Melody of Sins

 

Kapitel 1

»Sie wirken heute etwas underfuckt, Miss Austin«, raunt mir eine dunkle Stimme ins Ohr und sorgt dafür, dass ich mich am Tisch beinahe an meinem Mineralwasser verschlucke. »Also … mehr als sonst, meine ich.«

Ich muss den Kopf nicht zur Seite drehen, um zu wissen, wer das war. Und ich tue es auch nicht. Stattdessen konzentriere ich mich darauf, den Deckel mit halbwegs ruhigen Fingern wieder auf die Wasserflasche zu schrauben, und sage bittersüß: »Reizend wie immer, Collin.« So reizend wie Essig in den Augen.

Der Kerl geht mir auf die Nerven, seit ich angefangen habe, meine Mittagspausen in der Aula der UCLA an Tisch 19 zu verbringen. Und das nicht nur, weil die Mädchen hier am College reihenweise mit schmachtenden Blicken um ihn herumschwänzeln und sein Ego dadurch die Größe eines Heißluftballons angenommen hat. Aber hauptsächlich deswegen. Der zweite Grund ist, dass er in Literatur als Einziger bessere Aufsätze schreibt als ich, und dabei ist er nicht mal ein Streber. Er spielt in seiner Freizeit lieber Basketball.

»Lass sie in Ruhe«, kommt mir Finnick zu Hilfe, schmunzelt aber über die Bemerkung seines besten Freundes und streift sich die fingerlangen, karamellfarbenen Strähnen nach hinten. »Juna ist heute nur so verkrampft, weil wir in Psycho gleich eine Klausur schreiben.«

Das stimmt. Ich hasse Prüfungen. Fast genauso sehr wie ich es hasse, wenn Collin mich in der einen Stunde des Tages, in der wir uns außerhalb eines Hörsaals sehen, ständig mit seinen anzüglichen Bemerkungen herausfordert.

Finnick ist da ganz anders. Er ist witzig und charmant. Und er hat vor Prüfungen eine unglaublich beruhigende Wirkung auf mich. Darum bin ich für das gemeinsame Mittagessen heute auch extrem dankbar, obwohl es Collin MacAllister beinhaltet.

»Ich kenne da ein paar sehr nette, krampflösende Techniken«, raunt Collin von gegenüber am Tisch, wo er Platz genommen hat. Seine dunkelblauen Augen funkeln zwischen den blonden Stirnfransen durch, als kenne er sämtliche Geheimnisse des Universums. Die Hälfte davon würde ich ihm sogar zutrauen. Als er dabei aber auch noch mit dem Stuhl nach hinten wippt und sich auffällig die Hand viel zu nahe an seinem Schritt auf den Oberschenkel legt, wo er beinahe schon unscheinbar die Finger spielen lässt, verdrehe ich die Augen und schüttle den Kopf. Der hat sie doch nicht alle!

Und trotzdem steigt mir bei dem Gedanken, von Collin berührt zu werden, eine unerwünschte Hitze im Nacken auf. Einen hübschen Männerkörper weiß halt auch ich zu schätzen. »Kein Interesse, aber danke trotzdem«, sage ich so vehement, wie ich kann.

Er verschränkt die Arme vor der Brust, sodass die schwarze Lederjacke leicht an den Schultern spannt, und lässt alle vier Stuhlbeine wieder den Boden berühren. Seine Lippen nehmen eine herausfordernde Krümmung an. »Warum nicht? Hast du Angst, es könnte dir gefallen?«

Ich fürchte, das würde es, ja. Und ich hasse mich dafür.

»Wohl kaum. Dazu hast du leider nicht die richtige Schwanzgröße«, gebe ich schlagfertiger zurück, als ich selbst in dieser Situation für möglich gehalten hätte.

Zwei Jungs am Tisch explodieren in schallendem Gelächter. Collin ist jedoch keiner von ihnen. Er lehnt sich nur langsam und provozierend wie ein rotes Tuch vor einem Stier in der Arena über den Tisch zu mir, stützt die verschränkten Arme auf das helle Furnierholz, und fragt mit tiefer und überraschend leiser Stimme: »Wieso? Ist deine Muschi noch so zart und unberührt, dass man nur mit einem Tampon in Größe XXS in dich eindringen darf?«

Ich bin keine Jungfrau mehr, falls das jetzt jemand denkt! Und genau das würde ich am liebsten auch seinen zwei Freunden an den Kopf werfen, die durch Collins Bemerkung ganz offensichtlich auf viel zu schräge Gedanken gekommen sind und mich nun beide mit brennender Erwartung in ihren Gesichtern anstarren.

Ich schlage Finnick, der auf dem Stuhl neben mir an diesem Tisch für sechs sitzt, an dem aber jeden Tag nur wir vier gemeinsam essen, mit dem Handrücken gegen den Oberarm. »Jetzt kuck nicht so blöd! Ich bin nicht unberührt! Und das wisst ihr alle.«

Als sich Finnick Anfang dieses Semesters in Psychologie neben mich gesetzt und mich kurz darauf eingeladen hat, mit ihm und seinen Kumpels die Mittagspause zu verbringen, habe ich ihnen erzählt, dass ich mich letzten Sommer von meinem Freund getrennt habe, mit dem ich drei Jahre lang zusammen war. Mag ja sein, dass ich jetzt nicht unbedingt so eine Expertin für das Thema ‚verruchte Liebesabenteuer‘ bin wie Collin, aber meine Jungfräulichkeit habe ich zumindest schon auf der Highschool verloren und nicht erst letzte Woche.

Finnick reibt sich verspielt über den Bizeps, als würde die Stelle, wo ich ihn getroffen habe, höllisch wehtun. Gleichzeitig lacht er mich aber aus. »Na ja, zuschlagen tut sie auf jeden Fall wie ein graues Mäuschen«, teilt er seinen Kumpels mit.

»Darauf stehst du doch«, gibt nun auch der Dritte im Bunde mit einem geheimnisvollen Lächeln von sich und steht dann auf, um sich aus dem Automaten neben der Tür eine Limo zu holen. Alex ist der Stille von den Dreien. Ihn habe ich bis heute noch nicht ganz durchschaut, obwohl ich mich in seiner Gegenwart bisher immer ziemlich wohl gefühlt habe. Der locker eins-achtundachtzig große Student ist rücksichtsvoll, mit seinen kurzen schwarzen Haaren und dem dezenten Knick in den dunklen Augenbrauen bildhübsch, und er nimmt mir immer eine Serviette mit, wenn ich bereits beide Hände mit dem Essenstablett voll habe. Außerdem rudert er im College-Team und man kann seinen begnadeten Oberkörper auch unter dem dunkelgrauen T-Shirt erkennen, das straff über seinen Bauch- und Brustmuskeln liegt.

»Das tut er wirklich«, murmelt Collin süffisant wie ein Sonnengott und wackelt mit den Augenbrauen einmal verwegen in Finnicks Richtung. »Mauerblümchen sind ihm die Liebsten. Ich schwöre, seit er dich an unseren Tisch geschleppt hat, hat er keine andere mehr angefasst. Unser Casanova spart sich für dich auf.«

Finnick streckt mir frech die Zunge raus und stibitzt mir eine Pommes vom Teller. Die schiebt er sich grinsend in den Mund und zuckt dabei so unschuldig mit den Schultern, als würde er damit Collins Behauptung bestätigen.

Mein Gott, ist das süß! Und sowas von Bullshit. Wäre Finnick an mir interessiert, hätte er mich in den letzten Wochen schon längst einmal zu einem Date eingeladen. Vom ersten Satz an, den wir beide gewechselt haben, träume ich bereits davon. Leider muss ich aber langsam einsehen, dass ich bei Finnick in der Friend-Zone steckengeblieben bin. Und das vermutlich für alle Ewigkeit. Aber das macht nichts. Hier ist es auch schön.

Trotzdem fasse ich mir in diesem Moment die langen dunkelbraunen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen, den ich mit einem Haargummi weit oben an meinem Hinterkopf festmache. Ich mag es nämlich, wie Finnicks Blick dann immer für den Bruchteil einer Sekunde zu meinem entblößten Nacken zuckt. Als könnte er gar nichts dagegen tun.

Mit Collins Blick passiert das auch. Nur dass seine Augen unverschämt lange an meinem Hals hängen bleiben und er sich dabei auch noch leicht mit der Zungenspitze über die Lippen leckt. Ich schäme mich dafür, dass ich meine Aufmerksamkeit nicht von seinem Gesicht ziehen kann, das leider wirklich die Züge eines jungen Gottes aufweist.

Als er den Blick ganz leicht anhebt und so in meine Augen sieht, die wie festgeklebt an ihm haften, schiebt sich sein rechter Mundwinkel ein paar Millimeter nach oben und er formt ganz leise das Wort: »Erwischt.«

Mein Blut läuft heiß wie Lava durch meine Adern. Oh mein Gott, es stimmt! Ich sollte dafür auf dem Scheiterhaufen brennen, aber die Wahrheit ist, dass Collin es nicht nur mit seinen spitzen Bemerkungen schafft, mich immer wieder aus der Bahn zu werfen, sondern sehr oft auch damit, was er nicht sagt. Dieser Kerl ist der Stoff, aus dem Mädchenträume gemacht sind. Die gefährlichen. Die, die man nicht einmal seiner besten Freundin erzählt.

Da träume ich doch lieber von Finnick.

Verlegen senke ich den Blick und nehme eine Pommes von meinem Teller. Essen lenkt ab, und Pommes sowieso. Ich dippe sie kurz ins Ketchup und schiebe sie mir dann in den Mund.

»Ist das deine bevorzugte Größe?«, zieht Collin mich erneut auf und inzwischen kann ich nur noch die Augen zukneifen und beten, dass die Mittagspause bald vorbei ist, oder irgendein Häschen um die Ecke kommt, das eher seine Aufmerksamkeit auf sich zieht als ich. »Da darf ich dich beim ersten Mal wohl nur mit dem kleinen Finger kitzeln, wie?«

Mit hochroten Wangen murmle ich resignierend: »Warum bist du nur immer so gemein zu mir?« Er weiß, dass mich all diese Dinge unglaublich verlegen machen. Auch wenn es nicht nötig wäre.

»Weil ich es süß finde, wenn du rot wirst.«

Fast schon erschrocken hebe ich den Blick, weil seine Stimme auf einmal alles andere als verrucht klingt. Sie klingt beinahe …

»Außerdem muss ich doch wissen, worauf ich mich mit dir einlasse.«

… zärtlich. Und dabei streichelt mir Collin mit den Fingerrücken so federleicht über die Wange, dass ich auf das Kauen vergesse.

»Tja, leider habe ich heute Abend schon etwas anderes vor«, teilt er mir einen Wimpernschlag später mit, und nun ist auch sein Tonfall wieder grundsolide. »Aber wenn du nach deiner Klausur mal so richtig entspannen möchtest, solltest du heute unbedingt noch in der WG vorbeischauen.«

»In eurer WG?«, platze ich ungläubig heraus und schlage meine Knöchel unter dem Stuhl übereinander. Was war das denn gerade für eine seltsame Einladung. »Wozu?«

»Na ja, du weißt schon …« Collin blinzelt unschuldig und Finnick räuspert sich viel zu laut. »Zum Abendessen. Zu einem Glas Champagner. Und anderen kleinen Verführungen …«

»Das reicht jetzt«, warnt ihn Finnick, der normalerweise zwar gerne mit seinem Kumpel herumalbert, bei gewissen Dingen aber schnell mal die Grenze zieht. Ich glaube, er will einfach nicht, dass ich auch in sein Privatleben platze, wo es hier am Mittagstisch doch so gut läuft.

»Ja, Collin, es reicht«, ertönt in der nächsten Sekunde auch Alex’ seltsam zügelnde Stimme, als er sich wieder zu uns an den Tisch setzt und dann einen Schluck von der Zitronenlimo nimmt, die er sich geholt hat.

»Was ist?«, protestiert Collin und verengt bockig die Augen. »Ihr seid doch beide schon seit Wochen so spitz auf sie wie der Schäferhund meiner Oma, wenn ein Cockerspaniel am Zaun vorbeiläuft.«

Oh Gott. Mit klatscht die Kinnlade voll aufs Brustbein. Das hat er jetzt nicht wirklich gesagt, oder?

»Ich hab wenigstens genug Eier in der Hose, um es zuzugeben.«

Doch, er hat.

Ich kann gar nicht mehr schlucken, weil mein Mund und mein Hals so trocken sind wie ein Krater auf dem Mond.

»Collin —«, knurrt Alex an den Flaschenmund und mustert ihn dabei so scharf aus den Augenwinkeln, als hätte sein Freund eben einen Fuß in die Hölle gesetzt. Mehr sagt er allerdings nicht.

Muss er auch nicht. Denn Collin steht bereits vom Tisch auf und lässt sein unberührtes Sandwich auf dem Tablett liegen. Er kommt zu mir herum und legt seine warmen Finger um mein Kinn, womit er mein Gesicht kompromisslos zu sich hochneigt. Ich bin zu perplex, um mich dagegen zu wehren.

»Wir sehen uns, Juna«, sagt er in einem Tonfall, der schwer zu analysieren ist. Weich, mit einem Hauch von Sünde, würde ich sagen. Und einer Messerspitze voll Provokation. Sein Blick zieht dabei nur für einen Sekundenbruchteil quer über den Tisch zu Alex. Dann lehnt er sich nach unten und küsst mich auf die rechte Wange — gerade so weit links, dass er meinen Mundwinkel dabei noch mit seinen Lippen streift. »Viel Glück bei der Klausur!«, raunt er Auge in Auge mit mir und lässt mich dann wieder los.

Ich brauche jetzt eine Minute, um wieder zu Atem zu kommen. Finnick, der mich zart an der Schulter anstupst und ebenfalls aufsteht, wirkt da wie ein Defibrillator.

»Komm. Wir sollten langsam auch aufbrechen«, sagt er und stellt mir sein Stück Kuchen, das er nicht gegessen hat, aufs Tablett. »Sonst hast du keine Zeit mehr, um dich vor der Klausur einzurichten.«

Er hat mich in dieser kurzen Zeit, die wir rein in den Vorlesungen und beim Essen miteinander verbringen, schon viel zu gut kennengelernt. Ich bereite mir gerne alles vor, wenn es um Tests geht. Eine Flasche mit Trinkwasser, genügend Extra-Kugelschreiber, falls einer oder mehrere mal den Geist aufgeben, saure Drops für die Nerven, und eine Packung Taschentücher, falls ich es verbocke.

Ich stecke den in Zellophan gewickelten, dunklen Kirschkuchen in meinen Rucksack für später. Dann tragen wir alle unser Tablett zum Geschirrwagen bei den Fenstern, und Alex nimmt auch Collins Teller mit. Draußen vor der großen Glastür verabschieden wir uns aber von ihm, weil Finnick und ich in eine andere Richtung müssen. »Mach’s gut, Alex!«, sage ich und hebe die Hand zu einem beiläufigen Winken.

Er nickt und wünscht mir noch: »Viel Glück!«

Auf dem Weg in den Hörsaal ist Finnick ungewöhnlich still. Ich gehe schon davon aus, dass ihm die Prüfung heute vielleicht auch an die Nieren geht, aber als er mich vor dem Eingang zur Seite zieht und die anderen vor uns hineinlässt, weiß ich, dass das nicht der Grund ist. Er hat gegrübelt. Bis jetzt. Und in seinen Augen steht die Entscheidung ‚ob oder ob nicht‘ immer noch nicht fest. Trotzdem fragt er mich: »Hast du Lust?«

Ich habe in diesem Moment zwar einen leisen Verdacht, worum es gehen könnte, aber ich muss es erst aus seinem Mund hören, sonst glaube ich es nicht. »Worauf?«

»Auf ein Essen. Bei uns in der WG.« Er zuckt mit den Schultern. »Alex kocht wirklich gut. Und für den Rest des Abends …« Nun setzt er ein Grinsen auf, das sich weder eindeutig als schüchtern, noch als anzüglich schubladisieren lässt. Und die Mischung zwischendrin finde ich unglaublich sexy. »… finden wir sicher auch eine Beschäftigung.«