Katastrophe mit Kirschgeschmack (GBT 3, dt)

 

Katastrophe mit Kirschgeschmack

Grover Beach Team, 3

 

Kapitel 1

 

Samantha

 

 

„SIEBZEHN ZU SEIN macht keinen Spaß, wenn du nicht feierst, und du kannst nicht feiern, wenn du ständig in deinem Zimmer hockst!“

Ich lachte zwar über die Mühen meiner Cousine, mich aus meinem verhältnismäßig kleinen Zimmer im ersten Stock zu bewegen, als sie mich dann jedoch am Handgelenk packte, in den Flur hinaus und anschließend quer durch die ganze Villa schleifte, verging mir das Grinsen ziemlich schnell. Chloes knallpinke Fingernägel bohrten sich in meine Haut. Die Tatsache, dass die Farbe ihrer Nägel auf ihre Unterwäsche abgestimmt war – und zwar immer –, löste bei mir einen Würgereiz aus.

Ich hätte wirklich gerne auf dieses Wissen verzichtet, doch Chloe meinte wohl, sie müsse mir das unbedingt erzählen, als wir nach dem Essen mit ihren Eltern beide gemeinsam die Treppe in den ersten Stock hinaufgestiegen waren. Aber ich wollte mich nicht beklagen. Immerhin hatte ich großes Glück, dass ich die nächsten vier Monate bei meiner Tante und meinem Onkel in Grover Beach wohnen durfte.

Die Tochter eines Generals zu sein, war leider nicht immer einfach. Zumindest hatten meine Eltern mich dieses Mal nicht dazu gezwungen, mitten unterm Schuljahr umzuziehen. Wir hatten erst Anfang November, das hieß, mir blieb noch genug Zeit, um mich in die Highschool dieser verschlafenen Kleinstadt an der Westküste einzugliedern und Freunde zu finden, bevor ich wieder zum totalen Außenseiter werden würde. Das war immer meine größte Sorge, sobald bei uns zu Hause das Wort Umzug in Unterhaltungen fiel.

Chloe zerrte mich zur Vordertür raus. Schnell schnappte ich mir noch meine schwarze Kapuzenjacke vom Haken, bevor sie mir den Arm in der Tür einquetschen konnte. Als ich die Jacke über mein langärmliges Shirt anzog, warf mir meine Cousine einen genervten Blick ihre spitze Nase hinunter zu. „Warum ist dir nur immer so kalt, Sam? Du bist hier in Kalifornien. Hier tragen die Leute keine Jacken. Nicht mal im Winter.“

Für jemanden, der sein ganzes Leben in Grover Beach verbracht hatte, mochte das ja zutreffen. Ich allerdings war die letzten acht Monate in Kairo zur Schule gegangen. Wenn man einmal an die Affenhitze in Ägypten gewöhnt war, kam einem alles andere wie ein Spaziergang in einem Kühlschrank vor.

„Wo gehen wir überhaupt hin?“, fragte ich.

Chloe schob mich in ihr weißes Auto, das vor der Villa geparkt war, und antwortete erst, als sie selbst hinter dem Steuer saß und sich angeschnallt hatte. „In die Stadt. Ich werde dir später noch ein paar mehr meiner Freunde vorstellen.“

Mehr Freunde von Chloe? Ich verdrehte die Augen, doch so, dass sie es nicht sehen konnte. Das bedeutete, einen Abend lang mit Teenagern zu verbringen, die der Auffassung waren, die ganze Welt drehe sich nur um die perfekte Frisur und makellos manikürte Nägel. Na wenn sich das nicht nach einem fantastischen Samstagabend anhörte …

Ich lehnte mich zurück, schlang meine Arme um meine angezogenen Beine und machte die Augen zu. Ein harter Klaps von Chloe zwei Sekunden später ließ mich wieder hochschrecken. „Was?“, rief ich.

„Nimm gefälligst deine dreckigen Stiefel vom Sitz! Das ist Leder.“

Zwar grummelte ich dabei, doch ich tat ihr den Gefallen und stellte meine Beine wieder zurück auf den Boden. Immerhin war es ihr Wagen und nicht der Landrover meiner Eltern, in dem sich niemand um ein bisschen Sand auf den Sitzen scherte, der von den Sohlen meiner Stiefel rieselte. In Kairo war wirklich überall Sand.

Chloe fuhr uns zu einem Café im Stadtzentrum, vor dem eine Reihe von Autos geparkt war. In leuchtend blauer Kursivschrift blitzte der Name Charlie’s über der Tür. „Ist es das?“, fragte ich, als ich nach Chloe ausstieg. „Sieht nett aus.“

Das Café hatte einen gemütlichen, überschaubaren Terrassenbereich, doch heute Abend saß niemand an den runden Tischen hier draußen. Aus dem Inneren drang Musik aus den 1960-ern oder 70-ern.

„Das ist nur der erste Stopp“, erklärte mir Chloe. „Wir treffen hier Brin, Ker und Les.“ Dann drehte sie sich um und nagelte mich mit einem warnenden Blick fest. „Hör zu, hier sind die Regeln für heute Nacht.“

„Regeln?“ Das konnte sie unmöglich ernst meinen.

„Du sprichst nur mit Leuten, mit denen ich auch rede, und falls ich heute etwas trinken sollte, wirst du es nicht meinen Eltern erzählen. Verstanden?“

Wow, wenn ich geahnt hätte, dass ich hier den vollen Armee-Drill abbekommen würde, hätte ich mir eine Uniform von meinem Dad geliehen und sie heute Abend nur zum Spaß getragen. Ich verdrehte die Augen und spazierte an meiner Cousine vorbei durch die Tür.

Das Café war innen sogar noch hübscher als von außen. Terrakotta-Steinfliesen verliehen dem Ganzen die nötige Wärme, die es brauchte, um die Höhe des Raumes auszugleichen. Eine geschlängelte Bar wand sich von einem Ende zum anderen an der Mauer entlang, und attraktive Tischchen und Sessel aus Rattan waren im gesamten Café verteilt. Sie verliehen dem Ort ein karibisches Ambiente. Ich musste es wissen – vor Ägypten war mein Vater für zwei Jahre auf Kuba stationiert gewesen. Ich verliebte mich augenblicklich in dieses niedliche Café.

„Was stehst du denn hier wie angewurzelt rum?“ Chloe stieß mich in den Rücken. „Glotz nicht so. Unser Tisch ist da drüben am Fenster.“

Kein Glotzen. Ich machte mir eine gedankliche Notiz und unterdrückte den Drang, vor dem Drill Sergeant, der mir wie ein wilder Stier ins Genick schnaubte, zu salutieren. Zu diesem Zeitpunkt bereute ich ernsthaft, dass ich nach dem Essen die Tür zu meinem Zimmer nicht abgeschlossen hatte.

Auf dem Weg zu dem kleinen, runden Tisch vor der Glasfront blickte ich über meine Schulter und warf meiner Cousine einen verstörten Blick zu. „Echt jetzt, Chloe, es ist ja nicht gerade so, dass die Paparazzi hinter jeder Säule hier drin lauern und nur darauf warten, einen Fehltritt von dir im People Magazine drucken zu können.“

Sie hatte gerade ihren Mund aufgemacht, um zu kontern, doch eine tiefere Stimme kam ihr aus einer anderen Richtung zuvor. „Pass auf!“

Erschrocken drehte ich mich nach vorn und konnte gerade noch stehenbleiben, bevor ich in einen Kellner mit einem voll beladenen Tablett gekracht wäre. Er hielt eine schützende Hand vor die leeren Gläser.

„Das tut mir leid. Ich hab dich nicht gesehen“, stammelte ich und wich einen Schritt zurück. Als ich hoch in sein Gesicht blickte, versank ich in Augen, die so blau waren wie der Himmel über Ägypten. Auch der Rest von ihm zog mich unmittelbar an. Ich war immer schon gefährdet gewesen, einem unschuldig-jugendlichen Aussehen zu verfallen, besonders, wenn diese Jungs mit chaotisch blondem Haar und einem athletischen Körper wie diesem ausgestattet waren. Das einzige Problem bei der Sache war, dass der Typ mich gerade anstarrte, als hätte ich seine dummen Gläser bereits zerbrochen. Sein argwöhnischer Blick wanderte über meine Schulter und wurde noch finsterer.

Chloe schob sich nach vorn und sagte: „Hallo, Anthony.“ Ich war mir nicht ganz sicher, ob sie dabei verführerisch oder arrogant klingen wollte. „Bring mir einen Martini an den Tisch.“ Sie studierte mich einen Moment und tippte sich dabei mit dem Finger auf die Lippen. „Und ein Clubsoda für meine Cousine.“ Flüsternd fügte sie in meine Richtung hinzu: „Du fährst heute Nacht.“

Ich verspürte den Wunsch zu lachen, doch das hätte sie wahrscheinlich gleich wieder als Anlass genommen, mich erneut über die Regeln aufzuklären, also riss ich mich zusammen. „Ich denke nicht, dass du hier drinnen Alkohol serviert bekommst“, gab ich leise zurück und drehte mich dann wieder zu Anthony, dem Kellner. Ob Chloe uns wohl vorstellen würde?

Tja, nun, sie tat es nicht. Stattdessen drängte sie sich an ihm vorbei, stakste nach hinten zu dem Tisch mit ihren Freundinnen und ließ sich langsam in den Sessel gleiten, wobei sie ihr schwarzes Minikleid zurechtzupfte.

Großartig. Wie ein totaler Vollidiot stand ich nun vor dem Jungen, der seinen Kopf neigte und mich fragend anblickte. Da er offenbar ein Freund von Chloe war, wartete er vielleicht darauf, dass ich mich selbst vorstellte. Ich schenkte ihm erst mal ein freundliches Lächeln. „Hi. Ich bin Samantha Summers.“

Der junge Kellner verdrehte die Augen zur Zimmerdecke. „Geh mir einfach aus dem Weg.“

Oh …

Meine Schultern sackten ab, als ich schnell einen Schritt zur Seite machte und er an mir vorbeischritt. Normalerweise brachte mich nichts so schnell aus der Ruhe, doch in diesem Moment leuchtete mein Gesicht vermutlich so rot wie ein Stoppschild.

„Noch eine Summers“, brummte er leise. „Das hat uns gerade noch gefehlt.“

Dahin war meine Hoffnung auf einen netten ersten Abend in meiner neuen Heimatstadt. Zähneknirschend eilte ich nach hinten zu Chloe und ihren Freunden, wobei ich meinen Blick starr auf den Boden vor mir gerichtet hielt und versuchte, der Neugierde der anderen auszuweichen. Ich sank in den Sessel neben meiner Cousine und senkte mein Kinn.

„Was war das denn gerade?“ Chloes kreischende Stimme klang in den Ohren etwa so angenehm wie Desinfektionsmittel in den Augen.

„Was meinst du?“, fauchte ich zurück.

„Hab ich dir nicht noch vor zwei Minuten erklärt, dass du nicht mit jedem hier reden sollst?“

„Wie bitte?“ Offenbar war sie nun völlig übergeschnappt. Und ich hatte echt keine Lust auf diesen Blödsinn, ganz besonders nicht nach der peinlichen Abfuhr, die ich mir gerade eingehandelt hatte. „Du hast doch zuerst mit ihm gesprochen. Was ist denn nur los mit dir?“

„Ich hatte keine andere Wahl – er ist der Kellner. Aber wir sind nicht mit ihm oder seinesgleichen befreundet.“

„Oh mein Gott, Chloe! Hörst du dir eigentlich jemals selbst zu, wenn du redest?“ Ich war absolut bereit, das Lokal zu verlassen und die zwei Meilen zu Fuß zurück nach Hause zu laufen. Alles war mir recht, solange ich nur der Dummheit meiner Cousine entkommen würde. Die Hände um die Armlehne geklammert, stand ich gerade auf, als Anthony an unseren Tisch kam. Aus irgendeinem Grund zögerte ich und ließ mich zurück in den Sessel fallen. Vielleicht war es sein bedrohlicher Blick, der mich davon abhielt, einfach zu verschwinden.

Er stellte je eine kleine Flasche Red Bull vor Chloe und ihre Freundinnen. Zum Schluss schob er ein Glas mit prickelndem Wasser und einer Zitronenscheibe über den Tisch in meine Richtung.

„Was soll das denn sein?“, lästerte Chloe und reichte Anthony die Flasche zurück. „Ich hab einen Martini bestellt und nicht Red Bull.“

Anthony lehnte sich vor und stützte sich dabei mit beiden Händen auf dem Tisch ab. „Keine von euch ist über einundzwanzig. Also bekommst du das Übliche. Nimm es oder lass es, aber geh mir nicht auf die Nerven, Summers.“

Als sein unfreundlicher Blick zu mir schweifte, schoss mir erneut die Röte ins Gesicht. Verdammt, wie machte er das nur? Ich schluckte. Mein Hals fühlte sich viel zu trocken an. Schüchtern verzog ich die Miene. „Ich bin die mit dem Clubsoda, weißt du noch? Dafür brauche ich doch nicht wirklich einen Ausweis, oder?“

In diesem Moment erschien etwas in seinem Gesicht, das ihn gleich viel weniger einschüchternd wirken ließ. Ein Paar Grübchen. Wollte er etwa lächeln, konnte das sein? Nun, er tat es nicht wirklich, doch sein Ausdruck entspannte sich auf jeden Fall.

Ehe ich wusste, wie mir geschah, langte Chloe quer über den Tisch und stieß dabei mit mehr Tollpatschigkeit, als man bei ihr vermuten würde, mein Glas um.

„Was zur Hölle –“ Gleichzeitig, als Anthony zurückwich, fuhr ich aus meinem Sessel hoch, denn das Wasser tropfte über die Tischkannte auf meine Oberschenkel.

„Pass doch auf, Tellerwäscher!“, schimpfte Chloe. „Sieh nur, was du angerichtet hast!“

Anthony sandte ihr einen vernichtenden Blick zu, der auffällig nach einem Seil verlangte, um sie damit zu strangulieren. „Spinnst du? Das warst doch du selbst.“

Sie zog eine perfekt geformte Augenbraue hoch, lehnte sich zurück und verschränkte die Arme unterhalb ihrer Brust. „Ich hab gar nichts gemacht. Vielleicht solltest du nächstes Mal versuchen, deine Augen von mir loszureißen und dich stattdessen lieber auf die einfachen Aufgaben, die du hier drinnen hast, konzentrieren.“

Oh wow, hier traf Freddy Krüger auf Stephen Kings Es. Ganz offensichtlich floss zwischen den beiden einiges an Feindseligkeit, und es hatte wenig damit zu tun, dass Chloe sich selbst als die Queen dieser Stadt sah und Anthony nur eine niedere Küchenhilfe für sie war. Warum hatte ich plötzlich das Gefühl, dass ich mitten in eine persönliche Fehde reingeplatzt war?

„Gibt’s ein Problem, Tony?“

Ich drehte mich zu der Stimme hinter der Bar um, wo ein weißhaariger Mann die Theke wischte. Er war nicht, wie Anthony, mit einem weißen Hemd und schwarzer Hose bekleidet, sondern trug ein blaues T-Shirt mit einer schwarzen ärmellosen Weste darüber.

Kein Problem, Charlie“, antwortete Tony durch zusammengebissene Zähne. Dann zog er ein Geschirrtuch von seinem Gürtel und machte unseren Tisch sauber. Als er damit fertig war, schlang er das feuchte Tuch über seine Schulter und blickte mich wieder einmal so düster wie zu Beginn unserer Begegnung an. „Soll ich dir etwas anderes bringen, das du und deine Freundinnen dann wieder ausschütten könnt?“

Eigentlich wollte ich ihm an den Kopf werfen, dass er mich gefälligst nicht in seinen Streit mit Chloe reinziehen sollte, doch mir blieben die Worte im Hals stecken. Dies waren nicht meine Freunde, und Chloe – nun ja, sie war Familie und ich war im Moment mehr auf sie angewiesen, als mir lieb war. Mit der Aussicht auf vier Monate zusammen unter einem Dach mit ihr waren meine Optionen nun mal begrenzt.

Ich schüttelte den Kopf und Tony zog ab, ohne eine weitere Bemerkung zu verlieren.

Jemand zupfte an meinem Ärmel und ich plumpste zurück in meinen Sessel. Auf sehr unangenehme Art starrte mich meine Cousine an und streifte sich dabei ein paar überblonde Stirnfransen aus den Augen. „Du hast noch viel zu lernen, wenn du weiter mit uns abhängen willst, kleine Cousine.“

Sie war nur ein halbes Jahr älter als ich, aber für sie war ich immer schon die kleine Cousine gewesen. Das kam größtenteils von meinen unglücklichen Eins-Achtundfünfzig. Meine Größe störte mich nicht wirklich. Was mir allerdings gehörig auf die Nerven ging, war das zickenhafte Verhalten, das Chloe neuerdings an den Tag legte. So kannte ich sie überhaupt nicht.

Eins der Mädchen – Breena oder Brinna, ich konnte mir ihren Namen nicht richtig merken – kicherte und öffnete ihre Handtasche unterm Tisch. Nacheinander griffen alle hinein, außer mir. Als ich sah, was Brin mitgebracht hatte, stand mir der Mund vor Schreck weit offen. „Du hast Schnapsfläschchen da drin versteckt? Bist du verrückt?“

„Schhh“, machte Chloe und schüttete einen Wodka-Shot in ihr Red Bull, wobei sich die anderen nach vorn lehnten und sie so vor Blicken abschirmten. „Das ist doch nur ein kleiner Schluck … um in Stimmung zu kommen. Wir gehen später noch auf eine Party.“

Mir platzte fast der Kragen und sie grinste mich dämlich an. Ich hatte endgültig die Schnauze voll von heute Abend. Auch wenn sich meine Optionen für die nächsten vier Monate dadurch gerade in Luft auflösten, diesen Mist wollte ich mir von Chloe nicht länger bieten lassen. „Es ist mir scheißegal, was du heute noch treibst, aber wir gehen ganz sicher nirgendwo hin. Ich bin raus. Gib mir die Autoschlüssel. Ich bin sicher, Christine –“

„Kerstin“, verbesserte mich die rotblonde Schönheit neben Chloe mit einem genervten Schnauben.

„Na schön, dann eben Kerstin … oder sonst jemand kann dich sicher später nach Hause fahren.“

„Ganz sicher nicht!“ Chloe lachte und klang dabei echt angepisst. „Du wirst meinen Wagen auf keinen Fall fahren, wenn ich nicht dabei bin.“

„Du hast mich hierher geschleppt und mir Soda über die Hose gekippt. Ich hab hier nicht gerade viel Spaß. Und bestimmt werde ich nicht bis zu dir nach Hause laufen. Also rück schon die verdammten Schlüssel raus.“ Ich machte eine kurze Atempause und lehnte mich weiter zu ihr hinüber, wobei ich warnend fauchte: „Oder ist es dir lieber, dass ich eine Nachricht auf dem Küchentisch hinterlasse, die deine Mom morgen Früh lesen kann? Ich bin sicher, sie wird begeistert sein, wenn sie erfährt, dass du heimlich deine Drinks mit Alkohol versetzt.“

„Das wagst du nicht, du kleiner Mistkäfer!“

„Bist du dir da so sicher?“ Ich hielt meine Hand auf und ließ ihr schließlich den giftigen Blick zuteilwerden, den ich seit meiner Ankunft am Flughafen unterdrückt hatte, als sie mir zur Begrüßung mit der Hand durch mein kurzes, fransiges Haar gefahren war und mich einen wandelnden Busch genannt hatte.

Schnaubend vor Wut fischte sie die Schlüssel aus ihrer Tasche und ließ sie in meine Hand fallen. Als sie dann auch noch die Zähne aufeinanderbiss, fragte ich mich, ob ich später wohl noch dafür bezahlen würde.

Mann, dieser Abend war echt zum Kotzen.

Mit hocherhobenem Kopf und straffen Schultern steuerte ich anschließend geradewegs auf den Kellner zu, der gerade am Tisch eines jungen Paares stand und sich mit den beiden unterhielt. Aus meiner Hosentasche zog ich zwei Dollar und warf sie ihm aufs Tablett. „Den Rest kannst du behalten.“

Seine Miene wurde zu Eis. Offenbar brauchte ich gar nicht erst noch mehr zu sagen. Ich machte auf dem Absatz kehrt und verschwand durch die Glastür nach draußen. Erst als ich wieder an der frischen Luft war, wagte ich es tief durchzuatmen.

Mit beiden Händen fuhr ich mir durch die Haare und war leicht genervt, als diese auf Kinnlänge endeten. Es war mir wie eine gute Idee vorgekommen, mein langes Haar abzuschneiden, bevor in Grover Beach mein neues Leben begann. Aber im Moment fand ich es nur doof, so wie alles andere hier auch.

Was für ein grandioser Neustart …

Ein oder zwei Minuten lang saß ich einfach nur auf der Motorhaube von Chloes Wagen und starrte auf meine immer noch nassen Oberschenkel. Die rostigen Farben meiner Armyhose hatten sich zu dunkleren Rot- und Brauntönen verfärbt. Was hatte meine Cousine nur geritten, so etwas zu tun?

Vielleicht sollte mal jemand mit Tante Pamela über ihre Tochter sprechen. Trinken in öffentlichen Lokalen, das Auftreten einer arroganten Kuh … das war nicht die Chloe, die ich seit meiner frühesten Kindheit kannte. Andererseits war ich aber auch keine Petze. Ich würde niemals ein Familienmitglied verraten – wie dämlich sich dieses im Moment auch verhalten mochte. Aber das brauchte Chloe ja nicht zu wissen.

Meine Gedanken schweiften zu dem blonden Kellner zurück. Außer seinem Vornamen wusste ich so gut wie nichts von ihm. Doch so wie er „noch eine Summers“ gebrummt hatte, war ich neugierig geworden, was die beiden in der Vergangenheit verbunden hatte, dass sie einander heute nicht mehr ausstehen konnten. Hatte sie ihn schon immer so gepiesackt, weil er sich unter ihrem selbst ernannten Adelsstand befand?

Was auch immer bei den beiden ablief, ich hatte nicht vor, zwischen die Fronten zu geraten. Es war ihr Kampf und der ging mich nichts an. Im Moment hatte ich genug mit dem zu tun, was vor mir lag. In zwei Tagen fing für mich die Schule in Grover Beach an. Ohne Chloes Unterstützung würde es bestimmt genauso ätzend werden wie all die anderen Male, als ich in meinem Leben allein in einer neuen Umgebung zurechtzukommen musste.

Ich konnte es kaum erwarten …

In das Haus zurückzukehren, in dem ich ein Zimmer im selben Stock bewohnte wie meine zickige Cousine, erschien mir gerade wenig aufbauend. Die Schlüssel klimperten in meiner Hand, als ich stattdessen einen Spaziergang die Straße runter machte. Ein kleiner Schaufensterbummel sollte mich auf andere Gedanken bringen. Leider waren die Läden entlang des Bürgersteigs alle dunkel, und vor einigen Fenstern waren auch schwere Rollgitter herabgelassen worden. Ich bemühte mich, durch die Schlitze zu schielen, doch erkennen konnte ich dahinter gar nichts.

Großartig. Es war gerade so, als ob mich die ganze Stadt am liebsten ausschließen wollte. Ein schwerer Seufzer entfuhr mir. Den Blick auf den sternenbesetzten Himmel gerichtet, spazierte ich weiter, bog um ein paar Ecken und verlor schließlich die Orientierung. Tja … das konnte ich mit Abstand am besten. Ich und mein ausgezeichneter Orientierungssinn. Es dauerte über eine Stunde, in der ich ausgiebig vor mich hin fluchte, bis ich Chloes Wagen endlich wiederfand.

Ich kam aus der entgegengesetzten Richtung, in die ich eigentlich losmarschiert war. Ein kurzer Druck auf den Knopf am Schlüssel und die Wagentüren entriegelten sich, wobei die Scheinwerfer kurz aufleuchteten. Bevor ich einsteigen konnte, zogen jedoch Stimmen vor dem Café meinen Blick auf sich. Eine kleine Gruppe von Teenagern stand vor der Tür. Der Kellner war unter ihnen und auch das Pärchen, mit dem er sich unterhalten hatte, bevor ich das Lokal verlassen hatte.

Ich sog meine Unterlippe zwischen die Zähne und überlegte, ob es eine kluge Entscheidung wäre, Tony noch einmal anzusprechen. Da er mich offenbar unbedingt mit Chloe und ihrer Gefolgschaft über einen Kamm scheren wollte, obwohl er ebenso wenig von mir wusste wie ich von ihm, war dies vielleicht die einmalige Gelegenheit, um die Dinge ins rechte Licht zu rücken.

Okay, vielleicht half der Gedanke an Chloes wutentbranntes Gesicht, wenn sie erfuhr, dass ich mich mit Leuten außerhalb ihres Zirkels abgab, ein klein wenig, mich zu überreden.

Entschlossen überquerte ich die Straße. „Tony?“

Er drehte sich zu mir um … und sein Lächeln verschwand augenblicklich. Mit geneigtem Kopf und schmalen Augen musterte er mich von oben bis unten, als ich – mittlerweile viel langsamer – näher kam. Ich kannte diesen Blick. Er hieß: Geh mir einfach aus dem Weg. Ein flaues Gefühl kroch mir in den Magen. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen. Doch es war zu spät, um jetzt noch umzukehren. Alle sahen mich an.

Zögerlich machte ich den nächsten Schritt. „Ich –“ Mit plötzlich schwitzenden Händen umklammerte ich die Bündchen an den Ärmeln meiner Kapuzenjacke. „Ich wollte nur sagen, dass es mir leidtut. Du weißt schon, was vorhin am Tisch passiert ist. Mit dem Glas und –“

„Für dich“, unterbrach er mein Gestotter mit Gift in seiner Stimme, „heißt es Anthony.“

Er drehte sich zu seinen Freunden um, und sie alle ließen mich in der dunklen Nacht alleine vor dem Café zurück.

 

 

Kapitel 2

 

Samantha

 

 

„WILLKOMMEN IN GROVER Beach, Sam“, murmelte ich und schleppte mich in gedrückter Stimmung zu Chloes Wagen. Frustriert schlug ich meine Stirn gegen das Lenkrad. Hätte sie mich doch bloß nie aus dem Haus geschleift.

Leider waren auf dem Weg hierher meine Gedanken ganz woanders gewesen, nur nicht auf der Straße. So hatte ich mir auch nicht gemerkt, in welcher Richtung das Haus meines Onkels lag. Eine Weile fuhr ich nur so durch die Gegend, doch bald war klar, ich hatte mich – wie schon vorhin bei meinem Spaziergang – total verfranzt. Gott sei Dank war Chloes Auto mit einem Navi ausgestattet, also gab ich die Adresse ein und ließ mich von der emotionslosen, weiblichen Stimme nach Hause leiten.

Ich parkte vor dem Tor der Doppelgarage, schloss dann die Vordertür mit Chloes Schlüssel auf und versteckte diesen unterm Fußabstreifer. Auf dem Weg in mein Zimmer schickte ich ihr noch eine SMS, damit sie später wusste, wo er zu finden war.

Mein Zimmer im ersten Stock hatte nur ein Fenster, doch das war groß genug, um die halbe Wand zu ersetzen. Darunter lag der riesengroße Garten, doch im Moment konnte ich nichts außer meinem eigenen frustrierten Gesicht in der Scheibe erkennen.

Nachdem ich meine Stiefel zur Seite gekickt hatte, ließ ich mich aufs Bett fallen, das in einer der Ecken des Raumes stand. Dieses Zimmer war zweimal so groß wie mein altes in unserem kleinen Haus in Kairo, und obwohl es vollständig eingerichtet war mit Möbeln aus Kirschholz, wirkte es doch irgendwie leer, so ganz ohne persönlichen Krimskrams. Ich hatte nicht viele meiner Sachen mitgebracht. Nur einen Koffer voll mit einer Kollektion meiner Lieblingsklamotten, die hauptsächlich aus Kapuzensweatern und Armyhosen bestand, und dann natürlich noch mein Mal- und Zeichenequipment.

Mein Handy lag auf dem Nachtkästchen. Ich schnappte es mir und überlegte, wen ich um diese Zeit noch anrufen könnte, um mir die Sorgen eines miserablen ersten Tags von der Seele zu reden. Ägypten war uns zehn Stunden voraus. Ich könnte die Nummer meiner Mutter wählen und würde sie wahrscheinlich gerade beim Frühstück erwischen. Aber was wollte ich ihr sagen? Dass Chloe zu einer unausstehlichen Zicke mutiert war und dass mich dieser Junge in dem Café bis auf die Knochen blamiert hatte?

Nein, das konnte ich nicht. Meine Mutter würde sich viel zu viele Sorgen machen, und das wollte ich meinen Eltern nicht antun. Es war schon schwer genug für sie gewesen, mich gehen zu lassen. Wenn ich meine Mutter anrief, dann musste ich auch fröhlich klingen. Und das würde mir im Moment ganz sicher nicht gelingen. Das Handy glitt mir aus der Hand. Stattdessen beschloss ich, ein wenig zu zeichnen. Es würde mich bestimmt beruhigen. Das tat es immer.

Auf dem großen Schreibtisch vor dem Fenster lagen immer noch Bleistifte, Papier und Kohlestifte wild durcheinander. Bevor mich Chloe heute Abend gezwungen hatte mit ihr und ihren Freunden auszugehen, hatte ich begonnen, Luzifer zu zeichnen. Er war ein Wildpferd, das gerne in der Nähe unseres Hauses am Rand von Kairo herumgestreift war. Niemand hatte es je geschafft, ihn anzufassen. Doch aus irgendeinem Grund hatte er mich viel näher an sich herangelassen als alle anderen. Mein Vater hatte einmal im Scherz gemeint, das käme daher, dass sich der Hengst mir verbunden fühle. Weil wir beide ungezähmt und stur wie ein Esel seien. Aber vielleicht mochte er auch nur mein Haar, das so kohlrabenschwarz war wie sein Fell.

Was auch immer der Grund war, ich hatte seine Anwesenheit immer genossen und ihn in den paar Monaten so an die zweihundert Mal gezeichnet. Doch heute Nacht wollten mir seine Gesichtszüge, das Spiel seiner Muskeln unter dem Fell und die Schatten einfach nicht richtig gelingen. Etwas aus der Erinnerung zu zeichnen war mir schon immer schwergefallen. Mir fehlte das lebendige Modell vor Augen.

Um zwei Uhr morgens, als Chloe auch endlich nach Hause kam und ihre Zimmertür ein wenig zu laut schloss, gab ich schließlich auf und ging zu Bett. Ich war mir sicher, von Luzifer und der wilden Gras- und Wüstenlandschaft Ägyptens zu träumen, sobald ich die Augen schließen würde. Doch überraschenderweise war dem nicht so. Was ich sah, war ein jungenhaftes Gesicht mit blauen Augen, die genervt in meine Richtung blickten. Stöhnend rollte ich mich zur Seite und zog mir die Decke über den Kopf. Dieser Vollidiot war sicher das Letzte, woran ich vor dem Einschlafen denken wollte.

 

*

 

Sonntag war cool. Ich sah Chloe so gut wie den ganzen Tag nicht. Anscheinend blieb sie nach einer Partynacht gerne länger im Bett, um auszuschlafen … bis in die Nachmittagsstunden. Es schien niemanden zu stören, am allerwenigsten mich.

Am Abend packte ich dann meine Schulsachen und ging alles noch dreimal durch, damit ich morgen auch ja nichts vergessen würde. Doch bereits Montagfrüh wurde mir klar, dass ich eine essenzielle Kleinigkeit total außer Acht gelassen hatte. Eine Mitfahrgelegenheit zur Schule. Chloe hatte das Haus bereits verlassen … ohne mich und ohne mir vorher noch zu erklären, wie ich zur Grover Beach High gelangen würde.

Verlassen und orientierungslos stand ich vor der Haustür und blickte auf die leere Straße. Mit einem schweren Seufzer schwang ich mir den Rucksack über die Schultern. Es bestand zwar immer noch die Möglichkeit, meine Tante Pamela zu bitten, mich zur Schule zu fahren, doch das würde bedeuten, dass ich ihr Gründe nennen müsste, warum Chloe mich hatte stehen lassen. Und das wollte ich an diesem Morgen unbedingt vermeiden.

Stattdessen fragte ich die erste Person, die mir auf dem Weg die Straße hinunter entgegenkam, nach dem Weg. Die offenbar schwerhörige, alte Dame kreischte zurück: „Was willst du?“

„Grover Beach Highschool!“, rief ich laut. „Welche Richtung?“ Abwechselnd zeigte ich nach links und rechts und machte dabei ein hoffnungsvolles Gesicht.

Nun lächelte die alte Dame. „Ah. Das sind zwei Meilen in diese Richtung“, schrie sie so laut, dass ich mich fragte, ob sie mich für genau so taub hielt, wie sie es selbst war. Mit ihrem Gehstock zeigte sie nach links.

Wenn ich noch vor dem Läuten in der Schule sein wollte, musste ich laufen. Zweimal fuhr ein dottergelber Schulbus an mir vorbei, als ich den Bürgersteig entlang joggte. Zumindest wusste ich nun, wann ich morgen einen erwischen konnte.

In Schweiß gebadet und völlig außer Atem erreichte ich nach zwanzig Minuten endlich den Campus. Zumindest blieb mir immer noch genug Zeit, um ins Direktorat zu huschen und meinen Stundenplan abzuholen.

Mrs. Shuster, die Sekretärin, erwartete mich bereits hinter der Glastür. Letzte Woche hatte ich mit ihr am Telefon gesprochen, wobei wir gemeinsam meine Stundenanzahl und Fächer ausgearbeitet hatten. Abgesehen von den vier Pflichtfächern der elften Jahrgangsstufe, Englisch, Mathe, Naturwissenschaften und Amerikanische Geschichte, hatte ich noch Journalismus, Sport und natürlich Kunst gewählt.

Mrs. Shuster hatte mich dabei informiert, dass sie an dieser Schule für talentierte Zeichner einen Spezialkurs anboten. Sie nannte das Fach Animation und Visuelle Effekte. In Kairo hatte ich schon einen ähnlichen Kurs belegt und konnte es nun kaum erwarten, meine Fähigkeiten hier weiter auszubauen. Begnadet mit ruhigen Händen und einem Auge fürs Detail war es mein Traum, eines Tages für Disney Pixar zeichnen zu dürfen. Entweder das oder ich würde Profitänzerin werden. Ich liebte das Tanzen beinahe genauso sehr wie das Zeichnen.

Nachdem ich im Sekretariat meine Unterschrift unter einige Formulare gesetzt hatte, überreichte mir Mrs. Shuster meinen Stundenplan und einen Grundriss des Gebäudes. Mit den vielen Gängen, die darauf eingezeichnet waren, grenzte es schon an ein Wunder, wenn ich jemals wieder nach draußen finden würde.

Mit dem Finger auf dem Plan verfolgte ich den Weg zu meiner ersten Unterrichtseinheit, Naturwissenschaften, und blickte dabei immer wieder hoch, um mich zu vergewissern, dass ich noch auf dem richtigen Weg war. Da vorne noch um die letzte Ecke biegen und … ta da! Ich hob den Blick und starrte geradewegs auf eine Tür mit einem Strichmännchen darauf. Der Klang einer Toilettenspülung und mehrerer fließender Wasserhähne drang zu mir heraus. Hinter dieser Tür würde wohl eher nicht Naturwissenschaft unterrichtet werden.

Wieder einmal total verirrt. Wunderbar. Ich blickte noch einmal auf den Grundriss. Wo zum Geier war ich nur falsch abgebogen?

Plötzlich schwang die Tür vor mir auf und ich blickte entsetzt in das Gesicht des Kellners von Samstagabend. Ehe mir klar wurde warum, sprang mir das Herz hoch bis zum Hals.

Tony bremste gerade noch rechtzeitig, bevor er mich über den Haufen rennen konnte. Arrogant blickte er auf mich herab, so als ob ihn meine Größe an mir am allermeisten störte.

Komm schon, so schlimm ist es nun wirklich nicht! Wenn schon nicht groß, dann war ich doch zumindest süß. Bei einer Umarmung hätte er vermutlich sein Kinn entspannt auf meinen Kopf legen können.

Moment mal. Hatte ich gerade tatsächlich an eine Umarmung gedacht? Auf gar keinen Fall! Ganz sicher nicht mit diesem Schwachkopf!

„Du gehst hier zur Schule?“, fragte er mich dann, und nach dem Klang seiner Stimme zu urteilen, konnte ihm an diesem Tag gar nichts Schlimmeres mehr passieren.

„Ähm … ja?“ Verdammt noch mal, dieses Stottern neuerdings fing an, mir gewaltig auf die Nerven zu gehen. Das war doch nicht wirklich ich. Na ja, eben nicht mein normales Ich. Nach einem lauten Räuspern streckte ich meinen Rücken durch, was mir die letzten drei Zentimeter an Größe einbrachte, die ich benötigte, um mein Selbstvertrauen wiederzuerlangen. „Ist mein erster Tag heute.“

Nun bemerkte Tony auch den Lageplan, den ich immer noch fest in beiden Händen hielt. Etwas schien ihn zu belustigen, denn als Nächstes hob er eine freche Augenbraue. „Findet deine erste Unterrichtsstunde auf der Herrentoilette statt?“

Er ließ mir keine Zeit für eine schlagfertige Antwort, sondern schob mich mit seinem Arm sachte aus dem Weg und ging an mir vorbei.

Ich streckte ihm die Zunge raus, doch das sah er schon gar nicht mehr. Dann lehnte ich mich mit dem Rücken an die Wand und schlug mit dem Kopf dagegen, was ich unmittelbar bereute, als mir der Schmerz durch den Schädel schoss. Okay, alles noch mal zurück auf Anfang. Ich lokalisierte erst mal die Herrentoilette auf dem Plan und kämpfte mich dann von da weiter bis zum Klassenzimmer für Naturwissenschaft. Dieses Mal kam ich endlich ans Ziel und ließ mich erleichtert auf einen Stuhl ganz hinten im Raum fallen.

Mit dem Glockenläuten strömten auch die restlichen Schüler in die Klasse. Ein ziemlich großer Kerl in einem schwarzen Sweater blieb vor mir stehen und sah mich bedrohlich an. Er hatte die Kapuze auf und tief ins Blickfeld gezogen. Ein paar kupferne Haarsträhnen blitzten darunter hervor. Außerdem liefen dünne Kabel von seinen Ohren den Hals hinab und verschwanden unter dem Kragen des Sweaters. Ich konnte die laute Musik seines iPods bis hier herüber hören.

„Du sitzt auf meinem Platz“, grollte er schließlich.

„Ja, dir auch einen guten Morgen“, maulte ich, doch er hörte es wohl kaum. Ich rutschte auf den Stuhl links neben seinem und schob dabei meine Bücher über den Tisch. Die Sache hatte auch etwas Gutes. Da er mich nicht zur Hölle geschickt hatte, musste ich zwar neben einem unfreundlichen Riesen sitzen, doch zumindest hatte ich fürs Erste einen Platz.

Hinter den letzten paar Schülern kam auch die Lehrerin zur Tür herein. Ihr Haar war zu einem funkelnden Weiß gebleicht und auf ihrer Stupsnase saß eine ausgeflippte grüne Brille. Ihr Blick schweifte über die Klasse, bis er schließlich an mir hängen blieb. Lächelnd winkte sie mich nach vorne.

Ich hatte sehr wohl damit gerechnet, mich gleich zu Anfang der Stunde vor der gesamten Klasse vorstellen zu müssen. Dennoch lief mir ein kalter Schauer über den Rücken, als ich nach vorne zur Tafel schlurfte. Zumindest musste ich das Ganze heute nur sieben Mal durchziehen, dann war der Horror vorbei.

Miss Hallshaw, so hieß die poppige Lehrerin, meinte, ich solle allen erzählen, wo ich herkäme und was ich gerne machte.

Ich schob die Hände tief in die Hosentaschen und wippte auf den Fußballen vor und zurück. „Mein Name ist Samantha Summers, aber bitte, nennt mich Sam. Mein Vater ist General bei der U.S. Army. Er hat sich freiwillig für Einsätze außer Landes gemeldet, daher mussten wir oft umziehen. Das hier ist bereits meine neunte Schule.“ Ich zuckte mit den Schultern. „In neun verschiedenen Ländern.“

Einige Schüler machten interessierte Gesichter. Jemand aus der letzten Reihe pfiff sogar zwischen seinen Zähnen hindurch, und ein Mädchen, dessen Augen hinter einer Brille gerade vor Begeisterung weit aufgingen, meinte: „Wie abgefahren!“

Wenn sie die ganze Wahrheit kennen würde, die hauptsächlich das nicht vorhandene Sozialleben der Tochter eben dieses Generals betraf, hätte sie das wohl gerade nicht gesagt.

„Es ist wirklich nicht so toll, wie es sich anhört. Versuch mal neun Stadtpläne im Kopf zu behalten, neun Lagepläne von neuen Schulen, und vier Sprachen zu lernen, nur damit du in einem Restaurant die richtige Art von Spaghetti bestellen kannst“, wandte ich ein. „Und gerade wenn du einen super Laden in dieser neuen Stadt gefunden hast, in dem du coole Klamotten kaufen kannst, sagen dir deine Eltern, hey, tut uns leid, aber wir müssen wieder umziehen.“

Das Mädchen mit der Brille zog die Nase hoch. „Autsch. Das klingt echt beschissen.“

„Du sprichst vier Sprachen?“, warf Miss Hallshaw erstaunt ein, und ich drehte mich zu ihr um.

„Ja, Ma’am. Englisch, Portugiesisch, Finnisch und ein bisschen Arabisch.“ Tatsächlich war mein Arabisch limitiert auf die übliche Form der Begrüßung und eine Phrase, um nach dem Preis zu fragen. Doch es hatte gereicht, um mich durch acht Monate in Kairo zu bringen. Ich hatte Glück, die meisten Leute in Ägypten sprachen ziemlich gut Englisch. Sogar die Schule, auf der ich gewesen bin, war eine Privatschule für amerikanische Kinder.

„Kannst du etwas auf Finnisch sagen?“, bat mich ein anderes Mädchen, das seine Haare zu zwei seitlichen Pferdeschwänzen gebunden hatte. Sie kam mir irgendwie bekannt vor. Möglicherweise war sie Samstagabend ebenfalls in dem Café gewesen.

„Rakastan piirtämistä ja tanssimista“, antwortete ich, ohne viel nachzudenken.

Einige der Kids lachten wegen des fremdartigen Klangs der Sprache, aber alle waren total beeindruckt.

„Was bedeutet das?“, wollte das Mädchen mit der Brille wissen und streifte sich dabei das wellige Haar hinter die Ohren.

„Sie tanzt und singt gerne.“ Überraschenderweise kam diese Antwort von ganz hinten. Um genau zu sein, von dem Jungen, der mich vorhin von seinem Platz vertrieben hatte. Die schwarze Kapuze lag nun locker auf seinen Schultern, und der iPod war weg. Mit zusammengepressten Lippen grinste er nach vorne.

Und ich starrte ihn mit offenem Mund an.

Nachdem mich Miss Hallshaw aus dem Vorstellungshorror entlassen hatte, kehrte ich zurück auf meinen Platz, wobei mir die Augen des großen rothaarigen Jungen folgten, bis ich wieder neben ihm saß. Nicht länger als Gangster getarnt, sah er richtig nett aus. Er streckte mir seine Hand entgegen. „Hey. Ich bin Niklas Frederickson, aber du kannst ruhig Nick zu mir sagen.“

„Hi, Nick.“ Eigentlich wollte ich ja noch etwas total Geistreiches sagen, aber irgendwie kam ich aus dem Gaffen nicht raus. Schließlich stammelte ich: „Kommst du aus Finnland?“

„Schweden. Aber ich hab einige Zeit in Finnland gelebt, bevor wir nach Kalifornien gezogen sind.“

„Das ist cool.“ Und das meinte ich ernst. „Wie lange lebst du schon in den Staaten?“

„Sechs Jahre. Also … du tanzt gerne, ja? Welche Richtung ist denn die deine?“

„Ach, ich mach von allem etwas. Ballett, Hip-Hop, Funk, Streetdance.“ Ich grinste, denn ich wusste genau, was er gerade über mich denken musste. Dass ich in keiner Disziplin genug Ehrgeiz hatte, um durchzuhalten. Doch so war es nicht. „Ich bin einfach leicht für etwas zu begeistern.“

Nachdenklich zogen sich seine Augenbrauen zu einer geraden Linie zusammen. „Klingt doch toll. Du solltest mal mit Alyssa Silverman sprechen. Sie ist eine Freundin von mir und Captain der Cheerleader. Zufällig sucht sie gerade noch ein paar neue Mitglieder.“

„Wow.“ Ich, ein Cheerleader. Darüber musste ich lachen. „Ich sagte zwar, ich bin begeisterungsfähig, aber ich denke nicht, dass ich dafür der richtige Typ bin.“ Hauptsächlich, weil ich klein war, und obendrein fehlte mir für dieses Image auch die richtige Barbie-Frisur: lang, blond – eben perfekt. Nun stellte sich mir die Frage, ob Chloe wohl bei den Cheerleadern war.

Miss Hallshaw hüstelte, um unsere Aufmerksamkeit auf den Unterricht zu lenken, was Nick und mich für die nächsten fünfzehn Minuten verstummen ließ. Als wir später partnerweise einen toten Fisch sezieren sollten, steckte er mir einen kleinen Zettel mit einer Telefonnummer zu. „Das ist Allies Nummer. Wenn du dir das Team doch mal ansehen willst, ruf sie einfach an.“

„Okay … Danke.“ Ich schob den Zettel in meine Hosentasche. „Es überrascht mich ein wenig, dass es hier überhaupt ein Cheerleaderteam gibt. Hat Grover Beach denn eine Football-Mannschaft?“

„Haben wir nicht. Aber wir spielen Fußball an dieser Schule.“

Ich hatte mal die Hälfte eines Fußballspiels in Finnland gesehen. Das war echt nicht mein Lieblingssport. „Spielst du auch?“, wollte ich wissen.

„Jap. Ich bin ein Grover Beach Bay Shark.“ Er grinste mich breit an und enthüllte dabei einen halb abgebrochenen Zahn in der oberen Reihe. Ich versuchte, nicht darauf zu starren, doch das war schwer, denn er hörte nicht auf zu grinsen.

„Okay. Also, welche Position hast du auf dem Feld? Bist du Quarterback? Oder vielleicht Pitcher?“ Mehr Fachbezeichnungen aus dem Sport fielen mir leider gerade nicht ein.

Nick neigte seinen Kopf, als versuchte er herauszufinden, welche Sprache ich gerade gesprochen hatte. „Quarterbacks gibt’s nur beim Football. Und ganz sicher haben wir keinen Pitcher auf dem Feld. Ich stehe im Tor.“

„Oh.“ Dann hatte er wohl irgendwann mal einen Ball mit seinem Gesicht gestoppt; daher der abgesplitterte Zahn. Ich fragte lieber nicht danach und schob ihm stattdessen den Fisch auf dem Tablett hinüber. Sollte ruhig er ihn sezieren. „Ich mag keine toten Tiere anfassen. Dabei bekomme ich eine Gänsehaut.“ Sogar jetzt stellten sich die kleinen Härchen auf meinen Unterarmen auf.

Nick hatte mit dem toten Fisch keine Probleme. Er schnitt ihn auf, als wäre er eine warmes Brötchen.

Nach Naturwissenschaft kämpfte ich mich durch die überfüllten Korridore bis zu Amerikanische Geschichte und im Anschluss weiter bis zur Englischklasse. Hier fand ich einen Platz neben dem Mädchen mit der Brille und dem honigblonden Haar, das ich bereits aus der ersten Unterrichtsstunde kannte. Ihr Name war Susan Miller und sie war eine echt lustige Person. Wir mussten im Unterricht ein Gedicht über eine Frucht unserer Wahl verfassen. Susan nannte ihres Ode an meine Banane. Während sie das Gedicht vortrug, lehnte ich mich entspannt zurück und nahm einen Schluck von meiner Cola. Bei dem unerwarteten Ende ihres Textes brüllte die ganze Klasse vor Lachen und ich sprühte Cola durch meine Nase. Ja, ich konnte unglaublich attraktiv sein, wenn ich wollte.

Susan hatte hinterher auch noch Mathematik mit mir zusammen. Da sie meiner Vorstellungsrunde insgesamt schon dreimal beigewohnt hatte, wusste sie bereits eine Menge über mich und plauderte all die Details aus, als sie mich vor der fünften Stunde zwei ihrer Freundinnen vorstellte: Simone Simpkins, die in ihren hautengen Sachen und mit den perfekten blonden Locken wie ein norwegisches Supermodel aussah, und Liza Matthews.

Beide Mädchen schienen sehr nett zu sein, obwohl Liza erst gar nicht so recht mit mir reden wollte. Ich hatte ständig das unangenehme Gefühl, dass sie mich aus den Augenwinkeln heraus beobachtete. Die Tatsache, dass Tony in Charlie’s Café bei ihr und ihrem Freund am Tisch gestanden hatte, kurz bevor ich abgehauen war, verursachte mir doppelt Bauchweh.

„Du bist Chloe Summers’ Cousine, nicht wahr?“, fragte sie irgendwann ganz überraschend und band sich dabei die langen braunen Haare zu einem Pferdeschwanz. Ich vermutete, das diente der Ablenkung, denn sie wollte mir immer noch nicht in die Augen sehen.

„Ähm, ja. Ist das ein Problem?“ Nach dem Zwischenfall mit dem Kellner war ich etwas unsicher.

„Echt jetzt? Du bist verwandt mit Chloesetta Summers?“, platzte es aus Susan heraus. Sie schob ihre Metallrahmenbrille weiter die Nase hoch, als müsste sie mich noch einmal genauer unter die Lupe nehmen. „Das hätte ich nie vermutet. Du bist so … normal.“

Auf diese Bemerkung hin kugelten sich die beiden anderen vor Lachen. Ich mich auch. Größtenteils deshalb, weil sie meine Cousine Chloesetta nannte und ich keine Ahnung hatte warum. „Ja, sie ist gerade ein wenig … exzentrisch. Ich wohne vorübergehend bei ihr und ihrer Familie, bis meine Eltern in die Staaten zurückkommen. Ich bin völlig verwundert, wie zickig sie geworden ist.“

„Sie ist der totale Barbie-Klon“, warf Simone ein und deutete dann mit dem Daumen zur Seite auf Liza. „Ihre Worte, nicht meine. Aber Chloe hat an dieser Schule schon so etwas wie einen Ruf. Und keinen guten, wenn du verstehst.“

Oh, ich verstand nur allzu gut. Fünf Minuten mit Chloe an einem Tisch waren genug gewesen, um am Ende eine ziemlich gute Vorstellung von ihrem grandiosen neuen Charakters zu haben.

Nach Journalismus zogen mich die drei Mädchen hinter sich in die Cafeteria. Es war nett, zur Abwechslung mal bereits am ersten Tag Freunde zu haben, mit denen ich die Mittagspause verbringen konnte. Normalerweise brauchte ich dafür immer mindestens eine Woche. Doch heute schien sowieso irgendwie alles anders zu sein. Ich fühlte mich in dieser kleinen Gruppe echt wohl. Und in der Cafeteria sah ich auch Nick wieder. Er saß mit ein paar anderen athletischen Jungs an einem langen Tisch vor dem Fenster. Sein kupferrotes Haar stach aus der Menge heraus. Ich winkte ihm im Vorbeigehen, und er lächelte zurück.

„Du kennst Frederickson?“, fragte Liza neugierig, als wir uns in die Schlange vor der Essensausgabe einreihten.

Ich grinste über meine Schulter. „Ja. Finnisch hat das Eis gebrochen.“ Als ich an der Reihe war, lud ich ein Stück Pizza, eine Flasche Mineralwasser und einen Lolli mit Kirschgeschmack auf mein Tablett.

Simone schnappte sich eine halbe Pizza und Susan und Liza wählten je einen Hamburger mit Pommes. Voll beladen schritten sie dann zielstrebig durch den großen Speisesaal. Ich folgte ihnen und fragte mich dabei, wo wir wohl sitzen würden. Meine Kinnlade klappte nach unten, als wir am Tisch mit den sportlichen und auffällig gutaussehenden Jungs stehen blieben. Das hier war ohne Zweifel die Oberliga der coolen Leute an dieser Schule.

„Hey, Finnen-Mädel“, begrüßte mich Nick als Erster und schob dabei den Stuhl neben sich mit dem Fuß nach hinten. „Wie ist dein erster Tag gelaufen?“

Ganz offensichtlich wollte er, dass ich mich neben ihn setzte, also stellte ich mein Tablett auf den Tisch und sank auf den rosa Vinylstuhl. „Viel besser als erwartet“, gab ich zu, bevor ich eine Ecke des Pizzastücks abbiss.

Nicks Blick sprang auffällig von seinem voll beladenen Tablett zu meinem Kirschlolli. „Ist das alles?“

„Sie ist klein. Sie braucht nicht so viel Futter wie du, Frederickson“, sagte jemand hinter mir. Der Hauch von Eiseskälte in der Stimme ließ mich zusammenzucken. Mir blieb der Bissen im Hals stecken. Ich brauchte mich nicht umzudrehen, um zu wissen, wer gerade hinter mir stand.

Tony kam um den Tisch herum und nahm zwischen Liza und Simone Platz, dann lehnte er sich weiter zu Liza hinüber, während sein kalter Blick die ganze Zeit über an mir haftete. „Und warum sitzt sie bei uns?“ Einen kurzen Moment später verzog er schmerzlich das Gesicht. „Aua!“

Liza grinste ihn an. „Das war für dein Feingefühl.“

Tony zeigte bei einem falschen Lächeln Zähne. In diesem Augenblick kam auch der große, schwarzhaarige Junge, der mit Liza bei Charlie’s gewesen war, an unseren Tisch. Er zog verspielt an ihrem Pferdeschwanz, lehnte sich zu ihr herab und drückte ihr einen Kuss auf den Nacken. „Warum trittst du meinen besten Spieler, Matthews?“

Spieler? Gehörten etwa alle hier zur Fußballmannschaft, so wie Nick?

Liza schloss kurz die Augen und ein freudiges Lächeln umspielte ihre Mundwinkel bei der Liebkosung ihres Freundes. Heiliger Bimbam, welches Mädchen würde dabei nicht wegschmelzen wie Eis in der Sonne? Der Junge war eine verdammte Sahneschnitte.

„Tony hat den Tritt verdient“, antwortete ihm Liza, als er sein Bein über die Rückenlehne des Stuhls auf ihrer anderen Seite schwang und sich setzte.

„Hey, was hast du für ein Problem, Mitchell?“ Nick kicherte um den Bissen in seinem Mund herum und stopfte dann noch mehr Pommes hinterher.

Währenddessen traf mich Tonys strafender Blick quer über den Tisch hinweg. Wahrscheinlich würde er heute lieber in der anderen Ecke der Cafeteria sitzen als hier mit mir. Was hatte er nur gegen mich? Schließlich hatte ich doch nicht das Wort Lepra auf meine Stirn tätowiert.

Appetitlos legte ich das Stück Pizza zurück auf den Teller und wischte meine Finger an der Serviette ab. Dann lehnte ich mich zurück und sagte zu Nick: „Das Problem ist, dass ich Chloes Cousine bin.“ Was auch immer das für Tony bedeutete.

Plötzlich sahen alle wie gebannt zu mir herüber. Sogar Nick machte große Augen. „Tatsächlich?“

Ich nickte.

„Du siehst gar nicht aus wie sie.“

Nun musste ich lachen. Gott sei Dank hatte ich nicht gerade wieder von meinem Mineralwasser getrunken. Vor allen hier Wasser durch die Nase zu sprühen war das Letzte, was ich wollte. „Tja, wir stammen ja auch nicht vom gleichen Spermium ab, weißt du?“, erklärte ich Nick kurzerhand, schubste ihn gegen die Schulter und verdrehte dabei neckisch die Augen.

„Aber Sam musste bei Chloe und ihrer Familie einziehen“, fügte Simone hinzu. Dabei fütterte sie den blonden Jungen mit dem stylischen Halb-Iro neben ihr mit ein paar Weintrauben. „Vier Monate lang im selben Haus!“

„Ooh, das ist übel.“ Lizas Freund blickte zwar nicht hoch von seinem Burger, aus dem er gerade zwei Salatgurkenscheiben fischte, doch er verzog mitleidig sein Gesicht. „Alex, schieb mal das Ketchup rüber.“

Simones Freund schoss die Flasche der Länge nach über den Tisch bis an unser Ende, doch ein anderer Junge schnappte sie sich zuerst und schüttete drei Viertel des Inhalts über seine Spaghetti.

„Iiih, Sasha! Lass doch noch einen Tropfen übrig.“ Liza erkämpfte sich die Flasche aus seinen Händen und reichte sie ihrem Freund, der den letzten Rest über seinen Burger kippte. Im nächsten Moment sprang ich vor Schreck fast in die Luft, als Nick quer durch die Cafeteria rief: „Hey, Al, schwing mal kurz deinen hübschen Hintern hier rüber!“ Ich verfolgte seinen Blick durch den Speisesaal bis zu einem schlanken, großen Mädchen, dessen Haar so schwarz war wie meins. Nur dass ihres bis zum Bund ihrer Schlaghose reichte.

Sie stellte ihr Tablett auf einem Tisch ab, an dem ausnahmslos Mädchen saßen, und kam zu uns herüber. „Hey, Leute. Was gibt’s?“

„Bist du immer noch auf der Suche nach Mitgliedern für dein Team?“, fragte Nick.

Huch. Cheerleader. Meine Zähne rieben gegeneinander. Ich wünschte, er würde das Thema nicht gerade jetzt vor allen anderen aufbringen. Ein Blick in meine Richtung und Allie würde entscheiden, dass Cheerleading und ich nicht kompatibel waren. Da war ich mir sicher.

„Ja. Wir konnten zwar Liza endlich überreden, bei uns mitzumachen, aber wir brauchen mindestens noch zwei weitere Mädels.“

Es war urkomisch, wie sich plötzlich beide Jungs links und rechts von Liza zu ihr drehten und sie mit offen stehendem Mund anstarrten. Der große mit den schwarzen Haaren fing schließlich an verschmitzt zu lächeln und sagte leise: „Ist das so?“

„Ich hab nur zugestimmt, einmal probeweise beim Training mitzumachen, das ist alles“, gab sie schnell zurück. Dann grinste sie über ihre Schulter und meinte sarkastisch: „Danke, Allie.“

Lizas Freund knabberte an ihrem Ohr. „Oh, du wirst ja so was von für mich tanzen, Baby.“

Sie stieß ihn weg wie einen ungestümen Welpen und lachte. „Krieg dich ein und iss lieber deinen Burger, Hunter.“

In der Zwischenzeit hatte Nick seinen Arm über die Lehne meines Stuhls gelegt. „Al, das ist Sam Summers. Sie ist gerade erst aus dem Ausland zurückgekommen, und wie ich gehört habe, tanzt sie ganz gern.“

Alyssa Silverman streckte mir über den Tisch ihre Hand entgegen. Dabei fiel ihr langes Haar nach vorne und beinahe in Tonys Mittagessen. Er streifte es zur Seite und zurück über ihre Schulter, dann funkelte er Nick böse an, der es wiederum überhaupt nicht bemerkte, weil er sich mir zugewandt hatte. Tja, Tony hatte so ein Talent, jemanden wirklich freundlich willkommen zu heißen. Danke auch, Schwachkopf.

„Freut mich, dich kennenzulernen“, sagte Alyssa, als wir uns die Hände schüttelten. „Welche Tanzstile hast du denn so drauf?“

„Ähm, Criss Cross. Von allem etwas.“

„Klingt, als könnten wir mit dir arbeiten.“ Sie zwinkerte mir zu. „Wenn du Lust hast, kann ich mir später mal ansehen, wie gut du bist. Nach der Mittagspause habe ich Sport. Du vielleicht auch?“

Schnell ging ich in Gedanken den Stundenplan, den mir Mrs. Shuster heute Morgen gegeben hatte, durch und nickte dann.

„Cool! Wir sehen uns dann nachher.“ Mit einem letzten Wink verabschiedete sie sich von uns allen und eilte zurück an ihren eigenen Tisch.

Oh, wow. Das war neu. Ich war total darauf vorbereitet gewesen, wegen meines unbändigen Aussehens in mitten der Menge von ihr bloßgestellt zu werden. Doch es schien ihr völlig egal zu sein.

„Das ist fantastisch!“, freute sich Susan und klatschte aufgeregt in die Hände. „Liza und Sam werden uns bald beide bei den Spielen anfeuern.“

„Ich versteh nicht, was daran so fantastisch sein soll“, maulte Tony. War ja klar, dass aus seiner Richtung wieder ein blöder Kommentar kommen würde.

Das sollte mir aber die gute Laune nicht verderben, also ignorierte ich ihn einfach und drehte mich zu Susan. „Was meinst du mit für uns? Erzähl mir nicht, du spielst auch Fußball.“

„Gemischte Teams“, klärte mich Liza auf. „Deine Cousine ist auch in der Mannschaft. Wusstest du das nicht?“

„Ehrlich gesagt haben wir nicht sehr viel miteinander geredet, seit ich wieder zurück bin. Also nein, das wusste ich nicht. Und das ist auch total verrückt. Meine Cousine und Fußball?“ Ich schüttelte verwirrt den Kopf. „Reden wir hier wirklich über Hilfe-ich-könnte-mir-einen-Nagel-abbrechen-Chloe?“

Ach du meine Güte, was war das denn gerade? Ließ Mr. Kalt und Grausam etwa gerade ein Lächeln durchblitzen? Tja, auf jeden Fall war er schnell damit, es wieder abzustellen.

„Genau die“, meinte Hunter dann. „Und sie spielt sogar wirklich gut.“

Bei seinen Worten senkte Liza ihr Kinn und warf ihm seitlich einen missbilligenden Blick zu. Sie war wohl nicht sehr glücklich über diese Tatsache. Vielleicht konnte sie mir später mehr darüber erzählen. Und auch über Tony.

Während alle anderen noch ihr Essen in sich rein schaufelten, verzichtete ich auf mein angebissenes Stück Pizza und wickelte stattdessen meinen Lollipop aus. Der Kirschgeschmack breitete sich schnell in meinem Mund aus. Mmh, köstlich. Ein Seufzen entwich mir.

Als Susan skeptisch hinter ihren Brillengläsern in meine Richtung schielte, zog ich den Lolli mit einem Schmatzen aus dem Mund und zeigte damit auf sie. „Das sind mit Abstand die besten Dinger, die es auf der Welt gibt. Acht Monate musste ich ohne sie aushalten.“ Ich steckte den Kirschlolli zurück in meinen Mund und rollte ihn auf eine Seite, so dass sich meine Wange nach außen beulte. „Mann, so lecker. Ich könnte mich für den Rest meines Lebens nur noch davon ernähren.“

„Sie ist genau wie du mit deinen Käsekräckern, Tony“, meinte Liza und stupste ihn dabei mit dem Ellbogen in die Seite. „Nur, dass sie keine Mayo auf ihren Lolli pappt.“

Mayonnaise auf einem Lolli? Wovon redete sie bloß?

Tony sah sie in diesem Moment genauso kalt an, wie er mich angesehen hatte, als er vorhin an den Tisch gekommen war. „Sie ist nicht wie ich. In erster Linie, weil sie klein ist. Und das ist auch der Grund, warum sie nicht im Cheerleaderteam sein sollte.“

Die Beine seines Stuhls scheuerten über den Linoleumboden, als er ihn zurückschob, aufstand und sein Tablett wegtrug. Sekunden später schwang die Cafeteriatür hinter ihm zu.

 

 

Kapitel 3

 

Samantha

 

 

„ICH VERSTEH’S NICHT. Warum hasst er mich nur so?“ Mies gelaunt sank ich auf die niedrige Bank im Mädchenumkleideraum und schlüpfte aus meinen klobigen schwarzen Stiefeln.

„Mach dir nichts draus. Am besten beachtest du ihn gar nicht“, meinte Liza mit einem verständnisvollen Ausdruck in ihrem Gesicht, während sie ihre Jeans aufknöpfte und den grauen Micky-Maus-Sweater auszog. „Er reagiert im Moment nur etwas allergisch auf den Namen Summers, das ist alles.“

„So viel habe ich mitgekriegt. Also … was ist der Grund dafür? Was ist denn zwischen den beiden vorgefallen, dass die ganze Summers-Sippschaft darunter leiden muss?“

Liza verzog ihren Mund nachdenklich auf eine Seite. „Die kurze Version ist, er war in deine Cousine verknallt, die beiden hatten was miteinander und noch in derselben Nacht schickte sie ihn zum Teufel. Das war letzten Sommer.“

„Ach du heilige Scheiße!“ Er war mit meiner Cousine zusammen gewesen? Meine Augen gingen vermutlich gerade weiter auf als Untertassen. War Tony in Chloe verliebt gewesen? Irgendwie schwer zu glauben, nachdem ich gesehen hatte, mit welcher Abscheu er ihr Samstagabend begegnet war. Er war ihr gegenüber eiskalt und total gefühllos – genauso, wie er sich mir gegenüber verhielt.

In Gedanken versunken, fiel mir erst nach einigen Sekunden auf, dass Liza mich mit schräg geneigtem Kopf beobachtete. „Alles okay?“, fragte sie.

„Sicher.“ Ich räusperte mich schnell. „Ich hätte nur nicht gedacht, dass Chloe jemals zu dieser Art von Flittchen werden würde. Irgendwie kann ich Tony sogar verstehen. Ich würde an seiner Stelle wohl auch gereizt auf meinen Nachnamen reagieren.“

„Ja schon, aber die Geschichte geht noch weiter“, mischte sich Simone ein. Dabei legte sie einen Arm um Lizas Schultern. Die beiden sahen sich einen Moment lang an und dann begann Simone zu grinsen. „Nicht wahr?“

Liza stieß einen Seufzer aus. Von da an übernahm Susan das Wort. Sie redete wirklich gern, so viel hatte ich mittlerweile über sie herausgefunden. „Also, es ist so … Liza war bis vor Kurzem ja so was von verliebt in Tony. Aber der Schwachkopf hat’s einfach nicht geschnallt. Oder vielleicht hat er es sogar und ihm fehlte einfach der Mut, ihr zu sagen, dass er auch total in sie verliebt war.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Wer weiß das schon?“

Tony war in Chloe und Liza verliebt gewesen? Bei dem Gedanken pikte mich ein komisches Gefühl in der Brust. Nein, eigentlich war es gar nicht komisch. Tatsächlich war es höchst unangenehm. Ich wollte nicht die einzige Person auf der Welt sein, die er nicht leiden konnte.

„Doch eines Tages“, fuhr Susan fort und merkte Gott sei Dank nicht, was mir gerade durch den Kopf ging, „kam Ryan Hunter des Wegs und hat Tony Liza einfach unter der Nase weggestohlen.“

Nun lachte auch Liza. „Er hat mich ihm nicht gestohlen.“ Ihr strahlender Blick schwenkte zu mir. „Das musste er auch gar nicht. Ich hab mich freiwillig für Hunter entschieden.“

„Ja genau. Nachdem sich die beiden um sie geprügelt hatten. In ihrem Zimmer!“ Der schmachtende Ausdruck in Simones Gesicht verriet, dass das so ziemlich das Romantischste war, das sie sich vorstellen konnte.

Tony hatte sich wegen Liza geschlagen? Sie wirkte nett genug, dass die Jungs sicher Schlange bei ihr standen. Obendrein war sie auch noch hübsch, auf sehr natürliche Weise. Plötzlich verspürte ich einen Funken Eifersucht in mir hochkommen. Wenn ich mein Haar nicht hätte kurz schneiden lassen und vielleicht etwas mehr so aussehen würde wie sie, dann würde Tony mich vielleicht auch anziehend finden. Er wäre dann bestimmt nicht so ein Arsch.

Aber warum kümmerte mich das überhaupt? Er war nur ein dämlicher Lackaffe, der mir auf die Nerven ging. Ich konnte ihn ignorieren, wenn ich wollte. Sollte eigentlich nicht so schwer sein.

Während ich mir die Turnschuhe band, blickte ich hoch zu Liza. „Ryan Hunter war der Junge neben dir am Tisch in der Cafeteria, richtig? Also hat er dich am Ende gekriegt und jetzt ist Tony sauer?“

„Nein, Tony ist nicht sauer.“ Sie streifte sich ein weißes T-Shirt über, das gleiche, das wir alle für den Sportunterricht trugen. Als ihr Kopf wieder zum Vorschein kam, sagte sie: „Es stört ihn nicht, dass ich mit Hunter zusammen bin. Wir sind immer noch beste Freunde.“

„Nur, dass er jetzt nicht mehr in Lizas Bett schlafen darf“, kicherte Susan. Dafür gab ihr Liza einen Klaps auf die Schulter.

Simone zog Susan am Ärmel und die beiden gingen gemeinsam in die Turnhalle. Liza und ich folgten den beiden. Als ich sie fragte: „Tony hat bei dir im Bett geschlafen?“, klang meine Stimme eigenartig belegt.

„Hin und wieder, ja. Seit wir klein waren, haben wir praktisch alles zusammen gemacht. Da war das irgendwie normal für uns.“

„Hast du ihn auch schon mal geküsst?“ Verdammt, ich wollte das gerade echt nicht fragen! Und außerdem interessierte es mich sowieso nicht die Bohne. Wütend biss ich mir auf die Zunge.

„Nein, nicht wirklich. Er hat mich einmal geküsst, letzten Sommer. Aber damals war ich schon in Ryan verliebt, und eigentlich zählt es nicht wirklich.“ Sie pausierte kurz und präsentierte dabei ein Peppermint-Patty-Grinsen. „Warum fragst du? Gefällt er dir?“

„Um Himmels willen, nein!“ Und das war alles, was ich dazu sagen würde. Mit schnelleren Schritten eilte ich durch die Turnhalle, rüber zu Simone und Susan, die sich gerade mit Allie unter den Ringen unterhielten.

Alle drei grinsten dumm aus der Wäsche, als ich zu ihnen stieß. Das war mir gar nicht geheuer. „Was brütet ihr denn gerade aus?“, fragte ich.

„Simone hat uns gerade auf deine perfekte Größe aufmerksam gemacht“, meinte Susan.

„Perfekt?“ Dieses Wort hatte bisher definitiv noch niemand in Zusammenhang mit meiner Größe gebracht. „Wofür?“

Allie trat vor. Sie legte mir eine Hand auf die Schulter. „Du kennst doch diese Cheerleader-Choreographien, bei denen ein Mädchen hochgeworfen wird und die Gruppe sie dann wieder auffängt?“

„Oh nein! Kommt gar nicht in Frage!“ Ich machte einen defensiven Schritt zurück. „Ihr werdet mich sicher nicht wie einen Gummiball herumwerfen. Schießt doch Simone in die Luft. Ihr gefällt das bestimmt.“

„Simone ist eine gute Tänzerin, aber leider auch ein Feigling“, stellte Allie fest und bekam dafür prompt einen Knuff von Simone in die Seite.

„Ich bin kein Feigling!“, verteidigte sie sich. „Ich vertraue euch nur nicht, das ist alles.“

„Na wunderbar, aber ich sollte euch schon vertrauen?“ Die hatte doch einen Knall. „Und warum überhaupt traust du ihnen nicht, Simone? Macht ihr das nicht die ganze Zeit?“

Allie rieb sich verlegen den Nacken und rümpfte dabei die Nase. „Wie viel hat dir Nick denn über unser Team erzählt?“

„Eigentlich gar nichts. Nur, dass ihr die Jungs aus der Fußballmannschaft anfeuert. Und die Mädchen“, fügte ich schnell noch hinzu, als ich einen Blick zu Susan warf, die ausnahmsweise ihre Brille mal nicht trug. „Warum? Stimmt etwas nicht mit eurem Team?“

„Nein. Wir sind cool. Wir sind nur keine … professionellen Cheerleader. Das ist alles.“

„Was meinst du?“

„Tja, im Grunde ist es so, dass wir einfach nur dachten, es wäre ganz nett, unsere Jungs ein wenig anzufeuern“, übernahm nun Simone wieder das Wort. „Beim Fußball gibt es ja normalerweise kein Cheerleading, aber die Jungs fanden es toll, als wir irgendwann mal bei einem Spiel in der Halbzeit ein bisschen für sie getanzt haben. Einfach so. Also haben wir uns hinterher jeden Film übers Cheerleading reingezogen, den wir finden konnten, und versucht, die Choreographien nachzutanzen.“ Sie sprang voller Begeisterung in die Luft, schwang dann ein Bein nach oben und bewegte die Arme hin und her, als hielte sie zwei dieser riesigen Pompondinger in den Händen.

„Das wollt ihr etwa auch machen?“, warf Liza mit einem spöttischen Lachen ein.

„Ja, schwing dein Bein, Matthews“, gab Simone scherzhaft zurück. „Ich bin sicher, Hunter würde gerne wissen, was du unter deinem Röckchen trägst.“

„Das wird Hunter nach dem Training rausfinden.“

Lizas letzte Bemerkung sorgte für allgemeines Lachen. Nur ich blickte sie etwas stutzig an. „Hat es einen Grund, warum du deinen Freund immer nur beim Nachnamen nennst?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Er hat damit angefangen.“

„Ja, er nennt sie so gut wie nie Liza“, erklärte mir Susan.

„Niemals?“

„Nein. Wenn er sie nicht Matthews nennt, dann benutzt er irgend so einen Schwachsinn wie … Baby.“ Das letzte Wort sagte Susan in einem richtig tiefen, burschikosen Grummeln. Echt komisch. Ich schlug mir vor Lachen auf den Oberschenkel.

Doch da Allie vorhin behauptet hatte, alle Mädchen tanzten für ihre festen Freunde, wurde ich nun neugierig und fragte sie: „Mit welchem der Jungs aus dem Team bist du zusammen?“

„Mit keinem“, antwortete Simone für sie und wackelte dann anzüglich mit den Augenbrauen. „Noch nicht. Aber sie arbeitet gerade an Sasha Torres. Er hat auch bei uns am Tisch gesessen.“

Verblüfft blickte ich zurück zu Allie. „Der mit den kurzen braunen Haaren? Echt?“ Oh mein Gott, wusste sie eigentlich, wie der Kerl seine Spaghetti aß? Wahrscheinlich hatte sie keine Ahnung, sonst würde sie es sich vermutlich noch einmal überlegen. Oder auch nicht. Er war süß, so wie die meisten an dem Tisch.

Allies Gesicht verfärbte sich in ein sensationelles Rot. Himmel, sie war also wirklich in ihn verliebt. Und zwar bis über beide Ohren.

„Und, steht er auch auf dich?“, wollte ich unverschämt wissen.

Sie zuckte beinahe schon schüchtern mit den Schultern, aber dann kam ihr doch ein Schmunzeln aus. „Das hoffe ich.“ Dann atmete sie tief durch. Jaja, ich wusste schon, was jetzt kam: Themenwechsel. „Wir sollten mal schauen, was du so drauf hast, bevor Miss Trent in ihre Trillerpfeife bläst.“

Ihrem Nicken folgend, fiel mein Blick auf eine Frau Mitte vierzig in Sportkleidung, die gerade zur Tür hereinkam und dann zielstrebig in Richtung Geräteraum marschierte. Zwischen ihren Zähnen hielt sie eine kleine silberne Pfeife, doch noch pustete sie nicht hinein.

„Okay“, antwortete ich. „Was genau möchtest du denn sehen?“

„Kannst du einen Rückwärtssalto machen? Das wäre echt der Wahnsinn!“, sagte Susan.

Aus dem Stand konnte ich das zwar nicht, dafür aber etwas anderes, was die drei vielleicht genauso begeistern würde. Durch meine früheren Ballettstunden war ich ziemlich beweglich geworden, also beugte ich mich nun langsam so weit nach hinten, bis ich mit den Handflächen den Boden berührte. Dann verlagerte ich mein Gewicht und brachte meine Beine nach oben, eins nach dem anderen, so dass ich eine Art Rückwärtsrad schlug, bis ich wieder aufrecht vor meinen Freunden stand.

Fassungslos standen sie alle da, mit weit geöffnetem Mund. Das hatten sie ganz sicher nicht erwartet, und mir war sehr wohl bewusst, wie cool dieser Move aussah. Ein klein wenig stolz strahlte ich gerade wie ein neues Fünfzig-Cent-Stück.

Susan zog begeistert an ihren Haarsträhnen. Ihre Augen hatte sie wirklich weit aufgerissen. „Scheiße, wie cool war das denn?“

Allie stimmte mit einem Nicken zu. „Ich würde sagen, wenn du auch nur einen Funken Rhythmusgefühl in dir hast, bist du im Team.“

„Toll.“ Ich war mir nicht ganz sicher, ob mich das nun glücklich machte, oder ob ich mir lieber eine Toilette suchen und mich dann selbst darin runterspülen sollte. Aber es war besser als Cheerleader zu tanzen, als gar nicht zu tanzen, also bemühte ich mich um ein ehrliches Lächeln.

„Wir trainieren morgen Nachmittag ein paar Schritte“, erklärte mir Allie. „Komm nach der Schule raus zum Fußballplatz. Da kannst du dann den Rest der Truppe kennenlernen und dich am Ende entscheiden, ob du bei uns mitmachen möchtest.“

„Okay. Solange ich nicht mit einem der Spieler ausgehen muss, um ins Team zu kommen, werde ich da sein.“

Susan lachte über mich und schlang dann ihren Arm durch meinen. Mit derselben tiefen Stimme von vorhin brummte sie: „Ich kann dein Date sein“, und zog mich zu den anderen Schülerinnen, die bereits begonnen hatten, sich mit ein paar Dehnübungen aufzuwärmen.

Miss Trent überließ uns die Entscheidung, was wir heute machen wollten. Wir waren einstimmig für Volleyball, das einzige Ballspiel, in dem auch ich wirklich gut war.

Nach Sport beeilte ich mich, aus dem Umkleideraum zu kommen, und sauste zurück ins Hauptgebäude, wo ich meine letzte Unterrichtseinheit für heute hatte. Animation & Visuelle Effekte. Auf diese Stunde hatte ich mich schon den ganzen Tag gefreut.

Gerade noch vor dem Läuten huschte ich ins Klassenzimmer und sank auf einen leeren Stuhl in der ersten Reihe neben der Tür. Die Lehrerin, ich schätzte sie auf Mitte bis Ende dreißig, machte in ihrem blauen Blumenkleid und den Ledersandalen einen sehr netten Eindruck.

„Du musst Samantha Summers sein“, sagte sie, als sie zu Beginn der Stunde zu mir rüberkam und mir die Hand schüttelte. „Willkommen in AVE. Mein Name ist Caroline Jackson. Ich nehme an, Mrs. Shuster hat dir bereits im Vorfeld erklärt, was du alles für meinen Unterricht benötigst?“

Ich nickte und öffnete dann meine Zeichenmappe. Darin waren alle Zeichnungen, die ich in den letzten beiden Wochen extra für diesen Unterricht angefertigt hatte. „Ich habe die Kohleskizze der alten Frau und die animierte Version des Antihelden. Was mir etwas schwergefallen ist, war das Baby in Bewegung. Wir haben gerade keine Babys in der Familie und ich zeichne am liebsten nach lebendigen Modellen. Aber zum Glück habe ich etwas auf YouTube gefunden, womit ich arbeiten konnte.“

„Ah, du bist einfallsreich. Sehr gut.“ Mit einem faszinierten Ausdruck im Gesicht blätterte Mrs. Jackson durch meine Werke. „Das sieht alles sehr professionell aus. Ich wusste nicht, worauf ich gefasst sein sollte, als mir Mrs. Shuster mitteilte, dass ich eine zusätzliche Schülerin bekommen würde. Aber wie ich sehe, hast du wirklich Talent. Du gehörst auf jeden Fall in diesen Kurs.“ Lächelnd bestätigte sie ihre Worte mit einem Nicken. „Zu Beginn des Unterrichts suche ich mir immer gerne zwei oder drei Schüler raus, deren Zeichnungen wir alle gemeinsam analysieren. Wenn du einverstanden bist, würde ich heute gerne mit deinen beginnen.“

„Klar“, gab ich zurück, doch sofort knotete Anspannung meinen Magen zusammen. Ich wusste, dass ich zeichnen konnte. Die Frage war nur, wie gut waren die anderen und wo würde ich mich mit meinem Talent bei ihnen einreihen müssen? Aber vielleicht machte ich mir auch zu viele Gedanken. Mrs. Jackson schien von meiner Arbeit ziemlich angetan zu sein, also versuchte ich mich zu entspannen und atmete tief durch, während sie meine Bilder mit großen, runden Magneten an die Tafel heftete.

Sie begann mit meinem bewegten Baby. Die Klasse hatte wirklich nicht viel daran auszusetzen. Das Porträt der alten Lady gefiel ihnen sogar noch besser. Sie lobten mich alle für die exzellente Arbeit bei der Schattierung und fanden besonders die Falten um die Augen sehr lebensecht. Das war der Moment, in dem ich mich entspannt zurücklehnte. Meine Zeichnungen hatten mühelos der kritischen Betrachtung einer ganzen Klasse standgehalten. Was sollte mir nun noch passieren?

Zuletzt präsentierte Mrs. Jackson meinen animierten Antagonisten. Das Projekt bestand eigentlich aus drei einzelnen Bildern, die am Ende übereinander gelegt wurden. Durch das Blättern entstand der Effekt einer Bewegung im Bild. Ich hatte mir große Mühe gegeben, den fiesen Kapitän eines Raumschiffs wiederzugeben. Er drehte sich in dem Bild zum Betrachter um und führte dabei ein Laserschwert in der Hand. Sein Umhang schwang unheilvoll hinter ihm durch die Luft. In meinen Augen war dieses Bild perfekt. Ich hatte dafür zehn Arbeitsstunden investiert und hätte es nicht besser machen können. Auch die anderen schienen schwer beeindruckt zu sein. Ein kleines Lächeln huschte über meine Lippen.

Bis mich ein Murmeln von der hintersten Reihe aus meiner Euphorie zurückholte. „Großer Gott, was für ein Babyface.“ Dem folgte das unterdrückte Gelächter von ein paar Klassenkameraden.

Die kleinen Härchen in meinem Nacken richteten sich auf. Ich wollte mich in diesem Moment gar nicht umdrehen, doch mein Oberkörper bewegte sich ganz von allein, bis ich schließlich in Anthonys eiskalte Augen blickte.

„Mr. Mitchell, haben Sie noch irgendetwas Relevantes zu diesem Bild zu sagen?“, fragte ihn Mrs. Jackson mit einem warnenden Unterton.

Tony tippte sich mit dem Finger auf die Lippen, bevor er zwei Sekunden später antwortete: „Tja, eigentlich habe ich das tatsächlich.“ Er warf mir einen vielversprechenden Blick zu – darin spiegelte sich seine offenkundige Freude darüber, dass er endlich die Gelegenheit bekam, mich öffentlich in der Luft zu zerreißen.

Ich schlang wie zum Schutz meine Arme um mich selbst.

„Während sowohl die schwungvolle Bewegung als auch die dominante Haltung und zweifellos der muskelbepackte Körperbau für ein Antihelden-Image funktionieren, hat die Künstlerin leider die Gesichtszüge total in den Sand gesetzt. Ganz offensichtlich hat sie eine Fixierung auf niedliche Grübchen, wie wir auch in Bild eins und zwei schon sehen durften, und diese babyblauen Augen könnten bei Gott etwas gieriger und gemeiner blitzen. Samantha Summers’ Antagonist schafft es vielleicht, dass sich Winnie Puuh bei seinem Anblick in die Hose macht, aber ich fürchte das ist leider auch schon alles.“

Die gesamte Klasse krümmte sich vor Lachen. Ich wollte am liebsten heulen. Mein Gesicht glühte, als wäre ich zehn Stunden in der prallen Sonne festgenagelt gewesen.

Mrs. Jackson nahm meine Bilder von der Tafel und händigte sie mir aus. Gott sei Dank lachte sie nicht mit den anderen. „Vielen Dank für diese äußerst aufschlussreiche Analyse, Mr. Mitchell“, meinte sie dann in einem sarkastischen Ton. „Warum sehen wir uns Ihre Bilder nicht als Nächstes an?“

„Sicher.“ Grinsend schritt Tony nach vorne zur Tafel und zwinkerte mir auf dem Weg dorthin auch noch zu. Es war keine nette Geste. Vielmehr war sie kalt und gemein. Er wusste genau, wie sehr er mich gerade verletzt hatte. Und dieser Arsch war auch noch zufrieden mit sich selbst.

Warum?

Er konnte doch nicht ernsthaft immer noch böse sein, nur weil Chloe dieses saudumme Glas Wasser umgestoßen hatte. War ihm denn dabei nicht aufgefallen, wie wenig mir Chloes Verhalten imponiert hatte? Sie war es gewesen, die ihn in Schwierigkeiten hatte bringen wollen, nicht ich. Warum nur war er so blind? Und stur? Verdammt noch mal!

Tony fixierte seine Bilder mit denselben runden Magneten an der Tafel.

Ich starrte fasziniert auf seine Werke. Bei ihrem Anblick waren alle trübsinnigen Gedanken augenblicklich vergessen. Er hatte das Baby nicht wie ich von der Seite gezeichnet. Nein, dieser kleine Racker kam geradewegs auf den Betrachter zugekrabbelt, und zwar so lebensecht, dass ich mich am liebsten bücken und das Baby hochnehmen wollte. Sein Antagonist war ein finsterer Ritter auf einem brutalen Streitross. In der Bewegung gab der Ritter seinem Pferd schmerzhaft die Sporen, um es zum Kampf anzutreiben.

Aber es war seine Kohlezeichnung, die mir wirklich den Atem raubte. Ich hatte keine Ahnung, wer diese alte Frau auf dem Bild war, aber sie hätte gut die geliebte Großmutter von jedem von uns in dieser Klasse sein können. Ihr Gesicht wies die tiefen Furchen eines langen, harten, aber glücklichen Lebens auf. Und auch wenn ihre Lippen schmal und gerade waren, so strahlten ihre Augen ihr gesamtes Leben aus, ihre Freude und all ihre Mühsal.

Es war perfekt.

Ich blieb still, während einige der anderen Schüler Kommentare zu den makellosen Gesichtszügen und dem hervorragenden Spiel zwischen Licht und Schatten abgaben. Niemand trampelte auf Tonys Selbstvertrauen herum, so wie er es mit meinem gemacht hatte. Ich senkte den Kopf. Er sollte in meinem Gesicht nicht die Bewunderung sehen, die ich für seine Bilder hegte, als er sie von der Tafel nahm und zurück auf seinen Platz stolzierte.

Den Rest der Stunde versuchte ich angestrengt, mich auf das zu konzentrieren, was Mrs. Jackson uns erklärte, und nicht ständig in Gedanken Tonys grausame Worte zu wiederholen. Doch Tatsache war, mein Herz blutete. Wenn sonst irgendjemand solchen Mist über meine Bilder gesagt hätte, hätte ich keine weitere Sekunde mit Trübsalblasen verschwendet. Aber nachdem ich nun selbst gesehen hatte, wie talentiert Tony wirklich war, traf mich sein Urteil unglaublich tief. Vielleicht hatte er ja recht und ich hatte das Bild mit dem Antihelden wirklich versemmelt. Das nächste Mal musste ich mich einfach noch härter anstrengen. Entschlossen biss ich die Zähne aufeinander. Keinesfalls würde ich ihm noch mal die Gelegenheit bieten, mich vor versammelter Klasse und meiner Lehrerin so herunterzumachen.

Als die Glocke den Unterricht beendete und jeder seine Sachen einpackte, rief mich Mrs. Jackson zu sich an den Tisch. „Ich erwarte von all meinen Schülern in dieser Klasse, dass sie bis zum Semesterende ein bestimmtes Ziel erreichen“, teilte sie mir mit. „Da du leider bereits zwei Monate versäumt hast, möchte ich gerne, dass du zumindest die wichtigsten Projekte, die wir seit Schulbeginn bereits durchgenommen haben, nachholst. Hierbei geht es um fünf spezielle Bilder, die du zeichnen sollst. Denkst du, du schaffst das in den nächsten zwei Wochen?“

„Ja, sicher.“ Ich trat zur Seite, um meine Klassenkameraden vorbeizulassen. „Was muss ich machen?“

Sie lächelte kurz und rief dann über meine Schulter: „Tony! Warte bitte noch einen Moment!“

Der Schauer, der mir bei seinem Namen über den Rücken lief, wurde schlimmer, als ich mich umdrehte und ihn mit ernster Miene auf uns zukommen sah.

„Was gibt’s?“ Er warf mir einen schnellen, seitlichen Blick zu, der alles andere als von Freude erfüllt war, und wandte sich dann wieder von mir ab.

Instinktiv machte ich einen kleinen Schritt von ihm weg und sah Mrs. Jackson mit wachsendem Horror an.

„Miss Summers hat einiges nachzuholen“, erklärte sie ihm dann. „Könntest du ihr bitte deine Notizen zu den großen Projekten leihen und ihr erklären, was sie zu tun hat?“

„Auf keinen Fall!“ Tony verdrehte die Augen und lachte argwöhnisch.

Ich wollte dasselbe tun, als ich Mrs. Jacksons lächerlichen Vorschlag hörte. Doch sie zog nur ihre Augenbrauen hoch und sagte: „Wie bitte?“

„Komm schon, Carrie. Das ist so ein Klischee. Du machst das nur, weil du verärgert bist, dass ich vorhin meine ehrliche Meinung über ihre Zeichnung geäußert habe und damit auch noch recht hatte.“

„Das war nicht ehrlich, es war unnötig. Und das ist keinesfalls der Grund, warum ich möchte, dass du Samantha hilfst.“

Trotz des bizarren Verlaufs dieser Diskussion konnte ich im Moment nur an eines denken. Er nannte sie Carrie und wurde dafür nicht einmal zurechtgewiesen. Wow, das war seltsam.

„Ist es nicht? Dann, bitte, nenn mir den wahren Grund“, forderte er sie mürrisch auf.

„Ganz einfach: Du bist mein bester Schüler, und niemand sonst wäre so qualifiziert dafür, ihr zu helfen, wie du.“ Sie lächelte ihn an, und ich fragte mich, ob dahinter ein Hauch von Geplänkel steckte. Doch das konnte unmöglich sein. Nicht zwischen Lehrer und Schüler. Und was sollte der Blödsinn überhaupt? Dieser Vollidiot brauchte mir bei gar nichts zu helfen.

„Das ist mir schnurzpiepegal“, gab er zurück. „Ich will ihr meine Notizen nicht geben.“

„Na schön.“ Mrs. Jackson stieß einen schweren Seufzer aus. „Dann sei bitte so nett und schick mir Jeremy noch einmal herein. Ich werde ihn bitten, Miss Summers seine Unterlagen zu leihen.“

Ja. Hol Jeremy. Ich will lieber seine Notizen haben.

Aber Tony blieb einfach vor ihr stehen. Er verschränkte die Arme vor seiner Brust und lehnte sich ein paar arrogante Zentimeter zurück. „Das ist nicht dein Ernst. Du willst sie mit Jerry zusammenarbeiten lassen? Der Kerl kriegt doch nicht mal ein Strichmännchen für eine Toilettentür hin.“

Scheiß drauf! Ich will Jerry!

„Jeremy hat sehr viel Talent. Er ist beinahe so gut wie du“, konterte Mrs. Jackson.

„Niemals!“ Tony lachte, klang dabei aber wenig amüsiert. „Ich kann nicht glauben, dass du wirklich auf ihn zurückgreifen würdest.“

Hey … hatte sie etwa gerade seinen Stolz verletzt? Ich verkniff mir ein Schmunzeln, obwohl die Situation ja alles andere als lustig war.

Mrs. Jackson zuckte mit den Schultern und faltete ihre Hände scheinheilig unter ihrem Kinn. „Leider lässt du mir keine andere Wahl.“

„Sie wird nicht mal in der Lage sein, sein Gekrakel zu entziffern. Hast du schon mal einen Blick auf seine Notizen geworfen?“

Nun grinste Caroline Jackson, aber nicht in Tonys Richtung, sondern in meine. Etwas Seltsames ging gerade in ihrem Kopf vor; eine Taktik, die im Moment nur sie durchschaute. Und dem Blitzen in ihren Augen nach zu urteilen, ging ihr Plan gerade auf.

Mir wäre echt lieber gewesen, sie wäre gescheitert.

Tony ließ in diesem Moment seinen Rucksack auf den Boden fallen, lehnte sich vor, um ein gelbes Post-it von dem Stapel auf Mrs. Jacksons Tisch zu reißen, nahm einen Kugelschreiber und kritzelte etwas darauf. Anschließend hielt er mir den kleinen Zettel unter die Nase und sah dabei noch bockiger denn je drein. „Ich hab heute Training und bin erst ab kurz nach vier zu Hause. Du kommst. Du holst dir meine Notizen ab. Du gehst wieder. Klug, wie du bist, wirst du sicher selbst herausfinden, was du damit machen sollst.“

Ich hätte ihm sagen sollen, was er mit seinem charmanten Angebot machen konnte, doch ich war im Moment einfach nur wie vom Blitz getroffen und starrte schweigend auf das gelbe Post-it in meiner Hand.

Tony schwang seinen Rucksack über eine Schulter und warf unserer Lehrerin einen letzten, genervten Blick zu. „Dein Psychomist ist echt ätzend.“

„Ich wünsch dir auch einen schönen Tag, Neffe“, rief ihm Mrs. Jackson nach, als er zur Tür hinausmarschierte.

 

 

Kapitel 4

 

Samantha

 

 

OMG, ICH HATTE ein Date … mit dem größten Volltrottel der Schule!

Ich verdrehte die Augen. Das würde ganz sicher nicht passieren. Er konnte mich nicht ausstehen, er wollte nichts mit mir zu tun haben, und das Gefühl beruhte eindeutig auf Gegenseitigkeit. Erst zerknüllte ich den kleinen gelben Zettel mit Tonys Adresse drauf in meiner Hand und warf ihn dann gegen die Wand über meinem Bett, damit ich mich endlich wieder auf meine Hausaufgaben konzentrieren konnte. Sollte er doch warten, bis er schwarz wurde. Ich würde nicht einmal in die Nähe seines Hauses gehen. Nicht nach dieser ach-so-netten Einladung.

Es war bereits zwanzig nach drei, als ich endlich mit Algebra fertig war und in die Küche hinunterlief, um mir ein Glas Wasser zu holen. Bei meiner Rückkehr fiel mein Blick abermals auf das zusammengeknüllte Stück Papier, das nun einsam auf dem Boden lag. Mit einem verdrießlichen Grollen kickte ich den kleinen Papierball aus dem Weg, doch er prallte vom Bettpfosten ab und landete wieder genau vor meinen Füßen.

Herrgott noch mal, wollte mich das Ding denn einfach nicht in Ruhe lassen? Schließlich hob ich das Papierknäuel widerwillig auf und streifte es glatt. Nach allem, was ich von Tony heute gesehen hatte, war er ein Zeichengenie. So unglaublich talentiert. Und ich wollte seine Notizen nur zu gerne haben. Tatsächlich musste ich etwas unternehmen, wenn ich in Mrs. Jacksons Unterricht Anschluss finden wollte. Was wäre also, wenn ich zu seinem Haus rüberfahren, mir die Aufzeichnungen schnappen und wieder abhauen würde, bevor Tony überhaupt die Gelegenheit hatte, sein dämliches Maul aufzumachen?

Mir blieb entweder diese Möglichkeit, oder ich musste mit Jerry reden, der nicht mal ein Strichmännchen zeichnen konnte. Tut mir leid, Jeremy, aber ich kann nicht riskieren, diese Zeichnungen zu vermasseln, nur weil deine Notizen unbrauchbar sind. Doch der Gedanke daran, Hilfe von Anthony-Vollidiot-Mitchell anzunehmen, verursachte mir Übelkeit. Meine Laune sackte in den Keller, und ich wusste immer noch nicht, was ich tun sollte. Verzweifelt fuhr ich mir mit gespreizten Fingern durchs Haar und ließ mich auf meinen Schreibtischstuhl fallen. Hätte mein Start in Grover Beach wirklich noch schlimmer sein können?

Wahrscheinlich nicht.

Bis zehn vor vier Uhr hatte ich mich endlich zu einer Entscheidung durchgerungen, diese zweimal wieder verworfen und mich dann doch endgültig dazu entschlossen, zu ihm zu fahren. Ohne diese Aufzeichnungen ging es nicht. Also bereitete ich mich auf das Schlimmste vor – ein Treffen mit Tony.

Und dann fiel mir ein, dass ich noch ein ganz anderes Problem hatte. Chloe musste mir ihren Wagen leihen, denn erstens hatte ich keine Ahnung, wo Tonys Haus war, und brauchte dazu ein Navigationssystem, und zweitens konnte er meilenweit weg wohnen. Ich hatte keine Lust, quer durch die ganze Stadt zu laufen.

Ich ging rüber zu Chloes Zimmer, doch mit bereits zum Klopfen erhobener Hand zögerte ich. Sie sagte ganz bestimmt Nein. Ihre neu gewonnene Arroganz hatte mich zwar überrascht, doch es gab eines, das ich ganz sicher über meine Cousine wusste. Wenn sie einmal eingeschnappt war, dann für Wochen.

Vielleicht sollte ich mich entschuldigen …

Ich tat einen Atemzug durch meine zusammengebissenen Zähne. Sie war die Zicke gewesen, nicht ich. Bei dem Gedanken, vor ihr zu Kreuze zu kriechen, rollten sich mir die Zehennägel in den Stiefeln auf. Aber dann dachte ich an die vier Monate unter einem Dach mit ihr. Was blieb mir anderes übrig, als meinen Stolz runterzuschlucken und gute Miene zum bösen Spiel zu machen? Irgendwie würde ich das schon schaffen. „Ich kann das. Ich kann das …“ Ich klopfte an ihre Tür.

Keine Antwort.

Ahnte sie etwa, dass ich es war? Ich kratzte mich am Kopf und versuchte es dann noch einmal. „Hey Chloe, kann ich reinkommen?“

Wieder keine Antwort.

Ich senkte meinen Blick auf den Boden. „Hör zu, es tut mir leid wegen Samstagnacht. Können wir die ganze Sache nicht einfach vergessen?“

Hinter der Tür herrschte immer noch Schweigen. Ja, damit hatte ich schon gerechnet, aber so einfach wurde sie mich nicht los. Ich öffnete die Tür. „Chloe?“

Zu meiner Überraschung war das Zimmer leer. Erst blickte ich unsicher zurück über meine Schulter, trat dann aber doch ein und sah mich um. Alles war immer noch genauso wie letzten Samstag, als ich hier angekommen war – wie die perfekte Nachbildung eines Zimmers in Barbies Traumhaus. Auf dem hellgrauen Parkettboden lagen weder Kleider noch andere Sachen herum, der Schreibtisch war sauber, ohne ausgebreitete Hausaufgaben oder Sachbücher. In diesem Haus war ich offenbar die einzige unordentliche Person.

Die weißen Holzmöbel und der violette Angorateppich riefen in mir plötzlich den Wunsch wach, das Puppen-Teeservice rauszuholen und Teeparty im Wunderland zu spielen, so wie früher, wenn wir oft in diesem Haus zu Besuch gewesen waren. Chloe wollte damals immer Alice sein. Für mich war das okay gewesen. Der verrückte Hutmacher war sowieso viel eher mein Ding.

Abgesehen von der Bettwäsche, die mittlerweile aus blauem Satin bestand und nicht mehr aus Flanell mit Cindarellaaufdruck, hatte sich hier drinnen nichts verändert. Die Holzvertäfelung der Mansarde griff die Farbe des Parkettbodens auf, und ich ließ meinen Finger entlang der niedrigen Deckenverkleidung gleiten, als ich zum Fenster rüberging. Chloes Zimmer war Richtung Auffahrt ausgerichtet. Ich streifte den schleierartigen Vorhang zur Seite und lehnte mich aus dem offenen Fenster, um einen Blick auf die Straße werfen zu können. Ihr Auto war nicht da. Mist. Nun hatte ich wirklich ein Problem.

Lieber beeilte ich mich und bat Tante Pamela um ihren Wagen, bevor sie auf die Idee kam, noch schnell einkaufen zu fahren.

Ich verließ Chloes Zimmer so, wie ich es vorgefunden hatte, und hastete nach unten in die Küche, wo meine Tante gerade Gemüse fürs Abendessen klein schnitt. Gut, sie hatte also nicht vor, so schnell das Haus zu verlassen. Ich entspannte meine Schultern und setzte eine natürliche Miene auf. „Hi, Pam.“

Sie warf die Gemüsewürfel in einen Topf und drehte sich zu mir, wobei sie sich die Hände an ihrer Schürze abwischte. „Hey, Sammy, was gibt’s?“

„Kann ich mir deinen Wagen für eine Weile ausleihen? Ich muss in die Stadt, ein paar Sachen für die Schule besorgen, und Chloe ist nicht zu Hause.“

„Klar doch.“ Sie befestigte ihren honigblonden Pferdeschwanz neu und kam mit mir in die Vorhalle, wo sie ihre Autoschlüssel aus einer ledernen Handtasche holte. „Nun, wie hat dir der erste Tag in der neuen Schule gefallen? Sind deine Lehrer nett? Und hast du schon neue Freunde gefunden?“

Sie meinte wohl abgesehen vom Chloe-Clan, der nur im Rudel durch die Korridore zog.

„Ja, ich hab ein paar ganz nette Kids kennengelernt. Und rate mal was! Sie haben mich gefragt, ob ich im Cheerleaderteam mittanzen möchte.“ Ein trockenes Lachen entfuhr mir, doch dann verzog ich das Gesicht zu einem nachdenklichen Stirnrunzeln und fragte mich, ob es am Ende vielleicht doch eine ganz gute Idee wäre, bei Allie und den anderen einzusteigen.

„Das ist ja wunderbar. Wo du doch so gerne tanzt!“, antwortete Pam.

„Ja, vielleicht. Morgen schau ich mir das Training an, dann sehen wir weiter. Danke für die Schlüssel!“ Ich winkte ihr zum Abschied und sauste hinaus in die Garage. Dort stand der geländegängige schwarze Volvo meiner Tante, gewaschen und gewachst, als käme er gerade erst aus der Fabrik. Als ich den Schlüssel im Zündschloss umdrehte, erwachte das Monstrum unter meinem Hintern zum Leben, und ich fuhr durch das Garagentor, das gerade nach oben gerollt war, hinaus ins Freie.

Mit dem Navi hatte ich keine Schwierigkeiten, zu Tonys Haus zu finden. Es stellte sich heraus, dass er tatsächlich am anderen Ende der Stadt lebte, in einer Art Bilderbuchnachbarschaft etwa zwei Meilen entfernt vom Haus meiner Tante. Ich parkte direkt vor der Tür. Das Haus war weiß gestrichen und wurde durch einen niedrigen Gartenzaun aus angespitzten Latten von der Straße abgegrenzt. Ein kleiner Garten zog sich von der Vorderseite am Haus vorbei und weiter nach hinten, wo vermutlich ein größerer Garten zu finden war. In dieser Straße sahen fast alle Häuser gleich aus, mal abgesehen von der Farbe und dem Design der Haustüren und Fenster. Viel kleiner als die Villa meiner Tante und meines Onkels, aber dafür niedlich. Ich stieß ein zynisches Grunzen aus. Das Haus sah viel zu nett aus für einen Vollpfosten wie Tony.

Die Uhr am Armaturenbrett zeigte Viertel nach vier an. Hoffentlich war Tony nach dem Training pünktlich nach Hause gekommen. Ich drehte mich im Sitz um, doch ich sah ihn nirgendwo die Straße entlangkommen. Vermutlich war er bereits im Haus, und ich suchte nur nach Gründen, um nicht aussteigen zu müssen. Ein paar Minuten blieb ich noch im Wagen sitzen und starrte stur geradeaus. Waren gute Noten in AVE es wirklich wert, hierherzukommen und Mr. Schlechterzogen zu treffen?

Leider war meine Antwort darauf ein qualvolles Ja.

Nach ein paar tiefen Atemzügen zur Beruhigung löste ich meine verkrampften Finger vom Lenkrad und stieg endlich aus. Drei Steinstufen führten hoch zur Eingangstür. Ich drückte den Klingelknopf und wartete dann darauf, dass sich etwas hinter der matten Glasscheibe bewegte. Ein Schatten erschien und Sekunden später ging die Tür auf. Eine große Frau mit schulterlangen Locken, so blond wie Tonys Haar, begrüßte mich mit einem Lächeln im Gesicht. „Hallo.“

„Ähm, hi. Ich bin Samantha Summers. Ist Tony zu Hause?“ Als ich meine Hände vor meinem Bauch rang und mir auffiel, dass sie ganz schwitzig waren, knirschte ich hinter geschlossenen Lippen irritiert mit den Zähnen. Wie schaffte dieser dämliche Affe es nur, mich ständig in ein zitterndes Nervenbündel zu verwandeln?

Mrs. Mitchell nickte und rief dann über ihre Schulter: „Tony! Hier ist eine Freundin von dir!“

Freundin? Niemals!

„Schwarze Haare?“, kam seine Antwort von drinnen.

Nun runzelte seine Mutter verwundert die Stirn, als sie sich zu mir zurückdrehte. „Ja!“ Sie zuckte mit den Schultern, was ein wenig wie eine Entschuldigung für die Manieren ihres Sohnes wirkte.

Ich lächelte. Es war sicher nicht ihre Schuld, dass Tony ein arroganter Arsch war.

„Gib ihr die Mappe mit den Notizen! Sie liegt auf der Kommode neben der Tür!“

Er hatte nicht vor, selbst an der Tür zu erscheinen? Umso besser. Ich atmete erleichtert auf.

Mrs. Mitchell allerdings schien total entsetzt über Tonys Verhalten zu sein und versuchte mir auf mitfühlende Art zu erklären: „Er ist gerade erst vom Fußballtraining gekommen und hatte noch keine Zeit zu duschen. Wahrscheinlich möchte er nicht total verschwitzt zur Tür kommen. Jungs eben.“ Sie verzog betreten das Gesicht und ging dann einen Schritt zur Seite, wo eine schwere hölzerne Truhe stand. Dabei gab sie die Sicht in das Innere des Hauses frei.

Ein langer, breiter Gang verband mehrere Räume links und rechts. Mir gefielen die Steinfliesen; zartgrau mit vereinzelten blauen Highlights hier und da.

Ich schrak hoch, als Mrs. Mitchell noch einmal durchs ganze Haus rief: „Da sind zwei Mappen, Tony! Welche meinst du?“

„Die linke! Nein warte, es ist die rechte! Ah, verdammt …“

Mir stockte der Atem, als er plötzlich doch noch aus der Tür eines Raumes am hinteren Ende des Gangs kam. Er trug Fußballschuhe mit hohen weißen Socken und weiße Shorts mit jeweils zwei senkrechten blauen Streifen an den Außenseiten. Das war alles. Mehr hatte er nicht an.

Heilige Scheiße!

Mein Blick blieb an seinen kräftigen Bauch- und Brustmuskeln, die vom Schweiß glänzten, hängen, als er auf mich zukam und sich dabei das Gesicht mit einem hellblauen Spielertrikot abwischte.

Seine Mutter sah erleichtert aus und ließ uns alleine. Nein!, wollte ich ihr hinterher rufen, doch sie war schon weg und hatte dabei keine Ahnung, dass mir gerade das Herz in die Hose rutschte.

In dem Moment, als Tony vor mir stand, wusste ich plötzlich nicht mehr, wie meine Zunge funktionierte oder wo meine Stimme abgeblieben war. Erstaunlicherweise war das Einzige, worauf ich mich wirklich konzentrieren konnte, sein Sixpack. Oh Mann, wie weit war ich bloß gesunken. Armselig, ich weiß.

Mit viel Selbstbeherrschung schaffte ich es schließlich, meinen Blick auf sein Gesicht zu richten, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde. Tony sah mich an, als wäre ich dabei, mit seinen Nerven Gummitwist zu spielen. Dann zog er sein verschwitztes Shirt über den Kopf und versteckte seinen irritierend perfekten Körper vor meinen Blicken. „Krieg dein Sabbern unter Kontrolle, Summers.“

Tja, ich arbeitete daran.

Ohne mich ins Haus zu bitten, nahm er eine der Mappen von der Truhe und reichte sie mir. „Das sind die großen Projekte. Detaillierte Anweisungen sind zu den einzelnen Bildern geheftet.“

Schweigend nahm ich die Mappe entgegen und bemühte mich dabei, dem zu folgen, was er sagte, anstatt mich von seinem Körper ablenken zu lassen. Sein tropfnasses Haar stand niedlich in alle Richtungen ab. Damit und mit den vor Erschöpfung geröteten Wangen wirkte er gerade sehr viel jünger und netter, als er in Wirklichkeit war.

„Ich bin sicher, du kommst damit alleine klar“, sagte er schnippisch und verschränkte dabei die Arme vor der Brust. „Falls nicht, kannst du ja meine Tante um Rat fragen.“

„Ja, vielen Dank.“ Die Worte klangen trocken aus meinem Mund. Mein Missmut kam dabei deutlich zum Vorschein.

„Versuch bitte, keinen Nagellack auf meine Zeichnungen zu schütten, okay?“

Geht’s noch? Meine Augen verengten sich zu verärgerten Schlitzen. „Ich verwende keinen Nagellack.“

„Ja, schon klar, was auch immer.“ Er legte seine Hand auf die Türklinke. Mir war klar, dass er mir die Tür jeden Moment vor der Nase zuknallen würde.

„Anthony, warte. Bitte!“ Keine Ahnung, was mich gerade geritten hatte, das zu sagen, doch im selben Augenblick holte ich tief Luft, was mir, wie ich hoffte, zwei Extrazentimeter an Körpergröße bescherte. Zu meiner Verblüffung wartete er tatsächlich und zog dabei eine arrogante Augenbraue hoch.

Und was jetzt? Panik! Ich biss mir auf die Innenseite meiner Wange. Dann murmelte ich: „Warum bist du dauernd so ätzend zu mir?“ Oh ja, sehr subtil, Sam. Ich wollte mich am liebsten selbst ohrfeigen.

Seine zweite Augenbraue wanderte nun ebenfalls nach oben. Er konnte wohl auch nicht wirklich glauben, was ich da eben gesagt hatte. Egal. Nun musste ich da durch.

„Hör zu! Was Chloe am Samstag in dem Café veranstaltet hat, war echt fies, aber dafür kann ich doch nichts. Wir sind Cousinen. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich genauso bin wie sie.“ Ich hob hilflos die Schultern und ließ sie wieder fallen. „Und außerdem hast du dich heute in AVE doch revanchiert.“

Als Tony darauf immer noch nichts antwortete, machte ich ein hoffnungsvolles Gesicht. „Nun sind wir doch eigentlich quitt, nicht wahr?“

Langsam kroch ein kaltes Lächeln über seine Lippen. „Genau.“ Dann schlug er die Tür zu.

Ah … ja. Das machte einen beschissenen Tag doch gleich viel besser.

Endlich fertig damit, frustriert auf die matte Glasscheibe in der Tür zu gaffen, machte ich kehrt, schleppte mich über den Rasen zurück ins Auto und preschte mit Vollgas nach Hause.

„Verdammter Vollidiot!“ Als ich mit der flachen Hand aufs Lenkrad schlug, konnte ich nicht einmal mit Sicherheit sagen, wen ich gerade verfluchte. Tony oder mich selbst. Ich hatte mich gerade voll zum Affen gemacht, nur weil ich versucht hatte, freundlich zu sein. Das würde nicht wieder vorkommen. Mit knirschenden Zähnen trat ich das Gaspedal bis zum Anschlag durch. „Schütte keinen Nagellack auf meine Zeichnungen, Summers. Stopf sie bitte nicht in die Waschmaschine.“ Ja genau, weil ich solchen Blödsinn ja ständig mit den Sachen anderer Leute machte. Dieser eingebildete … aufgeblasene … Arsch!

Vor einem Zebrastreifen legte ich eine Vollbremsung hin, um zwei Kinder mit ihrer Großmutter rüber zu lassen, und schrie dabei an die Decke des Wagens: „Ich hasse dich!“

Die Kids starrten mich entgeistert durch die Windschutzscheibe an, während ihre Oma sie mit etwas schnelleren Schritten auf die andere Straßenseite zog. Immer noch kochend vor Wut, fuhr ich nach Hause.

Zurück in der Garage meines Onkels schnappte ich mir die Notizen, die auf der Beifahrerseite lagen, und stapfte nach drinnen. Ich ließ sie in meinem Zimmer auf den Schreibtisch fallen und warf mich schließlich rücklings aufs Bett, wo ich versuchte, mich und meine Misere mit einem Kissen zu ersticken. Nach zehn Sekunden gab ich auf, warf das Kissen auf den Boden und blickte zur Decke.

Warum nur musste ich an meinem ersten Abend in der Stadt ausgerechnet in Anthony Mitchell rennen?

Ich setzte mich auf und mein Blick schweifte durchs Zimmer, bis er schließlich auf seiner Mappe landete. Sie bestand aus dunkelrotem Karton mit belanglosem Gekritzel darauf. Hauptsächlich irgendwelche Tribals und finster dreinblickende Fabelwesen. Sogar hier war seine Bleistiftführung akkurat und exzellent, und das, obwohl er sie sicher gedankenlos nebenbei gemacht hatte, während er im Unterricht Mrs. Jackson zuhörte. Ich tat dasselbe oft mit meiner eigenen Zeichenmappe.

Ich hievte mich aus dem Bett und setzte mich an den Schreibtisch. Es war Zeit, sich anzusehen, was Tony so alles in seiner Mappe hatte. Tatsächlich fraß mich die Neugier beinahe auf.

Fünf Bilder waren in der Kartonmappe. Eine Kohle- und vier Bleistiftzeichnungen. Mehrere DIN-A4-Seiten waren mit Büroklammern an jedem Bild befestigt. Sie waren von oben bis unten vollgeschrieben. Teils waren es nur Schlagwörter und dann wieder detaillierteste Instruktionen. Bei genauerem Hinsehen erkannte ich die Ordnung in seinem Chaos. Und obwohl mir sein zeichnerisches Können den Atem raubte, war es im Moment seine Handschrift, die mich mehr interessierte. Jugendlich und doch kunstvoll, mit den eleganten Großbuchstaben und den schwungvollen Schleifen der Gs und Js. Ich fuhr die Linien langsam mit meinem Finger nach. Im nächsten Moment sprang ich auf und rieb mir mit den Händen übers Gesicht. Ich hatte wohl völlig den Verstand verloren. Wegen dämlichen Gekrakels …

Aus meiner eigenen Mappe holte ich dann ein neues Blatt Papier heraus, studierte Tonys Anweisungen und begann schließlich, die Konturen einer jungen Frau zu umreißen. Unsere Aufgabe bestand darin, diese Person in Klamotten aus den 1970ern zu kleiden. Ich war gerade mal mit der Schlaghose fertig, als das schwächer werdende Sonnenlicht in meinem Zimmer anfing, mir auf die Nerven zu gehen. Mit Blick Richtung Osten konnte mir nicht einmal mehr das große Fenster helfen, als die Sonne langsam im Westen verschwand.

Im Speisezimmer auf der anderen Seite der Villa wiederum sollte noch genügend natürliches Licht vorhanden sein. Mit meinem ganzen Zeichenzeug unter dem Arm ging ich nach unten, wo Pamela gerade dabei war, kleine Schüsseln mit Schokoladenmousse zu füllen, die wir zweifellos nach dem Abendessen serviert bekommen würden.

„Hey, Sammy“, sagte sie und stellte währenddessen die Schalen in den Kühlschrank. „Hast du bekommen, was du wolltest?“

Ich hielt beide Zeichenmappen hoch, meine und Tonys. „Jap. Macht es dir was aus, wenn ich für eine Weile hier unten weiterzeichne? Ich arbeite lieber bei natürlichem Licht und diese Projekte sind echt wichtig für meinen Kunstunterricht. Ich verspreche, vor dem Essen wieder zusammenzupacken.“

„Mach dir keine Sorgen, Schätzchen. Dein Onkel kommt erst in einer Stunde nach Hause. Bis dahin kannst du auf jeden Fall hier arbeiten.“

Ich breitete meine Zeichensachen auf dem großen Glastisch aus und machte mich frisch ans Werk. Das gesichtslose Hippie-Mädchen in meinem Bild bekam schwarze Plateauschuhe und eine locker sitzende Bluse mit kleinen Blümchen drauf. Die Arbeit an diesem Projekt machte mir Spaß. Mit einer einfachen Fingerwischtechnik verfeinerte ich die Schattierung der Kleidung und verpasste der Figur zu guter Letzt noch zwei lange Zöpfe, die vor ihren Schultern herabhingen, sowie ein schmales Stirnband.

„Die Ärmel musst du um die Handgelenke noch etwas weiter zeichnen. Ungefähr so wie die ausgestellten Hosenbeine“, riet mir meine Tante, als sie sich über mich beugte und mein Bild betrachtete.

Ich drehte meinen Kopf zur Seite und blickte zu ihr nach oben. Dabei grinste ich frech. „Du scheinst dich mit der damaligen Mode ja ziemlich gut auszukennen. So alt siehst du noch gar nicht aus.“ Dann setzte ich aber doch die Änderungen um, wie sie es vorgeschlagen hatte.

„Ich habe eine Tante, die genau in dieser wilden Zeit aufgewachsen ist. Als ich früher oft bei ihr übernachtet habe, hat sie mir immer all diese verrückten Fotos von ihr und ihren Freundinnen gezeigt.“ Erste kleine Fältchen zeichneten sich bei einem Lächeln um ihre Augen ab. „Manchmal brachte sie mich damit so sehr zum Lachen, dass sie Angst hatte, ich würde ersticken.“

Ach du liebe Zeit, ich wusste genau, wie sich das anhörte. Wenn sie einen ihrer Lachanfälle bekam, klang sie beinahe wie ein Staubsauger, und es war unmöglich dann nicht mit ihr mit zu lachen. Tante Pamela war mir unter allen Verwandten immer die liebste gewesen, auch wenn sie nur in unsere Familie eingeheiratet hatte. Onkel Jack und mein Vater sahen sich beide unglaublich ähnlich, doch sonst hatten die beiden Brüder nicht viel gemeinsam. Während mein Dad trotz seines rauen Berufs immer warmherzig und fürsorglich war, schien Jack in erster Linie an Wohlstand und Ansehen interessiert zu sein. Die Familie kam für ihn erst an zweiter Stelle.

Als Rechtsanwalt hatte er viel um die Ohren, das war mir schon klar, und bestimmt hatte er auch seine guten Seiten. Doch nach den siebzehn Jahren, die ich ihn nun kannte, stand er mir nicht einmal halb so nahe wie Pamela seit dem Tag, an dem sie mir zu meinem vierten Geburtstag einen Plüsch-Roger-Rabit geschenkt hatte.

Pam zog den Stuhl neben mir zurück, setzte sich und stützte sich mit den Ellbogen auf dem Tisch ab. Als Nächstes deutete sie mit dem Zeigefinger auf das rechte Hosenbein in meiner Zeichnung. „Wenn du hier noch eine kleine und dort drüben eine größere Schlagfalte hinzufügst, sieht das Ganze noch weiter und damit authentischer aus.“

Ich versuchte, es so zu zeichnen, wie sie es mir gesagt hatte, und verdammt, sie hatte recht. Eigentlich sollte mich das nicht überraschen. Pam war selbst Künstlerin und malte mit Hingabe auf großen Leinwänden mit Öl- und Acrylfarbe. Die große Eingangshalle war praktisch mit ihren abstrakten Interpretationen von Menschen, Städten und Gegenständen tapeziert.

Während meine Eltern alles daran setzten, mein Talent zu unterstützen, konnte Tante Pam wohl als Einzige wirklich nachfühlen, was Zeichnen für mich bedeutete.

„Stört es dich, wenn ich meine Staffelei hole und ein wenig mit dir male? Das Hühnchen brät auch ohne meine Hilfe im Ofen.“ Sie lächelte, als ich freudig zustimmte.

Es war nett, sie die nächsten vierzig Minuten um mich zu haben. Pam war eine lustige Person, warmherzig, und sie gab mir immer fantastisches Feedback. Sie blätterte auch mal kurz durch Tonys Bilder und war ebenso begeistert von seinem Talent wie ich. Ihr Blick fiel auf den einen schwungvoll ausgeführten Buchstaben, den er bei all seinen Werken in die untere, rechte Ecke gesetzt hatte. Dabei runzelte sie die Stirn. „Und T steht für …?“

„Totaler Vollidiot“, murmelte ich gedankenlos.

Pam brach in schallendes Gelächter aus. Da biss ich mir auf die Unterlippe. Dann sagte ich: „Sein Name ist Anthony Mitchell. Ich denke, das T steht dann wohl für Tony.“

„Ah, ich verstehe.“ Ihr Lachen verebbte. „Anthony Mitchell … wo hab ich den Namen nur schon mal gehört?“ Nachdenklich neigte sie den Kopf etwas zur Seite. „Ist er vielleicht ein großer blonder Junge mit auffallend blauen Augen?“

Und einer Killerklappe, die nur zu einem Zweck geschaffen wurde, nämlich um mir auf die Nerven zu gehen. „Jap, das ist Tony.“

„Ich glaube, Chloe ist letzten Sommer ein paar Mal mit ihm ausgegangen. Er schien ein recht netter Junge zu sein.“

Ich drehte mich mit dem ganzen Körper zu ihr. „Nett? Ha! Das ist ganz sicher nicht die Seite, die ich an ihm kennenlernen durfte.“

„Tatsächlich?“ Pam kratzte sich an der Augenbraue. „Chloe hat über Wochen nur von ihm geredet. Sie war so glücklich, als er sich endlich mit ihr verabredete. Leider hat es zwischen den beiden nicht sehr lange gehalten. Chloe hat tagelang geweint, nachdem es aus war.“

„Ach, ist das so?“ Wie seltsam. Diese Geschichte deckte sich überhaupt nicht mit dem, was mir die Mädchen in der Schule über Chloe und Tony erzählt hatten. Wenn sie es gewesen war, die ihn verlassen hatte, warum hätte sie dann um ihn weinen sollen? Und warum hatte sie überhaupt mit ihm Schluss gemacht, wenn sie doch angeblich so verliebt in ihn gewesen war? Mir kam der Gedanke, dass er sich vielleicht wie ein Arsch benommen hatte, als die beiden miteinander geschlafen hatten. Was mich betraf, ich kannte ihn ja sowieso nur als arroganten Mistkerl, also war an der Sache vielleicht sogar was Wahres dran.

Ich verwarf den Gedanken schnell wieder. Es ging mich im Grunde ja auch nichts an.

Chloe kam nur wenige Minuten später mit ihrem Vater zur Tür herein. Die beiden sahen uns verwundert an. Pam und ich hatten ein wenig herumgealbert und kugelten uns gerade vor Lachen über einen missglückten Pinselstrich in ihrem Bild. Der Mann darin, der offenbar Jack darstellen sollte, hatte plötzlich eine sehr markante Beule im Schritt bekommen, die leider nichts mehr der Fantasie überließ.

„Hallo, Liebling“, sagte Pam und küsste Jack auf die Wange. „Ich hab die Haustür gar nicht gehört.“

„Das denk ich mir, bei dem Gegacker.“ Er schlang seine Arme um ihre Hüften und betrachtete das Bild, wobei sein Kinn auf ihrer Schulter lag. „Bin das etwa ich? Und war das beabsichtigt?“

Da prusteten wir drei gemeinsam noch einmal los vor Lachen, nur Chloe blieb still. Sie stand regungslos in der Küchentür und funkelte mich an, als hätte ich das letzte Stück ihrer heiß geliebten weißen Schokolade verputzt.

„Hey, Chloe“, versuchte ich die Wogen zwischen uns mit freundlicher Stimme zu glätten. Aber der Schuss ging nach hinten los. Sie gab nur ein angewidertes Grunzen von sich und streifte sich mit den Fingern durch ihre seitlichen Pferdeschwänze. Dann wandte sie sich an Pamela. „Mom, wo ist Rosa? Ich bin am Verhungern.“

„Ich hab ihr heute freigegeben, Schätzchen“, erklärte Pam. „Ihr Sohn hat heute Geburtstag, und sie wollten etwas zusammen unternehmen.“

„Na großartig. Dann essen wir heute also nichts? Soll ich vielleicht von einem Soda satt werden, oder wie?“, schnauzte Chloe. Wenn ich das bei uns zu Hause getan hätte, wäre ich mit Sicherheit eine ganze Woche nicht mehr aus meinem Zimmer gekommen, weil meine Mutter einen Riegel davor geschoben hätte. Nicht dass es mir jemals in den Sinn gekommen wäre, in solch einem Ton mit meinen Eltern zu reden.

Pam reagierte gelassen. Sie befreite sich aus den Armen meines Onkels und huschte mit einem breiten Grinsen hinter die Kochinsel. „Das Abendessen ist jeden Moment fertig. Heute habe ich ausnahmsweise mal selbst gekocht.“

„Du?“, riefen Jack und Chloe wie aus einem Mund.

Warum war das für die beiden denn so entsetzlich? Das verstand ich nicht, aber ich lebte natürlich auch noch nicht lange genug unter einem Dach mit ihnen, um all die Regeln in diesem Haus zu kennen.

„Ja, ich“, gab Pamela gekränkt zurück, als sie sich zum Backofen hinunterbeugte. „Ich habe auch für euch gekocht, bevor Rosa zu uns kam. Und ich kann mich nicht erinnern, dass sich je einer von euch beiden über mein Essen beschwert hätte.“

Jack, der seinen Arm um die Schultern seiner Tochter gelegt hatte, blickte Pam verdutzt an. „Es ist nicht nötig, dass du dir in der Küche die Hände schmutzig machst, Schatz. Wenn Rosa nicht da ist, können wir auch alle gemeinsam ausgehen und in einem Restaurant essen.“

Ich konnte es nicht fassen, dass er die schwindende Freude in ihrem Gesicht nicht bemerkte. War ich wirklich die Einzige, die sah, dass es Pam Spaß gemacht hatte, heute für ihre Familie zu kochen?

Sie holte ein köstlich duftendes Parmesan-Hühnchen aus dem Ofen und stellte es auf die Arbeitsplatte aus blauem Marmor. „Es hat mir nichts ausgemacht, heute selbst zu kochen“, sagte sie sehr viel leiser als zuvor. „In Wahrheit habe ich mich sogar darauf gefreut.“ Ihre Schultern hatten jegliche Spannung verloren. „Bitte, verderbt es mir nicht. Lasst uns doch einfach alle hinsetzen und essen.“ Als ihr Blick zu mir schweifte, kam auch wieder ein kleines, freundliches Lächeln zum Vorschein. „Bist du so lieb und räumst den Tisch ab, Sammy?“

Ich sprang sofort auf. „Natürlich.“ Durch dieses alberne Theater hatte ich ganz vergessen, dass noch all meine Zeichensachen herumlagen. Wir hatten in Ägypten keine Rosa gehabt, die für uns das Essen zubereitet hätte. Und auch sonst nirgends. Meine Mutter übernahm bei uns zu Hause immer das Kochen, und sie tat es gern. Darum war es für mich heute auch ganz normal gewesen, als ich Pam in der Küche vorgefunden hatte. Aber offenbar war es für den Rest ihrer Familie alles andere als normal.

Schnell schob ich Tonys und meine Zeichnungen zu einem Stapel zusammen und brachte die Sachen nach oben. Nachdem ich mir im Bad noch rasch die Hände gewaschen hatte, sauste ich zurück nach unten und fand einen herrlich gedeckten Tisch im Esszimmer vor. Der Stuhl neben meiner Cousine war für mich reserviert. Ich setzte mich zu den anderen und hielt Pam meinen Teller hin, als sie begann, das Hühnchen auszuteilen.

Alle waren still beim Essen. Ich fragte mich, ob die Sache mit Pam in der Küche wohl eine heiklere Angelegenheit gewesen war, als ich zu Anfang angenommen hatte. Aber zumindest schien es auch Chloe und Onkel Jack gut zu schmecken, denn die beiden schaufelten rein, als gäbe es kein Morgen.

„Das“, sagte ich mit halb vollem Mund und richtete dabei meine Gabelspitze auf den Nachschlag von Hühnchen und Gemüse, den ich mir gerade auf meinen Teller geladen hatte, „schmeckt echt ausgezeichnet, Pam.“

Das vor Freude strahlende Lächeln kehrte auf ihr Gesicht zurück. „Vielen Dank, Schätzchen.“

In diesem Moment schnappte Chloes Kopf so schnell in die Höhe, dass mir vor Schreck fast die Gabel aus der Hand gefallen wäre. Ihr düsterer Blick pendelte zwischen ihrer Mutter und mir hin und her. Manchmal war sie echt gruselig. Ein Grund mehr, warum ich schleunigst wieder mit ihr Frieden schließen sollte.

„Hey, Chloe, hast du Lust heute Abend etwas zu unternehmen“, machte ich nach einem Schluck Limonade den Versuch. „Wir könnten es uns mit einem Becher Eiscreme auf der Couch gemütlich machen und uns einen Film ansehen.“

„Ein Film und Eiscreme. Wie nett. Tja, leider hab ich schon etwas anderes vor. Ich treffe mich in einer Stunde mit Brin und Ker. Wir gehen ins Kino.“ Kalt, gefühllos – die Abneigung, die sie mir entgegenbrachte, schien den ganzen Raum in eine Eishöhle zu verwandeln.

„Vielleicht kann Sam ja mit euch kommen“, schlug Pam plötzlich vor, und Jack pflichtete ihr bei.

Ich fragte mich, ob es wohl der drängende Blick ihres Vaters war, der Chloe am Ende umstimmte. Mehr als gereizt pustete sie sich eine Haarsträhne aus den Augen und meinte: „Na schön. Wir fahren um acht los.“

Es war zwar nicht die warme Einladung, die ich mir erhofft hatte, doch ich war auch über den kleinsten Strohhalm froh, den sie mir reichen würde. Vielleicht konnten wir beide ja noch einmal von vorne beginnen.

Nach dem Essen zog ich mich schnell um, kämmte mein fransiges Haar und putzte mir die Zähne. Um drei Minuten vor acht stand ich in der Auffahrt, bereit mit ihr und ihrem Rudel um die Häuser zu ziehen. Als sie endlich aus dem Haus geeilt kam und mich bei ihrem Wagen sah, wurde sie abrupt langsamer, verdrehte die Augen und stieg ohne ein Wort ein. Hatte sie etwa gehofft, ich würde mich verspäten und sie könnte ohne mich losfahren? Denn es hatte ganz den Anschein.

Sie setzte mit dem Auto zurück auf die Straße und fuhr los. Dies war der perfekte Zeitpunkt, um die dicke Luft zwischen uns endlich aus der Welt zu schaffen. „Hör zu, es tut mir leid, was am Wochenende passiert ist. Ich war gestresst von der langen Reise und –“

Die Reifen quietschten auf dem Asphalt. Ich wurde so hart in den Sicherheitsgurt geworfen, dass mir für einen Moment die Luft wegblieb. „Was zum Henker –“, rief ich.

Chloe drehte sich mit eiskalter Miene zu mir. „Steig aus.“

„Was?“

„Steig aus meinem Wagen.“

„Wieso?“

„Weil ich dich, wenn du es nicht tust, höchstpersönlich an deinen struppigen Haaren rausschleifen werde.“

Oh mein Gott! Was war nur in sie gefahren? „Chloe, wenn das wegen dem Vorfall im Café ist, dann lass es mich – “

„Halt den Mund, Samantha! Ich habe nicht vor, dich mit zu meinen Freunden zu nehmen. Hatte ich von Anfang an nicht. Ich hab nur zugestimmt, damit mir meine Eltern nicht weiter im Genick sitzen. Aber jetzt möchte ich, dass du aussteigst und dir irgendetwas anderes suchst, das du heute Nacht machen kannst. Allein.“

Wow. Ich schluckte. Ihr zorniges Gesicht war wie in Stein gemeißelt, jede weitere Diskussion offenbar überflüssig. Ich löste meinen Sicherheitsgurt und öffnete die Wagentür, doch bevor ich aussteigen konnte, ertönte ihre feindselige Stimme noch einmal hinter mir. „Und halt dich in Zukunft von Pamela Summers fern. Sie ist meine Mom und nicht deine! Deine Mutter ist meilenweit weg und hängt offenbar nicht sonderlich an dir, sonst hätte sie dich wohl kaum in mein Haus geschickt, wo du nichts Besseres zu tun hast, als dich zwischen mich und meine Familie zu drängen.“

Mein Atem gefror in meiner Lunge. Nicht weil ich auch nur ein Wort von dem, was sie gerade gesagt hatte, glaubte, sondern weil ich einfach nicht verstand, wo plötzlich so viel Hass herkam. Noch vor zwei Jahren waren wir beide unzertrennlich gewesen, als ich meine Sommerferien in ihrem Haus verbringen durfte. Was hatte sich geändert?

Zutiefst verletzt, konnte ich nicht einmal das kleinste Wort auf ihre herzlose Rede erwidern. Ich stieg wie ferngesteuert aus, schlug die verdammte Wagentür zu und ging mit schweren Schritten die Straße runter. Ich sah mich nicht einmal um, als ihre Reifen durchgingen, weil sie nicht schnell genug von mir wegkommen konnte.

 

 

Kapitel 5

 

Samantha

 

 

WAS KONNTE ICH aus einem Abend machen, der bereits in die Hose gegangen war, bevor er überhaupt richtig angefangen hatte? Unerwartet erschöpft, sank ich wenige Schritte weiter auf eine Bank am Straßenrand und fischte mein Handy aus der Hosentasche.

In den letzten beiden Tagen hatte ich zwei- oder dreimal mit meiner Mom telefoniert. Dabei hatte ich mir immer große Mühe gegeben, fröhlich und begeistert zu klingen. Doch als sie diesmal ans Telefon ging, bekam sie nur mein Schluchzen zu hören.

Ich beschrieb ihr Chloes veränderte Persönlichkeit und schilderte ihr anschließend, wie Chloe bei jeder Gelegenheit versuchte, mir den Aufenthalt hier zu vermiesen. Außerdem erzählte ich meiner Mutter alles über Anthony Mitchell und die verbalen Ohrfeigen, die er mir in einer Tour verpasste. Erst Minuten später holte sie tief Luft, bevor sie dann zu dem Engel wurde, als den ich sie schon immer gekannt hatte. Sie fragte mich nach den aufregenden und schönen Momenten, die ich in den letzten paar Tagen hier gehabt hatte. Natürlich gab es auch diese. Susan, Simone und Liza fielen mir spontan ein. Es war toll, gleich am ersten Tag in der Schule so nette Freunde gefunden zu haben. Und von Nick Frederickson und darüber, wie er für mich den toten Fisch seziert hatte, erzählte ich meiner Mom auch.

Ihre sanfte Stimme schaffte es am Ende, mich zu beruhigen. Als wir uns verabschiedeten und ich ihr versprechen musste, morgen gleich nach der Schule noch einmal anzurufen, wischte ich mir die Tränen aus dem Gesicht und konnte wieder frei durchatmen, ohne dass sich meine Lunge anfühlte, als hätte man wie bei einer Akupunkturbehandlung unzählige Nadeln in sie hineingestochen.

Eine ganze Weile saß ich noch auf der Parkbank und betrachtete den Sternenhimmel. Eigentlich wollte ich nach Hause und ins Bett gehen. Doch mit diesen verquollenen Augen? Großartige Idee, Sam. Pam und Jack würden ausflippen. Und Chloe würde mir morgen dafür den Kopf abreißen. Ich stellte die Füße auf die Sitzfläche und umklammerte die Beine mit meinen Armen, während ich durch die kürzlich erweiterte Kontaktliste in meinem Smartphone blätterte. Vielleicht wollte ja eines der Mädels noch einen Cappuccino mit mir in dem Café in der Stadt trinken.

Mein Daumen schwebte über dem Anrufzeichen bei Lizas Eintrag, doch ich zögerte. Sie war vermutlich mit ihrem Freund zusammen, und das fünfte Rad am Wagen zu sein schmeckte mir gar nicht. Stattdessen rief ich Susan an.

„Hey, Sam, was geht ab?“, begrüßte sie mich gleich mit freudiger Stimme. „Wir haben gerade von dir gesprochen.“

„Ähm … hi“, gab ich überrascht zurück. „Wer ist wir und warum habt ihr über mich geredet?“

„Ich bin hier mit Liza, Simone und ein paar anderen zusammen. Was machst du gerade? Hast du Lust, noch vorbeizukommen?“

Ich geriet ins Stocken. Wer waren denn ein paar andere? Damit konnte sie so ziemlich jeden meinen, und im Moment würde mir ein wenig Ablenkung guttun. „Sicher“, antwortete ich schließlich. „Wo seid ihr?“

„In Hunters Strandhaus. Wo bist du? Ich kann dich abholen, wenn du willst.“

Ich blickte mich rasch um. Es war stockdunkel, und ich hatte keine Ahnung, wo ich mich gerade genau befand. Zum Glück war Chloe nicht weit gefahren, bevor sie mich aus ihrem Wagen geschmissen hatte. Das Beste wäre wohl, ich würde zurück nach Hause laufen, dann konnte mich Susan von dort abholen. „Weißt du, wo Chloe wohnt?“, fragte ich.

Ein wenig begeistertes Prusten kam durch die Leitung. „Ja.“

Lachend schlug ich ihr daraufhin vor: „Weißt du was, ich warte einfach unten an der Straßenecke auf dich. Klingt das besser?“

„Viel besser! Ich bin in zehn Minuten bei dir.“

Ich beendete den Anruf und schlenderte zurück zur Kreuzung unterhalb von Chloes Haus. Susan und ich kamen fast zeitgleich dort an. Sie war echt schnell.

Das Fenster auf der Beifahrerseite fuhr automatisch nach unten. Susans fröhliches Gesicht kam zum Vorschein, als sie sich herüber lehnte. „Schwing schon deinen Hintern ins Auto.“

Das tat ich. Sie warf mir einen prüfenden Blick zu und fuhr dann stillschweigend los. Erst nach ein paar Minuten fragte sie leise: „Was ist mit deinen Augen?“

„Lange Geschichte.“ Und nichts, worüber ich gerne reden wollte.

Aber offenbar wollte Susan darüber sprechen. „Probleme im Haus der Summers?“

Die Straßenlaternen zogen an meinem Fenster vorbei. Ich blickte ihnen nach und stieß dabei einen tiefen Seufzer aus. „Könnte man so sagen.“

„War Chloe wieder fies zu dir?“

Nun drehte ich mich zu ihr um. „Wieder?“ Was wusste dieses Mädchen?

„Gerade bevor du angerufen hast, hat uns Liza erzählt, was am Samstag bei Charlie’s abgegangen ist.“

Mir entfuhr ein verdrossenes Ächzen. „Sagen wir einfach, mit ihr in einem Haus zu leben ist schwieriger, als ich erwartet hätte.“

Geschwind warf mir Susan einen Blick zu und konzentrierte sich dann gleich wieder auf die Straße. Sie schwieg, doch ich wusste, sie brannte darauf, die ganze Geschichte zu hören. Mit all den fürchterlichen Details.

Meinetwegen. „Ich hatte versucht, mich mit ihr auszusöhnen, und sie meinte dann, ich könnte heute Abend mit ihr und ihren Freundinnen ins Kino kommen. Doch in Wahrheit war alles nur Theater für ihre Eltern. Später hat sie mich dann aus ihrem Wagen geworfen und mir unmissverständlich klargemacht, dass sie mich weder in ihrer Nähe noch in der ihrer Eltern haben will.“

„Autsch.“

„Ja … autsch.“ Und dabei konnte sich Susan noch nicht einmal vorstellen, wie weh es wirklich getan hatte.

„Ah, vergiss diese dämliche Kuh. Du kannst jederzeit mit uns abhängen. Ein Anruf genügt, und ich komme, um dich aus dem Kerker der Summers’ zu befreien.“

Susans lockerer Humor war ansteckend. Als wir bei Ryans Strandhaus gleich außerhalb der Stadt ankamen, konnte ich sogar wieder lächeln. Sie parkte ihren Wagen in einer Lücke, die, wie es schien, gerade auf sie gewartet hatte, und wir stiegen gemeinsam aus. In dem Moment allerdings, als wir die Stufen zur Veranda hochstiegen und an die Tür klopften, hatte ich auf einmal ein übles Gefühl im Bauch. Aus dem Inneren des Bungalows drangen vertraute Stimmen. Verflixt, Tony war auch hier. Mir klopfte das Herz plötzlich bis zum Hals. Keine Ahnung, wie viel von seiner überschäumenden Freundlichkeit ich heute noch ertragen konnte.

Liza öffnete nur wenige Sekunden später die Tür. Susan marschierte gleich durch das große Wohnzimmer und bog rechts in den Raum, aus dem die vielen Stimmen kamen. Ich zögerte noch auf der Veranda. „Worauf wartest du, Sam? Komm schon rein“, meinte Liza.

Mit einem tiefen Atemzug versuchte ich meine Nerven zu stählen und folgte ihr schließlich in die Küche. Eine kleine Gruppe von Leuten saß um einen rechteckigen Holztisch. Einige von ihnen kannte ich sogar, doch nicht alle. Jeder blickte in meine Richtung und begrüßte mich mit einem freundlichen Lächeln oder einem schnellen Winken. Na ja, fast jeder.

Tony schaukelte gerade auf den Hinterbeinen seines Stuhls. Seine Augen waren wie bei einem kurz vor dem Angriff stehenden Wolf zu Schlitzen verengt und natürlich sagte er kein Wort. Ich weigerte mich, auch nur eine Sekunde länger Blickkontakt mit ihm zu halten und rief stattdessen in die Runde: „Hallo zusammen!“

Liza bot mir einen freien Stuhl gegenüber von ihr an. Ich saß zwischen Nick und einem Mädchen, das ich noch nie zuvor gesehen hatte. „Das sind Rachel und Phil“, stellte mich Liza vor. „Rachel ist Ryans ältere Schwester.“

Als wir uns die Hände schüttelten, war ich augenblicklich fasziniert, wie ähnlich sich die Geschwister tatsächlich sahen.

Alle am Tisch aßen Pizza aus mehreren Kartons. Ryan reichte mir, ohne vorher zu fragen, ein Stück auf einem Pappteller. Obwohl ich es mit einem Lächeln annahm, war mir im Moment überhaupt nicht nach Pizza zumute, sondern eher danach, Dinge an die Wand zu werfen. Doch das war im Moment unmöglich, also vertilgte ich langsam das Pizzastück vor mir, lehnte ein zweites jedoch ab.

„Chloe ist mal wieder in vollem Zickenmodus.“

Bei Susans Worten verschluckte ich mich fürchterlich, denn ich hatte gerade von meiner Sprite getrunken und das prickelnde Zeug kam mir in die falsche Röhre.

„Was hat sie denn nun wieder angestellt?“, wollte Liza wissen und sah mich an, als verstünde sie genau, welchen Horror ich heute schon ertragen musste.

Ich konnte nur meinen Kopf schütteln und weiter nach Luft japsen. Susan erzählte inzwischen allen hier am Tisch, was sie vorhin so mühevoll aus mir rausgequetscht hatte. Die Jungs verdrehten die Augen, von den Mädchen bekam ich mitfühlende Blicke.

„Das ist so gemein von ihr!“, rief Simone und schlug ihrem Freund Alex dabei auf die Schulter. „Ich kann echt nicht verstehen, wie du letzten Frühling mit ihr rummachen konntest. Merkt denn niemand von euch Flaschen, was für ein Miststück sie ist?“

Alex rieb sich die Schulter. „Hey, lass den Blödsinn. Ich kannte sie damals ja noch nicht mal richtig. Und außerdem, wenn du als Junge Single bist, kümmert es dich herzlich wenig, ob so eine willige Braut ein Miststück ist oder nicht.“ Er grinste Nick an und die beiden brachen gleichzeitig in tosendes Gelächter aus. Dann lehnte sich Alex zu Simone hinüber und küsste sie auf den Mund. „Aber jetzt bin ich ja mit dir zusammen. Also kein Grund zur Sorge, Baby.“ Er biss ein großes Stück von der Pizza ab, die sie in der Hand hielt, und damit war das Thema gegessen.

Das Gespräch am Tisch schweifte bald in Richtung Fußball; da konnte ich nun mal überhaupt nicht mitreden, also holte ich einen Lolli aus meiner Hosentasche, wickelte ihn aus, steckte ihn in den Mund und lehnte mich in meinem Stuhl zurück, um einfach nur zuzuhören. So lange, bis ich bemerkte, wie mich Liza von der anderen Seite des Tisches anstarrte. Ich zog eine Augenbraue hoch. Da beugte sie sich vor und senkte ihre Stimme, als wollte sie die Unterhaltung, die gerade zwischen Nick und ihrem Freund stattfand, nicht unterbrechen. Die beiden diskutierten diverse Taktiken, um eine gegnerische Mannschaft aus LA namens „Rabid Wolves“ bei ihrem nächsten Spiel in die Enge zu treiben.

„Wir machen am Freitag eine Pyjamaparty bei mir zu Hause. Nur wir Mädchen. Allie kommt auch. Hast du Lust?“

Das klang nach einer Menge Spaß. Ich zog meinen Kirschlolli aus dem Mund. „Klar, ich bin dabei. Wo wohnst du?“

Liza riss ein Stück von dem Pizzakarton ab und schrieb ihre Adresse darauf. Als ich las, was da stand, runzelte ich die Stirn. Abgesehen von der letzten Ziffer der Hausnummer war diese Adresse identisch mit der von Tony. Zwar hatte sie mir gesagt, dass die beiden beste Freunde waren, doch ich hatte keine Ahnung, dass sie auch noch nebeneinander wohnten.

„Ihr zwei seid Nachbarn?“, fragte ich und blickte dabei zwischen den beiden hin und her, was mir sogleich die Aufmerksamkeit des gesamten Raumes einbrachte. Gut gemacht, Sam.

„Ja, schon immer“, antwortete Liza und sah mich ebenfalls neugierig an. „Woher weißt du, wo Tony wohnt?“

Der Unterton in ihrer Stimme, der eine romantische Schwärmerei meinerseits anzudeuten schien, traf mich unerwartet. Dabei wurden meine Wangen unangenehm heiß. Ich wollte mich gerade aus dieser peinlichen Situation rausreden, da kam mir Tony schon mit einer Antwort zuvor. „Jetzt komm schon, Liz, sei nicht lächerlich.“ Sein Lachen klang, als wäre ihm jemand auf den Fuß getreten. „Meine Tante hat mich gezwungen, ihr meine Notizen für AVE zu leihen, und sie hat sie heute Nachmittag bei mir zu Hause abgeholt. Freiwillig häng ich ganz sicher nicht noch einmal mit einer Summers ab. So gut solltest du mich kennen.“

Obwohl ich ja auf Scheiß wie diesen von ihm vorbereitet war, traf mich die Art, wie er Summers betonte, schwer in die Brust.

„Und wo wir schon dabei sind, Zwerg –“ Er richtete seinen giftigen Blick auf mich. „Solltest du jetzt nicht zu Hause sein und etwas zeichnen?“

Oh wie nett. Vielleicht wollte er mir ja auch gleich noch zeigen, wo die Tür war. Könnte es irgendwie möglich sein, dass er und Chloe die gleichen Gene besaßen? Sein Verhalten mir gegenüber ging mir mittlerweile so was von auf die Nerven, und mit denen war ich bereits am Ende gewesen, bevor ich hierhergekommen war.

„Und solltest du nicht in einem Café sein und Tische abräumen, Tellerwäscher?“, schnappte ich zurück.

Alle um uns herum hielten die Luft an. Offenbar hatte ich gerade einen Nerv getroffen, und ich bereute meine Worte in dem Moment, in dem ich sie ausgesprochen hatte. Tonys Blick wurde ein paar Grad kälter. Dabei bogen sich seine Lippen zu einem aufgesetzten Grinsen. „Nur an Wochenenden, Schätzchen.“

Das Kosewort, das er mir gerade verpasst hatte, brachte meine Haut zum Brennen, als hätte er mir einen Eimer Salzsäure über den Kopf gekippt. Wir starrten uns gegenseitig wütend in die Augen, während seine Stimme zu Eis wurde. „Wenn du also das nächste Mal vorhast, mit deiner lieben Cousine vorbeizukommen, dann warn mich vor und ich halte euch einen Tisch frei. Im Keller. Zusammen mit den anderen Schlangen.“

Meine Kinnlade klappte nach unten und mein Hals wurde plötzlich schmerzhaft eng. Auf diese abgrundtiefe Gemeinheit fiel mir nichts mehr ein, was ich noch hätte erwidern können.

Liza boxte seinen Arm. „Hey, hör auf mit dem Scheiß. Sie muss sich schon von Chloe genug gefallen lassen, da brauchst du ihr nicht auch noch blöd zu kommen.“

„Sie hat doch angefangen.“

„Ach ja? Wie denn?“, brüllte ich plötzlich. „Etwa weil ich heute Susans Einladung gefolgt bin? Oder indem ich in die Stadt gezogen bin? Oder auch einfach nur, weil ich zufällig auch als eine Summers geboren wurde?“ Meine Sicht trübte sich. Schnell blinzelte ich die Tränen weg und stand auf. Ich räusperte mich, dann drehte ich mich zu Liza und sandte ihr einen flehenden Blick zu. „Kannst du mir bitte zeigen, wo das Badezimmer ist?“

„Sicher, komm mit.“ Als sie ihren Stuhl zurückschob und ebenfalls aufstand, gab sie Tony noch einen harten Klaps auf den Hinterkopf. „Manchmal bist du echt ein Idiot.“

Ich folgte ihr aus der Küche, in den hinteren Teil des Hauses. Vor dem Bad blieb sie stehen und rieb aufmunternd meinen Oberarm. „Bist du okay?“

„Ja, geht schon. Ich brauch nur eine Minute.“

„Hör mal, Tony ist normalerweise echt nicht so ein Scheusal. Chloe ist ein heikles Thema, und sein kümmerliches männliches Gehirn braucht nun mal einige Zeit, um zu begreifen, dass nicht jeder, der den Namen Summers trägt, auch so ist wie sie.“

Ich nickte zwar, doch im Moment wollte ich wirklich nicht darüber reden, denn neue Tränen kamen bereits hoch, und niemand sollte mich hier weinen sehen. Liza drückte meine Hand. Diese einfache Geste bedeutete mir eine Menge. Dann ließ sie mich allein und ich verschwand ins Badezimmer. Hinter verschlossener Tür setzte ich mich auf den Rand der pfirsichfarbenen Wanne und putzte mir die Nase mit Toilettenpapier. Nach zwei Minuten, die ich brauchte, um mich zu beruhigen, ging ich rüber zu dem großen Doppelwaschbecken und wusch mir die Augen mit kaltem Wasser aus, was ihnen ein wenig das Verquollene nahm.

Die Hände auf dem zartrosa Marmor abgestützt, betrachtete ich lange mein Spiegelbild. Mein Gott, ich sah furchtbar aus. Erst wischte ich mir die Ponyfransen aus dem Gesicht und holte dann ein paarmal tief Luft. Wieso ging mir Anthony Mitchell nur so sehr unter die Haut? Er war ein totaler Volltrottel. Jemand, über den ich nicht mal eine Sekunde lang nachdenken sollte. Und doch schaffte ich es nicht, seine Seitenhiebe einfach an mir abprallen zu lassen. In Wahrheit taten sie sogar noch viel schlimmer weh, als ich zugeben wollte. Ich konnte ihm heute Abend unmöglich noch einmal unter die Augen treten.

Aber mich für den Rest des Abends im Bad einzuschließen war auch keine Lösung. Mein Magen randalierte, als ich den Schlüssel umdrehte. Ich schlich in den Gang hinaus und schloss die Tür leise hinter mir. In diesem Moment hörte ich ein verärgertes Zischen aus dem Zimmer am vorderen Ende des Korridors.

„Was zum Teufel war denn das gerade?“ Das war Lizas Stimme. Erschrocken blieb ich stehen.

„Was meinst du?“, fauchte Tony arrogant zurück.

Instinktiv machte ich einen Schritt rückwärts und drückte mich gegen die Badezimmertür. Die beiden sprachen ganz bestimmt über mich. Und ich war mir nicht sicher, ob ich dabei wirklich lauschen wollte. Doch was blieb mir anderes übrig? Sollte ich einfach an ihnen vorbeimarschieren und somit preisgeben, dass ich sie bereits gehört hatte? Ehrlich gesagt wollte ich das noch viel weniger.

„Ich meine dich und Sam. Für einen kurzen Moment war ich mir nicht sicher, ob ihr beide gleich anfangen würdet, wild auf dem Küchentisch rumzuknutschen oder euch an die Gurgel zu gehen.“

Oh Mann, hatte Liza noch alle Tassen im Schrank? Offenbar dachte Tony gerade genau dasselbe. „Spinnst du, Liz?“, fragte er und betonte dabei jedes einzelne Wort.

„Tony, ich kenne dich schon mein ganzes Leben lang und sicher auch besser als jeder andere in diesem Haus. Aber seit dem Tag, an dem Sam in Grover Beach aufgetaucht ist, bist du nicht wiederzuerkennen. Warum benimmst du dich jedes Mal, wenn sie im Raum ist, wie der größte Vollidiot?“

Er brummte nur: „Eben darum.“

Wieso, Tony?“, zischte Liza.

Ich wartete ebenso gespannt auf seine Antwort wie sie. Doch Tony konterte mit einer Gegenfrage. „Wie kommst du überhaupt auf die absurde Idee, ich wollte mit ihr rummachen? Hast du sie schon einmal genauer angesehen? Sie ist überhaupt nicht mein Typ.“

Okay, das wusste ich ja bereits und trotzdem … autsch.

„Ich weiß nicht, was du hast. Sam ist wirklich hübsch.“

„Ist sie nicht“, erwiderte er kaltschnäuzig. „Sie ist klein … und bissig. Hast du gehört, wie sie mich vorhin genannt hat? Einen Tellerwäscher. Das sind Chloes Worte, verdammt. Und was ist überhaupt mit ihren Haaren los? Kämmt sie sich am Morgen mit einem Knallfrosch, oder was? Sie sieht aus wie ein Hobbit.“

Liza schnappte entsetzt nach Luft. „Anthony Jason Mitchell, das ist eine Freundin von mir, über die du da redest. Warum bist du so ein Arsch? Jemand sollte dich übers Knie legen, echt!“

„Erspar mir den Mist, Liz.“ Seine Stimme klang nun leicht genervt. „Du klingst wie meine Mutter.“

„Wenn Eileen Mitchell dich nur reden hören könnte, würde sie dir Hausarrest verpassen, und zwar bis du einundzwanzig bist“, sagte Liza wohl etwas zu laut. Schnell senkte sie ihre Stimme wieder. „Und übrigens finde ich Sams Frisur echt toll. Ich überlege ernsthaft, mir selbst die Haare so ähnlich schneiden zu lassen.“

Nun lachte Tony sie unverblümt aus. „Mach das und Hunter wird dich übers Knie legen. Und wenn er es nicht tut, dann mach ich es.“

Im nächsten Moment kam er aus dem Zimmer und ging geradewegs zurück in die Küche. Er bemerkte dabei nicht, wie ich immer noch mit dem Rücken an der Tür stand, entsetzt über das, was er gerade über mich gesagt hatte.

Liza allerdings entging nichts. Sie erblickte mich sofort, als sie hinter Tony in den Korridor trat. Mit einem traurigen Ausdruck im Gesicht blieb sie stehen. „Oh nein. Du hast alles gehört, nicht wahr?“

Meine Stimmbänder waren eingefroren.

„Es tut mir so leid. Ich hätte ihn nicht hier zur Rede stellen dürfen.“

Ich schüttelte den Kopf, wollte einfach nur, dass sie aufhörte, sich zu entschuldigen. Es war bestimmt nicht ihre Schuld, dass Tony so ein Scheißkerl war und ich dumm genug, um auch noch zu lauschen. „Könntest du mich bitte nach Hause fahren?“, fragte ich heiser. „Ich möchte da jetzt nicht mehr reingehen.“

Liza verharrte einen Moment bei der Tür. Vermutlich überlegte sie, ob es Sinn machte, mich zum Bleiben zu überreden. Doch schließlich nickte sie. „Natürlich. Ich hol nur schnell Ryans Autoschlüssel.“

„Ich warte draußen.“

Mit tosendem Kopf, gebeugtem Rückgrat und schweren Schritten ging ich durchs Wohnzimmer hinaus auf die Veranda, wo ich auf die Stufen sank. Nur zehn Meter entfernt rollten die Wellen an den Strand. Ich wünschte mir, ich könnte meine Wut und meinen Schmerz darin ertränken. Ich hatte diese ständigen Umzüge so satt. Nichts als Probleme. Würde das jemals ein Ende finden?

Hinter mir ging die Tür auf. Mit dem Handrücken wischte ich mir über die Nase und schniefte, dann blickte ich über meine Schulter. Es war nicht Liza, die herausgekommen war, sondern ihr Freund. In seiner Hand klimperte ein Schlüsselbund. Mein Hintern blieb auf den Stufenbrettern kleben, als er um mich herumkam und sich vor mich hinhockte.

„Scheiß Abend, hm?“, fragte er und sah mich dabei verständnisvoll an.

„Du hast ja keine Ahnung.“

„Ich hab Liza gesagt, dass ich dich nach Hause fahren würde. Ist das okay für dich?“

„Ja, klar.“ Solange ich nur weit weg von Tony kommen würde, war mir so ziemlich alles recht.

„Na gut, dann komm.“ Als er aufstand, reichte er mir seine Hand und zog mich ebenfalls hoch.

Wir gingen hinter das Haus, wo ein Wagen stand, der sicherlich eine Menge Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Die Fahrt nach Hause dauerte nicht lange und die meiste Zeit waren wir beide still. Erst als er in meine Straße bog und langsamer wurde, blickte er mich für einen kurzen Moment an. „Er ist nicht immer so ein Vollpfosten, weißt du?“

„Wer? Tony?“ Ja, genau. „Das ist schwer zu glauben“, murmelte ich.

„Eigentlich ist er ein echt netter Kerl. Ein guter Freund. Ich kenn ihn mittlerweile schon ziemlich lange.“ Er parkte vor Chloes Haus und stellte den Motor ab. Offenbar hatte er noch mehr zu sagen.

Nachdem ich meinen Gurt gelöst hatte, drehte ich mich zu ihm. „Warum erzählst du mir das?“

„Weil dich meine Freundin ziemlich gern hat. Und soweit ich das beurteilen kann, bist du echt okay. So wie es aussieht, wirst du wohl in Zukunft öfter mit uns abhängen. Ich möchte nur, dass du dich dabei auch wohlfühlst.“

„Wohlfühlen? Mit Anthony Mitchell in der Nähe?“ Als ich daraufhin lachte, klang es bitter. „Ja, klar.“

„Gib ihm ein bisschen Zeit, um … sich an dich zu gewöhnen. Er kriegt das schon auf die Reihe. Und wenn nicht, sorge ich dafür.“ Ryan startete den Motor, blickte aber noch einmal zu mir und grinste. „Er ist ein Fußballspieler. Alles dreht sich um die richtige Verteidigung. Er mag es im Moment nicht besonders, wenn ihm jemand zu nahe kommt.“

Verdutzt zog ich meine Augenbrauen tiefer, denn ich hatte nicht den geringsten Schimmer, was er mir gerade zu sagen versuchte.

„Zerbrich dir nicht den Kopf, Sam.“ Er lachte, offenbar voll im Bilde über meine Ratlosigkeit. „Geh ins Bett und schlaf dich aus. Ich denke, das brauchst du im Moment am meisten – du siehst aus, als hätte dich jemand zerkaut und auf die Straße gespuckt. Wir sehen uns dann morgen in der Schule. Liza wird beim Lunch einen Platz für dich frei halten.“

Ich wusste gerade nicht genau, ob das ein Grund zur Freude oder für einen Sprung aus dem fünften Stock war. Mit Liza und ihren Freunden rumzuhängen war wirklich nett. Mit Tony rumzuhängen war … als würden mir bei vollem Bewusstsein die Mandeln entfernt werden. Ich seufzte. „Danke fürs Nachhausebringen.“

Er wünschte mir noch eine gute Nacht, dann stieg ich aus und er fuhr los. Mit schweren Schritten schleppte ich mich zur Tür – dankbar, dass ich dieses Mal meine eigenen Schlüssel dabei hatte – und hoch in mein Zimmer. Der ganze Mist, mit dem ich mich heute herumschlagen musste, hatte mich erschöpft. Innerhalb weniger Minuten war ich eingeschlafen.

 

*

 

Bevor ich am folgenden Morgen zur Schule ging, ließ ich Tonys Notizen noch schnell durch den Kopierer im Büro meines Onkels laufen. Ich hatte mir vorgenommen, sie ihm in der Mittagspause in der Cafeteria zurückzugeben und dann einen Platz an Allies Tisch zu ergattern, falls sie nichts dagegen hatte. Offenbar hatte ich Tonys Großzügigkeit schon genug strapaziert, indem ich mir seine Unterlagen leihen musste. Von nun an würde ich einen weiten Bogen um ihn machen. Das war sicher in unser beider Interesse.

Ich holte noch schnell meinen Rucksack aus meinem Zimmer und ging dann etwas früher los als gestern, damit ich nicht wieder laufen musste, um pünktlich in der Schule zu sein.

Naturwissenschaft war echt lustig an diesem Morgen, vor allem als Nick anfing zu heulen, während wir eine Zwiebel aufschnitten und unter dem Mikroskop untersuchten. Ich freute mich außerdem schon auf die Fächer, in denen ich wieder neben Susan sitzen konnte. Sie hatte mich gefragt, ob ich nicht auch in Naturwissenschaft bei ihr sitzen wolle, doch gegen Nicks energisches Veto konnte ich nichts ausrichten. Und eigentlich mochte ich meinen Platz neben ihm ja auch ganz gern.

Auf dem Weg zur Cafeteria wurden Liza, Susan, Simone und ich dann von einem Poster aufgehalten, das überall im Schulkorridor an den Wänden hing. Es verkündete ein bevorstehendes Fußballspiel zwischen den Bay Sharks und den Rabid Wolves. Offenbar war es genau für den Tag angesetzt, an dem Liza und Ryan ihr dreimonatiges Jubiläum feiern wollten. Es gefiel Liza gar nicht, dass ihr Ryan verschwiegen hatte, dass er an dem Tag wohl beschäftigt sein würde.

Als wir mit zehnminütiger Verspätung in der Cafeteria ankamen, weil wir darüber gelästert hatten, wie wenig die Jungs doch die wichtigen Dinge in einer Beziehung ernst nahmen, waren bereits alle Tische besetzt und das Büffet so gut wie leer geräumt. Mit einem flauen Gefühl im Bauch blickte ich zu dem Tisch, an dem Nick und die anderen saßen, doch Tony war nicht unter ihnen. Er war auch an keinem anderen Tisch zu sehen. Verflixt. Ich wollte seine Notizen wirklich gerne loswerden und das allerletzte Mal, an dem ich mit ihm sprechen würde, hinter mich bringen. Aber so wie es aussah, musste das wohl noch etwas warten. Tja, zumindest hatte die Sache auch ein Gutes. Ich konnte ohne schlechtes Gewissen bei meinen Freunden sitzen und brauchte mich nicht um seine fiesen Blicke zu scheren.

Nick hatte mir den Platz neben sich freigehalten. Als ich mich setzte, lehnte ich mich über den Tisch zu Liza hinüber und fragte leise, ob Tony heute meinetwegen der Cafeteria ferngeblieben war. Sie rutschte verlegen auf ihrem Stuhl herum und murmelte: „Natürlich nicht.“

Ja, wer’s glaubt …

Wahrscheinlich hatten die beiden gestern noch eine heiße Diskussion über mich. Allein der Gedanke daran verunsicherte mich schon wieder. Doch ich sagte nichts mehr zu dem Thema und machte mich stattdessen über meine kleine Portion Spaghetti her.

Das Mittagessen war ein grober Fehler, denn es kam mir später in Sport ständig wieder hoch, als wir Purzelbäume schlagen mussten und auf dem großen Trampolin hüpften. Vielleicht lag es aber auch eher daran, dass ich schon mit Bitterkeit an die nächste Stunde dachte, in der ich Tony noch einmal gegenübertreten musste.

Bevor die Glocke die letzte Unterrichtsstunde meines Schultages einläutete – AVE –, holte ich tief Luft, richtete mich kerzengerade zu meinen Eins-Achtundfünfzig auf und marschierte entschlossen nach hinten zu Tonys Platz. Da er sich gerade mit seinem Sitznachbarn unterhielt, bemerkte er mich zuerst gar nicht. Ich warf ihm seine gesammelten Bilder auf den Tisch. Dabei war es mir egal, dass er gerade etwas auf ein Stück Papier schrieb und die Mappe auf seiner Hand landete.

„Danke“, sagte ich nüchtern. An diesem Tonfall hatte ich den ganzen Morgen lang geübt.

Er blickte zu mir auf und zog die Augenbrauen höher. Für einen kurzen Moment wirkte er ehrlich verwundert. „Hast du etwa alle Zeichnungen schon fertig?“

Oh. Also so hörte er sich an, wenn er mal kein Arsch war. Nett. Aber es war klar, dass ich ihn einfach überrumpelt hatte und er nur irrtümlich mit mir sprach. Mittlerweile bereute er bestimmt, dass er überhaupt den Mund aufgemacht hatte. Und ich hatte nicht vor, viel mehr von meiner kostbaren Zeit an ihn zu verschwenden.

„Ich bin mit dem ersten Projekt fertig“, sagte ich ebenso leidenschaftslos wie vorhin. „Den Rest deiner Sachen habe ich mir kopiert, damit ich sie endlich vom Tisch habe. Wäre ja blöd, wenn ich aus Versehen Nagellack drauf schütten würde.“ Ich verzog den Mund zu einem falschen Lächeln, machte auf dem Absatz kehrt, bevor er mir mit einer dämlichen Antwort alles vermasseln konnte, und ging entspannt zurück zu meinem Platz.

Das wäre geschafft.

Mrs. Jackson kam nur wenige Augenblicke später hereinspaziert und startete sogleich den Unterricht mit der üblichen Analyse von zwei willkürlich ausgewählten Schülerprojekten. Den Blick nach vorne an die Tafel gerichtet, bekam ich schon bald das seltsame Gefühl, dass mich jemand beobachtete. Ich streifte mir mit der Hand über den Nacken, um das Kribbeln loszuwerden. Bei dem Gefühl war es schwer, sich zu konzentrieren, und ich war sicher, dass ich mir das nicht nur einbildete. Ignorieren ging auch nicht. Nach einigen Minuten wagte ich einen zaghaften Blick über meine Schulter und war fest davon überzeugt, Tonys böse funkelnde Augen auf mich gerichtet vorzufinden. Das waren sie aber nicht. Er starrte stur geradeaus. Beim nächsten Wimpernschlag jedoch trafen sich plötzlich unsere Blicke. Und er sah bei Weitem nicht so erbost drein wie sonst immer, wenn ich mich in seinem Sichtfeld befand. Seltsam. Es dauerte ganze fünf Sekunden, bis ich es endlich schaffte, mich wieder nach vorne zu drehen. Ich knirschte mit den Zähnen. Mit dir bin ich fertig, Anthony Mitchell.

Die restliche Stunde verging wie im Flug, doch nur wenig von dem, was Mrs. Jackson uns erklärt hatte, war auch wirklich bei mir hängen geblieben. Als schließlich die Glocke den Unterricht beendete, musste ich Laura Evans, das Mädchen neben mir, fragen, welches Projekt wir für zu Hause aufbekommen hatten. Sie ließ mich schnell ihre Notizen abschreiben, dann packte ich meine Sachen zusammen und verließ die Klasse nach den meisten anderen.

Draußen auf dem Schulhof sah ich Allie. „Hey, Sam“, rief sie, als sie zu mir rüberkam. „Wir treffen uns alle in ein paar Minuten, um zu trainieren. Bist du dabei?“

Ein wenig Bewegung war genau das Richtige gegen den steifen Nacken, den ich mir in AVE zugezogen hatte, weil ich die ganze Zeit total verkrampft dagesessen hatte. Und außerdem hatte ich ja beschlossen, dem Cheerleading zumindest eine faire Chance zu geben. Ich folgte ihr also quer über den Campus, wo einige Mädchen bereits auf dem gekürzten Rasen am Rande des Fußballfeldes saßen. Ich ließ mich unter einem Baum im Schatten nieder und wartete mit den anderen auf die noch fehlenden Mitglieder des Cheerleadingteams. Am Ende waren wir insgesamt acht Leute. Das sah vielversprechend aus.

Liza setzte sich im Schneidersitz neben mich und stieß mit ihrer Schulter gegen meine. „Wie war Kunst? Hat sich der Blödian ordentlich benommen?“

„Ja, alles cool.“ Ich zuckte mit den Achseln. „Ausnahmsweise gab es mal keine Beleidigungen.“

„Gut. Ich hab ihm gesagt, ich trete seinen lahmen Arsch von hier bis Nebraska, wenn er noch ein einziges Mal gemein zu dir ist.“

Also lag ich richtig mit meiner Annahme, dass die beiden gestern noch einmal über mich gesprochen hatten. Es war überflüssig gewesen, denn ich hatte sowieso vor, mich ab jetzt von ihm fernzuhalten. Aber trotzdem fand ich es nett, dass sich Liza so für mich einsetzte. Ich stupste sie gegen die Schulter, so wie sie es vorhin bei mir getan hatte. „Danke.“

Kurz darauf ordnete Allie an, dass wir alle ein paar Dehnübungen machen sollten, um fürs Tanzen locker zu werden. Ich hob ein Bein und stellte den Fuß gegen den Baumstamm vor mir, griff zu meinen Zehen und legte dabei meine Stirn auf die Kniescheibe, so wie ich es damals im Ballettunterricht gelernt hatte.

Aber nur auf meine Hose zu starren langweilte mich, also drehte ich den Kopf zur Seite und ließ meinen Blick über den Fußballplatz schweifen. Ein paar Jungs und Mädchen liefen gerade raus aufs Feld. Heute stand also gemischtes Training auf dem Programm. Ich lehnte mich noch etwas weiter vor, drehte dabei meinen Oberkörper und legte meine Schläfe aufs Schienbein. So versuchte ich Susan in der Menge zu erspähen. Sie war bestimmt auch unter den Spielern, doch ich konnte sie einfach nicht entdecken. Stattdessen fand ich Anthony Mitchell.

Er trug die weißen Shorts und das hellblaue Trikot, in dem ich ihn gestern schon gesehen hatte. Auf dem Rücken seines Spielershirts war ein roter Hai aufgebügelt, der gierig grinste und dabei eine Reihe scharfer Zähne zeigte. Es war derselbe Hai, der auch auf dem Banner über der Tribüne zu sehen war, auf dem in großen roten Buchstaben Grover Beach Bay Sharks stand.

Tony drehte sich plötzlich um, sein Blick war auf mich und die anderen sich dehnenden Mädchen gerichtet. Zu spät bemerkte ich, dass ich ihm die ganze Zeit dabei zugesehen hatte, wie er und Nick einander den Ball zupassten. Leider entging ihm mein Starren nicht, denn in diesem Moment trafen sich unsere Blicke. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, dann drehte er sich um und lief zum Tor am anderen Ende des Platzes.

 

 

Kapitel 6

 

Tony

 

 

ALS ICH NACH dem Unterricht mit Hunter und den anderen auf den Sportplatz hinausrannte, ärgerte ich mich immer noch über meinen Mangel an Aufmerksamkeit in AVE und darüber, dass es mir vor dem schwarzhaarigen Troll tatsächlich die Sprache verschlagen hatte.

Frederickson spielte mir einen Pass zu. „Kicken wir zum Aufwärmen?“

Wir passten einige Minuten lang den Ball hin und her, wobei wir das Feld rauf und runter liefen und darauf achteten, nicht in Chloes Schusslinie zu geraten. Na ja, ich achtete zumindest darauf. Seit gestern Abend hatte ich genug Mist um die Ohren und konnte darauf verzichten, auch noch mit ihr zusammenzustoßen.

Am Ende des Feldes tauschten Frederickson und ich die Plätze. Da fielen mir erst die Mädchen auf dem Rasen auf. Allie hielt es für eine gute Idee, dass sie zur selben Zeit wie wir trainierten. Sie fand, so könnten wir ihnen am Ende Feedback geben. Wozu das gut sein sollte, entzog sich meinem Verständnis. Mädchen, die tanzen, sind … tja, drücken wir es mal so aus: Wenn du ein Junge bist, gefällt es dir, ob sie nun gut sind oder nicht.

Normalerweise sah ich ihnen ein paar Minuten lang zu, konzentrierte mich dann aber auf unser Training und sagte ihnen am Ende, dass sie großartig waren. Doch heute war das anders. Liza war bei ihnen. Bei dem Gedanken daran, sie tanzen zu sehen, stieg mein Blutdruck unerwartet an.

Als Allie gestern beim Lunch die Bombe hatte platzen lassen, wäre ich fast von meinem Stuhl gekippt. Das kam zwar unerwartet, aber immerhin war Liza letzten Sommer nur meinetwegen dem Fußballteam beigetreten. Warum sollte sie also jetzt nicht auch für Hunter die Cheerleaderin spielen? Ich suchte sie in der kleinen Gruppe von Mädchen. Mit dem perfekten Körper und ihrem hübschen, langen Haar stach sie bestimmt heraus. Indessen verfing sich mein Blick plötzlich in schwarzen Haaren so ungezähmt wie Unkraut und blieb an einem Körper hängen, der biegsam war wie ein verdammtes Bungee-Seil.

Der kleine Troll hatte sein Bein gegen einen Baum gestemmt und beugte sich nach vorn, als wäre er aus Gummi. Rasch sah Sam nach unten. Ha, was dachte sie – dass mir ihr Blick in meine Richtung nicht aufgefallen war? Nach dem ganzen Mist, den ich ihr gestern an den Kopf geworfen hatte, grenzte es beinahe an ein Wunder, dass sie sich bei meinem Anblick nicht übergeben musste. Außerdem musste ich ihr zugutehalten, dass sie mir meine Zeichnungen heil zurückgegeben hatte. Ich hatte sie vorhin alle genau unter die Lupe genommen. Nicht der kleinste Makel war darauf zu finden.

Verdammt, Samantha Summers war vermutlich sogar ein ganz nettes Mädchen. Das musste sie auch sein, denn sonst hätte sich Liz niemals so schnell mit ihr angefreundet. Und logischerweise wusste ich auch, dass Samantha und Chloe zwei total unterschiedliche Personen waren. Trotzdem hielt ich lieber ausreichenden Abstand zu beiden. Ich hatte bereits genug Probleme mit einer von ihnen gehabt. Probleme, von denen bis heute nicht einmal Liz wusste. Das musste ich mir kein zweites Mal antun.

Frederickson und ich rannten zum Tor am anderen Ende des Platzes, wobei wir uns beide den Ball zuköpften, dann kickten wir ihn erneut zwischen uns hin und her. Dabei stahl ich noch einmal einen kurzen Blick zu den Mädchen rüber, die gerade ein paar einfache Schritte zur Musik übten. Liza lachte laut, als sie dabei sexy mit ihren Hüften kreisen sollten. Ich konnte erst wieder wegsehen, nachdem sie es endlich getan hatte.

Konnte mir einer erklären, warum zum Teufel ich dieses Mädchen hatte sausen lassen? Sie zwirbelte gerade ihr langes Haar nach oben und befestigte es mit einer krallenartigen Haarspange am Hinterkopf. Nichts, was der Bungee-Troll mit seinen Haaren hätte machen können. Sie wischte sie sich nur immer wieder aus dem Gesicht und versuchte, einzelne Strähnen hinter die Ohren zu streifen, was irgendwie so gar nicht funktionierte. Kurz und fransig, wie ihr Haar war, fiel es augenblicklich wieder nach vorne. Sie pustete sich die Strähnen aus den Augen, öffnete dann den Reißverschluss ihrer Kapuzenjacke und warf sie zur Seite ins Gras.

Ach du Scheiße!

Unter der Kapuzenjacke trug sie wenig bis gar nichts. Nur ein knappes schwarzes Band, das ihre Brüste verheißungsvoll an den Körper drückte. Die Träger dieses ungewöhnlichen Tops kreuzten sich im Nacken. Dazu die Armyhose und die schweren schwarzen Stiefel, die der Zwerg ständig trug, und auf einmal sah Samantha Summers aus wie eine verdammt realistische Lara-Croft-Imitation. Ich stoppte den Ball mit einem Fuß und blieb stehen, um zuzuschauen, wie sie den anderen ein paar wirklich coole Streetdance-Moves vorführte. Fuck! Etwas derart Heißes hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen.

Ein dumpfer Schmerz explodierte in dieser Sekunde in meinem Kopf, als mich ein Ball genau über dem linken Ohr traf. Fluchend und mit dröhnendem Schädel stolperte ich zur Seite.

„Hör auf, mein Mädchen anzustarren, Mitchell!“, rief Hunter und kam lachend zu mir rübergelaufen. Er wusste genau, dass ich Liza niemals anfassen würde, solange die beiden zusammen waren. Er wusste aber auch, dass sich das schlagartig ändern würde, sobald einer der beiden mit dem anderen Schluss machen sollte.

Wie auch immer, dieses Mal lag er daneben. „Ich hab dein Mädchen nicht –“ Ja richtig, erzähl ihm nur, wem du gerade wirklich hinterher gesabbert hast. Ich musste beinahe über mich selbst lachen. „Ah, vergiss es. Lass uns endlich spielen.“ Ich schnappte mir den Ball, mit dem er mich gerade getroffen hatte, und lief damit zum oberen Tor, um entweder in sein oder Winters Team gewählt zu werden. Wie üblich war ich Hunters erste Wahl.

 

 

Kapitel 7

 

Samantha

 

 

DAS TANZEN MIT den Mädchen machte Riesenspaß. Als Allie mich gebeten hatte, ihnen ein paar komplexere Schritte und Bewegungen zu zeigen, waren alle total von den Socken. Am Ende war klar, dass wir nicht diese typischen Kleinstadt-Highschool-Cheerleader waren, die ein bisschen herumhüpften, einen Spagat machten und dabei die Pompons schwangen. Durch mein Beitreten – und ja, nach dem ersten Training mit den Mädels hatte ich mich, ohne weiter zu überlegen, dazu entschlossen – nahm die ganze Sache ein wenig Hip-Hop- und Streetdance-Style an. Sogar die paar Wochen Zumba-Unterricht, die ich in Kuba genommen hatte, kamen ganz gelegen, da wir auch einige Salsaschritte und Sambarhythmen einbauen wollten. Alles in allem war das genau mein Ding. Wer hätte das gedacht?

Nach dem Tanzen gingen wir alle noch zu Charlie’s auf einen Eisbecher, doch ich verputzte meinen ratzfatz und entschuldigte mich dann, um schnell nach Hause zu kommen. Ich musste noch einiges für AVE aufholen, und mit der zusätzlichen Hausaufgabe für diese Woche – eine Bleistiftzeichnung einer düsteren, weiblichen Märchengestalt – konnte ich es mir nicht leisten, ständig auf Achse zu sein.

In meinem Zimmer setzte ich mich hin und begann die Umrisse einer Harpyie mit lederartigen Flügeln, einem Rabenschnabel und einem Schwanz mit Pfeilspitze zu skizzieren. Nachdem dieses Meisterwerk fertig war, schaffte ich leider nur noch ein anderes Projekt halb fertigzustellen, dann machte ich mich an meine Matheaufgaben und schrieb vor dem Abendessen noch einen lustigen achtzeiligen Reim über meine Stiefel für den Englischunterricht. Und zwischen all der vielen Arbeit lernte ich sogar noch Rosa, die Köchin, kennen.

Der Tag war wirklich gut gelaufen. Zufrieden kam ich etwas später die Treppe runter und setzte mich zu Chloe und ihren Eltern an den Esstisch. Rosa hatte fantastische Fettuccine mit Hackbällchen in Kräutersoße zubereitet.

„Hattest du heute nicht dein erstes Training mit dem Cheerleaderteam?“, fragte mich Pam nach dem ersten Bissen.

Ich nickte und schob mir die nächste voll beladene Gabel in den Mund.

„Und, hat es dir gefallen?“

„Ja, es war ganz nett. Ich denke, ich werde weiter mit ihnen trainieren. Tanzen ist schließlich tanzen, egal wie und wo.“

Pam strahlte übers ganze Gesicht. „Ich bin sicher, du hast die richtige Entscheidung getroffen, Kleines.“

„Cheerleading? Ha!“ Lachend stupste Chloe ihren Vater mit dem Ellbogen an. „Die Guten machen den richtigen Sport, hab ich recht, Dad?“

Jack nickte und wischte sich dabei die Mundwinkel mit der bestickten Serviette ab. „Wie geht’s dir mittlerweile mit deinem Elfmeter? Ist dein Schuss seit dem Sommer schon besser geworden?“

Chloe hob stolz den Kopf. „Letzte Woche habe ich sieben von zehn Elfern ins Tor gekickt. Hunter meint, ich bin eine seiner besten Spielerinnen.“

Und das ist wahrscheinlich auch der einzige Grund, warum du noch in einem Team bist, in dem dich offenbar niemand ausstehen kann. Ich schnaubte verächtlich, doch dann schob ich mir schnell eine weitere Ladung Nudeln in den Mund, um das Geräusch zu vertuschen.

Pamela ignorierte die Unterhaltung zwischen Chloe und Jack völlig und sah stattdessen mit leuchtenden Augen zu mir herüber. „Oben auf dem Dachboden ist noch meine alte Cheerleader-Uniform. Wenn du willst, kannst du sie mal anprobieren. Falls sie zu lang ist, können wir auch kleine Änderungen vornehmen.“

Wow, das war ein sehr großzügiges Angebot. „Danke. Aber wir tragen eigentlich gar keine Uniformen. Wir machen das nur so zum Spaß, und Allie – sie ist so was wie der Kapitän der Mannschaft – lässt uns anziehen, was wir wollen. Sie findet meine Armyhosen und Stiefel sogar cool, weil es zu dem Stil passt, den wir gerade üben.“

Chloes kalte Augen fanden mich über den Tisch hinweg. „Ihr nennt das dämliche Rumgehopse und diese spastischen Bewegungen echt einen Stil?“ Übertrieben zuckte sie von einer Seite zur anderen, womit sie unsere Choreo ins Lächerliche zog.

„Chloe!“, platzte es aus Pam heraus und das Besteck fiel ihr aus der Hand. Ich hatte sie nicht mehr so entsetzt gesehen, seit meine Cousine und ich damals mitsamt unseren Kleidern in den Pool im Garten gefallen waren. „Ich bin sicher, die Mädchen wissen genau, was sie tun. Und da du nicht mit ihnen tanzt, wirst du auch nicht über sie herziehen. So etwas dulde ich nicht in meinem Haus. Hast du mich verstanden?“

Als ob Pams Rettungsversuch nicht schon schlimm genug wäre, legte sie auch noch eine Verbundenheit symbolisierende Hand auf meine. Chloes abfälliger Blick fühlte sich an, als würde er meine Haut mit kleinen Eispickeln durchbohren. Schließlich wanderte er nach oben, bis wir uns beide in die Augen sahen. Ohne einen Hehl daraus zu machen, schleuderte sie mir mit nur einem weiteren Blick eine geballte Ladung Hass und Verachtung entgegen. Doch darunter verbarg sich auch noch etwas anderes, das ich nicht zuordnen konnte.

Sie wischte sich den Mund mit ihrer Serviette ab und warf diese dann auf den Tisch, wo sie in ihren nicht aufgegessenen Nudeln landete. „Darf ich auf mein Zimmer gehen, Dad?“ Sie rutschte den Stuhl zurück und stand auf. „Ich habe noch Hausaufgaben zu machen.“

„Natürlich, Liebling. Geh nur“, antwortete er, und wir alle blickten ihr nach, als sie wütend zur Tür raus stapfte.

Als ich selbst mit dem Essen fertig war, verzog ich mich ebenfalls erleichtert auf mein Zimmer. Es war mir unbegreiflich, warum Chloe jedes Mal, wenn Pamela und ich etwas fanden, das wir gemeinsam hatten, so fürchterlich eifersüchtig wurde. Wozu das ganze Theater? Ich hatte doch nicht vor, ihr die Mutter zu stehlen. Ich vermisste meine eigenen Eltern so sehr, dass es oft schwer war, nicht loszuweinen. Nichts und niemand auf der Welt könnte sie je für mich ersetzen. Ich versuchte doch lediglich, mich in diesem Haus einzugliedern und das Beste aus der nun mal unveränderlichen Situation zu machen. Wenn ich die ganze Zeit heulend in einer Ecke sitzen und mich von allen abgrenzen würde, hätte doch auch keiner was davon.

Etwas später suchte ich nach meinem Handy und wählte die Nummer meiner Mutter über den Kurzwahlspeicher mit Rautentaste plus Eins. Nach der Schule hatte ich ganz vergessen, sie anzurufen. Hier war es inzwischen spät genug, dass es in Kairo schon wieder früh am Morgen war. Aber da meine Eltern immer zeitig aufstanden, würde ich sie nicht aus dem Bett läuten. Von Chloes Eskapaden erzählte ich meiner Mom heute jedoch nichts und auch nicht von Tonys Beschimpfungen letzte Nacht, in denen er mich als Hobbit bezeichnet hatte. Es tat einfach nur gut, ihre Stimme zu hören. Sie sagte mir noch, wie sehr sie und Dad mich vermissten, bevor wir schließlich wieder auflegten. Nach dem Anruf lernte ich noch ein wenig für Geschichte. Für morgen war ein Test angesetzt, doch der beunruhigte mich keineswegs. Das meiste Zeug in dem Buch vor mir wusste ich bereits auswendig.

Der Mittwoch verlief ausnahmsweise mal ruhig und ohne jedwede Unannehmlichkeiten. Er machte mir Hoffnung, dass auch die restliche Woche so verlaufen würde. Und tatsächlich wurde ich nicht enttäuscht. Tony war zwar in den Mittagspausen wieder in der Cafeteria, doch er hielt immer den größtmöglichen Abstand zwischen uns, also erachtete ich es für halbwegs sicher, weiterhin am Tisch meiner neuen Freunde zu sitzen. Hin und wieder streifte mich zwar sein kühler Blick, doch damit konnte ich leben.

Ich fragte mich, ob Lizas Drohungen wohl der Grund für sein Schweigen waren. In jedem Fall war ich ihr dankbar dafür.

Am Freitag hatte ich sogar ein kleines Lächeln auf den Lippen, als ich zur Schule ging. Das hatte mit der kommenden Pyjamaparty mit den Mädchen zu tun. Eine von ihnen hatte Warm Bodies und tonnenweise Eiscreme erwähnt. Obwohl ich Zombiefilme ja eigentlich nicht ausstehen konnte, schwärmte ich doch, wie die meisten anderen in meinem Alter, für Nicholas Hoult. Solange er am Ende des Films sein Mädchen küssen würde, war es mir auch völlig egal, dass er für eine Weile menschliche Gehirne fraß.

Doch in der Mittagspause kam Allie Silverman an unseren Tisch und zertrampelte all meine Vorfreude auf Nicholas und Eiscreme.

„Tut mir leid, Leute.“ Ihr Blick wanderte rasch über unsere Runde hinweg. „Ich kann heute Abend nicht. Besteht denn eine kleine Chance, dass wir die Pyjamaparty auf morgen Nacht verlegen können?“ Erst sah sie sehr betroffen drein, doch plötzlich bog sich ihr Mund zu einem Grinsen.

Offenbar war ich nicht die Einzige, die wissen wollte, warum. Liza fragte: „Was ist dir denn so Wichtiges dazwischengekommen?“

Lustig war, dass Sasha diese Frage beantwortete. „Ein Date.“ Vorsichtig und ohne auch nur eine von uns anzusehen, hob er sein Stück Käsepizza hoch und führte die tropfende Angelegenheit von oben herab in seinen Mund.

Er hatte sie tatsächlich gefragt, ob sie mit ihm ausgehen will? Wie wunderbar! Wir alle lächelten Allie zu, doch keine von uns machte einen Mucks. Als loyale Freundinnen, die wir nun mal waren, würden wir warten, bis die Pause vorbei war, um sie dann in Sport für ein standesgemäßes Verhör zu umzingeln. Kein Detail würde uns entgehen.

Mit geteilter Freude drückte Liza Allies Hand hinter Sashas Rücken, dann warf sie uns anderen einen fragenden Blick zu. „Wer ist noch dafür, dass wir die Party auf Samstagnacht verlegen?“

„Ich bin dabei“, sagte Susan. Da Simone gerade den Mund mit einem Bissen von ihrem Burger voll hatte, hob sie nur die Hand.

Ich zuckte mit einer Schulter. „Samstag ist cool.“

Und dahin war eine verheißungsvolle Freitagnacht. Die Aussicht auf einen weiteren langweiligen Abend im Haus meiner Tante, mit einer melodramatischen Chloe als einzige Gesellschaft, ließ mich in meine Tasche greifen, um mir die Laune mit einem Kirschlolli zumindest etwas zu versüßen.

Ryan schob seine Hand unter Lizas Haar in ihrem Nacken und machte einen süßen Schmollmund. „Dann seh ich dich ja an zwei Abenden hintereinander nicht.“

Ich wusste, was ihn deprimierte, auch wenn das meiste nur gespielt war. Einige der Jungs wollten heute zum Zelten raus in den Wald, während wir Mädchen ursprünglich geplant hatten, uns ohne sie ein paar Liebesfilme reinzuziehen. Nun war er diese Nacht campen und morgen durfte er trotzdem nicht bei Liza aufkreuzen.

„Du bist ein tapferer Junge und wirst es schon überleben“, meinte Liza mit einer ebenso gespielt sanften Stimme.

„Oder …“ Ein verschmitztes Lächeln zog seine Mundwinkel nach oben. „Ihr Mädels könntet auch mit uns raus zum Zelten kommen.“

„In den Wald?“, warf Simone ein und ließ dabei ihren Burger auf den Teller fallen. Sie schien mir wirklich nicht die Art von Person zu sein, die von einer Nacht in der Wildnis zu begeistern war. Doch der Ausdruck auf Alex’ Gesicht verriet uns allen, dass er schon eine Idee hatte, wie er die Zeit draußen für Simone erträglicher machen würde.

„Komm schon, sag ja, Baby“, flehte er. „Wir können in einem Zelt schlafen und uns in meinem Schlafsack aneinander kuscheln. Ich röste dir auch ein paar Marshmallows über dem Feuer.“

Die Marshmallows waren überflüssig – Simones Augen hatten bereits bei dem Wort kuscheln zu leuchten begonnen. „Okay, lasst es uns tun!“

Liza wirkte ein wenig skeptisch. Sie blickte zu Susan. „Was meinst du?“

„Wenn du gehst, geh ich auch“, erwiderte Susan.

Und dann sahen alle zu mir.

Ein plötzlicher Anflug von Unbehagen packte mich. Ich rieb meine Zunge noch ein paarmal über den Lolli und zog ihn dann mit einem Schmatzgeräusch aus dem Mund. Abgesehen von Ryan und Alex würden auch noch Tony und Nick bei dem Ausflug dabei sein. Mit Nick hatte ich kein Problem. Tony … war ein anderes Thema. Er sah mich an, als wollte er mich fressen, sobald ich den Mund aufmachte. „Ich weiß nicht so recht. Eigentlich bin ich kein großer Fan von Camping. Ihr wisst schon, so ganz ohne Badezimmer, warmem Wasser und Kabelfernsehen.“

Schmunzelnd schubste mich Nick mit seiner Schulter. „Komm schon, Finnen-Mädel. Gib dir einen Ruck. Das wird sicher lustig.“

„Ja“, stimmte ihm nun auch Susan zu. „Außerdem brauche ich jemanden, der mit mir in einem Zelt schläft. Ich bleib ganz sicher nicht allein, wenn da draußen Kojoten und wilde Bären herumstreifen. Und zu einem dieser Schwachköpfe leg ich mich bestimmt auch nicht.“ Damit meinte sie Nick und Tony, doch wir alle wussten, dass sie beide Jungs fürchterlich gern hatte, also nahm ihr auch keiner die spaßhafte Beleidigung übel.

„In Kalifornien gibt’s doch gar keine Bären“, konterte ich.

„Ist mir egal. Ich will, dass du mitkommst.“

„Ja, ich auch“, sagte Liza und machte dabei große Kulleraugen in meine Richtung.

Dann fügte auch noch Simone hinzu: „Ja, komm mit. Biiiiiitte!“

Und plötzlich wiederholten Alex, Nick und Ryan, einer nach dem anderen, Simones Flehen. Ich fühlte mich richtig geehrt und grinste von einem zum nächsten. Zwar hatte ich nicht erwartet, dass auch Tony etwas zu der Sache sagen würde, doch die anderen hofften offensichtlich auf seine Zustimmung. Als sie ihn alle vorwurfsvoll ansahen, grollte er schließlich mit einer Ladung voll Sarkasmus in der Stimme: „Vergebt mir, wenn ich euren Enthusiasmus nicht teile.“

Doch dieses Mal scherte ich mich genauso wenig um seine Ablehnung, wie es die anderen in diesem Moment taten. Immerhin rechneten sie sowieso schon fest mit mir. „Schlechte Neuigkeiten, Mitchell“, sagte ich zu ihm. „Ich komme mit. Schluck’s runter.“

Seine Mundwinkel wanderten mit einem aufgesetzten Grinsen weit nach oben und er blinzelte überzogen in meine Richtung. „Was für ein Spaß.“

Ja, den würde ich ganz bestimmt haben …

Vor der sechsten Stunde verriet uns Allie dann endlich sämtliche romantischen Details, auf die wir schon die ganze Zeit gewartet hatten. Offenbar hatte sie heute Morgen ihren Spind zugeschlagen und dann Sasha an der Wand lehnend vorgefunden. Ich konnte mir bildlich vorstellen, wie es ihr dabei die Sprache verschlagen hatte. Besonders als er dann gesagt hatte: „Ist dir immer noch nicht aufgefallen, dass ich schon seit einer ganzen Weile hinter dir her bin? Ich denke, es wird Zeit, dass du mit mir ausgehst.“

Bei dem verträumten Blick in ihren Augen, den sie aufgesetzt hatte, als sie uns davon erzählte, schmolzen wir alle dahin wie Schnee in der Sonne.

Nach einer Stunde Basketball eilten wir alle zurück in den Umkleideraum und unterhielten uns über den bevorstehenden Campingtrip. Susan bot an, mich am Nachmittag abzuholen, so dass ich in ihrem Wagen mitfahren konnte, was ich dankend annahm.

Ich war schon viel zu spät dran für meine nächste Stunde und eilte schließlich über den Schulhof zu AVE. Mit meiner Zeichenmappe unter dem Arm stürmte ich ins Gebäude und um die Ecke, gerade noch rechtzeitig, als die Schulglocke läutete. Allerdings krachte ich dabei frontal mit einem anderen, viel größeren Schüler zusammen. Die Wucht des Aufpralls warf mich zurück und ich landete auf meinem Hintern. Meine Zeichenblätter flatterten wild durch den Korridor.

„Bitte entschuldige“, stieß ich hervor, rappelte mich auf die Knie und half dem Jungen seine Zeichnungen einzusammeln. „Ich hab dich echt nicht gesehen.“

Er kniete sich ebenfalls auf den Fußboden, und erst als ich ihm die Blätter reichte und dabei aufblickte, wurde mir klar, in wen ich da eigentlich gerade gerannt war. Ich war auf Augenhöhe mit Anthony Mitchell. Das war mal was Neues.

Ich machte mich auf eine herablassende Bemerkung seinerseits gefasst, doch er verblüffte mich, als er zum zweiten Mal in dieser Woche einfach gar nichts sagte. Schnell sammelte er den Rest seiner Arbeiten auf und schob sie in seine Mappe – bis auf die zwei, die ich immer noch in meiner Hand hielt. Als er mir geradewegs in die Augen sah, stand ihm ein Grauen ins Gesicht geschrieben, das für mich keinen Sinn machte.

Langsam griff er nach seinen Zeichnungen und zog sie aus meiner Hand. Ich blickte nach unten. Und plötzlich verstand ich sein Entsetzen. Er hatte bestimmt nicht gewollt, dass ich diese Zeichnung jemals zu Gesicht bekam. Oder vielleicht wollte er es doch, nur nicht in diesem Moment. Vermutlich hätte er sich die Überraschung gerne für später im Unterricht aufgehoben, um alle anderen damit zum Lachen zu bringen. Ein grausamer Scherz auf meine Kosten. Die Erde hörte für einen kurzen Moment auf, sich zu drehen, als ich aus meinen Illusionen über eine gerechte Welt gerissen wurde und mit dem Kopf voran in das tiefe Loch der Realität stürzte.

„Oh mein Gott“, flüsterte ich und fiel zurück auf meinen Hintern. Meine Hände zitterten. Dann wurde mir schwindlig, denn meine Lungen wollten einfach nicht mehr genug Sauerstoff aufnehmen. Mir kam es vor, als hätte mich jemand an ein Karussell gekettet, das sich immer und immer weiter drehte.

Ich hasste Tony dafür, dass nun Tränen in meinen Augen standen. Hasste ihn dafür, dass er jedem um uns herum meine verletzliche Seite offenlegte. Aber am allermeisten hasste ich ihn dafür, dass er mich als Modell für sein AVE-Projekt benutzt hatte. Die böse weibliche Fabelgestalt, die er gewählt hatte, war eine Hexe. Und abgesehen davon, dass sie klein war – was man sehr gut erkennen konnte, weil sie vor einer Tür stand, deren Knauf ihr leicht das Auge hätte ausstechen können –, hatte ihr Gesicht eine unbestreitbare Ähnlichkeit mit dem, das sich mir jeden Morgen zeigte, wenn ich in den Spiegel blickte. Dieselben Züge, derselbe herzförmige Mund, dieselben großen Augen. Verdammt noch mal, er hatte sogar mein Haar perfekt nachgezeichnet. Nur hatte diese Frau eine Nase so lang wie mein Mittelfinger und darauf befanden sich fette, eklige Warzen, aus denen kleine, borstige Haare wuchsen.

In ihren Augen blitzte etwas Böses, das in einen Harry-Potter-Film gepasst hätte, aber nicht zu mir. Sie hielt einen Besen mit knochigen Fingern fest und zwischen ihren leicht geöffneten Lippen stand ein fauliger Zahn hervor. Ein Rabe saß auf ihrer krummen Schulter und funkelte den Betrachter hinterlistig an.

„Du – du –“ Ich schnappte nach Luft. Schließlich ließ ich seine Zeichnungen los und schlug beide Hände vor den Mund. Mein ganzer Körper bebte, als ich schluchzte.

Der Dreckskerl sagte nicht ein einziges Wort. Er starrte mich nur an, als hätte er sich selbst die Zunge abgebissen. Ich wusste, dass er mich aus einem absurden Grund nicht ausstehen konnte. Aber dass es so schlimm war, davon hatte ich keine Ahnung.

„Ist das … So siehst du mich?“ Die erste Träne lief meine Wange hinunter.

Tonys Gesichtsmuskeln wurden härter, so als weigerte er sich, seine Emotionen durchzulassen. Seine Hand kam langsam nach oben. Wie eine Schlange. Wie der Feind. Sie versetzte mich in Panik und eine immer tiefgreifendere Hysterie. Plötzlich verspürte ich den Drang, ihn wie eine Katze anzufauchen, doch alles, was ich zustande brachte, war ein zitterndes Krächzen. „Nein … Um Himmels willen, fass mich nicht an!“ Immer noch auf dem Boden sitzend, wich ich vor ihm zurück.

Er respektierte meinen Wunsch. Seine Hand sank nach unten. Schließlich klemmte er sich die Mappe unter seinen Arm, stand auf und ging in die Klasse. Sobald er weg war, halfen mir einige Schüler, die noch im Gang standen, meine eigenen Zeichnungen aufzusammeln, doch ich konnte ihre Hilfe gerade nicht wertschätzen. Es war mir egal, was mit meinem Zeug passierte. Schluchzend raffte ich mich auf, rannte den Flur hinunter und raus auf den Campus.

Unaufhaltsam liefen mir nun die Tränen übers Gesicht. Ich wusste weder was ich tun, noch wohin ich gehen sollte, also irrte ich für einen Augenblick blindlings herum. Letzten Endes fiel ich unter einem weit ausladenden Baum ins weiche Gras und kauerte mich mit dem Rücken am borkigen Stamm zusammen. Jeder einzelne Atemzug stach in meinem verengten Hals. Niemals würde ich wieder zurück in diese Klasse gehen. Mit beiden Händen vor dem Gesicht versuchte ich, mein Weinen vor vorbeikommenden Schülern zu verstecken, doch so wie ich wimmerte, hatte das wenig Wirkung.

„Sam?“ Ich blickte nach oben, von wo die besorgte und vertraut klingende Stimme gekommen war. „Was zur Hölle ist denn mit dir passiert?“

Natürlich musste mich ausgerechnet Lizas Freund hier draußen finden, heulend wie ein kleines Baby. Schnell wischte ich mir die Tränen von den Wangen, doch ich brachte kein Wort heraus, also schüttelte ich nur den Kopf.

„Hey, Jungs! Geht schon mal vor!“, rief er seinen Freunden zu, die ein paar Meter weiter weg im Eingang zur Sporthalle standen. „Ich komm in ein paar Minuten nach!“ Dann hockte er sich vor mich hin und legte dabei beide Hände auf meine aufgestellten Knie. „Gab’s wieder Ärger mit Chloe?“

Ich konnte ihm nur in seine freundlichen Augen starren, dann schwappten die nächsten Tränen über.

„Verflucht. Also war es Mitchell.“ Er seufzte und sank nach vorn auf die Knie. Aus seinem Rucksack holte er ein Päckchen Taschentücher hervor und reichte mir eines davon.

Ich wischte mir erst die Tränen ab, dann putzte ich mir die Nase und bemühte mich, mein Schluchzen unter Kontrolle zu bekommen. Schweigend gab er mir Zeit, bis ich mich endlich gefangen hatte.

„Verrätst du mir jetzt, was passiert ist, damit ich Tony den Kopf abreißen kann?“

Ryans Mitgefühl rührte mich und brachte mich fast dazu zu lächeln. In diesem Moment begriff ich, wie großartig er wirklich war und warum Liza sich am Ende für ihn entschieden hatte.

Das angerotzte Taschentuch verschwand in meiner Hosentasche. Ich wischte mir über die heißen Wangen und fuhr mir dann mit den Händen durchs Haar, den Blick zu den Wolken gerichtet. „Ich bin vorhin mit ihm zusammengestoßen“, sagte ich schließlich und klang dabei noch ein wenig zittrig.

„Okay …“

Ich sah ihn an und schniefte. „Dabei sind seine Zeichnungen auf den Boden gefallen. Darunter war auch eine von mir.“

„Oh.“ Vor Überraschung wurden seine Augen etwas größer, was mich verstummen ließ. Dann schmunzelte er. „Du hast sie also gesehen?“

Ich zog meine Augenbrauen tiefer. „Du findest die Zeichnung wohl lustig?“

„Eigentlich denke ich sogar, dass sie genial ist. Warum hast du deshalb geweint?“

Entschuldige mal! War er etwa gekommen, um noch mehr Salz in die Wunde zu streuen? „Genial? Er hat eine gottverdammte Hexe aus mir gemacht.“

Nun war Ryan dran, verdutzt aus der Wäsche zu gucken. „Eine Hexe?“

„Genau. Mit einer Warzennase, Krummrücken, Besen und allem, was sonst noch dazu gehört.“

„Oh“, sagte er wieder. Dann verschwanden seine Lippen zu einem Strich und seine dunklen Augenbrauen formten ein nachdenkliches V. „Das war jedenfalls nicht das Bild, das ich von dir gesehen habe.“

„Da sind noch mehr?“ Was war bloß los mit dem Kerl? Es ging hier doch nur um ein dämliches Glas Sodawasser, und ich hatte es verdammt noch mal nicht umgestoßen. „Warum hasst Tony mich so sehr?“, jammerte ich und rieb mir mit beiden Händen übers Gesicht.

„Er hasst dich nicht, Sam. Im Moment tickt er nur ein wenig komplizierter als sonst. Deine Cousine hat eine tiefe Delle in seinem Dickschädel hinterlassen.“

„Aber das ist doch nicht meine Schuld.“ Der Verzweiflung nahe, schüttelte ich den Kopf. „Egal. Ich hab genug von ihm. Könntest du Liza bitte sagen, dass ich es mir anders überlegt habe? Ich komme heute nicht mit raus zum Zelten.“

„Natürlich ist es nicht deine Schuld, und das weiß er auch. Und nein, Sam, du wirst heute nicht zu Hause bleiben. Die Mädels werden das niemals zulassen. Tony muss seine Probleme endlich in den Griff bekommen, aber das ist nicht dein Problem.“ Ryan drückte meine Knie und seine Stimme wurde dabei noch ein wenig sanfter. „Übrigens … er steht gerade dort hinten.“

Mein Kopf schnellte automatisch herum. Tony lehnte an einem Baum etwa zehn Meter entfernt. In den Händen hielt er etwas, das sehr nach meiner Zeichenmappe aussah. Mein Magen verknotete sich gerade selbst.

„Soll ich ihm jetzt für dich in den Arsch treten?“, fragte mich Ryan in einem ernst zu nehmenden Tonfall. „Denn wenn du das willst, werde ich es auf der Stelle tun. Andernfalls lasse ich euch beide jetzt lieber allein. Der Junge sieht aus, als hätte er dir etwas zu sagen.“

Fassungslos starrte ich immer noch zu Tony hinüber. Er hielt meinen Blick mit seinem aufrecht, doch die übliche Herablassung darin fehlte zur Gänze.

„Das heißt dann wohl kein Arschtritt.“ Ryan drückte sich mit Hilfe meiner Knie hoch. „Ich seh dich später.“

Als ich verwundert zu ihm aufblickte, zog er eine herausfordernde Augenbraue hoch. „Denk gar nicht erst daran abzusagen. Ich komme sonst höchstpersönlich und trage dich aus dem Haus, wenn es sein muss.“

Daran zweifelte ich kein bisschen.

Mit dem Rucksack locker über der Schulter ging Ryan Hunter rüber zu Tony, der gerade einen Schritt vom Baum weg machte und auf den Boden sah. „Echt jetzt? Eine Hexe?“ Ryan lachte laut und schlug ihm dabei auf die Schulter. „Mann, was bist du doch für ein Idiot.“

Jetzt wo Lizas Freund weg war, wollte ich gar nicht mehr, dass Tony zu mir rüberkam. Ich wollte nicht hören, was er mir zu sagen hatte. Und noch viel weniger wollte ich, dass er meine rot-verquollenen Augen sah, die ich nur seinetwegen hatte. Er sollte einfach nur verschwinden.

Aber das tat er nicht.

Nur wenige Sekunden später stand er direkt vor mir. Meine Zeichenmappe landete neben meinen Stiefeln im Gras.

„Du schwänzt gerade den Unterricht.“

„Na und? Du ja offensichtlich auch“, antwortete ich mit der Wärme eines Eisbergs.

„Jemand musste dir schließlich deine Sachen bringen.“

„Danke.“ Anstatt zu ihm hoch, blickte ich lieber auf meine Knie. „Und jetzt lass mich in Ruhe.“

Tony sank langsam vor mir in die Hocke, so wie Hunter vorhin. „Das werde ich. In einer Minute.“

Jetzt gerade war eine Minute mit ihm eine Ewigkeit zu lang. Doch ich nahm an, ich würde ihn schneller loswerden, wenn ich einfach den Mund hielt und ihn reden ließ. Außerdem waren meine Stimmbänder sowieso zu verkrampft, um eine Diskussion mit ihm anzufangen.

„Hör zu …“

Das tat ich. Doch nach diesen beiden Worten machte er eine so lange Pause, dass ich ungewollt aufblickte. Oh Mann, er sah tatsächlich traurig aus. Und zwar so richtig traurig – wie in ich-weiß-nicht-wie-ich-das-jemals-wieder-gutmachen-kann-traurig.

Sein enges weißes T-Shirt spannte über seiner Brust, als er einen tiefen Atemzug tat. „Ich kann dir nicht genau sagen, was an dir meine schlimmste Seite zum Vorschein bringt, Summers … Es ist einfach so.“

Ach herrje, wenn das nicht die grandioseste Entschuldigung aller Zeiten war. Einfach phänomenal. Natürlich würde ich ihm auf der Stelle verzeihen und alles wäre wieder gut. In einem anderen Leben vielleicht. Nein, wenn ich es mir so recht überlegte, nicht mal da.

„Anthony, du hast aus mir eine Hexe gemacht“, sagte ich heiser und viel zu leise.

„Ich weiß … Dieses Bild hätte eigentlich gar nicht in meiner Mappe sein sollen. Es war ein beschissener Unfall.“

„Dass du das Bild überhaupt gezeichnet hast, war ein beschissener Unfall!“, warf ich ihm nun lautstark an seinen blöden Kopf.

Tony hingegen blieb ruhig. „Ja … das auch.“ Ich verstand nicht, wieso er plötzlich so bedrückt klang. „Ich weiß, ich hab mich total daneben benommen, seit dem Tag, an dem du durch Charlies Tür spaziert bist. Es wird nicht wieder vorkommen. Ab jetzt werde ich mich von dir fernhalten.“

Und dann stand er auf und ging einfach weg.

Ich hatte keine Lust darauf, mit einem Gesicht, das vom vielen Weinen rot und geschwollen war, in meine Klasse zurückzukehren, also machte ich mich stattdessen auf den Heimweg.

Pamela, die meinen Stundenplan kannte, sah mich besorgt an, als ich so früh nach Hause kam. „Stimmt etwas nicht?“

Ich hätte ihr einfach sagen können, dass alles in Ordnung war und ich nur leichte Kopfschmerzen hatte. Doch als sie mir dann auch noch ihre Hand auf die Wange legte und fragte: „Hast du etwa geweint, Liebes?“, konnte ich sie nicht mehr anlügen.

„Ich hatte einfach nur eine wirklich furchtbare Woche“, seufzte ich, ließ mich auf einen Stuhl im Esszimmer fallen und vergrub mein Gesicht in meinen auf dem Glastisch verschränkten Armen. Ich war mir sicher, dass sie mich gleich mit ihrer sanften Stimme ausfragen würde, doch alles was ich hörte, waren Geräusche aus der Küche. Nach einer Weile richtete ich mich wieder auf und fand sie neben mir sitzend vor. Sie schob mir eine dampfende Tasse herüber. Dabei stieg mir der fruchtige Geruch von Erdbeertee in die Nase.

Allein dafür, entschied ich, hatte Pam alle Details verdient, und ich erzählte ihr, wie mir Anthony Mitchell bisher das Leben zur Hölle gemacht hatte, nur weil es offenbar Probleme zwischen ihm und Chloe gegeben hatte. Die Einzelheiten über Chloes zickiges Gehabe ließ ich dabei allerdings weg.

„Es fällt mir schwer zu glauben, dass ein netter Junge wie Tony so gemein zu jemandem sein kann. Und du bist dir sicher, dass es mit Chloe zu tun hat?“

„Das hat man mir zumindest gesagt.“ Auch hier ließ ich den Teil weg, in dem sie mit Tony geschlafen und ihn dann zum Teufel geschickt hatte.

„Aber du hast doch gesagt, er hätte sich heute bei dir entschuldigt. Wenn er versprochen hat, dich ab jetzt in Ruhe zu lassen, dann meint er das bestimmt ernst.“

„Ja, vielleicht.“ Was blieb mir anderes übrig, als darauf zu hoffen, dass sie recht hatte? Doch mit dem bevorstehenden Campingausflug sah ich meine Chancen auf Abstand und Frieden bereits schwinden. „Ach übrigens, die Pyjamaparty, von der ich dir erzählt hatte, wurde auf morgen verschoben. Stattdessen wollen heute alle raus in den Wald zum Zelten und sie haben mich eingeladen. Seid du und Onkel Jack damit einverstanden?“

„Aber selbstverständlich. Im Keller müsste sogar noch ein Schlafsack sein.“ Pam machte eine kurze Pause. „Du siehst besorgt aus. Wird Tony etwa auch dort sein?“

„M-hm.“ Ich ließ den Kopf hängen und beobachtete, wie in meinem Tee kleine Luftbläschen vom Umrühren aufstiegen. „Und es wird ja so lustig werden.“ Mit einem schweren Seufzer auf den Lippen lehnte ich mich an Pams Schulter. „Wird es immer so sein? Mit den Jungs, meine ich. Du weißt schon … so kompliziert?“

Pamela legte mir ihre Hand auf die Wange. Dabei kicherte sie leise. „Ist das jetzt eine Fangfrage?“ Sie gab mir einen Kuss auf die Stirn. „Es wird ein wenig leichter, wenn sie älter werden.“

„Wenn wer älter wird?“, drang Chloes Stimme aus der Küche zu uns. Einen Moment später stand sie vor uns. Bei ihrem bestürzten Ausdruck, den sie auf dem Gesicht hatte, als sie mich in der Umarmung ihrer Mutter vorfand, richteten sich in meinem Nacken plötzlich alle Härchen auf. Ein Apfel glitt ihr aus der Hand, fiel auf den Fliesenboden und rollte unter den Tisch.

Mir war völlig entgangen, dass sie ebenfalls schon zu Hause war. Ein böser Fehler. Ich beugte mich unter den Tisch, um den roten Apfel aufzuheben.

Tante Pamela schien Chloes und meinen Schock gar nicht zu bemerken. „Wir haben gerade über Jungs geredet“, antwortete sie ihrer Tochter. „Sam hat diese Woche herausgefunden, wie kompliziert sie sein können.“

„Ach. Hat sie das?“ Chloe blickte zu mir und lächelte so kalt, dass es mich am ganzen Körper fröstelte. „Also hängst du immer noch mit diesen Versagern rum? Hm, wenn ich es mir recht überlege, passt du da eigentlich ganz gut dazu.“

„Chloe! Was um alles in der Welt ist in dich gefahren?“, donnerte Pamela, bevor ich überhaupt Luft holen konnte, um etwas zu sagen. Die Hände auf den Tisch gestützt, stand sie auf. „Sam gehört zu unserer Familie. Du wirst dich augenblicklich bei ihr entschuldigen!“

„Was?“, brach es verblüfft aus Chloe heraus.

„Du hast mich schon verstanden.“

Wie zu erwarten, entschuldigte sich Chloe natürlich nicht bei mir, und es war mir ehrlich gesagt auch ziemlich egal. Stattdessen zischte sie: „Jetzt hast du sie also schon lieber als mich?“ Ihr verächtlicher Blick wanderte zu mir und traf mich tief. „Diesen kleinen Mistkäfer, den sie zu uns abgeschoben haben? Ich hätte es mir denken können.“ Sie machte auf dem Absatz kehrt und stürmte aus dem Zimmer.

Reglos stand Tante Pam da und blickte ihr nach. Dann legte sie eine Hand über ihren Mund, drehte sich zu mir um und wieder zurück zu der Stelle, an der Chloe eben noch gestanden hatte. Schließlich fand sie aus ihrer Betroffenheit heraus und zurück zu mir. „Es tut mir so leid, Sammy. Das hat sie nicht so gemeint.“

„Doch, das hat sie.“ Und obwohl ich nicht verstehen konnte, warum, hatte ich trotz allem Mitleid mit Chloe. „Aber es ist schon okay. Du solltest ihr nachgehen und mit ihr reden.“

Zögernd ging Pam zur Tür und drehte sich dann noch einmal zwiegespalten zu mir um. Ich strengte mich an, ein aufrichtiges Lächeln hinzukriegen. „Danke fürs Zuhören, Pam.“

 

 

Kapitel 8

 

Tony

 

 

DIE ELLBOGEN AUF die Knie und das Kinn auf beide Hände gestützt, saß ich auf der Trainerbank und starrte ein Loch in den Boden. Ich hatte keinen Schimmer, wann ich mich zum letzten Mal so beschissen gefühlt hatte. Nein, halt, das war eine Lüge. Im Grunde wusste ich es ganz genau. Es war in der Nacht gewesen, in der ich mich mit Hunter um Liza geprügelt hatte. Genauer gesagt in dem Moment, als Hunter ihr erzählt hatte, dass ich mit Chloe im Bett gewesen war, und damit meine einzige Chance zerstört hatte, Liz zurückzugewinnen. Obwohl das so ja nicht ganz der Wahrheit entsprach, konnte ich nicht abstreiten, dass ich damals Megascheiße gebaut hatte.

Genau wie in jener Nacht wünschte ich mir auch jetzt gerade, dass ich die Zeit zurückdrehen könnte, wenigstens für ein paar Stunden, um das Schlimmste rückgängig zu machen. Mädchen zum Weinen zu bringen war echt niederträchtig. Doch dafür hatte ich offenbar Talent.

Wie hatte ich nur vergessen können, die verfluchten Zeichnungen von Samantha Summers aus meiner Mappe zu nehmen? Nie im Leben hätte ich sie absichtlich so verletzen wollen. Doch wenn man es genau nahm, war ich ab dem Moment beleidigend zu ihr gewesen, als ich sie zum ersten Mal gesehen hatte. Keiner aus Chloes innerem Kreis war mir jemals so sehr an die Nieren gegangen. Warum ausgerechnet Sam?

Hinter mir näherten sich Schritte, doch ich drehte mich erst um, als mir Hunter auf die Schulter klopfte und meinte: „Oh Mann, du hast’s ja vielleicht vergeigt.“ Er stieg über die Bank, ließ den Fußball, den er mitgebracht hatte, vor sich ins Gras fallen und setzte sich neben mich.

„Das ist alles nur deine Schuld“, brummte ich.

Hunter lachte unverfroren. „Meine Schuld? Wieso? Weil heute zufällig der zweite Freitag im Monat ist?“

„Wegen dir hab ich diese bescheuerten Zeichnungen erst in meine Mappe gesteckt. Und nach dem Training hab ich dann vergessen, sie wieder rauszunehmen.“

„Hey Moment mal, Freundchen. Ich hab gestern nichts anderes getan, als die Bilder zu bewundern. Keiner hat gesagt, reiß sie mir aus der Hand und versteck sie.“

Ja genau. Und bei der Gelegenheit hätte ich ihm wohl auch gleich noch erklären sollen, wie Samantha Summers es plötzlich geschafft hatte, auf jedem verdammten Bild aufzutauchen, das ich diese Woche gezeichnet hatte. Ich konnte es mir ja nicht einmal selbst erklären. Das war einfach nur gequirlte Kacke. Ich musste dieses bescheuerte Projekt für AVE ganze vier Mal von vorn anfangen, bis am Ende eine Hexe herausgekommen war, die nicht Sams haselnussbraune Kulleraugen oder ihre niedliche Stubsnase hatte.

Hunter lehnte sich nach vorn und stützte die Unterarme auf die Oberschenkel, wobei er die Finger ineinander verschränkte. „Wie kam es überhaupt, dass sie die Zeichnungen gesehen hat? Du hast sie doch nicht in der Klasse aufgehängt, oder etwa doch?“

„Seh ich etwa aus wie ein Vollidiot?“

„Willst du darauf jetzt echt eine Antwort?“ Er zog eine Augenbraue hoch. Das ging mir so was von auf den Sack. Die Mädchen mochten ja reihenweise in Ohnmacht fallen, wenn er das tat, aber wir waren Jungs, verflucht noch mal.

„Sie ist auf dem Gang in mich hineingekracht und dabei ist mir die Mappe aus der Hand gerutscht.“

„Das ist übel.“ Hunter hob den Ball auf und drehte ihn auf einem Finger, als wäre er Michael Jordan und das wäre ein Basketball. „Was mich allerdings verwirrt, ist die Sache mit der Hexe. Auf der Zeichnung, die ich von ihr gesehen habe, macht sie gerade Dehnübungen an einem Baum. Wo war dieses Bild? Sam wäre bestimmt nicht so ausgeflippt, wenn du ihr das gezeigt hättest.“

„Es war gleich unter dem mit der Hexe. Gott sei Dank hat sie nicht richtig hingesehen, als sie die Zeichnungen für mich eingesammelt hat.“

„Warum zeigst du es ihr nicht? Ich wette, sie würde dich dafür lieben. Die Mädels stehen drauf, das Modell eines Künstlers zu sein.“

Ein Seufzer kam mir den Hals hoch, doch es war nicht gerade cool, vor seinen Fußballkumpels zu seufzen wie ein Mädchen, also wandelte ich ihn schnell in ein Grollen um. „Sie ist nicht mein Modell.“

„Aber sie wäre es bestimmt gerne, wenn du sie nur lassen würdest.“

„Was ist das denn jetzt wieder für eine Scheiße?“, fragte ich übellaunig. „Und warum unterhalten wir uns überhaupt über den Bungee-Troll?“

Der Ball glitt Ryan vom Finger. Er fing ihn mit beiden Händen auf und sah mich an, als wäre mir gerade ein Einhorn aus der Stirn geschossen. Dann schüttelte er den Kopf und schnalzte mit der Zunge. Dabei unterdrückte er ganz offensichtlich sein typisches Hunter-Grinsen, auf das die Mädchenwelt total abfuhr. „Übel, übel“, meinte er nur.

„Was ist übel?“

„Es hat dich böse erwischt, Kumpel.“

Ich mochte Hunter. Echt. Aber manchmal ging er mir auf die Nerven wie kein anderer. „Ach wirklich? Dann sag mir doch mal, oh großer Prophet, wie du auf diesen Schwachsinn kommst.“

Wie ein verdammter Pfadfinder lehnte er sich geheimnisvoll näher zu mir herüber und flüsterte: „Weil du dem Mädel bereits einen Kosenamen gegeben hast.“

Bungee-Troll? „Das ist kein Kosename.“

„Was ist es dann?“

Mist. „Das bedeutet gar nichts.“

„Es bedeutet, du hast sie gern.“

Darüber konnte ich nur laut lachen. Leider klang es nicht annähernd so amüsiert, wie ich gehofft hatte. „Du bist so kaputt, Hunter.“ Ich schlug ihm den Ball aus den Händen. „Sie ist nur eine weitere Summers und ich verkehre nicht mehr mit ihresgleichen.“

Ryan stand auf und bückte sich nach dem Ball. Diesen unter den Arm geklemmt, sah er auf mich herunter. „Hey, Prinzessin, lass uns jetzt mal eines klarstellen. Und du hörst besser genau zu, denn ich werd’s dir nur einmal sagen. Nicht jedes Mädchen ist wie Chloe Summers. Und ganz sicher findest du keine Zweite, die so ist wie Liza. Also warte verdammt noch mal nicht länger auf sie, denn ich werde sie nicht gehen lassen. Ist das klar? Niemals.

„Hab verstanden“, sagte ich durch zusammengebissene Zähne und ein zynisches Lächeln.

„Einen Scheiß hast du! In den letzten drei Monaten hab ich dir dabei zugesehen, wie du mindestens fünfzehn Mädchen hast abblitzen lassen. Es waren alles nur namenlose Schnecken, also dachte ich mir, was kümmert mich das? Aber diese hier … Sam …“ Er zuckte mit den Schultern. „Sie ist keine von denen. Sie ist niedlich, und das weißt du. Außerdem macht es Spaß, mit ihr abzuhängen, und ob es dir nun gefällt oder nicht, die Mädels haben beschlossen, dass sie von nun an zu uns gehört. Also finde dich endlich damit ab!“

Wo zum Geier war Hunters Knopf zum Ausschalten? Ich hatte echt keinen Bock mehr auf sein Big-Brother-Gesülze. „Na und? Was willst du jetzt machen?“

Er wartete einen Moment. Ich befürchtete schon, ich würde gleich noch eine Ladung seiner Weisheit abbekommen, doch stattdessen verzog sich sein Mund zu einem breiten Grinsen. „Jetzt … spielen wir beide ein bisschen Fußball.“

Er schoss den Ball so scharf in meine Richtung, dass ich mich nur noch ducken konnte, um nicht umgenietet zu werden. Der Ball prallte hinter mir gegen die Tribüne, kam zurück und landete im Gras, wo er dann bis zur Mitte des Spielfeldes rollte.

„Nur du und ich?“, fragte ich Hunter skeptisch und folgte dem Ball. Ich hob ihn auf. Dann ließ ich ihn ein paarmal auf meinem Knie springen.

„Jap. Du und ich. Dasselbe Tor. Drei Treffer.“

Ich war einverstanden. Mit einem harten Tritt schoss ich den Ball hoch in die Luft. Als er wieder runter kam, stürmten Hunter und ich darauf zu, als ginge es dabei um Leben und Tod. Na ja, eigentlich ging es beim Fußball für uns ja immer darum. Ryan erwischte ihn zuerst und rannte damit aufs Tor zu, doch ich grätschte von der Seite in ihn rein und nahm ihm problemlos den Ball ab. Mit dem ersten Treffer so gut wie in meiner Tasche rannte ich aufs Tor zu. Nur kam in diesem Moment Hunter von rechts und krachte mit voller Wucht in meine Seite.

Ich schlug hart auf dem Boden auf und rollte einige Meter übers Gras. „Was zur Hölle –“

Hunter schoss das erste Tor.

„Das war ein Foul!“

Er kam zu mir rüber, die Hände in die Hüften gestemmt. „Bei wem willst du dich darüber beschweren, Prinzessin?“

Zähneknirschend kam ich zurück auf die Beine, holte den Ball und lenkte ihn mit leichten Tritten zurück zur Platzmitte. „Dann nehme ich mal an, wir spielen heute ohne Regeln.“

Beim zweiten Versuch war ich auf seinen Angriff vorbereitet und wehrte ihn mit einem Bodycheck ab. Doch als er hinter mir zu Boden ging, griff er nach meinem Knöchel, hielt mich fest, und ich machte eine Bauchlandung ins Gras, bei der mir für einen Moment die Luft wegblieb. Als ich wieder atmen konnte, rollte ich mich herum, setzte mich auf und blickte ihn entrüstet an. „Echt, Hunter! Am Fuß festhalten?

Er zuckte gelassen mit den Schultern, dann schoss er den Ball über meinen Kopf hinweg ins Tor. „Zwei zu null!“

Immer noch auf dem Rasen sitzend, vergrub ich frustriert den Kopf zwischen meinen Knien. Mir war der Spaß an Hunters Spiel ohne Regeln vergangen.

„Komm schon.“ Er streckte seine Hand aus, um mir hoch zu helfen. „In der Liebe und beim Fußball ist alles erlaubt.“

Ich lehnte seine Hilfe ab und verspürte stattdessen den Wunsch, ihm sein dämliches Grinsen aus dem Gesicht zu schlagen.

Als wir erneut zur Mittellinie gingen, legte mir Hunter eine kameradschaftliche Hand auf die Schulter. „Wo ist deine Verteidigung, Mitchell?“

Im Arsch. Mit finsterem Blick bezog ich Position, während er den Ball nach oben pfefferte. Dieses Mal würde ich es ihm nicht so leicht machen.

Doch Hunter gelang auch das dritte Tor, und ich warf ihm jedes gottverdammte Schimpfwort an den Kopf, das mir gerade einfiel, denn er hatte es nur geschafft zu punkten, weil er mir zuvor seinen Ellbogen in den Magen gerammt hatte.

Und dann lachte mich Ryan auch noch aus. „Och … so schlimme Worte aus dem süßen Mund einer –“

„Ich schwöre, wenn du noch einmal das Wort Prinzessin sagst, dann hau ich dir eine aufs Maul.“

„…Lady“, beendete er den Satz unter schallendem Gelächter. „Aber zumindest sind wir endlich auf den Punkt gekommen.“

Die Hände auf die Knie gestützt, beugte ich mich immer noch keuchend vornüber und spuckte auf den Boden. „Und was bitte ist der Punkt?“

Sein Lachen verebbte zu einem Ich-bin-der-Größte-Grinsen. „Der Punkt ist, mein Freund, dass du immer so zickig wirst, wenn jemand durch deine Mauern bricht.“ Er warf mir den Ball zu, und ich musste mich blitzschnell aufrichten, damit ich ihn nicht in die Fresse bekam.

Hunter gab mir eine Sekunde, um zu begreifen, was er eben gesagt hatte. Und, ach du verfluchte Kacke …

Er zog wieder dieses dämliche Augenbrauending durch, was nur eins bedeuten konnte. Nämlich dass er genau gehört hatte, wie bei mir gerade der Groschen gefallen war.

„Wir sehen uns nachher, Prinzessin“, säuselte er. „Und vergiss nicht, heute deine guten Manieren einzupacken.“

Ich marschierte vom Platz und hielt dabei meinen Stinkefinger über die Schulter.

 

 

Kapitel 9

 

Samantha

 

 

WER HÄTTE GEAHNT, dass ich jemals bei dem Gedanken an einen Jungen in Panik geraten würde? Ich bestimmt nicht. Doch als ich etwas später an diesem Freitagnachmittag meine Sachen für den Ausflug in die Wildnis packte, wurde mir unangenehm heiß und ich bekam Herzklopfen. Nein, nicht diese tolle, aufregende Art von Herzklopfen, die mit einem Schwarm Schmetterlinge im Bauch verwandt ist. Es war eher diese Großer-Gott-Sam-was-hast-du-dir-nur-dabei-gedacht-zuzusagen-Art von Herzklopfen. Nach allem, was heute in der Schule vorgefallen war, wollte ich Anthony Mitchell wirklich nie wieder unter die Augen treten.

Aber hatte er nicht ernsthaft versprochen, mich in Ruhe zu lassen? Mit etwas Glück könnte es vielleicht doch ganz nett werden.

Ja. Ganz bestimmt, verhöhnte mich eine sarkastische Stimme in meinem Kopf.

Ich plumpste aufs Bett und stieß dabei einen Seufzer aus. Hätte ich mir doch bloß keine Freunde aus seinen Kreisen gesucht. Alles wäre so viel leichter. Aber nur seinetwegen Susan, Liza und Simone aufgeben? Und auch Nick Frederickson? Nein, das kam gar nicht in die Tüte. Der große Junge mit den kupferfarbenen Haaren war mir ebenso ans Herz gewachsen wie der Rest der Bande.

Wenn Tony unbedingt so ein arroganter Mistkerl sein wollte, bitte. Ich konnte eine Mauer um mich herum hochziehen und ihn ignorieren. Das Wochenende würde ich mir bestimmt nicht vermiesen lassen. Von dem nicht. Außerdem kamen ja noch sechs andere Freunde mit raus in den Wald. Wir würden uns schon nicht in die Quere kommen. Und sonst war ja auch noch Hunter da, der ihm für mich in den Arsch treten würde.

Bei dem Gedanken kam mir glatt ein Lächeln aus.

Nachdem ich wieder etwas Mut und Zuversicht geschöpft hatte, kniete ich mich auf den Fußboden und rollte Pams Schlafsack neu ein. Dann ertönte von draußen auch schon eine Hupe. Das war meine Mitfahrgelegenheit. Ich sprang auf, schnappte mir meine Sachen und trabte die Stufen hinunter. Als ich jedoch vor die Tür trat, blieb ich erst mal erschrocken stehen.

Statt Susans metallicblauem Opel Corsa stand eine uralte Rostlaube in der Auffahrt. Dieses Ding hatte eine verblüffende Ähnlichkeit mit Hook aus dem Film Cars. Es fehlten ihm nur noch die markanten Schneidezähne.

„Tut mir leid“, entschuldigte sich Susan und schnitt eine verlegene Grimasse, als sie ausstieg. „Meine Mutter musste ihr Auto heute früh in die Werkstatt fahren. Der gehört meinem Opa.“ Sie tätschelte die braune Motorhaube. „Ich schwöre, der Mann ist genauso ein Relikt wie dieses Monstrum hier.“

Ich tat es mit einem Achselzucken ab. „Sei nicht albern. Ist doch besser, als mit dem Rad zu fahren und all das Zeug auf dem Gepäckträger zu transportieren.“ Ich verstaute meine Campingausrüstung auf der offenen Ladefläche, stieg auf der Beifahrerseite ein und warf meine Kapuzenjacke über den Sitz. Damit mir die Rostlaube nicht unter dem Hintern auseinanderfiel, schlug ich die Tür extra vorsichtig zu.

Susan setzte sich hinters Steuer, und mit lautem Getöse von Motor und Auspuff fuhren wir los. Aus den beiden Lautsprechern im Armaturenbrett drang Musik aus längst vergangener Zeit. „Stehst du auf die Sixties?“, fragte ich Susan.

„Ich find die Songs ganz gut. Na ja … eigentlich nicht wirklich. Aber Grandpa sagte, ich soll das Radio ja nicht anfassen. Es ist immer auf diesen Sender eingestellt. Willst du, dass ich die Musik ausmache?“

„Nein, lass nur.“ Irgendwie hob die schwungvolle Musik sogar meine Laune und in mir kam ein Hauch von Vorfreude auf.

Mit offenen Fenstern und dem warmen kalifornischen Wind im Gesicht sangen wir lauthals bei dem Lied „Lollipop“ mit, das Susan kurzerhand zur Sam-Summers-Titelmelodie erklärte. Nach wenigen Meilen lenkte sie den Wagen von der Straße runter. Auf dem unebenen Waldweg, den wir jetzt entlangfuhren, wurden wir beide ordentlich durchgeschüttelt. Der Weg endete an einem kleinen, romantischen Bach. Susan parkte zwischen einem funkelnd schwarzen Jeep und Ryans silbergrauem Audi. „Von hier geht’s nur zu Fuß weiter“, sagte sie. „Aber keine Angst, es ist nicht weit. Nur etwa eine halbe Meile.“

Wir stiegen aus und holten das Zelt, die Matten und unsere Schlafsäcke von der Ladefläche und machten uns auf den Weg. Es war wirklich kein langer Fußmarsch, doch mit all dem Gepäck unter den Armen kam ich ins Schwitzen, noch bevor wir die kleine Lichtung erreichten, auf der bereits die anderen damit beschäftigt waren, ihre Zelte aufzustellen und eine sichere Feuerstelle vorzubereiten.

Ich hatte mir eigentlich bewusst verboten, nach Tony Ausschau zu halten, doch meine Augen entwickelten plötzlich ein rebellisches Eigenleben und fanden ihn als Erstes. Na ja, es ist nie schlecht zu wissen, wo sich der Feind gerade aufhält, sagte ich mir selbst.

Er kniete mit dem Rücken zu uns auf dem Waldboden. Sein weißes Muskelshirt gab den Blick auf seine strammen Oberarme frei. Unter der Haut zuckte sein Bizeps, als er gerade zwei Zeltstangen ineinandersteckte.

„Hallo zusammen!“, rief Susan.

In diesem Moment drehte sich auch Tony zu uns um. Meine Reflexe machten wohl gerade Rast nach dem anstrengenden Marsch hierher, denn ich versäumte, meinen Blick rechtzeitig abzuwenden. Tony erwischte mich auf frischer Tat, als ich ihn vom Rand der Lichtung aus anstarrte. Ich wusste, Panik und neu aufkeimende Wut standen mir ins Gesicht geschrieben. Es hatte also wenig Sinn, zu versuchen, es vor ihm zu verbergen.

Warum konnte ich ihn nicht einfach ignorieren, so wie ich es mir vorgenommen hatte?

Tony sagte nichts. Weder zu mir noch zu Susan. Doch sein schuldbewusster Blick, der im Moment irgendwie an mir zu kleben schien, wurde mir langsam unheimlich. Letztendlich presste er seine Lippen noch fester aufeinander, als er es ohnehin schon getan hatte, und erledigte weiter seine Arbeit.

Nick half ihm dabei. Er lächelte, als er uns sah. Liza winkte kurz und hielt dann wieder eine Alustange fest, die Ryan gerade mit Schnüren links und rechts im Boden verankerte.

Simone rief uns zu: „Hey, Leute, was hat euch denn so lange aufgehalten?“

„Wir wollten nicht, dass Hook sich überanstrengt, also sind wir ganz langsam gefahren“, scherzte ich.

Simone schnitt ein Gesicht in Susans Richtung. „Hast du dir wieder das Auto von deinem Opa leihen müssen?“

Daraufhin zuckte Susan mit den Schultern. „Ich hatte keine Wahl. Entweder das oder wir hätten laufen müssen.“

Wir packten unser Zelt aus und begannen es neben dem von Nick und Tony aufzustellen. Ich hätte zwar lieber einen anderen Standort ausgesucht, doch es machte ganz den Eindruck, als ob dieses Fleckchen Erde extra für uns reserviert worden wäre. Erst breiteten wir die Plane aus, dann sortierten wir die vielen Stangen ihrer Größe nach. Leider gab es in der Tasche keinen Bauplan, und schon kurze Zeit später waren wir total ratlos.

Mit gekreuzten Beinen saß ich auf dem Boden und versuchte herauszufinden, was wir mit den einzelnen Teilen anstellen sollten. „Hier passt einfach nichts zusammen“, brummte ich entnervt.

„Ich glaube, wir müssen die Stangen zusammenstecken – also ineinander, meine ich“, schlug Susan vor, wobei sie zwei dünne Fieberglasstangen wie chinesische Essstäbchen zwischen ihren Fingern hielt.

Sie hatte recht. Die Stäbe ließen sich an den Enden mit einem leichten Dreh ineinanderschieben. Das machten wir circa fünf Minuten lang, bis wir eine einzige lange Rute gebaut hatten. Dann standen wir vor der nächsten Sackgasse.

„Und jetzt?“, fragte ich. „Sollen wir die Stange etwa zu einem Kreis biegen und das Zelt wie einen Duschvorhang um einen Baum hängen?“ Ich streckte ihr die Zunge raus. Eine grandiose Idee hatte sie da mit dem Ineinanderschieben gehabt.

„Entweder das oder wir schlafen im Freien“, gab sie scherzhaft zurück. Dabei bog sie die elend lange Rute zu einem Bogen. Als sie ein Ende losließ, schnellte die Stange zurück in ihre gerade Form auf dem Erdboden. Das brachte uns nicht wirklich weiter.

Plötzlich erschien in meinem Blickfeld ein dünner Ast und zeigte auf die Mitte der Rute. „Ihr müsst sie hier wieder auseinandernehmen.“ Tonys Stimme kam von oberhalb. „Dann steckt ihr die Endstücke, die euch geblieben sind, je auf eine Seite.“

Was zum Teufel war denn das? Vielleicht so etwas wie ein Friedensangebot? Das konnte er sich meinetwegen in den Arsch stecken. Ich würde sicher keine seiner Anweisungen befolgen.

Das galt allerdings nicht für Susan. Sie tat sogleich, was er gesagt hatte.

„Jetzt legt sie übers Kreuz und befestigt sie mit den Schlaufen“, erklärte er geduldig weiter. Er klang dabei sogar richtig freundlich.

Das kannst du dir sparen, du Mistkerl.

„Danke“, schnappte ich, „aber ich glaube, von hier aus schaffen wir das auch selbst.“ Irgendwie. Innerhalb der nächsten paar Stunden … hoffentlich noch bevor es dunkel wird und uns die Kojoten oder Bären finden.

„Na schön“, sagte er in einem kühleren Ton als vorhin und ließ uns allein.

Ich konnte wieder frei atmen.

Nun hielten Susan und ich je eine Stange in unseren Händen und sahen uns verloren an. Schlaufen? Sie hatte genauso wenig Ahnung wie ich, was wir machen sollten. Es war wohl nicht sehr klug gewesen, unsere einzige Hilfe zu verscheuchen, doch lieber würde ich kopfüber von einem Ast hängend schlafen, als mit Tony zusammenzuarbeiten.

„Wir könnten uns auch einfach eine Hängematte daraus bauen“, schlug Susan vor und pikte mich mit der Stange in die Rippen.

Lachend schob ich das Teil weg. „Oder wir schleichen uns einfach in Lizas Zelt, wenn die beiden eingeschlafen sind.“

Tony räusperte sich laut hinter mir. „Simone, könntest du den beiden bitte sagen, dass sie das Kreuz mit den Bändern am Zelt festbinden und dann die Enden der beiden Stangen in die kleinen Löcher in den Ecken stecken sollen?“

Simone stellte sich zu uns. Ihre Mundwinkel zuckten, offenbar verkniff sie sich gerade ein Grinsen. „Ähm, Mädels? Ich glaube, ihr müsst jetzt das Kreuz mit den Bändern –“

„Wir haben es gehört!“, platzte es aus mir heraus und ich schubste Simone im Scherz zur Seite. Sie setzte sich auf eine Kühlbox und sah uns amüsiert zu, wie wir versuchten, uns ein Dach über dem Kopf zu bauen.

Die Stangen in die kleinen Löcher an den Ecken zu bekommen war gar nicht so leicht, denn mittlerweile mussten wir auch den Mittelteil hochheben und dabei spannte sich das Material der Plane. Das war, als versuchte man einen schlüpfrigen Fisch durch eine Öffnung zu bekommen, die nicht größer war als der Nagel an meinem kleinen Finger. Ich fluchte dabei leise vor mich hin.

Jemand hockte sich neben mich auf den Boden. Ein Hauch von maskulinem Duschgel stieg mir in die Nase. Immer noch mit der Stange und dem Loch kämpfend, drehte ich mich zur Seite und blickte unverhofft in warme blaue Augen. Ich wollte Tony sagen, dass er verschwinden sollte, doch noch bevor ich einen Mucks rausbekam, glitten plötzlich seine Hände über meine.

Holla, die Waldfee, so hatten wir das nicht ausgemacht! Schlagartig verkrampfte sich mein ganzer Körper. Seine Hände waren warm und zart, so wie die eines Künstlers.

„Lass los“, sagte er in einem Ton, der eine Mischung aus sanft und genervt war.

Ich wollte nicht. Warum konnte er sich nicht einfach um seinen eigenen Kram kümmern? Wir würden das Zelt schon alleine aufgestellt bekommen. Aber weil sich mein Gehirn momentan in einem schockgefrorenen Zustand befand, zog ich meine Hände langsam unter den seinen hervor und er übernahm statt mir die Stange. Ich sank auf mein Hinterteil, rutschte ein Stück zurück und sah zu, wie schließlich er und Nick das Zelt für uns aufstellten.

Erst nach einer ganzen Weile schaffte ich es, mich auf die Beine hochzuraffen und mir die Tannennadeln vom Hintern zu klopfen.

Als die Jungs fertig waren, kam Tony zu mir rüber. Er blieb vor mir stehen, neigte seinen Kopf leicht schief, presste die Lippen aufeinander und hob beide Augenbrauen. Frei übersetzt hieß das wohl so viel wie: So baut man ein Zelt richtig auf, Dummerchen. Er rechnete sicher nicht damit, dass ich etwas zu ihm sagen würde, und verständlicherweise tat ich das auch nicht. Schließlich ging er an mir vorbei zur Mitte der Lichtung, wo die anderen bereits ein Feuer angefacht hatten.

„Danke, Tony!“, rief ihm Susan hinterher.

Er hob nur kurz seine Hand über die Schulter, ohne sich umzudrehen, und sagte: „De nada.“

Ja, ganz recht, es war wirklich de nada. Keiner hatte ihn um seine Hilfe gebeten, also würde ich mich auch sicher nicht dafür bedanken. Verflucht noch mal! Auf meiner Unterlippe kauend, breitete ich mit Susan gemeinsam im Zelt unsere Schlafsäcke aus.

Die Nacht brach bereits über uns herein, als Susan und ich endlich den Reißverschluss des Zeltes zuzogen und uns zu den anderen ans Lagerfeuer gesellten. Vier schwere Holzstämme waren in einem Quadrat um die Feuerstelle platziert und dienten als Bänke. Ryan saß mit gegrätschten Beinen auf einem der Stämme und Liza lehnte entspannt an seiner Brust. Simone spielte mit Alex’ Haarsträhnen, als er auf dem Stamm ausgestreckt den Kopf in ihren Schoß legte, und Susan setzte sich neben die beiden. Diese Baum-Bank war bereits voll, und da ich mich nicht zu Liza und Ryan setzen wollte, weil die beiden gerade anfingen zu knutschen, pflanzte ich meinen Hintern auf den Erdboden neben Nick. Der Baumstamm hinter uns diente uns als Rückenlehne, was ganz angenehm war.

Ein paar Minuten später kam auch Tony aus seinem Zelt und setzte sich wie Nick und ich auf den Boden, jedoch nicht zu uns, sondern vor den einzig freien Stamm. Er riss die Packung Käsecracker auf, die er mitgebracht hatte, und stopfte sich ganze Hände voll davon in den Mund. Dabei sah er nicht ein einziges Mal zu mir herüber, was wohl ein gutes Zeichen war. Schließlich gab ich es auf, vorsichtige Kontrollblicke in seine Richtung zu werfen, und betrachtete lieber die tanzenden Flammen vor mir.

Neben mir zischte es, als Nick eine Pepsi-Cola aufmachte. Er hielt mir die Dose entgegen. „Willst du?“

Von der Nachmittagssonne und dem ganzen Stress mit dem Zelt war ich ziemlich durstig geworden. Ich nahm sie mit einem dankbaren Lächeln an und schüttete mir den halben Inhalt runter, dann bekam er die Dose wieder. Er selbst nahm nur einen kleinen Schluck. Die Dose klemmte er dann zwischen unseren Hüften ein, so dass wir sie beide jederzeit erreichen konnten.

Nur kurze Zeit später brach allgemein der Hunger aus. Simone holte das ganze gute Zeug aus der Kühlbox, die wir unten am Bach deponiert hatten. Auf langen, dünnen Ästen spießten wir kleine Würstchen auf und ein paar von uns grillten auch Kartoffeln in der Glut. Nach dem Hauptgang rösteten wir uns alle auch noch ein paar Marshmallows, die das Abendessen zwar wunderbar abrundeten, doch ohne einen Kirschlolli als Krönung konnte ich das Mahl einfach nicht enden lassen.

Ein leichter Wind kam auf. In meinem kurzärmeligen T-Shirt begann ich schnell zu frösteln. Ich rieb mir die Gänsehaut von den Armen, doch außer mir schien die kühler werdende Luft niemandem etwas auszumachen. Es dauerte wohl noch ein wenig, bis ich mich tatsächlich an das kalifornische Klima gewöhnen würde.

„Ist dir kalt?“, fragte mich Nick.

„Halb so wild“, gab ich als Antwort. Natürlich wollte ich nicht als Weichei dastehen. Insgeheim aber wünschte ich mir, der Wind würde endlich drehen und die Wärme des Feuers zu mir herüber blasen. Lieber roch ich hinterher wie ein gegrilltes Würstchen, als mir hier den Arsch abzufrieren.

„Ich würde dir ja meine Jacke anbieten.“ Nick verzog das Gesicht mit aufrichtigem Bedauern. „Wenn ich eine mithätte.“

„Keine Sorge. Ich hab ja meine eigene Jacke mitgebracht.“ Blöderweise hatte ich sie vorhin auf der Rückbank von Susans Wagen vergessen. „Sie liegt noch im Auto. Ich werd sie mir später holen.“ Oder auch nicht. Die Idee, allein durch den unheimlichen Wald zu schleichen, erfüllte mich jetzt nicht gerade mit Begeisterung.

„Hey, hat jemand Lust auf Wahrheit oder Pflicht?“, schlug Susan vor, nachdem sie ihren Spieß ins Feuer geworfen und offiziell verkündet hatte, dass sie zum Platzen voll sei.

Ein kollektives Raunen ging durch die Männerrunde. Doch Liza und Simone waren euphorisch genug, um ihre Männer schnell zum Mitspielen zu überreden. Schließlich gab auch Nick nach und zuckte mit den Schultern. „Meinetwegen.“

Ehrlich gesagt konnte ich diesem Spiel wenig abgewinnen, denn in den meisten Fällen wurde man dabei gezwungen, sich selbst entweder verbal oder physisch zu blamieren. Aber ein Spielverderber wollte ich natürlich auch nicht sein. Und da Tony am Ende als einziger Verweigerer schlichtweg überstimmt wurde, musste er wohl oder übel auch mitmachen.

„Ich fang an!“, rief Susan begeistert. „Ryan, Wahrheit oder Pflicht?“

Nach einem kurzen Moment des Überlegens antwortete er: „Wahrheit.“

„Warum hast du Liza nicht schon früher angebaggert, wenn du doch schon viel länger in sie verliebt warst?“

Nun neigte Liza ihren Kopf zurück und grinste ihn an. „Ja, Hunter, warum eigentlich?“

Ryan warf einen Blick auf Tony, der schweigend ins Feuer starrte.

„Weil sie seit Ewigkeiten in meinen besten Freund verknallt war“, antwortete er und streichelte dabei Lizas Hände, die sie über ihrem Bauch verschränkt hatte. „Es hatte damals den Anschein, als könnte nichts und niemand auf der Welt ihre Aufmerksamkeit von seinem Babyface abbringen.“

Wir alle lachten darüber, und sogar Tony kam ein kleines Lächeln aus.

„Niemand außer dir“, flüsterte Liza ihrem Freund zu.

„Wahrheit oder Pflicht, Baby?“, fragte er sie als Nächstes.

„Ich fühl mich gerade furchtlos. Pflicht.“

„Gut, Pflicht. Tausch den Platz mit mir und mach das Gleiche, was Simone mit Alex macht.“ Als er einen Moment später seinen Kopf auf Lizas Schoß legte und sie ihm sanft durch die Haare kraulte, wanderten seine Mundwinkel zufrieden nach oben.

Nun war Liza dran, sich ein Opfer zu suchen, und verpflichtete Nick dazu, übers Lagerfeuer zu springen. Das tat er prompt und sogar im Ballerinastyle, mit engelsgleichen Schritten, ausgebreiteten Armen und einem Blick, der zum Totlachen war. Als er dann aber mich fragte: „Wahrheit oder Pflicht?“, verschluckte ich mich fast an meinem Lolli.

Ich hatte Angst, er würde mir etwas genauso Dämliches aufbrummen, wie übers Feuer zu springen, und da ich in diesem Fall sicher genau in der Mitte landen und wie knuspriger Toast geröstet werden würde, entschied ich mich sicherheitshalber für die Wahrheit.

Er tippte sich mit dem Finger auf die Lippen und verdrehte die Augen zum Himmel, als ob er gerade angestrengt über eine fürchterlich gemeine und überaus peinliche Frage nachdenken würde. Doch dann lächelte er mir zu und mir war klar, er wollte mich nur damit aufziehen. „Okay, hier kommt die Frage. Was war das Gemeinste, das bisher je einer zu dir gesagt hat?“

Verflixt. Ich hatte etwas erwartet wie Wann hast du zum ersten Mal einen Jungen geküsst? oder Wo versteckst du den Schlüssel zu deinem Tagebuch? Seine Frage überraschte mich und mein Blick schweifte von allein zu Tony. Er sah ebenfalls zu mir herüber, sein Blick war dabei distanziert wie immer.

Ich drehte mich zurück zum Feuer und gestand Nick: „Vor Kurzem hat mich jemand Hobbit genannt – wahrscheinlich wegen meiner fransigen Haare und, na ja, weil ich so klein bin.“

Liza schnappte nach Luft, offenbar überrascht, dass ich wirklich damit rausrücken würde. Ich allerdings sah in diesem Moment noch einmal rüber zu Tony. Und plötzlich war da etwas ganz Neues in seinem Gesicht … oder vielleicht war es auch gar nicht so neu, denn ich hatte es heute auf dem Schulhof schon einmal gesehen. Der Gesichtsausdruck hieß Schuld, und ich musste gestehen, er stand ihm überaus gut.

„Wow, das ist krass“, tat Nick seine Meinung kund. „Wer hat das gesagt?“

„Unwichtig“, sagte ich leise. Es war schon schlimm genug, dass Liza es wusste.

„Also, ich find das jetzt gar nicht so schlimm. Ich steh auf Der Herr der Ringe“, kommentierte Simone ahnungslos mein Dilemma. Dann lehnte sie sich kichernd zu Susan hinüber. „Frodo ist echt süß.“

„Komm mit ins Zelt, Schätzchen, und du bekommst deinen Frodo“, sagte Alex und kniff sie dabei in den Hintern.

Ich war in dem Spiel als Nächste dran und verdonnerte Susan dazu, Simone gleich noch mal in den Hintern zu zwicken, weil sie sich auf Frodos Seite geschlagen hatte, wo es hier doch um meine Körpergröße ging. Aber ich war ihr nicht ernsthaft böse und das wusste Simone auch. Trotzdem streckte sie mir keck die Zunge raus und kreischte dann, als Susan sie kniff.

Susan war wieder an der Reihe. Dieses Mal fragte sie Tony: „Wahrheit oder Pflicht?“

„Ich will Simone nicht auch noch an den Arsch fassen müssen, sonst schlägt mir Alex sicher eine blutige Nase.“ Scherzhaft zwinkerte er seinem Freund zu und Alex grinste zurück. „Also Wahrheit.“

„Na schön.“ Susan warf mir einen wahnwitzigen Blick durch ihre Brillengläser zu und ihre Mundwinkel zuckten dabei nach oben. Ich schluckte. Was hatte die kleine Hexe denn vor?

„Nehmen wir an, du musst einen Fragebogen über Sam ausfüllen“, erklärte sie dann Tony. „Multiple-Choice-Test. Eine Frage lautet: Samantha Summers ist hübsch oder nicht hübsch …“

Verdammt, es gefiel mir gar nicht, wie sie die letzten Worte extra betonte.

„Würdest du das Kästchen neben nicht hübsch ankreuzen?“

Die Erinnerung an die Zeichnung von mir als altes, hässliches Weib mit Besen und fauligem Zahn kam wieder in mir hoch. Oje, das würde übel für mich ausgehen. Jeder wusste, was Tony über mich dachte. Wie gebannt starrte ich Susan an und konnte nicht verstehen, wie sie mir so in den Rücken hatte fallen können. Musste sie mich wirklich vor allen so bloßstellen? Das war ja so was von … gemein! Und ich dachte, sie wäre meine Freundin.

„Natürlich würde ich das Kästchen –“

„Du kennst die Spielregeln, nicht wahr, Tony?“, unterbrach ihn Susan. „Wenn du Wahrheit wählst und dann lügst, bekommst du über Nacht die Krätze und verlierst alle Zähne, bevor du einundzwanzig bist.“

„Was?“, riefen Tony und ich wie aus einem Mund, aber lachen musste ich nun trotzdem. Das war ja auch zu blöd.

„Wer hat sich denn diesen Schwachsinn ausgedacht?“, fügte Tony hinzu.

„Das ist allgemein bekannt“, sagte Susan todernst. „Spielt ihr dieses Spiel heute zum ersten Mal, oder was?“ Dann zwinkerte sie mir versteckt zu.

Dieses Mädchen war einfach unmöglich. Aber nun stieg die Spannung in der gesamten Runde spürbar an. Mein Herz pochte in meinen Hals, während ich auf Tonys vernichtendes Urteil über mein Aussehen wartete.

Tony zögerte. Alle Augenpaare waren gebannt auf ihn gerichtet. Er sah nur kurz zu mir herüber, dann richtete er seinen Blick auf Susan und verschränkte schließlich die Arme trotzig vor der Brust. „Na schön, ich würde das Kästchen neben nicht hübsch frei lassen.“

„Hört! Hört!“ Hunter hob seinen Kopf von Lizas Schoß und stützte sich auf seine Ellbogen. „Manchmal überraschst du mich ja doch noch, Mitchell.“

Tony grinste Ryan an. „Leck mich, Hunter!“ Dann schaufelte er weiter Käsecracker in seinen Mund und legte dabei seinen Kopf nach hinten auf den Baumstamm. „Ich weiß nicht, was ihr alle habt. Dann sieht sie eben gut aus … na und?“

Halt! Wie vom Blitz getroffen, saß ich da und riss die Augen weit auf. Spul das zurück und sag’s noch mal. Hatte er mich unter der Androhung, bei einer Lüge die Krätze zu bekommen und alle Zähne zu verlieren, gerade tatsächlich als hübsch bezeichnet? Meine Kinnlade klappte zu guter Letzt auch noch nach unten. Was war aus der ekelhaften Hexe geworden? Oder aus dem Hobbit, wo wir schon dabei waren?

„Und gar nichts“, erwiderte Susan gelassen, als hätte sie auch keine andere Antwort von ihm erwartet. „Du bist dran.“

Ich räusperte mich leise und bemühte mich, meinen Gesichtsausdruck ruhig und unter Kontrolle zu halten, während wir noch ein wenig weiterspielten. Doch in Wahrheit hatte mich Tonys Antwort derart überrascht, dass ich auch fünfzehn Minuten später immer noch Herzklopfen davon hatte.

Tief in Gedanken versunken, rieb ich mir ein leichtes Frösteln von den Oberarmen. Simone lehnte sich weit nach vorn und fragte mich leise: „Ist dir immer noch kalt? Vielleicht solltest du dir doch lieber deine Jacke aus Susans Wagen holen.“

Mir war mittlerweile wirklich kalt. Aber mein Standpunkt über einsame Streifzüge durch den Wald hatte sich seit vorhin nicht geändert. „Ich will nicht im Dunkeln allein umherirren“, flüsterte ich. „Bei meinem Glück würde ich mich schon nach den ersten zwanzig Metern verlaufen.“

Simones Freund, der gerade mal wieder an der Reihe war, sich ein neues Opfer für Wahrheit oder Pflicht zu suchen, hörte das und hielt es wohl für einen guten Einfall, mir auf seine Art aus der Patsche zu helfen. Als Alex Tony fragte und er dieses Mal Pflicht wählte, sagte Alex: „Deine Aufgabe ist es, Sam zurück zum Parkplatz zu begleiten, damit sie ihre Jacke holen kann.“ Seine strahlend weißen Zähne blitzten beim Lächeln hervor. „Und wenn du schon dort bist, kannst du mir auch gleich noch mein Gatorade mitbringen. Die Flasche liegt auf dem Rücksitz des Jeeps.“

In meinem Gesicht ließen plötzlich alle Muskeln auf einmal los. Bitte, Gott, mach, dass ich mich verhört habe! Tony sah in diesem Moment auch nicht gerade entzückt aus. Warum hatten plötzlich seine sämtlichen Pflichten und Wahrheiten mit mir zu tun? War hier eine Verschwörung im Gange?

Er könnte diese Aufgabe sicher ablehnen und würde dafür nicht einmal die Krätze kriegen. Er müsste Alex nur sagen, er wäre raus aus dem Spiel und würde lieber in Ruhe das prasselnde Feuer genießen. Ich selbst hätte es so gemacht, also konnte ich ihm nicht einmal böse sein.

„Okay.“

Das war seine Antwort. Und ich hätte beinahe meine Zunge verschluckt, als ich sie hörte.

Tony rappelte sich auf und verschwand für einen kurzen Moment in seinem Zelt. Als er zurückkam, hatte er einen schwarzen Kapuzenpulli an und hielt eine Taschenlampe in der Hand. Alex gab ihm seine Autoschlüssel, die Tony in seine Hosentasche steckte. Dann machte er sich auf den Weg, den Trampelpfad entlang, auf dem Susan und ich hierher gelangt waren. Nach wenigen Schritten blieb er jedoch stehen und drehte sich zu mir um. „Was ist jetzt? Kommst du mit oder nicht?“

Die Augen immer noch weit offen vor Schreck, schluckte ich und warf dann einen unsicheren Blick zu Liza. Es war jedoch Ryan, der darauf mit einem leichten Nicken in Tonys Richtung reagierte. Sein Worauf-wartest-du-Lächeln brachte mich schließlich in Bewegung, wenn auch noch zaghaft. Ich stieg über Nicks ausgestreckte Beine und ging langsam auf Tony zu.

„Sam! Schlüssel!“

Der klirrende Schlüsselbund flog bereits aus Susans Richtung auf mich zu, als ich mich zu ihr umdrehte, doch Tony fing ihn vor meinem Gesicht aus der Luft. „Komm schon, Summers“, sagte er und klang dabei ausnahmsweise mal nicht so mürrisch wie sonst.

Wir legten den Weg schweigend zurück. Tony ging dabei ziemlich schnell und ich musste beinahe joggen, um mit ihm Schritt halten zu können. Als wir den Parkplatz erreichten, steuerte er auf den schwarzen Jeep zu. Ich versuchte unterdessen den Schlüssel ins Schloss von Susans Rostlaube zu bekommen. Ohne Licht musste ich mich auf mein Fingerspitzengefühl verlassen, doch als ich die Tür erst einmal offen hatte, ging im Wageninneren ein kleines Licht an. Ich griff mir schnell meine Kapuzenjacke und schlüpfte hinein. In der Zwischenzeit hörte ich auch, wie Tony die Tür von Alex’ Jeep zuschlug und verriegelte. Vorsichtig drückte auch ich Hooks Tür zu und drehte den Schlüssel im Schloss.

„Ich bin so weit“, sagte ich dann und drehte mich zu Tony um. Nur war er gar nicht mehr da. Der schwarze Jeep stand finster und verlassen da.

Oh nein. Er war doch nicht …? Das konnte er mir nicht antun!

„Anthony?“ Meine Stimme klang plötzlich rau und leise. Ich war starr vor Angst. Und dann ging auch noch das Licht im Inneren von Susans Wagen aus. Totale Finsternis verschluckte mich. Ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken.

 

 

Kapitel 10

 

Samantha

 

 

ICH KONNTE MEINEN eigenen Herzschlag hören. Das laute Pochen in meinen Ohren übertönte sogar das Gurgeln des kleinen Baches neben dem Weg.

Warum hatte er mich allein gelassen?

„Anthony? Wo bist du?“, flüsterte ich in die Dunkelheit, damit ich mit meiner Stimme nicht die Aufmerksamkeit eines Serienkillers, der in den Wäldern sicher nur auf mich wartete, auf mich zog.

Tony konnte nicht einfach ohne mich zurückgelaufen sein. Bitte! So grausam würde doch nicht einmal er sein.

In diesem Moment fiel mir wieder ein, wie Chloe mich erst vor wenigen Tagen vor ihren Eltern verarscht hatte. Wie sie ihnen weisgemacht hatte, sie würde mich mit zu ihren Freundinnen nehmen, mich dann aber unbarmherzig aus ihrem Wagen geworfen hatte. Hatte Tony heute etwa genau das Gleiche mit mir gemacht? Er wusste, dass ich mich allein im Wald fürchtete. Und trotzdem spielte er so bösartig mit mir? All die netten Dinge, die er heute Nachmittag getan und gesagt hatte … war das alles nur Show? War dies etwa sein ultimativer Scherz auf meine Kosten?

Ich schniefte zittrig. Möge er dafür auf ewig in der Hölle schmoren!

Etwas raschelte im Gebüsch. Mir gefror das Blut in den Adern. Ich machte einen kleinen Schritt zurück, bis ich das kalte Metall des Wagens in meinem Rücken spürte. Metall und noch etwas anderes.

Jemanden.

Mir blieb vor Schreck das Herz stehen und ich schrie mir die verdammte Lunge aus dem Leib. Dabei sank ich auf den Boden in die Hocke und schlug die Arme zum Schutz über den Kopf. Als ob mich das jetzt noch retten könnte …

Über mir ertönte plötzlich ein sanftes, warmes Lachen. Ein Geräusch, das ich bis jetzt noch nicht gehört hatte, und trotzdem wusste ich sofort, zu wem es gehörte. Ich hätte eigentlich erleichtert sein sollen, doch ich konnte mich nicht beruhigen. Der Schock saß zu tief. Das Kreischen ging weiter.

Der grelle Lichtstrahl einer Taschenlampe schien mir ins Gesicht, kurz bevor Tony mich an den Armen packte und auf die Beine zog. „Hör auf zu schreien!“, brachte er in einer kurzen Pause von seinem Gelächter hervor. Er hatte ja keine Ahnung, was in mir vorging. Ich konnte nicht aufhören. Schreien war wie ein Ventil für meinen Schock.

„Du gottverdammter Bastard!“ Mit den Fäusten hämmerte ich gegen seine harte Brust. Er wich meinen Schlägen aus und konnte sich vor Lachen kaum noch auf den Beinen halten. „Ich hätte mir fast in die Hose gemacht! Du – du – du … kompletter … Arsch!“ Und als ob mein Ausbruch an Hysterie nicht schon peinlich genug wäre, schossen mir jetzt auch noch Tränen in die Augen. Er sah sie im Dunkeln vielleicht nicht, doch in meiner Stimme hörte er sie ganz bestimmt.

Mit einer so raschen Bewegung, dass ich sie nicht einmal kommen sah, ergriff er plötzlich meine Handgelenke und drehte mich um. In der nächsten Sekunde hielt er mich in einer engen Umarmung mit dem Rücken an seine Brust gedrückt. Meine Hände hielt er immer noch fest, damit ich nicht weiter auf ihn einschlagen konnte. Er murmelte irgendeinen unverständlichen Scheiß in mein Ohr, während ich ihm immer noch jedes einzelne Schimpfwort an den Kopf warf, das ich je in meinem Leben gehört hatte. Erst als seine Lippen sanft mein Ohr streiften, wurde ich still.

„Schhh, Sam. Ist ja gut. Beruhig dich. Niemand tut dir was.“ Seine Umarmung war fest, doch gleichzeitig behutsam.

Ich holte einmal tief Luft und dann wieder und wieder. Der Duft seines Duschgels kroch mir dabei in die Nase und hatte fast die Wirkung eines Beruhigungsmittels auf mich. Endlich gewann ich die Kontrolle über mich selbst zurück. Auch meine Knie hörten auf zu schlottern. Und dann passierte etwas anderes, völlig Unerwartetes. Ich sank ohne Vorwarnung in seine Umarmung. Und Tony fing mich auf.

Er würde mir nicht wehtun und er hatte auch nicht vorgehabt, sich wieder einen gemeinen Scherz mit mir zu erlauben. Er war nur für einen Moment … ja, warum hatte er mich überhaupt allein gelassen?

„Wo bist du gewesen?“, krächzte ich.

„Mal kurz pinkeln. Ich hatte ja keine Ahnung, dass du so austicken würdest.“ Ein Hauch von Heiterkeit schwang immer noch in seiner Stimme mit. Ich wusste nicht recht, ob ich ihn dafür hassen oder einfach noch tiefer in seine Umarmung sinken sollte. Das war total gruselig.

Sein Handy begann zu klingeln. Er ließ mich los, fischte das Telefon aus seiner Hosentasche und bückte sich dabei, um die Gatorade-Flasche aufzuheben, die er meinetwegen hatte fallen lassen. Er reichte sie mir. Dann ging er ran. „Was gibt’s?“ Er lachte dabei immer noch leise. „Quatsch! Sie ist nur ein bisschen schreckhaft. Alles unter Kontrolle“, versicherte er wem auch immer. Dann legte er auf und steckte das Handy wieder weg.

Im Schein der Taschenlampe, die im Gestrüpp lag, fixierte ich Tony mit einem Todesblick. „Mach. Das. Nie. Wieder!

„Was? Dich zu erschrecken, oder meinst du das mit der Umarmung?“

„Beides!“

Er schmunzelte, als er sich dabei das Brustbein rieb. „Also für ein Mädchen deiner Größe hast du einen ziemlich kräftigen Schlag drauf.“ Die schmerzerfüllte Grimasse, die er schnitt, diente eher dazu, mich aufzuziehen. Ich wusste, ich hatte ihm nicht wirklich wehgetan. „Komm schon, lass uns zurückgehen“, meinte er und verdrehte dann belustigt die Augen. „Die anderen denken, ich hätte dich im Wald verloren.“

„Die haben mich gehört?“

„Ich bin sicher, ganz Grover Beach konnte dich hören.“ Er hob die Taschenlampe auf, legte dann kurz seine Hand um meinen Arm und zog mich vorwärts. Als er mich gleich darauf wieder losließ, rieb ich mir die Stelle, die ohne seine Berührung schnell unangenehm kalt wurde.

Oooh, er hat mich angefasst. Ich verdrehte innerlich die Augen über meine eigene blöde Reaktion darauf. Doch das Besondere an der Sache war, er hatte es freiwillig getan – ohne dabei Würgegeräusche zu machen. Im Gegenteil, ich hatte sogar ein kleines Lächeln auf seinen Lippen erkennen können, als ich einen raschen Blick zu ihm rübergeworfen hatte. Die Dinge wurden immer seltsamer.

War das vielleicht Tonys Art, gutzumachen, was er die letzten Tage verbockt hatte? Es war zwar schwer zu glauben, doch wenn das wirklich der Fall sein sollte, würde ich mich sicher nicht darüber beschweren.

Er ging diesmal sogar langsamer, so dass ich nicht hinter ihm her hetzen musste. Anscheinend hatte er es gar nicht mehr so eilig, zurück zu den anderen zu kommen. Und angesichts dieser neuen Seite an ihm, die gerade dabei war, an die Oberfläche zu brechen, war auch ich gerne bereit, mir etwas mehr Zeit auf dem Rückweg zu lassen. Aber ein Rest Skepsis war immer noch vorhanden.

„Also … ist das jetzt deine Art, dich von mir fernzuhalten?“, fragte ich leise.

„Ich hatte es ehrlich vor“, gab er offen zu. „Aber mit diesen tollen Freunden – du siehst ja selbst, wie gut das funktioniert.“

Oh. Dann hatte sich im Grunde gar nichts geändert. „Es tut mir leid, dass Alex mich dir aufs Auge gedrückt hat, Anthony“, brummte ich und fühlte mich dabei … tja, um ehrlich zu sein, hatte ich absolut keinen Schimmer, was genau ich eigentlich fühlen sollte.

Er warf seinen Kopf in den Nacken und seufzte. Es klang irgendwie erschöpft. „Um Himmels willen, kannst du endlich damit aufhören, mich Anthony zu nennen? Du klingst wie meine Großmutter.“

„Du hast mir doch selbst gesagt, ich soll dich so nennen.“ Und es war keine schöne Erinnerung, die ich damit verband.

„Ja, ich weiß. Und jetzt sage ich dir, du sollst damit aufhören. Mein Name ist Tony.“ Dann blieb er ganz plötzlich stehen und drehte mich zu sich herum. „Und es braucht dir auch nicht leid zu tun. Ich hab ja nicht gesagt, dass ich nicht wollte, dass du mitkommst, oder?“

„Ähm … nein.“ Meine Augen wurden groß, als er seine Hände auf meine Schultern legte. Instinktiv machte ich einen kleinen Schritt zurück.

„Also, warum fangen wir nicht –“

Den Rest hörte ich nicht mehr, denn der kleine Schritt führte ins Nichts. Ein lauter Schrei entkam mir vor Schreck. Ich verlor den Boden unter den Füßen, rutschte den kurzen, aber steilen Abhang hinunter, mähte dabei alles nieder, was sich mir in den Weg stellte, und landete schließlich mit einem lauten Platsch auf meinem Hintern im Bach.

Meine Klamotten saugten sich mit Wasser voll. Es war eiskalt und ich schnappte entsetzt nach Luft. Trotzdem saß ich sekundenlang wie versteinert da. Das kam wohl vom Schock.

„Sam?“, ertönte Tonys bestürzte Stimme von oben. Das Licht der Taschenlampe wanderte systematisch im Kreis um mich herum, bis es mir schließlich genau ins Gesicht schien. „Bist du verletzt?“

Völlig durcheinander schüttelte ich meinen Kopf.

Ich konnte Tony nicht sehen, da mich die Taschenlampe blendete, aber plötzlich schallte sein lautes Lachen durch den ganzen Wald. „Oh mein Gott! Würdest du bitte da rauskommen?“

Als ob es mir Spaß machen würde, im saukalten Wasser zu sitzen. Der Strahl des Lichtes sprang wild herum, als Tony den kleinen Abhang zu mir runterkam. Er lehnte sich vor, streckte seine Hand nach mir aus und zog mich auf die Beine. Ich war klatschnass und meine Stiefel hatten sich in kleine Regentonnen verwandelt.

Tony half mir zurück auf den Weg. Oben angekommen, klapperte ich bereits mit den Zähnen und bibberte vor Kälte. „Ich – ich hab Alex’ Gatorade versenkt.“

„Ich denke, er wird’s überleben.“ Er klemmte die Taschenlampe mit dem Lichtstrahl auf uns gerichtet zwischen ein paar Zweige eines Busches. „Zieh dich aus“, befahl er dann und zog seinen eigenen Kapuzenpulli über den Kopf. Das Muskelshirt, das er darunter trug, wanderte dabei mit nach oben und legte den Blick auf seine strammen Bauchmuskeln frei, doch er zog es schnell wieder runter.

Steif wie ein Schneemann und ebenso unterkühlt, stand ich vor ihm und starrte ihn einfach nur fassungslos an.

„Worauf wartest du?“, drängte Tony.

Ein leises, nervöses Lachen entwich mir. „Ich werd mich hier sicher n – n – nicht vor dir ausziehen.“

„Oh doch, du wirst! Du bist nass bis auf die Knochen. Wenn ich dich mit einer Lungenentzündung zurückbringe, werden mich die anderen dafür lynchen. Also mach schon, weg mit deiner Kapuzenjacke und dem T-Shirt.“ Dann verzog er die Mundwinkel zu einem verschmitzten Lächeln. „Die Hose kannst du meinetwegen anbehalten.“

Vermutlich sah ich gerade aus, als hätte mich Harry Potter mit seinem Zauberstab erstarren lassen.

Tony wartete zwei Sekunden, dann machte er sich daran, den Reißverschluss meiner Kapuzenjacke aufzuziehen. Durch zusammengebissene Zähne schnappte ich nach Luft, doch um die Wahrheit zu sagen, ich war viel zu steif gefroren, als dass ich hätte protestieren können. Bis er mir die Jacke von den Schultern gestreift hatte und als Nächstes nach dem Saum meines T-Shirts griff.

Mit meinen eiskalten Fingern packte ich ihn an den Handgelenken. „Lass das!“

Tony hielt inne.

„Na sch-schön, ich werde es ausziehen. Aber nur, wenn du dich vorher umdrehst.“ Er brauchte meine Snoopy-Unterwäsche nicht unbedingt zu sehen.

„Natürlich.“ Als fände er meine Bedingung absurd, verdrehte er die Augen zum Himmel und kehrte mir dann den Rücken zu. Seinen Kapuzenpulli warf er dabei über eine Schulter, damit ich ihn mir nehmen konnte, wenn ich so weit war. Ich zog mir das klatschnasse T-Shirt aus und hängte es über seine andere Schulter, worauf er einen Satz nach vorn machte und jaulte.

„Musste das sein?“, quengelte er dann, immer noch brav mit dem Rücken zu mir.

„Nein. Aber ich fand’s lustig.“ Mit einem Grinsen auf den Lippen zog ich mir sein Sweatshirt über und musste dann die Ärmel ein paarmal umkrempeln, damit auch meine Hände wieder zum Vorschein kamen. Junge, fühlte sich das gut an. Flauschig und warm und … „Oh mein Gott, Tony, ich hatte ja keine Ahnung, dass du so gut riechst“, schäkerte ich mit ihm und schnüffelte dabei auffällig am Kragen, als er sich wieder zu mir umdrehte.

„Tja, weißt du, hin und wieder nehme ich tatsächlich auch ein Bad, Summers“, gab er zurück. Er blickte mich einen Moment lang an, und was auch immer er gerade sah, entlockte ihm ein Lächeln. Dann griff er nach der Taschenlampe und zog mir neckisch die Kapuze über den Kopf. „Lass uns gehen.“

Wir spazierten Seite an Seite zurück zum Lager, wobei er meine nassen Sachen trug. Es war zwar nur eine kleine Geste der Freundschaft, aber ich übersah sie nicht.

Tonys Sweatshirt hielt mich zwar obenrum warm, aber meine Beine wurden langsam taub von der Kälte. Der Gedanke an das behagliche Lagerfeuer war das Einzige, was mich noch vorantrieb. Als wir endlich im Lager ankamen, verriet uns das Quietschen meiner nassen Stiefel schon von Weitem und alle blickten zu uns herüber. Liza schnappte bei meinem Anblick nach Luft, Ryan fuhr hoch in eine aufrechte Position und Susan sprang sofort auf und eilte zu uns. „Was um alles in der Welt –“

„Sie ist in den Bach gefallen“, unterbrach Tony sie mit trockener Stimme. „Und sieh mich bloß nicht so an, Miller. Ich hab sie da nicht rein geschubst.“

„Bei dir weiß man nie“, gab sie skeptisch zurück, dann wandte sie sich mir zu. „Geht’s dir gut, Sam?“

„M-hm.“ Ich schnitt eine Grimasse. „Ich bin nur von der Hüfte abwärts platschnass und mir ist schweinekalt.“ Susan ließ mich vorbei zum Lagerfeuer. Der erste warme Luftschwall, der mir von den Flammen her ins Gesicht wehte, entlockte mir ein ungehemmtes Stöhnen, was alle anderen offenbar sehr belustigend fanden. Ich hockte mich ans Feuer, die Kapuze dabei immer noch auf dem Kopf, und wärmte meine Hände über der Glut am Rand.

Vertieft in die Flammen vor mir, hörte ich nur mit einem Ohr zu, wie Tony den anderen von meinem Fehltritt erzählte und wie ich es geschafft hatte, im Bach zu landen. Die Details von dem, was vorher passiert war, gab er dabei nicht preis. Nach einer Weile schlang ich meine Arme um meine angewinkelten Beine. Mit einer Wange auf den Knien schaukelte ich auf meinen Stiefelsohlen vor und zurück.

Den Kopf so zur Seite geneigt, hatte ich Tony genau im Blickfeld. Er hatte es sich wieder an derselben Stelle gemütlich gemacht, wo er zuvor schon gesessen hatte. Wir sahen uns einen langen Moment schweigend in die Augen, während der Rest der Bande bereits wieder in ein anderes Thema vertieft war – Fußball, was sonst?

Irgendwann sagte Tony mit sehr leiser Stimme zu mir: „Zieh deine Stiefel aus.“

Er hatte recht, ich musste raus aus meinen Schuhen. Von meinem Vater wusste ich, dass man schwere Schäden davontragen konnte, wenn man zu lange in nassen Stiefeln stand. Das wollte ich keinesfalls riskieren. Ich zog sie aus und stellte sie so vors Feuer, dass die Hitze sie auch von innen trocknen konnte. Meine Socken zog ich ebenfalls aus. Da erst bemerkte ich das Blut, das von meinem linken Schienbein herabtropfte. Ich rollte das Hosenbein etwas nach oben und untersuchte die Wunde. Es war ein hässlicher Schnitt, etwa fünf Zentimeter lang. Klamm vor Kälte, hatte ich den Schmerz erst gar nicht bemerkt. Doch die Wunde sah aus, als müsste sie genäht werden.

Schnell vergewisserte ich mich, dass keiner meine Verletzung bemerkt hatte und rollte dann das Hosenbein wieder darüber. Vielleicht war es ja auch gar nicht so schlimm. Ein Pflaster reichte vermutlich aus, um die Sache wieder in Ordnung zu bringen. Zumindest versuchte ich mir das einzureden. Jedenfalls musste es bis morgen früh warten, denn ich hatte nicht vor, allen anderen den Ausflug wegen so einer Kleinigkeit zu vermiesen.

Nach zwanzig Minuten war meine Hose trocken und warm, als hätte sie mir jemand auf den Körper gebügelt. Nur roch sie jetzt nach verbrannter Kohle, so wie der Rest von mir auch. Ich schlüpfte wieder in meine Stiefel, um das Blut auf meinem Fuß vor den anderen zu verbergen, und machte mich dann auf die Suche nach meiner Kapuzenjacke und dem T-Shirt. Völlig vergessen hingen die Klamotten über Tonys Baumstamm, immer noch tropfnass. „So ein Mist.“

Tonys Blick schweifte von dem nassen Bündel in meinen Armen hoch in mein Gesicht. „Behalt mein Sweatshirt über Nacht an.“

Eigentlich wollte ich gar nicht, doch ich wusste genau, dass ich gerade zu lächeln begann. Hauptsächlich als Reaktion darauf, wie die Mundwinkel seiner zusammengepressten Lippen gerade ebenfalls nach oben zuckten. Ich nahm sein Angebot mit einem kurzen Nicken an und folgte schließlich Susan in unser Zelt. Ryan und Liza waren ebenfalls in ihrem Zelt verschwunden. Alex jedoch musste erst Simone wecken, die an seiner Schulter eingenickt war. Was die beiden anderen Jungs noch vorhatten, wusste ich nicht, doch sie versprachen, das Feuer in ein paar Minuten auszumachen.

Mit Hose und Sweatshirt bekleidet, kroch ich in meinen Schlafsack und zog den Reißverschluss bis zu meinem Kinn hoch. Einige Zeit noch sah ich den tanzenden Schatten, die das Lagerfeuer an unser Zelt warf, zu. Dann ertönte ein Zischen und es wurde stockdunkel.

„Hattest du heute Spaß?“, fragte Susan leise neben mir.

Ich drehte meinen Kopf zu ihr. „M-hm.“

„Also bist du froh, dass du doch noch mitgekommen bist?“

Die Zusammenfassung des Abends war, dass Tony und ich Frieden geschlossen hatten, er hatte mich mehr oder weniger deutlich als hübsch bezeichnet und im Moment trug ich seinen Kapuzenpullover. Das war doch eine nette Wende nach diesem furchtbaren Start. „Ja“, flüsterte ich zurück.

Ich hörte das freundliche Lächeln in ihrer Stimme, als Susan schließlich sagte: „Willkommen bei den Bay Sharks, Sam.“

Mir war klar, was sie damit meinte. Alle hatten mich vom ersten Tag an ins Herz geschlossen und mich zu ihrer kleinen Clique gezählt. Nur einer nicht, und deshalb hatte es sich niemals vollkommen richtig angefühlt. Bis heute Nacht, seit auch Tony mich endlich akzeptieren konnte.

„Nacht, Susan“, sagte ich leise und kuschelte mich tiefer in den Schlafsack. Trotz des rauchigen Geruchs, der vom Feuer an meinen Kleidern haftete, konnte ich immer noch einen Hauch von Tonys Duschgel darunter wahrnehmen. Ich atmete tief durch die Nase ein und machte die Augen zu.

Es war schwer zu sagen, wie lange ich geschlafen hatte, bis mich ein stechender Schmerz in meinem Bein aus den Träumen riss. Ich vergrub mein Gesicht im gebeugten Arm, damit mich mein Stöhnen nicht an Susan verraten würde, die entspannt vor sich hin schnarchte.

Es musste mitten in der Nacht sein, denn um uns herum war es immer noch stockdunkel. Ich versuchte, mein Jammern mit der Faust zu ersticken, als der Schmerz schlimmer wurde.

Erst als es Stunden später endlich hell wurde, kroch ich leise aus dem Zelt. Das Stechen in meinem Bein hatte mich beinahe schon um den Verstand gebracht. Nur noch ein paar Minuten länger und ich würde losplärren wie die Sirene der Feuerwehr.

So leise wie möglich zog ich den Reißverschluss des Zelteingangs wieder zu und ließ Susan schlafend zurück. Dann humpelte ich aus dem Lager runter zum Bach. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass außer mir schon jemand anderes wach sein würde, darum erschrak ich, als ich Ryan an einem Baum lehnen sah. Tony lag entspannt auf dem Rücken im hohen Gras des flachen Hangs, der zum Wasser hinunter führte.

Verwundert blickte Ryan zu mir rüber. Da neigte auch Tony seinen Kopf zurück und erspähte mich. „Guten Morgen“, sagten beide leise genug, dass man sie nicht bei den Zelten hören würde.

„Ah, hi.“ Ich drehte mich etwas zur Seite und hoffte, sie würden so das eingetrocknete Blut auf meiner Hose nicht sehen. „Wie lange seid ihr denn schon wach?“

„Erst seit ein paar Minuten“, verriet mir Ryan. „Und warum bist du schon so früh auf?“

„Tja … Ich war –“

Ganz plötzlich rollte sich Tony auf den Bauch und warf mit schmalen Augen einen Blick auf meinen Fuß. „Sag mal, blutest du etwa?“

„Was, ich? Nö. Wieso?“

„Und ob das Blut ist.“ Er rappelte sich hoch und kam den Hang herauf. Ryan folgte ihm und beide drängten mich dazu, mich hinzusetzen.

„Echt, ihr braucht deswegen kein Theater zu machen. Das ist nichts.“

Ryan versuchte, mein Hosenbein hochzuschieben, doch durch das Blut klebte der Stoff an der Wunde fest und ich zuckte zusammen. Er zog eine Augenbraue hoch. „Das ist also nichts?“

Ich biss die Zähne zusammen. „Nur ein Kratzer.“

Vorsichtig löste er das Material von meinem Bein und legte so meine Verletzung frei. Zugegeben, Nichts sah anders aus. Schmutz hatte sich mit Blut vermischt, und aus der Wunde sickerte ein gelbliches Sekret, das übel roch.

„Ist das gestern passiert, als du in den Bach gefallen bist?“

Ich schluckte. „M-hm.“

„Warum hast du nicht schon früher etwas gesagt?“, kritisierte Tony.

„Ich wollte euch allen den Abend nicht verderben.“

Ryan blickte zu Tony. „Haben wir noch etwas Trinkwasser übrig?“

Tony nickte und war verschwunden, bevor ich den beiden sagen konnte, dass sie sicher nicht an meiner Wunde herummetzgern würden. Als er zurück kam, hielt ich meine Hände schützend über die offene Stelle. „Keiner fasst das an“, warnte ich in einem tödlichen Tonfall.

Tony hockte sich neben mich und legte mir eine Hand auf die Schulter. „Ist schon gut. Hunter kennt sich mit solchen Dingen aus. Sein Vater ist Tierarzt.“

Ich sah die beiden fassungslos an. „Habt ihr sie noch alle?“

Lachend zog Ryan meine Hände zur Seite. „Keine Sorge. Mitchell zieht dich nur auf. Allerdings habe ich mich in meinem Leben schon öfter selbst wieder zusammengeflickt, als gut für mich wäre. Vertrau mir. Ich weiß schon, was ich mache.“ Er öffnete die Verschlusskappe der Plastikflasche und schüttete langsam das saubere Wasser über meine klaffende Wunde.

Es brannte wie tausend Nadelstiche. Mit knirschenden Zähnen ertrug ich, wie er dann auch noch die Stelle drumherum mit einem Taschentusch säuberte, das Tony ebenfalls mitgebracht hatte. Als der meiste Dreck weggewischt war, sah die Wunde gar nicht mehr so schrecklich aus. Nur ein tiefer Schnitt ins Fleisch. Und aus der Mitte ragte ein Splitter.

Ein. Gottverdammter. Splitter.

Ein plötzlicher Schwächeanfall ließ mich erzittern. Die Jungs warfen sich gegenseitig Blicke zu, dann sahen sie zu mir. „Dir ist hoffentlich klar, dass der Splitter da raus muss, Sam“, sagte Ryan mit sehr viel Mitgefühl, aber auch mit Bestimmtheit.

Tja, ein Pflaster allein würde wohl doch nicht ausreichen. Ächzend rieb ich mir mit den Händen übers Gesicht. „Ich weiß ja noch nicht mal, wo in dieser Stadt das Krankenhaus oder ein Arzt zu finden ist.“

„Der Arzt hat am Wochenende keinen Dienst und es sind über zwanzig Meilen bis zum nächsten Krankenhaus“, informierte mich Tony.

Ryan hielt immer noch mein Bein, als er grübelnd zu Tony blickte. „Sollen wir sie zu meinem Dad bringen?“

Tony warf einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr. „Es ist fünf Uhr morgens.“

„Ein Anruf genügt. Ich geh und wecke Liza und die anderen.“

„Lass die Mädels schlafen. Ich kann Sam zu dir nach Hause fahren.“

„Hey, hört gefälligst auf damit!“, rief ich. „Beide! Ich werde das Teil ganz sicher nicht von einem Tierarzt aus mir herausschneiden lassen.“

Mit einem ermutigenden Ausdruck im Gesicht drückte Ryan meine Wade etwas fester. „Ich verspreche, er wird dir nichts herausschneiden. Aber um den Splitter zu ziehen, benötigen wir ein paar sterile Pinzetten, die wir hier nun mal nicht haben. Ich möchte das ungern mit bloßen Händen tun. Wenn dir das allerdings lieber ist“, schlug er belanglos vor, legte seine Daumen links und rechts neben meine Wunde und zog sie vorsichtig etwas auseinander, „kann ich es natürlich ver –“

„Na-hein!“, schnitt ich ihm das Wort ab und stieß seine Hände weg.

„Das dachte ich mir.“ Sein raffiniertes Grinsen verriet, dass er nie vorhatte, den Splitter wirklich selbst herauszuziehen.

Ich stieß einen tiefen Seufzer aus. „Na schön. Dein Vater soll es machen.“

„Gut.“ Ryan nickte und drückte dann einen Knopf auf seinem Handy, das er aus der hinteren Hosentasche geholt hatte. „Hey, Dad“, sagte er nach einer gefühlten Ewigkeit. „Eine Freundin hat sich gestern verletzt. Jetzt steckt ein Stück Holz in ihrem Schienbein. Kannst du dir das mal ansehen?“ Er war einen Moment still und lauschte. „Nein, nicht Liza. Ihr Name ist Sam. Tony bringt sie nach Hause. Sie werden in zwanzig Minuten da sein.“ Er nickte Tony zu, der sogleich aufstand und auch mir auf die Beine half.

„Hoch mit dir, Summers. Es wird Zeit, dich wieder zusammenzuflicken“, sagte er, während Ryan das Telefonat mit seinem Dad beendete.

Wir kehrten zurück zum Lagerplatz, wo ich meine Stiefel anzog und Tony seine Autoschlüssel aus dem Zelt holte. Zwei Minuten später waren wir bereits auf dem Weg hinaus aus dem Wald, wobei ich humpelte und Tony mich besorgt aus dem Augenwinkel beobachtete.

 

 

Kapitel 11

 

Tony

 

 

„WAR EIN ZIEMLICH verrückter Tag gestern, was?“, sagte ich leise zum Bungee-Troll neben mir. Ich wusste nicht, was ich sonst zu ihr sagen sollte, und die Stille, als wir den gleichen Weg durch den Wald wie letzte Nacht gingen, wurde schnell unangenehm.

Sam drehte ihren Kopf zu mir und hob fragend ihre Augenbrauen.

Ich wurde etwas langsamer, denn sie humpelte mit ihrem verletzten Bein und ich wollte ihr nicht noch mehr Probleme verursachen. „Na ja, erst hast du wegen mir geheult, dann hab ich dich aus dem Fluss gerettet …“

Sie lachte laut auf und schnitt mir das Wort ab. „Du hast mich nicht gerettet. Das Wasser reichte mir gerade mal bis zum Nabel. Und dabei bin ich gesessen.“

Erst jetzt wurde mir bewusst, wie sehr mich der Klang ihres Lachens schon immer angezogen hatte. „Ja schon. Aber du bist klein“, hänselte ich sie. „Die Strömung hätte dich leicht wegspülen können.“

„Wegspülen?“, sagte sie in einem flachen, wenig überzeugt klingenden Tonfall. „Du spinnst ja.“ Dann lächelte sie und gab mir einen Klaps auf die Schulter. Machte uns das zu Freunden?

Ich beschloss in diesem Moment, dass ich nicht noch einmal eine Summers in die Friendzone lassen würde. Das unnatürliche Glücksgefühl, das ich schon den ganzen Morgen verspürte, seit sie Hunter und mich am Bach gefunden hatte, konnte mir ebenfalls gestohlen bleiben.

Drei Tannenbäume weiter räusperte sich Sam. „Kann ich dich mal was fragen, Tony?“

Es klang viel netter, wenn sie mich Tony statt Anthony nannte. Doch gleichzeitig fragte ich mich auch, ob es ein Fehler gewesen war, sie dazu zu bringen. Es bedeutete, dass ich sie bereits in die Friendzone hineingelassen hatte. Sie da wieder rauszuverfrachten dürfte ein hartes Stück Arbeit werden. „Schieß los.“

„Du warst doch nicht nur wegen dem umgekippten Sodawasser so sauer auf mich. Erzählst du mir, warum du mich wirklich so verabscheut hast?“

Ich seufzte und überlegte, wie viel von der Wahrheit ich preisgeben konnte, ohne dabei zu viel zu verraten und mein Geheimnis zu gefährden. Tja, sah leider schlecht aus für sie. „Nö“, sagte ich mit einem kleinen Grinsen.

„Muss wohl was ganz Furchtbares gewesen sein, wenn du mich deshalb in eine Hexe verwandelt hast“, murmelte sie.

Du hast ja keine Ahnung, in was ich dich sonst noch alles verwandelt habe. „Schau nicht so betrübt, Bungee. Zu viel Info macht nur Kopfschmerzen.“

„Bungee?“

Mein Körper verkrampfte sich. „Was?“

„Du hast mich gerade Bungee genannt.“ Sie machte ein ernstes Gesicht, blieb stehen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was ist das? Eine neue Beleidigung?“

Mir gefror der Atem in meiner Lunge. Ich konnte das doch nicht wirklich gerade laut gesagt haben. Was zum Teufel war nur los mit mir?

„Und ich dachte schon, wir hätten den ganzen Scheiß endlich hinter uns. War wohl mein Fehler.“ Sie humpelte weiter und ließ mich eiskalt stehen.

Ich holte sie rasch ein und zog ihr neckisch die Kapuze meines Sweatshirts, das sie immer noch anhatte und das unverschämt heiß an ihr aussah, über den Kopf. „Das war keine Beleidigung, Summers.“ Dann schubste ich sie ein wenig, indem ich mit meiner Schulter gegen ihre stieß, aber wirklich nur ganz leicht. Trotzdem taumelte sie zur Seite und winselte vor Schmerz.

„Verdammt!“ Das wollte ich nicht. Ich griff nach ihrem Arm, um sie zu stützen.

Ein sanftes Lachen unterbrach ihr Gejammer. Was? Hatte sie mich etwa nur verarscht? Dieser fiese, kleine Giftzwerg! Obwohl ich es ja eigentlich verdient hatte, für all das, was ich ihr in den letzten paar Tagen angetan hatte. Vor allem für die Tränen, die ich sie gekostet hatte. Trotzdem … Mit festem Griff um ihren Oberarm zog ich sie an meine Seite und flüsterte ihr warnend ins Ohr: „Ich sollte dich zurück in den Bach werfen, du frecher Zwerg.“

„Hast du denn noch mehr Klamotten, die du mir hinterher leihen könntest?“, gab sie keck zurück.

Plötzlich hatte ich Sam in meinem Muskelshirt statt diesem viel zu großen Sweatshirt vor Augen. Der Gedanke war fesselnd und viel zu verstörend. Ich schüttelte den Kopf und ließ ihren Arm los.

 

 

Kapitel 12

 

Samantha

 

 

ICH STIEG IN Tonys dunkelroten Toyota. Dabei wusste ich immer noch nicht, was ich von diesem sonderbaren Morgen und unserem noch eigenartigeren Gespräch halten sollte. Waren wir tatsächlich dabei, Freunde zu werden? Tony konnte wirklich nett sein, wenn er sich ein bisschen bemühte. Und er hatte so ein süßes Lächeln – obwohl es eine ganze Weile gedauert hatte, bis er es mir endlich gezeigt hatte.

Doch reichte das aus, um all die Dinge wieder gutzumachen, die er diese Woche verbockt hatte?

Im Moment wollte ich lieber nicht darüber nachdenken. Erst einmal musste ich diesen grässlichen Splitter in meinem Bein loswerden. Die Verletzung tat höllisch weh und sah sogar noch schlimmer aus.

Bis auf wenige Ausnahmen war Tony auf dem Weg durch den Wald die meiste Zeit still gewesen. Auch jetzt noch, als er uns zu Ryans Haus fuhr. Ich wünschte, er würde etwas sagen – sich mit mir unterhalten, um mich von meinem Schmerz abzulenken. Im Moment würde ich ihm sogar erlauben, mich kurz, klein oder weiß der Teufel was zu nennen. Alles, nur damit er nicht weiter so verschlossen war.

Am Rückspiegel hing eine Kette, an der ein kleines Bild in einem Plastikrahmen baumelte. Ich lehnte mich vor und hielt es für einen Moment ruhig, um es genauer zu betrachten. Es war ein hübsches Foto von einem lächelnden Ehepaar mit einer viel jüngeren Ausgabe von Tony zwischen ihnen. Ich war überrascht, dass er so etwas in seinem Auto hängen hatte.

„Du bist wohl ein ziemlicher Familienmensch“, sagte ich, nur um eine Konversation zu starten.

„Das ist nicht mein Wagen. Er gehört meiner Mutter“, antwortete er, als ich das Bild wieder losließ und es vor der Windschutzscheibe hin- und herbaumelte. „Ich hoffe, ich kann mir noch vor den Winterferien mein eigenes Auto kaufen. Deshalb arbeite ich auch für Charlie.“ Eine kühle Note hatte sich plötzlich in seine Stimme geschlichen, und er warf mir einen kurzen Blick zu.

Rechnete er etwa damit, dass ich seinen Job runtermachen würde? Chloe hätte es wohl getan. Ich allerdings nicht. „Ich find’s echt klasse, dass du dir deinen ersten Wagen selbst verdienst. Das würden wohl nicht viele Schüler machen.“ Meine Cousine ganz bestimmt nicht.

„Ich hab keine andere Wahl. Meine Eltern halten nichts von so riesigen Geschenken.“ Er schnaubte frustriert. Dann folgte aber sogleich ein Grinsen. „Aber sie haben versprochen, alles zu verdoppeln, was ich bis Weihnachten einnehme. Ich hätte es also auch schlimmer erwischen können.“

„Ja, hättest du“, stimmte ich ihm zu und schenkte ihm ein zynisches Lächeln, als er sich kurz zu mir drehte, bevor er in eine mir sehr vertraute Straße einbog. „Wenn du zum Beispiel darauf angewiesen wärst, dass dir deine furchtbare Cousine ihren Wagen leiht.“

Tony schmunzelte. Ich war sicher, wenn einer verstehen würde, was ich meinte, dann war er es. „Ihr versteht euch nicht sonderlich gut, wie?“, fragte er und fuhr dabei die Straße zu Chloes Haus hoch.

„Früher haben wir uns echt toll verstanden. Aber irgendwie ist jetzt alles anders. Sie hat sich total verändert.“ Ich rutschte angespannt auf meinem Sitz herum und sah aus dem Seitenfenster. „Gibt es einen Grund, warum du mich nach Hause bringst? Ich dachte, wir wollten zu Ryans Dad.“ Pamela um sechs Uhr morgens aus dem Bett zu schrecken schien mir nicht gerade eine kluge Idee zu sein.

„Wollen wir auch. Hunter wohnt ganz in der Nähe. Nur ein paar Straßen weiter.“

Oh.

Als wir am Haus meiner Tante vorbeifuhren, sank ich tiefer in den Sitz und warf einen vorsichtigen Blick zum Fenster im ersten Stock, wo Chloes Zimmer war.

„Was um alles in der Welt machst du denn da?“, fragte Tony mit verblüffter Stimme.

Ich drehte mich zu ihm um und schaute zu ihm hoch. Da erst merkte ich, wie tief ich mich wirklich geduckt hatte. Ich setzte mich wieder ordentlich hin und räusperte mich verlegen. „Äh … gar nichts?“

Tony lachte über mich. „Blödsinn. Du versteckst dich. Wieso?“

Schnell blickte ich noch einmal über meine Schulter zurück zum Haus. Wir waren außer Sichtweite von Chloes Zimmer und sie hatte nicht aus dem Fenster gesehen. Gott sei Dank. Ich entspannte mich wieder. „Das willst du nicht wissen. Es ist auch zu blöd.“

„Ist nur eine wilde Vermutung, aber ich schätze, Chloe passt es nicht, dass du mit uns abhängst“, sagte er und fügte dann noch hinzu, „Oder genauer gesagt mit mir.“

Ich blieb stumm, denn ich wusste nicht, wie ich seinen belustigten Tonfall gerade zu deuten hatte.

„Sie war also früher mal netter?“, hakte er nach einer kurzen Weile nach. „Diese Seite an ihr hätte ich nur zu gerne kennengelernt.“

„Der Zug ist abgefahren“, grummelte ich. Und plötzlich fragte ich mich, ob die beiden wohl immer noch zusammen wären, wenn Tony sie früher getroffen hätte. Wenn er die wirkliche Chloe kennengelernt hätte und nicht den Barbie-Klon.

Tony überraschte mich, als er fragte: „Was ist so lustig?“

„Hm? Was?“

„Du grinst auf einmal so breit. Was ist los?“

Oh, das war mir gar nicht aufgefallen. „Ach, gar nichts. Ich hab mich nur gerade daran erinnert, wie Simone – oder Liza – meine Cousine vor Kurzem genannt hat.“

Für einen Augenblick drehte Tony seinen Kopf zu mir. Eine Augenbraue wanderte zusammen mit seinen Mundwinkeln nach oben. „Etwa Barbie-Klon?“

„Du weißt von dem Spitznamen?“

„Klar. Vor einiger Zeit hat mir Liza wegen ihr die Hölle heiß gemacht. Es war ihr bevorzugter Ausdruck für deine Cousine.“

Da er gerade etwas offener für eine Unterhaltung schien, beschloss ich mein Glück noch etwas weiter zu strapazieren. „Ihr wart mal zusammen, du und Chloe, nicht wahr?“

Schlagartig verfinsterte sich sein Gesicht. Aber eine Antwort bekam ich trotzdem … nach einer unangenehm langen Pause des Schweigens. „Wir waren kein Paar. Aber wir sind ein paarmal miteinander ausgegangen.“

„Das müssen ein paar sehr intensive Dates gewesen sein.“ Scherzhaft verdrehte ich die Augen. „Sogar meine Tante kann sich noch an dich erinnern. Sie hat gesagt, dass du so ein süßer Junge bist.“ Verflixt! Konnte ich denn nie meine Klappe halten? Und natürlich bekam ich schon im nächsten Moment die Rechnung für mein übereifriges Mundwerk serviert.

„Du hast mit deiner Tante über mich gesprochen?“ Er klang dabei angenehm überrascht.

Händeringend senkte ich den Blick in meinen Schoß. „Tja … ja. Ich hab ihr erzählt, was für ein totaler Vollidiot du warst.“

Tony brach in ein herzerwärmendes Lachen aus. „Alles klar.“

Wenig später hielt er vor einer Villa, die noch größer war, als die meines Onkels und meiner Tante, und stellte den Motor ab. „Wir sind da.“

Durch die Windschutzscheibe betrachtete ich mit offen stehendem Mund das beeindruckende Anwesen. Hoffentlich gab’s an der Eingangstür einen Prospektständer mit Lageplänen des Hauses zum Herausnehmen.

Die Beifahrertür ging auf und das riss mich aus meinem Staunen. „Brauchst du eine Extraeinladung, Summers?“

Ich sah hoch in Tonys Gesicht, grinste und stieg aus. Mit dem ersten bisschen Gewicht, das ich auf meinen verletzten Fuß verlagerte, kehrte in Sekundenschnelle der Schmerz zurück, den ich bis gerade eben vergessen hatte. Ich humpelte hinter Tony zur Eingangstür, die bereits jemand öffnete, ohne dass wir vorher geklingelt hatten.

Eine bildhübsche Frau mit Ryans warmen braunen Augen stand auf der Schwelle und lächelte. Sie hatte honigblondes Haar, das in Wellen auf ihre Schultern fiel. Der Morgenmantel, den sie trug, war fest um ihre schlanke Taille gebunden, und sie rieb sich die Morgenkälte von den Armen. „Tony, Schätzchen, wo hast du denn in letzter Zeit gesteckt? Du warst ja schon seit einer Ewigkeit nicht mehr bei uns.“ Sie war zwar größer als ich, was nicht besonders schwierig war, doch als sie Tony zur Begrüßung auf die Wange küsste, musste auch sie sich auf die Zehenspitzen stellen.

„Ich hab jetzt einen Job, Jessie“, erklärte er freudig und richtete dabei seine Schultern gerade aus wie ein stolzer Vorschüler. Ich musste dabei kichern.

„Ja, Ryan hat mir schon davon erzählt, und ich habe auch Eileen vor ein paar Tagen getroffen. Sie ist ja so stolz auf dich.“ Warmherzig legte sie ihm die Hand auf die Wange, dann wandte sie sich mir zu, wobei sie mit beiden Händen nach meinen griff. „Und du musst Samantha sein. Ich bin Jezebel. Kommt schnell rein, Kinder. James erwartet euch schon in seiner Praxis.“

Ich hatte kaum Zeit, Hallo zu sagen, da zog sie mich schon durch die Tür ins Haus. Innen war es warm und gemütlich, was ich beim Anblick von außen niemals vermutet hätte. Tony führte mich schließlich an einer breiten, geschwungenen Treppe vorbei in den hinteren Teil des Hauses. Humpelnd eilte ich hinter ihm her, damit ich ihn in diesem Haus, das so groß war wie ein Rummelplatz, nicht aus den Augen verlieren würde.

Durch eine breite Flügeltür gelangten wir in einen abgeschotteten Teil der Villa, in dem der aufdringliche Geruch von Katzenfutter und Desinfektionsmittel in der Luft hing. Hier waren alle Wände weiß, genau wie die Bodenfliesen, und an der Decke leuchtete eine Unzahl von Halogenspots viel zu hell für sechs Uhr morgens. Wir durchquerten zwei weitere Räume; in einem schliefen mehrere Katzen in kleinen Käfigen und auf der anderen Seite stapelten sich Transportboxen an der Wand. Im nächsten befand sich eine Küche, ebenfalls in sterilem Weiß gehalten. Die offenen Schränke und Regale waren alle mit einzeln abgepackten Bandagen, Spritzen und Schläuchen gefüllt.

Hinter der nächsten Tür begrüßte uns ein großer Mann, dessen schwarzes Haar an den Seiten bereits leicht grau meliert war, der aber sonst Ryan Hunters perfektes Ebenbild war – plus minus ein paar Falten um die Augen und die schwarze kantige Brille.

Er schüttelte Tonys Hand zuerst.

„Guten Morgen, James“, begrüßte ihn Tony und deutete dann mit einer kleinen Kopfbewegung in meine Richtung. „Das ist Samantha, eine Freundin. Sie war letzte Nacht ein wenig ungeschickt.“

Ich wusste, dass dies der total falsche Zeitpunkt war, um darauf herumzureiten, aber hatte er mich wirklich gerade eine Freundin genannt? Auf meinen verwunderten Blick hin wurden Tonys Augen etwas schmaler, als wüsste er genau, was mir gerade durch den Kopf ging – und als würde er selbst gerade das Gewicht des Wortes abwiegen. Schließlich tat er es mit einem lässigen Schulterzucken ab und ließ Mr. Hunter vortreten, damit auch ich ihm die Hand schütteln konnte.

„Hallo, Samantha. Ich bin James Hunter. Ryan hat mir gesagt, dass ein Splitter in deinem Schienbein steckt. Setz dich doch bitte mal hierauf und lass mich einen Blick auf die Wunde werfen.“ Er führte mich weiter nach hinten, wo ich es mir auf einer Art kaltem Metalltisch bequem machen durfte, der mit Sicherheit für Haustiere entworfen worden war und nicht für Menschen.

Es war wohl in Ordnung, mich einfach drauf zu setzen und nicht, wie bei einem richtigen Arzt, auf das Krankenbett zu legen. Mir wurde etwas mulmig zumute, als ich meinen Stiefel auszog und das Hosenbein bis zum Knie hochrollte. Nicht, weil mich gerade ein Tierarzt untersuchte, sondern weil er dabei ein glänzendes Skalpell in der Hand hielt.

„Denken Sie, dass es genäht werden muss?“, fragte ich ihn.

„Hm.“ Er zog sich ein Paar Latexhandschuhe über und drückte vorsichtig auf den Holzsplitter in meinem Bein. Ich machte dabei vermutlich ein zimperliches Gesicht, verbiss mir jedoch den Schmerz und unterdrückte ein Stöhnen. „Genäht muss es nicht werden. Aber es könnte ein wenig wehtun, wenn ich den Splitter raushole.“ Er runzelte die Stirn. „Ich bin leider kein Humanmediziner und darf dir deswegen auch keine örtliche Betäubung geben. Wenn es dir lieber ist, dass ein Spezialist die Wunde versorgt, kann ich Doktor Decker anrufen und Tony kann dich zu ihm nach Pismo Beach fahren.“

Ich wusste nicht, wo dieser Ort genau lag, und ich wollte auch nicht länger mit dem Splitter im Bein herumlaufen, das tat nämlich verdammt weh. Ihn rauszuziehen konnte wohl nicht viel schlimmer sein. „Nein, ist schon gut. Machen sie einfach.“

Er nickte und holte dann aus dem Nebenraum ein paar medizinische Utensilien: eine große Plastikspritze, die mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt war, ein paar Wattetupfer, eine große Pinzette und eine Mullbinde. Während er all diese unheimlichen Dinge neben mir auf den Metalltisch legte, inspizierte Tony meine klaffende Wunde.

„Abgefahren …“ Er verzog sein Gesicht zu einer angewiderten Grimasse der Bewunderung. Jungs! Als er mir einen Moment später in die Augen blickte und bemerkte, wie er damit nur meine Angst schürte, bemühte er sich schnell um ein aufbauendes – wenn auch erzwungenes – Lächeln. „Es wird schon nicht wehtun.“

„Wie schön, das von jemandem zu hören, der zufällig gerade keinen Splitter in seinem Bein stecken hat.“

„Mach dir keine Sorgen, Samantha“, sagte Doktor Hunter. „In einer Minute ist alles vorbei. Ich muss vorher nur noch schnell die Wunde säubern.“ Dabei hielt er demonstrativ die große Spritze hoch und nahm einen Wattetupfer von dem kleinen Stapel. Dann sagte er mir, ich solle meinen Fuß auf den Metalltisch stellen, mit abgewinkeltem Knie, damit er besser rankam.

Ich war ja auf vieles vorbereitet, aber ganz sicher nicht auf den Höllenschmerz, der mir durch den Unterschenkel schoss, als er nur ein wenig der Flüssigkeit in die Wunde träufelte.

„Verfluchte Scheiße, was ist denn – Oh mein Gott!“, schrie ich und sprang dabei vom Behandlungstisch, weil ich nicht wusste, was ich sonst hätte tun können, um die Qual zu stoppen. Teils hüpfend, teils humpelnd irrte ich blindlings im Raum umher. Durch aufeinandergepresste Zähne ließ ich eine Salve von Flüchen los, beugte mich vornüber, lehnte mich dann gegen die Wand und rutschte mit dem Rücken daran entlang hinunter, bis ich auf dem kalten Fußboden saß. Wie ein wilder Stier saugte ich Luft durch meine Nase ein, wobei ich meine Zähne immer fester zusammenbiss und bereits ein grausames Malmen im Inneren meines Kopfes hören konnte.

Tony beobachtete das Ganze mit offenkundigem Interesse, während Mr. Hunter die Sache mit größerer Besorgnis sah. Gott sei Dank ließ der Schmerz wenige Sekunden später etwas nach und ich konnte wieder normal atmen. „Verdammt. Das brennt.“

„Bist du dir sicher, dass ich den Splitter rausziehen soll? Ohne Betäubung könnte es noch einmal unangenehm werden“, meinte der Doc.

Ich konnte nur hoffen, dass die Wundsäuberung bereits das Schlimmste an der Prozedur gewesen war. Ganz sicher war ich mir allerdings nicht. Als ich zustimmend nickte, rutschte mir das Herz in die Hose, doch das konnte ich den beiden Männern im Raum natürlich nicht zeigen, also versuchte ich, mit aller Kraft entschlossen und tapfer auszusehen.

Tony kam zu mir herüber und streckte mir seine Hand entgegen. Ich hatte nicht einmal Zeit, darüber nachzudenken, ob ich seine Hilfe annehmen sollte oder nicht, denn er packte bereits meine Hand und zog mich auf die Beine. „Komm schon, Summers. Spiel hier nicht die wehleidige Prinzessin. Ich weiß, dass du härter bist als das.“

Trotz meines Elends schaffte der Kerl es doch tatsächlich, mich zum Lachen zu bringen. Wie ein Gentleman führte er mich zurück zum Behandlungstisch. Dabei hatte ich für einen kurzen Moment die Gelegenheit, seinen Bizeps zu berühren. Der sah nicht nur steinhart aus, sondern fühlte sich auch so an. Seine Haut hingegen war geschmeidig und warm.

„Netter Oberarm, Mitchell“, scherzte ich und strich dabei mit meinen Fingerspitzen über die Innenseite seines Bizeps’. Doch das tat ich eher, um mich selbst abzulenken, als ihm wirklich ein Kompliment zu machen.

Tony schmunzelte. „Das macht dir wohl Spaß, Summers?“ Meine Hand schüttelte er dabei nicht ab.

„Jap. Wenn schon nichts anderes, dann bist du doch wenigstens eine nette Ablenkung.“ Ich streckte ihm die Zunge raus.

Mr. Hunter half mir zurück auf den hohen Metalltisch. „Bist du so weit?“, fragte er mit einem ermutigenden Lächeln.

„Ich denke schon.“ Schließlich konnte ich doch nicht warten, bis das verdammte Ding Wurzeln in meinem Bein schlagen würde, oder? Doch als er sich mit der Pinzette näherte, zuckte ich zusammen, bevor er den Splitter überhaupt zu fassen bekommen hatte, und zog mein Bein unter seinen Händen weg.

Mit Wangen, die vermutlich so dunkelrot wie Kirschen waren, setzte ich mich schnell wieder aufrecht hin. „Tschuldigung“, murmelte ich verlegen.

Doktor Hunter musterte mich besorgt. „Sollen wir lieber noch einen Moment warten?“

„Nein, nein. Es geht schon. Wirklich. Mir geht’s gut. Machen Sie nur.“

Er umfasste den Splitter mit dem Mordinstrument. Erstaunlich, wie gruselig einem plötzlich eine einfache Pinzette erscheinen konnte. Mein Herz begann ängstlich zu flattern. Bevor er das kleine Stückchen Holz auch nur einen Millimeter bewegen konnte, rief ich: „Halt! Warten Sie!“ Verdammt, die Worte schossen einfach so aus meinem Mund. Als er vor Schreck den Splitter wieder losließ, hielt ich meine Hände schützend über die Wunde. „Vielleicht … Ich weiß auch nicht … Warten wir doch einfach noch, bis – bis der Splitter irgendwann von selbst herausfällt?“ Tja, meine Tapferkeit hatte sich wohl gerade verabschiedet.

James Hunter hatte Mitleid mit mir und drängte mich nicht dazu, ihn an meinem Bein herummetzgern zu lassen. Er rollte auf seinem runden Hocker etwas zurück, so dass Tony sich neben mich setzen konnte.

„Mensch, jetzt reiß dich doch zusammen, Summers“, sagte er leise in mein Ohr. „In ein paar Sekunden ist alles vorbei. Und du weißt genauso gut wie ich, dass der verdammte Splitter nicht von alleine rausfallen wird.“ Er lehnte sich etwas zurück und ich konnte sein Lächeln sehen. „Wenn du willst, darfst du währenddessen auch noch mal meine Muskeln fühlen. Du weißt schon, zur Ablenkung. Oder sonst kann ich auch deine fühlen.“ Er zögerte nicht, mich in meinen Oberarm zu kneifen. „Ah, keine Muskeln da“, verkündete er und zwinkerte mir dabei zu. „Ein schwaches Mädchen, genau wie ich erwartet hatte.“

Ich stieß ihn vom Behandlungstisch weg. „Ich zeig dir gleich, wer hier schwach ist!“, schimpfte ich ihn grinsend.

Er rieb sich das Brustbein, als ob ich ihn ernsthaft verletzt hätte, und lachte dabei. „Ja richtig. Du bist ja der stärkste unter den sieben Zwergen.“ Dieses Mal störte mich seine Anspielung auf meine Größe nicht im Geringsten. Es war klar, dass er mich aus einem bestimmten Grund aufzog. Während Tony mich ablenkte, packte Mr. Hunter den Splitter wieder mit der Pinzette und war bereit, ihn rauszuziehen.

Panik stieg erneut in mir auf. Ich schüttelte meinen Kopf. „Ich weiß schon, was ihr beiden vorhabt. Tony soll mich ablenken, weil Sie denken, dass ich dann den Schmerz gar nicht bemerken werde. Aber das wird nicht funktionieren. Seine Ablenkungsversuche sind Schrott! Ich werde es spüren und es wird wehtun …“, jammerte ich. „Können Sie mir nicht einfach eine dieser Spritzen geben, die sie für Hunde oder Kühe verwenden, um mein Bein zu betäuben?“

Tony zog die Augenbrauen hoch. „Echt, Summers? Für Kühe? Das wird dir für Tage die Lichter ausknipsen.“

„Damit komm ich klar.“

„Und wie kommst du überhaupt dazu zu sagen, dass meine Ablenkungsversuche Schrott sind? Ich denke, ich mach mich ganz gut.“

Die Hand des Doktors verengte sich etwas um meine Wade, um mein Bein ruhig zu halten, doch ich musste erst noch Tony antworten, bevor ich dem Doc sagen konnte, er solle mein Bein gefälligst in Ruhe lassen. „Nein, tust du nicht. In Wirklichkeit bist du darin furchtbar.“

„Ehrlich?“ Er nahm meine Hand und griff währenddessen mit der anderen nach einem kleinen Fläschchen, das ebenfalls auf der spiegelnden Oberfläche des Tisches lag. „Was ist das?“, fragte er. Dabei hielt er die kleine Flasche nur wenige Zentimeter über meinen Handrücken. Im nächsten Moment zuckte ich zusammen, als er mir damit eine eiskalte Flüssigkeit auf die Haut sprühte … und sich gleichzeitig etwas in meinem Bein bewegte.

„Whoa, was sollte denn das?“, schrie ich entsetzt und zog dabei sowohl meine Hand als auch meinen Fuß zurück.

Tony schenkte mir ein fabelhaftes Lächeln, mit dem er es mühelos in einen Zahnpastawerbespot geschafft hätte. Mr. Hunter hielt indessen einen Splitter hoch, der so lang war wie ein verfluchtes Streichholz.

„Ihr – ihr habt mich ausgetrickst!“

„Und du solltest dich darüber freuen“, antwortete Tony. Sein Lächeln blieb dabei perfekt in Position.

Ich machte ein trotziges Gesicht. Doch letzten Endes war ich doch froh darüber, dass der Splitter endlich raus war, wie auch immer sie es angestellt hatten. Ich legte meine Stirn auf meine Knie und seufzte erleichtert auf.

Eine Hand drückte meine Schulter. Erst dachte ich, es wäre Doktor Hunters, doch im nächsten Moment erklang Tonys Stimme nahe an meinem Ohr. „Gut gemacht, Summers.“

Ich hob meinen Kopf. Er saß mir gegenüber auf dem Behandlungstisch und lächelte verschmitzt. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass du da drin einen ganzen Baum versteckt hast.“ Dann zwinkerte er mir zu.

Der Splitter war tatsächlich um einiges länger, als ich gedacht hätte. Und dicker. Da war es auch kein Wunder, dass es so abartig wehgetan hatte. „Vielleicht sollte ich ihn aufheben. Als Andenken an den Tag, als Anthony Mitchell mich als eine Freundin bezeichnet hat und ausnahmsweise mal nicht als Plage.“ Ich grinste schelmisch, doch im nächsten Moment zuckte ich noch einmal zusammen, als der Doktor mit meinem Bein in die zweite Runde ging.

Er reinigte die Verletzung noch einmal mit dem brennenden Zeug, bevor er dann einen Verband darum machte. „Die Wunde sieht gut aus. Sie sollte dir also keine Schwierigkeiten machen. Wechsle jeden Abend den Verband und komm in drei Tagen noch mal vorbei. Ich werde sie dann vorsichtshalber noch einmal untersuchen.“

Dem stimmte ich zu. Da wir ja so gut wie Nachbarn waren, sollte es nicht schwer sein, hierher zurückzufinden. Ich bedankte mich bei ihm und schüttelte seine Hand zum Abschied. Dann ließ er Tony und mich durch eine andere Tür raus, als die, durch die wir gekommen waren. Wir gingen um das riesige Haus herum zu seinem Auto, doch als er die Türen entriegelte, zögerte ich mit dem Einsteigen.

Es war ein Weg von nur fünf Minuten bis zu mir nach Hause. Den konnte ich auch zu Fuß laufen, jetzt wo mein Bein nicht mehr so extrem wehtat. Außerdem wollte ich Tony nicht weiter zur Last fallen – obwohl der Morgen mit ihm ja überraschend nett gewesen war. Abgesehen von den Schmerzen natürlich.

Plötzlich kam mir ein Gedanke. Wenn wir uns wirklich auf dem Weg zu einer Freundschaft befanden, würde er vermutlich ohnehin darauf bestehen, mich bis vor die Haustür zu bringen, egal welchen Einwand ich vorbrachte. Genau wie im Wald, als er und Ryan mir keine andere Wahl gelassen hatten, als einen Arzt aufzusuchen. Das wäre also so etwas wie der ultimative Freundschaftstest.

„Was ist los?“, fragte Tony über das Dach des Autos hinweg und riss mich aus meinen Gedanken. Er war bereits mit einem Fuß eingestiegen und hatte eine Hand auf das Lenkrad gelegt.

„Ich glaube, ich schaff es von hier aus auch allein nach Hause.“

Tony blickte mich einen Moment lang eindringlich an. Dann drehte er sich um, sah die Straße hinunter und schließlich wieder zurück zu mir. Er runzelte die Stirn. „Bist du sicher?“

War ich das? „Klar. Ist ja nicht mehr weit.“

„Na gut, wenn du meinst.“ Er zuckte mit einer Schulter. „Schätze wir sehen uns dann am Montag in AVE.“ Er setzte sich hinters Steuer, schlug die Tür zu und der Motor erwachte zum Leben.

Ich wartete darauf, dass er das Fenster auf der Beifahrerseite runterlassen und mich letztendlich doch noch überreden würde einzusteigen. Aber das Fenster bewegte sich keinen Zentimeter. Tony lenkte den Wagen zurück auf die Straße. Der Toyota wurde schnell zu einem kleinen roten Punkt in der Ferne, als er losbrauste.

„Okay …“, murmelte ich voller Enttäuschung. Offenbar hatte der Weg zu einer Freundschaft mit Tony vor Hunters Haus ein abruptes Ende gefunden.

 

 

Kapitel 13

 

Samantha

 

 

KURZ VOR SIEBEN Uhr schlich ich mich an diesem Morgen ins Haus. Erst dachte ich, um diese Uhrzeit wäre sicher noch niemand wach, doch Pamela stand bereits in ihrem Morgenmantel in der Küche und goss sich eine Tasse Kaffee ein. Ich gesellte mich mit Erdbeertee und einer Scheibe Toast zu ihr. Dabei fiel ihr mein Hinken auf. Ich kam also nicht drum herum, ihr die ganze Wahrheit über meinen Ausflug in den Bach und den Splitter in meinem Bein zu erzählen.

Nach ihrer anfänglichen Besorgnis über den Unfall war sie zumindest froh, dass Tony und ich endlich eine gemeinsame Basis für ein, wenn schon nicht freundschaftliches, dann doch wenigstens respektvolles Verhältnis gefunden hatten. Besonders nach meinem gestrigen Gefühlsausbruch. Sie strich mir sanft übers Haar. „Siehst du? Nichts ist jemals so schlimm, wie es zuerst aussieht.“

Ich musste leise lachen. „Na ja, wenn man es so betrachtet, sieht die Sache mit Tony auch nach einer Woche immer noch ganz schön mies aus.“

„Manche Jungs brauchen einfach ein bisschen länger, um sich zu öffnen. Was dabei herauskommt, ist alles, was zählt. Und wenn er dich sogar zu Jimmy Hunter gefahren hat, dann hat er sich bestimmt Sorgen um dich gemacht. So wäre es zumindest bei dem Jungen, an den ich mich erinnere.“

Ja, vielleicht war das so.

Wir saßen nicht lange alleine in der Küche. Mein Onkel stieß nur wenige Minuten später in einem weißen T-Shirt und Flanellpyjamahosen zu uns. Sein kurzes Haar stand ihm kreuz und quer vom Kopf ab. So hatte ich Jack zuletzt gesehen, da war … nein, halt, so hatte ich ihn noch nie gesehen. Er sah zum Umfallen müde aus und kleine Fältchen gruppierten sich um seine Augen.

„Morgen, Sam“, sagte er und klang dabei genauso erschöpft, wie er aussah.

Als er eine Tasse aus dem Küchenschrank holte und sich brühend heißen Kaffee eingoss, lehnte ich mich unauffällig zu Pam hinüber und flüsterte: „Was ist denn mit ihm los?“

„Er war fast die ganze Nacht auf und hat seine Constantin gesucht“, informierte sie mich ebenso leise.

„Seine was?“

„Seine Vacheron Constantin – die Uhr mit dem schwarzen Lederband, die er jeden Tag trägt. Sie war schweineteuer. Gestern, nach der Arbeit, hat er sie zum Duschen abgenommen, doch als er sie wieder anlegen wollte, konnte er sich nicht erinnern, wo er sie hingelegt hat.“

Jack nahm einen Schluck von seinem Kaffee und funkelte Pam dabei über den Rand der Tasse an. Als er sie absetzte und sich auf einen der Barhocker neben der Anrichte setzte, grummelte er: „Ich weiß genau, wo ich sie hingelegt habe. Auf die Kommode im Schlafzimmer. Das hab ich dir bereits hundertmal gesagt.“ Sein Blick wanderte zu mir. „Du hast sie nicht zufällig irgendwo gesehen, oder, Sam?“

„Nein, tut mir leid.“ Ich schüttelte den Kopf. Selbst wenn sie irgendwo rumgelegen und ich sie im Vorbeigehen gesehen hatte, war sie mir nicht aufgefallen. „Aber wenn du willst, helfe ich dir suchen. Ich will nur noch schnell ins Bad und den Gestank vom Lagerfeuer abwaschen, dann können wir loslegen.“

Pamela war über meine angebotene Hilfe höchst erfreut. Jack hingegen sah mich etwas skeptisch an. Was hatte denn das zu bedeuten?

Mit einem seltsamen Gefühl im Bauch humpelte ich die Treppe hoch, holte ein paar frische Sachen aus dem Kleiderschrank und freute mich erst mal auf eine heiße Dusche. Dabei gab ich besonders darauf Acht, dass mein Verband nicht nass wurde. Als ich fertig war und in meine weite Skaterhose und das Kapuzensweatshirt schlüpfte, merkte ich erst, wie müde ich eigentlich war. Ein wenig Schlaf wäre jetzt nicht schlecht gewesen. Aber zuvor musste ich meinem Onkel suchen helfen und dann noch ein bisschen an meinen Zeichnungen weiterarbeiten. Vielleicht konnte ich mich ja nach dem Mittagessen mal kurz aufs Ohr hauen. Schließlich wollte ich heute Abend bei Lizas Pyjamaparty nicht bereits um acht Uhr tot umfallen.

Ich föhnte mir noch schnell die Haare, dann sammelte ich die mit Rauch verseuchten Klamotten von letzter Nacht auf und warf sie in die Wäsche. Auch Tonys Sweatshirt. Schließlich konnte ich ihm das ja schlecht zurückgeben, solange es stank wie eine Ofenkartoffel.

Gerade als ich aus dem Badezimmer kam, steuerte Chloe wie auf Autopilot den Gang entlang auf mich zu. Ihr seidener rosa Morgenmantel hing halb offen. Darunter blitzte ihr pinkes Nachthemd hervor. Ihr Haar war vom Schlafen noch völlig zerzaust.

Und es war verdammt noch mal pechschwarz!

„Was zum Geier –“ Die Stimme versagte mir. Ich blieb wie angewurzelt stehen und starrte sie nur noch fassungslos an.

Chloe riss den Mund zu einem Gähnen auf und schob sich dabei Strähnen von ihrem erst kürzlich gefärbten Haar aus dem Gesicht. „Krieg dich wieder ein, Samantha. Es ist nur eine Farbe.“ Sie rempelte mich rücksichtslos an, stieß mich dabei zur Seite und verschwand ins Badezimmer.

Nur eine Farbe? Nur. Eine. Farbe? Das war meine Haarfarbe, Herrgott noch mal. Und Chloe hatte sie mir gestohlen!

Dabei hatte sie Schwarz doch immer so verabscheut. Sie war von Natur aus brünett – bevor sie angefangen hatte, ihr Haar zu bleichen. Ihr ganzes Leben lang war sie mit ihrer eigenen Haarfarbe unzufrieden gewesen. Und jetzt?

Wie angewurzelt stand ich im Korridor und kratzte mich am Kopf. Was war bloß über sie gekommen?

Aber das ganze Kopfzerbrechen hatte wenig Sinn. Und im Grunde war es auch gar nicht mein Problem. Sie konnte mit ihren Haaren machen, was sie wollte.

Ich lief hinunter, um meinem Onkel wie versprochen bei der Suche nach dieser sündhaft teuren Uhr zu helfen. Aus dem Schlafzimmer drang seine Stimme. Ich fand ihn dort mit Pam, die mit ihrem Kopf auf die Hände gestützt auf der Bettkante saß. Jack machte in seiner schwarzen Hose und dem grauen Hemd inzwischen wieder einen passablen Eindruck. Er zog eine Schublade nach der anderen aus der Kommode, die gegenüber vom Bett stand, und durchwühlte sie wie ein Einbrecher.

„Vielleicht hast du dir nur eingebildet, dass du sie hier drinnen abgenommen hast, weil du das sonst auch immer machst“, meinte Pamela. „Wir sollten auch im restlichen Haus nachsehen.“

Onkel Jack bestand jedoch darauf, dass er sie genau hierhin gelegt habe – er tippte dabei energisch mit dem Zeigefinger auf die Kommode, wo auch Pams Schmuckkästchen und ein Bild von Chloe standen. Also durchstreiften wir noch einmal alle gemeinsam das Schlafzimmer. Doch als das sichtlich zu keinem Erfolg führte, weiteten wir die Suche auch auf ihr Badezimmer, die Eingangshalle, das Wohnzimmer, das Esszimmer und die Küche aus. Wenn diese Valentin- oder Constantin-Uhr wirklich noch im Haus war, musste sie unsichtbar geworden sein.

Nach zwei Stunden des unerbittlichen Suchens gaben wir schließlich auf. Onkel Jack warf sich zerknirscht auf die Couch, doch ich hatte mehr Mitleid mit Pam als mit ihm, denn er schien sie für den Verlust verantwortlich zu machen, weil sie offenbar gestern nicht genug aufgepasst hatte, als die Haushälterin zum Putzen hier war.

Schweigend kehrte ich in mein Zimmer zurück und pflanzte mich vor den Schreibtisch, um ein wenig zu arbeiten. Den Großteil der Projekte für AVE hatte ich in dieser Woche bereits fertiggestellt. Es fehlte nur noch eins.

Die letzte Zeichnung sollte Geschwindigkeit darstellen. Egal wie. Sofort, als ich die Anweisungen in Tonys Unterlagen gelesen und seine Zeichnung einer Achterbahn gesehen hatte, hatte ich gewusst, wie ich Schnelligkeit darstellen wollte. Durch ein galoppierendes Pferd. Ich konnte es kaum erwarten, damit anzufangen.

Erst zeichnete ich die Umrisse von Luzifers Körper, seinen gestreckten Hals, die angelegten Ohren und sehnigen Beine. Doch als ich das Bild am Ende betrachtete, stimmte etwas nicht. Ich konnte nicht genau sagen, was, aber vermutlich war es die Position seiner Beine. Mit dem Radiergummi machte ich erst kleinere Ausbesserungen, dann größere, und letzten Endes riss ich das Blatt Papier von meinem Block, zerknüllte es und warf es in den Papierkorb. Manchmal war es eben leichter, noch mal von vorn zu beginnen.

Den ganzen Nachmittag lang saß ich an dieser Zeichnung. Heraus kam dabei jedoch nichts Brauchbares. Ich hatte bereits viermal mit dem Projekt begonnen und es am Ende immer wieder vernichtet. Gerade zu Beginn des fünften Versuchs klingelte mein Handy neben mir und riss mich aus der Konzentration.

„Hey“, sagte ich und lehnte mich mit dem Telefon am Ohr in meinem Drehstuhl zurück.

„Soll ich dich abholen?“, kam Susans fröhliche Stimme durch die Leitung.

„Was? Wieso? Wie spät ist es denn?“ Oh nein! Ich hatte die Pyjamaparty total vergessen.

„Viertel nach sechs. In fünfzehn Minuten sollen wir bei Liza sein. Du klingst allerdings nicht, als wärst du bereit für unseren Mädelsabend.“

„Ähm …“

Warum klingst du nicht, als wärst du bereit, Sam? Wag es ja nicht, dich abzumelden. Das werd ich nicht zulassen.“ Sie machte eine kurze Pause und klang danach viel weniger fordernd. „Außer dein Bein macht dir Probleme. Ryan hat uns heute früh erzählt, dass du zum Tierarzt musstest. Du musst doch jetzt hoffentlich nicht operiert werden, oder so?“

Großer Gott, was für ein Film lief denn bei ihr gerade ab?!

„Nein, Susan, ich muss sicher nicht operiert werden. Ich häng hier nur an einem Projekt für die Schule fest und hab dabei die Zeit übersehen. In zehn Minuten kannst du mich abholen.“

„Gut. Ich hupe, wenn ich da bin.“ Sie war kurz leise und fügte dann mit verschwörerischer Stimme hinzu: „Vielleicht parke ich lieber ein paar Meter die Straße runter. Soll mich ja keiner vor eurem Haus sehen. Am Ende denkt noch einer, ich wäre mit Chloe befreundet.“

„Aber du bist mit mir befreundet. Und ich wohne auch hier.“

„Ja richtig. Da hab ich mit dir ja ein ordentliches Problem an der Backe.“ Sie seufzte auf. „Tja, schätze, da muss ich durch. Also bis gleich.“

Sie legte auf, während ich immer noch über ihre dramatische Ader lachte. Ohne zu zögern, stand ich auf und ließ auf meinem Schreibtisch ein Chaos aus zerknülltem Papier, Bleistiften, Radiergummifusseln und einer halb leeren Flasche Mineralwasser zurück.

Eine Pyjamaparty – was nahm man üblicherweise dahin mit? In Windeseile packte ich meine Shorts und ein Tanktop ein, dann drehte ich mich auf der Stelle und kratzte mich am Kopf. Ein zweites Paar Socken konnte nicht schaden. Dicke Wollsocken, damit ich in Lizas Haus keine kalten Zehen bekommen würde. Und dann vielleicht auch noch eine Decke?

Mist. In diesem Moment fiel mir ein, dass ich heute Morgen Pamelas Schlafsack im Zeltlager vergessen hatte. Mein erster Gedanke war, noch mal in den Wald zu fahren, um ihn zu holen. Doch das war eine blöde Idee. Susan hatte ihn bestimmt für mich mitgenommen.

Ich zog mir die Stiefel an, sauste nach unten und sagte Pam, dass ich gleich los wollte. Da ertönte draußen auch schon Susans Hupe und ich huschte zur Tür hinaus.

„Viel Spaß, Sammy“, rief mir Pam hinterher.

Hooks Motor lief noch, als ich einstieg, und Susan fuhr bereits los, bevor ich die Tür zugezogen hatte. Mit der Hand immer noch am Türgriff drehte ich mich zu ihr um und musterte sie schockiert.

Sie zuckte nur mit den Schultern. „Was regst du dich auf? Immerhin bin ich stehen geblieben, damit du einsteigen kannst. Bedeutet dir das gar nichts?“

Bloß nicht unnötig lange vor Chloes Haus gesichtet werden, schon klar. Ich hatte keine Ahnung, wie ich auf ihre verschrobenen Ansichten reagieren sollte, also lehnte ich mich einfach zurück und schnallte mich an, wobei mir ein kleines Schmunzeln entwich.

In der Straße, in der auch Tony wohnte, parkte Susan vor dem Haus gleich neben seinem. Die beiden Häuser sahen ziemlich identisch aus. Der einzige Unterschied war der, dass ich von hier aus den Pool in Tonys Garten sehen konnte, während an der gleichen Stelle in Lizas Garten ein kleiner Werkzeugschuppen stand. Ich schnappte mir meinen Rucksack, zögerte aber dann damit, aus dem Wagen auszusteigen. „Hast du eigentlich meinen Schlafsack mitgebracht?“, fragte ich Susan in einem hoffnungsvollen Ton.

„Ich hab deinen Schlafsack nicht. Heute Morgen musste ich so viel Zeug alleine zum Auto zurückschleppen, dass ich den unmöglich auch noch tragen konnte.“

Entsetzt weiteten sich meine Augen.

„Keine Panik. Tony hat ihn mitgenommen. Er bringt ihn dir später vorbei.“

„Ich dachte, Jungs sind auf dieser Pyjamaparty nicht erlaubt?“

„Sind sie auch nicht. Aber du brauchst trotzdem etwas, worin du schlafen kannst, oder etwa nicht?“ Susan deutete mir mit einem Nicken an, dass es Zeit war auszusteigen. Erst sperrte sie ihre Tür ab, dann kam sie um den Wagen herum und sperrte auch noch meine zu – auf die altmodische Weise, wobei man den Schlüssel tatsächlich noch ins Schloss stecken muss. „Mach dir keine Sorgen, Sam“, sagte sie dann. „Ich bin sicher, dass Tony mittlerweile weiß, wie er sich dir gegenüber zu verhalten hat. Außerdem habt ihr euch gestern Nacht doch prima verstanden. Immerhin hat er dir sogar sein Sweatshirt geliehen. Das ist doch schon ein netter Anfang.“

Und zum Tierarzt hatte er mich auch gefahren. „Ich mach mir um ihn keine Sorgen.“ Nicht mehr. „Ich wollte nur nicht der Grund für einen ruinierten Mädchenabend sein. Lieber hol ich den Schlafsack gleich ab, dann braucht Tony später nicht extra rüberzukommen.“

„Er ist nicht da.“

„Hm?“

„Tony – er ist nicht zu Hause.“

„Woher weißt du das?“

„Fußballtraining bis sieben Uhr dreißig. Bleib locker, Sam. Er wird ihn dir schon bringen, wenn er heimkommt. Und es wird niemandem etwas ausmachen.“

Na schön. Wenn sie das sagte …

Wir gingen die Stufen zu Lizas Haus hoch, und Susan ließ uns beide hinein, als wohnte sie selbst hier. Sie dachte gar nicht daran, vorher zu klingeln. Ich blieb unsicher in der Tür stehen, doch sie packte eine Faust voll von meiner Kapuzenjacke und zog mich mit sich hinein. „Lizas Eltern sind heute Nacht nicht zu Hause, und sie hat gesagt, wir sollen einfach rauf in ihr Zimmer kommen, wenn wir da sind“, erklärte sie mir. „Ich glaub ich hab in den letzten paar Wochen mehr Zeit hier verbracht als in meinem eigenen Zimmer. Alles ist cool. Entspann dich.“

Ich folgte Susan die helle, hölzerne Treppe in den ersten Stock hinauf und in ein Zimmer auf der linken Seite des Flurs. Liza, Allie und Simone saßen auf dem breiten Bett und diskutierten gerade darüber, welchen Film wir als ersten ansehen sollten.

„Hallo zusammen“, sagte ich und winkte in die Runde.

Sofort sprang Liza auf und zog mir den Rucksack von den Schultern. „Gib mir das und mach’s dir gemütlich.“ Sie stellte ihn auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch, der tonnenweise mit Büchern und ein paar anderen Dingen überhäuft war. Hier konnte sie unmöglich ihre Hausaufgaben machen.

Ich sah mich um und beschloss augenblicklich, dass ich dieses Zimmer liebte. Unordentlich bis zum Gehtnichtmehr. Klamotten hingen über der Stuhllehne und anderen Einrichtungsgegenständen. Auf dem Boden lag alles Mögliche herum, wie eine Bürste, DVD-Hüllen und eine Flasche Orangensaft. Hier sah es mehr wie bei mir zu Hause aus, als irgendein Zimmer im Haus meiner Cousine. Ein Kleiderschrank und eine Kommode standen an der Wand neben der Tür. Darauf befand sich eine Stereoanlage und auf einem niedrigen Regal neben dem Schreibtisch stand ein breiter Flachbildfernseher.

Oh, Nicholas Hoult auf diesem Bildschirm – ich konnte es kaum erwarten.

Und ich hatte Glück. Allie und Simone teilten meine Vorliebe für diesen Film. Wir machten es uns alle auf dem Bett gemütlich, wobei wir aneinandergedrängt saßen wie Ölsardinen in der Dose. Zuvor hatten wir uns natürlich noch unsere Pyjamas angezogen. Allie, Liza und ich trugen Shorts und Tanktops, während Susan lange Flanellhosen mit einem Sweatshirt anhatte. Supermodel Simone musste uns mit ihrem langen, silberglänzenden Satinnachthemd natürlich alle in den Schatten stellen. Bequem sah das Teil allerdings nicht aus. Da waren mir meine legeren, wenn auch burschikosen Sachen zehnmal lieber.

Wir hatten bereits drei Riesenpizzen vernichtet und Nicholas schlang gerade seinen Arm um Teresa Palmer, da pfiff jemand laut unter Lizas offenem Fenster.

„Das ist für dich, Sam“, sagte Liza beiläufig. Alle konzentrierten sich starr weiter auf den Film.

Ich ebenso. Ich hatte sowieso keine Ahnung, was sie damit meinte. „Hm?“

Da griff Liza nach der Fernbedienung und hielt den Film mitten in Nicholas’ und Teresas Fall an.

Nein – nein! Nicht ausschalten. Jetzt kam doch gleich der Kuss … Und ich wollte den Kuss auf jeden Fall noch sehen. Ah.

Zu spät.

„Dein Schlafsack ist da.“ Liza stand auf und ging zum Fenster, dann lehnte sie sich weit hinaus. „Hallo Jungs“, sagte sie mit deutlicher Überraschung.

„Seid ihr Mädels angezogen?“, erklang Ryans Stimme von unten – neckisch wie immer, wenn er mit seiner Freundin sprach.

„Klar. Aber ihr denkt besser gar nicht erst daran, hochzukommen.“ Ein Rascheln, als würde der Wind durch die Blätter eines Baumes fahren, drang plötzlich von draußen herein. Liza verschlug es für einen kurzen Moment die Sprache. „Halt. Ihr dürft hier nicht rauf! Das ist gegen die Regeln“, protestierte sie dann mit gespieltem Ernst und wich vom Fenster zurück. Sie drehte sich zu uns um. „Tut mir leid, Mädels. Ich hoffe ihr habt nichts dagegen, dass die Jungs für einen Augenblick reinkommen.“

Die Jungs? Ich zog meine Beine an und umschlang sie mit den Armen. In meinem kurzen Pyjama fühlte ich mich etwas unwohl bei dem Gedanken, darin von den männlichen Mitgliedern der Clique gesehen zu werden.

„Ist Sasha auch da?“, flüsterte Allie auf einmal ganz aufgeregt.

„Ich hab ihn im Dunkeln nicht erkennen können“, murmelte Liza leise. „Aber es sind einige.“

Ryan kletterte als Erster durchs Fenster. Während er Liza von hinten umarmte und sie auf den Hals küsste, folgten auch Tony, Nick, Alex und sogar Sasha Torres. Das Zimmer war auf einmal total überfüllt und lautes Geplapper brach aus.

Tony kam zu mir ans Bett und warf mir ein rotes Bündel zu. Ich fing den Schlafsack auf und behielt ihn, nun im Schneidersitz sitzend, in meinem Schoß. „Danke.“

Er nickte nur kurz. Dann streifte sein Blick über den Verband an meinem Schienbein. „Sexy Socken, Summers. Wie geht’s der Wunde?“

Meine Zehen rollten sich ein. „Keine Schmerzen, kein Humpeln mehr. Ich schätze, ich bin über den Berg.“

Er lächelte und dieses Lächeln war … wow … süß genug, um meine Aufmerksamkeit für ein paar Sekunden an sich zu fesseln.

„Dir ist schon klar“, sagte Liza zu Tony, „dass du den Schlafsack auch vor der Tür hättest deponieren können. Kein Grund, das halbe Fußballteam als Lieferservice hier raufzuschleppen.“

Tony drehte sich zu ihr um. Sein Lächeln wurde zu einem lüsternen Grinsen, als sein Blick an Lizas Körper rauf und wieder runter glitt. Er zog sie unverblümt mit den Augen aus. „Beschwer dich lieber bei deinem Freund, hübsches Mädchen. Er war derjenige, der vor zehn Minuten bei mir auf der Matte stand und mich mit rüber geschleppt hat.“

Ich konnte mir nicht erklären, wieso, doch angesichts der unübersehbaren Anziehung, die Liza auf Tony hatte, sackten meine Mundwinkel gerade stark nach unten ab. Ryan gefiel die Sache offenbar genauso wenig.

„Halt dich zurück, Mitchell“, warnte er Tony mit einem scherzhaften Tonfall und schob Liza dabei hinter sich, um sie vor Tony zu verstecken. „Sie gehört mir.“

Liza kicherte, als Ryan den Beschützer mimte. Sie war das Geplänkel zwischen den Jungs und Tonys Anmachversuche sicher schon gewohnt. Ich leider nicht. Scheiße noch mal, Tonys Flirterei versetzte mir gerade einen Stich ins Herz, der mich mehr nervte, als Warm Bodies nicht weiter anschauen zu können. Woher kam das denn auf einmal?

Das war doch zu blöd.

Ich warf meinen Schlafsack beiseite, kletterte über Susans ausgestreckte Beine und ging ins Badezimmer. Ich war zwar erst vor einer halben Stunde auf der Toilette gewesen, aber im Moment brauchte ich einfach eine Minute für mich allein, um dieses dumme Gefühl loszuwerden. War ich etwa eifersüchtig auf Liza? Das konnte doch gar nicht sein. Nie im Leben wegen Anthony Mitchell!

Mit verbissenem Gesicht sah ich mir im Spiegel selbst in die Augen. „Du. Bist. Verrückt.“

Ja, das war ich wirklich. Wann um Himmels willen hatte ich denn Gefühle für diesen Saftsack entwickelt? Er war überhaupt nicht mein Typ. Oder vielleicht ein kleines bisschen, denn eigentlich verfiel ich ja immer den großen Blonden mit den hübschen blauen Augen …

Aber heute Nacht durfte das einfach nicht passieren.

Ich schluckte und mein Hals fühlte sich kratzig und trocken an. Als ich dann wenige Sekunden später die Tür öffnen wollte, konnte ich es einfach nicht. Meine Hände schwitzten. Bei dem Gedanken an meine Shorts und die peinlichen rosa Baumwollsocken zog sich in mir alles zusammen. Was für ein Desaster? Warum konnte ich nicht lange Flanellpyjamahosen tragen, so wie Susan? Oder wenigstens ein hübsches Nachthemd wie das von Simone? Sie versank vor Alex im Moment ganz bestimmt nicht vor Scham.

Ich drehte mich um und ließ mich mit dem Rücken gegen die Tür fallen. Reiß. Dich. Zusammen! Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um in Panik auszubrechen. Und wahrscheinlich hatte ich mich sowieso geirrt. Der Stich in meiner Brust kam nur von meinem vollen Magen. Oder daher, dass Liza die ganze Aufmerksamkeit im Raum auf sich zog und ich mal wieder leer ausging. Ja, das musste es sein und ganz bestimmt nicht dumme Schwärmerei für einen Mistkerl.

Haha, lachte eine innere Stimme mich aus. In welchem Universum wärst du jemals scharf auf Aufmerksamkeit?

Ich sagte meiner inneren Stimme, wo sie sich ihre Weisheit hinschieben konnte, und zog energisch die Tür auf. Mit knirschenden Backenzähnen kehrte ich zurück in Lizas Zimmer. Alle Jungs und Mädchen hatten es sich im ganzen Raum verstreut gemütlich gemacht; Susan und Allie lümmelten immer noch auf dem Bett herum, Liza saß bequem auf Ryans Schoß, der auf dem Schreibtischstuhl Platz genommen hatte, Alex und Simone kuschelten auf dem Fußboden miteinander und Nick, Sasha und Tony stritten sich in der Ecke um die Fernbedienung für die Stereoanlage.

Damit war der Mädelsabend wohl offiziell zu Ende. Na wie schön …

Kapitel 14

 

Samantha

 

 

ICH ROLLTE MEINEN Schlafsack auseinander, breitete ihn vor dem Fußende des Bettes aus und machte es mir im Schneidersitz gemütlich. Es dauerte nicht lange, da setzte sich Nick neben mich auf den Schlafsack.

„Hey, Finnenmädel“, sagte er und stieß mich dabei mit seiner Schulter an. „Wieso hast du dich heute so still und heimlich aus dem Staub gemacht? Du hast den ganzen Spaß verpasst.“

„War keine Absicht. Ryan hat darauf bestanden, dass mich sein Vater zusammenflickt. Der hat mir die Wunde von innen heraus ausgebrannt.“ Oder so ähnlich. Bei der grausamen Erinnerung verzog ich das Gesicht. „Da wäre ich wirklich lieber bei euch geblieben.“

Jemand sank auf meiner anderen Seite auf den Boden. Ich drehte mich um und fand überraschenderweise Tony neben mir. Gott sei Dank konnte ich ihm in die Augen blicken ohne das plötzliche Bedürfnis, mich ihm an den Hals zu werfen. Offenbar hatte ich mich vorhin doch geirrt. Tony übte keinerlei magische Anziehung auf mich aus. Alles war im grünen Bereich. Ich entspannte mich wieder.

„Du hättest die Kleine heute Morgen mal fluchen hören sollen“, verriet mich Tony an Nick. „Ich schwöre, so etwas hab ich bis jetzt noch nicht gehört.“ Er lehnte sich weiter zu mir herüber und flüsterte spitzbübisch: „Jedenfalls nicht aus dem Mund eines Mädchens.“

Ein kleines Lächeln schlich sich auf meine Lippen. „Das hab ich mir gedacht. Ich leide Höllenqualen und du findest das lustig.“

„Ganz und gar nicht!“ Er biss sich ein wenig zu auffällig auf die Unterlippe und versuchte, sich ein Grinsen zu verkneifen. „Ich hab voll mit dir mitgelitten. Besonders, als du wie ein armseliger, kleiner Welpe in der Ecke gesessen hast. Ich hatte schon Angst, du würdest gleich nach meiner Hand schnappen.“ Am Ende des Satzes lachte er bereits so laut, dass ich den Drang verspürte, etwas dagegen zu unternehmen; zum Beispiel ihm ein Kissen in den Hals zu stopfen.

Aber seine fröhliche Laune war ansteckend und so kicherte ich bald mit, obwohl ich dabei versuchte, ihn mit meinem fiesesten Blick zum Schweigen zu bringen. „Ich hasse dich.“

Tonys Lachen versiegte und er setzte stattdessen ein cooles Grinsen auf. „Wen stört’s?“ Doch sein Blick war dabei warm und freundlich. Hätte ich es ernst gemeint, hätte es ihm sehr wohl etwas ausgemacht. Doch das tat ich nicht – jedenfalls nicht mehr – und Tony war zweifellos glücklich darüber. In diesem Augenblick bekam ich ein seltsam flauschiges Gefühl im Bauch, wie kleine pelzige Schmetterlinge, die mich mit ihren Flügeln kitzelten.

Plötzlich ertönte im Zimmer laute Musik und riss uns beide aus diesem intimen Moment. Das Lied war ein Remix eines alten italienischen Liedes. Sasha, der vorhin den Kampf um die Fernbedienung gewonnen hatte, machte es sich nun ebenfalls auf dem Fußboden bequem. Nach ein paar Takten sprang er zum nächsten Lied vor und dann noch einmal weiter zum nächsten. Er machte das so oft, bis Susan die Geduld verlor, sich vom Bett herunterbeugte und Sasha die Fernbedienung aus der Hand zog.

„Wenn ihr bleiben wollt“, warnte sie die Jungs, „dann haltet ihr euch besser an unsere Regeln. Wir bestimmen heute Abend, was läuft.“

„Ach, und was wird so alles laufen, Bücherwurm?“, neckte Ryan sie. Dabei streichelte er zärtlich Lizas Arm rauf und runter.

„Nick küsst Teresa. Das wird laufen“, mischte ich mich ein und grinste dabei über meine Schulter zu Susan hoch.

„Ich werde wen küssen?“, fragte Nick völlig überrascht, doch der Idee an sich, jemanden zu küssen, ganz und gar nicht abgeneigt.

Alle Mädchen im Zimmer begannen zu lachen. „Du doch nicht, Dummerchen“, sagte ich. „Nicholas Hoult. Ihr Jungs seid gerade vor der besten Szene des ganzen Films reingeplatzt.“

Susan ließ die DVD weiterlaufen. Nicholas und Teresa tauchten gerade wieder aus dem Wasserpool auf. Da machte Tony neben mir ein langes Gesicht. „Bäh, ein Filmkuss? Das macht ihr Mädels, wenn ihr alleine seid? Ihr seht euch solchen Schwachsinn an?“

„Darauf haben wir die ganze Woche gewartet“, flüsterte ich und blickte Tony scharf aus dem Augenwinkel an. „Also sei um Himmels willen leise.“

Er stieß ein übertrieben lautes Stöhnen aus und sackte trotzig mit dem Rücken gegen das Bett. Ich beachtete ihn gar nicht, denn in diesem Moment seufzten die anderen vier Mädchen und ich laut auf, als Nicht-mehr-Zombi-Nick endlich seine Liebste küssen durfte.

Das einzige Problem an der Sache war, dass ich gerade nicht Nicholas und Teresa auf dem Bildschirm sah, sondern mir vorstellte, das Liebespaar wären Tony und ich. Mit Entsetzen fuhr ich hoch und saß plötzlich kerzengerade da. Verdammt, so sollte das aber nicht laufen.

Ich neigte meinen Kopf leicht zur Seite und funkelte Tony, der ja eigentlich gar nichts dafür konnte, finster an. Seltsamerweise war sein Blick ebenfalls auf mich gerichtet. Keine Ahnung, was ihm gerade für Gedanken durch den Kopf schossen, aber wir sahen uns ungewöhnlich lange in die Augen. Ganz langsam zog er eine Augenbraue hoch.

Ich schmunzelte daraufhin und schüttelte unmerklich den Kopf, dann drehte ich mich wieder nach vorne. Am besten konzentrierte ich mich schnell wieder auf etwas anderes, denn dieses aufkeimende Schmetterlingsgefühl in meinem Bauch machte mich fertig.

Als ich die Clique kennenlernte, war ich mir sicher gewesen, falls ich je für einen der Jungs schwärmen würde, wäre das Nick Frederickson, denn er war wirklich ein total lieber Kerl. Aber Tony? Der Junge, der mir von Anfang an nicht eine Minute Verschnaufpause gegönnt hatte? Ich konnte – nein, ich wollte – einfach nicht zulassen, dass ich ernsthafte Gefühle für ihn entwickelte.

Ich sackte wie die beiden anderen links und rechts neben mir zurück gegen die Bettkante und verschränkte mürrisch die Arme vor der Brust. Dabei starrte ich stur geradeaus auf den Fernseher.

Trotzdem konnte ich ihn spüren – Tonys Blick, der immer noch auf mir ruhte. Mein Herz begann etwas lauter zu klopfen. Bitte, bitte nicht, flehte ich. Das darf nicht sein!

Bis der Film zu Ende war, zuckte ich nicht einmal mit der Wimper. Doch als endlich der Abspann lief, stand ich auf und warf mich neben Susan aufs Bett. Jeder Platz war mir recht, solange ich nur weit weg von Anthony Mitchell war. „Mann, das war ja vielleicht ein heißer Kuss“, schwärmte ich und fächerte mir dabei mit einer alten Glückwunschkarte von Lizas Nachtkästchen kühle Luft ins Gesicht. Natürlich war es nicht wirklich der Filmkuss, der mich so aufgewühlt hatte, doch das musste ja keiner wissen.

„Ja, total heiß“, pflichtete mir Simone bei. „Hat sonst noch jemand Lust auf Eiscreme? Ich denke, die brauchen wir jetzt, Liza.“

„Gute Idee.“ Liza erhob sich vom Schoß ihres Freundes und wir alle folgten ihr hinunter in die Küche, wo wir uns um den rechteckigen Tisch herum versammelten. Sie verteilte Vanille- und Erdbeereis an alle.

Ich hatte mich auf den Stuhl gepflanzt, der am weitesten von Tony weg war – nur um sicher zu gehen. Allerdings konnte ich nicht anders und musste ständig im Geheimen einen Blick zu ihm rüberwerfen. Tony erwiderte keinen davon. Nicht einen einzigen. Er war völlig vertieft in seine Schüssel mit Eiscreme und in eine Unterhaltung mit Alex Winter über ein neues Videospiel, das GTA oder so ähnlich hieß. Nach einer Weile sah auch ich nicht mehr zu ihm rüber und mischte mich stattdessen in eine heiße Diskussion zwischen den Mädels ein. Es ging darum, welche dunkle Fantasiegestalt die reizvollste war. Vampire, Werwölfe oder Dämonen.

Als ob es da je einen Zweifel geben könnte. „Vampire, selbstverständlich“, erklärte ich entschieden. „Sieht sich von euch denn niemand The Vampire Diaries an?“ Wenn es auf der Welt einen heißeren Typen gab als Nicholas Hoult, dann war das Joseph Morgan. Blondes Haar, blaue Augen … einfach zum Dahinschmelzen. Aber vielleicht ging das auch nur mir allein so.

„Ist das dein Ernst, Summers? Vampire? Ich dachte, du würdest eher auf die kleineren Jungs abfahren. Du weißt schon, auf einen der sieben …“, rief Tony quer über den Tisch und überraschte mich mit einem neckischen Lächeln.

Ich runzelte die Stirn. „Einer der sieben …?“ Was meinte er denn damit?

„Zwerge“, formte er mit dem Mund und zwinkerte mir dabei zu.

Da schnappte ich mir ein Waffelröllchen aus der Packung, die in der Mitte auf dem Tisch lag, und warf es ihm an den Kopf. Er duckte sich allerdings, bevor ihn das Ding im Auge getroffen hätte. Es war schon verblüffend, wie einfach ich ihn die letzten beiden Tage davonkommen ließ, wenn er mich mit meiner Körpergröße aufzog. Andererseits klangen seine Anspielungen auch nicht mehr beleidigend. Nie hätte ich gedacht, dass mir ein Geplänkel mit Tony jemals Spaß machen würde. Obwohl er dafür trotzdem einen Tritt gegen sein Schienbein verdient hätte.

„Sag schon, Summers! Welcher der sexy Zwerge hat es dir angetan? Schlafmütze oder Brummbär?“

Alle lachten. Sogar ich. Aber durchgehen lassen konnte ich es ihm trotzdem nicht. „Komm her, und ich geb dir einen Brummbär.“ Ich sprang von meinem Stuhl auf und rannte um den Tisch herum, doch ehe ich ihn erreichen konnte, war Tony bereits ins Wohnzimmer geflüchtet.

Elegant sprang er über die L-förmige Ledercouch und drehte sich zu mir um. Ich blieb vor dem Couchtisch stehen. Mit der Barriere zwischen uns hatte ich so gut wie keine Chance.

„Was ist los? Hast du plötzlich Angst vor einem Zwerg?“, fragte ich und machte dann einen Satz auf die Couch und über die Lehne. Der Schmerz in meinem Bein war dabei Gott sei Dank erträglich. Tony war zur Seite gesprungen und außer Reichweite, bevor ich überhaupt wieder festen Boden unter den Füßen hatte.

Was machte ich hier überhaupt? Tony nachzujagen hatte doch gar keinen Sinn. Er war größer, schneller, wendiger und schien jede meiner Bewegungen schon im Voraus zu erahnen. Selbst wenn ich ihn erwischen würde, was sollte ich schon mit ihm anstellen? Ihn auf die Knie zwingen und eine Entschuldigung aus ihm herauskitzeln?

Na ja, einen Versuch wäre es immerhin wert.

Tony bemerkte mein Zögern und fing plötzlich an, Heigh-Ho, das Lied der Zwerge aus Schneewittchen, zu singen. Ohne lange nachzudenken, machte ich einen Satz vorwärts, warf Tony über die Lehne auf die Couch und landete bäuchlings auf ihm.

Seine Arme um mich geschlungen, blickte er mir mit offenkundiger Überraschung ins Gesicht. In der nächsten Sekunde begann sein ganzer Körper vor Lachen zu beben. „Flink, die Kleine“, stieß er beeindruckt hervor.

Ich kämpfte mich aus seiner Umarmung frei, konnte ihn dann aber weder kitzeln noch kneifen, da er meine Handgelenke schon im nächsten Moment wieder festhielt und meine Arme weit auseinander streckte. Mit gegrätschten Beinen kniete ich über Tonys Hüften – eine äußerst peinliche Stellung –, völlig hilflos und leicht außer Atem.

„Na, wie geht jetzt dein brillianter Plan weiter, Summers?“ Ohne Zweifel genoss er meine Machtlosigkeit. „Es braucht schon zwei von deiner Größe, um mich zu überwältigen.“

„Wart’s nur ab“, grollte ich zuversichtlich. „Ich komm schon frei!“ Mit aller Kraft wehrte ich mich gegen seinen stählernen Griff, doch es hatte keinen Sinn. Alles, was ich damit erreichte, war, Tony noch mehr zum Lachen zu bringen.

„Kann mir mal einer helfen? Ich werde hier von einem Zwerg attackiert!“, rief Tony und bog dabei seinen Kopf nach hinten in Richtung Durchgang zur Küche.

Ich krallte meine Finger ein wie eine wilde Katze, vergebens. Tonys Griff war zwar gefühlvoll, doch fest genug, um mich ohne Probleme in Schach zu halten.

Nick und Ryan spazierten im nächsten Moment zur Tür herein. Beide verkniffen sich ein Grinsen, als sie sahen, wie ich mich hier mit ihrem Freund abmühte. „Na, habt ihr Spaß, Kinder?“, veralberte uns Ryan. Schließlich kam aber Nick zu uns herüber, legte seinen Arm um meine Taille und hob mich mühelos von Tony runter.

Ich kreischte, ich lachte und ich prustete. Dann verfluchte ich jeden von ihnen unbekümmert, weil sie alle unter einer Decke steckten. Ich war doch nur ein hilfloser Zwerg. Das war unfair. Nick hielt mich fest, bis Tony sich aufsetzen konnte und sich mit einer Hand durchs Haar strich.

„An deiner Stelle würde ich heute Nacht lieber nicht einschlafen, Mitchell. Ich weiß, wo du wohnst!“, brummte ich. Im nächsten Moment war die Drohung vergessen, als Nick mir im Eifer des Gefechts mit der Hand über den Bauch strich und das Piercing unter meinem Shirt fühlte.

„Was ist denn das?“, rief er neugierig und zog mir ohne Vorwarnung das Tanktop hoch bis zu den Rippen. Dabei beugte er sich über meine Schulter und warf einen Blick auf den Stecker in meinem Bauchnabel.

„Hey!“ Empört schnappte ich nach Luft und wand mich frei. Das Shirt zog ich dabei schnell wieder nach unten. Ich hätte es ihm zweifellos gezeigt, wenn er mich gefragt hätte, aber mich vor Tony und Ryan auszuziehen war wirklich nicht die feine Art. Gott sei Dank hatte er das Top nicht noch weiter rauf geschoben, denn üblicherweise trug ich beim Schlafen nichts drunter.

Tony neigte seinen Kopf leicht schief und wirkte beeindruckt. „Nett.“

„Voll krass“, sagte Nick. „Hat das Stechen wehgetan?“

Ja, hatte es. Aber im Vergleich zu den Schmerzen heute Morgen hatte sich das Piercen angefühlt wie ein Mückenstich. Mit schmalen Lippen nickte ich kurz.

Ryan hielt sich am Türrahmen fest und lehnte sich um die Ecke. „Hey, Baby, Sam hat ein Bauchnabelpiercing.“

„Ich weiß“, antwortete Liza aus der Küche. „Ich hab’s beim Cheerleadertraining gesehen. Sieht gut aus, nicht?“

„Absolut. Kann ich mir jetzt auch die Augenbraue piercen lassen?“

„Oh nein, denk gar nicht erst daran.“

„Meine Lippe?“

„Na-hein!“

„Dann vielleicht eine Brustwarze?“ Er sah einfach nur süß aus, wie er in unsere Richtung mit den Augenbrauen wackelte.

„Auf gar keinen Fall!“, schallte es von nebenan. Das war das resolute Ende der Diskussion. Es hatte ganz den Anschein, als ob die beiden heute nicht zum ersten Mal über diese Angelegenheit verhandelten.

„Frauen“, brummte Ryan und sank enttäuscht auf die Couch. „Die finden alles cool, solange es nicht um ihren eigenen Freund geht.“

„Ich weiß nicht.“ Ich zuckte mit den Schultern und setzte mich auf die Armlehne der Couch, mit meinen Füßen auf der Sitzfläche. „Mein Freund sollte unbedingt ein Brustwarzenpiercing haben. Sieht doch toll aus.“

Da kroch ein Lächeln auf Ryans Gesicht. „Baby –“

„Nein, Hunter!“, würgte Liza ihn ab. Dann kam auch sie ins Wohnzimmer, stellte sich hinter ihn und massierte seine Schultern. „Ich mag deine Brustwarzen so, wie sie sind. Ohne Löcher und Metall darin.“

Ryan fasste sie am Handgelenk und zog sie über seine Schulter auf seinen Schoß, wobei sie kicherte wie ein kleines Mädchen. Die Arme um sie geschlungen, flüsterte er ihr dann etwas ins Ohr. Noch bevor er damit fertig war, lief Liza knallrot an und versteckte ein Grinsen in der Beuge seines Nackens. Ryan biss ihr zärtlich ins Ohrläppchen und knurrte dabei lüstern. Die beiden waren mit Abstand das süßeste Paar, das ich kannte.

Kurz darauf fanden sich auch die anderen im Wohnzimmer ein. Bis auf Alex und Simone, die es sich auf dem flauschigen Angorateppich vor dem kleinen Tischchen gemütlich machten, quetschten sich alle auf die Couch.

„Was ist euer Plan für den Rest des Abends, Bücherwurm?“, wandte sich Ryan an Susan und schielte dabei an Liza vorbei.

„Ich weiß was“, kam ihr Tony zuvor. „Wir könnten doch Strip-Poker spielen … und dabei deine sexy Socken loswerden, Summers.“ Er hakte seinen Zeigefinger unter dem elastischen Band meiner linken Socke ein und zog vorsichtig daran. Dabei grinste er hämisch.

Ich schlug seine Hand von meinem Bein weg, doch das Gefühl, wie er gerade über die empfindliche Stelle hinter meinem Fußknöchel gestreichelt hatte, hielt weiter an, auch nachdem er seine Finger weggezogen hatte.

„Es sollte eigentlich eine Blockbusternacht sein“, erklärte Susan den männlichen Eindringlingen. „Hat jemand einen Vorschlag, was wir uns als Nächstes anschauen sollen?“

Allies Vorschlag war Twilight.

Die Jungs zeigten sofort mit den Daumen nach unten und machten angewiderte Gesichter.

„Na schön, dann vielleicht Titanic?“, brachte Susan vor.

„Oh, bitte. Ihr erwartet doch nicht von uns, dass wir uns wirklich diese Schnulzen mit euch reinziehen“, protestierte Alex und die anderen stärkten ihm den Rücken.

Simone setzte sich auf und nahm ihren Freund scherzhaft in die Mangel. „Entschuldige mal, aber das ist nicht eure Nacht. Ihr könnt froh sein, dass wir euch überhaupt reingelassen haben.“

Alex verdrehte die Augen und zog Simone fester an sich. „Wie wäre es denn mit einem Kompromiss? Liebesgeflüster und Aktion?“

Wir alle überlegten kurz. Die Idee war gar nicht mal schlecht.

„Fällt jemandem so ein Film ein?“, fragte Liza.

Tony und ich sagten gleichzeitig: „Avatar.“ Ich sah zu ihm von der Armlehne aus runter und er lächelte zurück.

Am Ende war jeder mit unserem Vorschlag einverstanden. Wir beschlossen, im Wohnzimmer weiter zu schauen, da hier viel mehr Platz war, als in Lizas Zimmer. Liza lief nur rasch nach oben, um die DVD zu holen. Währenddessen rutschte ich von der Armlehne und sank neben Tony auf den einzigen noch freien Platz.

Er lehnte sich etwas weiter zu mir herüber und flüsterte: „Grauenhafter Geschmack, was Socken angeht, Summers, aber in Sachen Filme steh ich voll hinter dir.“

Meine Wangen wurden heiß, weil er meine Socken einfach nicht in Ruhe lassen wollte. „Ich kann’s nicht ändern“, gestand ich ebenso leise. „Ich find’s in Kalifornien eben immer noch schweinekalt.“

„Das seh ich. Du hast eine Gänsehaut.“ Mit dem Fingerrücken strich er mir einmal langsam den Oberarm rauf und runter.

Ich war vor Überraschung wie paralysiert. Tony bemerkte meine Reaktion auf ihn. Er nahm seine Hand wieder weg und räusperte sich. Dabei sah er verwundert auf seine eigenen Finger. Dann wechselte er das Thema. „Wie kommst du mit den Zeichnungen für AVE voran?“

„Ganz gut. Vier sind schon fertig und heute habe ich mit der letzten begonnen.“

Sein erstaunter Blick schoss zu mir herüber. „Du bist ja echt schnell. Welches Thema fehlt dir noch?“

„Geschwindigkeit. Ursprünglich wollte ich ein galoppierendes Pferd zeichnen.“ Bei der Erinnerung an die vielen Entwürfe, die heute im Müll gelandet waren, machte ich ein langes Gesicht.

„Aber?“

„Aber … es ist gar nicht so leicht. Es fällt mir schwer, Dinge ohne lebendige Vorlage zu zeichnen. Wird wohl noch ein paar Tage dauern, bis ich mit diesem Projekt fertig bin.“

Tony überdachte meine Antwort einen Moment, doch er sagte nichts mehr darauf, denn Liza kam gerade zurück und legte die DVD ein. Als jemand das Licht ausmachte, wurden alle still.

Ich rutschte tiefer in die Couch – wobei ich, wie die meisten anderen auch, meine Füße auf den niedrigen Tisch vor uns legte, – und sah zu, wie zwei blaue Wesen intim miteinander wurden. Dabei war ich in eine angenehm duftende Wolke aus Tonys Duschgel oder Aftershave eingehüllt. Ich nahm ein paar tiefe Atemzüge, entspannte mich und stellte nur allzu bald fest, dass ich dieses blöde Nickerchen am Nachmittag wohl doch lieber hätte machen sollen.

Immer wieder fielen mir die Augen zu. Ich musste richtig mühevoll darum kämpfen, sie offen zu halten. Verflixt, in einem Zimmer voll mit Klassenkameraden wollte ich echt nicht die Erste sein, die einpennte. Das wäre so peinlich. Besonders mit Tony neben mir. Was wäre, wenn ich plötzlich im Schlaf reden würde?

Was, wenn ich schnarchte?

Ich musste mich unbedingt wach halten und den Film überstehen.

Aber der Schlafmangel von letzter Nacht holte mich schnell ein und am Ende verlor ich den erbitterten Kampf.

 

*

 

Jemand zog sanft an meinem Haar. „Sam, komm schon, wach auf.“

Tonys sanfte Stimme holte mich aus einem Traum, in dem ich mich in eine blaue Na’vi verwandelt hatte und der Präsident der Vereinigten Staaten nun hinter mir her war, weil er mich in einen Zoo für exotische Lebensformen stecken wollte. Mein Kopf schnellte hoch und stieß gegen etwas … Hartes. Der Schmerz vibrierte durch meinen Schädel, als hätte ich einen Hammerschlag abbekommen.

Ich lehnte mich zurück, rieb mir die pochende Stelle und öffnete nun auch endlich die Augen. Es dauerte eine Sekunde, bis ich wusste, wo ich war. Halb liegend, halb sitzend war ich zwischen Tony und der Armlehne eingeklemmt, mein Top war nach oben gewandert und mein Mundwinkel fühlte sich feucht an.

Alle standen auf und die Mädels verabschiedeten sich von ihren Freunden. Nur Tony blieb auf der Couch sitzen. Seine Füße lagen immer noch überkreuzt auf dem Tischchen vor uns. Die Augen fest zugekniffen, jammerte er und hielt sich dabei beide Hände über den Mund.

Ich hatte keine Ahnung, was hier gerade abging.

Erst nach einer halben Minute blickte Tony endlich zu mir. Er steckte sich einen Finger in den Mund und zog ihn wieder raus. Blut war auf seiner Fingerspitze. „Danke für die Kopfnuss. Wegen dir hab ich mir gerade auf die Zunge gebissen. Und das, nachdem ich dich den halben Film lang auf mir hab schlafen lassen und du auch noch mein Shirt ansabbern durftest.“

Mein Blick fiel auf den nassen Fleck auf seinem grünen T-Shirt. Immer noch schlaftrunken, wischte ich mir mit dem Handrücken über den Mund. Furchtbare Schamesröte stieg mir ins Gesicht und ich krächzte etwas heißer: „Tut mir leid.“

Tony gab nur ein mürrisches Knurren von sich. Ich konnte es ihm nicht verübeln. Dann stand er auf und folgte den anderen. „Jungs, wartet! Ich komme mit euch.“

Alle wünschten mir Gute Nacht und ich winkte kurz, bevor sie durch die Vordertür abdampften. Tony war der Einzige, der sich nicht noch einmal zu mir umdrehte. Ich hörte jedoch, wie er Liza eine gute Nacht wünschte. Dann war auch er verschwunden.

Im ganzen Haus war es plötzlich still. Todmüde freute ich mich darauf, endlich nach oben zu gehen und mich in meinen Schlafsack zu kuscheln. Doch stattdessen war ich auf einmal von Mädchen umzingelt, die mich alle höchst interessiert anstarrten.

„Was ist?“, fragte ich verwirrt, als sie mich zurück auf die Couch zogen und rund um mich herum Platz nahmen.

„Wir hatten ja seit gestern Nacht noch gar keine richtige Gelegenheit, uns in Ruhe zu unterhalten“, stichelte Simone.

„Doch, hatten wir. Als Susan und ich hergekommen sind.“

Allies strahlend weiße Zähne blitzten auf, als sie breit lächelte. „Wir haben über dein Bein geredet. Aber nicht über das Offensichtliche.“

„Und was bitte wäre das?“

„Du und Tony.“ Susan imitierte Allies Grinsen. „Seit dem Campingausflug haben sich die Dinge ziemlich verändert zwischen euch beiden.“

Ein ungutes Gefühl stieg in mir auf. „Ja … vielleicht hat sich die Situation etwas gedreht, na und?“

„Na und?“ Liza machte ein empörtes Gesicht, wobei ihre Augen weit aufgingen. „Also ich kenne nur ein einziges Mädchen, das außer dir beim Fernsehen noch auf seiner Brust einschlafen durfte.“

Brust? Ich dachte, es wäre seine Schulter gewesen. „Ich hab ihm vermutlich keine andere Wahl gelassen, als ich eingenickt und zur Seite gekippt bin.“

„Glaub mir, wenn er es nicht gewollt hätte, wäre es auch nicht dazu gekommen.“

Vielleicht hatte Liza damit sogar recht. Wie dem auch sei, ich war froh, dass er mich nicht weggestoßen hatte wie einen alten Hund mit Mundgeruch. Das wäre noch peinlicher gewesen als mein Sabber auf seinem Hemd.

„Und … war es schön, auf seiner Brust?“, wollte Susan wissen.

„Wie soll ich denn das wissen? Ich hab doch geschlafen.“ Um Himmels willen, konnten sie nicht endlich aufhören, mich auszuquetschen? Ich kam mir vor wie in einem Kreuzverhör.

„Weißt du, was ich denke?“, flüsterte Allie Simone zu, allerdings laut genug, dass wir alle es hörten. „Ich denke, Sam ist in Tony verknallt.“

„Ich denke, du hast recht“, pflichtete Simone ihr grinsend bei.

„Haltet die Klappe. Alle miteinander. Ich bin in gar niemanden verknallt. Und bestimmt nicht in Tony, diesen Schwachkopf. Außerdem ist es total fies, Informationen aus jemandem herauszukitzeln, der gerade erst aufgewacht ist.“ Ich stand auf und wartete mit einem auffordernden Ausdruck im Gesicht darauf, dass sie endlich mit mir nach oben gehen würden. Es war halb zwei Uhr morgens. Ich wollte endlich schlafen gehen.

Gott sei Dank hatten sie am Ende ein Einsehen und wir wanderten rauf in Lizas Zimmer. Jede von uns kroch in ihren Schlafsack, außer Liza, die natürlich das Bett bekam. Endlich … Ich seufzte tief und schloss die Augen. Doch schon zwei Minuten, nachdem wir das Licht ausgemacht hatten, flüsterte Liza im Dunkeln: „Willst du wissen, was ich denke, Sam?“

Nein! Vielleicht. Na gut, ja, ich wollte es wissen.

„Ich denke, Tony mag dich wirklich.“

 

 

Kapitel 15

 

Samantha

 

 

NACH LIZAS LETZTEN Worten konnte ich unmöglich einschlafen. Dachte sie ehrlich, dass Tony mich mochte? Wenn man den anderen glauben konnte, war sie diejenige, die ihn von allen am besten kannte. Vielleicht hatte sie also recht?

Doch die andere und weitaus wichtigere Frage war doch: Wollte ich, dass Tony mich mochte?

Ein Nein hätte wie aus der Pistole geschossen kommen sollen. Leider tat es das nicht, was mich ein wenig nervös machte. Was wäre, wenn die Antwort darauf tatsächlich ein Ja war? Es würde bedeuten, dass ich auf dem besten Weg war, mich in Tony zu verlieben. Ernsthaft – und ohne ein Zurück.

Alles würde noch viel komplizierter werden.

Ich weigerte mich, die ganze Nacht darüber zu grübeln, also begann ich irgendwann, in meinen Gedanken ein Lied zu singen, um mich selbst abzulenken. Es war schon lustig; das erste Lied, das mir in den Sinn kam, war Heigh-Ho aus Schneewittchen.

Gut gemacht, Sam.

Doch zumindest erfüllte es seinen Zweck und ich nickte irgendwann ein.

 

*

 

Der nächste Morgen mit den Mädchen war entspannt und friedvoll. Das Frühstück dehnte sich bis zum Mittagessen aus. Gott sei Dank brachte keine von ihnen mehr das Thema Anthony Mitchell auf. Stattdessen hatten wir einen Heidenspaß, als wir Allie ausfragten, was gestern beim Anschauen von Avatar zwischen ihr und Sasha gelaufen war. Die beiden hatten sich – lange, nachdem ich eingeschlafen war – offenbar liebevoll aneinander gekuschelt. Susan schlug dann vor, wir sollten einen Fragebogen irgendeines Dating-Services herunterladen, den Allie Sasha am Montag in der Schule geben konnte. Schließlich mussten wir doch herausfinden, ob die beiden auch wirklich zueinanderpassten.

Es war bereits früher Nachmittag, als wir unsere Sachen packten und Susan mich nach Hause fuhr. Jack begrüßte mich in der Eingangshalle. Er war wohl etwas in Eile, denn er versuchte gerade, gleichzeitig in seine Schuhe zu schlüpfen, seine Jacke anzuziehen und Geld aus seinem Portemonnaie zu zücken.

Er gab mir zwei Hunderter, die aussahen, als wären sie gerade frisch aus dem Druck gekommen. „Gibst du das bitte deiner Tante, wenn sie nach Hause kommt?“ Die lederne Geldbörse schob er wieder in die Innentasche seiner Jacke. „Ich muss dringend zu einem Meeting in der Kanzlei und werde vermutlich nicht vor dem Essen zurück sein. Das Geld ist für Jab Jenkins.“

„Den Gärtner?“

„Ja. Für seine Überstunden letzte Woche. Er wird es heute Nachmittag abholen. Pamela sollte eigentlich gleich zu Hause sein.“

Er war schon beinahe zur Tür raus, als ich ihm noch nachrief: „Wo ist Pam?“

„Mittag essen in der Stadt mit Jessie Hunter!“

Die Tür knallte hinter ihm zu und ich war alleine in dem großen Haus. Na ja, fast. Chloe hämmerte kurze Zeit später an meine Zimmertür und beschwerte sich, dass sie bei der lauten Musik, die ich zum Tanzen aufgedreht hatte, ihren Kater nicht ausschlafen könne.

Ich konnte ihre rabenschwarzen Haare zwar immer noch nicht ansehen, ohne dabei mit den Zähnen zu knirschen, doch ihren Wunsch respektierte ich. Es war schließlich ihr Haus, nicht meins. Zeichnen sollte leise genug sein, um die Prinzessin weiterschlafen zu lassen, also machte ich mich wieder an das Projekt für AVE. Doch heute gelang es mir noch weniger als gestern. Total frustriert stapfte ich schließlich in die Küche, um mir ein Sandwich zu schmieren.

Pam war bereits zu Hause und im Wohnzimmer, als ich unten ankam. Und sieh mal einer an, auch der Schönheitsschlaf meiner Cousine war zu Ende. Chloe sah fern, während Pam versuchte, den weiten Fenstern neue Vorhänge anzupassen. Ich zog die zweihundert Dollar aus meiner Hosentasche und gab sie Pam zusammen mit Jacks Anweisungen.

„Oh.“ Meine Tante machte ein langes Gesicht. „Jabbadiah hat vor fünf Minuten angerufen. Seine Frau ist krank und er wird es heute wohl nicht mehr schaffen, vorbeizukommen.“ Sie suchte in der Eingangshalle nach ihrer Handtasche und steckte das Geld weg. „Ich werd’s ihm nächste Woche geben.“

Was auch immer. Ich lief in die Küche und lud mir aus dem Kühlschrank alles Mögliche an Essen in die Arme. Das Zeug stellte ich dann auf dem Tresen ab. Nachdem ich zwei Truthahnsandwiches verputzt hatte, wollte ich zurück in mein Zimmer gehen, doch vor der Treppe, die runter in Jacks Fitnessraum führte, machte ich Halt. Ich selbst hatte darin noch nie trainiert, doch früher hatten Chloe und ich oft dort gespielt. Die verschiedenen Geräte waren dabei unsere Schiffe oder Königskutschen gewesen.

Die schallsicheren Wände des Raumes brachten mich auf eine Idee.

„Pam!“, rief ich über meine Schulter. Als sie ihren Kopf zur Wohnzimmertür rausstreckte, fragte ich: „Denkst du, Jack hätte etwas dagegen, wenn ich unten im Fitnessraum ein wenig tanze?“

„Aber nein. Geh nur.“

Ich hastete nach oben, zog mir schwarze Shorts und ein lila Trägertop an, hüpfte in meine Sportschuhe und sauste wieder nach unten. Dabei griff ich mir noch schnell meinen iPod und eine Wasserflasche aus der Küche.

Das hauseigene Fitnessstudio befand sich im Kellergeschoß, und da das Grundstück leicht abschüssig war, hatte man dank einer weiten Fensterfront einen herrlichen Ausblick auf den Garten. Warmes Sonnenlicht durchflutete den Raum. Ich stöpselte den iPod an das hochmoderne Soundsystem, das an der Wand befestigt war und schob einige der leichteren Trainingsgeräte zur Seite. Die Hände in die Hüften gestemmt, drehte ich mich im Kreis und betrachtete mein umfunktioniertes Tanzstudio.

Perfekt.

Zum Aufwärmen machte ich ein paar Ballettübungen und suchte dann auf meiner Playlist nach ein paar lateinamerikanischen Liedern mit starkem, sprunghaften Beat, die wir damals in den Zumbastunden gehört hatten. Darunter war Ely-T, einer meiner Lieblingsinterpreten. Zu seinen Liedern konnte ich Aerobic und Salsa wunderbar verbinden.

Nach nur zehn Minuten war mein Körper in Schweiß gebadet. Für mich gab es fast nichts Schöneres. Auf diese Weise konnte ich mich endlich mal wieder so richtig gehen lassen. Musik, wenn sie denn den richtigen Rhythmus hatte, bewegte mich sozusagen ganz von allein. Dabei musste ich mich weder anstrengen noch über die Schritte nachdenken. Für eine Weile gab es nur mich und die Musik.

Ich tanzte vor der riesigen Glaswand und genoss dabei die warmen Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Mein Puls raste von diesem Work-out. Am Schluss des Liedes, das gerade spielte, kreuzte ich die Beine und machte eine schwungvolle Abschlussdrehung.

Dann kreischte ich und machte einen Satz zurück. „Was in Gottes Namen –?“

Tony lehnte lässig im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt. Er schien mich zu mustern. Die Frage war nur, wie lange er das schon tat. Für einen schrecklich langen Moment stand ich stocksteif mitten im Raum. Die laute Musik dröhnte plötzlich in meinen Ohren.

Was machte er denn hier? Ich wollte vor Scham am liebsten im Boden versinken. Gott sei Dank waren meine Wangen von der Anstrengung ohnehin schon glühend heiß, so konnte ich rot werden, ohne dass Tony es bemerkte.

Als ich es endlich schaffte, den Augenkontakt zu unterbrechen, ging ich zur Stereoanlage und drehte die Musik leiser. Mit einem Handtuch, das ich von einem Stapel auf dem Regal neben dem Fenster zog, wischte ich mir den Schweiß vom Gesicht und Dekolleté. Ich hielt mir das Handtuch einen Moment über Mund und Nase und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Erst als mir das einigermaßen gelang, fragte ich: „Wer hat dich hier reingelassen?“

Tony bewegte sich nicht weg von der Tür. Die ganze Zeit über verfolgte er mich nur mit seinen Augen. „Chloes Mom.“

„Und wie lange stehst du schon da?“

Ein Mundwinkel schob sich verschmitzt nach oben. „Du solltest dich beim Tanzen öfter mal umdrehen.“

In Zukunft würde ich diesen Rat ganz sicher beherzigen.

Ich nahm einen Schluck Mineralwasser aus der Flasche und setzte mich dabei auf eine Trainingsbank. „Also …?“, grollte ich dann.

Er richtete den Kragen seines kurzärmligen weißen Hemds und schob dann die Hände in die Hosentaschen. „Also was?“

„Also – gibt es auch einen Grund für deinen Besuch?“

Bei meinem scharfen Ton verlor Tony sein Grinsen und zog stattdessen die Augenbrauen tiefer. „Zum Fernsehschauen bin ich jedenfalls nicht gekommen.“

„Ach, was du nicht sagst“, murmelte ich langsam und leise. Na ja, das war schon irgendwie schade. Denn es könnte mir durchaus gefallen, mich noch einmal an seine Schulter zu kuscheln – wenn ich nicht gerade so unter Schock wegen seines Überraschungsbesuches stünde. „Weswegen bist du dann hier?“

Locker schlenderte Tony auf mich zu und stützte sich mit einem Arm auf Jacks aufgebockter Langhantelstange ab. „Kannst du schnell duschen und dann mit mir kommen?“

„Wieso? Hab ich wieder einen Termin beim Tierarzt?“

Das brachte ihn zum Schmunzeln. „Nein. Aber ich möchte dir gerne etwas zeigen.“

„Etwas?“ Ich runzelte neugierig die Stirn.

„Etwas Cooles. Es wird dir gefallen.“

„Woher willst du wissen, was mir gefallen könnte und was nicht?“

„Ach, ich hab da so eine Ahnung. Könntest du mir ausnahmsweise vertrauen und dich fertig machen? Bitte.“

„Geheimnisvoll und fordernd.“ Ich nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche. „Ich mach dir einen Vorschlag. Du sagst mir, wohin wir gehen, und ich überleg’s mir.“

„Nö, keine Chance. Es ist eine Überraschung.“

Mir gefiel nicht, wie er plötzlich grinste und das letzte Wort so mysteriös betonte. Doch er hatte zweifellos meine Neugier geweckt. Und ehrlich gesagt, je länger ich auf seinen Bizeps starrte, der unter seiner gebräunten Haut spielte, als er seinen Arm über die Stange hängen ließ, umso mehr wollte ich mit ihm gehen. Auch wenn es sich seltsam anfühlte, eine direkte Einladung von Tony zu bekommen. Genauso seltsam wie beim Tanzen von ihm beobachtet zu werden. „Ich mag keine Überraschungen“, erklärte ich ihm trocken.

Tony kam näher. „Jedes Mädchen mag Überraschungen.“

„Dann bin ich eben nicht jedes Mädchen.“

„Stimmt. Das bist du nicht.“ Er sagte das so sanft, als er vor mir in die Hocke ging, dass dabei die kleinen Härchen auf meinen Unterarmen zu kitzeln begannen. „Wir beide hatten einen echt beschissenen Start“, fuhr er leise fort. „Ich hab dich verletzt, jetzt möchte ich es wieder gutmachen. Lässt du mich?“

„Ich weiß nicht …“ Da war zwar dieser zynische Unterton in meiner Stimme, doch in Wahrheit war ich mir wirklich nicht so ganz sicher. Gestern nach dem Zelten war ich der Meinung gewesen, Tony und ich könnten wirklich gute Freunde werden. Wenn ich ihm jetzt in die Augen sah, schob mein Herz ein paar Extraschläge dazwischen. In den letzten beiden Tagen war so viel passiert – so viel hatte sich verändert –, dass ich mittlerweile gar nicht mehr wusste, was ich wirklich wollte und was nicht.

Als ob er meine Gedanken lesen könnte, neigte er seinen Kopf leicht zur Seite und zog die Brauen hoch. „Wovor genau hast du Angst, Sam?“

„Vor gar nichts“, antwortete ich. Viel zu schnell.

„Dann komm mit mir. Und falls dir das die Entscheidung erleichtert …“ Er lächelte, stand auf und legte eine Hand auf sein Herz. Die andere hielt er dabei hoch, als würde er gerade vor Gericht vereidigt. „Ich schwöre hiermit feierlich, dass ich keinen Scheiß mit dir vorhabe.“

Es gelang mir gerade noch, ein Lachen abzutöten, indem ich mir auf die Innenseite meiner Unterlippe biss. Dann seufzte ich überdramatisch auf. „Na schön.“ Ich erhob mich von der Trainingsbank und streckte ihm meinen Finger ins Gesicht. „Du hast dir hier besser etwas richtig Gutes einfallen lassen, sonst bist du am Arsch, Mitchell.“

Ohne Vorwarnung schnappte sich Tony meine Hand und zog mich zur Tür. „Du kannst mir später dafür danken. Jetzt komm. Wir sind spät dran.“

„Spät dran wofür?“

„Das wirst du schon noch früh genug sehen.“ Dann fügte er noch hinzu: „Bring deine Zeichensachen mit.“

Wie? Was? Ah! Der Kerl war bestimmt der räudige Sohn der Frustration. Ich befreite meine Hand aus seiner und schloss die Tür hinter uns, dann stiegen wir gemeinsam die Treppe hinauf.

Im Erdgeschoss angekommen, trafen wir auf Chloe, die gerade aus dem Wohnzimmer kam. Ihr Gesicht war bleich wie Asche und sie blieb wie angewurzelt vor uns stehen. Ich wusste nicht, ob ich etwas sagen oder sie einfach ignorieren und Tony mit nach oben in mein Zimmer ziehen sollte. Am Ende war es Tony, der das unangenehme Schweigen brach, wenn auch nur mit leisem Gemurmel in meine Richtung. „Ich warte lieber draußen.“

„Ist gut. Ich komme in einer Minute nach“, antwortete ich ihm, blieb aber immer noch wie gebannt auf der obersten Stufe der Kellertreppe stehen.

Tony machte einen dezenten Bogen um Chloe. Zwar konnte ich sein Gesicht nicht sehen, doch so wie Chloes Augen ihm folgten, hielten sie wohl die ganze Zeit über nervigen Blickkontakt. Dann hörte ich Tony mit kalter Stimme sagen: „Interessante Haarfarbe, Summers.“

Als er endlich weg war und die Tür hinter sich ins Schloss gezogen hatte, bekam ich schließlich die volle Ladung von Chloes vernichtendem Blick ab. „Sag mal, hast du sie noch alle? Wie kommst du dazu, Mitchell in mein Ha –“

„Entschuldige mich, bitte“, schnitt ich ihr das Wort ab. „Ich hab grad keine Zeit für dein Rumgezicke.“ Mir war klar, wohin diese Unterhaltung führen würde. Und im Moment wollte ich lieber unter die Dusche und raus zu Tony. Ihre Eifersüchteleien konnte sie sich sonst wohin schieben. Mit einer Hand auf dem Geländer rauschte ich nach oben, wobei ich zwei Stufen auf einmal nahm, und ließ Chloe eiskalt im Flur stehen.

In Rekordzeit war ich mit dem Duschen fertig und schlüpfte in die rotbraun gemusterte Tarnhose, die ich an meinem ersten Abend in Grover Beach getragen hatte. Draußen war es warm genug, also genügte heute mal ein einfaches schwarzes T-Shirt ohne Kapuzenjacke. Wie immer blieben die Schnürsenkel meiner Stiefel offen.

Ich packte nur noch schnell meine Zeichenmappe und ein paar Bleistifte in meinen Rucksack, dann streckte ich vorsichtig den Kopf zur Tür raus und blickte nach allen Seiten, bevor ich mich auf den Weg nach unten machte. Keinesfalls wollte ich Chloe heute noch einmal über den Weg laufen. Gott sei Dank war sie nirgends zu sehen. Doch in der Eingangshalle erwischte mich Pam, wie ich auf Zehenspitzen am Wohnzimmer vorbeischlich. Sie kam heraus und präsentierte ein Lächeln.

„Das war Anthony Mitchell, nicht wahr?“, sagte sie mit leiser Stimme.

Ich nickte.

„Dann haben sich die Dinge zwischen euch beiden endlich zum Guten gewendet?“

Wieder nickte ich nur.

„Das freut mich für dich, Sammy.“

„Chloe ist da wohl anderer Meinung. Sie wird mich dafür auf ewig hassen.“

Pamela seufzte und kräuselte dann die Lippen. „Ich werd später mal mit ihr reden.“

„Nein, mach das bitte nicht!“, flehte ich flüsternd und nahm dabei ihre Hände in meine. „Sie denkt sowieso schon, dass ich ihr dich stehlen will. Wenn du mit ihr redest, machst du die Sache nur noch schlimmer. Wir kriegen das schon alleine auf die Reihe … irgendwie.“

Pam machte ein Gesicht, als hätte sie keinen Schimmer, was sich zwischen Chloe und mir abspielte. Doch ich wusste, dass sie die Spannungen von Anfang an mitgekriegt hatte. „Okay“, willigte sie schließlich ein.

„Danke.“ Ich ließ ihre Hände los und ging zur Tür.

Pam begleitete mich dorthin und wollte wissen: „Wohin geht ihr beiden denn?“

„Keine Ahnung.“ Ich verzog weinerlich das Gesicht. „Er will’s mir nicht sagen.“

„Na, dann komm nicht zu spät nach Hause. Morgen ist Schule.“

„Mach ich nicht. Versprochen.“ Hoffentlich konnte ich dieses Versprechen auch einhalten. Ich wusste ja selbst nicht, wann Tony vorhatte, mich wieder zurückzubringen. Ich winkte zum Abschied noch schnell über meine Schulter und trat dann hinaus ins Freie.

Zu meiner Überraschung stand kein dunkelroter Toyota in unserer Auffahrt. Stattdessen saß Tony auf einem metallicgrünen Mountainbike, seine Unterarme ruhten entspannt auf der Lenkstange. „Hast du ein Fahrrad?“, fragte er. Als ich meinen Kopf schüttelte, verzog er das Gesicht zu einer leidigen Grimasse. „Das hab ich mir fast gedacht. Leider konnte ich heute den Wagen meiner Mutter nicht haben, also musst du wohl oder übel hier raufspringen.“ Er richtete sich auf und tippte auf die Lenkstange.

Mir fiel die Kinnlade nach unten. „Du nimmst mich wohl auf den Arm!“

„M-m. Wir haben ein ganz schönes Stück Weg vor uns. Viel zu weit, um zu laufen. Also sei nicht so zimperlich, Summers, und schwing schon deinen Hintern hier rauf.“ Mit einem verschlagenen Grinsen lehnte er sich vor, griff nach meiner Hand und zog mich zu sich. Erst nahm er mir meinen Rucksack ab und schwang ihn sich selbst über die Schultern. „Der ist mir sonst nur im Weg“, sagte er. Während er dann das Fahrrad festhielt, kletterte ich etwas unbeholfen auf die Lenkstange, was in Wirklichkeit viel schwieriger war, als es in Filmen immer aussah. Als ich die richtige Position gefunden hatte und mich mit eisernem Griff am Lenker links und rechts neben meinem Hintern festklammerte, trat Tony in die Pedale und wir fuhren langsam die Straße runter.

Das war wirklich unheimlich. Vor Angst entkam mir ein klägliches Wimmern.

„Bleib locker. Ich hab das schon tausendmal gemacht.“ Seine Nase streifte mein Haar, als er mir die Worte sanft ins Ohr sagte.

„Du vielleicht, aber ich ganz bestimmt nicht!“, antwortete ich halb panisch, denn mittlerweile trat er etwas schneller und wir nahmen Geschwindigkeit auf. Meine Hände begannen zu schwitzen. Bald hatte ich das Gefühl, ich würde jeden Moment abrutschen. „Wie weit ist es denn?“

„Es liegt gleich außerhalb der Stadt. Etwa drei Meilen von hier.“

Tony musste die ganze Fahrt über stehend in die Pedale treten, denn wenn er sich hinsetzte, blockierte ich seine Sicht. Als die Straße dann auch noch leicht bergauf ging, hörte ich sein leises Keuchen hinter mir. Für einen kurzen Moment legte er sogar seine Stirn auf meine Schulter. Dabei konnte ich dann seinen angestrengten Atem nicht nur hören, sondern spürte ihn auch gleichzeitig durch mein T-Shirt hindurch.

Die Häuser, die die Straße säumten, wurden langsam weniger. Bald ersetzten Bäume und Grasland sie vollkommen, von dem ein angenehm frischer Wiesenduft zu uns drang. Was wollte Tony nur hier draußen?

Auf der rechten Seite begann ein weißer Querlattenzaun, der eine Handvoll Pferde auf einer weiten, saftig grünen Koppel einschloss. Ihr dunkles Fell glänzte in der Sonne, während sie gemütlich vor sich hin grasten. Die Tiere waren wunderschön. Ich konnte mich gar nicht sattsehen an ihnen. Deshalb merkte ich auch gar nicht, wie Tony langsamer wurde. Erst als er am anderen Ende des Zauns stehen blieb, blickte ich über meine Schulter zu ihm.

„Runter mit dir. Von hier an geht’s zu Fuß weiter. Der Weg ist zu holprig, mit dir auf der Lenkstange“, erklärte er.

Ein kleiner Trampelpfad führte an dieser Stelle von der Straße weg, weiter an der Koppel entlang. Am Ende des Weges stand ein hübsches Haus mit Stallungen daneben. Ich sprang von seinem Rad und drehte mich aufgeregt zu ihm um. „Kennst du etwa die Leute, die hier wohnen?“

„Jap.“

„Und wir besuchen sie?“

„Die Leute nicht, aber dafür die Pferde.“ Tony lehnte sein Mountainbike an den Zaun. „Du hast gesagt, du zeichnest lieber nach lebenden Modellen. Ta da … hier sind sie!“ Er breitete dabei seine Arme aus, als würde er mir die Koppel mit samt den Pferden darauf schenken.

Dafür hatte er sogar ein kleines Lächeln verdient. „Wer hätte gedacht, dass ich das je sagen würde, aber Anthony Mitchell, du bist der Größte.“ Einen Moment lang hatte ich das Bedürfnis, ihn dafür auch noch zu umarmen, doch dagegen konnte ich mich gerade noch zur Wehr setzen. Stattdessen hüpfte ich vergnügt voraus. Dabei pfiff ich einmal kurz auf meinen Fingern, um die Aufmerksamkeit des Pferdes auf mich zu ziehen, das uns am nächsten war.

Es war ein prachtvoller schwarzer Hengst mit einem weißen Hinterlauf und einer Blässe in Form eines Schwertes auf seiner Stirn. Mit einer Handvoll Gras versuchte ich ihn näher heranzulocken. Der Hengst schnappte sich das Büschel mit den weichen Lippen und stieß dann mit seinen Nüstern gegen meine Schulter, womit er mich gleich mal zwei Schritte zurück schubste. Von Weitem hatte er gar nicht so groß ausgesehen.

„Wem gehören denn die Pferde?“, fragte ich Tony und folgte ihm den Weg hinauf zum Haus. „Wohnen hier Freunde von dir?“

„Keine Freunde. Familie. Und du kennst sie bereits.“

„Sie?“ Ich überlegte kurz. Woher sollte ich wohl jemanden von seinen Verwandten kennen? Und dann schoss mir plötzlich die Antwort in den Sinn. „Mrs. Jackson?“

„M-hm. Ihr gehört das ganze Land hier draußen.“ Seine Stimme klang ein wenig angespannt, als er über die Eisenschranke stieg, die das Grundstück vom Weg abtrennte. Das weiße Haus dahinter hatte ein dunkles Dach und große Fenster, die zur Koppel hin ausgerichtet waren. „Sie züchtet Pferde schon so lang ich mich erinnern kann.“

Im Gegensatz zu ihm stieg ich nicht über die Schranke, sondern duckte mich zwischen den beiden parallel laufenden Eisenstangen hindurch. „Denkst du nicht, es macht ihr etwas aus, dass du mich einfach mit auf ihr Grundstück nimmst?“

Tony wartete, bis ich wieder aufrecht vor ihm stand. „Nein, gar nicht. Ich hab sie heute Morgen angerufen. Sie ist froh, wenn sie dir bei deinem AVE-Projekt helfen kann, und findet, es ist eine wundervolle Idee. Hoffentlich fließt mein Engagement in dieser Angelegenheit auch in meine Note ein und ich bekomme dieses Jahr endlich eine Eins in dem Fach.“

Was meinte er denn damit? „Deine Arbeiten sind doch alle fantastisch!“ Schnell biss ich mir auf die Zunge und versuchte dann etwas weniger begeistert zu klingen. „Na ja, zumindest sind die, die ich gesehen habe, echt gut. Mrs. Jackson wird dir dafür doch sicher keine schlechtere Note geben als eine Eins.“

„Schön wär’s.“ Er verdrehte die Augen. „Aus irgendeinem Grund nimmt sie mich immer viel härter ran als den Rest der Klasse. Das ist so was von unfair! Meine Zeichnungen müssen immer dreimal so gut sein wie die der anderen, damit ich auch dieselbe Note bekomme wie sie.“

„Wahrscheinlich weiß sie einfach, was in dir steckt, und versucht das Beste aus dir herauszuholen. Ich finde das bewundernswert.“

Tony sah mich finster an. „Das würdest du bestimmt nicht mehr sagen, wenn sie deine Tante wäre.“ Er drückte auf die Klingel, und wir warteten, bis uns jemand die Tür aufmachte. Es dauerte auch nicht lange, da begrüßte uns schon Mrs. Jackson mit einem breiten Lächeln. Genau wie gestern bei Jessie Hunter küsste Tony auch sie auf die Wange. Ich fand seine guten Manieren äußerst liebenswert.

Als Nächstes schüttelte Mrs. Jackson mit sichtlicher Freude meine Hand. „Samantha! Wie schön, dass du kommen konntest. Tony hat mir erzählt, welche Probleme du mit dem letzten Projekt für den Unterricht hattest. Mit den Vollblütern auf der Koppel solltest du das spielend hinbekommen.“

Ich dankte ihr für die Einladung und die tolle Gelegenheit, dann folgte ich Tony zu einem romantischen Plätzchen im Garten hinter dem Haus. Ein weit ausladender Apfelbaum stand hier mitten auf der Wiese. Einige Äpfel lagen rundherum auf dem Boden verstreut, doch die meisten der saftig roten Früchte hingen noch an den Ästen.

Ich setzte mich im Schatten ins Gras und lehnte mich an den Baumstamm. Dabei atmete ich erst mal den süßen Duft der Früchte und vielen Blumen um mich herum tief ein. Tony reichte mir meinen Rucksack mit den Zeichensachen. Den Zeichenblock lehnte ich gegen meine aufgestellten Beine. Den Bleistift fest in der Hand, konnte ich es kaum abwarten, endlich zu beginnen. Es gab nur ein klitzekleines Problem. „Die Pferde sind viel zu weit weg.“

Tony, der sich gerade gemütlich neben mir im Gras ausgestreckt hatte, blinzelte zu mir hoch. Ohne Zweifel wusste er, was ich von ihm wollte.

„Na gut“, brummte er und setzte sich mit einem Ruck wieder auf. Dann ging er rüber zur Koppel, steckte zwei Finger in den Mund und pfiff so laut, dass mir die Ohren klingelten. So wie ich es vorhin gemacht hatte, rupfte auch er nun ein Büschel Gras aus und wedelte damit hin und her, bis eines der Pferde an den Rand der Weide kam. Die braune Stute fraß das Futter aus Tonys Hand und blieb dann vor ihm stehen, um an Ort und Stelle selbst weiter zu grasen.

Tony drehte sich zu mir um. „Zufrieden?“

Mit einem schuldbewussten Blick schüttelte ich den Kopf. „Das schwarze?“

„Aah, Summers. Echt jetzt?“

Ich nickte und lächelte dabei.

„Schön …“ Tony verdrehte die Augen, doch er ging tatsächlich noch einmal los. Wenige Minuten später kam er am Zaun entlang zurück und führte dabei den wunderschönen schwarzen Hengst an einem blauen Halfter, das er vorher noch nicht getragen hatte. Offenbar kannte sich Tony in den Ställen und mit den Pferden ziemlich gut aus.

„Ich bin beeindruckt“, gab ich zu, als er sich wieder neben mir ins Gras fallen ließ.

Er würdigte mein Kompliment allerdings nur damit, dass er die Brauen hochzog, in Richtung meines leeren Zeichenblatts nickte und meinte: „Solltest du nicht arbeiten?“

Fröhlich vor mich hin grinsend, begann ich die Umrisse des Pferdes zu zeichnen, wobei ich immer wieder den Blick hob, um mich an der lebenden Vorlage zu orientieren. Als der Skelettaufbau fertig war, fügte ich die Tiefen und Schatten hinzu und hauchte dem Pferd auf dem Papier somit Leben ein. Doch bald schon stand ich vor einem weiteren Problem.

An der Art, wie ich mehr und mehr auf meinem Bleistift herumkaute, anstatt ihn zu benutzen, merkte Tony wohl, dass etwas nicht stimmte. „Was ist los?“, fragte er.

„Das Pferd bewegt sich nicht. Ich kann die Zeichnung nicht abschließen, solange es dasteht wie eine Statue.“ Mit flehendem Blick drehte ich mich zu ihm. „Kannst du es nicht dazu bringen, ein wenig hin- und herzulaufen?“

Er zuckte mit den Schultern und stand auf. „Ich kann’s ja mal versuchen.“ Auf dem Weg rüber zu dem Hengst hob Tony einen Apfel auf und wedelte damit vor dem Maul des Pferdes herum. Als der Hengst endlich seinen Hals streckte und zubeißen wollte, zog Tony seine Hand zurück und ging ein paar Schritte nach links. Er kletterte auf den Zaun der Koppel und setzte sich mit gegrätschten Beinen auf die oberste Latte. „Hier her, Pferdchen! Na, komm schon, sei ein braves Pferdchen!“

Der Hengst drehte zwar seine Ohren in Tonys Richtung, bewegte sich sonst aber keinen Zentimeter.

„Das ist ein Pferd, keine Katze“, rief ich Tony lachend zu.

Er machte ein mürrisches Gesicht, sprang vom Zaun und ging zurück zu dem Hengst, wobei er ihn erneut mit dem Apfel in der Hand lockte. „Na, willst du diesen leckeren Apfel? Ja?“ Er warf den Apfel weit hinaus auf die Koppel und rief dabei: „Dann hol ihn dir!“

Ich fing an zu kichern. „Und ganz sicher ist das kein Hund, Tony!“

„Ach wirklich, Miss Summers? Dann sag doch mal, was dir so vorschwebt.“ Seine Stimme war dabei zuckersüß.

Ich zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Vielleicht führst du ihn einfach herum?“

Er schnaubte durch die Nase und kräuselte dabei die Lippen. „Du bist verrückt, Summers.“ Nichtsdestotrotz ergriff er das Halfter und marschierte mit dem Hengst am Zaun auf und ab.

Endlich konnte ich die Änderungen an meiner Zeichnung machen. Aber ganz glücklich war ich damit immer noch nicht. „Schneller!“, rief ich nach ein paar Bleistiftstrichen.

Tony begann zu joggen. Der Hengst trabte lässig neben ihm her.

Ich ließ die beiden ein paar Minuten lang laufen und versuchte dann noch einmal mein Glück. „Denkst du, du könntest noch ein kleines bisschen schneller mit ihm laufen?“

„Nein, Sam, ich denke nicht, dass ich das kann.“ Völlig außer Atem ließ er das Pferd los und beugte sich vornüber, die Hände hatte er dabei auf die Knie gestützt. Sein verschwitztes Haar stand in alle Richtungen und einzelne Strähnen hingen ihm in die Augen, als er seinen Kopf zu mir drehte. Seine blauen Augen blitzten im Sonnenlicht, seine Wangen waren niedlich rot angelaufen und er biss sich auf die Unterlippe. Er sah umwerfend aus, genau wie an jenem Tag, als ich bei ihm zu Hause aufgekreuzt war, um mir seine Projektbeschreibungen auszuleihen.

Seine Mundwinkel wanderten langsam zu einem Lächeln nach oben. Schüchtern lächelte ich zurück.

Und in diesem Moment wurde mir mit schockierender Klarheit bewusst, dass ich drauf und dran war, mich in diesen Jungen zu verlieben.

 

 

Kapitel 16

 

Samantha

 

 

TONY DUCKTE SICH unter dem Koppelzaun hindurch und kam zurück zum Apfelbaum. Auf dem Weg holte er sein Handy aus der hinteren Hosentasche und tippte eine Nummer ein. „Hey … Samantha braucht etwas Hilfe mit den Pferden. Kannst du kurz rauskommen und eines von ihnen an die Longierleine nehmen? … Okay, bis gleich.“ Er steckte das Handy wieder ein und grinste mich an. „Plan B ist schon unterwegs.“

Tatsächlich stieß Plan B nur drei Minuten später zu uns, mit einer Longe und einer langen Peitsche in der Hand. Gut gelaunt fragte mich Mrs. Jackson, welches der Pferde sie für mich anleinen und bewegen sollte. Ich zeigte auf den schwarzen Hengst.

„Oh ja, Jostle ist der ganze Stolz meiner Zucht. Na, dann lasst uns mal sehen, ob er Lust auf ein bisschen Bewegung hat.“ Sie befestigte die Longe an seinem Halfter und führte ihn ein paar Schritte vom Zaun weg, wo er gerade genüsslich seinen Hals an den Latten gerieben hatte.

Nach ein paar langsamen Runden im Schritt zum Aufwärmen trieb ihn Mrs. Jackson in einem weiten Kreis um sich herum zum Trab an und bald auch zum Galopp. Es war einfach faszinierend. Der Hengst bewegte sich mit unglaublicher Anmut. Dabei kam die ganze Kraft seiner Muskeln und Sehnen unter dem glänzenden Fell zum Ausdruck. Ich hätte den beiden stundenlang zusehen können.

„Ich glaub ja nicht, dass der Gaul den ganzen Tag so schnell laufen möchte. Du solltest also langsam mal anfangen zu zeichnen“, meinte Tony und stieß mich mit seiner Schulter an, als er sich wieder neben mich setzte.

Ich holte nur noch schnell einen Lolli aus meiner Hosentasche, wickelte ihn aus und steckte ihn mir in den Mund. Dann machte ich mich wieder an die Arbeit und stellte das Bild mit präzisen Bleistiftstrichen fertig. Tony sah mir dabei genau auf die Finger und hatte auch immer wieder mal einen guten Tipp für mich parat. Er hatte wirklich ein Auge fürs Detail, besonders für Licht und Schatten. Auch wenn ein Strich nur einen Millimeter danebenging, fiel es ihm auf, und er hielt mich an, meinen offensichtlichen Patzer zu korrigieren.

Den Lolli in eine Backe geschoben, sagte ich: „Hört sich ja fast so an, als ob du schon einige Pferde in deinem Leben gezeichnet hättest.“

„Ein paar“, antwortete er leise. „Als ich noch klein war, bin ich oft hier raus gekommen, um zu zeichnen. Carrie hat es nichts ausgemacht. Ein paar meiner Bilder hängen immer noch in ihrem Haus.“

„Hat sie dir auch beigebracht, wie man einem Pferd ein Halfter anlegt?“

„Ja. Sie wollte mir sogar Reitunterricht geben.“ Er verdrehte die Augen zum Himmel. „So gern mag ich Pferde dann aber auch wieder nicht.“

Voll auf das linke Vorderbein und die richtige Größe des Hufs konzentriert, sagte ich beiläufig: „Reitunterricht klingt doch toll. Ich hab immer schon von einem eigenen Pferd geträumt.“

„Carrie gibt Reitstunden für Kinder. Mein Onkel ist schon vor langer Zeit gestorben. Weil sie nicht so alleine sein wollte, hat sie irgendwann angefangen, im Sommer Kinder hierher einzuladen. Sie zeigt ihnen den richtigen Umgang mit den Viechern und gibt auch Malkurse, wenn jemand Interesse hat.“

„Wow.“ Ich radierte eine kleine Stelle in der Zeichnung aus, wischte die Fusseln mit dem Handrücken weg und pustete dann noch auf das Papier, um es wieder ganz sauber zu bekommen. „Das ist echt nett von ihr.“

Im Augenwinkel sah ich Tonys Schulterzucken. Dann verschränkte er die Arme in seinem Nacken und lehnte sich an den Baum, den Blick in den blauen Himmel gerichtet. „Das Haus ist ja groß genug. Liza und ich haben früher auch oft hier übernachtet. Sie hat Angst vorm Reiten, aber gestriegelt hat sie die Pferde immer gern oder deren Mähnen zu Zöpfen geflochten.“

Ich hatte nicht erwartet, dass er Liza mir gegenüber erwähnen würde, aber da er es schon einmal tat, dachte ich, es wäre einen Versuch wert, mehr über die Freundschaft der beiden zu erfahren. „Susan meint, du bist immer noch in Liza verliebt. Stimmt das?“

Auch ohne aufzublicken, merkte ich, wie sich Tonys ganzer Körper anspannte. Als ich dann doch den Kopf hob, blickte er mir fassungslos ins Gesicht. „Zu persönlich, Summers.“

Natürlich. Ich biss mir auf die Unterlippe und richtete meine Aufmerksamkeit schnell wieder auf die Zeichnung vor mir. Aber der Schock, den ich in seinen Augen gesehen hatte, beschäftigte mich weiterhin. Hatte er gedacht, ich wüsste es nicht? Oder ärgerte es ihn nur, dass ich es wusste?

Und was für eine dämliche Frage war das überhaupt? Es war doch von vornherein klar gewesen, dass er abblocken würde. Hatte ich etwa wirklich gehofft, er würde mit Nein antworten?

Träum weiter, Sam. Tony interessiert sich nicht für dich.

Er war vielleicht im Moment nett zu mir und darüber sollte ich mich wirklich freuen, doch mehr würde da niemals sein. Denn selbst wenn seine anfänglichen Seitenhiebe mittlerweile nur noch freundschaftliche Sticheleien waren, so war ich trotz allem nicht sein Typ. So einfach war das.

Ich verkniff mir ein Seufzen und kaute stattdessen lieber auf dem Plastikstiel des Kirschlollis herum. Alles war gut, versuchte ich mir einzureden. Tony musste mich nicht süß oder attraktiv finden, denn ich war auch nicht in ihn verschossen. Ganz bestimmt nicht. Es schwammen noch Dutzende andere Fische im Meer, da musste ich mir nicht ausgerechnet den mit den hübschesten Augen raussuchen. Ein normaler, unkomplizierter Fisch tat es auch. Und blaue Augen hatten bestimmt viele. Von nun an würde ich meine Gefühle für Tony einfach runterschrauben. Konnte doch wirklich nicht so schwer sein.

Und mein Plan ging sogar auf. Ich richtete all meine Konzentration auf das Projekt, das ich hier fertig kriegen wollte, und verbannte Tony völlig aus meinen Gedanken. Bis er nach einiger Zeit den Mund wieder aufmachte.

Er erzählte mir mehr von seinen früheren Besuchen bei seiner Tante. Zumindest nahm er mir meine unverblümte Neugier von vorhin nicht übel.

„Gleich da hinten im Wald“, er nickte nach links, „gibt es ein Fleckchen, wo wir oft gespielt haben. Wenn ich alleine hier rauskam, bin ich manchmal dorthin gegangen, um die Landschaft zu zeichnen. Nur dass ich die Umgebung dann immer in einen Zauberwald verwandelt habe, in dem Trolle und Kobolde hinter Bäumen hervor blinzelten und kleine Elfen auf Blumen saßen. Ich konnte dort meiner Fantasie so richtig freien Lauf lassen.“

„Das klingt nach einem bezaubernden Ort.“ Ich wagte es, einen kurzen Blick zu ihm hinüberzuwerfen. „Würdest du mir die Stelle später vielleicht zeigen? Wenn wir hier fertig sind?“

Tony nickte. „Wenn sich das Wetter bis dahin hält.“

Ich folgte seinem Blick zum Wald. Über den Baumwipfeln zog eine dicke Wolkenfront auf, die langsam auf uns zu kroch, mit Aussicht auf Regen am späteren Nachmittag. Aber darüber brauchten wir uns keine Gedanken zu machen. In ein paar Minuten war ich hier sowieso fertig.

Nur noch ein paar feine Striche nach Tonys Anweisungen, und voila, ich hatte endlich mein galoppierendes Pferd, das Sträucher und Gräser hinter sich ließ. Es war wunderschön; die beste Zeichnung, die ich seit Langem gemacht hatte.

„Ich hab zu Hause auf meinem Computer echt hilfreiches Material zum Thema Körperaufbau. Du weißt schon, zu den einzelnen Schichten: Skelett, Muskeln, Haut, Haare, Schatten. Alles, was dazu gehört. Wenn du willst, kann ich dir die Unterlagen heute Abend per E-Mail schicken“, schlug Tony vor, als ich gerade das Datum und meine Unterschrift unter mein Bild setzte.

„Sicher.“ Ich riss eine Ecke vom nächsten leeren Zeichenblatt auf meinem Block ab und notierte ihm meine E-Mail-Adresse.

„Sammy-Punkt-Smmrs?“, las Tony laut vor und zog eine neckische Augenbraue hoch. „Nennt dich wirklich jemand Sammy?“

„Meine Mutter. Und manchmal auch meine Tante.“ Ich steckte meine fertige Zeichnung in die Mappe und legte diese neben meinen Füßen ins Gras. Dann drehte ich mich mit einem herausfordernden Grinsen zu ihm um. „Denkst du etwa, der Name steht mir nicht?“

Er sah mich einen Moment lang an, als wollte er gleich etwas Dummes sagen wie: Das ist der richtige Name für einen Golden Retriever. Allerdings wählte er den weisen Weg und meinte nur mit einem verschmitzten Lächeln: „Egal was ich jetzt sage, es würde mich nur in Schwierigkeiten bringen.“

„Da hast du vermutlich recht.“ Da kam in mir plötzlich eine Erinnerung an den Morgen nach dem Zelten hoch. „Sag mal, warum hast du mich gestern eigentlich Bungee genannt?“

Tony atmete tief ein und aus und sah mir dabei fest in die Augen. War die Frage wieder zu persönlich gewesen? Nein, hier ging es um mich und nicht um Liza. Ich war mir sicher, dass er jede Sekunde mit der Antwort herausrücken würde, doch im selben Moment, als er den Mund aufmachte, rief mir Caroline Jackson etwas zu.

„Samantha, wenn du mit dem Bild fertig bist und noch Lust hast, kannst du gerne mal auf Jostle reiten. Ich denke, ein bisschen mehr Bewegung würde ihm ganz gut tun.“

Bei ihrem Angebot gingen meine Augen weit auf. „Liebend gern!“

„Sein Zaumzeug hängt im Stall. Es ist die erste Box auf der rechten Seite. Du kannst ihn mit oder ohne Sattel reiten, ganz wie du willst.“

Machte sie Witze? Ohne, natürlich! Ich sprang auf und klopfte mir den Schmutz vom Hintern. Dabei strahlte ich Tony an. „Macht es dir etwas aus, wenn wir noch ein paar Minuten bleiben? Du hast es doch nicht eilig, oder?“

„Ganz und gar nicht.“

Ohne eine weitere Sekunde zu verlieren, stürmte ich in den Stall und fand gleich neben dem Rolltor einen Spind mit Jostles Namen drauf. Ich griff mir sein Zaumzeug und wollte gerade wieder zurück auf die Koppel sausen, da stand Tony plötzlich im Eingang zum Stall. Die Hände in die Hosentaschen geschoben, lehnte er mit einer Schulter an der Mauer.

„Bist du sicher, dass du das wirklich tun willst?“, fragte er mit Skepsis in der Stimme.

„Dass ich was tun will?“

„Na, dieses Biest reiten.“

„Klar, warum denn nicht?“

Es war schwer zu erkennen, ob er mich nur wieder aufziehen wollte, oder ob er sich wirklich Sorgen um mich machte, als er gerade die Stirn runzelte. „Weil das Pferd echt groß ist. Und du bist nun mal … na ja …“ Seine Stimme wurde zu einem leisen Brummen. „Du bist winzig.“

Ich sprang auf den Würfel aus gepresstem Stroh neben dem Stalltor, hielt mich am Metallgitter fest und lehnte mich so weit nach vorn, dass sich beinahe unsere Nasenspitzen berührten. „Sieh mir in die Augen und sag das noch mal!“, forderte ich ihn lachend heraus.

Tony wich keinen Millimeter zurück. Auf einmal bekam ich ein ganz komisches Gefühl. Mein Herz klopfte wie wild, mein Bauch fühlte sich an, als würde er ein paar Runden in der Waschmaschine drehen, und wie man atmete, wusste ich plötzlich auch nicht mehr. Das Gefühl war mir bestens vertraut. Ich hatte es zum letzten Mal vor meinem ersten Kuss gespürt. Und gerade war es so, als würden all die Schmetterlinge von damals heimkehren.

Mit einem Schmunzeln entschärfte Tony die Situation. „Verrücktes Mädel.“ Er schnappte sich die Zügel in meiner Hand und zog mich damit vom Strohwürfel herunter und wieder hinaus auf die Weide.

Ein schwerer Brocken der Enttäuschung machte sich in meiner Brust breit. Das Gefühl verflog allerdings in dem Moment, als Mrs. Jackson mich Jostle aufzäumen ließ und Tony mir anschließend auf den Hengst half. Er hielt dabei mein Schienbein fest. „Auf drei“, sagte er und zählte rasch. Ich konnte mich dann mit seiner Unterstützung nach oben schwingen. „Sitzt du gut?“, erkundigte er sich beinahe fürsorglich.

Der Hengst war tatsächlich riesig. Tony konnte nicht einmal über seinen Rücken sehen. Doch ich hatte keine Angst vor Pferden, ob groß oder klein machte keinen Unterschied. Mit einem Nicken versicherte ich Tony, dass alles hier oben in bester Ordnung war.

Es war schon Jahre her, dass ich zuletzt auf einem Pferd gesessen hatte. Doch Reiten war wie Radfahren. So etwas verlernte man nicht. Mrs. Jackson ging ein paar Schritte neben mir her, doch als sie sah, dass ich prima alleine zurechtkam, nahm sie den Strick vom Zaumzeug ab.

Tony kehrte in den Schatten des Baumes zurück. Indessen tippte ich Jostle leicht mit meinen Fersen in die Seiten, woraufhin er munter losflitzte. Er schnaubte gelassen, als er in langen Sprüngen über die Weide galoppierte, und ließ sich dabei wunderbar dirigieren. Was für ein prachtvoller Bursche dieser Hengst doch war.

Caroline Jackson kehrte kurze Zeit später in ihr Haus zurück, da sie noch einige Dinge zu erledigen hatte, wie sie mir mitteilte. Als sie weg war, warf ich hin und wieder einen Blick zu Tony hinüber. Er hatte sich meinen Block gekrallt und zeichnete gedankenversunken vor sich hin. Mir machte es nichts aus. Solange er beschäftigt war, hatte ich auch kein schlechtes Gewissen, weil er auf mich warten musste. Doch bald schon schien er sich zu langweilen, denn er legte meine Zeichenmappe beiseite und kam zurück an den Koppelzaun. Er setzte sich auf die oberste Querlatte, stellte die Beine auf die darunter liegende und stützte seine Ellbogen auf die Oberschenkel.

Ich bremste Jostle zu einem gemütlichen Schritttempo ein und ritt nahe an Tony vorbei. Dabei drehte Tony seinen Kopf von links nach rechts und hielt die ganze Zeit über engen Blickkontakt mit mir.

„Ist dir langweilig?“, fragte ich ihn in der nächsten Runde.

„Ein bisschen“, gab er zu. „Aber du scheinst ja gerade die beste Zeit deines Lebens zu haben.“

Bereits zehn Meter weiter drehte ich mich nach hinten um, lächelte und sagte etwas lauter: „Auf jeden Fall die beste Zeit, seit ich wieder in Grover Beach bin!“ Ich presste die Beine noch einmal eng an den Körper des Hengstes und er galoppierte quer über die Wiese. Dann hielt ich vor Tony an und machte mich bereit zum Absteigen.

Leicht nach vorn gelehnt, schwang ich ein Bein hinter mir über Jostles Rücken und rutschte auf dem Bauch vom Pferd. Starke Hände fassten mir dabei plötzlich an die Taille und ich stieß ein überraschtes Huch! aus. Im nächsten Moment setzte mich Tony sanft auf dem Boden ab.

Ich drehte mich zu ihm um und versuchte dabei nicht zu schmunzeln. „Du denkst wohl, ich bin zu klein, um irgendetwas alleine zu schaffen, oder?“

Innerlich hatte ich mich schon auf eine spitze Bemerkung von ihm vorbereitet. Sein sanfter, jedoch intensiver Blick traf mich hingegen unerwartet. „Nein“, antwortete er mit ruhiger Stimme. „Ich hab nur gedacht, dein Bein könnte dir wieder Probleme machen, wenn du einfach so von da oben runterspringst.“

Oh. Daran hatte ich gar nicht mehr gedacht. „Danke“, sagte ich nach kurzem Zögern und gar nicht mehr so schnippisch wie zuvor.

In der Ferne grollte bereits der erste Donner. Das Gewitter war immer noch meilenweit weg, doch das Geräusch erinnerte mich an den verzauberten Ort im Wald, den mir Tony vorhin beschrieben hatte. „Glaubst du, wir schaffen es noch in den Wald und zurück nach Hause, bevor es anfängt zu regnen?“

„Möglich. Wenn wir dem Waldweg folgen, kommen wir auch zurück in die Stadt, nur von einer anderen Seite. Die beiden Strecken sind gleich lang, es macht also keinen Unterschied.“

Jostles Zügel fest in meinen Händen, wippte ich auf meinen Fußballen tatenfreudig vor und zurück. „Klingt doch gut!“

Nachdem ich dem Hengst das Zaumzeug abgenommen und ihn zurück auf die Weide zu seinen Kumpels geschickt hatte, machten wir noch einen letzten Abstecher ins Haus, um uns von Caroline Jackson zu verabschieden. Ich schüttelte ihre Hand und bedankte mich für die tolle Gelegenheit, wieder einmal auf einem Pferd zu sitzen. Sie meinte dann, es sei ihr eine Freude gewesen und ich könne mit Tony jederzeit wiederkommen. Allerdings bezweifelte ich, dass dies je geschehen würde.

Tony holte sein Mountainbike und ich meinen Rucksack mit der Zeichenmappe. Nebeneinander spazierten wir dann hinauf zum Wald. Der Himmel begann bereits, sich zu verdunkeln, doch das war nicht weiter schlimm. Wir hatten ja nicht vor, ewig im Wald zu bleiben. Ich wollte nur kurz dieses Plätzchen sehen, das Tony so sehr inspiriert hatte.

Wir hatten bereits eine halbe Meile auf dem schlecht ausgetretenen Weg zurückgelegt, als Tony anhielt und sein Fahrrad gegen einen Kastanienbaum lehnte. „Wir müssen dort hinauf.“ Er zeigte auf einen Vorsprung in der Felswand neben dem Weg. „Falls du in deinem Rucksack kein Geld hast, schlage ich vor, du lässt ihn lieber hier zurück. Beim Klettern stört er dich nur.“

Ich nahm nur schnell mein Handy heraus und steckte es mir in die Hosentasche, dann platzierte ich den Rucksack hinter dem Vorderreifen von Tonys Rad und folgte ihm durch das hohe Gras zum Felsen. Der Hang hinauf zum Vorsprung war steil und mindestens sieben Meter hoch. Tony zögerte nicht, sondern kletterte voraus. In der Steinwand befanden sich schmale Trittflächen, die das Klettern erleichterten. Außerdem wuchsen aus engen Felsspalten dünne Wurzeln und Zweige, an denen ich mich festhalten konnte.

Der untere Teil der Kletterpartie war offenbar der einfachere. Tony wartete auf einer etwas breiteren Plattform, die mit Moos bewachsen war, auf mich und streckte mir beim letzten Schritt seine Hand entgegen. Als ich danach griff, zog er mich mit einem kräftigen Ruck nach oben.

Der Schwung drückte mich an ihn und ich stützte mich mit den Händen an seiner Brust ab. Er hielt mich an den Oberarmen fest, bis ich sicher vor ihm stand.

Seine Brustmuskeln zuckten unter meinen Handflächen. Langsam neigte er seinen Kopf zu mir nach unten. In Sekundenschnelle verlor ich mich in seinen blauen Augen. Dasselbe Schmetterlingsgewimmel wie vorhin in den Ställen überfiel mich. Nur diesmal war es noch viel schlimmer. Ich hatte plötzlich das Gefühl, als würde mir jemand den Boden unter den Füßen wegziehen.

Doch anstatt die Spannung zwischen uns wie vorhin mit einem einfachen Schmunzeln zu entschärfen, heizte Tony sie mit einem Flüstern nur noch mehr an. „Vorsicht.“

Wieso? Hatte er Angst, ich könnte ausrutschen … oder ihm zu nahe kommen und mit dem Feuer spielen?

Über uns rollte ein tiefes Donnergrollen hinweg, doch es kümmerte mich in diesem Moment nicht im Geringsten. Mein Herz hämmerte gegen meinen Brustkorb, total außer Kontrolle. So viel zu meinem Vorsatz, mich nicht in diesen Jungen zu verlieben …

Ich zog meine Unterlippe zwischen meine Zähne, ließ sie aber gleich wieder los und konzentrierte mich darauf, einigermaßen ruhig zu atmen. Das funktionierte nur leider überhaupt nicht. Oh Mann, worauf wartete er denn noch? Wann würde er endlich die letzten paar Zentimeter zwischen uns überwinden, mich an sich ziehen und küssen? Ich konnte die knisternde Spannung zwischen uns kaum noch aushalten.

Tony blinzelte. Einmal … zweimal … Dann schloss er die Augen und seufzte tief.

Das war’s. Oh mein Gott. Ich hatte mich geirrt. Tony würde mich nicht küssen. Weder heute noch sonst irgendwann.

Mein Herz hatte einen kurzen Aussetzer, dann begannen meine Hände auf seiner Brust zu zittern und plötzlich musste ich gegen Tränen ankämpfen, die ich auf keinen Fall vor ihm zulassen konnte.

Nun war es klar – ich hatte mich hier in etwas verrannt, das nicht existierte. Anthony Mitchell empfand rein gar nichts für mich.

 

 

Kapitel 17

 

Tony

 

 

SAM HATTE DIESEN unglaublich süßen Bitte-küss-mich-Tony-Ausdruck in den Augen. Offen gestanden wusste ich selbst nicht, was mich davon abhielt, es einfach zu tun. Trotzdem holte ich tief Luft, biss die Zähne aufeinander und ließ sie los, wobei ich einen Schritt von ihr weg machte … soweit es die Felswand hinter mir zuließ.

Sams Mund stand offen, ihre dunkelbraunen Augen wurden gerade genauso groß wie die des Pferdes, auf dem sie vorhin geritten war, und ihre Nasenflügel begannen leicht zu zittern.

Verdammt. Ich hatte sie tief verletzt.

Schon wieder, gab eine vorwurfsvolle Stimme in meinem Kopf ihren Senf dazu. Tja, das konnte ich wohl besser als jeder andere. Was mich an der Sache allerdings überraschte, war die Tatsache, dass sie mich, nach all dem Ärger, den ich ihr seit ihrer Ankunft in Grover Beach bereitet hatte, wirklich küssen wollte. Es hätte mich ehrlich nicht gewundert, wenn sie mich bei der ersten Gelegenheit hier den Abhang hinunter gestoßen hätte.

Doch aus einem seltsamen Grund tat sie es nicht. Die Kleine stand nur da, mit hängenden Schultern und einem Gesichtsausdruck, der sich mir ins Herz bohrte. Autsch.

Zum Glück wusste ich mittlerweile, wie leicht es war, Sam abzulenken, und nutzte die Gelegenheit. „Dreh dich um“, sagte ich so sanft wie möglich, ohne dabei meine Enttäuschung über mein eigenes Zögern durchklingen zu lassen.

Sie machte schmale Augen. „Hm?“

Ohne auch nur für einen Moment den Augenkontakt mit ihr zu unterbrechen, nickte ich über ihre Schulter. Zaghaft warf sie einen Blick hinter sich. Dann wirbelte sie plötzlich herum und schnappte begeistert nach Luft.

Mission erfüllt. Samantha Summers tauchte gerade in die prachtvolle Landschaft hinter ihr ein und hatte mich in diesem Moment vollkommen vergessen. Warum bekam ich dabei nur das Gefühl, sie unbedingt noch einmal in meinen Armen halten zu wollen?

Um keinen Blödsinn anzustellen und so viel Abstand wie möglich zwischen uns beiden zu halten, drückte ich mich mit dem Rücken fester gegen die Wand. Ich fuhr mir mit den Händen durchs Haar und richtete dabei einen höhnischen Blick nach oben zum Himmel. Das durfte doch einfach nicht wahr sein! Ich fühlte mich zu Sam hingezogen. Von all den Mädchen an der Schule musste es ausgerechnet eine weitere Summers sein. Das war doch verrückt! Was hatten die Frauen aus ihrer Familie nur an sich, dass ich meine Finger nicht von ihnen lassen konnte?

Na ja, von Sam würde ich sie auf jeden Fall lassen. Das Desaster mit Chloe war mir wirklich eine Lehre gewesen.

Sam drehte sich halb zu mir um … und lächelte.

Lass das sein! Du spielst unfair!, wollte ich ihr am liebsten ins Gesicht brüllen.

„Das ist wunderschön“, sagte sie ganz leise.

Warum zum Teufel flüsterte sie? Wir waren allein hier, verdammt noch mal. Die Stimmung zwischen uns war schon – innerlich verdrehte ich die Augen – romantisch genug, da brauchte sie die Worte nicht auch noch so zärtlich in meine Richtung zu hauchen. Ich konnte es nicht leiden, wenn mir die kurzen Haare im Nacken zu Berge standen. Himmelherrgott, ich war doch kein Softy und sie würde mich auch nicht zu einem machen.

Mit aufeinandergepressten Lippen zwang ich mich zu einem kleinen Lächeln.

Sam drehte sich zurück und betrachtete fasziniert die Vielfalt aus Bäumen, Büschen, Blumen, Wurzeln und Moosgeflechten unter uns. „Es sieht aus, als hätte hier jemand eine Seite aus einem Märchenbuch gerissen. Absolut bezaubernd.“ Sie war so vertieft in ihr Staunen, dass ihr die ersten Regentropfen gar nicht auffielen, die auf ihrem Kopf landeten. Erst als der Regen schnell stärker wurde, reckte sie das Kinn nach oben und wischte sich die Tropfen vom Gesicht. „Aus unserem Plan, trocken nach Hause zu kommen, wird wohl nichts.“

Wie recht sie damit hatte, stellte sich nur zehn Sekunden später heraus, als der Himmel seine Schleusen öffnete und es wie aus Eimern auf uns herabprasselte.

Mit eingezogenem Kopf kreischte und kicherte Sam gleichzeitig. Sie war das einzige Mädchen, das ich kannte, das dabei auch noch niedlich klang. „Was machen wir denn jetzt?“, rief sie.

Ich packte ihren Arm und zog sie zu mir. Dann zeigte ich ihr eine schmale, zwei Meter hohe Höhle in der Felswand auf der linken Seite, die sich nur knapp über uns befand. Dort konnten wir uns unterstellen, bis das Schlimmste vorbei war. „Du kletterst da rauf und stellst dich unter den Vorsprung“, sagte ich laut in ihr Ohr, damit sie mich trotz des Regengeprassels auch wirklich hören konnte.

Die ersten paar Schritte half ich ihr noch nach oben, dann ließ ich sie los und sprang mit einem Satz von dem Vorsprung, auf dem wir gerade noch gemeinsam gestanden hatten. „Wo willst du denn hin?“, rief mir Sam hinterher.

„Jemand muss deinen Rucksack holen!“ In diesem strömenden Regen würde ihre Zeichnung keine weitere Minute überleben.

An beiden Seiten des Weges bildeten sich rasch kleine Bächlein. Ich rutschte auf dem glitschigen Erdboden beinahe aus und konnte mich gerade noch so fangen. Zu dem Zeitpunkt, als ich mein Mountainbike erreichte, wo auch Sam ihren Rucksack abgestellt hatte, klebte mein klatschnasses Shirt bereits an mir wie eine ekelhafte zweite Haut. Ohne auch nur eine Sekunde zu verlieren, schlang ich mir den Rucksack über die Schultern und hastete zurück zur Felsenwand, die ich mit sicheren Tritten hochkletterte.

Die Höhle, in der Sam auf mich wartete, war eigentlich nicht mehr als ein schmaler Felsspalt, kaum breit genug für zwei. Um dorthin zu gelangen, musste ich erst etwas höher klettern und dann von einer Trittfläche etwas weniger als einen Meter tief wieder runterspringen. Sam machte mir so viel Platz wie möglich. Sie trat zurück und stellte sich auf einen niedrigen Felsbrocken am Boden, dann drückte sie sich flach gegen die Wand hinter ihr und ich sprang rüber auf den schmalen Vorsprung.

Um meinen Schwung abzufangen und sie nicht zwischen mir und der Felswand einzuquetschen, stützte ich mich rasch mit den Händen links und rechts neben ihrem Kopf ab. Sie japste erschrocken nach Luft, als wir uns plötzlich Auge in Auge gegenüberstanden.

Wasser tropfte von meinem Haar, runter auf ihre süße Stupsnase. Ein verführerischer Tropfen verharrte auf ihrer Nasenspitze und flehte mich förmlich an, ihn weg zu küssen.

Oh Mann, was passierte hier bloß mit mir? Das war nicht Liza, sagte ich mir selbst, sondern die Cousine des Mädchens, das sich vorgenommen hatte, mir mit einer gemeinen Lüge die letzten Jahre meiner Highschoolzeit zu ruinieren. Ich konnte Sam nicht vertrauen. Und ich wollte es auch nicht.

Aber ich wollte verdammt noch mal diese sinnlichen Lippen vor mir küssen.

Langsam wurde mir bewusst, dass ich mich in der letzten halben Minute nicht das kleinste Stück bewegt, sondern nur gedankenverloren in ihre großen, dunklen Augen geblickt hatte. Ich neigte meinen Kopf etwas nach unten. Nur so weit, dass ich mit meiner Nasenspitze den Regentropfen von ihrer streifen konnte.

Sams Atem wurde schneller. Ich konnte ihn warm und sanft auf meiner Haut spüren. Ihre Hände lagen auf meiner Brust; zart und unsicher.

„Du solltest das nicht tun“, flüsterte sie zittrig.

Ich sollte sie nicht küssen? „Warum nicht, Sam?“ Meine Stimme klang sanfter, als ich je für möglich gehalten hätte. Ich lehnte mich noch einen Zentimeter weiter zu ihr hinüber. Langsam ließ ich meine Nasenspitze über ihren Wangenknochen gleiten und atmete dabei den fruchtigen Duft ihres Haares ein.

„Weil du es nicht wirklich willst“, antwortete sie. Dabei streiften ihre Lippen gegen meine Wange und lösten ein erbarmungsloses Kribbeln in meinem Nacken aus.

Vor zwei Minuten hätte ich ihr sogar noch zugestimmt. Aber im Moment konnte ich mir nichts vorstellen, das ich lieber tun würde, als sie zu küssen. Nur ein kurzes Nippen an ihrer süßen Unterlippe. Mehr wollte ich gar nicht. Dann würde ich mich zurückziehen und alles wäre gut.

„Willst du es denn?“, fragte ich leise und hauchte dabei einen sanften Kuss hinter ihr Ohr. Ein sanfter Schauer zuckte daraufhin über ihre Haut.

Nach einem stillen Moment seufzte sie. Ihre Finger krochen unter die Träger ihres Rucksacks, den ich immer noch auf den Schultern hatte. „Das ist unwichtig.“

„Nicht für mich.“

„Ich durchschaue dich einfach nicht.“

„Niemand sagt, dass du das tun sollst.“

„Siehst du, und genau da liegt das Problem.“ Ihre Stimme glich beinahe einem gequälten Jammern. „Du verwirrst mich. Alles, was du sagst, scheint in Zwiespalt zu sein mit allem, was du tust. Das ist wirklich eine dumme Idee.“ Trotz ihrer Worte wurde sie weich und drückte ihre Wange zärtlich an meine. Wer, in Gottes Namen, war nun der Heuchler von uns beiden?

Ihre Haut war verlockend zart wie Zuckerwatte. Ich küsste einen hauchdünnen Pfad entlang ihres Kieferknochens und flüsterte dann in ihr Ohr: „Du klingst, als hättest du in deinem Leben noch nie etwas Dummes angestellt.“

„Nicht so etwas. Ich denke einfach, es würde sich zu vieles verändern.“

Meine Hände immer noch sicher gegen die Wand hinter ihr gestemmt, legte ich meine Stirn auf ihre und wartete, bis sie mir in die Augen sah. „Du denkst zu viel, Bungee.“ Und damit war die Diskussion für mich vorbei. Ich neigte meinen Kopf und streifte mit meinen Lippen zärtlich über ihre, ohne ihr eine Wahl zu lassen.

Sie wollte es. Ich wollte es. Wer wollte mich aufhalten?

Sanft knabberte ich an ihrer Unterlippe, dann strich ich langsam mit meiner Zunge darüber. Augenblicklich ging ich in ihrem süßen Stöhnen verloren. Sam schmeckte genau, wie ich es mir vorgestellt hatte, nach Kirschlolli und aufregendem Mädchen.

Es war nur ein klitzekleiner Kuss. Er würde nichts verändern. Hinterher würden wir immer noch Freunde sein. Nicht mehr.

Sams schwacher Widerstand kümmerte mich nicht. Ich legte meine Hände über ihre, löste sie von den Rucksackträgern und führte sie weg von meiner Brust, wobei ich meine Finger durch ihre schlang. Ihre Hände waren so zart und zerbrechlich. Sie erinnerten mich daran, was für ein verletzbares Mädchen Sam wirklich war. Ein Mädchen, das man beschützen sollte … besonders vor Mistkerlen wie mir.

Was zur Hölle machte ich denn hier? Eine Freundin war im Moment das Letzte, was ich gebrauchen konnte. Und schon gar nicht Chloes Cousine.

Sam schmeckte wunderbar, doch ich musste den Kuss auf der Stelle beenden, denn über kurz oder lang würde ich dazu nicht mehr fähig sein. Gerade als sie ihre Lippen etwas weiter für mich öffnete und sich unsere Zungenspitzen sacht berührten, machte ich einen abrupten Rückzieher, drückte mich von ihr weg und rang nach Atem.

Sam hatte recht behalten. Das hier war eine unglaublich dumme Idee gewesen.

 

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