Die Sache mit Susan Miller (GBT 5)

GroverBeach E-Book 5

Die Sache mit Susan Miller

Grover Beach Team, 5

Kapitel 1

 

LAUREN PARKER-LEE war eine teuflische Versuchung. Sie löste ihre Lippen von meinen, band sich die langen schwarzen Haare, in denen ich eben noch meine Finger vergraben hatte, mit einer Klammer zusammen und grinste mich an. „Wenn du bis zum nächsten Mal die Konjugation von Futur Zwei lernst, bekommst du vielleicht eine größere Belohnung.“

Oh Mann, sie wusste, was sie tun musste, damit mein Herz Saltos schlug. Bei dieser Aussicht überschlug sich allerdings nicht nur mein Herz, sondern vor allem meine Fantasie. Laurens Körper war ebenso exotisch wie ihre Mandelaugen und es war immer ein großes Vergnügen, diesen zu erkunden. Leider bedeckte ihre Spitzenunterwäsche immer noch alle guten Stellen, was bedeutete, dass ich in der vergangenen Woche wohl mal wieder nicht genug gebüffelt hatte.

Wir waren im selben Spanischkurs, beide im Abschlussjahr an der Grover Beach High, und seit wir uns zu unverbindlichem Spaß unter dem Deckmantel von Nachhilfestunden trafen, waren meine Noten auf ein solides B hochgeschossen.

Ich griff nach Laurens Handy auf dem Nachttisch und wischte mit dem Daumen über das Display. Die Uhr zeigte zehn nach vier, höchste Zeit, mich auf den Weg zu machen. Es fiel mir jedoch alles andere als leicht, mich von ihren langen Luxusbeinen zu lösen. Als es mir schließlich gelang, stieg ich aus dem Bett und suchte mein Shirt und meine Jeans auf dem Parkettboden zusammen. Das Basketballtraining am Montag wollte ich um nichts in der Welt verpassen – weder für eins der Mädchen, mit denen ich gelegentlich rummachte, und auch nicht für eine heiße Spanischlektion mit Lauren.

„Denk an den Test am Freitag“, schnurrte sie und zog langsam die dunkelrote Satinbettdecke hoch bis zur Wölbung ihrer Brüste. Ich stolperte über meine halb hochgezogenen Jeans und fing mich gerade noch an der Lehne des Drehstuhls vor ihrem Schreibtisch ab. Mann, oh Mann, das Mädchen wusste, wie man einen Achtzehnjährigen in Versuchung führte, so viel stand fest.

Aber dieses Spiel konnte man auch zu zweit spielen.

Während ich mir die Hose zuknöpfte, schlenderte ich zum Bett, stützte die Hände neben ihrem Kopf auf dem Kissen ab und beugte mich zu ihr runter, sodass sie von der Seite auf den Rücken rollen musste. Kaum ein Zentimeter trennte unsere Nasenspitzen voneinander. Geblendet von der Sonne, die durch das Fenster über dem Bett fiel, kniff Lauren die Augen zusammen. „Ich vermute mal, das heißt, dass ich dich in den nächsten zwei Wochen etwas öfter sehe“, sagte ich mit anzüglicher Stimme.

Ich verweigerte ihr den Abschiedskuss, den ihr Schmollmund verlangte, zog mir das T-Shirt über den Kopf, schlüpfte in die Schuhe und war aus dem Zimmer, bevor das Testosteron in meinem Körper Einwände erheben konnte.

„Du hast dein Spanischbuch vergessen, Chris!“, rief sie mir nach.

Genau, da war ja noch was. Ich verdrehte die Augen, bremste ab und lief zurück in ihr Zimmer. Das Buch lag auf dem Tisch; ich hatte es den ganzen Nachmittag kaum angerührt. Ich schob es in die Tasche zu meinen Sportsachen, schenkte Lauren ein kleines Grinsen und war weg.

Lauren lebte außerhalb der Stadt, weshalb ich fünfzehn Minuten für die Rückfahrt nach Grover Beach brauchte. Es war eine Schande, wenn man ein halbes Jahr vor dem Abschluss immer noch kein eigenes Auto hatte, aber Moms schwarzer SUV reichte mir im Moment aus. Und hey, was sagt man dazu? Auf dem Schulparkplatz, zwei Stellplätze weiter, stand der blaue Mustang meines Bruders.

Was trieb Ethan denn so spät noch hier? Soweit ich wusste, sollte er längst zu Hause sein, in seinem Zimmer, ganz allein mit sich selbst. Zumindest hatte er in diesem Herbst die meiste Zeit dort verbracht. Das komplette Gegenteil von mir. Mein eineiiger Zwillingsbruder war echt kein geselliger Mensch – na ja, zumindest nicht mehr.

Bis im vergangenen Frühjahr war auch er Mitglied bei den Dunkin‘ Sharks, unserer Basketballmannschaft, gewesen. Wir hatten jede freie Minute des Tages mit dem Team verbracht. Das änderte sich jedoch, als einer der Jungs Gerüchte über Ethan in die Welt setzte. Von der wirklich üblen Sorte. Irgendwann wurde es Ethan zu viel. Er hätte Will ganz einfach die Fresse polieren sollen. Das hätte ich zumindest an seiner Stelle gemacht. Doch mein lieber Bruder stieg stattdessen einfach aus dem Team aus, was offen gesagt total scheiße war. Andererseits konnte ich verstehen, warum er einer Konfrontation mit der Überschrift Kumpel, bist du schwul? lieber aus dem Weg ging.

Mir war es egal, ob er es war oder nicht. Ethan war einer der besten Spieler in der Mannschaft gewesen und es war einfach dämlich, Basketball für einen Vollpfosten wie William Davis aufzugeben. Aber ich konnte Ethan nicht vorschreiben, wie er sein Leben führen sollte, und musste mich nun einmal damit abfinden. Scheiße.

Ich schob die Gedanken an meinen Bruder zur Seite, griff meine Tasche vom Beifahrersitz und machte mich auf den Weg zur Umkleide, um mich für die besten neunzig Minuten meines Tages fertig zu machen.

*

 

„Chris“, rief Mom durch die Tür. „Abendessen!“

Ich schlug erleichtert die Bücher zu. Nach dem Basketballtraining hatte ich eifrig Spanisch gebüffelt, denn ich hatte fest vor, mir morgen nach der Schule von Lauren die versprochene Belohnung abzuholen. Allein der Gedanke daran malte mir ein Lächeln auf die Lippen.

Als ich in die Küche kam, hatte Ethan schon gedeckt, also setzte ich mich links von ihm an den runden Tisch. Wir hatten kein separates Esszimmer, dafür war unser Bungalow zu klein. Die Küche war jedoch groß genug und selbst mit der Kochinsel gab es genug Platz, um sich bequem bewegen zu können.

„Was hast du denn am Nachmittag noch in der Schule getrieben?“, fragte ich Ethan mit dem Mund voller Hühnchensalat. „Und sag nicht, dass du nachsitzen musstest, denn selbst dann wärst du schon viel früher heimgekommen und nicht erst vor—“ Ich blickte rasch auf meine Armbanduhr. „… dreißig Minuten.“ Ich hatte auf die Uhr gesehen, als ich hörte, wie mein Bruder vor dem Haus geparkt hatte. Dass er erst abends um sieben nach Hause kam, war in etwa so unwahrscheinlich, als würde ich an einem Freitagabend zu Hause bleiben, um fernzusehen. Mom war der Grund jedoch offensichtlich egal. Sie freute sich, dass Ethan endlich wieder unter Leute ging. Soviel verriet ihr strahlendes Gesicht, als sie mich anschaute.

„Ich musste was mit Hunter besprechen“, erklärte Ethan und steckte sich eine Gabel Salat in den Mund. „Er hat mich gefragt, ob ich in seiner Fußballmannschaft mitspielen will.“

„Oh, Ethan, wie wundervoll!“ So hörte es sich an, wenn meine Mom Unterstützung bekundete, in der Hoffnung, dass Ethan ein Hobby fand, das ihn aus seinem Zimmer lockte. Denn das würde ihm, langfristig gesehen, dabei helfen, eine Freundin zu finden. Ja, auch sie war nicht blind gegen die Zeichen gewesen, dass ihr anderer Sohn vielleicht mehr Interesse an Jungs als an Mädchen haben könnte. Sie würde ihn natürlich niemals offen darauf ansprechen, ebenso wenig wie ich, aber „eine Mutter darf ja hoffen“, hatte sie mal gesagt.

Ich hatte allerdings so ein Gefühl, dass ihre Hoffnung vergeblich sein könnte.

Leicht schüttelte ich den Kopf, um ihr zu bedeuten, Ethan nicht auf die Pelle zu rücken, aber er erwähnte so beiläufig, als ob er übers Wetter sprach: „Ich habe heute mittrainiert und das hat sogar Spaß gemacht. Es ist eigentlich ein gemischtes Team. Ich wusste gar nicht, dass die Grover Beach High überhaupt eins hat.“

Hmm. Das war mir auch neu. Aber ich hatte mich auch nie sonderlich für etwas anderes interessiert außer Basketball, schon gar nicht für so was Lahmes wie Fußball. Es würde Ethan jedoch gut tun, wenn er öfter unter Leute kam, und mir war es egal, ob das durch Fußball, Badminton oder dem Spiel „Steck dem Esel den Schwanz an“ passierte. Klar, dass ich bei seinem ersten Spiel als Unterstützung im Publikum sitzen und ihm zujubeln würde, bis mir die Stimmbänder rissen. Diesen Gefallen gab ich gern zurück, denn er und Mom waren in dieser Saison auch bei jedem einzelnen meiner Spiele gewesen. Am kommenden Samstag fand das letzte vor Weihnachten statt. Mom hatte den Tag im Kalender in der Küche rot angestrichen. Ich konnte es ehrlich gesagt kaum erwarten, den Kerlen von der Clearwater High beim Spiel in den Hintern zu treten. Sie waren ein verdammt gutes Team, aber wir waren besser. Das könnte ein heldenhaftes Saisonfinale werden.

Da Mom nun wusste, dass es Mädchen in der Fußballmannschaft gab, ließ sie nicht so schnell locker, aber ich bekam keine Gelegenheit, dem Gespräch zwischen ihr und Ethan zuzuhören. Mein Handy klingelte in meiner Tasche. Ich war sowieso gerade fertig, also trug ich meinen Teller zum Spülbecken und ging auf dem Rückweg in mein Zimmer ran.

Der Anruf kam von Tiffany 6, einer Blondine, mit der ich im vergangenen Sommer mal kurz was am Laufen hatte. Die Zahl neben ihrem Namen war ein todsicherer Hinweis darauf, dass sie die Zeit wert gewesen war. Ich hatte allen Mädchen in meiner Kontaktliste eine Nummer von eins bis zehn gegeben. Sozusagen mein persönliches Ranking, wie sehr mich diese Mädchen bei Laune halten konnten. Sechs war gut. Lauren war jedoch besser platziert. Neben ihrem Namen stand eine solide 10. Und da Tiffany ausgerechnet am Samstag mit mir ausgehen wollte, an dem mein letztes Spiel stattfand, verlor sie glatt einen Punkt in der Wertung. Wenn sie mich kennen würde, hätte sie nicht vorgeschlagen, irgendwohin zu gehen, sondern mir beim Spiel zugesehen. Nachdem ich aufgelegt hatte, änderte ich die 6 in eine 5 und warf mein Handy aufs Bett. Zeit, noch ein wenig Spanisch zu lernen. Futur Zwei, ich komme.

Als ich später ins Bett ging, schwirrte mir der Kopf vor lauter spanischen Verben. Ehrlich, Spanisch lernen machte ohne heißes Thaimädel auf meinem Schoß nur halb so viel Spaß. Eigentlich machte es gar keinen Spaß, allein zu lernen. Punkt.

Ich schloss die Augen und versuchte angestrengt, nicht auch noch in Spanisch zu träumen. Ob es mir gelungen war, wusste ich nicht, denn als der Wecker am nächsten Morgen schrillte, konnte ich mich an keinen Traum erinnern.

Ich brachte meine Morgenroutine hinter mich – schnelle Dusche, Klamotten raussuchen, die mein Zwillingsbruder nicht besaß, aufs Frühstück verzichten und Ethan um eine Mitfahrgelegenheit anbetteln – und wiederholte danach mehrmals die Zeile, die ich vor dem Schlafengehen auswendig gelernt hatte. Ich wollte Lauren noch vor der ersten Stunde beeindrucken. Soweit der Plan des Tages.

Als mich Ethan vor der Schule absetzte und sich auf die Suche nach einem Parkplatz machte, lief ich meinem Freund Tyler Moss, dem Captain des Basketballteams, über den Weg. Er wurde von allen T-Rex genannt, weil er einen verdammt aggressiven Spielstil hatte. Seine Freundin Rebecca Evers war bei ihm. „Hey, Becks“, sagte ich und legte ihr den Arm über die Schultern, während ich neben den beiden herschlenderte. „Hast du Lauren heute schon gesehen?“ Die beiden waren beste Freundinnen und ich wollte nicht warten, bis ich mit Lauren in der vierten Stunde Spanisch hatte.

Rebecca hob die Brauen und grinste mich an. Mir war in den letzten Wochen keineswegs entgangen, dass sie insgeheim darauf hoffte, dass Lauren und ich ernsthaft zusammenkamen, denn dann könnten wir vier bei Doppeldates abhängen. „Du bist wohl schon ganz heiß drauf, sie heute zu sehen, wie?“, zog sie mich auf.

„Ziemlich“, schnurrte ich ihr ins Ohr, nahm aber meinen Arm von ihren Schultern, als wir durch die Glastür ins Schulgebäude gingen.

Rebecca warf sich das dicke Haar nach hinten, das ebenso blond war wie meins, und schlang einen Arm um Tyler, sah dabei allerdings mich an. „Sie hat in der ersten Stunde Biologie. Schauen wir mal, ob sie schon da ist.“

Tyler lachte über den Eifer seiner Freundin, denn er wusste ebenso gut wie ich, dass aus Lauren und mir nie was werden würde. Während Becky uns voran zum Biologieraum lief, warfen wir uns einen schnellen Blick hinter ihrem Rücken zu, aber keiner von uns wagte es, sie von ihrer Mission abzubringen.

Lauren war eine Sahneschnitte und vor zwei Jahren hätte ich mir vielleicht noch überlegt, eine feste Beziehung mit ihr einzugehen. Aber es war zu viel passiert, und nachdem mit meiner damaligen festen Freundin Schluss war, hatte ich beschlossen, mich nur noch auf kurze Affären einzulassen. Wenn ich mich jemals wieder fest binden sollte, musste mir erst mal ein Mädchen über den Weg laufen, das nicht mit jedem Jungen, der gerade an einer Ecke stand, flirtete, oder schlimmer noch, mich für meinen besten Freund sitzen lassen würde. Ich knirschte immer noch mit den Zähnen, wenn ich daran dachte, wie Amanda Roseman mir damals in der 10. Klasse per SMS verkündet hatte, dass sie mich in den Semesterferien gegen Michael ausgetauscht hatte. Ich bezweifelte, dass es in dieser Stadt ein Mädchen gab, in das ich mich noch einmal verlieben könnte. Falls doch, forderte ich in diesem Moment das Schicksal heraus, sie mir doch gleich mal vorbeizuschicken.

Als wir um die Ecke bogen, war jedoch kein Mädchen außer Lauren in Sicht. Offensichtlich hatte das Schicksal einen seltsamen Sinn für Humor und ich lachte leise und schüttelte den Kopf.

Wir stellten uns zu Lauren und den beiden Jungs, mit denen sie sich unterhielt, Allen Stone und Wesley Irgendwas. Ich war nicht wirklich mit Wes befreundet, aber er wirkte cool genug, um hin und wieder mit ihm abzuhängen. Wenn wir uns trafen, fielen mir als Erstes immer seine Segelohren auf. Im Moment lehnte er mit einer Schulter am Spind vor Lauren, die mit dem Rücken zu mir stand, und sagte etwas, das sie zum Lachen brachte. Er richtete sich sofort auf, als ich zu ihnen trat, sodass auch sie mich bemerkte.

Perlweiße Zähne blitzten in einem verführerischen Lächeln, als sie sich mir zuwandte. „Hi.“

„Selber hi.“ Ich hätte ihr ja einen Kuss gegeben, aber sie trug an diesem Morgen einen schimmernden roten Lippenstift, den ich nicht ausstehen konnte. Ich hatte ihre geglossten Lippen schon mal geküsst – und auch die einiger anderer Mädchen – aber danach hatte ich immer diesen ekeligen Plastikgeschmack auf der Zunge, den ich ewig nicht mehr loswurde. Lauren wusste das. Deshalb trug sie auch nie Make-up, wenn wir miteinander lernten.

„Was führt dich zu meiner Biologieklasse?“, neckte sie mit gehobenem Kinn und einem neugierigen Funkeln in den dunklen Augen. „Hast du mich vermisst?“

Zuversichtlich stützte ich eine Hand gegen die Spindtür neben ihrem Kopf. „Wie wär’s, wenn du dir den Mund abwischst und ich zeige dir wie sehr?“

„Ich dachte, ich hätte mich gestern klar ausgedrückt.“ Lauren hielt meinen Blick mit herausforderndem Lächeln fest. „Das wird erst passieren, wenn du die Konjugation von Futur Zwei gelernt hast.“

Das war mein Stichwort. Ich beugte mich ein wenig näher zu ihr und schnurrte ihr ins Ohr: „Al final del día … yo habré quitado tus bragas.

Lauren sog scharf die Luft ein, da ich ihr gerade versichert hatte, dass ich ihr noch vor Ende des Tages den Slip ausgezogen haben würde. „Mit den Zähnen …“, fügte ich in verführerisch leister Stimme hinzu und genoss die leichte Röte, die mein Versprechen auf ihre sonst so bleichen Wangen zauberte. Es kam ungefähr zweimal im Jahr vor, dass ich sie mit etwas aus dem Gleichgewicht bringen konnte, und es gab meinem Selbstbewusstsein jedes Mal einen ordentlichen Schubs.

„Ah, wie ich sehe, hast du ausnahmsweise mal einen Blick in dein Spanischbuch geworfen.“

„Vielleicht können wir später ein paar Fallstudien dazu machen. Was meinst du?“

Sie schenkte mir einen verschmitzten Blick. „Ich bin bis halb fünf allein zu Hause.“

Bedauerlicherweise kollidierte das mit meinen Plänen für den Nachmittag. „Ich habe gleich nach der Schule Basketballtraining“, sagte ich in normalem Ton, ohne Schlafzimmerstimme. „Aber nach fünf kannst du zu mir kommen.“

„Hey“, sagte eine sanfte Stimme hinter mir und ich drehte den Kopf, noch ehe ich eine Antwort von Lauren erhalten hatte. Rechts von mir stand ein Mädchen, zu dem mir in diesem Moment absolut kein Name einfiel. Ihr honigblondes Haar war in einem schlichten Pferdeschwanz zusammengefasst. Sie schob die Brille auf ihrer Stupsnase hoch und sah mir direkt in die Augen. „Expecto Patronum“ stand in Harry-Potter-Schrift auf der linken Brust ihres pinken Shirts und darunter kringelte sich ein weißer Lichtblitzhase aus einem Zauberstab. Aus ihrer rechten Brusttasche ragte ein Taschenrechner heraus. Sie gehörte sicher zu den Kids, die sich jedes Jahr für die Comic Con verkleideten und die Zahl Pi nur so zum Spaß bis zur dreihundertsten Stelle hinter dem Komma auswendig lernten. Das perfekte Aushängeschild für den Nerdklub.

„Ich hab dir die versprochene CD mitgebracht“, sagte sie, während ich immer noch rätselte, ob ich sie überhaupt kannte. Ich hing normalerweise nicht mit den Mädels aus der Streberklasse rum, also wer zum Teufel war sie?

Dann passierte etwas Seltsames. Sie hielt mir eine CD entgegen. Was sollte ich denn damit? Ich wendete mich von Lauren ab und drehte mich dem seltsamen Mädchen ganz zu. Statt die CD zu nehmen, steckte ich jedoch eine Hand in die Hosentasche und umklammerte mit der anderen den Träger meines Rucksacks. Es kam öfter mal vor, dass ich in den Schulfluren von Mädchen angesprochen wurde – aber gewöhnlich nicht von fremden. Ich kannte so ziemlich jedes Mädel aus dem Abschlussjahrgang und vermutlich sechzig Prozent der anderen. Dieses Gesicht war mir aber neu. Ich ließ meinen Blick über ihren Körper hinunter bis zu ihren Füßen und dann wieder rauf zu ihren Augen gleiten, die so grün waren wie das Spotify-Logo.

Offenbar machte mein Schweigen sie nervös, denn sie räusperte sich. „Hör zu, ich schaff es heute um drei leider nicht zu Charlie’s. Können wir unser Date vielleicht auf ein bisschen später verlegen? Wäre fünf Uhr okay für dich?“

Entschuldigung, was?

Ich versuchte angestrengt mich zu beherrschen, aber trotzdem entwich mir ein überraschtes Lachen. Normalerweise schlug ich zwar keine Verabredungen aus, doch das war einfach lächerlich. Ich verschränkte die Arme. „Sonnenschein, wie kommst du nur darauf, dass du und ich heute ein Date haben?“

Sie schluckte schwer. Oh Mann, hatte ich sie in Verlegenheit gebracht? Meine Freunde lachten hinter mir, während ich mir von innen auf die Wange biss, um einen neutralen Gesichtsausdruck zu behalten. Von einer Streberin angebaggert, das war ja mal was.

Einen Moment später schnappte sie genervt nach Luft und straffte die Schultern. Holt sie jetzt etwa ihren Zauberstab hervor und lässt mich mitten am Gang explodieren?

„Wow, offenbar hab ich da gestern was missverstanden. Tut mir leid, mein Fehler“, sagte sie in sarkastischem Ton. Als sie dann auf dem Absatz kehrtmachte und davon stapfte, zeigte sie mir doch glatt den Stinkefinger.

Holla, die Waldfee! Ich wusste kurz nicht, ob ich deshalb gekränkt oder davon beeindruckt sein sollte. Allerdings erhielt ich keine Gelegenheit, darüber nachzudenken, denn Lauren schlug mir auf die Brust.

„Was sollte denn das gerade?“, wollte sie wissen. Wie die anderen konnte auch sie ihr Kichern kaum unterdrücken. „Gehst du etwa mit diesem Mädchen aus?“

Wenn ich jetzt ja sagte, selbst um Lauren nur aufzuziehen, würde sie heute nicht mehr zu mir kommen. Also tat ich so, als sei ich von ihrer Anschuldigung tief getroffen und griff mir an die Brust. „Autsch, jetzt brichst du mir aber das Herz, Lauren! Ich kenne sie überhaupt nicht. Und außerdem bist du die Einzige, mit der ich heute ein Date habe.“ Ich wickelte eine ihrer schwarzen Haarsträhnen um meinen Finger und grinste sie an. „Seh ich dich nach fünf?“

Lauren blickte der Fremden kurz hinterher, dann wandte sie sich mir zu und schenkte mir ein Lächeln. „Klar.“

Kapitel 2

 

AM NÄCHSTEN MORGEN roch es in meinem Zimmer immer noch nach Laurens Parfüm. Trotz der heißen Erinnerungen, die dabei wieder hochkamen, wurde mir von dem süßlichen Geruch übel, als ich nach dem Duschen ins Zimmer zurückkam. Ich riss das Fenster auf, um ein wenig frische Luft zu bekommen. Das hätte ich schon tun sollen, nachdem sie am Vorabend gegangen war.

Der Novemberwind trug die morgendliche Kälte in mein Zimmer, aber so richtig kalt wurde es in den kalifornischen Wintern dann doch nicht. In ein paar Stunden würde die Sonne schon wieder so stark sein, dass man auf eine Jacke leicht verzichten konnte. Ich zog mir ein weißes Sweatshirt und die zerrissene Jeans vom Vortag an und war gerade dabei, meine Schultasche zu packen, als Ethan an die offene Tür klopfte.

„Wenn du mitfahren willst, beeil dich. Nach der Schule trainiere ich allerdings wieder mit Hunter und der Mannschaft, da wirst du also nach Hause laufen müssen“, informierte er mich.

Schon wieder Fußballtraining? War er jetzt Mitglied in Ryan Hunters Team oder was? Ryan war ein guter Freund von mir; ich saß in Mathe hinter ihm und in Bio war er mein Laborpartner. Außerdem hatte ich schon zahllose Nächte bei seinen legendären Partys verbracht. Da ich Ethan heute nicht viel sehen würde – wir hatten keine gemeinsamen Unterrichtsstunden – konnte ich Ryan vielleicht fragen, warum mein Bruder plötzlich so großes Interesse an Fußball zeigte.

„Fahr ruhig los“, sagte ich zu Ethan und packte weiter. „Ich borge mir Moms Auto.“

„Ist gut. Bis später.“

Die Verbrechensstatistik in Grover Beach ähnelte der eines Klosters, dennoch war es ziemlich leicht für Diebe auf Beutefang in unseren Bungalow einzusteigen. Von klein auf hatte Mom uns eingetrichtert, dass wir die Fenster schließen müssen, wenn wir das Haus verlassen. Da ich etwas für mich sehr Wertvolles in meinem Zimmer aufbewahrte, befolgte ich ihre Anweisung mit peinlicher Sorgfalt.

Den Rucksack über einer Schulter checkte ich meine perfekt zerzausten Haare im Badspiegel und machte mich anschließend auf die Suche nach meiner Mutter. Ich fand sie im Wohnzimmer. „Morgen, Mom. Brauchst du das Auto heute?“

Sie strich sich die braunen Haare aus der Stirn, ließ die Kissen, die sie auf dem Sofa arrangiert hatte, in Ruhe und sandte mir ein Lächeln. „Für heute hat sich kein Kunde vorgemerkt. Du kannst es haben.“

Dass sie einen ganzen Tag lang keine Kunden hatte, war eine Seltenheit. Als Immobilienmaklerin verbrachte sie viel Zeit unterwegs, um Leute in- und außerhalb der Stadt zu treffen und ihnen hübsche Häuser zu zeigen. Durch ihren Job wurden wir nicht reich, aber er machte sie glücklich. Außerdem verdiente sie genug Geld, sodass wir uns keine Sorgen um Rechnungen oder andere Dinge machen mussten. Und sie musste auch nicht meinen Dad um Unterstützung bitten, der sie durch seine Sekretärin ersetzt hatte, als Ethan und ich zwölf Jahre alt waren. Trotzdem war ein Auto für mich nicht drin. Und da ich im Sommer nicht arbeiten wollte wie Ethan, zeigte mein Kontostand eine Null zu wenig an, als dass ich mir von dem bisschen Gesparten einen ordentlichen Wagen hätte leisten können.

Zumindest war Moms schwarzer SUV leicht zu händeln und ideal für Off-Road-Camping-Trips in die Wälder.

Ich parkte neben Ethan vor dem Schulgebäude, aber er war schon drin und keiner meiner Freunde war in der Nähe, weshalb ich allein zur ersten Stunde lief. Im Flur stieß ich auf Ryan, und da mich mein Bruder neuerdings auflaufen ließ, hielt ich ihn einen Moment an, um mich nach der Sache mit dem Training zu erkundigen.

„Hey, was ist der Deal zwischen Ethan und—?“

Ich konnte meine Frage nicht beenden, denn Ryan packte mich in einer Mischung aus Hysterie und Erleichterung am Kragen. „Du bist genau der Mann, den ich suche. Kann ich Mathe bei dir abschreiben? Ich hab’s total verschwitzt und Mr. Swanson mutiert bei vergessenen Hausaufgaben immer zum totalen Arsch.“

„Klar, kein Problem. So viel war’s ja nicht. Komm einfach ein paar Minuten früher zu Mathe, dann hast du genügend Zeit, um das zu erledigen.“ Aber Moment mal, Ryan hatte seine Hausaufgaben vergessen? Das war irgendwie seltsam. „Was hat dich abgelenkt?“, fragte ich, obwohl ich es mir ja eigentlich denken konnte.

Ryan fuhr sich mit der Hand durch die schwarzen Haare und grinste. „Liza hatte in den vergangenen Tagen sturmfrei zu Hause. Da standen die Hausaufgaben nicht an erster Stelle auf meiner Prioritätenliste, um ehrlich zu sein.“

„War ja klar.“ Ich verkniff mir ein Schmunzeln. „Sturmfrei und nur Blödsinn im Kopf!“

„Was denn? Erzähl mir nicht, dass du an meiner Stelle etwas anderes gemacht hättest.“

„Wohl nicht.“ Wir lachten beide. „Du schuldest mir aber was.“

„Was immer du willst.“

Ich wollte ihm schon sagen, dass er unsere nächsten Mathe-Hausaufgaben erledigen müsste, damit ich einen Nachmittag freihatte und am nächsten Morgen bei ihm abschreiben konnte, als ich sie entdeckte. Das Nerdmädchen. Sie kam um die Ecke und direkt auf uns zu – nein, halt, direkt auf mich zu.

Ihr entschlossener Gang weckte in mir den Drang, einen Schritt zurückzuweichen. Doch ich blieb wie angewurzelt stehen, obwohl sie so dicht heranrückte, dass unsere Nasenspitzen sich beinahe berührten. Ein weicher Kokosnussduft umhüllte sie. Ich hatte völlig vergessen, was ich zu Hunter sagen wollte und starrte sie einfach nur an.

„Du hast zehn Sekunden für eine Erklärung“, forderte sie schroff.

Ebenso überrascht, wie ich in dem Moment war, drehte sich Ryan zu ihr um, aber ihr harter Blick ruhte allein auf mir. Was in aller Welt wollte dieses Mädchen von mir?

„Eine Erklärung wofür?“, verteidigte ich mich in herablassendem Ton, aber hey, sie hatte es nicht anders gewollt. Und dann ging mir ein Licht auf. Die streitlustige Kleine war vermutlich in mich verknallt. Wie niedlich, vor allem, da sie keine Ahnung hatte, wie sie ihre Hormone in den Griff bekommen sollte. Wie alt war sie überhaupt … siebzehn? Ich neigte leicht den Kopf und legte etwas Schmalz in die Stimme, obwohl die Strebertruppe ja echt nicht zu meinem Jagdrevier gehörte und auch nie gehören würde. „Hey, sag mal, verfolgst du mich etwa, Sonnenschein?“

Grundgütiger, was läuft denn bei dir verkehrt?“, schoss sie mich allen Ernstes an. Ihre Augen blitzten vor Wut.

Oh-oh. Hatte ich die Zeichen etwa falsch gedeutet? Das war jedoch noch lange kein Grund, mich vor allen Leuten anzufahren. „Entschuldige mal, du bist doch diejenige, die mich dauernd anquatscht.“

Es hätte mich nicht gewundert, wenn Rauch aus ihren Nüstern gestiegen wäre. Fasziniert von dem seltsamen Mädchen nahm ich Hunters Lachen kaum zur Kenntnis. Als er jedoch ihren Namen nannte – Susan – fragte ich mich, woher er sie kannte. Er musste ihr erst den Arm um die Schultern legen und ihren Namen noch einmal wiederholen, ehe sie ihn bemerkte. Verärgert drehte sie sich zu ihm um und fauchte: „Was ist?“

Whoa, da war aber jemand mies gelaunt! Ihre Brust unter dem limettengrünen T-Shirt hob sich heftig mit wütenden Atemzügen. Jeden Moment würde sie anfangen, ungeduldig wie ein wilder Stier mit den Füßen zu scharren.

Ryan packte sie fest an den Schultern und drehte sie zu mir um. „Darf ich dich mit Chris bekannt machen?“

Aha, es war also Zeit für die Vorstellungsrunde. Von mir aus gern. Susan schnappte allerdings nur: „Chris wer?“

„Donovan“, stellte ich ein wenig angepisst klar.

„Ah ja.“ Sie verschränkte die Arme über der Brust und musterte mich mit zynischem Blick. „Und du bist dann Ethans Alter Ego oder was?“

Alter Ego? Spinnt die? „Sein Bruder“, antwortete ich und imitierte ihr zynisches Grinsen.

Susans Gesicht wurde bleich. „Bruder …“

Viel zu belustigt über diese ganze verdammte Situation beugte sich Ryan zu ihr und flüsterte das Wort „Zwillinge“ in ihr Ohr.

„Zwillinge“, wiederholte Streber-Sue in perplexem Flüsterton. Dann platzte sie heraus „Zwillinge?“ als sei dieses Wort gleichbedeutend mit gleich zwei apokalyptischen Reitern. Was sie dann tat, war so süß, dass es mich zum Schmunzeln brachte. Sie wirbelte zu Ryan herum, schlug mit der Stirn gegen seine Brust und winselte: „Neeein.“

Shit, das war es also? Sie hatte mich mit meinem Bruder verwechselt. Ich krümmte mich fast vor Lachen. „Ich schätze mal, du hast Ethan kennengelernt? Jetzt wird mir einiges klar.“

Susan machte sich nicht mehr die Mühe, überhaupt noch mit mir zu reden, was irgendwie schade war. Fast. Sie schnaubte leise und sagte zu Ryan: „Bis später“, dann stakste sie mit hoch erhobenem Kopf davon. Mein Blick war immer noch auf sie fixiert. Die Behauptung, dass sie Eindruck auf mich gemacht hatte, war wohl die Untertreibung des Jahrhunderts. Nach ein paar Schritten blieb sie plötzlich stehen und drehte sich um. Mir blieb das Lachen in der Kehle stecken, als sie erneut auf mich zustürmte. Wortlos kramte sie in ihrem Rucksack. Als ihre Hand wieder auftauchte, hielt sie einen Stift darin. Sie packte mich am Handgelenk. Ich war darüber so baff, dass ich keine Einwände erhob, als sie mir den Ärmel des Sweatshirts hinaufschob und etwas auf die Innenseite meines Unterarms schrieb. Was zum Geier?

Reglos schaute ich zu, bis sie den Kopf wieder hob und ihr selbstzufriedener Blick sich in meinem verfing. „Sag Ethan, er soll mich anrufen.“

Ich schaute auf meinen Arm. Eine Reihe blauer Zahlen prangte auf meiner Haut. Die verflixte kleine Streberin drehte sich um und machte einen Schritt vorwärts. Dann änderte sie jedoch ohne Vorwarnung ihre Meinung, holte etwas aus ihrem Rucksack heraus und wandte sich ein drittes Mal zu mir um. Schwungvoll drückte sie mir die gleiche CD wie gestern an die Brust und befahl: „Gib ihm das und sag ihm Danke für den Haselnuss-Latte.“

Aufdringlich. Durchgeknallt. Und rätselhaft. Im Lexikon fand man sicher ein Bild von ihr neben all diesen Worten. Leicht außer Atem und völlig sprachlos blinzelte ich mehrere Male. Und warum zum Teufel war Hunter plötzlich so still? Jetzt wäre der richtige Moment für seinen Auftritt als guter Freund gewesen, um mich vor den Angriffen dieser Wahnsinnigen zu schützen. Tat er jedoch nicht. Der Drecksack grinste nur blöd und sah zu, wie ich um eine Antwort rang.

Oh nein, dieses Mädchen würde mich nicht zum Affen machen. Ich räusperte mich, um meine Stimme wiederzufinden, und sagte: „Biiiiiitte.“ Das Wort unterstrich ich mit einem verschmitzten Lächeln, um ihr zu zeigen, dass es bei mir nichts umsonst gab.

„Biiiiiitte“, wiederholte sie zuckersüß und ahmte sogar mein Lächeln nach – natürlich war es nicht echt. Das hatte ich auch nicht erwartet. Danach lief sie endgültig davon. Na ja, zumindest fast, denn sie stieß mit Hunters Freundin zusammen. Der Rucksack rutschte ihr von der Schulter, und obwohl sie gute Reflexe zeigte, griff sie daneben und er fiel auf den Boden. Die beiden Mädchen gingen in die Hocke und flüsterten miteinander. Hunters Freundin warf mir einen raschen Blick zu. Ich erwiderte ihn mit leichtem Heben eines Mundwinkels, nur um „Hi“ zu sagen. Wir hatten noch nicht das Vergnügen gehabt, uns zu unterhalten, obwohl Ryan bereits seit einiger Zeit mit ihr zusammen war.

Nachdem Susan, die kleine Streberin, aufgestanden war, warf sie mir noch einen letzten mürrischen Blick über die Schulter zu. Ich wusste nicht warum, aber ich wollte bestimmt nicht derjenige sein, der zuerst wegschaute.

„Du kennst also dieses verrückte Mädel?“, fragte ich Hunter, als Susan gegangen war. Seine Freundin war inzwischen zu uns rübergekommen und schlang ihm die Arme um den Hals. Sie drehte sich zu mir und schenkte mir ein strahlendes Lächeln, das ich bisher nur aus der Ferne gesehen hatte.

„Tatsächlich bin ich sogar seine Freundin“, stellte sie mit amüsiertem Blick fest und streckte mir die Hand entgegen. „Mein Name ist Liza. Und du musst dann wohl Chris Donovan sein.“

Mit ihrer Vorstellung löste sie bei mir ein Lachen aus. Ich schüttelte ihre Hand. „Schön, dich endlich kennenzulernen. Aber ich meinte eigentlich sie.“ Ich deutete mit dem Kopf in die Richtung, in die Streber-Sue verschwunden war, und steckte die CD in den Rucksack, um sie Ethan nach der Schule zu geben.

„Ja, genau, darüber wollte ich sowieso noch mit dir reden.“ Ryan rieb sich den Nacken. „Liza hat mir gestern erzählt, dass etwas Komisches zwischen Ethan und Susan passiert ist. Offenbar gab es da Verwirrungen über ein verpasstes Date.“

„Dein Bruder hat sie eingeladen, aber dann ist sie dir über den Weg gelaufen und du hast sie ganz schön aus der Fassung gebracht“, stellte Liza klar.

Mir entwich ein Schmunzeln. „Aus der Fassung?“ Tja, ich war bekannt dafür, dass ich Mädchen gelegentlich aus dem Gleichgewicht brachte.

„Ja. Und das im schlimmsten Sinne des Wortes“, murmelte sie. Sie war eindeutig nicht von meinen Aufreißerfolgen beeindruckt.

Ich dachte an mein erstes Treffen mit Susan gestern, als ich noch keine verdammte Ahnung hatte, was dieses Mädchen überhaupt von mir wollte, und konnte mir gut vorstellen, dass ich sie ziemlich durcheinandergebracht haben musste. Hatte Ethan sie wirklich eingeladen? Komisch. Zum ersten Mal seit Monaten fragte ich mich, ob ich mich vielleicht geirrt hatte und er doch nicht auf Jungs stand. War er bei Mädchen vielleicht einfach nur schüchtern?

Ich hätte zu gern mehr über dieses Mädchen und meinen Bruder erfahren, doch das Läuten der Glocke sprengte unsere kleine Gruppe auseinander und ich machte mich auf den Weg zu Geschichte. Vielleicht konnte ich ja später in Mathe ein paar Antworten aus Ryan herausholen. Allerdings hatte ich dabei völlig unseren Deal mit den Hausaufgaben vergessen. Nachdem er sie abgeschrieben hatte, gab es keine Gelegenheit mehr, mit ihm zu reden, ehe der Lehrer hereinkam und die Klasse zum Schweigen brachte.

Na schön, dann eben in Biologie, beschloss ich, während Mr. Swanson eine Aufgabe an die Tafel schrieb, die wir in den folgenden fünfzehn Minuten lösen sollten. Es dauerte eine Weile, bis er sie aus seinem Notizbuch abgeschrieben hatte. In der Zwischenzeit machten sich meine Gedanken auf die Wanderschaft, zurück in den Flur, wo mir Streber-Sue beinahe den Kopf abgebissen hätte. Ich lehnte mich im Stuhl zurück, stieß den Atem aus und spielte die seltsame Begegnung noch einmal in meinem Kopf durch.

Ethans Alter Ego. Wie niedlich. Die Kleine war ziemlich schlagfertig. Das machte sie irgendwie süß.

Ich schob meinen Ärmel hoch. Die Nummer auf meinem Unterarm leuchtete wie die Unterschrift eines Rockstars auf dem Arm eines eisernen Fans. Ich dachte daran, wie kalt sich ihre Hände auf meiner Haut angefühlt hatten. Viel zu kalt. Ich fuhr die Zahlen mit einem Finger nach und runzelte die Stirn. Ihr Blick war ziemlich eindringlich gewesen. Es hätte mich nicht gewundert, wenn sie mich wie Superman mit ihrem Laserblick verdampft hätte. Die Farbe ihrer Augen, nein, keine Chance. Ich konnte mich nicht erinnern, ob sie braun, grün, blau oder glühend rot gewesen waren.

Hatte Ethan wirklich ein Date mit dieser Kanonenkugel von einer Streberin gehabt?

Das hieße, dass ich mit meiner ersten Vermutung doch gar nicht so falsch gelegen hatte. Susan war vielleicht nicht in mich verliebt, aber meinen Bruder fand sie offensichtlich ganz interessant. Wir sahen total gleich aus – das hatte sie selbst bewiesen, indem sie mit dem falschen Zwilling gesprochen hatte, gleich zwei Mal. Ergo fand sie mich auch attraktiv.

Angehimmelt von einer Streberin. Das fehlte mir noch in meiner Datingakte. Ich lachte leise, weil es irgendwie süß war.

Aus heiterem Himmel traf mich ein Stück Kreide auf der Brust und riss mich aus meinen Gedanken. „Mr. Donovan“, sagte mein athletischer Mathelehrer mit strenger Stimme. Die Arme verschränkt und den Inquisitorenblick auf mich geheftet, stand er breitbeinig vor der Tafel. „Wären Sie wohl so freundlich und würden meine Frage beantworten, wenn Sie schon Ihren Arm als Spickzettel benutzen?“

Frage? Spickzettel? Shit! Ich schluckte und sah auf Susans Nummer auf meinem Arm, was sicher nicht das war, was Mr. Swanson wissen wollte. Ich räusperte mich und schob langsam den Ärmel herunter. „Ich … äh …“

Er neigte den Kopf. „Kann es sein, dass Sie ausnahmsweise mal um eine Antwort verlegen sind, Mr. Donovan?“, spottete er und deutete an, dass ich üblicherweise ein klein wenig schlagfertiger war als im Moment. Einige Schüler kicherten rings um mich herum.

„Tja, wie es scheint, bin ich heute wohl nicht ganz so gut in Form“, gab ich zur Belustigung meiner Klassenkameraden zu und grinste ihn an.

„Das sehe ich.“ Mr. Swanson mochte mich, denn er war auch mein Basketballtrainer und ich einer seiner besten Spieler. Niemand anderer wäre nach so einer Nummer mit einem Seufzen und Brummen bei ihm davongekommen. Er sandte mir noch einen letzten warnenden Blick und wandte sich dann an meine Nachbarin, Alice. „Miss Hart, würden Sie uns bitte die richtige Antwort nennen?“

Ich bedachte Alice mit einem belämmerten Blick, den sie lächelnd erwiderte. Dann plapperte sie irgendwas über Pythagoras, aber ich hörte nicht weiter zu. Stattdessen fing ich Ryans belustigten Blick auf. Er hatte sich halb im Stuhl zu mir umgedreht. Ich zuckte hilflos mit den Schultern, senkte den Kopf und fing an, die Aufgabe zu lösen.

Als ich mich erst einmal auf das Thema konzentrierte und die temperamentvolle Streberin von heute Morgen aus meinen Gedanken verbannte, konnte ich die Aufgabe noch vor allen anderen lösen. Ich lehnte mich im Stuhl zurück und entspannte mich. Es dauerte gar nicht lang, bis mich Coach Swanson mit einem skeptischen Blick festnagelte.

„Siebenundzwanzig“, formte ich das Ergebnis lautlos mit den Lippen, den Winkelgrad von Alpha, und erhielt ein bestätigendes Nicken. Wieder meinen Gedanken überlassen, schwelgte ich in den Erinnerungen an Lauren und wie sie gestern mit den Zähnen über meinen Hals gekratzt war. Ein wohliger Schauer rieselte mir über den Rücken. Das konnten wir gern wiederholen.

Grün!

Verdammt, die Augen von der kleinen Streber-Beißzange waren gummibärchengrün.

Ich schluckte und rieb mir mit den Händen übers Gesicht. Warum zum Teufel spuckte mein Gehirn diese Information ausgerechnet jetzt aus, wo ich doch gerade an eine verführerische Sahneschnitte in meinem Bett dachte?

Weil sie dir ihre Nummer gegeben hat, antwortete ein verschrobener Teil von mir. Ja, das hatte sie. Meine Mundwinkel hoben sich leicht. Bei zahllosen Gelegenheiten hatten mir Mädchen ihre Nummer zugesteckt, aber niemals auf diese Weise. Susan hatte Stil, das musste man ihr lassen. Wenn Ethan sie wirklich mochte, hatte er heute Morgen auf jeden Fall etwas verpasst.

Bevor auch die anderen mit dem Fallbeispiel fertig wurden, zog ich mein Handy aus der Tasche und versteckte es unter dem Tisch. Ich verdrehte den Arm, sodass ich die Zahlen lesen konnte, und speicherte die Nummer in meiner Kontaktliste. Da schon eine Susan darauf stand, tippte ich als Namen Strebermädel ein.

In der nächsten Stunde hatten wir Sport und ich wollte nicht wie jemand aussehen, dem man einen Supermarktbarcode auf den Arm tätowiert hat, also machte ich einen Umweg übers Klo, mit Hunter dicht auf den Fersen. Während er zu den Toiletten ging, stellte ich meinen Rucksack auf den Fliesenboden unterm Waschbecken und versuchte, die Nummer abzurubbeln. Wasser allein reichte jedoch nicht. Als Hunter zurückkam, schrubbte ich meinen Arm immer noch heftig mit Seife und Papiertüchern. „Warum geht das Zeug denn nicht ab?“, murmelte ich. „Hat sie etwa einen Edding zum Schreiben benutzt?“

„Wer? Miller?“

War das ihr Name? Susan Miller? Der klang viel zu unschuldig und harmlos für ein kleines Biest wie sie. „Ja, das Mädchen mit der bezaubernden Persönlichkeit“, knurrte ich, als sich meine Haut unter den verbleibenden blauen Strichen krebsrot färbte. Großartig, jetzt sah ich aus wie ein Idiot, der mit dem Arm über frische Tinte gewischt hatte, anstatt wie ein Supermarktprodukt mit Preisschild. Auch nicht besser.

„Du hast sie nur auf dem falschen Fuß erwischt. Sie kann wirklich nett sein.“

Ich zog ein mürrisches Gesicht. „Vielleicht wenn sie schläft oder ihr jemand den Mund mit Klebeband zupappt.“

Lachend blickte Ryan mitleidig auf meinen roten Arm.

„Irgendeine Ahnung, wie ich das abbekomme?“, jammerte ich.

Er zuckte mit den Schultern. „Terpentin?“

Haha, witzig. „Solltest du nicht schon längst auf dem Weg in die Englischstunde sein?“, knurrte ich.

„Sicher. Wir sehen uns nach dem Essen.“ Er schüttete sich aus vor Lachen und verschwand vom Jungenklo.

Alle weiteren Versuche, die superfeste Tinte wegzuwaschen, führten lediglich zu einem schmerzenden, feuerroten Arm, daher hörte ich mit dem Schrubben auf, als nur noch ein zarter blauer Schein zu sehen war, und lief zur Turnhalle. Ich wusste nicht, ob man die Rötung vom Rubbeln oder die blauen Kulireste deutlicher sah, aber Justin Andrews, ein alter Freund, war der Einzige, der bei dem harten Training eine Bemerkung darüber machte. „Hast du versucht, dir selbst ein Tattoo zu verpassen?“, spottete er.

„Wenn’s nur so wäre. Ich wurde von einem streunenden Mitglied der Strebergruppe angegriffen.“

„Von wem?“ Er brach in schallendes Gelächter aus und fiel dabei fast vom Reck, an dem wir Klimmzüge machten.

„Merkwürdiges Mädchen. Merkwürdige Geschichte. Vielleicht erzähl ich sie dir ein andermal.“ Ich zog mich noch einmal hoch, bis mein Kinn über der Stange war, stieß den Atem aus und ließ mich wieder runter. Nachdem ich meine fünfundzwanzig Wiederholungen erledigt hatte, sprang ich ab und wischte mir mit dem Muskelshirt den Schweiß von der Stirn. Wenn schon nichts anderes half, dann würde wenigstens der Schweiß die Tintenreste von Streber-Sues Kuli von meiner Haut waschen.

Coach Swanson pfiff und wir liefen weiter zur nächsten Station. Seilspringen, ganze drei Minuten lang. Eine ziemlich heftige Kardioübung, weshalb keiner von uns überhaupt ein Wort sagte.

Nach Sport duschte ich schnell und rannte buchstäblich zu meiner nächsten Stunde – Spanisch. Ich wollte Lauren erwischen, bevor die vierte Stunde begann, und sie zu einer Extranachhilfestunde später bei ihr zu Hause einladen.

Ihr Gesicht strahlte mit einem Lächeln, als sie mich entdeckte. Sie strich mit ihren weichen, schlanken Fingern über meine Schläfe. „Deine Haare sind ja noch ganz nass. Gefällt mir.“

Ja, das wusste ich bereits von den After-Shower-Erlebnissen mit ihr, aber das war nicht der Grund, warum ich heute meine Haare nicht gründlich trocken gerubbelt hatte. Es war schlichtweg zu wenig Zeit dafür gewesen. „Sag mir, dass du heute Nachmittag nichts vorhast, und ich mache sie für dich wieder nass“, bot ich mit einem anzüglichen Lächeln an. Dann zog etwas hinter Laurens Schulter meine Aufmerksamkeit auf sich.

Zwanzig Schritte entfernt schlug Susan Miller die Tür ihres Spindes zu und schlenderte um die Ecke. Ihr strenger Pferdeschwanz und die Graue-Maus-Brille standen im krassen Kontrast zu ihren einladenden Hüften, die in den knallengen Jeans aufreizend hin und her schwangen. Irgendwie machte mir das Bild gerade einen Knoten in mein Gehirn. Gab es tatsächlich so etwas wie sexy Streberinnen? Denn dieses Mädchen wanderte eindeutig auf dem schmalen Grat dazwischen.

„Hey?“, hörte ich Laurens Stimme und spürte ihre Finger auf meinem Kinn. Sie drehte meinen Kopf zurück zu sich und wartete, bis ich ihr in die dunklen Augen sah. „Hörst du mir überhaupt zu?“

„Klar.“ Ich runzelte die Stirn. „Äh … was hast du noch mal gesagt?“

Argwöhnisch schaute sie den Flur hinunter, aber natürlich fand sie nichts mehr, das meine Zerstreutheit erklärte. „Geht’s dir gut, Chris?“ Sie gab ihr flirtendes Lachen von sich, das allerdings im Moment ein wenig kratzig klang.

„Logo.“

„Du hast einen Moment ein wenig abgelenkt gewirkt.“

Zählte man Mathe zu der Liste meiner geistigen Abwesenheiten dazu, war es nicht nur für einen Moment gewesen, wie es schien. „Es ist nichts“, log ich, weil ich mir die Chance auf ein Date mit Lauren nicht ruinieren wollte, indem ich ein anderes Mädchen erwähnte. „Also, sehen wir uns heute Nachmittag?“

Sie legte den Kopf zur Seite und räusperte sich angestrengt. „Ich habe gerade gesagt, dass ich heute keine Zeit habe. Wie sieht’s mit morgen aus?“

Morgen. Na schön. Nicht so gut wie heute, aber wenigstens etwas, worauf man sich freuen konnte. „Also gut, morgen dann.“

„Chris, geht’s dir auch wirklich gut?“

„Na klar.“ Ich schüttelte grinsend den Kopf, hauptsächlich um die wiegenden Hüften von Streber-Sue aus den Gedanken zu bekommen, schlang einen Arm um Laurens Schultern und steuerte sie zu unseren Stühlen in der letzten Reihe.

Gleich zu Anfang ging Mrs. Sanchez herum und gab uns die Hausaufgaben zurück. Als sie meine Arbeit auf den Tisch fallen ließ, nickte sie angenehm überrascht. „Ich wusste, es war eine gute Idee, Sie mit Miss Parker-Lee als Tutorin zu verkuppeln“, sagte sie mit zufriedenem Lächeln.

Ich fragte mich unwillkürlich, ob ihr Lächeln immer noch so selbstzufrieden aussehen würde, wenn sie wüsste, wie viel Körperkontakt bei diesen Nachhilfestunden zum Einsatz kam. Verstohlen drehte ich mich zu Lauren um und wackelte mit den Augenbrauen. Ihr unterdrücktes Lächeln verriet mir, dass sie wohl gerade genau denselben Gedanken hatte. Jap, definitiv eine gute Idee, mich mit ihr zu verkuppeln.

Nach Spanisch war Mittagspause. Endlich. Ich atmete erleichtert durch und ging zur Cafeteria, um mit meinen Freunden zu essen. An einem Tisch rechts hinter den Schwingtüren versammelte sich gewöhnlich die Streberklasse. Ich ging extra langsam, um zu sehen, wer dort saß, und festzustellen, worüber sie redeten. Ihr aufgeregtes Geschnatter hatte mich bisher noch nie interessiert, hauptsächlich deshalb, weil mich Streber generell nicht interessierten. Und jetzt, da ich tatsächlich mal zuhörte, war ich zu Tode gelangweilt. Irgendwas über Newton und Theorien übers Milch einfrieren. Ja, klar, weil das ja auch so viel dazu beitrug, die zweifellos besten Jahre eines Teenagers auf unvergessliche Weise in Erinnerung zu behalten.

Während ich still neben meinen Teamkumpels meinen Burger mampfte, beobachtete ich sie von meinem Platz in der Nähe des Eingangs aus noch einen Moment. Der Strebertisch war bis auf den letzten Stuhl besetzt, aber Susan Miller saß seltsamerweise nicht bei ihnen. Vielleicht hatte sie einen anderen Stundenplan und ihre Mittagspause war eine Stunde früher oder später als meine.

Der Gedanke ärgerte mich. Ich hätte zu gern gesehen, wie sie sich in Gegenwart meines Bruders verhielt, und die Mittagspause war die einzige Zeit des Tages, zu der sich Ethan und ich im selben Raum aufhielten. Neugier bricht der Katze das Genick, oder so ähnlich, schon klar. Aber sie zusammen zu sehen, könnte mir dabei helfen, das Schwul-oder-nicht-schwul-Rätsel zu lösen, das Ethan mir aufgab.

Ich hatte jedoch kein Glück. Sie saß nicht an seinem Tisch. Und den restlichen Tag sah ich sie auch nicht mehr.

Da ich mittwochs kein Basketballtraining hatte, ging ich nach der siebten Stunde heim, zog mir schwarze Joggingshorts an und übte im Garten Körbe werfen, ehe ich mich eine Stunde später an die Hausaufgaben setzte. Erst als ich mit dem Englischaufsatz fertig war, erinnerte ich mich wieder an die CD in meinem Rucksack. Ich hatte ihr keinen näheren Blick geschenkt, als Susan sie mir gegeben hatte, und meine Neugier, was sie Ethan zum Hören mitgegeben hatte, stieg, während ich zwischen den Büchern danach wühlte.

Volbeat. Was war das denn?

Ich legte die CD in mein PC-Laufwerk. Gleich darauf dröhnten Rockakkorde aus den Lautsprechern von der Decke in meinem Zimmer. Ah, eine Metalband, und sie war sogar ziemlich gut. Wenn das Streber-Sues Musikgeschmack war, war ich beeindruckt – wieder einmal.

Das zweite Lied war noch nicht zu Ende, als ich meinen Bruder von seiner neuen Nachmittagsbeschäftigung aka Fußballtraining nach Hause kommen hörte. Ich drückte auf Pause und lief in den Flur. Dort lehnte ich mich an die Wand und sah zu, wie er aus den Schuhen schlüpfte und sein schweißnasses Shirt in den Wäschekorb im Bad warf. „Hey, E.T.“

„Hey, Bro“, erwiderte er ungefähr mit derselben Begeisterung, die er für Steckrüben hatte. Aber er wusste ja auch noch nicht, welche erstaunlichen Nachrichten auf ihn warteten.

„Wer ist Susan Miller?“, fragte ich mit leichtem Frotzeln in der Stimme.

„Ein Mädchen aus der Schule.“

Was? Mehr nicht? Kein Kopfhochschnellen, keine neugierigen Fragen, keine Emotionen wie auch immer geartet? Er war definitiv nicht verrückt nach der Kleinen.

„Wow. Ich dachte, du hättest mir mehr über sie zu erzählen.“

Jetzt schaute er mich an, mit schief gelegtem Kopf, aber nur mäßig interessiert. „Warum? Kennst du sie?“

„Bin ihr gestern über den Weg gelaufen. Und heute noch mal. Temperamentvoll, das Mädel, findest du nicht?“

„Kann sein. So gut kenne ich sie nicht.“ Er tat es mit einem Achselzucken ab und ließ mich stehen, um in sein Zimmer zu gehen.

„Jetzt warte doch mal!“, rief ich ihm nach. „Willst du denn gar nicht wissen, was sie gesagt hat?“

Ethan drehte sich um und sah mich nun eher skeptisch als gelassen an. „Sollte ich das denn wissen wollen? Da sie dir über den Weg gelaufen ist, vermute ich mal, dass du sie abgeschleppt hast.“

„Nein, hab ich gar nicht.“ Was zum Geier? „Ich dachte, du wolltest sie abschleppen.“

Die nächsten Worte murmelte er so leise, dass ich mir nicht sicher war, ob ich ihn überhaupt richtig verstanden hatte. „Sie hat mich versetzt.“

„Also, sie hat mir heute ihre Nummer gegeben und gesagt, dass ich sie dir geben soll.“

Sein finsterer Blick erhellte sich eindeutig. „Wirklich?“

„Jap. Außerdem hat sie mir eine CD für dich gegeben.“

„Cool. Gibst du sie mir?“

„Äh, später. Ich hab angefangen, sie zu hören, während du weg warst, und ich würde sie gerne zu Ende hören.“ Dagegen konnte Ethan nichts machen. Wenn er sie gleich haben wollte, würde er darum kämpfen müssen, und ich war einfach der Stärkere von uns. Aber ich war kein komplettes Arschloch, daher fügte ich grinsend hinzu: „Ich drehe auf extra laut, dann kannst du mithören.“

„Woher habe ich bloß gewusst, dass du das sagen würdest?“ Er lachte und holte frische Sachen aus seinem Zimmer. Als er zurückkam, sagte er: „Kann ich wenigstens ihre Nummer haben?“

„Ist auf meinem Handy. Ich schick sie dir gleich.“

„Okay.“ Er schlug mir die Badezimmertür vor der Nase zu und drei Sekunden später hörte ich Wasser rauschen.

Ich wollte gerade in mein Zimmer zurückgehen, aber da stand ich plötzlich einer strahlenden, rotwangigen Mom gegenüber.

„Stimmt das?“, flüsterte sie. „Ethan hat eine Freundin?“

Oh Mann, das Momster war erwacht. „Nein, Mom, ich glaube nicht, dass sie schon so weit sind. Aber dieses Mädchen scheint irgendwie Interesse an ihm zu haben und sie hat mich gebeten, ihm auszurichten, dass er sie anrufen soll.“

„Oh! Endlich!“ Sie rang ihre Hände und man konnte ihr ansehen, dass sie sich offensichtlich große Mühe gab, vor Aufregung nicht zu klatschen.

„Komm wieder runter, Mom!“, sagte ich lachend und machte mir nicht die Mühe wie sie zu flüstern. Ich schob sie zurück in die Küche, wo sie hergekommen war. „Dieses Mädchen ist merkwürdig. Ich bin mir nicht sicher, ob du wirklich willst, dass sie Ethans Freundin wird.“

Ihre Mundwinkel sanken herab. „Was heißt das, sie ist merkwürdig?“

„Na ja, ich habe heute mit ihr geredet und sie war wirklich … unfreundlich.“

„Oh.“ Mom drehte sich zum Spülbecken und wischte sich die Hände in das Geschirrtuch auf der Theke, obwohl sie gar nicht nass waren. „Vielleicht war das nur ein Missverständnis. Was, wenn er sie wirklich mag?“

„Das ist natürlich möglich. Aber an deiner Stelle würde ich nicht zu große Hoffnungen darauf setzen. Bedräng ihn nicht, Mom“, warnte ich. Vor allem, weil er sich erst vor fünf Minuten noch nicht einmal die Bohne aus Susan Miller zu machen schien. Ich öffnete den Kühlschrank und holte mir eine Sprite heraus, wobei mir ein Gedanke durch den Kopf schoss. Wäre er wohl ein wenig aufgeregter gewesen, wenn ich ihm gesagt hätte, dass ein Junge auf seinen Anruf wartete? Über dieses Thema würden meine Mutter und ich wohl noch endlos spekulieren. Jedenfalls bis Ethan uns rundheraus die Wahrheit sagte – oder mit einem Mädchen im Arm nach Hause kam.

Ich öffnete die Dose, nahm einen großen Zug und wischte mir den Mund mit dem Handrücken ab. „Du weißt, dass er sich gleich wieder in sein Schneckenhaus verkriechen wird, wenn du das Thema erneut auf den Tisch bringst.“ Nach Wills Anschuldigungen im vergangenen Frühjahr hatten wir Ethans Schweigen lange genug ertragen müssen. Ich wollte nicht, dass mein Bruder schon wieder in diese üble Laune verfiel und mit niemandem mehr redete. Im Verlauf des Herbstes war allmählich alles auf den Normalzustand zurückgekehrt. Alles easy. „Ich mag den fröhlichen Ethan viel lieber.“ Ich wollte den Bruder, der gern mit mir Basketball im Garten spielte, nicht den grübelnden Bruder, der sich in seinem Zimmer verschanzte.

Mom musste lernen zu akzeptieren, dass sie ihm in diesem Fall nicht helfen konnte, eine Entscheidung zu treffen. Und wie auch immer diese Entscheidung ausfallen würde, sie würde Ethan trotzdem lieben. Wenn es ihr nur darum ging, irgendwann einmal Großmutter zu werden, würde ich schon dafür sorgen, dass sie einen Stall voller Enkel bekam, wenn es sie glücklich machte. Allerdings frühestens, wenn ich vierzig war, beschloss ich, während ich das Mutterschiff verließ und in mein Zimmer zurückkehrte.

„Ich muss in einer halben Stunde zur Arbeit. Ein Anruf in letzter Minute von einem Kunden“, rief sie mir nach. „Ihr müsst selbst sehen, wie ihr heute Abend klarkommt, Jungs, aber ich lasse euch Geld für eine Pizza da.“

„Okay-yy!“, rief ich zurück, ehe ich die Tür schloss. Ich hatte schon den Finger auf der Maus, um die CD zu starten, als mir einfiel, dass ich Ethan immer noch die Nerd-Nummer schicken musste.

Ich ließ mich in meinen dunkelvioletten Sessel in der Mitte des Zimmers plumpsen und scrollte durch die Einträge in meiner Kontaktliste bis zu Strebermädel. Hm, worüber würde Ethan sich wohl mit diesem durchgeknallten Kobold unterhalten? Ich hatte ihn nie dabei gesehen, also konnte ich mir nur vage vorstellen, wie er mit einem Mädchen flirtete. Und der bissigen Susan Miller würde ein wenig Flirten auch ganz gut tun, um etwas lockerer zu werden.

Außerdem verdiente sie einen Rüffel, weil sie mich mit ihrem Graffiti vollgeschmiert und mich fast dazu gezwungen hatte, mir die Haut abzukratzen.

Da stand ihre Nummer – wer hatte gesagt, dass ich sie nicht anrufen durfte?

Ich schmunzelte und statt Ethan die Nummer zu geben, drückte ich einfach mal auf das grüne Wählsymbol.

Kapitel 3

 

SUES AUFGEREGTE STIMME drang durch den Hörer. „Hallo?“

„Hey, Sonnenschein“, antwortete ich schmeichelnd. Natürlich würde sie mich dadurch gleich erkennen. Dieses Gespräch mit ihr sollte Spaß machen, aber ich wollte auch, dass sie wusste, wer ich war, und mich nicht wieder mit Ethan verwechselte.

Ihr enttäuschtes Stöhnen dämpfte meine Vorfreude jedoch sofort. „Warum rufst du mich an, Chris?“

Na, das sollte doch eigentlich klar sein. „Weil du mir deine Nummer gegeben hast.“

„Ich habe sie nicht dir gegeben.“

„Ach nein?“ Ich blickte auf die schwachen blauen Überreste auf meiner Haut. „Deine Handschrift auf meinem Arm besagt da aber etwas anderes.“

Eine Pause, gefolgt von einem abgrundtiefen Seufzer, dann sagte sie: „Tja, ich habe dir die Nummer aber nicht gegeben, damit du mich anrufst.“

Ja, das war mir schon klar, aber völlig egal. Mir machten die Wortduelle mit ihr Spaß. Vielleicht sogar ein wenig zu viel Spaß.

„Wo ist dein Bruder?“, wollte sie wissen.

„Das letzte Mal, als ich ihn gesehen habe, war er in seinem Zimmer.“

„Hol ihn bitte ans Telefon, ja?“

Nö. So schnell wurde sie mich nicht los. Jedenfalls nicht, bevor ich die Gelegenheit hatte, ihr das schmerzvolle Schrubben meines Armes unter die Nase zu reiben. „Hmm. Dazu müsste ich aufstehen und rübergehen. Und ich glaube, dazu bin ich im Moment nicht in der Stimmung.“

„Warum hast du mich denn dann angerufen?“ Sie klang ziemlich entnervt, so als stünde sie kurz davor, das Handy gegen die Wand zu knallen.

Ihr niedlicher Frust entlockte mir ein leises Lachen. „Das habe ich doch schon gesagt, weil du mir deine Nummer gegeben hast.“

„Bitte … das hatten wir doch bereits“, maulte sie.

„Na gut.“ Ich senkte die Stimme zu einem intimen Flüstern. „Dann vielleicht, weil ich dich fragen wollte, ob du mit mir ausgehst?“

„Was?“, kreischte sie und fügte nach einem Schnauben hinzu: „Du machst wohl Witze?!“

Selbstverständlich. Was sollte ich denn auch mit einem Streber bei einem Date anfangen? Sue aufzuziehen machte aber tierischen Spaß. „Nein. Warum sollte ich?“

„Na, erstens, weil ich mit deinem Bruder reden will und nicht mit dir. Und außerdem – wolltest du nicht mit Lara ausgehen?“

„Wer ist Lara?“ Dachte sie etwa, ich hätte eine Freundin? Die hatte ich nämlich nicht.

„Hallo? Asiatisches Supermodel?“ Sue schnaubte ins Telefon. „Lange, schwarze Haare?“

„Ach, du meinst Lauren?“, schloss ich daraus. „Ich war gestern schon mit ihr aus. Und vielleicht werde ich das irgendwann wiederholen.“ Vermutlich hatte das Wort „ausgehen“ für Susan eine andere Bedeutung als für mich. „Aber für dich ist in meinem Kalender immer ein Plätzchen frei, Sonnenschein“, neckte ich weiter.

„Hast du was an der Waffel?“, platzte sie heraus, mit Extrabetonung auf den Worten hast, du, was und an der Waffel.

„Ich hoffe nicht.“ Obwohl mich ein Lachen drückte, sagte ich so ernst wie möglich: „Warum? Ist es bedenklich, sich mit dir zu verabreden?“

„Ich bin das perfekte Mädchen für ein Date, nur nicht für dich, Dumpfbacke!“, schnaubte sie zurück.

Dumpfbacke? Wirklich? Jetzt konnte ich mir das Lachen nicht länger verkneifen. „Ach, sag so was nicht, kleine Sue. Du kennst mich doch noch gar nicht richtig.“

„Und so Gott will, wird das auch nie passieren. Bitte hol jetzt endlich Ethan ans Telefon und hör auf, meine Zeit zu vergeuden.“

Oh, so kurz angebunden und sachlich. Sie würde später mal eine gute Anwältin abgeben. „In Ordnung, du hast gewonnen.“ Und nur aus Spaß fügte ich lachend hinzu: „Aber ich mache dir einen Vorschlag. Falls es mit dir und Ethan nicht klappen sollte, wovon ich jetzt mal ganz unvoreingenommen ausgehe …“ – weil er einfach nicht auf die Weise an Mädchen interessiert zu sein scheint, die du dir erhoffst, kleine Sue – „… lässt du dich von mir zu einem Date ausführen. Abgemacht?“

Mit eiskalter Stimme verkündete sie: „Eher friert die Hölle zu.“

Nun ja, was das anging, so hatte mir Theresa Alber im vergangenen Sommer auch felsenfest versichert, dass sie mich erst ranlassen würde, wenn die Hölle gefriert. Da ich an Halloween mit ihr geschlafen hatte, war anzunehmen, dass die Hölle inzwischen einem Gefrierschrank glich. „Das passiert öfter, als du denkst, Sonnenschein“, erwiderte ich ernst. Dann stand ich auf, lief auf den Flur und klopfte an Ethans Tür.

Ohne seine Antwort abzuwarten, ging ich rein und warf ihm das Handy zu. „Anruf für dich.“

Ethan hatte sich offensichtlich nach der Dusche an die Hausaufgaben gesetzt. Jetzt lehnte er sich in seinem Drehstuhl zurück, drückte das Handy ans Ohr und warf mir einen verwunderten Blick zu. „Hallo?“, fragte er neugierig.

„Übrigens, sie bedankt sich für den Latte!“, rief ich über die Schulter, ehe ich die beiden Turteltäubchen sich selbst überließ. Ich schloss die Tür hinter mir und wollte schon in mein Zimmer zurückkehren, konnte mich aber rätselhafterweise nicht von der Stelle bewegen. Normalerweise war mir Lauschen zuwider, aber dieses Mal konnte ich nicht anders. Mein vermeintlich schwuler Bruder hatte ein Mädchen am Telefon. Ich musste wissen, was passierte. Leider sprach Ethan viel zu leise. Vermutete er etwa, dass ich zuhörte? Nein, unmöglich.

Als die Tür plötzlich aufging, legte mein Herz einen schuldbewussten Gang zu. Wie angefroren stand ich im Flur und begegnete Ethans Blick, als er aus seinem Zimmer kam. Er musterte mich einen Moment. Dann brach er in Lachen aus und hielt mir mein Handy hin. „Spionierst du mir etwa hinterher?“

„Äh …“ Wenigstens nahm er es mit Humor. „Ich hab …“

„Gelauscht?“, beendete Ethan meinen Satz, als ich mir das Handy in die Tasche steckte. „So viel hab ich gemerkt. Aber um es dir einfacher zu machen, Susan kommt gleich vorbei.“

Ich riss überrascht die Augen auf. „Du hast sie eingeladen?“

„Ja.“

Hierher?“

„Ja-a.“

„Wozu?“

Ethan zuckte mit den Schultern. „Um gemeinsam rumzuhängen. Vielleicht sehen wir auch fern, keine Ahnung. Warum, was machst du denn mit den Mädels, wenn sie zu dir kommen?“

Oh, Bruder … Ich presste die Lippen zusammen, hob eine Braue und ließ Ethan die Antwort selbst herausfinden.

„Ah ja. Na, ich werde jedenfalls nicht den ganzen Abend mit ihr herumknutschen, falls du das wissen wolltest.“

„Nicht einmal ein bisschen?“, hörte ich mich fragen, obwohl ich das gar nicht hatte fragen wollen. Oder vielleicht doch, aber es war auf jeden Fall total falsch, es laut auszusprechen.

Wieder überraschte Ethan mich mit einem Lachen. Mein Stochern ließ ihn völlig kalt. „Nein, ich glaube nicht einmal ein bisschen. Susan ist nur ein Mädchen, das ich diese Woche kennengelernt habe. Und du weißt schon, dass Jungs und Mädchen zusammen abhängen und Spaß haben können, ohne sich gleich an die Wäsche zu gehen, oder?“

„Das glaube ich erst, wenn ich es sehe.“ Das war mein voller Ernst. Wenn ich Fußball spielen oder einen Film sehen wollte, ohne im Dunkeln herumzuknutschen, lud ich einen der Jungs zu mir ein, kein Mädchen. Wie konnte Ethan – der Mensch, mit dem ich mir neun Monate lang den Bauch meiner Mutter geteilt hatte – so völlig anders gestrickt sein als ich? Ich nahm ihm jedoch nicht ganz ab, dass er keinerlei Absichten mit Susan hatte, also versuchte ich es ein letztes Mal. „Stehst du denn wirklich kein bisschen auf sie?“

„Sie ist nur eine Freundin.“

Aha, diese Theorie wollte ich doch gleich mal auf die Probe stellen. „Und wenn, mal rein hypothetisch, ein anderer sie anbaggern würde?“ Ich steckte die Hände in die Hosentaschen und zuckte mit den Schultern. „Würde dir das was ausmachen?“

Er dachte genau zwei Sekunden lang darüber nach. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein. Sie kann zusammen sein, mit wem sie will.“

Das waren ziemlich enttäuschende Nachrichten. Ich drehte mich um und lief in mein Zimmer zurück, doch als er meinen Namen rief, drehte ich den Kopf über die Schulter. „Gibst du mir Susans CD jetzt endlich?“, fragte er, immer noch amüsiert über unsere sehr desillusionierende Unterhaltung.

Wie er zuvor, überlegte ich genau zwei Sekunden lang, dann sagte ich: „Nö“, und grinste. „Aber ich dreh wieder auf, damit du und Sue zuhören könnt.“

Ethan verdrehte nicht mehr ganz so amüsiert die Augen.

Als die Musik aus den Lautsprechern wummerte, steckte ich mir ein Minzbonbon aus der Dose, die auf meinem Schreibtisch stand, in den Mund und machte es mir im Sessel mit dem Spanischbuch gemütlich, um mich auf den Test in der nächsten Woche und die private Nachhilfestunde mit Lauren morgen vorzubereiten. Mann, Spanisch lernen war ganz bestimmt nicht das, wonach mir im Moment der Sinn stand. Estoy aburrido. Estas aburrido. Es aburrido. Mürrisch konjugierte ich in Gedanken, wie gelangweilt jeder war. Als das saß, versuchte ich zu konjugieren, wie lahm mein Bruder war.

Ein lautes Knallen riss mich wenig später aus dem Büffeln. Als ich aufsah, war ich völlig baff. Das Schulbuch wäre mir beinahe aus den Fingern gerutscht. Es dauerte einen Moment, bis ich mich wieder gefangen hatte, dann kroch ein fasziniertes Lächeln auf meine Lippen.

Was in drei Teufels Namen wollte Susan Miller denn in meinem Zimmer?

Ich konnte sie das leider nicht fragen, weil die Musik zu laut war. Da sie aber die Tür extralaut zugeschlagen hatte, war ich mir sicher, dass sie aus einem bestimmten Grund zu mir gekommen war. Ich richtete den Blick auf ihr schüchternes Gesicht, stand auf, legte das Buch beiseite und drehte die Musik leiser. Ihr Blick folgte mir bei jedem Schritt, als sei er angeklebt, wobei er ziemlich lange auf meinem nackten Oberkörper haftete.

„Äh, hi“, krächzte sie, sobald wir unsere eigenen Worte wieder hören konnten.

Zuallererst fiel mir auf, dass sie keine Brille trug. Ihre Augen leuchteten lebhaft grün. Sie waren sogar recht hübsch. Groß, warm, und im Moment stand ein unsicherer Blick darin.

„Tut mir leid, dass ich so hereinplatze.“ Sie zuckte mit den Schultern und zog eine Grimasse.

Ich schlenderte zu ihr. Wo war Ethan? Hatte er sie wegen der CD geschickt?

Da sie so verloren und allein in meinem Zimmer stand, nutzte ich die Gelegenheit und ließ meinen Blick über sie schweifen. Sie trug dasselbe limettengrüne T-Shirt wie in der Schule. Nicht besonders offenherzig, das Teil. Die Mädchen, mit denen ich gewöhnlich meine Zeit verbrachte, gaben sich alle Mühe, so viel wie möglich von ihren Kurven zu zeigen. Sue präsentierte gar nichts. Überhaupt nichts. Der Kragen war weit geschnitten, aber sie trug das Shirt so, dass es mehr von ihrer Schulter zeigte als von der Wölbung ihrer Brüste. Auf diese Weise blieb reichlich Raum für Fantasien. Seltsamerweise füllten gerade die mir sofort den Kopf.

Nach einem tiefen Atemzug erklärte sie: „Deine Mom hat mich reingelassen.“

Da wurde mir mit einem Schlag klar, dass sie Ethan wohl noch gar nicht gesehen hatte. Wieder einmal stand Sue dem falschen Zwilling gegenüber und sie hatte keine Ahnung. Ich unterdrückte ein Lachen, als sie stammelte: „Sie hat dich gerufen, aber bei dem Höllenlärm hast du sie wohl nicht gehört und …“

Ich erbarmte mich ein wenig und legte ihr die Hand über den Mund, bevor sie sich selbst wieder um Kopf und Kragen reden konnte. Scheiß auf die Streberklasse, dieses Mädchen hatte Lippen so weich wie Zuckerwatte! Mit dem Zeigefinger auf meinem eigenen Mund deutete ich ihr an, dass sie fürs Erste genug gesagt hatte.

Ihre tiefen Atemzüge federten über meinen Handrücken. Der überraschte Blick in ihren Augen war unbezahlbar. Und da sie schon mal in meinem Zimmer stand, konnte ich nicht widerstehen, sie ein wenig zu necken. Ich nahm die Hand von ihrem Mund und sagte in schmeichelnder Stimme: „Ich hätte nicht erwartet, dass du so schnell auf mein Angebot anspringst.“ Mein Mund formte sich zu einem Lächeln. „Vor allem nicht, nachdem du mich vorhin am Telefon so gnadenlos abserviert hast.“

Sie starrte mich einen Moment ungläubig an. Dann stöhnte sie auf. „Neeein! Chris?“

„Der selbige.“

Sie wich einen Schritt zurück, um den für sie wohl nötigen Abstand zwischen uns zu bringen, und fragte vorwurfsvoll: „Warum hörst du meine CD?“

Oh, die Frage war gut. „Das könnte ich dir sagen, aber die Antwort würde dir wahrscheinlich nicht gefallen.“

Sie ignorierte meine guten Absichten völlig und zog nur die Augenbrauen hoch, um mich stumm doch noch zu einer Antwort zu bewegen. Also schloss ich den Abstand zwischen uns, beugte mich vor und flüsterte ihr ins Ohr: „Weil du sie mir gegeben hast.“

Als sie frustriert aufstöhnte, kitzelte ihr Atem meine nackte Brust. „Die hättest du, wie meine Telefonnummer, an Ethan weiter geben sollen. Warum hast du das nicht getan?“

Ihre Entrüstung verleitete mich dazu, sie noch ein klein wenig mehr aufzuziehen. Ich wickelte eine Strähne ihrer Haare um meinen Finger. Das seidig weiche Gefühl brachte mich auf ziemlich merkwürdige Gedanken. Dinge, die ich noch nie zuvor mit einem Mädchen aus dem Streberklub getan hatte. „Ich wollte wissen, auf welche Musik du stehst, damit ich sie auflegen kann, wenn wir auf meinem Bett rumknutschen“, säuselte ich.

Sue schlug meine Hand weg. „Falls du noch nicht selbst drauf gekommen bist, lass mich eines klarstellen: Du hast eine Schraube locker!“

Das ist noch milde ausgedrückt, dachte ich bei mir, als ich mir vorstellte, wie ich dieses Mädchen mit einem heißen Kuss zum Schweigen bringen würde. So war sie sicher von ihren Streber-Exfreunden noch niemals geküsst worden.

„Und wichtiger noch“, fuhr sie fort, „es gilt allgemein als miese Nummer, jemanden anzubaggern, der eigentlich deinen Bruder besuchen will.“

Darüber musst du dir keine Sorgen machen, Sonnenschein. Noch vor zehn Minuten hatte er nichts dagegen einzuwenden, dass du mit einem anderen rummachst.

„Warum? Glaubst du, er wird sauer werden?“, zog ich sie auf und grinste über ihr offensichtliches, wenn auch unerwidertes Interesse an meinem Zwillingsbruder. Meinem vermutlich schwulen Zwillingsbruder, genauer gesagt. „Glaubst du, dass er an dir interessiert ist?“

Zum ersten Mal kroch Sorge in ihre grünen Gummibärchenaugen. „Wieso? Glaubst du das nicht?“

Im Augenblick war das wirklich schwer zu sagen, aber ja, ich bezweifelte es stark. Das konnte ich ihr natürlich nicht einfach so ins Gesicht knallen. Es war Ethans Angelegenheit. Ich würde ihn ganz bestimmt nicht vor jemandem outen. Was für ein Bruder würde so etwas tun?

Während ich über eine höfliche Ausrede nachdachte, tippte ich mir mit dem Zeigefinger aufs Kinn. „Ich glaube, ich werde ein Auge drauf haben, wie sich die Sache zwischen euch beiden entwickelt. Könnte amüsant werden.“ Ich zwinkerte ihr zu, packte sie an den Schultern und drehte sie zur Tür. Gentleman, der ich war, beugte ich mich vor, um diese für sie zu öffnen.

Sue ließ sich von mir in den Flur und die fünf Schritte zu Ethans Zimmer manövrieren. Auch diese Tür öffnete ich für sie, weil ich das Gefühl hatte, dass sie inzwischen zu geschockt war, um es selbst zu schaffen.

Ethan lungerte auf seinem Bett und spielte Wii. Er sah auf, als ich unseren Gast sanft in sein Zimmer schob, aber sein Lächeln war unverbindlich. Wie es aussah, waren sie wirklich nur Freunde – zumindest soweit es ihn betraf.

„Du hast Besuch“, sagte ich und überließ Susan ihrem Schicksal. Oh, diese Show würde unbezahlbar werden. Ich schüttelte mich aus vor Lachen, als ich mich zurückzog und Susan die Tür hinter mir schloss.

In meinem Zimmer drehte ich die Musik wieder auf, damit die beiden auch was davon hörten, und griff mir mein Spanischbuch. Ich weiß nicht, wie lange ich gebüffelt habe, aber irgendwann fing mein Magen an zu knurren.

In der Küche hing neben den Notfallnummern die Speisekarte von Lou’s Pizzaofen und ein Zwanzig-Dollar-Schein von Mom. Ehe ich den Anruf beim Pizzaservice machte, wollte ich Ethan fragen, was er wollte. Vor seinem Zimmer blieb ich stehen. Es war still drinnen. Wahrscheinlich war Sue schon gegangen. Ich klopfte kurz an und ging hinein. „Hey, E.T., ich bestell uns Pizza …“ Mein Herz setzte einen Schlag lang aus und ich blieb abrupt mitten im Zimmer stehen.

Susan lag auf dem Rücken im Bett mit Ethan obendrauf, das Bein angewinkelt, ihre Gesichter nur durch Zentimeter voneinander getrennt. Er war dabei sie zu küssen. Scheiße noch mal, Ethan wollte tatsächlich mit Susan Miller rummachen!

„Nicht dein Ernst.“ Verdammt, es war zu spät, um meine Worte zu zensieren. Der Anblick hatte mir offensichtlich jeglichen Verstand aus dem Hirn geblasen. Meine Kehle wurde bröseltrocken und ich starrte die zwei mit offenem Mund an.

Beide waren bleich vor Entsetzen und schossen blitzschnell in die Höhe. Was auch immer gerade in diesem Zimmer vorgegangen war, ich hatte es erfolgreich vereitelt.

Susan erwiderte meinen Blick mit vorwurfsvoller Miene und ich verspürte ein schuldbewusstes Stechen in meiner Brust. „Es tut mir leid, ich wusste nicht, dass du noch hier bist“, entschuldigte ich mich rasch. Meine Stimme klang seltsam rau. Um ihnen und mir wenigstens ein bisschen Würde zu erhalten, machte ich auf den Hacken kehrt und eilte wortlos in die Küche zurück.

„Pizza klingt gut“, rief mir Ethan hinterher. Vermutlich sein Versuch, diese verfahrene und nicht wieder gutzumachende Situation zu retten.

Au Backe! Ich rieb mir übers Gesicht und versuchte das Bild, wie sie miteinander auf seinem Bett lagen, abzuschütteln. Jetzt hatte ich auch eine ziemlich gute Vorstellung davon, wie peinlich es Mom gewesen sein musste, als sie Lauren und mich vor ein paar Wochen in ähnlicher Position überrascht hatte.

An die Kochinsel gelehnt, wählte ich Lous Nummer und hörte gleich darauf, wie jemand an der Tür vorbeistürmte. Ich sah auf und entdeckte Susan, die förmlich zur Haustür rannte. Ethan war ihr dicht auf den Fersen. „Also, wenn es wegen—“

„Nein, das ist es nicht“, schnitt sie ihm das Wort ab.

Hatten sie etwa in den zehn Sekunden, die ich sie allein gelassen hatte, einen Streit angefangen? Ich wollte nicht in den Flur gehen, um mich zu vergewissern, aber Gott sei Dank war ihr Gespräch so laut, dass ich es bis in die Küche hören konnte.

„Meine Mom braucht das Auto“, erklärte Sue, „und ich muss in genau drei Minuten zu Hause sein.“

Ah, angesichts dieser neuen Information sollte sie mir eigentlich dankbar sein, dass ich die beiden unterbrochen hatte. Andernfalls hätte sie womöglich noch Ärger mit ihrer Mutter bekommen.

Als Ethans zögerndes „Oh“ zu mir drang, konnte ich jedoch nicht anders, als ihn zu bedauern.

„Hey, das war nett. Das sollten wir bei Gelegenheit wiederholen“, schlug Sue vor und fing dann zu stammeln an. „Ich meine … ich …“

Okay, ich hielt’s einfach nicht länger aus. Neugierig streckte ich meinen Kopf zur Tür heraus, um zuzusehen, was zwischen den beiden vorging. Susan hatte den Rücken zur Haustür gekehrt und entdeckte mich, als sie den Blick über Ethans Schulter hinweg richtete. Ein paar missbilligende Falten erschienen auf ihrer Stirn, aber sonst ignorierte sie mich. „Ach, egal. Ich nehme an, wir sehen uns.“ Sie drehte sich um und öffnete die Tür, aber Ethan wollte sie noch nicht gehen lassen. Er packte sie am Handgelenk. Guter Junge. Ich hätte dasselbe getan. Ob er ihr jetzt wohl einen Kuss zum Abschied gab?

Nein, das tat er nicht. Er sagte lediglich mit hoffnungsvoller Stimme: „Das war echt nett heute, Susan. Willst du morgen vielleicht wiederkommen? Oder wir könnten auch die Limo trinken gehen, von der wir gesprochen haben.“

Es war zu schade, dass ich Sues Reaktion nicht an ihrem Gesicht ablesen konnte, weil sie nun hinter der geöffneten Tür stand. „Okay“, sagte sie. „Ruf mich nach der Schule an.“ Dann beugte sie sich hinter der Tür hervor und musterte mich mit finsterem Blick. „Gib ihm meine Nummer, Dumpfbacke!“

Ich schluckte schwer und nickte, dann war sie weg.

Als Ethan durch den Flur zurück trottete, trat ich aus der Küche und versperrte ihm den Weg. „Hey, Mann, tut mir echt leid.“

„Ja, klar.“ Er verdrehte die Augen. Einen Moment später zuckte er jedoch mit den Schultern und sein Blick war nicht mehr ganz so finster. „Vielleicht wartest du das nächste Mal einfach, bis ich herein sage.“

„Ich dachte, sie ist schon weg“, erklärte ich hastig. „Es war so still in deinem Zimmer.“

Jetzt lachte er. „Tja, rate mal, warum.“

Shit! Ich war so ein Idiot. Ich zog eine Grimasse und stöhnte. „Das wird nie wieder passieren, versprochen.“

Ethan gab mir einen Klaps auf die Schulter und grinste, als er an mir vorüberging. „Keine Sorge. Ich vermute mal, es kommen noch andere Gelegenheiten.“

Um sie zu küssen? Vor zwei Stunden hatte er mir noch versichert, dass er kein Interesse an dem Mädchen hatte. Wir sind nur Freunde, waren seine Worte gewesen. Warum um alles in der Welt hatte er seine Meinung geändert? Andererseits hatte eine Menge Popcorn auf seinem Bett gelegen, als ich ins Zimmer gestürmt war, und sein Mund war nicht auf ihrem gewesen. Was, wenn ich die Zeichen falsch gedeutet hatte?

Ich drehte mich zu ihm um und platzte heraus: „Hast du sie geküsst?“

Mein Bruder lachte nur. „Das würdest du jetzt wohl gerne wissen.“

 

 

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Viel Spaß beim Lesen! 🙂