt zu lächeln und sagte leise: „Ist das so?“

„Ich hab nur zugestimmt, einmal probeweise beim Training mitzumachen, das ist alles“, gab sie schnell zurück. Dann grinste sie über ihre Schulter und meinte sarkastisch: „Danke, Allie.“

Lizas Freund knabberte an ihrem Ohr. „Oh, du wirst ja so was von für mich tanzen, Baby.“

Sie stieß ihn weg wie einen ungestümen Welpen und lachte. „Krieg dich ein und iss lieber deinen Burger, Hunter.“

In der Zwischenzeit hatte Nick seinen Arm über die Lehne meines Stuhls gelegt. „Al, das ist Sam Summers. Sie ist gerade erst aus dem Ausland zurückgekommen, und wie ich gehört habe, tanzt sie ganz gern.“

Alyssa Silverman streckte mir über den Tisch ihre Hand entgegen. Dabei fiel ihr langes Haar nach vorne und beinahe in Tonys Mittagessen. Er streifte es zur Seite und zurück über ihre Schulter, dann funkelte er Nick böse an, der es wiederum überhaupt nicht bemerkte, weil er sich mir zugewandt hatte. Tja, Tony hatte so ein Talent, jemanden wirklich freundlich willkommen zu heißen. Danke auch, Schwachkopf.

„Freut mich, dich kennenzulernen“, sagte Alyssa, als wir uns die Hände schüttelten. „Welche Tanzstile hast du denn so drauf?“

„Ähm, Criss Cross. Von allem etwas.“

„Klingt, als könnten wir mit dir arbeiten.“ Sie zwinkerte mir zu. „Wenn du Lust hast, kann ich mir später mal ansehen, wie gut du bist. Nach der Mittagspause habe ich Sport. Du vielleicht auch?“

Schnell ging ich in Gedanken den Stundenplan, den mir Mrs. Shuster heute Morgen gegeben hatte, durch und nickte dann.

„Cool! Wir sehen uns dann nachher.“ Mit einem letzten Wink verabschiedete sie sich von uns allen und eilte zurück an ihren eigenen Tisch.

Oh, wow. Das war neu. Ich war total darauf vorbereitet gewesen, wegen meines unbändigen Aussehens in mitten der Menge von ihr bloßgestellt zu werden. Doch es schien ihr völlig egal zu sein.

„Das ist fantastisch!“, freute sich Susan und klatschte aufgeregt in die Hände. „Liza und Sam werden uns bald beide bei den Spielen anfeuern.“

„Ich versteh nicht, was daran so fantastisch sein soll“, maulte Tony. War ja klar, dass aus seiner Richtung wieder ein blöder Kommentar kommen würde.

Das sollte mir aber die gute Laune nicht verderben, also ignorierte ich ihn einfach und drehte mich zu Susan. „Was meinst du mit für uns? Erzähl mir nicht, du spielst auch Fußball.“

„Gemischte Teams“, klärte mich Liza auf. „Deine Cousine ist auch in der Mannschaft. Wusstest du das nicht?“

„Ehrlich gesagt haben wir nicht sehr viel miteinander geredet, seit ich wieder zurück bin. Also nein, das wusste ich nicht. Und das ist auch total verrückt. Meine Cousine und Fußball?“ Ich schüttelte verwirrt den Kopf. „Reden wir hier wirklich über Hilfe-ich-könnte-mir-einen-Nagel-abbrechen-Chloe?“

Ach du meine Güte, was war das denn gerade? Ließ Mr. Kalt und Grausam etwa gerade ein Lächeln durchblitzen? Tja, auf jeden Fall war er schnell damit, es wieder abzustellen.

„Genau die“, meinte Hunter dann. „Und sie spielt sogar wirklich gut.“

Bei seinen Worten senkte Liza ihr Kinn und warf ihm seitlich einen missbilligenden Blick zu. Sie war wohl nicht sehr glücklich über diese Tatsache. Vielleicht konnte sie mir später mehr darüber erzählen. Und auch über Tony.

Während alle anderen noch ihr Essen in sich rein schaufelten, verzichtete ich auf mein angebissenes Stück Pizza und wickelte stattdessen meinen Lollipop aus. Der Kirschgeschmack breitete sich schnell in meinem Mund aus. Mmh, köstlich. Ein Seufzen entwich mir.

Als Susan skeptisch hinter ihren Brillengläsern in meine Richtung schielte, zog ich den Lolli mit einem Schmatzen aus dem Mund und zeigte damit auf sie. „Das sind mit Abstand die besten Dinger, die es auf der Welt gibt. Acht Monate musste ich ohne sie aushalten.“ Ich steckte den Kirschlolli zurück in meinen Mund und rollte ihn auf eine Seite, so dass sich meine Wange nach außen beulte. „Mann, so lecker. Ich könnte mich für den Rest meines Lebens nur noch davon ernähren.“

„Sie ist genau wie du mit deinen Käsekräckern, Tony“, meinte Liza und stupste ihn dabei mit dem Ellbogen in die Seite. „Nur, dass sie keine Mayo auf ihren Lolli pappt.“

Mayonnaise auf einem Lolli? Wovon redete sie bloß?

Tony sah sie in diesem Moment genauso kalt an, wie er mich angesehen hatte, als er vorhin an den Tisch gekommen war. „Sie ist nicht wie ich. In erster Linie, weil sie klein ist. Und das ist auch der Grund, warum sie nicht im Cheerleaderteam sein sollte.“

Die Beine seines Stuhls scheuerten über den Linoleumboden, als er ihn zurückschob, aufstand und sein Tablett wegtrug. Sekunden später schwang die Cafeteriatür hinter ihm zu.

 

Kapitel 3

 

„ICH VERSTEH’S NICHT. Warum hasst er mich nur so?“ Mies gelaunt sank ich auf die niedrige Bank im Mädchenumkleideraum und schlüpfte aus meinen klobigen schwarzen Stiefeln.

„Mach dir nichts draus. Am besten beachtest du ihn gar nicht“, meinte Liza mit einem verständnisvollen Ausdruck in ihrem Gesicht, während sie ihre Jeans aufknöpfte und den grauen Micky-Maus-Sweater auszog. „Er reagiert im Moment nur etwas allergisch auf den Namen Summers, das ist alles.“

„So viel habe ich mitgekriegt. Also … was ist der Grund dafür? Was ist denn zwischen den beiden vorgefallen, dass die ganze Summers-Sippschaft darunter leiden muss?“

Liza verzog ihren Mund nachdenklich auf eine Seite. „Die kurze Version ist, er war in deine Cousine verknallt, die beiden hatten was miteinander und noch in derselben Nacht schickte sie ihn zum Teufel. Das war letzten Sommer.“

„Ach du heilige Scheiße!“ Er war mit meiner Cousine zusammen gewesen? Meine Augen gingen vermutlich gerade weiter auf als Untertassen. War Tony in Chloe verliebt gewesen? Irgendwie schwer zu glauben, nachdem ich gesehen hatte, mit welcher Abscheu er ihr Samstagabend begegnet war. Er war ihr gegenüber eiskalt und total gefühllos – genauso, wie er sich mir gegenüber verhielt.

In Gedanken versunken, fiel mir erst nach einigen Sekunden auf, dass Liza mich mit schräg geneigtem Kopf beobachtete. „Alles okay?“, fragte sie.

„Sicher.“ Ich räusperte mich schnell. „Ich hätte nur nicht gedacht, dass Chloe jemals zu dieser Art von Flittchen werden würde. Irgendwie kann ich Tony sogar verstehen. Ich würde an seiner Stelle wohl auch gereizt auf meinen Nachnamen reagieren.“

„Ja schon, aber die Geschichte geht noch weiter“, mischte sich Simone ein. Dabei legte sie einen Arm um Lizas Schultern. Die beiden sahen sich einen Moment lang an und dann begann Simone zu grinsen. „Nicht wahr?“

Liza stieß einen Seufzer aus. Von da an übernahm Susan das Wort. Sie redete wirklich gern, so viel hatte ich mittlerweile über sie herausgefunden. „Also, es ist so … Liza war bis vor Kurzem ja so was von verliebt in Tony. Aber der Schwachkopf hat’s einfach nicht geschnallt. Oder vielleicht hat er es sogar und ihm fehlte einfach der Mut, ihr zu sagen, dass er auch total in sie verliebt war.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Wer weiß das schon?“

Tony war in Chloe und Liza verliebt gewesen? Bei dem Gedanken pikte mich ein komisches Gefühl in der Brust. Nein, eigentlich war es gar nicht komisch. Tatsächlich war es höchst unangenehm. Ich wollte nicht die einzige Person auf der Welt sein, die er nicht leiden konnte.

„Doch eines Tages“, fuhr Susan fort und merkte Gott sei Dank nicht, was mir gerade durch den Kopf ging, „kam Ryan Hunter des Wegs und hat Tony Liza einfach unter der Nase weggestohlen.“

Nun lachte auch Liza. „Er hat mich ihm nicht gestohlen.“ Ihr strahlender Blick schwenkte zu mir. „Das musste er auch gar nicht. Ich hab mich freiwillig für Hunter entschieden.“

„Ja genau. Nachdem sich die beiden um sie geprügelt hatten. In ihrem Zimmer!“ Der schmachtende Ausdruck in Simones Gesicht verriet, dass das so ziemlich das Romantischste war, das sie sich vorstellen konnte.

Tony hatte sich wegen Liza geschlagen? Sie wirkte nett genug, dass die Jungs sicher Schlange bei ihr standen. Obendrein war sie auch noch hübsch, auf sehr natürliche Weise. Plötzlich verspürte ich einen Funken Eifersucht in mir hochkommen. Wenn ich mein Haar nicht hätte kurz schneiden lassen und vielleicht etwas mehr so aussehen würde wie sie, dann würde Tony mich vielleicht auch anziehend finden. Er wäre dann bestimmt nicht so ein Arsch.

Aber warum kümmerte mich das überhaupt? Er war nur ein dämlicher Lackaffe, der mir auf die Nerven ging. Ich konnte ihn ignorieren, wenn ich wollte. Sollte eigentlich nicht so schwer sein.

Während ich mir die Turnschuhe band, blickte ich hoch zu Liza. „Ryan Hunter war der Junge neben dir am Tisch in der Cafeteria, richtig? Also hat er dich am Ende gekriegt und jetzt ist Tony sauer?“

„Nein, Tony ist nicht sauer.“ Sie streifte sich ein weißes T-Shirt über, das gleiche, das wir alle für den Sportunterricht trugen. Als ihr Kopf wieder zum Vorschein kam, sagte sie: „Es stört ihn nicht, dass ich mit Hunter zusammen bin. Wir sind immer noch beste Freunde.“

„Nur, dass er jetzt nicht mehr in Lizas Bett schlafen darf“, kicherte Susan. Dafür gab ihr Liza einen Klaps auf die Schulter.

Simone zog Susan am Ärmel und die beiden gingen gemeinsam in die Turnhalle. Liza und ich folgten den beiden. Als ich sie fragte: „Tony hat bei dir im Bett geschlafen?“, klang meine Stimme eigenartig belegt.

„Hin und wieder, ja. Seit wir klein waren, haben wir praktisch alles zusammen gemacht. Da war das irgendwie normal für uns.“

„Hast du ihn auch schon mal geküsst?“ Verdammt, ich wollte das gerade echt nicht fragen! Und außerdem interessierte es mich sowieso nicht die Bohne. Wütend biss ich mir auf die Zunge.

„Nein, nicht wirklich. Er hat mich einmal geküsst, letzten Sommer. Aber damals war ich schon in Ryan verliebt, und eigentlich zählt es nicht wirklich.“ Sie pausierte kurz und präsentierte dabei ein Peppermint-Patty-Grinsen. „Warum fragst du? Gefällt er dir?“

„Um Himmels willen, nein!“ Und das war alles, was ich dazu sagen würde. Mit schnelleren Schritten eilte ich durch die Turnhalle, rüber zu Simone und Susan, die sich gerade mit Allie unter den Ringen unterhielten.

Alle drei grinsten dumm aus der Wäsche, als ich zu ihnen stieß. Das war mir gar nicht geheuer. „Was brütet ihr denn gerade aus?“, fragte ich.

„Simone hat uns gerade auf deine perfekte Größe aufmerksam gemacht“, meinte Susan.

„Perfekt?“ Dieses Wort hatte bisher definitiv noch niemand in Zusammenhang mit meiner Größe gebracht. „Wofür?“

Allie trat vor. Sie legte mir eine Hand auf die Schulter. „Du kennst doch diese Cheerleader-Choreographien, bei denen ein Mädchen hochgeworfen wird und die Gruppe sie dann wieder auffängt?“

„Oh nein! Kommt gar nicht in Frage!“ Ich machte einen defensiven Schritt zurück. „Ihr werdet mich sicher nicht wie einen Gummiball herumwerfen. Schießt doch Simone in die Luft. Ihr gefällt das bestimmt.“

„Simone ist eine gute Tänzerin, aber leider auch ein Feigling“, stellte Allie fest und bekam dafür prompt einen Knuff von Simone in die Seite.

„Ich bin kein Feigling!“, verteidigte sie sich. „Ich vertraue euch nur nicht, das ist alles.“

„Na wunderbar, aber ich sollte euch schon vertrauen?“ Die hatte doch einen Knall. „Und warum überhaupt traust du ihnen nicht, Simone? Macht ihr das nicht die ganze Zeit?“

Allie rieb sich verlegen den Nacken und rümpfte dabei die Nase. „Wie viel hat dir Nick denn über unser Team erzählt?“

„Eigentlich gar nichts. Nur, dass ihr die Jungs aus der Fußballmannschaft anfeuert. Und die Mädchen“, fügte ich schnell noch hinzu, als ich einen Blick zu Susan warf, die ausnahmsweise ihre Brille mal nicht trug. „Warum? Stimmt etwas nicht mit eurem Team?“

„Nein. Wir sind cool. Wir sind nur keine … professionellen Cheerleader. Das ist alles.“

„Was meinst du?“

„Tja, im Grunde ist es so, dass wir einfach nur dachten, es wäre ganz nett, unsere Jungs ein wenig anzufeuern“, übernahm nun Simone wieder das Wort. „Beim Fußball gibt es ja normalerweise kein Cheerleading, aber die Jungs fanden es toll, als wir irgendwann mal bei einem Spiel in der Halbzeit ein bisschen für sie getanzt haben. Einfach so. Also haben wir uns hinterher jeden Film übers Cheerleading reingezogen, den wir finden konnten, und versucht, die Choreographien nachzutanzen.“ Sie sprang voller Begeisterung in die Luft, schwang dann ein Bein nach oben und bewegte die Arme hin und her, als hielte sie zwei dieser riesigen Pompondinger in den Händen.

„Das wollt ihr etwa auch machen?“, warf Liza mit einem spöttischen Lachen ein.

„Ja, schwing dein Bein, Matthews“, gab Simone scherzhaft zurück. „Ich bin sicher, Hunter würde gerne wissen, was du unter deinem Röckchen trägst.“

„Das wird Hunter nach dem Training rausfinden.“

Lizas letzte Bemerkung sorgte für allgemeines Lachen. Nur ich blickte sie etwas stutzig an. „Hat es einen Grund, warum du deinen Freund immer nur beim Nachnamen nennst?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Er hat damit angefangen.“

„Ja, er nennt sie so gut wie nie Liza“, erklärte mir Susan.

„Niemals?“

„Nein. Wenn er sie nicht Matthews nennt, dann benutzt er irgend so einen Schwachsinn wie … Baby.“ Das letzte Wort sagte Susan in einem richtig tiefen, burschikosen Grummeln. Echt komisch. Ich schlug mir vor Lachen auf den Oberschenkel.

Doch da Allie vorhin behauptet hatte, alle Mädchen tanzten für ihre festen Freunde, wurde ich nun neugierig und fragte sie: „Mit welchem der Jungs aus dem Team bist du zusammen?“

„Mit keinem“, antwortete Simone für sie und wackelte dann anzüglich mit den Augenbrauen. „Noch nicht. Aber sie arbeitet gerade an Sasha Torres. Er hat auch bei uns am Tisch gesessen.“

Verblüfft blickte ich zurück zu Allie. „Der mit den kurzen braunen Haaren? Echt?“ Oh mein Gott, wusste sie eigentlich, wie der Kerl seine Spaghetti aß? Wahrscheinlich hatte sie keine Ahnung, sonst würde sie es sich vermutlich noch einmal überlegen. Oder auch nicht. Er war süß, so wie die meisten an dem Tisch.

Allies Gesicht verfärbte sich in ein sensationelles Rot. Himmel, sie war also wirklich in ihn verliebt. Und zwar bis über beide Ohren.

„Und, steht er auch auf dich?“, wollte ich unverschämt wissen.

Sie zuckte beinahe schon schüchtern mit den Schultern, aber dann kam ihr doch ein Schmunzeln aus. „Das hoffe ich.“ Dann atmete sie tief durch. Jaja, ich wusste schon, was jetzt kam: Themenwechsel. „Wir sollten mal schauen, was du so drauf hast, bevor Miss Trent in ihre Trillerpfeife bläst.“

Ihrem Nicken folgend, fiel mein Blick auf eine Frau Mitte vierzig in Sportkleidung, die gerade zur Tür hereinkam und dann zielstrebig in Richtung Geräteraum marschierte. Zwischen ihren Zähnen hielt sie eine kleine silberne Pfeife, doch noch pustete sie nicht hinein.

„Okay“, antwortete ich. „Was genau möchtest du denn sehen?“

„Kannst du einen Rückwärtssalto machen? Das wäre echt der Wahnsinn!“, sagte Susan.

Aus dem Stand konnte ich das zwar nicht, dafür aber etwas anderes, was die drei vielleicht genauso begeistern würde. Durch meine früheren Ballettstunden war ich ziemlich beweglich geworden, also beugte ich mich nun langsam so weit nach hinten, bis ich mit den Handflächen den Boden berührte. Dann verlagerte ich mein Gewicht und brachte meine Beine nach oben, eins nach dem anderen, so dass ich eine Art Rückwärtsrad schlug, bis ich wieder aufrecht vor meinen Freunden stand.

Fassungslos standen sie alle da, mit weit geöffnetem Mund. Das hatten sie ganz sicher nicht erwartet, und mir war sehr wohl bewusst, wie cool dieser Move aussah. Ein klein wenig stolz strahlte ich gerade wie ein neues Fünfzig-Cent-Stück.

Susan zog begeistert an ihren Haarsträhnen. Ihre Augen hatte sie wirklich weit aufgerissen. „Scheiße, wie cool war das denn?“

Allie stimmte mit einem Nicken zu. „Ich würde sagen, wenn du auch nur einen Funken Rhythmusgefühl in dir hast, bist du im Team.“

„Toll.“ Ich war mir nicht ganz sicher, ob mich das nun glücklich machte, oder ob ich mir lieber eine Toilette suchen und mich dann selbst darin runterspülen sollte. Aber es war besser als Cheerleader zu tanzen, als gar nicht zu tanzen, also bemühte ich mich um ein ehrliches Lächeln.

„Wir trainieren morgen Nachmittag ein paar Schritte“, erklärte mir Allie. „Komm nach der Schule raus zum Fußballplatz. Da kannst du dann den Rest der Truppe kennenlernen und dich am Ende entscheiden, ob du bei uns mitmachen möchtest.“

„Okay. Solange ich nicht mit einem der Spieler ausgehen muss, um ins Team zu kommen, werde ich da sein.“

Susan lachte über mich und schlang dann ihren Arm durch meinen. Mit derselben tiefen Stimme von vorhin brummte sie: „Ich kann dein Date sein“, und zog mich zu den anderen Schülerinnen, die bereits begonnen hatten, sich mit ein paar Dehnübungen aufzuwärmen.

Miss Trent überließ uns die Entscheidung, was wir heute machen wollten. Wir waren einstimmig für Volleyball, das einzige Ballspiel, in dem auch ich wirklich gut war.

Nach Sport beeilte ich mich, aus dem Umkleideraum zu kommen, und sauste zurück ins Hauptgebäude, wo ich meine letzte Unterrichtseinheit für heute hatte. Animation & Visuelle Effekte. Auf diese Stunde hatte ich mich schon den ganzen Tag gefreut.

Gerade noch vor dem Läuten huschte ich ins Klassenzimmer und sank auf einen leeren Stuhl in der ersten Reihe neben der Tür. Die Lehrerin, ich schätzte sie auf Mitte bis Ende dreißig, machte in ihrem blauen Blumenkleid und den Ledersandalen einen sehr netten Eindruck.

„Du musst Samantha Summers sein“, sagte sie, als sie zu Beginn der Stunde zu mir rüberkam und mir die Hand schüttelte. „Willkommen in AVE. Mein Name ist Caroline Jackson. Ich nehme an, Mrs. Shuster hat dir bereits im Vorfeld erklärt, was du alles für meinen Unterricht benötigst?“

Ich nickte und öffnete dann meine Zeichenmappe. Darin waren alle Zeichnungen, die ich in den letzten beiden Wochen extra für diesen Unterricht angefertigt hatte. „Ich habe die Kohleskizze der alten Frau und die animierte Version des Antihelden. Was mir etwas schwergefallen ist, war das Baby in Bewegung. Wir haben gerade keine Babys in der Familie und ich zeichne am liebsten nach lebendigen Modellen. Aber zum Glück habe ich etwas auf YouTube gefunden, womit ich arbeiten konnte.“

„Ah, du bist einfallsreich. Sehr gut.“ Mit einem faszinierten Ausdruck im Gesicht blätterte Mrs. Jackson durch meine Werke. „Das sieht alles sehr professionell aus. Ich wusste nicht, worauf ich gefasst sein sollte, als mir Mrs. Shuster mitteilte, dass ich eine zusätzliche Schülerin bekommen würde. Aber wie ich sehe, hast du wirklich Talent. Du gehörst auf jeden Fall in diesen Kurs.“ Lächelnd bestätigte sie ihre Worte mit einem Nicken. „Zu Beginn des Unterrichts suche ich mir immer gerne zwei oder drei Schüler raus, deren Zeichnungen wir alle gemeinsam analysieren. Wenn du einverstanden bist, würde ich heute gerne mit deinen beginnen.“

„Klar“, gab ich zurück, doch sofort knotete Anspannung meinen Magen zusammen. Ich wusste, dass ich zeichnen konnte. Die Frage war nur, wie gut waren die anderen und wo würde ich mich mit meinem Talent bei ihnen einreihen müssen? Aber vielleicht machte ich mir auch zu viele Gedanken. Mrs. Jackson schien von meiner Arbeit ziemlich angetan zu sein, also versuchte ich mich zu entspannen und atmete tief durch, während sie meine Bilder mit großen, runden Magneten an die Tafel heftete.

Sie begann mit meinem bewegten Baby. Die Klasse hatte wirklich nicht viel daran auszusetzen. Das Porträt der alten Lady gefiel ihnen sogar noch besser. Sie lobten mich alle für die exzellente Arbeit bei der Schattierung und fanden besonders die Falten um die Augen sehr lebensecht. Das war der Moment, in dem ich mich entspannt zurücklehnte. Meine Zeichnungen hatten mühelos der kritischen Betrachtung einer ganzen Klasse standgehalten. Was sollte mir nun noch passieren?

Zuletzt präsentierte Mrs. Jackson meinen animierten Antagonisten. Das Projekt bestand eigentlich aus drei einzelnen Bildern, die am Ende übereinander gelegt wurden. Durch das Blättern entstand der Effekt einer Bewegung im Bild. Ich hatte mir große Mühe gegeben, den fiesen Kapitän eines Raumschiffs wiederzugeben. Er drehte sich in dem Bild zum Betrachter um und führte dabei ein Laserschwert in der Hand. Sein Umhang schwang unheilvoll hinter ihm durch die Luft. In meinen Augen war dieses Bild perfekt. Ich hatte dafür zehn Arbeitsstunden investiert und hätte es nicht besser machen können. Auch die anderen schienen schwer beeindruckt zu sein. Ein kleines Lächeln huschte über meine Lippen.

Bis mich ein Murmeln von der hintersten Reihe aus meiner Euphorie zurückholte. „Großer Gott, was für ein Babyface.“ Dem folgte das unterdrückte Gelächter von ein paar Klassenkameraden.

Die kleinen Härchen in meinem Nacken richteten sich auf. Ich wollte mich in diesem Moment gar nicht umdrehen, doch mein Oberkörper bewegte sich ganz von allein, bis ich schließlich in Anthonys eiskalte Augen blickte.

„Mr. Mitchell, haben Sie noch irgendetwas Relevantes zu diesem Bild zu sagen?“, fragte ihn Mrs. Jackson mit einem warnenden Unterton.

Tony tippte sich mit dem Finger auf die Lippen, bevor er zwei Sekunden später antwortete: „Tja, eigentlich habe ich das tatsächlich.“ Er warf mir einen vielversprechenden Blick zu – darin spiegelte sich seine offenkundige Freude darüber, dass er endlich die Gelegenheit bekam, mich öffentlich in der Luft zu zerreißen.

Ich schlang wie zum Schutz meine Arme um mich selbst.

„Während sowohl die schwungvolle Bewegung als auch die dominante Haltung und zweifellos der muskelbepackte Körperbau für ein Antihelden-Image funktionieren, hat die Künstlerin leider die Gesichtszüge total in den Sand gesetzt. Ganz offensichtlich hat sie eine Fixierung auf niedliche Grübchen, wie wir auch in Bild eins und zwei schon sehen durften, und diese babyblauen Augen könnten bei Gott etwas gieriger und gemeiner blitzen. Samantha Summers’ Antagonist schafft es vielleicht, dass sich Winnie Puuh bei seinem Anblick in die Hose macht, aber ich fürchte das ist leider auch schon alles.“

Die gesamte Klasse krümmte sich vor Lachen. Ich wollte am liebsten heulen. Mein Gesicht glühte, als wäre ich zehn Stunden in der prallen Sonne festgenagelt gewesen.

Mrs. Jackson nahm meine Bilder von der Tafel und händigte sie mir aus. Gott sei Dank lachte sie nicht mit den anderen. „Vielen Dank für diese äußerst aufschlussreiche Analyse, Mr. Mitchell“, meinte sie dann in einem sarkastischen Ton. „Warum sehen wir uns Ihre Bilder nicht als Nächstes an?“

„Sicher.“ Grinsend schritt Tony nach vorne zur Tafel und zwinkerte mir auf dem Weg dorthin auch noch zu. Es war keine nette Geste. Vielmehr war sie kalt und gemein. Er wusste genau, wie sehr er mich gerade verletzt hatte. Und dieser Arsch war auch noch zufrieden mit sich selbst.

Warum?

Er konnte doch nicht ernsthaft immer noch böse sein, nur weil Chloe dieses saudumme Glas Wasser umgestoßen hatte. War ihm denn dabei nicht aufgefallen, wie wenig mir Chloes Verhalten imponiert hatte? Sie war es gewesen, die ihn in Schwierigkeiten hatte bringen wollen, nicht ich. Warum nur war er so blind? Und stur? Verdammt noch mal!

Tony fixierte seine Bilder mit denselben runden Magneten an der Tafel.

Ich starrte fasziniert auf seine Werke. Bei ihrem Anblick waren alle trübsinnigen Gedanken augenblicklich vergessen. Er hatte das Baby nicht wie ich von der Seite gezeichnet. Nein, dieser kleine Racker kam geradewegs auf den Betrachter zugekrabbelt, und zwar so lebensecht, dass ich mich am liebsten bücken und das Baby hochnehmen wollte. Sein Antagonist war ein finsterer Ritter auf einem brutalen Streitross. In der Bewegung gab der Ritter seinem Pferd schmerzhaft die Sporen, um es zum Kampf anzutreiben.

Aber es war seine Kohlezeichnung, die mir wirklich den Atem raubte. Ich hatte keine Ahnung, wer diese alte Frau auf dem Bild war, aber sie hätte gut die geliebte Großmutter von jedem von uns in dieser Klasse sein können. Ihr Gesicht wies die tiefen Furchen eines langen, harten, aber glücklichen Lebens auf. Und auch wenn ihre Lippen schmal und gerade waren, so strahlten ihre Augen ihr gesamtes Leben aus, ihre Freude und all ihre Mühsal.

Es war perfekt.

Ich blieb still, während einige der anderen Schüler Kommentare zu den makellosen Gesichtszügen und dem hervorragenden Spiel zwischen Licht und Schatten abgaben. Niemand trampelte auf Tonys Selbstvertrauen herum, so wie er es mit meinem gemacht hatte. Ich senkte den Kopf. Er sollte in meinem Gesicht nicht die Bewunderung sehen, die ich für seine Bilder hegte, als er sie von der Tafel nahm und zurück auf seinen Platz stolzierte.

Den Rest der Stunde versuchte ich angestrengt, mich auf das zu konzentrieren, was Mrs. Jackson uns erklärte, und nicht ständig in Gedanken Tonys grausame Worte zu wiederholen. Doch Tatsache war, mein Herz blutete. Wenn sonst irgendjemand solchen Mist über meine Bilder gesagt hätte, hätte ich keine weitere Sekunde mit Trübsalblasen verschwendet. Aber nachdem ich nun selbst gesehen hatte, wie talentiert Tony wirklich war, traf mich sein Urteil unglaublich tief. Vielleicht hatte er ja Recht und ich hatte das Bild mit dem Antihelden wirklich versemmelt. Das nächste Mal musste ich mich einfach noch härter anstrengen. Entschlossen biss ich die Zähne aufeinander. Keinesfalls würde ich ihm noch mal die Gelegenheit bieten, mich vor versammelter Klasse und meiner Lehrerin so herunterzumachen.

Als die Glocke den Unterricht beendete und jeder seine Sachen einpackte, rief mich Mrs. Jackson zu sich an den Tisch. „Ich erwarte von all meinen Schülern in dieser Klasse, dass sie bis zum Semesterende ein bestimmtes Ziel erreichen“, teilte sie mir mit. „Da du leider bereits zwei Monate versäumt hast, möchte ich gerne, dass du zumindest die wichtigsten Projekte, die wir seit Schulbeginn bereits durchgenommen haben, nachholst. Hierbei geht es um fünf spezielle Bilder, die du zeichnen sollst. Denkst du, du schaffst das in den nächsten zwei Wochen?“

„Ja, sicher.“ Ich trat zur Seite, um meine Klassenkameraden vorbeizulassen. „Was muss ich machen?“

Sie lächelte kurz und rief dann über meine Schulter: „Tony! Warte bitte noch einen Moment!“

Der Schauer, der mir bei seinem Namen über den Rücken lief, wurde schlimmer, als ich mich umdrehte und ihn mit ernster Miene auf uns zukommen sah.

„Was gibt’s?“ Er warf mir einen schnellen, seitlichen Blick zu, der alles andere als von Freude erfüllt war, und wandte sich dann wieder von mir ab.

Instinktiv machte ich einen kleinen Schritt von ihm weg und sah Mrs. Jackson mit wachsendem Horror an.

„Miss Summers hat einiges nachzuholen“, erklärte sie ihm dann. „Könntest du ihr bitte deine Notizen zu den großen Projekten leihen und ihr erklären, was sie zu tun hat?“

„Auf keinen Fall!“ Tony verdrehte die Augen und lachte argwöhnisch.

Ich wollte dasselbe tun, als ich Mrs. Jacksons lächerlichen Vorschlag hörte. Doch sie zog nur ihre Augenbrauen hoch und sagte: „Wie bitte?“

„Komm schon, Carry. Das ist so ein Klischee. Du machst das nur, weil du verärgert bist, dass ich vorhin meine ehrliche Meinung über ihre Zeichnung geäußert habe und damit auch noch Recht hatte.“

„Das war nicht ehrlich, es war unnötig. Und das ist keinesfalls der Grund, warum ich möchte, dass du Samantha hilfst.“

Trotz des bizarren Verlaufs dieser Diskussion konnte ich im Moment nur an eines denken. Er nannte sie Carry und wurde dafür nicht einmal zurechtgewiesen. Wow, das war seltsam.

„Ist es nicht? Dann, bitte, nenn mir den wahren Grund“, forderte er sie mürrisch auf.

„Ganz einfach: Du bist mein bester Schüler, und niemand sonst wäre so qualifiziert dafür, ihr zu helfen, wie du.“ Sie lächelte ihn an, und ich fragte mich, ob dahinter ein Hauch von Geplänkel steckte. Doch das konnte unmöglich sein. Nicht zwischen Lehrer und Schüler. Und was sollte der Blödsinn überhaupt? Dieser Vollidiot brauchte mir bei gar nichts zu helfen.

„Das ist mir schnurzpiepegal“, gab er zurück. „Ich will ihr meine Notizen nicht geben.“

„Na schön.“ Mrs. Jackson stieß einen schweren Seufzer aus. „Dann sei bitte so nett und schick mir Jeremy noch einmal herein. Ich werde ihn bitten, Miss Summers seine Unterlagen zu leihen.“

Ja. Hol Jeremy. Ich will lieber seine Notizen haben.

Aber Tony blieb einfach vor ihr stehen. Er verschränkte die Arme vor seiner Brust und lehnte sich ein paar arrogante Zentimeter zurück. „Das ist nicht dein Ernst. Du willst sie mit Jerry zusammenarbeiten lassen? Der Kerl kriegt doch nicht mal ein Strichmännchen für eine Toilettentür hin.“

Scheiß drauf! Ich will Jerry!

„Jeremy hat sehr viel Talent. Er ist beinahe so gut wie du“, konterte Mrs. Jackson.

„Niemals!“ Tony lachte, klang dabei aber wenig amüsiert. „Ich kann nicht glauben, dass du wirklich auf ihn zurückgreifen würdest.“

Hey … hatte sie etwa gerade seinen Stolz verletzt? Ich verkniff mir ein Schmunzeln, obwohl die Situation ja alles andere als lustig war.

Mrs. Jackson zuckte mit den Schultern und faltete ihre Hände scheinheilig unter ihrem Kinn. „Leider lässt du mir keine andere Wahl.“

„Sie wird nicht mal in der Lage sein, sein Gekrakel zu entziffern. Hast du schon mal einen Blick auf seine Notizen geworfen?“

Nun grinste Caroline Jackson, aber nicht in Tonys Richtung, sondern in meine. Etwas Seltsames ging gerade in ihrem Kopf vor; eine Taktik, die im Moment nur sie durchschaute. Und dem Blitzen in ihren Augen nach zu urteilen, ging ihr Plan gerade auf.

Mir wäre echt lieber gewesen, sie wäre gescheitert.

Tony ließ in diesem Moment seinen Rucksack auf den Boden fallen, lehnte sich vor, um ein gelbes Post-it von dem Stapel auf Mrs. Jacksons Tisch zu reißen, nahm einen Kugelschreiber und kritzelte etwas darauf. Anschließend hielt er mir den kleinen Zettel unter die Nase und sah dabei noch bockiger denn je drein. „Ich hab heute Training und bin erst ab kurz nach vier zu Hause. Du kommst. Du holst dir meine Notizen ab. Du gehst wieder. Klug, wie du bist, wirst du sicher selbst herausfinden, was du damit machen sollst.“

Ich hätte ihm sagen sollen, was er mit seinem charmanten Angebot machen konnte, doch ich war im Moment einfach nur wie vom Blitz getroffen und starrte schweigend auf das gelbe Post-it in meiner Hand.

Tony schwang seinen Rucksack über eine Schulter und warf unserer Lehrerin einen letzten, genervten Blick zu. „Dein Psychomist ist echt ätzend.“

„Ich wünsch dir auch einen schönen Tag, Neffe“, rief ihm Mrs. Jackson nach, als er zur Tür hinausmarschierte.

 

***

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