Die Sache mit Susan Miller (GBT 5)

GroverBeach E-Book 5

Kapitel 1

 

LAUREN PARKER-LEE war eine teuflische Versuchung. Sie löste ihre Lippen von meinen, band sich die langen schwarzen Haare, in denen ich eben noch meine Hände vergraben hatte, mit einer Klammer zusammen und grinste mich an. „Wenn du bis zum nächsten Mal die Konjugation von Futur Zwei lernst, bekommst du vielleicht eine größere Belohnung.“

Verdammt, sie wusste, wie sie mein Herz zum Schlagen brachte. Bei dieser Aussicht überschlug sich allerdings nicht nur mein Herz, sondern vor allem meine Fantasie. Laurens Körper war ebenso exotisch wie ihre Mandelaugen und es war immer ein großes Vergnügen, ihn zu erkunden. Diesmal bedeckte ihre Spitzenunterwäsche jedoch noch immer alle guten Stellen, was bedeutete, dass ich in der vergangenen Woche leider mal wieder nicht genug gebüffelt hatte.

Wir waren im selben Spanischkurs, beide im Abschlussjahr an der Grover Beach High, und seit wir uns zu unverbindlichem Spaß unter dem Deckmantel von Nachhilfestunden trafen, waren meine Noten auf ein solides B hochgeschossen.

Ich griff nach Laurens Handy auf dem Nachttisch und wischte mit dem Daumen über das Display. Die Uhr zeigte zehn nach vier, höchste Zeit, mich auf die Socken zu machen. Es fiel mir jedoch alles andere als leicht, mich von ihren langen Luxusbeinen zu lösen. Als es mir schließlich gelang, stieg ich aus dem Bett und suchte mein Shirt und meine Jeans auf dem Parkettboden zusammen. Das Basketballtraining am Montag wollte ich um nichts in der Welt verpassen – für keines der Mädchen, mit denen ich gelegentlich rummachte, und auch sicher nicht für eine heiße Spanischlektion mit Lauren.

„Denk an den Test am Freitag“, säuselte sie und zog langsam die dunkelrote Satinbettdecke hoch bis zur Wölbung ihrer Brüste. Holla, die Waldfee! Ich stolperte über meine halb hochgezogenen Jeans und fing mich gerade noch an der Lehne des Drehstuhls vor ihrem Schreibtisch ab. Das Mädchen wusste, wie man einen Achtzehnjährigen in Versuchung führte, so viel stand fest.

Aber dieses Spiel konnten auch zwei spielen.

Während ich mir die Hose zuknöpfte, schlenderte ich zum Bett, stützte die Hände neben ihrem Kopf auf dem Kissen ab und beugte mich zu ihr runter, sodass sie von der Seite auf den Rücken rollen musste. Kaum ein Zentimeter trennte unsere Nasenspitzen voneinander. Geblendet von der Sonne, die durch das Fenster über dem Bett fiel, kniff Lauren die Augen zusammen. „Ich vermute mal, das heißt, dass ich dich in den nächsten zwei Wochen etwas öfter sehe“, sagte ich grinsend.

Ich verweigerte ihr den Abschiedskuss, den ihr Schmollmund verlangte, zog mir das T-Shirt über den Kopf, schlüpfte in die Schuhe und war aus dem Zimmer, bevor das Testosteron in meinem Körper Einwände erheben konnte.

„Du hast dein Spanischbuch vergessen, Chris!“, rief sie mir nach.

Genau, da war ja noch was. Ich verdrehte die Augen, bremste ab und lief zurück in ihr Zimmer. Das Buch lag auf dem Tisch; ich hatte es den ganzen Nachmittag kaum angerührt. Ich schob es in meine Tasche zu meinen Sportsachen, schenkte Lauren ein kleines Grinsen und war weg.

Lauren lebte außerhalb der Stadt, weshalb ich fünfzehn Minuten für die Rückfahrt nach Grover Beach brauchte. Es war eine Schande, wenn man ein halbes Jahr vor dem Abschluss immer noch kein eigenes Auto hatte, aber Moms schwarzer SUV reichte mir im Moment aus. Und hey, was sagt man dazu? Auf dem Schulparkplatz, zwei Stellplätze weiter, stand das blaue Auto meines Bruders.

Was trieb Ethan denn so spät noch hier? Soweit ich wusste, sollte er längst zu Hause sein, in seinem Zimmer, ganz allein mit sich selbst. Zumindest hatte er in diesem Herbst die meiste Zeit dort verbracht. Das komplette Gegenteil von mir. Mein eineiiger Zwillingsbruder war echt kein geselliger Mensch – na ja, zumindest nicht mehr.

Bis im vergangenen Frühjahr war auch er Mitglied bei den Dunkin‘ Sharks, unserer Basketballmannschaft, gewesen. Wir hatten jede freie Minute des Tages mit dem Team verbracht. Das änderte sich jedoch, als einer der Jungs Gerüchte über Ethan in die Welt setzte. Von der wirklich üblen Sorte. Irgendwann wurde es Ethan zu viel. Er hätte Will ganz einfach die Fresse polieren sollen. Das hätte ich zumindest an seiner Stelle gemacht. Doch mein lieber Bruder stieg stattdessen einfach aus dem Team aus, was offen gesagt total scheiße war. Andererseits konnte ich verstehen, warum er einer Konfrontation mit der Überschrift Kumpel, bist du schwul? lieber aus dem Weg ging.

Mir war es egal, ob er es war oder nicht. Ethan war einer der besten Spieler in der Mannschaft gewesen und es war einfach dämlich, Basketball für einen Vollpfosten wie William Davis aufzugeben. Aber ich konnte Ethan nicht vorschreiben, wie er sein Leben leben sollte, und musste mich nun einmal damit abfinden. Scheiße.

Ich schob die Gedanken an meinen Bruder zur Seite, griff meine Tasche vom Beifahrersitz und machte mich auf den Weg zur Umkleide, um mich für die besten neunzig Minuten meines Tages fertig zu machen.

 

*

 

„Chris“, rief Mom durch die Tür. „Abendessen!“

Ich schlug erleichtert die Bücher zu. Nach dem Basketballtraining hatte ich eifrig Spanisch gebüffelt, denn ich hatte fest vor, mir morgen nach der Schule von Lauren die versprochene Belohnung abzuholen. Allein der Gedanke daran malte mir ein Lächeln auf die Lippen.

Als ich in die Küche kam, hatte Ethan den Tisch schon gedeckt, also setzte ich mich links von ihm an den runden Tisch. Wir hatten kein separates Esszimmer, dafür war unser Bungalow zu klein. Die Küche war jedoch groß genug und selbst mit der Kochinsel gab es genug Platz, um sich bequem bewegen zu können.

„Was hast du denn am Nachmittag noch in der Schule getrieben?“, fragte ich Ethan mit dem Mund voller Hühnchensalat. „Und sag nicht, dass du nachsitzen musstest, denn selbst dann wärst du schon viel früher heim gekommen und nicht erst vor—“ Ich blickte rasch auf meine Armbanduhr. „… dreißig Minuten.“ Ich hatte auf die Uhr gesehen, als ich hörte, wie mein Bruder vor dem Haus geparkt hatte. Dass er erst abends um sieben nach Hause kam, war in etwa so unwahrscheinlich, als würde ich an einem Freitagabend zu Hause bleiben, um fernzusehen. Mom war der Grund jedoch offensichtlich egal. Sie freute sich, dass Ethan endlich wieder unter Leute ging. Soviel verriet ihr strahlendes Gesicht, als sie mich anschaute.

„Ich musste was mit Hunter besprechen“, erklärte Ethan und steckte sich eine Gabel Salat in den Mund. „Er hat mich gefragt, ob ich in seiner Fußballmannschaft mitspielen will.“

„Oh, Ethan, wie wundervoll!“ So hörte es sich an, wenn meine Mom Unterstützung bekundete, in der Hoffnung, dass Ethan ein Hobby fand, das ihn aus seinem Zimmer lockte. Denn das würde ihm, langfristig gesehen, dabei helfen, eine Freundin zu finden. Ja, auch sie war nicht blind gegen die Zeichen gewesen, dass ihr anderer Sohn vielleicht mehr Interesse an Jungs als an Mädchen hatte. Sie würde ihn natürlich niemals offen darauf ansprechen, ebenso wenig wie ich, aber „eine Mutter darf ja hoffen“, hatte sie mal gesagt.

Ich hatte allerdings so ein Gefühl, dass ihre Hoffnung vergeblich sein könnte.

Leicht schüttelte ich den Kopf, um ihr zu bedeuten, Ethan nicht auf die Pelle zu rücken, aber er erwähnte so beiläufig, als ob er übers Wetter sprach: „Ich habe heute mittrainiert und das hat sogar Spaß gemacht. Es ist eigentlich ein gemischtes Team. Ich wusste gar nicht, dass die Grover Beach High überhaupt eins hat.“

Hmm. Das war mir auch neu. Aber ich hatte mich auch nie sonderlich für etwas anderes interessiert außer Basketball, schon gar nicht für so was Lahmes wie Fußball. Es würde Ethan jedoch gut tun, wenn er öfter unter Leute kam und mir war es egal, ob das durch Fußball, Badminton oder dem Spiel „Steck dem Esel den Schwanz an“ passierte. Klar, dass ich bei seinem ersten Spiel als Unterstützung im Publikum sitzen und ihm zujubeln würde, bis mir die Stimmbänder rissen. Diesen Gefallen gab ich gern zurück, denn er und Mom waren in dieser Saison auch bei jedem einzelnen meiner Spiele gewesen. Am kommenden Samstag fand das letzte vor Weihnachten statt. Mom hatte den Tag im Kalender in der Küche rot angestrichen. Ich konnte es ehrlich gesagt kaum erwarten, den Kerlen von der Clearwater High beim Spiel in den Hintern zu treten. Sie waren ein verdammt gutes Team, aber wir waren besser. Das könnte ein heldenhaftes Saisonfinale werden.

Da Mom nun wusste, dass es Mädchen in der Fußballmannschaft gab, ließ sie nicht so schnell locker, aber ich bekam keine Gelegenheit, dem Gespräch zwischen ihr und Ethan zuzuhören. Mein Handy klingelte in meiner Tasche. Ich war sowieso gerade fertig, also trug ich meinen Teller zum Spülbecken und ging auf dem Weg zurück in mein Zimmer ran.

Der Anruf kam von Tiffany 6, einer Blondine, mit der ich im vergangenen Sommer mal kurz was am Laufen hatte. Die Zahl neben ihrem Namen war ein todsicherer Hinweis darauf, dass sie die Zeit wert gewesen war. Ich hatte allen Mädchen in meiner Kontaktliste eine Nummer von eins bis zehn gegeben. Sozusagen, mein persönliches Ranking, wie sehr mich diese Mädchen bei Laune halten konnten. Sechs war gut. Lauren war jedoch besser platziert. Neben ihrem Namen stand eine solide 10. Und da Tiffany ausgerechnet am Samstag mit mir ausgehen wollte, an dem mein letztes Spiel stattfand, verlor sie glatt einen Punkt in der Wertung. Wenn sie mich kennen würde, hätte sie nicht vorgeschlagen, irgendwohin zu gehen, sondern mir beim Spiel zugesehen. Nachdem ich aufgelegt hatte, änderte ich die 6 in eine 5 und warf mein Handy aufs Bett. Zeit, noch ein wenig Spanisch zu lernen. Futur Zwei, ich komme.

Als ich später ins Bett ging, schwirrte mir der Kopf vor lauter spanischen Verben. Ehrlich, Spanischlernen machte ohne heißes Thaimädel auf meinem Schoß nur halb so viel Spaß. Eigentlich machte es gar keinen Spaß, allein zu lernen. Punkt.

Ich schloss die Augen und versuchte angestrengt, nicht auch noch in Spanisch zu träumen. Ob es mir gelungen war, wusste ich nicht, denn als der Wecker am nächsten Morgen schrillte, konnte ich mich an keinen Traum erinnern.

Ich brachte meine Morgenroutine hinter mich – schnelle Dusche, Klamotten raussuchen, die mein Zwillingsbruder nicht besaß, aufs Frühstück verzichten und Ethan um eine Mitfahrgelegenheit anbetteln – und wiederholte danach mehrmals die Zeile, die ich vor dem Schlafengehen auswendig gelernt hatte. Ich wollte Lauren noch vor der ersten Stunde beeindrucken. Soweit der Plan des Tages.

Als mich Ethan vor der Schule absetzte und sich auf die Suche nach einem Parkplatz machte, lief ich meinem Freund Tyler Moss, dem Captain des Basketballteams, über den Weg. Er wurde von allen T-Rex genannt, weil er einen verdammt aggressiven Spielstil hatte. Seine Freundin Rebecca Evers war bei ihm. „Hey, Becks“, sagte ich und legte ihr den Arm über die Schultern, während ich neben den beiden herschlenderte. „Hast du Lauren heute schon gesehen?“ Die beiden waren beste Freundinnen und ich wollte nicht warten, bis ich mit Lauren in der vierten Stunde Spanisch hatte.

Rebecca hob die Brauen und grinste mich an. Mir war in den letzten Wochen keineswegs entgangen, dass sie insgeheim darauf hoffte, dass Lauren und ich ernsthaft zusammenkamen, denn dann könnten wir vier bei Doppeldates abhängen. „Du bist wohl schon ganz heiß drauf, sie heute zu sehen, wie?“ zog sie mich auf.

„Ziemlich“, schnurrte ich ihr ins Ohr, nahm aber meinen Arm von ihren Schultern, als wir durch die Glastür ins Schulgebäude gingen.

Rebecca warf sich das dicke Haar nach hinten, das ebenso blond war wie meins, und schlang einen Arm um Tyler, sah dabei allerdings mich an. „Sie hat in der ersten Stunde Biologie. Schauen wir mal, ob sie schon da ist.“

Tyler lachte über den Eifer seiner Freundin, denn er wusste ebenso gut wie ich, dass aus Lauren und mir nie was werden würde. Während Becky uns voran zum Biologieraum lief, warfen wir uns einen schnellen Blick hinter ihrem Rücken zu, aber keiner von uns wagte es, sie von ihrer Mission abzubringen.

Lauren war eine Sahneschnitte und vor zwei Jahren hätte ich mir vielleicht noch überlegt, eine feste Beziehung mit ihr einzugehen. Aber es war zu viel passiert, und nachdem mit meiner damaligen festen Freundin Schluss war, hatte ich beschlossen, mich nur noch auf kurze Affären einzulassen. Wenn ich mich jemals wieder fest binden sollte, musste mir erst mal ein Mädchen über den Weg laufen, das sich nicht durch die Betten schlief oder schlimmer noch, mich für meinen besten Freund sitzen lassen würde. Ich knirschte immer noch mit den Zähnen, wenn ich daran dachte, wie Amanda Roseman mir damals in der 10. Klasse per SMS verkündet hatte, dass sie mich in den Semesterferien gegen Michael ausgetauscht hatte. Ich bezweifelte, dass es in dieser Stadt ein Mädchen gab, in das ich mich noch einmal verlieben könnte. Falls doch, forderte ich in diesem Moment Schicksal heraus, sie mir doch gleich mal vorbeizuschicken.

Als wir um die Ecke bogen, war jedoch kein Mädchen außer Lauren zu sehen. Offensichtlich hatte das Schicksal einen seltsamen Sinn für Humor und ich lachte leise und schüttelte den Kopf.

Wir stellten uns zu Lauren und den beiden Jungs, mit denen sie sich unterhielt, Allen Stone und Wesley Irgendwas. Ich war nicht wirklich mit Wes befreundet, aber er wirkte cool genug und hin und wieder mit ihm abzuhängen. Wenn wir uns trafen, fielen mir als erstes immer seine Segelohren auf. Im Moment lehnte er mit einer Schulter am Spind vor Lauren, die mit dem Rücken zu mir stand, und sagte etwas, das sie zum Lachen brachte. Er richtete sich sofort auf, als ich zu ihnen trat, sodass auch sie mich bemerkte.

Perlweiße Zähne blitzten in einem verführerischen Lächeln, als sie sich mir zuwandte. „Hi.“

„Selber hi.“ Ich hätte ihr ja einen Kuss gegeben, aber sie trug an diesem Morgen einen schimmernden roten Lippenstift, den ich nicht ausstehen konnte. Ich hatte ihre geglossten Lippen schon mal geküsst – und auch die einiger anderer Mädchen – aber danach hatte ich immer diesen ekeligen Plastikgeschmack auf der Zunge, den ich ewig nicht mehr loswurde. Lauren wusste das. Deshalb trug sie auch nie Make-up, wenn wir miteinander lernten.

„Was führt dich zu meiner Biologieklasse?“, neckte sie mit gehobenem Kinn und einem neugierigen Funkeln in den dunklen Augen. „Hast du mich vermisst?“

Zuversichtlich stützte ich eine Hand gegen die Spindtür neben ihrem Kopf. „Wie wär’s, wenn du dir den Mund abwischst und ich zeige dir wie sehr?“

„Ich dachte, ich hätte mich gestern klar ausgedrückt.“ Lauren hielt meinen Blick mit herausforderndem Lächeln fest. „Das wird erst passieren, wenn du die Konjugationen von Futur Zwei gelernt hast.“

Das war mein Stichwort. Ich beugte mich ein wenig näher zu ihr und schnurrte ihr ins Ohr: „Al final del día … yo habré quitado tus bragas.

Lauren sog scharf die Luft ein, da ich ihr gerade versichert hattee, dass ich ihr noch vor Ende des Tages den Slip ausgezogen haben würde. „Mit den Zähnen …“, fügte ich in verführerisch leister Stimme hinzu und genoss die leichte Röte, die mein Versprechen auf ihre sonst so bleichen Wangen zauberte. Es kam ungefähr zweimal im Jahr vor, dass ich sie mit etwas aus dem Gleichgewicht bringen konnte, und es gab meinem Selbstbewusstsein jedes Mal einen ordentlichen Schubs.

„Ah, wie ich sehe, hast du ausnahmsweise mal einen Blick in dein Spanischbuch geworfen.“

„Vielleicht können wir später ein paar Fallstudien dazu machen. Was meinst du?“

Sie schenkte mir einen verschmitzten Blick. „Ich bin bis halb fünf allein zu Hause.“

Bedauerlicherweise kollidierte das mit meinen Plänen für den Nachmittag. „Ich habe gleich nach der Schule Basketballtraining“, sagte ich in normalem Ton, ohne Schlafzimmerstimme. „Aber nach fünf kannst du zu mir kommen.“

„Hey“, sagte eine sanfte Stimme hinter mir und ich drehte den Kopf, noch ehe ich eine Antwort von Lauren erhalten hatte. Rechts von mir stand ein Mädchen, zu dem mir in diesem Moment absolut kein Name einfiel. Ihr honigblondes Haar war in einem schlichten Pferdeschwanz zusammengefasst. Sie schob die Brille auf ihrer Stupsnase hoch und sah mir direkt in die Augen. „Expecto Patronum“ stand in Harry-Potter-Schrift auf der linken Brust ihres pinken Shirts und darunter kringelte sich ein weißer Lichtblitzhase aus einem Zauberstab. Aus ihrer rechten Brusttasche ragte ein Taschenrechner heraus. Sie gehörte sicher zu den Kids, die sich jedes Jahr für die ComicCon verkleideten und die Zahl Pi nur so zum Spaß bis zur dreihundertsten Stelle hinter dem Komma auswendig lernten. Das perfekte Aushängeschild für den Nerdklub.

„Ich hab dir die versprochene CD mitgebracht“, sagte sie, während ich immer noch rätselte, ob ich sie überhaupt kannte. Ich hing normalerweise nicht mit den Mädels aus der Streberklasse rum, also wer zum Teufel war sie?

Dann passierte etwas Seltsames. Sie hielt mir eine CD entgegen. Was sollte ich denn damit? Ich wendete mich von Lauren ab und drehte mich dem seltsamen Mädchen ganz zu. Statt die CD zu nehmen, steckte ich jedoch eine Hand in die Hosentasche und umklammerte mit der anderen den Träger meines Rucksacks. Es kam öfter mal vor, dass ich in den Schulfluren von Mädchen angesprochen wurde – aber gewöhnlich nicht von fremden. Ich kannte so ziemlich jedes Mädel aus dem Abschlussjahrgang und vermutlich sechzig Prozent der anderen. Dieses Gesicht war mir aber neu. Ich ließ meinen Blick über ihren Körper hinunter bis zu ihren Füßen und dann wieder rauf zu ihren Augen gleiten, die so grün waren wie das Spotify-Logo.

Offenbar machte mein Schweigen sie nervös, denn sie räusperte sich. „Hör zu, ich schaff es heute um drei leider nicht zu Charlie’s. Können wir unser Date vielleicht auf ein bisschen später verlegen? Wäre fünf Uhr okay für dich?“

Entschuldigung, was?

Ich versuchte angestrengt mich zu beherrschen, aber trotzdem entwich mir ein überraschtes Lachen. Normalerweise schlug ich zwar keine Verabredungen aus, doch das war einfach lächerlich. Ich verschränkte die Arme. „Sonnenschein, wie kommst du nur darauf, dass du und ich heute ein Date haben?“

Sie schluckte schwer. Oh Mann, hatte ich sie in Verlegenheit gebracht? Meine Freunde lachten hinter mir, während ich mir von innen auf die Wange biss, um einen neutralen Gesichtsausdruck zu behalten. Von einer Streberin angebaggert, das war ja mal was.

Einen Moment später schnappte sie genervt nach Luft und straffte die Schultern. Holt sie jetzt etwa ihren Zauberstab hervor und lässt mich mitten am Gang explodieren?

„Wow, offenbar hab ich da gestern was missverstanden. Tut mir leid, mein Fehler“, sagte sie in sarkastischem Ton. Als sie dann auf dem Absatz kehrt machte und davon stapfte, zeigte sie mir dich glatt den Stinkefinger.

Holla, die Waldfee! Ich wusste kurz nicht, ob ich deshalb gekränkt oder davon beeindruckt sein sollte. Allerdings erhielt ich keine Gelegenheit, darüber nachzudenken, denn Lauren schlug mir auf die Brust.

„Was sollte denn das gerade?“, wollte sie wissen. Wie die anderen konnte auch sie ihr Kichern kaum unterdrücken. „Gehst du etwa mit diesem Mädchen aus?“

Wenn ich jetzt ja sagte, selbst um Lauren nur aufzuziehen, würde sie heute nicht mehr zu mir kommen. Also tat ich so, als sei ich von ihrer Anschuldigung tief getroffen und griff mir an die Brust. „Autsch, jetzt brichst du mir aber das Herz, Lauren! Ich kenne sie überhaupt nicht. Und außerdem bist du die Einzige, mit der ich heute ein Date habe.“ Ich wickelte eine ihrer schwarzen Haarsträhnen um meinen Finger und grinste sie an. „Seh ich dich nach fünf?“

Lauren blickte der Fremden kurz hinterher, dann wandte sie sich mir zu und schenkte mir ein Lächeln. „Klar.“

 

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Viel Spaß beim Lesen!🙂