Die Sache mit Susan Miller (GBT 5)

Die Sache mit Susan Miller

Grover Beach Team, 5

Kapitel 1

 

 

LAUREN PARKER-LEE war eine teuflische Versuchung. Sie löste ihre Lippen von meinen, band sich die langen schwarzen Haare, in denen ich eben noch meine Finger vergraben hatte, mit einer Klammer zusammen und grinste mich an. „Wenn du bis zum nächsten Mal die Konjugation von Futur Zwei lernst, bekommst du vielleicht eine größere Belohnung.“

Oh Mann, sie wusste, was sie tun musste, damit mein Herz Saltos schlug. Bei dieser Aussicht überschlug sich allerdings nicht nur mein Herz, sondern vor allem meine Fantasie. Laurens Körper war ebenso exotisch wie ihre Mandelaugen und es war immer ein großes Vergnügen, diesen zu erkunden. Leider bedeckte ihre Spitzenunterwäsche immer noch alle guten Stellen, was bedeutete, dass ich in der vergangenen Woche wohl mal wieder nicht genug gebüffelt hatte.

Wir waren im selben Spanischkurs, beide im Abschlussjahr an der Grover Beach High, und seit wir uns zu unverbindlichem Spaß unter dem Deckmantel von Nachhilfestunden trafen, waren meine Noten auf ein solides B hochgeschossen.

Ich griff nach Laurens Handy auf dem Nachttisch und wischte mit dem Daumen über das Display. Die Uhr zeigte zehn nach vier, höchste Zeit, mich auf den Weg zu machen. Es fiel mir jedoch alles andere als leicht, mich von ihren langen Luxusbeinen zu lösen. Als es mir schließlich gelang, stieg ich aus dem Bett und suchte mein Shirt und meine Jeans auf dem Parkettboden zusammen. Das Basketballtraining am Montag wollte ich um nichts in der Welt verpassen – weder für eins der Mädchen, mit denen ich gelegentlich rummachte, und auch nicht für eine heiße Spanischlektion mit Lauren.

„Denk an den Test am Freitag“, schnurrte sie und zog langsam die dunkelrote Satinbettdecke hoch bis zur Wölbung ihrer Brüste. Ich stolperte über meine halb hochgezogenen Jeans und fing mich gerade noch an der Lehne des Drehstuhls vor ihrem Schreibtisch ab. Mann, oh Mann, das Mädchen wusste, wie man einen Achtzehnjährigen in Versuchung führte, so viel stand fest.

Aber dieses Spiel konnte man auch zu zweit spielen.

Während ich mir die Hose zuknöpfte, schlenderte ich zum Bett, stützte die Hände neben ihrem Kopf auf dem Kissen ab und beugte mich zu ihr runter, sodass sie von der Seite auf den Rücken rollen musste. Kaum ein Zentimeter trennte unsere Nasenspitzen voneinander. Geblendet von der Sonne, die durch das Fenster über dem Bett fiel, kniff Lauren die Augen zusammen. „Ich vermute mal, das heißt, dass ich dich in den nächsten zwei Wochen etwas öfter sehe“, sagte ich mit anzüglicher Stimme.

Ich verweigerte ihr den Abschiedskuss, den ihr Schmollmund verlangte, zog mir das T-Shirt über den Kopf, schlüpfte in die Schuhe und war aus dem Zimmer, bevor das Testosteron in meinem Körper Einwände erheben konnte.

„Du hast dein Spanischbuch vergessen, Chris!“, rief sie mir nach.

Genau, da war ja noch was. Ich verdrehte die Augen, bremste ab und lief zurück in ihr Zimmer. Das Buch lag auf dem Tisch; ich hatte es den ganzen Nachmittag kaum angerührt. Ich schob es in die Tasche zu meinen Sportsachen, schenkte Lauren ein kleines Grinsen und war weg.

Lauren lebte außerhalb der Stadt, weshalb ich fünfzehn Minuten für die Rückfahrt nach Grover Beach brauchte. Es war eine Schande, wenn man ein halbes Jahr vor dem Abschluss immer noch kein eigenes Auto hatte, aber Moms schwarzer SUV reichte mir im Moment aus. Und hey, was sagt man dazu? Auf dem Schulparkplatz, zwei Stellplätze weiter, stand der blaue Mustang meines Bruders.

Was trieb Ethan denn so spät noch hier? Soweit ich wusste, sollte er längst zu Hause sein, in seinem Zimmer, ganz allein mit sich selbst. Zumindest hatte er in diesem Herbst die meiste Zeit dort verbracht. Das komplette Gegenteil von mir. Mein eineiiger Zwillingsbruder war echt kein geselliger Mensch – na ja, zumindest nicht mehr.

Bis im vergangenen Frühjahr war auch er Mitglied bei den Dunkin‘ Sharks, unserer Basketballmannschaft, gewesen. Wir hatten jede freie Minute des Tages mit dem Team verbracht. Das änderte sich jedoch, als einer der Jungs Gerüchte über Ethan in die Welt setzte. Von der wirklich üblen Sorte. Irgendwann wurde es Ethan zu viel. Er hätte Will ganz einfach die Fresse polieren sollen. Das hätte ich zumindest an seiner Stelle gemacht. Doch mein lieber Bruder stieg stattdessen einfach aus dem Team aus, was offen gesagt total scheiße war. Andererseits konnte ich verstehen, warum er einer Konfrontation mit der Überschrift Kumpel, bist du schwul? lieber aus dem Weg ging.

Mir war es egal, ob er es war oder nicht. Ethan war einer der besten Spieler in der Mannschaft gewesen und es war einfach dämlich, Basketball für einen Vollpfosten wie William Davis aufzugeben. Aber ich konnte Ethan nicht vorschreiben, wie er sein Leben führen sollte, und musste mich nun einmal damit abfinden. Scheiße.

Ich schob die Gedanken an meinen Bruder zur Seite, griff meine Tasche vom Beifahrersitz und machte mich auf den Weg zur Umkleide, um mich für die besten neunzig Minuten meines Tages fertig zu machen.

 

*

 

„Chris“, rief Mom durch die Tür. „Abendessen!“

Ich schlug erleichtert die Bücher zu. Nach dem Basketballtraining hatte ich eifrig Spanisch gebüffelt, denn ich hatte fest vor, mir morgen nach der Schule von Lauren die versprochene Belohnung abzuholen. Allein der Gedanke daran malte mir ein Lächeln auf die Lippen.

Als ich in die Küche kam, hatte Ethan schon gedeckt, also setzte ich mich links von ihm an den runden Tisch. Wir hatten kein separates Esszimmer, dafür war unser Bungalow zu klein. Die Küche war jedoch groß genug und selbst mit der Kochinsel gab es genug Platz, um sich bequem bewegen zu können.

„Was hast du denn am Nachmittag noch in der Schule getrieben?“, fragte ich Ethan mit dem Mund voller Hühnchensalat. „Und sag nicht, dass du nachsitzen musstest, denn selbst dann wärst du schon viel früher heimgekommen und nicht erst vor—“ Ich blickte rasch auf meine Armbanduhr. „… dreißig Minuten.“ Ich hatte auf die Uhr gesehen, als ich hörte, wie mein Bruder vor dem Haus geparkt hatte. Dass er erst abends um sieben nach Hause kam, war in etwa so unwahrscheinlich, als würde ich an einem Freitagabend zu Hause bleiben, um fernzusehen. Mom war der Grund jedoch offensichtlich egal. Sie freute sich, dass Ethan endlich wieder unter Leute ging. Soviel verriet ihr strahlendes Gesicht, als sie mich anschaute.

„Ich musste was mit Hunter besprechen“, erklärte Ethan und steckte sich eine Gabel Salat in den Mund. „Er hat mich gefragt, ob ich in seiner Fußballmannschaft mitspielen will.“

„Oh, Ethan, wie wundervoll!“ So hörte es sich an, wenn meine Mom Unterstützung bekundete, in der Hoffnung, dass Ethan ein Hobby fand, das ihn aus seinem Zimmer lockte. Denn das würde ihm, langfristig gesehen, dabei helfen, eine Freundin zu finden. Ja, auch sie war nicht blind gegen die Zeichen gewesen, dass ihr anderer Sohn vielleicht mehr Interesse an Jungs als an Mädchen haben könnte. Sie würde ihn natürlich niemals offen darauf ansprechen, ebenso wenig wie ich, aber „eine Mutter darf ja hoffen“, hatte sie mal gesagt.

Ich hatte allerdings so ein Gefühl, dass ihre Hoffnung vergeblich sein könnte.

Leicht schüttelte ich den Kopf, um ihr zu bedeuten, Ethan nicht auf die Pelle zu rücken, aber er erwähnte so beiläufig, als ob er übers Wetter sprach: „Ich habe heute mittrainiert und das hat sogar Spaß gemacht. Es ist eigentlich ein gemischtes Team. Ich wusste gar nicht, dass die Grover Beach High überhaupt eins hat.“

Hmm. Das war mir auch neu. Aber ich hatte mich auch nie sonderlich für etwas anderes interessiert außer Basketball, schon gar nicht für so was Lahmes wie Fußball. Es würde Ethan jedoch gut tun, wenn er öfter unter Leute kam, und mir war es egal, ob das durch Fußball, Badminton oder dem Spiel „Steck dem Esel den Schwanz an“ passierte. Klar, dass ich bei seinem ersten Spiel als Unterstützung im Publikum sitzen und ihm zujubeln würde, bis mir die Stimmbänder rissen. Diesen Gefallen gab ich gern zurück, denn er und Mom waren in dieser Saison auch bei jedem einzelnen meiner Spiele gewesen. Am kommenden Samstag fand das letzte vor Weihnachten statt. Mom hatte den Tag im Kalender in der Küche rot angestrichen. Ich konnte es ehrlich gesagt kaum erwarten, den Kerlen von der Clearwater High beim Spiel in den Hintern zu treten. Sie waren ein verdammt gutes Team, aber wir waren besser. Das könnte ein heldenhaftes Saisonfinale werden.

Da Mom nun wusste, dass es Mädchen in der Fußballmannschaft gab, ließ sie nicht so schnell locker, aber ich bekam keine Gelegenheit, dem Gespräch zwischen ihr und Ethan zuzuhören. Mein Handy klingelte in meiner Tasche. Ich war sowieso gerade fertig, also trug ich meinen Teller zum Spülbecken und ging auf dem Rückweg in mein Zimmer ran.

Der Anruf kam von Tiffany 6, einer Blondine, mit der ich im vergangenen Sommer mal kurz was am Laufen hatte. Die Zahl neben ihrem Namen war ein todsicherer Hinweis darauf, dass sie die Zeit wert gewesen war. Ich hatte allen Mädchen in meiner Kontaktliste eine Nummer von eins bis zehn gegeben. Sozusagen mein persönliches Ranking, wie sehr mich diese Mädchen bei Laune halten konnten. Sechs war gut. Lauren war jedoch besser platziert. Neben ihrem Namen stand eine solide 10. Und da Tiffany ausgerechnet am Samstag mit mir ausgehen wollte, an dem mein letztes Spiel stattfand, verlor sie glatt einen Punkt in der Wertung. Wenn sie mich kennen würde, hätte sie nicht vorgeschlagen, irgendwohin zu gehen, sondern mir beim Spiel zugesehen. Nachdem ich aufgelegt hatte, änderte ich die 6 in eine 5 und warf mein Handy aufs Bett. Zeit, noch ein wenig Spanisch zu lernen. Futur Zwei, ich komme.

Als ich später ins Bett ging, schwirrte mir der Kopf vor lauter spanischen Verben. Ehrlich, Spanisch lernen machte ohne heißes Thaimädel auf meinem Schoß nur halb so viel Spaß. Eigentlich machte es gar keinen Spaß, allein zu lernen. Punkt.

Ich schloss die Augen und versuchte angestrengt, nicht auch noch in Spanisch zu träumen. Ob es mir gelungen war, wusste ich nicht, denn als der Wecker am nächsten Morgen schrillte, konnte ich mich an keinen Traum erinnern.

Ich brachte meine Morgenroutine hinter mich – schnelle Dusche, Klamotten raussuchen, die mein Zwillingsbruder nicht besaß, aufs Frühstück verzichten und Ethan um eine Mitfahrgelegenheit anbetteln – und wiederholte danach mehrmals die Zeile, die ich vor dem Schlafengehen auswendig gelernt hatte. Ich wollte Lauren noch vor der ersten Stunde beeindrucken. Soweit der Plan des Tages.

Als mich Ethan vor der Schule absetzte und sich auf die Suche nach einem Parkplatz machte, lief ich meinem Freund Tyler Moss, dem Captain des Basketballteams, über den Weg. Er wurde von allen T-Rex genannt, weil er einen verdammt aggressiven Spielstil hatte. Seine Freundin Rebecca Evers war bei ihm. „Hey, Becks“, sagte ich und legte ihr den Arm über die Schultern, während ich neben den beiden herschlenderte. „Hast du Lauren heute schon gesehen?“ Die beiden waren beste Freundinnen und ich wollte nicht warten, bis ich mit Lauren in der vierten Stunde Spanisch hatte.

Rebecca hob die Brauen und grinste mich an. Mir war in den letzten Wochen keineswegs entgangen, dass sie insgeheim darauf hoffte, dass Lauren und ich ernsthaft zusammenkamen, denn dann könnten wir vier bei Doppeldates abhängen. „Du bist wohl schon ganz heiß drauf, sie heute zu sehen, wie?“, zog sie mich auf.

„Ziemlich“, schnurrte ich ihr ins Ohr, nahm aber meinen Arm von ihren Schultern, als wir durch die Glastür ins Schulgebäude gingen.

Rebecca warf sich das dicke Haar nach hinten, das ebenso blond war wie meins, und schlang einen Arm um Tyler, sah dabei allerdings mich an. „Sie hat in der ersten Stunde Biologie. Schauen wir mal, ob sie schon da ist.“

Tyler lachte über den Eifer seiner Freundin, denn er wusste ebenso gut wie ich, dass aus Lauren und mir nie was werden würde. Während Becky uns voran zum Biologieraum lief, warfen wir uns einen schnellen Blick hinter ihrem Rücken zu, aber keiner von uns wagte es, sie von ihrer Mission abzubringen.

Lauren war eine Sahneschnitte und vor zwei Jahren hätte ich mir vielleicht noch überlegt, eine feste Beziehung mit ihr einzugehen. Aber es war zu viel passiert, und nachdem mit meiner damaligen festen Freundin Schluss war, hatte ich beschlossen, mich nur noch auf kurze Affären einzulassen. Wenn ich mich jemals wieder fest binden sollte, musste mir erst mal ein Mädchen über den Weg laufen, das nicht mit jedem Jungen, der gerade an einer Ecke stand, flirtete, oder schlimmer noch, mich für meinen besten Freund sitzen lassen würde. Ich knirschte immer noch mit den Zähnen, wenn ich daran dachte, wie Amanda Roseman mir damals in der 10. Klasse per SMS verkündet hatte, dass sie mich in den Semesterferien gegen Michael ausgetauscht hatte. Ich bezweifelte, dass es in dieser Stadt ein Mädchen gab, in das ich mich noch einmal verlieben könnte. Falls doch, forderte ich in diesem Moment das Schicksal heraus, sie mir doch gleich mal vorbeizuschicken.

Als wir um die Ecke bogen, war jedoch kein Mädchen außer Lauren in Sicht. Offensichtlich hatte das Schicksal einen seltsamen Sinn für Humor und ich lachte leise und schüttelte den Kopf.

Wir stellten uns zu Lauren und den beiden Jungs, mit denen sie sich unterhielt, Allen Stone und Wesley Irgendwas. Ich war nicht wirklich mit Wes befreundet, aber er wirkte cool genug, um hin und wieder mit ihm abzuhängen. Wenn wir uns trafen, fielen mir als Erstes immer seine Segelohren auf. Im Moment lehnte er mit einer Schulter am Spind vor Lauren, die mit dem Rücken zu mir stand, und sagte etwas, das sie zum Lachen brachte. Er richtete sich sofort auf, als ich zu ihnen trat, sodass auch sie mich bemerkte.

Perlweiße Zähne blitzten in einem verführerischen Lächeln, als sie sich mir zuwandte. „Hi.“

„Selber hi.“ Ich hätte ihr ja einen Kuss gegeben, aber sie trug an diesem Morgen einen schimmernden roten Lippenstift, den ich nicht ausstehen konnte. Ich hatte ihre geglossten Lippen schon mal geküsst – und auch die einiger anderer Mädchen – aber danach hatte ich immer diesen ekeligen Plastikgeschmack auf der Zunge, den ich ewig nicht mehr loswurde. Lauren wusste das. Deshalb trug sie auch nie Make-up, wenn wir miteinander lernten.

„Was führt dich zu meiner Biologieklasse?“, neckte sie mit gehobenem Kinn und einem neugierigen Funkeln in den dunklen Augen. „Hast du mich vermisst?“

Zuversichtlich stützte ich eine Hand gegen die Spindtür neben ihrem Kopf. „Wie wär’s, wenn du dir den Mund abwischst und ich zeige dir wie sehr?“

„Ich dachte, ich hätte mich gestern klar ausgedrückt.“ Lauren hielt meinen Blick mit herausforderndem Lächeln fest. „Das wird erst passieren, wenn du die Konjugation von Futur Zwei gelernt hast.“

Das war mein Stichwort. Ich beugte mich ein wenig näher zu ihr und schnurrte ihr ins Ohr: „Al final del día … yo habré quitado tus bragas.

Lauren sog scharf die Luft ein, da ich ihr gerade versichert hatte, dass ich ihr noch vor Ende des Tages den Slip ausgezogen haben würde. „Mit den Zähnen …“, fügte ich in verführerisch leister Stimme hinzu und genoss die leichte Röte, die mein Versprechen auf ihre sonst so bleichen Wangen zauberte. Es kam ungefähr zweimal im Jahr vor, dass ich sie mit etwas aus dem Gleichgewicht bringen konnte, und es gab meinem Selbstbewusstsein jedes Mal einen ordentlichen Schubs.

„Ah, wie ich sehe, hast du ausnahmsweise mal einen Blick in dein Spanischbuch geworfen.“

„Vielleicht können wir später ein paar Fallstudien dazu machen. Was meinst du?“

Sie schenkte mir einen verschmitzten Blick. „Ich bin bis halb fünf allein zu Hause.“

Bedauerlicherweise kollidierte das mit meinen Plänen für den Nachmittag. „Ich habe gleich nach der Schule Basketballtraining“, sagte ich in normalem Ton, ohne Schlafzimmerstimme. „Aber nach fünf kannst du zu mir kommen.“

„Hey“, sagte eine sanfte Stimme hinter mir und ich drehte den Kopf, noch ehe ich eine Antwort von Lauren erhalten hatte. Rechts von mir stand ein Mädchen, zu dem mir in diesem Moment absolut kein Name einfiel. Ihr honigblondes Haar war in einem schlichten Pferdeschwanz zusammengefasst. Sie schob die Brille auf ihrer Stupsnase hoch und sah mir direkt in die Augen. „Expecto Patronum“ stand in Harry-Potter-Schrift auf der linken Brust ihres pinken Shirts und darunter kringelte sich ein weißer Lichtblitzhase aus einem Zauberstab. Aus ihrer rechten Brusttasche ragte ein Taschenrechner heraus. Sie gehörte sicher zu den Kids, die sich jedes Jahr für die Comic Con verkleideten und die Zahl Pi nur so zum Spaß bis zur dreihundertsten Stelle hinter dem Komma auswendig lernten. Das perfekte Aushängeschild für den Nerdklub.

„Ich hab dir die versprochene CD mitgebracht“, sagte sie, während ich immer noch rätselte, ob ich sie überhaupt kannte. Ich hing normalerweise nicht mit den Mädels aus der Streberklasse rum, also wer zum Teufel war sie?

Dann passierte etwas Seltsames. Sie hielt mir eine CD entgegen. Was sollte ich denn damit? Ich wendete mich von Lauren ab und drehte mich dem seltsamen Mädchen ganz zu. Statt die CD zu nehmen, steckte ich jedoch eine Hand in die Hosentasche und umklammerte mit der anderen den Träger meines Rucksacks. Es kam öfter mal vor, dass ich in den Schulfluren von Mädchen angesprochen wurde – aber gewöhnlich nicht von fremden. Ich kannte so ziemlich jedes Mädel aus dem Abschlussjahrgang und vermutlich sechzig Prozent der anderen. Dieses Gesicht war mir aber neu. Ich ließ meinen Blick über ihren Körper hinunter bis zu ihren Füßen und dann wieder rauf zu ihren Augen gleiten, die so grün waren wie das Spotify-Logo.

Offenbar machte mein Schweigen sie nervös, denn sie räusperte sich. „Hör zu, ich schaff es heute um drei leider nicht zu Charlie’s. Können wir unser Date vielleicht auf ein bisschen später verlegen? Wäre fünf Uhr okay für dich?“

Entschuldigung, was?

Ich versuchte angestrengt mich zu beherrschen, aber trotzdem entwich mir ein überraschtes Lachen. Normalerweise schlug ich zwar keine Verabredungen aus, doch das war einfach lächerlich. Ich verschränkte die Arme. „Sonnenschein, wie kommst du nur darauf, dass du und ich heute ein Date haben?“

Sie schluckte schwer. Oh Mann, hatte ich sie in Verlegenheit gebracht? Meine Freunde lachten hinter mir, während ich mir von innen auf die Wange biss, um einen neutralen Gesichtsausdruck zu behalten. Von einer Streberin angebaggert, das war ja mal was.

Einen Moment später schnappte sie genervt nach Luft und straffte die Schultern. Holt sie jetzt etwa ihren Zauberstab hervor und lässt mich mitten am Gang explodieren?

„Wow, offenbar hab ich da gestern was missverstanden. Tut mir leid, mein Fehler“, sagte sie in sarkastischem Ton. Als sie dann auf dem Absatz kehrtmachte und davon stapfte, zeigte sie mir doch glatt den Stinkefinger.

Holla, die Waldfee! Ich wusste kurz nicht, ob ich deshalb gekränkt oder davon beeindruckt sein sollte. Allerdings erhielt ich keine Gelegenheit, darüber nachzudenken, denn Lauren schlug mir auf die Brust.

„Was sollte denn das gerade?“, wollte sie wissen. Wie die anderen konnte auch sie ihr Kichern kaum unterdrücken. „Gehst du etwa mit diesem Mädchen aus?“

Wenn ich jetzt ja sagte, selbst um Lauren nur aufzuziehen, würde sie heute nicht mehr zu mir kommen. Also tat ich so, als sei ich von ihrer Anschuldigung tief getroffen und griff mir an die Brust. „Autsch, jetzt brichst du mir aber das Herz, Lauren! Ich kenne sie überhaupt nicht. Und außerdem bist du die Einzige, mit der ich heute ein Date habe.“ Ich wickelte eine ihrer schwarzen Haarsträhnen um meinen Finger und grinste sie an. „Seh ich dich nach fünf?“

Lauren blickte der Fremden kurz hinterher, dann wandte sie sich mir zu und schenkte mir ein Lächeln. „Klar.“

 

 

Kapitel 2

 

 

AM NÄCHSTEN MORGEN roch es in meinem Zimmer immer noch nach Laurens Parfüm. Trotz der heißen Erinnerungen, die dabei wieder hochkamen, wurde mir von dem süßlichen Geruch übel, als ich nach dem Duschen ins Zimmer zurückkam. Ich riss das Fenster auf, um ein wenig frische Luft zu bekommen. Das hätte ich schon tun sollen, nachdem sie am Vorabend gegangen war.

Der Novemberwind trug die morgendliche Kälte in mein Zimmer, aber so richtig kalt wurde es in den kalifornischen Wintern dann doch nicht. In ein paar Stunden würde die Sonne schon wieder so stark sein, dass man auf eine Jacke leicht verzichten konnte. Ich zog mir ein weißes Sweatshirt und die zerrissene Jeans vom Vortag an und war gerade dabei, meine Schultasche zu packen, als Ethan an die offene Tür klopfte.

„Wenn du mitfahren willst, beeil dich. Nach der Schule trainiere ich allerdings wieder mit Hunter und der Mannschaft, da wirst du also nach Hause laufen müssen“, informierte er mich.

Schon wieder Fußballtraining? War er jetzt Mitglied in Ryan Hunters Team oder was? Ryan war ein guter Freund von mir; ich saß in Mathe hinter ihm und in Bio war er mein Laborpartner. Außerdem hatte ich schon zahllose Nächte bei seinen legendären Partys verbracht. Da ich Ethan heute nicht viel sehen würde – wir hatten keine gemeinsamen Unterrichtsstunden – konnte ich Ryan vielleicht fragen, warum mein Bruder plötzlich so großes Interesse an Fußball zeigte.

„Fahr ruhig los“, sagte ich zu Ethan und packte weiter. „Ich borge mir Moms Auto.“

„Ist gut. Bis später.“

Die Verbrechensstatistik in Grover Beach ähnelte der eines Klosters, dennoch war es ziemlich leicht für Diebe auf Beutefang in unseren Bungalow einzusteigen. Von klein auf hatte Mom uns eingetrichtert, dass wir die Fenster schließen müssen, wenn wir das Haus verlassen. Da ich etwas für mich sehr Wertvolles in meinem Zimmer aufbewahrte, befolgte ich ihre Anweisung mit peinlicher Sorgfalt.

Den Rucksack über einer Schulter checkte ich meine perfekt zerzausten Haare im Badspiegel und machte mich anschließend auf die Suche nach meiner Mutter. Ich fand sie im Wohnzimmer. „Morgen, Mom. Brauchst du das Auto heute?“

Sie strich sich die braunen Haare aus der Stirn, ließ die Kissen, die sie auf dem Sofa arrangiert hatte, in Ruhe und sandte mir ein Lächeln. „Für heute hat sich kein Kunde vorgemerkt. Du kannst es haben.“

Dass sie einen ganzen Tag lang keine Kunden hatte, war eine Seltenheit. Als Immobilienmaklerin verbrachte sie viel Zeit unterwegs, um Leute in- und außerhalb der Stadt zu treffen und ihnen hübsche Häuser zu zeigen. Durch ihren Job wurden wir nicht reich, aber er machte sie glücklich. Außerdem verdiente sie genug Geld, sodass wir uns keine Sorgen um Rechnungen oder andere Dinge machen mussten. Und sie musste auch nicht meinen Dad um Unterstützung bitten, der sie durch seine Sekretärin ersetzt hatte, als Ethan und ich zwölf Jahre alt waren. Trotzdem war ein Auto für mich nicht drin. Und da ich im Sommer nicht arbeiten wollte wie Ethan, zeigte mein Kontostand eine Null zu wenig an, als dass ich mir von dem bisschen Gesparten einen ordentlichen Wagen hätte leisten können.

Zumindest war Moms schwarzer SUV leicht zu händeln und ideal für Off-Road-Camping-Trips in die Wälder.

Ich parkte neben Ethan vor dem Schulgebäude, aber er war schon drin und keiner meiner Freunde war in der Nähe, weshalb ich allein zur ersten Stunde lief. Im Flur stieß ich auf Ryan, und da mich mein Bruder neuerdings auflaufen ließ, hielt ich ihn einen Moment an, um mich nach der Sache mit dem Training zu erkundigen.

„Hey, was ist der Deal zwischen Ethan und—?“

Ich konnte meine Frage nicht beenden, denn Ryan packte mich in einer Mischung aus Hysterie und Erleichterung am Kragen. „Du bist genau der Mann, den ich suche. Kann ich Mathe bei dir abschreiben? Ich hab’s total verschwitzt und Mr. Swanson mutiert bei vergessenen Hausaufgaben immer zum totalen Arsch.“

„Klar, kein Problem. So viel war’s ja nicht. Komm einfach ein paar Minuten früher zu Mathe, dann hast du genügend Zeit, um das zu erledigen.“ Aber Moment mal, Ryan hatte seine Hausaufgaben vergessen? Das war irgendwie seltsam. „Was hat dich abgelenkt?“, fragte ich, obwohl ich es mir ja eigentlich denken konnte.

Ryan fuhr sich mit der Hand durch die schwarzen Haare und grinste. „Liza hatte in den vergangenen Tagen sturmfrei zu Hause. Da standen die Hausaufgaben nicht an erster Stelle auf meiner Prioritätenliste, um ehrlich zu sein.“

„War ja klar.“ Ich verkniff mir ein Schmunzeln. „Sturmfrei und nur Blödsinn im Kopf!“

„Was denn? Erzähl mir nicht, dass du an meiner Stelle etwas anderes gemacht hättest.“

„Wohl nicht.“ Wir lachten beide. „Du schuldest mir aber was.“

„Was immer du willst.“

Ich wollte ihm schon sagen, dass er unsere nächsten Mathe-Hausaufgaben erledigen müsste, damit ich einen Nachmittag freihatte und am nächsten Morgen bei ihm abschreiben konnte, als ich sie entdeckte. Das Nerdmädchen. Sie kam um die Ecke und direkt auf uns zu – nein, halt, direkt auf mich zu.

Ihr entschlossener Gang weckte in mir den Drang, einen Schritt zurückzuweichen. Doch ich blieb wie angewurzelt stehen, obwohl sie so dicht heranrückte, dass unsere Nasenspitzen sich beinahe berührten. Ein weicher Kokosnussduft umhüllte sie. Ich hatte völlig vergessen, was ich zu Hunter sagen wollte und starrte sie einfach nur an.

„Du hast zehn Sekunden für eine Erklärung“, forderte sie schroff.

Ebenso überrascht, wie ich in dem Moment war, drehte sich Ryan zu ihr um, aber ihr harter Blick ruhte allein auf mir. Was in aller Welt wollte dieses Mädchen von mir?

„Eine Erklärung wofür?“, verteidigte ich mich in herablassendem Ton, aber hey, sie hatte es nicht anders gewollt. Und dann ging mir ein Licht auf. Die streitlustige Kleine war vermutlich in mich verknallt. Wie niedlich, vor allem, da sie keine Ahnung hatte, wie sie ihre Hormone in den Griff bekommen sollte. Wie alt war sie überhaupt … siebzehn? Ich neigte leicht den Kopf und legte etwas Schmalz in die Stimme, obwohl die Strebertruppe ja echt nicht zu meinem Jagdrevier gehörte und auch nie gehören würde. „Hey, sag mal, verfolgst du mich etwa, Sonnenschein?“

Grundgütiger, was läuft denn bei dir verkehrt?“, schoss sie mich allen Ernstes an. Ihre Augen blitzten vor Wut.

Oh-oh. Hatte ich die Zeichen etwa falsch gedeutet? Das war jedoch noch lange kein Grund, mich vor allen Leuten anzufahren. „Entschuldige mal, du bist doch diejenige, die mich dauernd anquatscht.“

Es hätte mich nicht gewundert, wenn Rauch aus ihren Nüstern gestiegen wäre. Fasziniert von dem seltsamen Mädchen nahm ich Hunters Lachen kaum zur Kenntnis. Als er jedoch ihren Namen nannte – Susan – fragte ich mich, woher er sie kannte. Er musste ihr erst den Arm um die Schultern legen und ihren Namen noch einmal wiederholen, ehe sie ihn bemerkte. Verärgert drehte sie sich zu ihm um und fauchte: „Was ist?“

Whoa, da war aber jemand mies gelaunt! Ihre Brust unter dem limettengrünen T-Shirt hob sich heftig mit wütenden Atemzügen. Jeden Moment würde sie anfangen, ungeduldig wie ein wilder Stier mit den Füßen zu scharren.

Ryan packte sie fest an den Schultern und drehte sie zu mir um. „Darf ich dich mit Chris bekannt machen?“

Aha, es war also Zeit für die Vorstellungsrunde. Von mir aus gern. Susan schnappte allerdings nur: „Chris wer?“

„Donovan“, stellte ich ein wenig angepisst klar.

„Ah ja.“ Sie verschränkte die Arme über der Brust und musterte mich mit zynischem Blick. „Und du bist dann Ethans Alter Ego oder was?“

Alter Ego? Spinnt die? „Sein Bruder“, antwortete ich und imitierte ihr zynisches Grinsen.

Susans Gesicht wurde bleich. „Bruder …“

Viel zu belustigt über diese ganze verdammte Situation beugte sich Ryan zu ihr und flüsterte das Wort „Zwillinge“ in ihr Ohr.

„Zwillinge“, wiederholte Streber-Sue in perplexem Flüsterton. Dann platzte sie heraus „Zwillinge?“ als sei dieses Wort gleichbedeutend mit gleich zwei apokalyptischen Reitern. Was sie dann tat, war so süß, dass es mich zum Schmunzeln brachte. Sie wirbelte zu Ryan herum, schlug mit der Stirn gegen seine Brust und winselte: „Neeein.“

Shit, das war es also? Sie hatte mich mit meinem Bruder verwechselt. Ich krümmte mich fast vor Lachen. „Ich schätze mal, du hast Ethan kennengelernt? Jetzt wird mir einiges klar.“

Susan machte sich nicht mehr die Mühe, überhaupt noch mit mir zu reden, was irgendwie schade war. Fast. Sie schnaubte leise und sagte zu Ryan: „Bis später“, dann stakste sie mit hoch erhobenem Kopf davon. Mein Blick war immer noch auf sie fixiert. Die Behauptung, dass sie Eindruck auf mich gemacht hatte, war wohl die Untertreibung des Jahrhunderts. Nach ein paar Schritten blieb sie plötzlich stehen und drehte sich um. Mir blieb das Lachen in der Kehle stecken, als sie erneut auf mich zustürmte. Wortlos kramte sie in ihrem Rucksack. Als ihre Hand wieder auftauchte, hielt sie einen Stift darin. Sie packte mich am Handgelenk. Ich war darüber so baff, dass ich keine Einwände erhob, als sie mir den Ärmel des Sweatshirts hinaufschob und etwas auf die Innenseite meines Unterarms schrieb. Was zum Geier?

Reglos schaute ich zu, bis sie den Kopf wieder hob und ihr selbstzufriedener Blick sich in meinem verfing. „Sag Ethan, er soll mich anrufen.“

Ich schaute auf meinen Arm. Eine Reihe blauer Zahlen prangte auf meiner Haut. Die verflixte kleine Streberin drehte sich um und machte einen Schritt vorwärts. Dann änderte sie jedoch ohne Vorwarnung ihre Meinung, holte etwas aus ihrem Rucksack heraus und wandte sich ein drittes Mal zu mir um. Schwungvoll drückte sie mir die gleiche CD wie gestern an die Brust und befahl: „Gib ihm das und sag ihm Danke für den Haselnuss-Latte.“

Aufdringlich. Durchgeknallt. Und rätselhaft. Im Lexikon fand man sicher ein Bild von ihr neben all diesen Worten. Leicht außer Atem und völlig sprachlos blinzelte ich mehrere Male. Und warum zum Teufel war Hunter plötzlich so still? Jetzt wäre der richtige Moment für seinen Auftritt als guter Freund gewesen, um mich vor den Angriffen dieser Wahnsinnigen zu schützen. Tat er jedoch nicht. Der Drecksack grinste nur blöd und sah zu, wie ich um eine Antwort rang.

Oh nein, dieses Mädchen würde mich nicht zum Affen machen. Ich räusperte mich, um meine Stimme wiederzufinden, und sagte: „Biiiiiitte.“ Das Wort unterstrich ich mit einem verschmitzten Lächeln, um ihr zu zeigen, dass es bei mir nichts umsonst gab.

„Biiiiiitte“, wiederholte sie zuckersüß und ahmte sogar mein Lächeln nach – natürlich war es nicht echt. Das hatte ich auch nicht erwartet. Danach lief sie endgültig davon. Na ja, zumindest fast, denn sie stieß mit Hunters Freundin zusammen. Der Rucksack rutschte ihr von der Schulter, und obwohl sie gute Reflexe zeigte, griff sie daneben und er fiel auf den Boden. Die beiden Mädchen gingen in die Hocke und flüsterten miteinander. Hunters Freundin warf mir einen raschen Blick zu. Ich erwiderte ihn mit leichtem Heben eines Mundwinkels, nur um „Hi“ zu sagen. Wir hatten noch nicht das Vergnügen gehabt, uns zu unterhalten, obwohl Ryan bereits seit einiger Zeit mit ihr zusammen war.

Nachdem Susan, die kleine Streberin, aufgestanden war, warf sie mir noch einen letzten mürrischen Blick über die Schulter zu. Ich wusste nicht warum, aber ich wollte bestimmt nicht derjenige sein, der zuerst wegschaute.

„Du kennst also dieses verrückte Mädel?“, fragte ich Hunter, als Susan gegangen war. Seine Freundin war inzwischen zu uns rübergekommen und schlang ihm die Arme um den Hals. Sie drehte sich zu mir und schenkte mir ein strahlendes Lächeln, das ich bisher nur aus der Ferne gesehen hatte.

„Tatsächlich bin ich sogar seine Freundin“, stellte sie mit amüsiertem Blick fest und streckte mir die Hand entgegen. „Mein Name ist Liza. Und du musst dann wohl Chris Donovan sein.“

Mit ihrer Vorstellung löste sie bei mir ein Lachen aus. Ich schüttelte ihre Hand. „Schön, dich endlich kennenzulernen. Aber ich meinte eigentlich sie.“ Ich deutete mit dem Kopf in die Richtung, in die Streber-Sue verschwunden war, und steckte die CD in den Rucksack, um sie Ethan nach der Schule zu geben.

„Ja, genau, darüber wollte ich sowieso noch mit dir reden.“ Ryan rieb sich den Nacken. „Liza hat mir gestern erzählt, dass etwas Komisches zwischen Ethan und Susan passiert ist. Offenbar gab es da Verwirrungen über ein verpasstes Date.“

„Dein Bruder hat sie eingeladen, aber dann ist sie dir über den Weg gelaufen und du hast sie ganz schön aus der Fassung gebracht“, stellte Liza klar.

Mir entwich ein Schmunzeln. „Aus der Fassung?“ Tja, ich war bekannt dafür, dass ich Mädchen gelegentlich aus dem Gleichgewicht brachte.

„Ja. Und das im schlimmsten Sinne des Wortes“, murmelte sie. Sie war eindeutig nicht von meinen Aufreißerfolgen beeindruckt.

Ich dachte an mein erstes Treffen mit Susan gestern, als ich noch keine verdammte Ahnung hatte, was dieses Mädchen überhaupt von mir wollte, und konnte mir gut vorstellen, dass ich sie ziemlich durcheinandergebracht haben musste. Hatte Ethan sie wirklich eingeladen? Komisch. Zum ersten Mal seit Monaten fragte ich mich, ob ich mich vielleicht geirrt hatte und er doch nicht auf Jungs stand. War er bei Mädchen vielleicht einfach nur schüchtern?

Ich hätte zu gern mehr über dieses Mädchen und meinen Bruder erfahren, doch das Läuten der Glocke sprengte unsere kleine Gruppe auseinander und ich machte mich auf den Weg zu Geschichte. Vielleicht konnte ich ja später in Mathe ein paar Antworten aus Ryan herausholen. Allerdings hatte ich dabei völlig unseren Deal mit den Hausaufgaben vergessen. Nachdem er sie abgeschrieben hatte, gab es keine Gelegenheit mehr, mit ihm zu reden, ehe der Lehrer hereinkam und die Klasse zum Schweigen brachte.

Na schön, dann eben in Biologie, beschloss ich, während Mr. Swanson eine Aufgabe an die Tafel schrieb, die wir in den folgenden fünfzehn Minuten lösen sollten. Es dauerte eine Weile, bis er sie aus seinem Notizbuch abgeschrieben hatte. In der Zwischenzeit machten sich meine Gedanken auf die Wanderschaft, zurück in den Flur, wo mir Streber-Sue beinahe den Kopf abgebissen hätte. Ich lehnte mich im Stuhl zurück, stieß den Atem aus und spielte die seltsame Begegnung noch einmal in meinem Kopf durch.

Ethans Alter Ego. Wie niedlich. Die Kleine war ziemlich schlagfertig. Das machte sie irgendwie süß.

Ich schob meinen Ärmel hoch. Die Nummer auf meinem Unterarm leuchtete wie die Unterschrift eines Rockstars auf dem Arm eines eisernen Fans. Ich dachte daran, wie kalt sich ihre Hände auf meiner Haut angefühlt hatten. Viel zu kalt. Ich fuhr die Zahlen mit einem Finger nach und runzelte die Stirn. Ihr Blick war ziemlich eindringlich gewesen. Es hätte mich nicht gewundert, wenn sie mich wie Superman mit ihrem Laserblick verdampft hätte. Die Farbe ihrer Augen, nein, keine Chance. Ich konnte mich nicht erinnern, ob sie braun, grün, blau oder glühend rot gewesen waren.

Hatte Ethan wirklich ein Date mit dieser Kanonenkugel von einer Streberin gehabt?

Das hieße, dass ich mit meiner ersten Vermutung doch gar nicht so falsch gelegen hatte. Susan war vielleicht nicht in mich verliebt, aber meinen Bruder fand sie offensichtlich ganz interessant. Wir sahen total gleich aus – das hatte sie selbst bewiesen, indem sie mit dem falschen Zwilling gesprochen hatte, gleich zwei Mal. Ergo fand sie mich auch attraktiv.

Angehimmelt von einer Streberin. Das fehlte mir noch in meiner Datingakte. Ich lachte leise, weil es irgendwie süß war.

Aus heiterem Himmel traf mich ein Stück Kreide auf der Brust und riss mich aus meinen Gedanken. „Mr. Donovan“, sagte mein athletischer Mathelehrer mit strenger Stimme. Die Arme verschränkt und den Inquisitorenblick auf mich geheftet, stand er breitbeinig vor der Tafel. „Wären Sie wohl so freundlich und würden meine Frage beantworten, wenn Sie schon Ihren Arm als Spickzettel benutzen?“

Frage? Spickzettel? Shit! Ich schluckte und sah auf Susans Nummer auf meinem Arm, was sicher nicht das war, was Mr. Swanson wissen wollte. Ich räusperte mich und schob langsam den Ärmel herunter. „Ich … äh …“

Er neigte den Kopf. „Kann es sein, dass Sie ausnahmsweise mal um eine Antwort verlegen sind, Mr. Donovan?“, spottete er und deutete an, dass ich üblicherweise ein klein wenig schlagfertiger war als im Moment. Einige Schüler kicherten rings um mich herum.

„Tja, wie es scheint, bin ich heute wohl nicht ganz so gut in Form“, gab ich zur Belustigung meiner Klassenkameraden zu und grinste ihn an.

„Das sehe ich.“ Mr. Swanson mochte mich, denn er war auch mein Basketballtrainer und ich einer seiner besten Spieler. Niemand anderer wäre nach so einer Nummer mit einem Seufzen und Brummen bei ihm davongekommen. Er sandte mir noch einen letzten warnenden Blick und wandte sich dann an meine Nachbarin, Alice. „Miss Hart, würden Sie uns bitte die richtige Antwort nennen?“

Ich bedachte Alice mit einem belämmerten Blick, den sie lächelnd erwiderte. Dann plapperte sie irgendwas über Pythagoras, aber ich hörte nicht weiter zu. Stattdessen fing ich Ryans belustigten Blick auf. Er hatte sich halb im Stuhl zu mir umgedreht. Ich zuckte hilflos mit den Schultern, senkte den Kopf und fing an, die Aufgabe zu lösen.

Als ich mich erst einmal auf das Thema konzentrierte und die temperamentvolle Streberin von heute Morgen aus meinen Gedanken verbannte, konnte ich die Aufgabe noch vor allen anderen lösen. Ich lehnte mich im Stuhl zurück und entspannte mich. Es dauerte gar nicht lang, bis mich Coach Swanson mit einem skeptischen Blick festnagelte.

„Siebenundzwanzig“, formte ich das Ergebnis lautlos mit den Lippen, den Winkelgrad von Alpha, und erhielt ein bestätigendes Nicken. Wieder meinen Gedanken überlassen, schwelgte ich in den Erinnerungen an Lauren und wie sie gestern mit den Zähnen über meinen Hals gekratzt war. Ein wohliger Schauer rieselte mir über den Rücken. Das konnten wir gern wiederholen.

Grün!

Verdammt, die Augen von der kleinen Streber-Beißzange waren gummibärchengrün.

Ich schluckte und rieb mir mit den Händen übers Gesicht. Warum zum Teufel spuckte mein Gehirn diese Information ausgerechnet jetzt aus, wo ich doch gerade an eine verführerische Sahneschnitte in meinem Bett dachte?

Weil sie dir ihre Nummer gegeben hat, antwortete ein verschrobener Teil von mir. Ja, das hatte sie. Meine Mundwinkel hoben sich leicht. Bei zahllosen Gelegenheiten hatten mir Mädchen ihre Nummer zugesteckt, aber niemals auf diese Weise. Susan hatte Stil, das musste man ihr lassen. Wenn Ethan sie wirklich mochte, hatte er heute Morgen auf jeden Fall etwas verpasst.

Bevor auch die anderen mit dem Fallbeispiel fertig wurden, zog ich mein Handy aus der Tasche und versteckte es unter dem Tisch. Ich verdrehte den Arm, sodass ich die Zahlen lesen konnte, und speicherte die Nummer in meiner Kontaktliste. Da schon eine Susan darauf stand, tippte ich als Namen Strebermädel ein.

In der nächsten Stunde hatten wir Sport und ich wollte nicht wie jemand aussehen, dem man einen Supermarktbarcode auf den Arm tätowiert hat, also machte ich einen Umweg übers Klo, mit Hunter dicht auf den Fersen. Während er zu den Toiletten ging, stellte ich meinen Rucksack auf den Fliesenboden unterm Waschbecken und versuchte, die Nummer abzurubbeln. Wasser allein reichte jedoch nicht. Als Hunter zurückkam, schrubbte ich meinen Arm immer noch heftig mit Seife und Papiertüchern. „Warum geht das Zeug denn nicht ab?“, murmelte ich. „Hat sie etwa einen Edding zum Schreiben benutzt?“

„Wer? Miller?“

War das ihr Name? Susan Miller? Der klang viel zu unschuldig und harmlos für ein kleines Biest wie sie. „Ja, das Mädchen mit der bezaubernden Persönlichkeit“, knurrte ich, als sich meine Haut unter den verbleibenden blauen Strichen krebsrot färbte. Großartig, jetzt sah ich aus wie ein Idiot, der mit dem Arm über frische Tinte gewischt hatte, anstatt wie ein Supermarktprodukt mit Preisschild. Auch nicht besser.

„Du hast sie nur auf dem falschen Fuß erwischt. Sie kann wirklich nett sein.“

Ich zog ein mürrisches Gesicht. „Vielleicht wenn sie schläft oder ihr jemand den Mund mit Klebeband zupappt.“

Lachend blickte Ryan mitleidig auf meinen roten Arm.

„Irgendeine Ahnung, wie ich das abbekomme?“, jammerte ich.

Er zuckte mit den Schultern. „Terpentin?“

Haha, witzig. „Solltest du nicht schon längst auf dem Weg in die Englischstunde sein?“, knurrte ich.

„Sicher. Wir sehen uns nach dem Essen.“ Er schüttete sich aus vor Lachen und verschwand vom Jungenklo.

Alle weiteren Versuche, die superfeste Tinte wegzuwaschen, führten lediglich zu einem schmerzenden, feuerroten Arm, daher hörte ich mit dem Schrubben auf, als nur noch ein zarter blauer Schein zu sehen war, und lief zur Turnhalle. Ich wusste nicht, ob man die Rötung vom Rubbeln oder die blauen Kulireste deutlicher sah, aber Justin Andrews, ein alter Freund, war der Einzige, der bei dem harten Training eine Bemerkung darüber machte. „Hast du versucht, dir selbst ein Tattoo zu verpassen?“, spottete er.

„Wenn’s nur so wäre. Ich wurde von einem streunenden Mitglied der Strebergruppe angegriffen.“

„Von wem?“ Er brach in schallendes Gelächter aus und fiel dabei fast vom Reck, an dem wir Klimmzüge machten.

„Merkwürdiges Mädchen. Merkwürdige Geschichte. Vielleicht erzähl ich sie dir ein andermal.“ Ich zog mich noch einmal hoch, bis mein Kinn über der Stange war, stieß den Atem aus und ließ mich wieder runter. Nachdem ich meine fünfundzwanzig Wiederholungen erledigt hatte, sprang ich ab und wischte mir mit dem Muskelshirt den Schweiß von der Stirn. Wenn schon nichts anderes half, dann würde wenigstens der Schweiß die Tintenreste von Streber-Sues Kuli von meiner Haut waschen.

Coach Swanson pfiff und wir liefen weiter zur nächsten Station. Seilspringen, ganze drei Minuten lang. Eine ziemlich heftige Kardioübung, weshalb keiner von uns überhaupt ein Wort sagte.

Nach Sport duschte ich schnell und rannte buchstäblich zu meiner nächsten Stunde – Spanisch. Ich wollte Lauren erwischen, bevor die vierte Stunde begann, und sie zu einer Extranachhilfestunde später bei ihr zu Hause einladen.

Ihr Gesicht strahlte mit einem Lächeln, als sie mich entdeckte. Sie strich mit ihren weichen, schlanken Fingern über meine Schläfe. „Deine Haare sind ja noch ganz nass. Gefällt mir.“

Ja, das wusste ich bereits von den After-Shower-Erlebnissen mit ihr, aber das war nicht der Grund, warum ich heute meine Haare nicht gründlich trocken gerubbelt hatte. Es war schlichtweg zu wenig Zeit dafür gewesen. „Sag mir, dass du heute Nachmittag nichts vorhast, und ich mache sie für dich wieder nass“, bot ich mit einem anzüglichen Lächeln an. Dann zog etwas hinter Laurens Schulter meine Aufmerksamkeit auf sich.

Zwanzig Schritte entfernt schlug Susan Miller die Tür ihres Spindes zu und schlenderte um die Ecke. Ihr strenger Pferdeschwanz und die Graue-Maus-Brille standen im krassen Kontrast zu ihren einladenden Hüften, die in den knallengen Jeans aufreizend hin und her schwangen. Irgendwie machte mir das Bild gerade einen Knoten in mein Gehirn. Gab es tatsächlich so etwas wie sexy Streberinnen? Denn dieses Mädchen wanderte eindeutig auf dem schmalen Grat dazwischen.

„Hey?“, hörte ich Laurens Stimme und spürte ihre Finger auf meinem Kinn. Sie drehte meinen Kopf zurück zu sich und wartete, bis ich ihr in die dunklen Augen sah. „Hörst du mir überhaupt zu?“

„Klar.“ Ich runzelte die Stirn. „Äh … was hast du noch mal gesagt?“

Argwöhnisch schaute sie den Flur hinunter, aber natürlich fand sie nichts mehr, das meine Zerstreutheit erklärte. „Geht’s dir gut, Chris?“ Sie gab ihr flirtendes Lachen von sich, das allerdings im Moment ein wenig kratzig klang.

„Logo.“

„Du hast einen Moment ein wenig abgelenkt gewirkt.“

Zählte man Mathe zu der Liste meiner geistigen Abwesenheiten dazu, war es nicht nur für einen Moment gewesen, wie es schien. „Es ist nichts“, log ich, weil ich mir die Chance auf ein Date mit Lauren nicht ruinieren wollte, indem ich ein anderes Mädchen erwähnte. „Also, sehen wir uns heute Nachmittag?“

Sie legte den Kopf zur Seite und räusperte sich angestrengt. „Ich habe gerade gesagt, dass ich heute keine Zeit habe. Wie sieht’s mit morgen aus?“

Morgen. Na schön. Nicht so gut wie heute, aber wenigstens etwas, worauf man sich freuen konnte. „Also gut, morgen dann.“

„Chris, geht’s dir auch wirklich gut?“

„Na klar.“ Ich schüttelte grinsend den Kopf, hauptsächlich um die wiegenden Hüften von Streber-Sue aus den Gedanken zu bekommen, schlang einen Arm um Laurens Schultern und steuerte sie zu unseren Stühlen in der letzten Reihe.

Gleich zu Anfang ging Mrs. Sanchez herum und gab uns die Hausaufgaben zurück. Als sie meine Arbeit auf den Tisch fallen ließ, nickte sie angenehm überrascht. „Ich wusste, es war eine gute Idee, Sie mit Miss Parker-Lee als Tutorin zu verkuppeln“, sagte sie mit zufriedenem Lächeln.

Ich fragte mich unwillkürlich, ob ihr Lächeln immer noch so selbstzufrieden aussehen würde, wenn sie wüsste, wie viel Körperkontakt bei diesen Nachhilfestunden zum Einsatz kam. Verstohlen drehte ich mich zu Lauren um und wackelte mit den Augenbrauen. Ihr unterdrücktes Lächeln verriet mir, dass sie wohl gerade genau denselben Gedanken hatte. Jap, definitiv eine gute Idee, mich mit ihr zu verkuppeln.

Nach Spanisch war Mittagspause. Endlich. Ich atmete erleichtert durch und ging zur Cafeteria, um mit meinen Freunden zu essen. An einem Tisch rechts hinter den Schwingtüren versammelte sich gewöhnlich die Streberklasse. Ich ging extra langsam, um zu sehen, wer dort saß, und festzustellen, worüber sie redeten. Ihr aufgeregtes Geschnatter hatte mich bisher noch nie interessiert, hauptsächlich deshalb, weil mich Streber generell nicht interessierten. Und jetzt, da ich tatsächlich mal zuhörte, war ich zu Tode gelangweilt. Irgendwas über Newton und Theorien übers Milch einfrieren. Ja, klar, weil das ja auch so viel dazu beitrug, die zweifellos besten Jahre eines Teenagers auf unvergessliche Weise in Erinnerung zu behalten.

Während ich still neben meinen Teamkumpels meinen Burger mampfte, beobachtete ich sie von meinem Platz in der Nähe des Eingangs aus noch einen Moment. Der Strebertisch war bis auf den letzten Stuhl besetzt, aber Susan Miller saß seltsamerweise nicht bei ihnen. Vielleicht hatte sie einen anderen Stundenplan und ihre Mittagspause war eine Stunde früher oder später als meine.

Der Gedanke ärgerte mich. Ich hätte zu gern gesehen, wie sie sich in Gegenwart meines Bruders verhielt, und die Mittagspause war die einzige Zeit des Tages, zu der sich Ethan und ich im selben Raum aufhielten. Neugier bricht der Katze das Genick, oder so ähnlich, schon klar. Aber sie zusammen zu sehen, könnte mir dabei helfen, das Schwul-oder-nicht-schwul-Rätsel zu lösen, das Ethan mir aufgab.

Ich hatte jedoch kein Glück. Sie saß nicht an seinem Tisch. Und den restlichen Tag sah ich sie auch nicht mehr.

Da ich mittwochs kein Basketballtraining hatte, ging ich nach der siebten Stunde heim, zog mir schwarze Joggingshorts an und übte im Garten Körbe werfen, ehe ich mich eine Stunde später an die Hausaufgaben setzte. Erst als ich mit dem Englischaufsatz fertig war, erinnerte ich mich wieder an die CD in meinem Rucksack. Ich hatte ihr keinen näheren Blick geschenkt, als Susan sie mir gegeben hatte, und meine Neugier, was sie Ethan zum Hören mitgegeben hatte, stieg, während ich zwischen den Büchern danach wühlte.

Volbeat. Was war das denn?

Ich legte die CD in mein PC-Laufwerk. Gleich darauf dröhnten Rockakkorde aus den Lautsprechern von der Decke in meinem Zimmer. Ah, eine Metalband, und sie war sogar ziemlich gut. Wenn das Streber-Sues Musikgeschmack war, war ich beeindruckt – wieder einmal.

Das zweite Lied war noch nicht zu Ende, als ich meinen Bruder von seiner neuen Nachmittagsbeschäftigung aka Fußballtraining nach Hause kommen hörte. Ich drückte auf Pause und lief in den Flur. Dort lehnte ich mich an die Wand und sah zu, wie er aus den Schuhen schlüpfte und sein schweißnasses Shirt in den Wäschekorb im Bad warf. „Hey, E.T.“

„Hey, Bro“, erwiderte er ungefähr mit derselben Begeisterung, die er für Steckrüben hatte. Aber er wusste ja auch noch nicht, welche erstaunlichen Nachrichten auf ihn warteten.

„Wer ist Susan Miller?“, fragte ich mit leichtem Frotzeln in der Stimme.

„Ein Mädchen aus der Schule.“

Was? Mehr nicht? Kein Kopfhochschnellen, keine neugierigen Fragen, keine Emotionen wie auch immer geartet? Er war definitiv nicht verrückt nach der Kleinen.

„Wow. Ich dachte, du hättest mir mehr über sie zu erzählen.“

Jetzt schaute er mich an, mit schief gelegtem Kopf, aber nur mäßig interessiert. „Warum? Kennst du sie?“

„Bin ihr gestern über den Weg gelaufen. Und heute noch mal. Temperamentvoll, das Mädel, findest du nicht?“

„Kann sein. So gut kenne ich sie nicht.“ Er tat es mit einem Schulterzucken ab und ließ mich stehen, um in sein Zimmer zu gehen.

„Jetzt warte doch mal!“, rief ich ihm nach. „Willst du denn gar nicht wissen, was sie gesagt hat?“

Ethan drehte sich um und sah mich nun eher skeptisch als gelassen an. „Sollte ich das denn wissen wollen? Da sie dir über den Weg gelaufen ist, vermute ich mal, dass du sie abgeschleppt hast.“

„Nein, hab ich gar nicht.“ Was zum Geier? „Ich dachte, du wolltest sie abschleppen.“

Die nächsten Worte murmelte er so leise, dass ich mir nicht sicher war, ob ich ihn überhaupt richtig verstanden hatte. „Sie hat mich versetzt.“

„Also, sie hat mir heute ihre Nummer gegeben und gesagt, dass ich sie dir geben soll.“

Sein finsterer Blick erhellte sich eindeutig. „Wirklich?“

„Jap. Außerdem hat sie mir eine CD für dich gegeben.“

„Cool. Gibst du sie mir?“

„Äh, später. Ich hab angefangen, sie zu hören, während du weg warst, und ich würde sie gerne zu Ende hören.“ Dagegen konnte Ethan nichts machen. Wenn er sie gleich haben wollte, würde er darum kämpfen müssen, und ich war einfach der Stärkere von uns. Aber ich war kein komplettes Arschloch, daher fügte ich grinsend hinzu: „Ich drehe auf extra laut, dann kannst du mithören.“

„Woher habe ich bloß gewusst, dass du das sagen würdest?“ Er lachte und holte frische Sachen aus seinem Zimmer. Als er zurückkam, sagte er: „Kann ich wenigstens ihre Nummer haben?“

„Ist auf meinem Handy. Ich schick sie dir gleich.“

„Okay.“ Er schlug mir die Badezimmertür vor der Nase zu und drei Sekunden später hörte ich Wasser rauschen.

Ich wollte gerade in mein Zimmer zurückgehen, aber da stand ich plötzlich einer strahlenden, rotwangigen Mom gegenüber.

„Stimmt das?“, flüsterte sie. „Ethan hat eine Freundin?“

Oh Mann, das Momster war erwacht. „Nein, Mom, ich glaube nicht, dass sie schon so weit sind. Aber dieses Mädchen scheint irgendwie Interesse an ihm zu haben und sie hat mich gebeten, ihm auszurichten, dass er sie anrufen soll.“

„Oh! Endlich!“ Sie rang ihre Hände und man konnte ihr ansehen, dass sie sich offensichtlich große Mühe gab, vor Aufregung nicht zu klatschen.

„Komm wieder runter, Mom!“, sagte ich lachend und machte mir nicht die Mühe wie sie zu flüstern. Ich schob sie zurück in die Küche, wo sie hergekommen war. „Dieses Mädchen ist merkwürdig. Ich bin mir nicht sicher, ob du wirklich willst, dass sie Ethans Freundin wird.“

Ihre Mundwinkel sanken herab. „Was heißt das, sie ist merkwürdig?“

„Na ja, ich habe heute mit ihr geredet und sie war wirklich … unfreundlich.“

„Oh.“ Mom drehte sich zum Spülbecken und wischte sich die Hände in das Geschirrtuch auf der Theke, obwohl sie gar nicht nass waren. „Vielleicht war das nur ein Missverständnis. Was, wenn er sie wirklich mag?“

„Das ist natürlich möglich. Aber an deiner Stelle würde ich nicht zu große Hoffnungen darauf setzen. Bedräng ihn nicht, Mom“, warnte ich. Vor allem, weil er sich erst vor fünf Minuten noch nicht einmal die Bohne aus Susan Miller zu machen schien. Ich öffnete den Kühlschrank und holte mir eine Sprite heraus, wobei mir ein Gedanke durch den Kopf schoss. Wäre er wohl ein wenig aufgeregter gewesen, wenn ich ihm gesagt hätte, dass ein Junge auf seinen Anruf wartete? Über dieses Thema würden meine Mutter und ich wohl noch endlos spekulieren. Jedenfalls bis Ethan uns rundheraus die Wahrheit sagte – oder mit einem Mädchen im Arm nach Hause kam.

Ich öffnete die Dose, nahm einen großen Zug und wischte mir den Mund mit dem Handrücken ab. „Du weißt, dass er sich gleich wieder in sein Schneckenhaus verkriechen wird, wenn du das Thema erneut auf den Tisch bringst.“ Nach Wills Anschuldigungen im vergangenen Frühjahr hatten wir Ethans Schweigen lange genug ertragen müssen. Ich wollte nicht, dass mein Bruder schon wieder in diese üble Laune verfiel und mit niemandem mehr redete. Im Verlauf des Herbstes war allmählich alles auf den Normalzustand zurückgekehrt. Alles easy. „Ich mag den fröhlichen Ethan viel lieber.“ Ich wollte den Bruder, der gern mit mir Basketball im Garten spielte, nicht den grübelnden Bruder, der sich in seinem Zimmer verschanzte.

Mom musste lernen zu akzeptieren, dass sie ihm in diesem Fall nicht helfen konnte, eine Entscheidung zu treffen. Und wie auch immer diese Entscheidung ausfallen würde, sie würde Ethan trotzdem lieben. Wenn es ihr nur darum ging, irgendwann einmal Großmutter zu werden, würde ich schon dafür sorgen, dass sie einen Stall voller Enkel bekam, wenn es sie glücklich machte. Allerdings frühestens, wenn ich vierzig war, beschloss ich, während ich das Mutterschiff verließ und in mein Zimmer zurückkehrte.

„Ich muss in einer halben Stunde zur Arbeit. Ein Anruf in letzter Minute von einem Kunden“, rief sie mir nach. „Ihr müsst selbst sehen, wie ihr heute Abend klarkommt, Jungs, aber ich lasse euch Geld für eine Pizza da.“

„Okay-yy!“, rief ich zurück, ehe ich die Tür schloss. Ich hatte schon den Finger auf der Maus, um die CD zu starten, als mir einfiel, dass ich Ethan immer noch die Nerd-Nummer schicken musste.

Ich ließ mich in meinen dunkelvioletten Sessel in der Mitte des Zimmers plumpsen und scrollte durch die Einträge in meiner Kontaktliste bis zu Strebermädel. Hm, worüber würde Ethan sich wohl mit diesem durchgeknallten Kobold unterhalten? Ich hatte ihn nie dabei gesehen, also konnte ich mir nur vage vorstellen, wie er mit einem Mädchen flirtete. Und der bissigen Susan Miller würde ein wenig Flirten auch ganz gut tun, um etwas lockerer zu werden.

Außerdem verdiente sie einen Rüffel, weil sie mich mit ihrem Graffiti vollgeschmiert und mich fast dazu gezwungen hatte, mir die Haut abzukratzen.

Da stand ihre Nummer – wer hatte gesagt, dass ich sie nicht anrufen durfte?

Ich schmunzelte und statt Ethan die Nummer zu geben, drückte ich einfach mal auf das grüne Wählsymbol.

 

 

Kapitel 3

 

 

SUES AUFGEREGTE STIMME drang durch den Hörer. „Hallo?“

„Hey, Sonnenschein“, antwortete ich schmeichelnd. Natürlich würde sie mich dadurch gleich erkennen. Dieses Gespräch mit ihr sollte Spaß machen, aber ich wollte auch, dass sie wusste, wer ich war, und mich nicht wieder mit Ethan verwechselte.

Ihr enttäuschtes Stöhnen dämpfte meine Vorfreude jedoch sofort. „Warum rufst du mich an, Chris?“

Na, das sollte doch eigentlich klar sein. „Weil du mir deine Nummer gegeben hast.“

„Ich habe sie nicht dir gegeben.“

„Ach nein?“ Ich blickte auf die schwachen blauen Überreste auf meiner Haut. „Deine Handschrift auf meinem Arm besagt da aber etwas anderes.“

Eine Pause, gefolgt von einem abgrundtiefen Seufzer, dann sagte sie: „Tja, ich habe dir die Nummer aber nicht gegeben, damit du mich anrufst.“

Ja, das war mir schon klar, aber völlig egal. Mir machten die Wortduelle mit ihr Spaß. Vielleicht sogar ein wenig zu viel Spaß.

„Wo ist dein Bruder?“, wollte sie wissen.

„Das letzte Mal, als ich ihn gesehen habe, war er in seinem Zimmer.“

„Hol ihn bitte ans Telefon, ja?“

Nö. So schnell wurde sie mich nicht los. Jedenfalls nicht, bevor ich die Gelegenheit hatte, ihr das schmerzvolle Schrubben meines Armes unter die Nase zu reiben. „Hmm. Dazu müsste ich aufstehen und rübergehen. Und ich glaube, dazu bin ich im Moment nicht in der Stimmung.“

„Warum hast du mich denn dann angerufen?“ Sie klang ziemlich entnervt, so als stünde sie kurz davor, das Handy gegen die Wand zu knallen.

Ihr niedlicher Frust entlockte mir ein leises Lachen. „Das habe ich doch schon gesagt, weil du mir deine Nummer gegeben hast.“

„Bitte … das hatten wir doch bereits“, maulte sie.

„Na gut.“ Ich senkte die Stimme zu einem intimen Flüstern. „Dann vielleicht, weil ich dich fragen wollte, ob du mit mir ausgehst?“

„Was?“, kreischte sie und fügte nach einem Schnauben hinzu: „Du machst wohl Witze?!“

Selbstverständlich. Was sollte ich denn auch mit einem Streber bei einem Date anfangen? Sue aufzuziehen machte aber tierischen Spaß. „Nein. Warum sollte ich?“

„Na, erstens, weil ich mit deinem Bruder reden will und nicht mit dir. Und außerdem – wolltest du nicht mit Lara ausgehen?“

„Wer ist Lara?“ Dachte sie etwa, ich hätte eine Freundin? Die hatte ich nämlich nicht.

„Hallo? Asiatisches Supermodel?“ Sue schnaubte ins Telefon. „Lange, schwarze Haare?“

„Ach, du meinst Lauren?“, schloss ich daraus. „Ich war gestern schon mit ihr aus. Und vielleicht werde ich das irgendwann wiederholen.“ Vermutlich hatte das Wort „ausgehen“ für Susan eine andere Bedeutung als für mich. „Aber für dich ist in meinem Kalender immer ein Plätzchen frei, Sonnenschein“, neckte ich weiter.

„Hast du was an der Waffel?“, platzte sie heraus, mit Extrabetonung auf den Worten hast, du, was und an der Waffel.

„Ich hoffe nicht.“ Obwohl mich ein Lachen drückte, sagte ich so ernst wie möglich: „Warum? Ist es bedenklich, sich mit dir zu verabreden?“

„Ich bin das perfekte Mädchen für ein Date, nur nicht für dich, Dumpfbacke!“, schnaubte sie zurück.

Dumpfbacke? Wirklich? Jetzt konnte ich mir das Lachen nicht länger verkneifen. „Ach, sag so was nicht, kleine Sue. Du kennst mich doch noch gar nicht richtig.“

„Und so Gott will, wird das auch nie passieren. Bitte hol jetzt endlich Ethan ans Telefon und hör auf, meine Zeit zu vergeuden.“

Oh, so kurz angebunden und sachlich. Sie würde später mal eine gute Anwältin abgeben. „In Ordnung, du hast gewonnen.“ Und nur aus Spaß fügte ich lachend hinzu: „Aber ich mache dir einen Vorschlag. Falls es mit dir und Ethan nicht klappen sollte, wovon ich jetzt mal ganz unvoreingenommen ausgehe …“ – weil er einfach nicht auf die Weise an Mädchen interessiert zu sein scheint, die du dir erhoffst, kleine Sue – „… lässt du dich von mir zu einem Date ausführen. Abgemacht?“

Mit eiskalter Stimme verkündete sie: „Eher friert die Hölle zu.“

Nun ja, was das anging, so hatte mir Theresa Alber im vergangenen Sommer auch felsenfest versichert, dass sie mich erst ranlassen würde, wenn die Hölle gefriert. Da ich an Halloween mit ihr geschlafen hatte, war anzunehmen, dass die Hölle inzwischen einem Gefrierschrank glich. „Das passiert öfter, als du denkst, Sonnenschein“, erwiderte ich ernst. Dann stand ich auf, lief auf den Flur und klopfte an Ethans Tür.

Ohne seine Antwort abzuwarten, ging ich rein und warf ihm das Handy zu. „Anruf für dich.“

Ethan hatte sich offensichtlich nach der Dusche an die Hausaufgaben gesetzt. Jetzt lehnte er sich in seinem Drehstuhl zurück, drückte das Handy ans Ohr und warf mir einen verwunderten Blick zu. „Hallo?“, fragte er neugierig.

„Übrigens, sie bedankt sich für den Latte!“, rief ich über die Schulter, ehe ich die beiden Turteltäubchen sich selbst überließ. Ich schloss die Tür hinter mir und wollte schon in mein Zimmer zurückkehren, konnte mich aber rätselhafterweise nicht von der Stelle bewegen. Normalerweise war mir Lauschen zuwider, aber dieses Mal konnte ich nicht anders. Mein vermeintlich schwuler Bruder hatte ein Mädchen am Telefon. Ich musste wissen, was passierte. Leider sprach Ethan viel zu leise. Vermutete er etwa, dass ich zuhörte? Nein, unmöglich.

Als die Tür plötzlich aufging, legte mein Herz einen schuldbewussten Gang zu. Wie angefroren stand ich im Flur und begegnete Ethans Blick, als er aus seinem Zimmer kam. Er musterte mich einen Moment. Dann brach er in Lachen aus und hielt mir mein Handy hin. „Spionierst du mir etwa hinterher?“

„Äh …“ Wenigstens nahm er es mit Humor. „Ich hab …“

„Gelauscht?“, beendete Ethan meinen Satz, als ich mir das Handy in die Tasche steckte. „So viel hab ich gemerkt. Aber um es dir einfacher zu machen, Susan kommt gleich vorbei.“

Ich riss überrascht die Augen auf. „Du hast sie eingeladen?“

„Ja.“

Hierher?“

„Ja-a.“

„Wozu?“

Ethan zuckte mit den Schultern. „Um gemeinsam rumzuhängen. Vielleicht sehen wir auch fern, keine Ahnung. Warum, was machst du denn mit den Mädels, wenn sie zu dir kommen?“

Oh, Bruder … Ich presste die Lippen zusammen, hob eine Braue und ließ Ethan die Antwort selbst herausfinden.

„Ah ja. Na, ich werde jedenfalls nicht den ganzen Abend mit ihr herumknutschen, falls du das wissen wolltest.“

„Nicht einmal ein bisschen?“, hörte ich mich fragen, obwohl ich das gar nicht hatte fragen wollen. Oder vielleicht doch, aber es war auf jeden Fall total falsch, es laut auszusprechen.

Wieder überraschte Ethan mich mit einem Lachen. Mein Stochern ließ ihn völlig kalt. „Nein, ich glaube nicht einmal ein bisschen. Susan ist nur ein Mädchen, das ich diese Woche kennengelernt habe. Und du weißt schon, dass Jungs und Mädchen zusammen abhängen und Spaß haben können, ohne sich gleich an die Wäsche zu gehen, oder?“

„Das glaube ich erst, wenn ich es sehe.“ Das war mein voller Ernst. Wenn ich Fußball spielen oder einen Film sehen wollte, ohne im Dunkeln herumzuknutschen, lud ich einen der Jungs zu mir ein, kein Mädchen. Wie konnte Ethan – der Mensch, mit dem ich mir neun Monate lang den Bauch meiner Mutter geteilt hatte – so völlig anders gestrickt sein als ich? Ich nahm ihm jedoch nicht ganz ab, dass er keinerlei Absichten mit Susan hatte, also versuchte ich es ein letztes Mal. „Stehst du denn wirklich kein bisschen auf sie?“

„Sie ist nur eine Freundin.“

Aha, diese Theorie wollte ich doch gleich mal auf die Probe stellen. „Und wenn, mal rein hypothetisch, ein anderer sie anbaggern würde?“ Ich steckte die Hände in die Hosentaschen und zuckte mit den Schultern. „Würde dir das was ausmachen?“

Er dachte genau zwei Sekunden lang darüber nach. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein. Sie kann zusammen sein, mit wem sie will.“

Das waren ziemlich enttäuschende Nachrichten. Ich drehte mich um und lief in mein Zimmer zurück, doch als er meinen Namen rief, drehte ich den Kopf über die Schulter. „Gibst du mir Susans CD jetzt endlich?“, fragte er, immer noch amüsiert über unsere sehr desillusionierende Unterhaltung.

Wie er zuvor, überlegte ich genau zwei Sekunden lang, dann sagte ich: „Nö“, und grinste. „Aber ich dreh wieder auf, damit du und Sue zuhören könnt.“

Ethan verdrehte nicht mehr ganz so amüsiert die Augen.

Als die Musik aus den Lautsprechern wummerte, steckte ich mir ein Minzbonbon aus der Dose, die auf meinem Schreibtisch stand, in den Mund und machte es mir im Sessel mit dem Spanischbuch gemütlich, um mich auf den Test in der nächsten Woche und die private Nachhilfestunde mit Lauren morgen vorzubereiten. Mann, Spanisch lernen war ganz bestimmt nicht das, wonach mir im Moment der Sinn stand. Estoy aburrido. Estas aburrido. Es aburrido. Mürrisch konjugierte ich in Gedanken, wie gelangweilt jeder war. Als das saß, versuchte ich zu konjugieren, wie lahm mein Bruder war.

Ein lautes Knallen riss mich wenig später aus dem Büffeln. Als ich aufsah, war ich völlig baff. Das Schulbuch wäre mir beinahe aus den Fingern gerutscht. Es dauerte einen Moment, bis ich mich wieder gefangen hatte, dann kroch ein fasziniertes Lächeln auf meine Lippen.

Was in drei Teufels Namen wollte Susan Miller denn in meinem Zimmer?

Ich konnte sie das leider nicht fragen, weil die Musik zu laut war. Da sie aber die Tür extralaut zugeschlagen hatte, war ich mir sicher, dass sie aus einem bestimmten Grund zu mir gekommen war. Ich richtete den Blick auf ihr schüchternes Gesicht, stand auf, legte das Buch beiseite und drehte die Musik leiser. Ihr Blick folgte mir bei jedem Schritt, als sei er angeklebt, wobei er ziemlich lange auf meinem nackten Oberkörper haftete.

„Äh, hi“, krächzte sie, sobald wir unsere eigenen Worte wieder hören konnten.

Zuallererst fiel mir auf, dass sie keine Brille trug. Ihre Augen leuchteten lebhaft grün. Sie waren sogar recht hübsch. Groß, warm, und im Moment stand ein unsicherer Blick darin.

„Tut mir leid, dass ich so hereinplatze.“ Sie zuckte mit den Schultern und zog eine Grimasse.

Ich schlenderte zu ihr. Wo war Ethan? Hatte er sie wegen der CD geschickt?

Da sie so verloren und allein in meinem Zimmer stand, nutzte ich die Gelegenheit und ließ meinen Blick über sie schweifen. Sie trug dasselbe limettengrüne T-Shirt wie in der Schule. Nicht besonders offenherzig, das Teil. Die Mädchen, mit denen ich gewöhnlich meine Zeit verbrachte, gaben sich alle Mühe, so viel wie möglich von ihren Kurven zu zeigen. Sue präsentierte gar nichts. Überhaupt nichts. Der Kragen war weit geschnitten, aber sie trug das Shirt so, dass es mehr von ihrer Schulter zeigte als von der Wölbung ihrer Brüste. Auf diese Weise blieb reichlich Raum für Fantasien. Seltsamerweise füllten gerade die mir sofort den Kopf.

Nach einem tiefen Atemzug erklärte sie: „Deine Mom hat mich reingelassen.“

Da wurde mir mit einem Schlag klar, dass sie Ethan wohl noch gar nicht gesehen hatte. Wieder einmal stand Sue dem falschen Zwilling gegenüber und sie hatte keine Ahnung. Ich unterdrückte ein Lachen, als sie stammelte: „Sie hat dich gerufen, aber bei dem Höllenlärm hast du sie wohl nicht gehört und …“

Ich erbarmte mich ein wenig und legte ihr die Hand über den Mund, bevor sie sich selbst wieder um Kopf und Kragen reden konnte. Scheiß auf die Streberklasse, dieses Mädchen hatte Lippen so weich wie Zuckerwatte! Mit dem Zeigefinger auf meinem eigenen Mund deutete ich ihr an, dass sie fürs Erste genug gesagt hatte.

Ihre tiefen Atemzüge federten über meinen Handrücken. Der überraschte Blick in ihren Augen war unbezahlbar. Und da sie schon mal in meinem Zimmer stand, konnte ich nicht widerstehen, sie ein wenig zu necken. Ich nahm die Hand von ihrem Mund und sagte in schmeichelnder Stimme: „Ich hätte nicht erwartet, dass du so schnell auf mein Angebot anspringst.“ Mein Mund formte sich zu einem Lächeln. „Vor allem nicht, nachdem du mich vorhin am Telefon so gnadenlos abserviert hast.“

Sie starrte mich einen Moment ungläubig an. Dann stöhnte sie auf. „Neeein! Chris?“

„Der selbige.“

Sie wich einen Schritt zurück, um den für sie wohl nötigen Abstand zwischen uns zu bringen, und fragte vorwurfsvoll: „Warum hörst du meine CD?“

Oh, die Frage war gut. „Das könnte ich dir sagen, aber die Antwort würde dir wahrscheinlich nicht gefallen.“

Sie ignorierte meine guten Absichten völlig und zog nur die Augenbrauen hoch, um mich stumm doch noch zu einer Antwort zu bewegen. Also schloss ich den Abstand zwischen uns, beugte mich vor und flüsterte ihr ins Ohr: „Weil du sie mir gegeben hast.“

Als sie frustriert aufstöhnte, kitzelte ihr Atem meine nackte Brust. „Die hättest du, wie meine Telefonnummer, an Ethan weiter geben sollen. Warum hast du das nicht getan?“

Ihre Entrüstung verleitete mich dazu, sie noch ein klein wenig mehr aufzuziehen. Ich wickelte eine Strähne ihrer Haare um meinen Finger. Das seidig weiche Gefühl brachte mich auf ziemlich merkwürdige Gedanken. Dinge, die ich noch nie zuvor mit einem Mädchen aus dem Streberklub getan hatte. „Ich wollte wissen, auf welche Musik du stehst, damit ich sie auflegen kann, wenn wir auf meinem Bett rumknutschen“, säuselte ich.

Sue schlug meine Hand weg. „Falls du noch nicht selbst drauf gekommen bist, lass mich eines klarstellen: Du hast eine Schraube locker!“

Das ist noch milde ausgedrückt, dachte ich bei mir, als ich mir vorstellte, wie ich dieses Mädchen mit einem heißen Kuss zum Schweigen bringen würde. So war sie sicher von ihren Streber-Exfreunden noch niemals geküsst worden.

„Und wichtiger noch“, fuhr sie fort, „es gilt allgemein als miese Nummer, jemanden anzubaggern, der eigentlich deinen Bruder besuchen will.“

Darüber musst du dir keine Sorgen machen, Sonnenschein. Noch vor zehn Minuten hatte er nichts dagegen einzuwenden, dass du mit einem anderen rummachst.

„Warum? Glaubst du, er wird sauer werden?“, zog ich sie auf und grinste über ihr offensichtliches, wenn auch unerwidertes Interesse an meinem Zwillingsbruder. Meinem vermutlich schwulen Zwillingsbruder, genauer gesagt. „Glaubst du, dass er an dir interessiert ist?“

Zum ersten Mal kroch Sorge in ihre grünen Gummibärchenaugen. „Wieso? Glaubst du das nicht?“

Im Augenblick war das wirklich schwer zu sagen, aber ja, ich bezweifelte es stark. Das konnte ich ihr natürlich nicht einfach so ins Gesicht knallen. Es war Ethans Angelegenheit. Ich würde ihn ganz bestimmt nicht vor jemandem outen. Was für ein Bruder würde so etwas tun?

Während ich über eine höfliche Ausrede nachdachte, tippte ich mir mit dem Zeigefinger aufs Kinn. „Ich glaube, ich werde ein Auge drauf haben, wie sich die Sache zwischen euch beiden entwickelt. Könnte amüsant werden.“ Ich zwinkerte ihr zu, packte sie an den Schultern und drehte sie zur Tür. Gentleman, der ich war, beugte ich mich vor, um diese für sie zu öffnen.

Sue ließ sich von mir in den Flur und die fünf Schritte zu Ethans Zimmer manövrieren. Auch diese Tür öffnete ich für sie, weil ich das Gefühl hatte, dass sie inzwischen zu geschockt war, um es selbst zu schaffen.

Ethan lungerte auf seinem Bett und spielte Wii. Er sah auf, als ich unseren Gast sanft in sein Zimmer schob, aber sein Lächeln war unverbindlich. Wie es aussah, waren sie wirklich nur Freunde – zumindest soweit es ihn betraf.

„Du hast Besuch“, sagte ich und überließ Susan ihrem Schicksal. Oh, diese Show würde unbezahlbar werden. Ich schüttelte mich aus vor Lachen, als ich mich zurückzog und Susan die Tür hinter mir schloss.

In meinem Zimmer drehte ich die Musik wieder auf, damit die beiden auch was davon hörten, und griff mir mein Spanischbuch. Ich weiß nicht, wie lange ich gebüffelt habe, aber irgendwann fing mein Magen an zu knurren.

In der Küche hing neben den Notfallnummern die Speisekarte von Lou’s Pizzaofen und ein Zwanzig-Dollar-Schein von Mom. Ehe ich den Anruf beim Pizzaservice machte, wollte ich Ethan fragen, was er wollte. Vor seinem Zimmer blieb ich stehen. Es war still drinnen. Wahrscheinlich war Sue schon gegangen. Ich klopfte kurz an und ging hinein. „Hey, E.T., ich bestell uns Pizza …“ Mein Herz setzte einen Schlag lang aus und ich blieb abrupt mitten im Zimmer stehen.

Susan lag auf dem Rücken im Bett mit Ethan obendrauf, das Bein angewinkelt, ihre Gesichter nur durch Zentimeter voneinander getrennt. Er war dabei sie zu küssen. Scheiße noch mal, Ethan wollte tatsächlich mit Susan Miller rummachen!

„Nicht dein Ernst.“ Verdammt, es war zu spät, um meine Worte zu zensieren. Der Anblick hatte mir offensichtlich jeglichen Verstand aus dem Hirn geblasen. Meine Kehle wurde bröseltrocken und ich starrte die zwei mit offenem Mund an.

Beide waren bleich vor Entsetzen und schossen blitzschnell in die Höhe. Was auch immer gerade in diesem Zimmer vorgegangen war, ich hatte es erfolgreich vereitelt.

Susan erwiderte meinen Blick mit vorwurfsvoller Miene und ich verspürte ein schuldbewusstes Stechen in meiner Brust. „Es tut mir leid, ich wusste nicht, dass du noch hier bist“, entschuldigte ich mich rasch. Meine Stimme klang seltsam rau. Um ihnen und mir wenigstens ein bisschen Würde zu erhalten, machte ich auf den Hacken kehrt und eilte wortlos in die Küche zurück.

„Pizza klingt gut“, rief mir Ethan hinterher. Vermutlich sein Versuch, diese verfahrene und nicht wieder gutzumachende Situation zu retten.

Au Backe! Ich rieb mir übers Gesicht und versuchte das Bild, wie sie miteinander auf seinem Bett lagen, abzuschütteln. Jetzt hatte ich auch eine ziemlich gute Vorstellung davon, wie peinlich es Mom gewesen sein musste, als sie Lauren und mich vor ein paar Wochen in ähnlicher Position überrascht hatte.

An die Kochinsel gelehnt, wählte ich Lous Nummer und hörte gleich darauf, wie jemand an der Tür vorbeistürmte. Ich sah auf und entdeckte Susan, die förmlich zur Haustür rannte. Ethan war ihr dicht auf den Fersen. „Also, wenn es wegen—“

„Nein, das ist es nicht“, schnitt sie ihm das Wort ab.

Hatten sie etwa in den zehn Sekunden, die ich sie allein gelassen hatte, einen Streit angefangen? Ich wollte nicht in den Flur gehen, um mich zu vergewissern, aber Gott sei Dank war ihr Gespräch so laut, dass ich es bis in die Küche hören konnte.

„Meine Mom braucht das Auto“, erklärte Sue, „und ich muss in genau drei Minuten zu Hause sein.“

Ah, angesichts dieser neuen Information sollte sie mir eigentlich dankbar sein, dass ich die beiden unterbrochen hatte. Andernfalls hätte sie womöglich noch Ärger mit ihrer Mutter bekommen.

Als Ethans zögerndes „Oh“ zu mir drang, konnte ich jedoch nicht anders, als ihn zu bedauern.

„Hey, das war nett. Das sollten wir bei Gelegenheit wiederholen“, schlug Sue vor und fing dann zu stammeln an. „Ich meine … ich …“

Okay, ich hielt’s einfach nicht länger aus. Neugierig streckte ich meinen Kopf zur Tür heraus, um zuzusehen, was zwischen den beiden vorging. Susan hatte den Rücken zur Haustür gekehrt und entdeckte mich, als sie den Blick über Ethans Schulter hinweg richtete. Ein paar missbilligende Falten erschienen auf ihrer Stirn, aber sonst ignorierte sie mich. „Ach, egal. Ich nehme an, wir sehen uns.“ Sie drehte sich um und öffnete die Tür, aber Ethan wollte sie noch nicht gehen lassen. Er packte sie am Handgelenk. Guter Junge. Ich hätte dasselbe getan. Ob er ihr jetzt wohl einen Kuss zum Abschied gab?

Nein, das tat er nicht. Er sagte lediglich mit hoffnungsvoller Stimme: „Das war echt nett heute, Susan. Willst du morgen vielleicht wiederkommen? Oder wir könnten auch die Limo trinken gehen, von der wir gesprochen haben.“

Es war zu schade, dass ich Sues Reaktion nicht an ihrem Gesicht ablesen konnte, weil sie nun hinter der geöffneten Tür stand. „Okay“, sagte sie. „Ruf mich nach der Schule an.“ Dann beugte sie sich hinter der Tür hervor und musterte mich mit finsterem Blick. „Gib ihm meine Nummer, Dumpfbacke!“

Ich schluckte schwer und nickte, dann war sie weg.

Als Ethan durch den Flur zurück trottete, trat ich aus der Küche und versperrte ihm den Weg. „Hey, Mann, tut mir echt leid.“

„Ja, klar.“ Er verdrehte die Augen. Einen Moment später zuckte er jedoch mit den Schultern und sein Blick war nicht mehr ganz so finster. „Vielleicht wartest du das nächste Mal einfach, bis ich herein sage.“

„Ich dachte, sie ist schon weg“, erklärte ich hastig. „Es war so still in deinem Zimmer.“

Jetzt lachte er. „Tja, rate mal, warum.“

Shit! Ich war so ein Idiot. Ich zog eine Grimasse und stöhnte. „Das wird nie wieder passieren, versprochen.“

Ethan gab mir einen Klaps auf die Schulter und grinste, als er an mir vorüberging. „Keine Sorge. Ich vermute mal, es kommen noch andere Gelegenheiten.“

Um sie zu küssen? Vor zwei Stunden hatte er mir noch versichert, dass er kein Interesse an dem Mädchen hatte. Wir sind nur Freunde, waren seine Worte gewesen. Warum um alles in der Welt hatte er seine Meinung geändert? Andererseits hatte eine Menge Popcorn auf seinem Bett gelegen, als ich ins Zimmer gestürmt war, und sein Mund war nicht auf ihrem gewesen. Was, wenn ich die Zeichen falsch gedeutet hatte?

Ich drehte mich zu ihm um und platzte heraus: „Hast du sie geküsst?“

Mein Bruder lachte nur. „Das würdest du jetzt wohl gerne wissen.“

 

 

Kapitel 4

 

 

ICH BEKAM AUS Ethan beim Pizzaessen an diesem Abend nichts mehr heraus und so enttäuschend das auch für mich war, tat es mir vor allem für Mom leid. Kaum, dass sie von dem Treffen mit ihrem Kunden zurück war, stürmte sie in mein Zimmer und platzte fast vor Neugier.

Sie schloss die Tür, lehnte sich dagegen, stieß einen langen mädchenhaften Seufzer aus, für den sie viel zu alt war, und verlangte: „Los, erzähl mir alles!“

Ich stellte mich dumm und ließ sie noch ein wenig auf glühenden Kohlen sitzen. „Äh … Was meinst du? Wie es mit Spanisch läuft oder wie uns die Pizza geschmeckt hat?“

„Ich warne dich, Freundchen. Zwing mich nicht dazu, dir für den Rest des Monats Hausarrest zu verpassen.“ Sie deutete mit einem Finger auf mich und unterdrückte ein Lachen. „Du weißt genau, dass ich über Ethans weiblichen Besuch rede.“

„Warum fragst du ihn nicht selbst.“

„Weil du mir immer sagst, ich soll ihn nicht bedrängen. Jetzt rück schon mit der Sprache raus, sonst wasche ich das nächste Mal dein Lieblingsshirt mit meinen rosa Socken. Also, was weißt du?“

Die Frau kannte kein Erbarmen. Ich lächelte. „Du brauchst noch nicht loslaufen und dir ein Hochzeits-Outfit besorgen. Ethan sagt, sie sind nur Freunde. Aber wenn du mich fragst, standen sie nahe davor, in seinem Zimmer zu knutschen.“

Mom setzte sich auf mein Bett. Ich drehte mich auf dem Stuhl zu ihr um. „Nahe davor?“, fragte sie und umarmte mein Kissen in ihrem Schoss.

„Ja.“ Ich kratzte mir mit dem Stift den Kopf. „Ich bin aus Versehen reingeplatzt und habe beendet, was auch immer da vorging.“

Moms Gesichtsausdruck verkrampfte sich schlagartig und ihre Brauen schossen in die Höhe. „Du hast was?“

„Ich wusste ja nicht, was die beiden gerade vorhatten“, verteidigte ich mich, als mir das Kissen ins Gesicht flog. Ich fing es auf und warf es zurück. „Glaub mir, ich wünschte, ich wäre da nicht dazu gestoßen.“

Seufzend legte Mom das Kissen zurück und erhob sich. Auf dem Weg zur Tür warf sie mir einen zynischen Blick zu. „Dafür hättest du wirklich Hausarrest verdient. Ein ganzes Jahr lang. Ohne Basketball.“

„Es war ein Versehen, Mom!“ Ich verkniff mir ein Lachen, drehte mich wieder um und beendete die Mail an Dad. Ich schrieb ihm seit einer Weile, und da ich der Einzige in dieser Familie war, der noch zu ihm Kontakt hielt, dachte ich, es sei in Ordnung, ihm ein kurzes Update über Ethans Leben zu geben. Er würde sicher gern von Sue hören.

 

*

 

„Also“, setzte ich an, als Ethan uns am nächsten Morgen zur Schule fuhr. „Wirst du mir jetzt sagen, was gestern passiert ist?“

Ein nerviges Grinsen zupfte an seinen Mundwinkeln. Und wie erwartet, antwortete er nicht.

Mein lieber Bruder genoss es, mich auf die Folter zu spannen. Hatte ich das etwa verdient, wo ich doch so ein netter älterer Bruder war? (Ja, zwanzig Minuten Vorsprung bei der Geburt machten einen Riesenunterschied im Leben.)

„Weißt du was?“, sagte Ethan schließlich, als er vor der Schule parkte. „Ich sag dir, ob ich Susan geküsst habe, wenn du mir deinen signierten Ball von den Lakers gibst.“

Mein Basketball mit Kobe Bryants Unterschrift drauf? „Träum weiter, E.T.“ Der Ball war mein Schatz. Für nichts in der Welt gab ich den her. Lachend kletterte ich aus dem Auto, schlug die Tür zu und lief zum Gebäude.

Ethans Sturheit ließ mir jedoch keine Wahl; ich musste mir eine andere Taktik überlegen. Zwei Vormittage in Folge war ich Susan Miller diese Woche im selben Bereich der Schule begegnet. Die Chancen standen gut, dass sie ihre erste Stunde in der Nähe meiner Geschichtsklasse hatte. Aufmerksam lief ich durch den Flur und hielt Ausschau nach einem Mädchen mit einem honigblonden Pferdeschwanz und einer Brille. Aber sie tauchte nirgendwo auf, verdammt.

Tyler und Rebecca holten mich vor dem Klassenzimmer ein und lieferten mir den perfekten Vorwand, noch ein wenig auf dem Gang herumzulungern. „Gehst du heute wieder mit Lauren aus?“, fragte Becky, während ich den Flur scannte.

„Sie kommt später zu mir“, erklärte ich gedankenverloren. Ich wusste nicht, ob das für Becks als Ausgehen zählte, aber das Grinsen in ihrem Gesicht zeigte mir, dass sie sich darüber freute. Einen Moment später spiegelte sich dieses Grinsen in meinem Gesicht wieder, aber aus völlig anderem Grund. „Ich muss kurz was erledigen. Bis später.“ Ich trennte mich von ihnen und folgte dem roten Rucksack durch das Gewühl der Schüler.

Gleich darauf hatte ich Susan Miller eingeholt, passte mich ihrem Tempo an und legte lässig einen Arm um ihre Schultern. „Hey, Sue.“

Sie sah mich an und das Erste, was mir außer ihrem überraschten Lächeln auffiel, war, wie eigenartig perfekt sie unter meinen Arm passte. Sie war etwas kleiner als Lauren und mit ihr so zu gehen war einfach … angenehm.

Leider verdunkelte sich ihr freudiges Gesicht ziemlich schnell und ihr Rücken versteifte sich. „Und du bist …?“, fragte sie argwöhnisch.

Ich verdrehte die Augen. „Chris.“ Wann würde sie uns endlich auseinanderhalten können? So schwer war das doch nicht. Ich war der charismatische Frauenheld und Ethan war der … na ja, egal.

„Was willst du, Chris“, fauchte Sue. Sie gab sich alle Mühe, meine Hand nicht zu berühren, als sie meinen Arm mit zwei spitzen Fingern von ihren Schultern schob.

Ernsthaft, das Mädchen besaß den Charme eines Reißwolfs.

Ich unterdrückte ein genervtes Stöhnen und baute mich vor ihr auf, um ihr den Weg zu versperren. Dabei lehnte ich mich an die Reihe Spinde zu meiner Linken. So schnell kam mir die kleine Streberin nicht davon. „Ich bin neugierig“, sagte ich grinsend und legte den Kopf schief. „Hat Ethan dich gestern geküsst?“

Offensichtlich war sie von meiner Offenheit schockiert, denn sie öffnete und schloss den Mund zwei Mal, ohne dass ein Ton herauskam. „Hör auf zu sabbern, Spike“, schnappte sie schließlich. „Was zwischen deinem Bruder und mir passiert, geht dich nichts an.“

Das bedeutete: Kein verdammter Kuss! „Wusste ich’s doch“, platzte ich amüsiert heraus. Wenn sie wirklich geknutscht hätten, hätte sie mit Freude damit geprahlt, vor allem vor mir, und wenn auch nur, damit ich sie in Ruhe ließ. Ethan hatte es also ernst gemeint, dass er nicht die Absicht hatte, mit ihr den ganzen Abend zu kuscheln. „Er hat nicht den Mumm dazu.“

Mein erfreuter Kommentar verletzte wohl ihre Gefühle, denn sie starrte mich mit unverhohlenem Ärger an. Dann marschierte sie davon, wobei sie mich absichtlich anrempelte, was ihr sicherlich mehr wehtat als mir.

Ich drehte mich um und rief ihr mit zuckersüßer Stimme nach: „Hab einen schönen Tag, kleine Sue.“ Ihre Antwort darauf war ein hochgestreckter Mittelfinger, eine Geste, die meiner Meinung nach dafür sprach, dass sie sich allmählich für mich erwärmte.

Mit breitem Grinsen, das mir bis zum Ende der dritten Stunde wie festgetackert im Gesicht blieb, ging ich zum Unterricht. Erst, als sich Lauren graziöser als die meisten in Spanisch in den Stuhl neben mir gleiten ließ und mich mit neugierigen Augen musterte, wurde mir klar, dass ich mich anders als sonst benahm.

„Warum grinst du so? Kannst wohl die Nachhilfestunde nicht erwarten, wie?“, fragte sie mit wissendem Blick.

Ich räusperte mich. „Ich freu mich immer darauf, mit dir zu lernen, Parker.“

Lauren schenkte mir ihren Du-willst-mir-an-die-Wäsche?-Blick und fuhr langsam die dicken Buchstaben auf dem Schulbuch mit ihrem Stift nach. „Na dann hoffe ich mal, du warst ein braver Junge und hast artig gebüffelt.“

Und was für ein braver Junge! Ich hatte gelernt bis zum Umfallen. „Mein Hirn ist schon so voll von dem spanischen Blödsinn, dass ich letzte Nacht sogar davon geträumt habe.“

„Voller Blödsinn glaub ich sofort. Aber Spanisch? Das bezweifle ich.“ Sie kicherte, doch gleich darauf schwiegen wir, weil Mrs. Sanchez den Klassenraum betrat und uns mit einem fröhlichen „¡Buenos días!“ begrüßte.

Nach dem Unterricht ging ich zum Mittagessen in die Cafeteria, während Lauren noch eine Stunde in der Turnhalle verbringen musste, ehe sie Pause hatte. An der Essensausgabe traf ich auf Cody Giles und Tyler und wir begannen sofort Pläne zu schmieden, wie wir den Leuten von der Clearwater High am Samstag beim Spiel den Hintern versohlen würden.

Ich setzte mich am Basketballertisch an meinen angestammten Platz und ließ den Blick auf der Suche nach Susan Miller zum Strebertisch wandern. Wieder kein Pferdeschwanz unter den Leuten dort. Na ja, eigentlich waren dort schon welche, aber nicht der, nach dem ich Ausschau hielt. Ich aß meinen Apfel, das einzige auf meinem Tablett, das keine vierstelligen Kalorienzahlen hatte, lehnte mich zurück und legte die Füße auf den leeren Stuhl neben mir. Er war für Rebecca reserviert, aber sie war noch nicht aufgetaucht.

„Wo ist deine viel hübschere bessere Hälfte?“, fragte ich Tyler, griff mir eine Pommes neben dem Burger und warf sie ihm an den Kopf. Er konnte von Glück sagen, dass sie nicht in Ketchup getaucht war. Seine Antwort hörte ich jedoch nicht, weil mein Blick ein Mädchen eingefangen hatte, das an dem Tisch stand, an dem mein Bruder saß. Nervös wickelte sich Susan Miller eine Strähne ihres Pferdeschwanzes um den Finger und lächelte Ethan an.

Als sie ihm zuwinkte und davonging, erwartete ich, dass sie zur Theke gehen würde und sich was zu essen holte. Stattdessen lief sie zu dem Tisch, der am weitesten von unserem entfernt stand – dem Fußballertisch. Was um alles in der Welt wollte sie denn da?

„Autsch!“, stöhnte ich, als etwas mein linkes Auge traf und meine Aufmerksamkeit von Susan ablenkte. Die Weintraube war von meinem Gesicht abgeprallt und hüpfte über den Boden. Ich rieb mir das schmerzende Auge und überlegt, ob ich die Gurke aus meinem Burger fischen und eine Essensschlacht mit Tyler anfangen sollte. Aber einer der Pausenaufseher ging gerade an unserem Tisch vorbei und rettete T-Rex vor einem Gurkenangriff. Ich wollte mir meine saubere Führungsliste ohne Nachsitzen im Abschlussjahr nicht durch so was Dämliches wie das Treffen der falschen Person mit wabbeligem Essen versauen.

Ich biss von meinem Burger ab und stopfte eine Handvoll Pommes in den Mund, während ich meinen Freunden nur mit halbem Ohr zuhörte. Neunzig Prozent meiner Aufmerksamkeit waren auf den Fußballtisch gerichtet. Die Bay Sharks hatten mich nie groß interessiert, weshalb es nur normal war, dass mir die Mädchen am Tisch von Ryan und seinem Team vorher nie aufgefallen waren. Wie selbstverständlich hatte ich immer angenommen, dass es ihre Freundinnen waren, aber wie passte die kleine Streberin zu dieser Truppe?

Ein kurzes Gespräch, das sie mit Alex Winter führte, ließ alle am Tisch in Lachen ausbrechen. Das Gelächter driftete bis zu uns herüber. Sue lief grässlich rosa an. Okay nicht wirklich grässlich, sondern für ein Mädchen eigentlich ganz niedlich. Sie beschäftigte sich damit, eine Kiwi zu schälen und in kleine Stücke zu schneiden.

Ich fragte mich, was so lustig gewesen war.

Und dann fragte ich mich, warum ich mich das fragte …

Die Kleine beschäftigte mich in letzter Zeit viel zu sehr und daran war nur Ethan schuld. Ich konnte nicht mal meinen Burger genießen, ohne ihr andauernd verstohlene Blicke zuzuwerfen. Das war nicht nur merkwürdig, es war nervig, vor allem, weil mich schon wieder eine Traube im Gesicht traf.

„Hey Mann, hörst du überhaupt zu?“, spottete Tyler und hielt die nächste Traube schon wurfbereit.

Ich klappte meinen Burger auseinander und fischte die Gurkenscheibe heraus. Seine hochgezogenen Augenbrauen erwiderte ich mit einem Grinsen. „Versuch’s und du bekommst das hier an die Stirn geklatscht.“

Tyler hob die Hände. „Waffenstillstand, Mann!“ Er steckte die Traube grinsend in den Mund. Von mir aus konnten wir gerne Waffenstillstand schließen, solange mich keine weiteren Früchte ins Auge trafen.

Nach dem Essen, als sich alle in verschiedene Richtungen verteilten, schloss ich mich Ryan an und ging mit ihm zu Bio. Die Neugier war an diesem Tag ein kleiner Teufel in meinem Nacken, der sich nicht abschütteln ließ. „Wie kommt es, dass Miss Bissig und Gemein bei euch am Tisch sitzt? Ich dachte eher, sie würde mit den Vulkanbauern abhängen.“

„Miller? Sie ist cool.“ Ryan warf mir einen Blick von der Seite zu. „Warum? Interessierst du dich für sie?“

„Keineswegs. Aber sie hängt mit meinem Bruder rum und das kommt mir seltsam vor, wenn man bedenkt, dass wir hier von“ – ich zuckte mit den Schultern und runzelte die Stirn – „Ethan sprechen.“ Ryan war der verschwiegenste Mensch, den ich kannte, und einer der wenigen, der über die angeblichen Präferenzen meines Bruders Bescheid wusste. Als die Gerüchte sich beinahe auch außerhalb des Basketballteams verbreitet hätten und Ethan das Team verließ, hatte ich oft mit Ryan darüber gesprochen. Einer seiner Cousins war homosexuell, daher konnte er mir eine Menge über mögliche Anzeichen sagen.

„Gib Ethan eine Chance. Ich denke, die beiden passen gut zusammen.“ Hunter lachte und schlug mir auf die Schulter. „Du im Gegensatz scheinst mir nicht die richtige Gesellschaft für unseren Bücherwurm zu sein, mein Freund.“

Ich hob die Augenbrauen. „Entschuldigung?“

„Ob du’s glaubst oder nicht, aber heute hat sie zum ersten Mal in – ich glaube, in ihrem ganzen Leben – Nachsitzen aufgebrummt bekommen.“

Ich verdaute diese Neuigkeit, während ich in den Biosaal ging, und blieb stehen, als Hunter mir nicht folgte. „Wohin gehst du?“

Fröhlich erklärte er: „Für mich ist die Schule heute gelaufen. Jahrgangssprechersitzung.“

Eine Sitzung? Der Glückspilz. Jetzt, wo er es erwähnte, erinnerte ich mich auch wieder daran, dass Rebecca deshalb nicht beim Mittagessen gewesen war. Sie war seine Stellvertreterin und Tyler hatte etwas in die Richtung erwähnt, ehe er mir beinahe das Auge mit der Traube ausgeschossen hatte. Ich rief Ryan hinterher: „Wieso muss Miss Bissig denn nachsitzen?“

Ohne stehen zu bleiben, warf er mir einen süffisanten Blick über die Schulter zu. „Als ob du das nicht wüsstest.“

Verdammt, sollte ich das? Völlig baff blieb ich auf der Schwelle zum Klassenzimmer stehen, bis die Glocke eine halbe Minute später läutete und Mr. Murphy mich mit sich ins Zimmer schob.

Der stämmige, kleine Mann, der immer einen weißen Laborkittel mit großen weißen Knöpfen trug, schob seine Brille höher und hüstelte. „Haben Sie denn etwas Besseres vor, als meinem Unterricht zu lauschen, Mr. Donovan?“, fragte er mit einer Stimme, die bei jedem Wort brach, als sei er für den Rest seines Lebens im pubertären Stimmbruch stecken geblieben. Sein Gesicht ähnelte dem eines Koalabären und alle mochten ihn, vor allem weil er uns nie schlechtere Noten gab als ein C.

„Sie haben Glück, Mr. Murphy, ich glaube, ich bleibe heute“, erwiderte ich und ging zu meinem Platz am Fenster. Ich schlüpfte aus der Lederjacke, machte es mir bequem und bereitete mich schon mal seelisch auf einen weiteren Film vor, in dem wir zu sehen bekamen, wie ein menschlicher Arm offengelegt wurde, damit man alle Nerven und Sehnen sah. Es war eines der ekeligsten Dinge, die uns in der Highschool gezeigt wurden, aber im Gegensatz zu mir genossen die meisten meiner Mitschüler den Anblick. Mir fiel es leicht, mich auszuklinken und den Rest der Stunde vorüberziehen zu lassen, ohne viel davon mitzubekommen.

Sorgsam darauf bedacht, von Koala-Murphy nicht erwischt zu werden, fädelte ich das Kabel meiner Kopfhörer unter meinem Dunkin’ Sharks T-Shirt durch. Am Kragen fischte ich sie heraus und steckte sie mir in die Ohren. Ich drehte die Musik gerade so laut, dass sie den Sprecher der widerlichen Doku übertönte, lehnte mich zurück und rutschte tiefer in den Stuhl, den Blick auf die Uhr über der Tafel gerichtet statt auf den Fernseher.

Ich hatte auf Zufallswiedergabe gestellt und zählte die Minuten während meines Lieblingssongs „Take Me to Church“. Den darauf folgenden Song erkannte ich erst nach mehreren Beats. Das Album war neu auf meinem iPod, erst gestern von einer CD runtergeladen. Susan Millers CD, um genau zu sein.

Im verdunkelten Raum schlich sich ein Lächeln auf meine Lippen, als ich daran dachte, wie Sue gestern in meinem Zimmer stand und mich von Kopf bis Fuß gemustert hatte. Ich hätte mein Leben darauf verwettet, dass ihr gefiel, was sie sah.

Sie war schon ein recht seltsamer Fall. Eine Streberin, die bei den Bay Sharks saß. Und ein Mädchen wie sie beim Nachsitzen? Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Aber Ryan würde mich nicht anlügen. Nur was um Himmels willen hatte seine Bemerkung zu bedeuten? Sollte ich eine Ahnung haben, warum die kleine Beißzange Ärger bekommen hatte? Unwahrscheinlich. Doch plötzlich konnte ich an nichts anderes mehr denken. Sie sah mir nicht wie eine typische Unruhestifterin aus.

Während ich zusah, wie der Minutenzeiger wie eine Schnecke dahin kroch, knetete ich mit Daumen und Zeigefinger meine Unterlippe und fragte mich, welchen der Jungs ich danach fragen konnte. Ryan hatte den restlichen Tag zu tun und keiner aus der Fußballmannschaft hatte in der nächsten Stunde mit mir Englisch. Ich könnte nach der Schule Ethan fragen, er würde es wissen.

Plötzlich kam mir eine noch viel bessere Idee und ich wippte ungeduldig mit dem Fuß auf und ab. Vielleicht war es an der Zeit, meiner makellosen Abschlussklassenakte einen Fleck zu verpassen und die Kette nachsitzfreier Tage zu unterbrechen, um es selbst herauszufinden.

Beim Läuten der Glocke schoss ich vom Sitz hoch und stürmte aus Mr. Murphys Klasse. Ich hatte einen Plan und nur fünf Minuten Zeit, ihn umzusetzen.

Trevor North, Jake Olsen, Tyler und Brady Baker, alles Jungs aus meinem Basketballteam, standen vor Jakes Spind. Hierher zu kommen bedeutete zwar einen Umweg durch das halbe Schulgebäude vor meiner nächsten Stunde, aber ich war mir sicher, dass ich ein paar der Jungs hier finden würde und ich brauchte sie alle für die Operation: Nachsitzen.

„Gentlemen, ich benötige eure Hilfe“, sagte ich atemlos, schob Jake zur Seite und griff in den immer noch offenen Spind. Gewöhnlich bewahrte er einen Basketball darin auf und heute war keine Ausnahme.

Jake fuhr sich mit der Hand durch die dunklen Haare, ehe er seine Baseballkappe wieder aufsetzte. „Was ist los?“

„Ich will nachsitzen und ihr müsst mir dabei helfen.“ Alle vier sahen mich mit ungläubigen Gesichtern an. Offensichtlich zweifelten sie an meiner geistigen Gesundheit. „Ich meine damit, dass ich heute unter allen Umständen in die Nachsitzklasse gelangen muss“, erklärte ich genauer. „Ich möchte dort ein Mädchen treffen.“

Tylor sah mich mit argwöhnischen Augen an. „Lauren muss nachsitzen?“

„Nein, es geht nicht um Lauren.“ Ich ließ den Ball springen. „Erinnert ihr euch an das Mädchen von neulich? Die, die behauptet hat, sie hätte ein Date mit mir?“

Tyler nahm mir den Ball ab und ließ ihn auf einem Finger kreisen. „Richtig. Der süße Streberkäfer. Du gehst also mit ihr aus?“

„Nein.“ Ich verdrehte die Augen. „Sie ist eine Freundin meines Bruders. Missverständnis. Lange Geschichte. Egal.“ Ich winkte ab. „Die Sache ist die, Ryan hat gesagt, sie muss heute nachsitzen und ich will herausfinden warum.“

„Hast du schon mal daran gedacht, sie einfach zu fragen?“, schlug Trevor vor und lehnte die kräftige Schulter neben Jake an den Spind.

„Das werde ich.“ Hämisch grinsend wackelte ich mit den Augenbrauen. „Warum glaubt ihr wohl, will ich in die Klasse?“

„Tja, du könntest sie auch jetzt oder nach der Schule fragen?“

„Klar, könnte ich. Aber ihr habt dieses Kätzchen noch nicht im Raubkatzenmodus erlebt. Ich will ihr keine Chance zur Flucht lassen. Eine Stunde im selben Klassenzimmer gibt mir genau die Zeit, die ich brauche.“

T-Rex klopfte mir auf die Schulter und brach in schallendes Gelächter aus. „Das muss ich sehen, Mann. Ich bin dabei.“

„Was ist mit Becks?“, erinnerte ich ihn an seine Freundin, die nach der Schule üblicherweise auf ihn wartete.

„Ich schreib ihr später eine SMS. Bruder vor Braut, das weißt du doch.“

Als Jake den Spind zuschlug und mich verschmitzt angrinste, wusste ich, dass es abgemacht war – sie würden mir alle helfen. „Tja, dann lasst uns Ball spielen!“ Er schnappte T-Rex den Basketball weg, ließ ihn über seinem Kopf an die Wand prallen und joggte dann den Flur hinunter.

Als ich ihm nachlief, packte mich wieder ein vertrauter Nervenkitzel am Genick. Ich fing den Ball ab, ließ ihn zwei Mal aufprallen und gab ihn ab zu T-Rex. Wir tollten herum und schrien über den Lärm der Schüler um uns herum weg. Alles lief genau nach Plan, und nach nicht mal einer Minute wurden wir erwischt.

Eine Lehrerin, deren Namen ich nicht kannte und die mit ihrer zierlichen Figur eher wie eine Kindergartenerzieherin aussah als jemand, der sich mit pubertierenden Teenagern herumschlagen sollte, bremste uns an der Ecke aus und stemmte die kleinen Fäuste in die Hüften.

Ich grinste ihr ins vorwurfsvolle Gesicht. Nachsitzen war uns sicher.

 

*

 

„Hey, Mr. E.“, grüßte ich meinen Englischlehrer am Anfang der achten Stunde direkt nach Englisch wieder. Das Klassenzimmer füllte sich rasch mit Schülern, die sich ihren Platz suchten und ihre Gameboys oder Handys rausholten, um sich in den kommenden fünfzig Minuten die Zeit zu vertreiben.

„Mr. Donovan? Ich habe mich schon gefragt, wie lange es wohl dauert, bis ich Sie endlich beim Nachsitzen wiedersehen würde.“ Er lachte und senkte die Zeitung. „Moss, Olson, North und Baker – keine große Überraschung, Sie hier zu sehen.“

Die Jungs salutierten vor Mr. Ellenburgh, dann schlenderten wir zur Fensterseite des Klassenzimmers und stellten uns ein paar Stühle zusammen. Bisher waren nur drei Mädchen hier, keine davon Susan Miller.

„Mit welcher dieser Schnecken willst du reden?“, fragte Jake mit gesenkter Stimme, während er den Blick durch den Raum schweifen ließ. Ich schüttelte den Kopf und behielt dabei die Tür im Auge. Randy McDowell aus meiner Geschichtsklasse kam als Nächstes herein und nach ihm ein schüchternes Mädchen mit Brille.

„Es geht los“, sagte ich grinsend, worauf meine Freunde den Blick zur Tür richteten.

„Streberklub“, gaben Brady und Jake sofort zurück.

„Seltsamerweise Fußballtisch“, informierte ich sie, obwohl ich noch herausfinden musste, warum. Das war aber schließlich einer der Gründe, warum ich überhaupt hier war. „Wie es aussieht, ist sie in Ethan verknallt.“

„Und das stinkt dir, weil …?“ Tyler grunzte vor Lachen und stieß mir den Ellbogen in die Rippen.

Ich warf ihm einen Seitenblick zu. „Es stinkt mir gar nicht.“

„Ja, klar. Wir sind schon länger befreundet, als ich überhaupt denken kann, Mann, und ich kenne dieses Stirnrunzeln. In welcher Weise ist sie auf deinem empfindlichen Ego herumgetrampelt?“

Jetzt runzelte ich absichtlich die Stirn. „Was schwafelst du da?“

„Ich rede davon, dass du schon immer ein schlechter Verlierer warst. Wenn sie deinen Zwillingsbruder dir vorzieht, musst du irgendwas getan haben, was ihr gegen den Strich ging. Also, was war’s?“

Ja, was war das nur? Sue unterhielt sich im Flüsterton mit Mr. Ellenburgh und schien richtig nett zu meinem Englischlehrer zu sein. Sie war auch nett zu einer Menge anderer Jungs, die ich kannte. Warum also fuhr sie ausgerechnet bei mir die Krallen aus? „Ich habe nicht die leiseste Ahnung.“ Sie konnte mir ja wohl kaum unsere erste Begegnung ankreiden. Das war bloß ein blödes Missverständnis gewesen.

Mit eingezogenem Kopf huschte Susan zu einem leeren Platz im hinteren Teil der Klasse, als sei der Gang dorthin ihre persönliche Schandmeile. Sie hatte den Blick so tief gesenkt, dass sie nicht einmal eine Straßenlaterne gesehen hätte, wenn diese direkt vor ihr in den Boden gepflanzt worden wäre. Ganz zu schweigen von anderen Schülern, mich eingeschlossen.

Leise, um bloß keine Aufmerksamkeit zu erregen, holte sie ein paar Bücher aus ihrem Rucksack und fing mit den Hausaufgaben an. Der Pferdeschwanz fiel ihr dabei über die rechte Schulter und sie warf ihn immer wieder zurück. Gelegentlich kaute sie auf ihrem Stift herum, aber kein einziges Mal schaute sie sich im Klassenzimmer um.

Die Jungs spürten wohl auch die gesellschaftsfeindliche Aura, die Sue umgab, denn niemand spornte mich an, zu ihr rüberzugehen. Wenn ich jedoch noch länger wartete, war die Stunde bald um und ich kein bisschen schlauer. Mit dem Basketball unter dem Arm stand ich schließlich auf und schlenderte zu ihr. Sie bemerkte mich nicht. Welche Überraschung!

Wenn ich etwas sagte, würde sie vermutlich so sehr erschrecken, dass sie vom Stuhl fiel. Also legte ich den Ball auf den Tisch und gab ihm einen sanften Schubs, sodass er über ihr Mathebuch rollte. Verwundert schaute Susan zu, wie der Ball über die Tischkante rollte und auf dem Boden auf und ab hüpfte. Das war der Moment, wo sie sich richtig erschrak. Ihr leiser Schrei war total übertrieben und unangebracht … aber auch irgendwie süß.

Während sie sich bückte, um den Ball aufzuheben, stellte ich mich vor sie hin und begrüßte sie mit einem Lächeln, als sie sich wieder aufrichtete. „Hey, Sue. Noch nie einen Basketball gesehen?“ Ich nahm ihr Jakes Ball aus den Händen und ließ ihn auf einem Finger kreiseln. Ein schneller Blick über die Schulter und jap, die Jungs beobachteten jede meiner Bewegungen aufmerksam. Neugierige Säcke.

Sue folgte meinem Blick und wurde mit einem breiten Grinsen von T-Rex und den anderen belohnt. „Mein Name ist Susan“, brummte sie, als sie sich wieder mir zuwandte.

Aha, heute also Miss Pingelig. Ich quittierte die Bemerkung mit einem Schmunzeln. „Ich frage mich, ob mein Bruder wohl weiß, dass seine Freundin nachsitzen muss.“

„Wenn du es ihm sagst, erschieß ich dich“, pfefferte sie zurück, als hätte ich einen wunden Punkt getroffen, was ich bei nochmaliger Überlegung vermutlich auch hatte. Etwas leiser, wenn auch nicht weniger genervt, fügte sie hinzu: „Und ich bin nicht seine Freundin.“

„Ja, das weiß ich.“ Der fehlende Kuss von gestern war Beweis genug dafür. Sue starrte mich einen angespannten Moment lang an und wandte sich dann wieder ihrem Mathekram zu. Sie ignorierte mich absichtlich. Vielleicht hatte Tyler ja das gemeint, als er sagte, sie sei auf meinem Ego herumgetrampelt, denn offen gesagt, ging mir das gehörig auf den Senkel. Mädchen zeigten mir gewöhnlich nicht die kalte Schulter und ich musste noch nicht einmal besonders viel tun, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.

Bei Sue kam ich mir vor, als laufe ich gegen eine Betonwand. Immer und immer wieder …

Aus dem Augenwinkel sah ich die Jungs kichern, also warf ich ihnen einen düsteren Blick zu, ehe ich mich auf den Stuhl neben Sue setzte. Ich wollte Antworten, deswegen war ich hier, und sie würde mich erst loswerden, wenn ich sie bekommen hatte. Ich legte die Füße auf den Tisch, kippte den Stuhl nach hinten und ließ den Ball erneut auf meiner Fingerspitze kreisen. „Also, was hat dich hier reingebracht?“

Schweigend legte sie den Stift hin, verschränkte die Arme vor der Brust und musterte mich einen langen Augenblick, ehe sie sagte: „Du.“

„Ich?“ Verblüfft schnappte ich den Ball mit beiden Händen und blickte sie schockiert an. „Wow.“ Hunter hatte also keine Witze gemacht. Aber wenn sie schon wegen mir nachsitzen musste, sollte ich doch eigentlich auch wissen, warum. Ich hatte nur dummerweise keine Ahnung. „Wie das?“

„Meine Geschichtslehrerin hat mich dabei gesehen, wie ich dir den Stinkefinger gezeigt habe.“

Nur mühsam konnte ich mir das Lachen verkneifen. Es lag also gar nicht wirklich an mir, dass sie Probleme bekommen hatte. Sie musste einfach nur besser aufpassen, wenn sie sich in der Öffentlichkeit zu rüden Gesten hinreißen ließ. Dennoch setzte ich eine gekränkte Miene auf. „Ja, das war wirklich unhöflich.“ Ich wackelte mit dem Zeigefinger. „Wir müssen dringend an Ihren Manieren arbeiten, Miss Miller, falls Sie tatsächlich weiterhin mit meinem Bruder ausgehen. Und da wir gerade davon sprechen …“ Ich drehte den Ball wieder und schaute sie unter gesenkten Lidern unschuldig an. „Trefft ihr euch heute wieder?“

„Warum bist du so sehr am Privatleben deines Bruders interessiert?“, maulte Sue. „Hör auf, deine Nase in Sachen zu stecken, die dich nichts angehen. Vor allem, wenn es auch um mein Privatleben geht.“ Sie zog die Brauen hoch. „Denn ich werde dir einen Scheißdreck erzählen.“

„Oh, solche hässlichen Worte aus einem so hübschen Mund“, neckte ich sie. „Jetzt verstehe ich, warum du nachsitzen musst, Sonnenschein. Ist bestimmt so ein Fußballerding, das mit der Flucherei, und so.“

Sue runzelte die Stirn, als hätte sie keine Ahnung, was ich meinte. Ich zuckte mit den Schultern. „Es hat mich überrascht, dass du beim Mittagessen bei den Bay Sharks am Tisch gesessen hast. Ich hätte gedacht, du gehörst zur Streber-Fraktion.“

Sie durchbohrte mich mit ihrem Blick. „Wie kommst du denn darauf?“ Gleich darauf leuchtete ihr Gesicht jedoch vor Erkenntnis auf. „Oh, lass mich raten. Die Brille, richtig? Du glaubst wirklich, weil ich eine Brille trage, bin ich ein Streber?“

„Hmmm, das war mein Gedanke, ja.“ Und der Pferdeschwanz, das Harry-Potter-Shirt, die praktisch nichts enthüllenden Klamotten und … hey, hatte Ryan sie nicht vorhin erst Bücherwurm genannt?

„Und Ethan hat dir nicht gesagt, dass ich in der Fußballmannschaft war“, sie verdrehte die Augen und korrigierte sich selbst, „bin?“

Wow. Tatsächlich? Sexy, Miss Miller. Ich war beeindruckt. Allein der Gedanke an sie im Fußballtrikot … hmm, diese Vorstellung hatte jede Menge mehr Potenzial als die Vorstellung, dass sie mit den Vulkanbauern abhing. Warum hatte mir Ethan das verschwiegen?

Ich dachte daran, wie unsichtbar er sich in letzter Zeit machte und wie sehr es mir auf den Wecker ging, dass er mir immerzu Rätsel aufgab. „Ethan erzählt mir neuerdings nicht mehr so viel“, murmelte ich.

Sue lehnte sich im Stuhl zurück. Verärgerung stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Aus gutem Grund. Es geht dich nämlich nichts an.“

„Vielleicht hast du recht.“ Wahrscheinlich. „Aber jetzt bin ich neugierig. Warum geht er plötzlich ins Fußballtraining?“ Wegen ihr etwa?

„Wenn du’s unbedingt wissen musst, er übernimmt eine Weile meinen Platz, weil ich mir das Knie verletzt habe.“

„Ist das so?“ Ich kaute auf meiner Unterlippe und grübelte über diesen neuen Informationshappen. Den Blick auf sie gerichtet, ging mein Verstand auf Wanderschaft und ich fragte mich, welches Knie sie sich wohl verletzt hatte. Das rechte oder das linke?

„Ja, das ist so.“ Sue imitierte meinen schleppenden Tonfall. „Und zu deiner Information, nur weil jemand eine Brille trägt, ist er noch lange kein Streber. Ich brauche sie nur zum Lesen, nicht zum Spielen. Und jetzt mach dich bitte vom Acker.“ Sie machte eine scheuchende Handbewegung. „… und geh jemand anderem auf die Nerven. Ich habe noch Hausaufgaben zu erledigen.“

Niemand konnte behaupten, dass ich schwer von Begriff war, wenn man mir mit dem Zaunpfahl winkte. Ich klemmte mir also den Ball unter den Arm, kippte den Stuhl nach vorn und stand auf. Es war ein seltsam fremdes Gefühl, von einem Mädchen abserviert zu werden. Egal, von welchem Mädchen. Irgendwie gab mir das einen Stich in den Magen.

Aus reinem Widerspruchsgeist überlegte ich, ob ich sie vielleicht doch lieber mit meinem Charme einwickeln sollte. Mal sehen, wie lange mich die kleine Streberin auf Abstand halten konnte, wenn ich beschloss, mich ernsthaft um sie zu bemühen und sie nicht nur aufzuziehen.

Aber dann dachte ich an meinen Bruder. Obwohl er behauptete, keine romantischen Absichten zu haben, war ich mir nach dem gestrigen Zwischenfall in seinem Zimmer nicht mehr so sicher. Die Situation war kompliziert. Ich würde Ethan niemals die Freundin ausspannen, nur um zu beweisen, dass mir keine Frau widerstehen konnte.

Im Gehen warf ich Sue noch einen nachdenklichen Blick zu. „Gib mir Bescheid, wenn er dich geküsst hat. Ich würde wirklich gerne wissen, ob es dazu kommt.“

„Den Teufel werde ich tun. Und jetzt verschwinde.“

Wie ich schon sagte, der Charme eines Reißwolfs. Blöderweise übte ausgerechnet diese kratzbürstige Haltung eine geradezu fesselnde Wirkung auf mich aus. Das konnte nur an ihrer „eher friert die Hölle zu“-Bemerkung von unserem gestrigen Telefongespräch liegen. Jeder Muskel in meinem Körper rebellierte bei dem Gedanken an Rückzug. Als sei ich ein Sklave meines eigenen verfluchten Egos.

Da die Jungs unser Gespräch so aufmerksam beobachteten wie eine dämliche Fernsehshow, warf ich T-Rex den Ball zu. Dann sandte ich den Jungs einen scharfen Blick, der ihnen sagen sollte, dass sie sich gefälligst um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern sollten. Gleich darauf gewann mein Ego jedoch die Oberhand und ich tat etwas Übereiltes und ziemlich Blödes.

Absichtlich langsam beugte ich mich über den Tisch zu Sue. Als sie aufsah, nahm ich ihr die Brille ab und blickte tief in ihre Gummibärchenaugen. „Mein Angebot für ein Date in einer Woche steht noch.“ Bis dahin würde ich ganz sicher wissen, ob Ethan auf sie stand oder nicht. Wenn er erst aus dem Weg war, konnte ich dem kleinen Kätzchen hier eine Lektion erteilen.

„Gib sie mir zurück, Schwachkopf!“, zischte sie und griff nach ihrer Brille, doch ich zog die Hand weg, ehe sie sie erreichen konnte. Susan strafte mich mit einem Blick, der Löcher in Betonwände hätte schneiden können. „Und ich werde niemals mit dir ausgehen. Weder heute noch nächste Woche noch in einer Million Jahren.“

Wetten doch? Ein leichtes Lächeln zupfte an meinen Mundwinkeln. „Du wirst mit mir ausgehen, Sonnenschein. Und ich zeige dir, wie schnell die Hölle gefrieren kann, wenn ich etwas will.“

Sue schluckte schwer. Ich konnte es sehen, konnte es hören und ich wusste, dass ich bereits einen Fuß in der Tür hatte. „Siehst du?“ Ich fing ihren Blick ein und legte die Brille vorsichtig auf den Tisch. „Das Feuer verebbt schon zu einem zarten Glühen.“ Da ihr Mund so niedlich offenstand, konnte ich nicht umhin, ihn mit einem Finger zu schließen, indem ich sanft an ihr Kinn stupste. Mit der Befriedigung, dass ich das letzte Wort gehabt hatte, schritt ich grinsend zu meinen Freunden zurück.

„Mann, wie alt bist du denn? Fünf?“, fragte Tyler lachend, als ich mich rittlings auf meinen Stuhl setzte und die Arme über der Lehne verschränkte. „Einen Moment lang dachte ich schon, du würdest ihr einen Schubs geben, damit sie auf dich aufmerksam wird. Überredest du so neuerdings die Mädchen zu einem Date?“

„Halt die Klappe. Ich hab doch gesagt, sie ist schwierig.“

„Du hast aber nicht gesagt, dass du ihr an die Wäsche willst“, spottete er.

Ein humorloses Lachen entwich mir. „Weil es auch nicht so ist.“

„Klar.“ Brady verdrehte die Augen und machte mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft. „Du wirst mit mir ausgehen.“

„Nur, um ihr eine Lektion zu erteilen“, verteidigte ich mich.

„Ach ja? Worin? Wie man einem Mädel das Höschen vom Körper schwafelt, auf Kindergartenart?“, veralberte mich Tyler.

Ob es wohl ebenso Kindergartenart war, wenn ich ihm gleich das dämliche Grinsen aus dem Gesicht schlug?

„Hast du nicht gesagt, sie steht auf deinen Bruder? Willst du ihm wirklich die Braut ausspannen?“

„Ethan sagt, sie sind nur befreundet.“ Er hatte mir gestern praktisch die Erlaubnis gegeben, mich an Sue ranzumachen. Falls er seine Meinung geändert hatte, musste er mir das schon direkt ins Gesicht sagen.

„Hey, Chris!“ Susans zuckersüße Stimme brachte uns alle dazu, die Köpfe in ihre Richtung zu drehen. Ein verächtliches Grinsen saß auf ihren Lippen. „Es braucht schon ein wenig mehr als ein niedliches Lächeln, um bei mir zu punkten, und zum Glück ist dein Bruder im Gegensatz zu dir mit dem ganzen Paket ausgestattet.“

Oha. Das ging unter die Gürtellinie.

Nicht mehr ganz so süß fügte sie dann noch hinzu: „Du willst die Hölle einfrieren? Nur zu, versuch es! Aber bei mir wirst du damit nicht weit kommen.“

Einen endlos langen Moment starrte ich sie völlig sprachlos an. Die Gedanken, die mir dabei wild durch den Kopf schossen, reichten von rübergehen und ihr mit einem erbarmungslosen Kuss zu beweisen, wie falsch sie lag, bis hin zu lauthals loslachen und ihr klarmachen, dass sie sich gerade mit dem Falschen angelegt hatte.

Als ich mich langsam wieder fing, leckte ich mir über die Lippen, ohne dabei ihren Blick loszulassen. Dann hob ich den linken Mundwinkel zu einem herausfordernden Grinsen. Alle Augen waren auf mich gerichtet, sogar die von Mr. Ellenburgh. Die ganze Klasse wartete auf meine Reaktion und ich würde sie nicht enttäuschen.

„Okay, kleine Sue. Ich nehme deine Herausforderung an“, sagte ich in einem sinnlichen Tonfall, der ihr das Lachen aus dem Gesicht wischte.

Ihr schockierter Blick war höchst amüsant. Schmunzelnd drehte ich mich zu meinen Freunden zurück, die mich mit offenem Mund anstarrten. Brady brach kopfschüttelnd in Lachen aus. „Im Leben nicht, Alter! Bei der hast du nicht die geringste Chance.“

Ach ja? Ich legte den Kopf schief, presste die Lippen kurz zusammen und präsentierte ihnen ein siegessicheres Lächeln. „Abwarten.“

 

 

Kapitel 5

 

 

WÄHREND ICH DEN Gefrierschrank nach Eis durchforstete, um nach der aufregenden Nachsitzstunde meinen Kopf abzukühlen, hörte ich, wie Ethan in die Küche schlurfte. Ich streckte den Kopf um die geöffnete Tür und präsentierte ihm ein unmissverständliches Los-frag-mich-Grinsen.

„Was?“, fragte er, zog sein T-Shirt aus, das vom Fußballtraining schweißnass war, und warf es über einen Stuhl. Danach holte er zwei Löffel für uns beide aus der Schublade und wartete am Tisch auf mich und den Himbeer-Mandel-Traum.

„Ich musste heute nachsitzen“, verkündete ich und schaufelte mir eine Ladung Eis in den Mund. Gleich darauf spürte ich einen fiesen Stich in der Stirn. Gehirnfrost. So was Blödes.

„Und das ist jetzt eine Wahnsinnsneuigkeit, weil?“ Ethan verdrehte die Augen. Er hatte ja auch nicht die leiseste Ahnung, was ich ihm gleich unter die Nase reiben würde. „Du hast im letzten Jahr mehr Zeit mit Nachsitzen verbracht als im Unterricht.“

„Aber nicht im Abschlussjahr“, stellte ich richtig. „Heute war das erste Mal. Aber das ist gar nicht der Punkt.“ Eine weitere Ladung Eis fand den Weg in meinen Mund. Ohne den Löffel herauszunehmen, nuschelte ich: „Rate mal, wer noch dort war.“

„Susan.“

Was zum Henker? Ich erstickte fast am Löffel, würgte ihn aus und röchelte wie ein halb toter Grizzlybär. „Wieso weißt du das?“

Unbeeindruckt von meiner Nahtoderfahrung, löffelte Ethan das Himbeereis aus der Packung und hob eine Schulter. „Die Jungs haben beim Fußballtraining darüber gesprochen. Den Grund haben sie allerdings nicht verraten.“ Er hob das Kinn und musterte mich nachdenklich. „Du weißt nicht rein zufällig, warum sie nachsitzen musste?“

Rein zufällig doch. Und hätte er ein wenig mehr Begeisterung gezeigt, hätte ich ihm auch sämtliche schmutzigen Einzelheiten anvertraut. Da Ethan aber wieder einmal kein allzu großes Interesse an Susan Miller offenbarte, dem Mädchen, das mich in aller Öffentlichkeit herausgefordert hatte, ihr Herz zu erobern, erlosch ganz abrupt mein dringendes Verlangen, ihm die Geschichte zu erzählen. Ich schüttelte den Kopf.

„Na ja, egal. Ich seh sie nachher eh noch. Da wird sie mir schon verraten, was los war.“

„Du triffst dich mit ihr? So richtig, wie—?“

„Ich geh eine Limo mit ihr trinken“, unterbrach mich Ethan sichtlich genervt. „Wir sind Freunde. Also hör endlich damit auf, voreilige Schlüsse zu ziehen, Chris. Du und Mom, ihr seid echt die ärgsten Kitschromantiker der Stadt. Aus jeder Kleinigkeit wollt ihr gleich eine Liebesgeschichte machen. Was ist denn nur in letzter Zeit mit euch los?“

Fast hätte sich ein böses Lächeln auf meinen Lippen abgezeichnet. „Gar nichts. Nur …“ Es wäre echt scheiße von mir gewesen, meinem Bruder die neue Freundin auszuspannen. Da hätte ich die Herausforderung lieber geschmissen. Doch er war offenbar immer noch glücklicher Single und sah Susan nur als Freund, also musste ich mir keine Sorgen machen, oder? Und trotzdem tat er mir irgendwie leid. Seiner Miene nach zu urteilen, hatte ihn Mom vermutlich gestern in die Enge getrieben und sämtliche Informationen über seinen weiblichen Gast aus ihm herausgequetscht.

Als Ethan mich mit fragendem Blick aufforderte, den Satz zu beenden, brachte ich nur ein unglaublich kreatives „Nichts“ heraus.

Schweigend aßen wir unser Eis weiter. Doch die Neugier nagte an mir und ich wollte unbedingt mehr erfahren über seine Nachmittags… – tja, wie sollte man das nennen? – …aktivitäten? Ganz sicher hatte er kein Date mit Sue. Ich warf ihm denselben fragenden Blick zu, den er mir gerade geschenkt hatte, doch er musste meine Miene als erneute Gehirnfrostattacke missverstanden haben, denn er blieb stumm. Als sich das Schweigen nervig in die Länge zog, platzte ich heraus: „Also, wohin gehst du mit ihr?“

Ethan zögert kurz, ehe er sagte: „Zu Charlie’s.“ Seine Stimme war kaum lauter als ein Murmeln und er sah auch nicht auf. Allerdings färbten sich seine Wangen feuerrot, was in Anbetracht der Tatsache, dass wir Eis in uns hineinschaufelten, schon ein wenig seltsam war.

Soweit ich wusste, war Ethan kein großer Fan von Charlie’s Café. Die Speisekarte fand er langweilig und er wollte kein Geld für Getränke verschwenden, solange er auf ein Auto sparte – das waren zumindest im Frühling seine Worte gewesen.

Inzwischen war er stolzer Autobesitzer, aber er lehnte es immer noch ab, gelegentlich am Wochenende mit mir dort abzuhängen. Ich zog daraus den Schluss, dass er nicht den Mumm besaß, eine Freundin mitzubringen. Und das fünfte Rad am Wagen zu spielen, war noch nie unser Stil gewesen – weder seiner noch meiner. Also blieb Ethan am Wochenende lieber zu Hause und spielte Wii. Erbärmlich.

Er steckte seinen Löffel ins Eis und ging aus der Küche, um zu duschen. Nach nur zehn Minuten war er fertig – rasiert, angezogen und gestylt. Ich hatte währenddessen den gesamten Himbeer-Mandel-Traum ganz alleine inhaliert. Die Hände in den Hosentaschen lehnte ich mich an die Wand im Flur und sah zu, wie Ethan sich die Schnürsenkel band. „Wann triffst du dich mit Sue?“

„Um fünf.“

Ich schaute auf meine Armbanduhr und runzelte die Stirn. „Es ist Viertel nach vier. Zu Charlie’s brauchst du nicht länger als fünf Minuten. Drei, wenn kein Verkehr ist.“

Ethan glättete die schwarze Jeans und richtete seinen Hemdkragen. „Ja, aber ich hab nicht vor zu fahren. Ich gehe lieber zu Fuß.“ Wenn das Zittern in seiner Stimme ihn nicht schon verraten hätte, würde es die Art, wie er gerade vor dem Spiegel an seinen Haaren herumzupfte, bis sie perfekt saßen, definitiv tun.

„Nervös?“, zog ich ihn auf.

Er seufzte tief genug, um jedes Staubfussel einzuatmen, das Mom beim Putzen übersehen hatte, ehe er sich mir zuwandte. Sein Kehlkopf hüpfte mit einem schweren Schlucken. „Bis später.“ Und weg war er.

Holla! So nervös hatte ich meinen Bruder ja noch nie erlebt. Wenn Sue nicht der Grund dafür war, wer dann?

Ich kratzte mir den Kopf und starrte einen Moment nachdenklich auf die geschlossene Tür, ehe ich in mein Zimmer ging und im Schnelldurchgang aufräumte. Anschließend fuhr ich meinen PC hoch. Es war mittlerweile halb sechs. In einer halben Stunde kam Lauren vorbei und sie mochte es, wenn während unserer Nachhilfestunden im Hintergrund schnulzige Songs von Enrique Iglesias liefen. Ich stand weniger auf dieses Gejaule, aber solange es sie glücklich machte, und wichtiger noch, in die richtige Stimmung versetzte, würde ich mich nicht beschweren.

Als ich kurz darauf die Haustür ins Schloss fallen hörte, lugte ich in den Flur. So schnell konnte Ethan ja wohl kaum zurück sein. Das wäre das kürzeste Date aller Zeiten gewesen, selbst wenn wir hier nur von einer Limonade sprachen.

Aber es war nicht Ethan. Mom stapfte in die Küche, zwei dicke Einkaufstüten in den Armen. Ich nahm ihr eine ab. „Kochst du heute Abend?“

„Ja. Lachsfilet und Kartoffeln.“ Sie stellte die Handtasche ab und steckte alle möglichen Lebensmittel in den Kühlschrank. „Es sei denn, du und Ethan wollt das Kochen übernehmen?“ Mom wackelte hoffnungsvoll mit den Augenbrauen.

Ich hatte echt ein schlechtes Gewissen, als ich ihr sagen musste: „Ethan ist nicht da. Er wird bis zum Abendessen sicher nicht zurück sein. Und Lauren kommt gleich vorbei. Wir wollen lernen. Keine Zeit zum Kochen, tut mir leid.“

„Oh.“ Sie betrachtete den vakuumverpackten Fisch in ihren Händen und ging in Gedanken sichtlich die Optionen durch. Ethan war der größte Esser von uns. Wenn uns einer am Tisch fehlte, wäre der Fisch für uns beide vermutlich zu viel. Schließlich hob Mom grübelnd den Blick. „Vielleicht will ja Lauren—“

„Nein, will sie nicht“, schnitt ich ihr das Wort ab und ging in mein Zimmer. Selbst, wenn Lauren mit uns essen wollen würde, hätte ich das nicht zugelassen. Ein Mädchen gemeinsam mit meiner Familie am Tisch sitzen zu haben, egal ob zum Abendessen, Mittagessen oder Frühstück, kam einer festen Beziehung viel zu nahe. Keine Chance!

Als ich es mir in meinem Zimmer auf dem Bett mit einem Automagazin gemütlich machte, piepste mein Handy. Eine Nachricht von besagtem Mädchen, das in diesem Haus niemals essen würde.

Bist du da?

Lauren simste mir immer, wenn sie vor der Tür stand. Es war ihre Art zu klingeln.

Den Flur runter, letzte Tür rechts, tippte ich. Sei nackt, wenn du reinkommst 😉

Sehr witzig. Komm zur Haustür. Es sei denn, du willst mich heute gar nicht nackt sehen?

Ah, das konnte ich nicht riskieren. Ich stand auf und lief zur Haustür, um meine sexy Nachhilfelehrerin reinzulassen. Sie drehte sich um und ließ sich von mir aus ihrer lila Lederjacke helfen. Lauren kannte sich bei uns aus und war noch vor mir in meinem Zimmer. Unterwegs rief sie ein Hallo zu meiner Mutter in die Küche.

Ich machte einen Umweg über den Kühlschrank und nahm eine Dr. Pepper, ihre Lieblingscola, für sie mit. In meinem Zimmer öffnete ich die Dose für sie und stellte sie auf den Schreibtisch, ehe ich mich mit verwegenem Grinsen auf die Bettkante setzte, total bereit dafür, eine oder zwei Stunden Nachhilfe zu bekommen.

Lauren setzte sich mir gegenüber auf den Stuhl und blätterte durch das Schulbuch. „Wo haben wir letztes Mal aufgehört?“

Direkt bei ihrer schwarzen Spitzenunterwäsche, aber das war vermutlich nicht das, was sie hören wollte. Statt also zu drängeln und gleich in die Vollen zu gehen, was sie wie die Pest hasste, war ich ein artiger Junge und konjugierte brav die Verben, die sie mir an den Kopf warf. Ich übersetzte den Text, den sie mir aufgab – und zwar richtig bis aufs letzte Wort –, aber als ich ihr erklären sollte, wie man von irgendeinem Schmarren den Konjunktiv im Plusquamperfekt bildete, sah ich sie nur mit schief gelegtem Kopf an.

Auf mein Schweigen hob sie den Blick. „Was ist?“

Was ist? Echt jetzt? „Wenn das ein Test wäre, hätte ich eine Eins plus mit Sternchen bekommen! Hast du also vor, deine Bluse auch irgendwann mal auszuziehen, Parker, oder lernen wir heute ganz ohne Belohnung?“

Eine leichte Röte kroch über ihre Wangenknochen, als sie einen Moment das Kinn senkte und mit den Wimpern klimperte. „Warum machst du es nicht selbst?“

Ja, diese Einladung gefiel mir schon besser. Ein erwartungsvolles Lächeln zog an meinen Lippen, als ich aufstand, zu ihr schlenderte und sie an den Händen hochzog. Das war der Teil des Abends, an dem mir Enrique Iglesias sehr gelegen kam.

Während ich mich mit Lauren im Rhythmus der leisen Musik wiegte, fing ich an, die Knöpfe ihrer Bluse zu öffnen und summte dabei die Melodie gegen ihren Hals.

Ihre Haare kitzelten mich an der Nase. Ich unterdrückte ein Niesen, was der Gipfel von unromantisch gewesen wäre, wie ich vor langer Zeit mal bei meiner Ex herausgefunden hatte, und strich ihr mit beiden Händen die Haare über die Schultern aus dem Weg.

Lauren hob die Hände und knöpfte mein Hemd auf, um es dann langsam über meine Schultern und Arme zu schieben, bis es auf dem Boden landete. Oh ja, endlich gingen wir zum guten Teil über.

Als sie die Finger in meinen Gürtel hakte und ihn ebenso langsam öffnete wie zuvor die Knöpfe, war das ein todsicheres Zeichen dafür, dass die Spanischstunde für heute beendet war. Ein sehr erregter Teil meines Körpers war darüber ziemlich froh.

Ich legte die Hände auf Laurens Hüften, lehnte meine Stirn gegen ihre und sah ihr mit einem Grinsen tief in die Augen. Bis mich plötzlich eine seltsame Enttäuschung erfasste. Laurens Augen waren nicht hübsch. Sie waren tiefschwarz und atemberaubend. Aber sie gehörten eindeutig nicht ins Gummibärchenspektrum.

Großer Gott, das sollte mich im Moment doch wirklich nicht stören, wo sie gerade halb nackt vor mir stand. Da ich aber schon mal damit angefangen hatte, kamen meine Gedanken völlig vom Weg ab. War es normal, dass Mädchen so dünne Augenbrauen hatten? Die von Lauren waren kaum dicker als ein mit Kohlestift gezeichneter Strich. Sicher zupfte sie sich die Augenbrauen. Meine Güte, tat das nicht weh? Und machten das alle Mädchen? Wozu war das denn gut?

Mein Blick schweifte nach unten über ihr makelloses Gesicht. Kein Pickel, keine Muttermale und – extra für mich, da war ich mir sicher – kein Lippenstift heute. Ich schluckte und betrachtete ihre vollen Lippen, die ich eigentlich küssen sollte.

„Stimmt was nicht, Chris?“, fragte sie sanft auf mein Zögern. Offensichtlich war sie sich nicht sicher, ob sie mich anlächeln oder die Stirn runzeln sollte. Sie entschied sich für beides.

„Nein, alles prima.“ Ich schenkte ihr das gelassene Grinsen, das sie brauchte, um sich wieder zu entspannen, und beugte mich vor, um sie zu küssen. Allerdings kam es zu keiner Berührung unserer Lippen mehr.

„Mom, wir haben einen Gast zum Abendessen! Ist das okay?“, drang eine Stimme durchs Haus, durch meine Zimmertür und durch mein Gehirn – und ich zuckte zurück.

Lauren erschrak ebenfalls und schnappte nach Luft. „War das dein Bruder?“

Und ob. Und er war nicht allein gekommen. Ethan und Sue … ein Date bei uns zu Hause. Verflucht, das musste ich einfach sehen.

Lauren und ich konnten auch noch ein andermal rumknutschen, aber den Spaß mit Ethan wollte ich mir keinesfalls entgehen lassen. Ich ließ die Hände von ihren Hüften gleiten und fuhr mir durch die Haare. „Äh, ja …“ Was sollte ich bloß sagen, um diese Nachhilfestunde zu beenden, ohne sie vor den Kopf zu stoßen? Es war ja schließlich nicht ihre Schuld, dass ich sie nicht zum Essen bei uns einladen würde. „Ich dachte, Ethan kommt erst später, aber da er jetzt schon da ist“, krampfte ich mir zusammen, „muss ich ihm helfen … äh … mit seinem Projekt. Es ist eine Biohausaufgabe und ich habe ihm versprochen, mit ihm daran zu arbeiten. Er braucht sie schon morgen.“

Die Falten auf Laurens Stirn vertieften sich, als ich meinen Gürtel schloss und unsere Sachen vom Boden aufhob. „Wirklich?“

Nein, nicht wirklich. „Jap. Sorry.“ Ich reichte ihr die schwarze Bluse, aus der ich sie erst vor zwei Minuten geschält hatte, und knöpfte mir hastig das Hemd zu. „Macht es dir was aus, wenn wir die Nachhilfestunde ein anderes Mal fortsetzen? Vielleicht morgen oder am Wochenende?“

Lauren kannte meine Kein Abendessen, kein Mittagessen, kein Übernachten-Regel. Deshalb beschwerte sie sich auch nicht, als ich sie überstürzt zur Tür komplimentierte, wobei ich den Kopf gesenkt hielt, weil ich immer noch mit diesen verdammten Knöpfen kämpfte. Irgendwo war da was schief gelaufen, aber mir blieb keine Zeit, die Sache in Ordnung zu bringen. Im Grunde genommen schob ich Lauren fast zur Tür hinaus.

Okay, das war ein wenig grob. Ich korrigierte meine schlechten Manieren, indem ich die Finger mit ihren verschränkte und sie mit mir zog. Sie sollte nicht das Gefühl haben, dass ich sie rausschmiss – was ich, genau genommen, doch tat.

Ethan steuerte direkt auf sein Zimmer zu und hob nur die Augenbrauen zu einem schwachen Gruß, als er an uns vorbeikam. Susan war gleich hinter ihm und – holla, die Waldfee! Hatte sie später noch einen Auftritt auf dem Laufsteg oder was?

Statt der Jeans und ihren üblicherweise langweiligen Shirts trug sie heute Abend ein Kleid, das selbst Laurens Samstagnacht-Outfits an die Wand spielte. Es war wie ein A geschnitten, eng um die Brust, weit an den Oberschenkeln, und so knallrot, dass es in jedem Jungen zweifellos den Stier weckte. Heiß, Miss Miller!

Ich ließ meinen Röntgenblick ihren Körper hinauf bis zu ihrer Nase wandern, die an diesem Abend komplett brillenfrei war, wobei mir nicht entging, dass sie mich ihrerseits ebenfalls abcheckte. Ihr verstohlener Blick verriet mir, dass ein sie und ich allmählich zu einer Möglichkeit wurde, die sie ernsthaft in Betracht ziehen könnte. Lag es daran, dass sie von Ethan nicht bekommen hatte, was sie wollte? Oder zeigte der kleine Flirt vom Nachsitzen bereits Wirkung?

Als wir im Flur aneinander vorbeigingen, grinste ich und zwinkerte ihr heimlich zu. Ihre Wangen färbten sich vor Schreck knallrot. Als wäre sie aus einem Tagtraum gerissen worden, weiteten sich ihre Augen und sie rannte Ethan hinterher. Die Tür knallte vor meiner Nase zu, offenbar ihre subtile Art, mir Hallo zu sagen. Ich musste unwillkürlich lachen. Auch, weil mir aufgefallen war, dass sich Ethan Sue gegenüber nicht gerade wie ein Gentleman verhielt, was ein weiterer sicherer Hinweis darauf war, dass er nichts mit ihr im Sinn hatte.

Susan Miller stand zum Abschuss bereit. Mach’s gut, schlechtes Gewissen – hallo, Herausforderung Höllenfroster.

Jemand drückte meine Hand. Ach ja richtig, Lauren. Sie ging mir voran zur Haustür und drehte sich auf der Schwelle mit fragendem Blick um. „Das war doch das Mädchen, das dich neulich in der Schule angesprochen hat, oder? Ist sie die neue Freundin deines Bruders?“

Ich hatte keine Ahnung, wie viel sie von meinem Bruder wusste, aber ich würde ganz sicher nicht mit ihr über ihn sprechen. „Das werde ich wohl später noch rausfinden“, antwortete ich und zuckte mit einer Schulter. Dann küsste ich sie auf den Mundwinkel. „Bis morgen.“ Das war ganz sicherlich nicht der Abschiedskuss, den sie erwartet hatte, ebenso wenig wie das abrupte Ende unserer Spanischnachhilfestunde mit dem gewissen Extra. Tja, wie auch immer.

Als sie weg war, schloss ich die Tür und lief schnurstracks in die Küche. „Mom?“

„Hm?“ Sie drehte sich um; in ihrem Gesicht stand das Lächeln eines Kaninchens im Karottenhimmel. Das allein beantwortete schon die Frage, die ich ihr noch nicht einmal gestellt hatte.

„Bleibt Sue zum Essen?“

„Hjaaaa“, zischte sie und nickte wie wild mit dem Kopf. „Ist sie nicht ein nettes Mädchen? So höflich und so hübsch.“

„Ja“, antwortete ich lachend. „Hübsch.“ Es fiel mir schwer, mich nicht von ihrer Euphorie anstecken zu lassen und mich selbst ein wenig zu freuen. Nicht etwa, weil Ethan sich endlich für ein Mädchen zu interessieren schien, sondern weil mir das die Chance gab, mein Zielobjekt ein wenig besser kennenzulernen.

Nachdem ich mein Hemd richtig zugeknöpft hatte, schälte ich die gekochten Kartoffeln, die Mom in einer Schüssel bereitgestellt hatte. „Ethan hat erzählt, dass er mit ihr zu Charlie’s wollte. Ich frage mich, warum sie schon so früh nach Hause gekommen sind.“

„Sie wollen Videospiele spielen“, sagte Mom, lehnte sich neben mir mit dem Hintern an die Küchentheke und wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Ich hoffe, das ist nur ein neues Teenager-Codewort dafür, dass sie allein sein wollen.“ Ihre zerknitterte Miene wurde ein wenig wehmütig. „Ist es ein Codewort?“

Ich verdrehte die Augen und unterdrückte ein Schnauben. „Ja, Mom. Es ist ein Codewort.“ Und es steht für: Ethan ist ein Trottel. Videospiele, Herrgott! Ich konnte mir Hunderte Dinge vorstellen, was ich mit Sue in meinem Zimmer anstellen könnte, und keines davon beinhaltete eine Konsole oder einen Controller.

Als meine Mutter sich jedoch umdrehte und freudig summend die Lachsfilets vorzubereiten begann, hatte ich nicht das Herz, ihre Seifenblase zum Platzen zu bringen. Ich konnte ihre Aufregung die ganze Zeit förmlich spüren und schüttelte amüsiert den Kopf darüber.

Nachdem ich die Kartoffeln in warmer Butter mit Petersilie geschwenkt hatte, fragte sie: „Holst du die beiden bitte, Christian? Das Essen ist in drei Minuten fertig.“

Hatte sie mich jetzt echt gerade bei meinem vollen Vornamen genannt? Krass. Gelächter rumpelte in meiner Brust. So nervös war Beverly Donovan seit dem Tag nicht mehr gewesen, als sie sich für ihren Traumjob als Immobilienmaklerin beworben hatte. Und ich hatte schon gedacht, in diesem Haus könnte mich nichts mehr überraschen. So kann man sich irren.

Ich verließ die würzig duftende Küche und lief zu Ethans Zimmer, klopfte und öffnete die Tür – zum Glück nur fast. Die Finger um den Türgriff gekrallt, ließ mich die schreckliche Erinnerung vom letzten Mal erschauern und ich zog die Hand so ruckartig weg, als wäre der Metallgriff eine glühende Kohle. Videospiele, ja klar. Ich hatte meine Lektion gelernt und würde niemals wieder ungeladen in Ethans Zimmer platzen. Stattdessen brüllte ich: „Fütterungszeit!“ und trottete zurück zur Küche.

Kaum eine Minute später tauchten die vermeintlichen Turteltäubchen auf, ohne Händchen zu halten, wie es ein Pärchen normalerweise machen würde. Das war schon mal ein gutes Zeichen. Die Herausforderung, Sue zu verführen, würde laufen, bis Ethan mir sagte, dass ich die Finger von ihr lassen sollte – geradewegs ins Gesicht, sonst zählte es nicht.

Mit einem Mädchen, auf das ich es abgesehen hatte, und meiner Familie in einem Zimmer zu sitzen, lag jedoch ein wenig außerhalb meiner Komfortzone. Außerdem würde es meiner Mutter das Herz brechen, wenn ich Ethan die Freundin direkt vor ihrer Nase ausspannte. So ein Arsch war ich dann auch wieder nicht.

Um mich abzulenken, holte ich den Krug von der Kücheninsel und machte die Runde, um die Gläser auf dem Esstisch mit Wasser zu füllen. Neuer Plan: Sue irgendwann alleine erwischen.

Aber verflucht noch mal, es kostete mehr Selbstkontrolle, als ich erwartet hatte, ihr nicht wie ein räudiger Hund auf den Hintern zu glotzen, als sie mir mit Tellern und Besteck um den Tisch folgte und ihr bereits ziemlich kurzes Kleid jedes Mal, wenn sie sich vorbeugte, um einen Teller abzulegen, noch ein wenig höher rutschte.

Nachdem sie fertig war, ging sie zu Ethan und fragte leise: „Kommt dein Vater nicht zum Essen?“

„Mein Vater lebt in L.A. mit seiner ehemaligen Sekretärin“, antwortete Ethan schroff und blickte finster zu dem Stuhl, der früher einmal Dads Platz gewesen war. „Er kommt schon seit fast sechs Jahren nicht mehr zum Essen.“

Ein zartes Rosa breitete sich auf Susans Gesicht aus. „Oh.“

Sue konnte zwar gelegentlich ein Kätzchen mit scharfen Krallen sein, aber heute Abend war sie Gast in unserem Haus. Und mein Vollpfosten von Bruder hatte sie gerade total in Verlegenheit gebracht. Dafür hatte er eigentlich eine Kopfnuss verdient. Da ich ihm vor Susans Augen aber kaum einen Schlag versetzen konnte, stieß ich ihm lediglich heimlich mit dem Ellbogen in die Rippen, als ich an ihm vorbeiging, und hustete.

Ethan drehte den Kopf zu mir. Ich kniff die Augen zu vorwurfsvollen Schlitzen zusammen und er machte es mir nach. Wenigstens hatte er den Wink verstanden und sagte schnell: „Schon gut.“ Dann bot er Sue einen Platz an. Irgendeinen. Himmelherrgott noch mal, der Penner brachte mich heute echt auf die Palme.

Unwissentlich setzte sich Sue natürlich ausgerechnet auf meinen Stuhl. Man könnte mich jetzt pingelig nennen, aber in diesem Esszimmer hatten wir nun mal seit Jahren eine bestimmte Sitzordnung und nicht einmal Ethans erster weiblicher Besuch seit Grundschulzeiten würde daran etwas ändern.

Ich hätte sie bitten können, einen Platz weiterzurutschen, aber das wäre nicht sehr charmant gewesen. Es gab noch eine andere Möglichkeit, die mir zusätzlich die Chance verlieh, sie zu berühren, und die uns womöglich sehr viel weiter brachte. Ich biss mir also auf die Zunge, ergriff Susans Hand und zog sie auf den Stuhl links von meinem. Es schien ihr nichts auszumachen und sie zuckte bei der Berührung nicht einmal weg. Jap, wir kamen definitiv voran.

Nachdem Mom jedem Lachs und Kartoffeln aufgetragen hatte, setzte sie sich mir gegenüber hin und Ethan pflanzte sich auf den Stuhl rechts von mir. „Ich glaub, ich muss mit meinem Auto in die Werkstatt“, sagte Ethan, nachdem er einen Bissen Fisch runtergeschluckt hatte. „Seit letzter Woche zieht die Kiste ein wenig nach rechts.“

„Vielleicht hast du zu wenig Luft auf einem der Vorderreifen.“ Ich wusste nicht viel über Autos, aber das hatte mein Dad bei meinem letzten Besuch in L.A. bei Moms Auto festgestellt. „Wir können uns das morgen ja mal ansehen, wenn du willst.“

„Mm-hm.“ Er trank einen Schluck und Sue ebenfalls. War ihr überhaupt bewusst, dass sie in den vergangenen drei Minuten jede einzelne seiner Bewegungen nachgeahmt hatte? Das Mädel saß schüchtern und zusammengesunken am Tisch, als ob sie keine Aufmerksamkeit auf sich lenken wollte. Tja, mit diesem roten Kleid ein vergeblicher Versuch, Sonnenschein.

Aber wo zum Teufel war die Beißzange mit den schlechten Manieren heute Abend geblieben? Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich gesagt, dass eine völlig Fremde an unserem Tisch saß, nicht das bissige Strebermädel Sue Miller. Aber vielleicht machte sie vor meiner Familie ja auch nur einen auf nettes Mädchen … so wie ich bei ihr nur den Gentleman spielte. Wir beide wussten es besser und dennoch könnte es Spaß machen.

Ich beschloss, dass es an der Zeit war, sie in unser Gespräch einzubeziehen. Ethan war in dieser Abteilung offensichtlich eine Niete. Aber Mom kam mir zuvor. „Ethan hat erzählt, ihr kennt euch aus der Schule. Seid ihr in denselben Kursen?“

„Äh, nein.“ Susan stocherte in ihrem Fisch herum. „Ich bin im vorletzten Jahr.“

„Ah. Ethan will nächstes Jahr zur UCLA, hat er dir das schon erzählt? Wie habt ihr beide euch denn eigentlich kennengelernt?“

Sue warf Ethan einen verunsicherten Blick zu und es sah aus, als kämpfe sie gegen ein Erröten an. Nach einem kurzen Husten richtete sie sich jedoch auf und gab der spanischen Inquisitorin Auskunft. „Wir haben uns vor und nach dem Fußballtraining getroffen. Wegen ihm bin ich zu spät nach Hause gekommen.“ Offensichtlich eine Erinnerung, die sie zum Lächeln brachte. „Mein Großvater hatte Geburtstag, deshalb hätte ich an diesem Abend beinahe Ärger bekommen.“

„Tut mir leid“, formte Ethan stumm mit den Lippen und zog eine Grimasse, obwohl diese Geste mehr einem Flirt ähnelte, als alles andere, das er getan hatte, seit wir uns hingesetzt hatten.

Es überraschte mich nicht, dass meine Mutter schon bald das Gespräch auf Häuser lenkte. Sie liebte es, über ihren Beruf zu sprechen, wenn sie die Gelegenheit dazu bekam, und Sue über ihre Lebensumstände auszuhorchen, war ein Muss auf ihrer Liste. Zehn Minuten später wusste ich, dass Susan Miller in einem gelben zweigeschossigen Haus in der Rasmussen Avenue wohnte; zwei Schlafzimmer im oberen Stock, eine kleine, aber gemütliche Küche unten, ein offener Kamin im Wohnzimmer und zu viel Krempel in ihrer Garage, als dass da noch ein Auto hineinpassen würde. Nett.

Als meine Mutter dann auch noch nach dem Baujahr des Hauses fragte, wurde Sue bleich.

„Nimm es ihr nicht übel“, eilte Ethan zu ihrer Rettung und beendete das Verhör damit. Er bot Sue den Brotkorb an und sie nahm sich eine Scheibe. „Sie fragt jeden so aus. Mom ist Immobilienmaklerin. Ständig auf der Jagd nach Häusern, die sie verkaufen kann.“

„Wow, das ist ja ein cooler Job.“ Ihre Augen funkelten voller Interesse. „Es muss fantastisch sein, so viele Häuser von innen zu sehen.“

„Es ist der beste Job der Welt. Ich liebe Häuser.“ Mom hatte aufgegessen und wischte sich Hände und Mund an einer Serviette ab. Dann lehnte sie sich freundlich lächelnd zurück. „Hast du schon Pläne, was du nach der Highschool machen willst? College? Reisen? Einen Beruf, den du gerne machen würdest?“

„College“, sagte Susan sofort wie aus der Pistole geschossen. Was anderes hätte ich auch von einem Mädchen, das pflichtbewusst Hausaufgaben in der Nachsitzstunde erledigte, nicht erwartet. „Ich möchte am liebsten Sprachen studieren und später eine Stellung finden, bei der ich die Chance habe, mit Büchern zu arbeiten. Das ist meine Leidenschaft. Tolle Geschichten. Ich habe überlegt, Bibliothekarin zu werden oder vielleicht Literaturagentin.“

„Klingt, als hättest du einen Plan“, beteiligte ich mich zum ersten Mal am Gespräch, obwohl ich den Begriff Literaturagent später in meinem Zimmer erst mal googeln musste. Sue nickte stolz, als sie mich ansah.

Wenig später schlug die Uhr acht. Wir alle schienen gleichermaßen überrascht darüber, wie lange wir vor unseren leeren Tellern gesessen hatten und einfach nur redeten – oder in Ethans und meinem Fall, hauptsächlich zuhörten. „In Ordnung, Jungs“, sagte Mom und klatschte in die Hände. „Das Geschirr. Spielt es euch aus.“

„Ach, komm schon, Mom“, quengelte Ethan. „Ich habe einen Gast.“

Das war ja mal wieder klar, dass er sich vorm Geschirrspülen drücken wollte. Gegen mich hätte er heute beim Basketball im Garten keine Chance, womit wir für gewöhnlich entschieden, wer von uns spülen musste, wenn Mom gekocht hatte.

Aber ich war auch nicht in der Stimmung, Teller, Pfannen und Töpfe zu schrubben. Rein aus Spaß, griff ich Ethans Taktik auf und schenkte Sue ein Grinsen. „Ja, genau. Sie kann den Abwasch erledigen.“

Mom streckte mir einen tadelnden Finger ins Gesicht. „Die Freundin deines Bruders wird ganz bestimmt nicht eure Arbeit machen.“

In diesem Moment schnappte Susan überrascht nach Luft und senkte schüchtern den Blick.

„Mom, sie ist nicht meine Freundin“, widersprach Ethan rasch.

„Siehst du?“, fügte ich hinzu und stand grinsend vom Tisch auf. „Sie ist nicht seine Freundin. Also kann sie auch das Geschirr abwaschen.“

Natürlich ließ Mom mich nicht damit durchkommen. Sie packte mich am Kragen und hielt mich so davon ab, das Zimmer zu verlassen. „Keine Chance, Freundchen. Erst die Arbeit.“

Ich lachte laut auf. „Okay, okay! Ich mach’s ja!“ Alles, was das Momster wollte, Hauptsache sie erwürgte mich nicht. Mit leisem Schmunzeln stapelte ich das Geschirr und zwinkerte Sue zu, als ich ihren Teller abräumte. Ihre Schüchternheit war während des Essens verschwunden und sie lächelte mich dieses Mal sogar an. Und in der Hölle wurde es schon ein klein wenig kälter … Mmmm, mir gefiel, wie sich der Abend entwickelte.

Da ich offensichtlich schon einen Fuß bei ihr in der Tür hatte, beschloss ich, die Chance zu nutzen und noch ein paar Pluspunkte bei ihr mit einer süßen Kleinigkeit zu sammeln. „Nachtisch in zwanzig Minuten!“, rief ich ihr und Ethan nach, bevor die beiden das Zimmer verließen, um weiter auf der Wii zu zocken.

Alles, was ich für ein leckeres Cremedessert brauchte, befand sich im Kühlschrank. Ich legte mir die Zutaten auf der Theke zurecht: Obst, Kokosnussmilch, eine Zitrone, Puderzucker, Vanilleschoten, Joghurt und Mascarpone. Süßes war meine Spezialität und Sue würde auf unvergessliche Weise verführt werden.

Ich mischte alles, außer dem Obst, in einer Schüssel zusammen, als ich erneut aus dem Hinterhalt vom Momster angegriffen wurde. Sie schlang die Arme um meine Hüften und quietschte in mein linkes Ohr. „Oh, ist sie nicht ganz reizend?“

„Mom …“, stöhnte ich, als mir die Creme wegen ihrer Attacke aufs Hemd spritzte. Ich knöpfte das verflixte Teil zum dritten Mal an diesem Tag auf, entwand mich dem aufgeregten Krallengriff meiner Mutter und hängte es über eine Stuhllehne.

Natürlich konnte sie zwischenzeitlich die Hände nicht aus meinem Dessert lassen. Sie leckte sich die Creme vom Finger und strahlte mich an. „Die beiden sind so ein süßes Paar.“

„Du hast Ethan gehört. Sie sind kein Paar.“

„Noch nicht.“

Ich verdrehte die Augen. Sie war ein hoffnungsloser Fall. „Warum nimmst du dir keine Auszeit, entspannst dich schön im Wohnzimmer und gönnst dir ein Glas Wein?“, schlug ich mit einem nicht ganz so subtilen Nicken zur Tür vor, damit sie den Wink auch tatsächlich verstand und mich endlich in Ruhe arbeiten ließ.

Mom kniff mir in die Wange. Sie steckte den Finger noch mal in die Creme und lief mit beschwingtem Schritt fröhlich aus dem Zimmer. Eine halbe Minute später steckte sie erneut den Kopf durch die Tür und warf mir ein frisches T-Shirt zu.

Als sie weg war, konnte ich endlich die Creme fertig anrühren und in vier Dessertschüsseln verteilen, die ich aus dem Schrank holte. Ethan hatte sie uns vor ein paar Jahren gekauft. Sein Name stand auf einer grünen Schüssel und er hatte es witzig gefunden, mir eine blaue mit dem eingravierten Namen Christopher zu geben. Das war seine Art, mir unter die Nase zu reiben, dass die meisten Leute automatisch davon ausgingen, mein voller Name wäre Christopher, was mir tierisch auf die Nerven ging. Mir gefiel der Farbcode der Schüsseln aber und deshalb hatte ich mit einem Edding aus dem opher einfach ein ian gemacht.

Die gelbe Schüssel gehörte Mom und das stand auch in Kursivschrift drauf: Die beste Mom der Welt. Nur welche sollte ich Susan geben? Es waren noch zwei übrig. Eine rote mit dem Wort Milch drauf und eine orange, die sie als Müsli bezeichnet hätte. Ich nahm Milch, weil die Farbe zu ihrem Kleid passte.

Neben der Mikrowelle stand ein kleines Radio mit CD-Spieler. Kochen machte mehr Spaß mit Musik, das war eines der wenigen Dinge, über die sich meine Familie einig war. Die letzte Entdeckung meiner Mutter war Sam Smith. Seine Stimme hallte die meiste Zeit durchs Haus, wenn sie daheim war, daher war es keine Überraschung, dass eine CD von ihm im Player lag. Ich drehte auf, und da ich die Songs inzwischen auswendig kannte, sang ich laut zu „Stay with me“ mit, während ich Orangen, Kiwi, Bananen und Pfirsiche schälte und klein schnitt.

Aus dem Augenwinkel bemerkte ich einen Schatten, der an der Küchentür vorbeilief. Na ja vielleicht nicht vorbei, denn als ich aufsah, entdeckte ich Sue in der Tür, die mich fasziniert beobachtete.

Unser Gespräch beim Nachsitzen war ihr sicherlich noch so gut in Erinnerung geblieben wie mir. Kam sie also, um ihren Gegner auszuspionieren? Neugierig, was ich zu bieten hatte?

Da sie sich nicht von der Stelle rührte, als ich sie beim Starren erwischte, war es den Versuch wert, sie näher zu winken. Ich sang weiter den blöden Song mit und krümmte den Finger einladend. Und tatsächlich, sie bewegte sich. Langsam. In die richtige Richtung.

Komm her, Kitty, Kitty, Kitty …

Als sie mir auf der anderen Seite der Kücheninsel gegenüberstand, streifte ihr Blick über die mit Creme gefüllten Schüsseln. Obwohl ihr sichtlich das Wasser im Mund zusammenlief, steckte sie nicht den Fingern hinein wie Mom.

Ich schnappte mir ein Pfirsichstück vom Teller und tauchte es in die Creme. Die ganze Zeit sang ich dabei die Zeilen von „Stay with me“, als ob ich Susan Miller ein exklusives Konzert geben würde. Es war total idiotisch, allerdings wusste ich, wenn ich aufhörte zu singen, würde ich bestimmt gleich irgendwas Dämliches sagen – vermutlich etwas über ihr heißes Kleid – und sie damit nur verscheuchen.

Ich streckte ihr den Pfirsich hin, damit sie ihn nehmen oder einfach davon abbeißen konnte, doch Sue schüttelte den Kopf. Schön, dann eben nicht. War vielleicht nicht ihr Lieblingsobst. Ich zuckte lässig mit der Schulter, biss die Cremeseite ab und legte die halbe Pfirsichspalte zurück auf den Teller. Da blieb mein Blick an einem Stück Kiwi hängen. Sie hatte heute Mittag eine gegessen. Mochte sie die lieber als Pfirsiche?

Ich stellte die Theorie auf die Probe, griff nach einer Kiwischeibe und beobachtete ihre Reaktion. Ihre Mundwinkel hoben sich. Ah, erwischt. Lächelnd sang ich den nervigen Song weiter und dippte die Kiwischeibe in die Kokosnusscreme, ehe ich sie Sue hinhielt. Das einzige Problem war, dass sie diese nun nicht so einfach nehmen konnte wie den Pfirsich zuvor. Die Creme hatte sich über die Kiwi und meine Finger verteilt. Wenn sie einen Bissen davon haben wollte, würde sie sich von mir füttern lassen müssen. Mir machte das nichts aus. Und ihr?

Sue sah mich eindringlich an, doch sie bewegte sich keinen Millimeter.

Ach, komm schon, Sonnenschein, lass mich nicht hängen. Wir sind so weit gekommen. Ich musste immerhin eine Challenge gewinnen, und wie jeder wusste, gewann man die Liebe eines Mädchens mit Desserts.

Ich konnte beinahe mithören, während sie ganz offensichtlich eine innerliche Diskussion mit sich selbst führte. Ihr Blick schweifte so hungrig zwischen mir und der Kiwi in meinen Fingern hin und her, dass selbst mir das Wasser im Mund zusammenlief. Halt nur nicht wegen der Kiwi.

Eine gewisse Vorfreude kribbelte in mir. Ich hörte auf zu singen. So musste sich ein Pokerspieler fühlen, wenn er alles setzte und darauf wartete, dass sein Gegner ihm seine Karten zeigte.

Die Sekunden tickten vorüber.

Was hast du in der Hand, Sue?

Mit zusammengepressten Lippen lehnte sie sich langsam nach vorn. Holla, sie gab tatsächlich nach! Ihr flammender Blick fing meinen ein. Vielleicht war es auch anders herum, das konnte zu diesem Zeitpunkt niemand mehr so genau sagen. Als sie zögernd den Mund öffnete, konnte ich mir ein triumphierendes Lächeln kaum verkneifen, also biss ich die Zähne und die Lippen zusammen und senkte meinen Kopf ein wenig.

Sie biss in die Kiwi und ihre Lippen streiften dabei über meine Finger. Das war der Plan. Als es jedoch passierte, schoss eine Adrenalinwoge in alle Richtungen durch meinen Körper. Das musste die Freude darüber sein, dass ich einen Vorsprung bei der Challenge erzielt hatte. Klar, was sonst?

Sue zog mir das Obst aus den Fingern und es verschwand komplett in ihrem Mund. Ein winziger Cremeklecks benetzte ihre Unterlippe. Sie wischte ihn mit dem Daumen weg. Zu schade. Wäre ich ein wenig schneller gewesen, hätte ich ihn für sie wegwischen können und sie ganz sicher damit aus der Fassung gebracht. Jetzt blieb mir nur noch übrig, die Creme von meinen eigenen Fingern zu lecken. Mmmh, süß. Die Creme und Sues gerötete Wangen, als sie mich beobachtete.

Wieder einmal abrupt aus einer Welt gerissen, in der die Möglichkeit auf ein sie & ich bestand, zog sie scharf die Luft ein. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und stolzierte davon, ohne mich noch eines Blickes zu würdigen.

Versuchte sie immer noch, sich gegen meinen Charme zu wehren? Lachend riss ich meinen Blick von ihren wiegenden Hüften und dem schwingenden Pferdeschwanz los. Ich hatte ihre Miene gelesen; sie hatte mich einmal an sich herangelassen und sie würde es wieder tun. Susan Miller stand ein Rutsch in die Hölle bevor. Und bei unserer Ankunft würde es dort so kalt sein, dass dagegen sogar der Nordpol kuschelig warm wirkte.

 

 

Kapitel 6

 

 

ICH HIELT EINE Hand voller geschnittener Früchte über Susans Dessertschüssel und wollte sie schon in die Creme schütten, als mir ein Pfirsichstück ins Auge stach. Sie hatte nicht hineingebissen, also mochte sie vermutlich keine Pfirsiche. Um lieber auf Nummer sicher zu gehen, sorgte ich dafür, dass kein Pfirsich in ihrer Schüssel landete.

Als ich fertig war, lief ich zu Ethan. Ich klopfte kurz an die Tür und rief nach Mom im Wohnzimmer. Das reichte, um die ganze Herde zwei Minuten später wieder in der Küche antanzen zu lassen. Sues misstrauischer Blick entging mir dabei nicht. Sie schien auf der Hut, hielt weiträumig Abstand zu mir und machte ein ernstes Gesicht. Falls sie sich Sorgen machte, dass ich meinem Bruder stecken würde, wie sie sich von mir ganz bereitwillig hatte füttern lassen und es offensichtlich auch noch genossen hatte … tja, es war schon verlockend.

Aber Mom würde mir das nie verzeihen.

Nachdem Sue sich hingesetzt hatte, beugte ich mich über ihre Schulter und stellte die Dessertschüssel vor ihr ab, wobei ich rein zufällig mit der Hand über ihren Arm streifte und dabei leise „Stay with me“ pfiff. Eine ganz persönliche Erinnerung daran, wie viel Spaß wir in diesem Zimmer vor fünf Minuten hatten – nur wir beide, ganz allein.

Sie warf mir einen verzweifelten Blick aus dem Augenwinkel zu und ihrer Miene nach zu urteilen, bekam sie wohl gleich einen Gehirnkrampf, so sehr wünschte sie sich offensichtlich, dass ich aufhörte zu pfeifen. Ich reagierte mit einem kleinen Lächeln und ließ mich auf meinen Stuhl gleiten. Unter dem Tisch stieß mein Knie an ihres. Ich konnte es mir nicht leisten, mir auch nur die kleinste Chance entgehen zu lassen, sie auf mich aufmerksam zu machen.

Susan bemühte sich danach sehr augenscheinlich darum, mir keinen einzigen Blick mehr zu schenken, aber ich sah immer wieder verstohlen zu ihr hinüber. Ein Löffel mit Creme und Obst nach dem anderen verschwand in ihrem Mund. Nach dem vierten oder fünften fing ich an zu fantasieren. Ich stellte mir vor, wie ich ihr eine saftig grüne Weintraube hinhielt und sie mir diese mit den Zähnen abnahm, wobei sich ihre Lippen wie zuvor um meine Finger schlossen. Ein warmes Kribbeln breitete sich in meinem Bauch aus. Die nächste Weintraube würde ich mir zwischen die Zähne stecken und …

Großer Gott! Vor Schreck durchzuckte mich ein Schauer bei der Vorstellung. Oder vielleicht eher aus Vorfreude, die mich bei dem Gedanken daran packte. Tagträumereien davon, mit einer Streberin herumzualbern? Das war ja ganz was Neues. Und an welchem Punkt des Abends war die Challenge überhaupt so reizvoll für mich geworden?

Ich schüttelte den Gedanken ab und konzentrierte mich auf meinen Nachtisch – der aus Kokosnusscreme bestand, nicht aus Susan.

Seltsamerweise schwirrte mir lange nach dem Dessert immer noch das Bild von ihrem sexy roten Kleid im Kopf herum, als sie bereits mit meinem Bruder gegangen war, und dazu noch lauter dumme Sachen, die ich anstellen wollte, um sie aus dem Kleid herauszubekommen. Viel zu verlockend. Das war gar nicht gut.

Um mich abzulenken, loggte ich mich bei Twitter ein. Lauren hatte aus der Arkade gepostet. „Planänderung“, stand unter einem Foto von ihr und Rebecca. Beide prosteten der Kamera mit einem bunten Cocktail und breitem Lächeln zu.

Sieht nach mehr Spaß aus als ein Spanischbuch, tippte ich als Kommentar unter das Bild.

Laurens Antwort kam schnell. Dann komm doch her und leiste uns Gesellschaft 😉

Tja, vielleicht sollte ich das. Ich schnappte mir mein Handy vom Schreibtisch und scrollte auf der Suche nach ihrer Nummer durch das Protokoll der letzten Anrufe. Ganz oben auf dieser Liste erschien Strebermädel. Plötzlich schwebte mein Daumen über dem Wählsymbol.

Nein. Nein! Ausgerechnet sie würde ich nicht anrufen. Nicht jetzt und ganz bestimmt nicht, solange sie mit meinem Bruder zusammen war. Ich biss die Zähne zusammen und drückte auf Lauren 10 direkt unter Sues Eintrag. Im selben Moment hörte ich Ethans Stimme vor meinem Zimmer.

Warum zur Hölle war er denn schon wieder zu Hause?

Bevor der Anruf zu Lauren durchklingelte, beendete ich ihn und ging in den Flur. Ethan sagte „Gute Nacht“ zu meiner Mutter und „Hey“ zu mir, als wir uns vor seinem Zimmer trafen. „Hi“, erwiderte ich, bevor er verschwand und seine Tür schloss.

Verwirrt schlenderte ich in die Küche, um zu sehen, ob er Susan wieder mitgebracht hatte. Womöglich quatschte sie mit meiner Mutter.

Tja, Mom schaute im Wohnzimmer ganz allein einen Film und die Küche war leer. Ich blickte noch schnell um die Ecke und checkte die Haustür. Kein Mädchen in Sicht. Keine Schuhe und auch keine Jacke. Ethan war alleine nach Hause gekommen. Und viel zu früh obendrein. Ich fragte mich, ob er überhaupt lange genug vor ihrem Haus angehalten hatte, damit sie aussteigen konnte, oder ob er einfach nur langsamer gefahren war und sie aus dem fahrenden Auto springen ließ.

Kopfschüttelnd kehrte ich in mein Zimmer zurück, das Handy immer noch in der Hand. Hmm, Ethan war zu Hause. Susan war zu Hause. Die Chancen standen gut, dass er sie wieder nicht geküsst hatte. Niemand konnte mir was vorwerfen, wenn ich sie jetzt doch noch anrief. Mein Bruder war schließlich nicht interessiert, richtig? Das war so gut wie sicher, nachdem sie dieses verdammt heiße Kleid getragen hatte, das mich während des ganzen Essens ständig in Versuchung geführt hatte, während mein Bruder ihren Reizen gegenüber offensichtlich komplett immun war.

Für den Anfang aber vielleicht besser nur eine SMS. Ich machte es mir auf dem Bett bequem, das Kissen zwischen die Wand und meinen Rücken gequetscht, und tippte eine Nachricht. Gar nicht wie ein Streber. Ihr Outfit von heute Abend hatte sie definitiv aus dieser Abteilung rausgekickt.

Einige Minuten vergingen, ohne dass etwas passierte. Leicht angepisst, dass sie nicht antwortete, warf ich das Handy zur Seite. Im selben Moment piepte es mit einer Nachricht. Ah, da hatte wohl jemand seine Meinung geändert.

Strebermädel schrieb: Was?

Da sie bereit schien, sich mit mir zu unterhalten, ergriff ich die Gelegenheit und wählte ihre Nummer statt ihr eine weitere Nachricht zu schicken. Sue ging ziemlich schnell ran, obwohl ihre Stimme alles andere als erfreut klang. „Chris, warum rufst du mich an?“

„Um dir süße Träume zu wünschen und deine Frage zu beantworten“, erklärte ich und musste ein Lachen unterdrücken.

Ein hörbarer Seufzer drang durch die Leitung, gefolgt von ihrem Raunen. „Weiß dein Bruder, dass du mit mir telefonierst?“

„Nein. Er ist gerade zurückgekommen … übrigens viel zu schnell, wenn du mich fragst.“ Im Gegensatz zu ihrem Knurren bemühte ich mich um einen leichten, verspielten Ton. „Bedeutet das, dass er dich wieder nicht geküsst hat?“

„Das geht dich nichts an.“ Wow, ihr Speichel war sicher gerade radioaktivgrün geworden, bei all dem Gift, das aus ihrer Stimme triefte. Nachdem sie mir aber heute Abend beinahe die Creme von den Fingern geleckt hatte, musste ich doch stark widersprechen. Es ging mich sehr wohl etwas an.

„Komm schon, es ist eine simple Ja-oder-Nein-Frage“, neckte ich sie. „Ich werde viel besser schlafen, wenn ich die Antwort kenne.“

„Warum fragst du ihn nicht selbst, wenn du es unbedingt wissen willst?“, fauchte das Kätzchen.

Hasste sie mich jetzt, weil es ihr eigentlich gefallen hatte, wie ich sie dazu überredet hatte, mir das Obst aus den Händen zu essen? Oder, weil ich wie der Junge aussah, in den sie verknallt war, und es nicht verleugnen konnte? Auf jeden Fall verhielt sie sich kindisch, wenn man bedachte, dass sie bei dieser Challenge ohnehin null Chancen hatte. Ich verdrehte die Augen, gab aber nach. „Okay. Wenn du meinst …“ Ich stand auf, lief zum Zimmer meines Bruders und steckte den Kopf hinein. Er machte gerade Liegestütze. „Hey, Ethan!“, unterbrach ich ihn und versteckte das Handy dabei hinter meinem Rücken. „Hast du Susan heute geküsst?“

Er drehte nur leicht den Kopf zu mir. „Nein.“ Stöhnend schob er sich aus dem Stütz hoch. „Warum?“ Der Frage folgte ein weiteres Stöhnen.

Ich bedeutete ihm mit der Hand, weiter zu machen, schüttelte den Kopf und formte lautlos: „Ist nicht so wichtig.“ Auf dem Weg zurück zu meinem Zimmer, presste ich das Handy wieder an mein Ohr. „Ethan sagt Nein.“ Ich ließ mich auf meinen Schreibtischstuhl plumpsen, drehte mich im Kreis und fügte unschuldig hinzu: „Ich frage mich, warum nicht. Könnte es sein, dass er einfach kein Interesse hat?“

„Zu deiner Info, er hat mich um ein weiteres Date gebeten.“ Das war weniger eine schroffe Bemerkung als vielmehr ein selbstbewusster Seitenhieb auf mich. Vielleicht war es auch nur ihr Wunschdenken. Jemand sollte sie mal wachrütteln.

„Ach, wieder zum Wii spielen? Ist das wirklich deine Vorstellung von einem perfekten Date?“

„Wir gehen ins Kino. Deine Vorstellung von einem perfekten Date ist vermutlich, dein Zimmer mit zerzausten Haaren wie kurz nach dem Aufstehen und einem falsch zugeknöpften Hemd zu verlassen.“

Ich hielt abrupt mit dem Drehen inne. Sieh mal einer an, sie hatte mich also tatsächlich abgecheckt, als wir uns im Flur begegnet waren! Und mein falsch zugeknöpftes Hemd hatte ihr bestimmt ein paar wilde Fantasien eingeflößt. Ein diebisches Grinsen malte sich bei der Erinnerung daran, wie sie mich fast mit ihren Blicken verschlungen hatte, in mein Gesicht. „Wusste ich doch, dass dir das aufgefallen ist.“ Die weit wichtigere Frage war jedoch im Moment: „Hat es dich gestört?“

Sue schnappte nach Luft. „Warum zum Teufel sollte es?“

Na denk mal nach, Mädel. „Weil ich zum einen exakt wie mein Bruder aussehe und soweit ich sehen kann, stehst du total auf ihn. Das heißt, dass du auch total auf mich stehst.“ Einige Regeln des Universums waren eben unumstößlich, egal, wie sehr sie sich dagegen sträubte. „Und zweitens, nur einer von uns beiden scheint derzeit versessen darauf zu sein, dich zu küssen.“ Wenn auch nur, um bei diesem Spiel als Sieger hervorzugehen.

Die Totenstille am anderen Ende überraschte mich. Ausnahmsweise mal keine bissige Bemerkung? Ich musste wohl einen wunden Punkt getroffen haben. „Du hast aufgehört zu atmen, Sue“, stellte ich vorsichtig fest. War sie überhaupt noch dran? Ihr scharfes Einatmen brachte mich schließlich zum Lachen. „Ich nehme an, das bedeutet, du stimmst mir in beiden Punkten zu.“

Sie atmete wieder normal. Gut. Es dauerte jedoch einen langen Moment, ehe sie mich in sehr leiser und für sie untypisch sanfter Stimme – zumindest wenn sie mit mir sprach – fragte: „Chris, verrate mir eines.“ Erneutes Schweigen. Grundgütiger, ich war ganz kribbelig vor Neugier, wohin das gleich führen würde. „Du hattest heute Nachmittag das schönste Mädchen der Schule in deinem Zimmer. Warum willst du ausgerechnet mich küssen?“

Oh, das konnte ich ihr leicht beantworten. „Weil Lauren, wie die meisten anderen Mädchen, leicht zu haben ist.“ Spanischnachhilfe hin oder her, ich musste nur mit den Fingern schnippen und sie würde ein Plätzchen für mich in ihrem Terminkalender freimachen. „Du hingegen“, schnurrte ich ins Telefon, mit der Absicht, trotz der späten Stunde Susans Sinne wach zu streicheln, „hast mich heute herausgefordert – noch dazu vor meinen Freunden.“

Ihre Stimme kroch zaghaft durch die Leitung. „Du willst mich also, weil du mich nicht haben kannst?“

„Wer sagt, dass ich dich nicht haben kann?“

„Ich.“

Das denkst auch nur du, Sonnenschein. Ihre Naivität entlockte mir ein Schmunzeln. „Oh, okay. Also ja, dann will ich dich auf jeden Fall.“

Jetzt lachte Sue tatsächlich laut auf. Ich war mir dabei jedoch nicht sicher, ob sie amüsiert oder frustriert klang. „Du solltest wissen, dass ich niemals einen Jungen küssen würde, ohne tiefe Gefühle für ihn zu haben“, informierte sie mich – unter Anführungszeichen – offiziell, „… und die habe ich nun einmal nicht für dich, Chris.“

„Ach, ist das so?“ Könnte mich mal jemand vom Schlauch runter holen und mir erklären, was das eine mit dem anderen zu tun hatte, bitte? „In den vergangenen Monaten habe ich mehr als zwanzig Mädchen geküsst und das hat Spaß gemacht. Aber bei keiner Einzigen habe ich etwas gefühlt.“ Nein, das stimmte wohl so nicht ganz. Es hing natürlich davon ab, wie man das Wort fühlen interpretierte, also fügte ich hinzu: „Außer na ja …“

„Stopp!“, unterbrach mich Sue. „Ich will’s gar nicht hören.“

Nicht? Ich lachte. „Okay, okay.“ Schon verstanden. Ich wollte andererseits ja auch nicht unbedingt, dass sie mir von ihren Exfreunden erzählte. Vorausgesetzt, sie hatte bereits welche. Eine Streberin und Sex in der Highschool? Hmm, mein Leben würde ich darauf nicht unbedingt verwetten. Andererseits hatte sie heute Abend ihr Streberimage, zumindest was mich anbelangte, total ruiniert. Was mich wieder zurück zum Thema brachte. „Übrigens gibt es noch einen anderen Grund, warum ich dich haben will.“

„Ach, und der wäre?“ Sie klang wirklich neugierig. Ein gutes Zeichen.

Mit geschlossenen Augen stellte ich mir den sexy Schwung ihrer Hüften vor, dann räusperte ich mich und sagte in leisem verführerischen Schnurren: „Du hast in diesem Kleid heute ziemlich heiß ausgesehen. Eindeutig nicht wie ein Streber, was deine Frage vom Anfang beantworten sollte.“ Nach einer kurzen Pause, in der ich in die Ferne starrte und mir plötzlich vorstellte, wie ich Sue an Ethans Stelle heimgefahren hätte, fügte ich mit noch tieferer Stimme hinzu: „Hätte ich dich heute Abend nach Hause gebracht, hätte ich dich auf jeden Fall geküsst. Und es hätte dir gefallen.“

Sue hörte wieder auf zu atmen. Mission erfolgreich.

Ich blinzelte ein paar Mal, was mir half, die verstandraubende Vorstellung von einem Kuss mit ihr abzuschütteln. „Träum was Hübsches, Sonnenschein.“ Die Worte kamen nur als ein zartes Flüstern heraus. Lächelnd legte ich auf, damit sie selbst noch einen Moment in dieser hübschen, kleinen Fantasie von uns beiden schwelgen konnte.

Ich ließ das Handy in meinen Schoß fallen und atmete langsam aus. Wann hatte mich ein Mädchen zum letzten Mal so kribbelig gemacht? Die Ungewissheit, ob ich am Ende bei ihr landen konnte, fing an, an meinem Gehirn herumzupfuschen. Schlimmer noch, sie kam in Begleitung von sanfter Nervosität und seltsamer Vorfreude. Ich musste in meinem Gedächtnis bis zu Amanda zurückgehen, um mich an ein ähnliches Gefühl zu erinnern. Amanda war keine Herausforderung gewesen. Sie war meine erste große Liebe … und bis zum heutigen Tag auch meine letzte.

Liebe. Seltsam, dass mir das Wort ausgerechnet jetzt durch den Kopf schoss. Ich fühlte nicht einmal etwas Annäherndes für Sue. Dennoch hatte das Mädchen etwas an sich, das mich auf dumme Gedanken brachte und mich grübeln ließ, wie ich ihr Schutzschild durchbrechen konnte. Es ging plötzlich nicht mehr nur darum, ihr zu beweisen, dass sie nicht anders als die anderen Mädels war und ich sie haben konnte, wann immer ich wollte. Irgendwann im Verlauf des heutigen Abends hatte sich die Ausgangslage verändert. Nun musste ich sie haben, um mir selbst zu beweisen, dass ich bei ihr landen konnte. Der Einsatz war unerwartet gestiegen.

 

*

 

Zwei Stunden später lag ich gelangweilt und hellwach im Bett und fragte mich, ob es ein Fehler gewesen war, mich nicht mit den Mädchen in der Arkade zu treffen. Wenn Becks dort war, war Tyler üblicherweise auch nicht weit, und ein Tischkickerspiel hätte mir sicher die nötige Zerstreuung gebracht. Lauren hätte mich ebenfalls ablenken können, aber irgendwie war mir an diesem Abend nicht danach.

Mit geschlossenen Augen plante ich meinen nächsten Schachzug bei Sue. Immer wieder spulte ich unsere Begegnung beim Nachsitzen ab, gefolgt von dem appetitlichen Moment, als ich sie mit der Kiwi gefüttert hatte. Wenn das kein großer Fortschritt war, wusste ich auch nicht. Und obendrein war da noch das Telefongespräch.

Allerdings war ich mir nicht so ganz sicher, ob es die Sache vereinfacht oder verkompliziert hatte, als ich sie mit der Nase darauf stieß, dass sie durch die Zwillingssache eigentlich auch irgendwie auf mich stand. Das Problem war: Wenn sie sich bewusst war, wie sehr sie sich von mir angezogen fühlte, würde sie in Zukunft nur noch stärker versuchen, mich auf Abstand zu halten.

Kontraproduktiv.

Mit einem kleinen Lächeln seufzte ich und rollte mich auf den Rücken. Dabei schob ich einen Arm unter den Kopf und legte den anderen auf meinen Bauch. Sue war wirklich eine harte Nuss. Doch angesichts ihres Widerstands wäre der Triumph, wenn ich sie am Ende für mich gewinnen konnte, nur umso größer.

Wieder rollte eine Woge erwartungsvoller Vorfreude über mich hinweg. Ich hoffte, dass ich nun endlich einschlafen konnte und vielleicht sogar von Susan träumen würde, aber so viel Glück hatte ich nicht. Eine gefühlte Ewigkeit später starrte ich immer noch an die Decke und zog Grimassen, weil mich die Stille in dem dunklen Zimmer langsam in den Wahnsinn trieb.

Agh! Tischfußball wäre jetzt so viel besser.

 

*

 

Erschöpft vom Schlafmangel schlurfte ich benommen und mit zugeklebten Augen Freitag früh durchs Haus und versuchte, in meine morgendliche Routine zu finden. Eine heiße Dusche und eine Tasse Kaffee, der so stark war, dass er mir ein Loch in den Bauch brennen konnte, bauten mich ein wenig auf, aber nicht viel.

„Willst du mitfahren?“, fragte Ethan, als er an der Küche vorbeikam, wo ich halb auf dem Tisch liegend herumlungerte.

Ich hob einen Daumen für ein Ja.

„Dann komm in die Gänge. Wir sind spät dran.“

Ich stieß ein müdes Brummen aus. Nachdem ich mir den restlichen Kaffee runtergeschüttet hatte, stellte ich die Tasse ins Spülbecken und holte meine Schulsachen. Ethan wartete bereits mit laufendem Motor im Auto, als ich zur Tür rauskam.

Ich lehnte den Kopf ans Beifahrerfenster und holte während der Fahrt drei Minuten Schlaf nach, doch das kurze Nickerchen hatte meinen Zustand eher verschlimmert, falls das überhaupt noch möglich war. Mit meinem derzeitigen Tunnelblick fühlte ich mich wie der höchsteigene Haus-Zombie der Grover Beach High, als ich durch die Gänge zu meiner ersten Stunde schlurfte.

Zum Glück gab mir das Koffein im Laufe des Morgens noch den dringend benötigten Kick. Und bei dem heftigen Basketballspiel, das wir uns im Sportunterricht lieferten, verschwand auch das Gähnen, das ich in Geschichte und Mathe immer wieder hatte verbergen müssen. Nach der zweiten Dusche des Tages joggte ich zu Spanisch und pflanzte mich auf den Stuhl neben Laurens. „Hi“, grüßte ich sie mit breitem Grinsen.

Ihr Antwort-Hey fiel ein wenig schnippisch aus und sie sah mich nicht länger als drei Sekunden an.

Oh-oh.

Meine Brauen kippten zusammen. „Alles in Ordnung?“

„Ja. Alles bestens.“

Verfluchte Scheiße, sie war sauer auf mich. Aber was hatte ich bloß angestellt? Ich ließ den Blick unruhig durch den Raum schweifen und räusperte mich. „Bist du böse, weil ich gestern nicht runter zur Arkade gekommen bin?“ Falls das der Grund war, verstand ich wirklich nicht warum, aber bei Mädchen konnte man ja nie wissen.

Lauren drehte ihren Kopf so langsam in meine Richtung, wie der Velociraptor in Jurassic Park, als er seine Beute riecht. Mir gefror das Blut in den Adern. Sie atmete tief ein, neigte den Kopf, als ob sie überlegte, wie sie darauf antworten sollte, und beschloss, einfach mal gar nichts zu sagen, sondern nur die Augen zu verdrehen.

Mrs. Sanchez, die mit dem Klingeln in die Klasse kam, unterbrach unser unlustiges Gespräch und zwang mich zum Rückzug. Ich konnte die gesamte nächste Stunde nur spekulieren. Gelegentlich warf ich Lauren einen Seitenblick zu, aber jedes Mal, wenn sie es bemerkte, stieß sie ein wütendes Schnauben aus. Ich befürchtete, dass sie bei meinem nächsten Blick anfangen würde Feuer zu speien, also hörte ich nach einer halben Stunde damit auf und hielt die Augen auf meine Notizen vor mir gerichtet.

Als die Glocke meine Mittagspause ankündigte, schlüpfte Lauren schneller als eine Viper aus ihrem Sitz. Ich stopfte rasch meine Bücher in den Rucksack und lief ihr nach. Direkt vor dem Klassenzimmer packte ich sie am Arm. Sie würde jetzt mit mir reden, ob es ihr gefiel oder nicht. Es war der letzte Tag vor dem Wochenende. Ich hatte morgen ein wichtiges Basketballspiel und wollte unbedingt, dass sie kam und zusah. Obendrein fiel es mir immer schwer, im Streit mit jemandem auseinanderzugehen, denn diesen Scheiß hatte ich lange genug erlebt, als meine Eltern noch zusammen waren.

„Was ist los?“, knurrte ich und umfasste ihren Arm noch fester, als sie versuchte, sich loszureißen. „Erklär mir, was du für ein Problem hast, bitte, denn ich weiß es wirklich nicht.“

Einen langen Moment versuchte sie, mich mit ihrem bohrenden Blick zu töten.

„Bitte“, wiederholte ich nachdrücklicher.

Lauren wusste, dass ich Streit nicht gut aushalten konnte, was vermutlich der einzige Grund war, warum sie nun nachgab und den Mund aufmachte. Ihre Stimme klang jedoch so tödlich wie eine Giftspritze. „Wie ist denn das Projekt mit deinem Bruder gelaufen?“

Ich schluckte schwer. „Äh …“

Als sich mein Griff lockerte, machte sie sich los, verschränkte die Arme vor der Brust und wartete auf meine Antwort. Ein Muskel zuckte dabei in ihrem Kiefer.

„Es … ähm … lief gut?“

Ihr fiel die Kinnlade runter. Verdammt, falsche Antwort.

Lauren schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen. „Ach, vergiss es einfach, Chris!“ Sie stürmte davon, aber ich war ihr dicht auf den Fersen und hielt sie erneut auf, ehe sie abbiegen konnte.

Ich schnappte sie am Handgelenk, drehte sie zu mir um und atmete erst aus, als sie aufhörte, mich böse anzuknurren. „Okay, es gab gar kein Projekt“, gab ich zu.

„Ach, kein Scheiß?“, zischte sie voll Sarkasmus.

Himmel, was konnte ich denn sagen? Ich hatte mich doch wirklich mies gefühlt, als ich sie gestern so überstürzt zur Tür rausbugsierte. Ich machte hilflos den Mund auf und zu, aber dabei kam kein einziges Wort heraus.

Da ich im Moment unfähig war zu sprechen, übernahm Lauren das Reden, und sie hatte eine Menge zu sagen. „Ich habe von Becky gehört, was beim Nachsitzen gestern passiert ist. Tyler hat ihr alles darüber erzählt. Auch, dass du die Absicht hast, dieses Mädchen rumzubekommen. Sie ist doch die, die dein Bruder gestern mit nach Hause gebracht hat, oder?“

Sollte ich jetzt Ja sagen? Oder vielleicht lieber nur nicken? Großer Gott, ich hatte Angst vor dieser Braut.

„Chris, du bist nicht mein fester Freund“, fuhr sie dann mit der Heftigkeit eines Mähdreschers über mich drüber. „Du kannst ausgehen und rumknutschen und tun, was auch immer und mit wem auch immer du willst.“

Okay, gut zu wissen. Anders würde die Sache mit uns auch nicht funktionieren. Aber weswegen genau stritten wir uns dann eigentlich?

Die Antwort bekam ich mit einem vorwurfsvollen Heben ihrer Augenbrauen geliefert. „Der Punkt ist, dass ich mich nicht gerne anlügen lasse. Wenn du also das nächste Mal was Besseres zu tun hast, als mit mir abzuhängen oder Spanisch zu lernen, um Himmels willen, dann sag es einfach.“

Mein Herz klopfte in einem nervösen Rhythmus. Lauren gehörte zu meinen besten Freunden, aber in Momenten wie diesen wünschte ich mir, dass ich den Kopf einziehen und einfach davonlaufen könnte. Sie war unberechenbar, wenn sie auf jemanden wütend war. Ich saugte die Unterlippe zwischen die Zähne und nickte bedächtig.

„Schön. Dann sehe ich dich am Montag“, knurrte sie, die Augen immer noch zu engen Schlitzen gekniffen. Als sie sich zum dritten Mal von mir abwandte, folgte ich ihr nicht mehr, doch ganz offensichtlich hatte sie mir immer noch nicht verziehen.

„Lauren“, sagte ich laut genug, dass sie es über das Stimmengewirr im Flur hörte. Sie blieb stehen und schaute über die Schulter. „Das Basketballspiel morgen?“ Ich wollte wirklich, dass sie kam.

Nach einer Ewigkeit des Grübelns sagte sie schließlich schroff: „Vielleicht.“ Dann ging sie zu ihrem nächsten Kurs und ich lief in die Cafeteria, um mich mit meinen Freunden zu treffen. Mein Gewissen war eine fiese Schlampe, die mich den ganzen Weg lang in den Arsch trat.

 

 

Kapitel 7

 

 

KAUM HATTE ICH mich mit T-Rex und den anderen in der überfüllten Cafeteria hingesetzt, schweifte mein Blick auch schon zum Fußballertisch und ich vergaß auf der Stelle das Gespräch mit Lauren.

Verflucht, Sue dabei zuzuschauen, wie sie eine Kiwi aß, verursachte ein seltsames Flattern in meinem Bauch. Rein aus Spaß überlegte ich, ob ich zu ihr rübergehen sollte. Auf dem Weg könnte ich mir ein Schälchen Kokoscreme besorgen, in die ich dann ihre Kiwischeibe tauchen und sie so wie gestern damit füttern würde. Ob sie es wohl zulassen würde? Vor all ihren Freunden?

Und vor Ethan, der heute erstaunlicherweise mit den Fußballern am Tisch saß?

Irgendwie hatte ich da so meine Zweifel, also wäre der Ausflug wohl reine Zeitverschwendung. Ich mampfte meine Pizza und richtete meine Aufmerksamkeit auf meine Tischnachbarn, statt meinen Blick wieder zum Fußballtisch wandern zu lassen. Falls die Redewendung stimmte und aller guten Dinge tatsächlich drei waren, würde mein Bruder Susan heute Nachmittag oder Abend ja sowieso wieder mit nach Hause bringen. Und ein weiterer Besuch bot sicher genug Möglichkeiten, ein paar Minuten allein mit ihr zu verbringen.

Als ich an diesem Nachmittag vom Basketballtraining heimkam, hatte sich Ethan jedoch wieder ganz allein in seinem Zimmer verschanzt. Was auch immer er vorhatte, in seinen Plänen für den heutigen Tag hatte Susan Miller offenbar keinen Platz.

Ich spielte mit dem Gedanken, Sue anzurufen und sie selbst einzuladen, doch meine Mutter trieb mir die Idee wieder aus, als sie an meine Tür klopfte und meinen Namen rief.

„Ist offen“, antwortete ich.

Sie steckte nur den Kopf durch die Tür. „Peggy-Ann hat heute Morgen die Rosenbüsche geliefert. Könntest du mir beim Einpflanzen helfen?“

Rosenbüsche? Echt jetzt? Ich zog eine Grimasse. „Hat das nicht bis zum Wochenende Zeit?“

„Bis dahin sind die Büsche ausgetrocknet. Jetzt komm schon. Bitte! Ich schaff das nicht allein.“

Mensch, ich hatte echt so überhaupt keine Lust dazu, Büsche einzupflanzen. „Warum fragst du nicht Ethan?“

„Er lernt für einen Mathetest.“

Ich verdrehte die Augen und unterdrückte ein Grunzen, aber trotzdem schob ich mich einen Moment später aus dem Stuhl und warf das Handy aufs Bett. Mom wich zurück, als ich ihr den Finger vor die Nase streckte. „Du weißt hoffentlich, was das bedeutet, Fräulein.“

Als ich mich zwischen ihr und dem Türrahmen hindurchquetschte, hob sie fragend die Augenbrauen. „Hmm?“

„Mehr Taschengeld“, sagte ich grinsend.

„Ja, klar.“ Mom stieß mir scherzhaft einen Ellbogen in die Seite. „Träum weiter, Freundchen.“

Erst durchkreuzte sie meine Pläne und dann wollte sie nicht einmal mehr Kohle rausrücken! Ernsthaft, die Regeln in diesem Haus mussten dringend ergänzt werden. Andererseits, wie lange konnte es schon dauern, ein Loch zu graben und einen dämlichen Busch hineinzupflanzen? Zehn Minuten?

Gemeinsam gingen wir in den Garten und – oha! In der Auffahrt stand ein Anhänger, vollgepackt mit einem ganzen Rosendschungel.

„Was um alles in der Welt willst du denn damit?“, maulte ich.

Ihr unschuldiges Grinsen kam ein wenig verspätet. Sie deutete auf die sechs Meter blanke Erde entlang des Gartenzauns. Na, toll! Wenn wir jetzt gleich anfingen, konnten wir bis Mitternacht fertig sein … wenn wir uns ranhielten. „Einfach klasse“, murmelte ich und holte die Schaufel.

Am Samstagmorgen schlief ich lange aus. In der Nacht hatte sich in meinem unteren Rücken ein stechender Schmerz ausgebreitet, der vermutlich von der Rackerei im Garten kam. Das ständige Bücken und Pflanzen der dornigen Büsche war anstrengender gewesen, als erwartet. Ich versuchte, das Stechen zu ignorieren, als die Morgensonne mein Gesicht kitzelte, und drehte mich noch einmal unter der Decke um, aber der Schmerz verging nicht.

Ungefähr so musste sich mein Großvater morgens nach dem Aufwachen fühlen. Steif wie ein Brett und alles tat weh. Zumindest hatte er immer so gewirkt, wenn Ethan und ich unsere Ferien bei unseren Großeltern verbracht hatten, was wir bis zur neunten Klasse taten. Rentenalter? Nichts, worauf man sich freuen sollte.

Es war schon nach elf, als ich mich endlich aus dem Bett rollte und eine Reihe von Liegestützen und Sit-ups absolvierte, um den Knoten in meinem Rücken zu lösen. Eine lange warme Dusche linderte den Schmerz noch etwas mehr. Hungrig wie ein Wolf nach dem harten Workout zog ich mir ein weißes Poloshirt und meine ausgewaschene Lieblingsjeans an, dann machte ich mir ein fantastisches Frühstück. Ein Omelette mit so ziemlich allem drin, was der Kühlschrank hergab, und Kaffee so dick und schwarz wie des Teufels Seele selbst.

Ein solches Frühstück verlangte anschließend nach einer Ruhepause vor der Glotze. Ich zappte mich durch die Kanäle, fand aber nichts Interessantes, also wehrte ich mich nicht dagegen, als mir die Lider zufielen.

Minuten oder auch Stunden später, wer wusste das schon, riss mich die Türklingel aus meinem Nickerchen.

„Chris, machst du auf?“, drang die Stimme meiner Mutter ins Wohnzimmer. Ihr Gesicht tauchte in der Terrassentür auf, die zum Garten führte. Offensichtlich war sie draußen immer noch mit ihren Rosenbüschen beschäftigt. Ich fuhr mir mit einer Hand übers Gesicht, um mir den Schlaf aus den Augen zu wischen, und schlurfte zur Tür.

Ein erfreutes Lächeln zupfte an meinen Mundwinkeln, als ich ein Mädchen mit Pferdeschwanz im Sonnenlicht auf unserer Schwelle stehen sah. „Hi, Susan.“

Sie musterte mich von oben bis unten, wobei sich ihre Augen leicht verengten. Ah, sie hatte keine Ahnung. Großspurig verschränkte ich die Arme vor der Brust. „Du versucht gerade herauszufinden, wer ich bin, nicht wahr?“

Plötzlich leuchtete ihr Gesicht auf. „Nein, ich habe meine Antwort soeben erhalten. Ist Ethan in seinem Zimmer?“

„Ja“, sagte ich gedehnt und fragte mich, womit zum Teufel ich mich verraten hatte. Sue wartete keinen Moment länger, sondern schob mich zur Seite und lief den Flur hinunter. Sie ließ mich einfach stehen, damit ich die Tür für sie zumachen konnte, als sei ich ihr bescheuerter Diener oder sonst was.

Ich rannte ihr hinterher und packte sie am Arm, ehe sie das Zimmer meines Bruders erreichte. „Wie hast du’s herausgefunden?“

„Ganz einfach.“

Einfach? Das waren ja mal ganz neue Töne. Sue weihte mich in ihr Geheimnis ein, indem sie sich meine Silberketten schnappte und um ihren Finger wickelte, bis sie mir fast die Luft abschnürten. „Deine Macho-Ketten haben dich verraten.“

Macho-Ketten? Wie bitte? Die Ketten waren das Einzige, was mein Dad bei seinem Auszug zurückgelassen hatte. Mom hatte Ethan und mich gefragt, ob wir sie haben wollten, da sie nicht die Absicht hatte, auch nur einen Cent auszugeben, um meinem Vater etwas nachzuschicken. Mit ausdrucksloser Miene hatte Ethan gesagt: „Willst du mich verarschen?“ Deshalb trug ich sie seitdem beide.

Mit hämischem Grinsen ließ Sue die Ketten los und gab mir eine Kopfnuss auf die Stirn.

„Hey, lass das“, platzte ich heraus und kniff die Augen zusammen.

„Was? Die Kopfnuss oder deine Ketten das zu nennen, was sie sind?“ Die Kleine hatte echt den Nerv, mir noch ein zweites Mal gegen die Stirn zu schnippen. Oh, das hätte sie besser nicht tun sollen. Sie brauchte wohl eine weitere Lektion.

„Beides“, warnte ich sie, schnappte ihren Arm und drehte sie so schnell herum, dass sich ihr Rücken gegen meine Brust presste. Ich schloss die Arme fest um sie und knurrte ihr ins Ohr: „Wenn du das noch mal machst, kriegst du von mir einen Knutschfleck so groß wie Ohio.“ Ich senkte den Kopf und streifte mit den Lippen über die seidenweiche Haut ihres Halses. „Genau hier.“

Ach du heiliger – dieses Mädchen roch vielleicht gut. Als hätte sie in Kokosnussmilch gebadet.

Sue erstarrte in meinen Armen. Ich spürte, wie sie leicht zu zittern begann, als meine Lippen sie berührten, und hätte mein Versprechen am liebsten gleich in die Tat umgesetzt.

Sie stöhnte auf und versuchte, sich aus meinem Griff zu befreien. Doch irgendwie gab sie sich dabei keine besonders große Mühe. „Lass mich los, Chris! Du bist echt widerlich!“ Entweder war sie wirklich so schwach oder sie wollte gar nicht so dringend von mir weg, wie sie uns beide glauben lassen wollte.

Ihr mädchenhafter Widerstand entlockte mir ein Schmunzeln, aber ich gehorchte ihrem Wunsch und ließ sie los. Sie stützte sich mit einem Arm an der Wand ab und schnappte nach Luft. „Tu das … nie wieder!“

„Warum nicht?“ Ich wackelte anzüglich mit den Augenbrauen. „Hast du Angst, dass du süchtig danach werden könntest?“

„Ja, entweder das …“ Sie verdrehte die Augen und machte ein Würgegeräusch. Fehlte nur noch, dass sie sich den Finger in den Mund steckte. „Oder zu kotzen.“

Ernsthaft? „Jede Sucht fängt mit Verleugnung an, also lass ich dich mal in dem Glauben“, scherzte ich.

Und dann wurde mir plötzlich wie aus heiterem Himmel klar, welcher Tag heute eigentlich war. Mein Lachen erstarb abrupt. „Warum bist du überhaupt hier? Kommst du heute Abend mit zu meinem Basketballspiel?“ Das wagte ich kaum zu glauben, aber warum sonst hätte Ethan sich mit ihr verabredet?

Sue ahmte meinen prüfenden Blick nach. „Was? Nein.“

„Weshalb bist du dann gekommen?“

„Kino? Ethan und ich?“ Susan hob ihre Augenbrauen auf diese spezielle Art, die mich als kompletten Volltrottel bezeichnete. „Das habe ich dir gesagt, als wir telefoniert haben. Schon vergessen?“

Sie wollte gerade weitergehen, aber da hatte sich die kleine Streberin getäuscht. Sie konnte nicht einfach so eine Bombe platzen lassen und sich dann aus dem Staub machen.

Ich legte die Hand vor ihrem Gesicht an die Wand und schnitt ihr so den Weg ab. „Warte. Das ist heute?“ Irgendwie hoffte ich, ihr würde plötzlich einfallen, dass sie sich bei ihrem Kinodate mit Ethan im Datum geirrt hatte. Aber bei diesem Mädchen hatte ich rein gar kein Glück.

„Ja.“

Das Wort hinterließ einen bitteren Nachgeschmack.

„Das geht nicht“, murmelte ich. Okay, bei ihr ging das vielleicht schon, aber bei Ethan auf keinen Fall. Ich würde bestimmt nicht zulassen, dass er heute Abend mein Spiel verpasste. Meine Diskussion mit Sue war in diesem Moment beendet. Stattdessen suchte ich mir lieber den Verräter selbst. Ich stürmte den Flur hinunter und in Ethans Zimmer, ohne mir die Mühe zu machen und anzuklopfen. „Hey, was soll dieser Scheiß, dass du heute Abend ins Kino gehst?“

Mein Bruder, der an seinem Schreibtisch saß, schaute verdutzt auf. „Ich gehe mit Susan aus. Wo liegt dein Problem?“

Seine beiläufige Abfuhr versetzte mir einen Stich. „Mein Problem ist, dass es mein letztes Spiel in diesem Jahr ist. Das große Rückspiel gegen die Clearwater High. Es war ausgemacht, dass du hinkommst.“ Seine Miene war immer noch so ausdrucksvoll wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Meine Schultern sackten ab, als meine Hoffnung erstarb, und ich sagte beleidigt: „Sogar Mom kommt.“

Jemand berührte mich sanft am Arm. Ich drehte ruckartig den Kopf und sah in Sues mitfühlende Augen. „Wenn es dir so viel bedeutet, gehen wir heute eben nicht ins Kino. Ethan kann zu deinem Spiel mitkommen.“

„Ich kann?“, hörte ich Ethans erstaunte Stimme zur selben Zeit, als ich herausplatzte: „Er kann?“

„Natürlich“, antwortete Sue mit amüsiertem Schmunzeln – etwas, das sie in meiner Nähe nur selten tat. „Das Kino läuft uns nicht weg. Und wenn es das letzte Spiel vor der Winterpause ist, solltest du wirklich gehen“, forderte sie Ethan auf. „Ich wäre am Boden zerstört, wenn meine Familie nicht zu meinen großen Spielen kommen würde.“

Aber natürlich! Sie spielte selbst Fußball und konnte meine Gefühle verstehen. In diesem Moment hätte ich sie am liebsten in die Arme genommen und ihr einem fetten Kuss auf die Wange gedrückt.

„Okay, aber du musst mitkommen“, verlangte Ethan.

Einen Moment dachte sie darüber nach. Schließlich zuckte sie mit den Schultern und schenkte uns beiden ein kleines Lächeln. „Also schön, dann eben Basketball.“

Ich ignorierte angestrengt das Verlangen, sie zu schnappen und herumzuwirbeln, aber das Lächeln, das sich mir auf die Lippen legte, konnte ich nicht zurückhalten. Ich drehte mich ein wenig mehr zu ihr und weg von Ethan und formte stumm ein aufrichtiges: „Du hast was gut bei mir.“

Das verschmitzte Funkeln in ihren Augen bedeutete Ärger; ja, sie würde diesen Gefallen ganz bestimmt irgendwann in naher Zukunft einfordern. Aber das machte mir nichts aus. Was auch immer sie wollte, würde sie bekommen, weil sie meinen Bruder dazu gebracht hatte, zu meinem Spiel zu kommen.

Sue ging an mir vorbei, knallte mir die Tür vor der Nase zu und sperrte mich wieder mal aus Ethans Königreich aus. Eine Weile starb ich fast vor Neugier, weil ich nicht wusste, was die beiden in dieser gut verriegelten Festung trieben. Aber wenig später rief T-Rex an und wir bauten uns gegenseitig damit auf, indem wir prahlten, wie wir heute Abend ein paar Clearwater High Spielern in den Arsch treten würden.

Den Kopf ganz auf Basketball gerichtet, packte ich meine Sportsachen und Schuhe in eine Tasche. Aus der Schublade holte ich meine Glückssocken, die weißen mit den grünen Ringen um die Knöchel, und legte sie oben drauf. Dann sprühte ich mir Axe unters T-Shirt, stopfte die Dose in die Tasche und zog den Reißverschluss zu.

Mom hatte ein elegantes Kleid an, als ich in die Küche kam. Es mag vielleicht seltsam erscheinen, dass sie sich für eine Sportveranstaltung so schick machte, vor allem, wenn man bedachte, dass die Leute die Turnhalle an solchen Abenden gewöhnlich mit Hotdogflecken und Colaspritzern auf den Klamotten verließen. Aber in diesem Haus war das gar nicht seltsam. Das dunkelrote Kleid war Moms Art, mir zu zeigen, was für eine stolze Basketballmutter sie war. Eine, die nicht eine Millisekunde lang daran zweifelt, dass die Mannschaft ihres Sohnes an diesem Abend siegen würde.

„Ich bin in der Stimmung für ein Steak“, sagte sie mit breitem Lächeln, als sie mich entdeckte, und gab mir einen Kuss auf die Wange. Das war der ganze Deal mit dem Kleid. Wenn meine Mannschaft gewann, musste sie Ethan und mich danach zu einem fantastischen Essen in einem schicken Restaurant einladen. Die Alternative war Burger King, und die Rechnung ging dann auf mich. Doch das stand heute nicht in den Sternen, das konnte ich in meinen zappeligen Beinen spüren.

Ich rieb mir über die Stelle auf meiner Wange, wo sie mir einen feuchten Mamaschmatz aufgedrückt hatte. „Fahren wir mit einem Auto, oder will Ethan mit Sue fahren?“

„Ich weiß nicht. Kannst du sie fragen?“

Ich ließ die Tasche mit einem Plumps auf den Boden fallen und lief zu Ethans Zimmer. Diesmal klopfte ich sogar höflich an, aber die beiden hatten anscheinend so viel Spaß, dass sie es nicht einmal hörten. Offenbar spielten sie auf der Wii Bowling, denn Sue jubelte: „Ssttt…rike.“

Da ich mir sicher war, dieses Mal keine heikle Situation zu unterbrechen, öffnete ich die Tür. Sue warf eine weitere virtuelle Kugel die Bahn hinunter und fragte dabei meinen Bruder: „Wann fängt das Spiel an?“

„In einer dreiviertel Stunde“, antwortete ich ihr und sorgte somit dafür, dass die beiden sich zu mir umdrehten. „Mom ist fertig und wir fahren in fünf Minuten. Wenn ihr beide mitfahren wollt, kommt ihr besser schnell zum Schluss damit.“

Aus dem Fernseher ertönte das Geräusch von umfallenden Pins und ein Klingeln. Sue war anscheinend ein Profi in Wii-Bowling. Mit glücklichem Grinsen wirbelte sie zu Ethan und mir herum und wippte freudig auf den Fußballen. „Ich bin fertig. Wir können los!“

Ethan teilte ihre Freude über den Sieg nicht wirklich. Er verschränkte die Arme vor der Brust und brummte: „Und wenn du noch so sehr meckerst – das nächste Mal spielen wir wieder Mario Kart.“

„Von mir aus.“ Sue strahlte wie ein glänzendes neues 5-Cent-Stück. Zweifellos sah sie das als weitere Einladung zu einem Wii-Rendezvous mit ihrem Schwarm an. Die beiden brachten den Begriff virtuelles Date wirklich auf ein ganz neues Level.

Ich wusste ja, dass mein Bruder relativ unerfahren war, aber ernsthaft, Sue auch? Das enge blaue Top und die sexy Jeans machten auf mich einen anderen Eindruck. Zuerst das rote Kleid gestern beim Abendessen und nun diese beinahe durchsichtige Bluse, die locker und offen über ihr Top fiel … Oh Mann, das brachte meine Fantasie mal wieder ganz schön auf Hochtouren. Das Image der braven Streberin hatte sie jedenfalls erfolgreich aus meinem Kopf geschlagen. Und zwar endgültig.

Mit einem Grinsen ging ich zur Vordertür und die beiden folgten mir. Als ich meine Tasche in den Kofferraum des SUV warf, streckte Mom den Arm aus und hielt uns den Autoschlüssel vor die Nase. „Wer will fahren?“

Ohne auf Ethans Antwort zu warten, schnappte ich mir den Schlüssel. Näher würde ich an ein eigenes Auto nie kommen. Ethan konnte sein eigenes fahren, aber ich fuhr Moms. Basta.

Im Radio lief leise Musik. Da meine Mutter im Auto saß, fuhr ich im Schneckentempo. Sie überwachte mit Adleraugen den Tacho und würde mich nie wieder hinters Steuer lassen, wenn sie wüsste, wie schnell dieses Auto ohne sie ging. Auf halber Strecke drehte sie sich im Beifahrersitz zur Seite und sagte: „Susan, Schätzchen, wie lange hast du heute Ausgang?“

Im Rückspiegel sah ich Susans überraschten Blick. Sie beugte sich vor und streckte den Kopf zwischen Mom und mir hindurch. „Ähm, normalerweise muss ich an Wochenenden um Mitternacht zu Hause sein.“

„Großartig!“, sagte Mom und drehte sich ganz zu Sue um. „Wir haben nämlich eine Tradition. Wenn die Sharks gewinnen, lade ich meine Jungs immer ins St. James Steakhouse in Oceano ein. Wenn das Team verliert, müssen mich die beiden zu Burger King in Arroyo Grande ausführen. Welches Restaurant es auch werden wird, du bist heute eingeladen.“

Lachend nahm Susan die Einladung zu einem weiteren Essen mit meiner Familie an, ehe sie mich anschaute. „Dann sollte ich dein Team heute wohl besser anfeuern, damit Ethan eine anständige Mahlzeit bekommt, und du auch, was?“ Ihre Stimme klang verspielt und fröhlich. Freundlich, obwohl sie mit mir sprach.

Ich warf ihr einen neckischen Blick zu. „Er und ich und … du.“ Das sollte mir tonnenweise Möglichkeiten bieten, sie später mal einen Moment allein zu erwischen und mich vorsichtig etwas näher an sie heranzuwagen. Oh, die kleine Sue würde heute Abend noch voll auf ihre Kosten kommen. Und zwar ganz nach Donovan-Art.

Eigentlich hatte ich erwartete, dass sie sich wieder zurücklehnen und in der stummen Gesellschaft meines Bruders schwelgen würde. Doch sie brachte mich völlig aus dem Konzept, als sie mich weiter ansah. Nach ein paar Sekunden grinste ich und fragte: „Was ist?“

„Du riechst gut.“ Es klang geradezu so, als hätte sie an diesem Abend nichts noch mehr überraschen können. Fairerweise musste ich zugeben, dass es tatsächlich das Letzte war, womit ich aus ihrem Mund gerechnet hätte. Trotzdem war es süß. Es brachte mich zum Lachen.

„Danke“, erwiderte ich charmant. Bei einem raschen Blick zur Seite bemerkte ich jedoch, dass sich ihre Wangen vor Schock knallrot gefärbt hatten. War wohl eher ein verrückter Versprecher gewesen, als ein durchdachtes Kompliment.

Mom und Ethan amüsierten sich ebenfalls darüber, während Sue sich in den Sitz zurückfallen ließ. Unsere Blicke verfingen sich einen Wimpernschlag lang im Rückspiegel. Was denn? Taute sie mir gegenüber etwa allmählich auf?

„Hey, wenn ich gewusst hätte, dass du Axe magst, hätte ich mich auch damit eingesprüht“, scherzte Ethan.

Ja ja, versuch nur dein Glück, Bruderherz. Aber der erste Punkt bei Sue geht an mich.

Susan war offensichtlich zu verlegen, um darauf zu antworten, und sah meinen Bruder nicht einmal an. Auch den Blick in den Rückspiegel vermied sie krampfhaft. Ich lächelte in mich hinein, bog rechts ab und kreiste auf der Suche nach einem Parkplatz über das Highschoolgelände.

Addison Hayes saß am Kassentisch beim Turnhalleneingang. Sie ließ meine Familie und meinen Gast durch, ohne uns die üblichen fünf Dollar und fünfzig Cent Eintritt pro Nase abzuknöpfen. „Danke“, sagte ich und klaute mir eine Handvoll Erdnüsse aus der Schüssel neben ihrem Kartenblock. Ich schob sie mir auf einmal in den Mund und ging den anderen voran durch den Korridor zu den Umkleideräumen.

Mom wünschte mir viel Glück und zerquetschte mich beinahe mit ihrer festen Umarmung. Als Nächstes klopfte mir Ethan auf die Schulter. „Ich will ein Steak, Bro.“

„Abgemacht“, sagte ich und wandte mich an Sue. Sie war an der Reihe, mir Glück zu wünschen – gerne auch mit einem Kuss, wenn sie wollte.

Aber das dritte kleine Schweinchen im Bunde zuckte nur mit den Schultern und grinste mir frech ins Gesicht. „Du hast uns alle dazu gezwungen, dir heute Abend zuzusehen, also sorgst du besser dafür, dass du in der Halle nicht ausrutschst.“

Nett … So viel zur Ermunterung. Die Bemerkung entlockte mir dennoch ein herzhaftes Lachen. Ich griff mir meine Tasche, schwang sie über die Schulter und ging in die Umkleide. Später, wenn mein Team erst einmal gewonnen hatte, blieb immer noch genug Zeit für Umarmungen und Küsse.

Und ich hatte vor, mir diese zu holen.

 

 

Kapitel 8

 

 

„BEREIT?“, BELLTE COACH Swanson und rückte sein Dunkin’ Sharks Cap zurecht.

„Bereit!“, bestätigten wir einstimmig.

Wie eingesperrte Tiger liefen wir in der Garderobe auf und ab und hörten dabei die Musik, die aus den Lautsprechern dröhnte, sowie das Stimmengewirr der Leute, die sich ihren Platz auf der Tribüne suchten. Die Uhr über der Tür zeigte sieben Minuten vor acht. Noch sieben Minuten, bis wir endlich beweisen konnten, dass wir das beste Highschoolteam an der Westküste waren. Als sich mein Blick mit dem von Tyler kreuzte, grinste er vor sichtlicher Aufregung. Ich wackelte zur Antwort mit den Augenbrauen.

Die Musik draußen verklang und eine Trompeten-Trommel-Fanfare setzte ein. Die Ankündigung unseres Einlaufens.

„Holt sie euch, Sharks!“, rief der Coach, als er die Tür für uns aufhielt.

Wie eine Herde galoppierender Pferde eroberten wir die Turnhalle, johlten und pfiffen mit den Fans, versenkten ein paar Bälle und klatschten einander ab. Das war unsere Halle. Unser Zuhause. Nichts würde uns heute stoppen.

Jedes Mal, wenn einer von uns einen Ball im Korb versenkte, verkündete der Sprecher der Grover Beach High mit nerviger nasaler Stimme die Nummer auf der Rückseite unserer Trikots und unseren Namen, damit das Publikum wusste, für wen sie jubelten. Tyler drehte eine Pirouette, als er an der Reihe war, und ich versetzte ihm dafür einen Stoß in die Rippen und lachte mit ihm, als ich ihm den Ball klaute.

Mein Auftritt. Ein kurzes Dribbling auf den Korb zu und dann der perfekte Wurf. Der Sprecher verkündete mit enthusiastischer Stimme: „Und hier, mit der Nummer einundzwanzig, haben wir Chris Donovaaaan …! Mit einer Trefferquote von unübertroffenen achtundsiebzig Komma drei Prozent!“

Der Jubel des Publikums explodierte in der Halle und sorgte für ein breites Lachen auf meinem Gesicht. Ach, was soll’s. Ich verbeugte mich noch zusätzlich, ehe ich zu meinen Freunden zurückjoggte.

Als wenige Minuten später eine andere Fanfare erklang, zogen wir uns an die Seitenlinie zurück und gönnten unseren Gegnern ihren Moment. Die Clearwater High hatte ihr Maskottchen mitgebracht, einen Löwen in ihrem blau-weißen Trikot. Das Publikum folgte seinem Anfeuern und schenkte der Mannschaft einen ähnlich jubelnden Empfang wie zuvor uns.

Jemand rempelte plötzlich mit der Schulter gegen mich. Als ich mich umdrehte, entdeckte ich William Davis, der ein spöttisches Grinsen aufgesetzt hatte. „Wer ist denn die weibliche Begleitung deines Bruders?“

Es war klar, in welche Richtung dieses Gespräch laufen würde. Ich atmete tief ein und warf einen schnellen Blick auf den mittleren Tribünenbereich, wo meine Familie immer saß. Ethan saß zwischen den beiden Frauen und steckte die Finger in den Mund, um aus voller Lunge zu pfeifen, als sich unsere Blicke trafen. Die drei waren gekommen, um mich siegen zu sehen. Das war alles, was heute Abend zählte.

„Das ist meine Mutter“, antwortete ich Will und imitierte dabei sein Grinsen. Er verdrehte die Augen, aber das war mir egal. Wir waren heute hier, um Basketball zu spielen und nicht um darüber zu diskutieren, wer oder wer nicht schwul war.

Als der Coach wenige Sekunden später in die Hände klatschte, versammelten wir uns alle um ihn. „Tyler, du machst den Sprungball am Anfang“, sagte er. War ja klar, dass der Teamcaptain diese Aufgabe bekam. So wie bei den letzten zwanzig Spielen auch. Fast hätte ich vor Enttäuschung geknurrt, aber ich hielt mich zurück.

„Jake, keine Fouls heute Abend.“ Der Coach sah ihn eindringlich an, fügte dann aber noch leise hinzu: „Es sei denn, es ist absolut unvermeidlich.“ Er räusperte sich und rückte sein Cap zurecht, während sein Blick weiter zu Will wanderte. „Teamgeist, Davis. Wir wissen alle, dass du ein ausgezeichneter Dunker bist, aber in Gottes Namen, gib den Ball auch mal ab.“

William nickte.

„Baker …“ Der Coach sah sich suchend um. Dabei zogen sich seine Brauen zusammen. „Wo zum Teufel steckt Baker?“

Wir ließen alle den Blick durch die Halle schweifen und entdeckten Brady lässig an die Absperrung gelehnt, wo er gerade mit einer niedlichen Rothaarigen plauderte.

„Hey, Alter“, rief ich zu ihm rüber. „Flirten kannst du auch später noch! Komm jetzt endlich. Wir haben ein Spiel zu gewinnen.“

Er sprintete zu uns herüber, fuhr sich breit grinsend durch die strubbeligen Haare und steckte sich das weiße Trikot in die grünen Shorts.

„Baker“, knirschte der Coach und sah ihn mürrisch an, aber dann schüttelte er nur den Kopf und seufzte. „Ach, was soll‘s, gebt einfach euer Bestes, Jungs, und macht mich stolz!“

Als wir aufs Feld stürmten, lief Coach Swanson ein paar Schritte neben mir her. „Reiß dich zusammen, Chris, und mach keine Show draus! Versuch einfach, das Spiel für uns zu gewinnen“, warnte er mich, ehe er zu seinem Platz hinter der Linie zurückging.

Mit einem siegessicheren Lächeln blickte ich über die Schulter und scherzte: „Als ob ich je eine Show abziehen würde!“

T-Rex lief zur Mittellinie und stellte sich einem der Blauhemden gegenüber. Der Schiedsrichter warf den Ball in die Luft und Tyler holte ihn sich mit einem spektakulären Sprung. Ich hatte nichts anderes von ihm erwartet.

Trevor holte die ersten beiden Punkte für uns. Dann Brady. Dann wieder Trevor und ich versenkte zwei Bälle hintereinander. Während der ganzen Zeit erzielten die Clearwater Löwen nur zwei Punkte. Wir waren in Bestform.

Als Brady mir den Ball zupasste, griff mich ein Löwe von der Seite an. Ich gab den Ball weiter an Will, ehe ich stolperte und über den Boden schlitterte. Meine Haut rieb über das Linoleum. Autsch! Vor Schmerz biss ich die Zähne zusammen. Kam dieser Gestank von verbranntem Fleisch? Ich rieb rasch über mein wundgeschürftes Knie, stand aber schnell wieder auf und war zurück im Spiel.

Die ersten beiden Viertel gingen schnell vorbei. In der Pause versammelten wir uns alle um den Wasserspender, um einen Schluck zu trinken. Trevor hatte sich den Knöchel verstaucht, was mir erst klar wurde, als der Coach ihn zu Beginn des dritten Viertels durch Peter Allister ersetzte. Auch das gegnerische Team tauschte ein paar Spieler aus.

Will versuchte, mir den Ball zuzupassen, aber plötzlich wurde ich von einem Riesen in der Größe des Mount Everest geblockt, der den Basketball mühelos aus der Luft fischte. Er war nicht so schnell wie der Kerl, der mich zuvor gedeckt hatte, aber seine Größe glich diesen Nachteil perfekt aus. Brady und Will wurden von ähnlichen Riesen geblockt. Diese Mistkerle waren überall. Innerhalb von wenigen Minuten schrumpfte unser Vorsprung auf null Komma gar nix zusammen.

Verdammt, ich hatte den Ball im ganzen Viertel nicht einmal berührt.

Mit zusammengebissenen Zähnen jagte ich im letzten Viertel noch härter dem Ball hinterher und entwickelte schnell eine neue Strategie. Ein Sprung, Antäuschen eines Wurfs zur Ablenkung, doch stattdessen behielt ich den Ball und passte ihn mit niedrigem Wurf zur Seite zu einem meiner Teamkumpels. Auf diese Weise konnten Brady und ich jeweils zwei weitere Bälle im Korb versenken.

Meine Nerven waren wie Drahtseile gespannt, als ich die Digitalanzeige checkte, die die Zeit bis zum Ende herunterzählte. Noch dreizehn Sekunden und wir lagen zwei Punkte vorn. Erschöpft wünschte ich mir, dass die dämliche Uhr schneller runterzählen würde. Wir konnten gewinnen, wenn nur—

In diesem Moment verlor Tyler den Ball an die Clearwater High.

Einer der Löwen bahnte sich den Weg über das Spielfeld und wich jedem weißen Trikot mit Leichtigkeit aus. Er warf den Ball und machte die Punkte … direkt vor dem Abpfiff.

„Neeeein!“, stöhnte ich, den Blick zur Decke gerichtet, und rieb mir mit den Händen über das schweißnasse Gesicht. „Das kann doch nicht wahr sein!“ Doch hätte es mir der Jubel der gegnerischen Fans nicht schon verraten, hätte es eben mein verstohlener Blick durch meine Finger auf die Anzeigetafel getan. Der Ball war ohne Berührung durch den Korb geflutscht und brachte den Löwen zwei weitere Punkte ein.

Somit stand es Unentschieden und der Schiedsrichter verkündete fünf Minuten Nachspielzeit. Im Moment wäre ich für einen Schluck Wasser gestorben.

Unter Aufbietung all meiner Kräfte griff ich wie ein echter Hai mit dem Rest meiner Mannschaft erneut an. Wir versenkten den Ball. Sie versenkten den Ball. Zwei Mal. Die fünf Minuten waren fast vorbei. „Chris!“, rief mir Brady zu, als er an mir vorbeidribbelte. „Hoch – tief!“

Ich nickte. Er würde unter dem Korb einen Wurf zu Tyler antäuschen, aber dann zu mir werfen. Ich war so was von bereit, den Ball zu versenken und uns weitere fünf Minuten zu holen, um das Spiel zu gewinnen.

Brady sprang, täuschte an, warf und ich fing den Ball auf, als er zwischen Mount Everests Füßen auf mich zusprang. Es blieb keine Zeit für einen weiteren Blick auf die Anzeige, aber in der Vergangenheit hatte ich gelernt, die Aufregung des Publikums in der Halle zu lesen. Die Anspannung war förmlich spürbar. Es mussten weniger als zehn Sekunden übrig sein.

Wie eine entgleiste Lokomotive bahnte ich mir den Weg über das Feld und dribbelte den Ball seitlich neben mir her. Der knallrote Ring des gegnerischen Korbes bettelte mich förmlich an, den Ball in seinen Schlund zu stopfen. Mit einem Sprung, der mich auf Augenhöhe mit den Clearwater-Riesen brachte, warf ich den Basketball.

Ich hatte gut gezielt, das wusste ich. Aber ich bekam nicht zu sehen, ob der Ball durch den Ring ging oder nicht, denn in diesem Moment explodierte ein Schmerz zwischen meinen Schulterblättern, der mir die Luft abschnürte. Ich stürzte nach vorn und landete stöhnend auf den Knien.

Orientierungslos hob ich den Kopf und sah mich um. Wo war der Korb? Der Ball? War er versenkt? Komm schon, Sprecher mit der nervigen Stimme. Sag mir, dass wir die Punkte geholt haben!

„Was für ein fantastischer Wurf, Ladys und Gentlemen!“, rief endlich die Stimme, die ich so dringend hören wollte. „Zweiundzwanzig zu zweiundzwanzig. Chris Donovan hat sein Team mit einem sensationellen Korb gerettet.“

Puh. Das war knapp. Der Punktestand des heutigen Abends war zwar grotesk niedrig, aber zumindest war er fürs Erste ausgeglichen. Na schön. Und wo war jetzt der Ball? Ich hatte einen Freiwurf verdient. Mein schmerzender Rücken bestätigte das.

Ich lief zur Freiwurflinie und der Schiedsrichter übergab mir den Basketball. Mit seiner silbernen Trillerpfeife im Mund nickte er mir zu und trat anschließend einen Schritt zurück. Den Ball fest in den Händen nahm ich den Korb ins Visier. Schweiß tropfte von meiner Stirn. Zweimal ließ ich den Ball aufspringen und das Geräusch hallte in der Stille der Turnhalle wider. Schwer stieß ich den Atem aus, wischte mir mit dem Arm über die Augen und schnappte mir den Ball erneut. Wäre doch gelacht! Ich hatte noch nie einen Freiwurf vermasselt und ganz bestimmt wollte ich heut nicht damit anfangen. Mit einem leichten Sprung warf ich den Ball in elegantem Bogen durch die Luft. Er schlüpfte mühelos durch den Ring, begleitet von einem bombastischen Jubeln der Menge.

Geschafft.

Sieg!

Die Grover Beach Dunkin‘ Sharks waren Saisonmeister.

Ich warf die Fäuste in die Luft und stieß breit grinsend einen erleichterten Atemzug aus. Im nächsten Moment war ich von meinen Kumpels umringt. Sie klopften mir auf die Schultern und T-Rex zerquetschte mich fast in seinen Armen, dann sprangen auch die anderen Jungs auf uns drauf. Wenige Minuten später gratulierte uns der Coach mit stolzem Strahlen. Wir schlugen alle die Hände in der Luft zusammen und hüpften herum wie Hundewelpen. Das war unser Abend. Unser Sieg! Und ich war so was von bereit für ein Steak.

An der Seitenlinie warteten Mom, Ethan und Sue bereits auf mich. In ihren Mienen spiegelten sich mindestens fünfundachtzig Prozent meiner eigenen Freude wider. Im Adrenalinrausch stürmte ich zu ihnen hinüber und schlang meine Arme um meine Mutter ohne Rücksicht auf ihr Outfit oder ihre perfekte Frisur.

Sie lachte und drückte mich ebenfalls. „Oh, Schätzchen, ich bin so unglaublich stolz auf dich! Du hast wundervoll gespielt!“, quietsche sie mir ins Ohr.

„Danke, Mom.“ Lächelnd ließ ich sie los und legte einen Arm über Ethans Schultern. Als ich Sue mit dem anderen einfangen wollte, duckte sie sich schnell weg und machte einen argwöhnischen Schritt nach hinten. Gleichzeitig wehrte sie mich mit ausgestreckten Armen ab.

„Oh nein!“, warnte sie. Aber dann grinste sie doch auch ein wenig und gab mit einem Kopfnicken zur Spielfläche hinter mir zu: „Das war ziemlich cool.“

Ich ergriff die Chance, beugte mich zur ihr und schlug mit leiser Stimme vor: „Wie wär’s mit einem Kuss für das Siegerteam?“

„Ja, klar“, antwortete sie lachend. „Eher küsse ich diesen ausgestopften Verliererlöwen da drüben, danke.“

„Du hast also eine Schwäche für Wildkatzen? Warum zum Teufel hängst du dann mit Ethan rum?“, stichelte ich leise und grinste dabei.

Verspielt rempelte Sue mich an. Jap, sie hatte meinen Wink verstanden. Ich zwinkerte ihr zu und lief zu meinen Freunden zurück, um noch rasch ein wenig mit ihnen zu feiern, bevor ich mich für das anschließende Essen mit meiner Familie bereit machen musste. „Fünfzehn Minuten!“, rief ich meiner Mutter über die Schulter zu.

 

*

 

Ich rubbelte mir die Haare trocken, warf das Handtuch auf die Bank und schlüpfte in meine Jeans. Die Dusche hatte eine wunderbar belebende Wirkung gehabt, aber jetzt rebellierte mein Magen mit einem Knurren und ich konnte an nichts anderes mehr denken, als ein Steak so dick wie ein Telefonbuch.

„Tolles Spiel, Jungs! Bis Montag“, rief Trevor, ehe er den Umkleideraum verließ, in dem zwanzig Minuten nach unserem ruhmreichen Sieg immer noch der Duft von männlicher Euphorie hing.

„Geht’s für dich heute ins St. James?“, fragte Tyler und setzte sich neben mich auf die Bank, als ich mir die Schnürsenkel band.

„Jap. Mom bezahlt. Das ist Tradition.“ Ich grinste ihn von der Seite an und band meinen zweiten Schuh. „Feierst du mit Becks?“

„Mit Becky und Lauren. Die Mädels wollen ins Einkaufszentrum.“ Er zog den Reißverschluss seines Rucksacks zu und schloss seinen Spind über der Bank. „Ich glaube, Lauren hofft, dass du auch kommst. Erst hat sie zwar tierisch geschnaubt, als ich deinen Namen erwähnt hab, aber dann hat sie doch irgendwann gefragt, was du nach dem Spiel machst.“

„Ach, hat sie das?“ Ich kratzte mir den Nacken. „Verdammt, ich hab sie vorhin in der Menge gar nicht gesehen.“ Nicht, dass ich gezielt nach ihr Ausschau gehalten hätte. Was ich jedoch verdammt noch mal hätte tun sollen. Es bedeutete mir eine Menge, dass sie doch noch zum Spiel gekommen war.

Oder hätte mir viel bedeuten sollen

„Was geht da zwischen dir und der Kleinen überhaupt ab?“, fragte T-Rex.

„Nichts. Sie ist nur eine Freundin. Das weißt du.“

„Ja schon. Aber ich hätte meine Kiste darauf verwettet, dass du irgendwann doch noch einknickst und wir schon bald ein Quartett sein würden. Tja, sieht nicht so aus, als stünde das noch in den Karten.“

Ich stieß einen Seufzer aus, stand auf und zog mir mein schwarzes Sweatshirt über. Dann zuckte ich mit den Schultern. „Dazu kommt’s garantiert nicht, keine Chance.“

Tyler schulterte seinen Rucksack und kniff kurz die Lippen zusammen. „Darüber wird jemand wohl sehr enttäuscht sein.“

„Lauren? Sie weiß, dass ich kein Interesse an einer Beziehung habe.“ Das stand von Anfang an nicht zur Debatte. „Für sie ist das okay.“

T-Rex verdrehte die Augen zur Decke. „Ja, genau.“

Während ich meine Sachen in die Sporttasche stopfte, brummte ich: „Was?“

Ehe er antwortete, stieß er einen langen Atemzug aus. „Mann, entweder bist du blind oder einfach nur dämlich.“

Ich hob nur meine Augenbrauen und wartete auf eine ausführlichere Erklärung.

„Das Mädel ist heiß – mit einem großen H“, stellte er fest. „Und sie steht total auf dich. Ist dir noch nie der Gedanke gekommen, dass sie vielleicht nur darauf wartet, dass du endlich den nächsten Schritt machst?“

Nö, eigentlich nicht.

„Also jetzt mal ehrlich, ihr zwei hängt wie oft miteinander rum? Drei, vier Tage die Woche? Da kannst du es auch genauso gut offiziell machen, Mann.“

„Selbst, wenn ich das wollte“, – was absolut nicht der Fall war –, „kann ich das nicht. Ich habe eine Challenge laufen, schon vergessen?“ Ich kniff die Augen zusammen, holte meine Uhr aus dem Spind und schnallte sie ums Handgelenk. „So was macht man nicht mit einer klammernden Freundin am Hals.“

„Ah, dann geht es also immer noch um das Mädchen deines Bruders? Sue. So heißt die Kleine doch, oder?“

Hinter uns stieß plötzlich Will ein höhnisches Lachen aus. „Also stimmt es wirklich? Ethan hat jetzt eine Freundin?“ Er kam um mich herum und lehnte sich gegen den Spind neben meinem, die Arme vor der bulligen Brust verschränkt. „Wie hast du das denn auf die Reihe gekriegt? Hast du ihm im Sommer eine Gehirnwäsche verpasst?“

„Verschwinde, Will“, knurrte ich und wandte mich ab, um meine Tasche zu schließen.

„Warum?“ Sein Lachen erstarb. „Wenn du mich fragst, benutzt er das Mädchen nur als Ablenkung.“

„Ich frag dich aber nicht“, zischte ich. Herrgott, warum musste er mir ausgerechnet heute damit kommen? Ich hatte die Nase gestrichen voll von diesem Scheiß.

Wie erwartet, ignorierte er meinen Einwand und versprühte weiter sein Gift. „Jemand sollte ihr mal verklickern, dass sie nicht der Typ ist, nach dem Ethan sucht. Vielleicht, wenn sie sich Haare auf der Brust wachsen lässt—“

„Weißt du was?“, bellte ich und knallte die Spindtür zu, was ihn abrupt zum Schweigen brachte. „Ich frage mich …“ Oh, das kam langsam raus und vielleicht wäre es klüger gewesen, noch einmal nachzudenken, bevor ich das aussprach, was mir gerade auf der Zunge lag. Aber als ich mich zu Will drehte und sich unsere tödlichen Blicke ineinander verhakten, gab es kein Zurück mehr. Durch zusammengebissene Zähne sagte ich langsam: „Die ganze Turnhalle war heute voller scharfer Mädels, die nur darauf gewartet haben, nach dem Spiel von einem von uns abgeschleppt zu werden. Doch der einzige Mensch, den du abgecheckt hast, war mein Bruder.“ Ich hob beide Augenbrauen auf unmissverständliche Weise. „Wie kommt’s?“

Erst wurde Will Davis bleich und dann feuerrot vor Wut. In seiner rechten Schläfe pulsierte wild eine Ader, die andeutete, dass er gerade auf hundertachtzig war, doch offenbar hatte es ihm total die Sprache verschlagen.

Endlich schwieg der Idiot. Aber meine Stimmung war trotzdem im Eimer. Ich ignorierte T-Rex und die anderen Zuschauer, schnappte mir meine Sporttasche und stapfte zur Tür.

„Ich checke ganz bestimmt keine verdammte Schwuchtel ab“, spuckte Will hinter mir aus.

Und das war’s. Die Tasche rutschte mir aus der Hand und landete mit dumpfem Klatschen auf dem Boden. In der Umkleide war es plötzlich viel zu still. Ich wirbelte kochend vor Wut herum und rammte ihm die Faust direkt in die Fresse.

Er stolperte zurück gegen die Spinde hinter ihm. Der Rest des Teams stand wie angewurzelt da und beobachtete in gelähmtem Schweigen, wie er Blut ausspuckte. Sein Gesicht war zu einer wütenden Grimasse verzerrt, als er Sekunden später auf mich zustürmte.

Die Fäuste flogen, seine und meine. Ich nahm den Schmerz kaum wahr. Bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte er mich gepackt und wir beide stürzten über die niedrige Bank in der Mitte des Raumes zu Boden. Jemand zog heftig an meinem Kragen. Will konnte es nicht sein, denn das Arschloch lag unter mir und lief langsam blau an, während mein Arm auf seine Kehle drückte.

„Chris, lass ihn los!“, explodierte Tylers Stimme in meinem Ohr zwischen anderen Rufen. „Du bringst ihn noch um.“

Das würde ich in der Tat, denn heute hatte Will Davis meinen Bruder zum letzten Mal beleidigt.

Weitere Hände packten mich, zogen mich von ihm runter und verdrehten mir die Arme auf dem Rücken.

„Hör auf, Mann“, rief Brady. „Ich denke, er hat’s begriffen.“

Einen Scheiß hatte er. Aber drei Jungs hielten mich zurück und zwei weitere stellten sich schützend vor Will, der röchelnd auf dem Boden lag. Der Kampf war vorbei. Meine Muskeln vor Wut immer noch straff wie Drahtseile riss ich mich von meinen Freunden los.

Blut tropfte aus meiner Nase und floss über meine Lippen. Mit dem Handrücken wischte ich es mir weg und stiefelte zu den Waschbecken im Duschraum. Ein Blick in den Spiegel verriet mir, dass ich in Schwierigkeiten steckte. Mein rechtes Auge schimmerte bereits in sämtlichen Farben des Prügelspektrums und es bestand nicht die geringste Chance, dass ich das vor meiner Mutter verstecken konnte. Sie bekam mit Sicherheit einen Anfall.

Ich wusch mir das Gesicht mit kaltem Wasser, um wenigstens die trocknenden Blutspuren loszuwerden. Den Rest zog ich durch die Nase hoch und schob mir einen kleinen, zusammengeknüllten Fetzen eines Papiertuchs in mein linkes Nasenloch, das immer noch blutete.

„Geht’s dir jetzt besser?“, fragte T-Rex hinter mir.

Mit angespanntem Kiefer suchte ich seinen Blick im Spiegel. „Und ob.“

Er verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich an den Türrahmen. „Dir ist schon klar, dass du die Sache vor dem nächsten Training auf jeden Fall mit Will bereinigen wirst.“

„Und dir ist doch klar, dass du mich mal kannst, oder?“ Ich drehte mich um und sah ihm direkt in die Augen, grinste zynisch und ging ohne ein weiteres Wort an ihm vorbei.

„Vor dem nächsten Training, Chris …“, tönte seine nervige Singsangstimme hinter mir her. Ja, das konnte er sich aufzeichnen.

„Wir werden sehen“, knurrte ich. Das nächste Basketballtraining war am Montag. Das gab mir achtundvierzig Stunden, in denen ich definitiv nicht an den Vollkoffer Will Davis denken würde, der übrigens immer noch zusammengesackt und keuchend auf einer Bank saß, um sich von einer kurzzeitigen Atemnot zu erholen.

Ich schnappte mir meine Sporttasche, zog die Kapuze über den Kopf und verließ den Umkleideraum. Es war an der Zeit, dem Momster gegenüberzutreten.

Kapitel 9

 

 

ICH ZOG DIE Tür auf, trat in den Korridor hinaus und blieb wie angewurzelt stehen, als ich beinahe in meinen Bruder gekracht wäre. Er warf einen Blick in mein Gesicht und als Nächstes hallte sein scharfer Atemzug im Korridor wider. Echt, so übel? Offenbar war er auf dem Weg in die Umkleide gewesen, wohl um mich zu suchen. Mom und Sue saßen ein Stück weiter weg auf den Kunststoffstühlen an der Wand. Zum Glück blockierte Ethan ihnen die Sicht auf mich.

Er öffnete den Mund, aber ich gab ihm keine Chance, etwas zu sagen. „Gehen wir“, murmelte ich. Den Kopf gesenkt, das Gesicht tief in der Kapuze verborgen, damit Mom meine geschwollene Lippe und das Veilchen nicht gleich sah, marschierte ich auf den Ausgang zu.

Ihre klackenden Stöckelabsätze folgten mir viel zu schnell. „Chris, warte!“, rief sie und packte mich am Ärmel, damit sie mich zu sich drehen konnte. „Was ist denn …“ Die Farbe lief ihr vor Entsetzen aus dem Gesicht und der Mund stand ihr weit offen.

Eigentlich war ich ja darauf vorbereitet, dass sie auf der Stelle explodierte und damit die ganze Turnhalle zum Erbeben brachte. Was mich jedoch noch mehr als ihr schockiertes Schweigen aus der Fassung brachte, war der kurze Schmerz an meiner Stirn, als plötzlich jemand mit einem Taschentuch über die Wunde dort tupfte. Ich kniff die Augen zusammen und mir entfuhr ein leises Zischen. Dann nagelte ich Susan mit einem vorwurfsvollen Blick fest. Was zum Teufel machte sie da?

Überrascht von meiner Reaktion, zuckte sie zurück, wobei ihre Hand schwebend vor meiner Stirn verharrte. „Tut mir leid, war ein Reflex“, murmelte sie.

Herrgott noch mal, ich brauchte im Moment ganz bestimmt keine Krankenschwester, die mich bemitleidete. Obwohl ihre Fürsorge ja irgendwie auch ganz niedlich war. Ich schloss meine Finger um ihr Handgelenk und schob ihre Hand langsam nach unten, die Augen immer noch forschend auf ihr Gesicht gerichtet, denn ich wollte die Sorge darin nur zu gern verstehen. War es vielleicht möglich, dass ich ihr trotz all ihrer Sticheleien doch nicht völlig egal war? Bei dem Gedanken breitete sich ein eigenartig warmes Gefühl in meiner Magengrube aus.

„Ich kann nicht mit ansehen, wenn jemand verletzt ist“, erklärte sie mit leiser Stimme als Entschuldigung.

„Mir geht’s gut“, antwortete ich kühl. Sie musste ja nicht wissen, wie sehr mich ihre Sorge gerade berührte.

Ihre Hand mit dem blutbefleckten Taschentuch rutschte aus meiner, als sie den Arm sinken ließ. Im selben Augenblick baute sich plötzlich Ethan neben ihr auf, als ob er sie vor mir beschützen müsste, und starrte mich mit eisenharter Miene an. Was sollte das denn jetzt?

„Was um alles in der Welt ist passiert?“, rief meine Mutter schließlich mit schriller Stimme und unterbrach den stillen Moment zwischen Sue, Ethan und mir. Sie griff nach meinem Kinn und zwang mich, sie anzusehen.

Ich seufzte tief auf und drehte mich weg. „Lass gut sein, Mom. Es ist nichts.“ Ich war ein Mann, und manchmal kam es zwischen Männern eben zu Prügeleien. Keine große Sache. „Können wir jetzt los? Ich hab Hunger.“

„Nein, wir können ganz bestimmt nicht los“, fauchte sie. „Schau dich doch mal an! Wer hat das getan?“

Zum Glück waren wir im Moment die Einzigen im Korridor. Ich hatte jedoch nicht die Absicht, herumzustehen, bis meine Teamkameraden aus der Umkleide kamen und dieses traurige Donovan-Familiendrama aus der ersten Reihe aus mitverfolgen konnten. Ohne meiner Mutter zu antworten, schob ich die Doppelglastür auf und marschierte hinaus. Hier und da flackerte eine Straßenlaterne auf den sonst dunklen Parkplatz und wies mir den Weg zu Moms Auto.

Ich holte die Schlüssel aus der Hosentasche, entriegelte die Türen und warf meine Sporttasche in den Kofferraum. Allerdings bekam ich keine Chance mehr, die Fahrertür zu öffnen, ganz zu schweigen davon, einzusteigen. Mom riss mir den Schlüssel aus der Hand und blaffte mich an: „Wo willst du hin?“

Was für eine blöde Frage? „Nach Oceano“, brummte ich. „So wie ausgemacht.“ Immerhin hatte ich das Spiel gewonnen und sie schuldete mir ein Steak.

„Aber bestimmt nicht mit diesem Veilchen.“ Wütend verschränkte sie die Arme vor der Brust und zog dabei die Strickjacke über ihrem Kleid zusammen. „Und wir gehen hier nicht eher weg, bis du mir gesagt hast, was passiert ist.“

Will hat Ethan eine verdammte Schwuchtel genannt. Ich hab versucht, ihn umzubringen. „Irgendjemand musste Will Davis endlich mal das Maul stopfen, das ist passiert.“

Diese Information schien ihr jedoch irgendwie gar nicht so recht zu gefallen. „Was? Du hast angefangen?“, flüsterte sie, und klang dabei plötzlich viel mehr als nur wütend. Sie war von mir enttäuscht.

„Ich habe nicht angefangen, nein“, verteidigte ich mich. „Er ist mir auf die Nerven gegangen und deswegen habe ich ihm eine verpasst.“ Ich warf Ethan, der uns in der Zwischenzeit mit Susan gefolgt war, einen raschen Blick zu. Wenn jemand Schuld an dieser Prügelei trug, dann ja wohl er. Ständig spielte er Verstecken mit uns. Ließ uns im Dunkeln, sodass wir Rätselraten mussten. Und jetzt hatte er auch noch ein Mädchen mit nach Hause gebracht. Wozu? Um Mom zu täuschen? Unsere Freunde? Die ganze Stadt? Vielleicht hatte Will ja recht. Sue war nicht seine Freundin, egal, wie viel Mühe Ethan sich gab, so zu tun, als ob. Und am Ende würde sie diejenige sein, die verletzt wurde.

Meine Mutter sollte mich in Ruhe lassen und lieber Ethan den Kopf waschen.

Andererseits, was würde das bringen? Wenn mein Bruder tatsächlich so fühlte, wie ich glaubte, würde es immer Vollidioten wie Will geben, die ihm das Leben zur Hölle machten. Er sollte nicht für etwas leiden müssen, dass er nicht ändern konnte.

Wieder schwappte eine Welle von Wut über mich hinweg und ich schnappte mir die Autoschlüssel von Mom, zog mir das Stück Papiertuch aus der Nase und warf es an den Straßenrand. „Will hat’s verdient, also können wir das Thema jetzt bitte beenden und essen gehen?“ Für mich war die Diskussion vorbei.

Für Mom offensichtlich nicht. „Was denkst du denn, welches Restaurant dich mit so einem blutig geschlagenen Gesicht reinlassen wird? Ganz bestimmt nicht das St. James Steakhouse!“, keifte sie. „Und was soll Susan jetzt von dir denken? Wir haben ihr versprochen, sie einzuladen, um euren Sieg zu feiern.“

War ja klar, dass meine trommelnden Kopfschmerzen und eine Moralpredigt von ihr noch nicht Strafe genug waren. Jetzt musste sie mir auch noch ein schlechtes Gewissen machen. Mom stach mir den Finger in die Brust und deutete dann auf Sue. „Du wirst dich augenblicklich bei der Freundin deines Bruders entschuldigen, weil du uns den Abend ruiniert hast. Und sie hat sich sogar noch um dich gekümmert.“

Langsam ließ ich den Blick zu Susan schweifen. Vielmehr als die ruinierte Siegesfeier tat es mir leid, dass sie gerade mitten in einen Streit mit meiner Familie hineingezogen wurde. Das hatte sie nicht verdient. Ethan hätte sie auf einen Spaziergang mitnehmen sollen, als der Streit losging. Stattdessen stand der Dödel einfach nur dumm da und sah zu, wie sich die Tragödie weiter entfaltete.

Damit sich Sue nicht gleich noch unwohler fühlte, als sie es nach dem sichtlichen Entsetzen in ihren Augen ohnehin schon tat, gab ich klein bei. Später, wenn wir allein waren, war noch genug Zeit, um die Sache mit meiner Mutter auszudiskutieren. Für den Moment holte ich erst einmal tief Luft und sagte: „Es tut mir leid.“

Das hatte sie von mir wohl definitiv nicht erwartet, denn sie biss sich nervös auf die Unterlippe. Dann rückte sie näher an meinen Bruder heran, wieder mal so, als müsse man sie vor mir beschützen. Was zum Teufel war denn nur los mit den beiden? Mit knirschenden Zähnen und schmalen Augen richtete ich meinen Blick auf Ethan. Er und ich hatten heute Abend noch ein paar Dinge zu besprechen, ob es ihm nun gefiel oder nicht.

Als hätte man sie aus einer Trance gerissen, machte Sue plötzlich einen Satz nach vorn und legte die Hand auf den Arm meiner Mutter. „Wirklich, es besteht überhaupt kein Grund, sich bei mir zu entschuldigen. Ich steh sowieso nicht so besonders auf schicke Restaurants. Wir können einfach fahren und … und … Sie können mich bei mir zu Hause absetzen. Das ist schon okay.“

Ihr Unbehagen war fast schon mitleiderregend. Offenbar wünschte sie sich ebenso sehr wie ich, dass dieser Abend endlich zu Ende ging.

Überraschenderweise war es Ethan, der uns im nächsten Moment aus der Verlegenheit rettete. „Blödsinn“, sagte er in fröhlichem Ton zu Sue und verdrehte die Augen. „Natürlich kommst du mit uns. Wir gehen aus und holen uns ein Siegermahl.“ Dann schlug er mir auf die Schulter, wie er es schon so oft in brüderlich-innigen Momenten getan hat. „Bei Burger King interessiert sich niemand für deine hässliche Fresse.“

War das jetzt echt sein Ernst? Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Danke gleichfalls, Bro.“

Das Nächste, was ich spürte, war Moms Hand auf meiner Wange. Behutsam drehte sie meinen Kopf zu sich und seufzte. „Es tut mir leid. Ich hätte dich nicht anschreien sollen.“ Ihre Finger zitterten leicht. Anscheinend hatte sie die ganze Sache mehr erschreckt, als ich angenommen hatte.

Ich nickte ihr bloß zu, weil ich noch nicht bereit war, dieses Gespräch fortzusetzen, und stieg ins Auto. Schweigend folgten auch die anderen. Ich dreht gerade den Schlüssel im Zündschloss und meine Mutter war noch mit Anschnallen beschäftigt, als sie so ganz nebenbei bemerkte: „Ach übrigens, die nächsten beiden Wochen hast du Hausarrest, Freundchen.“

Meine Kinnlade klappte nach unten. Hatte sie denn immer noch nicht begriffen, dass diese ganze Sache nicht meine Schuld war?

Andererseits hatte ich heute Abend eine Prügelei angefangen. Eine, die mir eine blutige Nase eingebracht hatte, wenn sie nicht sogar gebrochen war. Und mein rechtes Auge glänzte vermutlich auch schon hübsch lila. Die Bestrafung hätte also auch viel schlimmer ausfallen können.

 

*

 

Auf der Fahrt nach Arroyo Grande sprach niemand im Wagen. Die Luft hier drinnen war vor Bedauern und Verlegenheit so dick, dass man sie fast hätte durchschneiden müssen, um überhaupt aus dem Fenster sehen zu können. Ich selbst verspürte allerdings nur ein schmerzhaftes Pochen in der rechten Gesichtshälfte. Zudem brannte meine Zunge, weil ich mir gerade draufbiss, um Sue nicht zu fragen, was zum Teufel heute Abend eigentlich mit ihr los war.

Sie war zu meinem Spiel gekommen, statt mit meinem Bruder auszugehen. Hatte mir gesagt, dass ich gut roch. Hatte sich um meine Verletzung gekümmert und mich auch noch vor meiner Mutter verteidigt.

Susan konnte mich nicht ausstehen. Zumindest hatte ich das aus ihren ständigen Sticheleien in den vergangen Tagen herausgelesen. Hatte ich mich etwa getäuscht? Vielleicht gab’s an ihr ja tatsächlich auch eine sanfte Seite. Wie in dem Moment, als sie sich von mir mit dem Kiwistück füttern ließ. Aber was genau tat ich denn in solchen Momenten, um diese weitaus charmantere Seite an ihr zum Vorschein zu bringen? Eine Seite, die viel besser zu ihren Gummibärchenaugen und dem frechen Pferdeschwanz passte, als ihre sonst so scharfe Zunge. Eine Seite, die mich schlichtweg faszinierte.

Als ich an einer roten Ampel hielt, sah ich rasch in den Rückspiegel. Sue hatte darin die Augen auf mich gerichtet und sofort verfingen sich unsere Blicke. Leider musste ich mich kurz darauf wieder auf die Straße konzentrieren, doch ein kleines Lächeln blieb dabei an meinen Lippen hängen, denn nun wusste ich zumindest, dass sie mich beobachtete.

Aber warum eigentlich, wo doch Ethan neben ihr saß? Sie sollte sich lieber mit ihm unterhalten. Ihn endlich zur Rede stellen, warum er keine Freundin wollte. Aber das tat sie nicht. Jedes verdammte Mal, wenn ich in den Rückspiegel sah, fand ich ihren schüchternen Blick auf mich geheftet.

Ich kannte dieses Mädchen jetzt seit genau fünf Tagen und sie verwirrte mich mehr als irgendjemand sonst auf dieser Welt. Scheiß auf die Wette! Ich wünschte mir allmählich, sie einfach nur besser kennenzulernen, um zu verstehen, was gerade in ihrem Kopf vorging. Da steckte doch eindeutig mehr hinter ihrer kratzbürstigen Schale. Ich wollte wissen, wie es ist, gemeinsam mit ihr zu lachen, so wie Ethan es dauernd tat.

Ein neuer Song fing im Radio an – ein Duett von Charlie Puth und Meghan Trainor. Irgendwie war ich mir sicher, dass mich dieses Lied für den Rest meines Lebens an den blutigen Kupfergeschmack auf meiner Zunge erinnern würde … und an die verstohlenen Blicke, die mir Sue heute Abend im Rückspiegel zuwarf.

Der Parkplatz vorm Burger King war relativ leer und wir hatten freie Auswahl. Außer ein paar einsamen Gästen war auch im Restaurant selbst nicht viel los. Offenbar hatten wir einen guten Zeitpunkt fürs Essen gewählt.

Während ich mit Mom zur Theke ging, wollte Ethan für uns einen der Tische im hinteren Teil sichern. Auf halbem Weg merkte er aber, dass Sue ihm nicht folgte. Unschlüssig stand sie zwischen ihm und uns. Vermutlich war sie zu schüchtern, uns für sie mitbestellen zu lassen.

„Komm schon“, forderte Ethan sie auf und nickte mit dem Kopf zu seinem auserwählten Tisch.

Nach einem letzten unsicheren Blick in meine Richtung wollte sie gerade zaghaft losgehen, doch ich griff nach ihrer Hand und drehte sie noch einmal zu mir um. Überrascht sah sie mich an, wohingegen ich mir alle Zeit der Welt nahm, um sie in Ruhe zu betrachten. „Was willst du?“, fragte ich dann mit leiser Stimme, jedoch viel nachdrücklicher, als ich es vielleicht hätte tun sollen, wenn man davon ausging, dass sie doch Ethans, naja, Freundin war. Irgendwie. Fiel ihr überhaupt auf, dass ich immer noch ihre Hand festhielt und mit dem Daumen ganz zärtlich über ihre Haut strich? Denn ich hatte jedenfalls große Mühe, nicht zu bemerken, wie samtig weich sie sich anfühlte. Samtig … und kalt.

Susan schluckte schwer. Zwei oder drei Sekunden verstrichen, die mir wie Minuten vorkamen, und sie schuldete mir immer noch eine Antwort.

Ethan und Mom nahmen wohl an, dass sie sich gerade nicht zwischen einem Chicken- oder Cheeseburger entscheiden konnte. Vielleicht hatte sich meine Frage ja auch wirklich darauf bezogen. Oder auch nicht.

Sie drehte sich kurz in Ethans Richtung, dann räusperte sie sich und wandte sich mit einem kleinen Lächeln wieder mir zu. „Ich steh auf süßsauer.“

O-kay. Na dann mach dir da mal einen Reim drauf, Donovan.

Mit einem Schmunzeln ließ ich sie gehen, und erst, als sie schon hinten bei Ethan war, wurde mir bewusst, dass ich sie zuerst losgelassen hatte.

Kopfschüttelnd grinste ich in mich hinein, während ich zu Mom ging, und bestellte dann eine Ladung Cheeseburger – einen davon mit extra süßsaurer Soße – und Pommes für uns alle.

Sue und Ethan unterhielten sich gerade leise am Tisch, als wir zu ihnen stießen. Als sie uns bemerkten, verstummten sie jedoch sofort. Ich pflanzte mich neben Susan auf die Bank und verteilte das Essen. Drei Burger blieben dabei auf meinem Tablett. Ich inhalierte sie, während ich mich mit meinem Bruder über das Spiel unterhielt. Mom gefiel es zwar nicht, dass ich mit vollem Mund sprach, das konnte ich an ihrem missbilligendem Blick erkennen, aber sie hatte ja auch noch nie selbst ein knallhartes Basketballmatch gespielt. Sie wusste nicht, wie anstrengend das sein konnte. Ich hatte Hunger. Da blieb keine Zeit für gute Manieren. Mir kam es vor, als hätte mir jemand eine Kanüle in die Ader gerammt und mir damit in den vergangenen zwei Stunden sämtliche Energie abgesaugt. Ich musste meine Batterien wieder aufladen.

Da meine Fritten alle waren, ehe ich meinen letzten Burger verschlungen hatte, klaute ich mir eine von Sue. Und noch eine. Und noch eine.

Sie strafte mich dafür nicht einmal mit einem finstern Blick, also war es für sie wohl auch okay, wenn ich mir eine weitere Handvoll stibitzte. Ihr Stapel Pommes verschwand infolge ziemlich schnell. Bald schon lag nur noch ein einziges frittiertes Kartoffelstäbchen hilflos und mutterseelenallein dort herum. Ich griff danach, aber Sue war schneller und stopfte sie sich in den Mund, bevor ich es tun konnte.

„Fiesling“, meckerte ich amüsiert, während ich ihr nur noch dabei zusehen konnte, wie sie die letzte Pommes mit einem breiten Grinsen in meine Richtung mampfte.

„Hey, du kannst mich nicht zum Essen einladen und mir dann die Hälfte wegfuttern“, stichelte sie zurück. Dann beugte sie sich vor und fügte ganz leise hinzu: „Außerdem ist es ja wohl nicht meine Schuld, dass du deine Chance auf ein fettes, ungesundes Steak vertan hast, von dem du vielleicht sogar satt geworden wärst.“

Sprach sie deshalb so leise, damit meine Mutter sie nicht hören konnte? Wahrscheinlich wollte Susan ein neuerliches Aufrollen der Diskussion von vorhin vermeiden, was ich ihr – nach erhaltenem Hausarrest heute Abend – hoch anrechnete. Zudem fand ich die kleine Verschwörungsblase, in die sie mich gerade mit sich hineinzog, richtig nett. Wer hätt’s gedacht, die kleine Strebermaus und ich wurden am Ende doch noch warm miteinander.

„Ach, wen kümmert’s?“, erwiderte ich mit einem lässigen Schulterzucken und verriet ihr leise ein eigenes kleines Geheimnis. „Ethans Steaks schmecken sowieso viel besser.“

„Das stimmt“, bestätigte Ethan prompt. „Irgendwann musst du mich mal für dich kochen lassen.“

Herrgott, ich Idiot musste ja auch unbedingt seinen Namen erwähnen. Dabei wollte ich Sue doch im Moment gar nicht teilen; weder mit Ethan noch mit sonst wem. Tja, leider zu spät. „Wie jetzt? War das etwa eine Einladung zum Dinner am nächsten Samstag?“, fragte Sue mit unschuldigem Wimpernschlag. Und schon wieder richtete sich ihre ganze Aufmerksamkeit nur auf meinen Bruder. Na toll. Wie sollte ich diese Wette je gewinnen, wenn sie sich so leicht ablenken ließ?

„Sieht wohl ganz danach aus“, meinte Ethan. „Aber ich kann das nicht allein. Chris muss mir helfen.“ Plötzlich warf er mir einen Blick zu, der mich total überrumpelte. Das war nicht einfach nur eine Bitte um Unterstützung. Im Gegenteil, ich hatte eher das Gefühl, dass er gerade versuchte, mir zu helfen. Fast so, als hätte er meine mürrischen Gedanken gelesen und wollte etwas wiedergutmachen.

Aber für Sue kochen? Ich zog die Nase hoch. „Nein, ich koche nicht gern für Gäste, Ethan. Das weißt du.“ Ich wühlte durch die leeren Verpackungen auf meinem Tablett, doch da war rein gar nichts mehr übrig. Immer noch hungrig klaute ich mir ein paar Pommes frites vom Tablett meiner Mutter, der Einzigen am Tisch, die immer noch was zu essen hatte. Wortlos hielt sie mir ihren restlichen Burger hin. Oh Mann, hab ich schon mal erwähnt, wie sehr ich sie liebe? Trotz Verhängung des Hausarrests war sie doch trotzdem die beste Mom der Welt.

„Ach komm schon“, drängte mich Ethan, während ich noch einmal genüsslich reinhaute. „Warum stellst du dein Licht immer unter den Scheffel? Sie wird es mögen. Du bist ein hervorragender Koch.“

Ich hatte doch bereits Nein gesagt. War er taub?

Gerade setzte ich zum Sprechen an, doch da erhielt der Schleimer auch noch Unterstützung. Sue wandte sich mir zu und zog mit schmachtendem Lächeln das Wörtchen Biiiiitte unnötig in die Länge.

Gott, war sie süß … Dennoch lautete meine Antwort Nein. Ein Mädchen zu verführen war eine Sache, meine Regeln für sie zu brechen eine völlig andere. Das würde nicht passieren. Lachend schüttelte ich den Kopf und schob mir den letzten Bissen Burger in den Mund.

„Komm schon“, flehte sie. „Sei kein Spielverderber. Ich verspreche auch, alles aufzuessen, selbst wenn es grauenhaft schmeckt.“

Was zum Geier? Wie konnte sie einfach so annehmen, dass mein Essen nicht absolut fantastisch schmecken würde? Hatte sie die Kiwi-Kokoscreme etwa schon vergessen? Und falls sie Kiwi leid war, konnten wir gern etwas Neues probieren. Egal, was ich ihr auftischte, Sue würde es lieben – und bestimmt nicht nur das Essen. Provokant musterte ich sie einige Sekunden lang, dann stellte ich unmissverständlich klar: „Es wird nicht grauenhaft schmecken.“

Gebannt von meinem Blick atmete sie zweimal tief ein und antwortete schließlich etwas heiser: „Heißt das, du kochst mit deinem Bruder für mich?“

Wenn Ethan auch in der Küche war? Wo blieb da der Spaß? „Mmm … nö.“

Als sie enttäuscht seufzte, ging ich davon aus, dass die Diskussion nun endlich zu Ende sei. Wie dumm von mir. Mit dem brennend heißen Blick, den mir Sue als Nächstes zuwarf, bettelte sie geradezu darum, dass ich sie eben mal über meine Schulter werfen und nach draußen zum Auto tragen würde, wo wir beide ungestört waren. Heilige Scheiße, schaute sie mich absichtlich so an?

Oh ja, das tat sie. Denn gerade, als das Testosteron in meinem Körper explodierte und drohte, die Kontrolle zu übernehmen, sang die kleine Hexe mit selbstgefälliger Stimme: „Du bist mir was schuldig.“

Hätte sie nicht gerade eben so gnadenlos mit meinen Gefühlen gespielt, hätte sie mich damit wahrscheinlich sogar zum Lachen gebracht. Aber sie hatte schon recht, ich schuldete ihr was, weil sie Ethan heute dazu gebracht hatte, zu meinem Spiel mitzukommen. Aber reichte das aus, um gleich meine lang bewährten Regeln zu brechen? Andererseits brachte es natürlich auch Vorteile, wenn sie wieder in meinem Haus war. Manchmal passierten gar seltsame Dinge. Küsse zum Beispiel …

„Das ist wohl so.“ Ich wischte mir die Finger mit einer Serviette ab und fixierte sie dabei mit einem süffisanten Blick. „Du hast Glück, dass ich Hausarrest und somit am Samstag sowieso nichts Besseres vorhabe.“

Susans Mundwinkel schoben sich nach oben. Allmählich fing ich an, dieses kleine Lächeln gern zu haben. Es war ansteckend und bereits zum zweiten Mal an diesem Tag verursachte es mir eine eigenartige Wärme im Bauch. Das einzige Problem bestand nun darin, dass sie sich wohl eher darauf freute, mehr Zeit mit Ethan verbringen zu können statt mit mir. Das tat weh.

„Oh, wie schön“, beteiligte sich jetzt auch meine Mutter am Gespräch. „Aber du solltest früher da sein, um beim Kochen zuzusehen, Susan.“ Sie griff nach ihrer Hand. „Das Essen schmeckt immer ausgezeichnet, aber noch mehr Vergnügen ist es, sie zusammen in der Küche zu erleben.“

Wie bitte? Jetzt wollte sie auch noch, dass wir Sue eine exklusive Show lieferten? Hatten wir das Mädel mittlerweile adoptiert oder was? Nach dem Blick in Moms Augen zu urteilen, zog sie diese Möglichkeit allemal in Betracht.

Susan lehnte den Kopf an die große Fensterscheibe links von ihr und schenkte meinem Bruder einen verträumten Blick. „Tatsächlich?“

Ethan hob flirtend die Augenbrauen. „Wenn es meine Mom sagt, muss es wohl so sein.“

Hey! Konnte er wohl damit aufhören? Tagelang zeigte er null Interesse an der Kleinen, aber sobald sie anfing, sich für mich zu erwärmen, musste er sie anbaggern. Wo war das denn bitte fair? Und überhaupt, was beabsichtigte er damit? Ich bezweifelte, dass er sich später mit einem leidenschaftlichen Gute-Nacht-Kuss von ihr verabschieden würde, wie sie es sich ganz offensichtlich so sehnlich wünschte. Zu mehr als nur einer weiteren Einladung zu einem dämlichen Wii-Bowling-Spiel morgen würde er sich wohl nicht herablassen.

Aber warum machte mir das plötzlich so viel aus?

Eine beunruhigende Theorie begann sich in meinem Kopf zu formen. Diese Theorie besagte, dass unsere Wette für mich allmählich an Bedeutung verlor. Klar wollte ich Susan immer noch küssen, nur irgendwie aus völlig anderen Gründen. Im Moment war es mir scheißegal, wer von uns beiden am Ende der Sieger war. Ich wollte sie einfach küssen, weil ich offengesagt total darauf stand, wie ihre Augen bei unseren Wortgefechten jedes Mal anfingen zu glänzen. Dass sie mir Ethan immer noch vorzog, ging mir gerade tierisch auf den Sack.

„Seid ihr fertig, Kinder?“ riss mich Mom aus meinem entgleisten Gedankenchaos.

Ich half ihr, den Burger-Müll einzusammeln und stopfte das Papier in die leeren Pommes-Verpackungen. Alles war mir recht, nur um nicht zusehen zu müssen, wie Susan meinen vermeintlich homosexuellen Zwillingsbruder anschmachtete.

Als meine Mutter aufstand und ihre Handtasche über die Schulter schwang, hatte ich sie echt nicht kommen sehen. Aber dafür spürte ich sie umso deutlicher, als sie mir das Scheißding gegen die Nase prallte. Als hätte mir jemand einen Ball mitten ins Gesicht geschossen. Aus nur einem halben Meter Entfernung. Bei dem heftigen Schmerz, der mir durch Mark und Bein fuhr, kniff ich die Augen zu, aber sie fingen trotzdem an zu tränen. Ich presste die Hände aufs Gesicht und stöhnte laut auf. „Verdammt, Mom!“

So fühlte es sich also an, wenn jemandem an einem Abend die Nase gleich zweimal gebrochen wurde. Ich wollte nicht heulen, echt nicht. Auf keinen Fall vor Sue. Aber der Schmerz zwang mich bitterlich in die Knie.

„Oh, Liebling, das tut mir ja so leid!“ Mom eilte zu mir und machte ein Aufhebens, als sei ich erst fünf und sie hätte versehentlich mein Legohaus niedergetrampelt.

Bitte, nicht anfassen. Du hast schon genug Schaden angerichtet.

Doch sie ignorierte mein stummes Stoßgebet und streichelte mir in einem Anfall von mütterlichen Gewissensbissen durch die Haare. Ich senkte gerade die Hände, um ihr zu sagen, dass sie damit aufhören und mir einfach eine Minute Zeit geben sollte, um mich zu erholen, doch stattdessen sah ich das viele Blut in meinen Handflächen und zischte: „Fuck!“

Im Nu war ich auf den Beinen und auf dem Weg zum Klo. Auf meinem Sweatshirt war von vorhin schon genug Blut. Kein Grund, noch mehr Flecken hinzuzufügen.

Ich schob mich durch die Tür, während ein anderer Mann rauskam, lief zum Waschbecken und drehte den Wasserhahn auf. Auf ein Neues.

Ich ließ mir Wasser in die Hände laufen und wusch mir das Gesicht, danach spritze ich mir kaltes Wasser in den Nacken. Wenn man Coach Swanson glauben konnte, sollte das gegen Nasenbluten helfen. Ein paar Minuten fuhr ich mit dieser Behandlung fort und rieb mir auch über die glasigen Augen. Irgendwann ging die Tür hinter mir auf. Ich musste nicht lange raten, wer es war, als niemand zu den Kabinen ging. Ein tiefes Seufzen verriet meinen Bruder zusätzlich.

„Warum hast du wirklich mit Will Streit angefangen?“, fragte er.

Ich hatte keinen Bock, darüber zu reden. „Geh weg, Ethan. Ich blute.“

„Es ging dabei um mich, stimmt’s?“

Warum hatte ich nicht gleich versucht, einen Stein dazu zu bringen, Seil zu springen. Damit wäre ich wahrscheinlich sogar erfolgreicher gewesen, als damit, meinen Bruder zum Gehen zu bewegen. Ein Teil von mir wollte ihn anbrüllen: Ja, verdammt! Ja, ich habe mich wegen dir geprügelt! Aber ich sah keinen Sinn darin, dass er sich deswegen auch noch schlecht fühlte. Er brauchte sich wegen gar nichts schlecht zu fühlen. Mein Gott, das Einzige, was ich von ihm wollte, war doch nur ein wenig Vertrauen und die Wahrheit.

Die Hände auf das Waschbecken gestützt, richtete ich mich auf und blickte in den Spiegel. Das Blut tropfte mir immer noch aus der Nase. Ethan lehnte an der Wand neben der Tür, die Hände in die Hosentaschen gesteckt. Seine Miene war ernst und er suchte meinen Blick im Spiegel. Nach einer langen Weile sagte er traurig: „Du weißt, dass du das nicht hättest tun müssen.“

Ich hatte keine Ahnung, was es genau war, aber irgendetwas brachte mich in diesem Moment zum Explodieren. Ich wirbelte herum und schnaubte: „Da irrst du dich! Ich musste es tun. Und ich bereue es nicht im Geringsten.“ Halt suchend griff ich hinter mich auf den Waschbeckenrand. „Will verlangt schon die ganze Zeit nach einem Arschtritt.“ Der allerdings von Ethan hätte kommen sollen und nicht von mir. Er konnte nicht einfach weiter so tun, als hätte sich nichts verändert und erwarten, dass ich ihm für alle Ewigkeit den Rücken freihielt. Merkte er nicht, wie er die Menschen um sich verletzte? Nicht nur Mom und mich, sondern jetzt auch noch Sue. Egal wie hart es für ihn sein würde, das musste er endlich verstehen. Also fügte ich ruhiger, doch mit vorwurfsvollem Unterton hinzu: „Du andererseits hättest Susan nicht nach Hause bringen sollen.“

Ethan senkte das Kinn und betrachtete plötzlich nur noch seine Schuhspitzen. „Ich weiß nicht, was du meinst.“

„Spiel hier nicht den Ahnungslosen, Ethan!“ Ich wischte mir das Blut, das mir immer noch aus der Nase und über den Mund lief, mit dem Ärmel ab. „Du weißt ganz genau, was ich meine.“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust und legte den Kopf schräg, als er mich ansah. „Was willst du mit ihr beweisen?“

Ethan schob sich von der Wand weg, machte zwei Schritte zur Seite und ließ sich dann mit dem Rücken gegen die Tür sacken. Inzwischen musterte er lieber die Decke statt der Schuhe und er seufzte. „Ich will gar nichts beweisen, ich mag sie.“

Jaaa, klar. Es gab da nur diesen klitzekleinen Unterschied zwischen mögen und mögen. „Auf die gleiche Art, wie sie dich mag?“

Mehrere Sekunden vertickten, ehe er antwortete, doch immerhin war sein Blick nun wieder auf mich gerichtet. „Vielleicht?“

Ich knirschte mit den Zähnen. „Vielleicht aber auch nicht.“ Verflucht noch mal, es war mir echt zuwider, dass ausgerechnet ich ihn in die Enge treiben musste, aber jetzt gab es kein Zurück mehr. „Sue scheint ein nettes Mädchen zu sein. Du wirst sie verletzen, wenn du ihr nicht bald die Wahrheit sagst.“

Ethans Augen wurden zu argwöhnischen Schlitzen und sein ganzer Körper erstarrte vor Schock. Die dicke Luft im Raum schien förmlich zu knistern. „Weißt du was?“, fauchte er schließlich. „Ich habe keine Lust mehr auf diesen Scheiß. Komm raus, wenn das Nasenbluten aufhört.“

Ja, das war genau die Reaktion, die ich vorausgesehen hatte.

„Ethan“, flehte ich, als er die Tür aufzog. Gott sei Dank blieb er tatsächlich stehen und sah über seine Schulter noch einmal zu mir zurück. Ich holte tief Luft und hoffte einfach, dass er mir glauben würde. „Ich bin dein Bruder. Es ist mir egal, verstehst du?“ Ich würde immer auf seiner Seite sein, ganz gleich, was mit ihm los war. „Und Mom auch.“

Ein Muskel zuckte in seinem Kiefer und sein Kehlkopf hüpfte, als er schluckte. Ich hoffte inständig, dass er einlenken würde; zurückkommen und sich mit mir aussprechen. Aber das tat er nicht. Stattdessen drehte er sich einfach um und ging.

Nun hatte ich unser gutes Verhältnis wohl endgültig in den Sand gesetzt.

Vor Wut rammte ich die Faust gegen die Wand und sofort schoss mir ein stechender Schmerz durch die Hand. Streitereien waren echt zum Kotzen, körperliche wie verbale.

Als das Nasenbluten endlich aufhörte, wusch ich mir ein letztes Mal das Gesicht, trocknete mich mit meinem Ärmel ab und ging hinaus zum Auto. Alle saßen bereits drinnen und niemand sprach ein Wort. Kaum hatte ich die Fahrertür geöffnet, warf mir Mom einen besorgten Blick zu. „Ist alles in Ordnung, Liebling?“

„Jap“, antwortete ich kurz angebunden und startete den Motor.

Sie legte mir die Hand auf den Arm. „Es tut mir wirklich leid. Was kann ich tun, um es wieder gut zu machen?“

Die Chancen standen zwar mehr als schlecht, doch ich versuchte trotzdem mein Glück mit einem müden Lächeln. „Du könntest meinen Hausarrest rückgängig machen.“

Sie sah mich einen Moment lang mit grübelndem Blick an. Dann hoben sich ihre Mundwinkel. „Träum weiter.“

Tja, es war einen Versuch wert gewesen.

Ich ignorierte ihr Kichern und fuhr los, aber schon bald wagte ich einen Blick in den Rückspiegel, um nach den anderen Passagieren zu sehen. Soweit ich erkennen konnte, war Ethans Aufmerksamkeit völlig auf die vorbeiziehenden Straßenlaternen auf dem Bürgersteig gerichtet. Sue starrte ebenfalls aus dem Fenster, nur warf sie hin und wieder auch einen verstohlenen Blick zu Ethan – und niemals einen zu mir in den Rückspiegel.

Mit einem flauen Gefühl im Magen stellte ich fest, dass ich es heute Abend irgendwie fertiggebracht hatte, die arglose Beziehung zwischen meinem Bruder und dem Mädchen, das offensichtlich in ihn verliebt war, total zu zerrütten. Aber was mir beinahe noch mehr Unbehagen bereitete, war die Tatsache, dass eben dieses Mädchen allmählich einen festen Platz in meinen eigenen Gedanken einnahm.

Susan hatte gesagt, dass sie um Mitternacht zu Hause sein musste, doch obwohl es bis dahin noch fast zwei Stunden waren, wäre es wohl keine so gute Idee, sie zu fragen, ob sie lieber noch mit zu uns kommen wollte. Also räusperte ich mich, als wir Grover Beach erreichten, und sagte leise: „Sue?“

Ihr Blick fuhr ruckartig zu meinem im Rückspiegel. „Hm?“

„Erklärst du mir, wie man zu dir nach Hause kommt?“ Beim letzten Dinner hatte sie meiner Mom erzählt, dass sie in der Rasmussen Avenue wohnte, aber ich hatte nicht den leisesten Schimmer, wo die war.

„Ja, klar. Fahr einfach in Richtung Schule und bieg vor dem Parkplatz links ab. Von da aus ist es nicht mehr weit.“

Ich befolgte ihre Anweisungen, aber jedes Mal, wenn ich in den Rückspiegel schaute, war ihr Blick entweder auf das dunkle Fenster neben ihr oder auf Ethan gerichtet. Irgendwie fand ich das ziemlich nervig. Wie konnte bloß ein so toller Abend – noch dazu der meines größten Triumphes – in so kurzer Zeit den Bach runtergehen? Ich seufzte tief, bog an der Schule links ab und fragte: „Wohin jetzt?“

„Bleib eine halbe Meile auf dieser Straße. Ich sag dir, wann du wieder links abbiegen musst.“ Wie sich herausstellte, mussten wir nur noch ein einziges Mal abbiegen, dann hatten wir die Rasmussen Avenue erreich. Ein kurzes Stück die Straße hinauf stand auch ihr Haus. Gelb und hübsch, so, wie sie es beschrieben hatte. In zwei Zimmern im Erdgeschoss brannte noch Licht, aber hinter den Vorhängen war keine Bewegung zu erkennen.

Ich blieb direkt vor der Auffahrt stehen, presste die Lippen zusammen und schenkte Sue ein reumütiges Lächeln durch den Rückspiegel.

„Danke“, murmelte sie und hielt meinen Blick nicht länger als nötig fest. Als sich meine Mutter zu ihr umdrehte, sagte sie: „Es war ein sehr netter Abend. Danke, dass ich mitkommen durfte.“ Dann wandte sie sich mit hoffnungsvollem Blick zu Ethan, doch er ignorierte sie völlig. „Ruf mich an, wenn du nächste Woche Lust hast, irgendwann mit mir abzuhängen“, meinte sie letztendlich mit erdrückter Stimme.

Ethan nickte. „Mm-hm.“ Soweit ich sehen konnte, blickte er sie nicht mal an, als sie ausstieg. Was für ein Vollidiot.

Ich schüttelte den Kopf und wartete, bis Sue im Inneren des Hauses verschwunden war, ehe ich wieder losfuhr. Zuhause stieg Mom immer noch freudig lächelnd aus. Sie hatte offensichtlich gar nicht gemerkt, dass zwischen meinem Bruder und mir dicke Luft herrschte. Ethan folgte ihr schweigend. Nachdem ich meine Tasche aus dem Kofferraum geholt hatte, schloss ich die Tür und verriegelte das Auto. Danach ging ich ins Haus und ließ den Autoschlüssel in die Handtasche meiner Mutter fallen.

„Danke, dass du heute Abend zum Spiel gekommen bist“, sagte ich zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Als sie mir wieder übers Gesicht streicheln wollte – über die geschwollene Seite – zuckte ich zurück. „Bitte nicht. Du hast mir heute schon einmal die Nase gebrochen.“

Abrupt zog sie die Hand weg. Das schlechte Gewissen stand ihr dabei ins Gesicht geschrieben. „Tut mir leid, Liebling.“ Dann wuschelte sie behutsam mit den Fingern durch meine Haare und entließ mich mit einem Luftkuss. „Gute Nacht.“

Ethan war bereits in seinem Zimmer. Als ich an seiner Tür vorbeikam, klopfte ich an. „Hey, E.T. Kann ich reinkommen?“

„Nein“, kam seine brummelige Antwort.

Angewurzelt wie ein dämlicher Baum stand ich ein paar Sekunden lang einfach nur da. Doch als mir klar wurde, dass er seine Meinung wohl nicht mehr ändern würde, verdrehte ich frustriert die Augen und ging in mein Zimmer.

 

 

 

Kapitel 10

 

 

ES WAR ETWA elf Uhr nachts und ich war völlig fertig. Nicht nur das Spiel, sondern auch der sinnlose Streit mit Ethan hatte mich ziemlich ausgelaugt. Ich zog mich bis auf die Boxershorts aus, kroch ins Bett und knipste die Lampe auf dem Nachttisch aus.

Viel zu schnell wanderten meine Gedanken in der Dunkelheit zu Susans Haus zurück. Ihr Zimmer befand sich im ersten Stock, soweit ich wusste. Wie sah es darin wohl aus? Möge-die-Macht-mit-dir-sein-Bettwäsche und ein Harry-Potter-Umhang an der Tür? Allmählich fing ich an, sie ein wenig besser kennenzulernen, weshalb ich daran zweifelte. Und der Spitzname Strebermädel in meiner Kontaktliste passte auch nicht mehr so recht zu ihr. Den hätte ich schon längst ändern sollen.

Im Dunkeln tastete ich nach meinem Handy und blinzelte, als das hellblaue Licht des Displays aufleuchtete. Ich scrollte ganz nach unten und fand Sue, direkt vor Wendy 3. Wer zum Teufel war Wendy 3? Offensichtlich hatte ich schon seit einer Ewigkeit nicht mehr mit dem Mädchen gesprochen, sonst hätte es bei dem Namen mit Sicherheit geklingelt. Die 3 war auch kein allzu gutes Zeichen. Vielleicht hatte ich ja genau deswegen seit so langer Zeit nicht mehr mit ihr gesprochen.

Ich änderte den Eintrag von Strebermädel und fragte mich, welche Note ich ihr wohl am besten geben sollte. Die Bewertung sagte aus, wie viel bei dem betreffenden Mädchen „gelaufen war“ oder, wenn es bisher nur ein einfacher Kuss war, wie gut sie es konnte. Mit Sue war bisher noch gar nichts gelaufen, also war mein geniales System bei ihr leider nicht anwendbar.

Aber ich wollte sie küssen. Unbedingt sogar. Allein beim Gedanken daran wurde mir plötzlich der Mund ganz wässrig.

Im Moment saß Susan vermutlich gerade auf ihrem Bett und blies Trübsal, weil sie schon wieder keinen Gute-Nacht-Kuss von meinem Bruder bekommen hatte und vergeblich auf seinen Anruf wartete. Da sie keine Ahnung von dem Gespräch zwischen mir und Ethan auf der Restauranttoilette hatte, musste ihr sein Verhalten auf dem Heimweg total merkwürdig vorgekommen sein.

Wenn sie nur wüsste …

Wenn sie nur die leiseste Ahnung hätte, welches Geschlecht meinen Bruder wirklich interessierte. Vielleicht würde sie dann nicht mehr hinter ihm herlaufen, sondern erkennen, was sie stattdessen mit mir haben könnte. Ich wäre der richtige feste Freund für sie.

Huch, hatte ich das eben tatsächlich gedacht? Das Wort mit dem großen F? Keine Chance – das würde nicht passieren …

Oder doch?

Verdammt, ich wusste nicht einmal mehr, was ich denken sollte. Aber ganz sicher sollte ich mir nicht diese Luftschlösser mit Sue zusammenspinnen. Oder überhaupt mit einem Mädchen. Das tat ich doch sonst auch nie. Zumindest hatte ich es seit langer Zeit nicht mehr getan. Also warum ausgerechnet jetzt?

Ich wollte das Handy weglegen und diese seltsamen Gefühle ignorieren, die mich heute schon den ganzen Abend lang verfolgt hatten. Aber ich konnte es nicht. Stattdessen klopfte mein Herz plötzlich etwas schneller, als ich eine Nachricht an Sue tippte. Träum was Hübsches, Sonnenschein.

Vielleicht war es ein Fehler, die SMS abzuschicken, aber mein Daumen war schneller als mein Verstand. Ethan konnte mir schließlich keinen Vorwurf machen, dass ich meinem Alter entsprechend handelte und meinen Hormonen freien Lauf ließ, wenn er selbst nicht in die Gänge kam und die Sache endlich klärte. Sue war einfach zu süß, um ihr zu widerstehen.

Leider interessierte sie sich null Komma gar nicht für mich. So viel war klar, als keine Antwortnachricht von ihr kam. Enttäuscht rollte ich mich auf die Seite, zog mir die Decke hoch bis zum Kinn und schloss die Augen. Noch nie zuvor hatte ich so viel Mühe gehabt, ein Mädchen rumzukriegen. Wette hin oder her – womöglich war das ein Zeichen, dass ich meine Zeit nicht länger mit ihr verschwenden sollte. Aus irgendeinem Grund hatte ich das Gefühl, dass ich mir an dieser speziellen Nuss die Zähne ausbeißen würde. Andererseits war ich mir nicht sicher, ob ich es überhaupt noch schaffen würde, nicht mehr hinter ihr herzulaufen, selbst wenn ich es versuchte …

Ich drehte mich auf den Bauch und dämmerte endlich weg. Ein Piepen, begleitet von einem Vibrieren gegen Holz riss mich aber wieder aus dem Schlaf.

Ich hatte keine Ahnung, wie viel Zeit inzwischen vergangen war, und hob benommen den Kopf, während ich mich fragte, was los war. Das blaue Licht meines Handys erhellte mein Zimmer. Kein Klingeln, kein Anruf. Eine SMS vielleicht? Ich rieb mir über das nicht geschwollene Auge und griff nach dem Telefon. Jap, eine SMS von Pferdeschwanz-Sue. Der Name weckte keine Erinnerungen, also konnte es auch nicht wichtig sein. Stöhnend schloss ich die Augen und wünschte mir nichts mehr, als schnell wieder einzuschlafen.

Einen Moment später war ich jedoch hellwach und riss die Augen erneut auf. Pferdeschwanz-Sue? Das war der Name, durch den ich Strebermädel ersetzt hatte! Ich schnappte mir noch einmal das Handy und las, was sie geschrieben hatte. Bist du noch wach?

Rasch setzte ich mich auf und tippte eine Nachricht. Jetzt schon. Meine Augen waren immer noch vom Schlaf verklebt, weshalb ich drei Tippfehler in dieser kurzen Nachricht korrigieren musste. Erst, als ich die SMS abgeschickt hatte, sah ich auf die Uhr. Viertel nach zwölf. So spät noch eine Nachricht von Sue? Das war ja vielleicht seltsam.

Kurz darauf trudelte eine weitere SMS ein. Kann ich mit dir über etwas reden?

Um ehrlich zu sein, würde ich wohl heute Nacht kein Auge mehr zumachen können, wenn sie es jetzt nicht tat. Also antwortete ich: Du kannst mich jederzeit anrufen 😉

Zwanzig Sekunden später klingelte mein Handy. Oha, das ging flott. Und ich hätte beinahe nicht geglaubt, dass sie es wirklich tun würde. Umso besser. „Hey, Sonnenschein“, sagte ich, als ich abhob. „Was bedrückt dich?“

Nach kurzem Zögern meinte sie: „Etwas, das du heute getan hast.“ Obwohl ihre Stimme leise und argwöhnisch klang, fühlte es sich unglaublich gut an, sie zu hören. Aber was genau hatte ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht?

„Angefangen mit dem Angebot für einen Knutschfleck kann das alles Mögliche sein.“ Ich lachte. „Geht’s auch etwas genauer?“

Sue stieß einen langen Atemzug aus, den ich schon fast an meinem Ohr spüren konnte. „Ich habe heute etwas Schreckliches getan“, wimmerte sie. „Als du wegen des Nasenblutens zur Toilette musstest, bin ich auch aufs Klo gegangen.“

Das war das ganze Drama? OMG! Was für ein Horror! Ich schüttelte den Kopf und grinste in die Dunkelheit. „Okay, das ist wirklich keine große Sache, Susan. Irgendwann muss jeder mal pinkeln.“

„Ich war vor der Tür, als du dich mit Ethan in der Toilette unterhalten hast.“ Ihre Stimme wurde noch leiser. „Ich habe euch gehört.“

Ach du heilige Scheiße! Der Atem gefror mir in der Lunge. Rasend schnell ging ich in Gedanken noch mal das Gespräch im Burger King durch. Hatte ich irgendwann das Wort schwul gebraucht, oder vielleicht was von wegen auf Jungs stehen gesagt? Oder sonst was, das ihr Ethans Geheimnis verraten haben könnte?

„Chris …?“ Sues vorsichtige Stimme drang zu mir durch die Leitung.

Die unangenehmen kleinen Schauer, die mir über die Haut rieselten, machten es mir schwer, mich zu konzentrieren. Ich räusperte mich. „Was genau hast du gehört?“

„Irgendetwas stimmt nicht und du weißt, was es ist. Da es mich betrifft, denke ich, du solltest es mir sagen.“

Sollte das ein Witz sein? „Nein, das denke ich nicht.“

„Dann sag mir wenigstens, warum du dich mit diesem Jungen geprügelt hast, diesem Will.“

Großer Gott, sie war der Sache auf der Spur. Und irgendwie hatte sie ja auch ein Recht, die Wahrheit zu erfahren. Aber was konnte ich schon machen? Gar nichts, verdammt noch mal. Ebenso kurz angebunden wie zuvor antwortete ich: „Kann ich nicht, tut mir leid.“

„Schön“, murmelte sie. „Dann brauche ich mich auch nicht länger mit dir zu unterhalten.“ Und sie legte auf, einfach so.

Oh nein, Sonnenschein! Wir waren noch lange nicht fertig! Ich wählte ihre Nummer, noch ehe sie ganz in der Rolle der beleidigten Leberwurst aufgehen konnte, und als sie ranging, sagte ich ohne lange Vorrede: „Das war unhöflich.“

„Mir etwas zu verheimlichen, obwohl du weißt, dass ich deinen Bruder mag – das ist unhöflich“, gab sie zurück.

Himmel hilf mir da raus! Ich wollte sie nicht wütend machen. Und sie hatte es auch nicht verdient, mit einer Lüge abgespeist zu werden. Aber ich konnte doch auch nicht einfach so Ethans Geheimnis ausplaudern. Warum konnte sie das denn nicht verstehen?

„Das mag sein, aber ich kann’s nicht ändern“, sagte ich aufrichtig. Keine Frage, sie war mir inzwischen ziemlich wichtig geworden. Aber mein Bruder war mir immer noch wichtiger. Und dass Sue sich unter allen Personen ausgerechnet an mich um Hilfe wendete, wenn es um Ethan ging, musste wohl bedeuten, dass auch er ihr extrem wichtig war. Irgendwie tat das ganz schön weh. Ein Hauch Zynismus kroch in meine Stimme. „Wie du mir erst neulich so nett unter die Nase gerieben hast, geht mich die Sache nichts an.“

Sue seufzte tief. „Wie wär’s, wenn ich rate, und du sagst bloß Ja oder Nein?“

Netter Versuch, das musste ich ihr lassen. Und lachen musste ich auch. Trotzdem blieb ich hart. „Oh nein. So funktioniert das nicht.“

Und dann brachte Sue mich völlig aus der Fassung, als sie ins Telefon stöhnte.

Mir fiel die Kinnlade hinunter, denn das Geräusch war so unglaublich sexy, dass es augenblicklich eine ganze Reihe nicht jugendfreier Vorstellungen in meinem Kopf auslöste. „Mach das noch mal und ich frag dich als Nächstes, was du gerade anhast“, sagte ich, nicht länger Herr über meine Zunge oder Gedanken.

Sue sog scharf den Atem ein, doch schon im nächsten Moment klang ihre Stimme total frustriert. „Chris, du bist so ein Knallkopf.“

Es abzustreiten machte keinen Sinn, denn vor meinem inneren Auge liefen die Bilder in unaufhaltsamer Folge ab und trafen mich mit voller Wucht. In einigen kamen Kiwis und Kokoscreme vor und erinnerten mich daran, dass ich vielleicht bald eine weitere Chance bekam, Sue zu füttern. „Ja, vielleicht“, schnurrte ich und sank ein wenig tiefer in mein Kissen. „Aber in einer Woche hast du ein Date mit dem Knallkopf.“

„Nein, habe ich nicht.“

„Oh doch, hast du.“ Sie hatte mich ja praktisch auf den Knien angebettelt, für sie zu kochen, das konnte sie doch nicht so schnell vergessen haben. „Du kommst zu mir, ich werde für dich kochen und wir werden zusammen essen. Das klingt für mich sehr wohl nach einem Date“, erklärte ich und ließ dabei gezielt aus, dass uns mein Bruder Gesellschaft leisten würde. „Und wie es sich für ein echtes Date gehört“, versprach ich, „werde ich dich küssen, bevor der Abend zu Ende ist.“

Soweit ich wusste, hatte Ethan sicher nichts dagegen.

Sue stieß ein schockiertes Lachen aus. „Wenn du das wirklich glaubst, bist du verrückt.“

„Ach ja? Man hat mich schon Schlimmeres genannt.“ Ich schmunzelte. „Du solltest langsam die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Ethan, so nett er auch sein mag, vielleicht einfach nicht der Richtige für dich ist.“ Nah genug an der Wahrheit und trotzdem nichts ausgeplaudert. Im Geiste klopfte ich mir auf die Schulter.

„Aber du bist der Richtige, oder wie?“, forderte sie mich heraus.

„Wenigstens habe ich keine dunklen Geheimnisse.“

Nach einem Moment des Schweigens grummelte sie ausweichend: „Ich denke, es ist spät, und höchste Zeit, dieses Gespräch zu beenden.“

Oh, hieß das etwa, dass sie mir eigentlich zustimmte und jetzt einfach nur kniff, weil sie es nicht zugeben wollte? Konnte nur das sein, da wir ja das eigentliche Problem noch immer nicht gelöst hatten. „Wirklich? Zu schade.“ Ich verbiss mir ein selbstgefälliges Lachen und genoss es, sie noch ein wenig mehr aufzuziehen. „Bevor du auflegst, könntest du bitte noch mal für mich stöhnen?“ Das wäre das Highlight dieser Nacht.

„In deinen Träumen“, giftete sie, aber ich durchschaute ihr Abwehrmanöver. Wem wollte sie hier was vormachen? Sie mochte meine anzüglichen Bemerkungen ebenso sehr, wie ihr die Sache mit der Kiwi oder der angedeutete Kuss auf ihren Hals und das Händchenhalten im Burger King gefallen haben.

Vielleicht war es ja wirklich noch zu früh, um das Handtuch zu werfen. Der Kampf um Sue war noch nicht vorüber, und wie es aussah, hatte ich eine faire Chance. „Dann sehe ich dich wohl demnächst.“ Ein Lächeln lag auf meinen Lippen. „Nacht, kleine Sue.“

Ihre Antwort war das kurze Tüdeltü-Signal, als sie auflegte, und ich ließ die Hand mit dem Handy in meinen Schoß sinken. Mein Blick wanderte zum Fenster und ich starrte hinaus in die Dunkelheit. Hoffentlich lud Ethan sie morgen wieder zu uns ein.

Ich konnte es nicht erwarten, sie wiederzusehen.

 

*

 

Am Sonntagmorgen lag ich noch lange im Bett und träumte vor mich hin, als ein Anruf von Hunter mich dazu zwang, endlich die Augen zu öffnen. Er wollte wissen, ob die Sharks das Spiel gewonnen hatten.

„Jap. Ich hab einen Rempler in den Rücken bekommen und den Siegerpunkt durch einen Freiwurf erzielt. Es war grandios!“

„Glückwunsch, Alter!“

„Danke.“ Ich krabbelte aus dem Bett und fuhr den Computer hoch, um im Hintergrund ein wenig Musik laufen zu lassen. „Übrigens hat uns deine Freundin Susan begleitet. Sie und Ethan wollten eigentlich ins Kino. Mann, ich kann immer noch nicht glauben, dass er mir das antun wollte.“ Wieder verspürte ich einen kleinen Stich in die Brust, weil er mich beinah verraten hätte. „Aber sie hat ihn am Ende doch noch dazu überredet, zum Spiel zu kommen.“

„Wow, wie ist das denn passiert?“, wollte Ryan wissen.

Ich kratzte mich am Kopf. „Keine Ahnung. Aber der Abend war sowieso total verrückt.“

„Ach so? Wieso das denn?“

Das Handy zwischen Ohr und rechter Schulter eingeklemmt, schlüpfte ich in die Jeans vom Vortag und knöpfte sie zu. „Tja, zum einen hat mir deine Streberfreundin ein ziemlich nettes Kompliment gemacht. Und später hab ich mich mit Will Davis aus meinem Team geprügelt.“

Hunters Lachen drang durch die Leitung. „Aha. Willst du irgendwas davon vielleicht genauer erklären?“

Ich gab ihm eine detaillierte Beschreibung vom vergangenen Abend und ließ dabei lediglich aus, wie Susan mich im Rückspiegel beobachtet hatte und dass wir im Burger King Händchen gehalten hatten – irgendwie. Diese Dinge waren einfach zu persönlich. Da Hunter jedoch von meiner Vermutung, dass Ethan homosexuell war, wusste, erzählte ich ihm auch von unserem Gespräch in der Toilette und dass mein Bruder vor der Auseinandersetzung weggelaufen war.

„Hm, das ist nicht gut“, meinte er. „Wirst du es noch mal versuchen?“

„Mit ihm zu reden?“

„Ja.“

Ich seufzte tief. „Vielleicht.“

„Na dann viel Glück, mein Freund.“ Als Hunter sich verabschiedete, hörte ich irgendwo in seiner Nähe eine Türklingel. Anscheinend war er gerade am Haus seiner Freundin angekommen. „Bis morgen.“

Ich legte auf und lehnte mich, den Kopf in den Nacken gelegt, auf meinem Stuhl zurück. Wir konnten nicht einfach so tun, als wäre gestern nichts passiert, also war ein Besuch bei Ethan wohl unvermeidlich.

Als ich mich fertig angezogen hatte, lief ich rüber zu ihm und klopfte an. „E.T., können wir kurz reden?“

Er murmelte etwas, dass stark nach verpiss dich klang.

Gut, okay, also war unser momentaner Beziehungsstatus wohl bei es ist kompliziert angelangt. Auch bei meinen nächsten drei Versuchen änderte sich daran nichts. Der Sonntag zog sich wie Kaugummi in die Länge und mir war sterbenslangweilig.

Der Widerwille meines Bruders, mit mir über Susan zu reden, hielt mich auch davon ab, sie zur Ablenkung anzurufen. Bevor ich mit dieser Challenge weitermachte, die mir ehrlich gesagt immer reizvoller erschien, mussten ein paar Dinge geklärt werden. Ganz oben auf der Liste stand Ethans sexuelle Orientierung. Er konnte keinen Anspruch mehr auf Sue erheben, wenn er gar nicht an Mädchen interessiert war. Und das musste ich wissen. Während der Nachmittag verging, war die Ungewissheit kaum noch zu ertragen.

„Komm schon, E.! Lass mich rein.“ Noch ein Klopfen an seiner Tür. „Wir müssen reden!“

„Verschwinde. Ich hab zu tun!“

Ja, klar, deswegen dröhnte auch der Sound von CoD aus seinem Zimmer. „Verdammt, Ethan. Hör endlich auf, dich wie ein Arsch zu benehmen.“ Als ich am Griff drehte, stellte ich fest, dass die Tür verriegelt war, und ich rüttelte heftig daran. „Komm sofort raus und rede mit mir. Das, was ich gestern gesagt habe, tut mir leid, okay? Aber echt jetzt … Wir. Müssen. Reden!“

Die Musik des Computerspiels ertönte im nächsten Moment mindestens fünf Mal lauter aus seinem Zimmer. Na toll.

Total frustriert drehte ich mich um, ließ mich gegen die Tür sinken und schlug mit dem Kopf gegen das Holz. Zu meiner Überraschung tauchte gerade Mom im Flur auf und musterte mich mit besorgtem Blick. „Was ist denn mit ihm los?“

Ein Seufzen entwich mir. „Nichts. Streit. Er ist ein Blödmann“, grummelte ich und ging zurück in mein Zimmer.

Auf dem absoluten Tiefpunkt meiner Laune schaltete ich den Fernseher an, um mir eine dämliche Sitcom anzuschauen. The Big Bang Theory. Konnte überhaupt jemand den Mist, den diese Jungs da quasselten, verstehen? Ich jedenfalls nicht.

Irgendwann nach neun Uhr abends stellte ich den Fernseher auf stumm und griff mir mein Handy. Ohne lange darüber nachzudenken und mich zu fragen, ob ich meinen Bruder damit verletzen würde, tippte ich eine SMS an Sue. Lust auf ein weiteres mitternächtliches Schwätzchen? ^^

Nicht heute, kam die Antwort ziemlich schnell.

Die Behauptung, dass ich darüber enttäuscht war, war die Untertreibung des Jahrhunderts. Aber so schnell gab ich nicht auf. Warum nicht? Ich fand gestern Nacht mit dir schön 😉

Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis mein Handy in meiner Hand mit einer Antwort vibrierte. Weil du die Art von Ärger bist, die ich im Moment so rein gar nicht gebrauchen kann.

Ärger? Tja, wenn sie eine Unterhaltung mit mir schon für problematisch hielt, dann sollte sie wohl besser nicht erfahren, was ich für Samstag mit ihr im Sinn hatte, wenn sie zum Essen kam. Lächelnd tippte ich auf die Bildschirmbuchstaben. Ach, alle Mädchen stehen doch auf ein bisschen Ärger. Und du solltest nicht verurteilen, was du noch nicht probiert hast. Du weißt nicht, was dir entgeht, Sonnenschein.

Gespannt auf ihre Antwort starrte ich das Handy an, bis der Bildschirm wieder aufleuchtete. Ernsthaft, du bist wie eine Probeflasche im Drogeriemarkt.

Mir fiel die Kinnlade auf die Brust. Was zum Geier? Meinte sie das etwa ernst? Und was sollte das überhaupt bedeuten? Mit immer noch offenem Mund machte ich mir nicht die Mühe, eine Antwort zu tippen, sondern wischte mit dem Daumen über das Anrufsymbol.

Als sie den Anruf annahm, platzte ich heraus: „Ich bin was?“

„Du kennst doch diese billigen Parfumflakons, die sie zum Ausprobieren als Werbung in die Läden stellen?“ Kein Gruß, aber das war schon okay. Immerhin hatte ich sie ja auch nicht begrüßt. „Jede Frau, die daran vorbei kommt, sprüht sich ein bisschen von diesem oberflächlichen Allerweltsduft auf und am Ende riechen alle gleich.“

Okay. Und das hieß im Klartext bitte was?

„Ich tu das aber nicht. Ich bin sehr wählerisch, Chris“, fuhr sie fort. „Ich muss nicht alles probieren, was mir kostenlos angeboten wird. Und vor allem mag ich keinen oberflächlichen Allerweltsduft.“ Völlig sprachlos hörte ich ihr wie hypnotisiert zu. Ich fand nicht mal Worte, als sie „Gute Nacht“ sagte und auflegte.

Sie hatte mich einfach weggedrückt. Schon wieder. Was war nur los mit dieser kleinen Streberschnecke? Ich schnappte nach Luft, dann drückte ich das Anrufsymbol erneut, legte aber vor dem ersten Klingeln wieder auf. Ich wollte nicht noch einmal stumm wie ein Fisch dasitzen, während sie mir eine Moralpredigt hielt. Lieber schrieb ich ihr wieder eine SMS.

Du hältst mich für langweilig? Autsch. Das tut weh, Miss Miller.

Würde sie antworten? Das Herz schlug mir gegen die Rippen … und zwar heftig. Doch dann kam das erlösende Piep. Ich sagte oberflächlich, nicht langweilig. Da ist ein himmelweiter Unterschied. Das eine bedeutet, dass du einschläfernd auf mich wirkst. Das andere heißt, dass ich jedes Mal, wenn du den Mund aufmachst, das Verlangen verspüre, tiefer zu forschen, um herauszufinden, ob da eventuell mehr in dieser hohlen Hülle steckt.

Die einzigen Wörter, die mich in dieser SMS förmlich ansprangen, waren Mund und tiefer forschen. Ah, Sonnenschein. Ich schmunzelte. Damit hatte sie sich selbst gerade eine Grube geschaufelt … Du willst meinen Mund erforschen? Nur zu.

Unsere Nachrichten flogen so schnell hin und her, dass es sich beinahe so anfühlte, als säße sie hier bei mir auf dem Bett und wir würden uns live unterhalten.

Chris, hörst du mir eigentlich jemals wirklich zu?

Natürlich. Mit deiner letzten SMS hast du angedeutet, dass du mich küssen willst. Und der Gedanke daran löste sofort wieder dieses prickelige Gefühl in meinem Bauch aus.

Entschuldige, ich muss mal eben schnell gegen die Wand rennen, um dieses Bild wieder aus dem Kopf zu bekommen. Dass sie mir schrieb, anstatt das, was sie vorschlug, zu tun, bewies mir, dass ich von Anfang an recht hatte. Ich hatte sie so ziemlich da, wo ich sie haben wollte.

Das sagen sie alle … bevor sie mich anbetteln, mit ihnen auszugehen … 🙂 Ich lachte leise, als ich den Text abschickte. Sie war so leicht zu necken.

Ich werde dich nicht um ein Date anbetteln.

Oh, das musste sie auch nicht. Obwohl sie das eigentlich sogar schon getan hatte … *hust* Wenn ich mich richtig erinnere, hat ein gewisser Jemand mich angebettelt, für sie am Samstag zu kochen *hust*

Es dauerte dieses Mal ein wenig länger, bis sie antwortete, und doch fiel die Nachricht überraschend kurz aus. Du hast Wahnvorstellungen. Wow, und dafür hatte sie so lange gebraucht?

In diesem Fall irrte sie sich allerdings gewaltig. Schon seit einer Ewigkeit war ich nicht mehr so klar im Kopf gewesen und wusste so genau, was ich wollte. Konnte sie dasselbe auch von sich behaupten? Wer jagte denn hier Luftschlössern nach – sie oder ich?

Ja, einer von uns beiden hat die definitiv. Träum was Hübsches, Sonnenschein tippte ich und schickte die Nachricht ab.

Ein Seufzen entwich mir, als sie nicht mit einem Gute Nacht antwortete. Tatsächlich schwieg mein Handy den ganzen restlichen Abend. Mann oh Mann, es wäre so viel einfacher, wenn sie die Wahrheit über Ethan bereits kennen würde. Wenn wir sie alle kennen würden. Dann könnten wir das hinter uns lassen und uns den wirklich wichtigen Dingen zuwenden … zum Beispiel, wie ich Susan Miller dazu bringen würde, mich zu küssen.

Stundenlang zerbrach ich mir darüber den Kopf und der Schlaf blieb in dieser Nacht wieder einmal aus. Am Morgen blickten mich ein übermüdetes und ein geschwollenes Auge im Spiegel an. Ernsthaft, Schlafmangel stand mir gar nicht gut.

Auf dem Weg zur Küche stieß ich mit Ethan zusammen, der den Kopf mindestens so tief gesenkt hielt wie ich. „Hey“, murmelte ich. „Können wir …“

Er schüttelte den Kopf und schnitt mir das Wort ab. „Lass mich einfach in Ruhe, okay?“

Es überraschte mich nicht, dass er schon weg war, als ich mit ihm zur Schule fahren wollte. Mom lieh mir ihr Auto und wieder einmal kam in mir der Wunsch nach einer eigenen Karre hoch. Bei solchen Streitereien war es echt ätzend kein eigenes Auto zu haben.

Gleich als Erstes an diesem Morgen lief mir Will Davis in der Schule über den Weg. Er kam aus der Jungentoilette. Ich blieb wie erstarrt stehen. Verdammt, sein Gesicht sah aus, als hätte jemand den Boden damit aufgewischt. Und dieser Jemand war wohl ich gewesen. Die Würgemale an seinem Hals sahen allerdings wirklich Angst einflößend aus. Ich schluckte schwer. Ganz gleich, was er gesagt hatte, um mich zu provozieren, es rechtfertigte nicht, dass ich dermaßen ausgerastet war. Das hätte niemals passieren dürfen.

„Hey, Alter, du siehst echt scheiße aus“, platzte ich heraus und strich mir dabei verlegen mit der Hand durch die Haare.

„Du hast auch ein nettes Veilchen“, antwortete er kurz angebunden. Dann senkte er den Blick, ebenso wie seine Stimme. „T-Rex will mich erst wieder am Training teilnehmen lassen, wenn ich diese Sache mit dir geklärt habe.“ Er vergrub die Hände in den Hosentaschen und es sah so aus, als wollte er mit dem rechten Zeh ein Loch in den Linoleumboden bohren.

„Mir hat er dasselbe gesagt“, gestand ich.

Will schaute auf und starrte mich an. „Ich werde mich ganz sicher nicht bei dir entschuldigen, Donovan.“

Ich grinste blöd zurück. „Das werd ich auch nicht, Arschgesicht.“ Als Will mir nach einem Moment die Faust hinstreckte, stieß ich mit meiner dagegen. „Wir sehen uns beim Training.“

Er nickte mit leichtem Grinsen und ging in der entgegengesetzten Richtung davon. Ich kam jedoch keinen Schritt von der Stelle, denn eine kleine Rothaarige versperrte mir den Weg.

Sie kam mir irgendwie bekannt vor, doch ich konnte mich bei Gott nicht erinnern, wo ich sie schon mal gesehen hatte. Außerdem schmiegte sich ihr schwarzes Top aufreizend eng an ihre Brust, die förmlich „Fass mich an“ schrie, wodurch ich natürlich ein wenig abgelenkt war. „Äh, hi“, sagte ich und rieb mir den Nacken, während ich mich zwang, den Blick wieder auf ihr Gesicht zu richten. War das vielleicht Wendy 3? Sie sah aus, als wäre sie im ersten Highschooljahr, und normalerweise benotete ich keine Frischlinge in meiner Liste.

„Hey“, antwortete sie mit schüchternem Lächeln, das sofort verschwand, als sie mein bunt schillerndes Gesicht bemerkte. „Du bist Chris Donovan, oder?“

„Mh-hm.“

„Mein Name ist Cassidy. Ich bin auf der Suche nach deinem Freund Brady.“ Sie schaute mich mit hoffnungsvollem Blick an. „Du weißt nicht zufällig, wo ich ihn finden kann?“

Bamm! Das war der Hinweis, den ich gebraucht hatte. Sie war das Mädchen, mit dem Brady vor dem Spiel am Samstag geflirtet hatte. Lachend legte ich den Arm um ihre Schultern und zog sie mit mir. „Er hat in der ersten Stunde Englisch. Schauen wir mal, ob wir ihn für dich finden können.“ Mein Freund würde begeistert sein, wenn er hörte, dass dieses niedliche Mädchen die ganze Schule nach ihm absuchte. „Sein Tag wird sicher um hundert Prozent besser, wenn er dich sieht.“

Cassidy kicherte. „Meinst du?“

„Auf jeden Fall.“

Nach ein paar Schritten entdeckte ich Sue, die mir im Schülerstrom entgegen kam. Ihr eindringlicher Blick durchbohrte mich. Eifersüchtig auf das Mädchen an meiner Seite? Jap, sie entwickelte definitiv Interesse an mir. Und ich konnte nicht leugnen, dass mir das gefiel. Ich setzte ein provokantes Lächeln auf und schnurrte im Vorbeigehen: „Guten Morgen, Sonnenschein.“

Ein seltsames Geräusch drang aus ihrem geschlossenen Mund, als würde sie mit den Zähnen knirschen. Sie weigerte sich, mich – oder Cassidy – zu grüßen, und stapfte davon. Ihre Reaktion war ziemlich unterhaltsam. Damit konnten wir definitiv arbeiten.

Natürlich würde ich sie später über das Mädchen an meiner Seite aufklären müssen. Zugegebenermaßen nicht nur wegen unserer Challenge. Sue sollte nicht denken, dass ich in festen Händen war. Schlimm genug, dass sie schon Lauren und mich für ein Paar gehalten hatte.

Uff, der Gedanke brachte mich gleich zu meinem nächsten Problem. Lauren. Sie hatte mir am Wochenende weder geschrieben noch mich angerufen. Und ich sie auch nicht. Da sie trotz ihrer Wut auf mich zu meinem Spiel am Samstag gekommen war, musste sie mittlerweile kurz vorm Explodieren sein. Ich hatte mich nicht mal nach dem Spiel mit ihr unterhalten.

Wie hatte ich es nur geschafft, mir in der letzten Zeit so viel Ärger mit Mädchen einzuhandeln?

Wenn man vom Teufel spricht – vor der Englischklasse entdeckte ich Lauren neben Brady. Bei den beiden stand auch Becks, die mit Tyler Händchen hielt. Abrupt hielt ich an und nahm den Arm von Cassidys Schultern. „Okay, Brady ist dort drüben“, sagte ich und deutete auf meine Freunde, die uns noch nicht bemerkt hatten. „Geh und rede mit ihm.“

Beim Anblick der Gruppe wirkte Cassidy plötzlich ein wenig eingeschüchtert und blieb neben mir stehen. Vermutlich hoffte sie, dass ich meine Meinung ändern und doch noch mit ihr kommen würde.

„Er freut sich bestimmt, dich zu sehen“, versicherte ich ihr mit einem aufrichtigen Lächeln. Dann ging ich in die Richtung zurück, aus der wir gekommen waren, doch nach einem Schritt drehte ich mich noch einmal zu ihr um. „Oh, und um die Schwarzhaarige musst du dir keine Gedanken machen. Sie ist nicht seine Freundin.“ Ich zwinkerte ihr zu, worauf Cassidy sich sichtlich entspannte und auf ihren Schwarm zuging.

Ich dagegen machte mich im Eiltempo auf den Weg zu meinem Geschichtskurs, denn ich wollte Lauren möglichst aus dem Weg gehen, bis mir in der vierten Stunde nichts anderes mehr übrig bleiben würde, als mich ihr zu stellen.

 

 

Kapitel 11

 

 

ICH KAM ZU spät zu Spanisch. „¡Lo siento, Señora Sanchez!“, murmelte ich zur Entschuldigung, ehe ich mich auf meinen Stuhl schob und leise die Bücher aus dem Rucksack holte. Meine Lehrerin nahm mir meine Verspätung nicht übel, Lauren allerdings wohl schon. So, wie sie mich aus zusammengekniffenen Augen musterte, kaufte sie mir wahrscheinlich nicht ab, dass Coach Swanson mich nach dem Sportunterricht aufgehalten hatte. Vielleicht war es auch nur eine Schockreaktion auf mein blaues Auge. Wer konnte das bei dem Mädchen schon sagen? Egal. Meine Verspätung hatte mir eine weitere Stunde Zeit verschafft, ehe sie mich wegen Samstag und dem Spiel zur Rede stellen konnte … und warum ich danach nicht zu ihr gegangen war.

Die Stunde ging viel zu schnell vorbei und ich wusste immer noch nicht, was ich sagen sollte, als Lauren mir den Weg in die Mittagspause versperrte.

„Nett“, sagte sie. Die Arme über der Brust verschränkt lehnte sie in der Tür und nickte zu meinem Auge.

„Äh, ja … Ich bin am Wochenende in eine Prügelei geraten.“ Als sich die Schüler an mir vorbei aus der Klasse schoben, trat ich zur Seite. Lauren jedoch nicht. Ihrer Meinung nach brauchten die anderen offenbar nicht mehr als einen Fußbreit Platz, um sich hinauszudrängen.

„Das habe ich gehört. Becky hat’s mir erzählt. Sie wusste nur nicht, warum. Das hat Tyler ihr nicht verraten.“ Sie legte den Kopf schräg und nagelte mich mit vorwurfsvollem Blick fest. „Und auch die anderen Jungs wollten nichts ausspucken.“

Ich presste die Lippen zusammen und hob kurz die Augenbrauen, ohne auf ihre unausgesprochene Frage zu antworten. Aus mir würde sie nichts rausholen.

Nach einem dreißigsekündigen Blickduell glitt sie von der Tür weg und rutschte um die Ecke zurück ins Klassenzimmer. An die Wand gelehnt wartete sie, bis der Raum leer war, und verabschiedete sich von Mrs. Sanchez, als diese zu ihrer nächsten Klasse ging.

„Chris, was ist denn in letzter Zeit nur los mit dir?“, fragte Lauren, als wir allein waren. Ihre Stimme klang einen Hauch leiser als zuvor. „Was hat sich verändert?“

„Was meinst du? Alles ist doch so wie immer.“ Da es nicht ratsam war, ihr bei dieser fetten Lüge ins Gesicht zu schauen, lenkte ich meinen Blick einfach mal auf ihre schlanken Beine, die in engen weißen Jeans steckten.

„Nein, ist es nicht.“ Sie schlang die Finger um den Träger meines Rucksacks, der über meiner rechten Schulter hing. Plötzlich fand ich ihre Nähe extrem erstickend, als ob jemand die ganze Luft aus dem Raum abgesaugt hätte. „Irgendwas stimmt nicht. Du musstest neulich nachsitzen und vergangene Woche hast du zum ersten Mal unsere Nachhilfestunde abgesagt. Du fängst Prügeleien an— “

„Nur eine Prügelei“, berichtigte ich schroff und beging den Fehler, ihr ins Gesicht zu schauen. Ihre großen dunklen Augen blickten forschend in meine. Sofort wurde meine Stimme einen Ton weicher, obgleich immer noch trotzig. „Ich habe das heute früh schon mit Will geklärt, also musst du dir deswegen keine Sorgen machen.“

„Ich mache mir keine Sorgen.“ Sie löste ihre Hand von meinem Träger und verschränkte die Arme erneut vor der Brust. Wieder wirkte sie argwöhnisch. „Ich wundere mich bloß …“

Ich ließ den Blick durch den Raum schweifen und zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ist es der Stress vor den Winterprüfungen.“

Ein Moment verging in Schweigen. „Ja, vielleicht.“ Sie nahm mir ganz eindeutig kein Wort ab, aber sie seufzte und es sah so aus, als wollte sie mir das durchgehen lassen. „Vergiss den Spanischtest am Freitag nicht. Wenn du mit mir dafür lernen willst, gib mir Bescheid.“

Ohne Zweifel hoffte sie, ich würde ein Treffen heute nach der Schule vorschlagen, vor dem Basketballtraining, wie schon so oft in den vergangenen Wochen. Aber das konnte ich nicht. Schließlich hatte ich Hausarrest und war mir ziemlich sicher, dass Mom mich nicht rauslassen würde. Nicht einmal, um mit einer Freundin zu lernen. Was natürlich nicht hieß, dass ich sie überhaupt fragen würde.

Ich räusperte mich, rückte meinen Rucksack auf der Schulter zurecht und setzte ein schmales Lächeln auf. „Ich ruf dich an, versprochen.“ Als sie zögernd nickte, flüchtete ich aus dem Klassenzimmer und lief in die Cafeteria.

Dort pflanzte ich mich auf den Stuhl neben Rebecca, stellte mein Tablett vor mich und schob mir eine Handvoll Fritten in den Mund.

T-Rex beugte sich nach hinten und blickte um seine Freundin herum zu mir. „Warum bist du so spät dran? Hat dich was aufgehalten?“

„Jap. Lauren“, antwortete ich und suchte auf meinem Tablett nach dem Ketchuppäckchen, das ich mir an der Theke mitgenommen hatte. Es hatte sich unter dem Burger versteckte. Ich riss es auf und quetschte das Ketchup über die Pommes. Dann warf ich Becks einen schnellen Blick zu. „Sie hatte das Bedürfnis, über Veränderungen zu reden.“

Rebecca hielt meinem Blick stand, die Lippen zusammengepresst, die Augenbrauen hochgezogen. Sie unterdrückte ein Grinsen und zuckte unschuldig mit den Schultern. „Tja, weißt du, vielleicht ist es an der Zeit?“ Sie klaute sich eine Pommes von meinem Teller und biss ein Stück ab.

Ich erwiderte ihr amüsiertes Grinsen mit einem zynischen Lächeln. „Vielleicht auch nicht.“

Oder aber es war wirklich an der Zeit für eine gewisse Veränderung, nur leider eben nicht auf die Weise, die sich Becky erhoffte. Mein Blick wanderte durch die Tischreihen direkt zur Fußballecke. Sue knabberte an einem Sandwich. Sie bemerkte mich nicht und hatte nur Augen für Ethan. Natürlich.

Ich knurrte mürrisch und verdrückte mein Mittagessen. Da ich mich verspätet hatte, ging die Pause viel zu schnell vorüber, dabei war ich noch nicht mal bis zum Dessert gekommen. Doch ich musste wieder zum Unterricht, also schnappte ich mir den dunkelroten Apfel, stand mit den anderen auf und ging zum Ausgang der Cafeteria, wobei ich die Frucht an meinem Ärmel abwischte. Ich warf noch einen letzten Blick zum Fußballtisch, als ich in den Apfel biss, und – verdammt! In diesem Moment blieb mir der Bissen vor Schreck im Hals stecken.

Susan saß dort immer noch mit meinem Bruder … allein. Die anderen Fußballer waren weg und die beiden blickten sich an, als hätten sie sich jede Menge zu sagen. Dinge wie: Willst du meine feste Freundin sein? Ich liebe dich? Oder vielleicht – hoffentlich – ich bin schwul?

Andererseits, was, wenn Ethan am Wochenende festgestellt hatte, dass er doch total in Sue verknallt war? Obwohl sie sich allmählich für mich erwärmte, wartete sie eindeutig immer noch darauf, dass er mehr von ihr wollte. Hatte sie schließlich bekommen, worauf sie aus war? Worüber zum Teufel redete Ethan nur mit ihr? Ich wollte Sue nicht länger anbaggern, wenn sie die Freundin meines Bruders war. Verdammt noch mal, das durfte ich nicht! Gleichzeitig konnte ich aber auch nicht aufhören, sie anzustarren.

Die Ungewissheit brachte mich noch um den Verstand. Ein eisiger Schauer rollte mir über den Rücken und hinterließ dabei ein Gefühl, als wäre ich in einen Reißwolf geraten. Erst, als Becks von hinten in mich reinkrachte, wurde mir klar, dass ich in der Tür stehen geblieben war.

„Chris?“, fragte sie und ihr Blick schweifte zwischen mir und Susan hin und her. Als sie endlich meine ganze Aufmerksamkeit hatte, hob sie die Augenbrauen. „Kommst du?“

Mit zusammengebissenen Zähnen nickte ich und warf auf dem Weg nach draußen den Apfel in den Mülleimer. Der Appetit war mir vergangen.

Die letzten beiden Schulstunden waren die Hölle. Ständig wanderten meine Gedanken zu Ethan und Sue in der Cafeteria. Weiß der Teufel, wie lange sie dort noch gesessen hatten – allein. Was war so wichtig, dass sie ohne die anderen darüber reden mussten? Diese beständige Rastlosigkeit ging mir ziemlich bald auf die Nerven.

In Biologie fischte ich zwei Mal mein Handy unter dem Tisch hervor und tippte eine Nachricht an Sue. Statt sie jedoch abzuschicken, löschte ich sie jedes Mal wieder und steckte schließlich das Handy weg. Sie war nicht diejenige, mit der ich sprechen wollte. Vielmehr sollte mir Ethan endlich Rede und Antwort stehen. Wir hatten am Samstag einen Anfang gemacht und heute Nachmittag hatte ich vor, die Sache zu Ende zu bringen. Keine Ausflüchte mehr. Er war mir eine verdammte Antwort schuldig.

Jetzt musste ich mir nur noch überlegen, wie ich dieses Gespräch beginnen und ihn vom Weglaufen abhalten wollte. Oder daran hindern sollte, dass er wieder seine Tür verriegelte.

„Hey, Mann, rate mal, was!“ Brady rempelte mir auf dem Weg zur Englischstunde gegen die Schulter und riss mich damit aus meinen Gedanken. Er gab mir jedoch gar keine Zeit für eine Antwort. „Ich hab heute ein Date.“

„Cool. Mit wem?“

„Cass.“

„Hm?“

Auf meinen verwirrten Blick hin machte Brady ein Gesicht, als ob ich das Mädchen kennen müsste. „Die Kleine, die du mir heute Morgen geschickt hast. Rote Haare, tolle Figur. Wie kannst du die vergessen haben? Sie ist total niedlich.“

„Ach so, Cassidy.“ Ich verdrehte die Augen über mich selbst. „Ja, sie ist wirklich nett.“

Brady schüttelte den Kopf. Offenbar hielt er mich für einen hoffnungslosen Fall. „Wie steht’s übrigens an der Streber-Date-Front? Ist das Mädchen vom Nachsitzen bereits deinem Charme erlegen?“

Ich saugte an meinen Zähnen und stieß einen langen Atemzug aus. „Noch nicht. Aber ich arbeite dran.“

Da lachte er ungläubig. „Was ist denn das Problem?“

„Mein Bruder. Sie mag ihn und ich muss noch herausfinden, ob er auch auf sie steht. Falls ja, werde ich mich auf keinen Fall einmischen.“

Nachdenklich rieb sich Brady das Kinn mit Daumen und Zeigefinger. „Ja, das wäre echt übel.“ Dann wandelte sich seine Miene zu einem grimmigen Grinsen. „Find’s besser schnell heraus. Ich hab nämlich zwanzig Dollar drauf gewettet, dass du sie noch vor nächster Woche küssen wirst.“

„Du hast Geld auf mich gesetzt?“, platze ich überrascht heraus.

„Ja. Tyler ist der Meinung, dass sie dir bis Mitte dieser Woche zu Füßen liegt. North und Olsen denken, dass du sie nie rumkriegen wirst.“

Ich stellte meinen Rucksack auf meinen Stuhl im Englischraum, drehte mich um und verschränkte die Arme über der Brust, während ich mich an die Tischkante hinter mir lehnte. „Ihr Jungs habt echt ein paar Schrauben locker, das wisst ihr, oder?“

„Jap, das habe ich North und Olsen auch gesagt.“ Brady kicherte, als er mir die Worte im Mund verdrehte. Dann schlug er mir kumpelhaft auf die Schulter. „Dieses Wochenende, Alter. Lass mich nicht hängen.“

Oh, wenn es nach mir ging, hatte ich das ganz bestimmt nicht vor. Ich wollte nicht mal T-Rex enttäuschen. Doch so wie die Sache im Moment stand, sah es nicht allzu gut für mich aus. Ein Grund mehr, meinen Bruder dazu zu bewegen, mir endlich die Wahrheit zu verraten.

Nach der Schule saß ich auf meinem Bett und starrte die Wand an. Ethan war zur selben Zeit nach Hause gekommen wie ich, aber gleich in seinem Zimmer verschwunden. Ich ballte frustriert die Hände zu Fäusten, stand auf und lief ruhelos durchs Zimmer. Stand er nun auf Jungs oder nicht? Die Antwort darauf entschied darüber, ob ich Susan Miller weiter anbaggern würde. Und nach dem verrückten Samstagabend wollte ich nichts lieber tun.

Ich griff mir meinen Original-NBA-Basketball aus dem Regal, mein wertvollster Schatz und absolutes Heiligtum. Kobe Bryant hatte ihn nach einem Spiel für mich signiert; damals war ich fünfzehn gewesen. Keiner aus meiner Familie, ja noch nicht einmal meine besten Freunde, durften ihn berühren – niemals.

Zähneknirschend warf ich den Ball gegen die Wand und fing ihn wieder auf.

Ein wütendes Schnauben entwich mir. Ethan war mir lange genug ausgewichen. Es war höchste Zeit, die Situation ein für alle Mal zu klären. Und ich hatte bereits die perfekte Idee, wie ich ihn zum Reden bringen konnte.

Ich stürmte aus meinem Zimmer und in Ethans hinein, ohne anzuklopfen. Seine ständigen Ausflüchte konnte er von nun an jemand anderem auftischen – ich hatte genug von dem Scheiß.

„Was zum T–“

„Halt’s Maul“, schnitt ich ihm das Wort ab und warf ihm den Ball zu. Fest. Er saß auf dem Bett, ließ den Wii-Controller in den Schoß fallen und fing den Basketball mit beiden Händen auf. „Willst du ihn haben?“

„Will ich was haben?“, fragte er und presste die Augen argwöhnisch zu Schlitzen zusammen.

„Den Ball“, schnappte ich. „Willst du ihn oder nicht?“

Ethan betrachtete eine ganze Weile das schwarze Autogramm auf der orangen Oberfläche. Seine Brauen glätteten sich zwar, aber er sah mich immer noch nicht an. „Ich nehme mal an, den bekomme ich nicht einfach so?“

Natürlich nicht, Bruderherz. Mit granitharter Miene stieß ich hervor: „Wir spielen darum. Wenn du gewinnst, gehört er dir. Wenn ich gewinne, behalte ich ihn und du musst mir eine Frage beantworten.“

Sein Kopf schoss ruckartig nach oben. „Welche Frage?“

„Scheißegal welche. Aber es gibt keine Ausflüchte, keine Hintertürchen, kein Davonlaufen. Du antwortest mir geradeheraus und ehrlich.“

Ethan schluckte. Es war klar, wie sehr er den Ball wollte; ihm lief ja praktisch schon der Sabber aus dem Mund. Kobe Bryant war ebenso sein größtes Idol wie meins. Er hatte mich um den Ball beneidet, seit ich ihn bekommen hatte. Ich wusste nicht mehr, wann er mir zum letzten Mal ein Angebot dafür gemacht hatte, aber es waren sage und schreibe zweihundertfünfzig Dollar gewesen. Für mich war der Ball jedoch unbezahlbar.

Widerwillig stand er vom Bett auf, ohne den Hauptgewinn loszulassen. „Was für ein Spiel hast du im Sinn?“

„Nicht Wii“, sagte ich bloß, denn darin konnte ich ihn niemals besiegen.

„Und nicht Basketball.“ Klar, er wollte auch kein Risiko eingehen.

Wir starrten uns an, bis Ethans Blick langsam zur Seite wanderte. Ich folgte ihm und entdeckte ein Schachbrett im Regal.

Nachdem ich ein paar Sekunden darüber nachgedacht hatte, ging ich hinüber, holte das Spiel aus dem Regal und marschierte aus dem Zimmer. „Gut, dann also Schach“, erklärte ich auf dem Weg nach draußen.

Ethan folgte mir ins Wohnzimmer, wo wir schweigend das Spiel auf dem Sofatisch aufbauten. Als alle Glasfiguren in Reih und Glied standen, bereit für die Schlacht, zog mein Bruder einen milchigen Bauern nach vorn. Ich machte denselben Zug mit meinem durchsichtigen Bauern. Ethan hätte kein besseres Spiel wählen können – es war das Einzige auf der Welt, in dem wir beide gleich schlecht waren. Also eine faire Chance für jeden von uns.

Sollte das Schicksal entscheiden.

Ethan stahl mir eine Figur nach der anderen, und ich sicherte mir ein paar von seinen. Bald schon waren nur noch einige wenige Bauern, unsere beiden Könige, meine Dame und ein Turm und zwei von seinen Läufern auf dem Brett. Wie sollte man das Spiel mit den paar Figuren gewinnen?

Meine Chancen sanken noch weiter, als er meinen letzten Bauern mit seinem König kassierte. Verdammt. Ich musste etwas tun, und zwar schnell, oder mein Plan ging den Bach runter. Nachdem ich eine endlose Weile nachgedacht hatte, zog ich meine Dame näher an seinen König, legte mein Kinn in eine Hand und starrte auf das Brett, um auf seinen nächsten Zug zu warten.

In diesem Moment klingelte es an der Tür. Ein Funken leuchtete in Ethans Augen auf, als er rief: „Es ist offen!“

„Erwartest du jemanden?“, fragte ich.

Im nächsten Augenblick rief eine vertraute Stimme: „Ethan?“ Das klärte die Lage.

Ich hob eine Braue. „Du hast Sue eingeladen?“

Mein Bruder nickte und schrie: „Im Wohnzimmer!“

Normalerweise hätte ich Susan mit einem Lächeln begrüßt, aber im Augenblick war ich viel zu angespannt, sodass ich sie nicht einmal anschauen konnte. Hätte ich den Blick vom Schachbrett gehoben, hätte Ethan die Möglichkeit zum Schummeln gehabt und dieses Risiko konnte ich nicht eingehen. Ich brauchte den Sieg, um ihm diese eine Frage stellen zu können.

„Hey, äh … Jungs?“, stammelte Sue von der Tür aus.

Da Ethan und ich nicht nur gleich aussahen, sondern heute sogar fast die gleichen Sachen trugen – er ein weißes Poloshirt, ich ein schwarzes – befand sich Sue wieder einmal in dem Dilemma, uns nicht auseinanderhalten zu können. Sie tat mir schon beinahe leid, also erbarmte ich mich und zog die Ketten, die mich ihr schon einmal verraten hatten, unter dem Kragen heraus. Das sollte reichen, um sie aufzuklären.

Ethan schob seinen König inzwischen in eine Ecke auf seiner Seite, weg von meiner Dame. Offenbar glücklich mit seinem Zug, hob er den Kopf. „Hallo, Susan.“

Ihre zögernden Schritte kamen näher. Der Duft ihres Kokosnussparfüms, Body Lotion oder Shampoos wehte zu mir herüber. Was auch immer es war, es kroch mir in die Nase und machte mich fast verrückt. Mist, wenn ich dieses Spiel doch nur schon gewonnen hätte und mich auf sie konzentrieren könnte, statt darauf, wie ich den milchigen König mit meiner Dame schlagen konnte.

Zu meiner Überraschung tauchte Susans Hand vor meinen Augen auf. Sie nahm meinen Turm und zog ihn bis ans Ende der Reihe. „Schachmatt.“

Schachmatt? Was zum Geier? Wie? Wo? Wann? Ich musterte das Brett noch eine Sekunde, dann wurden meine Augen groß. „Ha!“ Voll Begeisterung warf ich die Hände nach oben, um Ethan das fantastische Ende dieses schrecklichen Spiels zu präsentieren, und strahlte ihn an. Ich hatte gewonnen!

Ohne nachzudenken, packte ich Susan am Handgelenk und zog sie auf meinen Schoß. „Das ist mein Mädchen!“ Lachend drückte ich sie an mich.

Sue ließ sich von meiner Euphorie anstecken und legte locker einen Arm um meinen Nacken. Wow, ernsthaft? Sie wollte sich gar nicht aus meiner Umarmung winden? Ein Extraschuss Freude durchzog mich in diesem Augenblick. Aber Ethan hatte inzwischen ein besonderes Talent dafür entwickelt, all meine kostbaren Momente mit Sue zu ruinieren. Wieso also nicht auch jetzt?

„Warum hast du das getan?“, fragte er fassungslos.

Sofort wich jeglicher Übermut aus Sue und sie sprang auf. Ich ließ sie nur ungern gehen. Sie fühlte sich gut in meinen Armen an. Am liebsten wollte ich sie für immer festhalten.

Ihre Stimme klang sachlich, als sie Ethan ansah. „Weil ich mit dir reden muss. Und zwar jetzt gleich und nicht erst in zwanzig Minuten.“ Hoppla, so ernst hatte ich sie ja noch nie erlebt. Gab’s etwa Ärger im Paradies?

Mein Bruder presste die Lippen einen Moment zusammen. Der Schock in seinen Augen verschwand schnell und wurde durch Sorge ersetzt. „Okay, gehen wir in mein Zimmer?“

Sue nickte und ging ihm voraus. Ethan folgte ihr, aber ehe er das Wohnzimmer verließ, warf er mir noch einen warnenden Blick über die Schulter zu. „Du hast nicht gewonnen! Wir wiederholen dieses Spiel, wenn du allein auf dich gestellt bist. Kein Mogeln!“

Ganz toll. Wusste ich doch, dass er sich drücken würde, wenn er nur konnte. Ich ließ den Kobe-Bryant-Ball und das Schachbrett auf dem Tisch, kehrte in mein Zimmer zurück und packte meine Sportsachen. In dreißig Minuten begann mein Basketballtraining. Es war sowieso besser, das Haus zu verlassen, anstatt wie ein eingesperrter Tiger auf und ab zu laufen und mir den Kopf darüber zu zerbrechen, was Ethan und Sue gerade in seinem Zimmer machten. Wahrscheinlich alberten sie gerade herum, knutschten, lachten miteinander und …

Aaah! Die Vorstellung wurde von Minute zu Minute lästiger.

Ich war noch nie eifersüchtig auf meinen Bruder gewesen. Er hätte jedes Mädchen haben können, das er wollte. Aber bei Sue … Scheiße noch mal, irgendwie verlor ich total den Kopf in dieser Sache. Dass sie ein Kribbeln in meinem Bauch ausgelöst hatte, als sie vorhin auf meinem Schoß saß, ließ sich nicht leugnen. Und nicht nur da. Das Kribbeln hatte schon vor ein paar Tagen begonnen. Vielleicht am Anfang noch nicht ganz so intensiv, aber der Wunsch, sie zu berühren – sie zu küssen –, hatte mich durch das ganze Wochenende verfolgt. Das war neu. Und irgendwie seltsam.

Ich musste unbedingt das Rätsel lösen, warum ich dieses Verlangen nach ihr einfach nicht abschütteln konnte. Bei Lauren schaffte ich es doch auch, und bei Tiffany und Theresa, und wie sie sonst noch alle hießen. Doch ausgerechnet dieses eine Mädchen mit dem Pferdeschwanz bekam ich einfach nicht mehr aus dem Kopf. Ihretwegen benahm ich mich mittlerweile wie ein Vollidiot.

Allmählich machte ich mir Sorgen …

Hatte ich bei dieser Challenge den Verstand verloren?

Das Basketballtraining wirkte Wunder. Es vertrieb sämtliche Bilder aus meinem Kopf, in denen mein Bruder das Mädchen küsste, das mich nicht mehr losließ. Ich konzentrierte mich nur darauf, möglichst viele Körbe zu werfen. Leider war das Training in Minutenschnelle vorbei – okay, nicht wortwörtlich, aber es erschien mir jedenfalls so – und ich musste wieder nach Hause. Mom hatte die Bedingungen für meinen Hausarrest nicht gelockert. Zu schade.

Susans Auto war weg, als ich nach Hause kam. Fertig damit, meinen Bruder zu küssen?, dachte ich missmutig, weil ich sie verpasst hatte, aber gleichzeitig froh, weil ich so nicht mit ansehen musste, wie die beiden miteinander turtelten.

Ich schlüpfte aus der Jacke, kickte die Schuhe von den Füßen und warf mein schweißnasses Trikot und die Shorts in die Wäsche. Auf dem Weg in mein Zimmer tauchte Ethan in seiner Tür auf. Meine Kehle schnürte sich vor Ärger zu, weil der Bastard so verdammt glücklich aussah. Da ich sein Grinsen nicht ertragen konnte, wich ich seinem Blick aus und schlug meine Tür hinter mir zu.

Es dauerte nicht lang – ich war noch gar nicht fertig mit an die Wand starren – als die Tür sich ohne vorwarnendes Klopfen öffnete und mein Bruder hereinkam. Er hatte sich meinen Kobe-Bryant-Ball unter den Arm geklemmt und baute sich am Fußende meines Bettes auf. Mein finsterer Blick konnte ihn leider nicht verscheuchen.

„Was ist?“, knurrte ich nach einer Weile.

Ethan warf mir den Basketball zu. Obwohl ich ihn fing, war der Wurf so hart, dass er mir die Luft aus den Lungen presste. Mit versteinerter Miene erwiderte Ethan: „Eine. Verfluchte. Frage.“

„Ich versteh nicht ga—“

„Du hast eine Frage frei“, schnitt er mir das Wort ab. „Stell sie jetzt oder nie.“

Ich legte den Kopf schräg und musterte ihn so lange, bis mir der Nacken wehtat. Meinte er das ernst? Sue hatte die Schachpartie für uns beendet, und doch wollte er mir eine Frage beantworten? Was um alles in der Welt hatte seine Meinung geändert?

Mir fiel die Kinnlade runter, als mich die Antwort darauf mit voller Wucht traf. Ethan hatte von Anfang an gewusst, was ich von ihm wissen wollte. Und die einzige Sache, die sich in den vergangenen Stunden geändert hatte, musste seine Antwort sein.

Sue war hier gewesen und er hatte glücklich gewirkt, als er aus seinem Zimmer kam. Offenbar hatten sie die Dinge zwischen sich geklärt. Sie hatten über Beziehungen und den ganzen Kram gesprochen und waren nun zusammen. Ein Paar. Ethan war endlich klar geworden, dass er Sue wollte. Wie wunderbar …

„Verschwinde, Ethan“, murmelte ich und ließ den Ball fallen. Er hüpfte über den Boden und rollte zur offenen Tür. „Ich wüsste nicht, was ich dich fragen könnte, das jetzt noch eine Rolle spielt.“

Zögernd ging mein Bruder zum Ball, hob ihn auf und betrachtete ihn eine Weile, während er ihn langsam in den Händen drehte. „Ist das dein Ernst? Du ziehst diese scheiß Nummer ab, bietest mir deinen heiligen Basketball bei einer Wette an und dann ziehst du den Schwanz ein?“

Was würde es schon ändern, wenn er mir sagte, dass er doch nicht schwul war? Fucking gar nichts. Die Challenge war verloren und Sue nicht länger zu haben.

Aber warum tat mir diese einfache Wahrheit bloß so weh? Ich hatte von Anfang an nicht die Absicht gehabt, eine feste Beziehung mit ihr einzugehen, also sollte ein fairer Rückzug meinem Bruder zuliebe völlig in Ordnung sein. Es sollte mir leicht fallen, Herrgott noch mal.

Ein Seufzen entwich mir. Ich senkte den Blick auf meine Hände in meinem Schoß und pickte an meinen Fingernägeln. „Es ist so, wie es ist.“

„Jap. Also leg los und stell deine dämliche Frage jetzt. Denn wenn du es nicht tust, werde ich den Ball trotzdem behalten.“

Ich hob den Kopf und sah ihn erstaunt an. Ethan forderte mich mit hochgehobenen Augenbrauen zum Sprechen auf. Aber ich musste ihn nicht mehr fragen, ob er schwul war. Die Antwort erklärte sich von selbst. Er war mit Sue zusammen. Ich sollte darüber hinwegkommen und mich für ihn freuen. Und ebenso für sie. Immerhin hatte sie bekommen, was sie wollte – den netteren Zwilling. Hoffentlich wusste Ethan sie auch wirklich zu schätzen. Sie war jemand Besonderes und verdiente einen großartigen Freund. Jemanden, der mehr in ihr sah, als nur eine Challenge. Jemanden, der sie liebte.

Und da war sie plötzlich, die eine Sache, die ich wirklich wissen wollte. Ich schluckte schwer, leckte mir über die Lippen und verschränkte die Beine im Indianersitz. Nach einem letzten trockenen Husten fragte ich meinen Bruder: „Bist du in Susan verliebt?“

Ethan sog scharf den Atem ein und setzte zu einer Antwort an, aber dann klappte er den Mund wieder zu und legte den Kopf schräg. Jap, darauf war er definitiv nicht vorbereitet gewesen.

Fast entschuldigend presste ich die Lippen zusammen und hob seufzend die Augenbrauen. Es war ganz schön uncool, wenn man zugeben musste, dass man das Mädchen seines Bruders hinter seinem Rücken angemacht hatte, aber da nun schon einmal die Stunde der Wahrheit schlug, wäre es unfair gewesen, damit hinterm Berg zu halten, oder?

Mit zusammengekniffenen Augen musterte mich Ethan und stieß dabei langsam den Atem aus. „Nein“, sagte er dann, wobei dieses eine Wort schon fast wie eine Frage klang, und zog eine Grimasse.

Nein? Mir drehte sich der Kopf. Was in aller Welt ging hier vor?

Kopfschüttelnd warf mir Ethan den Ball wieder zu und ging aus meinem Zimmer. In der Tür blieb er jedoch stehen. Wir starrten einander an, beide offenbar völlig verblüfft. Dann fragte er leise: „Und du?“

Die Sekunden verrannen und ich hatte keine Antwort für ihn. Nur das Geräusch meines laut klopfenden Herzens dröhnte in meinen Ohren.

Ein seltsames Lächeln legte sich auf die Lippen meines Bruders, dann nickte er leicht und verschwand. Die Tür ließ er offen.

„Ethan“, rief ich ihm nach. Er streckte den Kopf wieder herein und hob fragend die Augenbrauen. Ein besorgtes Seufzen entwich mir. „Wenn es so wäre … würde es dir was ausmachen?“

„Jetzt sei nicht albern.“ Er lachte und lehnte sich mit einer Schulter in den Türrahmen. „Wenn du in sie verliebt wärst, könntest du das ja wohl kaum willentlich abstellen, oder?“

Ich hatte so ein eigenartiges Gefühl, als wollte er mir mit dieser einfachen Antwort mehr sagen, als es den Anschein hatte. Dass er nicht abstellen konnte, was auch immer er fühlte … Ging es darum? „Wahrscheinlich nicht“, stimmte ich leise zu. „Weißt du, es hat alles mit dieser dämlichen Herausforderung angefangen. Sie war immer so bissig und ich wollte sie nur ein wenig aufziehen. Aber jetzt …“

„Jetzt was?“

Ich atmete tief ein und drückte den Ball an meine Brust. „Jetzt hasse ich den Gedanken, dass sie jemand anderen küssen könnte.“

„Na, um mich brauchst du dir in diesem Fall keine Sorgen machen. Ich werde sie ganz bestimmt nicht küssen.“

„Ernsthaft? Weil ich … ich würde wirklich gern mit ihr ausgehen.“

Ethan lächelte. „Ich denke, das solltest du.“

Ah ja, als ob das so einfach wäre. Sue für mich zu gewinnen war von Anfang an die ultimative Herausforderung gewesen. Und dann war da immer noch ihre Freundschaft mit Ethan. „Das wäre also kein Problem für dich? Ich meine, wenn ich versuche, dir das Mädchen auszuspannen? Du weißt, ich würde es nie tun, wenn du mir sagst, ich soll die Finger von ihr lassen“, fügte ich hinzu.

Ethan spielte die Rolle des großen Bruders und verschränkte die Arme über der Brust. „Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich nicht in sie verliebt bin. Sie weiß auch, dass wir nie ein Paar werden. Und darum geht’s doch, oder?“

Herrgott, bei ihm klang alles so einfach. Argwöhnisch antwortete ich: „Richtig.“ Es wäre kein Ausspannen mehr, wenn er mir die Erlaubnis dafür gab. Das hieß jedoch noch lange nicht, dass Susan ein richtiges Date mit mir überhaupt auch nur in Betracht zog. Ich ließ den Kopf hängen. „Keine Ahnung, wie ich sie davon überzeugen soll, dass sie mir eine ernste Chance gibt.“

Ein kehliges Bellen brach aus Ethans Brust, als er mich tatsächlich auslachte. „Du findest schon einen Weg, Bro.“ Er schloss die Tür und ich blieb allein in meinem Zimmer zurück, völlig aus der Bahn geworfen.

Ich ließ den Kobe-Bryant-Ball, der mir zum Glück immer noch gehörte, auf dem Finger kreiseln und versuchte, meine Gedanken so zu ordnen, dass sie irgendeinen Sinn ergaben. Ethan war nicht länger sauer auf mich und sein Spiel mit Sue hatte heute ein Ende gefunden. Wenn er ihr nicht gesagt hatte, dass er ihr Freund sein wollte, was zum Teufel hatte er ihr dann gesagt? In Anbetracht der Tatsache, dass sie so ein ernstes Gespräch geführt hatten, wirkte er viel zu glücklich.

Worum auch immer es sich gehandelt hatte, es sollte mich nicht weiter kümmern, solange Susan Miller immer noch Single war und ich grünes Licht bekommen hatte, offiziell ihr Herz zu erobern. Jetzt brauchte ich nur noch einen Plan. Wenn ich mich mit ihr in der Schule unterhalten hatte, war das oft nach hinten losgegangen. Sie wollte offensichtlich nicht mit mir gesehen werden, vor allem auch wegen der Challenge, nahm ich an. Selbst wenn sie anfing, mich zu mögen, würde sie vermutlich aus reiner Sturheit diese Zuneigung verstecken.

Schön. Ich konnte auch stur sein.

Die nettesten Reaktionen hatte ich von ihr bekommen, wenn wir allein miteinander sprachen, am Telefon oder bei uns zu Hause. Am besten wäre es, wenn Ethan sie wieder einlud. Aber ich wollte mir keine Chance entgehen lassen, mich in Sues Herz zu schmuggeln, also beschloss ich, ihr an diesem Abend gleich noch mal zu schreiben.

Nachdem ich abends die Küche für Mom aufgeräumt hatte, weil sie gekocht hatte, und meine Hausaufgaben erledigt waren, schaltete ich das Deckenlicht in meinem Zimmer aus und die Nachttischlampe an. Es war fast zehn. Seit Stunden wartete ich auf diesen Moment.

Ich machte es mir auf meinem Bett gemütlich, drückte das Mailsymbol auf dem Handy und tippte eine Nachricht ein.

Hattest du Spaß mit meinem Bruder heute? Er verließ sein Zimmer als glücklicherer Mann. Wurde auch Zeit, seine beschissene Laune seit Sonntag war kaum noch zu ertragen.

Nach dem Abschicken starrte ich auf das Display und zählte die Sekunden, bis ihre Antwort kam. Die Bildschirmbeleuchtung ging ein paar Mal aus. Jedes Mal wischte ich mit dem Daumen über das Glas und wartete.

Piep. Endlich! Eine SMS von Pferdeschwanz-Sue. Mein Herz schlug schneller.

Wir hatten das beste Date aller Zeiten. Und weißt du was, wir haben Videogames gespielt. 😛

Ethan hatte ihr einen Korb gegeben und das nannte sie das beste Date aller Zeiten? Wie war das möglich?

Ich fing meinen Text mit einem Smiley an, der sich verwundert den Kopf kratzte, denn genau das tat ich in dem Moment auch. Allmählich glaube ich, dass man dich nur mit Mario Kart verführen kann. Das habe ich noch nie mit einem Mädchen gespielt. Hmm, vielleicht war ja genau das das Problem.

Sues Antwort kam dieses Mal schneller. Oh, das solltest du mal ausprobieren. Du wärst überrascht. Und dann hoben sich meine Mundwinkel unwillkürlich, als ich ihre letzten Worte las. Träum was Hübsches, Sonnenschein.

Ah, damit hatte sie mich in die Knie gezwungen. Kopfschüttelnd lachte ich und schrieb: Du hast mir meinen Text geklaut. J Ich seh dich morgen.

Danach schaltete ich das Licht aus und schloss die Augen. Welcher Traum mich in dieser Nacht auch heimsuchen würde, ich hoffte, dass Sue eine Rolle darin spielte.

 

 

Kapitel 12

 

 

ETHAN LEHNTE AM Kofferraum seines Autos, die Beine überkreuz, die Arme verschränkt, als ich am Dienstagmorgen aus der Tür kam. „Brauchst du eine Mitfahrgelegenheit?“, fragte er und hob die Augenbrauen.

Grinsend zog ich den Schlüssel des SUV aus der Tasche und schwenkte ihn in der Luft. „Ich nehm Moms Auto. Basketballtraining nach der Schule.“ Dann ging ich zu ihm hinüber und hielt ihm die Faust hin. „Aber danke fürs Angebot.“

Als mein Bruder mit seiner Faust gegen meine schlug, wussten wir beide, dass die Sachen, die am Wochenende passiert waren, vergessen und begraben waren. Ein riesiger Felsbrocken fiel mir von der Brust.

Ich schlenderte zu Moms Auto und öffnete die Tür, während Ethan um seinen Wagen herumging. Ein Bein schon drin und die Hand am Lenkrad, rief ich ihm zu: „Hey, E.T.!“

Er drehte sich um. „Hm?“

„Würdest du mir einen Gefallen tun? Frag Sue bitte, was ihr Lieblingskuchen ist, wenn du sie siehst.“

„Sicher.“ Er runzelte die Stirn. „Warum?“

„Sie kommt doch am Samstag zum Essen“, sagte ich beiläufig und versuchte, meine Freude darüber zu verbergen. „Ich dachte, ich mach auch ein Dessert.“

Er musterte mich ein paar Sekunden, dann grinste er. „Der beste Weg ins Herz eines Mädchens, was?“

Ich zuckte lässig mit den Schultern und ließ mich in den Sitz des SUV gleiten, aber natürlich hatte mich Ethan total durchschaut. Ach, was soll’s. Er schien nichts dagegen zu haben, warum also sollte ich mir die Mühe machen, meine Sympathie für Sue vor ihm zu verstecken? Ich drückte zum Abschied zwei Mal auf die Hupe und fuhr an ihm vorbei in Richtung Schule.

Als ich an diesem Morgen mit Brady die Flure durchstreifte, wurde mir klar, dass die kleine Sue offenbar Verstecken mit mir spielte, denn das Kätzchen war nirgendwo in Sicht. Brady entdeckte Cassidy und schlug mir auf die Schulter. „Bis später beim Training.“

Er schlich sich von hinten an das Mädchen heran und ich machte mich auf den Weg zu meiner ersten Stunde.

Der Morgen ging wie im Flug vorüber. Lauren war in Spanisch außergewöhnlich still – sie schaute mich nur kurz an, als Mrs. Sanchez das Klassenzimmer betrat, und ignorierte mich danach die restliche Stunde. Ich fand das ziemlich nervig. Lauren war mir ans Herz gewachsen, weit mehr, als ich erwartet hätte, wenn man bedachte, dass ich normalerweise keine kumpelhaften Freundschaften mit Mädchen pflegte. Dass sie mir jetzt die kalte Schulter zeigte, machte mir den Grund für eben diese Regel noch mal ganz deutlich klar.

Um die Situation zu entspannen, schnappte ich sie nach Spanisch an ihrem Strickpulli und zog sie zurück zu mir. „Hey, Parker, nicht so schnell.“

Ihr schnurgerades schwarzes Haar breitete sich wie ein Fächer aus, als sie zu mir herumwirbelte. Sie schenkte mir ein höfliches, aber distanziertes Lächeln, das die Freundschaft, die wir in den vergangenen Monaten aufgebaut hatten, praktisch mit Füßen trat. Fragend zog sie die dünnen Augenbrauen nach oben. „Was ist los?“

Äh … „Ich dachte, wir könnten heute zusammen Spanisch lernen.“ Und uns dabei ausnahmsweise mal nur auf Spanisch konzentrieren – ganz ohne Sex. Immerhin wollte ich eine gute Note bei dem Test am Freitag.

Offenbar kam der Vorschlag gut an, denn ihr Lächeln wurde einen Hauch wärmer. „Klar.“ Sie machte eine Pause. „Soll ich später bei dir vorbei kommen?“

Warum nicht? Lauren war nicht nur eine tolle Nachhilfelehrerin, sondern auch ein Mädchen. Vielleicht konnte sie mir ein paar gute Tipps geben, wie ich Sues Herz gewinnen konnte. „Ich habe nach der Schule Basketballtraining, aber ich ruf dich an, wenn ich zu Hause bin.“

„Okay, tu das.“ Dann senkte sie den Blick auf meine Hand, mit der ich ihren Sweater immer noch umklammerte. „Willst du den haben oder was?“ Kichernd löste sie meine Finger, einen nach dem anderen.

„Tut mir leid.“ Ich ließ sie los und fuhr mir mit der Hand durch die Haare. „Bis später.“

 

*

 

Nachdem ich mir den Schweiß von einem neunzigminütigen Basketballspiel abgeduscht hatte, griff ich mir meine Sporttasche und ging über den Parkplatz zu Moms Auto. Ich warf die Tasche auf den Rücksitz und wollte gerade einsteigen, als ein Mädchen meine Aufmerksamkeit einfing. Oh nein, es war nicht nur irgendein Mädchen …

Ich hielt den Türgriff fest umklammert und beobachtete ein paar Minuten, wie Susan am Eingang zum Fußballplatz stand. Wartete sie auf jemanden? Vielleicht auf mich?

Nö, konnte nicht sein. Ich verwarf den Gedanken sofort wieder und biss die Zähne zusammen. Aber dennoch … sie war hier. Und warum eine so gute Gelegenheit vergeuden? Ich holte mir meine Lederjacke vom Beifahrersitz und schlug die Tür zu, dann drückte ich den Verriegelungsknopf auf dem Autoschlüssel. Während ich mir die Jacke anzog, schlenderte ich zu Sue und steckte mir einen Streifen Kaugummi, den ich in der Tasche gefunden hatte, in den Mund.

Susan war völlig darin versunken, einen vergessenen Ball auf dem Gras vor sich zu betrachten. Sie bemerkte nicht einmal, dass ich näherkam. Die Hände in den Taschen ihres hellrosa Sweatshirts vergraben, seufzte sie auf.

Ich lehnte mich an den Pfosten des offenen Tors. Als sie mich nach einer Minute immer noch nicht bemerkte, fragte ich leise: „Führst du stille Gespräche mit dem Ball?“

Wie ein erschrockenes Kaninchen fuhr Sue herum. Als sie mein Gesicht sah, vor allem mein allmählich verheilendes Veilchen, der Beweis, dass ich der andere Zwilling war, räusperte sie sich. „Was machst du hier?“

„Dienstags habe ich Basketballtraining. Ich war gerade auf dem Heimweg und hab dich hier stehen sehen. Was die Gegenfrage aufwirft: Was machst du hier?“ Ich legte den Kopf schräg. „Ich meine, außer zu versuchen, den Ball mittels Telepathie ins Tor zu schießen.“

Sue sah mir einen langen Moment tief in die Augen. Was immer sie dort fand, verleitete sie dazu, mich nicht anzublaffen wie sonst. Ihr Ton war ungewohnt sanft. „Eigentlich weiß ich das selber nicht so genau.“ Sie hob eine Schulter und ließ sie in hilfloser Geste wieder sacken. „Vielleicht fehlt mir einfach das Fußballspielen.“

„Und du kannst nicht spielen, weil du dir dein Knie verletzt hast, richtig?“ Ich hatte mir vor einiger Zeit mal den Knöchel übel verstaucht und konnte zwei Wochen lang nicht Basketball spielen. Das war die Hölle gewesen, daher verstand ich nur zu gut, wie schrecklich das für sie sein musste.

Sue blickte mich mit offenem Mund an, als hätte ich gerade mit bloßen Händen in drei Minuten ein Haus vor ihrer Nase gebaut. Überraschte es sie, dass ich mich an ihr verletztes Knie erinnerte? „Ja, manchmal höre ich tatsächlich zu, weißt du“, sagte ich und lachte. Dann hob ich den Ball auf. Mir war eine Idee gekommen. „Hey, willst du spielen?“

Ich wollte den Fußball prellen lassen, aber im Gras sprang er nicht hoch. „So ein Mist.“ Ich hob ihn erneut auf und ließ ihn stattdessen auf dem Finger kreiseln. Jap, das funktionierte mit jedem Ball. „Welches Bein hast du dir verletzt? Du könntest mit dem anderen schießen“, schlug ich schulterzuckend vor, als sie mich immer noch ansah, als hätte sie ein Bus gestreift. „Und ich stehe im Tor.“

„Ich schieße mit rechts, und rechts ist auch mein Knie verletzt. Das wäre also ziemlich unfair.“ Susan zog ein langes Gesicht, aber so leicht gab ich nicht auf.

„Ach, nicht so schüchtern.“ Ich klemmte mir den Ball unter einen Arm, schlang den anderen um Sues zauberhafte Taille und zog sie mit mir. „Ich habe noch nie Fußball gespielt, also sollten die Chancen ausgeglichen sein.“ Und das war die reine Wahrheit.

Zwar kam sie mit, dennoch warf sie mir einen verwunderten Seitenblick zu. „Soweit ich weiß, hast du Hausarrest. Bedeutet das nicht, dass du direkt nach dem Training nach Hause gehen solltest?“

„Das hier ist Training.“ Irgendwie. Nur nicht meins und nicht der Sport meiner Wahl. Mom würde es verstehen. Andererseits würde sie es erst gar nicht erfahren. „Wenn ich später dafür Ärger bekomme, schiebe ich die Schuld auf deinen traurigen Dackelblick, an dem ich nicht vorbeigehen konnte.“

Ich hatte den Arm immer noch um sie gelegt und spürte so ihr Kichern. Es klang total süß. Und endlich gab sie nach. Sie kramte ein Gummiband aus ihrer Hosentasche und band sich die Haare zu einem sexy Pferdeschwanz zusammen. „Also gut. Lass uns spielen.“

Sues Kummer verwandelte sich in niedlichen Enthusiasmus und in mir machte sich unwillkürlich der Wunsch breit, sie näher an mich heranzuziehen.

Als wir das Ende des Fußballplatzes erreichten, warf ich ihr den Ball zu, zog die Lederjacke aus und ließ sie auf den Boden fallen. Das Tor war riesig. Viel größer als es aus der Entfernung gewirkt hatte. „Wow, wer verteidigt das? Ein Elefantenbaby und seine Mama?“

Sue schnaubte belustigt. „Nick Frederickson ist unser Torwart und er macht seine Sache verdammt gut.“

Nick Frederickson war ein Riese – einen halben Kopf größer als ich und ich war schon nicht gerade klein. Es überraschte mich also nicht, dass sie ausgerechnet ihn auf dieser Position spielen ließen. Ich rieb mir die Hände und pustete in die Handflächen. Dann ging ich leicht, die Hände auf die Oberschenkel gestützt, in die Hocke. „Okay, dann los, Sonnenschein.“

Sue legte den Ball auf eine weiße Linie und schob ihn dann mit den Zehenspitzen ein Stückchen näher in Richtung Tor. Da richtete ich mich auf und musterte sie ernst. „Liegt er da auch richtig?“

„Absolut!“

Ja, sicher. Ihr Kichern verriet etwas ganz anderes. Ich verdrehte die Augen, doch in einem solch einmaligen Moment wollte ich nicht auf Kleinigkeiten beharren, deshalb ging ich wieder vor dem hausgroßen Tor in Verteidigungsposition.

Geblendet von der Sonne, kniff Susan die Augen zusammen und nahm mich ins Visier. Eine Sekunde später legte sie einen Hammerschuss hin. Der Ball kam auf mich zugeflogen, aber viel zu hoch. Selbst als völliger Fußballdummie wusste ich, dass er niemals im Netz landen würde. Ich hob nur den Kopf und sah zu, wie er den Querpfosten über mir traf und dann zurück zu ihr prellte. Na, das war ja wohl nichts.

Erneut legte Sue den Ball auf die unsichtbare Marke, die sie für ihren Freistoß auserkoren hatte. Ihr nächster Schuss saß – mein Hechtsprung zur Seite war ein Sprung ins Leere und ich schlug hart auf dem Boden auf. Verdammt. Es hätte drei von mir gebraucht, um dieses Tor zu blockieren. „Anfängerglück“, brummte ich, als ich aufstand und sah, wie Sue einen kleinen Siegestanz aufführte, als hätte sie gerade die Weltmeisterschaft gewonnen.

„Warum? Du bist doch der Anfänger.“ Sie lachte und hörte erst mit ihrem Tänzchen auf, als ich ihr den Ball zuwarf.

Ich wartete auf ihren nächsten Schuss. Sue täuschte nach rechts an, aber als ich mich in diese Richtung bewegte, schoss sie nach links. Diese kleine Hexe! Sie hatte mich reingelegt. Ich starrte in die obere linke Ecke, als der Ball glatt ins Tor segelte.

Sie war echt gut, das musste man ihr lassen. Allerdings musste ich ja nicht auch noch ihr Ego unterstützen. „Den habe ich für dich durchgelassen“, neckte ich sie.

„Ja, klar, träum weiter.“ Das Funkeln in ihren Augen verriet mir, dass ihr unser kleines Match ziemlichen Spaß machte. Auch ihr vierter Schuss ging ins Tor. Direkt über meinen Kopf hinweg. Mein Sprung war ein wenig zu niedrig gewesen, um ihn aufzuhalten.

Ich knirschte mit den Zähnen und hob den Ball auf. „Niemand kann dieses Tor sauber halten, wenn man nicht gerade ein Elefant ist. Auf einem Trampolin.“

„Gibst du auf?“, fragte Sue erfreut, als ich zu ihr rüberging.

„Das hättest du wohl gern.“ Ich ließ den Ball ein paar Mal auf meinem rechten Knie springen. „Wir spielen jetzt gegeneinander.“

„Keine gute Idee.“ Susan hob ihr Bein, um mich an ihre Verletzung zu erinnern – als hätte ich die vergessen. „Verletztes Knie, weißt du noch? Ich kann nicht rennen.“

„Aber du kannst joggen“, hielt ich dagegen. „Langsam. Oder?“ Um ihr den Vorschlag etwas schmackhafter zu machen, fügte ich hinzu: „Und ich verschränke die Hände hinter dem Rücken.“

Ihr Pferdeschwanz schwang zur Seite, als sie den Kopf schräg legte und mich sarkastisch ansah. „Fußball spielt man ohne Hände, Schlaumeier.“

Das Mädchen war echt schwer zu überzeugen. In mehr als nur einer Hinsicht. „Gut. Dann mache ich das und laufe noch dazu rückwärts. Besser?“

Ich wartete nicht auf ihre Zustimmung, schob die Hände in meine hinteren Hosentaschen und lief rückwärts in Richtung Ball, praktisch blind. Okay, nicht wirklich blind – ich sah dabei über meine Schulter – aber auf diese Weise zu rennen, war schon irgendwie doof.

Sue war vor mir beim Ball. Von meinem Vorschlag offenbar immer noch nicht so richtig überzeugt, schob sie ihn nur aus meiner Reichweite und wollte anscheinend über neue Regeln diskutieren. Keine Chance. Mit dem Absatz versuchte ich, ihr den Ball abzunehmen. Schließlich akzeptierte sie, dass ich nicht aufgeben würde, und stieg mit etwas mehr Begeisterung ins Spiel ein. Mit kurzen Schüssen und gemächlichem Laufschritt machte sie sich auf den Weg zum Tor.

Nicht so schnell, kleine Maus! Ich schnitt ihr den Weg ab und schnappte mir den Ball, aber obwohl ich direkt vor dem Tor war, hatte ich keine Chance, einen Schuss zu machen. Trotz ihrer Knieverletzung war Sue einfach zu schnell. Offenbar begann sie allmählich Gefallen an unserem Spiel zu finden, auch wenn sie ihr breites Grinsen zu verstecken versuchte.

Plötzlich war ihr jedoch das Grinsen wie aus dem Gesicht gewischt und ihre Augen wurden vor Schreck ganz weit. „Pass auf!“, rief sie. Gleich darauf traf mich etwas hart am Rücken und presste mir förmlich Luft aus den Lungen. Dabei verschluckte ich meinen Kaugummi.

Der verdammte Torpfosten war mir in die Quere gekommen.

Unverletzt, aber mit einem leisen Klingeln im Kopf nach dem Aufprall, fiel ich zu Boden und gab vor, bewusstlos zu sein. Susans hysterisches Gelächter erschallte neben mir. Ich beschloss, ihr einen Moment zu geben, damit sie sich wieder sammeln konnte, ehe ich die Augen öffnete. Sie beruhigte sich jedoch nicht. Ja, wie schön, dass es dich so erheitert, wenn ich mir wehtue, Sonnenschein. Ich presste die Zähne aufeinander, um ein Grinsen zu unterdrücken. Oh, das würde sie so was von bereuen.

„Was ist los? Ist dir die Puste ausgegangen?“ Sie klang viel näher, vermutlich stand sie jetzt direkt neben mir. Ihre Stimme zitterte immer noch von ihrem Lachanfall. „Komm schon, ich bin mir sicher, dieser kleine Stoß hat nicht halb so weh getan wie Wills Schlag in dein Gesicht.“

Ich antwortete nicht, nicht mal, als sie mir die Fußspitze in die Rippen bohrte.

Ihr Lachen erstarb. „Ist alles in Ordnung?“

Ja, alles bestens. Doch sie konnte sich auf eine Überraschung gefasst machen, sobald sie sich neben mich hockte.

Ein kurzes Schweigen folgte, ungefähr einen Herzschlag lang, dann spürte ich einen Luftzug, der mir verriet, dass sie sich neben mich kniete und sich über mich beugte. Sorge kroch in ihre Stimme. „Chris?“

Perfekt! Da sie gerade einen Schatten über mein Gesicht warf, wusste ich genau, wo sie war. Ich griff so schnell nach oben, dass sie keine Chance hatte, mir auszuweichen, als ich ihren Nacken umschlang. Sanft genug, um sie nicht zu verletzen, aber immer noch unnachgiebig und entschlossen, zog ich sie zu mir herunter, bis wir uns so nahe waren, dass ich mein Spiegelbild in ihren schockiert blickenden Augen sehen konnte. Die Hände auf meine Oberarme gestützt, schnappte sie erschrocken nach Luft.

Ich bemühte mich um eine ernste Miene. „Du hast mich ausgelacht.“ Dann gab ich dem Lachen nach, dass ich so angestrengt die letzten sechzig Sekunden unterdrückt hatte. „Das wirst du mir büßen.“

Den Blick immer noch mit meinem verfangen leckte sie sich über die Lippen und schluckte. Ihre Augenbrauen schossen fragend nach oben. „Lass mich raten. Du willst ein Date?“

Einen Kuss hätte ich zwar vorgezogen, aber ein Date war mir auch recht. „Klingt nach einer guten Idee.“

„Ernsthaft, wann gibst du endlich auf?“ Der Missmut in ihrer Stimme war mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Es klang ganz so, als hätte sie mir am liebsten eine gescheuert, obwohl ihre Augen ja eine völlig andere Geschichte erzählten. Eine viel romantischere …

„Wenn ich bekommen habe, was ich will, Sonnenschein. Oder, um es in deinen Worten auszudrücken“, scherzte ich, „wenn die Hölle zufriert.“

Sue schnaubte und zog die Nase hoch. „Das wird nicht passieren, Freundchen.“

Wirklich nicht? Ohne eine weitere Sekunde zu verschwenden, rollte ich uns beide herum, sodass sie unter mir gefangen war. Ein Keuchen entfuhr ihr, aber gleichzeitig brach sie in einen weiteren Lachanfall aus, der ihren Körper erbeben ließ. Ich verwendete nur einen Teil meines Gewichts, um sie am Boden zu halten, und fixierte sie mit ungerührtem Blick.

„Runter von mir, Chris! Du zerquetschst mich!“, quietschte sie. Die Worte klangen durch ihr Lachen abgehackt. Sie wand ihre Arme frei, hob die Hand und gab mir eine Kopfnuss an die Stirn.

Was zum Geier? Hatte sie ihre Lektion immer noch nicht gelernt? „Oh, das hättest du nicht tun sollen, Sonnenschein“, sagte ich leise. Die Überraschung in ihren Augen war das reinste Vergnügen, als ich ihre Handgelenke packte und sie über ihrem Kopf ins Gras drückte. „Weißt du noch, was ich dir versprochen habe, wenn du das noch mal machst?“ Ein Knutschfleck in der Größe von Ohio. Es war an der Zeit, mein Versprechen einzulösen.

Sue fiel die Kinnlade runter, als es ihr dämmerte. „Nein, das wagst du nicht –“

Ich zog eine Augenbraue hoch. „Wetten doch?“

Sie wand und wehrte sich unter mir wie wild, aber gleichzeitig lachte sie auch bei der Aussicht, gleich von mir geknutscht zu werden. Langsam senkte ich den Kopf und streifte sanft mit meinen Lippen seitlich über ihren Hals.

„Lass das! – Lass – Nein! – Halt! – Wag es ja nicht, an mir rumzusaugen!“, rief Sue lachend.

Grinsend presste ich meinen Mund auf ihre zarte Haut. Meine Güte, sie duftete einfach himmlisch. Nach Kokosnuss und Sommerliebe. Ihren Hals zu küssen fühlte sich noch viel besser an, als ich zu träumen gewagt hatte. Ein genüssliches Stöhnen entfuhr mir. Ich öffnete leicht den Mund und ließ Sue meine Zunge auf ihrer Haut spüren. Nur ein sanftes Streicheln und sie erschauerte unter mir. Ich mochte es, wenn ein Mädchen so offensichtlich auf meine Liebkosungen reagierte, doch bei Sue war es weit mehr als das. Ihre Aufregung kroch mir direkt unter die Haut und weckte in mir den Wunsch, lieber mit ihrer Zunge zu spielen als mit ihrer Haut.

„Argh! Nimm deinen sabbernden Mund von mir!“, befahl sie – allerdings mangelte es ihr heftig an Überzeugungskraft. Es war schließlich nicht meine Schuld, dass sie immer noch quietschte und kicherte, wie ein glückliches kleines Entlein. Inzwischen bestand für mich nicht mehr der geringste Zweifel daran, dass sie gar nicht wollte, dass ich aufhörte. Die Kleine weigerte sich nur verbissen, es zuzugeben.

Mit meiner Zungenspitze zeichnete ich eine Schlangenlinie über ihren Hals nach oben und hauchte abschließend einen federleichten Kuss unter ihr Ohr. „Wieso, das ist nur das Vorspiel, Sue“, flüsterte ich. Dann saugte ich einmal kurz an ihrem Hals und verpasste ihr den versprochenen Knutschfleck.

„Iiih! Du hast mich gebrandmarkt“, jammerte sie. Dabei fiel ihr wohl nicht einmal auf, dass sie mich näher an sich zog, statt mich wegzustoßen.

Ihre Unentschlossenheit brachte mich zum Lachen. „Und du solltest es voller Stolz vorzeigen“, sagte ich, als ich schließlich aufstand und sie an den Handgelenken auf die Füße zog.

Sobald sie stand, wich sie einen Schritt zurück und rubbelte wie wild an der Stelle an ihrem Hals, die bereits dunkelrot zu werden begann. „Das war so …“

Schön? Sexy? Verführerisch? Ja, das alles fand ich auch.

Aber Sue beharrte immer noch auf ihrem wenig überzeugenden Widerstand und zog eine Grimasse. „Wäh!“

Wäh? Ernsthaft? Ich musterte sie scharf, jedoch immer noch amüsiert. „Ja, und deshalb hast du vermutlich auch so laut gelacht, stimmt’s?“

Sie lief dunkelrot an. Ha, erwischt!

Lächelnd holte ich meine Jacke und schlüpfte hinein. Ein Blick auf die Uhr und mir verging das Lachen. Unser kleines Spiel hatte weit länger gedauert, als geplant. Mom war inzwischen längst zu Hause. Sie würde auf mich warten … und mich umbringen.

„Tut mir leid“, sagte ich zu Sue. „Ich würde gern noch weiter mit dir herumalbern, aber ich habe immer noch Hausarrest und muss jetzt los.“ Ich machte mich auf den Weg zum Parkplatz, aber als ich merkte, dass Sue mir nicht folgte, blieb ich stehen und schaute sie über die Schultern hinweg an. Mit zögernden Schritten holte sie mich ein. Die Röte verschwand allmählich aus ihren Wangen. „Wohin wolltest du eigentlich?“, fragte ich. „Soll ich dich wohin mitnehmen?“ Ich hatte bereits einen Mordsärger an der Backe, da machten ein paar Minuten mehr oder weniger keinen Unterschied mehr.

Sie hustete leise und senkte den Blick. „Tja, um ehrlich zu sein, könntest du mich mit zu dir mitnehmen.“

Na, wenn das keine interessante Wendung war. „Oh, Sonnenschein, du weißt ja nicht, wie sehr ich darauf gewartet habe, das von dir zu hören.“

Stöhnend rieb sich Susan die Nase, als ob sie stinkwütend auf mich war. Und dieses Mal war es auch bestimmt nicht aufgesetzt. „Lass mich das umformulieren: Du kannst mich zu dir nach Hause mitnehmen, wo sich unsere Wege hinter der Haustür trennen und ich einen schönen Nachmittag mit deinem Bruder verbringen werde. Wie klingt das? Besser?“

„Lahm.“ Ich verdrehte die Augen. Wir hatten gerade so viel Spaß auf dem Platz gehabt. Warum sollte das schon enden? Ich ergriff ihre Hand und zog sie mit mir. Ihre Finger fühlten sich so kalt an, dass mir ein Schauer den Arm hochlief – und das, obwohl wir beide noch erhitzt von diesem sexy Fußballspiel waren. „Whoa, wer bist du denn? Frosty, der Schneemann?“ Ich drückte ihre Hand ein wenig fester, um sie mit meiner zu wärmen.

Ihr Handy läutete in ihrer Tasche und Sue zog ihre Hand weg. Sie fischte es heraus und blickte auf das Display. Neugierig, wer ihr dieses neue Lächeln ins Gesicht gezaubert hatte, lugte ich über ihre Schulter.

Eine SMS von Charlie Brown. Ich runzelte die Stirn. „Wer ist Charlie Brown?“

„Dein Bruder“, erklärte sie belustigt.

Ich schüttelte nur den Kopf. „Ihr beiden seid seltsam.“ Charlie Brown? Wie sollte das denn zu ihm passen? Aber Moment mal, wenn sie ihm einen Peanuts-Namen gegeben hatte, wie zum Teufel hatte sie mich dann genannt? „Hast du mir auch einen Spitznamen gegeben?“, fragte ich. Ganz plötzlich wurde ihr Gesicht ausdruckslos und meine Augen gingen vor Überraschung weit auf. „Du hast? Wie lautet er?“ Na hoffentlich nicht Snoopy, oder so.

„Unwichtig“, meinte Sue schnell und wandte sich ab, um die Nachricht von meinem Bruder zu lesen.

Unwichtig – von wegen! Sie hatte tatsächlich einen Spitznamen für mich und den musste ich jetzt wissen. Nachdem sie ihre Antwort getippt hatte, schnappte ich mir ihr Handy, ehe sie es zurück in die Tasche stecken konnte.

„Hey! Gib das her!“ Sie hüpfte um mich herum wie ein aufgeregter Welpe, aber ich hatte noch nicht gefunden, wonach ich suchte.

„Woll’n wir doch mal sehen“, sagte ich und wehrte sie mit meinem freien Arm ab. Ich wand mich ein paar Mal aus ihrer Reichweite und drückte mich zu den gespeicherten Nachrichten durch. Dabei hielt ich das Handy so hoch, dass sie nicht ran kam, und scrollte durch die Nachrichten. Meine sollten leicht zu finden sein, denn es gab reichlich von gestern Abend.

Als ich aber auf den Namen starrte, der am häufigsten in ihrer Mailbox vorkam, erstarb mein Lächeln abrupt und ich verzog das Gesicht. Meine Hand sank schockiert nach unten. Langsam drehte ich mich zu Susan um und blickte dabei in ihr schuldbewusstes Gesicht.

Arroganter Schnösel? Das kann nicht dein Ernst sein.“ Okay, da der Name schwarz auf weiß vor mir prangte, war es wohl doch ihr Ernst, aber trotzdem! Hätte sie sich nicht etwas Netteres ausdenken können? Immerhin nannte ich sie liebevoll Pferdeschwanz-Sue!

Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Was soll ich sagen? So habe ich dich kennengelernt.“

Das konnte ich leider nicht abstreiten, aber das hieß nicht, dass ich sie damit durchkommen ließ. Mit einem strengen Blick streckte ich ihr das Handy entgegen. „Du wirst das jetzt ändern. Auf der Stelle.“

Ein Grinsen huschte über ihr Gesicht. „Keine Chance. Es ist, was es ist.“

„Schön, dann erledige ich das eben für dich.“ Ich wandte mich ab, um Arroganter Schnösel in etwas Zutreffenderes zu ändern. Wie …oh, genau! Mann deiner Träume. Jap. Viel besser.

Sue hüpfte immer noch um mich herum, als wären ihr Tausende Spinnen unter den Pulli gekrochen, und versuchte mich davon abzuhalten. Ich wehrte sie erfolgreich ab, bis ich fertig war, und gab ihr das Handy anschließend zurück. Sie ignorierte mein Grinsen und steckte das Telefon in die Tasche, ohne den neuen Eintrag zu checken. Schön, dann eben nicht. Sie würde ihn ohnehin bald genug sehen.

Aus einigen Schritten Entfernung entriegelte ich die Wagentüren und Sue stieg wortlos ein. Während sie noch mit dem Sicherheitsgurt herumfummelte, ließ ich bereits den Motor an und fuhr los. Es schien, als wollte sie sich extra Zeit mit dem Anschnallen lassen, denn sie schenkte dem Ganzen viel mehr Aufmerksamkeit als nötig. Als sie endlich fertig war und sich damit nicht länger ablenken konnte, fing sie an, irgendwelche unsichtbaren Fussel von ihren Jeans zu picken. Ein kurze Zeit lang beobachtete ich sie aus dem Augenwinkel, doch nach einer Weile musste ich sie einfach fragen: „Mach ich dich nervös?“

Susan hob ruckartig den Kopf. Eine zynische Grimasse war ihre Antwort. „Du gibst wohl nie auf, was?“

„Nicht, solange der Hauch einer Chance besteht“, neckte ich sie und hielt dabei Daumen und Zeigefinger in winzigem Abstand auseinander. Aber da wir beide gerade so nett allein im Auto waren, sollte ich sie vielleicht mal für einen Moment lang nicht aufziehen und stattdessen über etwas Wichtigeres mit ihr reden. „Kann ich dir mal eine ernste Frage stellen?“

Sie nagte niedlich an ihrer Unterlippe, dann blinzelte sie zwei Mal. „Ich bin mir fast sicher, dass du das nicht kannst. Aber bitte, versuch es und gib dein Bestes.“

„Sehr witzig.“ Ich verdrehte die Augen, musste aber unwillkürlich lächeln. „Also, verrate mir … Warum würdest du mit meinem Bruder ausgehen, der absolut genauso aussieht wie ich und der dir gestern gesagt hat, dass eine Beziehung für euch beide nicht in den Sternen steht, aber nicht mit mir?“

Susan schwieg so lange, dass ich rasch zur Seite blickte, um sicherzustellen, dass sie mit den Gedanken auch wirklich noch bei mir war. Schließlich räusperte sie sich und sagte leise: „Du glaubst, es geht nur ums Aussehen?“

Natürlich! Aber das schien mir nicht die Antwort zu sein, die sie hören wollte. Also hielt ich den Blick weiter nach vorn gerichtet und murmelte: „Nein.“ Dann fügte ich lächelnd hinzu. „Ich glaube, ich kann auch ziemlich charmant sein.“

„Ja, das kannst du“, stimmte sie zu. „Wenn du willst.“ Sie verschränkte die Arme über der Brust und nagelte mich mit einem solch eindringlichen Blick fest, dass ich mich kaum noch auf die Straße konzentrieren konnte. „Aber das reicht mir nicht, um mit dir ausgehen zu wollen. Du siehst vielleicht aus wie dein Bruder, aber davon abgesehen, habt ihr nichts gemeinsam. Ihr seid wie Tag und Nacht.“

„Du küsst also lieber einen Jungen, der schüchtern und unsicher ist?“, hakte ich nach.

Im Augenwinkel sah ich, wie sie grinste, ehe sie antwortete. „Ich dachte, hier geht es ums Ausgehen, nicht ums Küssen.“

Ich drehte mich rasch zu ihr und wackelte mit den Augenbrauen. „Das geht Hand in Hand.“

„Okay, in dem Fall …“ Sie atmete tief ein. „Ich treffe und küsse lieber einen Jungen, der nicht jeden Tag ein anderes Mädchen abschleppt.“

Das konnte ich ihr nicht verübeln. Wenn ich eine Freundin hätte, würde ich auch nicht wollen, dass sie ständig mit anderen Kerlen rummachte. Wahrscheinlich war es ganz normal, dass diese Seite von mir ein scheues Ding wie Sue abschreckte. Aber sollte ich wirklich alle Vorteile meines Singledaseins aufgeben, nur für die vage Chance, irgendwann mal mit Sue zusammenzukommen? Noch dazu, wo sie diese Möglichkeit doch bisher nicht mal in Betracht gezogen hatte?

Ich parkte das Auto vor dem Haus und stellte den Motor ab, doch ich stieg nicht aus. Stattdessen hängte ich beide Arme übers Lenkrad, legte meine Wange auf die Handrücken und musterte Susan einen weiteren intensiven Moment lang. Ein argwöhnisches Lächeln stahl sich in ihr Gesicht. Sie hatte die Haare immer noch in diesem süßen Pferdeschwanz zusammengefasst. Ein paar Strähnen waren jedoch bei unserem Herumalbern im Gras entkommen und hingen ihr nun frech in die Stirn. In ihren Augen standen eine Million Fragen.

Für sie könnte ich aufhören, mich mit anderen Mädchen zu treffen. Es würde mir nicht einmal schwerfallen. Alles, was ich brauchte, war ein einfacher Anreiz. „Gib mir einen Grund damit aufzuhören“, bat ich sie, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen.

Sues Brust hob und senkte sich mit einem langen Atemzug. „So rum läuft das nicht, Chris.“

Wie rum lief was nicht? Verlangte sie etwa bereits im Vorfeld, dass ich treu war, noch ehe sie eine Beziehung mit mir überhaupt in Erwägung zog?

Shit – wollte ich überhaupt eine Beziehung mit ihr?

Tja, ich könnte mich darauf einlassen. Natürlich war es längst zu spät, meine Eroberungsrekorde ungeschehen zu machen, aber ich könnte zumindest dafür sorgen, dass kein neues Mädchen mehr hinzukam. Vielleicht gab sie mir dann ja eine faire Chance.

Jap, ausgezeichneter Plan. Dann hätte sie keinen Grund mehr zu kneifen. Fasziniert von der Idee hoben sich meine Mundwinkel. „In Ordnung. Machen wir’s auf deine Art.“ Ich zog den Schlüssel aus dem Zündschloss und stieg aus. Dieser Tag wurde immer besser.

Als ich um die Motorhaube herumging, fummelte Sue immer noch an ihrem Gurt herum und warf mir einen Blick durch die Windschutzscheibe zu. Nachdem sie es offenbar geschafft hatte, sich abzuschnallen, stieg auch sie endlich aus und warf die Tür zu. Schnelle, leichte Schritte folgten mir zur Haustür, als ich den Schlüssel über die Schulter hielt und das Auto verriegelte.

„Warte!“, rief sie hinter mir. „Das ist nicht … also …“

Also was?

„Nein!“

Nachdem ich die Tür aufgeschlossen hatte, drehte ich mich zu ihr um. Ein Blick auf ihren Nacken und mir schoss das Blut heiß durch die Adern. Der Knutschfleck auf ihrem Hals hatte ein wunderschönes Violett angenommen. Mit frechem Grinsen stellte ich klar: „Deine Regeln. Du hast sie gemacht, also halte dich auch besser dran.“

Sue schüttelte stumm den Kopf.

Oh nein, ich würde sie keinen Rückzieher machen lassen! Nachdrücklich nickte ich, dann ergriff ich ihre Hand und zog sie mit mir ins Haus.

„Chris? Bist du das?“

Ah, Mom war im Wohnzimmer. Am liebsten hätte ich der ganzen Welt verkündet, dass Susan Miller bald mir gehören würde, aber da das Mädchen immer noch ein wenig widerwillig war, beschloss ich, dass ich besser nicht zu rasch vorgehen sollte. Der Knutschfleck würde erst mal unser Geheimnis bleiben.

Ich begegnete Sues unsicherem Blick und legte ihr einen Finger auf die Lippen, damit sie still blieb. Dann rief ich: „Ja, Mom!“ Meine Mutter musste noch nicht wissen, dass wir Besuch hatten.

Und Ethan auch nicht.

Entschlossen zog ich Susan in mein Zimmer und schubste die Tür zu, aber nicht ganz. Wir würden nicht lange hier bleiben – es sei denn, sie bestand darauf. Ich ließ ihre Hand los, worauf sie abrupt mitten in meinem Zimmer stehen blieb.

In einer der Schubladen war mein rotes Halstuch. Ich wusste nur nicht, in welcher. In der Sockenschublade war es jedenfalls nicht. Am Ende wurde ich in der Krimskramslade mit den Radfahrhandschuhen und den Schweißbändern fündig.

Still wie ein Mäuschen beobachtete mich Sue, wie ich das Halstuch ausschüttelte und zu einem Dreieck faltete. Erst, als ich auf sie zuging, wich sie hastig einen Schritt zurück. Och, so misstrauisch. „Halt still“, sagte ich mit einem kleinen Lächeln, als ich ihr folgte und behutsam das Halstuch um ihren Nacken band, um den Knutschfleck zu verstecken. Schwer atmend ließ sie es sich gefallen und sah mir dabei die ganze Zeit in die Augen.

Als der Knoten fest genug war, zog ich meine Hand weg und strich dabei mit den Fingerspitzen über ihre weiche Haut. Einen Finger in das Tuch verhakt, schob ich es ein wenig nach unten, um noch einen letzten Blick auf mein Branding an ihr zu werfen. Dann sagte ich ihr aufrichtig: „Weißt du, ich hätte das nicht gemacht, wenn ich auch nur eine Sekunde das Gefühl gehabt hätte, es hätte dir nicht gefallen.“

Wie ein gestrandeter Fisch schnappte Sue nach Luft und die ganze Zeit kam kein einziger Ton aus ihrem Mund. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie ihn schloss und heftig schluckte, dann wirbelte sie so schnell herum, dass ihr honigblonder Pferdeschwanz schwungvoll wippte. Als hätte ich mit meiner Bemerkung ihre Gefühle verletzt, stürmte sie aus meinem Zimmer. Allerdings hatte ich eher den Eindruck, dass sie gar nicht wirklich gekränkt war, sondern ihr vielmehr in diesem Moment bewusst wurde, dass ich es ernst meinte.

 

 

Kapitel 13

 

 

DA ICH ETHAN ein netter Bruder und Sue ein hoffentlich baldiger und anständiger Freund sein wollte, blieb ich in meinem Zimmer, solange sie bei uns war. Sie sollte nicht das Gefühl haben, dass ich sie bedrängte. Ihr zufällig zu begegnen war cool. Ihr hinterherzuschleichen und ihren Besuch bei „Charlie Brown“, ihrem offenbar besten neuen Freund, zu stören, nicht. Außerdem spielte es keine Rolle. Ich hatte ohnehin vor, am Abend wieder mit ihr zu telefonieren, wenn sie zu Hause war und ihre Gedanken nicht mehr durch Ethan abgelenkt wurden.

Um die unerträglich lange Zeit bis dahin mit etwas anderem als Lernen für die Abschlusstests totzuschlagen, rief ich vor dem Abendessen Hunter an und horchte ihn über Sue aus.

„Ihre besten Freunde sind also deine Freundin, die von Alex und die von Mitchell?“

„Zähl deinen Bruder dazu und die Liste ist komplett, denke ich“, antwortete Ryan.

„Okay.“ Ich machte mir eine Gedankennotiz und kratzte mir den Kopf. „Wie hieß Mitchells Mädchen gleich noch mal?“

„Sam.“

„Ach ja. Die Kleine mit den kurzen schwarzen Haaren, richtig?“ Ich kannte Alex Winters heiße blonde Freundin und Liza hatte ich erst kürzlich kennengelernt. Aber Tony hatte sich noch nicht die Mühe gemacht, mich dem quirligen kleinen Mädchen vorzustellen, das ihm neuerdings kaum von der Seite wich.

„Genau.“ Ein leises Lachen drang durch die Leitung. „Wozu brauchst du diese ganzen Infos überhaupt? Ich dachte, ihre bezaubernde Persönlichkeit ist nicht dein Fall?“

„Vielleicht hab ich meine Meinung ja geändert?“

„Geht’s um die Challenge?“

Fuck, woher wusste er das? „Wer hat dir davon erzählt?“

„Alter, die halbe Schule spricht darüber.“

„Ah ja …“ War ja klar, dass man nach der Show, die Sue und ich uns beim Nachsitzen geliefert hatten, darüber redete. T-Rex und die Jungs waren vermutlich nicht die Einzigen, die derzeit ihr Geld verwetteten. „Also …“ Ein Seufzen entfuhr mir. „Die Dinge haben sich geändert … gewissermaßen. Ich mag sie irgendwie.“ Wenn ich bloß Sue nicht in aller Öffentlichkeit herausgefordert hätte. Verdammt, ich wünschte, ich hätte sie überhaupt nicht herausgefordert. „Ich würde gern mal mit ihr ausgehen und sehen, wohin das so läuft.“

Ich vernahm ein Zischen auf Hunters Seite, dann hörte ich ihn schlucken, vermutlich trank er aus einer Limodose. „Was hält dich auf?“, wollte er anschließend wissen. „Frag sie einfach nach einem Date.“

„Nee, soweit sind wir noch nicht.“

„Holpriger Start, was?“

„Das trifft den Nagel auf den Kopf.“

„Okay, was willst du noch wissen, damit du leichter punkten kannst?“

„Hmm.“ Ich rieb mir übers linke Auge. „Wer war ihr letzter Freund?“ Einer aus der Strebertruppe? Oder sogar jemand aus dem Fußballteam? Es wäre hilfreich, wenn ich wüsste, wie er ausgesehen hatte und was Sue an ihm so mochte.

„Ich glaube nicht, dass sie schon mal einen festen Freund hatte.“

Abrupt hielt ich mit dem Augenwischen inne und der Mund stand mir offen. „Du verarschst mich, oder?“

„Nö. Soweit ich das beurteilen kann, ist sie sehr wählerisch.“

Die Tatsache, dass sie nicht mit jedem herummachte, ließ irgendetwas in mir vor Freude hüpfen. Aber überhaupt keinen Freund? Noch nie? Sie war viel zu süß, als dass ich das hätte glauben können. Vielleicht waren aber auch alle Jungs, mit denen sie in der Vergangenheit ausgegangen war, totale Flaschen gewesen und keine längere Beziehung wert? Der Gedanke gefiel mir.

Als Ryan keine weitere Info mehr für mich hatte, legte ich auf und ging in die Küche, um mir etwas zu trinken zu holen. Ethans Tür stand offen und sein Zimmer war leer. Schade. Ich hätte Sue gerne noch einen Moment alleine erwischt, bevor mein Bruder sie nach Hause fuhr.

Ethan kam wenig später zurück. Er war während des Abendessens sehr still und reagierte nicht mal, als Mom ihn freudestrahlend nach Sue fragte. Allerdings warf er mir ein oder zwei Mal einen Blick zu und runzelte dabei irgendwie die Stirn. Als wolle er mir stumm mitteilen: Tut mir leid. Aber wieso? Weil Mom sich immer noch wünschte, dass er mit dem Mädchen zusammenkam, das ich jetzt wollte? Das war ja nicht seine Schuld – jedenfalls nicht ganz.

Immer noch ein wenig verwundert räumte ich nach dem Essen mein Zimmer auf. Es standen so viele Dinge zwischen Sue und mir, und nun auch noch meine Mutter. Als ob es nicht auch so schon schwer genug wäre, Susan Millers Herz zu erobern.

Seltsamerweise musste mein Bruder nur den Kopf durch meine Tür strecken und eine kurze Nachricht abliefern und meine Stimmung stieg erheblich. „Susan lässt dich grüßen. Ich soll dir ausrichten, dass sie Kuchen mit Creme und Früchten mag.“

Über mein Gesicht legte sich ein riesiges Lächeln. Ich hörte auf, meine CDs zu sortieren und sah zu ihm. „Sie hat dich angerufen, damit du mir das sagst?“

„Nö. SMS.“

Egal. Kam aufs Gleiche raus. Aber diese kleine Hexe. Es musste einen Grund geben, warum sie die Nachricht Ethan geschickt hatte und nicht mir. Wollte sie mir wegen des Knutschfleckzwischenfalls aus dem Weg gehen? Seltsamerweise wurde beim Gedanken daran mein Grinsen nur noch breiter.

Ich gab Ethan schließlich Sues Volbeat-CD, die die ganzen letzten Tage auf meinem Tisch gelegen hatte. Niemand hatte danach gefragt, daher war das Teil unter einem Stapel Schulbücher in Vergessenheit geraten.

Mein Bruder betrachtete das Cover und lachte. „Endlich.“ Dann ging er und schlug die Tür hinter sich zu. Sekunden später driftete laute Rockmusik durch die Wände.

In dem riesigen Durcheinander auf meinem Schreibtisch suchte ich nach meinem Handy und schrieb eine SMS an Sue. LOL. Warum hast du mir das nicht selbst gesagt?

Ich war gerade damit beschäftigt, meine restlichen CDS und DVDs zu stapeln, als ihre Antwort eintrudelte. Ich wusste ja nicht, ob ich dich in einem unpassenden Moment erwischen würde. Was, wenn du mit einem anderen Mädchen zusammen gewesen wärst? Immerhin bist du ja der Mann aller Mädchenträume.

Plötzlich wurde das Aufräumen zur Nebensache. Ich parkte meinen Hintern an der Tischkante und tippte eine weitere Nachricht. Wie schön, dass du das endlich einsiehst. 😉 Aber ich habe Hausarrest, Sonnenschein. Und du bist zurzeit das einzige Mädchen, das zu uns kommt. Kein Grund, sich Sorgen zu machen.

Ich hoffte auf eine weitere schnelle Antwort, aber die Minuten verstrichen und Sue ließ mich hängen. Das vereitelte meinen Plan, sie noch ein Weilchen zum Reden zu bringen, also entschied ich mich rasch zu einem Themenwechsel. Was magst du am liebsten?

Am liebsten von was?, wollte sie wissen.

Obst. Für den Kuchen. Wenn ich ihr schon einen Kuchen machte, musste er perfekt sein.

Mein Handy piepte und ich biss mir lächelnd auf die Lippe, als ich las: Ich mag Kiwi. Dahinter folgte ein Smiley mit rausgestreckter Zunge. Wollte sie mich etwa auf dumme Gedanken bringen? Das war ihr gelungen. Oh, was für eine liebliche Erinnerung …

Ich warf mich aufs Bett, rief YouTube auf und suchte nach einem speziellen Lied. Wenn sie sich an den Kiwi-Moment erinnerte, hatte sie Sam Smith bestimmt auch nicht vergessen. Um ihr die Nacht zu versüßen, kopierte ich den Link zu dem Song in die SMS und schrieb Träum was Hübsches, Sonnenschein darunter.

 

*

 

Als ich am Mittwochmorgen zur zweiten Stunde schlenderte, hörte ich Hunters Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und stellte begeistert fest, dass er nicht allein war.

Tony Mitchells quirlige kleine Freundin war bei ihm. Und auch Susan Miller.

Ryan hatte den Arm um Sues Schultern gelegt, als ob er sie genau in meine Richtung steuern wollte. Ein kleines Lächeln zupfte an meinen Mundwinkeln. Sobald sie mich eingeholt hatten, ließ Ryan sie los und ich beugte mich zu ihr, sodass nur sie meine neckende Stimme hören konnte. „Na, gut geschlafen?“

Ihre Wangen leuchteten in einem zarten Rosa und sie hatte den Blick gesenkt, aber trotzdem lächelte sie. „Mit einem netten Lied im Ohr.“

„Oh, darauf wette ich“, wollte ich antworten, bekam aber keine Chance dazu. Eine allzu vertraute Stimme kam mir von hinten zuvor.

„Guten Morgen, Chris.“

Ein unangenehmer Schauer kroch mir über den Rücken. Kein guter Moment, Parker. Ich räusperte mich, machte einen Schritt von Sue weg und setzte eine lässige Miene auf. „Hey, Lauren. Was geht ab?“

Sie sah mich anzüglich an und machte diese Sache mit ihrem Haar – strich es mit dem Handrücken extra langsam über die Schulter. Ein klares Zeichen, dass sie Aufmerksamkeit wollte. Normalerweise löste diese Geste das totale Chaos in mir aus, denn Lauren neigte dabei immer den Kopf auf diese bestimmte Weise, wodurch sie ihren hübschen Hals zum Küssen präsentierte. Heute jedoch wünschte ich, dass sie ihre rabenschwarze Mähne dort gelassen hätte, wo sie war. Da Sue direkt neben mir stand, fühlte ich mich äußerst unwohl dabei.

„Du hast gesagt, du willst mich wegen der Nachhilfestunden in Spanisch anrufen“, erinnerte sie mich. Ihre Augen waren warm und einladend.

Spanisch! Ich verzog das Gesicht. „Oh, stimmt. Das habe ich völlig vergessen.“

Lauren lachte. „Ja, das habe ich mir schon gedacht.“

Verdammt, hätte sie damit nicht bis zur vierten Stunde warten können? Ich war hier gerade beschäftigt. Und Laurens verführerischer Blick vermasselte mir den nächsten Schritt mit Sue. Tat sie das etwa mit Absicht? Ich rieb mir über den Nacken. „Also, zurzeit ist es ein wenig schwierig, weil …“ Schnell! Eine Ausrede! „Ich habe Hausarrest“, platzte ich heraus.

„Wir können auch bei dir lernen“, antwortete sie mit diesem typischen Ich-hätte-Lust-auf-ein-wenig-Spaß-am-Nachmittag-Lächeln.

Alter Schwede, ich hatte mich gestern wohl total geirrt. Lernen ohne Sex ging mit Lauren wohl gar nicht. „Äh, nein. Das ist im Moment keine so gute Idee“, sagte ich und warf einen unbehaglichen Blick zu Sue, die an jedem unserer Worte hing wie Wäsche auf der Leine. Durchschaute sie etwa gerade, was Lauren wirklich von mir wollte? Ach du heiliger … hoffentlich nicht. Andererseits, so blind konnte sie gar nicht sein.

Ich schluckte und verlagerte mein Gewicht von einem Fuß auf den anderen, während ich meinen Rucksack auf der Schulter zurecht schob und dann den Blick wieder auf Lauren richtete. „Eigentlich glaube ich nicht, dass ich noch Spanisch-Nachhilfestunden brauche.“

Lauren blinzelte mehrmals ungläubig. „Bist du sicher?“

Natürlich, sonst hätte ich es ja nicht gesagt. Ich verkniff mir allerdings, ihr das an den Kopf zu knallen und nickte nur. Einen Wimpernschlag später erschreckte mich Sue mit einem lauten Husten. Ihr schüchterner Blick schoss wild herum, als alle zu ihr sahen. Schließlich blieb er an mir haften und sie murmelte verlegen: „Krümel im Hals.“

Ich schob neugierig die Augenbrauen nach oben, doch Lauren zog meinen Blick wieder auf sich, als sie mir über den Arm strich und ganz leise flüsterte: „Aha. Es hat sich also nichts verändert, wie?“

Ein langer Seufzer entwich mir. Wie sollte ich darauf bloß antworten?

In normal lauter Stimme fügte sie hinzu: „Ich seh dich dann in Spanisch.“ Anschließend schenkte sie den anderen in der Runde ein flüchtiges Lächeln und machte sich auf den Weg zu ihrem nächsten Kurs.

Auch Ryan ging weiter, sodass nur noch die beiden Mädchen und ich vor den Spinden im Flur standen. Sue musterte mich mit scharfen Augen. Ihr mussten alle möglichen Gedanken durch den Kopf gehen, doch vor allem spiegelte sich totale Verwirrung in ihrer Miene wider. Da ich sie inzwischen relativ gut genug kannte, war es auch nicht schwer zu erraten, dass sie überrascht war, weil ich Lauren hatte abblitzen lassen.

Ich hob unschuldig die Hände und erklärte: „Deine Regeln.“

Ehe Sue sich gleich ein anderes Argument einfallen lassen konnte, warum wir beide nicht zusammenpassten, machte ich kehrt und ließ die beiden Mädchen hinter mir zurück. Bestimmt lag ihr schon eins auf der Zunge.

 

*

 

Der Tag war sterbenslangweilig, weil ich wegen des Hausarrests immer noch nicht raus durfte, und so war ich fast glücklich, als es draußen endlich dunkel wurde. Durch die vergangenen Abende war es mir schon irgendwie zur Gewohnheit geworden, Susan mit einer SMS Gute Nacht zu wünschen. Ein wenig Spaß war genau das, was ich vor dem Schlafengehen brauchte, also tippte ich eine Nachricht für sie. Was machst du gerade?

Susan antwortete ohne Verzögerung. Bin gerade zu meinem Großvater gezogen.

Was zum Geier bedeutete das denn? Ich machte es mir auf dem Bett gemütlich und schrieb: Möchtest du das näher erklären?

Lange Geschichte.

Sie wusste wohl nicht, dass ich lange Geschichten liebte. Du hast dreieinhalb Stunden Zeit. Wenn ich weniger als sechs Stunden Schlaf bekomme, bin ich morgens muffelig.

Als ihre nächste Nachricht eintraf, war ich mir ziemlich sicher, dass ich ihre ungeteilte Aufmerksamkeit besaß, denn es waren nur wenige Sekunden zwischen meiner und ihrer SMS vergangen. Haha, dann sollten wir wohl dafür sorgen, dass du früh ins Bett kommst.

Ich bin schon im Bett. Wie immer, wenn ich dir schreibe. Warum bist du es nicht?

Meine Eltern haben einen ziemlich lautstarken Streit. Mein Opa lebt nebenan, deshalb bin ich zu ihm rüber, um auf seiner Couch zu schlafen.

Oha, das klang gar nicht spaßig. Wow. Passiert das oft? Nachdem ich die Nachricht abgeschickt hatte, lehnte ich mich über die Bettkante und holte mir eine Packung M&Ms aus der Nachttischlade. Ich suchte mir die grünen heraus und steckte mir eine Handvoll in den Mund, während ich auf ihre Antwort wartete.

Mein Handy piepte erneut. Manchmal. Ich bin daran gewöhnt. Du gehst also jeden Tag früh ins Bett, damit du mir schreiben kannst?

Oh, ich würde ihr den ganzen Tag schreiben, wenn das möglich wäre. Ja. Ich werde nicht gern gestört, wenn ich mich mit dir unterhalte ;). Was macht der Knutschfleck? Gerade als ich Senden drücken wollte, wurde mein Handy schwarz. WTF? Mürrisch untersuchte ich es von allen Seiten, aber natürlich war nichts zu sehen. Aus gutem Grund. Der Akku war leer, das war alles. Es konnte nichts anderes sein, denn ich hatte es seit vergangenem Wochenende nicht mehr aufgeladen.

Das Ladekabel lag auf dem Schreibtisch. Zum Glück war es lang genug, sodass ich das verkabelte Handy mit ins Bett nehmen konnte. Ich kroch wieder unter die Decke, lehnte mich hinten an den Polster, den ich gegen die Wand geschoben hatte, und tippte die Nachricht mit meiner Frage nach dem Knutschfleck noch mal. Dann schickte ich sie endlich ab.

Wird lila. Was macht dein blaues Auge? kam zurück. Ich konnte mir bildlich vorstellen, wie Sue bei dieser Antwort frech grinste.

Um die Wahrheit zu sagen, hatte ich keine Ahnung, wie mein Veilchen gerade aussah, also setzte ich mich auf und betrachtete mein Spiegelbild in der dunklen Fensterscheibe. Aha. Piss-Gelb. Nicht gerade hübsch. Ich lehnte mich zurück und schrieb: Wird gelb. Macht mich doch gleich verdammt viel attraktiver, nicht wahr? ^^

Ich mag’s makellos. 😛

War dem so? Ich lachte und antwortete: Ich mag Pferdeschwänze.

Fast sofort piepte mein Handy mit einer neuen Nachricht. Ich mag den charmanten Chris.

Holla! Meinte sie das jetzt ernst? Ich hätte nie gedacht, dass sie mir etwas derart Nettes absichtlich sagen würde. Das „du riechst gut“ am vergangenen Samstag war erstaunlich gewesen, aber ganz sicher nur ein Versprecher. Während das hier – wow!

Ich mag es, deinen Hals zu küssen. Du schmeckst wie Kokosnusscreme, schrieb ich zurück und erinnerte mich dabei grinsend an unser nettes Geplänkel im Gras.

Bodybutter. Ich besorg dir welche, wenn du sie so sehr magst :P. Es ist spät. Ich muss jetzt aufhören, sonst bin ich morgen muffelig.

Ja, ja … lahme Ausrede. Der Abend wurde heißer und das merkte sie. Nur deshalb machte sie jetzt einen Rückzieher, aus keinem anderen Grund. Aber egal. Sollte sie ihren Willen bekommen. Mit ihren letzten paar Nachrichten hatte sie mir mehr als genug Stoff gegeben, der mich mit einem breiten Lächeln einschlafen lassen würde. Es blieb nur noch eines zu sagen: Träum was Hübsches, Sonnenschein.

Als ob sie befürchtete, dass sich zwischen uns zu viel zu schnell ändern würde, antwortete sie nicht auf diese letzte SMS. Es machte mir nichts aus, ich hatte sowieso nicht damit gerechnet. Nach zehn Minuten schaltete ich das Licht aus und schloss mit dem dämlichen Grinsen, das immer noch wie festgetackert an meinem Gesicht haftete, die Augen.

 

 

Kapitel 14

 

 

DIE RESTLICHE WOCHE schien Sue mich wie eine ansteckende Krankheit zu meiden. Wie sonst ließ sich erklären, dass ich ihr nicht einmal im Schulflur begegnete, obwohl ich viel länger als gewöhnlich an den Orten rumhing, von denen ich wusste, dass sie dort aller Wahrscheinlichkeit nach auftauchen würde? Nur beim Mittagessen erhaschte ich hin und wieder einen Blick auf sie. Ein- oder zweimal schaute auch sie in der Cafeteria verstohlen zu mir herüber, aber das war auch schon alles.

Wenigstens schien bei ihr zu Hause wieder alles in Ordnung zu sein. Das erzählte sie mir in einer SMS am Donnerstag, als ich sie fragte, ob sie immer noch auf der Couch ihres Großvaters schlief. Ich wusste aus erster Hand, wie schlimm es war, wenn Eltern sich endlos stritten.

Am Freitag in der vierten Stunde schrieben wir den gefürchteten Spanischtest. Da mir Lauren in den vergangenen Tagen die kalte Schulter gezeigt hatte, war es keine Überraschung, dass sie mir für heute kein Glück wünschte.

Der Test war allerdings einfach. Ein Aufsatz über einen Urlaub. Frage nach dem Weg, bestell Essen, ruf den Notarzt und geh Souvenir shoppen! All diese Sachen konnte ich mühelos auf Spanisch erzählen. Das einzige Problem bestand darin, dass ich mich bei fast allen Vokabeln, die vorkamen, unwillkürlich daran erinnerte, welchen Teil von Laurens Körper ich erkunden durfte, wenn ich diese richtig übersetzt hatte. Als ich zum Notarztteil kam, schlug ich mit der Stirn auf den Tisch. Großer Gott, ich wollte im Moment mit meinen Gedanken wirklich nicht zu jenem Nachmittag zurückkehren …

Lauren warf mir einen Blick von der Seite zu. Zweifellos dachte sie, dass ich gerade dabei war, den Test zu versemmeln. Ich musterte sie scharf aus schmalen Schlitzen und verfluchte sie stumm, weil sie eine so verdammt praktisch orientierte Nachhilfelehrerin war.

Als ich den Test schließlich abgab, war mir ein wenig zu warm in meinen Klamotten. Ich hatte keine Lust, Lauren zu erklären, warum ich mit dem Kopf auf den Tisch geschlagen hatte, und sauste beim Klingeln sofort aus der Klasse und zur Cafeteria. Mein Mittagessen bestand an diesem Tag aus einer Flasche eiskaltem Mineralwasser, das ich in großen Schlucken hinunterstürzte. Doch als ich Susan auf der anderen Seite des Saales entdeckte, ging der kühlende Effekt sofort wieder zum Teufel. Schnurstracks beschäftigte sich meine Fantasie erneut mit praktischen Studien und ich fragte mich, was mir die kleine Sue wohl so alles beibringen konnte – oder ich ihr. Ich beschloss, sie nicht ständig während des Essens anzustarren, und bemühte mich angestrengt, mich selbst durch Witze mit meinen Freunden am Tisch abzulenken. Der restliche Schultag verging still und schnell.

Sue hatte meinen Bruder seit zwei Tagen nicht mehr besucht. Da ich immer noch unter Arrest stand und in einem total öden Haus festsaß, stiegen meine Hoffnungen rasant, als sich Ethan später ein frisches T-Shirt anzog und sich die Haare stylte.

„Kommt Susan vorbei?“, fragte ich in der Badezimmertür lehnend und blickte ihn im Spiegel an.

„Nein. Ich treff sie bei Charlie’s“, erklärte er mir, als sei das keine große Sache. Verdammt, er sollte doch wissen, wie dringend ich sie wiedersehen wollte. Sie beide sollten das wissen. Fanden sie das vielleicht komisch, mich an einem Freitagnachmittag einfach mal so aus Spaß zu quälen?

Mit knirschenden Zähnen drehte ich mich auf dem Absatz um und kehrte in mein Zimmer zurück. Ich konnte meine Hausaufgaben genauso gut gleich erledigen, statt sie bis auf den letzten Drücker am Montag vor der Schule aufzusparen.

Ethan kam vor dem Abendessen von seinem Date mit meinem Mädchen zurück. Es sah nicht so aus, als sei etwas Aufregendes zwischen den beiden passiert, und das war auch besser so. Aber als mein Bruder nach dem Essen sitzen blieb, nachdem Mom die Küche bereits verlassen hatte, und sich auf die Lippe biss, überflog mich ein ungutes Gefühl. Irgendetwas lag ihm auf der Seele, was er mir eigentlich lieber nicht sagen wollte – aber er würde es tun.

„Was ist los?“, brummte ich, nahm unsere Gläser und brachte sie zum Spülbecken.

Ethans Seufzen driftete zu mir herüber. Oh-oh. Ich drehte mich um und lehnte mich an die Küchentheke, wobei ich die Kante fest umfasste. „Spuck’s schon aus.“

Er räusperte sich und richtete die Augen auf die Kerze auf dem Tisch. Nur langsam glitt sein Blick zu mir. „Susan hat abgesagt.“

„Heute?“, fragte ich verwirrt.

„Nein, für morgen.“

Mir fiel die Kinnlade runter und ich riss die Augen auf. „Sie hat was?“

„Sie will morgen nicht zum Abendessen kommen.“

Wuchtartig durchströmte mich eine Woge der Enttäuschung. Es fühlte sich so an, als hätte mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. „Aber warum denn nicht?“

Ethan stieß einen langen Atemzug aus, lehnte sich zurück und starrte, den Kopf auf den Stuhl gelegt, zur Decke. „Ich weiß ja nicht, was da zwischen euch beiden im Moment gerade abgeht“ – sein Blick rollte zu mir – „aber ich würde mal sagen, dass sie ein wenig besorgt darüber ist, was du eigentlich von ihr willst.“

Ich sah ihn scharf an. „Und wenn sie mich nicht sieht, macht das die Sache besser?“

„Hey, gib mir nicht die Schuld.“ Er richtete sich auf. „Sie hat die Sache abgeblasen. Ich hätte gern morgen für sie gekocht.“

Und ich erst.

Missmutig schob ich mich von der Theke weg und ging in mein Zimmer. Unter einem Stapel frisch gebügelter Wäsche, die Mom irgendwann nach dem Essen hereingebracht haben musste, fand ich schließlich mein Handy und schickte Sue eine Nachricht. Es war nur ein Wort, aber es sagte alles.

Bitte.

Sie antwortete nicht. Um Viertel vor acht hätte ich mich am liebsten aufs Bett geschmissen und wie ein Fünfjähriger einen Trotzanfall bekommen. Ich warf mich zwar aufs Bett, aber anstatt zu Schmollen wie ein Kleinkind schaltete ich den Fernseher ein und schaute eine Wiederholung mit den Big Bang Nerds. Was konnte man auch sonst an einem Freitagabend tun, wenn man Hausarrest hatte?

Nachdem ich zwanzig Minuten lang versucht hatte, der Unterhaltung der vier Spinner zu folgen, erreichte ich schließlich einen Punkt, an dem ich dem hässlichen Kerl mit dem Rollkragenpulli echt gern eine gescheuert hätte, dem Inder jedes Mal eine Kopfnuss verpassen wollte, wenn es ihm bei einer Frau die Sprache verschlug, und mir am liebsten selbst die Kugel gegeben hätte, als der mit der Brille endlich sein Mädchen knallte und dabei tatsächlich ein T-Shirt und Socken trug. Wenigstens war der Typ namens Sheldon, der aussah, wie eine Gottesanbeterin, irgendwie witzig. Er war der einzige Grund, warum ich mir die Folge bis zum Ende ansah.

Auf dem Nachttisch piepte mein Handy. Eine SMS. Endlich!

Bitte was?, hatte Sue geschrieben. Oh bitte! Hatte sie mich echt nur dafür zwanzig Minuten warten lassen? Das konnte nicht ihr Ernst sein.

Bitte komm morgen, erklärte ich genauer.

Weitere fünf unerträglich lange Minuten vergingen und mein Handy blieb stumm. Das reichte. Mein Blut brodelte immer noch von der Bombe, die Ethan vorhin hatte platzen lassen, und dass Sue mich nun mit Schweigen strafte, brachte das Fass zum Überlaufen. Das würde ich ihr verdammt noch mal nicht durchgehen lassen! Ich suchte ihren Namen in meiner Kontaktliste und rief sie an.

Nur ging sie nicht ran.

„Verdammt, Sue!“, knurrte ich und zerdrückte das Handy fast in meiner Hand. Ich legte auf und tippte eine weitere Nachricht. Geh ans Telefon! Dann rief ich sie erneut an.

Endlich hörte ich ihr heiseres „Hey.“

Ich war am Ende meiner Geduld und kam gleich zur Sache. „Was ist los?“

„Gar nichts“, antwortete sie mit der Unschuld eines Schmetterlings.

„Ja, klar.“ Ich verdrehte die Augen. „Und mein Bruder ist heute in die Playboy-Villa eingezogen.“

Das entlockte ihr ein Lachen. Es fühlte sich gut an, zu hören, wie die Anspannung von ihr abfiel. „Komm schon, Sue“, drängte ich. „Wo liegt das Problem?“ War es für sie wirklich so schlimm, dass wir uns näherkamen? „Warum willst du morgen nicht kommen? Und glaub ja nicht, mir ist nicht aufgefallen, dass du diese Woche kaum bei uns zu Hause warst.“

„Bei mir war’s in dieser Woche mit meiner Familie ziemlich stressig“, erklärte sie.

„Oh …“ Ich wusste aus ihren Textnachrichten, dass das bis zu einem gewissen Punkt stimmte, aber ich wusste auch, dass es nur eine weitere lahme Ausrede war, um mir aus dem Weg zu gehen. Damit kam sie mir nicht davon. „Das tut mir leid. Aber das ist ein Grund mehr, warum du morgen kommen solltest.“

„Ach ja? Und wieso?“ Ihre Stimme klang herausfordernd.

„Weil es dich für eine Weile von dem Ärger bei dir zu Hause ablenken wird.“ So! Jetzt konnte sie sich nicht mehr aus der Angelegenheit herauswinden. Offensichtlich war ihr das auch klar, denn nichts als Stille drang an mein Ohr. „Komm schon, Sue. Lass mich für dich kochen“, bettelte ich. „Es wird Spaß machen und gut schmecken.“

Einen Moment lang ließ sie mich warten, doch schließlich drang ihr tiefes Seufzen durch die Leitung. „In Ordnung. Sag Ethan, er kann mich um zwei abholen.“ Gleich, nachdem sie nachgegeben hatte, warnte sie mich jedoch in gespielt schnippischem Ton: „Aber wehe, es sind Pfirsiche in diesem Essen.“

Grundgüter, niemals. Ich starrte an die Decke und lachte über ihre störrische Entschlossenheit, mich auf Distanz zu halten.

„Bis dann“, sagte sie rasch.

„Bis dann, kleine Sue“, erwiderte ich, aber sie hörte es nicht mehr, weil sie schon aufgelegt hatte.

 

*

 

Am Samstag wachte ich spät auf. Zu spät. Es standen eine Menge Dinge auf meiner To-do-Liste, und wenn ich sie erledigt haben wollte, kam ich besser schnell in die Gänge. Na ja, ein weiteres Momentchen im Bett war schon noch okay. Ich gähnte genüsslich, richtete mich auf und schrieb Sue schnell eine SMS. Bitte ändere deine Meinung nicht wieder!

Dieser Gedanke hatte mich die ganze Nacht beschäftigt. Sie durfte nicht absagen.

Als keine Antwort kam, legte ich das Handy weg, stand auf und schlüpfte in meine Jogginghose und ein T-Shirt. Ethan war schon auf und saß, über eine Einkaufsliste gebeugt, am Küchentisch. „Was brauchst du für deinen Kuchen?“, fragte er, während ich mir eine Tasse Kaffee einschenkte und mich auf den Stuhl gegenüber fallen ließ.

„Lass mich nachdenken …“ Ich gähnte erneut und streckte mich, um meine Muskeln zu lockern. „Mehl, Eier, Zucker und Butter für den Kuchen, aber ich glaube, wir haben genug von allem da. Für den Belag brauche ich Obst. Nimm, was du für dich willst, dann noch Erdbeeren und Trauben für Mom und mich. Sue wollte Kiwi, davon brauche ich auch noch drei Stück.“

Ethan schrieb alles in einer so hübschen Handschrift auf, wie ich sie ums Verrecken nicht zustande gebracht hätte. „Und für die Creme brauchst du was?“, murmelte er, während er immer noch Sachen auf seine Liste kritzelte. „Joghurt und …“

„Mascarpone, Schlagsahne, Vanillezucker und eine Bio-Zitrone.“ Ich hatte den Kuchen schon mal gemacht. Öfter sogar, weil es Moms Lieblingskuchen war. Blieb nur abzuwarten, ob er Sue auch so gut schmeckte. „Oh, und bring auch Zartbitterschokolade mit.“

„Alles klar.“ Ethan sah auf. „Weißt du, es ist schon beeindruckend, dass du sie doch noch zum Kommen überreden konntest.“

Ja, meine charmante Seite hatte gestern wohl wieder voll zugeschlagen. Selbstgefällig zuckte ich mit den Schultern. „Keine große Sache.“

„Natüüürlich nicht.“ Ethan lächelte sarkastisch, dann tippte er mit dem Bleistift auf die Einkaufsliste. „Noch was?“

„Nein, das ist alles.“ Ich schaute auf den Zettel vor ihm. Die Seite war randvoll mit Zutaten beschrieben. „Kannst du gleich einkaufen gehen? Ich würde gern so früh wie möglich mit dem Kuchen anfangen.“

„War sowieso mein Plan. Das Fleisch muss noch ein paar Stunden in der Kräutermarinade ziehen.“

Jap, Ethan war der Steakexperte, während ich mehr mit Desserts am Hut hatte. Gemeinsam ergaben wir ein großartiges Team in der Küche. Wir hatten sogar mal vorgehabt, zusammen ein Restaurant zu eröffnen, wenn wir älter waren. Aber da ich ein Basketballstipendium schon so gut wie in der Tasche hatte, träumte ich inzwischen davon, Profispieler zu werden. Und dann blieb nicht mehr viel Zeit fürs Kochen übrig.

Nachdem Ethan gegangen war, warf ich einen Blick auf mein Handy. Immer noch keine Antwort von Susan. Sie hatte Ethan bisher zwar nicht angerufen, um doch noch zu kneifen, aber bei ihrem Schweigen heute Morgen konnte man nicht wissen. Daher beschloss ich, ihr dieselbe Nachricht noch mal zu schicken, nur um sicherzugehen. Bitte ändere deine Meinung nicht wieder! Ich würde diesen Text solange schicken, bis sie endlich antwortete.

Wie es aussah, war meine Glückszahl sieben, denn nach der siebten SMS schrieb sie endlich: Beruhig dich, Tiger. Ich komm ja, ich komm ja … Zu diesem Zeitpunkt war der Kuchen bereits im Backofen.

Als wir in der Küche fertig waren, holte Ethan Sue ab und ich verschwand im Bad, um zu duschen. Ich hatte mich noch nicht mal ausgezogen, als es an der Tür klopfte und Mom rief: „Chris! Ich hatte einen Anruf von einem Kunden. Ich muss weg.“

„Was ist mit dem Abendessen?“, fragte ich und schälte mich aus den Socken.

„Bis dahin bin ich wohl nicht zurück, tut mir leid. Aber amüsiert euch gut.“

„Okay. Dann bis später.“

Ich duschte schnell, trocknete mich ab und zog ein weißes T-Shirt mit meinem dunkelgrauen Lieblingshemd obendrüber an. Ich ließ die Knöpfe offen und knetete mir ein wenig Gel in die Haare, bis sie wie Stacheln in alle Richtungen standen.

Durch die geschlossene Tür hörte ich meinen Bruder mit Sue zurückkommen und Mom verabschiedete sich von Ethan. Ein letzter Spraystoß Axe, dann war ich auch schon aus dem Bad, denn ich konnte es kaum erwarten, Susan endlich wiederzusehen. Und ich sah sie nicht nur, sie knallte regelrecht in mich rein, als ich aus der Tür trat.

Rasch schnappte ich sie an den Ellbogen, um ihr Halt zu geben, und meine Mundwinkel hoben sich dabei unwillkürlich zu einem Lächeln. Ihr hellgrünes T-Shirt betonte ihre wunderschönen Augen und auch ihr honigblondes Haar trug sie wieder zu einem sexy Pferdeschwanz gebunden. „Hey, sieh an, wer den Weg wieder zu unserem Haus gefunden hat“, neckte ich sie zur Begrüßung.

Als Sue zu mir hochsah, war ihr Blick warm und fröhlich. Sie wand sich nicht einmal aus meinem Griff, sondern spiegelte mein Lächeln und antwortete – natürlich! – selbst mit einer kleinen Stichelei. „Sieh an, wer sich fürs Kochen so rausgeputzt hat.“

„Ehrlich gesagt putz ich mich so nur für ein Date raus.“

Ihr Lächeln wurde um einiges breiter. „Tja dann … nett siehst du aus.“

Noch ein Kompliment. Und dieses Mal sogar absichtlich? Musste fast so sein, denn sie wandte ihren Blick keine Sekunde lang ab. Mein Blick begann seinerseits über ihr enges T-Shirt zu wandern, das ihre zierliche Figur perfekt zur Geltung brachte, und ich erwiderte: „Gleichfalls.“ Bedauerlicherweise war jeglicher Beweis für meinen Knutschfleck an ihrem Hals bereits verschwunden. „Wie ich sehe, gibt es keinen Grund mehr für Rollkragenpullover.“

Bei dieser Anspielung betrachtete Sue mein blaues Auge, das mittlerweile gar nicht mehr blau war, sondern nur noch gelb, gemischt mit einem Hauch Violett, etwas genauer. In ein paar Tagen sollte es völlig verschwunden sein, aber im Moment hielt es Susans Aufmerksamkeit gekonnt fest. Ihre Hand zuckte, als ob sie hinfassen wollte, doch sie hielt sich zurück. Dabei hätte ich gar nichts dagegen gehabt, wenn sie meine Wange berühren würde. Immer noch hielt ich ihren Arm fest. Das schien für sie völlig in Ordnung zu sein und so verfingen sich unsere Blicke eine kleine Ewigkeit lang ineinander. Plötzlich überfiel mich der Gedanke, mich einfach vorzubeugen und sie zu küssen. Was wäre schon dabei? Vielleicht wartete sie ja sogar darauf. Ich leckte mir über die Unterlippe.

„Bowling oder Baseball, auf was hast du Lust, Susan?“, unterbrach jemand unseren gemeinsamen Augenblick.

Sue zog hörbar den Atem ein, fand ihre Fassung jedoch rasch wieder und löste sich behutsam aus meinem Griff. Nach einem leisen Räuspern schwindelte sie sich an mir vorbei und rief Ethan zu: „Wie wäre es zur Abwechslung mal mit Golf?“

Ich mochte meinen Bruder. Wirklich. Aber es gab Momente, da hätte ich ihn am liebsten erwürgt.

Zähneknirschend machte ich auf dem Absatz kehrt und folgte Sue in Ethans Zimmer. Er hatte vielleicht den perfekten Kussmoment für Sue und mich ruiniert, aber er würde sie die nächsten beiden Stunden nicht für sich allein in Beschlag nehmen. Oh nein!

Susan hatte es sich bereits auf dem Bett gemütlich gemacht, während Ethan das Spiel aufsetzte. Ich ließ mich neben sie auf die Matratze plumpsen. „Drei Spieler?“

Ethan drehte sich um und warf Sue einen fragenden Blick zu. Sie verdrehte die Augen und schaute flüchtig zu mir herüber, dennoch sie lächelte dabei. Daraus schloss ich, dass es ihr recht war, wenn ich blieb.

Ladys first. Ethan reichte Sue den Controller. Als sie aufstand, war es ihr egal, dass meine Beine im Weg lagen. Sie krabbelte einfach darüber. Dann nahm sie ihre Position vor dem Bildschirm ein und setzte zum ersten Schlag an. Der ging allerdings voll daneben. Mindestens einhundertfünfzig virtuelle Yards am Loch vorbei.

Ethan war als nächster dran und er war auch nicht besser. Nun war ich an der Reihe. Ich hatte das Spiel häufig mit Tyler gespielt, als wir noch jünger waren, und hatte daher genug Übung, um ein Hole in One zu machen. In den folgenden fünfundvierzig Minuten schlug ich die beiden vernichtend im Wii-Golf.

Als Sue wieder an der Reihe war, zog ich die Nase hoch, weil sie schon wieder so eine lasche Position einnahm. „Du hältst ihn falsch. So bekommst du den Schlag niemals hin.“ Ich stellte mich hinter sie, griff um sie herum und legte meine Hände über ihre auf dem Controller.

Sue verkrampfte sich in meiner lockeren, wenn auch nicht gänzlich unschuldigen Umarmung. Die seidigen Strähnen ihres Pferdeschwanzes kitzelten mich am Kinn und ich pustete sie zur Seite … wobei ich vielleicht – ganz unabsichtlich natürlich – auch auf ihren Hals pustete.

„Bitte Chris, das ist so ein Klischee“, meckerte sie und wackelte genervt mit den Schultern, um mich abzuschütteln. Ihre Stimme zitterte jedoch und ihr Atem ging auch viel zu schnell. Sie war gar nicht verärgert. In Wahrheit hatte sie meine unschuldige Umarmung ganz schön angemacht. Vielleicht hätte sie sich sogar länger von mir halten lassen, wenn mein Bruder nicht mit im Zimmer gewesen wäre.

Äh … Ethan? Könntest du dich bitte mal für einen Moment verziehen?

Aber natürlich bestand dafür keine Chance, also ließ ich Sue los und setzte mich schmunzelnd auf Ethans Bett. Sue warf mir einen finsteren Blick zu, dann machte sie ihren Schlag und verfehlte das Loch erneut um Meilen.

„Ich hab’s dir ja gesagt“, neckte ich sie mit wackelnden Augenbrauen. Die Röte, die einen Moment nach meiner heimlichen Umarmung verschwunden war, kroch ihr erneut in die Wangen. Sie war echt zum Anbeißen. Ich versuchte, mich nicht zu sehr in der Vorstellung zu verlieren, an ihr herumzuknabbern, und räusperte mich. „Aber es ist sowieso Zeit, sich an die Arbeit zu machen, sonst essen wir um zehn heute Abend.“

Wir gingen gemeinsam in die Küche, wo Ethan und ich schon alles vorbereitet hatten, was wir für das Essen und den Nachtisch benötigten. Susan setzte sich an den Tisch und schaute uns mit unverhohlener Neugier zu, als wir uns an die Arbeit machten. Während Ethan Gemüse klein schnitt und die marinierten Steaks überprüfte, begann ich, alle Zutaten für die Creme in eine Schüssel zu geben.

Aber Kochen ohne Musik machte einfach keinen Spaß, also schaltete ich das Radio ein. Mom mochte das immer besonders, wenn mein Bruder und ich kochten.

Es lief gerade ein italienischer Song, mit einem Rhythmus, der in die Füße ging. Ich twistete durch die Küche an Ethan vorbei, der auf die andere Seite tänzelte, und holte drei Eier aus dem Kühlschrank. Auf dem Weg zurück zur Kochinsel, die komplett mit meinen Schüsseln, dem Schneidbrett und einem Mixer vollgeräumt war, jonglierte ich mit den Eiern. Klar diente das nur dem Zweck, vor Sue anzugeben, und ich sandte ein stummes Stoßgebet zum Himmel, dass mir keins der Eier aus der Hand glitt. Immer wieder warf ich einen Blick zu ihr hinüber, um zu sehen, ob meine Fähigkeiten sie beeindruckten. Dabei stellte ich fest, dass sie irgendwie viel zu weit entfernt von mir saß.

Als Ethan mich bat, ihm den Essig zu reichen, legte ich die Eier hin, griff die Flasche am Hals, warf sie in die Luft und fing sie hinter dem Rücken wieder auf. Sieben Monate lang hatte ich diesen Trick geübt – und in dieser Zeit beinahe fünfzig Flaschen in Scherben verwandelt, sehr zum Leidwesen meiner Mutter. Aber es hatte sich bezahlt gemacht, und wenn auch nur für diesen Moment.

Susan hielt entsetzt den Atem an und stieß ihn Sekunden später langsam wieder aus. Tja, so viel Geschick hatte sie mir wohl nicht zugetraut. Lachend tippte ich auf die leere Stelle auf der Theke, damit sie sich zu mir setzte. Mit verengten Augen schüttelte sie den Kopf.

Warum so schüchtern? Ich krümmte den Finger und winkte sie heran.

Darauf formte sie nur stumm das Wort: „Nein.“

Ach, jetzt komm schon … Ich seufzte frustriert und verdrehte die Augen. Sie brauchte wohl immer eine extra Extraeinladung, wie? Schön, die konnte sie haben. Ich ging zu ihr hinüber, ignorierte ihren schockierten Blick, griff nach ihrer Hand und zog sie vom Stuhl hoch. Eine Chance zu protestieren bekam sie gar nicht erst, denn ich drehte sie einmal unter meinem Arm durch und zog sie dann an meine Brust. Eine weitere Umarmung – die zweite heute – und mein Herz jubelte. Sie roch so verdammt gut.

Erschrocken lachte Sue auf und legte die Hände auf meine Schultern, um bei dem ganzen Wirbel das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Ich ergriff ihre rechte Hand und tanzte mit ihr im sexy Latino-Style zur Ecke der Kochinsel. Dann packte ich sie kurz entschlossen an den Hüften und hob sie auf die Theke.

Wie ein schüchternes kleines Mädchen verschränkte sie die Hände im Schoß und kreuzte die Beine. Von mir aus, solange sie bloß in meiner Nähe war.

Mit neuer Gesellschaft gleich neben mir, vermischte ich Joghurt und Mascarpone in einer Schüssel, fügte weitere Zutaten hinzu und schmeckte die Masse ab, als sie glatt gerührt war. Lecker. Sue musste das unbedingt auch probieren. Ohne groß nachzudenken, tauchte ich einen Finger in die Creme und streckte ihn ihr hin.

Allerdings verzog Susan erst mal angewidert das Gesicht. „Ernsthaft?“ Ihr Blick wanderte zu meinem Finger. „Krass.“

Okay, offensichtlich waren wir noch nicht ganz da, wo ich mit ihr hinwollte. Machte aber nichts, der Tag war ja noch lang. Mit einem unbeirrten Lächeln leckte ich mir selbst die Creme vom Finger.

Zeit, die Früchte zu schneiden. Sue blockierte die Schublade mit den Messern, und ich musste sie ein wenig zur Seite rücken. Eine Hand auf ihrer Hüfte schob ich sie einfach ein Stück weiter nach links, worauf sie erschrocken quiekte. Nachdem ich das Messer aus der Schublade geholt hatte, schob ich sie wieder zurück ans Eck und dieses Mal – offenbar vorbereitet darauf – lachte sie sogar dabei.

Was auch immer Ethan in der Zwischenzeit vorbereitet hatte, war nun fertig, denn er teilte mir mit, dass er gleich den Backofen brauchen würde. Der Kuchenboden, den ich am Morgen gebacken hatte, war immer noch dort drin – natürlich ohne Hitze, nur damit er an der Luft nicht austrocknete.

Ich zog das Blech mit dem Kuchen heraus und stellte es neben Sue auf die Theke. Ethan schaltete den Ofen ein und stellte eine Keramikschale mit den Steaks und der Soße hinein. „Noch eine halbe Stunde“, verkündete er, während ich die Creme auf meinem Kuchen verteilte.

Ich jonglierte mit ein paar Orangen zum nächsten Lied im Radio, bis mir eine auf den Boden fiel. Na ja, zum Glück war es kein Ei gewesen.

Ethan hob die Orange mit vorwurfsvollem Blick auf. Jap, er wusste, dass ich das besser konnte. Egal, genug jongliert. Ethan war fertig und ich musste immer noch die Früchte für den Kuchen schneiden, ihn belegen und Schokolade zur Dekoration schmelzen.

Als ich mir im nächsten Moment Bananen und Trauben aus der Obstschüssel nahm, blieb mir fast das Herz stehen. Die wichtigste Zutat für meinen Kuchen fehlte in der Schüssel. „Wo sind die Kiwis?“, grummelte ich.

Bei dem Atemzug, den Ethan durch zusammengebissene Zähne einsaugte, stellten sich mir die Härchen im Nacken auf. „Mist“, sagte er und sah aus wie ein Junge, der versehentlich das Barbie-Traumhaus seiner kleinen Schwester kaputtgemacht hatte. „Die habe ich völlig vergessen.“

Verärgert schnaubte ich durch die Nase. „Dann hol mir welche. Und zwar gleich.“

Ethan verschränkte die Arme über der Brust. „Warum holst du sie dir nicht selbst?“

Ja, warum eigentlich nicht? Oh, genau, wie wär’s damit … Ich beugte mich vor, stützte die Hände auf die Theke und bedachte meinen Bruder mit demselben spöttischen Blick wie er mich. „Ich habe Hausarrest.“ Klugscheißer.

Ethan zog eine Grimasse, als er mein Dilemma erkannte. „Stimmt.“

„Hey“, mischte sich Susan nun ein, worauf wir uns beide umdrehten. „Ich kann die Kiwis doch besorgen.“ Sie stützte sich auf die Kante und wollte gerade von der Theke springen, doch ich hinderte sie daran.

Sanft aber nachdrücklich legte ich ihr eine Hand aufs Knie und hielt sie damit an Ort und Stelle. „Ethan kann gehen. Du bleibst, wo du bist.“ Sie würde jetzt auf gar keinen Fall die Küche verlassen – das stellte ich mit einem festentschlossenen Blick in ihre Augen klar. Susan schluckte, denn sie wusste genau, warum ich sie nicht gehen lassen wollte.

„Bin gleich wieder da“, rief Ethan und verschwand aus der Küche. Gut. Ein verschmitztes Lächeln zog an meinen Mundwinkeln, als die zuschlagende Haustür verkündete, dass nur noch Susan und ich im Haus waren.

Ganz allein.

Endlich.

 

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