Don’t Bite

Kapitel 1

Feuerzeuge gibt es aus einem bestimmten Grund

Quentin

 

 

„Gott! Sieh zu, dass du den Stoff aus deinem Blutkreislauf bekommst, Cynthia. Du schmeckst ja ekelhaft.“ Ich lecke den letzten Tropfen Blut, der mir entwischt ist, vom Hals unseres üblicherweise ziemlich leckeren Dienstmädchens und streife dann ein letztes Mal mit der Zunge über die beiden kleinen Einstichwunden meiner Fangzähne, damit sie schneller heilen können.

„Du kannst es rauchen, also kannst du es auch trinken“, meckert Cynthia und rutscht von meinem Schoß, wobei sie die Handvoll ihrer langen braunen Haare loslässt, die sie bis eben noch für mich hochgehalten hat, damit ich besseren Zugang zur Quelle des ewigen Lebens bekomme. „Wenn dir mein Blut nicht mehr gut genug ist, dann geh doch und beiß das Küchenpersonal.“

„Uuh, da ist aber jemand mies gelaunt“, necke ich sie. Dabei ziehe ich sie wieder neben mich auf die weiße Ledercouch und lege einen Arm locker um ihre Schultern. „Wir wissen doch beide, wie sehr du es hasst, wenn ich statt an dir, an der Köchin knabbere.“

Cynthia wirft mir einen bitterbösen Blick zu, der allerdings zum größten Teil nur Show ist. Nachdem sie nun schon seit über drei Jahren für meinen Ururgroßonkel arbeitet, ist sie es auch gewohnt, von mir ein bisschen… na ja, angesaugt zu werden. Und dem kleinen, leisen Stöhnen nach zu urteilen, das jedes Mal aus ihrer Kehle dringt, wenn ich meine Zähne in ihrer zarten Haut versenke, genießt sie auch jeden einzelnen Moment davon. Ich muss hinterher nicht einmal ihr Gedächtnis löschen, weil ihr Verstand sowieso daraufhin programmiert wurde, dass sie in der Öffentlichkeit kein Sterbenswörtchen über Vampire verlieren könnte. Und sollte sie es doch tun, würde mein Onkel sie töten.

Nicht, dass ich auch nur im Geringsten eine Ahnung davon hätte, wie man überhaupt am Verstand eines Menschen herumschraubt. Neben all den exzessiven Partys in den vergangenen beiden Jahrzehnten blieb einfach keine Zeit, um es zu lernen.

Ronin, der neue Gärtner meines Onkels, reicht Cynthia den Joint, an dem er gezogen hat, während ich an ihrem Nacken hing, doch ich schnappe ihn ihr weg, ehe sie den Shit noch einmal rauchen kann. „Ich meine es ernst. Kein Dope mehr für dich. Es ruiniert deinen Geschmack.“

Ihren Schmollmund ignoriere ich und nicke stattdessen schief grinsend Ronin auf dem Sofa gegenüber des kleinen Couchtisches zu, ehe ich meine Lungen mit dem Geschenk fülle, das er heute Nacht mitgebracht hat. Ist schon eine Weile her, seit ich zuletzt was geraucht habe, doch das berauschende Gefühl, das mir dabei in den Kopf steigt, ist herzlich willkommen.

Wenn du im Körper eines Neunzehnjährigen feststeckst und nichts auf der Welt dich umbringen kann – na ja, nichts bis auf einen Bleistift mitten durchs Herz vielleicht – hörst du ab einem gewissen Zeitpunkt damit auf, dir über einen gesunden Lifestyle Gedanken zu machen. Irgendwann machst du fast alles, um deinem niemals alternden Selbst einen Zweck und deinem unendlichen Leben einen Sinn zu geben. Und wenn dieser Sinn heute Nacht in einer Flasche Vodka oder als Joint verpackt hier hereintanzt, soll mir das recht sein.

„Ziemlich guter Pot, hm?“ Ronin schüttelt die roten Strähnen zur Seite, die ihm permanent ins Gesicht hängen. Meine Haare verlangen vermutlich genauso sehr nach einem Schnitt wie seine, aber solange meine blonden Fransen meine Augen noch nicht verdecken, lasse ich das Chaos wie es ist. Vielleicht frage ich nächste Woche mal die persönliche Assistentin meiner Tante, ob sie sie mir schneidet – und nasche hinterher ein Tröpfchen von ihr.

Die Füße auf dem Couchtisch überkreuzt, lehne ich mich zurück und nehme noch einen Zug. Gerade, als der Rauch in jedes Gefäß meiner Lungen eindringt, schwingen die Flügeltüren zu meinem Zimmer auf und krachen an die Wand. Kurz vor einer Panikattacke springe ich auf, werfe den Joint durch die offene Balkontür hinter mir und drehe mich mit verkrampft verschlossenen Lippen zu meinem wütenden Onkel um.

„Was macht ihr alle hier drinnen?“, brüllt er mit diesem dicken rumänischen Akzent, den er in über fünfhundert Jahren nicht loswerden konnte. Seine schulterlangen schwarzen Haare rahmen ein Gesicht, das heute Nacht noch viel blasser wirkt als üblich.

Der Ausdruck „wutentbrannt“ bekommt eine völlig neue Bedeutung, als der Saum seines Shirts in Flammen aufgeht. Jemand sollte ihm wohl sagen, dass er gerade dabei ist, sich selbst abzufackeln, doch ich versuche immer noch verzweifelt, den Rauch in meinen Lungen zu behalten, und kann leider den Mund nicht öffnen. Niemand will dem großen Dracula Grasrauch ins Gesicht blasen. Wirklich… niemand.

Er riecht den verbrannten Stoff aber früh genug und schlägt mit der flachen Hand die Flammen aus. Unnötig zu erwähnen, dass das ruinierte Hemd seine Stimmung nicht gerade hebt.

Ronin, der Feigling, verdrückt sich und springt dem Joint hinterher – vom Balkon des zweiten Stockwerks. Das kostet ihn vermutlich seinen Job, aber ich schätze, sein unendliches Leben ist ihm im Moment mehr wert.

Cynthia ist nicht unsterblich. Sie würde einen Sprung aus fünfzehn Metern Höhe wohl kaum überleben. Dennoch sieht sie aus, als wäre sie absolut dazu bereit, Ronin über die Balkonbrüstung zu folgen, nur, um der üblen Laune meines Onkels zu entfliehen. „Verzeihung, Mylord! Die Jungs haben mich um ein Mahl gebeten“, murmelt sie und huscht an ihm vorbei aus meinem Zimmer.

Miststück!

Onkel Vlads leicht entzündbarer Blick bleibt direkt auf mich gerichtet, weshalb ich den Rauch immer noch nicht ausatmen kann, und langsam wird mir wirklich übel. Die Lippen aufeinandergepresst, verkrampft sich meine Lunge, als ich versuche, durch meine Nase zu husten. Meine Augen fangen an zu brennen und eine trübe Wasserschicht verschleiert meine Sicht.

„Oh, um Himmels willen, jetzt lass es schon raus!“, schreit Vlad mich an und wirft dabei die Hände in die Luft.

Ich verziehe den Mund auf eine Seite und puste den Rauch aus, der wie eine Säule im Schein der Spotlichter zur Decke hochsteigt. Dann sauge ich einen tiefen, erleichternden Atemzug ein, wobei ich für keine Sekunde den Blickkontakt zu dem einschüchternden Mann vor mir unterbreche.

„Jetzt sind es also schon Drogen, wie?“, donnert seine Stimme nicht nur durch mein geräumiges Zimmer, sondern durch die ganze dreistöckige, siebenhundert Quadratmeter große Villa. „Wann wirst du endlich erwachsen, Quentin?“

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das jetzt eine rhetorische Frage ist. Erwartet er eine Antwort? Mein Kopf ist gerade ein wenig schummrig, darum kann ich ihm nur ein ratloses Schulterzucken anbieten. Ich wachse doch erst aus meiner Kindheit raus. Kein Grund zur Eile.

„Du bist mein einziger Nachfolger und es schmerzt mich auf mehr als nur einer Ebene, zu sehen, wie du meine Zeit verschwendest, dein Leben – und mein Geld!“

Okay, das war jetzt unfair. Ich kaufe einen Maserati, einen einzigen in einem ganzen gottverdammten Jahrzehnt, und werde dafür von dem Mann gerüffelt, der sechzehn der exklusivsten Autos der ganzen Welt in seiner Tiefgarage geparkt hat? Wirklich. Nicht. Fair!

„Ich arbeite hart für das Geld, das ich von dir bekomme!“, werfe ich ihm entgegen, als ich meine Stimme endlich wiedergefunden habe und trotz des pelzigen Gefühls auf meiner Zunge sprechen kann.

„Tatsächlich? Was genau tust du denn?“

„Nun ja, ich mache… Dinge… eben.“ Na, das ist mal ein Stottern, das ich wiedererkenne. Diskussionen mit dem berühmt-berüchtigten Graf Vladimir Andrei Dracula, meinem Ururgroßonkel und Clanführer von zweitausend kalifornischen Vampiren, verwandeln mich immer in einen nervösen kleinen Jungen. Gott, wie ich das hasse.

Er verschränkt die kräftigen Arme vor der Brust, wobei die sehnigen Muskeln unter den hochgerollten Ärmeln des schwarzen Shirts zucken. „Dinge?“ Oh-oh, seine Stimme ist gefährlich leise.

Klopf jetzt bloß nicht mit den Zehen auf den Boden, Onkel. Wenn er das macht, explodieren sicher gleich die Lampen über unseren Köpfen, und ich mag das Tageslichtambiente, das ich in meinem Zimmer geschaffen habe, wirklich. Es ist gemütlich.

Moment mal, das ist es! Das Licht! „Also erstens habe ich dein Haus ein wenig heimeliger gemacht.“ Gelassen schiebe ich meine Hände in die Taschen meiner blauen Jeans, die locker auf meinen Hüften sitzen. „Hier war es wie in einer verfluchten Gruft, als ich eingezogen bin. Total düster und kalt. Jetzt lebst du die ganze Nacht in künstlichem Tageslicht und die Farbtherapie tut deinem Temperament verdammt gut.“

Heilige Scheiße. Falsche Wortwahl.

Der langsame Atemzug, den Onkel Vlad macht, dauert lange genug an, um sämtliche Luft aus diesem Raum zu saugen. Und dann ist da noch dieses unheilvolle Zucken der blauen Ader in seinem Hals. Gut möglich, dass ich mich gerade in mein frühes Grab geredet habe.

Während ich mich vorsichtig hinter die Couch verziehe, lasse ich ihn keinen Moment aus den Augen. In einer Stimmung wie dieser kann es leicht passieren, dass er anfängt, Feuer zu speien – oder es zu schwitzen, wenn man das neuerliche Glimmen seines Shirts in Betracht zieht.

Doch in der nächsten Sekunde erwischt er mich kalt, als er sich tatsächlich beruhigt und eine Hand durch seine schwarzen Strähnen zieht. „Ich bin mit dir am Ende meiner Weisheit angelangt, Quentin“, sagt er in diesem resignierenden Tonfall, den er immer nur dann rausholt, wenn seine Frau in der Nähe ist. Und natürlich kommt Eleanora in diesem Moment hinter ihm zur Tür herein und reibt ihm sanft über die Oberarme. Noch nie habe ich gesehen, dass ihn jemand so sehr beeinflussen könnte, wie sie es tut. Wenn sich jemals ein Drache in ein Reh verliebt hat, dann waren es mein Ururgroßonkel Vladimir und die Frau, die er damals in siebzehnhundert-irgendwas aus den Fängen eines skrupellosen Barons befreit hat.

„Was hat er denn nun wieder angestellt?“, fragt Eleanora leise.

Onkel Vlad legt den Kopf in den Nacken und reibt sich die Schläfen. „Gras, Liebling. Er raucht Gras in unserem Haus. Und er trinkt immer noch von den Bediensteten. Wie oft muss ich ihm noch sagen –?“

„Quentin“, unterbricht ihn Eleanora sanft und sieht mich dabei über seine Schulter hinweg mit ihren großen braunen Augen an. „Du sollst deinen Onkel nicht so aufregen. Du weißt doch, wie schwer er nach einem seiner Anfälle einschlafen kann.“

Überrascht dreht mein Onkel den Kopf zu ihr und mustert sie mit einer hochgezogenen Augenbraue.

Wie nett. Sie kann all diese Dinge sagen und bekommt dafür nur ein einfaches Kopfneigen? Ich grunze. Wenn ich jemals eine Frau haben sollte, wird sie mich ganz bestimmt nicht so kontrollieren. Auf gar keinen Fall. Aber für den Augenblick bin ich einfach nur froh, dass meine Tante hier ist.

Sie streift sich ihr weißes Sommerkleid glatt und kommt hinter ihrem Ehemann hervor. Die Hände sanft auf seine Unterarme gelegt, schiebt sie ihn rückwärts zur Tür. „Komm, Schatz. Wenn du dich beruhigt hast, werden wir mit ihm reden.“

Nur noch zwei weitere Schritte und ich bin meiner Exekution entwischt. Fast schon will ich erleichtert aufatmen. Doch so weit kommt es nicht.

„Reden?“, platzt Onkel Vlad heraus und bleibt auf der Türschwelle stehen. „Ich habe zwei volle Jahrzehnte lang mit dem Jungen geredet, aber in diesen Dickschädel will einfach nichts rein!“ Er schiebt Eleanora sanft beiseite und stürmt erneut auf mich zu, doch sie ist sofort an seiner Seite und wirft sich nervös die honigfarbenen Locken über die Schulter.

Ich streife mir mit einer zittrigen Hand durch mein eigenes Haar. Vielleicht war das Dope ja ein Schritt zu viel in die falsche Richtung, aber darüber, dass ich hin und wieder am Hauspersonal knabbere, kann sich mein Onkel nun wirklich nicht beschweren. Sie bieten mir ihr Blut ja freiwillig an.

„Ich weiß, dass du den Jungen liebst wie unseren eigenen Sohn, Ellie“, knurrt Vlad. Zum Glück legt sich sein Zorn gerade wieder. „Aber eines Tages wird er der Anführer unseres Clans sein und bisher hat er noch rein gar nichts gelernt. Lily und Tristan würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie wüssten, was aus ihrem Kind geworden ist!“

„Ja, ich liebe ihn wie meinen Sohn“, schnappt Ellie unerschrocken zurück. „Und du ebenso. Versuch ja nicht, mir hier etwas anderes weiszumachen, Vladimir!“

Ha! Ich weiß, dass sie mich liebt. Mein Onkel? Darauf würde ich keinesfalls meine unsterbliche Seele verwetten.

„Und was Lily betrifft“, fährt Eleanora fort, „deine Urgroßnichte wäre bestimmt glücklich zu wissen, dass ihr einziges Kind damals nicht mit ihnen bei dem Autounfall gestorben ist, sondern weiterleben durfte.“

Natürlich kommen da noch viele weitere Urs vor dem Wort Großnichte, aber mir ist sehr wohl klar, dass Vladimir Dracula mich niemals vor dem unausweichlichen Tod als Mensch gerettet hätte, wenn in unseren Adern nicht das gleiche Blut fließen würde. Nachdem seine Schwester Cecilia als Mensch gestorben war, hatte Onkel Vlad immer ein Auge auf ihre Nachfolger gehabt. Sie waren die einzige Familie, die er noch hatte. Traurigerweise wird diese Blutlinie mit meinem Tod ein abruptes Ende finden. Vampire zeugen keine Nachkommen.

„Ellie, ich war es, der ihn verwandelt hat.“ Mein Onkel sieht sie mit schmalen Augen an. „Er hätte all meine Kräfte erben sollen, doch ich bezweifle, dass er auch nur eine Kerze mit seinen Gedanken anzünden kann. Wie soll er da jemals einen ganzen Clan beschützen? Und was ist mit seiner Ernährung? Er trinkt ausschließlich vom Dienstmädchen, der Enkelin des Butlers und, nach allem was wir wissen, deiner Assistentin. Wenn er nicht sehr bald lernt, wie man Fremde kontrolliert und beißt, ist er außerhalb dieser Mauern ein toter Mann.“

Unheil verheißend langsam dreht sich Eleanora zu mir. Erst wird ihr Blick tödlich, dann ihre Stimme. „Du trinkst von Cassandra?“

Vielen Dank, Onkel Vlad! Hetz ruhig mein Lieblingsfamilienmitglied gegen mich auf!

Mit niedergeschlagenen Lidern murmle ich: „Nur ganz wenig. Manchmal. Nicht oft, ich schwör’s.“ Mir war klar, dass Eleanora es nicht gutheißen wird, wenn sie herausfindet, dass ihre Assistentin eine meiner Blutspenderinnen ist. Darum hat Cassie auch versprochen, es geheim zu halten. Sie ist wie eine Tochter für Ellie und meine Tante würde sie mit ihrem unsterblichen Leben beschützen. Leider bedeutet das auch, Vampire von ihrem hübschen Hals fernzuhalten.

„Quentin Constantine Etheridge! Dieses Haus ist kein All-You-Can-Eat Buffet!“, donnert meine Tante. „Du wirst gefälligst aufhören, an meiner P.A. zu nuckeln, ist das klar?!“

Ich scharre mit der Fußspitze auf dem Parkett und senke den Kopf dabei. „Ja, Ma’am.“

„Gut. Und jetzt geh… räum dein Zimmer auf oder mach sonst irgendetwas Nützliches!“

„Das ist alles? Räum dein Zimmer auf?“, hakt Onkel Vlad ungläubig ein. Hätte ich vielleicht auch gemacht, aber ich weiß ja, dass das hier schon das höchste Ausmaß an Wut war, zu dem Tante Ellie imstande ist. Man kann aus einem Reh keinen Dinosaurier machen, nur weil man es in einen Vampir verwandelt. Leider kann man das mit einem Drachen sehr wohl.

„Siehst du, das ist genau das Problem!“, rastet mein Onkel nun aus. „Der Junge kommt mit allem davon. Aber nicht dieses Mal!“ Mit nur einem Blinzeln schleudert er die Couch, die bisher wie eine schützende Barriere zwischen uns stand, aus dem Weg und sie kracht in mein Bett. „Wir haben dich über zwanzig Jahre lang verhätschelt. Damit ist jetzt Schluss! Hiermit verbanne ich dich aus diesem Haus!“

„Was?“, rufen Eleanora und ich gleichzeitig.

„Ich schicke dich nach Europa. Noch heute Nacht. Dort wirst du lernen, ein richtiger Vampir zu sein. Und du wirst es schnell lernen.“

„Europa? Was zur Hölle ist denn in Europa?“ Ich bin mir ziemlich sicher, dass es keine Vampirakademien im richtigen Leben gibt.

„Mein altes Zuhause. Burg Poenari. In Rumänien.“

„Du meinst… Schloss Dracula?“ Ich schlucke.

Im selben Moment wird meine Tante bleich. „Liebling“, haucht sie leise. Dabei klingt sie zu Tode erschrocken. „Wir haben keine Freunde in der Walachei. Dort wird er keine Bediensteten haben, die ihn tagsüber unterstützen.“

„Er wird Diener finden, genauso wie ich damals. Wenn er ein wahrer Nachfahre meiner Blutlinie ist, wird er seinen Weg alleine machen.“ Sein zornentbrannter Blick fällt wieder zu mir. „Ein Informant hat mir berichtet, dass sich ein wild gewordener Wolf in den Wäldern Transsilvaniens versteckt hält.“

„Ein Werwolf?“

„Exakt. Es scheint, als wäre er dem Blutrausch verfallen.“

Warum um alles in der Welt will mich mein Onkel an einen Ort schicken, an dem ein menschenfressendes Monster sein Unwesen treibt? Schon klar, Vampire sind diesen Viechern auf vielen Ebenen überlegen, aber ein Werwolfbiss ist dennoch tödlich für einen Vampir. Und ziemlich schmerzhaft obendrein, wie ich gehört habe.

„Unsere Gesetze untersagen es allen Schattenweltlern, Aufmerksamkeit auf unsere Existenz zu ziehen. Das ist eine gute Möglichkeit, um dich als mein rechtmäßiger Nachfolger würdig zu erweisen. Zeig mir, dass du in dir trägst, was nötig ist, um der Anführer unseres Clans zu werden, und du kannst heimkehren. Aber nicht ehe du den besessenen Wolf gefunden und zur Strecke gebracht hast.“ Vlad verschränkt die Arme und zieht die Augenbrauen gefährlich nach unten. „Habe ich mich klar genug ausgedrückt?“

„Aber ich – ich kann nicht weg! Ich habe Freunde hier. Und… und das ist mein Zuhause.“ Ich schwenke die Arme über den kombinierten Wohn- und Schlafbereich und halte sie dann vor Ellie und Vlad ausgestreckt. „Ihr seid die einzige Familie, die ich habe.“

„Das ist wohl wahr. Und du musst lernen, deine Familie und Freunde zu beschützen. Doch vor allem musst du lernen, dich selbst durchzukämpfen. Was ist, wenn deiner Tante und mir einmal etwas zustoßen sollte? Wir sind vielleicht nicht bis in alle Ewigkeit hier, um uns um dich zu kümmern.“

„Aber – aber, Onkel –“ Verdammt, was kann ich nur sagen, um ihn umzustimmen? Kalifornien ist meine Heimat. Ich will nicht nach fucking Sibirien, oder wo auch immer dieses verlassene Schloss steht.

„Spar dir dein aber Onkel! Die Entscheidung ist gefallen! Und jetzt pack ein, was du für die nächsten Wochen brauchst, und mach dich für die Reise fertig. Reginald wird inzwischen deinen Sarg vorbereiten.“

Mein Kinn knallt auf meine Brust. „Du willst mich in eine Leichenkiste stecken?“

„Wie sonst willst du nach Europa kommen? Hast du vor, dich in ein Flugzeug zu setzen und vor den Augen von zweihundert Leuten im Sonnenlicht zu Staub zu zerfallen?“

Vermutlich besteht keine Chance, einen Nachtflug nach Schloss Dracula zu bekommen. „Dann lass mich wenigstens mit dem Schiff fahren. Dort kann ich mich tagsüber verstecken.“

„Nein. Reginald begleitet dich und ich kann nicht wochenlang auf ihn verzichten. Er bringt dich zum Schloss und wird umgehend zurückkehren.“

„Du willst mich wirklich mutterseelenallein in eine gruselige Ruine abschieben? Wie soll ich dort denn ohne jede Hilfe überleben?“

„Das, mein lieber Neffe, wirst du wohl alleine herausfinden müssen.“

Der große Dracula hat gesprochen.

Ich verdrehe die Augen und lasse mich auf die Couch fallen, die Ronin vorhin so fluchtartig verlassen hat. „Wenn du mich so sehr hasst, warum hast du mich dann nicht gleich in dem Autowrack verbrennen lassen? Damit hättest du dir wohl einen Haufen Ärger erspart.“

Onkel Vlad starrt mich lange an, wobei in seinem Blick so etwas Ähnliches wie Mitgefühl liegen könnte, aber bei seinen brennend dunklen Augen bin ich mir da nicht so sicher. „Das ist nur zu deinem Besten.“

„Zu meinem Besten?“ Ha! „Was würdest du denn dann bitte tun, wenn du mein Schlimmstes wolltest?“

„Ich würde dich bei lebendigem Leibe begraben, damit du bis in alle Ewigkeit von unstillbarem Hunger gequält wirst. Aber das ist nicht der Punkt.“ Er macht einen Wink mit der Hand und kommt auf mich zu. Der Teil meiner Couch, der vorhin in mein Bett gekracht ist, kehrt wie an unsichtbaren Seilen herangezogen zurück und Vlad lässt sich anmutig darauf nieder.

Eleanora setzt sich neben ihn und hängt dabei immer noch an seinem Arm. „Schatz, sei bitte nicht so streng mit ihm. Diese harte Strafe hat er nicht verdient.“

„Denkst du ernsthaft, er kann in einem Haus zu einem fähigen Anführer heranwachsen, in dem er von allen immer nur wie ein Kleinkind behandelt wird?“

„Wir können doch neue Regeln aufstellen“, bittet sie.

Vlad tätschelt ihre Hand auf seinem Arm. „Regeln, die er zweifellos brechen würde, ehe die Woche vorüber ist, Liebes. Das weißt du genauso gut wie ich.“

Da dies nicht das erste Mal ist, dass wir uns über Regeln unterhalten, kann ich ihm nicht einmal widersprechen. Was immer ich jetzt auch sagen würde, um mich zu verteidigen, würde ohnehin in einem neuerlichen Wutausbruch enden. Schweigen scheint mir im Moment der diplomatischste Weg zu sein und ein verletzter Blick zu meiner Tante könnte auch ganz hilfreich sein.

„Sieh nur“, sagt sie. „Es tut ihm bereits leid. Gib ihm doch noch eine Chance.“

Ja, gib mir noch eine Chance, um Blutes willen!

„Na schön.“

Wie bitte? Ich richte mich auf. Hat er wirklich gerade nachgegeben?

Onkel Vlad lässt seinen Blick von mir zu Ellie schweifen und wieder zurück zu mir. Dann greift er nach der Zündholzschachtel auf dem Couchtisch und nimmt ein Streichholz heraus. Dieses hält er mir unter die Nase. „Zünde es an.“

Ich blinzle ein paarmal. „Entschuldigung, was?“

„Wenn du dieses Streichholz anzünden kannst, darfst du bleiben. Dann kannst du beweisen, dass du bereit dazu bist, all die Kräfte kontrollieren zu lernen, die du von mir bekommen hast.“

„Okaaay…“ Die Sache hat doch sicher einen Haken. Ich suche nach Hinweisen darauf in seinen Augen, doch seine eisernen Gesichtszüge verraten exakt null. Also greife ich nach dem Streichholz.

Onkel Vlad zieht seine Hand weg. „Nein. Mit deinen Gedanken.“

Und hier ist er. Mein Magen rutscht zwischen meine Knie. Vladimir Dracula kann allein durch seine Willenskraft ganze Städte niederbrennen. Er spielt mit Feuerbällen, wenn er in Gedanken versunken ist, und in den vergangenen zehn Jahren hat er nicht ein einziges Mal ein Streichholz verwendet, um den Kamin anzufachen.

Ich hingegen bin der Meinung, dass es Feuerzeuge nicht ohne Grund gibt. Noch nie habe ich auch nur etwas Annäherndes mit der Kraft meiner Gedanken zustande gebracht.

„Nun?“, fordert er mich auf und hebt dabei die Augenbrauen an.

Also gut. Jetzt reiß dich zusammen, Quentin! So schwer kann das doch nicht sein. Ich hole tief Luft, schiebe die Ärmel meines weißen Hoodies nach oben, stütze meine Ellbogen auf die Knie und konzentriere mich stark auf den kleinen roten Kopf des Streichholzes. Meine Hände ballen sich zu Fäusten. Meine Zähne knirschen aufeinander und meine Augen springen wohl jede Sekunde aus ihren Höhlen, doch das verfluchte Stück Holz will einfach nicht in Flammen aufgehen.

Ich funkle es noch finsterer an. Von der Anstrengung verkrampfen sich schon die Muskeln in meinem Nacken. Herrgott, mit dieser geballten Ladung Willenskraft sollte ich bereits Laser aus den Augen schießen. Feuer! befehle ich. Brenne! Brenne, du verdammtes kleines Scheißding! Brenne, brenne, brenne!

Ein fieses Grinsen kriecht meinem Onkel ins Gesicht. „Wenn du, was auch immer du da gerade machst, noch ein bisschen länger treibst, sprengst du dich gleich selbst in die Luft.“

Ich gebe all die Anstrengung auf und lasse mich zurück in die Couch sinken. „Ja, ja, sehr witzig!“

„Es ist witzig.“ Im nächsten Moment löst sich sein spöttisches Schmunzeln in Luft auf. „Jetzt geh und pack deine Sachen! Du wirst noch vor Sonnenaufgang aufbrechen.“ Er erhebt sich von der Couch und schreitet zur Tür. Eleanora folgt ihm und wirft dabei einen mitleidigen Blick zu mir zurück.

„Gibt es in dieser verfluchten Ruine wenigstens WLAN?“, grummle ich ihnen hinterher.

Über mir explodieren die Spotlights und prasseln in tausend kleinen Glasscherben in der Dunkelheit herab.

Das heißt dann wohl Nein.

 

Kapitel 2

Wir führen keine gefrosteten Menschen

Quentin

 

 

Ich habe die Staaten noch niemals verlassen. Darum musste ich bis heute auch noch nie in einem gottverdammten Sarg reisen. Normalerweise können wir Nachtflüge buchen oder mit dem Wagen innerhalb des Landes überall hingelangen. Aber Rumänien – mit einer Zwischenlandung in Paris? Unmöglich. Also liege ich nun hier, fest verschlossen in diesem winzig kleinen Ein-mal-zwei-Meter-Gefängnis und bereits nach dem holprigen Start ist mir klar, dass dies die schlimmsten achtzehn Stunden meines Lebens werden. Hier drinnen würde echt jeder Platzangst bekommen.

Hoffentlich hat Onkel Vlad ein paar schlaflose Jahre für das hier.

Zumindest habe ich mein Handy. Das bisschen Licht, das es ausstrahlt, ist das Einzige, was mich in dieser hölzernen Zelle noch bei Verstand hält. Das und die Chance, mir die Zeit auf Twitter zu vertreiben. Soll er dafür in der Hölle schmoren! #unbequem #Werbrauchtschonfamilie war mein letzter Tweet vor dreißig Minuten.

Wir müssen uns gerade irgendwo über dem Atlantik befinden und der Morgen bricht bald an. Ich werde müde, zum Glück, darum schließe ich die Augen. Schlaf ist die beste Art, diese Reise zu überstehen. Weil ich dann nämlich in eine todesähnliche Starre verfalle, kann ich mich wenigstens nicht ins Koma atmen und das bisschen Luft im Sarg für später aufheben. Nicht, dass ich ohne Luft hier drinnen ersticken würde, aber der Schmerz in den Lungen würde mich bestimmt in den Wahnsinn treiben.

 

*

 

Eine starke Erschütterung des Sargs weckt mich auf. Kann es sein, dass ich den ganzen Flug bis nach Paris durchgeschlafen habe und wir schon den Flieger wechseln? Leider besteht keine Chance, den Deckel auch nur minimal anzuheben, da er mit Gurten niedergespannt wurde. Die Leiche soll unterm Flug ja nicht rausfallen. Und kurz mal die Glieder strecken, geht hier drinnen auch nicht.

Ich taste die gepolsterte Innenseite nach meinem Handy ab, um nachzusehen, wie spät es ist, doch als ich einen Knopf drücke – egal welchen – bleibt das Display schwarz wie die Seele meines mitleidlosen Onkels. Echt jetzt? Der Akku ist leer? Gerade jetzt, in meiner absolut schlimmsten Misere überhaupt? Passt ja.

Mit einem Schnauben stelle ich fest, dass wir uns wieder in Gang setzen, also bereite ich mich auf einen weiteren polternden Start vor. Doch der kommt nicht. Wir bewegen uns nur vorwärts, nicht nach oben. Es handelt sich hier also entweder um die längste Rollbahn der Welt, oder wir fahren eine Straße entlang. Ich muss Paris komplett verschlafen haben und wir sind bereits in Rumänien gelandet. Onkel Vlad meinte, Reginald wird für das letzte Stück der Strecke einen Leichenwagen mieten, daher bringt es mir wohl wenig, nach ihm zu rufen. Vorne am Steuer hört er mich sowieso nicht.

Nach einer polternden Fahrt, die mir üble Kopfschmerzen beschert hat, kommt die Reise zu einem abrupten Ende. Zehn Minuten später folgt ein Geräusch, das wohl bedeutet, dass die Gurte gelöst werden. Endlich öffnet Reginald den Sarg. Wird auch Zeit, alter Mann!, will ich ihn anschnauzen, doch der erste belebende Atemzug ist zu wertvoll, um ihn an den Butler zu verschwenden.

„Guten Morgen, Master Quentin“, begrüßt er mich mit dem üblichen emotionslosen Blick unter seinen buschigen Augenbrauen hervor. „Wir sind angekommen.“

Ich erhebe mich aus meiner Schlafposition, steif und voller Schmerzen. Jedes Gelenk knackt bei der langersehnten Dehnung.

„Wir müssen uns beeilen“, teilt mir Reginald mit. „Die Sonne wird in ein paar Minuten aufgehen und wir müssen noch Ihren Sarg hineintragen. Das Gepäck habe ich bereits in die Halle des Westflügels gebracht.“

„Der Westflügel, ha?“, raune ich mit leichtem Sarkasmus. Wie groß kann so ein uraltes Schloss im Niemandsland schon sein? Ist vermutlich ein etwas größerer Schuppen mit Dachboden. Reginalds missbilligender Blick juckt mich nicht. Ich klettere aus meinem Sarg und zwänge mich im niedrigen Leichenwagen gebückt an ihm vorbei ins Freie.

Vor mir erstreckt sich eine endlos weite Landschaft mit einem kleinen Dorf am Fuße des Hügels, auf dem wir uns befinden. In weiter Ferne reichen die Berge so hoch in den Himmel, dass auf den oberen Hälften keine Häuser mehr zu sehen sind. Nur steile Felswände und hier und da mal ein Baum oder drei. Vampiraugen sehen besser als jedes Fernglas der Welt.

Die aufgehende Sonne berührt bereits die Bergspitzen und das goldene Licht breitet sich rasch über den Boden aus. Was auch immer sich hinter mir befindet, wirft einen mächtigen Morgenschatten über das verträumte Dorf etwa eine Meile unter uns.

Ich gehe um den schwarzen Leichenwagen herum und hebe den Kopf. Dabei lande ich beinahe auf dem Hintern und meine Augen werden tellergroß. Heilige Fledermauskacke! Das ist kein Schloss, das mein Onkel im späten fünfzehnten Jahrhundert hier am Laufen hielt. Es ist eine verfluchte Stadt!

„Ich konnte das Tor nicht weiter öffnen, sonst hätte ich den Wagen direkt bis zum Eingang gefahren, Master Quentin“, entschuldigt sich Reginald, als er auf dem Kiesweg zu mir kommt, der entlang der Steinmauer das ganze Schloss umringt. Er ist nicht mit übermenschlicher Stärke gesegnet, eine weitere Besonderheit, die Vampiren zu eigen ist.

Mit einem leichten Schubs öffne ich das eiserne Tor und mache ein paar Schritte auf das Grundstück. Gras, Büsche und Bäume überwuchern alles von hier bis zur massiven schwarzen Doppeltür der Burg. Sie ist aus dickem Holz mit eisernen Verzierungen und steht einen Spalt offen. Während der vergangenen fünfhundert Jahre hat die Vegetation diesen Ort unter sich verschlungen wie Schimmel ein altes Stück Brot.

Und hier soll ich wohnen? Wo zur Hölle ist der Strand? Der Swimmingpool? Die Garage, in Draculas Namen?

Ein lautes Poltern hinter mir reißt mich aus meinen Gedanken. Ich zucke herum und sehe, dass Reginald kurzen Prozess mit meinem Sarg gemacht hat, als er ihn alleine aus dem Leichenwagen gezogen hat. „Hey! Vorsicht damit!“, grummle ich. „Den brauche ich noch für die Heimreise.“ Wie schwer kann es schon sein, einen Wolf zu töten? Mit etwas Glück bin ich vor dem Wochenende wieder hier raus.

Gemeinsam tragen wir den Sarg zum Eingang. Dabei knirschen die Kieselsteine durch das Extragewicht schaurig unter unseren Füßen. Ich setze ihn ab und klopfe erst mal vorsorglich an die Tür, wobei ich durch den Spalt hineinschiele. In den ersten Monaten nach meiner Verwandlung bin ich in mehrere unsichtbare Barrieren gelaufen, selbst wenn die Tür zu einem Haus sperrangelweit offenstand. Das ist ein weiterer kleiner Nachteil daran, ein Vampir zu sein. Man kann nicht einfach in irgendwelche fremden Häuser spazieren. Die Bewohner müssen einen immer zuerst hereinbitten. Es gibt noch einige weitere Regeln, die mir Onkel Vlad im Vampir-Einmaleins beigebracht hat, aber das ist inzwischen schon so lange her, dass mir auf die Schnelle nur noch die allergische Reaktion auf Knoblauch einfällt. Und – natürlich – die kleine Sache mit dem Holz, das ziemlich schmerzhaft werden kann, wenn es uns in irgendwelche Körperteile gerammt wird. Keine Rückkehr, wenn es durchs Herz geht.

„Hallo?“ Meine Stimme hallt durch die Gemäuer.

Neben mir räuspert sich Reginald leicht. „Sie sind ein direkter Nachfahre der Blutlinie Dracula, Master Quentin“, sagt er mit einem belehrenden Tonfall. „Sie können die Burg auch ohne Einladung betreten.“

Aha. Ich werfe ihm einen geringschätzigen Blick zu und drücke dann die schwere Holztür weiter auf. Drinnen ist es dunkel, bis auf die einsame Kerze, die auf einem runden Tischchen nahe der steinernen Wand steht. „Hast du die angezündet?“, frage ich den Butler und drehe mich wieder zu ihm.

„Ja, Master. Ebenso habe ich alle Vorhänge im Westflügel zugezogen, damit Sie sich frei bewegen können, ohne von der Sonne verbrannt zu werden.“ Bei diesem Stichwort schubst er mich über die Schwelle, gerade als die Sonne über den höchsten Turm der Burg blinzelt und das viele Grün rundherum dabei zu einem saftigen Leuchten bringt. Ich weiche noch weiter zurück und flüchte in absolute Sicherheit. Nach einer Wette mit Ronin, bei der er mich einmal dazu gebracht hat, meine Hand ins Sonnenlicht zu halten, weiß ich, wie es sich anfühlt, wenn einem das Fleisch von den Knochen brennt. Würde ich jetzt nicht unbedingt weiterempfehlen. Es lag einzig an unserer Fähigkeit, übermenschlich schnell zu heilen, dass meine Hand innerhalb weniger Stunden wieder wie neu war.

Reginald schleppt meinen Sarg in die große Halle und lässt ihn ohne jeglichen Respekt vor meinem Eigentum einfach dort fallen. „Willkommen auf Schloss Dracula, Master Quentin. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.“

Ist es nicht schön, wenn ein sechsundachtzigjähriger Mann seinen verstaubten Humor ausgräbt? „Nicht witzig, Reg. Wo ist das Essen?“ Mein Magen knurrt schon, seit ich aufgewacht bin und dachte, wir sind in Paris.

„Nun, wenn Sie Glück haben, finden sie vielleicht eine Blutwurst irgendwo in der Küche. Oder auch nicht.“

Er genießt mir das hier ein klein wenig zu sehr. Zähneknirschend stemme ich die Hände in die Hüften. „Wo ist das lebende Essen?“ Er weiß genau, dass ich zum Frühstück nur warme Menschen vertrage. „Das Personal!“

„Ah. Ich nehme an, Ihr Onkel und Ihre Tante haben Sie darüber informiert, dass es in diesem Schloss kein Personal gibt. Sie müssen wohl runter in die Stadt gehen und für sich selbst sorgen.“

„Die Sonne ist bereits aufgegangen“, stelle ich mit einem verschrobenen Blick klar.

„Gut beobachtet, Master Quentin. Dann schlage ich vor, Sie warten bis zum Abend, ehe Sie nach draußen gehen. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen, der Heimweg ist lang und ich muss einen Flug erwischen.“

Oh, was für ein warmherziger alter Mann. Ich konnte ihn noch nie leiden. Andererseits hatte ich noch nie wirklich viel mit ihm zu tun. Er ist ausschließlich der Diener meines Onkels. Dass Vlad Reginald mit mir schicken würde, hat mich schon in dem Moment überrascht, als er es erwähnt hat. Die ganze Sache muss ihn wohl sehr amüsieren.

Anstatt hier so nutzlose Sprüche rauszuhauen, sollte mich Reg lieber an seine Ader lassen. Es wäre zwar das erste Mal überhaupt, dass ich von einem Mann trinken müsste, und ganz bestimmt schmeckt er bereits nach Verwesung, aber altes Essen ist besser als gar kein Essen. „Bezahlt dich mein Onkel dafür, dass du so widerlich bist?“, brumme ich.

Reginald schmunzelt. „Er hat in der Tat so etwas wie einen Bonus erwähnt.“

„Komm schon, Reg. Ich habe Hunger“, jammere ich und trete um den Sarg herum, der zwischen uns steht. Doch der alte Mann überrascht mich, als er seinen langen Mantel zur Seite klappt und eine gottverfluchte Armbrust herauszieht.

„Er hat auch gesagt, ich soll Ihnen in die Brust schießen, wenn Sie versuchen, mich zu beißen.“

„Ernsthaft?“ Ich erstarre an Ort und Stelle, widerstehe aber dem Drang, meine Hände ergebend zu heben. Stattdessen zeige ich mit dem Finger auf ihn. „Das ist so ein Haufen Fledermauskacke und das weißt du. Wenn du wieder zu Hause bist, richte meinem Onkel aus, dass ich hoffe, er wird dafür in der Hölle schmoren.“

„Ich bin mir sicher, das weiß er schon von Ihrem letzten Eintrag auf Twitter, Master Quentin. Ich sollte wohl hinzufügen, dass die neuen Befehle kamen, nachdem Sie #Werbrauchtschonfamilie getwittert haben.“ Seine Augen knittern an den Rändern durch sein höhnisches Grinsen. „Übrigens sollten Sie auch wissen, dass Ihr Onkel letzte Nacht ein Verbot an den gesamten Clan ausgesendet hat. Während Ihrer Zeit hier in Rumänien ist es keinem Ihrer Freunde erlaubt, Sie zu kontaktieren oder auch nur auf Ihre Nachrichten zu antworten. Sie sind hier oben auf sich alleine gestellt.“

Ein abschätziges Lachen dringt aus meiner Kehle. „Und du denkst, daran wird sich auch nur einer von ihnen halten?“

„Sie wären lebensmüde, wenn nicht.“

Da ist gerade nicht der kleinste Funken Humor in seiner Stimme. Shit! Ich bin verloren.

Er dreht sich um und schlurft zur Tür hinaus, zieht diese mit lautem Knall hinter sich zu und lässt mich mit meinem Sarg allein an diesem befremdlichen Ort.

Deprimiert und hungrig seufze ich laut. In einem Schloss gefangen zu sein, das nach Tod und Moder stinkt, ist nicht gerade meine Vorstellung von einem netten Sommerurlaub. Was aber noch schlimmer ist: Ich bin absolut nicht müde. Normalerweise ist das die Zeit, wenn Vampire ins Bett gehen und die Sonnenstunden verschlafen, doch dieser bescheuerte Jetlag hält mich hellwach. Da kann ich mir selbst auch gleich eine Tour durch das Haus Dracula geben.

Ich nehme die Kerze vom niedrigen, runden Tisch hoch. Die Flamme leuchtet nicht mehr als einen Zwei-Meter-Radius aus, aber selbst mit dieser kleinen Lichtquelle erledigen meine Vampiraugen den Rest.

Scheiße, ich befinde mich im Inneren eines Felsen! Alles hier ist aus dunklem Stein. Die Wände, der Fußboden, die weite Treppe in den ersten Stock. Nur die Türen, die in weitere Räume dieser Gruft führen, sind aus massivem Holz. Schwarz wie die Nacht, sollte ich dazu erwähnen. Mit all der depressiven Farbe hier drinnen verstehe ich langsam, warum Onkel Vlad in den vergangenen Jahrhunderten so mies gelaunt war. Ich frage mich, wie lange es dauert, bis ich hier durchdrehe und anfange, mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen.

Ich öffne einige der Türen und spähe kurz mal rein. Hinter einer verbirgt sich die Küche, in der bestimmt keine Tiefkühl-Menschen aufbewahrt werden. Schwarze Vorhänge so dick wie Schiffssegel verbergen die Fenster – die gleichen wie draußen in der großen Halle, in der Bibliothek, dem Waschraum und der Bedienstetenkammer. Hinter der Treppe ist noch eine weitere Tür versteckt. Diese ist allerdings aus handfestem Eisen anstatt Holz und gar nicht mal verschlossen, wie ich auf den ersten Blick vermutet hätte.

Mit aller Kraft halte ich meinen nicht-existierenden Enthusiasmus im Zaum und öffne die schwere Tür, um zu sehen, was dahinter ist. Hmm, jedenfalls ist es kein Zimmer. Stattdessen führt dahinter eine enge Treppe nach unten. Spinnweben hängen von der Decke. Weil die Treppe gewunden ist, kann ich nicht erkennen, was dort unten ist, doch als eine Ratte die Stufen heraufspringt und auf mich zustürmt, knalle ich die Tür zu und drücke mich mit dem Rücken dagegen, wobei mir ein leicht hysterischer Schrei entweicht.

Ungeziefer. Na großartig.

Am Ende meiner Exkursion durch das Erdgeschoss jenes Schlossteils, den Reginald als den Westflügel bezeichnet hat, steige ich die dominierende Treppe hinauf und ziehe dabei meinen Rollkoffer, den Reg vor den Stufen für mich abgestellt hat, hinter mir her. Hier oben müssen sich die Schlafzimmer befinden und ich habe vor, in das größte einzuziehen.

Oben verläuft der Gang in zwei Richtungen von der Treppe weg, mit Fenstern auf einer Seite des Korridors und mehr Türen auf der anderen. Hier wird ebenfalls jeder kleine Lichtschein von draußen durch diese dicken Leinenvorhänge ausgesperrt. Ich kundschafte drei Schlafzimmer aus, ehe ich das passende finde und für mich beanspruche. Darin steht ein großes Himmelbett mit dunkelroten Samtbahnen, die zur Seite gebunden sind. In die Wand gegenüber der zwei riesigen Fenster, vor die ebenfalls dicke Vorhänge gezogen wurden, wurde ein Kamin geschlagen und ein Regal, vollgestopft mit uralten Büchern, ist neben der schweren Kommode angebracht.

Eine Porzellanschüssel und ein Krug stehen darauf, die mich daran erinnern, dass ich noch gar kein Badezimmer in diesem Pseudohotel entdeckt habe. Eine Dusche ist wohl zu viel verlangt, nehme ich an.

Onkel Vlad reibt sich in unserem gemütlichen Zuhause drüben in Kalifornien sicher gerade vor Spott die Hände und findet es wohl witzig, dass ich mein tägliches Bad im eiskalten Schlossteich nehmen muss. Zähneknirschend schleife ich den Koffer rüber zum Bett, stelle die Kerze auf den Nachttisch und mache einen Hechtsprung mit Bauchlandung aufs Bett. Jahrhundertealter Staub steigt dabei rund um mich auf und trübt mir kurzzeitig die Sicht. Ich huste, bis sich die Wolke wieder gelegt hat und ich einen kleinen Atemzug voll klarer Luft erwische. Dieses gruselige Schloss birgt tatsächlich jedes Detail eines Frankensteinfilms.

Was bin ich doch für ein Glückspilz! Wenn sie wenigstens die guten Stellen nicht ausgelassen hätten, wie das junge, weibliche Personal, das ich vernaschen könnte.

Und dann höre ich es plötzlich. Das Summen eines Mädchens.

 

Kapitel 3

Zombie-Apokalypse

Abigail

 

 

Ich lasse meinen Koffer vor dem Holzrahmenbett fallen und laufe zu dem uralten zweiflügeligen Fenster. Nach leichtem Fummeln an dem rostigen Griff bekomme ich es endlich auf und eine warme Sommerbrise weht mir um die Nase. Wie sehr habe ich diese Hügel und gräsernen Meere Rumäniens doch vermisst. Ich lehne mich soweit nach draußen, wie es geht, ohne zu fallen, und atme so tief ein, dass sich meine Lungen bis zu einem schmerzhaften Punkt ausdehnen.

„Das ist schon was ganz anderes, als der Smog, den ihr in Norwich habt, nicht wahr?“, ruft meine Großmutter aus dem Garten zu mir hoch, wo sie gerade ihre drei Ziegen melkt. Ihr Englisch ist schwerfällig und wenn sie das Wort Smog sagt, klingt es eher wie Schmugg, aber ich bin heilfroh, dass sie meine Sprache überhaupt spricht, denn so gerne ich meine Sommerferien auch immer hier in Ardeal verbringe, Rumänisch zu lernen, hat es bisher noch nie auf meine To-Do-Liste geschafft.

Als Antwort bekommt sie nur mein Grinsen, dann stelle ich mich vor den rechteckigen Spiegel an meiner Zimmertür und streife mir die schulterlangen, fransigen Haare zu einem Pferdeschwanz zurück, den ich mit einem Gummiband aus meiner Hosentasche befestige. Einige der dunkelblauen Strähnen, die durch mein schwarzes Haar gewoben sind, schlüpfen dabei heraus und streicheln meinen Nacken. Ich puste mir die Stirnfransen aus den Augen und husche dann über die knarrende Holztreppe dieses alten Lehmhauses nach unten und raus zu Nana in den Garten. Auf der anderen Seite von Esther, der weißen Ziege, setze ich mich auf einen Schemel und schlage vor: „Lass mich das machen. Du kannst inzwischen reingehen und dich ein wenig ausruhen.“

Obwohl meine Großmutter aufhört, Esthers Euter zu massieren, lässt sie es dennoch nicht los. Stattdessen beugt sie sich nach unten, sodass sie unter dem runden Bauch der Ziege zu mir herüberlinsen kann. „Sehe ich etwa wie ein altes, schwaches Weib aus, mein Kind?“

Sie ist klein, ihre Brüste hängen unter dem einfachen schwarzen Kleid bis zu ihrem Bauch, ihr Haar ist zu diesem typischen Salz-und-Pfeffer-farbenen Dutt gebunden, der an ihrem Hinterkopf festgeklebt scheint, seit ich fünf bin, und sie trägt immer noch diese uralten Holzschuhe aus längst vergangenen Tagen. Aber nein… sie sieht nicht im Geringsten wie ein altes, schwaches Weib aus. Tatsächlich würde niemand, der sie in ihrem von einer Steinmauer umrandeten Garten herumwuseln sieht, auch nur für eine Sekunde glauben, dass sie bereits drei Ehemänner und zwei ihrer eigenen Kinder überlebt hat und im kommenden Herbst ihren siebenundneunzigsten Geburtstag feiert. Manche sagen, nur Hexen würden in dem Alter noch so quietschlebendig durchs Leben springen. Aber mir ist das egal. Sie macht den besten Apfelstrudel der Welt!

„Nein, Nana. Natürlich nicht. Ich wollte nur –“

„Du machst dir Sorgen, dass deine alte Großmutter durch ein bisschen Ziegenmelken tot umfallen könnte“, zieht sie mich auf und schenkt mir ihr faltiges Grinsen. „Geh schon und pack deine Sachen aus, Abby. Und dann lauf los, damit du vor dem Mittagessen wieder zurück bist.“

„Loslaufen? Wohin?“

Sie richtet sich wieder auf und knetet weiter an den Zitzen der grasfressenden Ziege, doch ihr Kichern kann ich trotzdem hören. „Denkst du, ich habe vergessen, was du immer zuallererst in jedem Sommer machst, wenn du mich besuchen kommst? Rauf zu Emilia Dalcas Pferdekoppel natürlich. Ich habe gehört, ihre weiße Stute hat vor drei Wochen ein Fohlen bekommen.“

Oh. Natürlich. Das ist es, was Nana glaubt, dass ich jeden Sommer gemacht habe, wenn ich morgens das Haus verlassen habe und irgendwann kurz vor Anbruch der Dunkelheit zurückgekommen bin. Aber offen gesagt interessieren mich diese Pferde nicht die Bohne.

In Wahrheit bin ich jedes Mal rauf zu dem dunklen Schloss auf dem Berg Cetatea gelaufen. Nanas kleines Heimatdorf liegt direkt am Fuße des Hügels. Mit geneigtem Kopf blicke ich in die Ferne. Wir sind so nahe am Plateau, dass man von hier aus sogar den Westturm erkennen kann. Der Anblick reicht, um mir ein aufgeregtes Seufzen zu entlocken, doch das darf Nana nicht wissen. Sie würde mich den ganzen Sommer lang in meinem Zimmer einsperren, wenn sie herausfindet, dass ich die meiste Zeit meiner Tage in Rumänien in einer alten, verlassenen Burg verbracht habe, die ihrer Meinung nach verwunschen ist. Diese schlafenden Hunde wecken wir lieber nicht auf.

Die einzige Person, die mein Geheimnis kennt, ist Rosemarie. Meistens haben wir uns zu zweit dort oben in den modrigen Gemäuern rumgetrieben oder einfach im verwilderten Schlossgarten abgehangen. Man sagt, die Burg habe mal einem echten Vampir gehört. Dem berühmt-berüchtigten Graf Dracula.

In all den Jahren unserer Spiele dort oben haben Rosemarie und ich ebenso wenig Beweise für diese spezielle Theorie gefunden, wie für die Gerüchte darüber, dass Nana eine Hexe sei. Allerdings habe ich niemals einen besseren Spielplatz als diese Ruinen gesehen. In manchen Räumen stehen immer noch antike Möbel. Besonders angetan haben es uns das Hauptschlafzimmer und die Küche. Dort konnte man hervorragend Mutter-Vater-Kind spielen und manchmal haben wir sogar so getan, als würde im Kerker unter der Burg ein böser, alter Drache leben – obwohl wir uns selbst da niemals hinuntergewagt haben.

Rosemarie ist etwas älter als ich; vor ein paar Wochen wurde sie neunzehn. Und während ich noch meine A-Level-Prüfungen absolvieren muss, ehe ich mich im nächsten Jahr an einer Uni einschreiben kann, hat sie diesen Frühling bereits ihren Highschool-Abschluss gemacht – oder das rumänische Äquivalent dazu. Sie wohnt am Ende der Straße, die an Nanas Haus vorbeiführt. Es leben nicht viele Kinder in dieser ländlichen Gegend, darum war ich froh, dass ich zumindest eine Person in meinem Alter kannte, wann immer ich meine Sommer- und Winterferien hier verbrachte.

Die Berge ringsherum und das alte Dorf sind bezaubernd genug, um jedes Mal diese Vorfreude in mir zu wecken, wenn das Ende eines Schuljahres näher rückte. Die Aussicht darauf, Rosemarie in ein paar Tagen wiederzusehen, verdoppelte meine Freude. Und Nanas Apfelstrudel und ihre fantastischen Geschichten über Schloss Dracula, wie sie es oft nennt, machen diesen Ort zu meinem persönlichen Paradies.

Da mir Rosemarie bereits geschrieben hat, dass unser sommerliches Wiedersehen noch einige Tage warten muss, weil sie auf einem Campingtrip ist, spaziere ich gleich aus dem Garten und direkt hinauf zum Plateau. Ohne Umweg zu ihrem Haus – oder zu Emilia Dalcas Pferdekoppel.

Die alte Schotterstraße zum schwarzen Schloss ist breit genug für zwei Autos und windet sich wie ein besoffener Drachenschwanz bis zum eisernen Tor in der hohen Steinmauer, von der die Burg umgeben ist. Die Eingangstür ist schon verschlossen, seit ich mich erinnern kann. Während einer unserer frühen Exkursionen hier herauf haben Rosemarie und ich aber einen Tunnel in der Nähe einer Fichte hinter der Ruine gefunden, der direkt in einen der oberen Räume führt. Vermutlich ein geheimer Fluchttunnel. Wir haben niemals jemandem davon erzählt und immer sichergestellt, dass der Eingang gut versteckt war, ehe wir wieder nach Hause gelaufen sind.

Mit etwas Anstrengung räume ich die Äste und Steine beiseite, mit denen wir beim letzten Mal unseren Kaninchenbau versteckt haben, und bücke mich dann, damit ich in den niedrigen Gang passe. Es ist beinahe ein Kriechen auf allen Vieren durch das schwarze Loch. Nachdem ich mich mehr tastend als sehend durch den Tunnel gekämpft habe, erreiche ich schließlich den Ausgang und schiebe den Wandteppich beiseite, der das Loch versiegelt. Sofort steigt mir der vertraut muffelige Geruch der alten Mauern in die Nase und erweckt viele liebliche Erinnerungen meiner Kindheit wieder zum Leben.

Das hier ist nicht das Hauptschlafzimmer. Wenn die morsche Wiege in der Ecke irgendein Anhaltspunkt ist, wurde der Raum in alten Zeiten vermutlich als Kinderstube genutzt. Allerdings sehe ich im Moment rein gar nichts. Die großen Fenster, die den Raum sonst immer mit hellem Tageslicht fluten, sind heute hinter dicken Vorhängen versteckt. Ich ziehe den, der mir am nächsten ist, beiseite und wische mir dann die Spinnweben, die ich auf dem Weg hierher eingefangen habe, aus meinem Pferdeschwanz. Meine Jeans sind vom Krabbeln auf dem Boden schmutzig und Moos oder sonstiges Ekelzeug klebt an meinem engen schwarzen T-Shirt.

Noch während ich mir die Vorderseite abklopfe, gehe ich zur Tür und trete hinaus in den Korridor, dessen eine Seite von einer Reihe gewölbter Fenster gesäumt ist. Was zum Geier? Hier draußen sind ebenfalls sämtliche Vorhänge zugezogen. Seit ich das letzte Mal hier war, muss noch jemand anderer ins Schloss gelangt sein, und ganz sicher war es nicht Rosemarie, denn sie würde nie so etwas Dummes tun, wie das ganze Licht abschirmen. Wer also sonst? Will vielleicht ein reicher Baron oder sonst wer dieses Anwesen kaufen?

„Hallo?“, rufe ich zaghaft in die Stille. Meine Stimme hallt von den Wänden wider, aber sonst bekomme ich keine Antwort. Habe ich auch nicht wirklich erwartet. Vielleicht haben sich ja auch nur ein paar Kinder aus der Stadt hier herauf verirrt und den geheimen Eingang entdeckt. Wer immer es war, scheint aber nicht mehr hier zu sein.

Also wirklich, sie hätten zumindest die Vorhänge wieder aufziehen können, bevor sie gegangen sind. Jetzt kann ich durch das ganze Schloss laufen und es selbst tun.

Ein Lied summend, das ich heute Morgen im Flieger von England nach Rumänien gehört habe, ziehe ich im Gang alle Vorhänge nacheinander von den Fenstern, bis ich bei der Treppe ankomme. Ich will zuerst nach unten gehen, also lasse ich die andere Hälfte des Korridors erst einmal unberührt.

Zwar ist es nun nicht mehr stockdunkel hier drin, dennoch muss ich aufpassen, wo ich hintrete, während ich die Stufen langsam hinuntersteige und dabei eine Hand am Geländer entlangziehe. Unten in der großen Halle ist es aber wieder finster. Die einzigen Fenster hier sind gleich links und rechts neben der massiven Eingangstür, also taste ich mich vorsichtig dort hinüber.

Auf dem Weg ramme ich etwas Hartes mit dem Schienbein. Scheiße! Der blitzartige Schmerz presst ein Ächzen aus meiner Kehle, als ich vornüberkippe und mich mit den Händen auf dem Ding abstütze, in das ich gelaufen bin. Hier hat noch nie etwas mitten in der Halle gestanden. Glattes Holz, leicht gewölbte Oberfläche. Was zum Teufel ist das? Ein missratener Kaffeetisch?

Ich stolpere weiter und taste mich an der Mauer entlang zu den Vorhängen, um sie endlich beiseite zu ziehen. Grelles Licht durchdringt die schmutzigen Scheiben und zwingt mich dazu zu blinzeln. Als die Halbblindheit endlich nachlässt und ich wieder scharf sehen kann, drehe ich mich zur Halle um und sauge erst einmal die volle Schönheit meines Lieblingsortes in mich auf.

Nur, dass mir heute dabei das Herz stehenbleibt. Meine Lungen verweigern ihren Dienst und das ganze Blut weicht mir aus dem Gesicht.

Da steht ein Sarg. Direkt vor mir.

Ich kann mich nicht bewegen. Da steht ein Sarg mitten in der großen Halle. Ein gottverdammter Sarg! Für tote Menschen! Und ich bin reingelaufen. Oh mein Gott!

Ein entsetzlicher Schrei hallt in meinem Schädel und doch scheinen meine Stimmbänder eingefroren zu sein, unfähig auch nur den kleinsten Mucks zu produzieren. Ich schlucke so hart, dass das Geräusch die Stille durchschneidet, aber das hysterische Kreischen in meinem Kopf dennoch nicht übertönen kann.

Raus! Ich will hier raus!

Nach gefühlt endlosen Sekunden kehrt mein Atem mit einem Zittern zurück, das meinen ganzen Körper schüttelt. Ich zwinge meine Beine, sich vorwärtszubewegen. Vorbei am Sarg… für tote Menschen… und hinüber zur Treppe. Auf halbem Weg entweicht mir ein Wimmern und die kreischende Hysterie in meinem Geist macht den Platz für pure Panik frei. Schneller. Ich muss hier schneller weg! Warum tun meine Beine nicht das, was ich ihnen sage?

Ich versuche krampfhaft, nicht zum Sarg zu sehen – in welchem sehr wohl gerade ein Toter liegen könnte – aber selbst unter aller Anstrengung flackert das Ding immer wieder in meinem Augenwinkel auf. Ich bin in einem Raum mit einer Leiche.

Hilfe!

In dem Moment, als ich die Treppe erreiche, erkämpfe ich mir genug Luft in die Lungen, um endlich den ohrenbetäubenden Schrei loszulassen, der schon die ganze Zeit in meiner Kehle gewartet hat. Ich sprinte die steinernen Stufen hinauf und stelle mir dabei vor, wie sich der Sargdeckel hinter mir öffnet, weil sich eine halb verweste Person darin aufsetzt und mir zusieht, wie ich weglaufe. Klamm vor Grauen stolpere ich auf dem Weg nach oben und stürze auf die Knie, doch ich renne bereits weiter, ehe ich überhaupt nachdenken kann, wie ich am besten wieder hochkomme. Alles um mich wird zu einem verschwommenen schwarzen Loch. Kipp jetzt bloß nicht um, du! So weit kann es nicht mehr sein bis zum Ende der Treppe. Ich muss es nur bis hinauf schaffen, zurück in die Kinderstube laufen und durch den rettenden Kaninchentunnel krabbeln. Dann bin ich in Sicherheit.

Gleich hast du es geschafft, versichere ich mir immer wieder, um meine Gedanken auf etwas anderes zu lenken. Egal auf was, Hauptsache nicht auf den Sarg in der Halle. Und dann knalle ich volles Karacho in jemanden rein.

Oh mein Gott, ich habe den Toten aus dem Sarg über den Haufen gerannt! Die schwammige Benommenheit kehrt zurück. Scheiße, ich werde ohnmächtig!

Nein! Wirst du nicht!

Okay, dann schreie ich eben.

Gut. Mach das.

„AAAAAHHH!“

„Schhh“, macht die Leiche in mein Gesicht. „Beruhige dich. Ich werde dir nichts… tun.“

Es ist ein Mann. Ein junger Mann, der Stimme nach. Er spricht gar nicht Rumänisch, sondern Englisch mit lässigem Akzent. Der Tote war also Amerikaner. Wie nett. Da meine Sicht immer noch von blanker Hysterie getrübt wird, kann ich nicht viel von ihm erkennen. Ganz nebenbei stehen wir in der Dunkelheit und er hält mich fest im Arm. Würde er das nicht tun, wäre ich bereits mit der Schnauze voran auf den harten Steinboden geknallt.

Ich will aber nicht von einer verwesenden Leiche umarmt werden!

„Lass los! Lass los! Lass los!“, kreische ich. Könnte sich aber auch so angehört haben wie: „L’agh.“ In ganzen Sätzen zu sprechen, fällt mir gerade etwas schwer.

Der tote Kerl zieht mich noch weiter in die Dunkelheit und lehnt mich dann an die kalte Mauer hinter mir. Ich rutsche daran hinunter, bis ich auf dem Boden sitze, weil ich nämlich gerade überhaupt kein Gefühl mehr in meinen Beinen habe. Er kommt vor mir in die Hocke und sagt mit besänftigender Stimme: „Es ist alles in Ordnung. Hier bin nur ich und ich werde dir nicht wehtun. Aber bitte“ – er verzieht das Gesicht und sein Tonfall wird nur ein klitzeklein wenig härter – „sei endlich still!“

Wäre ich ja gerne, wenn ich könnte, aber leider muss er mir seine Hand auf den Mund pressen, um mich zum Schweigen zu bringen. Er wartet, bis ich ihm in die Augen sehe. Dann fordert er mit sanftem Nachdruck: „Nicht mehr schreien, okay?“

Selbst hier hinten im dunklen Teil des Korridors sieht er gar nicht mal so tot aus. Er riecht auch nicht verfault. Seine Haare sind von einem warmen Blond, vermutlich von der Sonne gebleicht. Als er mir ein kleines Lächeln schenkt und dabei hoffnungsvoll die Augenbrauen anhebt, höre ich auf, in seine Handfläche zu kreischen.

„Das ist schon viel besser“, meint er. „Braves Mädchen.“

Ich will kein braves Mädchen sein. Ich will hier raus! „Was geht hier vor?“, krächze ich, als er langsam die Hand runternimmt.

„Mein Name ist Quentin Etheridge.“

Das ist sicher mal ein Zungenbrecher, aber im Moment interessiert mich das herzlich wenig. „Da unten steht ein Sarg!“

„Ich weiß.“

„Wieso?“

„Ist meiner.“

Toter! Toter! Toter!

Weil er wohl gerade die nächste Schockwelle über meine Augen ziehen sieht, fleht er blitzschnell: „Bitte, nicht wieder kreischen! Es ist nur ein“ – er blinzelt ein paarmal – „Filmrequisit.“

Film? Tatsächlich?

„Ich soll die Location hier als neues Filmset auskundschaften“, erklärt er und klingt inzwischen auch etwas selbstsicherer. „Der Sarg ist Equipment. Der ist nicht echt.“

Film… Das erklärt natürlich einiges. Keine Leichen, die hier irgendwo rumliegen. Ich habe immer noch eine zentimeterdicke Gänsehaut auf den Armen, aber während die stillen Sekunden vorbeiticken und ich in die blauen Augen dieses Fremden starre, kehrt mein Herz langsam in einen normalen, gesunden Rhythmus zurück. Als ich mich endlich entspanne, tut er es auch.

Nichtsdestotrotz erliege ich mit der kalten Mauer hinter mir und den gruseligen Schatten um uns herum immer noch einem Schüttelfrost. Ich kämpfe mich hoch und trete ins Licht, bleibe aber nahe an der Wand, um den nötigen Halt zu haben. Als ich mich auf wackeligen Beinen umdrehe, ist mir Quentin zwar ein Stück weit gefolgt, doch steht er immer noch im Schatten verborgen.

Hier ist genug Licht, um zumindest sein Gesicht besser zu erkennen. Seine Lippen sind aufeinandergepresst, während mich seine Mandelaugen still beobachten. Sofern mich die Schatten nicht täuschen, ist seine Haut makellos rein und seine Wangenknochen sitzen hoch. Sein blondes Haar ist lang genug, dass es wild durcheinander über seine Stirn fällt aber nicht in seine Augen, und sein Körper zeichnet sich schön definiert aber nicht übertrainiert unter seinem T-Shirt ab, das mit dem Jack-Daniel’s-Logo vorne drauf beinahe Vintage aussieht. Er ist eigentlich ganz süß.

„Bist du Schauspieler? Du siehst nämlich aus wie einer.“

Er lacht leise. „Das höre ich oft. Aber nein. Ich arbeite lediglich für diesen… Kerl, der das Gelände hier aufgeräumt haben will.“

„Hast du eine Filmcrew mitgebracht?“

„Ich wurde alleine hierhergeschickt.“ Sein Gesicht wird kalt, sein Ausdruck beinahe verbittert, als er mir das erzählt.

„Du kommst aus den Staaten, nicht wahr?“

Er nickt. „L.A.“

Wahnsinn! Bestimmt arbeitet er für eine dieser großen Hollywoodfirmen. „Welchen Film wollt ihr denn im Schloss drehen?“

Quentin öffnet den Mund, schließt ihn aber wieder – einmal, zweimal – dann schweift sein Blick nachdenklich zur Seite. Womöglich darf er nichts darüber erzählen. Schließlich räuspert er sich und verrät aber doch: „Frankenstein.“

Natürlich musste es was mit Monstern sein. „Dann bleibst du also… länger hier in der Gegend?“

„So lange, bis alles erledigt ist. Für mich ist es praktischer, hier oben zu wohnen, während ich meinen Job mache.“

„Hast du die ganzen Vorhänge zugezogen?“ Nach seinem Nicken schieße ich hinterher: „Warum?“

„Sonnenallergie“, antwortet er knapp.

Mm-hmm, ja, das erklärt zumindest seine blasse Haut. Plötzlich werden seine Augen aber so scharf, dass ich mich frage, ob er mit diesem Blick vielleicht etwas ganz anderes ausdrücken will. Kurz zuckt ein Muskel in seinem Kiefer, doch sonst bewegt er sich keinen Zentimeter. Ich mache einen Schritt nach hinten.

„Ähmm… Ich schätze, ich sollte jetzt wohl besser gehen. Du hast bestimmt noch viel zu tun.“ Ich drehe mich um und flitze den Gang runter zum alten Kinderzimmer.

„Wo genau gehst du denn hin?“, folgt mir seine Stimme dieses Mal etwas lauter und schwingt gespenstisch durch die Halle.

Vor dem Kinderzimmer bleibe ich stehen und sehe noch einmal zu ihm zurück. Er steht immer noch wie angewurzelt im dunklen Teil des Korridors. „Na raus.“

„Indem du aus dem Fenster springst?“

„Aus diesem Zimmer führt ein Tunnel zum höheren Teil des Gartens.“ Dann wundere ich mich aber doch. „Wie bist du denn hier hereingekommen?“

Mit einem Zögern zieht er die Augenbrauen zusammen. „Tür?“

„Diese Tür ist verschlossen seit… na schon immer.“

„Mein Boss hat den Schlüssel. Du kannst jetzt unten rausgehen.“

Ah… ja. Aber da ziehe ich es doch lieber vor, nicht noch einmal an dem schaurigen Sarg vorbei zu müssen. Egal, ob er nur Filmausstattung ist, bei der Vorstellung alleine rollen sich meine Zehennägel ein. Und dass Quentin die ganze Zeit im Schatten steht und mich so intensiv anstarrt, dass vermutlich gleich die Ader in seiner Schläfe platzt, weckt in mir auch nicht unbedingt den Wunsch, noch einmal näher an ihn ranzugehen. „Der Tunnel passt schon, danke.“ Er bekommt noch ein kurzes Lächeln von mir, dann mache ich mich aus dem Staub.

 

Kapitel 4

Ein Keks, Gruppe A-positiv

Quentin

 

 

Der wandelnde Blutbeutel auf zwei hübschen Beinen ist abgehauen. Ich stehe immer noch an derselben Stelle wie vor ein paar Minuten und verfluche mich selbst, weil ich sie nicht gebissen habe, als ich die Chance dazu hatte. Allerdings war ihr ohrenbetäubendes Geschrei ein Frontalangriff auf meinen Gleichgewichtssinn und so hätte das ohnehin nicht funktioniert. Und als sie endlich Ruhe gegeben hat, ist sie rüber in die tödliche Sonne gekrabbelt.

Es hat mich überrascht, dass sie meine Sprache gesprochen hat. Wir sind hier immerhin in Rumänien. Sollte sie da nicht so was wie Transsilvanisch sprechen, oder was auch immer hier gängig ist? Ihr Englisch war jedoch bei Weitem nicht so schnell wie meines, eher etwas vornehmer. Klang aber trotzdem wie ihre Muttersprache. Ich habe mir immer vorgestellt, dass die Königin von England so reden würde. Vielleicht kommt sie ja von dort. Natürlich nicht aus dem königlichen Palast selbst – ihre legere Kleidung und die Spinnweben in ihren schwarz-blauen Haaren sind der eindeutige Gegenbeweis.

Ihr Duft hängt immer noch im Schloss. Sie roch ziemlich gut… und ich habe Hunger. Keine Ahnung, ob ich es nur zum Vergnügen mache, oder weil ich mich selbst damit quälen will, als ich tief durch die Nase einatme. Blutgruppe A-positiv. Mein Lieblingsgeschmack. Darin liegt immer diese feine, süße Note. Ich stehe nun mal auf das Dessert im Vampir-Menü.

Dann fällt mir ein, dass ich den Keks gar nicht nach seinem Namen gefragt habe. Schade. Aber ich war viel zu sehr damit beschäftigt, mich in ihre Gedanken vorzukämpfen. Dabei konnte ich mich auf nichts anderes mehr konzentrieren. Ich habe mich echt hart reingekniet, sie zurück in den Schattenteil des Korridors zu kommandieren und mich an ihren Hals zu lassen. Aber meine ganze Anstrengung war für den Wolf. Im Gegenteil, am Ende hatte ich sogar das Gefühl, ich würde sie mit meinem Willen nur immer weiter in die Sonne treiben.

Wie zur Hölle machen das andere Vampire? Zum ersten Mal in zwei Jahrzehnten frage ich mich, ob Onkel Vlads endlose Vorträge darüber, dass ich in seinem Haus zu sehr verwöhnt werde, wohl gerechtfertigt waren. Mit einem Seufzen und knurrendem Magen gehe ich zurück in mein neues Schlafzimmer, wo ich die Tür mit einer Kommode verbarrikadiere. Schlimm genug, dass dieses Mädchen hier herumschnüffelt, als würde ihr das Schloss gehören, und obendrein auch noch alle Vorhänge aufgezogen hat, womit sie mich für den restlichen Tag in die hinterste Ecke des Westflügels verbannt hat. Falls ich aber gleich einschlafe und jemand währenddessen in dieses Zimmer kommt, bezweifle ich, dass sie mir abkaufen, ich wäre ebenfalls nur ein Filmrequisit. Ohne zu atmen und mit fehlendem Herzschlag ist es viel zu leicht, einen schlummernden Vampir für einen Toten zu halten.

Ich habe ja gesehen, wie das Mädchen mit den interessanten Haaren auf meinen Sarg reagiert hat. Da brauche ich sie nicht unbedingt auch noch in meinem Zimmer, während ich meinen Todesschlaf halte.

Zumindest habe ich meinen Koffer hier. Ich ziehe mich rasch um und krame nach meinem Akkuladegerät, mit dem ich mich dann auf die Suche nach einer Steckdose mache. Aber diese Burg ist älter als Methusalem und irgendwie scheinen die beim Bau jeglichen Luxus vergessen zu haben. Keine Steckdosen, kein Strom. Ein kurzer Blick an die Decke und mir wird klar, ich bin verloren. Da hängen keine Lampen, nirgendwo auch nur das kleinste Anzeichen von Elektrizität. Den einzigen Trost, den ich bekomme, spendet die gemächlich tänzelnde Flamme der Kerze.

Zum Glück stapelt sich ein ganzer Vorrat von diesen in den Schubladen der Kommode. So muss ich wenigstens nicht den ganzen Tag im Stockdunkeln sitzen. Und der Tag zieht sich wie Koboldschleim, wenn man von einem Jetlag gequält wird…

Mit einem dramatisch tiefen Seufzen lasse ich mich aufs Bett fallen. Wäre ich nicht bereits tot, hätte mich der langweilige Nachmittag mit Sicherheit umgebracht. Nach einer Weile fange ich an, mich an den Armen und im Nacken zu kratzen. Heilige Fledermauskacke, wenn ich könnte, würde ich mir jetzt die ganze Haut herunterreißen. Wer konnte ahnen, dass Flöhe so eine Plage sind? In diesen Decken wohnt bestimmt eine ganze Kolonie davon. Oder Bettwanzen. Jetzt weiß ich auch, wie sich eine Vampirmahlzeit fühlen muss, wenn sie immer und immer wieder gebissen wird.

So gegen sechs gebe ich es auf, mich auf der gruselig-belebten Matratze herumzuwälzen und stehe auf. Jetzt einzuschlafen wäre sowieso das Schlimmste, was mir passieren könnte, weil ich sonst die Nacht verpenne und jede Chance auf ein nettes Essen auswärts verpasse.

Das Licht, das durch die Ostfenster in den Korridor und die große Halle fällt, wird schwächer, während die Sonne über das Schloss zieht. Jetzt noch direkt vor einem Fenster zu stehen, würde mich zwar immer noch verbrennen, aber blitzschnell daran vorbeizulaufen, ist etwas, dass ich gerade gerne riskiere. Meine Haut wird dabei etwas warm, aber das ist auch schon alles. Ich schaffe es bis zur Küche, lasse dort die Tür offen, damit ein kleiner Lichtschein reinfallen kann, und inspiziere hier erst einmal die vielen Regale und Schränke. Da steht ein Pumpbrunnen neben einem Trog – die Steinzeit-Version einer Spüle mit Wasserhahn. Ich pumpe ein paarmal, bis das Ding einen Mundvoll Schlamm ausspuckt. Dauert eine Weile, bis das Wasser endlich klar herausfließt.

Ein riesiger Bottich aus Holzlatten lehnt in einer Ecke und neben dem Steinofen sind mehrere Eimer gestapelt. Wenn ich mich nicht völlig irre, ist das nicht nur eine Küche, sondern wurde früher auch als Waschbereich genutzt. Ja genau, weil ich mir ja so gut vorstellen kann, dass ich ein königliches Bad in dem Fass da nehme. Ich verdrehe die Augen und setze meine Erkundungstour fort.

Ganz in der Nähe des Ofens befindet sich noch eine weitere Tür. Die Speisekammer, vermute ich mal. Ich öffne die Tür und schlage sie dann sofort wieder zu. Noch mehr Ratten. Tote, dieses Mal. Oh Gott, die stinken!

Mit angehaltenem Atem sprinte ich zur Tür in die Halle, lehne mich an den Rahmen und ziehe eine Ladung abgestandene Burgluft ein – was immer noch besser ist, als fauliger Rattenduft. Erst da fällt mir die Änderung am Licht auf. Die Vorhänge sind immer noch unberührt und offen, wie vorhin, doch die gesamte Halle ist gerade in eine viel dunklere Atmosphäre getaucht, als noch vor zehn Minuten. Wie seltsam. Es ist noch viel zu früh für den Einbruch der Nacht.

Neugierig schleiche ich mich näher an die großen Fenster in der Halle heran und schiele hinaus. Kein Brennen auf der Haut, kein Zerfallen zu Vampirstaub. Was zur Hölle?

Ich schlucke schwer und treffe eine Entscheidung. Vorsichtig ziehe ich die Eingangstür einen Spalt weit auf. Als ich meine Hand hinausstrecke, bleibt sie unversehrt. Diese seltsame Erfahrung weckt ein aufgeregtes Kribbeln in mir. Was, wenn es tatsächlich sicher ist, hinauszugehen?

Jeden meiner Schritte setze ich mit extremster Vorsicht, während ich die Tür etwas weiter aufmache und hinausgehe. Einige Schritte von den Schlossmauern entfernt lebe ich aber immer noch. Der Himmel ist eine zarte Mischung aus Blau und Violett. Keine Wolken in Sicht, nur eine Schar Wildgänse, die hoch über mir vorüberzieht. Ich bewege mich langsamer als jemals zuvor an der Burg entlang und bin in jeder Sekunde bereit, beim ersten Brennen auf meiner Haut zurück in das schützende Gewölbe zu sprinten. Zaghaft blinzle ich um die Ecke.

Nirgendwo ist die Sonne zu sehen und dennoch ist es beinahe taghell hier draußen.

Zwielicht…

Ich habe bereits von so etwas gehört, es aber noch niemals selbst erlebt. Als ich mich umsehe und weiter in die Ferne blicke, verstehe ich schließlich auch, woher es kommt. Die hohen Berge im Westen haben die Sonne verschluckt, doch dahinter scheint sie immer noch hell genug, um den Himmel zu erleuchten. Mein Herzschlag überschlägt sich vor Aufregung. Und ebenso mein Atem.

Wie ein Adler breite ich meine Arme aus, werfe den Kopf in den Nacken und fange so laut zu lachen an, dass die Vögel um mich herum bitterböse aus den Büschen flattern. Von hoch oben schimpfen sie auf mich herab, weil ich ihren Frieden im Schlossgarten gestört habe, aber das ist mir egal. Das ist der prachtvollste Tag, den ich seit einer Ewigkeit gesehen habe. Der erste Tag, seit Onkel Vlad mich zu einem Vampir gemacht hat. Absolut nichts auf der Welt könnte diesen Moment für mich ruinieren.

Etwas landet auf meiner rechten Schulter. Vogelscheiße. Na toll.

„Danke!“, knurre ich nach oben, lasse meine Arme dabei wieder absinken und verdrehe den Hals, damit ich auf das weiße Zeug auf meinem T-Shirt sehen kann. Mit einem Ächzen mache ich mich auf den Weg zurück in mein Zimmer, um mich noch einmal umzuziehen. Dann stecke ich mein Handy und das Ladekabel in meine Jeanstaschen. Vielleicht gibt es unten in dem Dorf ja irgendwo ein Internet-Café, in dem ich den Akku wieder laden kann. Auf dem Weg hinaus ziehe ich aber noch sämtliche Vorhänge zur Seite und öffne alle Fenster im Schloss – zumindest die, die ich aufbekomme. Eine Nacht lang durchlüften wird diesem Ort verdammt guttun.

Voller Euphorie, weil ich endlich aus meiner Isolation rauskomme und bald auf Leute unten im Dorf treffen werde, laufe ich den Weg schneller den Hügel runter, als es ein Mensch je könnte. Ist ja Gott sei Dank niemand in der Nähe, der mich dabei sieht, warum also wertvolle Zeit vergeuden? Mein Magen krümmt sich schon vor Hunger und ich habe gleich ein Date mit einem ganz bestimmten Keks. Das Mädchen mit der spannenden Haarfarbe muss die einzige Person sein, die in letzter Zeit das Schloss besucht hat, denn ich kann ihren Duft selbst jetzt noch ohne Schwierigkeiten aus der Luft filtern. Mit etwas Glück lässt sie sich vielleicht bis zu ihrem Haus verfolgen.

Der Gedanke spornt mich nur noch mehr an und der Wald zu meiner Linken zieht verschwommen an mir vorbei. Ich renne so schnell wie schon lange nicht mehr – bis ich in eine unsichtbare Wand knalle. Unsichtbar aber sehr solide.

Schlagartig wird alles um mich herum schwarz.

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Zum Buch!