Die Rache des Pan

Die Rache des Pan

Abschied

 

EINEN ZEITLOSEN MOMENT lang sehen wir uns einfach nur in die Augen. Wieder habe ich diesen Kloß im Hals. Sie wahrscheinlich auch, denn sie schluckt schwer und ihre Lippen beginnen kurz darauf zu zittern. Ich streichle über ihre Wange. „Keine Tränen mehr“, bitte ich sie heiser. „Ich möchte dich mit einem Lächeln in Erinnerung behalten, Angelina McFarland.“

Schniefend bemüht sie sich, ihre Mundwinkel nach oben zu ziehen, aber es will ihr nicht wirklich gelingen. An dem gespannten Netz hinter dem Querbalken hält sie sich fest und macht einen vorsichtigen Schritt auf mich zu. Dann schlingt sie ihre Arme fest um meinen Hals. Ich kann das Netz nicht loslassen, sonst stürzen wir beide in die Tiefe. Aber das macht nichts. Einen Arm habe ich frei, und damit drücke ich sie noch einmal fest an mich. „Ich werde dich vermissen“, flüstere ich ihr ins Ohr.

„Bitte vergiss mich nicht!“

„Niemals.“

An meinem Hals läuft ihre erste Träne hinunter, und viele weitere folgen. An ihnen zerbreche ich. Ich fasse sanft unter ihr Kinn und hebe ihren Kopf an. Dabei wische ich ihr mit dem Daumen die Tränen vom Gesicht. Und dann küsse ich sie ein allerletztes Mal. Lange und innig, um die Erinnerung daran bis in alle Ewigkeit aufrechterhalten zu können.

Als Angel schließlich zurücktritt, setze ich ihr meinen Hut auf den Kopf, und endlich bekomme ich, was ich wollte. Ihr aufrichtiges Lächeln.

Peter begleitet sie an den äußersten Rand des Balkens. Dort dreht sie sich noch einmal zu mir um. Hinter ihrem entschlossenen Blick verbirgt sich ihre Schwermut. Langsam schließt sie die Augen und holt tief Luft. Ich versuche vergeblich den schmerzhaften Kloß in meinem Hals hinunterzuschlucken. Dann kippt Angel nach hinten und fällt.

Von plötzlicher Panik erfüllt, suche ich Halt im Netz neben mir und eile nach vorn. Dabei bricht ihr Name verzweifelt aus meiner Kehle. Aber es ist zu spät. Angel stürzt in die Tiefe. Ihre Arme sind seitlich ausgebreitet, und der Rock ihres Kleides flattert im Wind, als würde er mir zum Abschied winken. Mein Hut fliegt ihr vom Kopf und segelt trübselig hinter ihr her.

Einen Moment später taucht die Liebe meines endlosen Lebens in die Wellen ein und wird vom Ozean verschlungen.

Ich hoffe, dass sie dorthin gelangt, wo sie hin möchte.

 

Peter Pan

 

DIE FLUTEN VERSCHLINGEN Angel. Auf ihren Lippen war ein kleines Lächeln zu sehen, kurz bevor sie in den Ozean eingetaucht ist. Ob es wohl auch James von dort oben aus gesehen hat? Wie vom Blitz getroffen steht er immer noch vor dem schwarzen Nachthimmel oben auf dem letzten Querbalken des Segelmasts. Der Wind wirbelt ihm das Haar ins Gesicht. Sogar vom Deck aus kann ich erkennen, wie der Schmerz und das Entsetzen in seinen Augen schimmern.

Mein Bruder – am Ende? Das ist neu. Und ganz offensichtlich nicht nur für mich, sondern auch für den dreckigen Rest seiner Männer. Mit in den Nacken gelegten Köpfen sehen sie zu ihm nach oben und murmeln untereinander. Smees Stirn ist in Sorgenfalten gelegt, so als würde er sich von allen am meisten um seinen Captain sorgen. Nie hätte ich für möglich gehalten, dass er tatsächlich mehr als nur Hooks hirnloser Lakai sein könnte. Aber gerade habe ich das Gefühl, dass mein Bruder vielleicht wirklich einen aufrichtigen Freund an Bord der Jolly Roger hat.

In meinem Augenwinkel sehe ich, wie etwas im Wasser an die Oberfläche treibt. Ein hellblauer Fetzen. Erschrocken beuge ich mich über die Reling, um es genauer in Augenschein zu nehmen. Bei Nimmerlands Regenbögen, das wird doch nicht Angel sein, die leblos von den Wellen hin und her gewiegt wird? Ohne einen weiteren Gedanken zu vergeuden, springe ich über Bord und gleite nach unten.

Aber es ist nicht Angel. In der rauen See finde ich nur das Kleid vor, das sie bis vor wenigen Minuten noch getragen hat. So wie es scheint, hat unser Plan funktioniert. Wenn Angel verschwunden ist und nur noch ihr Kleid hinterlassen hat, dann stehen die Chancen doch gut, dass sie tatsächlich in ihre eigene Welt zurückgekehrt ist.

Ich fische das Kleid aus dem Wasser und blicke zu James nach oben. Sein Gesicht wirkt wie versteinert. Er dreht sich um und beginnt den hohen Mast nach unten zu klettern. Während unserer zahllosen Kämpfe habe ich immer wieder miterlebt, wie er sich an Seilen herabgelassen hat, wagemutig gesprungen ist oder auch schon mal mit seinem Dolch das Segel zerschlitzt hat, um zurück aufs Deck zu gelangen. Heute Nacht jedoch klettert er am Netz herunter, ein Fuß nach dem anderen.

Nachdem ich auch den Hut aus dem Wasser gefischt habe, der traurig auf den Wellen trieb, kehre ich zurück aufs Schiff und warte am Fuß des Masts auf Hook. Seine Stiefelhacken poltern einsam auf den Holzdielen, als er heruntersteigt und sich zu mir umdreht. Ich halte ihm das nasse Kleid und seinen Hut entgegen, doch er schüttelt nur schwermütig den Kopf.

Mir fehlt Angel auch. Sie war lustig und irgendwie anders. Sie war hübsch und ich mochte ihren Duft. Dennoch, wenn ich Hook ins Gesicht blicke, weiß ich genau, dass mein Abschiedsschmerz nichts im Vergleich zu seinem gebrochenen Herzen ist. Sein Kehlkopf zuckt, als er schwer schluckt. In seinen Augen schimmern zurückgehaltene Tränen.

Das ist wohl nicht der richtige Zeitpunkt, um ihm vorzuhalten, dass nur kleine Mädchen weinen. Als Hook uns alle schweigend an Deck zurücklässt, in seinem Quartier verschwindet und die Tür leise hinter sich zumacht, werfe ich die nassen Sachen in Smees Hände und fliege nach Hause.

 

Kapitel 1

 

MIT EINEM LETZTEN kräftigen Zug breche ich durch die Oberfläche und ringe nach Luft. Ich schüttle mir das Wasser aus den Haaren und blicke mich in den Wellen tretend um. Doch die übliche Enttäuschung holt mich rasch ein.

Nur wenige Meter von mir entfernt schaukelt die Jolly Roger sanft auf dem Meer. Hinter ihr berührt die Sonne schon beinahe den Horizont. Wieder habe ich es nicht geschafft. Wieder ist ein Tag verloren. Es gelingt mir einfach nicht, Angel nach London zu folgen. Nimmerland gibt mich nicht frei.

Smee wirft backbord das Ende eines Seils herab. Als ich über die Reling zurück an Bord klettere, hat er nur ein verschlagenes Grinsen für mich parat. „Wie oft willst du es denn noch versuchen, James? Waren achtunddreißig Sprünge denn immer noch nicht genug?“

Es waren keine Sprünge, es waren Stürze.

Beim ersten Mal habe ich versucht, alles genauso zu machen wie Angel. Und dann folgten weitere siebenunddreißig Variationen dieses Falls. Ich hab mich vorwärts in die Fluten gestürzt, rückwärts, kopfüber, steif wie ein Stock … ich hab meine Augen geschlossen, hab an etwas Fröhliches gedacht, etwas Trauriges, etwas Gemeines, an absolut gar nichts … Aber der Himmel sei verflucht, das Meer spuckt mich jedes Mal wieder an derselben Stelle aus, an der ich eingetaucht bin. Und nach fünf Wochen, in denen ich täglich fünfzehn Meter in die Tiefe gefallen und hart auf dem Wasser aufgeprallt bin, fühlt sich mein Körper an, als hätte ich ein Rendezvous mit dem Schiffsbug gehabt. Ich brauche eine Pause.

„Du hast Recht“, stimme ich Jack zu und steige in meine Stiefel. Meine Hose und das Leinenhemd sind zwar immer noch triefend nass, doch das kümmert mich im Moment wenig. „Das waren genug Fehlversuche. Bring das Schiff zurück an die Küste.“

Immer skeptisch, mustert mich mein erster Maat natürlich auch jetzt mit eindringlichem Blick, als er sich an den Segelmast hinter sich lehnt und die Arme verschränkt. „Was hast du vor?“

„Ich werde den Feen einen kleinen Besuch abstatten.“ Ich hebe meinen schwarzen Hut vom Boden auf und setze ihn mir auf den Kopf. „Es wird höchste Zeit.“

Smee stößt ein mitleidiges Seufzen aus. „James, warum hast du das Mädchen überhaupt gehen lassen, wenn du es ohne sie ja doch nicht mehr aushältst?“

Ja, was war noch mal gleich der verdammte Grund dafür? Ich zucke ratlos mit den Schultern. Doch die Wahrheit ist: Lieber bin ich allein in Nimmerland gefangen, als Angel bei mir zu haben und sie jeden Tag um ihre Familie weinen zu sehen. An ihren Tränen wollte ich nicht schuld sein. „Sie zurückzuschicken war das einzig Richtige.“

„Und seit wann genau tust du bitte das Richtige?“, verspottet mich ein Junge hinter mir, der garantiert kein Mitglied meiner Crew ist. Ich drehe mich um und blicke in Peter Pans Gesicht. Die Beine weit auseinander gestellt und die Hände in die Hüften gestemmt, so wie es typisch für diesen Fünfzehnjährigen ist, grinst er voll Hohn unter einem ledernen Piratenhut hervor, der aber auch so gar nicht zu seinem grashüpfergrünen Hemd passt.

„Bist du gekommen, um mit uns Seeräuber zu spielen, kleiner Bruder?“, schnauze ich zurück. Dann ziehe ich ihm den Hut vom Kopf und werfe ihn rüber zu Fin Flannigan, seinem rechtmäßigen Besitzer, der gerade mit dem einäugigen Scabb und Walflossen Walter die Decks schrubbt.

Ich habe Peter nicht mehr seit der Nacht gesehen, in der wir Angel zurück in ihre Welt geschickt haben. Und über diesen Umstand beklage ich mich auch nicht. Wir haben für eine gute Sache zusammengearbeitet. Dadurch sind wir aber bestimmt keine Freunde geworden oder uns brüderlich nähergekommen als zuvor. Der einzige Unterschied ist: Ich habe beschlossen, ihm für seine Unterstützung bei Angels Heimkehr eine Pause zu gönnen und ihn nicht umzubringen … zumindest nicht im Moment.

Peter streift sich mit der Hand durch sein hellbraunes Haar, um es wieder in die übliche Unordnung zu bringen. „Eigentlich wollte ich dich nur fragen, ob du noch alle Tassen im Schrank hast.“

„Ach.“ Jetzt bin ich doch leicht verwirrt. „Und wie kommst du auf diese Frage?“

Er greift sich in die Brusttasche und zieht die Taschenuhr meines Vaters heraus.

Schlagartig kehrt mein Interesse daran, Peter an Bord zu haben, zurück. „Sieh mal einer an. Du hast also endlich die kleine Schatztruhe geöffnet“, sage ich mit leichtem Schalk in der Stimme.

Peter ahmt meine unschuldige Miene nach. „Sieht ganz so aus.“ Dann werden seine Züge ärgerlich hart. „Und jetzt sag mir, was das für ein verdammter Blödsinn ist und warum du die ganze Zeit hinter einer bescheuerten Uhr her warst.“

Eine halbe Minute lang starre ich ihm nur verblüfft ins Gesicht. „Du hast wirklich keine Ahnung, oder?“

Peter zieht seine Hand zurück, bevor ich nach dem Familienerbstück meines Vaters greifen kann. Dabei fällt mir die lange Narbe auf seinem rechten Oberarm auf. Eine alte Wunde, die ich ihm einst zugefügt habe. Schuld versetzt mir einen ekelhaften Stich in meiner Brust, den ich dort nicht haben will, also verdränge ich die Erinnerung.

Aus Vorsicht fliegt Peter ein paar Meter zurück und landet auf der Reling. Es kommt mir gar nicht in den Sinn, ihm wegen der Uhr hinterher zu hetzen. Stattdessen begebe ich mich auf die Brücke und täusche dabei Gleichgültigkeit vor. „Hast du sie denn überhaupt schon mal aufgemacht?“

„Die Taschenuhr? Ja, klar.“

„Und was steht da auf der Innenseite des Deckels?“

„J.B.H.“ Seine Stimme kommt von irgendwo hinter mir. Mein Plan hat also funktioniert. Peter hat mir mein Desinteresse abgekauft und folgt mir wieder.

Ich blicke über meine Schulter, wo Peter grübelnd auf und ab schwebt. „Ganz genau. J.B.H. James Bartholomew Hook.“

Jetzt wird der Bengel hellhörig, fliegt über meinen Kopf und versperrt mir den Weg zum Steuer. „Das ist deine?“

Zwar wurde ich nach meinem Vater benannt, sein zweiter Vorname ist mir jedoch erspart geblieben. Ich verdrehe die Augen, weil Peter ganz offenbar das Wesentliche an der Sache übersieht, und raune: „Ja, Peter. Sie gehört mir.“

Mein ironischer Blick hilft ihm auf die Sprünge. „Das ist Vaters Taschenuhr“, sagt er mit leiser Stimme, das Gesicht plötzlich kreidebleich.

„Was bist du doch für ein schlaues Kerlchen.“ Ich schiebe ihn in der Luft zur Seite und drehe das Ruder herum, bis wir wieder auf Nimmerland zusteuern. Nur noch das obere Drittel der Sonne blinzelt hinter dem Horizont hervor und taucht alles um uns herum in ein sattes Orange. Geblendet kneife ich die Augen weiter zusammen, als ich mich erneut zu Peter drehe. „Kann ich sie jetzt endlich wiederhaben?“

„Wozu?“

„Andenken.“

Peter mustert mich fragend. „Ich glaube, du lügst.“

„Ist mir scheißegal, was du glaubst. Jetzt gib mir die Uhr.“

Als ich die Hand ausstrecke, macht Peter erneut einen Satz zurück. „Na-ein!“ Er rügt mich spöttisch mit dem Finger und gleitet außer Reichweite.

Tja, wäre wohl auch zu einfach gewesen. Seufzend reibe ich mir den Nasenrücken. „Hör zu, Peter. Da du im Moment nichts weiter bist als eine Nervensäge, warum tust du uns da nicht beiden einen Gefallen und flatterst zurück in den Dschungel?“ Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, vertreibe ich ihn mit einer abweisenden Handbewegung. „Bleib lieber bei den Leuten, die dich ausstehen können.“ Und geh mir um Himmels willen endlich aus den Augen. Im Moment gibt es sowieso Wichtigeres zu tun, als diesen dummen Fluch zu brechen. Ich muss einen Weg aus Nimmerland raus finden, damit ich Angel endlich folgen kann.

In den letzten paar Wochen ist mir eine Sache immer klarer geworden: Ich will nicht ohne sie leben. Ich habe mir bisher noch nicht einmal die Zeit genommen, um meinen Schatz aus der Höhle in den Felsen vor der Meerjungfrauenlagune zu bergen. Zumindest hat Peter keine Ahnung, dass ich bereits weiß, wo mein Gold versteckt ist. Also ist es dort draußen so sicher wie an jedem anderen Platz in Nimmerland.

„Ah, kaum ist das Mädchen verschwunden, verfällst du wieder in deine übliche miserable Laune“, stellt Peter höhnisch fest. „Wie konnte ich auch nur für einen Moment annehmen, dass sich irgendetwas geändert hätte?“

Mit verschlossenen Lippen präsentiere ich ihm ein spöttisches Lächeln und zucke mit den Achseln.

„Wie dem auch sei, das kann ich nicht“, sagt er daraufhin.

„Du kannst was nicht?“

„Zurück in den Dschungel fliegen.“

„Warum zum Teufel kannst du das nicht?“

Peter landet abermals auf der Reling, setzt sich im Schneidersitz hin und stützt seine Ellbogen auf die Knie und das Kinn in die Hände. „Weil es dort gerade fürchterlich langweilig ist.“

„Verflucht noch mal, das interessiert mich einen –“ Plötzlich kommt mir ein Gedanke und ich beginne lauthals loszulachen. „Du kleiner, durchtriebener Bastard! Du vermisst sie, hab ich Recht?“

„Wen?“, brummt Peter zurück. Doch veräppeln kann er jemand anderen. Die Art, wie er sich gerade verspannt und sogar rot im Gesicht wird, beweist, dass er ganz genau weiß, von wem hier die Rede ist und dass ich Recht habe.

„Du bist nur hergekommen, um zu sehen, ob ich schon einen Weg gefunden habe, Angel zurückzuholen.“ Mein Lachen verstummt. „Denn du wusstest genau, dass ich es versuchen würde.“

„Du spinnst doch.“

„Ach wirklich?“ Ich trete nach vorn und stoße ihn von der Reling. Damit hat er wohl nicht gerechnet. Er kippt zwar nach hinten und fällt vom Schiff, doch er fängt sich sogleich und schießt wieder zurück nach oben. Ich stütze meine Hände auf die Reling, sodass wir auf Augenhöhe sind. „Dann verrat mir doch mal, warum du ganz plötzlich lieber mit mir abhängst, statt deine Zeit mit deinen zotteligen Bärenfreunden und der glitzernden kleinen Elfe zu verbringen.“

Peter hält meinem herausfordernden Blick für einen Moment stand, entschließt sich aber dann, mir lieber nicht zu antworten. Stattdessen schwebt er um mich herum zum Steuerrad und korrigiert den Kurs auf die Insel um ein paar Grad. „Brauche ich denn einen Grund?“

Er hat mir seinen Rücken zugewandt. So viel Vertrauen ist fast schon leichtsinnig. Ich könnte ihn mit nur einem Stoß von hinten erstechen. Oder ihn köpfen. Meine Finger finden wie von allein den Griff meines Schwerts an meiner Hüfte und schließen sich fest darum. Ich müsste nur einmal beherzt die Klinge schwingen …

Der Teufel weiß, warum ich es nicht tue. Zähneknirschend lasse ich mein Schwert los und schiebe Peter stattdessen zur Seite, um das Steuer zu übernehmen. Etwas außerhalb vom Hafen wende ich die Jolly Roger parallel zum Strand. Brant Skyler wirft den Anker aus und gemeinsam mit Fin Flannigan schiebt er die Landungsbrücke in Position.

Auf der Suche nach meinem ersten Maat lasse ich den Blick über die Decks schweifen. Jack sitzt dem Gurgelnden Doug auf einem Schemel gegenüber. Beide haben einen Ellbogen auf ein umgedrehtes Fass gestützt und verzerren gerade die schwitzenden Gesichter beim Armdrücken. Der Rest der Mannschaft hat sich um die beiden versammelt und feuert sie grölend an.

„Smee!“, brülle ich von der Brücke zu ihm hinunter und ziehe sofort seine Aufmerksamkeit auf mich. Leider nutzt der Gurgelnde Doug das schamlos aus und gewinnt in diesem Moment den Kampf. Mit einem Kopfnicken rufe ich Jack herbei. Ohne zu zögern oder auf das Spotten seines Gegners zu reagieren, steht er auf und trifft mich bei der Planke.

„Wegen dir hab ich gerade meine Abendration an Doug verloren“, brummt er mir ins Gesicht. „Es geht also besser um etwas Wichtiges.“

„Natürlich ist es wichtig. Ich brauche deine Hilfe bei etwas … Speziellem.“

„Nicht schon wieder die Feen, ich bitte dich, James!“, jammert der Waschlappen, hebt abwehrend seine Hände und macht einen Schritt zurück.

Ja, die Feen haben schon ihre ganz eigene Art, meine Männer in die Knie zu zwingen. Ich kann darüber nur schmunzeln. „Nein, diesmal sind es nicht die Feen. Noch nicht. Ich muss erst noch etwas auftreiben.“ Schließlich kann ich nicht mit leeren Händen bei den beiden Waldnymphen aufkreuzen. Letzte Nacht hatten wir Vollmond und ich schulde Bre’Shun noch das Badewasser eines Kleinkinds für die Antworten, die sie mir bei meinem letzten Besuch gegeben hat – die Information, wie wir Angel wieder zurück in ihre Welt senden konnten.

Aber was zur Hölle brauen die Feen nur mit Badewasser zusammen? Die Zutatenliste für ihre Zaubertränke wird von Mal zu Mal seltsamer.

Smee atmet erleichtert auf. „Also gut. Aber nur damit du es weißt, heute Abend esse ich deine Ration.“

Ich verdrehe zwar die Augen, widerspreche ihm aber nicht, sondern schnappe mir meinen Umhang und marschiere an Land.

„Wohin geht ihr?“, will Peter wissen, der immer noch wie eine verdammte Möwe über meinem Kopf kreist.

„Wir haben etwas zu erledigen“, erwidere ich kühl. „Und da ich dich heute offenbar nicht loswerde, kannst du uns ebenso gut begleiten. Mach dich ausnahmsweise mal nützlich.“

Smees Schritte dröhnen hinter mir auf der Holzplanke. Peter zieht es wie immer vor zu fliegen. Als wir nach einem kurzen Fußmarsch den Hafen erreichen und bereits das abendliche Getümmel des Marktplatzes zu hören ist, bleibe ich stehen und blicke nach oben. „Grundgütiger, würdest du endlich da runterkommen, Peter Pan! Ich spaziere bestimmt nicht durch die Stadt, während du wie ein gottverdammter Vogel über mir schwebst.“

Mürrisch sinkt Peter auf den Erdboden, sodass wir endlich wie normale Leute weitergehen können. „Also, was genau brauchst du nun aus der Stadt?“, fragt er wenig später mit demselben lästigen Übermut wie eh und je. „Soll’s ein neuer Gehrock für den eitlen Käpt’n sein?“

Heute Nacht scheren mich seine Sticheleien einen feuchten Dreck. Anstatt ihn mit bloßen Händen zu erwürgen, erzähle ich ihm von dem Badewasser für die Feen und wie ich vorhabe daranzukommen.

„Frauen baden ihre Kinder doch meist am Abend, nicht wahr? Es ist schon fast dunkel, also ist das die beste Chance, die wir haben. Einer von uns lenkt die Mutter ab, die anderen beiden besorgen das Wasser.“

Smee wirft mir einen verschrobenen Blick zu. „Hast du unter deinem Umhang etwa einen Eimer versteckt, oder wie sollen wir das Wasser stehlen? Du willst es doch nicht mit den Händen aus der Wanne schöpfen und es dann den ganzen Weg bis in den Wald tragen, oder?“

„Hm. An einen Eimer hab ich nicht gedacht.“ Ich bleibe stehen und drehe mich im Kreis, auf der Suche nach einem geeigneten Gefäß. Vorne beim Pub stehen ein paar Halunken in schmutzigen Kleidern. Sie lachen und singen so falsch, dass einem die Ohren wehtun. Sturzbetrunken stützen sie sich gegenseitig, um nicht bäuchlings auf der Straße zu landen. Einer von ihnen hält eine fast leere Rumflasche in der Hand. Das ist alles, was ich brauche.

Mit Jack und Peter im Schlepptau spaziere ich auf die fröhliche Bande zu und beginne die letzten paar Meter genauso zu torkeln wie sie. Als wären wir die besten Kumpel, lege ich meinen Arm auf die Schultern des Mannes mit der Rumflasche und falle in sein Lallen ein. „Was geht denn hier ab, Männer?“

„Nur eine kleine Feier unter Freunden“, teilt er mir mit. „Meine Frau hat mich vor die Tür gesetzt wie einen räudigen Hund!“ Sein fauler Atem riecht stark nach Rum. Sein Hemd hat Löcher, und da wo der Fetzen noch ganz ist, haben Bratensaftspritzer das weiße Leinen versaut. Jede vernünftige Frau würde ihn bei der erstbesten Gelegenheit zum Teufel jagen.

Als er seine blutunterlaufenen Augen zukneift und die Rumflasche zum Toast erhebt, nehme ich sie ihm geschickt ab und lasse sie unter meinem Cape verschwinden. Da es ihm nicht einmal auffällt, erspare ich mir etwaige Entschuldigungen und empfehle mich mit einem fröhlichen Gruß, bevor ich zu meinen Komplizen zurückkehre, die an der Straßenecke auf mich warten und von dort aus das Ganze beobachtet haben.

Wir entscheiden uns, lieber in einer ruhigeren Gasse nach einem Kinderbad zu suchen. Weg vom Lärm des Marktplatzes, schleichen wir von Haus zu Haus und spähen durch die Fenster. Bei den meisten wurden schon die Vorhänge zugezogen. Keiner weiß, was dahinter gerade vor sich geht, also schließen wir diese Haushalte gleich von vornherein aus. Es dauert gar nicht lange, da ruft Peter mit unterdrückter Stimme: „Kommt her! Ich hab was gefunden!“

Smee und ich eilen zu dem zweistöckigen gelben Haus, von dem bereits der Putz abbröckelt. Ein Zimmer im oberen Stockwerk hat einen venezianischen Balkon und die Balkontür steht einen Spaltbreit offen. Durchs Fenster beobachten wir, wie in der heruntergekommenen Küche im Erdgeschoß eine magere Frau mit langem schwarzen Zopf und grauem Lumpenkleid ein Kind in einer Blechwanne wäscht, die auf einem kleinen Tisch in der Mitte des Raums steht. Der Junge kann wahrscheinlich noch nicht einmal alleine laufen und ist genau das, wonach wir gesucht haben.

„Also gut, hier ist unser Plan“, flüstere ich den anderen zu. „Peter, du fliegst hoch zum Balkon und schleichst dich ins Haus. Sobald du drinnen bist, machst du ein wenig Lärm, damit du die Aufmerksamkeit der Mutter nach oben lenkst. Jack, du und ich, wir klettern durchs Fenster, sobald die Mutter das Zimmer verlassen hat, und holen uns das Wasser.“

„Aye“, antwortet Smee und Peter nickt. Während er nach oben fliegt, ziehe ich den Korken mit meinen Zähnen aus der Flasche. Mit einem Quietschen löst er sich und ich spucke ihn auf die Straße. Dann trinke ich den restlichen Rum, der noch in der Flasche ist.

„Den hättest du wohl nicht teilen können, oder?“, meckert Smee.

Teilen liegt mir nicht im Blut. Ich antworte ihm mit einem spöttischen Grinsen und kippe mir auch noch den letzten Tropfen in die Kehle. Mein erster Maat verdreht genervt die Augen. Dann hören wir, wie im oberen Stockwerk Glas zerbricht.

„Melina!“, ruft die Frau in der Küche sogleich.

„Das war ich nicht, Mutter!“, ertönt die Stimme eines Mädchens. „Das kam von oben!“

„Komm her und pass auf deinen Bruder auf, während ich nach oben gehe und nachsehe.“

Als ein Kind von etwa sieben Jahren oder auch weniger in die Küche spaziert, wischt sich die Frau ihre Hände an der Kittelschürze trocken und huscht zur Tür hinaus. So hatte ich das zwar nicht geplant, aber mit einem kleinen Mädchen werden wir schon fertig. Sobald sie uns den Rücken zukehrt, schiebe ich das Fenster vorsichtig nach oben, bis Jack und ich leise hindurch steigen können. Wir stehen genau hinter ihr, als ihr kleiner Bruder mit dem Finger auf uns zeigt und sie erschrocken herumwirbelt. Ihr Gesicht wird bleich wie die Steinfliesen auf dem Boden.

Verdammt noch mal!

Ohne sie aus den Augen zu lassen, lege ich mir den Zeigefinger auf die Lippen. „Schhh.“

Ja genau, als ob sie wirklich den Mund halten würde … Das Kind holt tief Luft und schreit dann so laut, man könnte meinen, ich hätte sie mit meinem Schwert bedroht und sie nicht nur gebeten leise zu sein. Wenn ich es mir recht überlege, wäre das wohl das sinnvollere Vorgehen bei diesem Unterfangen gewesen. Es dauert keine zwei Sekunden, da rast die Mutter auch schon wieder zur Tür herein. Die Küche kommt mir gerade unangenehm eng vor.

Wie es aussieht, fällt ihr als erstes mein Hut auf. Dann blickt sie zu Jack, der wie angewurzelt neben mir steht, und in ihren Augen blitzt der blanke Horror auf. „Melina! Lauf! Hol Hilfe!“

Das kleine Wiesel huscht hinter seiner Mutter vorbei und ist verschwunden, ehe einer von uns reagieren kann. Zum Glück fängt sich Smee schneller als ich. Er macht einen Schritt nach vorn und beschwichtigt die kreischende Frau mit seinen Händen. „Bitte, beruhigt Euch, Lady. Wir brauchen nur etwas von dem Wasser.“

Jetzt klappt ihre Kinnlade nach unten, aber sie fasst sich blitzschnell wieder. „Den Teufel kriegt ihr! Raus aus meinem Haus, ihr Strolche!“ Sie schnappt sich eine Vase mit blauen Tupfen von der Anrichte und schleudert sie in Smees Richtung. Allerdings duckt der sich im rechten Moment, womit ich in die Schusslinie gerate. Ich fange die Vase, bevor sie mich am Kopf treffen kann und mir dabei mit Sicherheit die Lichter ausgeknipst hätte, und stelle sie zurück auf die Anrichte.

„Bitte lasst uns doch vernünftig –“ Mehr bekomme ich nicht heraus, denn das biestige Weib greift sich einen Besen und haut Jack damit eins über die Rübe. Sein Gejapse klingt mehr nach einem jaulenden Hund als nach einem Pirat, als er beide Arme schützend über seinen Kopf hält und sich vor einem zweiten Schlag duckt. Ich springe zur Seite, bevor mich der Besen erwischt, und tauche rasch die leere Rumflasche in die Wanne mit dem Kleinkind. Der Knabe verzieht dabei das Gesicht und fängt an, fürchterlich zu schreien.

Ich habe vielleicht ein Maul voll Wasser in die Flasche abgefüllt, da brät mir der Hausdrache eins über, dass ich Sterne vor mir sehe. „Verdammt noch mal, Lady! Das tut weh!“, grolle ich als ich mich zu ihr umdrehe.

„Dir zeig ich, was wehtut, du schäbiger Saufbold! Ihr wollt Wasser? Ich geb euch Wasser!“ Mit ihrem Besen jagt sie uns um den Küchentisch herum. Mein Hut geht dabei verloren, und mir bleibt keine Zeit, ihn aufzuheben. Vielmehr bin ich damit beschäftigt, ihren Hieben auszuweichen, und stolpere hinter Smee her zum Fenster.

Peter schwebt draußen vor dem Haus in der Luft herum und reißt vor Schreck die Augen weit auf, als er uns sieht. „Was um Himmels willen habt ihr beiden da drin gemacht?“

„Lauf!“, rufe ich nur, als ich aus dem Fenster stürze und auf Smee lande. Ich rapple mich auf die Beine und will gerade losrennen, da stranguliert mich beinahe mein Cape. Das Frauenzimmer hält eine Faust voll von dem Stoff fest und zieht mich zurück.

Sie lehnt sich aus dem Fenster und hat immer noch den Besen in der Hand. „Nimm das, du Bastard!“ Mein Schädel brummt, als sie mir noch mal eins überzieht. Ich versuche trotz des plötzlichen Schwindelgefühls die Nerven zu behalten und öffne die Kordel meines Umhangs. Als er mir nicht mehr die Luft abschnürt, lasse ich ihn, wo er ist, und fliehe aus den Klauen des Drachens.

Die Aufregung wirkt fast wie ein Rausch, und als Jack mich am Ärmel packt und die Gasse runterzieht, fange ich an, lauthals zu lachen. Ich blicke noch einmal rasch über meine Schulter zurück und sehe, wie uns ein Blumentopf hinterher fliegt. Gerade noch rechtzeitig reiße ich Jack mit mir nach unten. Der Blumentopf segelt über unsere Köpfe hinweg und knallt auf die Straße, wo er klirrend in hunderte Tonscherben zerbirst.

Das Fenster wird energisch geschlossen und dahinter rattern die Vorhänge zusammen. An der nächsten Straßenecke halten wir schließlich an, und ich beuge mich nach Atem ringend vornüber, die Hände auf den Knien abgestützt. Die Flasche halte ich dabei immer noch fest. „Beim Klabautermann, das war mehr Abenteuer, als ich erwartet hätte!“

Peter, der immer noch über unseren Köpfen herumschwirrt wie eine verfluchte Motte, lacht aus voller Kehle. „Ein paar lausige Piraten seid ihr! Kommt nicht mal gegen eine Frau mit einem Besen an!“

Smee verzieht das Gesicht. „Wo er Recht hat, hat er Recht.“

Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist, als ich Peter am Knöchel packe, ihn zu mir herunterziehe, meinen Arm um seinen Hals schlinge und ihm mit den Fingerknöcheln der anderen Hand über den Kopf reibe, bis er um Gnade winselt. „Wir hätten gar nicht gegen dieses Frauenzimmer mit ihrem Besen kämpfen müssen, wenn du deine Aufgabe richtig erledigt hättest, kleiner Bruder.“ Das ist das erste Mal in unserem Leben, dass Peter und ich tatsächlich gemeinsam über etwas lachen. Fühlt sich überaus seltsam an. Jedoch angenehm seltsam.

„Lass mich los, Hook! Du stinkst wie ein Stockfisch!“, spottet Peter, als er endlich wieder Luft bekommt. Nachdem ich allerdings meinen Griff um seinen Hals gelockert habe, duldet er meinen Arm für einen weiteren brüderlichen Moment auf seinen Schultern.

So, dass Peter es nicht sehen kann, zieht Smee interessiert eine Augenbraue hoch. Ich lasse meinen Bruder los und richte mir den Hemdkragen gerade. Im nächsten Moment drehen wir uns alle erschrocken um, als hinter uns das wilde Gezeter einer grimmigen Maid aus dem Haus mit dem venezianischen Balkon dringt. Mein Hut und Umhang flattern heraus und landen auf dem Kopfsteinpflaster, bevor die Tür mit lautem Poltern zuknallt.

Wir warten noch eine Minute an Ort und Stelle, bis die Luft auch wirklich rein ist, bevor ich zurücklaufe und meine Sachen aufsammle.

„Willst du den Feen das Wasser noch heute Nacht vorbeibringen?“, fragt Peter.

„Nein, das kann bis morgen warten.“ Ein Schauer durchfährt mich. „Wer weiß, in was die mich verwandeln, wenn ich um Mitternacht an ihre Tür klopfe.“

„Und du glaubst wirklich, sie werden dir verraten, wie du Angel finden kannst, wenn du ihnen das Badewasser gibst?“

„Mit dem Wasser begleiche ich eine alte Schuld. Sie werden mir vermutlich gar nichts verraten. Nicht, ehe ich ihnen einen verdammten Regenbogen gefangen habe.“

Peter bleibt verblüfft stehen. „Einen Regenbogen? Aus Nimmerlands Vulkan?“

„Aye. Das ist genau, was Bre’Shun möchte.“

Nach einem entgeisterten Moment des Schweigens bricht Peter abermals in schallendes Gelächter aus. „Na dann, viel Glück, Bruder. Du kannst es brauchen.“ Mit einem scherzhaften Seemannsgruß schießt er in die Luft und zischt durch den sternenklaren Nachthimmel davon.

Mir ist nicht entgangen, dass er mich gerade Bruder genannt hat. Zum ersten Mal in meinem Leben.

 

Angelina

 

ES IST SCHON FAST Mitternacht und ich kann immer noch nicht schlafen. Meine Finger wandern immer wieder zu dem herzförmigen roten Glasstein, den ich an einer Kette um den Hals trage. Ein heimliches Geschenk von Paulina, meiner kleinen Schwester. Obwohl der fünfjährige Zwerg ja auf seinen weißen Stoffhasen schwört, dass der Anhänger nicht von ihm ist.

Aber von wem sollte er denn sonst sein? Immerhin lag Paulina an dem Morgen zu einer Schnecke zusammengerollt neben mir im Bett, als ich die Kette entdeckt habe. Sie ist bestimmt ein Teil des Schatzes, den meine Schwester in einer kleinen Schmuckkiste unter ihrem Bett aufbewahrt. Jedes einzelne Überraschungsgeschenk aus den vielen Disney-Prinzessinnen-Heftchen, die sie so gerne hat, kommt dorthinein – sofern es nicht zu irgendeinem Zeitpunkt auf mich gestempelt, geklebt oder an mich gehängt und gezwickt wird.

An dem roten Glasherz ist wirklich nichts Besonderes. Und trotzdem bringt es mich viel zu oft zum Nachdenken; bis tief in die Nacht hinein. Die Zwillinge, Paulina und Brittney Renae, haben mir erzählt, ich sei in jener Nacht im vergangenen Februar vom Balkon gestürzt. Das war die Nacht, bevor die Kette plötzlich um meinen Hals hing. Ich muss wohl mit dem Kopf aufgeschlagen sein, denn ich kann mich an rein gar nichts mehr aus dieser Nacht erinnern. Es grenzt schon an ein Wunder, dass ich mir bei dem Sturz nicht alle Knochen im Leib gebrochen habe. Der Schnee und der aufgeweichte Boden im Garten unter meinem Balkon müssen meinen Aufprall abgefedert haben.

Rastlos werfe ich die Bettdecke zur Seite und schwinge meine Beine aus dem Bett. Die kleine Leselampe auf meinem Nachttisch taucht mein Zimmer in goldenes Licht. Barfuß gehe ich rüber zum großen Spiegel an meiner Zimmertür. Der Boden ist kalt genug, um mir eine Gänsehaut zu verpassen. Fröstelnd reibe ich mir über die Oberarme.

Sehe ich seit diesem Sturz in jener Nacht etwa anders aus? Mein Haar ist immer noch rabenschwarz und die Spitzen kitzeln mich am Kinn, wenn ich meinen Kopf neige. Meine Augen, zu groß und rund für mein Gesicht, strahlen immer noch in demselben Haselnussbraun wie immer. Mein Appetit war noch nie überragend, daher zeichnen sich meine Schlüsselbeine gerade genug ab, um zu unterstreichen, dass ich mir nichts aus den beinahe schon verschwenderisch exquisiten Mahlzeiten mache, die in meinem riesigen Zuhause täglich serviert werden. Der Sturz ist nun fünf Wochen her, doch nichts an mir hat sich seitdem verändert … zumindest äußerlich. Denn ich kann es spüren.

Etwas ist anders.

Tief in mir sitzt eine Sehnsucht, die ich mir nicht erklären kann. So, als wäre ich weit weg und hätte fürchterliches Heimweh. Aber das ist genauso unsinnig wie Paulinas Lüge über den Glasanhänger, denn ich stehe gerade in meinem Zimmer, in unserem Anwesen in London. Da, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Ich bin zu Hause.

Doch jedes Mal, wenn ich das rote Glasherz betrachte, wird diese unbekannte Sehnsucht stärker. So wie jetzt gerade.

Mein Hals wird schmerzhaft eng. Das ist doch verrückt! Meine Lippen beginnen zu zittern. Ich kann nichts dagegen tun. Alles verschwimmt vor meinen Augen. Ich blinzle. Und da kullert eine einsame Träne meine Wange hinunter.

Vielleicht ist es an der Zeit, diese Kette endlich abzunehmen. Schniefend wische ich mir die Träne weg und öffne dann den Verschluss in meinem Nacken. Als ich den Anhänger abnehme, ist mir, als würde ein unglaublich schwerer Stein von meinem Herzen fallen. Das Atmen tut nicht länger weh und ich seufze tief.

In diesem Moment fährt ein Windstoß durch die gekippte Tür, die hinaus auf meinen viktorianischen Balkon führt, und fegt einen Stapel Blätter von meinem Schreibtisch. Ich wirble erschrocken herum. Die feinen weißen Vorhänge, die die ganze Nacht lang friedlich an den Seiten der Balkontür gehangen haben, tanzen jetzt aufgeregt im Wind.

Das ist doch alles total irrsinnig. Ich mache meinen Schlafmangel dafür verantwortlich, denn übermüdet habe ich mir schon oftmals Sachen eingebildet. Rasch schließe ich die Balkontür und auch das Fenster und verbanne den kalten Wind aus meinem Zimmer. Als ich zurück unter die Bettdecke krieche, spüre ich plötzlich etwas Hartes in meiner Hand.

Das rote Herz aus Glas. Ich halte es immer noch fest.

Kopfschüttelnd husche ich noch einmal zu meinem Schreibtisch hinüber, ziehe die unterste Schublade auf und lege das Herz ganz hinten hinein. Dann sammle ich die herumgewirbelten Blätter vom Boden auf, richte sie zu einem netten Stapel und bedecke damit das Herz. Aus den Augen, aus dem Sinn. Nicht wahr?

Energisch stoße ich die Schublade mit dem Fuß zu, dann gehe ich wieder ins Bett. Nur wenige Sekunden später fallen mir die Augen zu.

 

Kapitel 2

 

EINE STOSSWELLE ERSCHÜTTERT die Jolly Roger und reißt mich aus dem Schlaf. In Sekundenschnelle sitze ich aufrecht und hellwach in meinem Bett und starre in die Dunkelheit. Das Echo eines tiefen Grollens rollt draußen über den Ozean, und zwar so laut, dass ich mich frage, ob gerade ein Teil von Nimmerland abgebrochen und im Meer versunken ist.

Was in drei Teufels Namen war das?

Ich steige aus dem Bett, lasse mein Hemd und das Paar schwarze Lederstiefel unangetastet und stapfe stattdessen barfuß und nur mit meiner Lederhose bekleidet hinaus an Deck. Hier ist alles totenstill. Wir ankern immer noch nahe an der Küste. Die Segel sind eingerollt, die Männer schlafen in ihren Quartieren. Warum kommt keiner von ihnen heraus? Niemand steckt auch nur seinen Kopf aus der Tür. Ich kann doch unmöglich der Einzige sein, der den Lärm gehört hat. Oder etwa doch?

Ich lasse meinen Blick über die ruhige See schweifen. Kein Wind, der den Ozean zu riesigen Wellen aufschiebt, kein Geräusch, ja, nicht mal das leiseste Lüftchen. Alles ist viel zu ruhig. Mir kommt der Gedanke, dass ich vielleicht alles nur geträumt habe. Aber wie ist das möglich, wo es sich doch so real angefühlt hat? So endgültig. Die Gänsehaut auf meinem Rücken ist der Beweis dafür.

Ich reibe mir über die Arme und kehre zurück in mein Quartier, wo ich eine Kerze anmache. Es ist zwanzig Minuten nach Mitternacht. Das bedeutet, ich bin vor nicht einmal einer Stunde zu Bett gegangen. Oh nein … Ich reibe mir mit den Händen übers Gesicht und setze mich auf die Bettkante. Dann lasse ich mich nach hinten fallen und starre an die Decke. Nicht noch eine schlaflose Nacht! In letzter Zeit hatte ich schon viel zu viele davon. Doch wie zu erwarten war, vergehen die Stunden, ohne dass ich auch nur noch ein Auge zumache.

Am nächsten Morgen brennen meine Augen, als hätte ich sie mir mit Rum ausgewaschen. Mein Kopf tut weh und ich habe keine Lust, mich unter die Mannschaft zu mischen, die sich bereits lauthals an Deck herumtreibt, seit die ersten Sonnenstrahlen sich auf dem glitzernd blauen Wasser spiegeln.

Erst einmal strecke ich mich nach allen Seiten, um die Verspannungen der letzten Nacht aus meinem Rücken zu vertreiben. Anschließend gehe ich zu meinem Schreibtisch und nehme das weiße Hemd hoch, das über der Rückenlehne des Stuhls hängt. Ich könnte es heute tragen. Oder … ich könnte genau das machen, was ich bereits jeden verdammten Morgen der vergangenen fünf Wochen getan habe: Ich halte mir das Hemd ans Gesicht und nehme einen tiefen Atemzug von dem, was noch von Angelina McFarlands süßem Duft übrig ist.

Angel hat das Hemd in ihrer letzten Nacht in Nimmerland getragen. Ich bringe es einfach nicht übers Herz, dieses letzte Andenken an sie loszulassen. Nein, ich werde dieses Hemd auch heute nicht tragen. Stattdessen drücke ich den Stoff an meine Lippen, schließe meine Augen und hauche einen Kuss auf das Hemd. Dann hänge ich es wieder vorsichtig über die Stuhllehne und hole mir aus meinem Kleiderschrank etwas Frisches zum Anziehen.

Gedankenlos greife ich nach etwas Schwarzem. Die Knöpfe dieses abgetragenen Hemds rutschen mühelos durch die Knopflöcher. An diesem Kleidungsstück hängen keine süßen Erinnerungen. Umso besser. Mit meinem Hut unterm Arm und der Flasche mit Babybadewasser in der Hand verlasse ich mein Quartier und marschiere zur Landungsbrücke.

Smee holt mich ein. „Ziehst du los, um die Feen zu besuchen?“

Ich nicke. „Übernimm das Kommando, bis ich zurück bin.“

„Aye.“

Die lange Holzplanke schwingt unter meinen Schritten und von der See her weht mir ein warmer Wind durchs Haar. Ich blinzle gegen die Sonne an und spüre, wie sich meine Laune merklich hebt. Zwar habe ich heute keinen Regenbogen im Gepäck, aber mit etwas Glück rückt Bre’Shun vielleicht auch für etwas Weniger die Informationen heraus, die ich brauche.

Mein Weg führt mich um den verschlafenen Hafen herum und in den dahinterliegenden mystischen Wald. Pilze, wilde Blumen und allerlei anderes Gewächs sprießt links und rechts neben dem schmalen Pfad aus dem Boden. Hoch oben in einem knorrigen Baum sitzt ein Rabe und blickt mit seinen schwarz funkelnden Knopfaugen auf mich herab. Er stößt ein Krächzen aus, beinahe so, als wollte er mich davor warnen, in das verwunschene Reich der Feen einzutreten.

Tja, wenn der wüsste, dass es mal eine Zeit gegeben hat, in der ich jeden Tag hierhergekommen bin, dann würde er vermutlich seinen vorlauten Schnabel halten.

Mit aller Kraft versucht das Tageslicht, sich durch die immer dichter werdenden Baumkronen zu kämpfen, doch das Blätterdach macht es ihm nicht leicht. Hier ist es dunkler als an jedem anderen Ort in Nimmerland. Und kalt. Das Seltsame daran ist: Statt eines unangenehmen Fröstelns, das man in einem Wald erwarten würde, der allem Anschein nach Augen und Ohren hat, steigt nur ein vertrautes Gefühl der Behaglichkeit in mir auf. Diese Wirkung überrascht mich jedes Mal aufs Neue. Es kommt mir vor, als wollte mich der Wald dazu verführen, für immer hierzubleiben. Und ein Teil von mir möchte das auch.

Der andere Teil, und das ist in der Tat der weit größere Teil, treibt mich an, flotter zu marschieren, das zu holen, was ich brauche, um Angel suchen zu können, und so schnell wie möglich wieder aus dem Reich der Feen zu verschwinden.

„Captain Hook“, singt plötzlich eine Stimme neben mir.

Ich drehe mich erschrocken um und stehe vor einer der Feenschwestern. Ihr Haar ist so lang und seidig, dass es mich an silberne Wasserfälle erinnert. „Remona“, sage ich und begrüße sie mit einem leichten Nicken.

„Bre’Shun wird entzückt sein über deinen Besuch.“ Sie kräuselt ihre zartgrünen Lippen und neigt ihren Kopf leicht schief. „Wo ist der Regenbogen?“

„Remona, wo sind nur deine guten Manieren? Lass ihn doch erst mal richtig eintreten“, ertönt eine weitere sanfte Stimme ganz in unserer Nähe. „Willkommen zurück im Reich der Feen, James.“

Ich drehe mich im Kreis, um Bre’Shun irgendwo zu entdecken, doch Remona und ich befinden uns immer noch allein zwischen den jahrhundertealten Bäumen im magischen Wald. Zumindest scheint es so, bis ein Schmetterling mit seidigen lila Flügeln auf Remonas offener Handfläche landet. Stirnrunzelnd trete ich einen Schritt näher. „Ähm … Bre?“

„Ach James, du dummer Junge.“ Eine eiskalte Hand umfasst meine Schulter, als ein warmherziges Lachen neben mir erklingt. „Ich bin vieles, aber ein Formwandler ganz sicher nicht.“

Ich drehe mich zu meiner alten Freundin um, beobachte aber aus dem Augenwinkel, wie Remona inzwischen ihre Hand um den Schmetterling schließt und ihn in ihrer Faust zerquetscht. Zu violettem Staub zermahlen, rieseln seine Überreste durch ihre Finger. Doch ehe auch nur ein einziges Staubkorn den Waldboden berührt, entstehen aus ihnen neue Schmetterlinge, und gemeinsam flattern sie tiefer in den Wald hinein. Remona tanzt ihnen aufgeregt hinterher.

Sprachlos blicke ich ihr nach. Wie es scheint, sogar mit offenem Mund, denn Bre’Shun drückt mein Kinn mit ihrem kalten Finger nach oben. Erst jetzt schenke ich ihr meine volle Aufmerksamkeit und wie jedes Mal verschlagen mir ihre Schönheit sowie ihre übernatürliche Erscheinung den Atem.

Ihre honiggoldenen Locken trägt sie heute hochgesteckt, ein paar achtlose Strähnen umrahmen ihr blasses Gesicht. Im mystischen Licht funkeln ihre türkisen Augen wie Edelsteine, als sie mich mit einem warmen Lächeln willkommen heißt und dabei das Mieder ihres burgunderroten Kleides glatt streicht. „Ich kann an dir keinen Regenbogen riechen“, sagt sie. „Du hast also noch nicht die Zeit gefunden, um mir einen zu besorgen?“

Ich verziehe schuldbewusst das Gesicht und reibe mir mit der Hand über den Nacken. „Tja, nein. Ich war –“

„Beschäftigt.“ Sie mustert mich mit einem freundlichen Blick und wirkt nicht im Geringsten enttäuscht. „Ich verstehe.“

Wenn ich eins von den Feen gelernt habe, dann dass Zeit für sie irrelevant ist. Sie kennen ihren Weg; wie lange es dauert, bis sie an ihrem Ziel ankommen, spielt für sie keine Rolle. Ich wünschte, ich könnte dasselbe auch von mir sagen.

Bre’Shuns Blick wandert zu dem Etikett auf der Rumflasche in meiner Hand. Schnell hebe ich sie hoch und erkläre mit neu entdecktem Eifer: „Ich hab dir das Badewasser mitgebracht.“

„Das sehe ich.“ Ihre Augen werden vor Freude ganz groß. „Hoffentlich hast du die Flasche ausgewaschen, bevor du das Wasser abgefüllt hast. Rum ist ein ekelhafter Zusatz zu jeglichem Zaubertrank. Man weiß nie, welche Nebenwirkungen er verursacht.“

Eine verräterische Hitze steigt mir in den Nacken. Am besten antworte ich nicht darauf.

Bre nimmt mir die Flasche ab und legt mir ihre brutal kalte Hand auf den Rücken, um mir die Richtung zu weisen. Ihren Arm schwenkt sie dabei einladend zur Seite. In diesem verwunschenen Wald sollte mich eigentlich nichts mehr überraschen, und doch schnappe ich verblüfft nach Luft, als plötzlich vor mir wie aus dem Nichts ihr kleines, weißes Häuschen mit dem dicken Strohdach und einem niedlichen Gartenzaun drum herum auftaucht.

Gemeinsam spazieren wir durch ihren Vorgarten, der mit kleinen Gänseblümchen übersät ist. Die niedrige Eingangstür zwingt mich, meinen Kopf einzuziehen, damit ich ihn mir beim Durchgehen nicht am Rahmen stoße. Von außen könnte man meinen, das Haus wäre innen nicht größer als eine Hundehütte. Doch über die Türschwelle einer Fee zu steigen ist, als beträte man einen Palast. Ein angenehmer Duft von Minze und Koriander steigt mir in die Nase und begrüßt mich in der vertrauten Steinhalle mit den weißen und schwarzen Marmorfließen am Boden.

Bre’Shun bietet mir einen Platz an ihrem großen, runden Glastisch an. Das ist der Ort, an dem Verhandlungen geführt werden.

„Kann ich dir etwas zu trinken anbieten, James Hook?“, fragt sie, als sie sich mir gegenüber auf dem mittelalterlichen Stuhl niederlässt und die Finger vor ihrem Lächeln wie zu einem Kirchturm geformt zusammenlegt.

Mir bleibt gar keine Zeit zu überlegen, ob ich wirklich eine Tasse des geheimnisvollen Gebräus möchte, durch welches ich bei jedem weiteren Schluck mehr und mehr von der wirklichen Einrichtung in Bres Haus sehen werde – so wie beim letzten Mal, als ich mit Angel hier war. Denn vor mir erscheint bereits eine zierliche Porzellantasse auf dem Tisch, die auf einem hauchdünnen Unterteller mit kleinem Blümchenmuster steht. Ohne Rücksicht auf Etikette und gute Manieren schließe ich die Augen und trinke den ganzen Tee in einem Zug aus. Voller Erwartung blicke ich wieder hoch und … bin immer noch umgeben von kalten Steinmauern und einem Schachbrettmusterboden. Wo ist nur das warme und gemütliche Heim der Fee abgeblieben, in das sich diese hohe Halle hätte verwandeln sollen? Ich blinzle ein paarmal, aber nichts passiert.

„Ist mit dem Tee alles in Ordnung?“, frage ich Bre.

„Aber ja doch, warum fragst du? Es ist Pfefferminztee. Bekannt für seine erfrischende Wirkung. Was hast du denn gedacht, was passieren würde, wenn du ihn trinkst?“ Ihr amüsiertes Lachen klingt wie Glockengeläut in der Halle. Ich komme mir ganz schön dumm vor.

Gott sei Dank wechselt sie ohne Umschweife das Thema. „Was kannst du für mich tun, James?“

„Nichts, wie es aussieht. Schließlich habe ich noch keinen Regenbogen.“ Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück und verschränke die Arme vor der Brust. „Trotzdem brauche ich ein paar Antworten von dir. Und zwar dringend.“

„Ach, mach dir keine Sorgen, James. Ein Regenbogen ist nicht alles. Du kannst mir so viel mehr bieten.“ In einer eleganten Bewegung erhebt sie sich von ihrem Stuhl und deutet mit ihrem Arm zum hinteren Ende der Halle, wo soeben eine Tür in der Steinmauer aufgetaucht ist. „Komm.“

Noch nie zuvor in all den Jahren, in denen ich die Feen hier im Wald besucht habe, hat Bre mir gestattet, ein anderes Zimmer in ihrem Haus zu betreten. Die eisernen Stuhlbeine scheuern über den Marmorboden, als ich zurückrutsche und aufstehe. Der Glastisch verschwindet in der Sekunde, als ich darum herumgehe und Bre’Shun zu der hohen Tür folge, die gerade ganz von allein aufgeht.

Mit den ersten warmen Sonnenstrahlen, die mir ins Gesicht fallen, ist mir klar, dass wir nicht in ein anderes Zimmer gehen, sondern nach draußen. Dieser Ort sieht jedoch völlig anders aus als der Wald, der das Haus der Feen umgeben sollte. Wir betreten einen weiten Garten, der den Blick zum Himmel hoch freigibt. Keine Baumkronen blockieren hier das Tageslicht.

Ein gewaltiges Gemüsebeet erstreckt sich vor mir, das von senkrecht und waagerecht verlaufenden schmalen Kieswegen in mehrere Parzellen unterteilt wird. Weiter hinten im Garten stehen ein paar hohe Bäume wie Trolle im Schatten, die uns zu beobachten scheinen. Hinter ihnen ist es dunkel, so wie auf allen Seiten des Gartens. Wir befinden uns hier in einer Oase des Lichts, mitten im finstersten Wald. Erstaunt pfeife ich leise durch meine Zähne hindurch.

Bre’Shun setzt ein erfreutes Lächeln auf. Sie führt mich zu einem Steinofen neben dem riesigen Gemüsebeet in der Nähe des Hauses. Darauf steht ein schwarzer Kessel, in dem eine herb duftende Suppe leise vor sich hin köchelt. Bre rührt mit einem dicken Holzkochlöffel ein paarmal um. Dabei entstehen dicke Luftblasen, die an der Oberfläche zerplatzen. Die Farbe der Suppe verursacht bei mir jedoch ein Stirnrunzeln, denn in Wahrheit hat sie überhaupt keine Farbe. Sie ist klar. Klarer als Wasser. So durchsichtig wie die Luft. Plötzlich frage ich mich, warum ich überhaupt erkennen kann, dass es sich um eine Flüssigkeit handelt. Und noch dazu die Blasen … Ich schüttle meinen Kopf.

„Du willst also wissen, warum Nimmerland dich nicht gehen lässt“, stellt Bre’Shun fest, als wäre die Frage auf meine Stirn tätowiert. Offenbar brauche ich nicht mehr dazu zu sagen, also ziehe ich nur eine Augenbraue hoch. Bre spiegelt meinen Gesichtsausdruck und beginnt dann zu schmunzeln. „Erlaubst du mir, eine Haarsträhne von dir abzuschneiden?“

Wenn mich das in irgendeiner Weise näher zu Angel bringt, soll’s mir recht sein. „Nur zu.“

Aus einer Tasche ihres Kleides zaubert sie eine Schere hervor, doch ich befürchte, die Tasche ist in Wahrheit nur eine große Falte im Stoff, durch die sie ihre Magie vor mir verbirgt. Sie schneidet mir die Haarsträhne ab, die mir ständig über das linke Auge fällt. „Na, ist das nicht gleich viel besser?“

Ich blicke sie ungläubig an. Das war doch wohl hoffentlich nicht der einzige Grund, warum sie mir die Strähne abgeschnitten hat. Doch Bre beginnt kurz darauf zu lächeln und hält das blonde Haarbüschel über die Suppe, bis die Enden Feuer fangen. Sie lässt die dünne Strähne in die Suppe rieseln und meint: „Nimmerlands Pforten sind geschlossen. Peter Pan hat sie versiegelt, als er beschlossen hat, niemals erwachsen zu werden.“

„Fantastisch. Also kann ich nicht weg, weil er ein kleiner egoistischer Rotzbengel ist.“

„So sieht es aus.“

Frustriert reibe ich mir mit den Händen übers Gesicht. „Was kann ich tun, um die Pforten zu öffnen?“

Bre ignoriert meine Frage und rührt lieber noch ein wenig in der Suppe herum. Dann schließt sie die Augen und schnüffelt an der durchsichtigen Essenz. Sie nippt ein wenig vom Schöpflöffel und schwenkt die Suppe im Mund hin und her. „Zu feminin“, erklärt sie mir mit strengem Blick, als ob ich auch nur den leisesten Hauch einer Ahnung haben sollte, was sie damit meint. Schließlich hält sie mir die Schöpfkelle ins Gesicht. „Spuck da rein.“

Da es sowieso keinen Sinn macht, die Motive einer Fee zu hinterfragen, tue ich einfach, was sie mir befohlen hat. Bre taucht den Schöpflöffel zurück in die Suppe, rührt einige Male um und kostet dann noch einmal. Dabei schweift ihr Blick gedankenverloren zum Himmel hinauf. „Mm-hmm. Viel besser.“ Sie probiert noch einen Schluck. „Weißt du, was das hier perfekt machen würde?“ Ihr Tonfall ist geheimnisvoll, beinahe ein Flüstern. „Der Schmutz eines Seemannes.“ Schnell greift sie nach meiner Hand und dreht die Handfläche nach oben. Ihr prüfender Blick trübt sich rasch. Ich bin offenbar eine herbe Enttäuschung für sie. „Deine Hände sind viel zu sauber, James Hook.“

„Tja, ich wasch mich hin und wieder ganz gern, tut mir leid.“

Unbeeindruckt von meinem Sarkasmus, schlägt sie die zierliche Faust der einen Hand in die offene Handfläche der anderen. „Zu schade.“

Zu schade für mich, weil ich jetzt keine Antworten mehr von ihr erhalte, oder zu schade für sie, weil ich es nicht geschafft habe, ihrer Suppe einen männlicheren Geschmack zu verleihen?

„Gibt es einen Weg, wie ich die Pforten von Nimmerland öffnen kann?“, frage ich, um ihre Aufmerksamkeit zurück auf mein Problem zu lenken und weg von ihrem.

„Natürlich gibt es den.“ Sie neigt ihren Kopf leicht schief und mustert mich für einen gruselig langen Moment. Ich warte darauf, dass sie sich gleich noch appetitlich die Lippen dabei leckt, aber das macht sie dann doch nicht. Stattdessen pflückt sie ein Salatblatt aus dem Gemüsebeet neben uns und reibt mir damit fest über den Unterarm. Meine Haut wird schnell rot und beginnt zu jucken, doch in der Hoffnung auf ihre Unterstützung in der Sache mit Angel halte ich still.

Nach einer halben Minute riecht Bre an dem Salatblatt, reibt es dann noch einmal kräftig über dieselbe Stelle an meinem Arm und wirft es schließlich in den Suppenkessel. „Überrede Peter dazu, den Fluch zu brechen“, sagt sie ganz nebenbei und probiert dabei noch einmal einen Tropfen des Feengebräus. Dieses Mal ist sie ganz offensichtlich vom Geschmack begeistert. „Oder töte ihn“, fügt sie in heiterem Tonfall hinzu. Mit einem Lächeln dreht sie sich zu mir um. „Deine Entscheidung.“

Wie angewurzelt stehe ich da und starre ihr in die türkisgrünen Augen. Die Feen sind ein wenig … eigen … und manchmal reagieren sie auch nicht unbedingt so, wie man es von ihnen erwarten würde. Aber das ist selbst für Bre’Shun hart. „Ich werde meinen kleinen Bruder nicht umbringen.“

„Warum nicht? Du hast doch dein ganzes Leben lang versucht, ihn niederzustrecken.“

„Ja schon, aber –“

„Aber was?“ Sie zieht ihre Augenbrauen fragend hoch.

„Die Dinge haben sich geändert.“

„Haben sie das? Oder hast vielmehr du dich verändert, James Hook?“ Ihr Lachen klingt wie das von den Blättern tropfende Tauwasser im Dschungel. Sie schöpft ein wenig von der Suppe ab und füllt es in eine Gießkanne, die bereits halb voll mit Wasser – oder sonst was – ist. Nachdem sie die Schöpfkelle an einen Haken über der Feuerstelle gehängt hat, nimmt sie die Kanne hoch und schlingt ihren freien Arm durch meinen, damit sie mich durch ihren Garten führen kann.

In den vielen kleinen Beeten stecken Hölzchen mit Schildern daran, die mir ins Auge fallen. Sehnsuchtsbohnen. Genussbeeren. Horrorkarotten. Abgesehen davon, dass die Feenschwestern Antworten auf sämtliche Fragen der Welt haben, sind sie auch für ihre unheimlichen Tränke und kuriosen Früchte bekannt. Hier züchten sie also das ganze seltsame Zeug.

Ich begleite Bre’Shun ans hintere Ende des lichtdurchfluteten Wundergartens, wo ein junger Baum im Schatten seiner größeren Brüder wächst. Seine Krone reicht mir gerade mal bis zum Bauchnabel und trägt nicht mehr als drei zarte grüne Blätter.

„Du stehst hier vor dem Baum der vielen Wünsche“, teilt mir Bre mit und gießt ein wenig von dem Suppenwasser auf seine Wurzeln. Schlagartig schießt der Baum einen halben Meter in die Höhe, und dann noch einen.

„Versenk mich, was war das denn?“

Neben mir strahlt die Fee übers ganze Gesicht. „Du hast wohl einen ziemlich gesunden Speichel, James Hook.“

„Ich hab das gemacht?“

„Oh ja.“ Sie streicht mir über den Arm. „Bäume wachsen am schnellsten, wenn sie von einem starken jungen Mann beherrscht werden.“

Ich versteh kein Wort und ich will es auch gar nicht versuchen. Was mich an der Sache weit mehr interessiert, ist, was dieses Gestrüpp wohl bewirken kann. „Du sagtest Baum der vielen Wünsche? Hast du dir den Namen einfach nur so ausgedacht, oder steckt dahinter ein tieferer Sinn?“

Bre setzt die Gießkanne auf die Erde und stemmt dann ihre Hände in die Hüften, wobei sie ihren Kopf zur Seite neigt. „Was denkst du wohl, James? Dass ich jeden Morgen eine Tasse Ideentee trinke und dann irgendwelchen Sträuchern dumme Namen gebe?“

Bei ihrem finsteren Blick schlucke ich und schüttle den Kopf.

„Unser kleiner Freund hier wird bald Früchte tragen. Mit dem Trank, den ich dank dir gerade eben verfeinern konnte, wahrscheinlich schon im kommenden Monat … anstatt wie üblich erst in zehn Jahren.“ Sie macht kehrt und schreitet zurück zum Haus. „Nimm die Kanne mit“, fordert sie mich über ihre Schulter hinweg auf. Ich eile ihr hinterher, neugierig, was sie noch über den Baum zu erzählen hat. „Wenn die Früchte erst einmal reif sind und jemand davon isst, wird ihm ein Wunsch gewährt. Aber hüte dich, James Hook. Wünsche sind eine verzwickte Sache. Vor einhundertundzehn Jahren hat Remona mal eine Frucht gekostet. Sie hat sich dabei gewünscht, mir ein ganzes Jahrzehnt nicht bei der Garten- oder Hausarbeit helfen zu müssen.“

„Ging ihr Wunsch in Erfüllung?“

„Natürlich.“ Bre verzieht mitleidig das Gesicht. „Sie hat sich eine üble Krankheit eingefangen, durch die sie zehn Jahre lang im Bett liegen musste. Gott sei Dank hat sich der Fratz kein ganzes Jahrhundert gewünscht …“

Das ist so verrückt und gleichzeitig auch so wahnsinnig faszinierend. Ich überlege mir, was ich mir wünschen würde, wenn ich solch eine Frucht in die Finger bekäme. Auf jeden Fall würde ich meinen Wunsch sorgfältiger formulieren als Remona, um unangenehme Nebenwirkungen zu vermeiden.

„Der Baum wird dir nicht dabei helfen, Angelina zu finden“, sagt Bre beiläufig und zerstört damit meine neu gewonnene Hoffnung in Sekundenschnelle. „Ich habe dir bereits gesagt, was du zuerst tun musst. Und dann bring mir einen Regenbogen. Damit solltest du in der Lage sein, zu ihr zu kommen.“

Ich fahre mir mit der Hand durchs Haar. „Das ist unmöglich. Wie soll ich je einen Regenbogen einfangen?“

„Nichts ist unmöglich, James Hook. Du musst es einfach nur tun.“ Bre’Shun führt mich durch die große Halle in ihrem kleinen Haus zurück zur Eingangstür. Bevor wir auf dieser Seite ihres Heims ins Freie treten, entdecke ich einen kleinen fluffigen Hasen mit Hängeohren und zitterndem Stummelschwanz, der in einer Ecke sitzt. Und auf dem Fensterbrett auf der anderen Seite des Raumes liegt ein schlanker Fuchs in der Sonne. Sehe ich diese Tiere nur, weil ich den Tee getrunken habe? Oder sind sie real? Ich werde mich wohl nie an diesen Ort gewöhnen.

Draußen am Gartenzaun drückt die Fee zum Abschied meine Hand. Ein weiterer eiskalter Schauer durchläuft mich, und ich lecke mir über die Lippen, die sich kalt und taub anfühlen. Soweit ich das beurteilen kann, dürften sie bereits blau vor Kälte sein.

Ich ziehe meine Hand aus Bres und marschiere los, doch ihre Stimme folgt mir. „Bring ihn dazu, den Bann zu brechen, Jamie, und es wird dir nichts mehr im Wege stehen.“

Wenn es doch nur so einfach wäre. Ich sehe noch ein letztes Mal über meine Schulter zu ihr zurück. Bres Blick ruht auf mir, freundlich, aber eindringlich. Geheimnisvoll. Dieser Blick beschert mir ein unangenehmes Bauchkribbeln. „Da ist noch mehr, nicht wahr?“, frage ich mit leiser Stimme, als ich verunsichert stehen bleibe.

Die Fee neigt ihren Kopf zur Seite und reibt sich mit beiden Händen über die Oberarme, so als ob sie gerade zum ersten Mal selbst die Kälte spüren würde, die von ihr ausgeht. „Mein lieber Junge, da ist immer mehr.“

 

Peter Pan

 

LEISE SCHLEICHE ICH durch das Unterholz des Dschungels und drehe mich dann zu Loney und Skippy um. Einen Finger auf den Lippen, um ihnen zu verdeutlichen, dass sie still sein sollen, zeige ich mit dem anderen auf den Busch vor uns. Der Feind befindet sich dahinter. Loney zieht an den Fuchsohren seiner Mütze, was bedeutet, dass er mich verstanden hat. Skippy wackelt mit seinen großen Ohren.

Die anderen sind nur wenige Meter von uns entfernt. Wenn wir im richtigen Moment zuschlagen, gewinnen wir dieses Spiel, und als die Verlierer müssen Toby, Sparky, Stan und Tami für uns das Abendessen zubereiten.

Ich rupfe eine Handvoll Klee aus dem Boden, kaue ihn, bis sich ein schleimiger Klumpen gebildet hat, und stopfe ihn anschließend in mein Bambusblasrohr – die einzige erlaubte Waffe in diesem Spiel. Lautlos gleite ich im Schutz eines Baumes hoch und lande auf einem dicken Ast, hinter dessen Blättern ich sofort in Deckung gehe. Wenn ich sie von hier oben aus überraschen kann, ist uns der Sieg so gut wie sicher. Vorsichtig krieche ich den Ast entlang und greife dann nach vorn, um ein paar Zweige niederzudrücken, die mein Sichtfeld behindern.

Böser Fehler.

Hinter dem Blätterhaufen sitzt eine grinsende Elfe mit funkelnd grünen Augen und spitzen Ohren, die aus ihren Goldlocken herausstechen. Sie hält sich ein Blasrohr an den Mund und flattert aufgeregt mit ihren Schmetterlingsflügeln, als sie mir einen Schleimbatzen aus Gras direkt auf die Stirn feuert.

„Oh nein! Ein Kopfschuss!“ Mit dem Gestöhne eines sterbenden Indianers lasse ich meine Waffe fallen und stürze zehn Meter in die Tiefe. Ein Nest aus Efeu schwächt meinen Sturz ab. Jubelnd kommen Tameeka und der Rest der Bande aus ihrem Versteck. Wie Indianer um ein Feuer tanzen sie mit Wolfsgeheul um mich herum. Mein Team steht reglos daneben und macht lange Gesichter.

Großartig. Jetzt kann ich losziehen und für heute Abend ein Wildschwein auftreiben, das wir dann häuten und über dem Lagerfeuer braten können. Die orange glühende Sonne steht bereits tief. Ich beeile mich besser.

Nach kurzem Kampf mit den Efeuranken schaffe ich es, mich zu befreien, und fliege hoch in den Himmel. Dabei rufe ich den Verlorenen Jungs zu: „Macht schon mal Feuer! Ich bin in einer Stunde zurück!“

Nimmerland liegt totenstill unter mir da. Kein Rascheln in den Büschen, keine Schreie, nichts, was mir verraten würde, wo ich unser Abendessen finden könnte. Mir knurrt schon der Magen. Hungrig auf die Jagd zu gehen macht keinen Spaß. Ich sinke etwas tiefer, sodass ich beinahe schon die Baumwipfel berühren kann, und steuere auf den Rand des Dschungels zu. Hier in Nimmerland fängt man Wildschweine am besten in der Dämmerung, denn da kommen sie am liebsten raus aus dem Wald und streunen auf der Suche nach Trüffeln am Fuße des Vulkans herum.

Aber die einzige Wildsau, die sich gerade dort herumtreibt, ist Hook. Sowie sein erster, zweiter und dritter Maat.

Mit einem Grinsen im Gesicht lande ich neben ihnen und stehle dabei Hooks Hut. „Was haben wir vor?“, frage ich und falle mit ihm in Gleichschritt.

Grollend zieht mir James seinen Hut vom Kopf und verpasst mir einen harten Stoß gegen meine Schulter. Ich kippe zur Seite. „Freut mich auch, dich wiederzusehen“, sage ich zynisch.

„Wenn du mit Piraten abhängen willst, besorg dir gefälligst deinen eigenen Hut. Fass noch einmal meinen an und ich schneide dir die Hand ab.“ Jetzt erst dreht er sich zu mir um und lächelt unverfroren. „Wir gehen rauf zum Vulkan.“

„Was du nicht sagst.“ Ich verdrehe die Augen. „Aber wozu? Hast du heute mit den Feen gesprochen?“

„Ja. Mit einer von ihnen.“

„Und was hat sie gesagt?“

„Sie hat gesagt: Bring mir einen verdammten Regenbogen.“

„Oh.“ Ich kratze mich am Kopf. „Das ist bitter.“

„Du weißt nicht zufällig, wie ich möglicherweise …?“ Hook sieht mich mit grüblerischem Blick von der Seite an und schüttelt dann den Kopf. „Nein, weißt du nicht.“

„Wie du einen Regenbogen einfangen kannst?“, hake ich nach. Aber er hat schon Recht. Ich habe nicht die geringste Ahnung. „Wofür brauchst du denn überhaupt einen?“

James zuckt mit den Schultern und macht sich daran, den steilen Abschnitt zur Krateröffnung hinaufzusteigen. Seine Männer und ich folgen ihm. „Das hat sie nicht gesagt“, murmelt er. „Sie braucht eben einen. Und wie es aussieht, werde ich ohne ihn nie zu Angel gelangen.“

Ein Hauch von Mitleid kommt über mich. Seinem verzweifelten Blick nach muss er im Moment innerlich ganz schön zu kämpfen haben. Ich habe keine Lust zu klettern, daher fliege ich einfach nach oben zum Rand des Vulkans und warte dort auf die Piraten.

Als Hook oben ankommt, macht er ein seltsames Gesicht. Und Smee schaut sogar noch komischer drein. Worüber haben die beiden wohl in den letzten zehn Minuten geredet? Ich muss wohl gerade etwas Wichtiges verpasst haben. Sollte ich mir Sorgen machen? Ich grinse Hook ins Gesicht. Nö …

„Wie schön, dass Ihr auch schon hier oben angekommen seid, Käpt’n“, veralbere ich ihn und seine Männer. „Hat ja auch nur eine halbe Stunde gedauert.“

„Halt den Mund und hilf mir lieber, einen verfluchten Regenbogen zu fangen.“

Während Nimmerland in ein strahlendes Abendrot getaucht wird, strecken sich unsere Schatten unheilvoll vor uns auf dem felsigen Erdboden, als wollten sie der untergehenden Sonne entfliehen. Hook scheint da etwas Wichtiges zu übersehen. Ich spitze meine Lippen. „Nicht, dass ich wüsste, wie genau man das anstellen könnte, aber vergisst du da nicht noch etwas?“

„Und das wäre?“

Ich zucke mit den Achseln und rolle mit den Augen. „Tja, ich weiß auch nicht. Vielleicht, dass die große Regenbogenshow erst um Mitternacht losgeht und wir bis dahin noch – warte, lass mich kurz nachsehen …“ Um zum Spaß ein klein wenig mehr Salz in die Wunde zu streuen, hole ich die Taschenuhr unseres Vaters aus meiner Brusttasche und drücke oben auf den kleinen Knopf, durch den der Deckel hochklappt. „Jap, wir können noch ein fünfstündiges Kaffeekränzchen abhalten.“

Hooks Augen beginnen zu leuchten. Diesen Blick kenne ich. Langsam schließe ich die Taschenuhr und mache einen vorsichtigen Schritt zurück. „Was hast du vor?“

Sein Gesichtsausdruck ändert sich rasch. Ein Lächeln taucht auf seinen Lippen auf. Kein sehr einladendes, aber zumindest ist der plötzliche Anflug von Gier aus seinem Blick verschwunden. „Sei nicht albern, Peter. Ich werd dir die Uhr schon nicht stehlen.“

„Nein?“ Meine Anspannung schwindet. „Na, dann ist’s ja gut.“

„Ich möchte lediglich, dass du sie in den Vulkan fallen lässt.“

„Wie bitte?“ Ich weiß ja nicht, was ihm heute im Feenwald zugestoßen ist, aber offenbar ist er nicht mehr ganz bei Trost. „Warum sollte ich das tun?“

James seufzt tief, wobei er sich mit den Händen übers Gesicht wischt. „Weil es der einzige Weg ist, um die Pforten von Nimmerland wieder zu öffnen.“

„Hat dir das die Fee erzählt?“

„Ja. Würdest du die Uhr also bitte in den Vulkan werfen?“

„Nein!“ Sie gehörte meinem Vater. Ich werde sie ganz bestimmt nicht in das flüssige Innere der Insel fallen lassen. „Bist du jetzt total übergeschnappt?“

„So möchte man meinen, wenn man bedenkt, dass ich dir hier sogar eine Wahl lasse“, murmelt er.

Ich verstehe kein Wort, aber die Art, wie sich gerade sein zweiter und dritter Maat an mich heranschleichen, gefällt mir gar nicht. Es ist wohl an der Zeit, Hook bei seiner Suche nach einem Regenbogen wieder allein zu lassen. Ich muss sowieso noch ein Wildschwein fangen und häuten, bevor es dunkel wird.

Ich drehe mich um und erhebe mich in die Luft, doch schon nach zwei Metern windet sich etwas fest um meinen Knöchel und zieht mich ruckartig zurück auf den Erdboden. Ich lande schmerzhaft auf allen vieren. Smee, der Rattenarsch, muss mir vorhin, als ich nicht aufgepasst habe, ein Seil um den Fuß geschlungen haben. Das andere Ende ist fest um seine Hand gewickelt.

Es dauert nur einen Moment, bis der Pirat, der auf beide Unterarme Meerjungfrauen tätowiert hat und vom Rest der stinkenden Crew Fin Flannigan genannt wird, neben mir auftaucht und mich an den Schultern zu Boden drückt.

„Peter … bitte“, sagt Hook leise und mit Nachdruck. „Es ist unbedingt notwendig, dass du die Uhr jetzt in den Vulkan wirfst.“

„Ach so? Und was ist, wenn ich mich weigere?“ Ich winde mich aus Fins Griff und stoße ihn von mir weg. Als ich mich umdrehe, höre ich das Klicken eines Hahns und blicke direkt in den Lauf von James Hooks Pistole.

Mein Hals wird trocken.

„Ich will dir nicht wehtun, Peter“, fleht er mich hinter seinem ausgestreckten Arm an. Doch dann wird sein Blick unter dem schwarzen Hut zu Eis und er grollt: „Aber das werde ich. Du hältst den Schlüssel zu Nimmerlands Toren in der Hand. Ich möchte von hier weg und Angel finden, aber das kann ich nicht, bis du nicht die Uhr zerstört hast. Schmeiß jetzt also dieses gottverdammte Ding in den Vulkan, oder ich schwöre, ich werfe deinen toten Körper zusammen mit ihr hinein.“

Es besteht kein Zweifel daran, dass er es ernst meint, und ich frage mich, wie viel Zeit mir noch bleibt, bis er abdrückt. Fünf Sekunden? Vielleicht zehn? Zögernd hebe ich die Hand mit der Uhr und betrachte sie für einen innigen Moment. Die Zähne zusammengebissen und meine Muskeln angespannt wie Segeltaue, werfe ich sie schließlich zur Seite in die Öffnung des Vulkans, die zu Nimmerlands Mitte führt.

Goldene Funken sprühen aus dem Vulkan, gerade genug, um mir zu versichern, dass die Taschenuhr meines Vaters für immer verloren ist.

Als ich hochblicke, hat Hook die Waffe runtergenommen. „Es tut mir leid, Peter“, flüstert er. Es scheint, als entschuldigte er sich nicht nur dafür, die Pistole auf mich gerichtet zu haben. Da steckt mehr dahinter. Ich will verdammt sein, wenn ich hierbleibe und ihn danach frage. Ich bin fertig mit meinem Bruder. Und nach der eigenartig netten Zeit, die wir kürzlich miteinander verbracht haben, möchte ich mir am liebsten selber eine runterhauen, denn tief in mir schmerzt sein Verrat.

Unter meinem Gürtel ziehe ich ein Messer hervor, bücke mich runter und schneide das Seil von meinem Fuß. Keiner der Männer versucht mich aufzuhalten. Als ich mich wieder aufrichte, macht James einen Schritt auf mich zu.

„Fahr zur Hölle, Hook“, fauche ich.

Nie hätte ich gedacht, dass ich noch einmal den schmerzlichen Blick sehen würde, den ich in seinen Augen entdeckt habe, als Angel ins Meer gestürzt ist. Doch so wie er mich in diesem Moment ansieht, kommt es dem ziemlich nahe. Es ist mir scheißegal. Ich spucke vor seine Füße auf den Boden und fliege davon.

In Windeseile rase ich über die Ebenen und danach über das Dach des Dschungeldickichts. Dabei breche ich in Zornesschweiß aus. Ich beiße die Zähne so fest aufeinander, dass sie schmerzen, und fange immer schlimmer an zu schwitzen. Vor meinen Augen verschwimmt alles. Was zum Teufel –? Das hat nichts mehr mit der flammenden Wut auf meinen Bruder zu tun. Ich fliege etwas langsamer und wische mir mit dem Daumen und Zeigefinger über die Augen, dann massiere ich die Stelle dazwischen für eine Sekunde. Als ich wieder geradeaus blicke, sehe ich nur schwarze Flecken und die werden rasch größer.

Mein Hals ist knochentrocken und so eng, dass ich kaum noch schlucken kann. Meine Brust tut weh. Der Schmerz fährt schnell tiefer. Plötzlich fühlen sich meine Hände und Arme taub an, mein Rücken beginnt zu schmerzen und mir fällt das Atmen schwer. Es kommt mir vor, als würde mich etwas unter Wasser ziehen. Ich muss um jeden Atemzug ringen.

Alles fühlt sich falsch an, schwammig. Ich drehe mich in der Luft und versuche auszumachen, wo das Baumhaus steht. Ich muss nach Hause, und zwar schnell.

Meine Brust sticht, als ich beim langsamen Sinkflug zu husten beginne. Ich weiß nicht mehr, wo ich eigentlich bin. So knapp über den Baumkronen spüre ich, wie die Äste und Zweige an meinem Bauch scheuern. Mir wird übel und in meinem Hals und Rachen breitet sich ein bitterer Geschmack aus.

„Tami?“, rufe ich in Panik. Sie ist die Einzige, die mich hier oben finden kann. Aber wo auch immer ich mich gerade befinde, ich muss noch zu weit weg von zu Hause sein, denn ich bekomme keine Antwort.

Im Vergleich zu meiner üblichen Geschwindigkeit krieche ich im Moment beinahe schon durch die Luft. Der Duft des Dschungels brennt in meiner Nase und meine Zähne schmerzen, als hätte ich einen Kinnhaken bekommen.

Was zur Hölle geschieht nur mit mir? „Tameeka! Loney! Stan?“ Meine Stimme bricht. Ich sinke tiefer und kann endlich den höchsten Baum in der Umgebung erkennen. Mein Zuhause. Es sind nur noch ein paar hundert Meter. Ich kämpfe um jeden Atemzug, ebenso wie um jeden Meter, der mich noch vom Baumhaus trennt. Dabei versuche ich noch einmal, die Verlorenen Jungs zu rufen, doch alles, was aus meinem Hals kommt, ist ein klägliches Krächzen.

Nur noch ein kleines Stück. Gleich bin ich da.

Und plötzlich falle ich, als wäre ich in ein Luftloch geraten. Mit dem Bauch schlage ich hart auf einem Ast auf, der mir den Rest der Luft aus den Lungen quetscht. Mit der letzten Kraft, die ich noch habe, klammere ich mich an dem Ast fest … aber das reicht nicht aus. Ich rutsche an einer Seite hinab und am Ende geben auch meine Finger nach. Mir bleibt nichts anderes übrig, als loszulassen.

Während ich in die Tiefe stürze, schlage ich immer wieder auf dicken Ästen auf, die mir sämtliche Knochen im Leib zerschmettern. Der letzte Aufprall auf dem Boden bricht mir das Rückgrat. Der Schmerz fährt mir durch Mark und Gebein. Mein entsetzlicher Aufschrei hallt durch den Dschungel.

Alles wird schwarz.

 

Kapitel 3

 

DER MILCHIG WEISSE Mond spiegelt sich im ruhigen Kielwasser. Ich lehne mich vor, verschränke die Arme auf der Reling und vergrabe mein Gesicht darin. Ein tiefer Seufzer dringt aus meiner Kehle und verwandelt sich in ein Stöhnen, bevor er verebbt. Was hat mich nur geritten, eine Pistole auf meinen Bruder zu richten? Natürlich war das nicht das erste Mal, doch in den vergangenen Wochen ist so vieles passiert. Es fühlt sich nicht mehr richtig an. Ganz im Gegenteil, mein schlechtes Gewissen sitzt mir seltsam schwer im Nacken.

„Käpt’n? Die Männer wollen wissen, wohin wir segeln.“

Nicht einmal Smees ernste Stimme vermag mich aus meinem Trübsinn zu ziehen. „Meerjungfrauenlagune“, brumme ich in den Stoff meiner Ärmel. „Und dann weiter nach Norden.“

„Denkst du, dass wir dort London finden werden?“

„Nein. Aber das Gold.“ Als ob mein Verrat an Peter Pan noch nicht schlimm genug wäre, habe ich nun auch noch vor, endlich meinen Schatz zu bergen, bevor wir nach London aufbrechen.

Ich frage mich, ob Peter ahnt, was auf ihn zukommt. Nicht nur wegen des Schatzes. Nein, von heute an wird er wieder wie jeder normale Junge altern. Wie muss sich das für einen Jungen anfühlen, der niemals erwachsen werden wollte? Wie wird es sich für mich anfühlen? Und für all die Leute im Hafen? Sie werden endlich wieder einen Schritt nach vorn machen. Ob sie das wohl überhaupt mitbekommen? Spüren es die Männer hier an Bord bereits?

Spürt es Smee?

Ich richte mich auf und stütze mich mit den Händen auf die Reling. Dabei schaue ich über die Schulter zu meinem ersten Maat. Auf den ersten Blick hat er sich kein bisschen verändert. Anderseits ist es aber auch erst ein paar Stunden her, seit Peter die Uhr in den Vulkan geworfen hat.

Da erwarten wir wohl etwas zu viel, James Hook. Hinter niedergeschlagenen Lidern rolle ich mit den Augen.

„Dann holen wir uns also endlich zurück, was uns gehört!“, ruft Smee triumphierend. Wer könnte ihm seine Freude verübeln? Wir alle haben so lange auf diesen Tag gewartet. Die Ereignisse sollten mich wirklich fröhlicher stimmen.

Und doch tun sie es nicht.

„Ja, es herrscht gerade Ebbe. Das ist unsere einzige Chance, an den Schatz zu kommen. Wir werden in den Beibooten zu den Felsen rudern und die Höhle ausräumen. Bereite die Crew vor. Ich will fertig sein, bevor der Morgen anbricht.“

„Aye.“ Die Begeisterung steht Jack Smee ins Gesicht geschrieben. Er muss nicht wissen, dass wir keine einzige Dublone des Schatzes zum Feiern ausgeben werden, so wie wir es all diese gottverdammten Jahre geplant haben. Sobald der Frachtraum gefüllt ist, segeln wir weiter nach Norden. Diese Richtung bietet sich genauso an wie jede andere, um Angel zu suchen.

Oder vielleicht habe ich Jack ja auch unterschätzt und er weiß bereits, was ich vorhabe. Er empfiehlt sich mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen und bildet singend einen lustigen Reim auf das Wort London.

Es dauert nicht lange, da passieren wir die Meerjungfrauenlagune und steuern weiter aufs Meer hinaus. Vor uns tauchen am Horizont die spitzen Felsen auf, von denen Angel einst im Schlaf gesprochen hat. Sie ragen aus dem Wasser wie die verfaulten Zähne in Barnacle Breaths Mund. Da das Wasser vor der Küste hier viel seichter ist als sonst irgendwo um Nimmerland, besteht keine Chance für die Jolly Roger, weiter hinauszusegeln. Die Crew lässt den Anker hinab, solange wir uns noch im tieferen Wasser befinden, und bereitet unsere einzigen beiden Ruderboote für diese Nacht-und-Nebel-Aktion vor.

Im Schein der brennenden Fackeln nehmen die Ruderboote Kurs auf die kreisförmige Felsformation östlich von uns. In einem der Boote sitzt Smee, zusammen mit Fin und Walfischflosse. Brant Skyler, der lügende Wade Dawkins und Bulls Eye Ravi rudern das zweite. Aus der Ferne beobachte ich, wie sie am ersten Felsen anlanden und die steile Wand hinaufsteigen. Die Lichtkegel der kleinen orangen Fackelflammen bewegen sich erst in einer Reihe nach oben und wenig später wieder abwärts. Unter dem ersten Felsen befindet sich die Höhle also offenbar nicht.

Die Männer erklimmen drei weitere Felsen, bis endlich einer von ihnen seine Fackel im Kreis über seinem Kopf schwenkt. Das ist das Zeichen. Mein Herz beginnt wild zu schlagen. Sie haben die Schatzhöhle gefunden.

Bald verschwinden die kleinen Feuerpunkte von der Bildfläche, als die Männer in die Höhle klettern. Mein Mund ist trocken wie Kartoffel-Ralphs Kuchen. Mir bleibt nichts, als abzuwarten, bis die Crew mit der ersten Ladung des Schatzes zum Schiff zurückkehrt. Eine Stunde hat noch nie so lange gedauert.

Ich setze meinen Hut auf und hänge mir das schwarze Cape um die Schultern, dann warte ich an Deck auf die Männer. Als Smee die Strickleiter erklimmt und über die Reling an Bord springt, grinst er wie ein betrunkener Seemann in den Armen einer Maid. „Ich hab was für dich“, sagt er und wirft mir eine funkelnde Golddublone zu.

Fest schließe ich meine Finger darum und drücke sie an meine Brust. Endlich. „Ist schon einige Zeit her, mein süßer Schatz“, murmle ich leise. Dieses Goldstück verschwindet in meiner Tasche. Der Rest der Münzen und Edelsteine, die in Jutesäcken stecken, wird in den Frachtraum gebracht. Alle packen mit an. Ich ebenso. Das war allerdings nur etwa ein Drittel des gesamten Schatzes. Die Männer müssen noch mal ausrücken. Diesmal steige ich zu Smee ins Boot und helfe ihm beim Rudern, damit wir noch schneller bei der Höhle ankommen.

Die Felswand hinaufzusteigen ist mühsam. Doch sobald ich mich an dem Seil hinab in die Höhle lasse, das die Männer vorhin schon um einen großen Gesteinsbrocken gebunden haben, und mir der süße Duft von gehortetem Gold und Silber um die Nase weht, ist jede Anstrengung vergessen. Ich sinke auf der Spitze des höchsten Schatzhaufens auf die Knie und streife mit gespreizten Fingern durch die kühlen Münzen. Versenk mich, wie habe ich dieses Gefühl vermisst. Ein Lächeln zupft an meinen Mundwinkeln.

Der Boden der Höhle ist feucht und überall befinden sich kleine Salzwasserpfützen. Von draußen hört man, wie die Wellen gegen die Felswand peitschen. Im strahlenden Glanz des Goldes wandere ich herum und inspiziere jedes einzelne Stück meiner Beute. Ein lange vergessenes Gefühl von Habgier überkommt mich dabei. Schließlich landet mein Blick auf einer vereinsamten, offenen, kleinen Truhe, die auf dem harten Steinboden liegt. Meine Hand wandert nach oben zu meinem Brustbein, wo jahrelang der Schlüssel zu diesem Kästchen gelegen hat, mit nichts weiter bedeckt als dem Leinen meines Hemdes.

Ein Stich in meinem Herzen lässt mich die Zähne zusammenbeißen. Peter drängt sich gewaltsam zurück in meine Gedanken, und dabei ist es erst eine verdammte halbe Stunde her, dass ich den Rotzbengel daraus verdrängen konnte. Langsam sinke ich auf die Knie und hebe die kleine Truhe hoch. Während ich sanft über den Deckel streiche, bete ich leise darum, dass es meinem Bruder gut geht.

In riesigen Jutesäcken schaffen die Männer meinen Schatz nach oben durch die Falltür und verladen ihn auf den Booten. Als sie ablegen, um die nächste Ladung Gold zur Jolly Roger zu bringen, bleibe ich in der Höhle zurück. Ich setze mich auf eine schwere Holztruhe, die mit Diamanten und allerlei anderen Edelsteinen gefüllt ist, und lasse meinen Blick durch die feuchte Grotte schweifen. Bald schon wird nichts mehr von unserem Schatz hier sein. Bis auf die letzte Münze werden meine Männer die Beute von hier wegschaffen. Das Gold soll dorthin zurückkehren, wo es hingehört – in meinen Besitz.

Dieser Moment sollte mir alles bedeuten. Aber glücklich bin ich immer noch nicht. Es ist nicht nur der Verrat an Peter, der meine Freude trübt, sondern auch die Ungewissheit, ob ich Angel jemals wiedersehen werde. Der Zauber ist vorbei, die Pforten von Nimmerland sollten nun für mich offen stehen. Aber schaffe ich es nun endlich, nach London zu segeln? Bre’Shun will einen Regenbogen. Wie soll ich ihr nur einen beschaffen? Wofür sie ihn auch immer brauchen mag, ich habe eine üble Vorahnung, dass ich ihren Auftrag nicht ignorieren sollte oder möglicherweise auf meiner Reise zu Angel scheitern werde.

Trotzdem muss ich es versuchen.

Aus meiner Tasche hole ich die Golddublone, die mir Jack vorhin gegeben hat, und lasse sie über meine Fingerknöchel tanzen. „Kopf – ich finde sie. Zahl – ich finde sie nicht“, murmle ich dabei und werfe dann die Münze hoch. Sie dreht sich in der Luft und funkelt dabei im Schein der Fackel, ehe ich sie wieder auffange. Der Schall schneidet durch die ganze Höhle, als ich die Münze auf meinen Handrücken klatsche. Mit verbissenen Zähnen wünsche ich mir Kopf.

Langsam hebe ich die Hand und schiele darunter. „Gott verdammt!“

Wieder gleitet die Münze über meine Fingerknöchel, vor und zurück. Ich werfe sie noch einmal. „Sei Kopf!“ Schnell nehme ich die Hand weg und sehe nach.

Bei Davie Jones’ nassem Grab, das darf doch wohl nicht wahr sein! Mein finsteres Grollen rollt durch die Höhle.

Ich versuche es noch ein letztes Mal, allerdings mit geänderten Regeln. Kopf bedeutet, ich werde Angelina McFarland niemals finden, Zahl heißt, wir sehen uns schon bald wieder. Während sich die Münze ein drittes Mal in der Luft dreht, beiße ich mir fast die Lippe blutig. Ich fange sie und klatsche sie mir wieder auf den Handrücken. „Sei. Zahl.“ Ich ziehe meine Hand weg. „Verfluchter, kleiner Bastard!“

Mit aller Kraft schleudere ich die Dublone an die Wand, von wo sie abprallt und in einer Wasserpfütze landet. Die Augen zusammengekniffen, massiere ich die Stelle dazwischen. Ich werde trotzdem auf diese Reise gehen. Ich gebe Angel nicht auf. Niemals. Und schon gar nicht wegen einer gottverdammten Münze.

Stimmen dringen zu mir herab. Die Crew ist zurückgekehrt, um den letzten Rest des Schatzes zu bergen. Schnell reiße ich mich am Riemen und fasse mit an. Gemeinsam stopfen wir die Jutesäcke randvoll, bis kein einziges Steinchen mehr hineinpasst. Alles ist eingepackt und wird auf die Boote verladen. Nichts mehr funkelt in der Höhle. Das Einzige, was zurückbleibt, ist eine kleine, leere Truhe. Sie liegt einsam in der Ecke und wartet darauf, von Peter gefunden zu werden.

Von der Kralle in der Wand nehme ich die letzte Fackel, winde dann das Seil fest um meine Faust und lasse mich von den Männern nach oben durch die Öffnung ziehen. Sie schließen die Luke und legen die schweren Steine darauf, die sie offenbar zuvor versiegelt haben. Dann verlassen wir den Felsen und kehren zurück aufs Schiff.

Unter dem zusätzlichen Gewicht kommt die Jolly Roger ganz schön ins Schwitzen. Sie liegt nun mehrere Fuß tiefer im Wasser und wirkt wie eine gemächliche alte Dame, die eine nette Mahlzeit in ihrem fetten Bauch hat. Während Smee den Anker lichtet und wir Fahrt aufnehmen, stehe ich an der Reling und streiche sanft darüber. Die Kälte der Morgendämmerung kriecht mir den Nacken hoch.

Als ich mich umdrehe, um in mein Quartier zu gehen, pralle ich gegen eine Kreatur, deren Haar so weiß ist wie ihre Haut und deren Blick aus mystisch türkisgrünen Augen meine wie Lanzen durchbohrt. Die Kälte, die ich gerade verspürt habe, hatte also gar nichts mit dem frostigen Morgen zu tun. Es waren ihre Finger, mit denen sie mich im Nacken gekrault hat, die in mir dieses Frösteln ausgelöst haben. „Hallo James“, singt sie leise.

„Remona.“ Was für eine Überraschung, sie auf meinem Schiff zu finden – wenn nicht sogar ein Schock. „Wie bist du hierhergekommen?“

„Ich bin eine Fee. Was denkst du wohl?“ Lächelnd zuckt sie mit den Schultern. „Ich bin geschwommen.“

Ich ziehe nur eine Augenbraue hoch, ohne sie laut eine Lügnerin zu nennen, denn ihr milchig weißes Kleid, ihr Haar und ihre Haut sind trocken wie an einem warmen Sommertag. In diesem Moment jedoch ergießt sich ein Wasserschwall direkt aus ihrem … Körper? Das Wasser platscht an Deck und hinterlässt eine Fee, die vom Scheitel bis zu ihren nackten Füßen klatschnass ist.

„Siehst du?“ Remona grinst wie ein aufgewecktes kleines Mädchen, obwohl man von ihr sagt, dass sie älter sei als die Berge von Nimmerland.

„Na schön. Du bist also hierher geschwommen.“ Trotzdem glaube ich ihr kein Wort. „Was führt dich zu mir?“

„Bre hat mich geschickt. Sagte, ich soll dir die hier geben.“ Als sie ihre Hand ausstreckt, liegen darin drei weiße Bohnen.

Ich mustere sie mit schmalen Augen. „Was ist das?“

„Man nennt sie Sehnsuchtsbohnen.“

Die Erinnerung an ein Schild mit dieser Aufschrift im Garten der Feen kehrt zurück. Meine Lippen bleiben verschlossen, doch ich fordere sie mit leicht geneigtem Kopf auf, mir mehr darüber zu erzählen.

„Wenn du eine davon isst, wird sie dich in die richtige Richtung lenken.“

„Welche Richtung?“

„Keine Ahnung. Links, rechts, Nordnordwest …“ Ein freches Lächeln tritt auf ihre Lippen.

Warum hat Bre wohl ihre Schwester gesandt? Sie weiß doch genau, wie sehr diese Frau es liebt, Spielchen zu spielen und mit ihren kryptischen Aussagen die Leute zu verwirren – mehr noch als es für eine Fee sowieso schon üblich ist. „Ich meinte in die richtige Richtung wohin?“, brumme ich.

„Oh. Warum hast du das denn nicht gleich gesagt? Selbstverständlich werden sie dich zu Angelina McFarland bringen.“

Selbstverständlich.

„Es ist unser Geschenk an dich, dafür, dass du Nimmerland von diesem lästigen Fluch befreit hast. Sehnsuchtsbohnen wirken wie Magnete. Du denkst an etwas und sie führen dich dorthin. Ach ja, hier ist noch eine kleine Warnung: Wenn du die erste davon schluckst, denk lieber an Angelina und nicht an einen einäugigen Troll mit schlechtem Atem.“ Sie zieht eine üble Grimasse, die auf schlechte Erinnerungen schließen lässt. „Dann wirst du wissen, welchen Weg du nehmen musst.“

Ich greife nach den Bohnen und schließe meine Faust so fest darum, dass meine Handfläche zu schwitzen beginnt. „Du sagst also, wenn ich diese Bohnen esse, weiß ich, welchen Kurs wir nehmen müssen, richtig?“

„Richtig. Allerdings reicht es, wenn du für den Anfang nur eine schluckst. Die Wirkung lässt nach einem Tag nach.“

„Warum hat Bre mir dann drei geschickt?“

„Voraussicht.“ Remona zischt das Wort, als wäre es das Offensichtlichste der Welt und als ob ich – in ihren Augen – ein kompletter Vollidiot wäre. Dann nimmt ihr Tonfall diese markant müde Note an. „Vergiss den Regenbogen nicht, Captain.“ Sie stapft an mir vorbei und klettert unbeholfen auf die Reling. Mit einem ausgelassenen Quietschen macht sie einen wagemutigen Sprung nach vorn. Dabei rudert sie mit den Armen und Beinen und fällt mit dem Hintern voran in die Tiefe.

Entsetzt stürze ich an die Reling und lehne mich weit hinaus, um auf die Wellen hinab sehen zu können. Aber von dem verrückten Weib fehlt jede Spur. Sie ist einfach verschwunden, und das auch noch, bevor man das Platschen ihres Aufpralls auf dem Wasser hätte hören müssen. Ich schüttle nur noch den Kopf.

Die drei Bohnen liegen immer noch in meiner Hand. Einen Moment lang betrachte ich die kleinen weißen Dinger genauer, dann nehme ich eine und stecke sie in den Mund. Es ist an der Zeit, das Geschenk der Fee zu testen. Ich bin bereit, einen neuen Kurs zu setzen, und diese kleine Bohne könnte mir genau zeigen, welchen.

Mit geschlossenen Augen halte ich den Atem an, bis ich Angels Gesicht klar und deutlich vor mir sehe. In dieser Vision streife ich mit meinen Fingern durch ihr seidiges schwarzes Haar. Ich küsse ihren lieblichen Mund. Dann schlucke ich.

Die Bohne, so klein sie auch ist, scheint zu einer Größe anzuschwellen, die dazu führt, dass sie mir im Hals stecken bleibt und mir die Luft abschnürt. Durch verzweifeltes Husten gelingt es mir, die Bohne wieder herauszuwürgen und in meine Hand zu spucken. Da liegt sie, genauso zart und klein wie zuvor.

„Vielleicht solltest du sie zerkauen, anstatt sie einfach zu schlucken?“

Ich sehe mich um und entdecke Smee hinter mir, wie er gelassen an der Reling lehnt und gerade die Ärmel seines schwarzen Hemds nach oben rollt. Abgelenkt von Remonas Besuch habe ich gar nicht bemerkt, dass er offenbar schon die ganze Zeit hier gestanden hat. „Womöglich hast du Recht.“

Von neuer Hoffnung erfüllt stecke ich mir die Sehnsuchtsbohne zwischen die Zähne und beiße zu, wobei ich fest an Angel denke. Als die Bohne zerplatzt, explodiert ein saurer Apfelgeschmack in meinem Mund. Ich habe die Befürchtung, dass, wenn ich jetzt den Mund aufmachen würde, sofort ein Schwall von sauergrünem Speichel herausspritzen würde. Kleine Blasen zerplatzen überall – auf meiner Zunge, an meinem Gaumen, hinten in meinem Rachen. Es ist beinahe unmöglich, den prickelnden Schaum zu schlucken.

Sekundenlang mühe ich mich ab, und als es mir endlich gelingt, kann ich es nicht erwarten, dass der Zauber seinen Lauf nimmt. Gleich sollte ich auf magische Weise wissen, welchen Kurs wir nehmen müssen, um eine Stadt namens London in einer fremden Welt zu erreichen. Doch das einzige Gefühl, das mich überkommt, ist ein mörderischer Durst.

Ohne lange nachzudenken, laufe ich unter Deck, wo wir die Rumfässer lagern, und schnappe mir eine Flasche. Binnen weniger Sekunden habe ich die halbe Flasche leer getrunken. Der quälende Durst ist aber immer noch da. Vielleicht ist Rum ja nicht das richtige Getränk, um ihn zu löschen. Als Nächstes probiere ich es mit einem Krug Wasser. Das Brennen in meinem Hals geht aber trotzdem nicht weg. Im Gegenteil, es breitet sich bis in meine Brust und meinen Magen aus. Von der seltsamen Hitze wird mir übel.

Schwitzend stolpere ich zurück an Deck und reiße mir in der aufgehenden Sonne das Hemd vom Leib. Die Crew sieht mich an, als wäre der Teufel in mich gefahren. Vielleicht stimmt das ja sogar. Ich brauche dringend etwas, das mich abkühlt. Wasser! Oder Wind? Ja, Wind sollte helfen. In wilder Panik blicke ich um mich. Dabei fällt mir ein Ding ins Auge: das Krähennest.

Mit geübten Schritten und Handgriffen erklimme ich rasch das Netz hinauf zum höchsten Punkt des Hauptmasts. Hier oben füllen sich meine Lungen mit einem tiefen Atemzug. Aber ich bin immer noch nicht dort, wo ich sein möchte. Ich hebe den Kopf und blicke hoch zum verblassenden Mond, der gegenüber des Sonnenaufgangs immer noch am Himmel auszumachen ist. Natürlich ist es unmöglich, hinauf zum Mond zu fliegen – zumindest für einen Piraten. Doch der brodelnde Hitzesturm in meinem Körper zwingt mich, es dennoch zu versuchen. Meine Finger rutschen vom Netz.

„James!“

Smees scharfe Stimme zieht meine Aufmerksamkeit vom Himmel weg und hinunter aufs Schiffsdeck. Sein Gesicht spricht Bände. Bände des Horrors. Er legt seine Hände um den Mund und ruft: „Was um alles in der Welt hast du vor?“

Mein Blick schweift zwischen ihm und dem immer blasser werdenden Mond, der mich auf so seltsame Weise anzieht, hin und her. Ich umfasse das Seil wieder fester. Versenk mich, was hat mich nur geritten, dass ich dachte, ich könnte fliegen wie Pan?

Langsam klettere ich den Mast hinunter. In dem Moment, als meine Füße wieder den Boden berühren, legt mir Jack seine Hände auf die Schultern. „Beim Klabautermann, Käpt’n! Was sollte das denn eben?“

Ich habe keine Antwort für ihn, nur ein Schulterzucken.

„Hat das etwas mit der Bohne zu tun gehabt?“

Das ist möglich. Sogar sehr wahrscheinlich. „Ich hab in meinem Leben noch nie so einen Drang nach etwas verspürt.“ Aus meiner Tasche hole ich die beiden übrigen Bohnen und betrachte sie mit Skepsis. „Das ist Teufelszeug, da bin ich sicher.“

„Hast du jetzt zumindest eine Ahnung, in welche Richtung wir segeln müssen? Kennst du den Kurs?“

Ich hebe den Kopf und sehe meinem ersten Maat entschlossen in die Augen. „Hol den Anker ein, Smee. Lass die Männer die Segel setzen. Wir folgen dem Mond.“

 

Angelina

 

ÜBER MEINEN AUFSATZ zu Shakespeares König Lear gebeugt, werde ich von Lärm im Nebenzimmer abgelenkt und reibe mir die Augen. Paulina und Brittney Renae streiten sich wieder einmal um die neueste Haarspange aus dem Disney Magazin, das ich auf dem Heimweg von der Schule für sie gekauft habe. Es ist nicht leicht, sich bei dem Geschrei zu konzentrieren, besonders wenn eine Fünfjährige die andere gerade als hässliche Kröte bezeichnet. Dabei muss ich schmunzeln. Es werden wohl noch ein paar Jahre vergehen, bis die beiden begreifen, wie sehr so eine Beleidigung unter Zwillingen nach hinten losgeht. Mit dem Stift im Mund, auf dessen Ende ich schon seit fünf Minuten herumkaue, beuge ich mich wieder über meine Arbeit und versuche, den letzten Absatz endlich zu Ende zu schreiben.

Ein Tropfen fällt auf das Papier. Um genau zu sein auf die Worte: sein Herz. Die blaue Tinte verläuft.

Verwundert blicke ich nach oben zur Decke, um zu sehen, ob da etwas undicht ist. Aber da ist kein Anzeichen für ein Leck. Wäre auch seltsam in diesem vornehmen Haus. Aus meiner Schreibtischschublade hole ich ein Taschentuch und tupfe die nasse Stelle auf meinem Aufsatz trocken, damit ich weiterschreiben kann. Doch es dauert nur Sekunden, da tropft es wieder auf das Papier. Was um alles in der Welt –?

Ich wische mir mit der Hand über die Wange. Da ist eine nasse Spur. Überrascht lasse ich den Stift fallen. Warum heule ich denn? Mir geht es doch bestens.

Mein Blick schweift durch das Fenster über meinem Schreibtisch hinaus und ich genieße die warmen Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht. Es ist beinahe schon Ende März. Die Bäume treiben aus, Vögel zwitschern in den Zweigen, und von draußen dringt ein süßer Fliederduft durch meine offene Balkontür zu mir herein. Es gibt absolut keinen Grund, traurig zu sein oder gar zu weinen.

Vielleicht ist mir ja auch nur ein Staubkörnchen ins Auge geflogen. Ich schließe beide Augen und wische mir mit Daumen und Zeigefinger darüber bis zum Nasenrücken. Danach fallen keine Tränen mehr auf meinen Aufsatz. Aber nur eine Sekunde später läuft es mir eiskalt den Rücken runter. In meinem Kopf höre ich leise das Herz von jemandem schlagen. Und es ist nicht meins.

Entsetzt springe ich von meinem Stuhl auf und mache ein paar Schritte zurück, weg von meinem Schreibtisch. Mein Blick verharrt dabei auf der untersten Schublade auf der rechten Seite. Ich weiß, was da drin ist. Aber das kann doch gar nicht sein. Ein Glasherz fängt doch nicht einfach so an zu schlagen. Nicht wahr?

Für einen Moment drücke ich meine Handballen auf meine Augen und atme tief durch. Bestimmt sitze ich einfach schon zu lange über dieser Hausaufgabe. Eine Pause – das brauche ich jetzt. Doch das Pochen hört nicht auf und zieht mich unbeschreiblich an. Wie ein Fisch am Haken werde ich zurück zu meinem Schreibtisch gezogen.

Meine Finger zittern, und doch öffne ich die Schublade. Ganz hinten liegt das rote Herz aus Glas. Natürlich schlägt es nicht. In Wahrheit hat das Pochen in dem Moment aufgehört, als ich mich hingekniet und beschlossen habe nachzusehen.

Sehr. Sehr. Gruselig.

Mit einem Ruck schmettere ich die Schublade wieder zu, stehe auf und laufe aus meinem Zimmer im ersten Stock in den Flur. Da kommt auch gerade Brittney Renae schreiend aus ihrem Zimmer gestürmt. Ich fange sie auf, wirble sie herum, drücke sie an meine Brust und frage: „Was ist denn los, Feenknirps?“

„Die Kröte will meine Haarspange stehlen.“ Sie zieht einen Schmollmund und hält mir auf ihrer flachen kleinen Hand die Spange, auf der Schneewittchen abgebildet ist, unter die Nase.

Sekunden später stößt auch Paulina zu uns. Die Arme vor der Brust verschränkt und die Augen schmal, so tippt sie mit ihren Zehenspitzen ungeduldig auf den Boden. „Lass sie runter, Angel. Sie hat meine Haarspange. Ich will sie wiederhaben.“

Erstaunt über so viel Entschlossenheit bei einer Fünfjährigen, platze ich vor Lachen. Schließlich setze ich Brittney Renae aber doch auf den Boden. Ich nehme die Hände der beiden Mädchen und schlage ihnen vor: „Holt eure Mäntel. Wir kaufen ein zweites Heft, mit einer weiteren Spange.“

Wie Kerzen auf einem Geburtstagskuchen leuchten ihre Gesichter. Sie beeilen sich und schlüpfen in ihre identischen Alice-im-Wunderland-Schuhe und die dazu passenden roten Mäntel. Schnell rufe ich noch Miss Lynda, unserer Haushälterin, zu, dass ich mit den Mädchen einkaufen gehe, und ziehe die beiden hinter mir durch die Tür.

 

Peter Pan

 

ALLES TUT WEH. Stöhnend drehe ich mich auf den Rücken. Das Bett, in dem ich liege, ist wohl mein eigenes im Baumhaus. Zaghaft öffne ich die Augen. Vor mir verschwimmen die Farben. Licht und Schatten wechseln einander ab, bis mir schwindlig wird.

„Loney! Schnell, hol die anderen! Er wacht auf.“

„Tami?“, krächze ich wegen meines rauen Halses, als ich die Stimme der kleinen Elfe erkenne.

Ein kaltes, nasses Tuch wird auf meine Stirn gedrückt. „Oh Peter! Ja, ich bin’s. Wie fühlst du dich?“

„Als hätte mich ein Drache zum Frühstück verspeist und anschließend wieder ausgespuckt.“ Ohne großen Erfolg bemühe ich mich um einen klaren Blick und reibe mir dabei mit den Händen übers Gesicht. Etwas klebt an meinen Wangen und kratzt an den Handflächen, als ich drüber streiche. Bei Nimmerlands Regenbögen, was ist das?

„Ja, so siehst du auch aus. Peter, was geht hier nur vor?“

„Das fragst du mich?“ Ein stechender Schmerz schießt mir in den Rücken, als ich mich aufsetze, und ich schreie kurz auf. Er verschwindet schnell wieder, nur die Nachwirkungen rauben mir den Atem. Ich lehne mich nach vorn und lege meine Arme und meinen Kopf auf die aufgestellten Knie. „Warum tut mir denn alles so weh? Und wie bin ich überhaupt hierhergekommen?“ Das Letzte, woran ich mich erinnern kann, ist der Lauf von Hooks Pistole auf Augenhöhe. Daraufhin habe ich die Taschenuhr meines Vaters in den Vulkan geworfen. Alles, was danach passiert ist, ist ein einziges Wirrwarr an Farben und Geräuschen. Und unbeschreiblichen Schmerzen.

Verdammt noch mal, hat Hook auf mich geschossen?

„Du bist damals nicht von der Wildschweinjagt zurückgekehrt, also haben wir uns nach einiger Zeit aufgemacht, um dich zu suchen. Toby hat dich in der Nähe des Baumhauses gefunden. Du warst bewusstlos und schwer verletzt. Wir wussten nicht einmal, ob wir dich überhaupt anfassen sollten, aber wir konnten dich auch nicht einfach dort liegen lassen. Die Jungs haben dich dann nach Hause getragen.“

Langsam wird mein Blick etwas schärfer. Ich drehe meinen Kopf zur Seite und sehe in Tameekas elfenhaftes Gesicht. „Wie lange war ich denn ohnmächtig? Wie spät ist es?“

„Es ist schon beinahe Mittag.“ Sie schluckt schwer und ihr neuer Gesichtsausdruck erschreckt mich ein wenig. „Peter, du liegst hier schon seit dreiunddreißig Tagen.“

Mir gefriert das Blut in den Adern. „Und ich bin immer noch am Leben?“ Das erscheint mir unmöglich.

„Am Anfang haben wir versucht, dich mit Beerenmus zu füttern und dir schluckweise Wasser in den Mund zu gießen. Daran wärst du fast erstickt und wir hätten dich beinahe verloren. Danach haben wir dich nicht mehr gefüttert.“ Ihre kleine, zarte Elfenhand streichelt über meine Stirn und meine Wange. „Peter, wir haben uns solche Sorgen gemacht. Keiner wusste, ob oder wann du je wieder aufwachen würdest. Die Verlorenen Jungs und ich haben abwechselnd jede Minute des Tages über dich gewacht. Sie sind jetzt draußen auf der Jagd –“ Ihre Augen beginnen mit neuer Hoffnung zu funkeln. „Ach, sie werden alle so glücklich sein, wenn sie sehen, dass du endlich aufgewacht bist!“

„Was habe ich denn da im Gesicht?“, frage ich sie verunsichert und reibe mir dabei über die Wangen.

Ein langer Moment vergeht, bis Tami endlich antwortet. „Bartstoppeln.“

Was?“

„Er hat erst vor ein paar Tagen angefangen zu wachsen.“

An ihrem Blick kann ich ablesen, dass das noch nicht einmal das Schlimmste ist. „Was noch?“

Die Flügel der Elfe sinken hinter ihrem Rücken niedergeschlagen nach unten. „Du bist gewachsen. Etwa fünfzehn Zentimeter.“

Das ist doch nicht möglich. Kompletter Blödsinn! Ich werfe die Bettdecke zur Seite und schwinge die Beine aus dem Bett. Den Schmerz, der mir dabei durch alle Glieder fährt, ignoriere ich. Ich springe aus der Koje und lande auf wackligen Beinen unten auf dem Lehmboden. Als ich an mir hinunterblicke und erkenne, dass der Saum meines Hemds mehrere Zentimeter über meinen Bauch nach oben gewandert ist, weiß ich, dass Tami Recht hat. Ich bin gewachsen. Und ein Bart ist mir auch gewachsen. Was zur Hölle –?

Die kleine Elfe sinkt neben mir auf den Boden herab. Ihre Hände ringt sie nervös vor der Brust und flüstert: „Du wirst älter, Peter.“

„Nein!“ Das Wort bricht mit einem schmerzhaften Schrei aus meiner Kehle. „Das kann gar nicht sein!“

„Es passiert. Wir wissen nur nicht, wie das geschehen konnte.“

„Ich weiß es.“ Meine Stimme hat eine tödliche Ruhe angenommen. „Hook.“ Was auch immer diese Plage über mich gebracht hat, es muss etwas damit zu tun haben, dass ich die Uhr in den Vulkan geworfen und sie damit zerstört habe. „Er hat einen Weg gefunden, um die Zeit wieder zum Laufen zu bringen.“ Zähneknirschend ziehe ich mir das zu enge Hemd über den Kopf und werfe es in eine Ecke. „Aber ich bin Pan!“ Mit geballten Fäusten fliege ich durch den hohlen Baum nach oben und hinaus durch die Öffnung in der Krone. „Ich werde nicht erwachsen werden! Niemals!“

Der warme Wind weht mir auf meiner Hetzjagd durch den Himmel ins Gesicht. Zumindest funktioniert das Fliegen immer noch. Unter mir verschwimmt der Dschungel zu einem grünen See aus Bäumen und Büschen. In Richtung Norden flitze ich an der Meerjungfrauenlagune vorbei und eine Dreiviertelmeile weiter raus aufs Meer. Vor mir ragen die Felsen aus dem Wasser, unter denen die Schatzhöhle verborgen liegt. Die Wellen peitschen erbarmungslos gegen die Felswände.

Ich lande auf dem dritten Felsen von links und beginne sofort damit, die schweren Steine von der Luke zu räumen. Als ich erneut zupacke, quetsche ich mir einen Finger zwischen den Felsbrocken. „Autsch!“ Ich stecke mir den Finger in den Mund, bis der pulsierende Schmerz nachlässt. Dann spreize ich meine Finger vor meinen Augen und betrachte sie genauer.

Meine Hände sind viel größer als zuvor. Ebenso meine Füße. Es dauert eine Weile, bis ich mich daran gewöhnt habe und meine Bewegungen wieder richtig koordinieren kann. Hin und wieder stolpere ich sogar, und meine Fingerknöchel sind blutig und blau, bevor ich alle Steine aus dem Weg geschafft habe. Bei Gott, Hook wird dafür bezahlen. Das schwöre ich!

Als der Eingang endlich frei liegt, ziehe ich an dem Lederriemen und die hölzerne Bodenluke klappt auf. Der vertraute Duft von feuchtem Silber und Gold fehlt. Ich beuge mich nach unten, und da bleibt mir für einen Moment lang das Herz stehen. Ein schmaler Sonnenstrahl scheint durch die Luke in die Höhle. Sie ist leer.

Nun beginnt mein Herz zu rasen, als ob es die verlorenen Schläge wieder aufholen möchte. Ich fliege nach unten und lande in einer kleinen Wasserpfütze. Um mich herum ist nichts außer Gestein. Der Boden ist nass und leer. Nichts ist noch von meinem Schatz übrig. Nichts, außer der kleinen Kiste, in der so viele Jahre lang die Uhr meines Vaters versteckt war.

Mein Bruder hat mich verraten.

James hat mir den Schlüssel nur gegeben, damit ich die Uhr herausholen und sie ihm direkt in die Hände spielen konnte. Ich weiß nicht, wie er dieses Versteck gefunden hat, aber ich kann eins und eins zusammenzählen. Angel. Sie muss es ihm verraten haben, bevor sie Nimmerland verlassen hat. Und jetzt hat Hook alles, was er je wollte. Den Schatz – und die Genugtuung, mich erwachsen werden zu sehen.

Jeder einzelne Muskel in meinem Körper spannt sich schmerzhaft an. Ich beginne zu zittern, bis ich mitten in der Pfütze kraftlos auf meine Knie sinke. Ein seelenzerfetzender Schrei bricht aus meiner Kehle.

Hook, du elender Bastard! Dafür ramme ich dir ein Schwert durch dein eiskaltes Herz!“

 

***

Und hier gibt’s das vollständige Ende zu Angel’s Abenteuer mit Hook und Pan!

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