Kein Prinz für Riley

Kapitel 1

Riley

 

Immer, wenn irgendwo jemand ein Märchenbuch aufschlägt und die drei magischen Worte „Es war einmal …“ liest, wird ein paar Stunden später meine Oma gefressen. Märchenskinder, das nervt.

Bin ich froh, dass die heutige Morgenvorstellung endlich vorbei ist. Ich zwänge mich durch den Spalt der schweren Eingangstür in Aschenputtels Palast und schließe sie hinter mir, so leise es geht. Ein dumpfes Rummms hallt trotzdem im ganzen Palast wieder. Mit eingezogenem Kopf lege ich schnell einen Finger an meine Lippen. „Schhht!“

Ja, Türen hören tatsächlich zu. Manchmal sprechen sie sogar, doch das könnte auch nur ein Gerücht sein, das Alice aus dem Wunderland mit nach Hause gebracht hat.

Neben dem Kleiderständer öffne ich meine Schnürsenkel, trete mir mit einem Fuß hinten auf die Ferse des anderen und schlüpfe aus meinen Stiefeln. Nach dem heutigen Abenteuer klebt noch der halbe Waldboden an den Sohlen und ich will diesen glänzenden Palast nicht verschmutzen. Meinen Bogen aus Eibenholz und den Köcher nehme ich ebenfalls ab. Die zwölf Zedernpfeile klappern darin, als ich beides an einen Haken hänge. Man schneit nicht einfach so bewaffnet in eine Teeparty – zumindest bekomme ich das immer wieder zu hören. Meine Kapuze streife ich auch noch zurück, aber den roten Umhang lasse ich an.

Je zwei Stufen auf einmal nehmend, flitze ich über die weite Marmortreppe nach oben und folge dann dem Gang nach links. Aus dem Salon dringt das Lachen meiner Freundinnen und verrät mir, wo sie zu finden sind.

Vier Prinzessinnen sitzen um ein rundes weißes Kaffeetischchen, das mit Frühstückstee auf einem edlen Porzellanservice gedeckt ist. Wieder einmal sind sie alle in wunderschöne, farbenprächtige Kleider gehüllt. Zur Begrüßung winke ich nur kurz in die Runde und steuere dann auf Schneewittchen zu. Die Prinzessin mit dem rabenschwarzen Haar hasst ihren süßen Namen genauso sehr wie Äpfel und meinte einmal, sie würde viel lieber Rocking Thunder heißen. Seither nennen wir sie nur noch Schneechen.

Ich lasse mich neben sie auf das blaue Sofa fallen, das durch seine goldenen Stickereien noch vornehmer wirkt, als es ohnehin schon ist. Ihr Rock kommt dabei versehentlich unter meinen Hintern. Als sie daran zupft, hebe ich kurz meine rechte Pohälfte und befreie den Zipfel. Dann ziehe ich meine Beine auf das Sofa, schlinge meine Arme samt Umhang um meine Knie und imitiere einen knallroten Eisberg inmitten des Adels.

Prinzessin Cinderella schiebt mir eine Tasse mit Erdbeertee über den Tisch entgegen. „Hey, Riley, was hat dir denn die Suppe versalzen?“ Ihr makelloses Püppchengesicht verzieht sich zu einem Grinsen, als sie sich nach vorne lehnt und dabei kurz die warmen Sonnenstrahlen blockiert, die durch die fünf riesigen Fenster den Raum fluten. „Hat dich der Wolf mal wieder in den Arsch gebissen?“

Okay, vielleicht war das, was ich vorhin über „Es war einmal …“ gesagt habe, nicht die ganze Wahrheit. In manchen Märchen stolpert das Mädchen auch über einen Prinzen, der sie küsst, sich in sie verliebt, sie heiratet und ihr am Ende einen riesigen Schrank voll schöner Kleider in seinem Palast schenkt. Zumindest ist es so bei Schneewittchen und Cindy. In Bellinas Geschichte auch. Verdammt, Dornröschen aka Rory muss für ihr eigenes Happy End nicht einmal viel tun. Gegen Ende ihres Märchens haut sie sich einfach eine Weile aufs Ohr und Phillip regelt den Rest. All meine Freundinnen werden ständig geküsst und verlieben sich immer und immer wieder. Nur ich nicht.

„Mann! Wisst ihr überhaupt, wie gut ihr es habt? Ich will auch einen Prinzen!“ Ich nehme die Tasse mit dem Sprung samt Untersetzer hoch. „Die beißen wenigstens nicht.“

Bellina versteckt ein Kichern hinter einem Keks, während eine leichte Röte um ihre Nase aufblüht. Okay, ihr Prinz vielleicht schon, aber ich glaube, das stört die Schöne nicht.

„Na, aber hallo.“ Mit einem neugierigen Funkeln in den grünen Augen wirft Rory ihr wallendes goldenes Haar zurück. Sie richtet sich in ihrem Stuhl auf, damit sie mich besser sehen kann. „Hast du nicht immer gesagt, Jungs seien für überhaupt nichts zu gebrauchen, und dass du kein Interesse an ihnen hast? Wann hat sich das denn geändert?“

Tja, wann bloß? Muss wohl passiert sein, kurz nachdem ich mitten in der Nacht auf dem feuchten Waldboden ausgerutscht bin, weil irgendein seltsames Kind im weit entfernten Land namens Die Realität nicht warten konnte, bis es hell wird, um sein neues Märchenbuch zu lesen. Im Morgengrauen hat mich dann auch noch ein Ungeheuer von einem Wolf beinahe gefressen, da er wohl immer noch hungrig war. Kaum ist meine Oma in Sicherheit, bin ich diejenige, die sich vor wilden Bestien in Acht nehmen muss. Die neuen Bissspuren auf meiner linken Pobacke leuchten mindestens noch eine Woche lang!

„Diese ganze Sache mit den Märchen ist total unfair! Von uns allen habe ich doch die Arschkarte gezogen.“ Ich schnüffle kurz am Tee und bete, dass ich nicht gleich als Riese an die Decke schieße. Solche Dinge sind in diesem Schloss schon vorgekommen, vor allem, wenn die blaue Raupe und der irre Hutmacher ebenfalls zu Besuch waren. Seit jenem irren Nachmittag vergewissere ich mich jedes Mal, dass auf dem Kleiderständer unten in der Halle kein Hut Größe 10/6 hängt oder einhundert Paar Raupenschühchen in der Ecke stehen, ehe ich irgendetwas Essbares in diesen Gemäuern anfasse. Nach dem ersten vorsichtigen Schluck Tee kneife ich die Augen zu und warte eine panische Sekunde lang, was passiert. Aber alles ist gut. Puh! Wieder etwas entspannter nehme ich noch einen weiteren Schluck. „Ich will mein eigenes Happy End. Ein richtiges! Mit einem echten Prinzen, der mich küsst und liebt und mich mit in sein Schloss nimmt.“ Mit dem Silberlöffel rühre ich den Tee um und sehe zu, wie das rosa Wasser im Kreis wirbelt. „Nicht so einen Kerl, der im Regen nach nassem Hund stinkt und lieber ins Bett meiner Großmutter steigt als in meins.“

Nicht, dass ich Jack jemals in meinem Bett haben möchte. Iiih! Bei dem Gedanken jagt mir ein gruseliger Schauer über den Rücken. Na schön, vielleicht sieht er ja irgendwie ganz gut aus – zumindest dann, wenn er nicht gerade im Wolfsfell vor mir steht und mich anstarrt, als wäre ich das Hauptgericht auf seiner Speisekarte. Aber diese Momente sind selten und selbst dann ist er kaum der Richtige zum Küssen und Heiraten. Dafür fehlen ihm einfach die guten Manieren. Und offensichtlich die Krone.

„Du glaubst also, die wahre Liebe findet man nur mit einem Prinzen?“ Rory verdeckt ein Gähnen mit ihrer Hand. Sie musste heute wohl ebenfalls ihre Geschichte spielen und leidet nun an den Nachwirkungen ihres langen Schlafs. „Warum denkst du, dass sie für die Liebe besser geeignet sind als andere Jungs?“

„Na, das liegt doch wohl auf der Hand.“ Ich setze meine Tasse zurück auf den Tisch, werfe ihr einen bedeutungsvollen Blick zu und zähle dabei die unwiderlegbaren Argumente an meinen Fingern ab. „Du hast einen Prinzen. Schneechen hat einen Prinzen. Cindy hat einen Prinzen und Bellina auch.“ Zugegeben, Dominic mag manchmal vielleicht ein bisschen haarig sein, dennoch gehört er zu den Blaublütern hier in Märchenland.

Schneewittchen träufelt etwas Honig in ihren Tee und leckt den Rest genüsslich vom Löffel. „In deinen Augen kommt Liebe also mit einem Adelstitel und einem Schloss daher? Aber es gibt doch tausende Geschichten auf der Welt und nicht alle beinhalten einen Prinzen.“

„Genau das versuche ich ja die ganze Zeit zu sagen!“ Ich verschränke die Arme vor der Brust. „Peter Pan ist kein Prinz und Wendy ist immer noch Single. Das ist der Beweis.“

„Hm. Deine Logik ist unanfechtbar.“ Cindy tippt sich mit dem Finger an die Unterlippe und blickt dabei grübelnd an die Decke. „Alice und der Hutmacher wurden auch nie wirklich warm miteinander.“

„Na bitte! Und ihr alle kennt doch Dorothy, die nur eine Vogelscheuche, einen Blechmann und einen feigen Löwen bekommt? Sie schlägt jedes Mal die Hacken zusammen und kehrt zurück nach Kansas.“ Ich mache ein ernstes Gesicht. „Also … kein Prinz, keine Romantik.“

„Warte mal. Was ist mit Aladdin und Jazzie?“, meint Dornröschen. „Aladdin ist ein Dieb und trotzdem können die beiden ihre Finger nicht voneinander lassen.“

„Ääh! Jazzie ist eine Prinzessin“, werfe ich ein. „In deren Geschichte sind nur die Rollen vertauscht.“

Schneechen kratzt sich am Kinn. „Stimmt. Jazz hatte schon immer die Hosen an, auch lange bevor sie Al getroffen hat.“

„Du verfolgst hier vielleicht tatsächlich eine heiße Spur“, unterstützt mich Bellina und zieht die Augenbrauen tiefer, während sie mit dem Teelöffel auf mich zeigt. Dann steht sie auf und beginnt im Zimmer auf- und abzulaufen. Ihre hohen Absätze klackern dabei auf dem steinernen Fußboden unter dem weiten Rock des bildhübschen cremefarbenen Kleides. Sie kann niemals lange still sitzen, besonders nicht, wenn sie nachdenkt. „Die Liste der royalen Liebesgeschichten in diesem Land ist lang. Sogar das rothaarige Fischmädchen …“ Sie wirbelt zu uns herum. „Wie ist noch gleich ihr Name?“

„Avalyn!“, stöhnen wir alle gleichzeitig und bewerfen sie mit müden Blicken. Aus irgendeinem Grund kann sie sich den Namen der Meerjungfrau einfach nicht merken.

„Ah ja, richtig. Also, sie bekommt Prinz Sebastian, nicht wahr? Ann-Marie heiratet den Froschkönig. Und Rapunzel ist selbst eine entführte Prinzessin.“

„Seht ihr?“ Beide Augenbrauen hochgezogen, gestikuliere ich wild mit den Armen. „Liebe passiert nur, wenn einer von beiden ein Royal ist. Noch nie hat jemand über ein Mädchen aus dem Wald gelesen, das sich in einen flohverseuchten Pudel verliebt.“

Mit gerümpfter Nase schiebt Dornröschen ihren Kuchen beiseite und wischt ein paar Krümel von ihrem rosa Kleid. „Iiih, denkst du, dass Jack Flöhe hat?“

Ich zucke nur mit den Schultern. „Manchmal sehe ich, wie er sich mit der Pfote hinterm Ohr kratzt, wenn er gerade der Wolf ist, aber das kann auch nur Gewohnheit sein.“ Er macht das ziemlich oft, wenn er nervös ist. Und er wird immer nervös kurz vor Ende unserer Geschichte. Wäre ich wahrscheinlich auch, wenn der Jäger mit seinem großen Messer meinen Bauch aufschneiden würde, um mein letztes Mittagessen zu befreien.

Aschenputtel ignoriert unsere Spekulation über Jacks Hygiene und lehnt sich zu mir über den Tisch, um meinen Arm zu tätscheln. „Dann enden eben nicht alle Märchen mit einer Romanze. So ist das Leben.“

„Ja, schon, aber wenn nicht, dann dürfen diese Figuren wenigstens etwas echt Cooles in ihren Geschichten machen.“ Ich umfasse meine Knöchel, die Füße immer noch flach auf der Couch. „Nimm Hänsel und Gretel zum Beispiel. Keine Liebesgeschichte, aber dafür ein ganzes Haus voll Süßigkeiten. Und was bekomme ich? Wein und einen mickrigen Kuchen, den ich nicht einmal essen darf, weil der Korb für meine Oma ist.“

Cindy neigt den Kopf und presst die Lippen aufeinander. Keine Ahnung, was der Blick gerade zu bedeuten hat. Fünf Sekunden später greift sie nach dem Teller auf dem Tisch und hält ihn mir mit einer hoffnungsvoll hochgezogenen Augenbraue entgegen. „Macaron?“

Mit lautem Ächzen schlage ich meine Stirn auf die Knie.

 

*

 

„Lass den Kopf nicht hängen, Herzchen.“ Prinzessin Cinderella umarmt mich fest in der großen Halle. Die anderen Mädchen sind schon vor einer Stunde gegangen, so blieb mir noch ein bisschen Zeit allein mit meiner besten Freundin, um über die heißen Typen in der neuesten Ausgabe des Character Magazine zu schmachten und die letzten Eskapaden in Märchenland zu lesen. Die Lieferwiesel sind im Wald immer so leicht abgelenkt und verlegen gerne mal ein Paket. Mir fehlen bereits die Exemplare der letzten beiden Monate, deshalb muss ich mir hier bei Cindy meinen wöchentlichen Celebrity-Kick holen. Ihr charmanter Ehemann nimmt das Heft jeden Dienstag direkt von der Magischen Presse für sie mit, gleich nachdem es frisch aus dem Druck kommt.

Noch ein Vorteil, wenn man einen Prinzen hat. Ich sag’s nur …

Während ich mir die Stiefel schnüre, geht Cindy vor mir in die Hocke und legt mir eine Hand unters Kinn, damit ich in ihre strahlenden Sternenaugen blicke. „Du weißt, dass du nicht die schlechteste Geschichte hier im Wald erwischt hast.“

Sie hat leicht reden. Sobald diese monsterschwere Tür hinter mir ins Schloss gefallen ist, hüpft sie fröhlich zu Prinz Jason ins Wohnzimmer und kuschelt sich vor dem Heimkino an ihn.

Das Einzige, woran ich mich kuscheln kann, ist die alte Flickendecke auf meiner Couch. Oder Jack Wolf, der kürzlich mal wieder meine Großmutter gefressen hat. Da bevorzuge ich doch lieber die Decke.

Trotzdem nicke ich kurz und lächle tapfer für meine Freundin. Als wir beide aufstehen, reicht sie mir den Bogen samt Köcher.

„Du hast ja recht.“ Meines ist nicht das mieseste Märchen, sondern nur eines ohne Romantik. „So betrachtet könnte ich wohl auch eine grüne Hexe sein und jedes Mal am Ende der Geschichte von einem Haus zerquetscht werden, oder?“ Das würde mir den Tag dann echt versauen.

Cindy lacht zwar, doch die Gänsehaut, die sich bei Erwähnung der Hexe des Westens über ihre Arme ausbreitet, ist nicht zu übersehen. Diese Gifthexe ist echt ein mürrischer, alter Haken, und das nicht nur in ihrer Geschichte.

„Kommst du morgen mit auf den Markt?“, wechselt Cindy das Thema und öffnet mir die Tür.

„Klar“, rufe ich über meine Schulter und winke zum Abschied, als ich Adelsburg, den Heimatort der meisten meiner Freundinnen, verlasse. „Wir treffen uns am Brunnen!“

Sie musste mich gar nicht fragen, ob ich kommen würde. Montagmorgens mit meiner besten Freundin durch den Markt in Grimwich zu schlendern, ist genauso eine unabänderliche Tradition wie die Märchen, die wir alle spielen. Obwohl sie üblicherweise die Einzige von uns beiden ist, die dort auch etwas einkauft. Aber das kommt eher daher, dass ich keine Schatzkammer besitze, die bis obenhin mit Goldmünzen gefüllt ist. Ich hab ja auch kein Schloss, wisst ihr noch?

Aber das ist schon okay. Der Wald bietet mir, was immer ich zum Überleben brauche: Nahrung, Holz und Felle. Das raue Leben in der Wildnis hat aus mir eine erstklassige Bogenschützin gemacht und ich kann wunderbar für mich selbst sorgen. Außerdem ist Oma eine tolle Schneiderin. Manchmal näht sie mir neue Kleider, einfache Sachen aus Leinen und Leder, das ich ihr bringe, wenn ich wieder einmal einen Hirsch erlegt und gehäutet habe.

Dieser hübsche Kapuzenumhang war eins der ersten Dinge, die sie jemals für mich gemacht hat. Angeblich hat ihr eine Fee vor vielen, vielen Jahren den roten Stoff dafür geschenkt und gemeint, er solle mich fortan immer vor Unheil bewahren. Letzten Sommer habe ich mir das Handgelenk gebrochen – so viel dazu. Trotzdem nehme ich ihn niemals ab. Na ja, doch – zum Schlafen, aber das war’s dann schon.

Deshalb werde ich auch von allen Rotkäppchen genannt.

Für Schuhe muss ich leider doch Geld ausgeben. Ich blicke runter auf meine Füße, während ich durch den Wald der Morgenröte stapfe. Diese Stiefel sind kaum zwei Jahre alt, praktisch noch brandneu. In jedem Fall gut genug, um noch ein weiteres Jahrzehnt darin zu laufen. Um mir dieses Paar leisten zu können, musste ich alle weißen Rosen der Herzkönigin in ihrem wunderlichen Garten rot streichen, kein Scheiß! Danach hatte ich noch wochenlang Farbe unter den Fingernägeln.

Hinter einer Zeile aus Haselsträuchern vor mir erkenne ich bereits das Strohdach meiner kuscheligen Holzhütte. Ein dünner Rauchfaden steigt noch aus dem Schornstein. Bei diesem Anblick breitet sich in mir ein warmes Gefühl aus. In meinem Haus gibt es kaum nennenswerte Beute für Diebe, darum stehen die blumengeschmückten quadratischen Fenster auch den ganzen Sommer über offen. Als ich näherkomme, begrüßt mich bereits ein Rotkehlchen, das sich unter dem Dach eingenistet hat und gerade fröhlich auf der Fensterbank zwitschert. Ich pflücke eine Himbeere vom Strauch, der sich am Geländer der Veranda hochrankt, und lege sie lächelnd vor meinen kleinen Freund. „Lass es dir schmecken.“

Egal, wie sehr ich mir manchmal auch ein anderes Ende für meine Geschichte wünsche, so seufze ich trotzdem jedes Mal tief und zufrieden auf, wenn ich durch meine Tür trete. Es mag hier drin vielleicht keine Marmortreppe in den zweiten Stock führen – meine Güte, es gibt nicht einmal ein zweites Stockwerk – aber für mich ist es mein Zuhause.

Ich lasse meine Stiefel hinter der Tür stehen und pflanze mich auf die gemütliche Couch. Vor einigen Jahren hat mich Tinker Bell überredet, ihren alten Flachbildfernseher zu adoptieren, als sie mit Däumelinchen, Humpty Dumpty und Hans im Glück in eine WG in Grimwich gezogen ist. Ich schätze mal, sie hatte irgendwie Mitleid mit mir, als sie meine winzige Hütte gesehen hat.

Ohne Kabelanschluss hier draußen im Wald klang der Fernseher eher nach einem schlechten Scherz. Das habe ich ihr aber natürlich nicht gesagt. Man sollte die Gefühle einer kleinen Elfe lieber nicht verletzen. Ganz dumme Idee, glaubt mir. Zudem war es ja auch eine nette Geste und darum staubt das Gerät nun in meinem Keller ein, bis sie sich das nächste Mal für einen Besuch anmeldet – was zum Glück nicht allzu oft passiert. Beim letzten Mal, als ich dieses sauschwere Ding die Treppe hochtragen musste, habe ich mir den kleinen Finger zwischen Türrahmen und Gerät eingeklemmt. Womit wir wieder beim Umhang wären…

Ohne den herkömmlichen Luxus, den die Leute im Dorf genießen, greife ich mir meine alternative Unterhaltung vom Couchtisch: Harry Potter und der Gefangene von Askaban. Das Buch ist Eigentum der Grimwich Bibliothek und, Himmel nochmal, dieser Junge hat in seiner Welt echt eine harte Geschichte zu spielen.

Ich blättere vor zu Seite 302, weil ich letzte Nacht dort stehen geblieben bin, als der Drang eingesetzt hat, hinauszugehen und mit Jack zu spielen. Tief in die Kissen gekuschelt ziehe ich meine Knie an, lehne das Buch gegen meine Oberschenkel und lese die ersten Zeilen auf der Seite. Oh Harry, in welchen Schlamassel hast du dich da nur wieder geritten?

Nach dem zweiten Absatz schließe ich das Buch und lege es zurück auf den Tisch. Die frühe Nachmittagssonne fällt wie ein strahlendes Lächeln durchs Fenster direkt in mein Gesicht. Ich erhebe mich von der Couch und packe vorsichtig eine Flasche Rotwein und Marmorkuchen in mein geflochtenes Weidenkörbchen. Obenauf kommt noch ein besticktes Deckchen, um die Sachen vor neugierigen Vögeln oder anderen hungrigen Mäulern im Wald zu beschützen.

Vor der Tür schlage ich noch kurz meine Stiefel zusammen, damit der getrocknete Schmutz von vorhin abfällt, ehe ich hineinschlüpfe. Dann hänge ich mir wieder Bogen und Pfeilköcher um, schließe die Tür und spaziere durch die Bäume den schmalen Pfad entlang, der zu Großmutter führt. Den langen Weg vertreibe ich mir damit, ein Kinderlied zu summen. Erst als ich anfange, dazu auch noch munter zu hüpfen und fröhlich den Korb neben mir zu schwingen, kommt es mir plötzlich so vor, als hätte ich das alles heute schon einmal gemacht.

„Was zum Jabberwocky –“ Abrupt bleibe ich stehen, hebe den Kopf und schreie zu den Baumwipfeln hoch: „Wollt ihr mich verarschen?!“ Heiliges Märchenbuch, es ist doch noch keine zwölf Stunden her, seit ich diesen Weg zum letzten Mal entlanggelaufen bin und meine Geschichte mit Jack und Oma begonnen habe. Die können doch unmöglich von uns erwarten, heute ein zweites Mal zu spielen.

Dass ich nicht sofort begriffen habe, was vor sich geht, ist nicht ungewöhnlich. Wenn der vertraute Ruf der Geschichte einsetzt, ist es anfangs immer etwas schwer zu unterscheiden, was nun meine wirklichen Gedanken sind und was zur Geschichte gehört. Einmal kam es sogar vor, dass ich überhaupt nicht gemerkt habe, was abgeht, bis Jack vom Bett meiner Großmutter aus nach mir geschnappt hat und fast meinen Umhang zerrissen hätte.

Das war ein ziemlich hartes Erwachen.

Weil der Drang so intensiv ist, bleibt mir gerade nichts anderes übrig, als einfach weiterzugehen. Aber Kreuz, Birnbaum und Granatapfelstrudel, dieses doofe Lied summe ich dabei ganz sicher nicht. Jack wird sich mit meiner finsteren Miene begnügen müssen. Ich weiß auch genau, wo ich ihn finden werde – an der Wegkreuzung gleich hinter der nächsten Biegung. Er wird am Wegweiser lehnen, die Hände in den Taschen seiner Lederjacke, ein Bein angewinkelt und die Sohle flach an den Pfosten gedrückt. Seine Augen werden durch die wilden schwarzen und dunkelbraunen Strähnen funkeln, die ihm in die Stirn fallen, während er zusieht, wie ich langsam näherkomme. Er wird ein paar Sekunden warten und mir dann ein kleines, schiefes Lächeln schenken. Weil er das nämlich immer tut … schon seit ich mich erinnern kann.

 

 

Kapitel 2

Jack

 

Ich steh auf die Musik in diesem Pub. Das ist der Grund warum ich so oft hierherkomme. Wegen der Band, dem Scotch und um mit Phil und Sebastian Pool zu spielen.

Mein rechtes Bein wippt auf der Stange unter der Bar zum Takt der Bremer Stadtmusikanten, die ihre Rocksongs auf der kleinen Bühne weiter hinten zum Besten geben. Das Essen ist in diesem Laden für gewöhnlich zwar lausig, aber sie machen gute Pommes. Und ich liebe Pommes. Zu dumm, dass ich heute Morgen keine zu Oma Redcoat hatte. Mit einem Eimer voll Ketchup. Die Alte schmeckt nach Rizinusöl und Haferschleim. Ist immer wieder ein ziemlicher Kampf, sie runter zu würgen.

Ich nehme eine Pommes aus dem Körbchen, das Tweedledee – oder war es Tweedledum? – vor mir auf die Theke gestellt hat. Verdammt, ich kann die zwei nie auseinander halten. Zwischen Zigarettenqualm und dem Geruch von abgestandenem Bier in dieser Spelunke, beiße ich das Ende des Kartoffelsticks ab.

„Whisky und Fritten zum Frühstück?“ Ein kehliges Lachen begleitet die adelige Hand, die mir gerade mein Essen klaut. „Sieht aus, als hättest du eine anstrengende Nacht gehabt.“

Ich drehe meinen Kopf nur halb, um Phillip mit einem Brummen zu begrüßen, und esse dann etwas schneller, weil er so lange in das Körbchen fassen wird, bis es leer ist. Normalerweise macht es mir nichts aus, mit ihm zu teilen, aber heute bin ich am Verhungern. „Hol dir dein eigenes Essen, du elender Königssohn.“

„Geht nicht. Ich bin daran gewöhnt, gefüttert zu werden“, antwortet er und grinst dabei um die Pommes in seinem Mund, während er sich schon zwei weitere krallt.

Ich schiebe den Futterkorb auf die andere Seite, wo er ihn nicht mehr erreichen kann. „Dann geh heim nach Adelsburg und sag deinem Mädchen, sie soll dir was Nettes kochen.“

Meine Lederjacke über dem Barhocker neben mir hat ihm einen Platz freigehalten. Er wirft sie über die Theke, zieht den Stuhl geräuschvoll näher heran und setzt sich. „Mein Mädchen hängt gerade mit deinem Mädchen in Jasons Palast ab. Und ich denke, sie kann nicht mal Rührei machen.“

Ein aufgebrachtes Schnappen nach Luft hinter uns lässt uns beide zu einem versteinerten Humpty mit zwei Gläsern Chardonnay in den bleichen Händen herumwirbeln. Seine Augen und sein Mund bilden drei große O’s.

Ist schon witzig, wie Phillip jedes Mal die Farbe ins Gesicht schießt, wenn er jemandem auf die Füße getreten ist. Harter Junge oder nicht, seine wahren Märcheneigenschaften kann man nicht so einfach abschütteln. „Verzeihung!“, murmelt der Prinz zum exzentrischen Ei und reibt sich dabei den Nacken. Dann sehen wir beide zu, wie Humpty Dumpty mit seinen Drinks davonflittert. Als er sich an einen Tisch zu Christopher, der Zahnfee, setzt, widme ich mich wieder meinem Essen.

„Prinzessinnenstammtisch?“, greife ich unser Thema von vorhin auf, als Phil etwas über unsere Mädels gesagt hat. Schon klar, Riley ist nicht wirklich mein Mädchen, jedenfalls nicht im romantischen Sinne. Aber offiziell ist sie es doch. Das Märchengesetz bindet uns fester aneinander, als jeder oberflächliche Ring an ihrem Finger es jemals könnte.

„Eher Gossip Girls, würde ich sagen.“ Phil schnaubt ein leises Lachen und streift sich durch die blonden Haare, ehe er ein Bier bestellt und sich wieder zu mir dreht. „Die ziehen bestimmt von der ersten bis zur letzten Minute über uns her.“

Dass ich meine Fangzähne heute Morgen in ihrem Po versenkt habe, ist bestimmt etwas, das Riley ihren Freundinnen brühwarm erzählen wird. Es kommt äußerst selten vor, dass ich im Spiel außerhalb meiner Rolle handle. Heute war sie aber die ganze Zeit über so frech und hat mich permanent mit ihrem Lieblingsnamen für mich aufgezogen, dass ich nicht widerstehen konnte, sie daran zu erinnern, was für scharfe Zähne ihr kleines Wölfchen doch tatsächlich hat.

Ein böses Grinsen zupft an meinen Mundwinkeln. Sie hat schon einen klasse Hintern. Den hätte ich gerne mal zwischen den Zähnen, wenn kein Umhang im Weg ist. Wetten, ich könnte sie dazu bringen, wie ein Wolf zu jaulen?

Ich esse mein Frühstück fertig, lasse noch drei Fritten im Korb und schiebe diesen anschließend Phillip rüber. Während er sie gierig verschlingt, spüle ich den würzigen Geschmack auf meiner Zunge mit einem Schluck Scotch runter und wische mir danach den Mund in den Ärmel meines schwarzen BSM Band-T-Shirts. Guter Rock geht doch immer.

Mit dem Ellbogen stoße ich meinen Freund an und deute mit dem Daumen rüber zum Billardtisch. „Lust auf ein Spiel?“

Nickend leckt er sich das Salz von den Fingern. Wir rutschen von unseren Hockern, gehen rüber und ich ziehe an dem Hebel, der die Kugeln freigibt. Ein vertrautes Poltern dringt aus dem Inneren des Tisches, als eine nach der anderen ins Ausgabeloch rollt. Phillip richtet sie mithilfe des schwarzen Plastikdreiecks aus, während ich mir einen Queue schnappe und die Spitze einkreide. Den zweiten Stock werfe ich dem Prinzen in hohem Bogen zu.

Mit einer Hand fängt er ihn auf und spitzt ihn ebenfalls an, als plötzlich die Tür aufgeht und eine uns nur allzu bekannte Stimme unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Endlich gesellt sich auch Sebastian mit einem halb verträumten, halb geistesgestörten Blick zu uns in die Kneipe. Die Uhr über der Tür zeigt halb elf. Phillip tritt mit einem fiesen Grinsen in seinem glattrasierten Gesicht vor mich und rollt sich dabei die Ärmel seines roten Shirts hoch. „Der Verlierer muss Sebastian heute nach Hause bringen.“

Das entlockt mir ein Lachen. Wenn Sebastian an einem Sonntagmorgen so spät erscheint, hat es meist nur eines zu bedeuten: Er wurde von seiner eigenen Geschichte mit der kleinen Meerjungfrau aufgehalten. Der Fluch, den die Meereshexe ihm vor Ende auferlegt, macht ihn immer so fertig, dass er sich danach jedes Mal volllaufen lässt, um auch den letzten Rest davon aus seinem Körper zu schwemmen.

Ich nehme mein Scotch-Glas von der Bar und stelle es auf die Kante des Billardtisches. Dann lehne ich mich für den ersten Stoß nach vorne und grinse. „Geht klar.“

Die Kugeln schnellen auseinander und die rote versinkt in der hinteren linken Tasche. Rot ist immer die Erste, die ich einloche.

„Netter Schuss“, meint Sebastian als Begrüßung und lässt sich auf den Holzstuhl an einem kleinen, runden Tisch in unserer Nähe fallen. Er schenkt sich selbst ein Glas Rotwein aus einer Flasche ein, die er unterwegs an der Bar abgeholt hat, und schüttet sich gleich mal die Hälfte davon in den Schlund. Dann macht er es noch einmal randvoll, wippt mit dem Stuhl zurück und schlägt die Beine auf dem Tisch übereinander, wobei er das Glas in unsere Richtung schwenkt. „Cheers.“

Ich versenke zwei weitere Kugeln und verkacke dann den vierten Stoß. Verdammt. Während Phil sich als Nächster auf dem Tisch austobt, greife ich mir meinen Scotch und setze mich zu Sebastian. Wir stoßen an, dann nehmen wir beide einen Schluck – ich einen kleinen und er inhaliert das ganze Glas.

„Na, na, mach mal langsam, Hoheit!“, lache ich. „Nicht, dass du mir nachher noch auf die Schuhe kotzt.“ Und dem Tempo nach, mit welchem Phil die Kugeln einlocht, ist es sehr wahrscheinlich, dass ich am Ende tatsächlich der Glückliche sein werde, der den bald sturzbesoffenen Prinzen nach Hause bringen muss.

„Ich mache am Nachmittag langsam, wenn ich meinen Rausch ausschlafe“, erwidert Sebastian mit einem höhnischen Grinsen und fummelt sich den obersten Knopf seines weißen Hemds auf. „Was jetzt angeht …“ Er hebt die Weinflasche hoch und ruft zu Lady Marianne hinüber, die unter der Woche hier im Shady Wonders kellnert: „Schätzchen, würdest du mir wohl noch so eine bringen?“

Das Mädchen aus den Highlands mit den wilden dunklen Haaren kennt seine Gewohnheiten genauso gut wie wir alle, weshalb sie sich auch gar nicht erst die Mühe macht, ihm zu erklären, dass die Flasche in seiner Hand noch dreiviertel voll ist. Eine halbe Minute später stellt sie ihm eine zweite Flasche Wein auf den Tisch, wischt sich die Hände an der weißen Schürze ab und klopft ihm dann mit mitleidiger Miene auf die Schulter. „Lass es dir schmecken.“

Ich schnappe mir schnell eine Handvoll von Mariannes grünem Kleid, ehe sie wieder davon schustern kann, und hebe den flehenden Blick in ihr sommerbesprosstes Gesicht. „Kannst du ihm bitte auch einen doppelten Cheeseburger bringen?“ Mir ist wohlbekannt, dass Sebastian auf seiner eigenen Hochzeit niemals ein Stück der Torte erwischt, und für ein Saufgelage, so wie er es im Sinn hat, schadet eine solide Unterlage nicht.

Sebastian straft mich mit einem Blick, als wollte er mir sagen, dass ich nicht sein Kindermädchen bin, aber Sabber tropft bei dem Gedanken an Essen praktisch schon aus seinem Mundwinkel. Nach allem, was wir so mitbekommen haben, befindet sich Avalyn gerade auf einer Mission, ihn zum Vegetarier umzuerziehen. Oh, sie kann es ja versuchen, doch ich bezweifle, dass sie damit sehr weit kommen wird. Ihre einzige Chance wäre es, Sebastian damit zu erpressen, dass sie … Na ja, sagen wir einfach, sie wird’s nicht schaffen.

Phillip hat inzwischen fünf seiner Kugeln abgeräumt, den letzten Schuss hat er aber verfehlt, also tauschen wir die Plätze. Es gelingt mir, alle ganz-farbigen Kugeln bis auf die schwarze zu versenken, und als er wieder an der Reihe ist, schießt er natürlich eine nach der anderen in die Taschen. „Gut gespielt“, gratuliere ich ihm und werfe einen Seitenblick zu unserem Freund, der sich schneller wegknallt, als gut für ihn ist. Das wird später wohl ein interessanter Spaziergang zu seinem Schloss.

Phil und ich machen noch ein paar Spiele und vernichten dabei langsam unsere eigenen Drinks. Als Sebastian aber mit der Birne auf die Tischplatte knallt und zu schnarchen beginnt, einen Arm vor seinem Gesicht, den anderen schlaff neben sich baumelnd, ist der Spaß für uns gelaufen. „Ist wohl an der Zeit, den kleinen Prinzen ins Bett zu bringen“, scherzt Phil und stellt seinen Queue beiseite. Zum Glück muss der schwarzhaarige Königssohn seine Geschichte nicht allzu oft spielen. Der Fluch der Meereshexe wäre ein verdammter Hasenschiss, verglichen mit der Leberzirrhose, die er sich selbst ansaufen würde.

Ich stelle meinen Stock ebenfalls wieder in die Halterung und werfe das Geld für meine Drinks und die Fritten zusammen mit dem Trinkgeld für welchen der Tweedles auch immer auf die Bar. Dann greife ich mir meine Jacke und gehe rüber zu Phil und Sebastian. „Komm schon, hoch mit dir, Dornröschen“, stöhne ich, während ich unter seinen Arm schlüpfe und ihn auf die Beine ziehe. Phillip übernimmt die andere Seite, damit wir ihn zusammen nach draußen schleppen können. Das Grummeln, das aus Sebastians Kehle dringt, ist der Beweis, dass er zumindest noch am Leben ist.

Phillips dachlose weiße Kutsche mit den beiden prachtvollen Schimmeln im Gespann parkt vor dem Pub. Als wir dort anhalten, zögert er einen Moment und tätschelt Sebastian ziemlich unsanft die Wange. „Hey, alles gut bei dir?“

„Mm-hmm“, dringt die raue Antwort von seinem hängenden Kopf.

Ihn mit dem Cabrio heimzufahren, ginge zwar um Einiges schneller, als den halb bewusstlosen Prinzen durch den Wald runter zu seinem Schloss am Strand zu schleifen, aber ich kann schon verstehen, warum Phillip nicht will, dass Sebastian bei ihm mitfährt. Beim letzten Mal, als wir so blöd waren, hat Sebastian sich während der Fahrt übergeben. Und nicht nur einmal. Egal, wie oft Phillips Bedienstete die Polsterung gereinigt haben, der Gestank blieb und er war bestialisch. Phil musste sich eine neue Kutsche besorgen.

Ich bereite mich schon darauf vor, das ganze Gewicht unserer Schnapsdrossel hier zu übernehmen, damit Phil frei kommt, nur setzt gerade in diesem Moment ein ziemlich unwiderstehlicher Ruf aus dem Wald der Morgenröte in mir ein und bringt eine kleine Planänderung mit sich.

„Tut mir leid, aber Sebastian ist heute dein Job“, entschuldige ich mich und wickle den Arm des sternhagelvollen Prinzen um seinen Nacken.

Phillip stiert mich mit großen Augen an, als plötzlich ein ausgewachsener Mann an ihm hängt, den er festhält wie eine tote Ehefrau. „Warum?“

„Date mit Riley.“ Ich klopfe ihm auf die Schulter und grinse halbherzig dabei.

„Schon wieder?“

Manche Geschichten werden öfter erzählt als andere. Phillip und Dornröschen müssen ihre einmal alle paar Tage spielen. Avalyn und Sebastian haben zwischen ihren Spielen meist sogar einige Wochen Pause. Riley und ich hingegen stehen ganz oben auf Märchenlands Most-Wanted-Liste. Wir bekommen kaum mal einen Tag frei. Aber zweimal innerhalb von vierundzwanzig Stunden zu spielen, ist sogar für uns eine Ausnahme.

Verwegen wackle ich Phil und seinem Anhängsel mit den Brauen zu. Eine Verabredung mit Rotkäppchen ist auf jeden Fall besser als das hier – aus so vielen Gründen.

Klar bedeutet es, dass ich meinen besten Freund diesen Kampf alleine austragen lasse, obwohl er beim Pool gewonnen hat, doch er weiß, dass keiner von uns dem magischen Ruf widerstehen kann, sobald in der Realität jemand „Es war einmal …“ spricht.

Phil überdreht die Augen und beginnt dann zu lachen. „Scheiße, Jack, wenn du das nur erfunden hast, um abzuhauen, trete ich deinen Arsch bis nach Eldorado.“

Mit erhobenen Händen setze ich eine ernste Miene auf. „Keine Ausrede, ich schwör’s.“ Er hat mich Sebastian schon oft heimbringen sehen. Wenn es um meine Freunde geht, drücke ich mich auch nicht vor unangenehmen Jobs, doch die Geschichte geht in jedem Fall vor.

„Ich glaube dir nur, weil ich weiß, dass du diesen Glanz in den Augen niemals vortäuschen könntest, wenn es um Rotkäppchen geht. Trotzdem schuldest du mir was, Kumpel.“

Der Glanz ist keine Absicht, er kommt von meiner wölfischen Seite. Es gibt da einfach diesen tiefsitzenden, nervigen Drang in mir, die Kleine mit Haut und Haar zu vernaschen, sobald ihr Name fällt. Ich will verdammt sein, wenn sie mich jemals lässt.

„Nächstes Mal ist Sebastian wieder mein Problem, versprochen.“ Ich kratze mich am Kopf. „Du könntest ihn natürlich auch dazu bringen, gleich hier auf den Bordstein zu kotzen und ihn dann mit deiner Schleuder heimbringen. Übrigens“, füge ich hinzu und zeige mit einem Finger auf Sebastians Gesicht, das gegen Phillips Brust gebettet ist, „sabbert er gerade auf dein Shirt.“

Angewidert ruckt Phil ihn ein wenig höher und denkt kurz über meinen Vorschlag nach. Am Ende schüttelt er aber den Kopf. „Nö. Ein kleiner Spaziergang an der frischen Luft wird ihm guttun. Wir sehen uns. Und bestell deinem Mädchen schöne Grüße von mir.“

Ich nicke. „Mach’s gut.“ Dann trennen sich unsere Wege.

Der Ruf wird immer stärker und trägt die Vorfreude auf Riley in sich. Ich weiß, dass ich niemals das mit ihr machen darf, was mir im Sinn schwebt, nicht in unserem Geschichtenaufbau, doch das Band zu unserem Märchen ist manchmal echt schwer aus dem Kopf zu kriegen.

Als das Dorf bereits weit hinter mir liegt und ich die Grenzen in den Wald der Morgenröte überquere, fixiere ich ein Reh und ihr Kitz im Gehölz mit hungrigem Blick und lasse dann ein tiefes, kehliges Knurren ertönen, das sie in Entsetzen davon sprinten lässt – einfach, weil ich es kann.

Von hier aus ist es nicht mehr weit bis zur Wegkreuzung, unserem üblichen Treffpunkt. Wie immer bin ich der Erste, der dort ankommt. Mit den Händen in den Jackentaschen lehne ich mich an den Wegweiser, der nach Grimwich, zu Großmutters Haus, in den Plüschtierhain und zum Glitzergraben zeigt. Letzteres ist dann auch die Richtung, aus der Riley in ein paar Minuten erscheinen wird. Mit einem tiefen Atemzug filtere ich die Luft durch die Nase und kann sie bereits riechen. Verdammt, ich stehe auf diese Mischung aus Morgentau und Walderdbeeren.

Durch mein hochsensibles Gehör, dank des Wolfs in mir, kann ich auch schon ihre Fußtritte ausmachen. Seltsamerweise gibt’s heute mal kein Lied.

Ein leises Lachen entweicht mir. Ooh, da ist wohl jemand sauer. Das wird bestimmt interessant.

Ich winkle ein Bein an und drücke die Fußsohle an den Pfahl hinter mir, senke das Kinn und halte ein Auge auf den Weg. Sie ist schon sehr nahe, ich kann sie bereits spüren. Ein heißes Kribbeln macht sich in meinem Bauch breit und bringt meine Nackenhaare dazu, sich aufzurichten. Es ist immer dasselbe am Anfang unseres Abenteuers.

Zeit, mich am Riemen zu reißen. Der erste Blickkontakt löst in mir üblicherweise den Impuls aus, mich in den großen, bösen Wolf zu verwandeln und auf das Mädchen zu stürzen. Gleich darauf folgt ein viel tieferes Verlangen, andere Dinge mit ihr anzustellen. Sündhafte Dinge. Solange ich mich erinnern kann, habe ich schon versucht, sie vom rechten Weg abzubringen und in ein Reich zu entführen, in dem es keine Scham oder Reue gibt.

Doch sie kommt niemals mit.

Schade. Nur ein blinder Narr würde ihre unschuldige Schönheit nicht erkennen; ihre reizenden Kurven, die meist leider unter ihrem Umhang verborgen bleiben. Doch ich bin kein Narr. Und der schüchterne Blick, den nur sie allein bei jedem ersten Lächeln, das ich ihr schenke, zustande bringt, ist mein Untergang.

Natürlich ist das alles nur Teil unserer Geschichte.

Selbst, wenn ich zugeben muss, dass ich kurz daran gedacht habe, etwas mit Riley anzufangen, als alles mit uns begonnen hat und wir in dasselbe Märchen geworfen wurden. Sie hat mich einfach niedergebügelt. Vielleicht hätte ich sie auch nicht gleich zu einem Date einladen sollen, nachdem ich ihre Großmutter zum ersten Mal gefressen habe.

Rotkäppchen hat mir keine zweite Chance gegeben. Ich habe auch nie nach einer gefragt. In der Stadt gibt es andere reizende Geschöpfe mit Unterhaltungswert. Gretel war für eine Weile recht nette Gesellschaft und sie ist niemals bis zum Frühstück geblieben, was ich sehr zu schätzen weiß. Was Riley angeht, so muss ich ihr keinen Ring an den Finger stecken oder mein Bett mit ihr teilen, denn es gibt da eine Sache, die nicht einmal sie ändern kann. Sie ist mein Mädchen und das wird sie auch für immer und ewig bleiben.

In der Ferne brechen Zweige auf dem Weg und rufen meine Aufmerksamkeit zum Appell.

Fünf … vier … drei … Sie ist gleich hinter der Kurve. Ein Lächeln stiehlt sich in mein Gesicht. Zwei … eins … Und da kommt sie.

 

 

Kapitel 3

Riley

 

Als ich mich der riesigen Eiche vor der letzten Kurve nähere, steigt gerade eine Schar Rotkehlchen auf und zieht über der Baumkrone wunderschöne Ringe. Magie liegt in der Luft … Tut es immer, wenn die Rotkehlchen im Kreis fliegen. Und der Zauber, den sie ankündigen, wartet gleich hinter der nächsten Biegung. Jack.

Der Wolfsteil in ihm macht ihn zu einem besonderen Charakter hier in Märchenland. Wir haben alles Mögliche an magischen Wesen: Meerjungfrauen, Hexen, Feen und Elfen. Weiter östlich im Wald versteckt sich tagsüber sogar ein Vampir in seinem Schloss und in der Umgebung gibt es auch zahlreiche Formwandler. Mit meinem roten Umhang steche ich vielleicht aus der Menge heraus, aber abgesehen davon, bin ich nichts Besonderes. Nicht so wie Jack. Ich könnte mich nicht einmal in eine dämliche Maus verwandeln, selbst, wenn mein Leben davon abhinge.

Aber Jack ist wirklich gut darin. Er kann sich vor- und zurückverwandeln, wann immer er will. Der mächtige herbstfarbene Wolf mit den Schnee- und Sandsträhnchen im Fell ist ein ziemlich beeindruckender Anblick. Obwohl er mich in unserem Märchen nicht fressen darf, wahre ich lieber eine gewisse Distanz zu ihm. Man weiß ja nie, wann ein wildes Tier wie er plötzlich überschnappt und dich nur noch als fette Schweinshaxe sieht.

Ich greife den Korb für Großmutter etwas fester vor meinem Bauch und hebe mutig das Kinn, während ich die letzten Schritte mache, die mich vors Antlitz des großen, bösen Wolfs führen. Obwohl ich ganz genau weiß, was mich erwartet, jagt ein kleiner Schauer aus Angst durch meinen Körper, als sich unsere Blicke zum ersten Mal in dieser frischen Geschichte treffen.

Groß? Jap. Jack ist einen Kopf größer als ich.

Böse? Oh ja! Man muss ihn gar nicht persönlich kennen, um die Gefahr zu wittern, die er mit jedem Atemzug verströmt.

Wolf? Noch nicht. Dennoch werden meine Schritte langsamer.

„Guten Tag, Rotkäppchen“, schnurrt er und neigt den Kopf dabei ein wenig.

Seine dunklen Augen funkeln bedrohlich im gefleckten Licht, das durch die Bäume dringt, und seine Mundwinkel heben sich nach oben. Eine Sekunde lang weiß ich nicht, ob ich zurücklächeln oder lieber die Flucht ergreifen soll. Er löst zu Beginn immer diesen seltsamen Impuls in mir aus, obwohl ich unser Märchen in- und auswendig kenne. Es ist wie ein Reflex, den ich nicht abstellen kann, auch nicht nach so vielen Jahren. Doch er verschwindet in dem Moment, als ich mich daran erinnere, warum wir hier sind. Zweites Spiel an einem Tag. Und ich bin immer noch sauer auf ihn.

Es trennen uns nur noch drei Schritte. Normalerweise bleibe ich vor ihm stehen, damit er versuchen kann, mich in den dunklen Teil des Waldes zu locken. Nicht, dass er damit schon jemals Glück gehabt hätte. Heute habe ich aber keinen Bock auf unser übliches Gespräch. Ich will nur das Märchen so schnell wie möglich hinter mich bringen, schließlich wartet Harry Potter in meiner gemütlichen Hütte auf mich.

Die Zähne aufeinandergepresst, ziehe ich mir die Kapuze tiefer ins Gesicht und stapfe auf dem Weg zu Omas Haus wortlos an ihm vorbei. Meinetwegen kann er hier rumstehen, bis das weiße Kaninchen kommt. Ist mir doch egal.

Jack lacht hinter mir. „Riley! Komm zurück!“

„Nein.“

„Bitte …“

Ach verflucht, ich hasse es, wenn er wie ein armseliger kleiner Welpe klingt. Er macht das einfach viel zu gut. Aber deshalb hält er mich auch nicht auf. Nicht dieses Mal. „Leck –“ Ein ersticktes Japsen entweicht mir, als ich plötzlich herumgewirbelt werde, wobei mir der Korb aus der Hand fällt und über den moosigen Boden kullert.

Mein Rücken wird gegen einen Baumstamm gepresst und Jack drückt seinen Körper gegen meinen. Ich kann seinen Atem im Inneren meiner Kapuze spüren, als er mir ins Ohr knurrt: „Sprich es aus und ich tu’s.“

Grundgütiger, den Wolf damit herauszufordern, war wohl eine ziemlich hirnlose Idee. Was habe ich mir nur dabei gedacht?

In Gedenken an die Begegnung mit seinen scharfen Zähnen heute Morgen, reibe ich mir die Seite meines Hinterns, was ihm nicht entgeht. Sein Blick fällt auf meine Hüften und wandert dann langsam wieder hoch in mein Gesicht. „Brennt’s noch?“, murmelt er mit einem anzüglichen Grinsen und lässt dabei seine Hand an meiner Seite nach unten streifen.

Was zum Teufel? So geht unsere Geschichte doch gar nicht! Mürrisch stemme ich meine Hände gegen seine Brust. „Verschwinde und such dir ein Eichhörnchen, mit dem du spielen kannst. Ich will jetzt nicht mit dir reden!“

Er lässt zu, dass ich ihn ein Stück von mir drücke, aber nicht weit. Nur ein paar Zentimeter. Gleichzeitig schnellt sein rechter Arm nach oben und er stützt sich neben meinem Kopf am Baumstamm ab, womit er mir den Weg abschneidet. „Du weißt, dass es so nicht funktioniert.“ Seine andere Hand hebt sich an mein Gesicht und er streichelt sanft mit den Fingerknöcheln über meine Wange. Dann streift er mir vorsichtig die Kapuze ab, neigt seinen Kopf zu mir und nimmt meinen Blick gefangen. „Also sei jetzt ein braves Mädchen und lass uns ein bisschen Spaß haben.“

Ein Frösteln durchzieht mich, als ich nach Luft schnappe. In all unserer gemeinsamen Zeit hat mich Jack noch niemals auf diese Weise angefasst. Es fühlt sich … seltsam an. Nicht unangenehm. Er hat mich auch noch niemals so angesehen und eigenartigerweise ist es verdammt schwer, wegzuschauen. Was ist denn heute nur mit ihm los?

„Jack …“, flüstere ich. Plötzlich fällt mir die scharfe Note in seinem Atem auf. Meine Brauen knicken ein und meine Stimme bekommt wieder ihre volle Kraft. „Bist du betrunken?“

Er lehnt sich zu meinem Ohr, wobei seine Bartstoppeln leicht über meine Haut kratzen. „Nur ein ganz klein wenig“, raunt er und beißt mich dann ins Ohr. Der flüchtige Schmerz entlockt mir ein erschrockenes Quietschen, was ihn zum Schmunzeln bringt. „Kommst du jetzt endlich mit mir in den dunklen Wald?“

Jack Wolf ist im Leben noch nicht einmal betrunken zur Arbeit erschienen!

Ich habe keine Ahnung, was er jeden Tag macht, nachdem unsere Geschichte beendet ist, aber er nimmt unsere Aufgabe hier normalerweise sehr ernst. Er wartet immer schon an unserem Treffpunkt, wenn ich ankomme. Er macht es mir für gewöhnlich leicht, seinen Verführungen auszuweichen. Und er zögert auch niemals nur eine Sekunde, meine Oma zu verschlingen, obwohl ich genau weiß, wie sehr er sich vor dem Moment fürchtet, wenn der Jäger kommt, um sie zu befreien.

Klar hat keiner von uns beiden damit gerechnet, dass wir uns heute noch ein zweites Mal hier im Wald begegnen und was er in seiner Freizeit anstellt, geht mich ja nichts an. Aber es ist schon irgendwie komisch, ausnahmsweise einen Einblick in sein Privatleben zu bekommen. Ich frage mich, welchen Drink er wohl hatte. Steht er auf Wodka? Whisky? Oder vielleicht Bier? Ich trinke überhaupt nie, daher würde ich den Unterschied auch nicht kennen. Es muss aber mehr als nur ein Glas gewesen sein, sonst würde er sich jetzt sicher nicht so sonderbar benehmen.

Ein sehr verlockender Gedanke kommt mir in den Sinn. Da wir uns hier praktisch sowieso schon auf Abwegen befinden, warum dann nicht gleich noch ein Stückchen weitergehen? Was wäre denn, wenn wir … sagen wir mal, den Plot ein bisschen abändern?

Welche Antwort Jack auch immer von mir erwartet, um unser übliches Märchen fortzusetzen – und welche mir bis eben auch gewiss noch auf der Zunge gelegen hat – ist verpufft. Ebenso verschwindet meine fassungslose Miene, als eine feste Entschlossenheit in mir hochkommt. Ich schließe meinen halb-offenen Mund. Mein Herz schlägt dabei einen waghalsigen Takt. Dann beiße ich mir auf die Lippe und wage einen tiefen Blick in Jacks dunkle und gefährliche Augen. „Okay …“

Er blinzelt. Langsam. „Wie bitte?“

Mein Blick wankt keinen Millimeter und nimmt dabei zweifellos eine hoffnungsvoll aufgeregte Note an, als mir ein kleines Lächeln ins Gesicht schleicht. „Okay … ich komme mit dir in den dunklen Teil des Waldes.“

Jack macht einen Schritt nach hinten und fixiert mich mit Schlitzaugen. „Bist du jetzt völlig übergeschnappt?“

Nach zehntausend ersten Begegnungen, in denen er immer versucht hat, mich vom rechten Weg abzubringen, irritiert mich seine Reaktion jetzt doch ein wenig. Ein Schmollmund ersetzt mein abenteuerlustiges Grinsen. „Nein. Ich bin es nur leid, immer wieder dieselbe langweilige Geschichte zu spielen. Du nicht auch? Immer der gleiche Weg, immer ein blutiges Ende. Und in all der Zeit gibt es niemals einen Kuss.“

Sein Stirnrunzeln wird immer tiefer. „Du willst geküsst werden?“

„Na ja … jaa.“ Ich verschränke die Arme vor der Brust. „Alle meine Freundinnen haben Liebesgeschichten. Sie sind glücklich und toootal romantisiert. Irgendwie.“ Energisch hebe ich das Kinn. „Ich will das auch!“

Jacks normalerweise so selbstsichere Haltung kommt ins Wanken, als er von einem Bein auf das andere tritt. „Und du willst das mit mir?“ Sein Blick schweift an mir vorbei zu den Sträuchern und wieder zurück. „Dort hinten, im Schatten?“

„Nein, Dummerchen.“ Ich verdrehe die Augen. „Natürlich nicht.“

Natürlich nicht“, wiederholt er meine Worte in einem Grollen, als hätte ich seine Gefühle gerade zutiefst verletzt. All die Jahre zu spielen, hat aus ihm einen teuflisch guten Schauspieler gemacht.

„Zu deiner Information“, sage ich mit hoch erhobenem Haupt, „ich will mir einen Prinzen fangen.“

Und darüber lacht er sich kaputt. „Du willst was?“, bellt er mittendrin und steckt die Hände in die Jeanstaschen.

Ich nagle ihn mit einem beleidigten Blick fest und grummle: „Ja, ja, schon gut. Krieg dich wieder ein, kleines Wölfchen.“ Hätte ich diesen Ausbruch kommen sehen sollen? Wahrscheinlich. Trotzdem wird er mich nicht von meinem Vorhaben abbringen. Ich habe einen Entschluss gefasst und wir ziehen das jetzt durch, egal wie lächerlich er die Idee findet.

Ich stakse zum Busch, unter den vorhin mein Korb gerollt ist, hebe die rausgefallene Flasche Wein auf und stecke sie zurück. Jack steht immer noch mitten am Weg und glotzt mich an, als hätte ich mich in einen dreiköpfigen Troll verwandelt. Ich schreite an ihm vorbei in die entgegengesetzte Richtung von Omas Haus und warte darauf, dass er mir folgt. Tut er aber nicht.

„Kommst du jetzt endlich?“, schnappe ich über meine Schulter.

Ein Moment verstreicht, bevor er sich in Bewegung setzt und zu mir aufschließt. „Wohin?“ Seine Stimme hält immer noch einen Hauch von Zweifel.

„Für den Anfang mal in den dunklen Teil des Waldes. Wo ist der?“

„Keine Ahnung.“

Ich halte an und wirble zu ihm herum. „Du weißt es nicht?!“ Völlig außer mir werfe ich die Arme samt Korb in die Luft. „Du hast eine Ewigkeit versucht, mich dahin zu locken. Was dachtest du denn, wohin wir gehen, wenn ich endlich mal Ja sage?“

Seine Augen funkeln wieder düster und ohne jegliche Belustigung. Seine Stimme wird aber hitziger, genau wie meine. „Das stand außer Frage, also musste ich mir darüber auch keine Gedanken machen.“

„Du bist ein Wolf. Streifst du nicht endlos durch diesen Wald, schnüffelst Hasen nach und markierst Bäume? Du solltest diese Gegend wie deine Westentasche kennen.“

„Ich lebe in einem Apartment über Geppettos Werkstatt im Dorf“, brummt er mich von der Seite aus an. „Ich komme nur hierher, um mit dir zu spielen.“

„Na großartig!“ Schnaubend stapfe ich weiter und entscheide mich erst mal für den Weg in den Plüschtierhain. Dort finden wir zumindest etwas, das mir helfen wird, zu bekommen, was ich will.

Jack liest vom Wegweiser ab, wohin wir gehen, und sein Temperament kühlt ab, als sich eine gewisse Neugier bei ihm ankündigt. „Hast du jetzt vor, die drei Bären zu besuchen?“

„Nein. Ich glaube nicht, dass sie eine große Hilfe sein würden.“ Ich ziehe mir die Kapuze über und grinse ihn dann unter dem roten Stoff heraus verwegen an, weil mein Plan einfach genial ist. „Aber Amors Baum steht dort.“

Jeder weiß um die Besonderheit des Baums, doch so wie Jack gerade auf der Innenseite seiner Wange herumkaut, hat er keinen blassen Schimmer, was wir dort wollen. Gut. Er würde vermutlich nur versuchen, mich aufzuhalten, wenn er es wüsste.

Beim Geräusch von plätscherndem Wasser geradeaus, erfasst mich aber dann doch auch ein mulmiges Gefühl. Der Zeitlose Fluss, der rückwärts vom Meer zur Quelle in den Marmorbergen fließt, schlägt eine Schneise durch den Wald der Morgenröte und unterteilt dadurch die verschiedensten Geschichten in ihre Bereiche. Unser Weg führt uns über eine kleine Holzbrücke. Als wir dieser näherkommen, wird Jack automatisch langsamer. Ich weiß, was ihn zurückhält – dem Zug unseres Märchens zu widerstehen, stellt auch mir die Haare im Nacken auf. Es will, dass wir umkehren und zu Ende bringen, was wir angefangen haben. Sogar der Korb in meiner Hand beginnt zu zittern und zerrt wild an meinem Arm, als wollte er uns zurufen, dass Großmutters Haus in der anderen Richtung liegt.

Ich schließe meine Finger fester um den Henkel, bleibe vor der Brücke stehen und wage einen vorsichtigen Blick in Jacks Gesicht. Schweigend starrt er auf die Grenze zwischen Brücke und Land. „Hast du Angst?“, flüstere ich und bin mir dabei gar nicht sicher, ob die Frage wirklich an ihn, oder doch eher an mich selbst gerichtet ist. Was wird wohl passieren, wenn wir den Fluss wirklich überqueren? Niemand hat bisher jemals versucht, aus seinem Märchen auszubrechen – zumindest ist niemand jemals zurückgekehrt und hätte davon berichtet. Gerüchte gehen allerdings um und die sind alles andere als kuschelig.

Jacks Blick wandert zu meiner Seite, doch der Rest von ihm bleibt wie angewurzelt. Ein Funke Ungewissheit schimmert in seinen Augen. „Und du?“

Ich schlucke. Verflucht nochmal, ja, ich habe schreckliche Angst. Aber wenn wir das jetzt nicht machen, bekomme ich nie mein Happy End. Darum ziehe ich tief die Luft ein, wobei ich ihn kaum ansehen kann, und strecke meinen Rücken durch. „Nein.“ Und mit diesem kleinen Wort mache ich einen Schritt vorwärts auf die Brücke.

Sie trägt mich, ohne vor Schreck zu zerbersten und in den Fluss darunter zu poltern. Puh! Eine Sekunde lang war ich mir echt nicht sicher. Doch bei meinem nächsten Schritt entschlüpft mir der Korb und zischt davon. „Was zum –“ Als ich mich herumdrehe, stelle ich fest, dass er direkt in Jacks Arme geflüchtet ist. Ein leises Wimmern driftet heraus.

„Jetzt hast du ihn zum Weinen gebracht“, meint Jack rührselig und drückt den Korb mit vorgetäuschtem Mitleid an seine Brust, als wäre er ein Wolfsbaby. „Ich bin sicher, er will zum Haus deiner Großmutter losfliegen. Er fürchtet sich davor, wegzulaufen.“

Mit einem Grunzen stapfe ich zu Jack zurück und reiße ihm das Weidenkörbchen aus den Händen. „Jetzt mach dich nicht verrückt! Das ist nur ein Korb!“ Ich ziehe das Spitzendeckchen runter und halte ihm ein Stück vom Kuchen hin, den ich für Oma eingepackt habe. „Siehst du? Ganz normales Essen.“ Um meinen Standpunkt zu verdeutlichen, nehme ich einen Bissen davon. Im nächsten Augenblick verdunkeln düstere Wolken den Himmel über den Baumwipfeln und ein fürchterlicher Donner grollt über uns hinweg.

Heiliger Honigtopf am Ende des Regenbogens!

„Riley?“

Mein Blick zuckt vom aufgebrachten Himmel zu einem aufgebrachten Jack.

„Du solltest den Kuchen jetzt lieber wieder in den Korb legen und zu deiner Oma bringen.“

Ich zögere. „Wenn ich das mache, führen wir weiterhin dieselben bescheuerten Unterhaltungen, Tag ein Tag aus, so lange wir leben.“ Mehr Entschlusskraft wandert in meine Stimme. „Und ich finde die Liebe niemals.“

Seine Augen betteln mich förmlich an. „Es gibt Schlimmeres.“

„Tatsächlich? Macht es dir gar nichts aus, dass dir der Jäger jedes Mal am Ende unseres Märchens den Bauch aufschlitzt?“

Seine Antwort lässt ein paar Sekunden auf sich warten, doch sein Blick bleibt unerbittlich. „Ich bin daran gewöhnt. Ich kann es ertragen.“

„Ach ja? Denn ich kann es nicht“, schnappe ich ihn an. „Ich will mehr von meinem Leben.“

Jack streckt seine Hand nach mir aus. „Gib ihn mir.“

„Nein.“ Ich trete einen Schritt zurück.

Seine Augen werden so dunkel, ich glaube, darin den Nachthimmel zu erkennen, als er brüllt: „Gib mir den verdammten Korb, Riley!“

Sein Befehl ist so fordernd, dass er mich damit beinahe wie an unsichtbaren Schnüren zu sich zieht. Aber das kann ich nicht zulassen. Wir sind schon zu weit gekommen, um jetzt noch umzukehren. Das ist meine Chance. Unsere Chance. Darum starre ich ihm genauso finster in die Augen und stopfe mir dann das ganze Stück Kuchen auf einmal in den Mund. Er bläht meine Backen so sehr auf, dass ich nicht einmal mehr kauen kann.

Beim immer lauter werdenden Donner fällt Jack auf die Knie und wirft sich in wilder Panik die Arme über den Kopf. Zum Glück zuckt kein Blitz auf uns herab. Hah! Ist das etwa schon alles? Den Korb immer noch in einer Hand strecke ich die Arme seitwärts aus und hebe den Kopf zum Himmel. Kuchenkrümel sprühen aus meinem Mund, als ich rufe: „Und was jetzt? Ich gehe nicht mehr zurück, also was willst du tun, häh?“

Ich ersticke beinahe an dem trockenen Klumpen und speichle ihn erst einmal ordentlich ein, damit ich ihn endlich schlucken kann. Junge, der ging hart runter. Ich klopfe mir auf die Brust und huste ein paar restliche Krümel hoch. Als das Krächzen schließlich vorbei ist, ist auch das Donnern zu Ende. Es fällt mir aber nur auf, weil Jack inzwischen in der Sonne kniet und nicht mehr im Schatten der Wolken. Er wagt einen vorsichtigen Blick nach oben, ehe er sich wieder zu seiner vollen, imposanten Größe aufrichtet.

„Siehst du?“, sage ich zuversichtlich und schenke ihm ein triumphierendes Lächeln. „Das war nicht das Ende der Welt.“ Ein paar Krümel kitzeln mich immer noch im Hals, darum greife ich kurzerhand in den Korb nach dem Wein. Mit den Zähnen ziehe ich den Korken aus der Flasche und spucke ihn über das Brückengeländer ins Wasser. Doch bevor der erste Tropfen Wein auch nur meine Zunge berührt, schnellt Jack nach vorn und reißt mir die Flasche aus der Hand.

„Tu das nicht“, warnt er und hält den Wein außerhalb meiner Reichweite. „Du hast vorher noch nie Alkohol getrunken, oder?“

„Nein …“ Meine Brauen fallen zu einem V zusammen, da ich den Sinn seiner Frage nicht ganz verstehe. „Warum?“

„Weil ich nicht will, dass du das“ – er fuchtelt wild mit den Armen um sich – „was auch immer wir hier gleich tun, betrunken durchziehst.“ Dann streift er sich nervös durch die gesträhnten, chaotischen Haare. Ich wette, wenn er könnte, würde er jetzt wie ein feiges Huhn nach Hause rennen. Aber wie würde es denn aussehen, wenn der große, böse Wolf den Schwanz einzieht, während ein kleines, hilfloses Mädchen fest hier stehen bleibt? Das tut er ganz bestimmt nicht. Erst sieht er mich an, dann die Flasche, und am Ende nimmt er einen großen Schluck davon. Ich weiß nicht, ob er das macht, um sich selbst zu beruhigen, oder ob er versuchen will, den Fusel zu eliminieren, ehe ich ihn wieder in die Finger bekommen kann. Doch als sein Blick auf den leeren Korb in meinen Armen fällt, entweicht ihm ein leises Stöhnen.

Ein Anflug von Niederlage streift durch seinen Blick, ehe er die Flasche einfach von der Brücke ins Wasser wirft. Sie dümpelt gemütlich auf und ab, während der Fluss sie hinfort trägt.

Einen unendlich lang erscheinenden Moment stehen wir beide einfach nur auf der Brücke und sehen uns an. Dann drehen wir uns langsam zur anderen Seite, wo sich der Plüschtierhain vor uns erstreckt.

„Du wirst uns so was von in Schwierigkeiten bringen“, meint Jack, als er schließlich vor meinem Plan kapituliert.

Ich eröffne ihm ein strahlendes Lächeln. „Seit wann hast du denn Angst vor Schwierigkeiten?“

Der Schalk blitzt in seinen Augen, als sein rechter Mundwinkel nach oben zuckt und er knurrt. Ich wusste, dass er dieser Herausforderung nicht widerstehen kann. Von einer heranrollenden Welle der Aufregung gepackt, werfe ich den Korb der Flasche hinterher, nehme Jacks Hand und ziehe ihn mit mir in ein spannendes neues Abenteuer.

 

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Na, neugierig? ^^ Die ganze Geschichte gibt’s hier!