Breaking RULES (Breaking 1)

Kapitel 1

Raffael

 

Nichts reitet mich je tiefer in einen Haufen Scheiße als die Worte: „Ich wette, du traust dich nicht.“

Meine Entschuldigung? Ich habe keine. Spannende Herausforderungen sind meine Leidenschaft. Eines Tages bedeuten sie mit Sicherheit meinen Untergang. Jene heute Nacht kostet mich aber zum Glück nur meine Würde. Und vielleicht noch ein wenig mehr, doch das bleibt abzuwarten.

Mein Arsch klebt am Sitz der hässlichen braunen Rostlaube, die beinahe an Auspuffkrebs verreckt wäre, als ich damit hierhergefahren bin. Den ganzen Weg durch London stieg pechschwarzer Rauch aus dem hinteren Ende des 1981er Ford, als würde ein Flaschengeist versuchen, sich aus dem löchrigen Rohr freizukämpfen. Leider hilft der Rußnebel wenig, um mich vor den richtenden Augen der Rennfahrergemeinde zu verstecken, während ich zwischen den gut fünfzig aufgemotzten Karren durchrolle, die aufgekreuzt sind, um anzugeben und vielleicht für ein wenig Kohle ein oder zwei Rennen zu fahren. Nicht schlecht für eine Freitagnacht.

Ich würge den Motor ab und steige aus dem Auto, an dessen Tür ich mich dann vorsichtig lehne. Der Ford bekommt ja schon allein vom Hinschauen Dellen, da wird eine weitere sicher nicht auffallen.

Die Dubstep-Beats, die auf dem Parkplatz hinter dem geschlossenen Supermarkt in Enfield von allen Seiten herdringen, vibrieren durch meinen ganzen Körper. Wirklich alles pulsiert hier, nicht nur die Pussys der beiden Hasen, die gerade mit schwingenden Hüften in meine Richtung stolzieren. Felix, der auf der Motorhaube des heißen carbongrauen Wagens sitzt – der ihm im Übrigen so überhaupt nicht steht – checkt die Zwillinge in den Cut-Offs, Bandeau-Tops und kniehohen Stiefeln ab. Dann grinst er mich an. Ich weiß genau, was er jetzt denkt. Sie könnten meine Rettung sein. Aber bereits an ihren hochnäsigen Blicken und daran, wie sie sich ein herablassendes Kichern verkneifen, ist leicht zu erkennen, dass sie mir keinesfalls zu nahe kommen werden, solange ich mit dieser potthässlichen Karre abhänge, die ich die ganze Woche zwangsweise fahren musste. Und vielleicht auch noch viel länger, wenn ich keines dieser Play-Bunnys dazu bekomme, mich noch vor Mitternacht zu küssen.

Rumknutschen bedeutet normalerweise ja keine Schwierigkeit für mich. Die Mädels stehen auf meine nordisch-blonden Haare, die an den Seiten kurz geschoren und nur oben länger sind. Die Strähnen fallen mir in die Augen, als ich die beiden mit einem dominanten Blick einfange und sie über die Distanz geradezu vernasche. Einem dieser eingebildeten Täubchen näherzukommen, während wir von Schleudern umgeben sind, von denen die billigste immer noch über fünfzigtausend Pfund kostet, ist aber mit der Blechdose am Arsch sehr wohl eine Herausforderung. Eine, die ich eventuell unterschätzt habe. Verdammt sei Felix, weil er es geschafft hat, mich so einfach mit einem Airbrush für mein Auto zu ködern. Aber was das Sprayen betrifft, ist er ein Gott, und was ich von ihm will, wird ihn Tage kosten.

Was noch dazukommt, ist die Aussicht auf einen Fick mit Tanja in meinem Spielzimmer. Das Angebot war zu heiß, um es wirklich abzulehnen. In dem schwarzen Minikleid sieht sie verdammt viel besser auf der hübschen Corvette aus als Felix.

Doppelwetten mit meinen zwei besten Freunden? Mein sicherer Tod.

Ich hatte Tanja schon mehr als einmal in meinem Playroom. Die schlanke, dunkelhaarige Schönheit steht genauso sehr auf Fetisch-Sex wie ich und seit ich sie vor drei Jahren in die Welt der Fesselspiele eingeführt habe, war mir klar, dass kein anderes Mädchen meine Bedürfnisse jemals so perfekt befriedigen könnte wie sie.

Es ist schon fast bedauerlich, dass ich zu dem Beziehungsding nicht ja sagen konnte, als das Thema mal auf den Tisch kam. Sie wollte immer schon das volle Paket. Kuscheln und so. Nicht nur Handschellen und Disziplin. Na ja, nicht ausschließlich. Leider bin ich aber kein Knuddelmensch und für sie definitiv nicht der richtige Beziehungspartner. In der Hinsicht wäre Felix viel eher ihr Ding. Er genießt es, sie bis zum Frühstück bei sich zu behalten, nachdem sie miteinander geschlafen haben. Dummerweise hält er nicht viel von BDSM-Spielchen. Zu schade für Tanja. Aber alles in allem gesehen, macht das aus uns den perfekten kleinen Freundeskreis – mit einem gelegentlichen Fremdfick zwischendurch.

„Soll ich ein paar Freundinnen anrufen, damit sie dich freiküssen, Björnsson?“, spottet Tanja mit ihrem Megawattgrinsen. Oh, das wird ihr ein Extraspanking einbringen und kein zu zimperliches – zumindest, wenn ich sie erst einmal rechtmäßig für das kommende Wochenende gewonnen habe.

„Ich brauche dein Mitleid nicht, kleine Fee“, stelle ich mit einem schlagseitigen Antwortlächeln klar. „Für dich werde ich auch keins haben.“

Zwar lacht sie darüber, doch es ist nicht zu übersehen, dass ihr der Gedanke daran, was ich später mit ihr machen werde, gleichzeitig eine lustvolle Gänsehaut beschert. Sie spiegelt sich in ihren glänzenden Augen wider. Felix legt einen Arm locker um ihren Nacken, wobei seine schwarze Lederjacke etwas hochrutscht, und wackelt verwegen mit den Augenbrauen. „Tu ihr nicht zu sehr weh. Sie blockt mich sonst nur wieder tagelang.“

Ich wackle hämisch mit den Augenbrauen. „Sie nennen mich nicht umsonst Rough.“ Aus zweierlei Gründen.

In diesem Moment fährt ein tiefergelegter weißer Honda an uns vorbei, gleitet in den Parkplatz hinter meiner momentanen Schleuder und zieht meinen Blick von dem Mädchen ab, das ich nur zu gerne fesseln und vögeln würde. Das war die letzte freie Parklücke, sonst hätte sich der Fahrer wohl kaum in die Nähe meiner Rostlaube gestellt, die im Übrigen sogar eine blecherne Gießkanne auf dem Dach mit herumkutschiert. Felix ist ein Sadist. Tatsächlich würde er sich in einem Playroom richtig gut machen.

Der Kerl, der aus dem Honda steigt, trägt ein selbstgefälliges Grinsen, sowie eine umgedrehte schwarze Baseballkappe. Das verstellbare Band hat ein paar dunkle Haarsträhnen eingefangen und drückt sie gegen seine Stirn. Ich habe weder ihn noch sein Auto jemals zuvor bei einem dieser illegalen Straßenrennen gesehen, doch wenn er so gut fahren kann wie sein Wagen geil aussieht, ist er hier auf jeden Fall am richtigen Platz. Wer mit einem Rennwagen umgehen kann, macht locker mal ein paar Tausend in solchen Nächten. Leider vergeuden die meisten Typen hier jedoch mehr Zeit damit, ihre Karren aufzumotzen, als ihr Fahrkönnen zu verfeinern. Es ist richtig schockierend, wie oft sie sich selbst überschätzen.

Mir gehört ein Apartment in Mayfair, hundertachtzig Quadratmeter auf zwei Ebenen direkt unterm Dach im neunten Stockwerk. Zugegeben, die Hälfte davon habe ich mit einer kleinen Erbschaft finanziert, nachdem meine Großmutter in Island verstorben ist. Sie hat mir etwas Land hinterlassen, das ich zu Beginn meines Architekturstudiums verkaufen konnte. Doch der Rest kam von illegalen Rennen quer durch London. Ich bin gut in dem, was ich tue. In meinem Spielzimmer und auf der Straße.

Der Typ mit der Kappe kommt um meine Motorhaube herum, würdigt mich oder die alte Schrottmühle dabei aber keines weiteren Blickes. Habe ich auch nicht erwartet. Er geht direkt auf die Corvette zu und umkreist sie mit einem lüsternen Funkeln in den Augen. Sein Blick gleitet über den makellosen Lack der formvollendeten Kurven, die Einundzwanzig-Zoll-Felgen und das Nummernschild, auf dem ROUGH zu lesen ist. Erst nachdem er mit der offensichtlichen Musterung fertig ist, bleibt er vor Felix stehen, steckt die Hände in die Hosentaschen und sieht meinen besten Freund mit schmalen Augen an. „Bist du Raffael?“, fragt er mit einem dunklen Südküstenakzent.

Oh. Jetzt wird die Sache interessant. Ich richte mich etwas aus meiner schlaksigen Haltung gegen den rostigen Ford auf und verschränke die Arme vor meinem schwarz-weißen T-Shirt, um zu hören, was der Kerl vom eigentlichen Besitzer der Stingray C7 will. Tanja wirft mir einen skeptischen Blick zu, doch ich schüttle nur den Kopf.

„Wer will das wissen?“, stellt Felix die Gegenfrage und bleibt dabei völlig cool.

„Mein Name ist Sebastian Rhyse.“ Er streckt ihm die Hand entgegen und runzelt dabei mit offensichtlicher Verwirrung über Felix’ knallrote Haare die Stirn. Jemand muss ihm wohl eine Personenbeschreibung gegeben haben, denn ich würde mein Auto darauf verwetten – mein richtiges Auto – dass er platinblond erwartet hat. „Ich bin neu in der Stadt und man hat mir gesagt, die Stingray wäre eine nette Herausforderung.“

Felix nimmt seinen Arm von Tanjas Schultern und schlägt in Sebastians Hand ein. „Felix Tyrone. Das ist nicht meine C7.“ Er grinst verschlagen in meine Richtung und spricht dabei weiter mit Sebastian. „Aber es könnte leicht passieren, dass sie heute Nacht noch den Besitzer wechselt.“

Jetzt muss ich lachen. „Nur deinen Träumen.“

Sebastian wirft mir einen Blick über die Schulter zu. Ich kann genau erkennen, wann es klick macht, weil er meine Haarfarbe bemerkt hat. Mit geneigtem Kopf lässt er seinen Blick auf eine Art über meinen ganzen Körper schweifen, die erstaunlich viel Interesse birgt. Seine Augen brauchen eine Weile, bis sie meine wiederfinden, und anschließend schiebt sich sein linker Mundwinkel nach oben. „Du bist Raffael?“

Mit einem zynischen Grinsen zucke ich nur mit den Schultern. „Ich weiß, für dreiundzwanzig sehe ich ziemlich jung aus, aber ich habe bereits einen Führerschein, Ehrenwort.“ Die Hände in die Taschen meiner Skater-Hose geschoben, stoße ich mich von der Schrottmühle ab, wobei ich unglücklicherweise die Türschnalle mitnehme. Sie fällt klappernd auf den Asphalt und ich starre sie einen Moment lang nur schweigend an. Tja, das ist echt… Scheiße. Seufzend lasse ich sie liegen und drehe mich stattdessen zu dem Fremden um. „Was willst du von meinem Auto?“

Sein Grinsen bringt wieder dieses düstere Funkeln in seine Augen. „Im besten Fall, die Wagenpapiere.“ Dunkle Maori-Tattoos tauchen unter dem hochgerollten rechten Ärmel seines schwarzen Hemds auf und bedecken seinen gesamten Arm, bis runter zu seinem Handgelenk. Das Muster finde ich eigenartig entspannend. Alles ist in seinen Linien strukturiert. Regeln haben mich schon immer geerdet. Beim näheren Hinsehen fällt mir das einfache, hübsche Lederband auf, welches er an der linken Hand trägt und das perfekt mit dem neuseeländischen Stil der Tätowierungen auf seinem anderen Arm harmoniert. Dass er seine schwarze Armbanduhr aber an der rechten Hand trägt, irritiert mich ein wenig. Das ist absolut der falsche Platz für eine Uhr.

„Du willst ein Rennen gegen mich fahren?“, frage ich.

„Du hast einen Ruf. Ich stehe auf interessante Herausforderungen.“

Jap, ich auch. In den vergangenen Jahren habe ich bereits einige Autos gewonnen, die ich meistens für gutes Geld weiterverkauft habe. In seltenen Fällen habe ich sie auch wieder in anderen Rennen verloren, doch meine eigene Corvette setze ich so gut wie nie. Mein Baby ist mir heilig. Allerdings habe ich im Moment sowieso nur den Haufen Schrott hinter mir anzubieten und Sebastian macht mir nicht den Eindruck, als würde er dessen Wagenpapiere akzeptieren. „Tut mir leid, wenn ich dich enttäusche, aber aktuell bin ich nicht in der Position, über mein Auto zu entscheiden.“

Ich darf es nicht einmal fahren. Und da das heutige Rennen schon in wenigen Minuten losgeht, bezweifle ich auch, dass mich noch ein Häschen freiküssen wird, ehe alle Fahrer an der Startlinie Aufstellung nehmen. Ganz besonders, da ich noch nicht einmal damit angefangen habe, eines von ihnen heranzuflirten.

Sebastians gerade, dunkle Augenbrauen kippen Richtung Nase.

„Bescheuerte Wette, lange Geschichte“, erkläre ich ihm, ohne, dass er die Frage erst stellen muss.

Felix zieht Tanja zwischen seine Beine und verschränkt seine Arme unter ihrer Brust. Mit dem Kinn auf ihrer Schulter schmunzelt er. „Ein freiwilliger Kuss von irgendjemandem hier, bevor das Rennen um ist, und das, während er an dem da“ – er nickt zum Ford – „hängt.“

„Ah, ja…“ Sebastian reibt sich den Nacken und mustert dabei den Parkplatz, der randvoll mit schönen Menschen und noch schöneren Autos ist. Die Oberflächlichkeit der Szene ist ihm anscheinend nicht unbekannt. „Das wird schwer.“

Schwer, aber nicht unmöglich. Obwohl es doch langsam sinnvoll wäre, mich weniger mit fremden Typen zu unterhalten und stattdessen lieber zur Sache zu kommen.

„Wie lauten die Regeln?“, will er wissen, als er sich wieder zu Felix umdreht. „Nur Mädchen?“

Was ist das denn für eine dämliche Frage? Meine Freunde grinsen beide wie ein paar Bekloppte und Felix schwenkt den Arm entspannt über den Parkplatz. „Wenn Raff meint, er möchte lieber einen Kerl aufreißen und mit ihm rumknutschen, kann er das meinetwegen gerne tun.“ Nun wirft er den Kopf zurück und lacht lauthals. „Verdammt! Ich wünschte, ich hätte das von Anfang an als Bedingung gestellt.“

Das geheimnisvolle Blitzen in Sebastians dunklen Augen ruft ein merkwürdiges Gefühl in meinem Bauch hervor, als er seinen Blick noch einmal über mich schweifen lässt. Er grinst kurz zu Felix. „Nein, tust du nicht.“ Eine Sekunde später kommt er mit zwei entschlossenen Schritten auf mich zu und plötzlich spüre ich nur noch, wie ich von einem starken Männerkörper gegen die Tür des rostigen Fords hinter mir gepresst werde. Dabei quetscht es mir fast die Luft aus den Lungen. Als Nächstes legt Sebastian seine Hände auf meine Wangen und drückt mir einen verfluchten Kuss auf den Mund.

Herr Jesus!

Mein ganzer Körper erstarrt. Nur meine Hände klatschen hinter mir gegen das Metall der Rostschleuder, auf der verzweifelten Suche nach Hilfe, Halt, irgendetwas. Aber es gibt kein Entrinnen aus diesem Moment.

Die gut fünf Zentimeter, die Sebastian meine 1,83 überragt, gleicht er mühelos aus, indem er den Kopf ein wenig zur Seite neigt. Als seine Zunge in meinen Mund gleitet und dort zärtlich an meiner entlangstreift, kann ich seine letzte Zigarette schmecken, gemischt mit etwas Süßerem, womöglich einer Cola. Zu meiner absoluten Verblüffung fühlt sich die Zunge eines Kerls sehr ähnlich der einer Frau an. Nur das leichte Kratzen seines Dreitagebarts an meiner glattrasierten Haut macht den Kuss irgendwie anders – unerwartet sinnlich. Scheiße, ist das krass.

Und noch merkwürdiger ist, dass mein Körper dem Ganzen auf eine gefährliche Art nachgeben will. Fuck, ich genieße das hier nicht wirklich! Nie im Leben! Meine Nackenhaare stellen sich bei dem Gedanken auf, dass uns gerade die gesamte Renngemeinschaft Londons dabei zusieht, wie wir hier einen auf Liebespaar machen.

Der Moment ist ebenso schnell vorbei, wie er begonnen hat, und Sebastian lässt mich los. In seinem Gesicht sitzt immer noch ein sündiges Lächeln, als er einen Schritt nach hinten macht und die Hände wieder in die Taschen seiner zerfledderten Jeans schiebt. Er ist absolut entspannt.

Ich nicht.

Mit einem zutiefst verwirrten Stirnrunzeln lege ich mir die Fingerspitzen an die Lippen und murmle dabei ein leises „Danke…?“ Keine Ahnung, ob das gerade das richtige Wort ist. Als Nächstes wische ich mir mit dem Handrücken über den Mund und lasse meinen Blick blitzschnell über den Platz gleiten, um die Reaktion der anderen zu sehen. Aber niemand scheint es mitgekriegt zu haben. Abgesehen von meinen zwei besten Freunden.

Mit schallendem Gelächter kommt Felix zwischen den Autos auf mich zu und schlägt mir die Schlüssel für die Corvette in die offene Hand. „Da hast du, Alter. Die hast du dir echt verdient. Das war ja mal ein höllisch heißer Kuss.“

„Ja, krieg dich wieder ein“, brumme ich und kämpfe augenrollend darum, die volle Kraft meiner Stimme wiederzuerlangen. Das heisere Ächzen klingt so überhaupt nicht nach mir… außerhalb meines Spielzimmers.

Sebastian und seinen immer noch dämonischen Blick lasse ich erst einmal links liegen und schiebe mich durch die Jungs rüber zu den beiden Süßen, die ich soeben gewonnen habe. Tanja fixiert mich mit einem verstohlenen Grinsen, während ich näherkomme. Ich packe sie im Nacken und ziehe sie fest an mich heran, dann drücke ich meinen Mund auf ihren und verlange ihr einen tiefen, festen Kuss ab, um Sebastians Geschmack erst einmal von meiner Zunge zu bekommen.

„Wir sehen uns in meinem Spielzimmer“, schnurre ich an ihre Lippen, endlich wieder ganz ich selbst. „Morgen um zehn.“

Im nächsten Moment lasse ich sie los und widme mich meinem anderen Liebling. Zärtlich streichle ich mit den Fingern über die Luftschlitze in der Motorhaube der Corvette und weiter über die glatte Oberfläche des Rahmens um die Windschutzscheibe. „Hey, meine Hübsche. Hast du mich vermisst?“ Mein Herz pocht voller Vorfreude darauf, endlich wieder hinter dem Steuer meines Babys zu sitzen.

Die Tür springt mit dem vertrauten leisen Klicken auf und heißt mich willkommen. Ich gleite in den Sitz, ein Bein bereits im Wagen und das andere draußen, den Fuß immer noch auf den Asphalt gestellt. Sofort umgibt mich der herbe Duft von Leder. Unnötig, den Schlüssel ins Zündschloss zu stecken, um den Motor zu starten. Es funktioniert auf Knopfdruck, sobald sich der Schlüssel im Wageninneren befindet. 490 PS erzittern unter mir. Mit einer sanften Liebkosung streiche ich über das Sportlenkrad wie über den Körper einer hübschen Frau, schließe dabei die Augen und vergehe im Gefühl, endlich wieder in meinem persönlichen Himmel zu sein.

„Wenn du dein Auto fertig gefickt hast, komm zur Startlinie.“

Ich blicke hoch zu Sebastians Schmunzeln und nicke dem Kerl, der einen Arm locker über meine offene Wagentür gelegt hat, kurz zu.

Zeit für ein Rennen, Baby!

So spät im Juni ist der Asphalt von den hohen Temperaturen tagsüber sogar jetzt immer noch warm. Die besten Bedingungen für die Reifen. Dadurch kleben sie auf der Straße wie ein Zug auf den Schienen.

Während ich im Schneckentempo zur Startlinie fahre, klopft mein Herz im Rhythmus zum Bass, der aus den Lautsprechern dröhnt. Vier Rennwagen stehen hier bereits Schnauze an Schnauze aufgereiht und ich schließe die Lücke in der Mitte. Links neben mir knurrt der weiße Honda, dessen Fahrer mir einen herausfordernden Blick durch die offene Beifahrerscheibe zuwirft. „Mutig genug, deinen Wagen zu setzen, Kleiner?“, ruft er herüber.

Die Rennen, die hier auf die Beine gestellt werden, erfordern immer eine Startgebühr von eintausend Pfund – bei Antritt. Das ist Standard. Der Gewinner bekommt alles. Nur in seltenen Fällen erhöhen die Fahrer inoffiziell den Einsatz ein wenig.

Ein elektrisierendes Kribbeln rauscht durch meinen Körper, während ich auf meiner Unterlippe kaue. Keine Ahnung, was für eine Art Fahrer er ist. Ängstlich, sicher, bescheuert, waghalsig? Ich habe ihn bisher noch nie ein Rennen fahren gesehen. Er könnte ein hirnloser Hochstapler sein, der mich herausfordert, obwohl er von meinem Ruf gehört hat. Oder er könnte mir gewachsen sein. Die Corvette heute Nacht schon wieder zu verlieren, würde mir echt die Woche versauen. Den Honda zu gewinnen, wäre allerdings ein Highlight.

Mir schlägt das Herz gerade bis zum Hals. Ach, scheiß drauf. Ich nicke. Und Sebastian grinst breit, als er sich wieder nach vorne dreht.

Nikki, ein schlankes Püppchen in schwarzen Hotpants und Highheels, die einem Wolkenkratzer Konkurrenz machen, flaniert durch die Reihe und nimmt dabei jedem von uns das Startgeld ab. Ich hauche ihr einen Kuss zu und zwinkere, als ich an der Reihe bin, meine tausend Pfund rauszurücken – ein dickes Bündel Fünfziger, das ich aus der Tasche ziehe. Die krass rotgeschminkten Lippen zu einem Lächeln gekrümmt, wünscht sie mir Glück.

Sobald sie das Geld sicher bei Rob, einem der fünf Linienrichter, deponiert hat, greift sich Nikki zwei karierte Flaggen und bezieht Position direkt vor uns. Elliot und Master B haben die letzte halbe Stunde den Polizeifunk überwacht. Das japanische Genie und der Kiffer mit den schulterlangen Dreadlocks sind die besten Hacker in der Stadt und somit auch verantwortlich für grünes Licht. Im wahrsten Sinne. Für die beiden Informatikstudenten ist es ein Kinderspiel, sich in das städtische Verkehrssystem einzuloggen und ein paar Ampeln zu manipulieren, damit wir die zwei Meilen die Old-Park Ave runter und um den Bush Hill Park herum freie Fahrt haben. Die Runde bin ich schon mehrere Male gefahren, nur nicht in letzter Zeit. Trotzdem kenne ich jedes Schlagloch, den Winkel jeder Kurve und sämtliche Stellen, an denen man besser den Fuß vom Gas nimmt, sofern man es lebend über die Ziellinie schaffen will.

Als Nikki die Flaggen endlich hoch über ihren Kopf hebt, heulen die Motoren des weißen Hondas und des dunkelroten Nissans rechts neben mir auf wie geile Wölfe. Ich tippe ebenfalls kurz aufs Gas, nur um Hallo zu sagen. Mit einem letzten Blick zu den Hackerkids fliegt Nikkis Pferdeschwanz über ihre Schulter. Und dann schwingt sie die Flaggen nach unten wie ein Flügelschlag eines Adlers.

Dieses Mal trete ich das Gaspedal bis zur Bodenplatte durch und ziehe den anderen Fuß von der Kupplung. Die verkürzten Schaltwege erlauben es mir, mich geschmeidig durch die Gänge zu arbeiten. Die Corvette ist ein sportliches kleines Luder; sie liegt perfekt in der Hand und ist zu jedem Unfug bereit. Wir flitzen die Straße hinunter, vorbei an anderen Autos, die in den Seitengassen warten, weil sie gerade vor ungeplantem roten Licht stehen. Ich muss mich nicht nach ihnen umdrehen, um zu wissen, dass die Köpfe der Fahrer vor Überraschung von links nach rechts schnellen.

Zweihundertfünfzig Meter nach Start liegen der Honda, der Nissan, ein schwarzer BMW und ich gleichauf. Der violette Golf mit vermutlich gerade mal knapp 400 PS schnuppert nur noch unsere Abgase. Mein Blut brennt wie Feuer, als wir uns der ersten starken Linkskurve nähern. Diese Stelle wird entscheiden, wer die Führung übernimmt, da auf der Straße nicht genug Platz für vier Wagen ist. Wir alle sind ausgezeichnete Fahrer. Und wir haben alle ein schnelles Auto. Aber nur der Waghalsigste von uns wird es an die Pole-Position schaffen. Und ich habe vor, dieser Fahrer zu sein.

Ich schalte runter, trete kurz auf die Bremse und steige sofort wieder aufs Gas, um den kürzest-möglichen Weg um die Biegung zu erwischen. Wir verlieren den Nissan und auch der BMW reagiert eine Nanosekunde zu langsam. Inzwischen drifte ich elegant um die Kurve und das Quietschen der Reifen verspricht, dass ich schon bald einen neuen Satz für die Stingray brauchen werde. Der Honda driftet direkt neben mir – in der Außenkurve. Das kostet ihn Zeit. Na bitte, wer sagt’s denn? Pole!

Sebastians Honda schnuppert an meinem Auspuff. Er ist so nahe an mir dran, dass ich nicht einmal mehr seine Scheinwerfer oder auch nur die Motorhaube im Rückspiegel sehen kann. Gerade befinden wir uns auf der kurzen Seite des Parks. Er wäre verrückt, wenn er jetzt versuchen würde, mich zu überholen, weil mir die Spur gleich neben dem Bordstein gehört. Außerdem würde er dabei mindestens eine halbe Sekunde verlieren, weil er wieder die Außenkurve auf die lange Parkseite nehmen müsste.

Der Nissan, der BMW und der Golf liegen inzwischen weit hinter uns. Wenn Sebastian und ich uns auf diesem Streckenabschnitt nicht selbst ausknocken, sind sie raus. Keine Chance mehr auf Cash.

Lediglich der Honda hängt immer noch an meinem Arsch. Ich kann im Rückspiegel sehen, wann er zum Überholmanöver ansetzt, doch mein Gaspedal liegt bereits flach auf dem Boden. Sebastian kämpft um jeden Zentimeter Asphalt, genauso wie ich. Und als wir uns endlich der letzten Kurve vor dem Ziel nähern, sind unsere Vorderreifen wie siamesische Zwillinge.

Nur noch einhundert Meter. Genug für das Arschloch, um sich noch eine halbe Wagenlänge Vorsprung rauszuschlagen. Trotzdem bin ich immer noch in der besseren Position für den Drift ins Ziel. Ich schalte erneut runter, tippe auf die Bremse und spüre, wie das Heck der Corvette ausbricht. Mit nicht mehr als einem halben Meter Abstand zwischen unseren beiden Wagentüren vollführt Sebastian das gleiche Manöver. Als wären wir eine Einheit, schlittern wir gemeinsam um die finale Kurve und direkt über die Ziellinie, hinter der schon die Zuschauer auf beiden Seiten jubeln.

Fuck! Keine Ahnung, wer von uns die entscheidenden letzten Zentimeter gepackt und das Rennen gewonnen hat.

Mein Herz klopft einen brutalen Beat, als ich die Corvette mitten auf dem Parkplatz anhalte und aussteige. Sebastian wirft bereits seine Autotür zu. Während die Linienrichter erst noch die Videos und Fotos auf ihren Handys auswerten müssen, um den Gewinner der fünftausend Pfund bekanntzugeben, kommt Sebastian auf mich zu und hält dabei seine Hand auf Brusthöhe. Ich schlage ein und drücke sie kurz. So viel besser, als den Kerl zu küssen. „Geiles Rennen“, gestehe ich ihm zu. „Respekt.“

Grinsend lässt Sebastian meine Hand los. „Dann ist es also wahr, was die Leute über dich sagen. Du bist einzigartig, Raff.“

Wie es aussieht, wohl nicht mehr. Er ist tatsächlich ein ebenbürtiger Gegner. Verdammt, ich hoffe nur, ich habe nicht gerade mein Auto ver—

„Unentschieden!“, schreit Rob aus dem Wirrwarr der Linienrichter, die bis jetzt die Köpfe zusammengesteckt hatten. „Es ist ein fucking Unentschieden!“

„Was…?“ Das Wort bricht aus meinem kratzigen Hals und ich spüre, wie mir die Farbe aus dem Gesicht fällt. Rob und Lauren laufen auf uns zu und halten dabei beide ein spektakuläres Finish-Foto auf ihren Handys hoch, wie die Corvette und der Honda komplett synchron über die Ziellinie driften. Wenn es hier nicht um mein Auto ginge, würde ich glatt vor Bewunderung durch die Zähne pfeifen. Im Moment bin ich aber still wie der letzte Sonnenstrahl des Tages.

„Shit, nein!“ Sebastian legt beide Hände über die Kappe auf seinem Kopf, doch er nimmt die Nachricht mit bedeutend mehr Humor als ich und lacht ungläubig dabei.

Es ist mir scheißegal, ob das Preisgeld geteilt wird und ich mit mehr als dem Doppelten meines Einsatzes nach Hause gehe. Ich verliere heute Nacht meine Corvette! Schon wieder! Denn Unentschieden bedeutet —

„Wir müssen die Wagen tauschen“, sagt Sebastian trocken.

Ja. Das müssen wir. So sind die Regeln. Aber ich will meine C7 nicht hergeben! Was soll ich denn mit einem verfluchten Honda?

Ich stehe immer noch etwas neben mir, als Nikki jedem von uns unseren Anteil des Preisgeldes überreicht und ich das Bündel Banknoten in meine Hosentasche quetsche. Beim folgenden Klopfen auf meine Schulter zucke ich herum. „Das war ja mal echt meeega!“, jubelt Felix, doch er kriegt sich sofort wieder ein und zieht eine mitleidige Grimasse, als er mein Gesicht sieht. „Tut mir leid, Alter.“

Tanja legt ihre Finger unter mein Kinn und grinst mich schief an. „Naaa, jetzt guck doch nicht wie ein ausgesetzter Welpe, Riff-Raff. Der Honda ist auch ein sexy Auto. Ihr müsst euch nur erst mal richtig kennenlernen und aneinander gewöhnen.“ Wie ein Häschen zieht sie die Stupsnase hoch und neckt mich. „Er wird deine Macken lieben.“

Ich packe sie hart am Handgelenk und nehme ihre Hand von meinem Gesicht. Die Kleine bettelt offenbar nach einem Spanking, bis ihr der süße Arsch wie ein Erdbeerfeld glüht. Sie würde mich nicht Riff-Raff nennen, wenn es nicht so wäre. Erbarmungslos ziehe ich sie an mich und knurre ihr ins Ohr. „Morgen, Kätzchen. Morgen…“

Tanja stöhnt voller Vorfreude. Sie entzieht mir ihre Hand, sobald ich meinen Griff lockere, und kehrt dann zurück an Felix’ Seite. Die Finger auf seiner Schulter verschränkt, legt sie ihr Kinn darauf und schickt mir einen feurigen Blick. Sie ist zum Anbeißen, wenn sie einen auf provokative Wildkatze macht. Zu schade, dass ich diese Art von Mahl nur gefesselt und mit verbundenen Augen in meinem Spielzimmer genieße.

 

Kapitel 2

Sebastian

 

Ich habe die Corvette gewonnen.

Ich habe meinen Honda verloren.

Soll ich mich jetzt freuen oder lieber den Kopf gegen die Wand schlagen?

Fuck, ich weiß es nicht.

Das ist mein erstes Unentschieden überhaupt und ich verliere so gut wie nie. Schon klar, ich wollte diese schwarze Schönheit von dem Moment an, als ich sie vor zwanzig Minuten zum ersten Mal gesehen habe – und eventuell auch die Schönheit in Platinblond. Aber Tauschen stand nie auf meinem Plan.

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich dennoch einmal mein Auto bei einem Rennen verliere, habe ich die Papiere in solchen Nächten immer im Handschuhfach. Keine Ahnung, wie Raffael das handhaben will, darum lehne ich mich erst einmal mit verschränkten Armen an mein Auto, Beine überkreuzt, und lasse ihm noch einen Moment, um mit seinen Freunden rumzualbern, ehe ich mich einmische. „Bist du bereit, dein Auto aufzugeben? Hast du alle Papiere mit?“

Er zieht seine Aufmerksamkeit von dem Mädchen ab, das vielleicht oder vielleicht auch nicht mit dem Rothaarigen zusammen ist, und richtet seinen nun wieder kühlen Blick auf mich. „Ich habe meinen Wagen eine ganze Woche nicht gefahren. Die Papiere liegen zu Hause. Du kannst mir folgen.“

Nope, er ist auch nicht so glücklich über den Tausch.

Ich nicke und beobachte, wie er ohne ein weiteres Wort hinter das Steuer der Corvette sinkt. Seine Stirn liegt dabei in tiefen Falten. Erst, als er die Tür zuzieht und den Motor startet, steige auch ich in meinen Wagen und drücke den Knopf, der den Motor wie einen Jaguar zum Schnurren bringt. In wenigen Minuten taucht vermutlich sowieso die Polizei hier auf. Was die Jungs mit den Ampeln angestellt haben, bleibt üblicherweise nicht lange unentdeckt. Die Masse an Zuschauern zerstreut sich auch bereits.

Ich wende auf dem Parkplatz und rolle hinter Raffael, der mit einem Arm im offenen Fenster neben seinen Freunden stehen geblieben ist. „Die Schlüssel zum Ford stecken im Zündschloss. Verbuddel ihn am besten im selben Scheißloch, aus dem du ihn ausgegraben hast“, sagt er mit einem selbstgefälligen Grinsen. Es bringt mich zum Schmunzeln. Verdammt, auf was für verrückte Wetten kommen diese Kids nur, wenn man ihnen Freitagnacht die PlayStation abdreht?

Andererseits sollte ich sie wohl eher nicht als Kids ansehen. Raffael meinte, er ist dreiundzwanzig. Das macht ihn nur zwei Jahre jünger als mich, allerdings hatte er recht; er sieht kaum so alt aus, wie er tatsächlich ist. Ich bin mir fast schon wie ein Pädophiler vorgekommen, als ich ihn vorhin geküsst habe. Ja, okay, nein, bin ich nicht. Seine Augen strahlen mit einer coolen Dominanz, die die Erfahrung, die seinem jugendlichen Gesicht offenbar fehlt, mehr als nur ausgleicht.

Ich würde ja sagen, er ist absolut mein Typ. Aber das wäre gelogen, denn ich habe keinen wirklichen Typ. Ich vögle so ziemlich alles, was ein bisschen Spaß verspricht – ob Pussy oder Arsch ist mir dabei egal. Zu schade, dass er anscheinend nicht für beide Teams spielt. Es war so offensichtlich, dass ich der erste Kerl-Kuss in seinem Leben war. Stand deutlich in seinem Gesicht geschrieben und ebenso in der anfänglichen Anspannung, als ich meine Zunge in seinen Mund gesteckt habe. Trotzdem war es gar kein so schlechter erster Kuss.

Sobald er den Parkplatz verlässt und sich in den inzwischen wieder fließenden Verkehr einreiht, hänge ich mich an sein Heck und folge ihm durch London. Wir kommen an der Abzweigung zu meinem Apartment in Primrose Hill vorbei und fahren direkt weiter nach Mayfair. Soso, ein reicher Bursche, wie? Die Corvette ist schon ein ziemlich guter Beweis dafür, allerdings hätte sie auch sein Sparschwein sein können. In dem Moment aber, als wir in Brook’s Mews einbiegen, er vom Gas geht und runter in die Tiefgarage eines Hochhauses fährt, sind alle meine Zweifel weggeblasen.

Ich folge ihm die langgezogene Kurve runter zu einem Platz, der geradezu „Money“ von allen Ecken und Enden schreit. Porsches, Audis, massenhaft BMWs und sogar ein kirschroter Lambo wurden hier für ihren Schönheitsschlaf abgestellt. Raffael parkt punktgenau in Lücke 37 neben einem schwarz funkelnden Jeep, der einer Bärenfamilie Obdach gewähren könnte. Ich stelle den Honda auf 37A ab, vermutlich der Parkplatz für seine Gäste.

Als der Motor aus ist, nehme ich mir noch ein paar Sekunden und sitze einfach nur still hier, die Finger fest um das Lenkrad geschlossen. Ein leises Seufzen arbeitet sich nach oben. Ich liebe dieses Auto. Es ist wie ein loyales Haustier. Ein Hund, den ich als übermütigen Welpen aufgenommen und dann zum bestmöglichen Begleiter erzogen habe. Allerdings ist die Corvette kein schlechter Tausch. Mit Sicherheit ein Upgrade. Ob sie auch Charakter hat, werden wir noch sehen.

Ich hole die Papiere aus dem Handschuhfach und steige endlich aus.

Raffael scheint wohl ähnliche Gefühle für seine Stingray zu haben. Er streichelt sanft über die Dachkante und die Strebe neben der Windschutzscheibe entlang. Ich würde schwören, seine Lippen formen gerade die stillen Worte: „Pass auf dich auf, meine Hübsche.

Als ich mich auf die Motorhaube setze und warte, dass er alles Nötige aus seiner Wohnung holt, sieht er mich nur an und nickt dann zu den Aluminiumtüren des Aufzugs auf der anderen Seite der Tiefgarage. „Wir können die Formalitäten auch oben erledigen. Willst du ein Bier?“

Klingt besser, als im Keller auf ihn zu warten. „Klar.“ An seine Fersen geheftet, bewundere ich auf dem Weg durch die Garage die vielen Statussymbole, die uns umgeben. Das kurze Tschiepen, das mein Wagen von sich gibt, als ich auf den Knopf drücke, um die Türen zu verriegeln, klingt wie ein letztes „Mach’s gut.“

Hier unten befinden sich zwei Lifte, beide nur ein paar Meter voneinander entfernt. Raffael ruft den mit der Aufschrift Privat und es erscheint ein leuchtend roter Rahmen um den quadratischen Knopf, als er auf den Pfeil nach oben drückt. Sekunden später fahren die Türen auseinander und Raffael geht zuerst rein. Die vertikale Reihe an Etagennummern ist durch eine numerische Tastatur gesichert. Nachdem er auf das neunte Stockwerk gedrückt hat, tippt er vier Zahlen ein. Er macht kein Geheimnis aus dem Code. 2-1-1-2. Vielleicht sein Geburtsdatum im Dezember?

In die Kabine passen locker fünf oder sechs Leute rein. Marmor und Spiegel umgeben uns hier von allen Seiten. Raffael lehnt mit dem Rücken an eine Wand, Knöchel über Kreuz und die Finger fest um die Metallstange auf Hüftniveau geschlungen. Ich lehne an der Seite gegenüber, die Hände tief in den Taschen meiner Jeans.

Da keiner von uns beiden ein Wort spricht, habe ich genügend Zeit, sein Gesicht zu betrachten, während wir rauf in den neunten Stock fahren. Penthouse. Mann, der Kleine hat echt Stil. Und Augen, so arktisch blau, dass sie die Luft im Aufzug zum Gefrieren bringen könnten—selbst, wenn er nicht gerade sein Bestes geben würde, um mich mit seinem finsteren Blick zu töten. Mit den platinblonden Haaren und der blassen Haut, für die er vermutlich nicht viel kann, wirkt der Bursche wie ein Gletscher. Ein verdammt heißer.

„Norwegen?“, rate ich einfach mal ins Blaue.

Der Lift hält an und die Türen verschwinden in den Wänden. „Island“, antwortet er mit unterkühlter Stimme, als er direkt im Wohnbereich seines Apartments aussteigt, das von vereinzelten Spotlichtern in der Decke erleuchtet wird. Mehr Lichter leuchten automatisch auf, sobald er weiter rein geht. Ich drücke mich von der Spiegelwand ab und folge seiner unausgesprochenen Einladung, wobei ich mich ringsum in der riesigen Wohnung umsehe.

Graphitfarbene Steinfliesen legen den ganzen Fußboden aus. Die abgewinkelte weiße Ledercouch in der Mitte zwischen Lift und den enormen Fenstern, durch die man ganz Mayfair im Blickfeld hat, wirkt wie eine Krone. Sie steht zusammen mit einem niedrigen Tischchen auf einem blauen Angora-Teppich und die Vitrinen dahinter machen den Eindruck, als stünden sie still Wache im Hintergrund. Das Gaming-Headset und die Controller auf dem Tisch entlocken mir ein Grinsen und ich suche sofort nach dem Entertainment-Center. Gefunden! Ein gigantischer Flachbildschirm hängt an der Wand zu meiner Linken, mit einer PS4 und einer X-Box One auf einem schwarzen Regal direkt darunter. Ich wusste, dass er ein Spieler ist!

Während Raffael nach links hinten in den offenen Ess- und Küchenbereich verschwindet, staune ich immer noch über die geschwungene Treppe, die offenbar in den zweiten Stock des Apartments führt. „Ach du Scheiße!“

Raffael schmunzelt nur über meinen Ausbruch an Verblüffung. Der Klang kommt gepaart mit einem Flaschenklirren aus dem Kühlschrank, als er die Tür aufzieht. Ich geselle mich zu ihm, werfe die Honda-Papiere auf die dunkle Marmorplatte der großen Kochinsel und lehne mich mit verschränkten Armen dagegen. Er wirft die Kühlschranktür zu und kommt mit zwei Flaschen zu mir herüber. Die Verschlusskappe der Bierflasche hakt er an die Kante der Kochinsel, um sie mit einem kurzen Schlag zu öffnen, und stellt sie vor mich hin. Anschließend schraubt er seine Wasserflasche auf und hält sie mir entgegen.

„Trinkst du nicht gerne vor dem Schlafengehen?“, ziehe ich ihn ein wenig auf und schnappe mir das Bier, um mit seinem Anti anzustoßen. „Cheers.“

„Ich trinke keinen Alkohol.“ Während er die Flasche an seine Lippen hebt, fügt er noch hinzu: „Niemals.“ Dann nimmt er einen Schluck.

Leicht verwundert ziehe ich meine Augenbrauen zusammen, als das kalte Bier meine Kehle hinunterläuft. Meine stille Frage wird mit seinem beiläufigen Schulterzucken beantwortet. „Ich behalte gerne die Kontrolle.“

„Kontrolle?“ Jetzt weckt der Kerl, dessen Körper zwar schön definiert, aber nicht ganz so muskulös wie meiner ist, ernsthaft meine Neugier. „Über was?“

„Über alles.“ Er schraubt seine Flasche wieder zu und stellt sie ab, lässt seine schlanken Finger aber drumherum liegen. „Menschen. Autos. Aber besonders… über mich selbst. Meinen Verstand. Alkohol bringt dich dazu, saudumme Dinge zu tun.“

Nun ziehe ich neckisch eine Augenbraue hoch und spreche in die Flaschenöffnung, die ich immer noch an meine Lippen halte. „Du meinst, wie fragwürdige Wetten mit deinen Freunden abzuschließen, in denen es um einen alten Ford und einen Kuss geht?“

„Nein.“ Sein Lächeln schafft es nicht ganz hoch bis zu seinen Augen. „Das war eine sehr kontrollierte Wette.“

Klingt faszinierend. Und traurig. „Du lässt wohl nicht leicht mal die Sau raus, oder?“

„Nie.“ Raffael lacht. Fuck, sogar das klingt nach einem kontrollierten Geräusch und es weckt in mir den Wunsch, tiefer in seine Psyche zu dringen. Viel tiefer.

Er verschwindet aus der Küche in einen Raum neben der Treppe. Als er bei seiner Rückkehr einen dünnen Stapel Zettel in der Hand hält, die wohl zur Corvette gehören, nehme ich an, dass es sich bei dem Zimmer um eine Art Büro handelt. Er wirft alles auf die Kücheninsel mit einem blauen Kuli obendrauf. In der Renngemeinschaft ist es üblich, dass man einen vorgefertigten Kaufvertrag für sein Auto besitzt. Offenbar läuft London nach den gleichen Regeln wie Eastbourne, die Stadt, in der ich aufgewachsen bin – und in der ich illegale Straßenrennen gefahren bin, seit ich achtzehn war.

Ich greife nach dem Stift und unterschreibe an allen nötigen Stellen. Dann reiche ich Raffael den Kuli und er zieht den Vertrag zu sich. „Es ist Freitagnacht“, stellt er klar, während er seine eigene Unterschrift neben meinen Namen setzt. „Du wirst wohl kaum eine Versicherungsanstalt oder Behörde finden, die vor Montagmorgen wieder öffnet, um die ganzen Formalitäten mit der Ab- und Anmeldung zu erledigen.“ Er blickt zu mir hoch und legt dabei langsam den Stift nieder. „Ich nehme an, du willst trotzdem schon heute Nacht tauschen?“

Und wie ich das will. Mit einem breiten Grinsen nicke ich auf seine Frage. „Wir können uns am Wochenende ja beide schon ein wenig an unsere neuen Schlitten gewöhnen. Verdammt, ich sterbe vor Neugier, was deine Schönheit unter ihrem Röckchen verbirgt.“ Er reagiert nicht auf meine kleine Neckerei, sondern zieht nur den Schlüsselbund aus seiner Hosentasche und nimmt den Schlüssel für die Stingray ab. Mit einem schwermütigen Seufzen legt er ihn auf den Stapel Papiere. Meinen kriegt er im Austausch. „Ich komme nächste Woche mal vorbei, um den Deal abzuschließen.“

Raffael beobachtet, wie der schwarze Chip-Schlüssel zur Corvette in meiner Hosentasche verschwindet. „Ich habe dieses Wochenende nicht wirklich viel Zeit, um dein Auto zu testen. Eine Freundin bleibt über Nacht.“ Erst jetzt wandert sein Blick wieder hoch in meine Augen. „Aber du kannst dich mit meinem austoben.“

Seine Worte erinnern mich an die Bruchstücke einer Unterhaltung, die ich zwischen ihm und der „vielleicht oder vielleicht auch nicht“ Freundin von Felix aufgeschnappt habe. „Die kleine Schwarzhaarige?“, frage ich und nehme noch einen Schluck Bier. „Was ist das für ein seltsamer Dreier, den du und dein Freund da mit ihr am Laufen habt?“

Mit geneigtem Kopf mustert er mich für einen Moment, ehe sich seinen Lippen leicht nach oben krümmen. „Das möchtest du wohl gerne wissen?“

„Worauf du Gift nehmen kannst.“ Ich stelle die halbleere Flasche ab und schiebe die Finger in meine hinteren Jeanstaschen. „Aber wenn du es nicht verraten willst, kannst du mir stattdessen auch gerne erzählen, wie sich ein Typ in deinem Alter eine so unglaubliche Wohnung finanziert.“ Ich drehe mich im Stand und lasse meinen Blick noch einmal durch das Apartment schweifen. Es ist außerordentlich sauber hier drinnen. Sogar die Küche sieht aus, als wäre sie nie in Verwendung. „Womit verdienst du dein Geld, Mann?“

Raffael lacht – Scheiße, verdammt, dieses Mal klingt es sogar aufrichtig. Der Klang zieht meinen Blick zu ihm zurück. „Ich hatte eine reiche Großmutter in Island“, verrät er mir. „Und außerdem habe ich ein paar protzige Schlitten gewonnen, die ich verkauft habe.“

„Okay, eine nette Erbschaft und etwas Glück beim Straßenrennen. Ich verstehe.“

Auf meine aufrichtige Bewunderung zuckt er nur belanglos mit den Schultern. „Willst du eine Tour durch die Wohnung?“

Ich muss gestehen, dass ich schon ziemlich neugierig bin, wie er so lebt, darum nicke ich und lasse ihm den Vortritt. Unser erster Abstecher geht in den Raum, in dem er vorhin verschwunden ist. Ich hatte recht, es ist ein Arbeitszimmer, aber nicht nur das. Ein großer Schreibtisch steht vor dem Fenster auf der linken Seite und rechts befindet sich eine Pressbank mit mehreren Gewichten. Darüber ziehen drei hohe Fotografien meine Aufmerksamkeit auf sich, die in einer perfekten Reihe mit je einem Fuß Abstand dazwischen an der Wand hängen. Zusammengenommen zeigen sie eine Gesamtaufnahme der Nordlichter über, wie ich vermute, Island.

„Wie lange lebst du schon in London?“, will ich wissen, während ich zu den Fenstern rüber schlendere und auf die Straße unter uns schaue. Sein nordländischer Akzent ist kaum zu erkennen, doch nachdem man es erst einmal weiß, kann man ihn herausfiltern, wenn man nur aufmerksam genug zuhört.

„Meine Familie ist nach England gezogen, als ich sieben war. Nachdem meine Oma gestorben ist, sind meine Eltern aber wieder zurück in die Heimat gegangen und leben jetzt in ihrem alten Haus.“

„Ohne dich?“

„Ich schätze, ich bin einfach zu einem echten Londoner Kind geworden. Zu viel Platz und Stille in Island. Außerdem gehe ich hier zur Uni. Ich hasse es, Dinge abzubrechen.“

Ich drehe mich um und finde ihn auf der Tischkante sitzend vor, die Arme wieder einmal verschränkt und die Adleraugen auf mich gerichtet. Neben ihm schiebe ich ein paar Zettel beiseite, die wie statische Zeichnungen eines Einkaufszentrums oder so was Ähnlichem aussehen. „Hast du die gemacht?“

Er löst seine Arme und umfasst stattdessen die Kante neben seinen Hüften. Den Kopf dreht er so, dass er die Pläne betrachten kann. „Ist ein Studienprojekt für einen meiner Kurse.“

„Dann studierst du Architektur?“ Ich hebe stirnrunzelnd den Blick. Raffael nickt und so kommt meine nächste Frage etwas ungläubiger über meine Lippen, als geplant war. „Warum?“

„Warum nicht?“ Er spiegelt meinen fragenden Gesichtsausdruck.

„Keine Ahnung. Durch das ganze Rennfahrerzeug, das du so am Laufen hast, dachte ich, du stehst mehr auf…“

„Gefahr?“, hilft er mir schief grinsend mit dem fehlenden Wort aus. Als er sich vom Tisch abdrückt und das Zimmer wieder verlässt, gehe ich ihm hinterher und schließe dabei die Tür. „Tja, ich schätze, ich mag wohl einfach die strukturierte Arbeit als Zeichner“, versucht er sich zu erklären und nimmt als Nächstes die Treppe nach oben. „Ich finde es beruhigend, wenn Dinge einem bestimmten Muster oder Regeln folgen und sich alles innerhalb klar definierter Linien bewegt.“

Darüber muss ich ein wenig schmunzeln, während ich Raffael mit zwei Stufen Abstand folge und dabei eine Hand locker über das Edelstahlgeländer gleiten lasse. „Ah, die Kontrollsache.“

Raffael wirft mir einen intensiven Blick mit schlagseitigem Grinsen über die Schulter zu. „Ganz genau.“ Fuck, so wie seine hellblauen Augen dabei ein Spiel mit der Dunkelheit spielen, schließen sich meine Finger fester um die Metallstange.

Sobald er sich wieder nach vorne dreht, lasse ich aus der Vogelperspektive noch einmal meinen Blick über das Apartment schweifen. Hier ist echt alles makellos. Kein schmutziges Geschirr in der Küche und keine einzige streunende Socke liegt auf dem Boden rum, was für einen alleinlebenden Kerl in seinem Alter schon höchst ungewöhnlich ist. „Wer macht hier sauber? Du?“

„Rosa. Sie kommt zweimal die Woche, aber ich versuche, hier nicht zu viel Unordnung zu verursachen und ihr die Arbeit leicht zu machen.“

Eine Putzfrau. Warum überrascht mich das überhaupt?

Der Gang in der oberen Etage gabelt sich in zwei Richtungen, mit je einem Zimmer am Ende und zwei Türen in der Mitte. Der erste Raum, den er mir zeigt, ist sein Schlafzimmer. Wir bleiben auf der Türschwelle stehen, denn näher lässt er mich ganz augenscheinlich nicht an seine Bettlaken ran. Doch das Zimmer sieht genauso aus, wie ich es erwartet hatte. Ein großes Bett mit dunklen Satin-Bezügen steht zentral mit dem Kopfende an der linken Wand. Auf der anderen Seite befindet sich wie unten im Wohnzimmer eine durchgehende Fensterfront, durch die man auf die Lichter der Stadt sieht.

„Nett.“

Mir bleibt gerade noch genug Zeit, um einen Blick auf die Sitzbank vor den Fenstern und die Tür zu werfen, die vermutlich zu einem begehbaren Schrank neben einer niedrigen Kommode führt, ehe er das Portal zu seiner Privatsphäre wieder zuzieht.

Die nächste Tür führt in ein luxuriöses Badezimmer, das in Steinoptik gehalten ist, mit einer begehbaren Dusche hinter einer komplett durchsichtigen Glasscheibe und einer freistehenden Badewanne. Ich pfeife durch meine Schneidezähne. Hier befindet sich außerdem ein Doppelwaschbecken aus dunklem Marmor, aber ich habe so einen Verdacht, dass Raff hier ganz allein wohnt.

Wir gehen an der zweiten Tür in der Mitte des Stockwerks vorbei – absichtlich, nehme ich an – und er lässt mich noch einen Blick in das Zimmer am hinteren Ende direkt gegenüber seines Schlafzimmers werfen. „Gästezimmer“, gibt er mir zu verstehen.

Es ist eindeutig für weibliche Besucher eingerichtet. Alles hier drin sieht so viel weicher und wärmer aus als in seinem eigenen Schlafzimmer. Die Laken auf dem mittelgroßen Bett sind dunkelrot und wirken sehr exklusiv. Es liegen auch mehrere kleine rosa Kissen auf der Matratze und daneben steht ein Schminktisch mit dreiteiligem Spiegel. Kerzen stehen überall im Raum verstreut; eine auch auf dem Fensterbrett mit der einzigen Topfpflanze daneben, die ich im ganzen Apartment gesehen habe.

„Wie heißt sie?“ Ich kann nicht widerstehen, zu fragen, und lehne mich dabei mit dem Rücken an den Türstock gegenüber von ihm. Mit verschränkten Armen warte ich auf seine Antwort.

„Wer?“

„Die Kleine, die du dir mit Felix teilst. Ich nehme an, sie benutzt dieses Zimmer hier von Zeit zu Zeit?“

Raffael zieht seine Unterlippe zwischen die Zähne und sieht mir in die Augen, während er offensichtlich überlegt. „Tanja“, verrät er mir schließlich ihren Namen und lächelt dabei sogar ein klein wenig. Abgesehen davon, dass er die meiste Zeit über seine Hände in den Hosentaschen vergräbt, lehnen wir exakt spiegelgleich im Türrahmen, wobei sich unsere Fußspitzen beinahe in der Mitte berühren. Sein weites, trikotartiges T-Shirt, das genau in der Mitte vertikal in Schwarz und Weiß geteilt ist, kommt mir langsam wie eine Reflexion seines Geistes vor. Er hat ein wirklich hübsches Lächeln, erlaubt sich aber nicht, es zu zeigen, weil es vermutlich gegen die verkorksten Regeln seiner eigenen Welt verstoßen würde. Hier ringt die arktische Kälte mit einer seltsam jugendlichen Sanftheit. Beide Seiten sind gleichermaßen anziehend.

Ich lasse den Gedanken ziehen und bleibe bei der Sache. „Sie ist also irgendwie mit deinem Freund zusammen, aber du darfst sie gelegentlich vögeln, sehe ich das richtig?“

Jetzt sieh mal einer an, Raffael hat sogar Grübchen. „Ich darf gelegentlich mit ihr spielen.“ Sein inzwischen etwas wärmerer Blick kreuzt kurz zu der Tür, die er vorhin nicht geöffnet hat. „Und die beiden sind kein Paar. Wir drei hängen schon miteinander ab und vögeln rum seit… Ewig.“

Ja, den Eindruck machen sie auf jeden Fall. Lachend drehe auch ich mich nun zu dem geheimnisvollen Zimmer. „Was ist da drin?“

„Spielplatz?“ Sogar seine Stimme klingt im Augenblick verspielt. „Alles, um ein bisschen herumzuexperimentieren.“

„Darf ich mal sehen?“

Sein Oberkörper wippt leicht nach vorne, um ihm beim Aufrichten und Wegkommen vom Türstock zu helfen, ohne, dass er dabei die Hände benutzen muss. Eine zieht er aber trotzdem aus der Hosentasche und legt sie auf die Klinke der mysteriösen Tür, als er davor stehenbleibt und sich zu mir umdreht. „Der Schlüssel zu diesem Zimmer ist dein Safeword.“

Ah, jetzt wird es interessant. Mit einem anzüglichen Lächeln gehe ich auf ihn zu und bleibe nur Zentimeter vor seinem Körper stehen. Ich kann seine Wärme spüren. Mein fordernder Blick fängt seinen ein, wobei ich meine Hand über seine auf die Türklinke lege und langsam nach unten drücke. „Ich spiele nicht mit Safewords“, raune ich fast schon zu nahe an seinen Lippen.

 

Kapitel 3

Raffael

 

Sebastians Hand fühlt sich warm an. Und etwas rau. Vermutlich leicht schwielig, weil er das Lenkrad immer nur mit dem Handballen herumdreht und die andere Hand auf dem Schaltknüppel liegen hat.

Ich kann seinen Atem in meinem Gesicht spüren, während er mir so nahe kommt, als würde ihm meine Privatsphäre einen Scheiß bedeuten. Oder als würde er es absichtlich tun, um dieses seltsame Gefühl in meinem Bauch wieder heraufzubeschwören, das ich schon auf dem Parkplatz, eingeklemmt zwischen ihm und dem alten Blechhaufen, hatte. Als er die Klinke in meiner Hand nach unten drückt, mache ich gemeinsam mit der Tür einen Schritt nach hinten, um ihm zu entkommen. Normalerweise drücke ich mich nicht vor Konfrontationen, egal welcher Art. Heute Nacht gehe ich nur dieser viel zu intensiven Nähe aus dem Weg.

Sebastian schmunzelt nur über meine Reaktion und tritt in meinen Playroom. Ich lege den Schalter neben der Tür um und sofort geht ein schummriges indirektes Licht an, das an der Deckenkante entlangläuft. An der Wand links steht ein Himmelbett aus Mahagoniholz, das mit dunkelvioletten Laken bezogen ist. Der Rahmen spiegelt sich im Fensterglas, zusammen mit Sebastians Silhouette, während er langsam durch den Raum streift.

Aus demselben dunkeln Holz wie das Bett sind auch die Schränke und Regale an den Wänden, die in einem neutralen Latte-Macchiato-Ton gestrichen sind. Ich hasse schrille Farben, ganz besonders, wenn sie eine schmuddelige Atmosphäre in einem Raum erzeugen, der für Ästhetik geschaffen wurde. Nichts hier drinnen ist obszön.

Ich brauche auch keine abartigen Foltergeräte oder schmutziges Spielzeug. Die ausgepolsterten Riemenfesseln, die vom Querbalken des Bettes hängen, mag ich am liebsten. Tanja sieht Hammer aus, wenn sie mit verbundenen Augen darin hängt, zitternd, was als Nächstes mit ihr passiert.

Ich schlendere zum Bett und beobachte an einen der Pfosten am Fußende gelehnt, wie Sebastian weiter den Raum erkundet. Die Schubladen beinhalten eine nette Auswahl an Floggern und vielleicht auch die ein oder andere Peitsche. Aber den meisten Platz in den edlen Schränken nimmt mit Sicherheit die große Auswahl an Seilen aller Art, Ketten, Handschellen und Gürteln ein. Ich muss nicht brutal zu meinen Spielgefährtinnen sein. Bondage ist wirklich mein Ding. Die absolute Kontrolle über sie zu haben. Es entspannt mich, wie ein Wiegenlied kleine Kinder beruhigt.

Als Sebastian an der Stereoanlage vorbeigeht, drückt er auf Play und sofort erklingt ein hypnotischer Song aus den versteckten Lautsprechern überall im Raum. Willkürlich zieht er einige Schubladen auf, nimmt ein paar Gegenstände heraus und betrachtet sie genauer. Seine Finger gleiten über die Sammlung an Handschellen, die auf dem schwarzen Filz im Inneren der Schublade aufgereiht sind. Dann nimmt er die robusten Metallschellen hoch, die aussehen wie eine Acht, und fasst mich neugierig ins Auge, während er das Ding auseinanderklappt, in dem er den Schließmechanismus drückt. „Auf sowas stehst du?“

Ja. Ich ficke lieber hier drinnen und genieße die Leidenschaft in kontrolliertem Rahmen, als mit einem Mädchen nach Hause zu gehen, wo sie in ihrem Schlafzimmer vor Aufregung vielleicht etwas übermütig werden könnte. Ich bin kein großer Fan von Duracell-Hasen. Als einzige Antwort bekommt Sebastian jedoch nur ein gleichgültiges Schulterzucken.

Den skeptischen Blick auf das Metallteil gerichtet, öffnet und schließt er es noch einige Male, eher er den Kopf neigt und es prüfend in seiner offenen Hand wiegt. „Ziemlich schwer.“

Ja, ist es. Und dabei ist das noch die kleine Edition. Tanja hat zierliche Unterarme. Das meiste Zeug hier drinnen ist auf ihre Bedürfnisse abgestimmt. Sebastians starke Handgelenke passen wohl kaum in die Öffnungen. Meine? Möglicherweise.

Ich gehe auf ihn zu und greife nach der Metall-Schleife, um sie wieder zurück in die Schublade zu legen, aber Sebastian zieht seine Hand überraschend zurück und ich erwische nur Luft. Im selben Moment packt er meine beiden Unterarme und windet sie schneller auf meinen Rücken, als ich protestieren kann. „Was zum –?“

Es folgt ein Klicken, wobei ich spüre, wie sich das schwere Metall um meine Handgelenke schließt und meine Arme bewegungsunfähig macht. Erschrocken und stinksauer versuche ich, über meine Schulter zu blicken, doch dabei stoße ich beinahe mit meiner Nase an seine. Sein Gesicht ist so nahe, dass ich aus Schock den Atem anhalte.

Seine Finger liegen immer noch um meine Handgelenke und halten sie fest, obwohl ich ganz offensichtlich sowieso nicht freikomme. Seine Körperwärme dringt dabei durch meine Haut. „Wie lautet dein Safeword?“, raunt er mit intensivem Blick in meine Augen.

Shit! Ich muss lachen. „Das geht dich einen Scheißdreck an. Jetzt lass mich los.“

„Mmmh, nein, ich denke nicht.“ Er greift um mich herum, um eine schwarze Augenbinde aus der Schublade zu ziehen, die immer noch offensteht. Mit einem gefährlichen Grinsen auf den Lippen faltet er sie auseinander und hält sie mit beiden Händen hoch. Ein schmutziges Versprechen funkelt in seinen kastanienbraunen Augen. Völlig durcheinander starre ich ihn finster an und mache dabei zwei Schritte nach hinten, bis mich die Wand in meinem Rücken stoppt. Er steht bereits vor mir, noch ehe ich entkommen kann, und legt mir die Augenbinde um, die er an meinem Hinterkopf verknotet.

Mein ganzer Körper verkrampft sich. Verfluchte Scheiße, alles ist schwarz. Mein Atem beschleunigt, bis er sich an meinen rasenden Herzschlag angeglichen hat.

„Du hast gesagt, der Raum ist für Experimente gedacht.“ Sebastians heißer Atem benetzt die Haut hinter meinem Ohr mit seinem Flüstern. Eine eigenartige Gänsehaut zieht dabei über meinen Nacken. „Also lass uns experimentieren.“

Meine Lippen öffnen sich, als ich nach Luft schnappe. Herr Jesus! Ich muss hier raus!

Aber ich kann rein gar nichts sehen und diese beschissenen Handschellen hinter meinem Rücken lassen sich auch nur an einer Stelle öffnen – an die ich im Leben nicht rankomme. Dieses Ding wurde nicht dafür gemacht, um mit sich allein zu spielen.

Sanfte Finger legen sich um mein Kinn und drehen meinen Kopf genau dahin, wo Sebastian mich haben will. Seine Stimme ist so tief und ruhig, dass sie einen kribbeligen Schauer nach dem anderen durch meinen Körper jagt. „Dein Safeword, Raff?“

Ich habe das Wort schon seit Jahren nicht mehr ausgesprochen. Denn ich befinde mich niemals auf dieser Seite des Deals. „Komm schon, diese Art von Spiel spielst du doch gar nicht“, versuche ich ihn zur Vernunft zu bringen. „Jetzt nimm mir endlich diese verfluchten Handschellen ab und, in Gottes Namen, die Augenbinde.“

„Warum?“ Sebastian schiebt seine Hände unter mein Shirt und streift langsam über meine angespannten Bauchmuskeln hoch. Ich zucke zurück, doch es besteht keine Chance, von hier zu entkommen. Seine Hände gleiten hinter meinen Rücken und über meinen Arsch. „Bist du mir nicht gern…“ Er drückt zu. Großer Gott! „…ausgeliefert?“

Mir wird gerade viel zu heiß, was wiederum die Panik in mir schürt. Mein Nacken kribbelt. Brennende Wellen aus Adrenalin schießen durch meine Venen. Alles zentriert sich in meinem unteren Bauch. Heilige Scheiße!

„Safeword…“, stöhnt Sebastian kehlig an meine Lippen. „Jetzt.“

Der Duft von sonnengewärmter Haut und wilden Wasserfällen steigt mir in die Nase. Ich kneife die Augen unter der Binde noch fester zu und neige den Kopf zurück, da fängt das Arschloch an, meinen Hals zu küssen. Und obwohl ich Sebastian dafür in die Tiefen der Hölle verdamme, schaffe ich es nicht, das sinnliche Gefühl an sich zu bedauern.

Was zum Geier stimmt mit mir nicht?

Als er anfängt, mit seiner Zunge langsame Kreise auf meine Haut zu malen, ächze ich nur ein einziges Wort. „Titanium.“

„Gut…“ Sebastians leises Lachen an meinem Hals ist gefährlich, verwirrend wie sonst was, und alles, worauf ich mich gerade noch konzentrieren kann. „Ich versuche, es mir zu merken.“

Sobald seine Hände wieder über meine nackte Haut nach vorne auf meinen Bauch und hoch über meine Brust rutschen, überkommt mich ein Zittern. „Ernsthaft, ich bin dir dankbar, dass du mich vorhin von dem alten Schrotthaufen freigeküsst hast“, krächze ich. „Aber ich stehe nicht auf Jungs.“

„Bist du dir da sicher?“ Er schiebt mein T-Shirt nach oben und sinkt gleichzeitig auf seine Knie, um einen Pfad durch das Tal zwischen meinen Bauchmuskeln zu küssen, wobei er der Vertiefung meines Nabels eine Extraliebkosung mit seiner Zungenspitze gibt. „Denn hier formt sich gerade eine ziemliche Beule in deiner Hose, die etwas ganz Anderes sagt.“

Ich weiß. Scheiße, das kann doch jetzt echt nicht sein!

„Es ist nicht das, wonach es aussieht.“ Ich schwör’s!

Sebastians Finger streifen sanft über meine Haut direkt über dem Bund meiner Hose und bringen meine Muskeln damit zum Zucken. Zwischen ihm und der Wand gefangen, merke ich sofort, als er aufsteht. „Ach nein?“ Seine dunkle Stimme erklingt viel zu nahe an meinem Ohr und seine Bartstoppeln kratzen dabei über meine Wange. „Oder ist es vielleicht genau das, was ich denke, und du stellst dir bereits vor, wie sich meine Zunge an deinem Schwanz anfühlt?“

Durch meinen viel zu raschen Atem zittern bereits meine Nasenflügel. Das gerät hier total außer Kontrolle. Ich kann aber die Kontrolle nicht verlieren. Niemals!

Sebastian greift an meinen Gürtel und meine Hüften rucken, als er grob daran zieht, um ihn aufzumachen.

Mein Herz klopft so wild gegen meinen Brustkasten, dass ich befürchte, es knockt sich gleich selber aus. Ich lege den Kopf hinten an die Wand. In meinen Gedanken kreist nur noch ein Wort. „Ti—“

Sebastian schmettert seine Lippen gegen meine und schneidet damit jeden Ton ab. Er drückt seine Zunge in meinen Mund und fest gegen meinen eigene, als wollte er damit dieses verdammte Wort direkt zurück in meine Kehle schieben. Und ich kann es nur zulassen.

Seine Finger lockern sich von meinem Gürtel und haken sich stattdessen unter die Augenbinde. Er zieht sie mir vom Kopf, wobei sein Gesicht immer noch so nahe ist, dass ich seinen Atem spüren kann. Ein tiefes Knurren kommt durch ein schmales, amüsiertes Grinsen. „Du verdammter kleiner Feigling.“

Nur wenige Zentimeter liegen zwischen seinen Augen und meinen. Unsere Blicke verschmelzen mit einer Intensität, die sich in jede einzelne Zelle meines Körpers brennt. Der Moment scheint gerade endlos zwischen uns, während die Luft um uns herum in Flammen steht. Ich kann kaum noch atmen. Dann lehnt er sich nach vorne und legt seine Lippen noch einmal auf meine. Seine Zunge hat seit dem Rennplatz das letzte bisschen Zigarettenrauch verloren und birgt nur noch einen Hauch von Mintgeschmack. Sie streift an meiner entlang, langsam und sinnlich, und bringt mich beinahe schleichend dazu, die Augen zu schließen. Sein Körper drückt sich fester an meinen, als er um mich herumfasst und hinter meinem Rücken seine Finger mit meinen verschränkt, wobei er kurz zudrückt. Meine Finger schließen sich ebenfalls.

Im nächsten Moment öffnet Sebastian die Schelle. Das schwere Metall gleitet von meinen Handgelenken direkt in meine Hände. Es ist etwas, woran ich mich festhalten kann, als er sich aus dem Kuss zurückzieht. Meine Lider zucken wieder auf.

Ein warmer Schimmer umgibt das Dunkle in seinen Augen. Als er zwei langsame Schritte nach hinten macht, zieht sein linker Mundwinkel kaum merklich nach oben. „Danke für dein Auto, Raff…“

Dann verlässt er das Zimmer und ich kann ihm bei Gott nicht folgen. Immer noch auf zittrigen Knien sacke ich gegen die Wand hinter mir und brauche eine Minute, um wieder zu Atem zu kommen.

Oder vielleicht auch fünf.

Ich reibe mir mit den Händen übers Gesicht, schiebe sie durch meine Haare und lasse sie dann in meinem Nacken verschränkt liegen. Den Blick an die Decke geheftet, spüre ich, wie sich jeder Atemzug durch meine Brust beißt. What. The. Fuck!?

Unerbittlich kämpfe ich darum, die Kontrolle über mich selbst wiederzuerlangen. Dabei schließe ich die Augen und streife mir mit der Zunge über die Lippen. Ich kann Sebastian immer noch in meinen Mund schmecken. Er hätte nicht —

Und ich hätte nicht …

Das ist soo falsch.

Ich stoße einen langen Atemzug aus, öffne dabei die Augen wieder und blicke zur Tür, durch die er verschwunden ist. Als ich endlich so weit bin, dass ich es auf meinen wackeligen Beinen nach unten schaffe, ist die Wohnung bereits still und leer. Sebastian ist gegangen. Und er hat die Papiere für die Corvette mitgenommen.

 

*

 

Schafe zu zählen ist sinnlos. Wirklich. In völliger Dunkelheit in die Satinlaken gewickelt, habe ich es letztendlich doch nur für einen kurzen Moment geschafft, meine Gedanken vom Spielzimmer fernzuhalten, dann sind sie volles Karacho wieder hineingerattert. Und wie weit bin ich gekommen? 3567. Als die Schafe sich schließlich eins nach dem anderen in weiße Hondas verwandelt haben, blieb mir nichts anderes mehr übrig, als die Decke zurückzuschlagen und barfuß runter in die Küche zu laufen, um einen Schluck Wasser zu trinken. Danach habe ich die X-Box angeworfen. Grand Theft Auto ist auf jeden Fall eine bessere Art, um jemanden durch die Nacht zu bringen, als dämliche Schafe zu zählen, die über einen imaginären Zaun hüpfen.

Gegen Morgen habe ich dann doch noch eine Mütze voll Schlaf erwischt. Und von Marlboro-Küssen geträumt. Mann! Mein ganzer Körper war schweißnass, als ich aufgewacht bin.

Jetzt stehe ich schon seit einer Dreiviertelstunde unter der Dusche hinter der Glaswand. Fünfundvierzig Minuten, in denen ich verzweifelt versucht habe, das eigenartige Gefühl wegzuwaschen, dass ich gegen die Regeln verstoßen habe. Na ja, gegen eine zumindest. Die Regel. Herrgott! Ich drücke noch mehr Duschgel in meine offene Hand und schäume damit meinen Körper vom Hals bis zu den Zehen ein – zum fünften Mal, seit ich das Wasser aufgedreht habe. Aber der Drang danach, Dinge in ordentliche Reihen zu richten, will einfach nicht weggehen.

Schlussendlich drehe ich den Wasserstrahl ab und rubble mich mit einem weichen Handtuch trocken. Dann putze ich mir die Zähne – ungefähr sieben Minuten lang oder so, aber das hilft genauso wenig wie gestern Nacht. Ich kann Sebastians sinnliche Berührungen immer noch auf meiner Zunge spüren. Die Augen fest zusammengekniffen, hänge ich noch eine Minute Putzen an, ehe ich mir den Mund ausspüle und das Gesicht mit einem frischen Handtuch abtrockne. Das weiche Material fühlt sich gut auf meiner Haut an. Vielleicht, wenn ich es mir nur lange genug über den Mund und die Nase presse, falle ich ja in ein Koma und kann damit mein Gehirn rebooten. Dabei werden dann sicherlich diese ganzen merkwürdig warmen Erinnerungen von gestern aus dem Speicher gelöscht.

Der Klingelton meines Handys in der Küche hält mich davon ab, mich hier selbst auszuknocken. Ich hänge das Handtuch über die Stange und jogge in Baggy Pants und einem frischen grauen T-Shirt die Treppe runter.

Tanjas Name steht auf dem Display.

„Hey, Kleines. Was gibt’s?“, begrüße ich sie.

„Schlechte Nachrichten. Ich kann dieses Wochenende nicht über Nacht bleiben.“ Aufrichtiges Bedauern drückt auf ihre Stimme. „Meine Tante Clarissa hat die ganze Familie morgen zum Brunch eingeladen. Mom killt mich, wenn ich nicht mitkomme.“

Ich schließe die Augen und lasse ein tiefes Knurren aufsteigen.

„Möchtest du das Wochenende aufschieben oder lieber die Tage aufteilen?“, lässt sie mir die Wahl.

Ich muss vögeln. Eine Frau. Schnell. „Kein Aufschub. Heute geht in Ordnung.“

„Okay, dann bin ich in einer Stunde da.“ Sie legt auf und ich werfe mein Handy zurück auf den Tresen. Dann ziehe ich die Kühlschranktür auf, weil ich einfach etwas sortieren muss. Irgendwas. Fünf Bierflaschen sind im Seitenfach an der Türinnenseite aufgereiht. Gestern Nacht waren es noch sechs. Ich drehe sie alle so, dass die Etiketten perfekt in einer Linie sind. Das Bier ist für Gäste gedacht – hauptsächlich für Felix, wenn er hier abhängt. Sprite und Wasser, meine beiden Hauptüberlebensquellen, füllen das ganze obere Fach des Kühlschranks und darunter steht eine Box mit mexikanischem Essen, das noch von gestern Mittag übrig ist. Ich öffne den Deckel und rieche kurz daran. Das geht auf jeden Fall noch für ein einsames Dinner heute Abend, wenn Tanja gegangen ist.

Ich schließe den Deckel wieder und stelle die Box zurück, und zwar genau in die Mitte des Glasfachs, da darauf nichts anderes mehr steht, womit ich sie noch arrangieren könnte. Als Nächstes teile ich die Äpfel im unteren Regal in zwei Gruppen. Süße links und saure rechts. Da ist einer dabei, der ist weder wirklich rot noch grün. Ein verdammter Mischling, der nirgendwo dazu passt. Den nehme ich raus und beiße rein, während ich die Tür zuwerfe.

Zehn Minuten später räume ich meinen Schreibtisch auf, sortiere die Zeichnungen, die Sebastian auseinandergeschoben hat, und drücke hinterher ein paar Gewichte. Ich bin kein großer Fan von Leuten, die sich zu einer Ballonversion von sich selbst aufpumpen, aber ich bleibe gerne in Form und halte meine Muskeln schön definiert.

Sebastian ist etwas muskulöser als ich. Ich vermute mal, er hat schon sehr früh in seiner Jugend angefangen, zu trainieren, sodass sein Körper direkt in diese dominante Form gewachsen ist. Es sieht natürlich an ihm aus.

Herr Jesus! Und wann genau sind mir diese Dinge bitte aufgefallen?

Mit zusammengebissenen Zähnen drücke ich die Stange mit den vierzig Kilo noch schneller und aggressiver, bis meine Oberarme brennen und der Schweiß auf meiner Stirn perlt.

Endlich klingelt es an der Tür. Ich hake die Stange ein, wische mir mit dem Hemd das Gesicht ab und jogge durchs Apartment. Unnötig zu fragen oder durch den Türspion zu schauen, um zu wissen, wer draußen steht. Es ist zehn Uhr, auf die Minute genau. Tanja ist immer pünktlich. Und sie nimmt auch nie den privaten Aufzug hier herauf, der direkt in meine Wohnung mündet.

Ich öffne die Tür, packe sie am Arm und ziehe sie ohne ein Wort der Begrüßung herein. Ihre braunen Rehaugen werden noch mal um ein ganzes Stück größer, als sie in mein Apartment stolpert. „Ist auch schön, dich zu sehen“, meckert sie, presst aber bei meinem finsteren Blick sofort ihre Lippen zusammen und schweigt. Ich lasse sie aus ihren Sandalen steigen, die zu ihrem kurzen weißen Sommerkleid passen, dann schnappe ich sie am Handgelenk und zerre sie nach oben, direkt ins Spielzimmer. Noch auf der Türschwelle ziehe ich mir den Gürtel aus der Hose, winde ihr beide Arme auf den Rücken und fessle sie grob damit. Das entlockt ihr ein kleines, überraschtes Ächzen. Geht mir am Arsch vorbei. Stattdessen schubste ich sie vorwärts, sodass sie auf das violett bezogene Bett fällt. Dann knalle ich die Tür zu, ziehe mein T-Shirt über den Kopf und schleudere es ihr entgegen.

 

*

 

Samstagabend liege ich auf der Couch, einen Arm hinter meinem Kopf abgewinkelt, die andere Hand auf dem Bauch. Tanja ist vor zwei Stunden gegangen. Irgendwann am Nachmittag hat sie mir ihr Safeword ins Gesicht geplärrt, weil sie morgen beim Family-Brunch noch in der Lage sein will, auf ihrem Arsch zu sitzen.

Zum ersten Mal in vierundzwanzig Stunden wieder ruhig und in der Lage, normal zu atmen, genieße ich das Gefühl, absolut ausgepowert zu sein. Endlich wieder alles unter Kontrolle zu haben. Immer noch zu wissen, wer ich bin.

Nur, dass da ein kleiner Stapel Zettel auf dem Couchtisch liegt, der mich schon verhöhnt, seit ich meinen matschen Körper hierhingepflanzt habe. Der Schlüssel zu Sebastians Honda liegt darauf. Mein Blick hängt skeptisch daran, während mein aufgestelltes Bein in einem einschläfernden Takt hin und her schwenkt. Die Lippen zu einem Strich gepresst, zwinge ich mich dazu, aus dem Fenster zu sehen, anstatt dauernd nur auf den Tisch. Aber die Sachen verspotten mich weiter in meinem Augenwinkel. Knurrend funkle ich sie an. Ach, scheiß drauf! Ich raffe mich von der Couch hoch, schnappe mir den Chip-Schlüssel, schlüpfe in meine Turnschuhe und mache mich auf den Weg runter in die Tiefgarage.

Sobald ich aus dem Lift steige, bleibt mein Blick an dem leeren Parkplatz 37 hängen, da wo jetzt eigentlich mein Baby schlafen sollte. Mir blutet das Herz. Mit einem tiefen, fokussierten Atemzug gehe ich auf den weißen Sportwagen in Lücke 37A zu und drücke den Knopf, um die Türen zu entriegeln. Als ich die Fahrertür öffne, knallt mir eine Woge von Sebastians ganz persönlicher Duftnote aus exotischem Duschgel und Sonnenstrahlen mit einem Hauch Marlboro ins Gesicht. Ich bereue jetzt schon, dass ich meinen gemütlichen Platz auf der Couch für das hier aufgegeben habe. Es ist eine verfluchte Folter und reibt nur Salz in die Wunde, die meine Corvette hinterlassen hat.

Dennoch lasse ich mich in den Fahrersitz gleiten und lege beide Hände aufs Steuer. Sebastian mag zwar etwas bulliger sein als ich, aber wir sind fast gleich groß. Der Schalensitz ist perfekt für mich eingestellt. Nachdem meine Finger in einer sanften Begrüßung einmal um das ganze Lenkrad gestreichelt haben, wandert mein Blick über das Armaturenbrett und durch das Wageninnere. Dunkelgraues Leder und Chrom. Sieht gut aus.

„Na schön… Dann zeig mal, woraus du gemacht bist, Kleines“, murmle ich, ziehe die Tür zu und starte den Motor. Der Honda schnurrt nett auf. Was aber meine Aufmerksamkeit sofort auf sich zieht, ist, dass dieses Armaturenbrett keinen echten Tacho hinter dem Steuer hat. Gott verdammt! Alles leuchtet blau und weiß auf und vermittelt das Gefühl, als würde man ein virtuelles Auto fahren. Wer steht denn auf diesen Scheiß? Ich will eine richtige Nadel, die nach oben zuckt, wenn ich aufs Gaspedal trete.

Bereits jetzt frustriert, schlüpfe ich in den H-Gurt, der dem der Corvette ziemlich ähnlich ist – dem Himmel sei Dank – und schließe ihn mit einem geschmeidigen Klick vor meinem Bauch. Der Rück- und die beiden Seitenspiegel brauchen nur eine minimale Einstellungsänderung, ehe ich rückwärts ausparke und das Baby mal ein bisschen Londoner Luft schnappen lasse.

Ich nehme die Straße direkt aus der Stadt raus, um die Talente des Hondas richtig testen zu können. Um diese Zeit herrscht wenig Verkehr, der mich ausbremsen würde, darum erreiche ich schon bald die äußere Stadtautobahn und kann den kleinen Flitzer die M25 entlang jagen. Der Schaltweg durch die fünf Gänge funktioniert mühelos, aber dafür nerven mich die Fehlzündungen, wenn er untertourig gefahren wird, fast genauso sehr wie der Geruch hier drin. Sebastian muss die Motorsteuerung mit einer speziellen Software aktualisiert haben, um die Einspritzung zu verändern. Flammen, die aus dem Auspuff schießen, sind so letztes Jahrzehnt. Ich schnaube. Angeber.

Auf Knopfdruck rollen die beiden vorderen Fensterscheiben runter. Der kühle Fahrtwind wirbelt durch das Innere und tut verflucht gut, weil er endlich den Geruch hier drinnen vertreibt und mir den Kopf freibläst, mit samt den Erinnerungen daran, wie sich Sebastians Duft gestern in meine Gedanken gebrannt hat, als wir —

Scheiße, nein. Anstatt schon wieder diese Spirale abwärts zu rutschen, drehe ich die Musik lauter, die bisher so leise im Hintergrund gespielt hat, dass ich sie seit dem Einsteigen kaum bemerkt habe. Euphoria von Loreen läuft gerade. Neben dem Bordcomputer steckt ein kleiner USB-Stick, der anscheinend mit Sebastians persönlicher Playlist bestückt ist. Ein zynisches Grinsen zieht über meine Lippen. Tja, dann kann er ja inzwischen ein bisschen Dubstep genießen, bis wir uns wiedersehen und den Tausch zu Ende bringen.

Ich fliege die beinahe leere Autobahn entlang und nehme zwanzig Minuten später die Ausfahrt rauf ins Gelände, um zu testen, ob der Wagen auf kurvigeren Strecken auch noch so griffig ist. Und genau da werfe ich das Handtuch.

Obwohl der tiefergelegte Wagen eine schnittige Figur auf dem Asphalt macht, fehlen den Reifen ein paar Zentimeter an Breite, um denselben Fahrkomfort zu bieten, den ich von meinem Baby gewohnt bin. Die Corvette klebt einwandfrei auf der Straße und ruckelt selbst in starken Kurven keinen Millimeter. Außer, ich erlaube es ihr. Was Sebastians Wagen angeht, so ist der aber eine verfluchte Driftmaschine. Schon in der zweiten Biegung bockt das Mistding und ich habe Schwierigkeiten, ihn auf der Straße zu halten und nicht raus ins Bankett zu rutschen.

Nein danke. Nicht mein Ding.

Auf der nächsten Geraden lege ich eine Vollbremsung hin, dass mein Körper in die Gurte gepresst wird, und reiße den Wagen in einer 180-Grad-Drehung in der Mitte der leeren Straße herum. Dann trete ich ihn in der besten Zeit nach Hause, die der kleine Scheißer hinbekommt. Meiner hätte ihn um mindestens drei Minuten geschlagen. Hah.

Zurück in meinem Apartment gehe ich schnurstracks ins Arbeitszimmer und fahre den Computer hoch. Den Tausch nächste Woche abschließen? Der kann mich mal! Ich werde dieses unkontrollierbare kleine Luder sicher nicht behalten. Auf gar keinen Fall.

Ich öffne den Browser und tippe Sebastian Rhyse, London ins Suchfeld. Mal sehen, was Google zu bieten hat.

Es spuckt erst mal einen Haufen Bilder aus, die offenbar alle nicht Sebastian sind. Dann werden noch ein paar Informationen über Typen angezeigt, bei denen das E im Nachnamen fehlt. Okay, Sackgasse. Was jetzt? Die Augen zu Schlitzen verengt, logge ich mich in meinen Facebook Account ein, den ich so gut wie nie nutze. Ich bin mehr der Instagram Typ, aber der Akku meines Handys ist während der Ausfahrt verreckt und ich hatte noch keine Zeit, das Telefon anzustecken.

Auf Facebook gibt es dafür eine Million Sebastian Rhyse’, allerdings sind die meisten davon in den USA zu Hause. Nur drei leben in England und nur einer davon hat als Profilbild einen weißen Honda. „Bingo.“ Ich lasse das B auf meinen Lippen poppen.

Sebastian hat seinen Account auf privat gestellt. Größtenteils. Im Infobereich steht jedoch, dass er aus Eastbourne kommt, sogar dort zur Uni ging und hinterher eine ganze Weile bei einer Softwarefirma im Süden als Programmierer angestellt war. Seit ein paar Monaten arbeitet er als Trainer in einem örtlichen Fitnesscenter, nicht weit von hier. Außerdem hat er am 7. Januar Geburtstag.

Ein Klick auf den Link des Fitnessstudios leitet mich weiter auf die Webseite, wo es eine Liste der Trainer gibt, sogar mit deren Arbeitszeiten und Firmen-Emails. Einen Moment lang ziehe ich in Erwägung, ihm direkt zu schreiben und mitzuteilen, dass seine Scheißkarre doch bitte in meiner Garage abgeholt werden möchte. Die Schlüssel zur Corvette kann er dann einfach stecken lassen. Allerdings sieht es so aus, als ob er morgen von zehn bis fünf arbeiten muss. Ein vertrautes kühles Grinsen schleicht sich in mein Gesicht. Ich denke, ich werde ihm morgen lieber einen Besuch abstatten.

Ich notiere mir den Namen und die Adresse des Fitnesscenters auf einem Post-It, schalte dann den Computer ab und gehe rauf ins Bett. Es ist schon fast ein Uhr morgens. Zeit, ein bisschen Schlaf nachzuholen.

 

~*~

-> zum Buch!