Don’t Bite

Kapitel 1

 

Feuerzeuge gibt es aus einem bestimmten Grund

 

Quentin

 

 

„Gott! Sieh zu, dass du den Stoff aus deinem Blutkreislauf bekommst, Cynthia. Du schmeckst ja ekelhaft.“ Ich lecke den letzten Tropfen Blut, der mir entwischt ist, vom Hals unseres üblicherweise ziemlich leckeren Dienstmädchens und streife dann ein letztes Mal mit der Zunge über die beiden kleinen Einstichwunden meiner Fangzähne, damit sie schneller heilen können.

„Du kannst es rauchen, also kannst du es auch trinken“, meckert Cynthia und rutscht von meinem Schoß, wobei sie die Handvoll ihrer langen braunen Haare loslässt, die sie bis eben noch für mich hochgehalten hat, damit ich besseren Zugang zur Quelle des ewigen Lebens bekomme. „Wenn dir mein Blut nicht mehr gut genug ist, dann geh doch und beiß das Küchenpersonal.“

„Uuh, da ist aber jemand mies gelaunt“, necke ich sie. Dabei ziehe ich sie wieder neben mich auf die weiße Ledercouch und lege einen Arm locker um ihre Schultern. „Wir wissen doch beide, wie sehr du es hasst, wenn ich statt an dir, an der Köchin knabbere.“

Cynthia wirft mir einen bitterbösen Blick zu, der allerdings zum größten Teil nur Show ist. Nachdem sie nun schon seit über drei Jahren für meinen Ururgroßonkel arbeitet, ist sie es auch gewohnt, von mir ein bisschen… na ja, angesaugt zu werden. Und dem kleinen, leisen Stöhnen nach zu urteilen, das jedes Mal aus ihrer Kehle dringt, wenn ich meine Zähne in ihrer zarten Haut versenke, genießt sie auch jeden einzelnen Moment davon. Ich muss hinterher nicht einmal ihr Gedächtnis löschen, weil ihr Verstand sowieso daraufhin programmiert wurde, dass sie in der Öffentlichkeit kein Sterbenswörtchen über Vampire verlieren könnte. Und sollte sie es doch tun, würde mein Onkel sie töten.

Nicht, dass ich auch nur im Geringsten eine Ahnung davon hätte, wie man überhaupt am Verstand eines Menschen herumschraubt. Neben all den exzessiven Partys in den vergangenen beiden Jahrzehnten blieb einfach keine Zeit, um es zu lernen.

Ronin, der neue Gärtner meines Onkels, reicht Cynthia den Joint, an dem er gezogen hat, während ich an ihrem Hals hing, doch ich schnappe ihn ihr weg, ehe sie den Shit noch einmal rauchen kann. „Ich meine es ernst. Kein Dope mehr für dich. Es ruiniert deinen Geschmack.“

Ihren Schmollmund ignoriere ich und nicke stattdessen schief grinsend Ronin auf dem Sofa gegenüber des kleinen Couchtisches zu, ehe ich meine Lungen mit dem Geschenk fülle, das er heute Nacht mitgebracht hat. Ist schon eine Weile her, seit ich zuletzt was geraucht habe, doch das berauschende Gefühl, das mir dabei in den Kopf steigt, ist herzlich willkommen.

Wenn man im Körper eines Neunzehnjährigen feststeckt und nichts auf der Welt einen umbringen kann – na ja, nichts bis auf einen Bleistift mitten durchs Herz vielleicht – hört man ab einem gewissen Zeitpunkt damit auf, sich über einen gesunden Lifestyle Gedanken zu machen. Irgendwann tut man fast alles, um seinem niemals alternden Selbst einen Zweck und seinem unendlichen Leben einen Sinn zu geben. Und wenn dieser Sinn heute Nacht in einer Flasche Vodka oder als Joint verpackt hier hereintanzt, soll mir das recht sein.

„Ziemlich guter Pot, hm?“ Ronin schüttelt die roten Strähnen zur Seite, die ihm permanent ins Gesicht hängen. Meine Haare verlangen vermutlich genauso sehr nach einem Schnitt wie seine, aber solange meine blonden Fransen meine Augen noch nicht verdecken, lasse ich das Chaos wie es ist. Vielleicht frage ich nächste Woche mal die persönliche Assistentin meiner Tante, ob sie sie mir schneidet – und nasche hinterher ein Tröpfchen von ihr.

Die Füße auf dem Couchtisch überkreuzt, lehne ich mich zurück und nehme noch einen Zug. Gerade, als der Rauch in jedes Gefäß meiner Lungen eindringt, schwingen die Flügeltüren zu meinem Zimmer auf und krachen an die Wand. Kurz vor einer Panikattacke springe ich auf, werfe den Joint durch die offene Balkontür hinter mir und drehe mich mit verkrampft verschlossenen Lippen zu meinem wütenden Onkel um.

„Was macht ihr alle hier drinnen?“, brüllt er mit diesem dicken rumänischen Akzent, den er in über fünfhundert Jahren nicht loswerden konnte. Seine schulterlangen schwarzen Haare rahmen ein Gesicht, das heute Nacht noch viel blasser wirkt als üblich.

Der Ausdruck „wutentbrannt“ bekommt eine völlig neue Bedeutung, als der Saum seines Shirts in Flammen aufgeht. Jemand sollte ihm wohl sagen, dass er gerade dabei ist, sich selbst abzufackeln, doch ich versuche immer noch verzweifelt, den Rauch in meinen Lungen zu behalten, und kann leider den Mund nicht öffnen. Niemand will dem großen Dracula Grasrauch ins Gesicht blasen. Wirklich… niemand.

Er riecht den verbrannten Stoff aber früh genug und schlägt mit der flachen Hand die Flammen aus. Unnötig zu erwähnen, dass das ruinierte Hemd seine Stimmung nicht gerade hebt.

Ronin, der Feigling, verdrückt sich und springt dem Joint hinterher – vom Balkon des zweiten Stockwerks. Das kostet ihn vermutlich seinen Job, aber ich schätze, sein unendliches Leben ist ihm im Moment mehr wert.

Cynthia ist nicht unsterblich. Sie würde einen Sprung aus fünfzehn Metern Höhe wohl kaum überleben. Dennoch sieht sie aus, als wäre sie absolut dazu bereit, Ronin über die Balkonbrüstung zu folgen, nur, um der üblen Laune meines Onkels zu entfliehen. „Verzeihung, Mylord! Die Jungs haben mich um ein Mahl gebeten“, murmelt sie und huscht an ihm vorbei aus meinem Zimmer.

Miststück!

Onkel Vlads leicht entzündbarer Blick bleibt direkt auf mich gerichtet, weshalb ich den Rauch immer noch nicht ausatmen kann, und langsam wird mir wirklich übel. Die Lippen aufeinandergepresst, verkrampft sich meine Lunge, als ich versuche, durch meine Nase zu husten. Meine Augen fangen an zu brennen und eine trübe Wasserschicht verschleiert meine Sicht.

„Oh, um Himmels willen, jetzt lass es schon raus!“, schreit Vlad mich an und wirft dabei die Hände in die Luft.

Ich verziehe den Mund auf eine Seite und puste den Rauch aus, der wie eine Säule im Schein der Spotlichter zur Decke hochsteigt. Dann sauge ich einen tiefen, erleichternden Atemzug ein, wobei ich für keine Sekunde den Blickkontakt zu dem einschüchternden Mann vor mir unterbreche.

„Jetzt sind es also schon Drogen, wie?“, donnert seine Stimme nicht nur durch mein geräumiges Zimmer, sondern durch die ganze dreistöckige, siebenhundert Quadratmeter große Villa. „Wann wirst du endlich erwachsen, Quentin?“

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das jetzt eine rhetorische Frage ist. Erwartet er eine Antwort? Mein Kopf ist gerade ein wenig schummrig, darum kann ich ihm nur ein ratloses Schulterzucken anbieten. Ich wachse doch erst aus meiner Kindheit raus. Kein Grund zur Eile.

„Du bist mein einziger Nachfolger und es schmerzt mich auf mehr als nur einer Ebene, zu sehen, wie du meine Zeit verschwendest, dein Leben – und mein Geld!“

Okay, das war jetzt unfair. Ich kaufe einen Maserati, einen einzigen in einem ganzen gottverdammten Jahrzehnt, und werde dafür von dem Mann gerüffelt, der sechzehn der exklusivsten Autos der ganzen Welt in seiner Tiefgarage geparkt hat? Wirklich. Nicht. Fair!

„Ich arbeite hart für das Geld, das ich von dir bekomme!“, werfe ich ihm entgegen, als ich meine Stimme endlich wiedergefunden habe und trotz des pelzigen Gefühls auf meiner Zunge sprechen kann.

„Tatsächlich? Was genau tust du denn?“

„Nun ja, ich mache… Dinge… eben.“ Na, das ist mal ein Stottern, das ich wiedererkenne. Diskussionen mit dem berühmt-berüchtigten Graf Vladimir Andrei Dracula, meinem Ururgroßonkel und Clanführer von zweitausend kalifornischen Vampiren, verwandeln mich immer in einen nervösen kleinen Jungen. Gott, wie ich das hasse.

Er verschränkt die kräftigen Arme vor der Brust, wobei die sehnigen Muskeln unter den hochgerollten Ärmeln des schwarzen Shirts zucken. „Dinge?“ Oh-oh, seine Stimme ist gefährlich leise.

Klopf jetzt bloß nicht mit den Zehen auf den Boden, Onkel. Wenn er das macht, explodieren sicher gleich die Lampen über unseren Köpfen, und ich mag das Tageslichtambiente, das ich in meinem Zimmer geschaffen habe, wirklich. Es ist gemütlich.

Moment mal, das ist es! Das Licht! „Also erstens habe ich dein Haus ein wenig heimeliger gemacht.“ Gelassen schiebe ich meine Hände in die Taschen meiner blauen Jeans, die locker auf meinen Hüften sitzen. „Hier war es wie in einer verfluchten Gruft, als ich eingezogen bin. Total düster und kalt. Jetzt lebst du die ganze Nacht in künstlichem Tageslicht und die Farbtherapie tut deinem Temperament verdammt gut.“

Heilige Scheiße. Falsche Wortwahl.

Der langsame Atemzug, den Onkel Vlad macht, dauert lange genug an, um sämtliche Luft aus diesem Raum zu saugen. Und dann ist da noch dieses unheilvolle Zucken der blauen Ader in seinem Hals. Gut möglich, dass ich mich gerade in mein frühes Grab geredet habe.

Während ich mich vorsichtig hinter die Couch verziehe, lasse ich ihn keinen Moment aus den Augen. In einer Stimmung wie dieser kann es leicht passieren, dass er anfängt, Feuer zu speien – oder es zu schwitzen, wenn man das neuerliche Glimmen seines Shirts in Betracht zieht.

Doch in der nächsten Sekunde erwischt er mich kalt, als er sich tatsächlich beruhigt und eine Hand durch seine schwarzen Strähnen zieht. „Ich bin mit dir am Ende meiner Weisheit angelangt, Quentin“, sagt er in diesem resignierenden Tonfall, den er immer nur dann rausholt, wenn seine Frau in der Nähe ist. Und natürlich kommt Eleanora in diesem Moment hinter ihm zur Tür herein und reibt ihm sanft über die Oberarme. Noch nie habe ich gesehen, dass ihn jemand so sehr beeinflussen könnte, wie sie es tut. Wenn sich jemals ein Drache in ein Reh verliebt hat, dann waren es mein Ururgroßonkel Vladimir und die Frau, die er damals in siebzehnhundert-irgendwas aus den Fängen eines skrupellosen Barons befreit hat.

„Was hat er denn nun wieder angestellt?“, fragt Eleanora leise.

Onkel Vlad legt den Kopf in den Nacken und reibt sich die Schläfen. „Gras, Liebling. Er raucht Gras in unserem Haus. Und er trinkt immer noch von den Bediensteten. Wie oft muss ich ihm noch sagen –?“

„Quentin“, unterbricht ihn Eleanora sanft und sieht mich dabei über seine Schulter hinweg mit ihren großen braunen Augen an. „Du sollst deinen Onkel nicht so aufregen. Du weißt doch, wie schwer er nach einem seiner Anfälle einschlafen kann.“

Überrascht dreht mein Onkel den Kopf zu ihr und mustert sie mit einer hochgezogenen Augenbraue.

Wie nett. Sie kann all diese Dinge sagen und bekommt dafür nur ein einfaches Kopfneigen? Ich grunze. Wenn ich jemals eine Frau haben sollte, wird sie mich ganz bestimmt nicht so kontrollieren. Auf gar keinen Fall. Aber für den Augenblick bin ich einfach nur froh, dass meine Tante hier ist.

Sie streift sich ihr weißes Sommerkleid glatt und kommt hinter ihrem Ehemann hervor. Die Hände sanft auf seine Unterarme gelegt, schiebt sie ihn rückwärts zur Tür. „Komm, Schatz. Wenn du dich beruhigt hast, werden wir mit ihm reden.“

Nur noch zwei weitere Schritte und ich bin meiner Exekution entwischt. Fast schon will ich erleichtert aufatmen. Doch so weit kommt es nicht.

„Reden?“, platzt Onkel Vlad heraus und bleibt auf der Türschwelle stehen. „Ich habe zwei volle Jahrzehnte lang mit dem Jungen geredet, aber in diesen Dickschädel will einfach nichts rein!“ Er schiebt Eleanora sanft beiseite und stürmt erneut auf mich zu, doch sie ist sofort an seiner Seite und wirft sich nervös die honigfarbenen Locken über die Schulter.

Ich streife mir mit einer zittrigen Hand durch mein eigenes Haar. Vielleicht war das Dope ja ein Schritt zu viel in die falsche Richtung, aber darüber, dass ich hin und wieder am Hauspersonal knabbere, kann sich mein Onkel nun wirklich nicht beschweren. Sie bieten mir ihr Blut ja freiwillig an.

„Ich weiß, dass du den Jungen liebst wie unseren eigenen Sohn, Ellie“, knurrt Vlad. Zum Glück legt sich sein Zorn gerade wieder. „Aber eines Tages wird er der Anführer unseres Clans sein und bisher hat er noch rein gar nichts gelernt. Lily und Tristan würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie wüssten, was aus ihrem Kind geworden ist!“

„Ja, ich liebe ihn wie meinen Sohn“, schnappt Ellie unerschrocken zurück. „Und du ebenso. Versuch ja nicht, mir hier etwas anderes weiszumachen, Vladimir!“

Ha! Ich weiß, dass sie mich liebt. Mein Onkel? Darauf würde ich keinesfalls meine unsterbliche Seele verwetten.

„Und was Lily betrifft“, fährt Eleanora fort, „deine Urgroßnichte wäre bestimmt glücklich zu wissen, dass ihr einziges Kind damals nicht mit ihnen bei dem Autounfall gestorben ist, sondern weiterleben durfte.“

Natürlich kommen da noch viele weitere Urs vor dem Wort Großnichte, aber mir ist sehr wohl klar, dass Vladimir Dracula mich niemals vor dem unausweichlichen Tod als Mensch gerettet hätte, wenn in unseren Adern nicht das gleiche Blut fließen würde. Nachdem seine Schwester Cecilia als Mensch gestorben war, hatte Onkel Vlad immer ein Auge auf ihre Nachfolger gehabt. Sie waren die einzige Familie, die er noch hatte. Traurigerweise wird diese Blutlinie mit meinem Tod ein abruptes Ende finden. Vampire zeugen keine Nachkommen.

„Ellie, ich war es, der ihn verwandelt hat.“ Mein Onkel sieht sie mit schmalen Augen an. „Er hätte all meine Kräfte erben sollen, doch ich bezweifle, dass er auch nur eine Kerze mit seinen Gedanken anzünden kann. Wie soll er da jemals einen ganzen Clan beschützen? Und was ist mit seiner Ernährung? Er trinkt ausschließlich vom Dienstmädchen, der Enkelin des Butlers und, nach allem was wir wissen, deiner Assistentin. Wenn er nicht sehr bald lernt, wie man Fremde kontrolliert und beißt, ist er außerhalb dieser Mauern ein toter Mann.“

Unheil verheißend langsam dreht sich Eleanora zu mir. Erst wird ihr Blick tödlich, dann ihre Stimme. „Du trinkst von Cassandra?“

Vielen Dank, Onkel Vlad! Hetz ruhig mein Lieblingsfamilienmitglied gegen mich auf!

Mit niedergeschlagenen Lidern murmle ich: „Nur ganz wenig. Manchmal. Nicht oft, ich schwör’s.“ Mir war klar, dass Eleanora es nicht gutheißen wird, wenn sie herausfindet, dass ihre Assistentin eine meiner Blutspenderinnen ist. Darum hat Cassie auch versprochen, es geheim zu halten. Sie ist wie eine Tochter für Ellie und meine Tante würde sie mit ihrem unsterblichen Leben beschützen. Leider bedeutet das auch, Vampire von ihrem hübschen Hals fernzuhalten.

„Quentin Constantine Etheridge! Dieses Haus ist kein All-You-Can-Eat Buffet!“, donnert meine Tante. „Du wirst gefälligst aufhören, an meiner P.A. zu nuckeln, ist das klar?!“

Ich scharre mit der Fußspitze auf dem Parkett und senke den Kopf dabei. „Ja, Ma’am.“

„Gut. Und jetzt geh… räum dein Zimmer auf oder mach sonst irgendetwas Nützliches!“

„Das ist alles? Räum dein Zimmer auf?“, hakt Onkel Vlad ungläubig ein. Hätte ich vielleicht auch gemacht, aber ich weiß ja, dass das hier schon das höchste Ausmaß an Wut war, zu dem Tante Ellie imstande ist. Man kann aus einem Reh keinen Dinosaurier machen, nur weil man es in einen Vampir verwandelt. Leider kann man das mit einem Drachen sehr wohl.

„Siehst du, das ist genau das Problem!“, rastet mein Onkel nun aus. „Der Junge kommt mit allem davon. Aber nicht dieses Mal!“ Mit nur einem Blinzeln schleudert er die Couch, die bisher wie eine schützende Barriere zwischen uns stand, aus dem Weg und sie kracht in mein Bett. „Wir haben dich über zwanzig Jahre lang verhätschelt. Damit ist jetzt Schluss! Hiermit verbanne ich dich aus diesem Haus!“

„Was?“, rufen Eleanora und ich gleichzeitig.

„Ich schicke dich nach Europa. Noch heute Nacht. Dort wirst du lernen, ein richtiger Vampir zu sein. Und du wirst es schnell lernen.“

„Europa? Was zur Hölle ist denn in Europa?“ Ich bin mir ziemlich sicher, dass es keine Vampirakademien im richtigen Leben gibt.

„Mein altes Zuhause. Burg Poenari. In Rumänien.“

„Du meinst… Schloss Dracula?“ Ich schlucke.

Im selben Moment wird meine Tante bleich. „Liebling“, haucht sie leise. Dabei klingt sie zu Tode erschrocken. „Wir haben keine Freunde in der Walachei. Dort wird er keine Bediensteten haben, die ihn tagsüber unterstützen.“

„Er wird Diener finden, genauso wie ich damals. Wenn er ein wahrer Nachfahre meiner Blutlinie ist, wird er seinen Weg alleine machen.“ Sein zornentbrannter Blick fällt wieder zu mir. „Ein Informant hat mir berichtet, dass sich ein wild gewordener Wolf in den Wäldern Transsilvaniens versteckt hält.“

„Ein Werwolf?“

„Exakt. Es scheint, als wäre er dem Blutrausch verfallen.“

Warum um alles in der Welt will mich mein Onkel an einen Ort schicken, an dem ein menschenfressendes Monster sein Unwesen treibt? Schon klar, Vampire sind diesen Viechern auf vielen Ebenen überlegen, aber ein Werwolfbiss ist dennoch tödlich für einen Vampir. Und ziemlich schmerzhaft obendrein, wie ich gehört habe.

„Unsere Gesetze untersagen es allen Schattenweltlern, Aufmerksamkeit auf unsere Existenz zu ziehen. Das ist eine gute Möglichkeit, um dich als mein rechtmäßiger Nachfolger würdig zu erweisen. Zeig mir, dass du in dir trägst, was nötig ist, um der Anführer unseres Clans zu werden, und du kannst heimkehren. Aber nicht ehe du den besessenen Wolf gefunden und zur Strecke gebracht hast.“ Vlad verschränkt die Arme und zieht die Augenbrauen gefährlich nach unten. „Habe ich mich klar genug ausgedrückt?“

„Aber ich – ich kann nicht weg! Ich habe Freunde hier. Und… und das ist mein Zuhause.“ Ich schwenke die Arme über den kombinierten Wohn- und Schlafbereich und halte sie dann vor Ellie und Vlad ausgestreckt. „Ihr seid die einzige Familie, die ich habe.“

„Das ist wohl wahr. Und du musst lernen, deine Familie und Freunde zu beschützen. Doch vor allem musst du lernen, dich selbst durchzukämpfen. Was ist, wenn deiner Tante und mir einmal etwas zustoßen sollte? Wir sind vielleicht nicht bis in alle Ewigkeit hier, um uns um dich zu kümmern.“

„Aber – aber, Onkel –“ Verdammt, was kann ich nur sagen, um ihn umzustimmen? Kalifornien ist meine Heimat. Ich will nicht nach fucking Sibirien, oder wo auch immer dieses verlassene Schloss steht.

„Spar dir dein aber Onkel! Die Entscheidung ist gefallen! Und jetzt pack ein, was du für die nächsten Wochen brauchst, und mach dich für die Reise fertig. Reginald wird inzwischen deinen Sarg vorbereiten.“

Mein Kinn knallt auf meine Brust. „Du willst mich in eine Leichenkiste stecken?“

„Wie sonst willst du nach Europa kommen? Hast du vor, dich in ein Flugzeug zu setzen und vor den Augen von zweihundert Leuten im Sonnenlicht zu Staub zu zerfallen?“

Vermutlich besteht keine Chance, einen Nachtflug nach Schloss Dracula zu bekommen. „Dann lass mich wenigstens mit dem Schiff fahren. Dort kann ich mich tagsüber verstecken.“

„Nein. Reginald begleitet dich und ich kann nicht wochenlang auf ihn verzichten. Er bringt dich zum Schloss und wird umgehend zurückkehren.“

„Du willst mich wirklich mutterseelenallein in eine gruselige Ruine abschieben? Wie soll ich dort denn ohne jede Hilfe überleben?“

„Das, mein lieber Neffe, wirst du wohl alleine herausfinden müssen.“

Der große Dracula hat gesprochen.

Ich verdrehe die Augen und lasse mich auf die Couch fallen, die Ronin vorhin so fluchtartig verlassen hat. „Wenn du mich so sehr hasst, warum hast du mich dann nicht gleich in dem Autowrack verbrennen lassen? Damit hättest du dir wohl einen Haufen Ärger erspart.“

Onkel Vlad starrt mich lange an, wobei in seinem Blick so etwas Ähnliches wie Mitgefühl liegen könnte, aber bei seinen brennend dunklen Augen bin ich mir da nicht so sicher. „Das ist nur zu deinem Besten.“

„Zu meinem Besten?“ Ha! „Was würdest du denn dann bitte tun, wenn du mein Schlimmstes wolltest?“

„Ich würde dich bei lebendigem Leibe begraben, damit du bis in alle Ewigkeit von unstillbarem Hunger gequält wirst. Aber das ist nicht der Punkt.“ Er macht einen Wink mit der Hand und kommt auf mich zu. Der Teil meiner Couch, der vorhin in mein Bett gekracht ist, kehrt wie an unsichtbaren Seilen herangezogen zurück und Vlad lässt sich anmutig darauf nieder.

Eleanora setzt sich neben ihn und hängt dabei immer noch an seinem Arm. „Schatz, sei bitte nicht so streng mit ihm. Diese harte Strafe hat er nicht verdient.“

„Denkst du ernsthaft, er kann in einem Haus zu einem fähigen Anführer heranwachsen, in dem er von allen immer nur wie ein Kleinkind behandelt wird?“

„Wir können doch neue Regeln aufstellen“, bittet sie.

Vlad tätschelt ihre Hand auf seinem Arm. „Regeln, die er zweifellos brechen würde, ehe die Woche vorüber ist, Liebes. Das weißt du genauso gut wie ich.“

Da dies nicht das erste Mal ist, dass wir uns über Regeln unterhalten, kann ich ihm nicht einmal widersprechen. Was immer ich jetzt auch sagen würde, um mich zu verteidigen, würde ohnehin in einem neuerlichen Wutausbruch enden. Schweigen scheint mir im Moment der diplomatischste Weg zu sein und ein verletzter Blick zu meiner Tante könnte auch ganz hilfreich sein.

„Sieh nur“, sagt sie. „Es tut ihm bereits leid. Gib ihm doch noch eine Chance.“

Ja, gib mir noch eine Chance, um Blutes willen!

„Na schön.“

Wie bitte? Ich richte mich auf. Hat er wirklich gerade nachgegeben?

Onkel Vlad lässt seinen Blick von mir zu Ellie schweifen und wieder zurück zu mir. Dann greift er nach der Zündholzschachtel auf dem Couchtisch und nimmt ein Streichholz heraus. Dieses hält er mir unter die Nase. „Zünde es an.“

Ich blinzle ein paarmal. „Entschuldigung, was?“

„Wenn du dieses Streichholz anzünden kannst, darfst du bleiben. Dann kannst du beweisen, dass du bereit dazu bist, all die Kräfte kontrollieren zu lernen, die du von mir bekommen hast.“

„Okaaay…“ Die Sache hat doch sicher einen Haken. Ich suche nach Hinweisen darauf in seinen Augen, doch seine eisernen Gesichtszüge verraten exakt null. Also greife ich nach dem Streichholz.

Onkel Vlad zieht seine Hand weg. „Nein. Mit deinen Gedanken.“

Und hier ist er. Mein Magen rutscht zwischen meine Knie. Vladimir Dracula kann allein durch seine Willenskraft ganze Städte niederbrennen. Er spielt mit Feuerbällen, wenn er in Gedanken versunken ist, und in den vergangenen zehn Jahren hat er nicht ein einziges Mal ein Streichholz verwendet, um den Kamin anzufachen.

Ich hingegen bin der Meinung, dass es Feuerzeuge nicht ohne Grund gibt. Noch nie habe ich auch nur etwas Annäherndes mit der Kraft meiner Gedanken zustande gebracht.

„Nun?“, fordert er mich auf und hebt dabei die Augenbrauen an.

Also gut. Jetzt reiß dich zusammen, Quentin! So schwer kann das doch nicht sein. Ich hole tief Luft, schiebe die Ärmel meines weißen Hoodies nach oben, stütze meine Ellbogen auf die Knie und konzentriere mich stark auf den kleinen roten Kopf des Streichholzes. Meine Hände ballen sich zu Fäusten. Meine Zähne knirschen aufeinander und meine Augen springen wohl jede Sekunde aus ihren Höhlen, doch das verfluchte Stück Holz will einfach nicht in Flammen aufgehen.

Ich funkle es noch finsterer an. Von der Anstrengung verkrampfen sich schon die Muskeln in meinem Nacken. Herrgott, mit dieser geballten Ladung Willenskraft sollte ich bereits Laser aus den Augen schießen. Feuer! befehle ich. Brenne! Brenne, du verdammtes kleines Scheißding! Brenne, brenne, brenne!

Ein fieses Grinsen kriecht meinem Onkel ins Gesicht. „Wenn du, was auch immer du da gerade machst, noch ein bisschen länger treibst, sprengst du dich gleich selbst in die Luft.“

Ich gebe all die Anstrengung auf und lasse mich zurück in die Couch sinken. „Ja, ja, sehr witzig!“

„Es ist witzig.“ Im nächsten Moment löst sich sein spöttisches Schmunzeln in Luft auf. „Jetzt geh und pack deine Sachen! Du wirst noch vor Sonnenaufgang aufbrechen.“ Er erhebt sich von der Couch und schreitet zur Tür. Eleanora folgt ihm und wirft dabei einen mitleidigen Blick zu mir zurück.

„Gibt es in dieser verfluchten Ruine wenigstens WLAN?“, grummle ich ihnen hinterher.

Über mir explodieren die Spotlights und prasseln in tausend kleinen Glasscherben in der Dunkelheit herab.

Das heißt dann wohl Nein.

 

 

Kapitel 2

Wir führen keine gefrosteten Menschen

 

Quentin

 

 

Ich habe die Staaten noch niemals verlassen. Darum musste ich bis heute auch noch nie in einem gottverdammten Sarg reisen. Normalerweise können wir Nachtflüge buchen oder mit dem Wagen innerhalb des Landes überall hingelangen. Aber Rumänien – mit einer Zwischenlandung in Paris? Unmöglich. Also liege ich nun hier, fest verschlossen in diesem winzig kleinen Ein-mal-zwei-Meter-Gefängnis und bereits nach dem holprigen Start ist mir klar, dass dies die schlimmsten achtzehn Stunden meines Lebens werden. Hier drinnen würde echt jeder Platzangst bekommen.

Hoffentlich hat Onkel Vlad ein paar schlaflose Jahre für das hier.

Zumindest habe ich mein Handy. Das bisschen Licht, das es ausstrahlt, ist das Einzige, was mich in dieser hölzernen Zelle noch bei Verstand hält. Das und die Chance, mir die Zeit auf Twitter zu vertreiben. Soll er dafür in der Hölle schmoren! #unbequem #Werbrauchtschonfamilie war mein letzter Tweet vor dreißig Minuten.

Wir müssen uns gerade irgendwo über dem Atlantik befinden und der Morgen bricht bald an. Ich werde müde, zum Glück, darum schließe ich die Augen. Schlaf ist die beste Art, diese Reise zu überstehen. Weil ich dann nämlich in eine todesähnliche Starre verfalle, kann ich mich wenigstens nicht ins Koma atmen und das bisschen Luft im Sarg für später aufheben. Nicht, dass ich ohne Luft hier drinnen ersticken würde, aber der Schmerz in den Lungen würde mich bestimmt in den Wahnsinn treiben.

 

*

 

Eine starke Erschütterung des Sargs weckt mich auf. Kann es sein, dass ich den ganzen Flug bis nach Paris durchgeschlafen habe und wir schon den Flieger wechseln? Leider besteht keine Chance, den Deckel auch nur minimal anzuheben, da er mit Gurten niedergespannt wurde. Die Leiche soll unterm Flug ja nicht rausfallen. Und kurz mal die Glieder strecken, geht hier drinnen auch nicht.

Ich taste die gepolsterte Innenseite nach meinem Handy ab, um nachzusehen, wie spät es ist, doch als ich einen Knopf drücke – egal welchen – bleibt das Display schwarz wie die Seele meines mitleidlosen Onkels. Echt jetzt? Der Akku ist leer? Gerade jetzt, in meiner absolut schlimmsten Misere überhaupt? Passt ja.

Mit einem Schnauben stelle ich fest, dass wir uns wieder in Gang setzen, also bereite ich mich auf einen weiteren polternden Start vor. Doch der kommt nicht. Wir bewegen uns nur vorwärts, nicht nach oben. Es handelt sich hier also entweder um die längste Rollbahn der Welt, oder wir fahren eine Straße entlang. Ich muss Paris komplett verschlafen haben und wir sind bereits in Rumänien gelandet. Onkel Vlad meinte, Reginald wird für das letzte Stück der Strecke einen Leichenwagen mieten, daher bringt es mir wohl wenig, nach ihm zu rufen. Vorne am Steuer hört er mich sowieso nicht.

Nach einer polternden Fahrt, die mir üble Kopfschmerzen beschert hat, kommt die Reise zu einem abrupten Ende. Zehn Minuten später folgt ein Geräusch, das wohl bedeutet, dass die Gurte gelöst werden. Endlich öffnet Reginald den Sarg. Wird auch Zeit, alter Mann!, will ich ihn anschnauzen, doch der erste belebende Atemzug ist zu wertvoll, um ihn an den Butler zu verschwenden.

„Guten Morgen, Master Quentin“, begrüßt er mich mit dem üblichen emotionslosen Blick unter seinen buschigen Augenbrauen hervor. „Wir sind angekommen.“

Ich erhebe mich aus meiner Schlafposition, steif und voller Schmerzen. Jedes Gelenk knackt bei der langersehnten Dehnung.

„Wir müssen uns beeilen“, teilt mir Reginald mit. „Die Sonne wird in ein paar Minuten aufgehen und wir müssen noch Ihren Sarg hineintragen. Das Gepäck habe ich bereits in die Halle des Westflügels gebracht.“

„Der Westflügel, ha?“, raune ich mit leichtem Sarkasmus. Wie groß kann so ein uraltes Schloss im Niemandsland schon sein? Ist vermutlich ein etwas größerer Schuppen mit Dachboden. Reginalds missbilligender Blick juckt mich nicht. Ich klettere aus meinem Sarg und zwänge mich im niedrigen Leichenwagen gebückt an ihm vorbei ins Freie.

Vor mir erstreckt sich eine endlos weite Landschaft mit einem kleinen Dorf am Fuße des Hügels, auf dem wir uns befinden. In weiter Ferne reichen die Berge so hoch in den Himmel, dass auf den oberen Hälften keine Häuser mehr zu sehen sind. Nur steile Felswände und hier und da mal ein Baum oder drei. Vampiraugen sehen besser als jedes Fernglas der Welt.

Die aufgehende Sonne berührt bereits die Bergspitzen und das goldene Licht breitet sich rasch über den Boden aus. Was auch immer sich hinter mir befindet, wirft einen mächtigen Morgenschatten über das verträumte Dorf etwa eine Meile unter uns.

Ich gehe um den schwarzen Leichenwagen herum und hebe den Kopf. Dabei lande ich beinahe auf dem Hintern und meine Augen werden tellergroß. Heilige Fledermauskacke! Das ist kein Schloss, das mein Onkel im späten fünfzehnten Jahrhundert hier am Laufen hielt. Es ist eine verfluchte Stadt!

„Ich konnte das Tor nicht weiter öffnen, sonst hätte ich den Wagen direkt bis zum Eingang gefahren, Master Quentin“, entschuldigt sich Reginald, als er auf dem Kiesweg zu mir kommt, der entlang der Steinmauer das ganze Schloss umringt. Er ist nicht mit übermenschlicher Stärke gesegnet, eine weitere Besonderheit, die Vampiren zu eigen ist.

Mit einem leichten Schubs öffne ich das eiserne Tor und mache ein paar Schritte auf das Grundstück. Gras, Büsche und Bäume überwuchern alles von hier bis zur massiven schwarzen Doppeltür der Burg. Sie ist aus dickem Holz mit eisernen Verzierungen und steht einen Spalt offen. Während der vergangenen fünfhundert Jahre hat die Vegetation diesen Ort unter sich verschlungen wie Schimmel ein altes Stück Brot.

Und hier soll ich wohnen? Wo zur Hölle ist der Strand? Der Swimmingpool? Die Garage, in Draculas Namen?

Ein lautes Poltern hinter mir reißt mich aus meinen Gedanken. Ich zucke herum und sehe, dass Reginald kurzen Prozess mit meinem Sarg gemacht hat, als er ihn alleine aus dem Leichenwagen gezogen hat. „Hey! Vorsicht damit!“, grummle ich. „Den brauche ich noch für die Heimreise.“ Wie schwer kann es schon sein, einen Wolf zu töten? Mit etwas Glück bin ich vor dem Wochenende wieder hier raus.

Gemeinsam tragen wir den Sarg zum Eingang. Dabei knirschen die Kieselsteine durch das Extragewicht schaurig unter unseren Füßen. Ich setze ihn ab und klopfe erst mal vorsorglich an die Tür, wobei ich durch den Spalt hineinschiele. In den ersten Monaten nach meiner Verwandlung bin ich in mehrere unsichtbare Barrieren gelaufen, selbst wenn die Tür zu einem Haus sperrangelweit offenstand. Das ist ein weiterer kleiner Nachteil daran, ein Vampir zu sein. Man kann nicht einfach in irgendwelche fremden Häuser spazieren. Die Bewohner müssen einen immer zuerst hereinbitten. Es gibt noch einige weitere Regeln, die mir Onkel Vlad im Vampir-Einmaleins beigebracht hat, aber das ist inzwischen schon so lange her, dass mir auf die Schnelle nur noch die allergische Reaktion auf Knoblauch einfällt. Und – natürlich – die kleine Sache mit dem Holz, das ziemlich schmerzhaft werden kann, wenn es uns in irgendwelche Körperteile gerammt wird. Keine Rückkehr, wenn es durchs Herz geht.

„Hallo?“ Meine Stimme hallt durch die Gemäuer.

Neben mir räuspert sich Reginald leicht. „Sie sind ein direkter Nachfahre der Blutlinie Dracula, Master Quentin“, sagt er mit einem belehrenden Tonfall. „Sie können die Burg auch ohne Einladung betreten.“

Aha. Ich werfe ihm einen geringschätzigen Blick zu und drücke dann die schwere Holztür weiter auf. Drinnen ist es dunkel, bis auf die einsame Kerze, die auf einem runden Tischchen nahe der steinernen Wand steht. „Hast du die angezündet?“, frage ich den Butler und drehe mich wieder zu ihm.

„Ja, Master. Ebenso habe ich alle Vorhänge im Westflügel zugezogen, damit Sie sich frei bewegen können, ohne von der Sonne verbrannt zu werden.“ Bei diesem Stichwort schubst er mich über die Schwelle, gerade als die Sonne über den höchsten Turm der Burg blinzelt und das viele Grün rundherum dabei zu einem saftigen Leuchten bringt. Ich weiche noch weiter zurück und flüchte in absolute Sicherheit. Nach einer Wette mit Ronin, bei der er mich einmal dazu gebracht hat, meine Hand ins Sonnenlicht zu halten, weiß ich, wie es sich anfühlt, wenn einem das Fleisch von den Knochen brennt. Würde ich jetzt nicht unbedingt weiterempfehlen. Es lag einzig an unserer Fähigkeit, übermenschlich schnell zu heilen, dass meine Hand innerhalb weniger Stunden wieder wie neu war.

Reginald schleppt meinen Sarg in die große Halle und lässt ihn ohne jeglichen Respekt vor meinem Eigentum einfach dort fallen. „Willkommen auf Schloss Dracula, Master Quentin. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.“

Ist es nicht schön, wenn ein sechsundachtzigjähriger Mann seinen verstaubten Humor ausgräbt? „Nicht witzig, Reg. Wo ist das Essen?“ Mein Magen knurrt schon, seit ich aufgewacht bin und dachte, wir sind in Paris.

„Nun, wenn Sie Glück haben, finden sie vielleicht eine Blutwurst irgendwo in der Küche. Oder auch nicht.“

Er genießt mir das hier ein klein wenig zu sehr. Zähneknirschend stemme ich die Hände in die Hüften. „Wo ist das lebende Essen?“ Er weiß genau, dass ich zum Frühstück nur warme Menschen vertrage. „Das Personal!“

„Ah. Ich nehme an, Ihr Onkel und Ihre Tante haben Sie darüber informiert, dass es in diesem Schloss kein Personal gibt. Sie müssen wohl runter in die Stadt gehen und für sich selbst sorgen.“

„Die Sonne ist bereits aufgegangen“, stelle ich mit einem verschrobenen Blick klar.

„Gut beobachtet, Master Quentin. Dann schlage ich vor, Sie warten bis zum Abend, ehe Sie nach draußen gehen. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen, der Heimweg ist lang und ich muss einen Flug erwischen.“

Oh, was für ein warmherziger alter Mann. Ich konnte ihn noch nie leiden. Andererseits hatte ich noch nie wirklich viel mit ihm zu tun. Er ist ausschließlich der Diener meines Onkels. Dass Vlad Reginald mit mir schicken würde, hat mich schon in dem Moment überrascht, als er es erwähnt hat. Die ganze Sache muss ihn wohl sehr amüsieren.

Anstatt hier so nutzlose Sprüche rauszuhauen, sollte mich Reg lieber an seine Ader lassen. Es wäre zwar das erste Mal überhaupt, dass ich von einem Mann trinken müsste, und ganz bestimmt schmeckt er bereits nach Verwesung, aber altes Essen ist besser als gar kein Essen. „Bezahlt dich mein Onkel dafür, dass du so widerlich bist?“, brumme ich.

Reginald schmunzelt. „Er hat in der Tat so etwas wie einen Bonus erwähnt.“

„Komm schon, Reg. Ich habe Hunger“, jammere ich und trete um den Sarg herum, der zwischen uns steht. Doch der alte Mann überrascht mich, als er seinen langen Mantel zur Seite klappt und eine gottverfluchte Armbrust herauszieht.

„Er hat auch gesagt, ich soll Ihnen in die Brust schießen, wenn Sie versuchen, mich zu beißen.“

„Ernsthaft?“ Ich erstarre an Ort und Stelle, widerstehe aber dem Drang, meine Hände ergebend zu heben. Stattdessen zeige ich mit dem Finger auf ihn. „Das ist so ein Haufen Fledermauskacke und das weißt du. Wenn du wieder zu Hause bist, richte meinem Onkel aus, dass ich hoffe, er wird dafür in der Hölle schmoren.“

„Ich bin mir sicher, das weiß er schon von Ihrem letzten Eintrag auf Twitter, Master Quentin. Ich sollte wohl hinzufügen, dass die neuen Befehle kamen, nachdem Sie #Werbrauchtschonfamilie getwittert haben.“ Seine Augen knittern an den Rändern durch sein höhnisches Grinsen. „Übrigens sollten Sie auch wissen, dass Ihr Onkel letzte Nacht ein Verbot an den gesamten Clan ausgesendet hat. Während Ihrer Zeit hier in Rumänien ist es keinem Ihrer Freunde erlaubt, Sie zu kontaktieren oder auch nur auf Ihre Nachrichten zu antworten. Sie sind hier oben auf sich alleine gestellt.“

Ein abschätziges Lachen dringt aus meiner Kehle. „Und du denkst, daran wird sich auch nur einer von ihnen halten?“

„Sie wären lebensmüde, wenn nicht.“

Da ist gerade nicht der kleinste Funken Humor in seiner Stimme. Shit! Ich bin verloren.

Er dreht sich um und schlurft zur Tür hinaus, zieht diese mit lautem Knall hinter sich zu und lässt mich mit meinem Sarg allein an diesem befremdlichen Ort.

Deprimiert und hungrig seufze ich laut. In einem Schloss gefangen zu sein, das nach Tod und Moder stinkt, ist nicht gerade meine Vorstellung von einem netten Sommerurlaub. Was aber noch schlimmer ist: Ich bin absolut nicht müde. Normalerweise ist das die Zeit, wenn Vampire ins Bett gehen und die Sonnenstunden verschlafen, doch dieser bescheuerte Jetlag hält mich hellwach. Da kann ich mir selbst auch gleich eine Tour durch das Haus Dracula geben.

Ich nehme die Kerze vom niedrigen, runden Tisch hoch. Die Flamme leuchtet nicht mehr als einen Zwei-Meter-Radius aus, aber selbst mit dieser kleinen Lichtquelle erledigen meine Vampiraugen den Rest.

Scheiße, ich befinde mich im Inneren eines Felsen! Alles hier ist aus dunklem Stein. Die Wände, der Fußboden, die breite Treppe in den ersten Stock. Nur die Türen, die in weitere Räume dieser Gruft führen, sind aus massivem Holz. Schwarz wie die Nacht, sollte ich dazu erwähnen. Mit all der depressiven Farbe hier drinnen verstehe ich langsam, warum Onkel Vlad in den vergangenen Jahrhunderten so mies gelaunt war. Ich frage mich, wie lange es dauert, bis ich hier durchdrehe und anfange, mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen.

Ich öffne einige der Türen und spähe kurz mal rein. Hinter einer verbirgt sich die Küche, in der bestimmt keine Tiefkühl-Menschen aufbewahrt werden. Schwarze Vorhänge so dick wie Schiffssegel verbergen die Fenster – die gleichen wie draußen in der großen Halle, in der Bibliothek, dem Waschraum und der Bedienstetenkammer. Hinter der Treppe ist noch eine weitere Tür versteckt. Diese ist allerdings aus handfestem Eisen anstatt Holz und gar nicht mal verschlossen, wie ich auf den ersten Blick vermutet hätte.

Mit aller Kraft halte ich meinen nicht-existierenden Enthusiasmus im Zaum und öffne die schwere Tür, um zu sehen, was dahinter ist. Hmm, jedenfalls ist es kein Zimmer. Stattdessen führt dahinter eine enge Treppe nach unten. Spinnweben hängen von der Decke. Weil die Treppe gewunden ist, kann ich nicht erkennen, was dort unten ist, doch als eine Ratte die Stufen heraufspringt und auf mich zustürmt, knalle ich die Tür zu und drücke mich mit dem Rücken dagegen, wobei mir ein leicht hysterischer Schrei entweicht.

Ungeziefer. Na großartig.

Am Ende meiner Exkursion durch das Erdgeschoss jenes Schlossteils, den Reginald als den Westflügel bezeichnet hat, steige ich die dominierende Treppe hinauf und ziehe dabei meinen Rollkoffer, den Reg vor den Stufen für mich abgestellt hat, hinter mir her. Hier oben müssen sich die Schlafzimmer befinden und ich habe vor, in das größte einzuziehen.

Oben verläuft der Gang in zwei Richtungen von der Treppe weg, mit Fenstern auf einer Seite des Korridors und mehr Türen auf der anderen. Hier wird ebenfalls jeder kleine Lichtschein von draußen durch diese dicken Leinenvorhänge ausgesperrt. Ich kundschafte drei Schlafzimmer aus, ehe ich das passende finde und für mich beanspruche. Darin steht ein großes Himmelbett mit dunkelroten Samtbahnen, die zur Seite gebunden sind. In die Wand gegenüber der zwei riesigen Fenster, vor die ebenfalls dicke Vorhänge gezogen wurden, wurde ein Kamin geschlagen und ein Regal, vollgestopft mit uralten Büchern, ist neben der schweren Kommode angebracht.

Eine Porzellanschüssel und ein Krug stehen darauf, die mich daran erinnern, dass ich noch gar kein Badezimmer in diesem Pseudohotel entdeckt habe. Eine Dusche ist wohl zu viel verlangt, nehme ich an.

Onkel Vlad reibt sich in unserem gemütlichen Zuhause drüben in Kalifornien sicher gerade vor Spott die Hände und findet es wohl witzig, dass ich mein tägliches Bad im eiskalten Schlossteich nehmen muss. Zähneknirschend schleife ich den Koffer rüber zum Bett, stelle die Kerze auf den Nachttisch und mache einen Hechtsprung mit Bauchlandung auf die Matratze. Jahrhundertealter Staub steigt dabei rund um mich auf und trübt mir kurzzeitig die Sicht. Ich huste, bis sich die Wolke wieder gelegt hat und ich einen kleinen Atemzug voll klarer Luft erwische. Dieses gruselige Schloss birgt tatsächlich jedes Detail eines Frankensteinfilms.

Was bin ich doch für ein Glückspilz! Wenn sie wenigstens die guten Stellen nicht ausgelassen hätten, wie das junge, weibliche Personal, das ich vernaschen könnte.

Und dann höre ich es plötzlich. Das Summen eines Mädchens.

 

 

Kapitel 3

Zombie-Apokalypse

 

Abigail

 

 

Ich lasse meinen Koffer vor dem Holzrahmenbett fallen und laufe zu dem uralten zweiflügeligen Fenster. Nach leichtem Fummeln an dem rostigen Griff bekomme ich es endlich auf und eine warme Sommerbrise weht mir um die Nase. Wie sehr habe ich diese Hügel und gräsernen Meere Rumäniens doch vermisst. Ich lehne mich soweit nach draußen, wie es geht, ohne zu fallen, und atme so tief ein, dass sich meine Lungen bis zu einem schmerzhaften Punkt ausdehnen.

„Das ist schon was ganz anderes, als der Smog, den ihr in Norwich habt, nicht wahr?“, ruft meine Großmutter aus dem Garten zu mir hoch, wo sie gerade ihre drei Ziegen melkt. Ihr Englisch ist schwerfällig und wenn sie das Wort Smog sagt, klingt es eher wie Schmugg, aber ich bin heilfroh, dass sie meine Sprache überhaupt spricht, denn so gerne ich meine Sommerferien auch immer hier in Ardeal verbringe, Rumänisch zu lernen, hat es bisher noch nie auf meine To-Do-Liste geschafft.

Als Antwort bekommt sie nur mein Grinsen, dann stelle ich mich vor den rechteckigen Spiegel an meiner Zimmertür und streife mir die schulterlangen, fransigen Haare zu einem Pferdeschwanz zurück, den ich mit einem Gummiband aus meiner Hosentasche befestige. Einige der dunkelblauen Strähnen, die durch mein schwarzes Haar gewoben sind, schlüpfen dabei heraus und streicheln meinen Nacken. Ich puste mir die Stirnfransen aus den Augen und husche dann über die knarrende Holztreppe dieses alten Lehmhauses nach unten und raus zu Nana in den Garten. Auf der anderen Seite von Esther, der weißen Ziege, setze ich mich auf einen Schemel und schlage vor: „Lass mich das machen. Du kannst inzwischen reingehen und dich ein wenig ausruhen.“

Obwohl meine Großmutter aufhört, Esthers Euter zu massieren, lässt sie es dennoch nicht los. Stattdessen beugt sie sich nach unten, sodass sie unter dem runden Bauch der Ziege zu mir herüberlinsen kann. „Sehe ich etwa wie ein altes, schwaches Weib aus, mein Kind?“

Sie ist klein, ihre Brüste hängen unter dem einfachen schwarzen Kleid bis zu ihrem Bauch, ihr Haar ist zu diesem typischen Salz-und-Pfeffer-farbenen Dutt gebunden, der an ihrem Hinterkopf festgeklebt scheint, seit ich fünf bin, und sie trägt immer noch diese uralten Holzschuhe aus längst vergangenen Tagen. Aber nein… sie sieht nicht im Geringsten wie ein altes, schwaches Weib aus. Tatsächlich würde niemand, der sie in ihrem von einer Steinmauer umrandeten Garten herumwuseln sieht, auch nur für eine Sekunde glauben, dass sie bereits drei Ehemänner und zwei ihrer eigenen Kinder überlebt hat und im kommenden Herbst ihren siebenundneunzigsten Geburtstag feiert. Manche sagen, nur Hexen würden in dem Alter noch so quietschlebendig durchs Leben springen. Aber mir ist das egal. Sie macht den besten Apfelstrudel der Welt!

„Nein, Nana. Natürlich nicht. Ich wollte nur –“

„Du machst dir Sorgen, dass deine alte Großmutter durch ein bisschen Ziegenmelken tot umfallen könnte“, zieht sie mich auf und schenkt mir ihr faltiges Grinsen. „Geh schon und pack deine Sachen aus, Abby. Und dann lauf los, damit du vor dem Mittagessen wieder zurück bist.“

„Loslaufen? Wohin?“

Sie richtet sich wieder auf und knetet weiter an den Zitzen der grasfressenden Ziege, doch ihr Kichern kann ich trotzdem hören. „Denkst du, ich habe vergessen, was du immer zuallererst in jedem Sommer machst, wenn du mich besuchen kommst? Rauf zu Emilia Dalcas Pferdekoppel natürlich. Ich habe gehört, ihre weiße Stute hat vor drei Wochen ein Fohlen bekommen.“

Oh. Natürlich. Das ist es, was Nana glaubt, dass ich jeden Sommer gemacht habe, wenn ich morgens das Haus verlassen habe und irgendwann kurz vor Anbruch der Dunkelheit zurückgekommen bin. Aber offen gesagt interessieren mich diese Pferde nicht die Bohne.

In Wahrheit bin ich jedes Mal rauf zu dem dunklen Schloss auf dem Berg Cetatea gelaufen. Nanas kleines Heimatdorf liegt direkt am Fuße des Hügels. Mit geneigtem Kopf blicke ich in die Ferne. Wir sind so nahe am Plateau, dass man von hier aus sogar den Westturm erkennen kann. Der Anblick reicht, um mir ein aufgeregtes Seufzen zu entlocken, doch das darf Nana nicht wissen. Sie würde mich den ganzen Sommer lang in meinem Zimmer einsperren, wenn sie herausfindet, dass ich die meiste Zeit meiner Tage in Rumänien in einer alten, verlassenen Burg verbracht habe, die ihrer Meinung nach verwunschen ist. Diese schlafenden Hunde wecken wir lieber nicht auf.

Die einzige Person, die mein Geheimnis kennt, ist Rosemarie. Meistens haben wir uns zu zweit dort oben in den modrigen Gemäuern rumgetrieben oder einfach im verwilderten Schlossgarten abgehangen. Man sagt, die Burg habe mal einem echten Vampir gehört. Dem berühmt-berüchtigten Graf Dracula.

In all den Jahren unserer Spiele dort oben haben Rosemarie und ich ebenso wenig Beweise für diese spezielle Theorie gefunden, wie für die Gerüchte darüber, dass Nana eine Hexe sei. Allerdings habe ich niemals einen besseren Spielplatz als diese Ruinen gesehen. In manchen Räumen stehen immer noch antike Möbel. Besonders angetan haben es uns das Hauptschlafzimmer und die Küche. Dort konnte man hervorragend Mutter-Vater-Kind spielen und manchmal haben wir sogar so getan, als würde im Kerker unter der Burg ein böser, alter Drache leben – obwohl wir uns selbst da niemals hinuntergewagt haben.

Rosemarie ist etwas älter als ich; vor ein paar Wochen wurde sie neunzehn. Und während ich noch meine A-Level-Prüfungen absolvieren muss, ehe ich mich im nächsten Jahr an einer Uni einschreiben kann, hat sie diesen Frühling bereits ihren Highschool-Abschluss gemacht – oder das rumänische Äquivalent dazu. Sie wohnt am Ende der Straße, die an Nanas Haus vorbeiführt. Es leben nicht viele Kinder in dieser ländlichen Gegend, darum war ich froh, dass ich zumindest eine Person in meinem Alter kannte, wann immer ich meine Sommer- und Winterferien hier verbrachte.

Die Berge ringsherum und das alte Dorf sind bezaubernd genug, um jedes Mal diese Vorfreude in mir zu wecken, wenn das Ende eines Schuljahres näher rückte. Die Aussicht darauf, Rosemarie in ein paar Tagen wiederzusehen, verdoppelte meine Freude. Und Nanas Apfelstrudel und ihre fantastischen Geschichten über Schloss Dracula, wie sie es oft nennt, machen diesen Ort zu meinem persönlichen Paradies.

Da mir Rosemarie bereits geschrieben hat, dass unser sommerliches Wiedersehen noch einige Tage warten muss, weil sie auf einem Campingtrip ist, spaziere ich gleich aus dem Garten und direkt hinauf zum Plateau. Ohne Umweg zu ihrem Haus – oder zu Emilia Dalcas Pferdekoppel.

Die alte Schotterstraße zum schwarzen Schloss ist breit genug für zwei Autos und windet sich wie ein besoffener Drachenschwanz bis zum eisernen Tor in der hohen Steinmauer, von der die Burg umgeben ist. Die Eingangstür ist schon verschlossen, seit ich mich erinnern kann. Während einer unserer frühen Exkursionen hier herauf haben Rosemarie und ich aber einen Tunnel in der Nähe einer Fichte hinter der Ruine gefunden, der direkt in einen der oberen Räume führt. Vermutlich ein geheimer Fluchttunnel. Wir haben niemals jemandem davon erzählt und immer sichergestellt, dass der Eingang gut versteckt war, ehe wir wieder nach Hause gelaufen sind.

Mit etwas Anstrengung räume ich die Äste und Steine beiseite, mit denen wir beim letzten Mal unseren Kaninchenbau versteckt haben, und bücke mich dann, damit ich in den niedrigen Gang passe. Es ist beinahe ein Kriechen auf allen Vieren durch das schwarze Loch. Nachdem ich mich mehr tastend als sehend durch den Tunnel gekämpft habe, erreiche ich schließlich den Ausgang und schiebe den Wandteppich beiseite, der das Loch versiegelt. Sofort steigt mir der vertraut muffelige Geruch der alten Mauern in die Nase und erweckt viele liebliche Erinnerungen meiner Kindheit wieder zum Leben.

Das hier ist nicht das Hauptschlafzimmer. Wenn die morsche Wiege in der Ecke irgendein Anhaltspunkt ist, wurde der Raum in alten Zeiten vermutlich als Kinderstube genutzt. Allerdings sehe ich im Moment rein gar nichts. Die großen Fenster, die den Raum sonst immer mit hellem Tageslicht fluten, sind heute hinter dicken Vorhängen versteckt. Ich ziehe den, der mir am nächsten ist, beiseite und wische mir dann die Spinnweben, die ich auf dem Weg hierher eingefangen habe, aus meinem Pferdeschwanz. Meine Jeans sind vom Krabbeln auf dem Boden schmutzig und Moos oder sonstiges Ekelzeug klebt an meinem engen schwarzen T-Shirt.

Noch während ich mir die Vorderseite abklopfe, gehe ich zur Tür und trete hinaus in den Korridor, dessen eine Seite von einer Reihe gewölbter Fenster gesäumt ist. Was zum Geier? Hier draußen sind ebenfalls sämtliche Vorhänge zugezogen. Seit ich das letzte Mal hier war, muss noch jemand anderer ins Schloss gelangt sein, und ganz sicher war es nicht Rosemarie, denn sie würde nie so etwas Dummes tun, wie das ganze Licht abschirmen. Wer also sonst? Will vielleicht ein reicher Baron oder sonst wer dieses Anwesen kaufen?

„Hallo?“, rufe ich zaghaft in die Stille. Meine Stimme hallt von den Wänden wider, aber sonst bekomme ich keine Antwort. Habe ich auch nicht wirklich erwartet. Vielleicht haben sich ja auch nur ein paar Kinder aus der Stadt hier herauf verirrt und den geheimen Eingang entdeckt. Wer immer es war, scheint aber nicht mehr hier zu sein.

Also wirklich, sie hätten zumindest die Vorhänge wieder aufziehen können, bevor sie gegangen sind. Jetzt kann ich durch das ganze Schloss laufen und es selbst tun.

Ein Lied summend, das ich heute Morgen im Flieger von England nach Rumänien gehört habe, ziehe ich im Gang alle Vorhänge nacheinander von den Fenstern, bis ich bei der Treppe ankomme. Ich will zuerst nach unten gehen, also lasse ich die andere Hälfte des Korridors erst einmal unberührt.

Zwar ist es nun nicht mehr stockdunkel hier drin, dennoch muss ich aufpassen, wo ich hintrete, während ich die Stufen langsam hinuntersteige und dabei eine Hand am Geländer entlangziehe. Unten in der großen Halle ist es aber wieder finster. Die einzigen Fenster hier sind gleich links und rechts neben der massiven Eingangstür, also taste ich mich vorsichtig dort hinüber.

Auf dem Weg ramme ich etwas Hartes mit dem Schienbein. Scheiße! Der blitzartige Schmerz presst ein Ächzen aus meiner Kehle, als ich vornüberkippe und mich mit den Händen auf dem Ding abstütze, in das ich gelaufen bin. Hier hat noch nie etwas mitten in der Halle gestanden. Glattes Holz, leicht gewölbte Oberfläche. Was zum Teufel ist das? Ein missratener Kaffeetisch?

Ich stolpere weiter und taste mich an der Mauer entlang zu den Vorhängen, um sie endlich beiseite zu ziehen. Grelles Licht durchdringt die schmutzigen Scheiben und zwingt mich dazu zu blinzeln. Als die Halbblindheit endlich nachlässt und ich wieder scharf sehen kann, drehe ich mich zur Halle um und sauge erst einmal die volle Schönheit meines Lieblingsortes in mich auf.

Nur, dass mir heute dabei das Herz stehenbleibt. Meine Lungen verweigern ihren Dienst und das ganze Blut weicht mir aus dem Gesicht.

Da steht ein Sarg. Direkt vor mir.

Ich kann mich nicht bewegen. Da steht ein Sarg mitten in der großen Halle. Ein gottverdammter Sarg! Für tote Menschen! Und ich bin reingelaufen. Oh mein Gott!

Ein entsetzlicher Schrei hallt in meinem Schädel und doch scheinen meine Stimmbänder eingefroren zu sein, unfähig auch nur den kleinsten Mucks zu produzieren. Ich schlucke so hart, dass das Geräusch die Stille durchschneidet, aber das hysterische Kreischen in meinem Kopf dennoch nicht übertönen kann.

Raus! Ich will hier raus!

Nach gefühlt endlosen Sekunden kehrt mein Atem mit einem Zittern zurück, das meinen ganzen Körper schüttelt. Ich zwinge meine Beine, sich vorwärtszubewegen. Vorbei am Sarg… für tote Menschen… und hinüber zur Treppe. Auf halbem Weg entweicht mir ein Wimmern und die kreischende Hysterie in meinem Geist macht den Platz für pure Panik frei. Schneller. Ich muss hier schneller weg! Warum tun meine Beine nicht das, was ich ihnen sage?

Ich versuche krampfhaft, nicht zum Sarg zu sehen – in welchem sehr wohl gerade ein Toter liegen könnte – aber selbst unter aller Anstrengung flackert das Ding immer wieder in meinem Augenwinkel auf. Ich bin in einem Raum mit einer Leiche.

Hilfe!

In dem Moment, als ich die Treppe erreiche, erkämpfe ich mir genug Luft in die Lungen, um endlich den ohrenbetäubenden Schrei loszulassen, der schon die ganze Zeit in meiner Kehle gewartet hat. Ich sprinte die steinernen Stufen hinauf und stelle mir dabei vor, wie sich der Sargdeckel hinter mir öffnet, weil sich eine halb verweste Person darin aufsetzt und mir zusieht, wie ich weglaufe. Klamm vor Grauen stolpere ich auf dem Weg nach oben und stürze auf die Knie, doch ich renne bereits weiter, ehe ich überhaupt nachdenken kann, wie ich am besten wieder hochkomme. Alles um mich wird zu einem verschwommenen schwarzen Loch. Kipp jetzt bloß nicht um, du! So weit kann es nicht mehr sein bis zum Ende der Treppe. Ich muss es nur bis hinauf schaffen, zurück in die Kinderstube laufen und durch den rettenden Kaninchentunnel krabbeln. Dann bin ich in Sicherheit.

Gleich hast du es geschafft, versichere ich mir immer wieder, um meine Gedanken auf etwas anderes zu lenken. Egal auf was, Hauptsache nicht auf den Sarg in der Halle. Und dann knalle ich volles Karacho in jemanden rein.

Oh mein Gott, ich habe den Toten aus dem Sarg über den Haufen gerannt! Die schwammige Benommenheit kehrt zurück. Scheiße, ich werde ohnmächtig!

Nein! Wirst du nicht!

Okay, dann schreie ich eben.

Gut. Mach das.

„AAAAAHHH!“

„Schhh“, macht die Leiche in mein Gesicht. „Beruhige dich. Ich werde dir nichts… tun.“

Es ist ein Mann. Ein junger Mann, der Stimme nach. Er spricht gar nicht Rumänisch, sondern Englisch mit lässigem Akzent. Der Tote war also Amerikaner. Wie nett. Da meine Sicht immer noch von blanker Hysterie getrübt wird, kann ich nicht viel von ihm erkennen. Ganz nebenbei stehen wir in der Dunkelheit und er hält mich fest im Arm. Würde er das nicht tun, wäre ich bereits mit der Schnauze voran auf den harten Steinboden geknallt.

Ich will aber nicht von einer verwesenden Leiche umarmt werden!

„Lass los! Lass los! Lass los!“, kreische ich. Könnte sich aber auch so angehört haben wie: „L’agh.“ In ganzen Sätzen zu sprechen, fällt mir gerade etwas schwer.

Der tote Kerl zieht mich noch weiter in die Dunkelheit und lehnt mich dann an die kalte Mauer hinter mir. Ich rutsche daran hinunter, bis ich auf dem Boden sitze, weil ich nämlich gerade überhaupt kein Gefühl mehr in meinen Beinen habe. Er kommt vor mir in die Hocke und sagt mit besänftigender Stimme: „Es ist alles in Ordnung. Hier bin nur ich und ich werde dir nicht wehtun. Aber bitte“ – er verzieht das Gesicht und sein Tonfall wird nur ein klitzeklein wenig härter – „sei endlich still!“

Wäre ich ja gerne, wenn ich könnte, aber leider muss er mir seine Hand auf den Mund pressen, um mich zum Schweigen zu bringen. Er wartet, bis ich ihm in die Augen sehe. Dann fordert er mit sanftem Nachdruck: „Nicht mehr schreien, okay?“

Selbst hier hinten im dunklen Teil des Korridors sieht er gar nicht mal so tot aus. Er riecht auch nicht verfault. Seine Haare sind von einem warmen Blond, vermutlich von der Sonne gebleicht. Als er mir ein kleines Lächeln schenkt und dabei hoffnungsvoll die Augenbrauen anhebt, höre ich auf, in seine Handfläche zu kreischen.

„Das ist schon viel besser“, meint er. „Braves Mädchen.“

Ich will kein braves Mädchen sein. Ich will hier raus! „Was geht hier vor?“, krächze ich, als er langsam die Hand runternimmt.

„Mein Name ist Quentin Etheridge.“

Das ist sicher mal ein Zungenbrecher, aber im Moment interessiert mich das herzlich wenig. „Da unten steht ein Sarg!“

„Ich weiß.“

„Wieso?“

„Ist meiner.“

Toter! Toter! Toter!

Weil er wohl gerade die nächste Schockwelle über meine Augen ziehen sieht, fleht er blitzschnell: „Bitte, nicht wieder kreischen! Es ist nur ein“ – er blinzelt ein paarmal – „Filmrequisit.“

Film? Tatsächlich?

„Ich soll die Location hier als neues Filmset auskundschaften“, erklärt er und klingt inzwischen auch etwas selbstsicherer. „Der Sarg ist Equipment. Der ist nicht echt.“

Film… Das erklärt natürlich einiges. Keine Leichen, die hier irgendwo rumliegen. Ich habe immer noch eine zentimeterdicke Gänsehaut auf den Armen, aber während die stillen Sekunden vorbeiticken und ich in die blauen Augen dieses Fremden starre, kehrt mein Herz langsam in einen normalen, gesunden Rhythmus zurück. Als ich mich endlich entspanne, tut er es auch.

Nichtsdestotrotz erliege ich mit der kalten Mauer hinter mir und den gruseligen Schatten um uns herum immer noch einem Schüttelfrost. Ich kämpfe mich hoch und trete ins Licht, bleibe aber nahe an der Wand, um den nötigen Halt zu haben. Als ich mich auf wackeligen Beinen umdrehe, ist mir Quentin zwar ein Stück weit gefolgt, doch steht er immer noch im Schatten verborgen.

Hier ist genug Licht, um zumindest sein Gesicht besser zu erkennen. Seine Lippen sind aufeinandergepresst, während mich seine Mandelaugen still beobachten. Sofern mich die Schatten nicht täuschen, ist seine Haut makellos rein und seine Wangenknochen sitzen hoch. Sein blondes Haar ist lang genug, dass es wild durcheinander über seine Stirn fällt aber nicht in seine Augen, und sein Körper zeichnet sich schön definiert aber nicht übertrainiert unter seinem T-Shirt ab, das mit dem Jack-Daniel’s-Logo vorne drauf beinahe Vintage aussieht. Er ist eigentlich ganz süß.

„Bist du Schauspieler? Du siehst nämlich aus wie einer.“

Er lacht leise. „Das höre ich oft. Aber nein. Ich arbeite lediglich für diesen… Kerl, der das Gelände hier aufgeräumt haben will.“

„Hast du eine Filmcrew mitgebracht?“

„Ich wurde alleine hierhergeschickt.“ Sein Gesicht wird kalt, sein Ausdruck beinahe verbittert, als er mir das erzählt.

„Du kommst aus den Staaten, nicht wahr?“

Er nickt. „L.A.“

Wahnsinn! Bestimmt arbeitet er für eine dieser großen Hollywoodfirmen. „Welchen Film wollt ihr denn im Schloss drehen?“

Quentin öffnet den Mund, schließt ihn aber wieder – einmal, zweimal – dann schweift sein Blick nachdenklich zur Seite. Womöglich darf er nichts darüber erzählen. Schließlich räuspert er sich und verrät aber doch: „Frankenstein.“

Natürlich musste es was mit Monstern sein. „Dann bleibst du also… länger hier in der Gegend?“

„So lange, bis alles erledigt ist. Für mich ist es praktischer, hier oben zu wohnen, während ich meinen Job mache.“

„Hast du die ganzen Vorhänge zugezogen?“ Nach seinem Nicken schieße ich hinterher: „Warum?“

„Sonnenallergie“, antwortet er knapp.

Mm-hmm, ja, das erklärt zumindest seine blasse Haut. Plötzlich werden seine Augen aber so scharf, dass ich mich frage, ob er mit diesem Blick vielleicht etwas ganz anderes ausdrücken will. Kurz zuckt ein Muskel in seinem Kiefer, doch sonst bewegt er sich keinen Zentimeter. Ich mache einen Schritt nach hinten.

„Ähmm… Ich schätze, ich sollte jetzt wohl besser gehen. Du hast bestimmt noch viel zu tun.“ Ich drehe mich um und flitze den Gang runter zum alten Kinderzimmer.

„Wo genau gehst du denn hin?“, folgt mir seine Stimme dieses Mal etwas lauter und schwingt gespenstisch durch die Halle.

Vor dem Kinderzimmer bleibe ich stehen und sehe noch einmal zu ihm zurück. Er steht immer noch wie angewurzelt im dunklen Teil des Korridors. „Na raus.“

„Indem du aus dem Fenster springst?“

„Aus diesem Zimmer führt ein Tunnel zum höheren Teil des Gartens.“ Dann wundere ich mich aber doch. „Wie bist du denn hier hereingekommen?“

Mit einem Zögern zieht er die Augenbrauen zusammen. „Tür?“

„Diese Tür ist verschlossen seit… na schon immer.“

„Mein Boss hat den Schlüssel. Du kannst jetzt unten rausgehen.“

Ah… ja. Aber da ziehe ich es doch lieber vor, nicht noch einmal an dem schaurigen Sarg vorbei zu müssen. Egal, ob er nur Filmausstattung ist, bei der Vorstellung alleine rollen sich meine Zehennägel ein. Und dass Quentin die ganze Zeit im Schatten steht und mich so intensiv anstarrt, dass vermutlich gleich die Ader in seiner Schläfe platzt, weckt in mir auch nicht unbedingt den Wunsch, noch einmal näher an ihn ranzugehen. „Der Tunnel passt schon, danke.“ Er bekommt noch ein kurzes Lächeln von mir, dann mache ich mich aus dem Staub.

 

 

Kapitel 4

Ein Keks, Gruppe A-positiv

 

Quentin

 

 

Der wandelnde Blutbeutel auf zwei hübschen Beinen ist abgehauen. Ich stehe immer noch an derselben Stelle wie vor ein paar Minuten und verfluche mich selbst, weil ich sie nicht gebissen habe, als ich die Chance dazu hatte. Allerdings war ihr ohrenbetäubendes Geschrei ein Frontalangriff auf meinen Gleichgewichtssinn und so hätte das ohnehin nicht funktioniert. Und als sie endlich Ruhe gegeben hat, ist sie rüber in die tödliche Sonne gekrabbelt.

Es hat mich überrascht, dass sie meine Sprache gesprochen hat. Wir sind hier immerhin in Rumänien. Sollte sie da nicht so was wie Transsilvanisch sprechen, oder was auch immer hier gängig ist? Ihr Englisch war jedoch bei Weitem nicht so schnell wie meines, eher etwas vornehmer. Klang aber trotzdem wie ihre Muttersprache. Ich habe mir immer vorgestellt, dass die Königin von England so reden würde. Vielleicht kommt sie ja von dort. Natürlich nicht aus dem königlichen Palast selbst – ihre legere Kleidung und die Spinnweben in ihren schwarz-blauen Haaren sind der eindeutige Gegenbeweis.

Ihr Duft hängt immer noch im Schloss. Sie roch ziemlich gut… und ich habe Hunger. Keine Ahnung, ob ich es nur zum Vergnügen mache, oder weil ich mich selbst damit quälen will, als ich tief durch die Nase einatme. Blutgruppe A-positiv. Mein Lieblingsgeschmack. Darin liegt immer diese feine, süße Note. Ich stehe nun mal auf das Dessert im Vampir-Menü.

Dann fällt mir ein, dass ich den Keks gar nicht nach seinem Namen gefragt habe. Schade. Aber ich war viel zu sehr damit beschäftigt, mich in ihre Gedanken vorzukämpfen. Dabei konnte ich mich auf nichts anderes mehr konzentrieren. Ich habe mich echt hart reingekniet, sie zurück in den Schattenteil des Korridors zu kommandieren und mich an ihren Hals zu lassen. Aber meine ganze Anstrengung war für den Wolf. Im Gegenteil, am Ende hatte ich sogar das Gefühl, ich würde sie mit meinem Willen nur immer weiter in die Sonne treiben.

Wie zur Hölle machen das andere Vampire? Zum ersten Mal in zwei Jahrzehnten frage ich mich, ob Onkel Vlads endlose Vorträge darüber, dass ich in seinem Haus zu sehr verwöhnt werde, wohl gerechtfertigt waren. Mit einem Seufzen und knurrendem Magen gehe ich zurück in mein neues Schlafzimmer, wo ich die Tür mit einer Kommode verbarrikadiere. Schlimm genug, dass dieses Mädchen hier herumschnüffelt, als würde ihr das Schloss gehören, und obendrein auch noch alle Vorhänge aufgezogen hat, womit sie mich für den restlichen Tag in die hinterste Ecke des Westflügels verbannt hat. Falls ich aber gleich einschlafe und jemand währenddessen in dieses Zimmer kommt, bezweifle ich, dass sie mir abkaufen, ich wäre ebenfalls nur ein Filmrequisit. Ohne zu atmen und mit fehlendem Herzschlag ist es viel zu leicht, einen schlummernden Vampir für einen Toten zu halten.

Ich habe ja gesehen, wie das Mädchen mit den interessanten Haaren auf meinen Sarg reagiert hat. Da brauche ich sie nicht unbedingt auch noch in meinem Zimmer, während ich meinen Todesschlaf halte.

Zumindest habe ich meinen Koffer hier. Ich ziehe mich rasch um und krame nach meinem Akkuladegerät, mit dem ich mich dann auf die Suche nach einer Steckdose mache. Aber diese Burg ist älter als Methusalem und irgendwie scheinen die beim Bau jeglichen Luxus vergessen zu haben. Keine Steckdosen, kein Strom. Ein kurzer Blick an die Decke und mir wird klar, ich bin verloren. Da hängen keine Lampen, nirgendwo auch nur das kleinste Anzeichen von Elektrizität. Den einzigen Trost, den ich bekomme, spendet die gemächlich tänzelnde Flamme der Kerze.

Zum Glück stapelt sich ein ganzer Vorrat von diesen in den Schubladen der Kommode. So muss ich wenigstens nicht den ganzen Tag im Stockdunkeln sitzen. Und der Tag zieht sich wie Koboldschleim, wenn man von einem Jetlag gequält wird…

Mit einem dramatisch tiefen Seufzen lasse ich mich aufs Bett fallen. Wäre ich nicht bereits tot, hätte mich der langweilige Nachmittag mit Sicherheit umgebracht. Nach einer Weile fange ich an, mich an den Armen und im Nacken zu kratzen. Heilige Fledermauskacke, wenn ich könnte, würde ich mir jetzt die ganze Haut herunterreißen. Wer konnte ahnen, dass Flöhe so eine Plage sind? In diesen Decken wohnt bestimmt eine ganze Kolonie davon. Oder Bettwanzen. Jetzt weiß ich auch, wie sich eine Vampirmahlzeit fühlen muss, wenn sie immer und immer wieder gebissen wird.

So gegen sechs gebe ich es auf, mich auf der gruselig-belebten Matratze herumzuwälzen und stehe auf. Jetzt einzuschlafen wäre sowieso das Schlimmste, was mir passieren könnte, weil ich sonst die Nacht verpenne und jede Chance auf ein nettes Essen auswärts verpasse.

Das Licht, das durch die Ostfenster in den Korridor und die große Halle fällt, wird schwächer, während die Sonne über das Schloss zieht. Jetzt noch direkt vor einem Fenster zu stehen, würde mich zwar immer noch verbrennen, aber blitzschnell daran vorbeizulaufen, ist etwas, dass ich gerade gerne riskiere. Meine Haut wird dabei etwas warm, aber das ist auch schon alles. Ich schaffe es bis zur Küche, lasse dort die Tür offen, damit ein kleiner Lichtschein reinfallen kann, und inspiziere hier erst einmal die vielen Regale und Schränke. Da steht ein Pumpbrunnen neben einem Trog – die Steinzeit-Version einer Spüle mit Wasserhahn. Ich pumpe ein paarmal, bis das Ding einen Mundvoll Schlamm ausspuckt. Dauert eine Weile, bis das Wasser endlich klar herausfließt.

Ein riesiger Bottich aus Holzlatten lehnt in einer Ecke und neben dem Steinofen sind mehrere Eimer gestapelt. Wenn ich mich nicht völlig irre, ist das nicht nur eine Küche, sondern wurde früher auch als Waschbereich genutzt. Ja genau, weil ich mir ja so gut vorstellen kann, dass ich ein königliches Bad in dem Fass da nehme. Ich verdrehe die Augen und setze meine Erkundungstour fort.

Ganz in der Nähe des Ofens befindet sich noch eine weitere Tür. Die Speisekammer, vermute ich mal. Ich öffne die Tür und schlage sie dann sofort wieder zu. Noch mehr Ratten. Tote, dieses Mal. Oh Gott, die stinken!

Mit angehaltenem Atem sprinte ich zur Tür in die Halle, lehne mich an den Rahmen und ziehe eine Ladung abgestandene Burgluft ein – was immer noch besser ist, als fauliger Rattenduft. Erst da fällt mir die Änderung am Licht auf. Die Vorhänge sind immer noch unberührt und offen, wie vorhin, doch die gesamte Halle ist gerade in eine viel dunklere Atmosphäre getaucht, als noch vor zehn Minuten. Wie seltsam. Es ist noch viel zu früh für den Einbruch der Nacht.

Neugierig schleiche ich mich näher an die großen Fenster in der Halle heran und schiele hinaus. Kein Brennen auf der Haut, kein Zerfallen zu Vampirstaub. Was zur Hölle?

Ich schlucke schwer und treffe eine Entscheidung. Vorsichtig ziehe ich die Eingangstür einen Spalt weit auf. Als ich meine Hand hinausstrecke, bleibt sie unversehrt. Diese seltsame Erfahrung weckt ein aufgeregtes Kribbeln in mir. Was, wenn es tatsächlich sicher ist, hinauszugehen?

Jeden meiner Schritte setze ich mit extremster Vorsicht, während ich die Tür etwas weiter aufmache und hinausgehe. Einige Schritte von den Schlossmauern entfernt lebe ich aber immer noch. Der Himmel ist eine zarte Mischung aus Blau und Violett. Keine Wolken in Sicht, nur eine Schar Wildgänse, die hoch über mir vorüberzieht. Ich bewege mich langsamer als jemals zuvor an der Burg entlang und bin in jeder Sekunde bereit, beim ersten Brennen auf meiner Haut zurück in das schützende Gewölbe zu sprinten. Zaghaft blinzle ich um die Ecke.

Nirgendwo ist die Sonne zu sehen und dennoch ist es beinahe taghell hier draußen.

Zwielicht…

Ich habe bereits von so etwas gehört, es aber noch niemals selbst erlebt. Als ich mich umsehe und weiter in die Ferne blicke, verstehe ich schließlich auch, woher es kommt. Die hohen Berge im Westen haben die Sonne verschluckt, doch dahinter scheint sie immer noch hell genug, um den Himmel zu erleuchten. Mein Herzschlag überschlägt sich vor Aufregung. Und ebenso mein Atem.

Wie ein Adler breite ich meine Arme aus, werfe den Kopf in den Nacken und fange so laut zu lachen an, dass die Vögel um mich herum bitterböse aus den Büschen flattern. Von hoch oben schimpfen sie auf mich herab, weil ich ihren Frieden im Schlossgarten gestört habe, aber das ist mir egal. Das ist der prachtvollste Tag, den ich seit einer Ewigkeit gesehen habe. Der erste Tag, seit Onkel Vlad mich zu einem Vampir gemacht hat. Absolut nichts auf der Welt könnte diesen Moment für mich ruinieren.

Etwas landet auf meiner rechten Schulter. Vogelscheiße. Na toll.

„Danke!“, knurre ich nach oben, lasse meine Arme dabei wieder absinken und verdrehe den Hals, damit ich auf das weiße Zeug auf meinem T-Shirt sehen kann. Mit einem Ächzen mache ich mich auf den Weg zurück in mein Zimmer, um mich noch einmal umzuziehen. Dann stecke ich mein Handy und das Ladekabel in meine Jeanstaschen. Vielleicht gibt es unten in dem Dorf ja irgendwo ein Internet-Café, in dem ich den Akku wieder laden kann. Auf dem Weg hinaus ziehe ich aber noch sämtliche Vorhänge zur Seite und öffne alle Fenster im Schloss – zumindest die, die ich aufbekomme. Eine Nacht lang durchlüften wird diesem Ort verdammt guttun.

Voller Euphorie, weil ich endlich aus meiner Isolation rauskomme und bald auf Leute unten im Dorf treffen werde, laufe ich den Weg schneller den Hügel runter, als es ein Mensch je könnte. Ist ja Gott sei Dank niemand in der Nähe, der mich dabei sieht, warum also wertvolle Zeit vergeuden? Mein Magen krümmt sich schon vor Hunger und ich habe gleich ein Date mit einem ganz bestimmten Keks. Das Mädchen mit der spannenden Haarfarbe muss die einzige Person sein, die in letzter Zeit das Schloss besucht hat, denn ich kann ihren Duft selbst jetzt noch ohne Schwierigkeiten aus der Luft filtern. Mit etwas Glück lässt sie sich vielleicht bis zu ihrem Haus verfolgen.

Der Gedanke spornt mich nur noch mehr an und der Wald zu meiner Linken zieht verschwommen an mir vorbei. Ich renne so schnell wie schon lange nicht mehr – bis ich in eine unsichtbare Wand knalle. Unsichtbar aber sehr solide.

Schlagartig wird alles um mich herum schwarz.

 

 

Kapitel 5

Das war kein Kuss, du Dummie!

 

Abigail

 

 

„Hast du gewusst, dass sie oben im Schloss einen Frankenstein-Film drehen wollen?“, habe ich sofort drauf losgeplappert, als ich in Nanas Garten zurückkam, wo sie immer noch die Ziegen gemolken hat. „Da ist so ein junger Mann in der Stadt, der gerade alles für das Filmset vorbereitet.“ Wo genau ich ihn getroffen habe, habe ich aber lieber weggelassen. „Sein Name ist Quentin Irgendwas und er hat sogar einen echten Sarg dabei. Na ja, keinen echten-echten, nur eine Attrappe, aber der sieht so realistisch aus, dass ich mir dabei fast in die Hose gemacht hätte.“

Nana war darüber nicht so sehr aus dem Häuschen wie ich.

Während ich zwei Stunden später unter dem Apfelbaum sitze, frage ich mich, warum sie vorhin so entsetzt dreingesehen hat. Ein Film ist doch… so mega-aufregend! Natürlich ist es eine ziemlich große Sache für so ein kleines Dorf, aber selbst hier sollten die Leute diese außergewöhnliche Gelegenheit zu schätzen wissen. Immerhin haben sie doch auch alle einen Fernseher in ihren kleinen Häusern, vielleicht noch aus der Steinzeit und klobig wie ein Schrank, aber bestimmt sehen sie sich gerne Tierdokumentationen darauf an, oder was auch immer.

Rosemarie! Sie wird meinen Enthusiasmus bestimmt teilen. Gerade komme ich in Versuchung, ihr gleich zu schreiben, aber ich möchte ihr Gesicht dabei sehen, wenn ich ihr die Neuigkeiten erzähle. Oh, ich kann mir richtig gut vorstellen, wie ihr die Augen vor Überraschung aus dem Kopf springen werden. Kichernd schiebe ich mir einen Bissen des fünften Stücks Apfelstrudel heute in den Mund.

Nana, die nach unserer Unterhaltung vorhin auf der Holzbank vor dem Haus angefangen hat zu stricken, ist vor einer halben Stunde in der warmen Nachmittagssonne eingenickt. Sie hält die Stricknadeln immer noch fest, als wäre sie bei der Arbeit. So wie ihr Kopf nach vorne hängt, hat sie später zwar sicher einen steifen Nacken, aber ich bringe es nicht übers Herz, sie aufzuwecken.

Vor einigen Minuten ist das Wollknäuel von ihrem Schoß gefallen und über den leicht abfallenden Weg in Richtung Straße gerollt. Eines von Nanas vier Kätzchen ist von dem Garn ganz besessen und wälzt sich nun damit auf dem Boden herum. Weil sie beide so schwarz wie die Nacht sind, erkennt man kaum, wo die Wolle endet und das Kätzchen beginnt. Während zwei der anderen Katzenbabys zusammengerollt in meinem Schoß schlafen, liegt Tinka, die dreifarbige Katzenmama, im Gras und leckt das vierte ab. Einen flauschigen grauen Tiger.

Leider machen Katzen keinen besonders guten Diskussionspartner und weil meine Großmutter immer noch in der Sonne schnarcht, wird mir schnell langweilig. Nachdem ich das letzte Stück Apfelstrudel verputzt und den Teller ins Gras gestellt habe, damit die Kätzchen ein Krümelfest damit feiern können, beschließe ich, erst mal eine Runde spazieren zu gehen. In wenigen Minuten wird die Sonne hinter den Bergen verschwinden. Obwohl es danach zwar immer noch für eine ganze Weile hell sein wird, will ich jeden klitzekleinen Sonnenstrahl in mich aufsaugen, den ich kriegen kann.

Ich wollte gerade von der niedrigen Steinmauer springen, die den Garten einzäunt, da erschreckt Nana mich mit einem Grunzen und fragt in rauem Ton: „Wo willst du denn hin?“

„Ich gehe nur ein bisschen spazieren.“

„Es wird bald dunkel. Bleib nicht zu lange weg.“

Immer noch stehe ich auf der Mauer und mustere sie durch schmale Augenschlitze. „Wir haben sicher noch zwei Stunden. Und seit wann machst du dir denn Sorgen, wenn ich nachts noch draußen bin?“

„Seit ein Wolf durch die Wälder streift und Farmer Olsons Schafe frisst.“ Meine Großmutter legt die Stricknadeln beiseite, steht auf, sammelt die Wolle samt Kätzchen ein und trägt dann beides zurück zur Bank. „Vor ein paar Tagen wurde das Tier ziemlich nahe am Dorf gesehen. Ich möchte nicht, dass du in der Dunkelheit noch draußen herumstreunst.“ Sie räumt die Wolle und Stricknadeln in eine Schachtel und richtet sich dann die karierte Hausmütterchenschürze über dem dunklen Kleid. Ich kann mich an keinen einzigen Tag erinnern, wann sie diese jemals nicht umgebunden hatte. Üblicherweise sind in der großen Schürzentasche immer ein paar Süßigkeiten versteckt, oder was eine gute Hausfrau eben sonst so darin aufbewahrt – Dinge, wie Taschentücher und die Haustürschlüssel.

Heute allerdings zieht Nana eine kleine Lufttrompete daraus hervor. Das Teil muss sie schon den ganzen Tag darin mit sich herumtragen. Bestimmt hat sie nur auf den richtigen Moment gewartet, um es mir zu geben. Es ist eines dieser unglaublich lauten Dinge, die Fußballfans mit ins Stadion nehmen, nur viel, viel kleiner. Die Taschenausgabe, wie es scheint. Laut lachend nehme ich die Tröte an, die sie mir mit ernstem Gesicht entgegenstreckt. „Wofür um alles in der Welt ist das denn?“

„Um Wölfe abzuschrecken, falls du einem begegnest. Oder Frankenstein“, grummelt sie.

Jap, sie ist definitiv nicht von der Filmidee begeistert. Arme Nana. Zu viel Aufregung in ihrem Alter. Ich drücke ihr einen Kuss auf die faltige Wange und stecke dann den Scherzartikel in meine hintere Hosentasche, obwohl das rote Horn dabei heraussteht, weil meine Jeans zu eng für die ganze Tröte sind. „Bis später“, trällere ich noch und spaziere dann los.

„Geh nicht alleine in den Wald, Abby!“, folgt mir ihre warnende Stimme. „Ich meine es ernst.“

Habe ich nicht vor. Die Sonne ist inzwischen hinter den Berggipfeln verschwunden und im Wald ist es ohne Sweatshirt bereits zu kühl. Aber vielleicht treffe ich ja irgendwo oben in der Nähe der Burg noch mal auf den Filmtypen. Bei der wunderbaren Abenddämmerung hier in Ardeal kann er sich sogar mit seiner Sonnenallergie raustrauen.

Ich schlendere die Straße entlang, die Hände in den Hosentaschen, bis ich die Kreuzung erreiche, die hinauf zum Schloss führt. Der Wald erstreckt sich auf beiden Seiten, aber er ist weit genug entfernt, sodass ich dadurch nicht in Schwierigkeiten mit meiner Großmutter geraten sollte. Die Luft ist immer noch warm und der Himmel über mir ein märchenhaftes Lila-Pink. Mit dem Kopf in den Wolken sauge ich die frische Landluft in mich ein und genieße das Zwitschern der Vögel, das im Moment das einzige Geräusch um mich herum ist. So was hört man in Norwich nicht oft.

Erst, als ich den Blick wieder auf die Straße richte, entdecke ich in der Ferne etwas, das aussieht, als läge da jemand auf dem Boden. Ein Schmunzeln überkommt mich. Farmer Olson hat wohl wieder ein Glas zu viel von seinem selbstgebrannten Sherry gekippt und wurde müde, als er seine Schafe heimtreiben musste. Es wäre nicht das erste Mal. Ich habe ihn schon unzählige Male irgendwo im Gras liegen und den Tag verschlafen sehen. Nur erkenne ich beim Näherrangehen, dass der Kerl dort Jeans und ein T-Shirt anstatt Roman Olsons üblichen Overall trägt.

Plötzlich hämmert mein Herz wie verrückt gegen meinen Brustkorb. Ich laufe los und sinke neben dem Jungen auf die Knie. Es ist der Filmassistent aus dem Schloss und er riecht absolut nicht betrunken. Ich bezweifle auch, dass er hier gerade nur ein Nickerchen hält, denn er gibt keinen Mucks von sich, als ich ihn an der Schulter stupse.

Grundgütiger! Ist er etwa ohnmächtig? „Quentin?“, krächze ich und schüttle ihn noch einmal. Er bewegt sich nicht… und atmet auch nicht! Hektisch drücke ich zwei Finger an seinen Hals, aber ich kann seinen Puls nicht finden. Nein, nein, nein! Ich drücke fester. Immer noch nichts. Kommt das, weil ich an der falschen Stelle suche?

Oder weil er gar keinen mehr hat?

„Hilfe!“, schreie ich mir die Seele aus dem Leib, aber ich bin schon viel zu weit von den Häusern weg, als dass mich hier oben noch jemand hören würde. Meine Finger zittern, als ich weiter in voller Panik nach einem Pulsschlag fühle. Schließlich beuge ich mich vornüber und lege mein Ohr auf seine Brust. Bitte, Herz, sprich mit mir! Er war doch noch so voller Leben, als wir uns heute Morgen oben im Schloss begegnet sind. Er kann jetzt nicht tot sein!

Das letzte Mal bin ich in Tränen ausgebrochen, als ich fünf war und Bambis Mutter erschossen wurde, aber gerade fühle ich mich so hilflos, dass ich spüre, wie sich ein Tränenschwall hinter meinen Augen zusammenbraut. Wieder und wieder schüttle ich Quentin und starre dabei in sein blasses Gesicht mit den geschlossenen Lidern und den leicht bläulichen Lippen. „Jetzt komm schon, Quentin! Sag doch was! Atme!“ Der Schotter drückt sich in meine Knie, als ich über seiner Brust kauere, um noch einmal nach einem Herzschlag zu horchen.

Aber da drin herrscht Totenstille.

Verdammt, wie ging das noch mal mit dem Wiederbeleben? Kaltes Wasser ins Gesicht schütten? Eine Ohrfeige? Ich will ihn erneut anschreien, aber in meiner Panik ist alles, was aus meiner Kehle kommt, ein ängstliches Wimmern.

Herzmassage, genau! Die braucht er jetzt. Und Mund-zu-Mund-Beatmung. Das kann ich. Vor ein paar Jahren wurde an meiner Schule ein Erste-Hilfe-Kurs angeboten. Hoffentlich fällt mir auch noch alles richtig ein, was wir damals gelernt haben. Ich lege seinen Kopf weiter zurück, um die Atemwege erst einmal freizumachen, und drücke dann mit den Fingern seine Nase zu. Als Nächstes puste ich einmal in seinen Mund und fange danach an, auf seine Brust zu drücken. „Eins, zwei, drei, vier, fünf…“ War das oft genug? Sollte ich noch weiter pumpen oder nochmal in seinen Mund atmen? Herrgott nochmal, es war so einfach, als da nur eine Puppe vor mir auf dem Boden lag.

Ich puste noch ein zweites Mal Luft in Quentins offenen Mund und beobachte, wie sich seine Brust dabei hebt und wieder senkt. Anschließend presse ich wieder mit aller Kraft auf sein Herz. „Eins, zwei, drei, vier, fünf…“ Noch ein Atemzug.

In einem konstanten Rhythmus gebe ich mein Bestes, um ihn wieder ins Leben zurückzuholen. Stirb. Nicht! Stirb. Nicht! Du verdammter Idiot hast deinen eigenen Sarg mitgebracht!

„Wag es ja nicht, mir hier wegzusterben, Quentin!“

Noch einmal halte ich ihm die Nase zu und öffne seinen Mund weiter mit meiner freien Hand. Dann lehne ich mich runter und drücke meine Lippen auf seine. Als ich dieses Mal in ihn reinpuste wie in einen Ballon, spüre ich plötzlich etwas im Nacken, das mich – abgesehen davon, dass ich mich hier mit einem sterbenden Menschen abmühe – zu Tode erschreckt. Es ist Quentins Hand, die unter meine Haare rutscht. Er zieht mich noch etwas fester zu sich runter und stöhnt dann sanft, als seine Zunge durch meinen Mund gleitet.

Was zur Hölle? Ich stehe vor Schreck gerade so sehr neben mir, dass ich, anstatt zurückzuzucken, den Kuss sogar erwidere. Kurz. Er ist zärtlich und Quentins Lippen sind nicht mehr so kalt wie die einer Leiche. Sie sind warm und weich obendrein. Ist mir vorhin gar nicht aufgefallen. Wenn mich das noch nicht davon überzeugt hat, dass er wieder am Leben ist, dann auf jeden Fall seine Finger, die in meinem Haar spielen.

Etwas zittrig ziehe ich mich zurück. Ich setze mich auf meine Fersen und starre sprachlos in seine verruchten blauen Augen.

„Hi…“ Quentin lächelt leicht zu mir hoch, doch das Lächeln verschwindet ebenso schnell wieder und er verzieht das Gesicht. „Fährt auf dieser Straße ein Bus? Ich glaube, mich hat einer gerammt.“

Ich ignoriere seine bescheuerte Frage und platze stattdessen heraus: „Du hast mich geküsst!“

Auf meine Anschuldigung hin setzt er sich auf und reibt sich den Nacken. Das verschlagene Funkeln in seinen Augen ist immer noch da. „Also, wenn ich mich nicht völlig irre, hast du mich zuerst geküsst.“

„Hab ich nicht!“

„Doch hast du.“

„Nein.“

„Du hast deinen Mund auf meinen gedrückt. Wie willst du das denn sonst nennen?“

„Reanimation?!“ In Gottes Namen! Wie kann einer denn bitte so arrogant sein? „Ich habe versucht, dir das Leben zu retten, du Dummie.“ Immer noch kämpfe ich darum, meinen Schock zu überwinden, und rapple mich keuchend auf die Beine. „Du warst ziemlich tot, als ich dich gefunden habe.“

„War ich das?“, murmelt er und blickt dabei direkt durch mich hindurch. „Ja, so was passiert mir hin und wieder…“

„Dass du stirbst?“ Herr Jesus, ich kann nicht fassen, wie gelassen er auf das eben reagiert. Während ich nervös vor ihm auf und ablaufe, zerre ich an meinen fransigen Haaren. „Ich hatte so eine Scheißangst, dass du unter meinen Händen wegstirbst, als ich die Herzmassage gemacht habe, und alles was du tust, ist mich zu küssen, gleich nachdem du aufwachst. Ich konnte nicht mal Hilfe holen.“ Verflixt, das erinnert mich an etwas. „Hast du dein Handy dabei? Wir müssen einen Rettungswagen rufen und mein Handy liegt zu Hause.“

„Der Akku ist leer. Aber ich brauche keine Sanitäter.“ Quentin steht mit einem Stirnrunzeln auf und kommt auf mich zu, doch mitten am Weg bleibt er ganz plötzlich stehen und zieht die Augenbrauen noch tiefer.

„Was ist los?“, frage ich und stürme zu ihm. „Geht’s dir nicht gut? Du kippst jetzt doch nicht gleich wieder um, oder?“

„Nein, das ist es nicht. Hier ist nur… Ach, nicht so wichtig.“ Er dreht sich im Kreis und sieht sich um, als würde er jetzt erst richtig begreifen, wo er überhaupt ist. „Die Sonne ist schon untergegangen und es ist immer noch hell.“

„Sie ist nur hinter den Bergen im Westen versteckt. Rumänien ist berühmt für sein außergewöhnliches Dämmerlicht“, erkläre ich ihm beiläufig, während ich wieder anfange auf und abzulaufen, um meine Nerven zu beruhigen. Dann komme ich zurück auf den Punkt. „Dein Handy? Du musst zu einem Arzt. Du wärst eben beinahe gestorben.“

Quentin folgt mir ein Stück, hält aber an der gleichen Stelle wie zuvor an. Dieses Mal knurrt er dabei frustriert. Als ich mitten in meiner Marschtherapie an ihm vorbeilaufe, packt er meinen Arm und zieht mich zur Seite, runter vom Weg. „Es geht mir gut. Hör auf, dir Sorgen zu machen, Mädchen, und setz dich endlich hin. Bitte!“

Ich mache, worum er mich so freundlich gebeten hat und lasse mich in das immer noch warme Gras sinken. „Mein Name ist Abigail Potts.“

„Abigail?“ Entweder gefällt ihm mein Name oder etwas daran amüsiert ihn aus irgendeinem Grund, denn als Nächstes zucken seine Mundwinkel zu einem kleinen Lächeln nach oben. Er sinkt vor mir in die Hocke, fixiert mich dabei verschossen und streckt mir seine Hand entgegen. „Ein hübscher Name für einen Leckerbissen… Es wird mir eine Freude sein, Abigail.“

Automatisch reiche ich ihm die Hand und bin gerade in den Tiefen des Blaus seiner Augen versunken, als seine Worte langsam auch durchdringen. „Wie bitte?“

 

 

Kapitel 6

Erst mal nur ein kleines Hirn

 

Quentin

 

 

Hoppla. Das sollte so nicht raus. Der quälende Hunger greift wohl schon auf meinen Verstand über. Ich muss wirklich damit aufhören, sie in Gedanken einen Keks zu nennen.

„Schön, dich kennenzulernen, wollte ich sagen.“ Mit leisem Räuspern schüttle ich nun förmlich ihre Hand. „Tut mir leid. Muss wohl am Zusammenstoß mit dem Autobus liegen.“ Was bestimmt kein Autobus war, da bin ich mir sicher. Hier verläuft eine Barriere quer über die Straße, über die ich aus irgendeinem Grund keinen Fuß setzen kann. Die kleine Miss Abigail Potts scheint keinerlei Probleme damit zu haben, einfach fröhlich hindurchhopsen zu können, aber wenn ich es versuche, pralle ich mit der Schnauze gegen eine unsichtbare Ziegelwand. Das ist doch kein Haus, in das ich erst eingeladen werden muss. Was zur Hölle geht also hier vor?

Mit verschrobenem Blick schüttelt Abigail den Kopf. „Ich habe dir ja gesagt, du sollst das untersuchen lassen. Tot spielen ist nicht witzig.“

Ja. Dass ich mich von ihr – oder egal wem – untot erwischen lasse, war ein achtloses Versehen, jedoch nichts, das ich in irgendeiner Form verhindern hätte können, wenn man bedenkt, dass mich hier gerade nichts weiter als Luft ausgeknockt hat. Wieder aufzuwachen hat aber Spaß gemacht. Erst fühlte es sich an, als würde ein Hoppelhäschen auf meiner Brust herumhüpfen. Dann hat der Keks seine Lippen auf meine gelegt und die waren echt verdammt lecker. Ich musste sie einfach küssen.

Ehe ich ihre Hand loslasse, streife ich noch zart mit den Fingerspitzen über die Innenseite ihres Handgelenks. Ihr Puls pocht heftig. Vielleicht ist sie immer noch aufgeregt, wegen der unnötigen Reanimation. Wenn ich sie jetzt beiße, würde ihr Blut geradezu in meinen Mund spritzen und endlich diesen nervigen Hunger in mir stillen. Weil ich aber keine Verbindung zu ihrem Verstand herstellen und sie zu meinem willenlosen Minion machen kann, würde der Imbiss bestimmt nur wieder in einem Kreischdesaster enden. Darauf habe ich keinen Bock. Und noch viel weniger darauf, dass mich am Ende die Dorfbewohner mit Heugabeln und brennenden Fackeln verfolgen. Also unterdrücke ich wieder einmal meinen Hunger und ziehe stattdessen tief die warme, saubere, absolut unbefriedigende Luft ein.

„Nun, Abigail Potts“, sage ich dann mit einem charmanten Lächeln, „wie hast du mich hier gefunden? Warst du auf dem Weg hoch zum Schloss?“

„Nein. Ich wollte nur ein bisschen spazieren gehen.“ Sie verengt die braunen Augen. „Wie kannst du erst so tot sein und dann aufwachen und dich gleich wieder so gut fühlen? Und hast du gesagt, dir passiert das öfter? Was stimmt denn mit dir nicht? Bist du Epileptiker oder so was?“

Okay. Sie ist also der sture, nervige Typ Mädchen. Das Thema werden wir so schnell wohl nicht fallenlassen. Hab verstanden. Aber was genau will sie denn jetzt hören? Dass ich nicht nur schlafe wie ein Toter, sondern auch noch Fangzähne habe, die drei Zentimeter wachsen, wenn ich einen leckeren Snack rieche? Mir fallen hier bald keine Ausreden mehr ein. „Es ist eine sehr seltene Krankheit“, versuche ich, mich freizuschaufeln.

„Was hast du denn? Hat es mit deiner Sonnenallergie zu tun?“

Natürlich gibt sie nicht auf. Innerlich rolle ich mit den Augen, als ich mich ins Gras neben sie fallen lasse. „Nein. Es ist, ähmm… Man nennt das chronische… äh, Herz… Trägheit.“

Abigail dreht den Kopf zu mir und durchbohrt mich mit ihrem alles-in-Frage-stellenden Blick. „Chronische Herzträgheit? Willst du mich verscheißern? Das hast du doch eben erfunden.“

„Und du bist wohl Doktor Potts aus dem örtlichen Krankenhaus und weißt alles über Herzen, wie?“, beiße ich zurück.

„Ich bin aus Norwich.“

„Was?“

„Ich komme nicht aus einem Krankenhaus hier, sondern aus Norwich. England. Ich verbringe nur meine Ferien hier und ich werde sicher kein Arzt. Aber ein kompletter Vollidiot bin ich auch nicht.“

Dann lag ich mit Großbritannien also richtig. Das erklärt ihr vornehmes Englisch. Und irgendwie steh ich drauf, wie sie spricht. „Na dann… lass doch mal deine Erklärung hören, wenn du mir nicht glaubst.“

„Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung.“ Sie steht auf und geht wieder in Richtung Barriere, wo hindurch ich ihr nicht folgen kann. Und ich habe sie noch immer nicht gebissen. „Vielleicht bist du ja einfach nur seltsam.“

Ich springe auf, haste ihr nach und schnappe mir das erste Ding, das ich an ihr zu fassen bekomme, um sie aufzuhalten. Als ich dabei etwas aus ihrer hinteren Hosentasche ziehe, wirbelt sie zu mir herum und ruft: „Hey!“

„Aha! Ich bin also seltsam? Aber ich bin nicht derjenige, der so ein… ein…“ – was zum Geier ist das? – „Taschen-Nebelhorn mit sich rumträgt.“

„Gib das her! Meine Großmutter hat mir das zum Schutz gegeben.“ Sie streckt ihre Hand aus, Handfläche nach oben, und wartet, aber wenn ich ihr das Ding jetzt zurückgebe, verschwindet sie in der nächsten Sekunde ohne mich durch diese komische Blockade. Da habe ich doch eine viel bessere Idee.

Ich spiele mit der Tröte herum, drehe sie in meiner Hand, betrachte sie von allen Seiten und mache in der Zwischenzeit ein paar Schritte nach hinten. Abigail folgt mir. Braves Mädchen. Komm nur weg von der Barriere… Vielleicht sollte ich sie gleich bis hinauf zum Schloss locken und sie dort im Kerker einschließen, dann könnte ich an ihr saugen, wann immer der Hunger kommt.

Genau. Hab ich vorhin mal den Bus erwähnt? Der hat mich wohl härter gestreift, als ich dachte, denn ganz offenbar verliere ich gerade den Verstand.

Während ich mich immer weiter von der unsichtbaren Blockade wegbewege, frage ich: „Wovor musst du denn beschützt werden?“ Außer vor mir, natürlich.

„Vor einem Wolf.“ Sie schnappt mir das Trötendings aus der Hand und bleibt stehen. „Anscheinend wurde kürzlich einer in der Gegend gesehen und Nana will nicht, dass ich gefressen werde.“

Oh, Abigail Potts… In dieser Gegend gibt es noch ganz andere Kreaturen, die dich heute Nacht gerne fressen würden.

Wenn ich doch nur diesen dämlichen Schalter zur Kontrolle ihres Verstandes in ihrem Hirn finden könnte. Laut Onkel Vlad ist das etwas, das jeder Vampir kann. Man muss die Fähigkeit nur trainieren wie einen Muskel. Aber wie soll das gehen, wenn ich nicht einmal weiß, wo dieser Muskel sitzt?

Um Abigail bei mir zu behalten, verwickle ich sie in eine lockere Unterhaltung, während ich vergeblich versuche, ihrem Geist den Befehl zu erteilen, sich wieder hinzusetzen. „So so, und deine Oma denkt, mit einem Nebelhorn für Babys kannst du einen wild gewordenen Wolf abschrecken?“

Nun ist sie diejenige, die den kleinen Krachmacher skeptisch unter die Lupe nimmt. „Ich schätze, die Chancen stehen ganz gut. Diese Tröten sind normalerweise ziemlich laut.“ Sie hält das Teil hoch und drückt auf den roten Knopf ganz oben.

Im nächsten Moment platzt mir das Trommelfell mit einem schier unerträglichen Schmerz, denn es fühlt sich an, als würde ein Dampfschiff direkt neben meinem Schädel auf die Hupe drücken. Ich presse meine Hände auf die Ohren und krümme mich vornüber. „Hör auf damit!“ Als ich durch schmale Schlitze zu ihr sehe, starrt sie mich an, als würde ich plötzlich eine andere Sprache sprechen, und hält die verfluchte Schiffstrompete demonstrativ hoch.

„Ich mach doch gar nichts“, erklärt sie, wobei ihr die Verwirrung ins Gesicht geschrieben steht. Ihre Stimme klingt wattig, so als würde sie sich beim Sprechen ein Kissen auf den Mund drücken. „War ja nur für eine Millisekunde. Und so laut war das dann auch wieder nicht. Du hast ja vielleicht empfindliche Ohren.“

Langsam nehme ich die Hände runter. Der Lärm rattert immer noch in meinem Schädel, aber Abigail hat recht – es kommt nicht mehr von der Tröte. Ich schätze, mit dieser kurzen Demonstration hat sie mich wohl für immer taub geschossen. Ich will ihr das Ding wegnehmen und es so weit wie nur irgend möglich in den Wald werfen, doch ich greife einen halben Meter daneben und erwische nur Luft. Schlimmer noch, ich taumle wie eine betrunkene Fledermaus zur Seite und habe auf einmal die größten Schwierigkeiten damit, das Gleichgewicht zu halten.

„Quentin?“ Abigail kommt auf mich zu und packt mich am Ellbogen. Ihr Gesicht taucht direkt vor meiner Nase auf. Ihre sorgenvollen Augen suchen nach Antworten in meinen und alles woran ich denken kann, ist, wie gerne ich ihr jetzt doch in den Hals beißen würde.

„Es geht mir gut.“ Schwankend befreie ich mich aus ihrem Griff und schüttle den Kopf, aber das Schwindelgefühl geht nicht weg. Mann, was für ein Tag. „Ich gehe wohl besser zurück zum Schloss. Nach allem was wir wissen, treibt sich hier irgendwo ein Wolf rum, und ich habe keine solche Sirene wie du, mit der ich ihn verjagen könnte.“ Ich hebe den Kopf und richte meinen unscharfen Blick auf sie. „Und du solltest jetzt auch lieber nach Hause laufen, wenn du nicht gefressen werden willst.“

Abigail versteht überhaupt nicht, worum es mir geht, und zieht nur argwöhnisch die Brauen tiefer. „Bist du sicher, dass du es alleine die Straße hinaufschaffst? Ich kann dich begleiten, wenn du willst. Du siehst echt ziemlich miserabel aus, weißt du?“

Ja, und ein Großteil davon ist ihre Schuld. Der Teufel soll mich holen, wenn ich sie mit der Tröte noch einmal in die Nähe meines Trommelfells lasse. Wenn sie erst einmal verschwunden ist, werde ich mich einfach eine Minute lang hier hinsetzen und mir später etwas anderes zu essen suchen. „Alles in Ordnung. Mir ist nur etwas schwindelig. Auf Wiedersehen, Abigail Potts.“

„Du kannst mich Abby nennen.“

„Ja, wie auch immer.“ Ich torkle los in Richtung Burg, ohne mich noch einmal umzudrehen. Mit dem verfluchten Klingeln in meinen Ohren kann ich unmöglich hören, ob sie bereits nach Hause geht, aber der durchbohrende Blick in meinem Nacken sagt Nein.

„Vielleicht sollte ich dir meine Nummer geben, damit du mich anrufen kannst, falls es dir wieder schlechter geht!“, schreit sie mir nach.

Sie will, dass ich sie anrufe? Und dann was? Soll ich sie fragen, ob sie kurz mal ins Schloss raufkommen könnte und mich bitte an ihrem Hals knabbern lassen würde? Denn gerade geht es mir wirklich, wirklich schlecht… vor Hunger. Aber mit ihrer Besorgnis erinnert sie mich an etwas ganz anderes. Ich bleibe stehen und ziehe zwei tiefe Atemzüge ein, um sicherzugehen, dass ich auch aufrecht stehen kann, wenn ich mich gleich zu ihr umdrehe.

Ich ziehe mein Handy aus der Hosentasche und halte es ihr hin. „Mein Akku ist leer und im Schloss gibt es keinen Strom. Denkst du, du könntest es vielleicht mit zu dir nach Hause nehmen und für mich aufladen?“

„Sicher.“ Abby kommt herüber und nimmt mir das Handy ab. Wieder packt mich dabei der Impuls, sie mir einfach zu schnappen und meine Zähne tief in ihr Handgelenk zu stoßen, um an ihrer Vene zu nuckeln. Aber ich reiße mich zusammen. „Sollen wir uns morgen wieder in der Abenddämmerung hier treffen?“

Klingt nach einem Plan. Ich nicke und verliere sie aus meiner verschwommenen Sicht, als ich zurücktorkle in mein riesiges, leeres, vorübergehendes Zuhause.

 

*

 

Es ist schon beinahe zehn Uhr durch, als das Läuten in meinem Kopf und das Karussell darin endlich aufhören. Die ganze Zeit über habe ich auf dem staubigen Bett gelegen und gegen den Schlaf angekämpft. Die Chancen stehen schlecht, dass ich heute Nacht noch irgendwo einen anderen Keks auftreibe, aber ich will auf jeden Fall noch einen Rundgang machen und diese eigenartige Barriere inspizieren, ehe die Sonne mich für einen weiteren ganzen Tag hinter diesen Mauern einsperrt. Dieses Mal laufe ich den Weg aber nicht in Vampirgeschwindigkeit, sondern jogge gemütlich die Schotterstraße runter. Ein paar Meter vor der vermeintlichen Blockade halte ich an und taste mich mit einem vorsichtigen Schritt nach dem anderen näher heran.

Mit ausgestreckten Händen fühle ich die Barrikade genau da, wo sie auch vorhin war. Offensichtlich ist das nichts anderes als komprimierte Luft, aber sie fühlt sich steinhart und eiskalt an. So wie die sehr realen Steinmauern der Burg.

Ich überprüfe sie nach allen Seiten und folge der durchsichtigen Barriere dann, wobei ich immer eine Hand an ihr entlanggleiten lasse. Sie führt über die Wiese in den Wald, wo sie endlos weiterverläuft. Mal sehen, wohin sie mich bringt, aber wenn ich nicht total daneben liege, umringt die Luftmauer den ganzen Berg mit dem Schloss in der Mitte. Zweige und Blätter rascheln unter meinen Schuhen, während ich durch das Gehölz laufe und dabei Mäuse, Hasen und Eulen verscheuche. Nach zwanzig Minuten erreiche ich wirklich wieder den Ausgangspunkt an der Schotterstraße, doch diesmal von der anderen Seite.

Jap, den ganzen Weg rundherum. Und in dieser kilometerlangen Barriere gibt es weder einen Ausgang noch ein Schlupfloch. Nicht einmal mithilfe eines Baumes konnte ich über diese komische Mauer klettern. Das hier ist eine solide, versiegelte Kuppel über Schloss Dracula.

Heilige Fledermausscheiße, man hat mich hier eingeschlossen!

Aber warum kann Abby die Linie vor und zurück überqueren, ohne dass sie sich dabei den Schädel einschlägt, so wie ich? Ist das wieder so ein Vampirding? Mein Körper ist eigentlich nicht viel anders als der eines normalen Menschen – Herzschlag während des Schlafens mal ausgenommen – was also hält mich auf dieser Seite der Barriere gefangen?

Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, um Onkel Vlad anzurufen und ihm, nach Auslassen meines Ärgers darüber, dass er mich hier nach Rumänien in komplette Einsamkeit verbannt hat, ein paar grundlegende Fragen zum Überleben zu stellen. Da mein Handy aber tot ist und sich derzeit nicht einmal in meinem Besitz befindet, ist das leider keine Option. Mir bleibt nichts weiter, als abzuwarten, bis Abby zurückkommt. Vielleicht kann ich in der Zwischenzeit ja ein wenig Gedankenkontrolle üben und ihr beim nächsten Mal, wenn wir uns sehen, ein Schlückchen stehlen. Nur wo finde ich jetzt ein Trainingsobjekt?

Während ich mit der Kerze in der Hand durch das ganze Schloss geistere, fange ich an, mit dem Gedanken zu spielen, die schwere Eisentür nach unten noch einmal zu öffnen und eine Ratte herauszulassen. Aber was ist, wenn ich es nicht schaffe, die Gewalt über ihren Willen zu übernehmen? Der widerliche kleine Scheißer würde dann frei in meinem Haus herumlaufen. Wuääh. Wirklich – ich hasse Ungeziefer.

Nach fünf Minuten intensiven Starrens auf die immer noch verschlossene Tür nach unten, beschließe ich, sie doch lieber zuzulassen und mir stattdessen ein anderes Versuchskaninchen zu suchen. Spinnen und Motten hängen in sämtlichen Ecken dieser gottlosen Burg. Die haben kleine Gehirne. Und kleine Gehirne sollten leichter zu befehligen sein, als große, komplexe Hirne, nicht wahr?

Ich knie mich auf den kalten Fußboden und stelle die Kerze beiseite. Die Hände zu einer Höhle geformt, nehme ich vorsichtig eine Spinne aus ihrem Netz und versuche, eine Verbindung zwischen ihrem und meinem Geist herzustellen. Schwer zu sagen, ob wir uns verstehen oder nicht. Alles fühlt sich an wie immer. Als ich langsam meine Hände öffne, befehle ich der Spinne mit all meiner Kraft, auf meiner Handfläche sitzenzubleiben.

Ja, einen Scheiß haben wir geklickt. Der kleine Krabbler fetzt meinen linken Arm hinauf. Angeekelt schüttle ich die Spinne ab, ehe sie mir unter den T-Shirt-Ärmel kriechen kann. Natürlich funktioniert sie zurückzubeordern genauso gut, als würde ich einem Frosch befehlen, er soll mal bellen. Mission gescheitert. Ich sitze wieder ganz allein im Kerzenlicht. Großartig.

Nach einem langen, frustrierten Atemzug stehe ich auf und greife mir die Kerze. In diesem Moment dringt das Heulen eines Wolfes durch die offenen Fenster. Ich zucke erschrocken herum und die Flamme erlischt.

 

 

Kapitel 7

Knoblauch für Superschlaue

 

Abigail

 

 

Mit meinem Kinn auf die Hand gestützt, sitze ich am offenen Fenster und betrachte den strahlenden Vollmond über Nanas Apfelbaum. Die käsige Kugel ist so nahe, als würde sie mich darum anflehen, meine Hand nach ihr auszustrecken und sie an meine Brust zu knuddeln.

Ob Quentin wohl auch gerade zum Himmel hinaufblickt? Ist bestimmt einsam da oben im kalten Schloss, so ganz allein. Jemanden in den verlassenen Gemäuern zu finden, war mit Sicherheit das Letzte, was ich heute Morgen erwartet hätte. Was für ein seltsamer, ungesunder… und absolut faszinierender junger Mann. Während unserer ersten Begegnung sind sie mir zwar kaum aufgefallen, aber als wir uns in der Abenddämmerung wieder getroffen haben – und nachdem ich mich von meiner zweiten Begegnung mit einem toten Menschen erholt hatte – konnte ich mich kaum an seinen wunderhübschen tiefblauen Augen sattsehen, oder daran, wie verwegen sie jedes Mal gefunkelt haben, wenn er gelächelt hat.

Und dieser Kuss… Oh Mann! Ein verträumtes Seufzen entweicht mir. Er kam total überraschend. Und war so unverhofft süß.

Quentin schafft es permanent, mich entweder halb zu Tode zu erschrecken, oder mich verträumt schmachten zu lassen. Was von beidem wird es wohl bei unserem nächsten Aufeinandertreffen sein? Vielleicht können wir morgen Abend ja ein wenig länger plaudern. Ich werfe einen Blick auf das schwarze iPhone auf meinem Nachttisch. Amerikanische Stecker passen nicht in europäische Steckdosen. Er hat Glück, dass britische Stecker das auch nicht tun, darum habe ich das komplette Sortiment an Stromadaptern mitgenommen und nun lädt sein Handy fröhlich vor sich hin. Mit meiner übermächtigen Neugier würde ich ja nur allzu gern in seinem Handy rumschnüffeln und nachsehen, welche Fotos er darauf hat. Leider hat er mir den Code zum Entsperren nicht verraten.

Mein Blick schweift wieder hoch zum hellen Mond am Nachthimmel. Und dann dringt plötzlich aus der Ferne das Heulen eines Wolfs ins Dorf. Noch nie habe ich etwas Derartiges in echt gehört, aber es klingt völlig anders, als ich erwartet hätte. Kein furchterregendes Gejaule, bei dem es jemandem eine Gänsehaut aufzieht. In Wahrheit ist es so traurig und kläglich, dass mir fast das Herz für das arme Tier bricht. Ich lehne mich weiter aus dem Fenster und versuche herauszufinden, aus welcher Richtung es kommt. Muss irgendwo tief drüben im Wald sein.

Gott sei Dank sitze ich hier sicher in meinem Zimmer oben im ersten Stockwerk. Die Schafe von Farmer Olson haben da wohl etwas weniger Glück. Aber dem Klang nach ist der Wolf gerade nicht auf Schafsjagd. Ich hoffe nur, er hat sich nicht in irgendeiner dieser Fallen mit scharfen eisernen Krallen verfangen. Klar weiß ich, dass es dämlich ist, Mitleid mit so einer gefährlichen Bestie zu haben, aber letzten Endes versucht der Wolf doch auch nur zu überleben, so wie wir. Die meisten Menschen würden wohl kaum einen Hamburger ausschlagen, wenn er vor ihrer Nase baumelt. Wer also kann einem Wolf Vorwürfe machen, wenn er sich schnell mal einen Happen von der Weide holt?

Aber selbst durch das geschlossene Fenster hält mich das schaurige Gejaule bis drei Uhr morgens wach. Dann hört es genauso abrupt auf, wie es angefangen hat. Ist das arme Ding jetzt etwa gestorben? Oder vielleicht ist ihm auch einfach zu langweilig geworden, die ganze Nacht den Mond anzuheulen. Was auch immer. Um diese Zeit ist mir das wirklich egal. Ich brauche einfach nur noch ein paar Stunden Schlaf, schließe die Augen und kuschle mich tiefer ins Kissen, während die Stille der Nacht mich endlich umfängt.

Viel zu früh wache ich am nächsten Morgen wieder auf. Kopfschmerzen randalieren in meinem Schädel. Zu wenig Schlaf bekommt mir definitiv nicht. Nana rettet allerdings meinen Tag, denn sie hat bereits ein leckeres Frühstück für uns beide vorbereitet. Warme Ziegenmilch und frisches Brot mit Käse. Als ich mich an den Tisch setze und dabei meine Schläfen reibe, fragt sie: „Hat dich das Heulen wach gehalten, mein Kind?“

Ich sehe hoch. „Hast du es auch gehört?“ Was für eine bescheuerte Frage. Sie müsste schon taub sein, um den Lärm letzte Nacht nicht gehört zu haben.

Nickend kaut sie an einem trockenen Stück Brot. „Hat es dir Angst gemacht?“

„Zu Anfang. Ein wenig. Aber dann wurde es eher lästig als erschreckend“, gebe ich zu.

„Heute Nacht solltest du besser schlafen können. Das Jaulen geht schon seit einigen Tagen, aber normalerweise hört es nach dem Vollmond auf.“

Ich schmiere mir etwas Butter aufs Brot und lege zwei Scheiben Käse darauf. „Tatsächlich? Warum, denkst du, ist das so?“

Nana zuckt mit den Schultern und versteckt dann ihr Gesicht hinter der großen Tasse Milch, die sie trinkt. Ihr Blick ist gesenkt, als sie murmelt: „Wölfe und der Mond. In Rumänien haben sie immer schon zusammengehört.“

Haben sie das? Ich kann mich nicht erinnern, dass ich in meinen Ferien hier jemals einem Wolf über den Weg gelaufen wäre, oder auch nur einen heulen gehört hätte. „Wie lange ist er denn schon in der Gegend?“, will ich von ihr wissen.

„Eine Weile.“

„Wird Farmer Olson ihn erschießen?“

Ihr Gesicht ist plötzlich grauer als Asche und ihre Augen zucken zu mir hoch. „Warum? Hast du ihn mit einem Gewehr gesehen?“

„Ich habe ihn gar nicht gesehen.“ Verwirrt verschlucke ich mich fast an meinem Käsebrot. Einen halb-kritischen Hustenanfall später, der mir endlich die Krümel aus der Luftröhre schießt, hake ich nach: „Willst du denn nicht, dass der Wolf erschossen wird, damit alle wieder sicher sind? Gestern hast du mir seinetwegen extra eine Tröte gegeben.“

„Ja, um ihn zu erschrecken. Aber doch nicht, um ihn zu töten. Wir erschießen keine Wölfe hier in Ardeal.“

Wie seltsam ist das denn? Ein wildes Tier bedroht das Dorf und keiner will es aus dem Verkehr ziehen. Ich frage mich, ob Wölfe hier wohl unter Naturschutz stehen. Gerade kehren aber meine Kopfschmerzen wieder zurück und halten mich davon ab, noch weitere Fragen dazu zu stellen. Stattdessen lehne ich mich auf den Tisch und lege den Kopf auf meine gefalteten Arme.

Das Scharren von Nanas Stuhl auf dem Steinboden, als sie damit zurückrutscht, fühlt sich an, als würde mir jemand mit einer Gartenharke übers Gehirn rechen. Bei meinem Aufstöhnen klopft sie mir auf die Schulter. „Ich lege dir noch etwas für deine Kopfschmerzen raus, bevor ich zu den Ziegen gehe, mein Schatz.“

„Danke.“ Ein paar Schmerztabletten wären jetzt echt fantastisch.

Das warme Wasser ist in diesem Haus nur begrenzt vorrätig, darum nehme ich nur eine kurze Dusche und versuche wieder aus dem Bad raus zu sein, ehe der angenehme Regen zu einem Eiswasserfall wird. Nana ist schon draußen im Garten, als ich wieder in die Küche komme – die Ziegen blöken fröhlich vor sich hin, während sie gemolken werden – aber auf der Theke liegt eine Packung Pillen. Das müssen dann wohl die Schmerztabletten sein. Der Beipackzettel ist in Rumänisch, darum habe ich auch keinen blassen Schimmer, was ich da überhaupt schlucke, aber Nana hat mir auch ein Glas Zitronenlimonade daneben hingestellt, also bin ich mir ziemlich sicher, dass ich eine von diesen Kapseln nehmen soll.

Fünfzehn Minuten später ist das Hämmern in meinem Kopf tatsächlich weg. Da meine Großmutter draußen zu tun hat, mache ich mich daran, aufzuräumen, die Räume zu lüften und den Boden zu wischen. Na ja, letzteres würde ich zumindest tun, wenn ich hier irgendwo einen Mopp finden könnte. Wo zum Teufel bewahrt Nana nur die ganzen Putzsachen auf? Sicher nicht irgendwo hier im Erdgeschoss. Vielleicht finde ich ja unten im Keller etwas.

Während ich die schmale Treppe hinuntersteige und dabei eine Hand zur Balance an der Mauer entlangziehe, erinnere ich mich auch wieder daran, wie sehr ich mich früher immer vor diesem Bereich des Hauses gefürchtet habe. Eigentlich total irrational, aber als Kind habe ich den Keller gescheut wie Nanas Katzen das Wasser. Heute kommt es mir direkt lächerlich vor, dass ich es noch niemals durch die Tür am unteren Ende der Stufen geschafft habe. Mit siebzehn erschrecken mich alte Geschichten über ein Kellermonster aber nicht mehr, deshalb greife ich nach dem Messingknauf an der Tür und drehe ihn herum.

„Was machst du denn da unten?“

Whoa! Vergesst, was ich gerade gesagt habe! Bei Großmutters vorwurfsvoller Stimme hinter mir, kippe ich vor Schreck fast aus den Latschen.

„Äh, ich suche nach einem Wischmopp“, stammle ich, als ich mich auf der untersten Stufe zu ihr umdrehe.

Ihre Silhouette füllt die schmale Tür oben. Ihre faltigen Wangen heben sich zu einem Lächeln, während sie neben sich greift und – der Teufel weiß woher – einen Mopp hervorholt.

„Oh.“ Mit einem wunderlichen Stirnrunzeln jogge ich wieder nach oben und Nana schließt hinter mir die Tür. „Ich konnte im ganzen Haus keinen finden.“

„Ich bewahre ihn hinter dem Kühlschrank auf.“ Sie legt mir eine Hand in den Rücken und führt mich zurück in die Küche, wo sie mein leergetrunkenes Glas wegstellt. „Sind deine Kopfschmerzen schon besser?“

„Ja, sie sind weg. Danke.“

Sie lächelt noch einmal. „Der Trank wirkt Wunder, nicht wahr?“

Was für ein Trank? Mein Blick wandert zu dem Glas in der Spüle. Mit beiden Händen halte ich den Besenstiel fest und lehne mich schwer darauf, während ich meine Oma mustere. „Du meinst, die Zitronenlimonade war das Schmerzmittel?“

„Natürlich.“ Jetzt wandern ihre buschigen grauen Augenbrauen zusammen und sie schürzt die Lippen. „Was wäre es denn sonst gewesen?“

„Na ja…“ Mein Gesicht zerknittert zu einer Grimasse. „Ich dachte, die wäre nur dazu da, um die Tablette runterzuspülen.“

„Was denn für eine Tablette?“

„Ich habe mir eine aus der Packung gedrückt.“ Kurz zeige ich auf die weiß-braune Schachtel auf der Theke. Wenn die nicht für Kopfschmerzen sind, was zur Hölle habe ich dann genommen?

Nana greift sich die Packung, betrachtet sie und beginnt dann in dieser vollen, tiefen, alten Großmutterstimme zu lachen. „Das sind Knoblauchkapseln, mein Kind. Die sind nicht gegen Kopfschmerzen.“

„Knoblauch?“ Ich schlucke und mir wird in dieser Sekunde schlecht. „Was machen die denn bitte mit mir?“

„Gar nichts.“ Sie legt die Schachtel wieder weg und tätschelt mir kichernd die Hand – vermutlich, weil mein Gesicht gerade ziemlich blass oder grün ist. „Ich nehme jeden Morgen eine davon. Sie helfen mir, auf Zack zu bleiben.“ Mit einem gewitzten Blick tippt sie sich an die rechte Schläfe. „Du weißt schon, im Oberstübchen.“

Aha. Im schlimmsten Fall mutiere ich also zu einem Genie. Der Gedanke hat etwas Beruhigendes. Nun fange ich endlich an, den Boden zu wischen, während Nana sich in der Küche daran macht, das Mittagessen für uns zuzubereiten. Bevor wir essen, checke ich aber noch schnell im Internet, ob durch diese Knoblauchpillen wirklich keine Gefahr besteht. Nana hat anscheinend die Wahrheit gesagt. Offenbar ist Knoblauch für seine positive Wirkung bei Herzbeschwerden bekannt, genauso wie für Blutdruck und Cholesterin. Ein gut-durchblutetes Gehirn ist ein gut-funktionierendes Gehirn, sagt Google.

Am Nachmittag lasse ich mich mit einem Buch ins warme Gras fallen und vertreibe mir die Stunden mit Lesen. Drei der Kätzchen haben sich neben mir zu einem dicken Fellball zusammengerollt, während der flauschige graue Tiger mit einer meiner blauen Haarsträhnen spielt. Es ziept ein bisschen, wenn er sie mit seinen Zähnen und den Babykrallen einfängt, darum schiebe ich ihn immer wieder ein Stück weit weg. Aber er ist stur und schleicht sich immer wieder an, bis ich mein Buch zuschlage und mich auf den Rücken rolle, um ein wenig in der Sonne zu dösen, während ich ihn hinter dem Ohr kraule.

Ein leichter Windhauch über meinen Arm weckt mich wenig später aus einem Nickerchen. Die Sonne ist bereits in den Westen gezogen und verschwindet gerade hinter den Berggipfeln. Ich setze mich auf, reibe mir die Augen und werfe dabei ungewollt den kleinen Tiger von mir runter. Er hat die ganze Zeit über auf meiner Brust geschlafen. Schnell leckt er sich die Vorderpfoten und wirft mir dann einen mürrischen Blick zu, als er zu seinen Geschwistern durch den Garten trottet.

Ich streichle noch mal über seinen Kopf, ehe ich hineingehe. Es wird Zeit, Quentin zu treffen und ihm sein geladenes Telefon wiederzugeben. Ich bin mir sicher, er freut sich schon darauf. Ohne ist es bestimmt ziemlich langweilig den ganzen Tag allein im Schloss. Ich hätte es ihm ja schon früher raufgebracht, aber er hat mich gestern nicht direkt eingeladen und weil es ja gerade mehr oder weniger sein Zuhause ist, wollte ich da auch nicht einfach unangemeldet aufkreuzen. Da Rosemarie noch immer unterwegs ist, kommt mir ein Treffen mit dem L.A.-Typen ziemlich gelegen, um mir den langweiligen Tag etwas zu zerstreuen.

Zwei Stufen auf einmal nehmend, haste ich rauf in mein Zimmer und stopfe Quentins Handy in meine Hosentasche. Auf dem Weg nach draußen bleibt mein Blick aber an Nanas kleiner Tröte hängen, die seit gestern auf dem Tisch liegt. Nach dem gruseligen Wolfsgeheul letzte Nacht ist es wohl besser, ich packe das Teil ein und nehme es mit – nicht, dass ich vorhätte, alleine in den Wald zu spazieren. Aber man weiß ja nie, was wilden Tieren so alles einfällt, wenn sie Hunger haben. Der Wolf könnte mich wittern, mir nachschnüffeln und mich dann wie das zweite kleine Schweinchen mit einem Happs verputzen. Heute Nacht will ich lieber mal kein Risiko eingehen.

Ich mache mich auf den Weg und versuche dabei angestrengt, nicht in ein hibbeliges Joggen zu fallen. Was ziemlich schwer ist, weil meine Nerven gerade etwas angespannt sind. Erinnerungen an den Überraschungskuss von gestern schieben sich in den Vordergrund. Leise kichernd wird mir bewusst, dass ich gegen eine Wiederholung dessen in diesen Sommerferien wohl nichts einzuwenden hätte.

Als ich auf den Schotterweg zum Schloss hinaufbiege, sehe ich mich an der Stelle um, wo ich Quentin gestern tot vorgefunden habe. Die Gegend ist verlassen und still, mal abgesehen von ein paar Grillen, die ihr Abendlied anstimmen. Vielleicht war er schon hier und wir haben uns verpasst? Ich bin etwas spät dran. Andererseits, was ist schon spät, wenn man eine Allergie gegen Tageslicht hat?

Ich kaue den Gedanken eine Weile durch, während ich nach Osten den Hügel hinaufschlendere. Bis ich schließlich fünfzig Meter vor mir jemanden unter einem Baum sitzen sehe, der einen Ast mit einem Taschenmesser bearbeitet. Quentin lächelt, als er aufblickt und mich kommen sieht.

Und plötzlich schlägt mein Herz ein wenig schneller.

 

 

Kapitel 8

Warum stinkst du so?

 

Quentin

 

 

Das gespenstische Jaulen hat mich letzte Nacht durch das ganze Schloss verfolgt. Die Kreatur, die so kläglich zum Mond hinaufgeheult hat, konnte keine Meile weit entfernt sein. Und eine Meile ist verdammt nah, wenn man nichts hat, um sich zu verteidigen.

Weil ich keine Ahnung hatte, ob sich das Biest innerhalb oder außerhalb des magischen Vampirkäfigs befand, in dem auch ich gefangen bin, oder ob es diese Grenze vielleicht ebenso problemlos wie Abigail überschreiten kann, bin ich durch die ganze Burg gehetzt und habe alle Fenster verriegelt. Außerdem habe ich die Vorhänge wieder zugezogen, nur für den Fall, dass ich vor dem Morgengrauen einschlafen würde.

Kluge Entscheidung. Ich wache neben dem Wasserbottich auf, in dem ich gestern Nacht noch die Laken und Decken gewaschen habe. Mein Bärenhunger frisst mich fast selbst auf. Jegliche Art von Arbeit scheint mich im Moment viel mehr anzustrengen als sonst – falls sie es jemals getan hat. Ich kann mich noch erinnern, dass ich nur eine kurze Pause vom ganzen Laken auswringen machen wollte und mich eben noch in den Stuhl in der Ecke gesetzt habe. Jetzt verrät mir ein Blick auf die Armbanduhr, dass ich mich für fast zehn Stunden ins Aus geschossen habe.

Heilige Fledermauskacke, es ist mitten am Tag! Nachmittag, genauer gesagt. Ich lag hier die ganze Zeit tot und für alle Abenteurer sichtbar herum. Obwohl ich bisher ja nur eine kleine Streunerin kenne, die hier einfach so hereinplatzen würde. Weil aber nirgendwo die Blaulichter eines Rettungswagens kreisen oder Sanitäter Stromstöße in mich hineinjagen – und weil ich auch noch nicht in einem verschlossenen Leichensack liege – ist Abigail dem Schloss heute offenbar ferngeblieben.

Notiz für die Zukunft: selbst die kürzesten Nickerchen werden ab jetzt nur noch in meinem verschlossenen Schlafzimmer gehalten.

Ich wasche die Bettlaken fertig, wringe sie aus und breite sie dann über meinem Sarg zum Trocknen aus, den ich gestern in die Küche gezogen habe. Zumindest werde ich morgen Früh in einem frischen, gemütlichen Bett einschlafen.

Eine unangenehme Sache stört den Gedanken allerdings. Reg hat mir keine Streichhölzer hiergelassen. Er muss die Kerze bei unserer Ankunft mit seinem eigenen Feuerzeug angezündet haben. Obwohl der Vorrat an Kerzen oben in meinem Nachttisch für ein ganzes Jahr reichen wird, gibt es keine Möglichkeit sie anzuzünden, nachdem mir die einzige Kerze gestern Nacht ausgegangen ist.

Meine Augen sind zwar im Schatten genauso scharf wie im Licht, dennoch mag ich es nicht, den ganzen Tag in absoluter Dunkelheit herumzuwandern. Es ist unheimlich. Außerdem fühle ich mich dabei noch einsamer als ohnehin schon.

Ganz vorsichtig öffne ich hier und da ein paar Vorhänge nur einen klitzekleinen Spalt. Nur so weit, dass jeweils ein dünner Lichtstrahl durchblitzen kann. Um die muss ich jetzt zwar herumgehen, damit ich nicht getoastet werde, aber das geht in Ordnung. Die Korridore sind breit genug. Und so weiß ich wenigstens, wann die Sonne endlich untergeht und das magische Dämmerlicht einsetzt. Ich kann es kaum abwarten, den süßen Keks wiederzusehen.

Mein Magen rebelliert schon eine ganze Weile vor Hunger, aber es dauert noch Stunden, bis ich meine Zähne in Abigails Hals stoßen kann. Aus Panik, um diese entsetzlichen Bauchschmerzen endlich zu stillen, schütte ich mir einen halben Liter Wasser aus dem Pumpbrunnen hinter die Kiemen. Das vorgetäuschte Gefühl eines vollen Bauchs hilft leider wenig gegen meinen Heißhunger auf Blut. Shit.

Als endlich das Licht, das durch die Vorhangschlitze hereinfällt, trüber wird, überrollt mich eine Woge an schier unbändiger Vorfreude.

Es wird Zeit, mein Happy Meal zu treffen.

Während ich draußen auf Abby warte, suche ich mir einen Platz, der weit genug weg von der merkwürdigen Mauer ist, die mich daran hindert, runter ins Dorf oder sonst wohin zu gelangen. Weil sie noch nirgendwo in Sicht ist, breche ich einen dünnen aber soliden Ast von einem Baum, setze mich ins Gras und mache mich daran, ihn mit dem Taschenmesser, das ich bei mir trage, seit das Wolfsgeheul eingesetzt hat, anzuspitzen. Wenn ich meine Zähne endlich in den laufenden Keks gesenkt habe, möchte ich einen Spaziergang durch den Wald machen und nach dem verdammten Biest Ausschau halten. Lieber trage ich eine richtige Waffe bei mir, wenn ich ihm begegne.

Es vergeht eine halbe Stunde bis Abigail Potts endlich die Straße raufkommt. Als ich ihre Schritte höre, hebe ich den Kopf und lächle meinen Lieferservice an. Kurz bleibt sie stehen, als sich unsere Blicke treffen. Ihr gesunder Herzschlag steigt an und bringt die hübsche Ader in ihrem Hals dazu, noch kräftiger zu pulsieren. Ist sie nervös? Vermutet sie etwas? Oh bitte, dreh jetzt nicht wieder um! Sie ist immer noch zu nahe an der komischen Mauer und wenn sie jetzt beschließt, doch lieber zurückzulaufen, würde ich sie nicht einmal erwischen, selbst wenn ich renne.

Aber dann heben sich ihre Mundwinkel und sie kommt weiter auf mich zu, auch wenn ihre Schritte nun etwas schüchterner ausfallen als gerade eben noch.

Der Speer ist inzwischen scharf genug, um mühelos durch jede Wolfshaut zu dringen, darum klappe ich das Messer zu und stehe wie ein Gentleman auf. Mir läuft bereits das Wasser im Mund zusammen und mein Magen jubiliert aus lauter Vorfreude. Ich habe seit achtundfünfzig Stunden nichts mehr gegessen. Dieses Mädchen wird mein Festmahl.

Und ich werde sie bis auf den letzten Tropfen genießen.

„Hi!“, ruft sie und hebt dabei ihre Hand.

Ich will gerade die Begrüßung erwidern, doch da steigt mir ein fauliger Geruch in die Nase und stürzt meinen Magen ins Chaos. Anstatt mit einem freundlichen „Hey“ zu antworten, kommt es mir hoch und ich krümme mich vornüber. Was um alles in der Welt?!

„Quentin! Geht’s dir nicht gut?“ Abby klingt zutiefst schockiert. „Brauchst du Hilfe?“ Sie eilt zu mir und mit jedem weiteren Schritt, den sie näherkommt, wird klarer, dass sie die Quelle dieses ekelhaften Gestanks ist. Zur Hölle noch mal, was hat sie sich denn angetan? Hat sie ein Knoblauch-Schaumbad genommen?

Sie ist nur noch zwei Meter entfernt, als mich der Mief überwältigt. Ich muss mich mit einer Hand am Baum abstützen, um nicht vor ihr zusammenzubrechen. „Nein, halt!“, stoße ich durch zusammengebissene Zähne hervor und halte mir mit der anderen Hand den Bauch. Das ganze Wasser, das ich vorhin getrunken habe, schießt wieder hoch und ich kotze vor mir auf den Boden. In meinem Kopf ist gerade so ein Durcheinander, dass ich mich nicht einmal selbst denken höre. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich bloß weg von Abigail muss. So weit wie möglich. Und ganz schnell.

Abby ignoriert einfach meine Warnung und stürzt auf mich zu, dann legt sie eine Hand auf meinen Rücken und lehnt sich nach vorn, sodass sie in mein schweißnasses und vermutlich grünliches Gesicht sehen kann. „Du wirst doch nicht wieder ohnmächtig… oder? Oh mein Gott, bitte nicht!“

„Neeeeeeein…“ Eine weitere Welle schwappt von meinem Magen hoch und spritzt wie eine Fontäne aus meinem Mund. Oh Mann! „Könntest du bitte –?“ Ich drehe mich weg von ihr und versuche herauszufinden, wo ich lang muss, um schnellstmöglich zurück ins Schloss zu gelangen. „Tut mir leid, ich muss gehen.“

„Oh. Okay.“

Zweifellos macht sie sich ziemliche Sorgen um mich, aber ich kann keine Minute länger mehr hierbleiben, weil sie sich offenbar im ekeligsten Zeug der Welt gewälzt hat. Ich konnte Knoblauch schon als Mensch wenig abgewinnen. Seitdem ich zum Vampir wurde, ist der Scheiß tödlich für mich.

Abby folgt mir ein paar Schritte, als ich von ihr wegtorkle. „Soll ich dich vielleicht lieber nach Hause bringen?“

Das ist das absolut Letzte, was ich jetzt von ihr möchte. „Nein, bleib einfach… hier. Mir geht’s gleich wieder besser.“

Für ein paar Sekunden hält sie den Mund, doch dann schreit sie mir nach: „Warte! Dein Handy! Nimm es wenigstens mit und ruf irgendjemanden an, falls es noch schlimmer wird.“

Ach ja, wen denn zum Beispiel? Den örtlichen Notruf? Soll ich sie fragen, ob sie mir eine Gasmaske vorbeibringen könnten? Aber mit dem Handy hat sie recht. Das brauche ich unbedingt. Auch, wenn ich damit nur Onkel Vlad anrufen und ihm sämtliche Schimpfnamen an den Kopf werfen werde, die mir heute Nacht einfallen.

Den Kopf weit von ihr weggedreht, greife ich nach hinten und warte darauf, dass sie mir das Telefon samt Ladekabel in die Hand legt. Dann stecke ich beides ein und wackle davon, wobei ich noch einmal an den Straßenrand kotze.

Zum Glück lässt die Übelkeit nach, sobald ich durch die Tür ins Schloss schlüpfe und den fürchterlichen Gestank aussperre, mit dem sie mich gefoltert hat. Was stimmt nur mit dem Mädchen nicht, dass sie mich ständig quält, wenn wir uns sehen? Ich musste mich schon öfter mit Menschen abgeben, seit ich ein Vampir wurde, aber keiner von ihnen war je so eine Plage wie Abigail Potts.

Wenigstens hat sie meinen Hunger damit für die nächsten zehn Stunden erfolgreich abgestellt.

Als ich wieder aufrecht stehen kann und auch mein Magen mir endlich eine Pause gönnt, gehe ich raus in den Garten, wo ich mich auf den Boden setze und an den alten steinernen Ziehbrunnen lehne. Der Mond wirft zwar einen wunderschönen blauen Glanz über den Garten, trotzdem würde ich Abby gerne übers Knie legen, weil sie mir nun schon zum zweiten Mal eine perfekte Abenddämmerung versaut hat. Sie hat Glück, dass sie mein Handy geladen hat, wofür ich überaus dankbar bin. Es erspart ihr die Disziplinierung, wenn wir uns das nächste Mal sehen. Ich muss unbedingt aus diesem verflixten Gefängnis raus und in der Stadt nach etwas Essbarem jagen. Deshalb schalte ich gleich mal mein iPhone ein, ignoriere alle Benachrichtigungen auf Twitter und gehe direkt zu Google.

Vampir kann nicht durch unsichtbare Mauer brechen, ist das Erste, was ich in die Suchmaschine eingebe. Was Google daraufhin ausspuckt, ist nur ein Haufen Bullshit über eine Vampir-Serie mit Erklärungen dazu, warum sie ohne Einladung nicht in anderer Leute Häuser eintreten können. Danke, aber das weiß ich selbst.

Als Nächstes versuche ich: Vampir in Kuppel gefangen. Ich ignoriere all die Vorschläge für Vampirschnulzenbücher und scrolle runter, bis ich zu einem Eintrag von Leuten komme, die sich selbst die Nachtkrabbler nennen und breittreten, warum Zombies so viel besser sind als Vampire.

Ja, fick dich doch, Google!

Mit dem Finger schiebe ich die Suchergebnisse nach oben, bis mir ein Artikel ins Auge springt, der anscheinend von irgendwelchen Leuten aus dem Mittleren Osten geschrieben wurde. Darin geht es um allerlei Hexenzeug, aber je tiefer ich mich damit befasse, umso näher komme ich der Lösung meines persönlichen Rätsels. Die Legende besagt, dass man einen Vampir an einem bestimmten Ort gefangen halten kann, wenn man dreizehn Eiben in einem perfekten Zirkel pflanzt. Er muss dann nur noch hineinspazieren und ist wie in einer Mausefalle gefangen. One way…

Okay, das erklärt, warum ich beim Überqueren von außen nicht die leiseste Ahnung hatte. Zurück geht’s also nicht mehr.

Ich ziehe die Stirn in Falten. Wie um alles in der Welt sieht denn eine Eibe aus? Okay, Google ist wieder mein Freund, als ich zu einer Seite wechsle, die hunderte Bilder dieses speziellen Baumes zeigt. Ich habe gestern Nacht zwar nicht auf die Vegetation um mich geachtet, aber da könnten schon ein paar Eiben gestanden haben, als ich die unsichtbare Barriere abgelaufen bin.

Die Verfasser des Artikels behaupten, dass es reicht, einen der Bäume zu fällen, damit der Bann gebrochen wird. Danke, Internetleute! Könnt ihr mir jetzt bitte noch eine Kettensäge schicken und ein Verlängerungskabel vom Dorf hier herauflegen? Die Rechnung bezahle ich mit Graf Draculas Visakarte.

Eine Grille landet auf meinem aufgestellten Knie und fängt an, ihre Fühler einer Katzenwäsche zu unterziehen. Ich schnipse sie weg und stehe dann vom Boden auf. Mein Rücken schmerzt und außerdem wird es Zeit, reinzugehen.

Im Schloss ist es bedrückend finster. Und kalt. Eigenartig, mir war seit über zwei Jahrzehnten nicht mehr kalt. Ein Vampir zu sein, hat schon seine Vorteile, wie etwa eine gesunde und warme Körpertemperatur, Supergeschwindigkeit, einen außergewöhnlich guten Seh- und Hörsinn. Und dann kommt natürlich auch noch das ganze coole Zeug dazu, das Onkel Vlad machen kann und ich nicht. Aber mich sollte trotzdem nicht durch die kühle Temperatur hier in den alten Steingemäuern frösteln. Es sollte mir nicht einmal auffallen. Dennoch ist mein ganzer Körper mit einer teppichdicken Gänsehaut überzogen.

Ich reibe meine Oberarme, um das Frösteln loszuwerden, und für einen Moment wird mir dadurch wirklich wärmer. Aber es setzt sofort wieder ein, sobald ich damit aufhöre.

Ich frage mich, ob das wohl irgendwie mit meinem brennenden Hunger zu tun hat. Niedriger Blutzucker und all so was. Weiß der Teufel, was das mit einem Vampir anstellt.

Draußen ist die laue Luft viel angenehmer, darum flüchte ich unter dem Vorwand, diese Eiben ausfindig zu machen, hinaus in die Nacht. Mit dem Bild von einer auf dem Handy untersuche ich die gesamte Botanik in der Nähe dieses verwunschenen Kreises und finde die verräterischen Bäume schnell genug. Sie sind hoch. Und dick. Die sind doch mindestens schon ein paar hundert Jahre alt. Bestimmt wurden sie gepflanzt, kurz nachdem Onkel Vlad von hier weggezogen ist. Der Witz darüber, eine Kettensäge online zu bestellen, kommt mir gar nicht mehr so unrealistisch vor. Selbst mit meiner übermenschlichen Kraft besteht keine Chance, einen dieser Giganten aus dem Erdboden zu reißen. Einen auszugraben scheint mir genauso unmöglich.

Ich wische die Google App beiseite und rufe meinen Onkel an. Aber die einzige Stimme, die sich am anderen Ende meldet, kommt von seiner Mailbox. Verdammt! Er schlummert vermutlich gerade den Schlaf der Toten. Wie ist noch mal der Zeitunterschied zwischen hier und Kalifornien? Neun Stunden? Zehn? Da drüben ist gerade strahlender Sonnenschein. Keine Chance, irgendjemanden in der Villa Dracula zu erreichen, nicht einmal die P.A. meiner Tante, denn sie ist es gewohnt, nachts zu arbeiten. Außerdem darf sie wegen des Verbots meines Onkels vermutlich nicht einmal meine Anrufe entgegennehmen.

Gott, was würde ich jetzt nicht für einen kleinen Schluck von Cassies zartem Hals geben. Sie hat Blutgruppe 0-negativ. Nicht ganz so süß wie der zweibeinige Keks, aber dennoch eine zarte Note mit mildem Abgang.

Auf dem Weg zurück ins Schloss stecke ich mein Handy wieder weg und sammle im Garten ein paar herumliegende Äste und trockenes Laub auf. Ein Kaminfeuer im Schlafzimmer wäre jetzt nett.

Nachdem die Übelkeit nun vergessen ist, fängt mein Magen wieder an zu rebellieren und erinnert mich mit lautem Knurren daran, dass er schon viel zu lange keinen Tropfen Blut mehr bekommen hat. Um mich von meinem Elend abzulenken, staple ich das Holz im Kamin und hocke mich davor hin. Es ist an der Zeit für ein wenig Willenstraining. Da die Sache mit der Spinne und dem Hypnotisieren leider in die Hose ging, ist es wohl klüger, mit etwas Leichterem zu beginnen. Etwas, ohne freien Willen. Holz ist gut.

Verbissen starre ich auf das Geäst und stelle mir dabei bildlich vor, wie der kleine Haufen in Flammen aufgeht. Leider ist Starren alleine offenbar nicht der Weg zum Erfolg. Vielleicht muss die Kraft ja von irgendwo anders her gebündelt werden. Ich stehe auf und trete einen Schritt zurück. Dabei halte ich meine Arme gestreckt vor mir, die Finger krampfhaft gespreizt. „Hokuspokus!“, schreie ich das Holz an. Es sieht aber unbeeindruckt davon aus.

„Bibbidi-Bobbidi-Boo?“

Zähneknirschend und mit schmalen Augen spanne ich jeden Muskel in meinem Körper an, bis meine Hände zu zucken beginnen. „Abrakadabra!“

Nichts passiert.

„Bei der Macht von Grayskull, Herrgott noch mal!“

Erschöpft und am Ende meiner Liste an Zauberformeln taumle ich zurück, bis ich gegen das Bett stolpere und auf die Matratze plumpse. Ich schwöre, wenn ich das hier überlebe und jemals zurück nach Kalifornien komme, suche ich die schrecklichste Hexe der Stadt und lasse mir von ihr jeden Zauber beibringen, um meinen Onkel in eine Kröte, eine schleimige Schnecke und eine gottverfluchte Kakerlake zu verwandeln. In dieser Reihenfolge.

Mein Hals wird vom vielen Heimweh ganz eng. Ich krabble rüber zu meinem Kissen und grabe mich in den frischen Laken und Decken ein. Wenn ich hier schon kein Scheißfeuer machen kann, will ich mich wenigstens in etwas Kuscheliges einwickeln und so tun, als wäre ich zu Hause in meinem Zimmer, während ich die Augen zumache.

 

*

 

Die Erlösung durch ein wenig Schlaf ist viel zu kurz und wieder wache ich bereits vor Mittag auf. Heiliger Strohsack, ich muss diesen Jetlag schleunigst unter Kontrolle bringen, sonst bringt er mich noch um, ehe es der Hunger tut.

Ziellos wandere ich durch die Korridore und erkunde sämtliche Räume, in denen ich bis jetzt noch nicht gewesen bin. Wie sehr kann sich ein Vampir nur in einem Schloss langweilen, das fast halb so groß ist wie L.A.? Ich bleibe vor einem alten, verwitterten Spiegel stehen und lächle fünfzehn Minuten lang mein Spiegelbild an, nur um mir selbst das Gefühl zu geben, dass ich hier auch noch andere Gesellschaft habe, außer einem Haufen Ratten. Als meine Wangen anfangen zu krampfen und ich langsam aussehe wie ein gequältes Meerschweinchen, setze ich schließlich meinen Streifzug durch die alte Burg fort.

Der einzige Pluspunkt am Wachsein während der Tagesstunden ist, dass ich jetzt wenigstens meinen Onkel anrufen kann und nicht wieder in der Mailbox hängenbleibe. Das heißt, falls der alte Graf überhaupt gnädig genug ist, ranzugehen, wenn er meine Nummer sieht.

Er antwortet bereits nach dem zweiten Klingeln, aber was ich anstatt einer netten Begrüßung bekomme, ist erst mal sein höhnisches Lachen. „Sieh einer an. Wenn das nicht unser Vampirlehrling ist…“

„Ja. Dir auch Hallo, Onkel.“ Eigentlich will ich das böse ins Telefon grollen, aber es ist so schön eine andere Stimme in diesen einsamen Mauern zu hören, dass ich wohl eher wie ein aufgeregter Welpe als ein grantiger Untoter klinge.

„Bedeutet dein Anruf, dass du dich bereits um den Werwolf gekümmert und endlich gelernt hast, deine geerbten Kräfte zu kontrollieren?“

„Öhm… nicht so direkt.“

Onkel Vlads Seufzen dringt durch die Leitung. War das Mitleid? Ich bin mir nicht ganz sicher. Ungeduld? Auf jeden Fall. „Was willst du dann, Neffe?“

„Hol mich nach Hause! Bitte!“ Nope, ich schäme mich kein bisschen für meinen weinerlichen Gefühlsausbruch. „Das Schloss ist wie eine heruntergekommene Geisterbahn und ich habe keine Ahnung, wer das gemacht hat oder wie, aber da ist so eine magische Käseglocke über der Burg. Ich komme da nicht durch und innerhalb der Mauern sind keine Menschen, die ich anzapfen könnte.“ Außer dem Mädchen, das die Barriere ständig vor und zurück überquert, rein mit der Absicht, mich zu foltern.

„Was meinst du?“ Ah, jetzt klingt er wenigstens neugierig.

Ich erzähle ihm alles, was ich über die Eiben rausgefunden habe und wie mich die Blockade an meinem ersten Tag ausgeknockt hat. „Keine Chance, dass ich so einen Baum mit meinem Taschenmesser fälle. Die sind viel zu groß. Und warum zum Teufel gibt’s in deinem alten Zuhause keinen Strom? Hinter dem Schloss ist ein Plumpsklo, um Blutes willen!“ Zum Glück muss ich es als Vampir auf Blutdiät nicht benutzen, aber es ist aus der Steinzeit!

„Geh runter ins Verlies“, kommt die kalte Antwort meines Onkels.

Ich bleibe abrupt stehen. „Um was zu tun? Soll ich den Ratten in ihre Wohnung kacken?“

„Nicht wegen der Toilette, du ignoranter –“ Ich weiß nicht, was er mich eigentlich nennen wollte, denn seine nächsten Worte klingen so dumpf, als würde jemand eine Hand auf seinen Mund drücken.

Dann höre ich eine sanfte weibliche Stimme, obwohl sie sicher nicht ins Telefon spricht, sondern nur mit Onkel Vlad. „Reg dich nicht schon wieder so auf, Liebling. Atme erst einmal tief durch…“ Eine kurze Pause, dann wird ihr Ton eine Spur schärfer. „Du sollst durchatmen, habe ich gesagt! Sofort!“ Daraufhin folgt ein extremes Schnauben, das meine Tante offenbar zufrieden stimmt. „Gut. Und jetzt sei ein braver Onkel für Quentin und sag ihm, was er wissen muss.“

Onkel Vlad knurrt ins Telefon, aber ich bin mir sicher, dass Ellie immer noch im Zimmer steht und ihn mit ihren Rehaugen böse anfunkelt. Wäre es nicht so, würde er sicherlich seinen Ärger darüber, dass er Stunk mit seiner Frau hat, an mir auslassen. „Geh runter ins Verlies“, sagt er noch einmal mit erzwungener Ruhe im Tonfall. „Dort findest du Werkzeug und Waffen. Auf jeden Fall aber eine Axt, um ein Loch in die Barriere zu schlagen.“

„Ratten leben im Keller“, wimmere ich und verziehe das Gesicht.

„Willst du einen Ausweg oder nicht?“

„Natürlich.“

„Dann sei kein Weichei und reiß dich zusammen.“

Bei dem Gedanken schüttelt es mich. Ernsthaft, es geht hier um Ratten! „Was ist, wenn ich den Zirkel so lasse, wie er ist, und die nächsten paar Wochen einfach nichts esse?“

Onkel Vlad lacht mir ins Ohr. Der herablassende Klang beweist, dass Tante Ellie inzwischen gegangen ist. „Dann wirst du zu einem Vampir-Zombie. Aber mach dir keine Sorgen, das kriegen wir mit einem Blutbeutel schon wieder hin, bevor ich dich über Weihnachten nach Hause hole. Ich will ja nicht mit einer verwesenden Leiche reisen.“

Ein frustriertes Grummeln rollt aus meiner Kehle, als ich mich oben im ersten Stock an die Wand im Korridor lehne und die Augen verdrehe. „Du hast ja so ein warmes Herz, Onkel Vlad.“

„Hashtag – wer braucht schon Familie“, gibt er ebenso sarkastisch zurück.

Okay, ich schätze, der geht auf meine eigene Kappe. Als ich einen langen Moment gar nichts mehr sage, seufzt Vlad erneut und klingt dabei zumindest ein wenig mitfühlend. „Eleanora sagt, sie liebt dich. Und du sollst nicht aufgeben. Sie glaubt an dich.“

„Ja, danke“, murmle ich und lasse dann die Hand absinken, als nur noch das kalte Pfeifen des beendeten Anrufs zu hören ist.

Und hier stehe ich wieder… mutterseelenallein. Mensch, jetzt verstehe ich auch, warum sie Einzelhaft als die schlimmste Strafe von allen bezeichnen. Das kombiniert mit null Blut und ohne WLAN, und ein Vampir wird mit Sicherheit innerhalb weniger Tage geistesgestört.

Ich werde geisteskrank! Und Scheiße noch mal, ich hasse diese bedrückende Finsternis. Ich brauche Licht hier drinnen. Wenn schon nicht von einem Kronleuchter, dann doch wenigstens von einer Fackel. Oder einer Kerze. Mir würde auch schon ein einfaches Lagerfeuer reichen!

Ich stapfe zurück ins Hauptschlafzimmer und knie mich auf den harten Steinboden. Aus dem Kamin ziehe ich ein flaches Stück Holz und einen festen Ast, der aussieht, als würde er nicht gleich beim kleinsten Druck brechen. „Bescheuerter, uralter Mann aus der Hölle!“, maule ich vor mich hin, während ich den Stock hart gegen das Holz scheuere und darauf warte, dass die Reibung ein Feuer entfacht. „Hoffentlich hole ich mir in diesem Schloss die Vampirpocken und sterbe daran, dann kannst du dir bis in alle Ewigkeit Vorwürfe machen, weil du deinen letzten Blutsverwandten auf dieser Welt umgebracht hast.“ Ich reibe und reibe, aber das einzige, was hier anfängt zu brennen, sind meine Oberarme. „Warum die ganze Anstrengung, um mich zu retten, hm? Ist wohl dein persönlicher Kick, den armen Neffen zu quälen, der nicht einmal eine Woche ohne deine Hilfe überlebt. Hah! Dir werd ich’s zeigen. Ich werde dieses abgefuckte Geisterschloss nicht nur überleben, ich werde sein König sein! Und dann komme ich als dein schlimmster Albtraum zurück. Ich brenne dir den Arsch weg mit deinen eigenen Wa –“

„Hallo?“

Erschrocken erstarre ich zu Eis, nur mein Kopf zuckt zur Tür.

Was zur Hölle war das?

 

 

Kapitel 9

Zahnweh

 

Quentin

 

 

„Quentin?“

Abbys unsichere Stimme kommt von unten. Heilige Fledermauskacke, was macht sie denn hier?

„Bist du zu Hause?“

Das Holz rutscht mir aus der Hand und ich rapple mich auf die Beine, dann schleiche ich auf Zehenspitzen zur offenen Tür. Ich wage es gar nicht, etwas zurückzurufen, denn wenn sie immer noch so arg stinkt wie gestern, bringt sie nur die Pest in mein Haus. Vorsichtig stecke ich erst mal nur den Kopf in den Gang und schnüffle. Nichts. Aber sie ist auch noch zu weit weg, um ganz sicher sein zu können.

Auf Zehenspitzen stehle ich mich zur Treppe. Sie hat die Eingangstür sperrangelweit offen gelassen. Eine Flut an Sonnenlicht fällt über die Schwelle und erleuchtet die große Halle hinter Abby, die gerade ein paar zaghafte Schritte in Richtung Küche macht. Ein blauer Leinenrucksack hängt über ihren Schultern. Vermutlich hat sie darin noch mehr Folterwerkzeuge für mich mitgebracht.

„Dir ist schon klar, dass die Sache mit der Finsternis ziemlich gruselig ist, oder?“ Ihre Stimme hallt in der Dunkelheit.

Mit einer Hand am Geländer schreite ich leise die Stufen hinunter, halte aber in der Mitte der Treppe an und atme noch einmal vorsichtig ein. Abbys Geruch filtert durch meine Nase. Keks. A-positiv. Mmmh… lecker. Der ekelhafte Knoblauchgestank ist endlich verflogen. Es zieht ein wenig, als sich meine Fangzähne aus ihren Höhlen in meinem Oberkiefer absenken, weil sie ganz scharf darauf sind, sich in ihren Hals zu bohren.

„Quentin?“, dringt ihre schüchterne Stimme noch einmal zu mir, während sie in der Küche nachsieht. „Bist du hier?“

„Hallo Abigail…“

Ein kleines, zartes Quietschen entweicht ihr, als sie sich zu mir umdreht und ihre Hand flach auf ihre Brust drückt. Dabei holt sie ein paarmal geräuschvoll Luft, bis sie sich wieder gefangen hat. „Herr Jesus Christus! Du hast mich zu Tode erschreckt!“

Offenbar habe ich das nicht. Aber ich kann dich tot saugen, wenn du mich lässt.

„Das tut mir leid“, sage ich langsam und komme die restlichen Stufen herunter. Ihr berauschender Duft wird mit jedem Schritt stärker. Ihr kräftiger, steter Herzschlag ruft mich ebenfalls. Sie hat heute sogar ihr Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, um mir leichten Zugang zu ihrem Nacken zu ermöglichen.

Als ich unten ankomme, tritt Abby in den Pool aus Tageslicht.

Nein!

Vorsichtig wage ich mich näher heran – so weit es geht, ohne mich zu verbrennen. Oh Junge, das wird echt krass warm hier. Besser als jedes Kaminfeuer.

„Ich verstehe ja, dass du durch deine Krankheit nicht direkt raus ins Sonnenlicht kannst“, meint sie mit neugierig geneigtem Kopf, „aber denkst du nicht, du übertreibst hier vielleicht ein wenig mit der Abschottung?“

„Nein. Willst du zum Abendessen bleiben?“ Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Ich glaube, es läuft mir sogar ins Gehirn, denn plötzlich fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren. „Du könntest mein Ehrengericht sein.“ Nein, warte. Das war falsch. Richtig? Richtig. „Ehrengast.“

Wahrscheinlich kann sie mich hier im Schatten gar nicht richtig erkennen, aber ich sehe ihr verwirrtes Stirnrunzeln ohne Probleme. „Warum klingst du so seltsam?“, will sie wissen. „Ist dir immer noch schlecht?“

„Problem mit meinen Zähnen“, lisple ich. Die verdammten Dinger piercen meine Unterlippe. Ein paar Tropfen Blut treten aus den Einstichwunden. Schmeckt nach Kupfer. Wenn mich mein eigenes Blut vor dem Verhungern retten könnte, würde ich mich jetzt selbst aussaugen. Mit tiefgezogenen Augenbrauen nippe ich trotzdem an mir und schlucke das Zeug runter. Nope. Das hilft genau gar nichts.

„Hast du Zahnschmerzen?“

Ich habe Vampirzähne. Willst du sie mal aus der Nähe sehen?

„Vielleicht solltest du zu einem Zahnarzt in der Stadt gehen? Meine Großmutter weiß da bestimmt jemanden. Sie kommt heute zwar erst sehr spät nach Hause, weil Rommé-Nacht bei ihren Freundinnen ist, aber ich kann sie morgen gerne für dich fragen.“

„Ich brauche keinen Zahnarzt. Ich brauche nur das richtige Mädchen zum Essen.“

Nun lacht sie und ich muss noch mal zwei Zeilen zurückspringen und analysieren, woher das kommt. „Du bist witzig“, meint sie. „Aber wo wir schon beim Essen sind, ich habe dir etwas von Nanas Apfelstrudel mitgebracht.“ Sie nimmt den Rucksack ab und fischt eine Plastikdose mit rotem Deckel aus dem Inneren. „Ich esse immer welchen, wenn ich krank war. Obwohl… eigentlich esse ich dauernd welchen. Punkt.“

Sie hält mir die Dose entgegen. Ihr Arm reicht dabei in den Schatten. Ich könnte sie jetzt am Handgelenk packen und aus der Sonne ziehen. Aber dann würde sie vermutlich wieder schreien und ich weiß ja, wie ihr Gekreische hier drinnen klingt. Innerlich zucke ich bei der Erinnerung an die Attacke auf meine Ohren noch immer zusammen.

Ich nehme ihr die Plastikbox ab und lasse ihr Handgelenk dabei unberührt. „Danke.“ Als ich den Deckel abziehe, weht mir ein süßer Duft von Zimt und Äpfeln um die Nase. „Riecht gut.“ Das tut es wirklich. Traurigerweise wird das meinen Hunger nicht stillen, selbst wenn ich Tonnen von dem Zeug esse.

Langsam hebe ich den Blick. Ihr Hals andererseits…

Meine Augen werden zu Schlitzen, während ich meine Gedanken bündle. Komm her zu mir, Abigail Potts. Lass mich von dir trinken und bitte schrei nicht dabei.

„Und…?“ Sie dreht sich herum und tritt dabei noch weiter zurück ins Sonnenlicht, als sie sich umsieht und ihr Blick die Wand hoch bis zur Decke schweift. „Was hast du denn den ganzen Tag lang gemacht?“

Verflucht noch mal! Ich stöhne frustriert durch zusammengebissene Zähne. „Ich habe versucht, ein Feuer zu machen.“

Abby mustert den breiten Kamin in der Wand links von ihr. „Da drin?“

„Nein. Oben. In meinem Schlafzimmer.“ Um meinen Fangzähnen die Chance zu geben, sich zurückzuziehen, breche ich ein kleines Stück der Nachspeise ab und stopfe sie mir in den Mund. In den ersten Monaten, nachdem mich mein Onkel verwandelt hat, habe ich immer noch jede Menge normales Essen in mich geschaufelt, rein aus Gewohnheit. Irgendwann habe ich damit aufgehört, weil mein Körper diese Speisen nicht mehr verdauen konnte und es kam auf gleichem Wege wieder heraus wie hinein. Das Apfeldessert schmeckt aber lecker und es lenkt mich ein wenig ab. Da ist es mir gerade auch egal, dass ich es später wieder auskotzen muss.

Ich schiebe mir noch einen Bissen in den Mund und spreche um den zerkauten Brei herum. „Leider wurde ich last-minute hierhergeschickt und konnte mich kaum darauf vorbereiten. Ich hatte keine Ahnung, was mich hier erwartet. Ich habe nicht einmal an ein Feuerzeug gedacht. Du hast nicht zufällig eins dabei, oder?“

„Leider nein.“ Abby zieht ein Gesicht. „Kannst du die Dinge, die du brauchst, nicht in der Stadt kaufen?“

Vermutlich. Wenn ich nur irgendwie hier rauskommen würde. Ich glaube aber nicht, dass sie mein Dilemma mit der Vampirfalle verstehen würde, darum zucke ich nur beiläufig mit den Schultern. „Wenn ich endlich mal raus kann, sind die meisten Geschäfte bereits zu.“

„Ah, ja, das ist natürlich ein Problem.“ Sie kratzt sich am Kopf. „Wenn es dir hilft, kann ich ja für dich einkaufen gehen. Mach einfach eine Liste der Dinge, die du brauchst, und ich hole sie dir morgen aus der Stadt. Und inzwischen…“ Sie lässt ihren Rucksack auf den Boden fallen und flitzt aus dem Schloss.

Zur Hölle noch mal, nein!

Durch die offene Tür sehe ich aber, dass sie nicht wirklich abhaut. Sie sammelt nur ein paar Sachen vom Boden auf und kommt damit wieder zurück. Begeistert strahlend präsentiert sie mir zwei Steine, die beide etwa faustgroß sind. „Das sind Feuersteine. Die kannst du verwenden, um ein Feuer zu machen. Draußen liegen ganz viele davon rum.“

Ernsthaft? Ich tausche die Apfelstrudel-Box gegen die Feuersteine und gehe damit rüber zum Kamin, wo ein kleiner Haufen altes Holz auf meine experimentellen Anzündversuche wartet. Ein paar harte Schläge der Steine aneinander und schon fliegen die Funken wie Glühwürmchen.

Ich bemerke erst, dass Abby noch mal draußen war, als sie sich plötzlich neben mich hockt und einen Armvoll Äste und Blätter in den Kamin entlädt. „Wenn der erste Rauch aufsteigt, musst du pusten“, befiehlt sie und lehnt sich selbst dabei runter, um behutsam auf das Kleinholz zu blasen. Sekunden später fängt das Zeug tatsächlich Feuer durch die Funken, die ich erzeuge. Sprachlos starre ich in den Kamin.

„Nein! Mach weiter! Du darfst jetzt nicht aufhören.“ Abby pustet schneller und fester, als ich die Steine erneut gegeneinanderschlage. „Komm schon, puste!“

Völlig überfordert mache ich, was sie sagt und lehne mich weiter hinunter, was gar nicht so leicht ist, weil sie mich immer noch nicht aufhören lässt, die Feuersteine zu klopfen. Ich blase und lache und sie lacht genauso. Und auf einmal sehen wir beide gebannt zu, wie die Flammen nach oben züngeln und die Dunkelheit verschlingen.

„Whoa!“ Ich werfe meine Hände in die Luft, überwältigt vom Stolz eines Höhlenmenschen, der gerade sein erstes richtiges Feuer gemacht hat. „Sieh dir das an!“

„Gute Arbeit!“, jubelt Abby und ich nehme meine Hände wieder runter. Sie ist so nahe, dass sich unsere Arme berühren und mich ihr Keksduft in eine warme Wolke aus Leichtigkeit einschließt. Ich neige den Kopf zu ihr und lächle dabei. Jetzt könnte ich problemlos meine Hand in ihren Nacken schieben und sie für einen Bissen an mich ziehen.

Oder ich könnte… „Danke, Abby.“

Abigail Potts schenkt mir ein wunderschönes, unschuldiges Antwortlächeln. „Hab ich gern gemacht.“

Was für ein seltsamer Augenblick. Ruhig und angenehm. Zum ersten Mal, seit ich in Transsilvanien angekommen bin, frage ich mich, ob Gesellschaft in diesem Schloss vielleicht mehr wert ist als Blut. Denn in diesem Moment fühlt es sich sehr danach an.

Als Abby meinen Blick so lange hält, fange ich an zu glauben, dass sie gerade ein kleines bisschen tiefer unter die Oberfläche sieht. Wie viel Wahrheit sie dort findet, wage ich nicht zu sagen. Schließlich steht sie auf und ich folge ihr. Langsam. Ohne dabei den Augenkontakt zu unterbrechen. Als wir uns so nahe gegenüberstehen, spricht keiner von uns beiden ein Wort, doch ich strecke die Hand nach ihr aus und streife mit den Fingerspitzen über ihren bloßen Arm. Mein Blick folgt der Bewegung. Verflucht, es tut so gut, jemanden zu berühren. Sie zu spüren. Zu wissen, dass es da ein Mädchen gibt, das zurückkommt und mir versichert, dass ich noch nicht vergessen bin.

Abigail neigt den Kopf und sieht mich mit unzähligen Fragen in ihren Augen an, doch sie zuckt nicht zurück. „Du bist einsam hier oben, nicht wahr?“, sagt sie nur leise.

Ich schlucke. „Du kannst dir gar nicht vorstellen wie sehr.“ Meine Stimme ist schwer vor Heimweh. Dick vor Unsicherheit und Bedauern.

„Wann wird denn die Filmcrew nachkommen?“

Ja richtig. Die Lüge, die ich ihr bei unserem ersten Treffen erzählt habe. „Ich weiß es nicht. Erst muss ich noch ein paar Dinge regeln. Könnten ein paar Tage sein. Oder auch Wochen.“

„Das ist eine lange Zeit, um allein zu sein.“

Ich nicke.

Ihre Gesichtszüge werden so sanft, dass es aussieht, als wäre ihre Haut aus Seide. „Weißt du was?“ Sie nimmt meine Hand und ich kann sie nur noch ratlos anstarren. „Ich bin den ganzen Sommer hier. Bis also dein Team nachkommt, kann ich jeden Tag hier heraufkommen und…“ Grinsend zuckt sie mit den Schultern und rollt dabei auf wirklich niedliche Art mit den Augen. „Na ja… dir Gesellschaft leisten.“

Mir ist klar, dass sie gerade nicht die Worte ausgesprochen hat, die ihr eigentlich durch den Kopf gingen. Meine Mundwinkel schieben sich ein Stückchen nach oben. „Bietest du mir gerade deine Freundschaft an, Abigail Potts?“

Sie beißt sich auf die Unterlippe. „Wenn du möchtest.“

Langsam schließen sich meine Finger um ihre. „Ich glaube, das würde mir gefallen.“

Ihr Strahlen wird heller und plötzlich zieht sie mich mit sich. Zum Glück nicht direkt in den Lichtpool, der immer noch durch die Eingangstür fällt, sondern hinüber zur Wand, von der sie eine der antiken Fackeln nimmt. „Glaubst du, die gehen noch?“

„Ist auf jeden Fall einen Versuch wert“, antworte ich und hole mir die zweite. Wir halten sie beide ins Feuer und als wir sie wieder herausnehmen, brennen sie in einem prachtvollen Orange. Damit sollte es einfach sein, ein Feuer in meinem Schlafzimmer in Gang zu kriegen. Aber ehe wir nach oben gehen, habe ich noch etwas anderes vor.

„Du scheinst das Schloss viel besser zu kennen als ich.“ Mit der Fackel als Wegleuchter gehe ich nach hinten zur eisernen Tür, die in den Keller führt, und bleibe davor stehen. „Warst du schon mal im Verlies?“

Abby schüttelt den Kopf. „Man sagt, da unten ist eine Folterkammer.“ Der Gräuel in ihrem Blick verrät mir, dass dies wohl der letzte Ort ist, an den sie jemals gehen würde, selbst in ihren wildesten Träumen.

„Jemand meinte, da unten sind vielleicht Werkzeuge, die mir in der Burg nützlich sein könnten.“

Sie rümpft ihre Stupsnase. „Und du willst jetzt da runtergehen?“

Besser zu zweit als allein, also ja, das war mein Plan. Als ich mich aber zur Tür umdrehe, überrollen mich die Erinnerungen an die ekelhafte Ratte und ich zögere. „Ladies first?“, biete ich ihr mit einer Grimasse an.

Mit dem Rücken zur Wand schüttelt sie vehement den Kopf. „Es ist dein Zuhause. Die Ehre gebührt also ganz dir.“

„Wie überaus freundlich von dir“, kontere ich ihre falsche Rücksicht. Dann erschaudere ich, als ich nach dem schweren Eisenriegel greife, um ihn zur Seite zu schieben. Mein Arm verharrt in der Luft.

„Worauf wartest du?“

Mit einer jämmerlich verzogenen Miene sehe ich zu ihr. „Dort unten wohnen Ratten.“

Abby lacht. „Tja, wenn du diese Werkzeuge so unbedingt willst, musst du wohl oder übel an ihnen vorbei.“

„Hast du denn gar keine Angst vor Ratten?“

„Oh, und ob! Aber du wirst vor mir da runtergehen und was auch immer auf uns zukommt, wird dich zuerst fressen.“

„Vielen Dank auch, Miss Potts!“ Sie bekommt ein zynisches Schmunzeln von mir, ehe ich den Riegel ganz sachte zurückziehe. Die Tür quietscht, als wäre sie nicht erst vor zwei Tagen zum letzten Mal geöffnet worden. Abby zieht den Kopf ein und macht die Schultern krumm. Mit der Fackel in der Hand lehne ich mich um die Tür herum und schiele nach unten. Sieht alles ganz ruhig aus.

„Ist die Luft rein?“, erklingt ihre nervöse Stimme hinter mir.

Erst als ich nicke und die Tür weiter aufmache, tritt sie neben mich und gemeinsam lassen wir unsere Fackeln den schmalen Gang die Treppe runter ausleuchten.

„Okay. Sieht aus, als wäre es sicher, da jetzt ruhuuuuuaaah—“ Das letzte Wort schrillt in einem Kreischen, als eine flinke Ratte die Stufen raufwuselt. Ich weiß nicht, wo genau sie ihre Fackel hingeworfen hat, aber plötzlich klebt Abby an mir, ihr Gesicht in meiner Halsbeuge vergraben, und mein T-Shirt fängt ihr Wimmern auf. Die Ratte zischt durch meine Beine durch, flitzt quer durch die Halle und flüchtet raus ins Tageslicht. Sie ist weg, ehe ich überhaupt realisiere, was gerade abging. Nur das Mädchen ist immer noch da und ihre Fackel brennt still auf dem Fußboden weiter.

Ich lege meinen Arm um Abby und spüre dabei zum ersten Mal, was für ein zerbrechliches kleines Ding sie doch ist. Zierlich. Weich… Warm. Langsam neige ich den Kopf etwas nach unten. Ihr Herz schlägt einen betörenden Takt gegen meine Brust. Sie ist gefährlich nahe. Und ihr Hals ist das Köstlichste, was ich seit Tagen gesehen habe.

Ich möchte sie wirklich nicht beißen, das schwöre ich. Aber, fuck! Meine Eckzähne schießen aus ihren Höhlen, als hätte gerade jemand „Blutspende“ gerufen. Ich atme schwer gegen ihre Haut. Gott, bitte gib mir hier ein bisschen Selbstbeherrschung!

„Ist sie weg?“, quiekt sie, während sie immer noch an mir hängt und ihre Finger sich in meine Brust graben.

„Mm-hmm.“

Zaghaft hebt sie den Kopf ein wenig. „Sind da noch mehr?“ Die Anspannung in ihrem Nacken präsentiert ihre Schlagader in einem wundervollen Licht.

„Nein…“, stöhne ich mit Blick auf genau diese Stelle. Es tut mir leid, aber es ist einfach unmöglich, einen Keks abzulehnen, wenn er sich mir praktisch von selbst in den Mund wirft.

Meine Oberlippe zuckt zurück und legt meine Fangzähne frei. Verdammt, sie wird mir ja so guttun.

Ich merke, wie Abby sich von mir lösen möchte, aber ich kann sie nicht gehen lassen. Mein Arm um sie ist stählern. Als ich mich leicht nach unten beuge und meine Zähne über ihre zarte Haut streifen, stemmt sie sich gegen meine Brust und versucht, mir dabei ins Gesicht zu sehen. „Quentin? Ist alllll—mächtiger Gott! Was ist denn mit deinem Mund?!“

Ihr hysterisches Kreischen jagt einen Schauer durch meinen Körper, der meinen festen Griff um sie lockert. Sie entkommt. Noch während sie nach hinten stolpert, fällt sie über ihre eigene Fackel und landet auf ihrem Hintern. Wie eine Spinne krabbelt sie rückwärts von mir weg, doch dann schnappt sie sich die immer noch brennende Fackel und rappelt sich zittrig auf die Beine, wobei sie diese wie einen Baseballschläger vor sich hält. „Warum sind deine Eckzähne so lang?“

Ich schätze mal, es ist jetzt zu spät, ihr weismachen zu wollen, dass die zum Filmequipment gehören. „Ich will dich wirklich nicht beißen“, knurre ich und versuche dabei so freundlich wie möglich zu klingen, als ich ihr folge. „Aber ich muss… na ja… an dir knabbern. Nur ganz wenig.“

„Knabbern? Beißen?“ Tränen machen ihre Augen glasig.

Ich hasse es, sie so zu erschrecken, aber ich habe gerade einfach keine Kontrolle mehr über mich selbst. Und ich habe so großen Hunger. „Es tut mir leid, Abby. Du bist einfach zur falschen Zeit ins falsche Schloss ge –“

WHÄM!

Die geballte Ladung einer Atombombe explodiert in meinem Gesicht. Mein Kopf zuckt zur Seite, die Augen weit aufgerissen, und ich spucke ein kleines Nugget aus, das plötzlich in meinem Mund ist.

Mit der freien Hand reibe ich mir den Kiefer. Aaau!

Als ich Abby endlich wieder anvisieren kann, ist ihre Fackel ausgegangen, obwohl sie den Griff immer noch fest mit beiden Händen hält. Sie kann mich doch unmöglich – Meine Augenbrauen schieben sich ungläubig nach unten. „Hast du mich gerade geschlagen? Damit?“

Wie ein kleiner Angsthase in einem Raum mit dem großen bösen Wolf fixiert sie mich mit ihrem Blick, wobei ihr ganzer Körper zittert. „Oh mein Gott! Oh mein Gott! Oh mein Gott! Du – du bist…“

Der korrekte Ausdruck ist Vampir, Herzchen.

Ich will auf sie zugehen, behalte dabei aber die Fackel in ihren Händen im Auge, für den Fall, dass sie noch einmal ausholt. Doch dann bleibe ich stehen, weil sich gerade Blut in meinem Mund ansammelt. Ich fahre mir mit der Zunge an der Lippe entlang, um die Quelle zu finden, und merke… dass mir der rechte Fangzahn fehlt. „Fuck!“

Gleichzeitig suchen wir beide den Boden nach dem Nugget ab, das ich vorhin ausgespuckt habe. Es liegt direkt vor Abigails Fuß.

Mein Blick wandert hoch zu ihrem entsetzten Gesicht. Ihr Mund steht weit offen, ihre Haut ist so bleich, als hätte ich sie bereits zum Dinner verspeist, und ihre leckere Halsschlagader hat gerade Schwierigkeiten damit, das ganze Blut durchzupumpen, das ihr Herz durch ihren Körper schießt.

Einen Atemzug lang starren wir uns gegenseitig in die Augen und keiner von uns bewegt sich auch nur einen Zentimeter. Dann wandert ihre Aufmerksamkeit langsam wieder zu meinem Zahn auf dem Fußboden. Mir gefällt der Gedanke ganz und gar nicht, der sich gerade in ihren funkelnden Augen widerspiegelt.

„Abigail…“, knurre ich.

Zu spät. Das kleine Wiesel kickt meinen Zahn hinüber ins Licht und noch ehe ich sie packen kann, stürzt sie aus dem Schatten. Das Einzige, was ich zu fassen bekomme, ist die ausgebrannte Fackel. Ohne auch nur eine Sekunde zu vergeuden, hebt sie meinen Zahn auf und flüchtet damit aus dem Schloss.

Nicht einmal draußen im Sonnenlicht bleibt sie stehen – ich kann ihr ja sowieso nicht folgen. Aus der sicheren Dunkelheit heraus muss ich zusehen, wie sie vor mir flieht. Ich habe noch nie ein Mädchen so schnell rennen gesehen…

Aber verflucht noch mal, sie hat meinen Fangzahn! Wenn ich den nicht bald zurückbekomme, wird die Wunde in meinem Zahnfleisch heilen und ich kriege ihn da nie wieder rein.

Ein gequältes Ächzen dringt aus meiner Kehle, als ich mich umdrehe und runter ins Verlies stürme. Ich muss unbedingt eine Axt finden, ein Loch in diese Eibenbarriere schlagen und dann herausfinden, wo Abigail Potts wohnt, damit ich meinen Zahn zurückbekomme, sobald die Nacht anbricht.

 

 

Kapitel 10

Naschen nicht beabsichtigt

 

Abigail

 

 

Ich jage so schnell den Berg hinunter, dass es mir vorkommt, als hätte ich irgendwo unterwegs meine Lungen verloren. Bei dem Horror, der sich gerade im Schloss abgespielt hat, ist es ein Wunder, dass meine Beine überhaupt noch tun, was ich von ihnen verlange.

In meinen Gedanken werde ich von Quentins Gesicht und seinen entsetzlichen Zähnen verfolgt. Er ist ein Monster! Ein Mann, der die Sonne fürchtet! Er lebt in einem Schloss! Vampir! Und er will mich fressen…

Dreh dich nicht um! Lauf einfach!

Ich schlittere bis ans Ende des Schotterwegs und biege rechts ab auf die asphaltierte Straße. Wie einen sicheren Leuchtturm in der Ferne kann ich bereits Großmutters Haus sehen. „Nana! Nanaaaa!“, schreie ich in wilder Panik, während ich durch den Vorgarten sprinte und durch die Eingangstür falle. Aber im Haus ist es still. Ach herrje! Ich habe ganz vergessen, dass Nana heute gar nicht zu Hause ist. Es ist Rommé-Nacht mit ihren Freundinnen. Wo treffen sie sich noch mal alle? Bei Mitzi? Oder Francesca? Verdammt, ich weiß es nicht mehr.

Doch als ich mich umdrehe und die Sonne hinter den Berggipfeln verschwinden sehe, wird mir klar, dass es zu spät ist, um nach ihr zu suchen.

Die Dämmerung… Quentin kann das Schloss nun verlassen.

Hysterisch und komplett außer Atem verriegle ich die Tür und sause durch das Haus, um alle Fenster in jedem Raum fest zu verschließen. Mein Zimmer ist das letzte und als ich auch hier das Fenster verbarrikadiert habe, krabble ich in die hinterste Ecke meines Bettes und drücke mich an die Wand. Die Knie angezogen, schlinge ich meine Arme um die Beine und lege mein Kinn darauf. Was um alles in der Welt soll ich jetzt denn nur tun? Die transsilvanische Polizei rufen und ihnen verklickern, dass ein Vampir im Dorf frei rumläuft? Oder vielleicht die nationale Sicherheit? Himmel, ich kann nicht einmal meine Großmutter anrufen, weil sie die letzte Person auf der Erde ist, die sich immer noch vehement gegen ein eigenes Handy sträubt.

Ich schniefe. Nana wüsste, was zu tun ist. Selbst, wenn sie mich nur davon überzeugen würde, dass mir mein Verstand gerade einen ziemlich miserablen Streich spielt – vielleicht wegen der Hitze – und dass alles in Wahrheit nur ein riesiges Missverständnis ist. Quentin ist kein Ungeheuer. Er ist ein netter Kerl aus Amerika und er arbeitet für eine Filmproduktionsfirma, die sich wegen eines Drehs für Schloss Dracula interessiert.

Und dann fällt mir plötzlich auf, dass meine Hand schon die ganze Zeit fest um etwas geschlossen ist.

Langsam sinkt mein Blick und ich öffne die Faust. Darin liegt der Fangzahn eines Raubtiers.

Ein kalter Schauer jagt mir über den Rücken.

Ich kneife die Augen zu und versuche mein pochendes Herz unter Kontrolle zu bekommen, aber es will sich nicht beruhigen. Es kommt mir vor, als wäre ich in einem Horrorfilm gefangen – nur dass die Schauspieler in diesem Film real sind.

Als im nächsten Moment ein seltsames Geräusch von draußen zu mir hereindringt, zuckt mein Kopf hoch. Es klingt, als hätte jemand eine Axt in einen Baum gerammt. Der Wald ist nicht weit weg von hier und das Echo wird schaurig von den Bergen zurückgeworfen. Die Fenster in diesem Haus sind so alt wie Nana selbst und wenn sie den Wind im Winter nicht draußen halten können, dann ganz bestimmt auch nicht diesen Lärm.

Das Geräusch erklingt noch einmal. Wieder. Und wieder. Unzählige Male.

Mein Blick ist starr auf das Fenster gerichtet und meine Zehen krallen sich dabei in die Decke. Die Nacht bricht herein und vertreibt das letzte Licht des Tages. Doch das Holzfällergeräusch ertönt immer noch… Keiner der Dorfbewohner würde so spät noch in den Wald gehen und Bäume schlagen. Warum auch? Sonnenlicht kann ihnen ja nichts anhaben.

Ich kenne nur eine Person, für die es gefährlich ist.

Nach einer Ewigkeit dringt aus dem Wald ein ohrenbetäubendes Gepolter. Der Baum fällt.

Bang steige ich aus dem Bett und gehe rüber zum Fenster. Von hier aus kann ich so gut wie nichts sehen, nur den dunklen Wald am Fuße des Berges. Aber wenn Quentin den Baum aus einem bestimmten Grund umgehackt hat, dann ist er wohl gerade damit beschäftigt, ihn nach Hause zu befördern. Das bedeutet, er hat gar keine Zeit dafür, runter ins Dorf zu kommen und sich nach einem leckeren Mahl umzu—

Heilige Maria Mutter Gottes!

Jemand kommt die Straße entlang. Panisch verstecke ich mich hinter der Wand neben dem Fenster und hyperventiliere die gesamte Luft aus meinem Zimmer. Bitte, bitte, bitte, bitte, sei nicht der Vampir!

Mit angehaltenem Atem lehne ich mich schließlich um die Ecke und schiele durch das dünne, alte Glas. Der junge Mann in Jeans und weißem T-Shirt spaziert an den Häusern vorbei und wird vor jedem etwas langsamer. So wie das Mondlicht seine blonden Haare und die markanten Gesichtszüge hervorhebt, besteht kein Zweifel daran, wer er ist.

Meine Hände beginnen zu schwitzen, während sich meine Finger in das uralte Fensterbrett krallen. Ich wage es kaum, einen Muskel zu bewegen. Wie schon vor allen anderen Häusern, wird Quentin auch vor unserem langsamer. Sogar von hier oben kann ich sehen, wie er die Augen schließt und sich seine Brust aufbläht, als würde er tief einatmen. Kein Grund, deswegen in Panik zu verfallen. Das hat er auch vor den anderen Häusern gemacht, ehe er schließlich weiterging.

Nur bleibt er dieses Mal stehen.

Seine Augen gehen wieder auf und langsam dreht er den Kopf. Unsere Blicke verhaken sich in der Dunkelheit zwischen uns. Und plötzlich will ich nur noch schreien.

Doch es kommt kein Mucks aus meiner Kehle, als ich rückwärts vom Fenster weg stolpere. Das Grauen schnürt mir den Hals zu. Da geht keine Luft mehr durch, weder rein, noch raus. Ich lande auf dem Hintern und sehe, wie die Krone des Apfelbaums draußen vor dem Fenster erzittert. Herr Jesus! Er klettert zu meinem Zimmer hoch!

Ich brauche unbedingt sofort eine Waffe – egal was! Darum taste ich blindlings um mich herum den Boden ab, das Fenster dabei ununterbrochen im Blick. Das erste Teil, das ich erwische, ist der Besen, mit dem ich heute Vormittag das Zimmer ausgefegt und den ich dann bei der Tür vergessen habe. Nachdem er mit lautem Gepolter umgekippt ist, ziehe ich ihn zu mir. Im selben Moment erscheint Quentin vor der Fensterscheibe, weil er sich gerade an einem dicken Ast hochzieht.

Mit einer Hand am Ast über ihm und die andere für die Balance an den Stamm gestützt, hockt er genau vor meinem Zimmer. Und dann landet sein Blick auf mir. „Abigail… mach das Fenster auf.“

Was zur Hölle? Hat der einen Knall? Ich packe den Besenstiel mit eiserner Gewalt und schüttle heftig den Kopf.

„Mach auf! Bitte!“ Beim Sprechen enthüllt seine Oberlippe immer wieder kurz die Lücke in einer sonst perfekten weißen Zahnreihe. „Ich tu dir nichts, versprochen!“

Durch diese steinalten Fenster klingt seine Stimme so klar und deutlich, als würde er direkt neben mir auf dem Bett sitzen.

„Verschwinde!“ Ich kämpfe mich wieder auf die Beine und halte dann den Besen wie eine Mistgabel vor mir. „Ich habe vorhin die Polizei gerufen!“

Kurz zieht er die Augenbrauen tiefer und neigt den Kopf ein wenig, doch dann entspannt er sich schnell wieder. „Nein, hast du nicht.“

Wie kann er das wissen?

„Keine Sirenen in einem Drei-Meilen-Radius“, beantwortet er meine unausgesprochene Frage. Verfluchter Scheiß, kann er wirklich so weit hören?

„Warum bist du mir gefolgt?“, krächze ich und weiß, dass es für mich keinen Ausweg mehr aus dieser Falle gibt.

„Ich brauche meinen Zahn.“

Mein Blick zuckt zum Nachttisch, wo sein gruseliger Fangzahn liegt. Seine Augen schweifen ebenfalls dorthin, ehe er mich wieder ansieht. „Bitte, gib ihn mir zurück. Dann lasse ich dich auch in Ruhe.“

„Geeeenau…“ Ein hysterisches Lachen entfährt mir. Nicht einmal ich bin so dämlich. „Sobald ich dieses Fenster aufmache, fällst du mich doch an und frisst mich auf.“

„Hör zu…“ Sein Gesicht ist so verkrampft, dass es beinahe so aussieht, als hätte er Schmerzen. „Wenn ich das vorhätte, könnte ich auch einfach einen Stein durchs Glas werfen und das Fenster selber öffnen, meinst du nicht?“

Ich runzle die Stirn.

„Tatsächlich würde ich aber nicht einmal reinkommen, selbst, wenn du mir das Fenster aufmachst. Nicht, bevor du mich nicht offiziell reingebeten hast. Was ich gar nicht von dir verlange. Bitte, du verstehst nicht. Ich will nur mit dir reden… und meinen Zahn zurück.“

„Du bist ein Monster. Ein Vampir!“ Meine Stimme ist so zittrig und schrill, dass ich sie selbst kaum wiedererkenne. „Du saugst Leuten das Blut aus und bringst sie um. Was gibt es daran denn nicht zu verstehen?“

„Abby…“, knurrt er und kneift dabei für eine Sekunde die Augen zu, während er sich die Nasenwurzel reibt. Als er mich wieder ansieht, zieht er tief den Atem ein. „Ich wurde im Dezember 1978 als ganz normaler Mensch geboren. Mein Ururgroßonkel Vladimir hat mich mit neunzehn in einen Vampir verwandelt, weil ich sonst bei einem Autounfall gestorben wäre.“

„Vladimir?“, quieke ich. „So wie Vladimir… Dracula?“

Ein einfaches Nicken. „Ich schwöre, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie jemandem wehgetan oder jemanden umgebracht.“ In einer kurzen Atempause blickt er mich so eindringlich an, dass sich die Emotion in seinen Augen direkt durch mein Herz bohrt. Weil ich sie wiedererkenne: Angst. Als er weiterspricht, ist seine Stimme viel leiser. „Aber wenn du irgendjemandem hier erzählst, was ich bin… dann werden sie mich umbringen. Mein Leben liegt gerade in deiner Hand.“

Minutenlang starren wir uns nur gegenseitig an. Tausende Gedanken rauschen dabei durch meinen Kopf. Die Hälfte davon endet mit mir als blutleerem Mädchen. Einige beinhalten auch Quentins Sarg.

„Was heute im Schloss passiert ist, war ein… Missgeschick“, unterbricht er irgendwann die Stille. „Es tut mir so leid, Abigail. Ich wollte dich wirklich nicht erschrecken.“

Die Aufrichtigkeit in seinen tiefblauen Augen überrollt mich wie ein Zug und ich senke den Besen ein paar Zentimeter ab. Als er sich aber in der Baumkrone bewegt, zucke ich wieder zusammen. Quentin bricht einen Ast vom Apfelbaum, der so lang ist, wie mein Unterarm. Er testet das gesplitterte Ende mit der Fingerspitze und es sieht ziemlich scharf aus. Ein kleiner Bluttropfen tritt aus seiner Haut.

Er beugt sich nach vorn und legt den spitzen Ast aufs äußere Fensterbrett. Dann lehnt er sich wieder zurück.

Meine Augen werden schmäler. „Wofür ist der?“

„Mit so etwas tötest du einen Vampir. Nicht mit einem Besen.“ Langsam blinzeln seine langen, dunklen Wimpern. „Ziele aufs Herz.“

Ich glaube nicht, dass ich tatsächlich jemanden umbringen könnte – ob echter Mensch, oder Kreatur, die nur so aussieht, macht da keinen Unterschied. Der Besen war auch eher dazu gedacht, Quentin vom Baum zu schubsen. Bei dem Gedanken, ihm einen Pflock durchs Herz zu stoßen, schüttelt es mich.

Aber er hat recht. Als Schutz dient das scharfe Stück Holz vermutlich besser.

Angespannt setze ich einen Fuß vor den anderen und gehe näher ans Fenster. Quentin bewegt sich nicht. Schweigend bleibt er nur im Baum sitzen und beobachtet jeden meiner vorsichtigen Schritte. Ich entriegle das Fenster und mache langsam einen Flügel auf, damit ich mir den Speer greifen kann. Die ganze Zeit über kleben meine Augen an Quentin. Als sich meine Finger um das Holz schließen, hole ich tief Luft, werfe den Besen weg und drücke stattdessen den spitzen Ast an meine Brust.

Quentin bricht in der Zwischenzeit noch einen zweiten, viel längeren Ast ab und schiebt damit beide Fensterflügel weit auf. Mir bleibt dabei fast das Herz stehen, aber nach seiner Warnung, dass er ja sowieso nur das Glas einschlagen müsste, versuche ich nicht, ihn aufzuhalten.

„Tritt ein Stück zurück, Abby. Ich möchte dir etwas zeigen.“ Er sagt das so sanft, dass es erschreckend leicht ist, ihm in die Falle zu gehen und zu glauben, dass er nur ein ganz normaler Junge ist, der da im Baum abhängt.

Ich mache zwar, was er sagt, umfasse aber auch den Speer etwas fester dabei. Offensichtlich zufrieden mit mir, nickt er. Dann setzt er plötzlich zum Sprung an und hechtet vorwärts, direkt auf mich zu. Ich mache einen entsetzten Satz nach hinten und kreische kurz auf.

Nur, dass er gar nicht durchs Fenster kommt, sondern genau an der Stelle abprallt und vom ersten Stockwerk die Hauswand hinunterfällt. Wieder kreische ich, aber diesmal aus Angst um Quentin. Automatisch stürze ich zum Fenster und lehne mich hinaus, um zu sehen, ob es ihm gut geht.

Quentin hängt am Fensterbrett und seine Finger graben sich fest ins Holz. Mit einer Hand greift er hinüber zum Ast und zieht sich selbst zurück in den Baum. Sein Ächzen dringt dabei in mein Zimmer und einige Blätter regnen runter in den Garten, weil er auf dem Weg ein paar Zweige bricht. Erst als er wieder sicher am selben Platz wie vorhin sitzt, grinst er mich schief an. „Du hast eine süße Stimme, wenn du schreist, Abigail Potts. Wird mich zwar irgendwann einmal das Gehör kosten, aber süß.“

Ich weiß, dass er mich gerade nur aufzieht, weil ich mir um ihn – einen Vampir – Sorgen gemacht habe, dennoch kommt ein erleichtertes Seufzen aus meiner Brust, weil er nicht von meinem Fenster aus in den Tod gestürzt ist.

„Du kannst also echt nicht in mein Haus?“, frage ich ihn ein paar beruhigende Sekunden später und halte den Speer immer noch mit beiden Händen fest.

Er schüttelt den Kopf. „Nicht ohne Einladung.“

Die er nur über meine Leiche bekommt!

Zu wissen, dass ich hier drinnen aber zumindest halbwegs sicher vor ihm bin, erlaubt meinen verkrampften Lungen sich wieder zu entspannen. Ich dachte schon, ich sterbe eher noch an einem Erstickungstod als unter Quentins Zähnen. Dennoch ziehe ich mich wieder ein Stück zurück, nur für den Fall. „Warum ist das so?“, will ich dabei wissen.

Quentin zuckt mit den Schultern. Seine Lider senken sich gleichgültig. „Vampire unterliegen einigen bescheuerten Naturgesetzen. Kein Tageslicht. Kein Einbrechen. Kein Knoblauch…“ Beim letzten Wort hebt er den Blick fast schon fragend wieder zu mir, als wollte er auf etwas hinaus.

Und dann rastet ein schockierendes Puzzleteil ein. Ich schlucke. „Du konntest das gestern an mir riechen?“

Er schiebt die Nase hoch. „Das war ein ziemlich elender Gestank. Was um alles in der Welt hast du denn gemacht? Hast du dich selbst in Knoblauchdipp getunkt?“

„Nein. Ich habe versehentlich eine von Großmutters Knoblauchpillen geschluckt. Sie nimmt sie, um geistig fit zu bleiben.“ Ich ziehe den Kopf ein. „Tut mir leid.“

„Ach wirklich?“ Quentins Schmunzeln wärmt die Nacht, als er ein Blatt von den Zweigen neben sich zupft und anfängt, abwesend damit zu spielen. „Ich hätte dich vielleicht gebissen, wenn du mich nicht zum Kotzen gebracht hättest.“

Wieder verkrampfen sich meine Finger um den Speer. „Hättest du das echt getan?“

Beschämt senkt er den Kopf und seine Stimme wird zu einem Murmeln. „Ich habe nach Möglichkeiten gesucht…“

„Möglichkeiten wofür?“

Er sieht mich lange Zeit schweigend an. „Damit du mir dein Blut anbietest.“

„Anbieten? Du bist ja witzig.“ So gar nicht… Ich schnaube. „Als würde irgendjemand freiwillig einen Blutsauger an seinen Hals lassen.“

Gerade so, als hätte ich damit einen Nerv bei ihm getroffen, verhärten sich seine Gesichtszüge und seine Finger hören auf, an dem Blatt herumzufummeln. „Ich habe noch niemals ohne Zustimmung von jemandem getrunken.“

Tja, das ist jetzt nur schwer zu glauben. Aber Quentin hat auch nicht gelogen, was die Einbruchsicherheit vor Vampiren betrifft. Ich mache einen vorsichtigen Schritt auf ihn zu und mustere ihn dabei durch schmale Augen und mit leicht geneigtem Kopf. „Willst du damit sagen, dass es tatsächlich Leute gibt, die sich gerne von Vampiren beißen lassen?“

Er nickt und schreddert dann das Blatt in kleine Stücke. „Vampire können in den Verstand anderer Menschen eindringen und sie dadurch willig machen. Aber das müssen sie nicht immer.“

Meint er das ernst? Gedankenkontrolle? Dieser Horrorfilm wird von Minute zu Minute unheimlicher. Das Geräusch meines Schluckens ist laut genug, um die Nachbarn zu wecken. Dennoch erzählt mir Quentin das alles auf so sanfte Weise, dass es immer schwerer wird, ein richtiges Monster in ihm zu sehen. Und er hat mich neugierig gemacht. Da für mich in diesem Haus offenbar gerade keine akute Gefahr besteht, lasse ich mich vor dem Fenster auf den Boden sinken. Die Augen starr auf ihn gerichtet, verschränke ich die Beine und kräusle die Lippen ein wenig. „Was meinst du damit, dass sie das nicht immer müssen?“

Quentin lässt das zerfledderte Blatt auf den Boden regnen. „Ich kenne ein paar Mädchen, die ziemlich gerne… Blut spenden. Dafür muss ich sie nicht hypnotisieren.“

„Wenn ich also Nein sage, dann müsstest du an meinem Verstand rumfummeln, damit ich dich mein Blut trinken lasse?“

Er nickt. „Wenn sich jemand beim Trinken wehrt, endet das nur in einem blutigen Massaker. So was will kein Vampir. Zumindest keiner, den ich kenne.“

„Warum hast du mich dann vorhin im Schloss nicht hypnotisiert?“ Na klar, Abby, bring ihn ruhig auf dumme Ideen! Warum auch nicht?

Ich will mir schon auf die Zunge beißen, doch da überrascht mich Quentin mit seiner nächsten Antwort. „Weil ich es nicht kann. Ich hab’s bisher nie gelernt.“ Er seufzt leise und schielt dann schuldbewusst unter seinen langen Wimpern zu mir herüber. „Obwohl ich zugeben muss, dass ich es bei dir versucht habe. Nur bist du dann irgendwie ständig in die komplett falsche Richtung gelaufen.“

Mir entfährt ein Grunzen. „Na, das ist ja mal gut zu wissen.“ Ich schäle ein Stück Rinde vom Speer und werfe es aus dem Fenster, verfehle Quentin aber um einen halben Meter. Einen kurzen Moment später übernimmt aber die Neugier bereits wieder die Oberhand. „Warum hast du es nicht gelernt?“

Er presst kurz die Lippen aufeinander, während er tief durch die Nase einatmet, und zuckt dann mit den Schultern. „Zu faul? Mein Onkel will, dass ich es endlich auf die Reihe kriege. Darum hat er mich auch an diesen gottverlassenen Ort geschickt. Alleine. Damit ich praktisch dazu gezwungen bin, meine Kräfte zu entwickeln und als ordentlicher Vampir wieder nach Hause kommen kann.“

Kann man mit einem tödlichen Monster Mitleid haben? Weil er mir nämlich gerade ziemlich leidtut. „Klingt wie eine verschrobene Version eines Bootcamps für außergewöhnliche Kreaturen.“ Ich weiß, dass er da oben im dunklen Schloss schrecklich einsam ist. Und er muss auch bereits ziemlich großen Hunger haben, wenn alles stimmt, was er mir erzählt hat. „Wann hast du denn zum letzten Mal…“ Gott, ich will dieses Wort nicht aussprechen. „Getrunken?“

Er blickt auf seine Uhr, dann hinauf zum Mond. Letztendlich verzieht er das Gesicht. „Vor ein paar Tagen.“

„Und normales Essen –“

„Hilft mir nicht.“

Dann war der Apfelstrudel also reine Verschwendung. Der Ernst seiner Lage wird mir immer deutlicher bewusst. „Wie lange hältst du es denn ohne Blut aus, bis du stirbst?“

Sein unsicherer Blick findet zurück zu meinen Augen. Nach einem langen, stillen Moment flüstert er: „Das weiß ich nicht.“

Mitgefühl für ihn zieht meine Brust zusammen. Ich will Quentins Zähne zwar nicht in meinem Hals, aber dass er leidet, will ich auch nicht. „Kannst du nicht einfach Blut aus… aus…“ Vor mir taucht das Bild eines Krankenhauses auf. „Blutkonserven trinken?“

„Ja, könnte ich. Wenn ich welche hätte. Du kannst aber nicht einfach nachts in eine Blutbank spazieren und um eine freiwillige Spende bitten, Abby. Dafür müsste ich erst einmal ihre Gedanken manipulieren.“

„Was du aber nicht kannst“, schließe ich das Thema ab, reibe mir dann übers Gesicht und stöhne dabei in meine Hände. „Meine Güte, du bist echt ein miserabler Vampir, Quentin.“

„Ja, ich schätze, mit dem Glück hab ich es im Moment nicht so.“ Er lächelt so traurig, dass ich am liebsten zu ihm hinausklettern, ihn in den Arm nehmen und ihm versichern möchte, dass alles wieder gut wird. Ich muss wohl total übergeschnappt sein.

Quentin neigt den Kopf und ist kurz still, als würde er lauschen. Offenbar hat etwas seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Irgendwo im Garten oder drei Meilen weiter weg? Er lehnt sich ein Stück zurück, damit er um den Baumstamm herumsehen kann. „Da kommt eine alte Lady die Straße rauf.“

Agh! Ich springe auf. „Das muss meine Großmutter sein!“ Mit dem Speer locker in der Hand laufe ich zum Fenster und lehne mich weit hinaus, um die Straße sehen zu können, auf der Nana gerade mit einem fröhlichen Summen auf den Lippen auf das Haus zukommt. „Du wirst sie doch nicht fressen, oder?“ Mein Tonfall ist mehr als nur besorgt. Geradezu flehend. Als ich mich zu Quentin drehe, befinden wir uns Nase an Nase gegenüber mit nur wenigen Zentimetern zwischen uns. Grundgütiger! Wenn er jetzt einen Mitternachtssnack möchte, müsste er nur noch seine Hand in meinen Nacken schieben und mich aus meinem Zimmer ziehen. Schockiert ziehe ich den Atem ein und zucke zurück nach drinnen.

Quentin schmunzelt, doch dann verzieht er vor Abscheu plötzlich das Gesicht. „Ist sie diejenige mit den Knoblauchpillen?“

„Mm-hmm.“

„Dann brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Das wird nicht passieren.“ Er zieht den Kragen seines T-Shirts hoch über Mund und Nase und in der Dunkelheit glänzen seine Augen vor Ekel. „Ich sollte jetzt gehen.“

Ja, das ist vermutlich besser, als in unseren Vorgarten zu kotzen, wenn Nana gleich nach Hause kommt. Er hängt sich an den Ast und lässt sich dann in die Tiefe fallen. Nicht einmal eine Katze würde so leise landen wie er. Aber sein plötzlicher Aufbruch macht mich doch etwas nervös. Ich habe noch so viele Fragen an ihn. Und dann ist da auch noch… Ich seufze.

„Quentin.“ Das leise Wort ist raus, ehe ich mir auf die Zunge beißen kann. Als er mit diesen großen, dunkelblauen Augen zu mir hochsieht, zerreißt es mir fast das Herz. Junge, ich muss echt den Verstand verloren haben. Dennoch sage ich ihm, dass er kurz warten soll, und hole dann seinen Zahn von meinem Nachttisch. Zurück am Fenster strecke ich den Arm mit meiner Faust aus. Er versteht sofort, was ich vorhabe, und hält seine Hände wie eine Schüssel auf. Erst dann lasse ich los. Der Fangzahn fällt in seine Handflächen. Eine halbe Sekunde lang starrt er ihn an, dann sieht er mit verwunderter Dankbarkeit zu mir hoch. Ein kleines Lächeln bringt seine Mundwinkel zum Zucken. Dann formt er noch still die Worte „Gute Nacht“, ehe er geduckt aus dem Garten verschwindet und eins mit der Dunkelheit wird.

Einen kurzen Moment blicke ich ihm noch nach, doch dann sause ich runter und schließe die Tür für Nana auf, falls Quentin es sich ihretwegen doch noch anders überlegt.

Nana biegt gerade in unseren Vorgarten ein, als ich die Tür aufziehe und nervös von einem Fuß auf den anderen steige, während ich auf sie warte. Ihre Hand ist warm, als sie auf der Schwelle stehenbleibt und mir über die Wange streichelt. „Du bist noch wach, mein Kind? Ist alles in Ordnung?“

Ich nicke – wohl viel zu heftig – und schließe hinter ihr wieder ab. „Konnte nicht schlafen. Da war ein –“ An dieser Stelle unterbreche ich mich selbst und halte den Atem sekundenlang an, während ich beinahe die Türklinke zerquetsche. Was ist, wenn Quentin recht hatte? Was ist, wenn die Leute total in Panik geraten, sobald sie von ihm erfahren, und dann zum Schloss hinaufgehen und ihn pfählen? Ein eiskalter Schauer jagt mir über den Rücken.

„Da war ein was?“, holt mich Nanas Stimme zurück aus meinen grausigen Gedanken.

Ich ringe mir ein knappes Lächeln ab, als ich mich zu ihr umdrehe. „Gar nichts. Nur ein Moskito, der mich wach gehalten hat.“

„Ekelhafte kleine Blutsauger“, brummt sie und drückt mir daraufhin die rote Fliegenklatsche in die Hand, die auf dem Küchentresen gelegen hat. „Nimm das nächste Mal die hier. Damit solltest du das Ungeziefer loswerden.“

„Äh… ja.“ Vermutlich eher nicht, aber… „Danke.“

Ich gebe ihr einen Gutenachtkuss und verharre dann noch eine halbe Sekunde neben ihrem Gesicht. So nahe ziehe ich unauffällig die Luft ein. Nö, nichts. Ernsthaft, ich raff nicht, was Quentin mit diesen Knoblauchkapseln für ein Problem hat.

„Schlaf gut“, sage ich und drehe mich bereits mit einer Hand am Geländer zur Treppe. Doch dann bleibe ich doch noch einmal stehen und presse die Lippen aufeinander. „Ähmm… Nana?“

Sie sinkt auf ihren Sessel und lockert die Schuhbänder, wobei sie zu mir hoch lächelt. „Hmm?“

„Da war heute so ein seltsamer Vertreter, der von Haus zu Haus schlich. Er wollte mir… Halloweensachen verkaufen. Falls er noch einmal zurückkommt, solltest du ihn lieber nicht reinbitten. Und auch sonst niemanden.“

„Mach dir keine Sorgen, mein Kind.“ Sie steht auf, trägt ihre Schuhe zum Schrank und steigt in ihre warmen Pantoffeln. Dann kommt sie noch einmal zu mir und kneift mich liebevoll in die Wange. „Hier in Rumänien wissen wir, dass wir keine Fremden in unsere Häuser lassen.“

Bei dem Glitzern in ihren Augen runzle ich die Stirn. Natürlich werden die Legenden von Dracula in diesem Teil des Landes niemals aussterben, aber für einen kurzen Moment frage ich mich, ob sie vielleicht doch mehr weiß, als sie gerade durchlässt. Ich lasse das Thema und gehe zurück in mein Zimmer, weil ich Quentins Geheimnis unmöglich verraten und ihn den aufgebrachten Dorfbewohnern mit ihren Heugabeln überlassen kann. Zumindest noch nicht. Er hat mir auf jeden Fall eine Menge zu denken gegeben. Ich sollte beim nächsten Mal besser vorbereitet sein. Aber ich will nicht, dass er gejagt wird wie Frankensteins Monster.

Ach du Scheiße!

Gibt es das vielleicht auch?

 

 

Kapitel 11

Gedankenstrip

 

Abigail

 

 

Ich habe in der vergangenen Nacht kaum geschlafen. Zusammengerechnet wahrscheinlich nicht mehr als eine Stunde, weil ich bei jedem kleinen Geräusch in oder vor meinem Zimmer hochgeschreckt bin. Erst als die Sonne am Morgen bereits freundlich durch das Fenster gelacht hat, konnte ich mich endlich ein wenig entspannen und das Gesicht noch einmal für zwei Stunden im Kissen vergraben. Natürlich mit dem kleinen Holzspeer griffbereit auf dem Nachttisch.

Dass ich beim Frühstück so ungewohnt still bin und meinen irrwitzigen Gedanken nachhänge, fällt natürlich auch meiner Großmutter auf. Ihre besorgten Blicke in meine Richtung, während sie einige Kräuter aus verschiedenen Einmachgläsern in eine kleine grüne Papiertüte zusammenfüllt, entgehen mir dabei nicht.

„Kindchen, ist alles in –“

„Ich bin spät dran!“, schneide ich ihr das Wort ab, vermutlich viel zu laut, und springe vom Tisch auf, wobei der Stuhl beinahe nach hinten kippt. Ich will sie nicht anlügen, aber ich habe meine Meinung über Nacht auch nicht geändert und werde Quentin keiner Gefahr aussetzen. Sie ist sowieso die falsche Person, um darüber zu reden. Sie ist alt. Und alte Leute neigen dazu, bei schockierenden Neuigkeiten einen Schlaganfall oder Herzinfarkt zu bekommen. Darum werde ich ihr sicher nicht von einem Vampir erzählen, der sich in Schloss Dracula eingenistet hat.

Aber Quentin ist ein zu großes Geheimnis, um es ganz für mich allein zu behalten. Ich muss es mit jemandem teilen, ehe ich noch etwas Dummes anstelle. Rosemarie meinte, sie kommt heute endlich nach Hause. Sie kann mir dabei helfen, diese Sache zu überstehen, ohne dabei komplett durchzudrehen.

Als ich zur Tür huschen will, streckt Nana ihren Arm aus und ich laufe gegen die grüne Tüte, die sie hält. „Sie soll sich daraus einen Tee brauen. Er wird ihr helfen.“

Etwas perplex starre ich die Tüte an und nehme sie Nana dann unschlüssig ab. „Wer denn?“

„Rosemarie.“

Die Augen skeptisch verengt, mustere ich sie von der Seite aus. „Woher weißt du, dass ich zu Rosemarie wollte?“

Nana zieht ihre buschigen Brauen nach oben und blinzelt. Dann lächelt sie, als hätte gerade jemand in ihrem Rücken einen Schalter umgelegt. „Hast du doch gesagt.“

„Nein… Ich bin mir sicher, dass ich das nicht habe.“

„Oh.“ Es folgt eine kurze Stille, dann richtet sie sich die beiden Stricknadeln, die sie im Kreuz durch ihren festen grauen Dutt gestochen hat. „Tja dann… habe ich wohl einfach gut geraten.“ Schmunzelnd, als würde sie mich nur aufziehen wollen, geht sie zurück an die Theke und fängt an, Äpfel zu schälen. Irritiert nagle ich sie von hinten mit einem Blick fest, aber der lässt sie kalt.

Ein Grummeln kommt über meine Lippen. Die Gedanken immer noch in einem unbändigen Knoten, schlüpfe ich in meine Sandalen, die zu meinem roten Sommerkleid passen, und mache mich auf den Weg.

Sobald ich aber draußen angekommen bin, zischt ein gruseliges Gefühl von meinem Nacken bis hinunter zu meinen Zehen. Es ist das erste Mal, dass ich das schützende Haus verlasse, seit… Mein Herz beginnt, unglaublich schnell zu schlagen.

Hier draußen herrscht strahlender Sonnenschein und Quentin ist in seinem Schloss gefangen. Dennoch zuckt mein Blick wild durch die Gegend, wobei ich Ausschau nach irgendetwas Ungewöhnlichem halte. Schauderhafte Augen in den Büschen, zum Beispiel.

Reiß dich bitte zusammen! Er kann tagsüber gar nicht runterkommen und über dich herfallen.

Nachts ist das allerdings eine ganz andere Geschichte.

Ich schiele hinüber zum Berg, wo ich die Spitze des Westturms über den Baumwipfeln ausmachen kann. Dort liegt das Hauptschlafzimmer. Ob er wohl gerade darin schläft? Oder vielleicht wandert er auch durch die dunklen Korridore und versucht irgendwie, sein Zahnproblem zu lösen. Zumindest kann er jetzt ein Feuer machen und hat somit etwas Licht in den gespenstischen Gemäuern. Der Gedanke hat tatsächlich etwas Tröstliches. Er wirkte gestern so furchtbar einsam. Vielleicht sollte ich –

Um Gottes willen, Abby! Spinnst du?!

Offensichtlich. Ich schüttle den Kopf und versuche, das merkwürdige Mitgefühl für diese blutsaugende Kreatur loszuwerden, während ich in die andere Richtung losstapfe. Quentin ist nicht länger mein Problem. Und für alle zukünftigen Nachtspaziergänge – egal wo auf der Welt! – fange ich vielleicht lieber an, prophylaktisch Nanas Knoblauchpillen zu schlucken.

Bald schon verscheucht die angenehme Mittagssonne auch den Rest meiner trüben Gedanken und ich werde etwas langsamer. Es sind nur zwei Minuten bis zu Rosemarie Wynter. Ich liebe ihr gemütliches gelbes Häuschen mit dem roten Dach und den lila Fensterrahmen. Sie lebt dort mit ihrer Großtante Emily und einer Gansfamilie, die eine Hütte mit Gehege im Garten hat. Rosemaries Eltern sind gestorben, als sie noch ganz klein war. Sie spricht so gut wie nie über sie, hauptsächlich deshalb, weil sie sich auch nur noch an ganz wenig aus der Zeit erinnert, aber ich weiß, dass sie ihre Großtante liebt wie eine Mutter.

Zu meiner Überraschung liegt Rosemarie auf einem Liegestuhl im Garten, eingewickelt in eine kuschelige orange Decke mit Entenmuster. Sie scheint wohl zu schlafen, doch mit der schwarzen Sonnenbrille, die sie trägt, ist das schwer zu sagen. Die Brille steht in ziemlich heftigem Clinch mit ihrer momentan kränklich bleichen Haut und den kinnlangen blonden Haaren.

Leise gehe ich über den gepflasterten Weg durch ihren Vorgarten auf sie zu und flüstere dabei ihren Namen. Sofort rührt sie sich und dreht den Kopf zu mir. Da sitzt auch ein Lächeln auf ihren Lippen. „Abby!“ Das Nächste, was aber von ihr kommt, ist eine Reihe von Niesern. Mitleidig verziehe ich das Gesicht.

„Entschuldige“, sagt sie rasch und putzt sich die Nase mit ein paar Taschentüchern, die sie aus einer Box auf dem kleinen Tisch neben sich zieht. „Ich habe mir auf dem Campingausflug wohl was eingefangen.“

Oh Junge, sie sieht wirklich nicht gut aus. Ein Deckenende rutscht von ihrer Schulter und entblößt den dicken grauen Wollpullover darunter. Sie hat bestimmt Fieber, wenn sie bei diesen sommerlichen Temperaturen friert. Unsere übliche Kreisch-Umarmung zur Begrüßung verschieben wir wohl lieber mal um ein paar Tage.

Wie im Autopilot reiche ich ihr die grüne Tüte, die ich die ganze Zeit fest an meinen Bauch gedrückt hierher getragen habe. „Nana schickt dir das. Sie sagt, du sollst dir mit den Kräutern einen Tee aufgießen. Der hilft.“ Als sie danach greift, runzle ich aber verwirrt die Stirn. „Hast du heute Früh mit ihr gesprochen?“

„Nein. Ich bin erst gestern Nacht zurückgekommen. Deine Großmutter habe ich schon seit Wochen nicht mehr gesehen.“ Sie öffnet die Tüte und schnüffelt verschnupft daran. Aber selbst mit einer verstopften Nase zieht sie noch eine Grimasse. „Uäh. Riecht wie nasse Socken.“

Ja, das tun Nanas hausgemachte Heilmittelchen fast immer.

Sie stellt den Tee neben die Taschentücher auf den Tisch. „Sag ihr danke von mir. Ich werde es versuchen.“

Ich lasse mich auf die Kante des zweiten Liegestuhls nieder und sitze seitwärts mit Blick zu Rosemarie, während sie sich mit einem müden Lächeln die Decke wieder fester um die Schultern schlingt. „Und, wie waren deine Sommerferien bisher? Hattest du ein paar chillige Tage, seit du angekommen bist?“

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob chillig die passende Beschreibung für Dinge ist, wie einem Vampir Apfelstrudel ins Schloss zu bringen. Oder ihn zu reanimieren, weil ich dachte, er sei tot.

Oh. Mein. Gott!

Plötzlich fühle ich mich so blass wie Rosemarie aussieht. Ich hatte meine Lippen an einem echten… toten… Vampir. Er hat nicht nur so getan, als wäre er… was? In einem Vampirkoma? Und dann hat er mir sogar noch seine Zunge in den Mund gesteckt! Ich schlucke den gerade aufsteigenden Ekel hinunter.

„Abby? Geht’s dir gut? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“

Rosemaries Stimme holt mich aus meiner gedanklichen Horrorshow zurück und ich richte meine ganze Aufmerksamkeit wieder auf sie. „Ja, klar. Es ist nur…“ Verflucht, was sind denn bitteschön die richtigen Worte, um all das zu erklären? „Du erinnerst dich doch noch daran, wie wir oben im Schloss immer Mutter-Vater-Kind gespielt haben?“

Sie nickt.

Tja, jetzt spielt da Draculas Nachkomme dieses Spiel.

Nein, das klingt irgendwie leicht daneben. „Ähm… Ich war vor einigen Tagen dort oben und habe jemanden ge—“

„Hallo“, unterbricht mich eine tiefe männliche Stimme, woraufhin ich vor neuerlichem Terror total überzogen zusammenzucke, weil ich überhaupt nicht gemerkt habe, dass jemand aus dem Haus gekommen ist.

Ich neige den Kopf und muss erst mal gegen die Sonne blinzeln, um die Silhouette eines jungen Mannes auszumachen, der die Hände lässig in die Taschen seiner Jeans geschoben hat.

Wie in Trance stehe ich langsam auf. Aus diesem Winkel sind dann auch die feinen Züge eines hübschen Gesichts zu erkennen. Seine Augen haben die Farbe von reifen Kastanien und auf seinen Wangen und dem Kinn liegt ein leichter Bartschatten, der ihn auf knapp über zwanzig datiert.

„Hi“, krächze ich und hebe langsam meine Hand.

Sie sinkt aber ruckartig wieder ab, als mich Rosemaries schroffer Tonfall erschreckt. „Ernsthaft? Ich kann nicht einmal drei Minuten mit meiner Freundin alleine sein?“ Mitgenommen von ihrer Krankheit und vielleicht auch ein wenig deshalb, weil der junge Mann hier aufgetaucht ist, legt sie den Kopf zurück auf den gepolsterten Liegestuhl.

Sein karamellfarbenes Haar steht kreuzwild durcheinander, aber es sieht weich wie Seide aus, als er sich mit einer Hand durchstreift. „Ich habe mir nur Sorgen um dich gemacht“, antwortet er trocken. „Wer ist deine Freundin?“

Mein Blick schweift unbehaglich zwischen den beiden hin und her. Irgendwie kommt es mir so vor, als sollte ich ihre Unterhaltung nicht stören – die sie seltsamerweise in Englisch führen und gar nicht auf Rumänisch – aber… herrje, ich bin immer noch hier. Und leider habe ich keinen Dunst, wie ich mich gerade unsichtbar machen soll.

„Tut mir leid, Abby, das ist Trayan MacCorbin. Er verbringt den Sommer bei uns und hat mich auch auf den Campingausflug begleitet“, sagt Rosemarie schließlich mit viel sanfterer Stimme als zuvor. Okay, jetzt ist dann vermutlich auch der richtige Zeitpunkt, um noch einmal meine Hand auszustrecken. „Trayan, das ist Abigail. Ich habe dir erzählt, sie verbringt ihre Sommerferien bei Carmina Potts die Straße hoch.“

„Ja, richtig. Schön, dich kennenzulernen, Abigail.“ Seine warmen Finger schließen sich um meine und drücken länger als nötig aber sachte zu. „Rosemarie hat sehr viel von dir erzählt.“

Interessant. Weil ich nämlich nicht die leiseste Ahnung habe, wer du bist. „Bitte, nenn mich Abby.“

Lächelnd nickt er nur und lässt dann meine Hand los. Als er sich seitlich auf den Liegestuhl setzt, auf dem ich gerade noch gesessen bin, sinke ich auch auf meinen Platz zurück und behalte ihn neugierig im Auge. „Dein Name klingt schottisch. Du bist nicht von hier, oder?“

„Brinmore, Loch Ruthven.“

Oh, ich kenne die Gegend in den schottischen Highlands. Sie ist absolut bezaubernd. „Dann bist du wegen des Campingtrips nach Rumänien gekommen?“

„Nicht nur… aber er war Teil davon.“ Er lehnt sich nach vorn und stützt die Ellbogen auf die Knie. Die Muskeln in seinen Oberarmen zeichnen sich unter den Ärmeln des dunklen T-Shirts ab. „Ich habe hier Familie. Und einen Job zu erledigen.“ Am Ende des Satzes schweift sein Blick dezent zu Rosemarie. Und obwohl sein Grinsen beinahe perfekt versteckt bleibt, besteht kein Zweifel, dass er sie gerade mit irgendetwas neckt.

Rosemarie schürzt die Lippen. „Der Job ist bereits erledigt. Ich glaube, du kannst jetzt nach Hause fahren.“

Bei ihrer nicht allzu subtilen Weise, ihn zurück nach Schottland zu schicken, kann ich mir ein Lachen nur schwer verkneifen. Campen mit ihm muss wohl ein ziemlich einschneidendes Erlebnis für sie gewesen sein. Als Nächstes ignoriert sie ihn aber völlig. „Also, was wolltest du vorhin sagen, Abby? Hast du jemanden oben auf der Burg gesehen?“

„Ähm…“ Genau. Mit Trayan hier draußen ist das nicht unbedingt ein Thema, das ich gerade vertiefen möchte. Ich hätte Rosemarie vom Vampir erzählt, aber sicherlich keinem Fremden.

„Im alten Schloss oben auf dem Hügel?“, fragt Trayan aber jetzt nach und sieht mich mit neugierig geneigtem Kopf an. „Man sagt ja, es hätte früher einmal Graf Dracula gehört.“ Seine Augen sind erwartungsvoll verengt.

Scheiße.

„Jaaa…?“ Das Wort zieht sich bedenklich lange durch meine Zähne hindurch, während ich panisch darüber nachdenke, was ich nur antworten soll. Ich schlucke erst einmal, um mein plötzlich so laut pochendes Herz zu beruhigen. „Er ist nur irgend so ein Filmtyp.“ Jap, großartig! Weiter so, Abby! Die Entschuldigung hat schon bei Nana funktioniert, also sollte sie hier auch gut genug als Deckung sein. Ich erzähle Rosemarie dann einfach die ganze Wahrheit, wenn Trayan wieder in Schottland ist und wir alleine sind. Hoffentlich geht es ihr dann auch wieder besser. „Er meinte, er checkt die Lage für einen Dreh aus.“ Oh, sieh mal einer an, sogar meine Stimme klingt wieder normal und unauffällig. Gar nicht mehr so wie eine gefangene Maus.

„Hey, das ist ja cool!“ Sogar in ihrem miserablen Zustand blitzt ein Funke Aufregung in Rosemaries Tonfall durch. „Hat er gesagt, um welchen Film es geht?“

„Frankenstein.“

Sie nickt leicht. „Mm-hmm. Das passt ja.“

Trayan fixiert mich immer noch. Seine Lippen sind so hauchzart gekrümmt, dass es unmöglich abzuschätzen ist, ob das natürlich ist, oder ob es gerade der Beginn eines geheimen Lächelns ist, das er zurückhält. Dass er mich aber so eindringlich anstarrt, fühlt sich alles andere als angenehm an.

Bei diesem intensiven Blick überkommt mich ein urplötzlicher Drang. Ich will ihm ins Gesicht schreien, dass das alles nur eine Lüge war und ich verspreche, dass ich vor ihm von jetzt an bis in alle Ewigkeit nie wieder die Unwahrheit sagen werde. Ich runzle die Stirn, weil ich gerade nicht weiß, wie ich sonst reagieren soll, und weil ich auch alles in mir drin abschotten will, was er da vielleicht gerade lesen kann. Mein Hals ist staubtrocken, als ich zu schlucken versuche. Halleluja, was ist das nur mit diesem Kerl?

Meine schweißnassen Hände vor dem Bauch ringend, springe ich auf. Zeit zu gehen. „Tut mir leid, aber ich kann nicht bleiben. Nana braucht mich heute im Garten“, sage ich als Vorwand zu Rosemarie und habe dabei einen sehr schuldigen Blick für sie. „Ruf mich an, wenn es dir besser geht, okay?“

„Natürlich. Vergiss nicht, ihr danke für den Tee auszurichten.“

Ich nicke und drehe mich dann zu ihrem Freund, der mich immer noch still ansieht und dabei dieses geheimnisvolle keine-Ahnung-ob-es-wirklich-ein-Lächeln-ist trägt. „Trayan…“

„Abby…“

Ich atme tief durch, dann wirble ich auf dem Absatz herum und gehe den gepflasterten Weg durch den Vorgarten, bis ich an der Straße nach rechts abbiege und nach Hause hasten kann. Herr Jesus! Und ich dachte, der Vampir wäre gruselig.

 

 

Kapitel 12

Freundschaft vor Essen

 

Quentin

 

 

Viel zu früh wache ich auf. Heilige Fledermauskacke, wie lange dauert es denn bitte, so einen dämlichen Jetlag zu überwinden? Nun liegt ein weiterer endloser Nachmittag vor mir in diesem riesigen, gruseligen, einsamen Schloss.

Meine Zunge gleitet über meine oberen Zähne. Stehen alle in einer perfekten Reihe. Auch der Fangzahn, den ich gestern nach dem Besuch bei Abby zurück in die Lücke im Zahnfleisch geschoben habe, sitzt noch fest. Jetzt hoffe ich nur, dass die Superheilung während meines Todesschlafs eingesetzt und die Wunde versiegelt hat.

Ein Probeausfahren und Wiedereinziehen meiner Vampirzähne vor dem zerkratzten Spiegel im Gang zeigt, dass zumindest nicht all meine Kräfte schwinden. Meine Stärke und Schnelligkeit lassen allmählich nach – das habe ich gestern Nacht herausgefunden, während ich mich dabei halbtot geschuftet habe, diesen verfluchten Baum zu fällen, damit ich endlich durch die unsichtbare Barriere gelangen konnte – aber wenigstens scheint alles andere an mir noch gut zu funktionieren. Für den Moment…

Meine Venen brennen vor lauter Hunger, was mich langsam aber sicher in den Wahnsinn treibt. Mir ist klar, dass ich am Ende durch den Blutmangel all meine Vampirkräfte verlieren werde. Aber mich auf einen Menschen zu stürzen und von ihm zu trinken, ohne ihn vorher in Trance zu versetzen, ist einfach zu gefährlich. Nach all den Jahrhunderten, in denen Vampire ihre Existenz vor den Menschen geheim gehalten haben, könnte dies eine blutrünstige Jagd auslösen. Wir mögen vielleicht die überlegene Rasse sein, aber wir sind auf jeden Fall in der Unterzahl. Und Angst treibt Menschen dazu, fürchterlich dämliche Dinge zu tun – wie etwa ganze Völker auszulöschen. Beginnend mit mir…

Mein verschwommenes Gesicht im Spiegel zieht eine Grimasse. Ich will nicht ausgerottet werden. Und Onkel Vlad würde mir das auch nie verzeihen. Der bringt mich doch glatt zweimal um, wenn er herausfindet, dass ich der Grund für die Vernichtung unserer Spezies war. Was ist also schon ein bisschen Hunger? Ich muss einfach in den nächsten paar Tagen lernen, in die Gedanken anderer Leute einzudringen… oder Abby dazu bringen, für mich in eine Blutbank einzubrechen. Immerhin hat sie mir auch meinen Zahn zurückgegeben – die Chancen stehen also nicht schlecht.

Klar, mich vor ihr als Vampir zu erkennen zu geben, war mit Abstand das Dümmste, was ich hätte tun können. Aber da war so ein kleiner Funken Vertrauen in ihren Augen, als sie gestern Nacht in ihrem Zimmer auf dem Boden vor mir gesessen und angefangen hat, mir all diese Fragen zu stellen, der mich doch ziemlich beeindruckt hat. Die Kleine ist mutig. Sie hat sich mir gegenüber geöffnet, anstatt mich mit Knoblauchknollen zu bewerfen. Hätte ich sie gefragt, ob sie mich kurz mal an ihren Hals lässt, hätte sie mich bestimmt mit dem Speer, den ich ihr gegeben habe, gepfählt – oder mit einem Besen, wenn es sein muss.

Aber die Unterhaltung mit ihr gestern war nett… im Schloss und auch durch ihr Fenster.

Ziellos wandere ich durch die stillen Gänge. In der großen Halle brennt immer noch das Kaminfeuer, genauso wie das oben in meinem Schlafzimmer, das ich nach meiner Rückkehr mit der Fackel angezündet habe. Hätte mir Abby nicht geholfen, wäre es immer noch eiskalt in diesem elenden Schloss. Und fürchterlich dunkel.

Ich vermisse ihr süßes Plappermaul. Sogar mehr als ihren delikaten Hals. Wie merkwürdig.

„Hallooo…“, rufe ich in die Stille, nur um das Echo meiner eigenen Stimme in der Halle zu hören, damit ich mir einreden kann, ich wäre hier nicht komplett allein. „Holt mir den Pizzajungen ans Telefon. Er soll sich bitte selbst an Schloss Dracula liefern. Nach Anbruch der Dunkelheit, bitte, und ohne extra Knoblauch. Dankeschön.“

Ich reibe mir mit den Händen übers Gesicht und stöhne. Oh Mann, wie lange dauert es wohl noch, bis ich hier völlig überschnappe?

Es wäre alles so viel einfacher, wenn ich nur bis zur Abenddämmerung schlafen könnte, aber mir ist nicht einmal ein Nickerchen in dem monströsen Ohrensessel vor dem Kamin in der Halle vergönnt. Der Schlafentzug und die ungewollte Nulldiät fordern ihren Tribut in Form von höllischen Kopfschmerzen und im Moment möchte ich mich wirklich einfach nur auf den Boden werfen und flennen.

Um die einsamen Nachmittagsstunden zumindest irgendwie zu überstehen, esse ich sogar den Rest von Abbys Apfelstrudel, den sie gestern hier vergessen hat, zusammen mit ihrem Rucksack. Leider dauert das genau fünfundzwanzig Sekunden und ich finde in ihrer Tasche nichts, womit ich mich noch etwas länger beschäftigen könnte. Ich lecke sogar die Plastikbox aus.

Um kurz nach vier schlurfe ich hinunter ins Verlies. Vielleicht finde ich da ja etwas, das mich ablenkt. Die Ratten sind alle über Nacht geflohen, darum ist es hier unten auch nicht mehr ganz so schaurig. Bis auf die modrige Luft, die mir das Gefühl gibt, gerade in meine eigene Gruft gestiegen zu sein. Nur ist diese mit einer ansehnlichen Auswahl an Folterwerkzeugen ausgestattet.

Die Axt war neben der mittelalterlichen Streckbank leicht zu entdecken. Ich will wirklich nicht wissen, wofür mein Onkel damals diesen Raum gebraucht hat – und ganz sicher werde ich ihn auch niemals danach fragen. Manche Dinge sollten lieber für immer im Verborgenen bleiben. Während ich aber so durch den Kerker streife und meine Finger über das viele kalte Metall gleiten lasse, bringen mich die eisernen Handschellen an der feuchten Steinwand auf eine Idee. Heutzutage haben die Leute oft ein merkwürdiges Interesse an abartigen Liebesspielen. Ernsthaft, ich raffe den Hype immer noch nicht so ganz, aber wenn es mir bei der Futtersuche helfen sollte, bin ich gerne offen für Experimente.

Wie ein Kind am Weihnachtsmorgen laufe ich hinauf und warte in der Nähe des großen Fensters ungeduldig darauf, dass der dünne Lichtstreifen, der durch den Spalt zwischen den Vorhängen fällt, endlich verschwindet. Das ist meine Sonnenuhr. Wenn das Licht weg ist, ist es Zeit fürs Abendessen. Mit trommelndem Herzschlag kauere ich auf dem Boden mit der Nase direkt vor dem Lichtstreifen und beobachte, wie er immer schwächer wird.

Uuund… weg ist er!

Ich warte noch eine Extraminute, ehe ich nach draußen gehe und meine Glieder im wundervollen Abendlicht Rumäniens strecke. Dann mache ich mich auf den Weg in die Stadt.

Eine halbe Stunde später weiß ich eines mit Sicherheit: dieses verschlafene Minidorf hat kein Internetcafé. Aber zumindest gibt es im Ortszentrum eine Bar. Mit der Kreditkarte, die ich immer noch von meinem Onkel habe, hebe ich an einem Automaten ein paar rumänische… Dollar ab, oder was auch immer das für ein Mist ist. Gnädigerweise hat er die Karte nicht gesperrt, als er mich hierhergeschickt hat.

Sobald ich die Tür aufziehe, lädt mich leise Musik bereits nach drinnen ein. Hier ist Platz für mindestens sechzig Leute, doch es sitzen nur eine Handvoll Gäste in kleinen Gruppen um vereinzelte Tische. Die meisten sind Männer und sehen nicht wirklich genießbar aus, aber fuck, es tut so gut, endlich wieder unter Menschen zu kommen. Meine Brust hebt sich durch einen entspannten Atemzug, während ich den Blick durch den Raum schweifen lasse. Innerhalb von Sekunden weiß ich, dass das Mädchen, das ganz allein an einem Tisch neben der Tür sitzt, mein heutiges Tagesmenü sein wird. Sie ist ungefähr so alt wie ich – na ja, so alt wie ich eben war, als ich gestorben bin – schlank gebaut und ihre schwarzen Stirnfransen fallen immer wieder in ihre Augen, egal wie oft sie sie auch nach oben wegpustet, während sie ein Buch liest.

Ich ziehe den Stuhl ihr gegenüber heraus und setze mich, die Finger auf dem Tisch verschränkt. „Hi.“

Als müsste sie erst noch den Absatz zu Ende lesen, hebt sie den Blick erst nach einigen Sekunden. Doch als sie mich ansieht, tritt ein überraschtes Lächeln in ihr Gesicht. „Hey.“

Ich will mich gerade vorstellen, doch da werde ich vom Kellner ausgebotet, der eine kleine Salatschüssel vor sie hinstellt und dazu einen Teller, auf dem eine Scheibe Brot liegt. Mit Knoblauchbutter! Bei dem schrecklichen Gestank kommen mir die Reste von Abbys Apfelstrudel wieder hoch und ich kämpfe damit, sie dem Mädchen nicht direkt ins Essen zu spucken. Mit einer schmerzlichen Grimasse stehe ich leise auf, winke ihr zum Abschied zu und verziehe mich quer durch die Bar bis ans hinterste Ende.

Dort sitzt eine Frau Mitte vierzig und trinkt Rotwein aus einem langstieligen Glas. Ihr dunkelblaues Minikleid enthüllt lange nackte Beine, die sie bei meinem Ankommen übereinanderschlägt und dann aus dem Augenwinkel beobachtet, wie ich mich auf den Barhocker neben sie setze und ein Mineralwasser bestelle.

Ich habe echt null Dunst, was sie sagt, als sie anfängt, mit mir zu reden, doch sie lächelt dabei. „Sprichst du auch Englisch?“, frage ich sie und hebe die Augenbrauen.

Lachend nickt sie, darum drehe ich mich etwas mehr zu ihr und stütze dabei einen Ellbogen auf die Theke, den anderen auf die niedrige Rückenlehne des Hockers. Während ich eine lange, dunkelrote Haarsträhne von ihr um meinen Finger wickle, schaue ich ihr tief in die grauen Augen und schenke ihr ein schiefes Grinsen. „Es klingt nett, wenn du lachst.“

Sie sieht zu meiner Hand mit ihrer Strähne darin. Dann hat sie nur einen Blick für mich, der, obwohl er nicht unfreundlich ist, dennoch von so weit her kommt, dass er vermutlich eine Sondermarke brauchte, um mich zu erreichen. „Werd erst mal erwachsen, Kleiner, und versuch es dann in zehn Jahren noch mal.“ Sie fischt ein paar Geldscheine aus ihrer Handtasche, legt sie auf die Theke neben ihrem noch nicht ganz leeren Glas und verlässt die Bar.

Frustriert kneife ich die Augen zu und lasse die Stirn auf meine verschränkten Arme fallen. Dann seufze ich so tief, dass die lackierte Oberfläche der Bar beschlägt. Gott, bitte schick mir etwas zu essen!

Beim Klang eines Glases, das vor mir abgestellt wird, hebe ich den Kopf ein wenig an. Vor mir steht der Barkeeper. Die ganzen hundertfünfzig Kilo von ihm, mit schütterem schwarzem Haar und Vollbart, der die runzelige Haut seines sechzig Jahre alten Gesichts trotzdem nicht verschleiern kann. Äh.

Die Lippen fest aufeinandergepresst, lege ich dieselbe Summe auf die Theke, die auch die Frau hiergelassen hat, nehme einen schnellen Schluck und verschwinde dann nach draußen. Wenn das Gottes Antwort auf meine Gebete ist, bin ich im Arsch.

Um mir den Ärger über den missglückten Abend runterzulaufen, spaziere ich eine ganze Weile durch die kleine Stadt, mache mich aber schließlich doch auf den Weg zurück zur Burg. Nachdem ich in der Bar schon so schrecklich versagt habe, klingt eine Frau vom Gehsteigrand aufzureißen nur nach dem Intro zu meinem nächsten großen Fehler.

Mit gesenktem Kopf und deprimiert hängenden Schultern schieße ich einen Stein den ganzen Weg aus der kleinen Stadt raus vor mir her. In den Ausläufen werden die Straßenlampen immer weniger und es wird um Einiges dunkler. Schloss Dracula steht majestätisch im Mondschein oben auf dem Berg. Bis zur Wegkreuzung sind es nur noch wenige Meter. Ein tiefes Seufzen rollt aus meiner Kehle. Ich will noch nicht wieder zurück in diese einsamen Gemäuer. Da oben ist es so trostlos.

Mein Blick wandert die Straße runter, die zu den wenigen Hütten und Bungalows hier draußen führt, bis er an Abbys Haus hängen bleibt. Es ist das Vierzehnte von hier. Was sie wohl gerade macht? Es ist noch nicht einmal zehn Uhr. Vermutlich ist sie sogar noch wach. Und liest ein Buch? Sieht fern?

Spitzt einen Pflock an?

Ein verschlagenes Grinsen tritt auf meine Lippen, denn ich ziehe einen Pfahl heute Nacht tatsächlich Knoblauchbrot vor und spaziere weiter – nicht in die Richtung, in der das Schloss liegt.

Der Garten ist dunkel und es brennt nur noch in einem Zimmer Licht. In dem, auf das ich gehofft hatte. Ihre Großmutter ist wohl schon schlafen gegangen. Bitte lass ihr Zimmer nicht das neben Abbys sein! Für einen Abend hatte ich bereits genug alte Ladies und ich will nicht auch noch von dieser hier nach Hause und ins Bett geschickt werden.

Vom Boden hebe ich einen Kieselstein auf und werfe ihn an Abbys Fenster. Das Licht geht aus.

Ja, klar. Als ob ich deswegen wieder verschwinden würde. Ich werfe ein zweites Steinchen und warte. Erst nach einer halben Minute und Stein Nummer drei kommt Abigail endlich doch noch ans Fenster und blickt durch die Scheibe. Den Kopf nach hinten geneigt, lächle ich zu ihr hoch, als sie mich entdeckt.

Sie öffnet einen Flügel nur einen Spalt breit und krächzt heraus: „Was willst du?“

Ich versuche, einen unschuldigen Zehnjährigen nachzuahmen, die Hände in den Hosentaschen und süß blinzelnd. Man hat mir heute gesagt, ich sehe aus wie ein kleiner Junge. Warum das also nicht zu meinem Vorteil nutzen? „Kann ich raufkommen?“

„Äh…“

Kein promptes Nein. Damit kann ich arbeiten. Ich packe den ersten Ast über mir und klettere dann leise den Baum hinauf bis zu dem Platz, an dem ich gestern gesessen bin. Der dicke Ast hier oben ist sogar ganz angenehm. Nicht unbedingt wie ein bequemes Sofa, aber gut genug, um ein oder zwei Stunden mit Abby zu plaudern. Nur leider drückt sie gerade, als ich den Kopf hebe und zu ihr hinüberblicke, mit beiden Händen das Fenster zu und hat dabei ein langes, spitzes Stück Holz zwischen den Zähnen. Sie bringt mich damit zum Schmunzeln. Also doch einen Pflock geschärft.

„Komm schon, Abby, mach das Fenster auf. Wir hatten diese Unterhaltung doch gestern schon und du weißt, dass ich nicht reinkommen kann.“

Ihre Lippen bewegen sich um den Pfahl. „Hast du deinen Zahn repariert?“

„Ja.“

„Hast du Hunger?“

Ich runzle die Stirn. „Ähm… ja?“

„Dann bleibt das Fen—“ Sie spuckt den Pfahl aufs Fensterbrett, weil wohl sogar sie gemerkt hat, wie bescheuert es ist, mit Holz zwischen den Zähnen zu sprechen. Aber ihr Blick ist finster wie eh und je. „Dann bleibt das Fenster zu.“ Während sie die Hände so fest an den Rahmen stemmt, rutscht ihr enges graues T-Shirt ein klein wenig nach oben und entblößt einen dünnen Streifen Haut über ihren schwarzen Jeans.

„Ach, bitte!“ Schuldbewusst reibe ich mir den Nacken. „Ich schwöre, ich bin nicht hier, um dich zu beißen.“ Genau in dieser Sekunde knurrt mein Magen. Jap, danke, das war wieder einmal wenig hilfreich. Mit geneigtem Kopf versuche ich, sie mit ganz sanfter Stimme zu überzeugen. „Warum holst du nicht einfach die Knoblauchpillen deiner Oma? Und wenn ich, sagen wir mal, komplett austicke und versuche, durch dein Fenster zu klettern, kannst du dir einfach eine in den Mund schieben und runterschlucken. Du weißt, was dieser fürchterliche Gestank mit mir anstellt.“

Abby mustert mich ein paar endlose Sekunden lang. Ihre Miene ist dabei so hart, dass sie mühelos ein Loch in Granit damit schlagen könnte. Dann greift sie rüber zum Schreibtisch neben dem Fenster und zieht ihre Hand wieder so langsam zurück, dass es unmöglich ist, dabei die Pille zwischen ihren Fingern zu übersehen. Au Backe. Ich werfe den Kopf zurück und fange an zu lachen. Scheint, als wäre ich nicht das einzige Genie mit dieser Idee gewesen.

„Würdest du jetzt endlich das Fenster aufmachen? Wirklich, ich will nur mit dir reden. Ehrenwort.“ Mit meinem Zeigefinger male ich ein Kreuz über mein Herz und ziehe einen bettelnden Schmollmund. „Du bist der einzige Mensch, den ich in diesem Land kenne, und wenn keiner mit mir redet, bevor die Nacht um ist, spieße ich mich selbst am nächsten scharfen Ast auf, das schwöre ich.“

Mit der Pille in einer Hand und dem Pfahl in der anderen, zieht Abigail vorsichtig die beiden Fensterflügel auf. Dabei entweicht mir ein erleichtertes Seufzen, obwohl sie sofort argwöhnisch nach hinten tritt und mich immer noch mit dieser steinharten Miene anstarrt. „Eine falsche Bewegung und ich stopfe dir die Knoblauchpille in den Mund!“, warnt sie mich.

Whoa. Ich will mir nicht einmal vorstellen, was das in mir auslösen würde. Mit vor Ekel verzogenem Gesicht schlucke ich. „Klingt fair.“

Ich dachte ja nicht, dass das überhaupt noch möglich wäre, aber ihre Züge verkrampfen sich noch mehr. „Wie hast du mich gefunden?“

Ich blinzle. „Was?“ Hat sie ein Problem mit ihrem Kurzzeitgedächtnis? „Ich war gestern Nacht schon einmal hier.“

„Genau. Woher wusstest du, dass das mein Haus ist?“

Ah… darauf will sie also hinaus. Ich ziehe ein Bein auf den Ast und lehne mich an den Baumstamm, wobei ich den Kopf mit sanftem und aufrichtigem Blick zu ihr drehe. „Du hast einen sehr speziellen Duft, Abigail.“

„Du hast mich erschnüffelt?“ Ihre schmalen Augen zucken nach rechts. „Ich wusste es!“, schnappt sie dann, aber anscheinend eher zu sich selbst. Als ihre Aufmerksamkeit wieder zu mir zurückkehrt, werden die gemeinen Falten auf ihrer Stirn etwas weicher und ihr gesamter Ausdruck viel neugieriger. „Wie rieche ich denn?“

Mein linker Mundwinkel schiebt sich zu einem schiefen Grinsen hoch. „Lecker.“

Oh, verdammt. Beim ersten kleinen Zucken in ihrem Gesicht weiß ich, dass das die schlimmstmögliche Antwort überhaupt war.

„Willst du, dass ich das Fenster wieder zumache?“, knurrt sie mich an.

Sofort schießen meine Hände unschuldig in die Höhe. „War nur ein Scherz. Na ja, nicht direkt. Du duftest wirklich ziemlich gut, aber du bist absolut sicher vor mir. Im Moment ist mir ein Freund wichtiger als Blut.“ Nah, schon wieder falsch. Fuck. Mein Gesicht zerknautscht und meine Stimme wird merkwürdig leise, als ich mich selbst verbessere: „Wichtiger als Essen.“

Abby reibt sich stöhnend die Schläfen. „Oh Mann. Dass du wirklich ein Vampir bist, ist ziemlich schwer zu schlucken.“

„Erzähl das mal mir!“, antworte ich trocken, woraufhin ihr Blick schlagartig wieder zu mir zuckt. Und der verlangt nach Antworten. „Na ja, ich hatte keine Ahnung von der Vampirwelt, bis mich mein Onkel leergesaugt und mir dann das Leben bei Nacht vorgestellt hat.“

Ihr klappt gerade die Kinnlade runter.

„Erst reden und dann beißen, wäre definitiv die nettere Variante gewesen, aber Onkel Vlad meinte, dazu war keine Zeit.“

Es ist nett, zu sehen, dass ihre Gesichtszüge langsam weicher werden. Ihre Schultern verlieren auch etwas von der Anspannung. „Hattest du Angst?“

„Gott, ja!“ Meine Augenbrauen fahren in absoluter Ehrlichkeit nach oben. „Es hat sieben Monate gedauert, bis ich so weit war, meinen ersten Menschen zu beißen. Onkel Vlad musste mich mit Konserven aus der Blutbank flaschenernähren.“

Abby schluckt zwar, aber dieses Mal nimmt sie meinen Ausrutscher tapfer hin. „Und… bereust du es?“

„Was? Dass er mich verwandelt hat?“ Macht sie Witze? „Niemals!“

Sie sieht mich an, als könnte sie nicht glauben, was ich gesagt habe. An ihrer Stelle würde ich es wohl auch nicht glauben. „Weißt du“, beginne ich zu erklären, „abgesehen von meiner speziellen Diät und der Anfälligkeit für Sonnenbrände ist das Leben eines Vampirs um so Vieles besser als das der Menschen. Wir sind stärker als ihr, schneller als ihr, riechen besser, hören besser“ – die nächsten Worte kommen durch ein Grinsen heraus – „sehen besser aus…“

„Und ihr habt mit Sicherheit auch ein größeres Ego.“ Ihre braunen Augen blinzeln zu mir herüber, gepaart mit einem neckischen Grinsen. Verdammt! Wo kam das denn her?

Ich zwinkere ihr zu. „Genau. Das steht auch so im Kleingedruckten.“

Nun lacht sie wirklich. Leise, aber ich mag, wie es klingt. Es hilft mir, mich zu entspannen, und offenbar tut sie das auch gerade. Abby zieht den Holzstuhl von ihrem Schreibtisch herüber und setzt sich damit vor das Fenster. Ihre Knie zieht sie an und stellt die Füße auf den Sitz. „Warum hat dich dein Onkel ausgerechnet hierher geschickt? Bei dir klingt das so nach Strafe. Ist er wirklich die unbarmherzige, gruselige Kreatur aus den Legenden, die jeder kennt?“

Ich atme tief durch. Es war schon echt gemein von ihm, mich an den Arsch der Welt zu verschiffen, aber wenn ich ehrlich bin, hatte er vermutlich irgendwo doch einen Grund dazu. „Eigentlich ist Vladimir Dracula sogar ein ziemlich gütiger Mann. Er sorgt sich um seine Leute, besonders um seine Familie.“ Eine Welle von Heimweh bricht über mir zusammen. Ich vermisse Ellies warme Stimme und Onkel Vlads trockenen Humor – an seinen guten Tagen. „Ich habe vielleicht seine Geduld einmal zu oft herausgefordert. Und er hat recht, in der gemütlichen Villa hätte ich niemals die Dinge gelernt, die ein Vampir beherrschen sollte. Das Leben war viel zu einfach dort, ohne Grund für mich, meine Komfortzone zu verlassen.“

„Du magst Rumänien nicht besonders, oder? Dein Herz ist immer noch bei deiner Familie. Und nicht nur wegen der unproblematischen Nahrungsaufnahme dort.“

Richtig süß, wie sie es umschreibt. „Ich mag das Dämmerlicht hier. Es ist großartig.“ Nach einem kurzen Lächeln lasse ich den Kopf aber wieder hängen. „Aber ja… ich vermisse mein Zuhause.“

Abwesend spielen ihre Finger mit der Pille herum. Der Pfahl lehnt dabei seitlich am Stuhl. „Was glaubst du denn, wie lange du hierbleiben musst?“

„Tja, da ich nun einen Weg aus der Vampirfalle um das Schloss herum gefunden habe“ – bei ihrem überraschten Blick, muss ich grinsen – „lange Geschichte, frag lieber nicht… Na, jedenfalls kann ich jetzt hingehen, wo immer ich will. Ich habe eine Kreditkarte und könnte jederzeit einen Transport zurück in die Staaten für mich arrangieren.“

„Was hält dich auf?“

„Der unbändige Zorn meines Onkels, wenn ich zu Hause auftauche, immer noch unfähig und ohne Werwolfsfell im Gepäck.“ Bei dem Gedanken erschaudere ich.

Abby ganz offensichtlich ebenso. „Ein Werwolf?“ Ihre Stimme ist ein leises Quietschen. „Willst du mir gerade erzählen, dass es die etwa auch gibt?!“

„Mm-hmm.“ Ich nicke. „Es gibt zwar auch noch andere Gestaltwandler, aber Wölfe machen den größten Bestandteil aus. Ich glaube, sogar über neunzig Prozent.“

Einen schier endlosen Moment lang starrt mich Abby einfach nur an.

„Ist alles in Ordnung?“

Sie gibt keinen Laut von sich und bewegt sich auch nicht. Ihre Augen werden seltsam glasig, während ihre Hautfarbe im Mondlicht einen blauen Schimmer annimmt.

„Abby? Hast du gerade einen Hirnschlag?“ Meine Muskeln spannen sich an. Fuck, ich kann nicht einmal da rein und sie schütteln. Es knackt, als ich den längsten Zweig in meiner Reichweite abbreche, dann hänge ich mich an den Ast über mir und lehne mich nach vorn. Ich strecke den langen Zweig durchs offene Fenster und hebe damit vorsichtig ihr Kinn etwas an. „Einatmen, Abigail.“

Es folgt ein tiefer Atemzug. Ihre Lippen fangen an, sich zu bewegen, aber die Worte sind ein unverständliches Gemurmel. Sie scheint immer noch irgendwo verloren zu sein und ich sehe keine Chance, zu ihr zu gelangen. „Abby, du machst mir Angst. Wenn du dich nicht sofort zusammenreißt, wecke ich deine Oma auf!“

Langsam lichtet sich ihr Blick wieder und fokussiert sich auf mich. In ihren Augen schimmert der blanke Horror. „Wie kann es sein, dass all diese schrecklichen Schauermärchen tatsächlich wahr sind?“

Endlich lässt auch meine Anspannung nach. Zumindest scheint sie körperlich in Ordnung zu sein. Ich ziehe den Zweig zurück und lege ihn in die Baumgabelung. Wer weiß, wann der noch mal zum Einsatz kommen muss? Dann lege ich den Kopf leicht schief und biete Abby ein warmes Lächeln an. „Was denkst du denn, woher die ganzen Gruselgeschichten überhaupt erst kommen?“

Sie reibt sich übers Gesicht. Ich habe keine Ahnung, wo die Knoblauchpille hin verschwunden ist, aber hoffentlich nicht in ihren Mund. Abigail braucht einen Moment, um sich wieder zu fangen. Am Ende ringt sie ihre Hände vor dem Bauch. „Und diese Gestaltwandler… beißen die auch Menschen? Fressen sie sie?“

„Normalerweise nicht. Sie können in ihrer menschlichen Form ganz normales Essen zu sich nehmen. Aber es gibt bei jeder Spezies auch immer wieder Ausnahmen.“ Ich hoffe, meine nächsten Worte versetzen sie nicht wieder in diesen apathischen Schockzustand. „Mein Onkel hat erfahren, dass ein wilder Werwolf in dieser Gegend herumstreift und Weidevieh reißt. Wenn ein Formwandler erst einmal dem Blutrausch verfallen ist, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis er anfängt, Menschen zu attackieren.“

Ich kann sehen, wie das Rad in ihrem Kopf rattert, als sie plötzlich wieder so still wird und ihre Augen direkt durch mich hindurchsehen. „Nana hat mich vor einem Wolf in den Wäldern gewarnt“, stammelt sie endlich. „Ich kann ihn nachts heulen hören.“

Ich nicke langsam. „Ich auch.“

„Was will dein Onkel denn, dass du mit ihm machst?“

„Vampire und Werwölfe kommen sich normalerweise nicht ins Gehege. Aber in der Welt der – nennen wir sie mal Schattenweltler – verlangt die oberste Regel absolute Geheimhaltung unserer Existenz. Nicht viele Menschen kennen die Wahrheit über Vampire und Formwandler… und durften weiterleben.“

„Und jetzt, wo du mir all das erzählt hast, musst du was? Mich umbringen?“, fragt sie trocken.

„Um Himmels willen, nein!“ Bei dieser absurden Vermutung ziehe ich die Brauen tiefer. „Ich sollte deine Erinnerungen löschen – an mich, den Vorfall im Schloss und jede Unterhaltung, die wir je geführt haben.“

„Aber das kannst du nicht. Was willst du also tun?“ Ihre Hand wandert nach unten, bis sie den Pfahl erreicht, der gegen den Stuhl lehnt.

Mein Blick schweift von ihren anspannenden Fingern zurück zu ihrem Gesicht. In der Vergangenheit gab es immer wieder Fälle, in denen Menschen nicht hypnotisiert werden konnten, wegen kleiner Mutationen in ihren Gehirnen. Als sie angefangen haben, verhängnisvolle Gerüchte über die Schattenweltler zu verbreiten, mussten sie aus dem Verkehr gezogen werden, um eine Jagd auf unsere Spezies zu verhindern. Aber das soll Abigail nicht passieren. Auf gar keinen Fall.

„Ich möchte dich gerne an die Wahrheit gewöhnen.“ Mit baumelnden Beinen senke ich den Kopf und schlucke einmal, ehe ich wieder vorsichtig zu ihr hochblinzle. „Damit wir Freunde sein können und du nicht mehr den Drang verspürst, die Dorfbewohner rauf zum Schloss zu schicken, damit sie es anzünden – mit mir darin.“

Ihre Finger um den Pflock lockern sich wieder. Den Kopf geneigt, mustert sie mich lange und still. „Kannst du einen Vampirschwur leisten, dass du mich niemals, heute nicht und überhaupt nie beißen wirst? Weil du sonst nämlich zu Staub zerfällst?“

„So etwas wie einen bindenden Vampirschwur gibt es nicht“, muss ich ihr leider sagen und verziehe dabei entschuldigend das Gesicht. „Aber du hast mein Wort. Ich werde dir niemals wehtun.“ Das meine ich ernst, aus dem tiefsten Abgrund meiner Seele.

Ihr langes Schweigen macht mich traurig, obwohl es ja irgendwie vorherzusehen war, dass sie mir nicht glauben wird. In ihrer Welt bin ich ein Monster. Und das bestätigt sie, als sie letztendlich flüstert: „Ich denke, du solltest jetzt lieber gehen.“

Sie steht auf und kommt zum Fenster, wo sie die Hände an beide Flügel legt. Ist das der Moment, in dem sie einen Riegel vor unsere hoffnungslose Freundschaft schiebt? Ein schwermütiges Seufzen entweicht mir, dennoch nicke ich. „Gute Nacht, Abby.“

Mit einer Hand auf dem Ast ziehe ich mich in die Hocke, damit ich von hier runterklettern kann. Ein letzter Blick vom Boden aus zu ihrem Zimmer endet nur vor ihrem geschlossenen Fenster. Ich spüre ein schmerzhaftes Ziehen in der Brust. Bei dem Gedanken daran, dass ich von jetzt an jede Nacht alleine oben im Schloss sitzen werde, wird mir der Hals eng. Ich schiebe die Hände in die Hosentaschen und gehe mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf über den Rasen zum Türchen im Gartenzaun. Manchmal ist es echt beschissen, ein Vampir zu sein.

„Quentin…?“ Die sanfte Stimme hinter mir umwebt mich wie seidenweiche Efeuranken und ich drehe mich langsam zu ihr um. Abby steht nicht an ihrem Fenster. Sie steht in der offenen Eingangstür. Mein Atem stockt in einer kurzen Auszeit.

Das schemenhafte Licht aus dem Flur hüllt sie in einen goldenen Schein. Sie lächelt. „Kommst du morgen Nacht wieder her?“

Ich kann gerade kaum schlucken; es tut richtig weh. Obwohl sich meine Lippen langsam zu einem Antwortlächeln krümmen, weiß ich, dass es kein Laut aus meiner Kehle schaffen wird, egal wie sehr ich mich anstrenge. Darum nicke ich nur.

Abby nickt ebenfalls… und sieht dabei glücklich aus.

 

 

Kapitel 13

Die Katze und der Vampir

 

Abigail

 

 

Ich verbringe den ganzen Tag in Hausnähe. Am weitesten entferne ich mich davon, als ich schnell mal in die Scheune laufe und die Ziegen füttere, weil Nana damit beschäftigt ist, Sarmale zum Abendessen zu machen, die rumänische Version von Frühlingsrollen. Und sogar da habe ich die Taschentröte fest in der Hand. Nicht, weil ich Angst hätte, ein Vampir würde mich hier draußen erwischen. Ich weiß, dass Quentin bis Sonnenuntergang sicher innerhalb der Schlossmauern eingesperrt ist und mir nicht im Heuhaufen der Ziegen auflauert.

Was Werwölfe angeht, bin ich mir da nicht so sicher.

Nach dem Abendessen mit Nana gehe ich rauf in mein Zimmer und mache es mir mit einem Buch auf dem Bett gemütlich, doch schweift mein Blick dabei immer wieder zum angelehnten Fenster – umso öfter, je dunkler es draußen wird. Es ist kein Zufall, dass es immer noch offen ist. Ich will Quentin hören können, für den Fall, dass er heute Nacht wirklich noch einmal zurückkommt.

Ich weiß selbst, wie kopflos es war, einem Vampir nachzulaufen und ihn zu fragen, ob er mich morgen wieder besuchen kommt, aber er hat gestern so verloren ausgesehen, dass mir direkt das Herz wehgetan hat, als er gegangen ist. Egal, welche Art von Kreatur er ist, ich konnte ihn nicht einfach so ziehen lassen, damit er da oben ganz allein in der muffigen alten Burg haust, wo er niemanden zum Reden hat. Selbstverständlich werde ich mich nicht als kleinen Snack zwischendurch anbieten, allerdings hatte ich heute Morgen einen Einfall, der ihn vielleicht von seinem Hungerleiden befreit.

„Abby?“

Bei seiner sanften Stimme zuckt mein Kopf von der Buchseite hoch. Eine Mischung aus Angst und Vorfreude rauscht durch meinen ganzen Körper. Aber niemand sitzt im Baum vor meinem Fenster. Wo zum Geier steckt er denn? Hoffentlich hängt er nicht kopfüber von der Dachkante.

Ich schlucke meine Furcht hinunter, lege das Buch weg und schleiche mich zum Fenster, wo ich mich leicht hinauslehne und nach oben schaue.

„Falsche Richtung, Abby!“ Ich höre ihn lachen, aber der Laut ist schwach.

Die Hände aufs Fensterbrett gestützt, blicke ich runter in den Garten und entdecke ihn am Apfelbaum lehnend. „Hey.“

„Hi. Ich habe dir deinen Rucksack mitgebracht.“ Er hält meine dunkle Tasche hoch und stellt sie dann auf die Bank unterm Fenster.

„Willst du denn nicht raufkommen?“ Die kleine Hoffnung, die in dieser Frage mitschwingt, macht mir ernsthafte Sorgen. Sollte ich einen Termin in der Irrenanstalt ausmachen? Immerhin ist er trotz allem ein Raubtier, in Gottes Namen! Aber eines, das nett genug ist, mir Sachen zurückzubringen, die ich im Schloss vergessen habe. Dafür bekommt der Vampir einen Pluspunkt.

„Ich –“ Er hebt den Kopf und mustert die Äste, doch dann presst er die Lippen aufeinander und zieht eine Grimasse. „Nein. Heute nicht. Kannst du runterkommen?“

Kann ich? Ja. Will ich? Irgendwie. Sollte ich? Vermutlich nicht. Wird mich das abhalten? Nein.

Um meinen Mut auszugraben, hole ich tief Luft, ehe ich flüstere: „Okay, gib mir eine Minute.“

Die Knoblauchpille liegt noch immer auf meinem Schreibtisch. Die kommt in das filigrane Silbermedaillon um meinen Hals, in dem ein Bild meiner Eltern ist. Die Tröte ergattert eine Mitfahrgelegenheit in meiner hinteren Hosentasche und der Pfahl liegt fest in meiner Hand, als ich die Treppe hinunterlaufe. Nana geht normalerweise früh zu Bett. Bestimmt schläft sie schon, aber ich schleiche trotzdem extraleise an ihrem Zimmer vorbei, damit sie nicht merkt, wie ich mich wie ein new-age Van Helsing bewaffnet aus dem Haus stehle.

Als ich die Tür aufziehe, steht Quentin nur fünf Schritte entfernt. Ich erstarre auf der Türschwelle und mein Herzschlag pocht viel zu heftig in meinen Ohren.

Durch die chaotischen blonden Haarsträhnen, die ihm über die Augen fallen, mustert mich Quentin einmal von oben nach unten. Dabei bleibt sein Blick an dem Holzspieß in meiner Hand hängen. Ein dunkles Lächeln beginnt um seine Mundwinkel herum zu spielen. „Angst?“

Und wie! Aber ich schlucke meine Furcht hinunter und straffe die Schultern. Dann mache ich einen tapferen Schritt in die Nacht hinaus.

„Wow, Abigail Potts…“ Als würde er mich auf die Probe stellen, kommt er langsam auf mich zu. Ich habe völlig vergessen, wie groß er eigentlich ist, wenn er nicht gerade zusammengekauert in meinem Baum hockt. Quentin lehnt sich näher und sagt leise in mein Ohr: „So viel Mut hätte ich dir wirklich nicht zugetraut.“

Junge. Ein Schauer huscht mir über die Haut, vom Nacken bis in die Fingerspitzen. Ich hebe den Pflock, sodass das spitze Ende in seinen Bauch drückt. „Du solltest lieber vorsichtig sein, Vampir. Ich bin bewaffnet.“

Als Quentin sich nur wenige Zentimeter zurücklehnt, fühlt es sich an, als würde mich sein intensiver Blick gerade vom Rest der Welt abschneiden und total in seinen Bann ziehen. Er schließt seine Finger um meine Hand mit dem Pfahl und schiebt ihn so vorsichtig an seinem Körper weiter nach oben. „Ziel aufs Herz, kleine Kriegerin“, flüstert er. „Du willst mich nicht leiden lassen.“

Nein, das will ich nicht. Und ich will ihn auch nicht pfählen, darum lasse ich meine Hand wieder fallen. Seine sinkt mit meiner und er hält sie eine Sekunde länger fest als nötig. Die unerwartete Wärme seiner Finger dringt durch meine Haut. Dann lässt er mich los und geht rüber zum Apfelbaum, wo er sich auf den Boden setzt und gegen den Stamm lehnt. „Setzt du dich zu mir?“, fragt er.

Es könnte durchaus an seiner sanften Berührung liegen, dass in meinen Gedanken gerade eine seltsame Ruhe herrscht. Vielleicht liegt es aber auch einfach nur daran, dass er mich nicht sofort bei der erstbesten Gelegenheit gefressen hat. Wie auch immer, es fällt mir gerade merkwürdig leicht, ihm über den Rasen zu folgen. Ich lasse mich ins Gras sinken und verschränke die Beine. Einen Moment später ramme ich den Pflock mit dem spitzen Ende in den Boden neben mir.

Quentin lächelt… schwach. Sein Kopf kippt nach hinten gegen den Baum und plötzlich sieht er sehr, sehr müde aus. Es ist mir vorhin gar nicht aufgefallen, aber seine Augen wirken heute viel dunkler als bei seinem letzten Besuch. Eingefallen. „Ist mit dir alles okay?“ Ich runzle die Stirn. „Du siehst ziemlich miserabel aus.“

„Ich habe heute nicht viel geschlafen.“ Ein Seufzen entweicht ihm, als er die Stelle zwischen seinen Augen massiert. „Dieser verdammte Jetlag macht mich wahnsinnig.“

Ich frage mich, ob das vielleicht der Grund ist, warum er heute nicht auf den Baum klettern wollte. Ist er zu erschöpft dafür? „Was machst du denn den ganzen Tag dort oben, wenn du nicht schlafen und auch nicht rausgehen kannst?“

Er zuckt mit einer Schulter. „Google. Twitter. Ein bisschen Musik streamen. Ach übrigens…“ Er rutscht ein bisschen herum und fischt sein Handy aus der Fronttasche seines roten Kapuzensweatshirts. Mit flehendem Blick hält er es mir entgegen. „Könntest du es bitte noch einmal für mich laden?“

„Klar.“ Als ich danach greife und meine Finger seine für diesen flüchtigen Moment berühren, lassen wir beide den Blick auf unsere Hände fallen. Bis er seine zurückzieht. „Ich habe mir Vampire irgendwie immer kalt vorgestellt“, gestehe ich in nicht viel mehr als einem Ausatmen.

„Die meisten Menschen haben ein total verschrobenes Bild von uns.“

„Ach echt?“ Ich stütze meine Ellbogen auf die Knie und verschränke die Finger. „Verbrennst du in der Sonne?“

Quentin zieht die Augenbrauen zusammen. „Ja.“

„Und trinkst du Menschenblut?“

Ein verschlagenes Grinsen zieht über sein Gesicht, weil er offensichtlich merkt, worauf ich hinaus will. „Ja…“

Ich lächle ihn schief an. „In dem Fall… absolut richtiges Bild.“

Er lacht, stupst aber dann mit der Fußspitze gegen die Sohle meines Turnschuhs. „Dann glaubst du wohl auch, ich würde meine Tage fest versiegelt in einem Sarg verschlafen, wie?“

Ich ziehe herausfordernd eine Augenbraue hoch. „Na ja, da steht einer in deinem Schloss.“ Es schüttelt mich bei dem Gedanken, dass ich an meinem ersten Ferientag da oben gar nicht wirklich in Filmequipment gerannt bin.

„Dann lass mich dir sagen, dass ich den nur für die Reise brauchte.“ Sein Blick wandert zu einem Punkt neben mir und er neigt den Kopf. Ich drehe mich ein wenig und mache in der Dunkelheit den kleinen grauen Tiger aus, der gerade von der Scheune zu uns herübertapst. Er hat uns wohl reden gehört. Mit einem müden Miau schlurft er an mir vorbei auf Quentin zu, der ihm einmal von den Ohren bis zur Schwanzspitze übers Fell streichelt. „Ich schlafe in einem Bett. Hier in Rumänien und auch zu Hause“, erklärt er mir und lässt das Kätzchen auf seinen Oberschenkel klettern, wo es sich ein Nest zu treten beginnt.

„Für die Reise?“, wiederhole ich.

Liebevoll krault er den Kater hinter den Ohren. „Um mich vor der Sonne zu verstecken.“

„Okay, das macht natürlich Sinn. Und ehrlich gesagt macht es dich auch viel weniger gruselig.“ Ebenso, wie auch die kleine Katze in seinem Schoß.

„Gruselig, aha.“ Er schmunzelt und sieht dabei viel zu müde und schwach aus. Ich bin mir sicher, das kommt nicht alleine vom Jetlag, sondern daher, dass er nicht genug zu essen bekommt. Wahrscheinlich hat er es nur deshalb nicht gesagt, damit ich mich nicht wieder vor ihm fürchte.

Interessanterweise habe ich aber gar keine Angst. Nicht mehr. Oder vielleicht auch nur jetzt gerade nicht. Er sieht nicht einmal stark genug aus, um einen Katzenpups wegwinken zu können. Das kleine Ding krallt sich gerade seinen Weg über Quentins Bauch und Brust hinauf, bis es mit der pelzigen Stupsnase gegen sein Kinn schmeicheln kann. Als er das Kätzchen runterhebt, rollt sich der Tiger zu einem Ball in Quentins Schoß zusammen und schließt die Augen, während es zu den sanften Streicheleinheiten des Vampirs schnurrt.

„Ich habe heute über dein Problem nachgedacht“, murmle ich und beschäftige mich währenddessen damit, ein Gänseblümchen zu pflücken und ihm die Blütenblätter eines nach dem anderen auszuzupfen. Was ich gleich sagen werde, ist so geistesgestört, dass ich ihm dabei nicht in die Augen sehen kann. „Vielleicht solltest du dir jemanden suchen, an dem du die Sache mit der Hypnose üben kannst.“

„Ja, genau.“ Er lacht leise. „Und wer wäre wohl so blöd, freiwillig einen Vampir an seinen Gedanken herumexperimentieren zu lassen? Du vielleicht?“

Die Lippen aufeinandergedrückt, hebe ich nur den Blick, doch nicke ich dabei.

Sein Lachen erstirbt. Natürlich war sein Vorschlag nur ein zynischer Scherz, aber ich sehe offen gestanden keinen anderen Weg, um ihn vor dem Verhungern zu retten.

„Abby…“ Er stöhnt meinen Namen und ich bin mir nicht sicher, ob das, was man in seiner Stimme hört, Frustration oder eine Rüge ist. „Du hast einen Holzpflock mitgebracht und ich verwette meine Seele darauf, bestimmt auch eine Knoblauchpille, nur damit du dich traust, hier draußen mit mir zu sitzen.“

Die Taschentröte nicht zu vergessen. Doch Quentin übersieht hier ganz eindeutig den springenden Punkt. „Dennoch sitze ich hier bei dir.“

„Und fragst dich, ob ich dir in den Hals beißen werde, sobald du den Pfahl aus den Augen lässt.“

Verlegen kaue ich auf meiner Unterlippe. „Okay, vielleicht habe ich ja daran gedacht…“ Mehrmals. In den letzten drei Minuten. Aber die Sache ist doch, dass ich anfange, ihm zu vertrauen. Und ich mag ihn. Ich möchte nicht, dass er so sehr leiden muss. „Ich sage ja nicht, dass du mich beißen und mein Blut trinken sollst. Niemals. Alles, was ich dir anbiete, ist mit dir zu üben.“

Ein Zittern huscht über das Fell des Kätzchens in Quentins Schoß. Es rutscht etwas weiter seinen Bauch hinauf und sucht in der Fronttasche seines Hoodies nach Schutz. Ein Schnurren dringt daraus hervor, als Quentin seine Hand darauflegt. „Und wenn ich den Dreh erst einmal raushabe?“, will er wissen und widmet seine Aufmerksamkeit wieder mir. „Hast du in deinem Plan auch so weit gedacht?“

„Dann tust du, was auch immer Vampire tun müssen, um ihren Blutdurst zu stillen – mit jemand anderem als mir.“

Er neigt den Kopf, die Stirn provokativ in Falten gelegt. „Was ist deine Garantie dafür, dass ich nicht von dir trinken werde?“

Gute Frage. Ich sehe Quentin lange und direkt in die tiefblauen Augen, die sich in diesem Moment nicht weiter als ein wenig Trost in seiner schrecklichen Situation wünschen. Einen Freund, der die Sache mit ihm durchsteht. Darum nenne ich ihm in einem kaum hörbaren Flüstern das Einzige, was er mir geben kann. „Dein Wort.“

Sein Blick hängt für eine sprachlose Sekunde an mir, dann sinkt er ab zu dem Katzenköpfchen, das aus seiner Hoodietasche ragt und das er sanft unter dem Kinn krault. „Du bist wirklich außergewöhnlich, Abigail“, sagt er langsam und gerade so laut, dass ich es noch hören kann.

„Tja, weißt du, für mich bist du auch ziemlich speziell“, ziehe ich ihn ein wenig auf und bekomme dafür sogar sein verhaltenes Lächeln als Antwort. Dann ziehe ich wirklich tief den Atem ein und fasse all meinen Mut zusammen. „Okay, also wie funktioniert das denn? Was muss ich tun?“

Quentin lehnt den Kopf wieder zurück und betrachtet mich für einige Zeit nur still. „Du willst das wirklich durchziehen, hmm?“

Ich schlucke … und nicke.

Er bewegt sich nicht, atmet nur tief ein und wieder aus. „Na schön. Dann versuch erst mal, dich zu entspannen. Ich glaube, es ist am einfachsten, wenn du alle Gedanken loslässt. Dich locker machst. Und Abby…?“

„Hmm?“

Er lächelt. „Verkrampf dein Gesicht nicht so.“

„Oh Gott. Sorry.“ Mit den Händen reibe ich mir das Stirnrunzeln weg und spüre dabei, wie mein Gesicht vor Verlegenheit glüht. Mich zu entspannen ist schwerer, als ich geglaubt habe. Ich setze mich aufrecht hin, lasse die Schultern hängen und mache dabei ein paar lockernde Yogaatemzüge. Dann schließe ich die Augen. „Okay, ich bin so weit.“

Die Augen immer noch fest geschlossen, warte ich einen Moment ab, doch es passiert nichts. Also blinzle ich. „Machst du schon irgendwas?“

„Ich versuche, den Teil deines Gehirns zu finden, der Befehle von mir akzeptiert.“

Junge, das klingt schauderhaft. „Wie machst du das denn?“

„Vampire haben einen zusätzlichen Sinn. Telepathie. Mit dieser Fähigkeit sollte ich imstande sein, in deine Gedanken einzudringen und den gehorsamen Teil deines Willens wachzustreicheln. Nur habe ich diesen Sinn noch niemals genutzt. Er ist wie ein Muskel, den man trainieren muss. Aber ich weiß nicht einmal, wie ich ihn einschalten kann.“ Seine Hand rutscht von seinem Bauch und bleibt im Gras liegen, während er geschwächt seufzt. „Und ich bin so müde…“

„Oh. Okay.“ Seine ganze Haltung sackt ab und macht mir Sorgen. „Ich fürchte, es könnte etwas gefährlich für dich werden, in meinem Garten einzuschlafen. Vielleicht solltest du lieber ins Bett gehen, im Schloss. Dann kannst du morgen gut ausgeruht zurückkommen und wir versuchen es noch einmal.“

Offensichtlich kann er seine Augen nicht mehr lange offenhalten. So gerne ich ihm auch eine Decke holen würde und ihn gerade einfach nur kuschelig darin einwickeln möchte, gleich hier unter dem Apfelbaum, ist das doch keine gute Idee. Er muss nach Hause, ehe er hier noch tot umfällt und ich ihn mit Nanas Schubkarre in die Scheune verfrachten muss.

Ich rapple mich auf die Beine und ziehe ihn an seiner Hand mit hoch. „Komm schon, kleiner Vampir. Zeit fürs Bett.“ Es trifft mich wie ein Blitz, wie abartig normal es sich inzwischen anfühlt, ihn anzufassen. Sogar der Witz kommt mir leicht über die Lippen.

Quentin hievt sich hoch und bleibt ziemlich nahe vor mir stehen. Ein Moment zieht vorüber, dann hebt er die Hand und streichelt mit den Fingerknöcheln über meine Wange. Die Berührung ist zart und fühlt sich liebevoll an. „Danke für den Versuch, Abigail“, flüstert er mit sanfter Stimme und einem Lächeln. Dann blinzelt er und verlässt meinen Garten. Draußen vor dem Zaun biegt er rechts die Straße rauf und spaziert heim nach Schloss Dracula.

Abwesend streifen meine Fingerspitzen über meine Wange, wo er mich gerade berührt hat…

 

 

Kapitel 14

Klopf, klopf! Wer ist da?

 

Quentin

 

 

Abby ist unglaublich. Sie ist ein stures kleines Ding und offensichtlich auf alle Eventualitäten vorbereitet, aber ihr Mut hat mich heute Nacht wirklich umgehauen. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet sie mir anbieten würde, die Willensübernahme an ihr zu üben?

Nicht, dass ich fähig wäre, im Moment auch nur irgendetwas auf die Reihe zu bekommen. Und ich bezweifle auch, dass es morgen leichter gehen wird. Meine letzte Mahlzeit ist jetzt beinahe eine Woche her – Abbys Apfelstrudel ausgeschlossen. Die Kraft schwindet rasch aus meinen Gliedern. Jeder Schritt, jede Armbewegung, sogar nur die Augen offenzuhalten, erfordert so viel Energie, dass ich mich am liebsten einfach nur hinlegen und darauf warten will, endlich in ein Koma zu fallen, das mich von diesem unstillbaren Hunger befreit.

Onkel Vlad ist ja der Meinung, man lernt Dinge am besten, wenn man ins kalte Wasser geworfen wird. Immerhin hat er auf diese Weise gelernt, ein Vampir zu sein, damals in vierzehnhundert – was immer das Jahr war. Wir haben tagsüber ein paar Nachrichten hin- und hergesendet. Er wollte meinen Anruf nicht entgegennehmen, weil er meinte, dass Ellie ihn nicht mehr ins Schlafzimmer lässt, wenn er wieder anfängt zu glühen. Anscheinend hat meine unbändige Ignoranz diese Wirkung auf ihn. Aber er hat mir einige Anweisungen geschickt, für den Fall, dass ich meine Zähne nicht bald in den Hals von jemandem bekomme.

Meinen bisherigen Symptomen nach, glaubt Onkel Vlad, dass mir vermutlich noch drei, vielleicht auch vier Tage bleiben, ehe ich anfange, auszutrocknen. Wenn dieser Prozess erst einmal einsetzt, werde ich nicht mehr in der Lage sein, mich zu bewegen, darum muss ich meinen Sarg runter ins Verlies schaffen und mich dann selbst zur Ruhe legen, bevor ich irgendwo im Schloss erstarre. Er sagte auch, wenn er zehn Tage lang nichts von mir hört, schickt er Reginald, um mich abzuholen. Fuck! Ich hätte ihn nicht anrufen sollen. Dann würde er jetzt denken, ich liege bereits im Sterben, und er würde den grotesken, alten Butler schicken, um die Lage zu erkunden und mich heimzubringen.

Nach der schriftlichen Unterhaltung mit ihm am Nachmittag habe ich all meine Social Media Apps deaktiviert, damit er nicht länger mitverfolgen kann, ob ich noch auf den Beinen bin. Die zehn Tage beginnen jetzt.

Als ich die Straße zum Schloss hinaufbiege und endlich außer Abigails Sichtweite bin, greife ich in meine Hoodietasche. Darin schläft immer noch ein flauschig weiches Fellknäuel und fängt bei meiner sanften Berührung an zu schnurren. Das Kätzchen kam nicht aus Versehen mit. Mir war sehr wohl bewusst, dass der kleine Tiger darin versteckt war, als ich vor ein paar Minuten von Abbys Garten aufgebrochen bin. Kurz habe ich sogar darüber nachgedacht, ihn herauszuholen und ihr zu übergeben, ganz ehrlich. Aber verflucht noch mal, ich konnte einfach nicht. Vor mir liegen wieder endlos lange Stunden im Schloss, bis mich die Nacht erneut entfliehen lässt. Einsame Stunden. Ohne Gesellschaft stehe ich das nicht mehr lange durch und dieser kleine Fratz reicht völlig, auch wenn er nur ein schnurrendes Kätzchen ist.

Miau, klingt der leise Klang aus dem inneren meines Sweatshirts. Im nächsten Moment erscheint ein Katzenköpfchen und sieht sich um. Ich halte ihm meine Hand hin und helfe ihm heraus, dann streichle ich sein plüschiges Fell, weil das bereits vorhin unterm Apfelbaum eine angenehm beruhigende Wirkung auf mich hatte.

„Na, du kleiner Racker?“, sage ich und hebe ihn dabei hoch vor mein Gesicht, um ihn richtig zu begrüßen. Als Antwort öffnet er seine Babyschnauze mit einem weiten Gähnen und zeigt mir dabei die süßen kleinen Zähnchen. „Bereit, ein paar Ratten im Schloss zu fangen?“ Ich drücke ihn an meine Brust und streichle seine Ohren glatt. Ratten stehen vermutlich noch nicht auf seinem Ernährungsplan. Verdammt, hoffentlich ist er schon alt genug, um alleine Milch aus einer Schüssel zu trinken. Nicht dass ich welche im Kühlschrank hätte – oder überhaupt einen Kühlschrank.

Plötzlich bewegt sich etwas im Wald rechts von uns. Das Kätzchen und ich hören das Geräusch gleichzeitig und zucken herum. Automatisch werde ich langsamer, weil mir ein Gefühl von Bedrohung durch die Gebeine fährt. „Hallo…?“

Ein majestätischer Hirsch mit mächtigem Geweih springt aus dem Schatten und bleibt dann einen Moment lang auf der Wiese stehen. Während er langsam mit den riesigen dunklen Augen blinzelt, neigt er seinen Kopf ganz leicht und mustert mich. Ich bin wie versteinert – vor Überraschung und Ehrfurcht. Ich wage nicht einmal zu atmen. Im nächsten Augenblick springt er zur Seite und verschwindet wieder im Wald.

Verdammt noch mal! Ich schlucke und gehe dann weiter in Richtung Burg. Doch das düstere Gefühl beobachtet zu werden kribbelt immer noch auf meiner ganzen Haut. Und dieses Mal ist es kein Hirsch.

Mein kleiner Freund faucht und stellt die Nackenhärchen auf. Ich schiebe ihn wieder in meine Bauchtasche und blicke dabei noch einmal hinüber zum Wald. Etwas Dunkles funkelt im Mondlicht.

Vor ein paar Tagen noch wäre ich mühelos imstande gewesen, eine Maus auszumachen, die hundert Meter entfernt im Laub nach Nahrung wühlt. Heute Nacht ist alles, was ich erkennen kann, eine Reihe von dunklen, verschwommenen Bäumen. Elender Blutdurst! Ich brauche meine Kräfte zurück!

Weil der kleine Tiger in der Tasche nervös an meiner Hand kratzt, gehe ich etwas schneller, behalte den Wald aber im Augenwinkel. Wer auch immer das vorhin war, wäre dämlich mir jetzt noch zu folgen, nachdem er aufgeflogen ist – zumindest falls er wirklich im Verborgenen bleiben wollte. Aber ich bekomme mehr und mehr das Gefühl, dass es gar keine Person ist, die sich in den Bäumen versteckt hält.

Sobald ich im Schloss angekommen bin, verriegle ich die Tür – zum ersten Mal, seit ich hier bin. Vor dem brennenden Kamin hocke ich mich hin und befreie das Kätzchen. Meine Haut ist zerkratzt und zerbissen. Der kleine Racker hat sich viel Mühe dabei gegeben, aus meiner Hand ein Katzenkunstwerk zu machen. Während er von meinem Schoß springt und anfängt, mit der Schnauze auf dem Boden und dem Schwanz wie eine Antenne aufgerichtet die Umgebung zu erkunden, werfe ich noch ein paar Holzscheite ins Feuer. Die Temperatur steigt schnell an und der warme Lichtschein erleuchtet die Halle.

Erschlagen lasse ich mich in den Ohrensessel fallen und schließe die Augen, die Hände auf die Lehnen gelegt. Nur ein paar Minuten Schlaf. Das wäre jetzt wunderbar.

Als sich aber kleine Kätzchenkrallen in meine Jeans hacken, mache ich ein Auge wieder auf. Er klettert an meinem Schienbein hoch und tapst dann wackelig über meinen Oberschenkel, bis er sein früheres Bett in meiner Hoodietasche gefunden hat. Das zufriedene Schnurren entlockt mir ein tiefes Seufzen und ich schließe die Augen noch einmal. Ein wattiges Gefühl macht sich zwischen meinen Ohren breit, als der Schlaf meine Lider beschwert. Bilder meines wütenden Onkels tauchen in meinen Gedanken auf.

Sein Gesicht verschwimmt zu einem herablassenden Lächeln, während er einen Feuerball über seiner offenen Hand schweben lässt. Das Feuer erlischt. Stattdessen hält er nun ein Streichholz zwischen den Fingern. „Zünde es an und du kannst heimkommen. Zeig mir, dass du gut genug bist, um eines Tages meinen Platz einzunehmen.“

Hinter ihm taucht Cassandra auf. Sie wirft ihre langen, dunklen Locken zurück und bietet mir ihren Hals an. Oh Mann, ich muss da echt dringend meine Zähne reinschlagen. Ich packe sie rücksichtslos und beiße zu. Ihr Angstschrei wird zu einem Stöhnen, während sie mich von ihr trinken lässt. Doch ein fauliger Geschmack breitet sich in meinem Mund aus. Das Blut schmeckt nach Knoblauch. Alles kommt mir wieder hoch. Als ich das Blut ausspucke, ist es nur noch eine schleimige, schwarze Masse auf dem Fußboden.

Ein gewaltiger Schmerz jagt durch meinen Körper. Ich hebe die Hände vor mein Gesicht. Meine Haut beginnt zu verschrumpeln. Voller Horror sehe ich zu, wie sie zu einer schwarzen, ledrigen Hülle um meine Knochen wird. Alles fühlt sich falsch an – trocken und es brennt. Ich kann nicht mehr atmen…

Mit einem erstickten Keuchen zucke ich aus dem Halbschlaf. Fuck! Meine Finger krallen sich in die Armlehnen und ich hechle, bis endlich wieder genug Luft in meinen Lungen ist. Der Tiger muss mir aus der Tasche gefallen sein und sitzt nun mit verwirrtem Blick auf meinem Schoß. „Sorry“, sage ich und streichle ihn hinter den Ohren, bis er sich wieder hinlegt. Schließlich falle auch ich zurück in die Lehne und massiere die Stelle zwischen meinen zusammengekniffenen Augen.

Heilige Fledermausscheiße auf Toast, mein ganzer Körper lechzt nach Blut. Aber um da ranzukommen, muss ich erst einmal lernen, wie man Gedanken kontrolliert. Viel zu schwach, um zu üben, habe ich den Punkt schon lange überschritten, an dem ich dieses Unheil noch hätte abwenden können. Was für ein verfluchter Teufelskreis. Ich stöhne tief. Das wird ein langer und schmerzhafter Weg, bis Onkel Vlad kommt und mich als mumifizierten Vampirzombie aus dem Sarg schält.

„Hallo, Quentin.“

Im Bruchteil einer Sekunde bin ich auf den Beinen, hellwach und innerlich auf Alarmstufe Rot. „Wie zur Hölle bist du hier –?“ Ich drehe mich im Kreis. Da ist niemand. Nur die Schatten des Feuers tanzen an den Wänden und der kleine Tiger motzt auf dem Boden, weil ich ihn bei meinem Raketenstart mit abgeschossen habe.

„Erinnere mich daran, einen Pflock mit zu deiner Beerdigung zu bringen.“

Die Stimme ist so nahe an meinem Ohr, dass ich scharf den Atem einziehe. Ich wirble noch einmal herum, doch die Halle ist leer. Meine Brust zuckt im Takt meines Schnaubens. Sekundenlang wage ich es nicht einmal zu blinzeln.

Und dann scheint eine Sicherung in meinem Gehirn durchzuschmoren, als diese Stimme plötzlich von allen Seiten auf mich hereinbricht.

„Du bist nicht gut genug!“

„Wer hat das Feuer gemacht, Quentin? Wer?“

„Willst du nach Hause?“

„Töte sie alle. Oder ich töte dich.“

Ich torkle nach hinten, bis ich hart in die Ecke der Steinwand krache. „LASS MICH IN RUHE!“, brülle ich und presse mir die Hände auf die Ohren. Das Echo dröhnt durch die Halle, den Korridor hinunter, die Wände hoch bis zur Decke und wieder zu mir zurück. Dennoch kann es die Geisterstimme in meinem Kopf nicht übertönen.

Erschrocken durch meinen Schrei, flitzt der kleine Tiger unter den Sessel und schielt um das hölzerne Stuhlbein herum. Ich laufe hinüber, packe ihn und sprinte die Treppe hoch in mein Schlafzimmer. Dort verriegle ich die Tür und mache einen langsamen Schritt rückwärts. Dann noch einen. In einem hysterischen Hecheln versuche ich, genug Luft zu bekommen, während ich auf den Schlüssel im Türschloss starre und mein Herz in einem horrorhaften Takt schlägt.

„Klopf, klopf, Quentin…“

 

 

Kapitel 15

Wolfgeplänkel

 

Abigail

 

 

Vergangene Nacht habe ich erstaunlich gut geschlafen. Meine Träume von Dracula und mir in einer Hüpfburg mögen vielleicht einen freudianischen Hintergrund haben, aber an diesem Morgen bin ich zu aufgekratzt, um darüber nachzudenken.

Oh Junge, die Unterhaltung gestern mit Quentin unterm Apfelbaum hat mich wirklich total durcheinandergebracht. Natürlich bin ich nicht so dämlich, die Gefahren dessen zu unterschätzen, was er ist und was er tun kann. Aber einen Vampir meinen Freund zu nennen – mein Gott, wie viele Leute auf der Welt können das schon von sich selbst behaupten? Ich meine, wie viele Menschen?

Nach einer Dusche komme ich zurück in mein Zimmer und sehe eine Nachricht von Rosemarie auf meinem Handy. Das erinnert mich daran, dass mich Quentin ja gebeten hat, seins noch einmal für ihn aufzuladen. Ich stecke es an und lese danach, was Rosemarie geschrieben hat. Sie meint, sie fühlt sich schon viel besser und möchte sich heute gerne mit mir treffen.

Ich schlüpfe in meine Jeans-Shorts und suche dazu ein Tanktop aus dem Schrank, auf dem vorne Wile E. Coyote blöd aus der Wäsche kuckt, dann laufe ich runter und rufe Nana zu, dass ich rausgehe. In der Küche ist das Radio an und als ich daran vorbeikomme, wackelt meine Großmutter gerade bei dreißig Grad im Schatten mit ihrem Hintern zu Last Christmas. Etwas, das ich nun wirklich nicht sehen wollte.

„Was hast du gesagt, Schätzchen?“, fragt sie, während sie einer Forelle mit dem Fleischermesser den Kopf abhackt. Fischblut und Schleim spritzen auf das Küchenbrett. Bäh.

„Ich besuche Rosemarie.“

Sie hebt den Kopf zu mir. „Hast du die Tröte dabei?“

„Ähm… Ich gehe nur ein paar Häuser weiter die Straße runter. Ich glaube nicht, dass Wölfe sich tagsüber so nahe an die Siedlung wagen. Oder?“

„Und was ist, wenn ihr beide euch plötzlich dazu entscheidet, einen Waldspaziergang zu machen?“ Der Schatten eines Grinsens in ihrem Gesicht verunsichert mich irgendwie.

„Das werden wir schon nicht.“

„Trotzdem.“ Sie wischt sich die Hände an einem Geschirrtuch ab und schlurft in ihren Pantoffeln auf mich zu, wobei sie in ihre Wunderschürzentasche greift.

Ich rechne schon damit, dass sie gleich die Tröte herauszieht, tut sie aber nicht. Stattdessen hält sie ein… ein… „Was zum Teufel ist das?“

„Eine Pfeife, Kindchen. Hunde können den Ton nicht ausstehen.“ Sie drückt mir das dünne, zehn-Zentimeter-lange Silberröhrchen in die Hand und schließt meine Finger darum. Dann wird ihr liebevoller Blick plötzlich ernst. „Verwende sie nur in einem Notfall. Wir wollen damit ja keine unschuldigen Wölfe oder die Hunde in der Nachbarschaft tyrannisieren.“

„Ah-hah.“ Mit einem Stirnrunzeln starre ich auf die Pfeife und wundere mich wieder einmal, ob sie die Schürze in einem Zauberladen gekauft hat. Ich schiebe den kleinen Unruhestifter in die Hosentasche und breche auf.

Auf dem Weg durch den Garten entdecke ich ein neues Pappkartonschild im Tomatenbeet, das ist echt riesig und darauf steht Tomată. Klingt eher nach einem Scherz, dass Nana wirklich ein Schild dafür braucht, um ihre Rispen zu erkennen, wo sie doch bereits faustgroße Früchte tragen. Dann verfängt sich mein Blick aber an dem Stock, an den sie das Schild genagelt hat, und ich schlucke. Das ist der Pfahl, den ich mir zum Schutz vor Quentin geschnitzt und gestern unter dem Apfelbaum vergessen habe. Ngh. Meine Großmutter… wie immer die praktische Hausfrau.

Ich behalte das neue Gemüse-Etikett skeptisch im Augenwinkel, als ich an den Büschen vorbei und durch das Türchen im Zaun hinausgehe.

Rosemarie ist in ihrem Garten. Es ist schön zu sehen, dass sie heute statt einer Wolldecke ein gelbes T-Shirt und braune Skaterhosen trägt. Mit einem Topf im Arm geht sie gerade rüber zum Gänsegehege.

Ganz in der Nähe sitzt Trayan im Schatten unter einem Ahornbaum und liest an den Stamm gelehnt ein Buch. „Hi Abby“, sagt er freundlich, als er von den Seiten aufsieht. Im Vorbeigehen winke ich ihm ein wenig zaghaft zur Begrüßung zu und packe noch ein Lächeln obendrauf. Das muss reichen.

Bei Trayans Worten dreht sich nun aber auch Rosemarie um und strahlt mich vor Freude an, als sie mich sieht. „Ah, du bist ja schon da!“

Sie streut ein paar Handvoll Getreide über den niedrigen Maschendrahtzaun ins Gehege mit dem kleinen Teich und sieht dabei schon viel lebendiger aus. Fünf Gänse kommen sofort angewatschelt und picken die Körner mit fröhlichem Geschnatter auf. Eine fehlt.

„Wo ist Lucifer?“, will ich wissen, wobei ich neben ihr stehenbleibe und mich über den Zaun lehne, um Fluffy zu streicheln, während sie frisst. Rosemarie hat alle Gänse nach Auffälligkeiten in ihrem Federkleid benannt. Lucifer, dem Ganter, standen am Kopf zwei Federn hoch, die wie kleine Teufelshörner aussahen.

„Wir haben ihn letzte Woche verloren.“ Bei ihrer traurigen Stimme hebe ich den Blick, die Hand immer noch auf dem Kopf der Gans. Rosemaries Gesicht nimmt einen beinahe aschenen Ton an. „Es war ein Unfall.“

„Es ist nur natürlich, dass Raubtiere sich auf Beute stürzen, wenn sie vor ihrer Schnauze herumflattert“, ertönt Trayans sanfte, aber dennoch belehrende Stimme hinter uns. Ich richte mich auf und sehe über meine Schulter zu ihm, aber sein beinahe schon trauriger Blick hängt einen ganzen Atemzug lang nur an Rosemarie. Dann werden seine Gesichtszüge stählern. „Du hängst zu sehr an den Viechern.“

Rosemaries Kinnlade klappt nach unten, während er sich einfach wieder seinem Buch zuwendet, aber sie ist offensichtlich noch nicht mit ihm fertig. Kurzerhand kippt sie den Topf einfach über den Zaun und die ganze Ladung regnet auf den armen Blackfoot nieder, der nun aufgebracht schnattert. Das bemerkt sie aber wohl gar nicht, denn sie wirbelt zu Trayan herum und faucht dabei: „Tut mir leid, dass ich unsere Haustiere nun mal gern habe. Und wenn eines von ihnen stirbt“ – sie macht ein paar aggressive Schritte auf ihn zu – „macht mich das eben traurig, egal, ob das in deine bescheuerte Anschauung passt oder nicht!“

Trayan hebt den Kopf und macht den Mund auf, doch Rosemarie ist schneller. „Nein!“, kläfft sie ihn an und hält dabei abwehrend eine Hand hoch. „Halt einfach die Klappe! Ich bin nicht in Stimmung. Nicht heute, okay?!“

Agh. Ich beiße mir auf die Lippe. In letzter Zeit ist es echt seltsam, hierherzukommen.

Was auch immer deren Problem ist, Trayan scheint gerade zu begreifen, dass er eine heikle Grenze bei ihr überschritten hat. Mit einem Seufzen lässt er die Sache auf sich beruhen. Zum Glück, denn Rosemarie klang, als wäre ihr Hals plötzlich eng und belegt vor aufkommenden Tränen.

Ihr Streit würde mit etwas mehr Kontext bestimmt auch mehr Sinn ergeben, aber gerade ist der falsche Zeitpunkt, danach zu fragen. Außerdem lässt mir Rosemarie sowieso gar keine Zeit dazu. Sie packt mich am T-Shirt-Ärmel und schleift mich mit sich zum Haus. „Komm, Abby, wir gehen in mein Zimmer. Der Garten ist heute zu voll.“

Weil das Ganze hier so unangenehm ist, ziehe ich eine entschuldigende Grimasse in Trayans Richtung und folge Rosemarie ins Haus, wo sie auch endlich meinen Ärmel loslässt, damit ich nicht hinter ihr die Treppe hinauffalle.

„Trayan hat bei meinem letzten Besuch angedeutet, dass ihr verwandt seid. Ist er dein Cousin oder so was?“ Denn sie streiten so oft, dass er mir eher wie ein lange-verlorener Bruder vorkommt.

„Gott behüte!“ Oben im lichtdurchfluteten Gang verdreht Rosemarie die Augen und stöhnt. „Er ist der Adoptivsohn einer Cousine dritten Grades der Halbschwester meines Vaters in Schottland, oder irgend so ein Bullshit. Der Ausdruck Familie wird in diesem Zusammenhang wohl sehr locker gebraucht.“

Ah ja. Bei dem Rattenschwanz an Verwandtschaftsgrad kann ich verstehen, warum es jemand abkürzen würde.

Rosemarie öffnet die hinterste Tür im Gang und lässt mir den Vortritt. Ihr Zimmer ähnelt meinem in Norwich – helle Holzmöbel, Poster ihrer Lieblingsband über dem Bett und eine Nordwand vollgepackt mit Büchern, die jede Bibliothek vor Neid erblassen lässt. Hauptsächlich liest sie Krimis und Thriller, darum frage ich mich auch gerade, ob Trayans Buch vielleicht aus diesen Regalen stammt.

„Ihr zwei kommt wohl nicht so gut miteinander klar?“ Ich kann den fragenden Ton nicht aus meiner Stimme streichen, als ich mich auf den Drehstuhl vor ihrem Schreibtisch setze und damit eine Runde Karussell fahre.

Sie schnaubt gereizt aus und stapft an mir vorbei, um das Fenster zu schließen. Dann dreht sie sich um, die Hände hinter ihr in den Sims gekrallt. „Der Kerl ist die nervigste, herrschsüchtigste…“ – vor Zorn furcht ihre Stirn gerade tiefer als der Grand Canyon – „überfürsorglichste Klette, die mir je untergekommen ist.“

Es hat schon was Lustiges, meine Freundin so leidenschaftlich über jemanden herziehen zu hören. Normalerweise sieht sie in allen immer das Gute, oder versucht es zumindest. Ich stehe auf und stelle mich neben sie, um durchs Fenster in den Garten zu schauen. „Er scheint recht harmlos, wenn er liest. Was stört dich denn an ihm?“

„Ich sehe nicht ein, warum ein Fremder den ganzen Sommer bei uns abhängen muss. Er braucht viel zu viel Platz, futtert meine ganzen Süßigkeiten weg und jedes Mal, nachdem er duschen war, riecht das ganze Bad nach Mann.“ Grummelnd schlurft Rosemarie zum Bett, doch unter dem Baum im Garten schleicht sich gerade ein kleines Grinsen in Trayans Gesicht.

Mit schmalen Augen neige ich den Kopf. Wo kam das denn jetzt her?

Hinter mir knallt eine Schublade zu und zieht meine Aufmerksamkeit wieder zu Rosemarie. „Argh! Ich schwöre, du kannst in diesem Haus nicht einmal furzen, ohne dass er es hört“, mault sie und lässt sich dann quer auf die Matratze fallen. Sie lehnt sich mit den Schultern an die Wand und lässt die Beine über die Kante baumeln. Neben ihr liegt eine aufgerissene Packung Lakritzstangen. Frustriert kaut sie auf einer rum.

Ihr Blick schweift zu mir und sie knurrt, doch für die nächsten Sekunden hält sie den Mund. Als ich vom Fenster wegkomme, bietet sie mir eine Lakritzstange an. Ich nehme sie an, lasse mich damit aufs Bett neben sie fallen und beiße das obere Ende ab.

„Warum ist er denn überhaupt hier?“, hake ich nach. Die Sache mit dem Notfall hörte sich ziemlich eigenartig an.

Rosemarie zieht ihre Knie an. „Was weiß ich. Vielleicht, weil er kein eigenes Leben hat und es genießt, mir dafür meins zur Hölle zu machen.“

Das entlockt mir ein Kichern. „Das ist wohl kaum der wirkliche Grund.“

Wütend funkelt sie das Fenster an. Als sie sich danach wieder zu mir dreht, seufzt sie resigniert und schluckt den Rest ihrer Lakritzstange. „Macht es dir was aus, wenn wir ein Stück spazieren gehen? Ich brauche frische Luft.“ Im nächsten Moment ist das wetzende Geräusch ihrer Backenzähne zu hören, die aufeinander scheuern. „Und Abstand.“

Ich habe langsam das Gefühl, dass sie sich kaum entspannen wird, so lange der Kerl in der Nähe ist, der sie offensichtlich in den Wahnsinn treibt. Also stehe ich vom Bett auf und nicke zur Tür. „Na dann komm.“

Sichtlich erleichtert springt sie auf die Beine und wir trotten nach unten. Doch als wir durch die Tür wollen, blockiert ein großer Kerl nicht nur die Sonne, sondern auch den Ausgang. „Wo willst du hin?“, fragt Trayan mit ernsthaft besorgtem Blick. Mann oh Mann, da hat Rosemarie wirklich nicht übertrieben, als sie ihn herrschsüchtig genannt hat. Das ist gruselig.

„Wir wollen uns nur ein bisschen die Beine vertreten“, beißt Rosemarie mit einem schmalen Grinsen zurück. Dann klopft sie ihm mit der flachen Hand auf die Brust und schiebt sich an ihm vorbei. „Hoffentlich hältst du es so lange ohne mich aus.“

Oh, Jesus. Ich ziehe den Kopf ein, weil sein finsterer Blick als Nächstes mich trifft und ich der schottischen Inquisition nicht Rede und Antwort stehen will. Es muss so seltsam sein, jemanden wie ihn wochenlang im Haus zu haben. „Bis dann“, murmle ich und husche hinter meiner Freundin her. Sie dreht sich zwar nicht mehr nach ihm um, doch ich kann mir einen letzten Blick über die Schulter nicht verkneifen, als wir den Garten verlassen und den Weg von der Siedlung weg, hinauf zum Wald einschlagen. Der Schotte starrt uns angepisst hinterher. Aber ich bin wohl die Einzige, die sich darüber Gedanken macht.

Rosemarie gibt ein ziemlich rasantes Tempo vor, das sie erst verlangsamt, als ihr Haus komplett außer Sichtweite ist. Froh darüber, dass wir nicht die Straße zur Burg raufgenommen haben, sondern gerade einfach gemütlich durch den kühlen Wald schlendern, schiebe ich meine Hände in die Hosentasche und… spüre die kleine Silberpfeife darin. Ein Frösteln, das absolut nichts mit den klammen Temperaturen hier zu tun hat, zieht über meine Haut. Verdammt! Konnte Nana das wirklich voraussehen?

Andererseits war es aber gar nicht so abwegig, dass Rosemarie und ich uns an so einem heißen Tag in den Wald verlaufen. Ist also keine große Sache, oder? Meine Güte, ich werde wohl langsam echt paranoid.

„Alles okay?“

Mein Kopf schnellt hoch. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich stehengeblieben bin und die Pfeife in der Hand halte. Rosemarie steht ein paar Meter weiter und mustert mich planlos.

„Ja, sicher.“ Ich nehme die Hand runter und schließe zu ihr auf.

„Was ist das?“ Der Argwohn sitzt immer noch in ihrer Stimme.

Ich schüttle den Kopf. „Nur etwas, das Nana mir heute Morgen gegeben hat. Es soll wohl Wölfe abschrecken.“

„Tatsächlich?“ Ihre Augenbrauen kippen nach innen. Es vergeht ein Moment, dann räuspert sie sich. „Kann ich mal sehen?“

Ich gebe ihr das dünne Röhrchen. Rosemarie dreht es durch die Finger und untersucht es voller Neugier, doch als sie es an ihre Lippen hebt, stürze ich nach vorn und reiße es ihr aus der Hand. „Nein, nicht! Nana meinte, ich soll es nur im äußersten Notfall verwenden, weil es anscheinend die pure Hölle für Hundeohren ist.“ Ich will hier im Wald kein Desaster für nichts anrichten, falls das Ding wirklich hält, was meine Großmutter versprochen hat. Und es gibt keinen Grund, an ihren Worten zu zweifeln, nachdem die Taschentröte, die sie mir vor einigen Tagen gegeben hat, halb Transsilvanien aufgeweckt hat.

„Deine Großmutter hat also auch Angst vor dem Wolf? Glaubt sie, dass er Menschen anfallen wird?“

Ich stecke die Pfeife wieder ein und hebe stattdessen einen Ast vom Boden auf. „Nicht direkt Angst, das glaube ich nicht. Nana will einfach, dass ich vorsichtig bin.“ Es reicht ja, dass ich diese Tage eine Scheißangst habe, und nicht nur vor einem wilden Tier. Was Quentin da gesagt hat – über mögliche Werwölfe – klingt immer noch schaurig in meinen Gedanken nach. Mein Blick schweift durch den Wald. Fantastisch. Laufen wir vielleicht direkt in den Werwolfsbau?

Rosemarie streift sich die seidigen honigblonden Haare zu einem Pferdeschwanz nach hinten und bindet ihn mit einem Gummiband, das sie um das Handgelenk trägt, zusammen. „Du wirkst in letzter Zeit etwas nervös. Ist mit dir wirklich alles in Ordnung?“

Einen Atemzug lang starre ich ihr in die hübschen grünen Augen. Sie zieht die rechte Braue hoch. Letztes Mal wollte ich ihr noch alles über den Vampir erzählen, der in Schloss Dracula lebt. Aber jetzt kann ich es nicht mehr. Ich will Quentin nicht in Schwierigkeiten bringen, nur weil ich kein Geheimnis bewahren kann. Für einen Moment sinkt mein Blick. „Ja. Ich muss mich nur erst wieder an das Landleben gewöhnen. Hier ist alles ganz anders.“

Da lacht sie nur. „Darauf wette ich. Du musst deine Tanks mit so viel frischer Luft füllen, wie du kannst, bevor du wieder in die Stadt zurückfährst.“

Dankbar für den Themenwechsel nicke ich und klettere dann über einen der Felsbrocken auf die Anhöhe neben dem Weg. Eine dünne Wasserquelle entspringt hier oben, neben die ich mich ins trockene Laub setze. Nicht einmal mit der Pfeife in meiner Tasche möchte ich heute zu tief in den Wald spazieren. Meine Beine baumeln über die Felskante, während ich auf Rosemarie warte, bis sie sich neben mich setzt. „Und was ist mit dir?“, führe ich das Thema noch weiter weg von Vampiren, Wölfen und allem, was hier sonst noch so die Gegend unsicher macht, und tauche dabei einen Finger in die Wasserfontäne zwischen uns. „Hast du dich schon entschieden, was du nach dem Sommer machen wirst?“

Lächelnd wirft sie mir seitlich einen Blick zu. „Uni Oradea. Sie haben mir letzte Woche die Aufnahmebestätigung geschickt.“

„Veterinärmedizin also?“ Bei den Neuigkeiten strahle ich sie an, weil ich genau weiß, wie lange sie schon davon träumt. Ihre Alternative wäre ein Job in einem Tierheim gleich außerhalb der Stadt gewesen, aber sie wollte immer schon das richtige Ding durchziehen. Ich lehne mich zu ihr rüber und schlinge beide Arme um sie. „Du wirst bestimmt mal eine großartige Tierärztin.“

Es ist so beeindruckend, wie sie schon immer wusste, was sie nach der Schule einmal machen möchte. Ich auf der anderen Seite… Tja, mir würde es nichts ausmachen, wenn der Abschluss nächstes Jahr noch einige Zeit auf sich warten lassen würde. Denn ehrlich gesagt habe ich keinen blassen Schimmer, was ich danach machen will. Natürlich ist dann erst einmal das College an der Reihe, aber ohne wirklichen Berufswunsch kommt das alles viel zu schnell.

Nachdem wir uns wieder losgelassen haben und ich nun die Rinde von dem Ast schäle, den ich vorhin aufgehoben habe, räuspere ich mich leise und frage sie dann vorsichtig: „Was ist denn mit Lucifer passiert?“ Trayans Worte über die Gänse vorhin haben in mir ein komisches Gefühl von Vorahnung hinterlassen.

Sie lässt den Kopf hängen und weigert sich, mich anzusehen. Ihre Stimme ist kaum hörbar, als sie antwortet: „Er wurde vor einigen Wochen nachts getötet. Gefressen…“

Ja, das habe ich mir schon gedacht. „Glaubst du, es war der Wolf?“

Rosemarie zögert, nickt aber dann.

Ein Frösteln kriecht über meine Arme hinauf. „Dann kommt er also wirklich so nahe ans Dorf heran?“ Die Worte huschen wie ein leiser Atemzug aus mir.

„Ja.“ Sie klingt, als hätte sie einen Frosch verschluckt. „Aber es war nur dieses eine Mal. Ich bin sicher, er hat seine Lektion gelernt.“

Ich neige den Kopf zur Seite. „Was meinst du damit?“

„Die Leute haben rund um die Siedlung Fallen aufgestellt“, erzählt sie mir. „Er hat sich in einer verletzt, konnte aber entkommen. Seither kam er nie wieder so nahe ran.“

„Oh. Das wusste ich nicht.“

„Es war auf Olsons Land. Eine brutale Eisenklaue.“ Ihre Kiefer verkrampfen sich vor Wut. „Ich verstehe einfach nicht, wie man das einem Tier nur antun kann.“

Als Trayan vorhin sagte, sie hängt zu sehr an den Tieren, meinte er mit Sicherheit ihre Haustiere. Jetzt aber scheint es, als hätte sie Mitleid mit dem Wolf – einem tödlichen Raubtier.

Na und? Du bist mit einem Vampir befreundet, singt eine kleine Stimme in meinem Kopf vor sich hin. Stimmt. Aber ich weiß, was Quentin ist. Falls es sich bei dem wilden Tier wirklich um einen Werwolf handelt, bezweifle ich, dass Rosemarie auch nur die geringste Ahnung hat. Und nach allem, was Quentin mir darüber erzählt hat, was passiert, wenn sie dem Blutrausch verfallen und vielleicht auch Menschen angreifen, ist das etwas völlig anderes.

Genau. Weil dich dein Vampir nämlich nicht angreifen würde, wenn er am Verhungern ist – weil er dir ja sein Wort gegeben hat.

Ja, der klügere Teil von mir rollt gerade mit den Augen und stöhnt. Er will mich auch definitiv an den Haaren packen und mir etwas Vernunft ins Ohr schreien. Aber mir ist gerade nicht nach zuhören. In Wahrheit freue ich mich schon auf heute Abend, wenn die Sonne untergeht und Quentin vorbeikommt, damit wir uns wieder gemeinsam in den Garten setzen können. Jap, er ist mir superschnell ans Herz gewachsen. Ist wohl so ähnlich wie bei Rosemarie mit ihren Gänsen.

Oh, dann ist Quentin jetzt also dein Haustier?

Ganz genau. Mein Hausvampir. Schluck das! Diese Meldung bringt den klügeren Teil in mir erst einmal zum Schweigen.

Rosemarie springt vom Felsen und schreckt mich aus meiner inneren Unterhaltung hoch. „Sollen wir langsam zurückgehen? Das Mittagessen ist bald fertig. Du kannst bei uns essen, wenn du willst.“ Ein Grinsen schiebt ihre Wangen nach oben. „Und mir gegen Trayan helfen, wenn er mir mal wieder einen Vortrag halten will.“

Ich nehme den längeren Weg runter und klopfe mir inzwischen die Blätter und das Moos vom Hintern. „Danke für die Einladung, aber Nana macht heute gebackene Forelle. Die möchte sie bestimmt nicht allein essen.“

Sie nickt und wir machen uns langsam auf in Richtung Siedlung. Trayan liest immer noch im Schatten, als wir an Rosemaries Garten ankommen. Er klappt das Buch zu und kommt zu uns, während wir uns am Gartenzaun verabschieden.

„Na? Hattet ihr beide Spaß im Wald?“, fragt er uns in freundlichem Tonfall. Viel zu freundlich…

„Jap. Und rate mal!“, neckt ihn Rosemarie mit einem schmallippigen Grinsen und schiebt dabei die Hände in die Hosentaschen. „Keine Wolfsattacken.“ Ohne den Blickkontakt zu ihm abzubrechen, schlüpft sie durch das Gartentor und geht dabei halb um ihn herum. Das Antwortlächeln, das er für sie hat, ist richtig niedlich. Eigentlich sehen sie sogar ziemlich süß nebeneinander aus. Aber Rosemarie würde mir den Kopf abbeißen, wenn ich das jetzt laut ausspreche.

„Übrigens“, legt sie noch eins obendrauf, „Abby hat da so eine kleine Pfeife, die Hunde anscheinend in den Wahnsinn treibt. Vielleicht sollte ich mir selber auch so eine zulegen.“ Sie zwinkert ihm zu. „Nur für den Fall, dass einer in mein Zimmer kommt und an meinen Zuckerstangen lecken will.“

Sein Grinsen wird nun etwas verbissener und sein amüsierter Blick folgt ihr seitlich. „Falls sich tatsächlich ein Wolf in dein Zimmer verirren sollte, sind die Zuckerstangen wohl das Letzte, woran er lecken würde.“

Rosemaries Wangen werden pink. Meine fühlen sich an, als hätten sie Feuer gefangen. Sie senkt den Blick und sagt mit kratziger Stimme in meine Richtung: „Willst du diese Woche vielleicht mal schwimmen gehen?“ Ich kann verstehen, warum sie jetzt an kaltes Wasser denken muss. Mit Trayan hier draußen ist es plötzlich viel zu heiß.

„Klar. Ich rufe dich an.“

Nach einem Nicken geht sie rüber zum Haus, doch Trayan bleibt noch einen Moment bei mir stehen und schmunzelt nur über unsere offensichtliche Verlegenheit. „Und, hattest du einen schönen Sommer bisher?“, fragt er mich.

Ich nicke einmal und versuche dabei, den Augenkontakt zu ihm zu vermeiden, weil das nur eine weitere Schaufel Kohlen ins Feuer meiner Wangen legen würde.

„Hast du mal wieder den Filmassistenten gesehen? Was du letztes Mal erzählt hast, hat sich echt spannend angehört.“

Spontan zuckt mein Blick ganz von alleine hoch. „Ich –“ Mist, was sag ich denn jetzt? Quentin ist ein ganz schlechtes Thema, um es mit Trayan zu erörtern. Außerdem will ich weder ihm noch Rosemarie einen Grund geben, um in den nächsten Tagen selbst zur Burg hinaufzuwandern und nach Quentin Ausschau zu halten. Hilfe, mein Hals trocknet aus! Ich schüttle vehement den Kopf. „Nein. Er ist schon abgereist.“ Ja, guter Einfall! Weiter so! Lüg ihm das Blaue vom Himmel ins Gesicht! „Er hatte vor, nur ein paar Tage zu bleiben… um, ähm… die Lage zu checken. Dann ist er wieder heimgeflogen.“

Trayans Lächeln verliert seinen Glanz. Langsam legt er den Kopf etwas schief und ich bekomme einen verdammt gruseligen Blick von ihm, direkt in die Augen. „Ach, ist das so?“

Ich schlucke. Hilfe…!

„Lass sie in Frieden!“, ertönt Rosemaries motzige Stimme vom Haus her und schneidet zum Glück durch die Spannung hier drüben. „Sie ist meine Freundin, nicht deine.“

Trayan seufzt ein klein wenig und nickt mir dann zu, als wäre ich gerade diejenige gewesen, die ihn gerügt hat, und er müsse sich bei mir entschuldigen. „Gib auf dich Acht, Abigail.“ Inzwischen ist das Lächeln auch komplett aus seinem Gesicht verschwunden. Er dreht sich um und folgt Rosemarie ins Haus.

Ich erschaudere unter der Gänsehaut, die er mir gerade verursacht hat, und mache mich schließlich auch auf den Heimweg.

 

 

Kapitel 16

Schlaf jetzt

 

Abigail

 

 

Die Sonne ist vor drei Stunden untergegangen. Ich sitze am offenen Fensterbrett, die Beine angezogen und mit dem Rücken an den Rahmen gelehnt. Der abnehmende Mond hängt tief am Himmel über dem Wald. Draußen ist es still. Ich seufze.

Quentin ist nicht gekommen.

Was hat ihn wohl aufgehalten? Gestern wirkte er doch noch ganz glücklich über den Fortschritt, den wir gemacht haben. Glücklich über jede Art von Gesellschaft. Warum ist er heute also nicht zurückgekommen? Wenn auch nur, um sein Handy abzuholen, das den ganzen Tag über in meinem Zimmer am Ladekabel hing…

Bei seinem gestrigen Besuch sah er aber doch recht mitgenommen aus. Müde. Er meinte ja auch, er könnte nicht schlafen, und ganz offensichtlich quält ihn sein Hunger nach Blut. Nana hat am Nachmittag wieder Apfelstrudel gemacht. Ich habe ein Stück davon auf einem Teller in mein Zimmer gebracht. Schon klar, dass es eine dumme Idee ist und für einen Vampir keine wirkliche Nahrung bietet, aber ich dachte, der Kuchen würde vielleicht seinen Blutzucker etwas anheben, sodass wir noch einmal diese Hypnosesache üben können. Danach könnte er dann losziehen und einen Ersatz für das Dessert finden.

Aber es sieht nicht so aus, als würde es heute Nacht noch dazu kommen.

Dunkle Wolken schieben sich vor den Mond und dimmen sein Licht. Minuten später fallen die ersten Regentropfen vom Himmel. Durch den leichten Wind werden sie in mein Zimmer geweht und spritzen mir ins Gesicht. Nach einem letzten Blick rauf zum Schloss auf dem Hügel, rutsche ich von meinem Platz und schließe das Fenster. Es ist sowieso schon spät und mein Rücken knarzt wie ein alter Baum, als ich mich nach so langer Zeit endlich strecke.

Ich krabble ins Bett, ziehe mir die Decke bis zum Kinn und hoffe bloß, dass es Quentin gut geht.

 

*

 

Der Morgen zieht verschwommen vorbei, mit dicken Regentropfen, die an den Fensterscheiben hinunterlaufen. Ich schlüpfe in einen dicken schwarzen Kapuzenpullover und liege bis zum Mittagessen vor dem Fernseher. Das Sommerferienprogramm hat in Rumänen haufenweise Cartoons und dann noch die unverständliche Übersetzung des kleinen Vampirs, der auf dem Land Ferien macht und Blut von Kühen trinkt. Ich verstehe kein einziges Wort, aber da Nana ja immer noch denkt, dass Netflix ein Synonym für eine new-age Strickmethode ist und diese vehement verweigert, bleibt mir nichts anderes übrig.

Drei Kätzchen schlafen um meine Knöchel herumgewickelt. Nur der kleine graue Tiger fehlt. Eigentlich habe ich ihn schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen. Der Vampir muss ihn wohl ziemlich erschreckt haben, sodass er sich jetzt nicht mehr aus der Scheune traut. Oder vielleicht zieht er auch einfach einen gemütlichen Heuhaufen dem Sofa hier drinnen vor, wer weiß? Ich werde mich mal auf die Suche nach ihm machen, sobald der Regen nachlässt.

Immer wieder kehren meine Gedanken zum Schloss zurück, besonders, als der kleine Vampir quer über die Bildröhre fliegt. Mein Blick schweift zum nassen Fenster. Was Quentin wohl gerade treibt…?

„Nana?“, frage ich leise, als sie aus dem Ziegenstall zurückkommt. „Hast du einen Regenschirm, den ich mir heute leihen kann?“

Sie legt ihre Wollweste ab und wischt sich ein paar Regentropfen aus den Haaren. „Du willst bei diesem Hundewetter raus?“

Jap, ich denke, genau das will ich. Ich sammle mich selbst von der Couch auf, atme tief durch und nicke. „Wenn ich noch länger hier herumsitze, fällt mir bald die Decke auf den Kopf.“

Langsam kriecht ein Lächeln in ihr Gesicht, macht aber vor ihren Augen halt. „Natürlich, mein Kind. Es müsste einer im Keller sein. Warte, ich hole ihn dir.“ Während sie nach unten verschwindet, laufe ich in mein Zimmer und packe ein paar Sachen in meinen blauen Leinenrucksack. Die Taschentröte, die Hundepfeife, eine Knoblauchpille und Quentins Handy. Bevor ich wieder runtergehe, hält mich mein Spiegelbild auf. Mein Hals, so bleich gegen das schwarze Sweatshirt, wirkt schrecklich einladend, sogar auf mich. Ich ziehe mir den Kragen höher, aber das reicht bei weitem nicht. Hektisch suche ich in meinem ganzen Zimmer, den Schubladen und dem Schrank, bis ich endlich unter dem Bett finde, was ich brauche. Mein rotes Halstuch. Auf dem Boden kniend falte ich es und binde es mir um, dann betrachte ich mich selbst noch einmal im Spiegel. Jap, schon viel besser.

Unten wartet Nana bereits mit einem riesigen schwarzen Schirm in der Hand bei der Tür. „Geh nicht allein in den Wald, Schätzchen“, bittet sie mich mit warnender Stimme.

„Ich pass schon auf. Versprochen.“

Sie nickt, hält aber immer noch den Schirm fest. Mit dem Finger tippt sie auf das unerwartet spitze Ende und lenkt meine Aufmerksamkeit dabei hinunter. Als ich ihr wieder ins Gesicht blicke, lächelt sie wieder, bleibt aber still.

Ich schlucke.

Letztendlich gibt sie ihn mir doch und ich krächze nur ein leises: „Danke.“ Draußen vor der Tür spanne ich das schwarze Monstrum auf. „Ich bin vor dem Abendessen zurück.“ Und falls nicht, komm bitte rauf zum Schloss und rette mich aus den Fängen von Draculas Nachfahre!

„Viel Spaß!“, ruft Nana nun fröhlich und schließt die Tür.

Viel zu langsam gehe ich den Weg um die Pfützen herum, als würde ich nur einen gemütlichen Bummel durch die Nachbarschaft machen. In mir drinnen geht es aber gerade alles andere als gemütlich zu. Meine Muskeln sind angespannt wie Drahtseile. Herr Jesus, will ich wirklich einfach so in eine Vampirhöhle spazieren? Als ich mich dem dunklen Schloss mit dem mächtigen Eisentor nähere, das in den Burggarten führt, atme ich tief durch, um meine Nerven zu beruhigen. Bitte, lieber Gott, lass mich da lebend wieder rauskommen! Und als Mensch…

Vor der schweren Eingangstür falte ich den Schirm zusammen und klopfe an. Es kommt keine Antwort und die Tür ist verschlossen. „Quentin?“, rufe ich, doch alles, was darauffolgt, ist Stille. Ngh… Er ist da drinnen doch hoffentlich nicht gestorben.

Um diese Tageszeit tot zu sein, ist normal für ihn, Dummerchen, erinnert mich die Klugscheißerin in mir. Anstatt hier nur sarkastischen Bullshit rauszuhauen, sollte sie mir lieber sagen, wie ich da reinkomme, solange diese dämliche Tür verriegelt ist.

Geheimer Tunnel hinter dem Schloss.

Oh. Ach ja. Danke.

Das Gesicht zu einer leidigen Grimasse gezogen, schleiche ich um die dicken Steinmauern herum und falte mich selbst in den Tunnel, der direkt in eins der oberen Schlafzimmer führt. Heiliger Kuhmist, ich hätte eine Taschenlampe einpacken sollen. Die wäre um Einiges nützlicher hier als die Knoblauchpille. Mein Herz rattert wie ein Maschinengewehr, während ich über den kalten Boden krieche und den Regenschirm dabei hinter mir herschleife.

Am Ende des Tunnels befällt mich ein gruseliges Schaudern. Wieder im Schloss zu sein, löst einige wirklich üble Erinnerungen aus. Fangzähne. Zu nahe an meinem Hals…

Ich schüttle die Gedanken ab und klopfe mir den Schmutz von den Kleidern. Dann schleiche ich hinaus in den Korridor. Dieses Mal kommt Quentins Name nicht so leicht über meine Lippen. Irgendwie war ich draußen noch viel mutiger.

Ein warmes Flackerlicht aus der großen Halle lässt die Schatten hier oben an den Wänden tanzen. Vorsichtig nähere ich mich der Treppe und spähe nach unten. Und dann bricht mir ein kleines bisschen das Herz.

Quentin sitzt auf dem harten Fußboden neben dem Kamin, die Beine angezogen, die Arme auf den Knien gefaltet und sein Gesicht darin vergraben. Tot sieht er nicht aus. Nur sehr, sehr müde. Und traurig.

Unentschlossen gehe ich weiter nach unten. „Quentin?“

Er reagiert nicht auf meine Stimme.

„Quentin, ich bin’s. Abby.“

Seine Finger verkrallen sich fest in den Ärmeln seines weißen Sweatshirts, aber er scheint mich nicht wirklich wahrzunehmen. Ich lehne den Regenschirm an den Ohrensessel auf der anderen Seite des brennenden Kamins und nehme meinen Rucksack ab, ehe ich mich noch näher an ihn heranwage und vor ihm in die Hocke gehe. „Quentin?“ Sanft berühre ich seinen Arm.

Erst jetzt hebt er den Kopf. Seine überraschten, glasigen Augen finden meine. „Abby…“ Er atmet zweimal tief ein und wieder aus.

„Hey…“ Mit leicht geneigtem Kopf schenke ich ihm ein kleines, warmes Lächeln. „Geht’s dir gut?“

„Du bist hier.“ Seine Stirn runzelt sich völlig ungläubig und seine Stimme ist nichts weiter als ein zartes Flüstern. „Wirklich?“

„Ja… wirklich.“ Als er seine Finger an meinen Unterarmen entlang bis zu meinen Händen streicht und diese dann mit tiefer Erleichterung betrachtet und anfasst, wird mein Hals ganz eng. „Wie fühlst du dich?“

Wieder ignoriert er meine Frage und steht nur langsam vom Boden auf. Ich ebenso. Sein Blick schweift zur geschlossenen Tür und dann zurück zu mir. „Wie bist du hier hereingekommen?“

Seine Finger drücken meine immer noch fest. Sie fühlen sich kälter an als bei unserer letzten Berührung. Klamm. „Ich bin durch den Tunnel hinter dem Schloss gekrabbelt. Du hast nicht auf mein Klopfen geantwortet. Und auch nicht, als ich dich von oben gerufen habe.“

„Oh. Richtig.“

„Hast du mich nicht gehört?“

Er lässt meine Hände los. Sein Atem geht so schwer, dass er in der ganzen Halle zu hören ist. Mit geschlossenen Augen massiert er seine Schläfen. „Ich dachte, du wärst auch nur in meinem Kopf, so wie all die anderen Stimmen.“

„Was denn für Stimmen?“ Ich ziehe ihn rüber zum Ohrensessel und drücke ihn sanft in den Sitz, doch er steht sofort wieder auf und fängt an, vor dem Kamin auf- und abzulaufen.

„Sie haben angefangen, nachdem wir uns das letzte Mal getroffen haben. So viele Stimmen in meinem Kopf. Sie kreischen, schreien, flüstern…“ Er unterbricht und wirbelt zu mir herum. Angst steht breit in seinem Gesicht. „Ich weiß nicht, was mit mir passiert, Abby.“

Es klingt sehr danach, als würde er überschnappen. Ich mache einen behutsamen Schritt auf ihn zu und neige den Kopf ein wenig. „Wann hast du denn zum letzten Mal geschlafen?“

„Keine Ahnung.“ Er hyperventiliert beinahe. „Ich kann nicht mehr schlafen. Die letzten zwölf Stunden habe ich die ganze Zeit mit mir selbst geredet, nur damit diese Stimmen aufhören. Aber sobald ich still werde, fangen sie wieder an, mich zu quälen.“ Ein Tränenschimmer zieht über seine Augen. „Und ich bin so müde…“

Ich greife nach seinen Händen und drücke sanft zu. „Sind sie jetzt auch da? Diese Stimmen?“

„Ja.“ Er überlegt kurz. „Nein…“ Sein Gesicht zerknittert auf verwirrte Weise. „Sie sind weg, seit du gekommen bist.“

„Na, das ist doch gut, oder?“ Ich schenke ihm ein warmes Lächeln. „Dann konzentrierst du dich einfach eine Weile auf mich und wir bringen sie gemeinsam zum Schweigen.“

Es scheint, als würde seine Sicht gerade etwas klarer durch den Funken Hoffnung, den ich in ihm gesät habe. Sein Atem wird ruhiger und seine Stimme wieder etwas kräftiger. „Was machst du überhaupt hier?“

„Du bist gestern Nacht nicht zurückgekommen. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.“ Das ist die Wahrheit. Dann knie ich mich vor dem Sessel auf den Boden und öffne meinen Rucksack. „Außerdem wollte ich dir dein Handy wiedergeben.“ Ich stehe auf und halte es ihm hin.

Quentin sieht es einen Moment lang an, ehe er es in seine Jeanstasche steckt. Als Nächstes landet sein Blick auf dem spitzen Regenschirm und bleibt dort hängen. „Du hast eine neue Waffe gefunden. Hattest du Angst, hier heraufzukommen?“

„Nein.“ Das entspricht zwar nicht ganz der Wahrheit, aber nachdem ich gesehen habe, wie deprimiert er ist, war es auf jeden Fall die richtige Entscheidung.

Seine Augen suchen meine. Das wunderschöne Blau darin wurde aber in den letzten zwei Sekunden zu einem Ton aus Eis. Der Tränenschimmer ist verschwunden, als würde mich plötzlich jemand völlig anderes unter diesen dunklen Wimpern heraus ansehen. Ein kleines Lächeln zieht über seine Lippen, während seine Finger über mein Halstuch streichen. „Nein…?“

Hey! Wo ist denn der traurige Vampir hin verschwunden, hah? „Das ist nur –“ Verdammt, er soll nicht sehen, dass er mir immer noch eine Heidenangst macht, auch wenn ich bis vor zehn Sekunden noch Mitleid mit ihm hatte. Ich hebe tapfer das Kinn. „Es ist kalt draußen.“

Quentin bewegt sich vorwärts, also fange ich an, rückwärtszugehen, bis ich in die Mauer hinter mir laufe. Seine Finger stehlen sich in meinen Nacken und öffnen vorsichtig den Knoten des Halstuchs. Er lehnt sich dabei näher und flüstert mir nur ein Wort ins Ohr. „Lügner…“

Zugegeben, meine Schnappatmung verrät mich vermutlich gerade ein wenig, aber ich weigere mich, den Schwanz einzuziehen. Dennoch kneife ich bei dem sanften Gefühl seines warmen Atems an meinem Hals die Augen zu und lege meine Hände auf seine Brust, um etwas Distanz zwischen uns zu bringen. Junge, sein Herz klopft aber schnell.

„Du wirst mich nicht beißen.“ Meine Stimme ist zittrig. Heiser. Und leise.

Er drückt sich ein wenig fester gegen meine Handflächen und bringt seinen Körper so ganz nahe an meinen, wobei er mich an die Wand drängt. Mir ist klar, dass ich hier nie wieder rauskomme, wenn er es nicht will. Inzwischen spüre ich auch seine Lippen auf meiner Haut. Sie hauchen einen zarten Kuss auf meinen Hals. Dabei zuckt ein Schauer durch meinen Körper. „Was macht dich da so sicher?“, will er wissen. Und dann gleitet seine Zunge in einem langsamen Kreis über meine Haut. Heilige Scheiße!

Meine Finger krallen sich härter in seine Brust. „Du hast mir dein Wort gegeben!“, quietsche ich.

Seine Lippen bleiben unbewegt wo sie sind. Sekunden werden zu einer unerträglichen Ewigkeit. Letztendlich zieht er sich aber zurück und lehnt seine Stirn an meine. Zischend entweicht mein Atem, als wir uns gegenseitig in die Augen sehen. Seine Hände sinken auf meine Hüften und gleichzeitig verkrampfen sich seine Gesichtszüge zu einer Grimasse, lassen aber nur einen Schatten des wirklichen Kampfes erkennen, der wohl gerade in ihm tobt. „Aber du riechst so verdammt gut, Abigail“, raunt er kehlig.

„Du riechst auch gut.“ Hoppla. Falsche Antwort. Obwohl es stimmt. Ich kneife die Augen zusammen, doch Quentin beginnt nur zu lächeln. Sein Gesicht sieht wieder viel sanfter aus. Hübscher.

„Bitte entschuldige“, sagt er mit weicher Stimme. „Kommt nicht wieder vor.“ Dennoch lässt er seine Stirn noch für einen Moment länger an meine gelehnt. Sein ruhiger Atem streichelt über meine Haut. Er blinzelt langsam. Und im nächsten Moment tragen seine Augen wieder das tiefe, wunderschöne Blau, das mir so gut gefällt.

Als er sich umdreht und ein paar Schritte weggeht, ziehe ich scharf aber leise den Atem ein und reibe mir übers Gesicht. Heilige Maria Mutter Gottes, das war knapp. Ich ziehe eine Grimasse an die Decke, reiße mich aber schnell wieder zusammen, ehe er sich umdreht und es sehen kann.

Er kommt erneut auf mich zu, macht aber beim Sessel kurz halt, um den Schirm aufzuheben, den er mir dann in die Hände drückt. Ich vermute, gleich zeigt er mir, wo die Tür ist. Stattdessen überrumpelt er mich, als er fragt: „Kannst du vielleicht noch ein bisschen hierbleiben? Bitte.“ Und erst da begreife ich, dass er mich gar nicht rauswerfen wollte, sondern mir nur eine Waffe anbietet, solange ich hier bin.

Er hat bewiesen, dass er immer noch Herr über seine Instinkte ist, und ich habe bereits gezeigt, was für ein komplett hoffnungsloser Fall ich bin, wenn es um diesen bedauernswerten Vampir geht. Was kann ich also anderes tun, als den Rücken durchzustrecken, tief einzuatmen und den Schirm beiseite zu stellen? „Natürlich. Ich habe den ganzen Nachmittag Zeit.“

Ein glückliches Glänzen tritt in seine Augen und da erwidere ich sogar sein Lächeln. Doch im nächsten Moment ist es wie aus meinem Gesicht gewischt, als etwas hinter seinem Nacken einen leisen Ton von sich gibt. Ein… Miauen?

Sein Gesicht gefriert zu Stein. Ich runzle nur die Stirn. „Was war das?“

„Gar nichts!“ Klar. Und der geschockte Gesichtsausdruck kommt nur daher, weil ich vorhin nicht schreiend von hier geflüchtet bin – was ich wohl besser hätte tun sollen.

Das Geräusch ertönt noch einmal. Aus dem Inneren der Kapuze seines weißen Sweatshirts. „Quentin?“, knurre ich und stapfe auf ihn zu, doch der Unhold weicht zurück.

„Nein! Du kannst mir Säbi nicht wegnehmen“, jammert er und bringt dabei mein Herz zum Schmelzen.

„Säbi?“

„Säbelzahn.“ Quentin zieht einen Schmollmund.

Schnaubend packe ich ihn am Arm und drehe ihn herum, dann greife ich in seine Kapuze. Großer Gott! Darin liegt ein Kätzchen gebettet. Ich nehme den kleinen Tiger raus und drücke ihn an meine Brust. Quentin bekommt nur ein rügendes Funkeln von mir. „Was soll das? Spielst du hier die Kängurumama?“

„Wenn du weg bist, ist er die einzige Gesellschaft, die ich habe.“

Griesgrämig lasse ich mich in den Sessel fallen und streichle dem Kätzchen über den Rücken. „Du hast ihn tatsächlich entführt, als wir im Garten unterm Baum gesessen sind!“

Tatsächlich wollte er freiwillig mit. Er schläft gerne in meinen Taschen.“

Okay, das stimmt vielleicht. Ich hab’s ja selbst gesehen. Aber ich hätte nie damit gerechnet, dass Quentin ihn mitgehen lassen würde. Nichtsdestotrotz wird meine Miene mit einem Seufzen wieder weicher. „Du kannst ihn nicht hierbehalten. Er ist noch so klein. Er braucht seine Mutter. Und Milch.“

„Ich habe ihn gefüttert.“ Schmollend nimmt er mir den Tiger vom Schoß und trägt ihn nach oben. Ich laufe den beiden hinterher. „In meinem Zimmer hat er alles, was er braucht.“

Im Hauptschlafzimmer brennt ein Feuer im Kamin und wärmt den Raum. Ich kenne das große Bett am anderen Ende des Zimmers, doch die Laken scheinen heute viel sauberer und frischer als all die vielen Male, die ich sie in den vergangenen Jahren gesehen habe. Quentin hat hieraus wirklich ein gemütliches Zuhause gemacht. Soweit man das über ein altes Gespensterschloss überhaupt sagen kann.

Er setzt das Kätzchen ab und es tapst hinüber zu einer Milchschüssel neben dem Bett.

„Wo hast du die denn her?“, frage ich mit erhobenen Augenbrauen und glockenhoher Stimme. „Bist du nachts in einen Supermarkt eingebrochen?“

„Nein.“ Über seine Schulter wirft er mir einen beleidigten Blick zu, während er die Katze auf dem Fußboden streichelt. Doch dann zieht er die Mundwinkel plötzlich zu einem Grinsen hoch. „Ich war gestern nochmal kurz draußen und habe da diesen Bauernhof mit Kühen am Ende der Straße gefunden.“

Er muss wohl Olsons Farm meinen. Ich lasse mich auf das Bett mit den dunkelroten Decken fallen und ziehe meine Beine unter meinen Po. „Du hast eine Kuh gemolken?“

„Ich hab’s versucht.“ Er lässt das Kätzchen trinken und setzt sich inzwischen zu mir. „Allerdings habe ich wohl die einzige kaputte Kuh in dem Stall erwischt, denn da kam keine Milch aus diesen… Dingern.“

„Man nennt das ein Euter.“ Ich muss lachen, als ich mich daran erinnere, wie lange ich brauchte, um von Nana zu lernen, wie man die Ziegen melkt. „Wie bist du denn sonst an die Milch gekommen?“

Quentin lässt sich nach hinten fallen und landet mit dem Kopf im Kissen. Einen Arm legt er quer über seine Augen. „Zum Glück haben die dort auch Katzen. Ich habe ihre Schüssel für Säbi geklaut.“

Mein Blick ruht auf dem befremdlichen Jungen. Gott allein weiß warum, aber seine Erläuterung gerade zerreißt mir das Herz. Ich rutsche etwas weiter nach oben und lege mich flach auf den Bauch, den Kopf dabei zu ihm gedreht. Quentin schiebt seinen Arm etwas höher und schielt zu mir. Ein schiefes Grinsen zieht über seine Lippen. „Dir ist aber schon klar, dass du gerade zu einem Vampir ins Bett gestiegen bist, oder?“

„Sei nicht so blöd!“ Kichernd schubse ich ihn gegen die Schulter. „Aber falls du doch noch einmal überschnappst, habe ich hier einen gemeingefährlichen Tiger, der mich beschützt.“ Exakt aufs Stichwort kommt Säbi und schlägt seine kleinen Krallen in die Laken. Mühelos klettert er zu uns auf die Matratze. Er balanciert über meine Beine rüber auf Quentin, der sich auf die Seite rollt und das Kätzchen unter dem Kinn krault, bis es schnurrt.

„Gemeingefährlich, hah?“ Liebevoll lächelt er den kleinen Kater an. Dann fallen seine Augen für einen Moment zu. „Ich bin so verdammt müde…“

„Dann schlaf jetzt. Es sind noch ein paar Stunden, bis die Sonne untergeht. Wenn du willst, kann ich auch gehen.“

„Nein!“ Seine Augen schnellen auf. „Sobald es hier wieder still ist, kommen die Stimmen zurück.“ Flehend sieht er mich über die dreißig Zentimeter Entfernung zwischen unseren Nasenspitzen an, während wir uns das Kissen teilen. „Ich halte das nicht länger aus.“

Er sieht innerlich so zerrissen aus. Ich wünschte, ich könnte etwas für ihn tun. Mit einem tiefen Seufzen setze ich mich auf und lehne mich hinten an das Kopfende des Bettes. Er bewegt sich nicht, doch sein unsicherer Blick folgt mir trotzdem. Ich versuche, ihn mit einem zuversichtlichen Lächeln zu beruhigen. „Na schön, dann lass uns einfach eine Weile reden und die Stimmen damit fernhalten.“

Die Panik verschwindet aus seinem Gesicht, obwohl er nicht so aussieht, als würde er meiner Methode zu hundert Prozent vertrauen. „Worüber willst du denn reden?“

„Keine Ahnung.“ Ich zucke mit den Schultern und verschränke die Finger auf meinem Bauch. „Du könntest mir ja ein bisschen mehr über diese besonderen Vampirfähigkeiten erzählen. Wenn ich ehrlich bin, hat unser letztes Gespräch unzählige Fragen in mir aufgeworfen.“

Er konzentriert sich wieder auf Säbelzahn, der anscheinend gar nicht genug von Quentins Streicheleinheiten bekommen kann. „Dann schieß los.“

„Okay… also… was ist das Geheimnis, um einen Menschen in einen Vampir zu verwandeln, oder auch nicht, wenn du ihn beißt? Ich nehme mal an, die Leute infizieren sich nicht einfach an deiner Vampirspucke oder so.“

Sein leises Lachen bringt die Matratze zum Schaukeln. „Nein, ich stecke meine Spender normalerweise nicht mit einer unheilbaren Krankheit an. Wenn ich dich beiße und nur von dir trinke, passiert dir gar nichts. Wenn ich dich beiße und dich dabei komplett aussauge, stirbst du. Um dich zu verwandeln, müsste ich dir etwas von meinem eigenen Blut geben, bevor du wegtrittst.“ Seine Augen suchen nach meinen. „Kommt für dich nicht infrage, nehme ich an?“

Ich funkle ihn bitterernst an. „Nie. Mals.“

„Ich wollte nur sichergehen, kleine Kriegerin.“ Mit einem schiefen Grinsen zwinkert er zu mir hoch.

Genau. Als würde ich, was das angeht, jemals meine Meinung ändern. Ein Blutsauger werden und in einem gruseligen Sarg schlafen? Iiih! Der Gedanke alleine lässt mich erzittern.

„Was ist los?“, will er wissen, wobei er auf die Gänsehaut auf meinen Unterarmen starrt und mit den Fingerspitzen sanft darüberstreicht.

Mein Blick folgt seiner Bewegung. „Nichts. Ich wundere mich nur…“, murmle ich abwesend, weil sich seine Berührung wirklich gut anfühlt. Dann räuspere ich mich. „Warum haben Vampire überhaupt immer einen Sarg? Ist das so was wie euer Ding? Um Leute zu erschrecken?“ Ich rümpfe die Nase. „Das ist nämlich echt unheimlich, weißt du?“

Mit geschlossenen Augen schmunzelt er nun. „Der Sarg macht tatsächlich mehr Sinn, als du glaubst. An sicheren Orten wie unserem Zuhause brauchen wir ihn nicht. Aber wenn ein Vampir unterwegs ist, sollte er besser einen dabeihaben. Wenn wir schlafen, sind wir wirklich tot. Kein Atmen, kein Herzschlag.“

„Ja, das habe ich mitgekriegt, bevor du mich zum ersten Mal geküsst hast“, brumme ich.

Quentin lächelt wieder zu mir hoch. Er sieht gerade aus, als denkt er gern an diesen speziellen Moment zurück. Und wenn ich ganz ehrlich bin, tu ich das auch.

„Wenn uns also jemand in unserem Todesschlaf findet, würde der- oder diejenige vermutlich Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um uns wiederzubeleben.“ Jap, nette Erinnerung an meine leichte Panik, als ich ihn gefunden habe. „Oder sie bringen uns einfach in die Pathologie, wo sie uns sezieren, um die Todesursache festzustellen. Wenn sie uns aber in einem Sarg liegen sehen, erwarten sie ja praktisch, dass wir tot sind, und lassen uns in Ruhe.“

„Oder sie begraben euch auf dem Friedhof und ihr kommt nie wieder aus dem Sarg.“

Er schmunzelt. „Oder das, ja.“

Der kleine Tiger steht auf und reibt seine Schnauze an Quentins Kinn. Er muss seinen Kopf wegdrehen, damit er keine Katzenhaare in den Mund bekommt. Das ist total niedlich anzusehen. „Habe ich jetzt auch eine Frage frei?“, will er wissen.

„Klar.“

„Was treibt eine Person dazu – und ich meine buchstäblich jeden auf dieser Welt, ob Mensch oder Vampir – freiwillig in dieses gottverlassene Schloss zu kommen?“

Ich weiß, dass er damit nicht direkt auf heute anspielt, sondern eher auf die vielen Male, die ich in der Vergangenheit hier oben gespielt habe. „Machst du Witze? Das war der beste Spielplatz in ganz Ardeal. Meine Freundin und ich waren total begeistert, dass wir so einen coolen Ort für uns entdeckt hatten – so geheimnisvoll und absolut anders als alles, was wir bisher kannten.“ Ein kleines Seufzen entweicht mir. Es klingt beinahe schon verträumt. „Als ich damals auch oft alleine hierhergekommen bin, habe ich mir immer vorgestellt, dass dies hier mein Traumschloss ist und zu Ehren der Prinzessin ein Ball stattfindet.“

Er schmunzelt. „Lass mich raten. Du warst die Prinzessin?“

„Natürlich!“ Ich grinse zu ihm runter. „Lady Abigail von Norwich. Ich hatte zwar keine Musik, aber ich habe so getan, als würde ein Orchester spielen… nur für mich und meinen Tanzpartner –“

„Graf Dracula“, beendet er meinen Satz trocken.

Lachend schlage ich ihm auf den Oberarm. „Hey, mach dich nicht über meine romantischen Träume lustig! Mach ich ja auch nicht über deine blutigen.“

„Weil du dir ja auch heimlich wünschst, dass Graf Dracula dich während des Tanzes gebissen und zu seiner unsterblichen Braut gemacht hätte“, veralbert er mich weiter und verkneift sich ein Grinsen.

„Ich, ein Vampir?“ Ich glaube, mir wird schlecht. „All die Dinge, die man für diesen exzentrischen Lebensstil aufgeben müsste…“ Ich schlucke. „Und dann auch noch all die Dinge, die einen umbringen können.“

„So schlimm, wie du denkst, ist es gar nicht. Meistens…“

Genau. Meistens. Wenn du gerade mal nicht in einem alten Schloss eingesperrt bist und langsam verhungerst. Weil ich ihn aber nicht wieder mit der Nase auf sein Elend stoßen will, stelle ich ihm stattdessen eine andere Frage. „Holz und Sonnenlicht sind ja tödlich für dich. Und von Knoblauch musst du kotzen.“ Ich beobachte, wie das Kätzchen über seine Schulter hochklettert und sich dann wie ein Teppich, mit allen vier Pfoten von sich gespreizt, auf Quentins Kopf auslegt. Ich streichle dem Tiger über den Rücken. „Was ist mit Weihwasser?“

„Ah, der Scheiß brennt wie Sau.“

„Gut zu wissen“, murmle ich und mache mir eine gedankliche Notiz, dass ich morgen mal schnell in die Kirche laufen und eine Flasche von dem Zeug abfüllen muss… Nur für den Fall. „Stirbst du durch Silber auch?“

Er schüttelt den Kopf, wobei sich die Katze mitbewegt. „Mit Silber kannst du Werwölfe foltern.“

Ah, richtig, die andere Fantasy-Rasse, die es niemals aus den Seiten eines Horrorromans hätte schaffen sollen. „Bist du schon mal einem begegnet?“

„Ein paarmal, ja. Lästige Spezies. Denen möchte ich lieber nicht zu nahe kommen. Ihr Blut oder Biss ist giftig.“

„Tödlich für Vampire?“

„Mm-hmm. Ein schneller und schmerzhafter Tod, wie ich gehört habe.“

Klingt, als würde man am Biss einer Klapperschlange sterben. Ziemlich unangenehm. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. „Was für Superkräfte haben denn Werwölfe so? Können sie auch am Verstand von Menschen rumpfuschen, so wie Vampire?“

„Nein. Ihre Stärke ist eher animalisch und kommt von dem Tier, in das sie sich verwandeln. Wolfinstinkte.“ Seine Augen sind nun wieder geschlossen. „Außerdem haben sie sehr scharfe Sinne. Sie hören sogar besser als Vampire.“ Seine Stimme wird etwas leiser und klingt entspannt. „Aber meistens benehmen sie sich wirklich seltsam und viel zu fürsorglich.“

Für einen kurzen Moment lang bleibt meine Hand auf dem Kätzchen liegen, während mich ein seltsamer Gedanke fesselt. Trayan hat sich heute Nachmittag ziemlich seltsam verhalten. Eigentlich hat er mir schon bei unserem ersten Treffen eine schaurige Gänsehaut gemacht. Und Rosemarie hat sich die ganze Zeit über beschwert, dass er so nervig ist… und überfürsorglich. Er hat so überhaupt nicht glücklich darüber ausgesehen, dass wir alleine in den Wald gegangen sind. Das würde doch ziemlich gut in diese lästige Fürsorglichkeitsschiene passen, nicht wahr? Und was noch dazu kommt: Trayan ist noch gar nicht lange hier in Ardeal. Was ist, wenn sein Auftauchen rein zufällig mit den Wolfereignissen zusammenfällt?

Ein dickes Schweigen legt sich über den Raum. Ein Frösteln zieht über meine Arme und ich reibe es mir rasch weg.

Andererseits schien Trayan aber nicht in einem Blutrausch zu sein. Quentin meinte ja, er sucht nach einem übergeschnappten Wolf. Und nur weil er sich um Rosemarie sorgt, macht das den Schotten noch nicht zu einem Irren. Nein, das ist sicher alles nur ein dummer Zufall. Es muss einer sein. Ich sollte wirklich aufhören, unschuldige Touristen zu verdächtigen.

Aber die merkwürdige Unterhaltung vor Rosemaries Zaun verfolgt mich noch immer. Er schien irgendwie zu ahnen, dass ich etwas verheimliche, als er mich nach dem Schloss gefragt hat. Meine Zehen rollen sich in meinen Turnschuhen ein.

„Quentin?“

„Hmm?“

„Wie würde ein Werwolf erkennen, dass jemand lügt?“

„Genauso wie ein Vampir, schätze ich.“ Sein Gähnen zieht durch den Raum, während ich auf die offene Tür starre. „Er würde auf die Reaktion dieser Person achten. Beobachten, ob sich die Pupillen weiten. Auf den schnelleren Herzschlag hören.“

Diese Information lasse ich erst einmal sacken und habe dabei ein ganz mieses Gefühl.

Als ich einige Minuten später meine Hand wieder hebe, um die Katze weiter zu streicheln, ist diese aber verschwunden und meine Finger kraulen stattdessen durch Quentins weiches Haar. Schockiert ziehe ich meine Hand zurück. Säbi ist von seinem Kopf gerutscht und genau da liegen geblieben, wo er auf dem Kissen gelandet ist.

„Nein… Hör nicht auf!“, murmelt Quentin mit gerunzelter Stirn und fischt in seinem Halbschlaf nach meiner Hand. Als er sie erwischt, streicht er mit dem Daumen über meine Fingerknöchel. „Das fühlt sich gut an. Bitte…“

Bei seiner Berührung ziehe ich still den Atem ein. Hat mich der Vampir wirklich gerade gebeten, ihn in den Schlaf zu kraulen?

Behutsam ziehe ich meine Finger unter seinen heraus und streichle ihm über die Schläfe. Seine harten Gesichtszüge werden wieder weicher und er atmet etwas tiefer. Langsam entspannt er sich immer mehr, während ich ihn weiter streichle. Die blonden Strähnen fühlen sich genauso seidig an, wie sie aussehen, und ich lasse meine Finger darin spielen. Ein Geräusch, fast wie ein zufriedenes Stöhnen, kommt dabei aus seiner Kehle.

Ich muss lächeln.

Dann rutsche ich wieder tiefer ins Bett und lege den Kopf aufs Kissen, mit dem Gesicht zu ihm gedreht. Seine langen, dunklen Wimpern ruhen sanft auf der zarten Haut unter den Augen. Durch die kleine, unbeschwerte Kurve seiner Mundwinkel nach oben sieht er wirklich hübsch aus. Es juckt mich fast in den Fingern, die Konturen seiner Lippen nachzuzeichnen.

Zum ersten Mal seit Tagen wirkt er so, als wäre seine Welt gerade wieder an den richtigen Platz gerückt. Ich webe meine Finger durch seine Strähnen und kraule ihn dann noch ein wenig im Nacken. Tiefe, gelassene Atemzüge durch seine Nase spielen im Fell des Kätzchens. Dann schiebt er seine Hand plötzlich über meine freie und seine Finger drücken zärtlich zu, wobei er mit fast unhörbarer Stimme murmelt: „Geh nicht weg, Abigail.“

Mein Herz zerfließt. Ich lasse zu, dass er unsere Finger ineinander verschlingt und flüstere über das Kissen zurück: „Schlaf jetzt. Ich bin hier.“

 

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Fortsetzung folgt … wenn ihr wollt. 😉

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